In einen klammen Herbst hinein …

Liebe Freunde,

mit der heutigen Post beende ich meine lange Sommerpause – die irgendwie keine war, denn auch im August und in der ersten Septemberhälfte habe ich mich immer mal wieder gemeldet und eine Erzählung, den Beginn einer Kriminalerzählung und ein Theaterstück veröffentlicht. Wenn ich die Statistik meines Blogs betrachte, durch die ich sehe, dass ihn trotz der 133 Follower höchstens ein bis zwei Personen täglich besuchen, frage ich mich allerdings, warum ich das getan habe. Das vollkommene Ignorieren meiner Literatur hat mir wieder deutlich gemacht, dass es mir einfach nicht gelingt, ein Publikum zu finden. Ich muss es mir eingestehen: Als Autor bin ich ein Versager. Offenbar gelingt es mir immer weniger, eine Leserschaft zu binden und Menschen anzusprechen. Ich habe während meiner „Sommerpause“ (trotz Verbilligung meiner E-Books auf 99 Cent) auch kein einziges Exemplar meiner Bücher verkauft; niemand hat meine Werke kritisiert oder rezensiert. Ich kriege sie nur los, wenn ich sie verschenke. Ob das an der mangelnden Qualität meiner Literatur liegt (im Moment zweifle ich stark an mir!) oder andere Gründe hat, sei dahin gestellt.

Auf jeden Fall mache ich weiter, denn der Traum in und mit und sogar von der Literatur zu leben, ist noch nicht zuende geträumt, auch wenn mir der Wind der Realität im Moment schon sehr streng ins Gesicht weht. So ignoriert zu werden, tut zwar höllisch weh, aber auf der anderen Seite kann ich dadurch tun und lassen, was ich will. Ich muss keine Erwartungen erfüllen und kann in meinem eigenen Arbeitstempo an den Texten arbeiten, die ich schreiben möchte – das ist eine Freiheit, die nur wenige Autoren kennen. Aber ein Traum …

„Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ – 4. Teil (Cover)

Ab Montag werde ich anfangen, an diesem Platz die „Beta-Version“ des 4. Romans der Geltsamer-Trilogie vorzuveröffentlichen, der In den Bücherkellern des Vatikans heißen wird und den ich für meine wenigen Leser (10? 15?) im Frühsommer 2019 als Buch und E-Book erscheinen lassen werde. In der nächsten Woche geht es an dieser Stelle auch mit Die Wahrheit über Jürgen weiter, meinem Künstlerroman, der noch in diesem Jahr vollendet sein wird und im Buchhandel zu finden ist.

„Die Wahrheit über Jürgen“ – Ein Künstlerroman

Und dann steht da noch die Fortsetzung meines Fantasy-Debakels  Der Weg, der in den Tag führt an, das eigentlich überhaupt keine Leser gefunden hat. Im Moment ist es für mich ein Kampf, am 2. Teil weiterzuschreiben. Ja, ich bin ordentlich frustriert und waidwund. Ein Verriss oder eine schlechte Kritik wäre kein Problem für mich – aber so die kalte Schulter gezeigt zu bekommen, das ist grausam.

„Der Weg, der in den Tag führt“ – Band 2: Pardais – Fantasyroman

Also, genug geklagt. Ich mache dann mal weiter …

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Das schwarze Urteil (Teil 6) – Kriminalerzählung

Kalvin gehorchte und lächelte flüchtig. Er wusste jetzt sicher, dass der Anrufer vor ihm stand, er hatte ihn nicht an der Stim­me, sondern an seiner Eigenart, wie er „ausgezeichnet“ sagte, erkannt. „Also zwei Entführer“, dachte er.

Dann geschah etwas, mit dem Kalvin nicht gerechnet hatte. Der Mann senkte etwas die Waffe und trat auf ihn zu. Dadurch verließ er den Schatten der Anonymität. Das Licht der Scheinwerfer fiel scharf in sein Gesicht. Kalvin hatte sich anhand der Stimme nicht verschätzt: Der Mann war höchstens drei­ßig, wahrscheinlich jünger. Er war außeror­dentlich mager, das glattrasierte Gesicht unter dem kurzen Stoppelschnitt hager, ausgezehrt, vergeistigt. Die Wangenkno­chen traten hart hervor und gaben ihm ein osteuropäisches Aussehen. Ein Russe? Um die Mundwinkel lag die boshafte Ironie, die seine Stimme verraten hatte. Erschreckend waren die Au­gen: Hell und grau standen sie in eigenarti­gem Gegensatz zum schwarzen Haar; sie waren forschend, kalt und aggressiv, sie verfolgten hartnäckig Kalvins Blick. Seine Angst wuchs wieder, denn der blei­che Entführer hatte etwas nicht fassbar Unheimliches, eine fanatische und men­schenverachtende Überlegenheit. Der Ver­gleich mit einem Raubtier drängte sich auf. Nein, dieser Mann war sicher keiner seiner Studenten, er wäre Kalvin auch im über­füllten Erstsemester aufgefallen.

„Kann ich Elisabeth sprechen? Geht es ihr gut?“, fragte er kraftlos. Seine Augen rutsch­ten zur Seite. Er konnte den Blick des Ent­führers nicht mehr ertragen. Der Mann nickte, als finde er etwas bestätigt.

„Es geht ihr gut“, erwiderte er zögernd. Di­rekt vor Kalvin stehend verließ ihn erstaun­licherweise seine Redegewandtheit.

„Wieviel Geld wollen Sie?“ In Kalvins Rü­cken lachte die Frau kurz auf, doch der Mann verzog keine Miene.

„Wir wollen kein Geld von Ihnen.“

„Aber warum haben Sie dann Eli entführt? Was wollen Sie denn von uns?“

„Wir wollten sicher gehen, dass Sie zur Ur­teilsverkündung erscheinen werden, Dr. Kalvin. Ihre Freundin ist nur unser Faust­pfand.“ Kalvin sah überrascht auf und wurde er­neut von dem Blick des Entführers gefes­selt. Jetzt war er sicher: In diesen Augen war Hass. Woher kam er? Er war dem Mann noch nie begegnet. Eine Erscheinung wie die seine vergaß man nicht.

„Von welchem Urteil reden Sie denn? Was ist das für ein Spiel, das Sie mit mir trei­ben?“ Sein Gegenüber trat einen zornigen und überraschenden Schritt näher, beugte sich nahe zu Kalvin herab. Einer der Mundwin­kel zitterte hektisch.

„Das wissen Sie nicht?“, fuhr er Kalvin an. „Sie behaupten … Sie sind hierher in diese Fa­brik gekommen und wissen …“ Er verstummte plötzlich, sah in das ratlose Gesicht seines Gegenübers und begann, langsam zu nicken. Er richtete sich wieder auf. „Er weiß es tatsächlich nicht“, sagte er über Kalvins Schulter hinweg. Er lachte kurz und freudlos, dann rieb er sich mit seiner freien Hand über die Augen. „Ausgezeichnet, dann hören Sie jetzt gut zu: Ich werde mich kurzfassen.“ Er stellte sich breitbeinig in Position, als wolle er eine bedeutende Rede halten. Was er in ernster, getragener Stimme verkündete, war auch gewichtig genug. Zu Kalvins Füßen tat sich ein Abgrund auf.

„Dr. Werner Kalvin; die Jury hat in Ihrer Abwesenheit zu einem Urteil gefunden und meine Aufgabe als Sprecher und Vollstre­cker des Gerichts ist es, Sie heute vom Ur­teil in Kenntnis zu setzen.“ Er machte eine Kunstpause, während Kalvin verständnis­los den Kopf schüttelte. „Dr. Kalvin, aufgrund jener ungeheuerli­chen Vergehen gegen die Menschlichkeit, für die wir sie verantwortlich machen, hat die Jury nach längerer Debatte einstimmig das Todesurteil gesprochen. Ich werde den Spruch der Jury auf die Stunde genau heu­te in einer Woche vollstrecken. Ich füge hin­zu: Es ist mir eine außerordentliche Genug­tuung.“ Kalvin wollte auffahren, doch die Frau in seinem Rücken drückte ihn zurück in den Stuhl.

„Was ist das für ein unglaublicher Un­sinn?“ keuchte er. „Was wollen Sie denn von mir und Eli?“ Der Entführer hob statt einer Antwort die Pistole und drückte den Lauf auf Kalvins Stirn. Kalvin wich alles Blut aus dem Kopf und er schluckte krampfhaft gegen eine aufsteigende Übelkeit an.

„Sie werden sterben, Dr. Kalvin“, sagte sein Gegenüber ruhig. „Sie haben noch sieben Tage, dann werde ich Sie exekutieren. Keine Macht der Welt kann mich davon abhal­ten.“

„Warum wollen Sie das tun? Was habe ich Ihnen denn je angetan? Ich kenne Sie nicht einmal“, stieß Kalvin atemlos hervor.

„Da Sie den Grund im Moment tatsächlich nicht zu kennen scheinen und die Jury die­sen Fall vorhersah, bleibt Ihnen diese eine Woche Frist. Nutzen Sie die Zeit gut. Kom­men Sie dann am nächsten Donnerstag wieder um neun Uhr hier in diese Halle, da­mit ich das Urteil vollstrecken kann …“ Kalvin lachte auf. Das klang wie ein Arzt­termin.

„Sie sind ja verrückt. Nichts dergleichen werde ich tun! Ich werde zur Polizei gehen und die wird diesem Mummenschanz ein Ende bereiten.“ Sein Gegenüber lächelte kurz und überle­gen und senkte die Waffe. Als er sprach, schwang in seiner Stimme sein unterdrück­ter Hass deutlich mit.

„Sollten Sie nicht pünktlich zur Hinrich­tung erscheinen oder die Polizei einbezie­hen, werden wir an Ihrer statt das Liebste töten, das Sie haben. Das gilt als Ersatzur­teil, falls Sie sich dem Vollzug entziehen. Aus diesem Grund ist Ihre Freundin in un­serer Gewalt. Wir hoffen allerdings, dass Sie lieber selbst sterben, bevor Sie sie op­fern. Falls Sie aber tatsächlich noch glau­ben sollten, wir meinten es nicht ernst, werden Sie sich in einer Woche vom Gegen­teil überzeugen müssen.“ Kalvin hatte tausend Dinge, die er erwidern wollte, aber er war unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Er würgte, aber er fand nicht die Erleichterung, sich zu übergeben. Er konnte nicht fassen, in welch einen Alp­traum er geraten war. Der Entführer drehte sich langsam zur Seite, dann wandte er sich plötzlich herum, trat auf Kalvin zu und gab ihm aus der Drehung heraus mit dem Handrücken eine harte Ohrfeige, die Kalvin fast vom Stuhl warf. Er sah auf, zu dem Mann, der ihn geschlagen hatte. Obwohl seine Backe sofort rot anlief und aus seiner Nase ein dunkler Blutfaden rann, hatte er kaum Schmerzen. Er starrte den Entführer an, sah den Hass und wusste im gleichen Moment, dass er tatsächlich wehrlos vor seinem Henker saß. Aber was hatte er ihm getan? Der Mann trat an Kalvin vorbei, stellte sich hinter ihn, packte einer seiner Schultern und beugte sich zu seinem Ohr. „Ich werde Sie töten“, flüsterte er, „Sie wer­den für die Verbrechen sühnen; Sie oder eben Ihre Freundin.“ Aufdringlich nah war nun die Stimme und Kalvin rückte angeekelt den Kopf zur Seite. „… eine Woche, ich werde auf Sie warten.“ Die Lichter verloschen, man nahm Kalvin die Handschellen ab. Währenddessen blieb die Hand des Entführers schwer auf seiner Schulter lasten. „Ich rate Ihnen gut, noch sitzen zu bleiben, bis wir gegangen sind. Zählen Sie am Bes­ten bis fünfhundert.“

Der Ratschlag war sinnlos, da Kalvin im Moment unfähig war, sich überhaupt zu bewegen. Wie besinnungslos saß er auf dem Stuhl. Schritte verklangen, dann schabte Metall auf dem Zementfußboden. Kalvin sank langsam in sich zusammen. Ein lichter Moment hatte ihm die Wahrheit gezeigt, er hatte sie in den Augen des Ent­führers gelesen. Dieser Mann würde ihn oder seine Freundin für ein Verbrechen tö­ten, von dem er nicht wusste, welches es war und ob er es überhaupt begangen hat­te. Kalvin hatte die Augen des Mannes ge­sehen, sie waren voller abgrundtiefem Hass und unversöhnlich. Kalvin barg das Gesicht in den Händen. Er brauchte Hilfe, dringend.

Wie ich schon sagte, habe ich noch ein weiteres Kapitel der Geschichte in alten Notizheft gefunden. Ich könnte es übertragen, überarbeiten und in den Blog stellen. Zudem habe ich einen ausführlichen Handlungsabriss geschrieben, der die Erzählung zu einem überraschenden Ende führt, das ich bei mir selbst, bei meinem noch nie veröffentlichten ersten Theaterstück „67“, geklaut habe und auf der Dürrenmattschen These beruht, dass eine Geschichte erst dann zuende gedacht ist, wenn sie ihre schlimmste Wendung genommen hat.  Es dürfte inzwischen auch klar sein, dass Werner Kalvin beiweitem nicht so unschuldig ist, wie er am Anfang wirkt.  „Das schwarze Urteil“ spielt übrigens unverkennbar in Augsburg und könnte mit leichten Veränderungen Teil meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus werden. Wenn …, ja, wenn …

Doch ich frage mich, ob sich der Aufwand lohnt. Liest so etwas jemand? Betrachte ich die Zugriffsstatistik auf „Aber ein Traum“ in der letzten Woche, dann wohl doch eher nicht. Aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen. Falls es also – die Hoffnung stirbt zuletzt – den einen oder anderen Leser geben sollte, der an einer Fortsetzung der Geschichte interessiert sein sollte, würde ich mich über einen Kommentar freuen.

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Das schwarze Urteil (Teil 5) – Kriminalerzählung

Kalvin setzte sich wieder in seinen Sessel. Seine Hand mit dem Foto zitterte; jetzt erst kam der Schock. Während er die unbe­wussten Reflexe seines Körpers beobachte­te, suchte er sich zu beruhigen. Diese Sache allerdings wuchs ihm allerdings bereits jetzt über den Kopf. Kalvin sehnte sich da­nach, jemanden ins Vertrauen zu ziehen, der ihm helfen könnte. So sehr er auch in seiner Erinnerung wühlte: Niemand fiel ihm ein. Schon lange nicht mehr war ihm in den Sinn gekommen, wie einsam es in den letzten Jahren um ihn herum geworden, wie alleine er war. Die Be­ziehung zu Eli hatte ihn davon abgelenkt. Mit dem Unfalltod von Barbara, seiner Frau, hat­ten auch die meisten Freundschaften geen­det, weil er sich in seinem Schmerz in ein Schneckenhaus zurückgezogen und Annäherungsversuche fast panisch von sich gewiesen hatte. Die längste und engste Freundschaft zu seinem ehemaligen Studi­enfreund Klaus Bilde hatte vor drei Jahren ihr Ende gefunden, als Kalvin der Berufung an die Uni gefolgt war und dafür seine Arbeit in der Wirtschaft aufgab und sich von Klaus aus der gemeinsamen Beratungsfirma auszahlen ließ. Er dachte nicht gern daran, es war eine unangenehme Erin­nerung, denn das Ganze hatte mit einem Streit geendet. Zu den Professoren und Dozenten war er von Anfang an auf Abstand gegangen. Ihre Art zu leben entsprach nicht der sei­nen. Nein, er wusste niemanden, der ihm im Moment beistehen konnte. Er hatte die Si­tuation allein zu meistern und jetzt blieb Kalvin nichts anderes übrig, als abzuwar­ten.

Kalvin kam am Pförtnerhaus neben dem breiten, mit eisernen Ketten verschlossenen Osttor der ehemaligen Maschinenfabrik um dreiviertel neun Uhr an. Von der Bushaltestelle einige Parallel­straßen entfernt war es ein Fußweg von nur fünf Minuten gewesen. Er war nicht mit dem Auto gefahren, weil er während der Wartezeit den restlichen Rotwein aus der Flasche, die ihm normalerweise eine ganze Woche reichte, getrunken hatte. Der verfallene Gebäude­komplex lag inmitten eines alten Industrie­gebiets und zu dieser Tageszeit war kaum jemand  unterwegs. Die Rubensstraße lag völlig still vor ihm und sie war eine der am wenigsten vertrauenerwe­ckenden Straßen des Viertels. Auf der Seite, auf der Kalvin stand, zog sich schier endlos eine kahle Ziegelsteinmauer hin, die das alte Wessingsche In­dustrieareal umgrenzte. Nur wenige, trübe flackernde Lampen erhellten sie unzurei­chend. Gegenüber lag ein vollkom­men in Schwärze getauchter, ungepflegter Park. Kalvin spähte angestrengt durch die rosti­gen Gitterstäbe des Tores und versuchte dahinter in der verwaschenen Düsternis zwischen den heruntergekommenen Gebäudeleichen et­was zu erkennen.

„Ein geschickt ausgewählter Treffpunkt“, dachte er, „das muss man dem Kerl lassen. Unübersichtlich, abgelegen, ein­sam; geeignet, einen verängstigten Men­schen noch mehr einzuschüchtern.“ Doch darauf würde er nicht reinfallen, mit solch billigen Tricks war er nicht zu fangen. Zudem konnte er die ganze Entführung noch immer nicht ganz ernst nehmen, viel zu surreal erschien ihm diese Situation. Kalvin versuchte die Klinke. Das Tor war versperrt, zusätzlich mit dem Ketten­schloss gesichert. Er pfiff leise durch die Zähne. Stellten sich diese Entführer etwa vor, er würde über die Mauer klettern? Er sah sich um und entdeckte an dem kleinen Pförtnerhaus an der Seite eine hölzerne Tür. Sie ließ sich ohne Probleme öffnen. Kalvin griff in seine große Manteltasche und holte eine Stablampe hervor, die er von Zuhause mit­genommen hatte, weil er nicht wie ein blin­der Hase in den Fabrikhallen umherirren wollte. Dann stieß er mit zwei Fingern seiner behandschuhten Rechten die Tür an, die ohne Geräusch nach innen schwang. Mit dem kalten Lichtkegel der Lampe aufmerksam den Bo­den vor sich prüfend, trat er vorsichtig hinein. Glasscherben knirschten unter seinen Schritten. Er ließ sein Licht wan­dern. Bis auf einen verrosteten und verbo­genen Stahlstuhl in der Ecke und einigem Unrat war das Häuschen leer. Den Ausgang auf das Fabrikgelände bildete eine halb aus den Angel gerissene Glastür, die längst nur noch aus ihrem Holzgerüst und ein paar im Rahmen steckenden Scherben bestand. Dennoch musste Kalvin einige Kraft auf­wenden, um den Durchgang für sich frei zu machen. Hier war vor ihm schon lange nie­mand mehr durchgegangen. Wenn die Ent­führer nicht nach ihm kamen – was er für wenig wahrscheinlich hielt -, bedeutete es, dass es noch einen zweiten Durchgang zu dem abgesperrten Areal geben musste.

Kalvin stand nun auf einem gepflasterten Weg, zwischen dessen Steinen hohe Gras­büschel wuchsen, die im Schein der Lampe karg und winterbleich wirkten. Der Weg führte auf ein hohes Gebäude zu, wohl den ehemaligen Verwaltungstrakt. Links und rechts standen langgezogene Fabrikhallen. Kalvin lauschte. Nur das ferne Summen der Autobahn und sein eigener, unruhiger Atem drangen ihm zu Ohren. Eine taube Stille lag über den alten Industrieanlagen und die Gänsehaut, die sich kurz in seinem Nacken bildete, kam nicht von der Kälte der Februarnacht, die hier draußen viel frostiger als in der Stadt in der Luft hing. Den Anweisungen folgend wandte sich Kalvin nach links zu einem vermutlich nur ebenerdigen Gebäude im Ziehharmonika­stil. Dere Personendurchlass in dem hohen Eingangstor stand offen. Damit war es sicher: Er wurde erwartet. Für einen Moment verharrte Kalvin unsicher. Seine Erregung nahm zu und drückte ihm stark auf die Blase. Er kämpfte mit dem Drang, sich noch Erleichterung zu schaffen und verwarf ihn. Dann überwand er sich und betrat die Halle. Dass Licht in seiner Hand zitterte unruhig. Das Gebäude bestand nur aus einem einzi­gen, großen Saal unter einer hohen, von Säulen getragenen Decke. Kalvins Stablam­pe reichte längst nicht aus, die leere Halle auszuleuchten. In regelmäßigen Abständen waren Rinnen und große Schrauben im Bo­den verankert; die übriggebliebenen Spuren und Ver­ankerungen von längst fortgeschafften Ma­schinen. Er stolperte über eines der aus dem Zement ragenden Eisenstücke. Vor­sichtig ging er weiter zu der Stelle, an der er die Mitte der Halle vermutete, dabei spähte er aufmerksam nach beiden Seiten, ohne eine Person zu Gesicht zu bekommen.

Er blieb stehen und wollte sich durch ei­nen Ruf bemerkbar machen. Da hörte er hinter sich ein Geräusch. Die Tür fiel zu und das Tor dröhnte blechern. Kalvin wandte sich herum um und schloss geblendet die Augen. Zwei helle Scheinwerfer leuchteten ihm direkt ins Gesicht. Sie standen links und rechts der Eingangstür und waren ihm eben in der Dunkelheit entgangen. Nach ihrer extremen Lichtausbeute zu urteilen, muss­ten sie zu einer Foto- oder Filmausrüstung gehören. Kalvin hob schützend eine Hand und konnte blinzelnd eine Gestalt ausma­chen, die sich zwischen den Lichtern nä­herte. Er steckte seine nutzlos gewordene Lampe in die Tasche, hielt sie aber weiter­hin umklammert, um sie im Notfall als Schlagwaffe benutzen zu können. Ungedul­dig wartete er auf das langsame, fast provo­kative Näherschlendern der Gestalt, von der er, obwohl er sich an die Helligkeit gewöhn­te, im grellen Gegenlicht nur den Schatten­riss wahrnehmen konnte. Trotzdem war zu erkennen, dass es ein Mann war und er in seiner Rechten eine Pistole trug. Sie hing zwar mit seinem Arm an seiner Seite herab, aber Kalvins Herz machte bei ihrem Anblick einen erschreckten, zitternden Schlag. Vielleicht zehn Schritte vor ihm blieb der Mann stehen, dann hob er lässig seine Waf­fe und zielte auf Kalvin. Kalvin spürte ein bohrendes Ziehen über der Nasenwurzel und zog den Kopf ein. Instinktiv sah er sich nach einem Versteck um. Es gab keines in seiner Nähe; er war dem Gegenüber ausge­liefert. Zudem war der Kerl wahr­scheinlich nicht allein.

„Nehmen Sie die Hände hoch, Dr. Kalvin“, hörte er die Stimme des Mannes und ge­horchte sofort. Im gleichen Augenblick be­gann jemand, ihn von hinten abzutasten. „Sehen Sie sich nicht um.“ Kalvin ließ die aufmerksame Untersuchung schweigend über sich ergehen, während er versuchte, die Gesichtszüge seines Gegen­übers zu erkennen. Die Person hinter ihm nahm seine Lampe aus der Manteltasche und ließ sie unachtsam zu Boden fallen, dann fuhren die tastenden Hände seine Hose empor unter den Mantel. Kalvin zuckte zusammen: Das war eine Frau, die ihn untersuchte, er war sich ganz sicher. Für einen Moment kam ihm eine schmerzende, weil schreckliche Gedanken­verbindung, doch er wagte nicht, gegen den Befehl den Kopf zu wenden und nachzuse­hen, ob es vielleicht Eli war.

„Er ist sauber“, sagte nahe an seinem Ohr eine weibliche Stimme. Sie klang nicht nach sei­ner Freundin; er hätte ihre Stimme, obwohl sie verstellt war, mit Sicherheit erkannt.

„Gut“, dachte er, „es sind also zwei Entfüh­rer, möglicherweise auch drei, ein oder zwei Männer, eine Frau, alle, nach den Stimmen zu urtei­len, jung, noch keine dreißig.“ Sein Ver­dacht, es wären Studenten von ihm, erhär­tete sich. Die Frau forderte ihn auf, die Hände auf dem Rücken zu verkreuzen. Kalvin ge­horchte und er spürte das kalte Metall der Handschellen, die sie ihm anlegte. Die bei­den wollten anscheinend keinerlei Risiko eingehen. Warum legten sie so viel Vorsicht an den Tag? Fürchteten sie ihn denn?

„Setzen Sie sich“, sagte der Mann, der noch immer mit der Pistole nach ihm zielte. Kal­vin bemerkt einen Stuhl, der ihm von hin­ten gegen die Kniekehlen geschoben wurde. Er nahm Platz. „Ausgezeichnet. Jetzt schlagen Sie bitte die Bei­ne übereinander.“

[Zum 6. Teil …]

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Das schwarze Urteil (Teil 4) – Kriminalerzählung

Kalvin kam erst gegen fünf Uhr nach Hau­se. Es wurde bereits dunkel. Einer der Pro­fessoren ging in Pension und er hatte an diesem Nachmittag mit einem kleinen Fest seinen Abschied gefeiert. Die ganze Angele­genheit war etwas langweilig gewesen, da Kalvin kaum Kontakt zu den Kollegen hat­te, hatte ihn aber von seiner ärgerlichen Auseinandersetzung mit Eli abgelenkt. Sein Kopf war vom Sekt und den Trinksprüchen schwer, aber er fuhr trotzdem mit dem Auto heim. Kalvin wohnte in der Innenstadt in einem gut renovierten Jugendstilhaus. Die Fünf­zimmer-Eigentumswohnung mit den ungewöhnlich ho­hen Decken war zwar für eine Person zu groß – er hatte sie gekauft, als seine Frau noch lebte -, aber er hing an ihr und wollte sich nicht von ihr trennen. Außerdem hatte er sich dadurch seinen Traum von einem großen Billardzimmer erfüllen kön­nen. Er ging die hölzerne, durch viele Füße aus­getretene Treppe hinauf, war müde und jetzt doch froh, den Abend allein verbringen zu können. Er hatte Schwierigkeiten, mit dem Haustürschlüssel in das Schloss zu finden. Offensichtlich hatte er mehr getrunken, als ihm bewusst war. Kalvin war noch mit dem Schloss beschäf­tigt, da hörte er sein Telefon durch die noch ver­schlossene Tür läuten. Da er Elis An­ruf erwartete, beeilte er sich und fand sich dadurch noch weniger zurecht. Zudem ver­losch das Ganglicht. Endlich stürzte er in seine Wohnung und griff nach dem Telefon, war aber zu spät dran. Wütend warf er das Gerät zur Seite. Er überlegte, ob er sie zu­rückrufen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Er hatte mit dem Streit nicht an­gefangen, sollte doch Eli den ersten Schritt machen. Er selbst konnte warten. Er zog sich um und hängte seinen hell­braunen Anzug weit hinten in den Schrank, gewillt, ihn bis zum Beginn des Sommerse­mesters dort zu belassen. Er hasste die stu­pide Kleiderordnung der Uni, die ihn daran hinderte, seine Arbeit in bequemer Klei­dung zu machen. Dann aß er eine Kleinig­keit, setzte sich mit mit einem Glas Rotwein und einem Buch, in dem er nicht las, ins Wohnzimmer und wartete auf Elis Anruf, der auf sich warten ließ.

Als das Telefon schließlich erneut läutete, schreckte Kalvin aus einem Halbschlaf. Er hob die Hand zum Gerät, ließ es aber dreimal klin­geln, bis er abhob. Es sollte nicht so ausse­hen, als würde er auf den Anruf warten. Zu seiner Überraschung meldete sich am anderen Ende der Leitung nicht seine Freundin. Eine etwas verschnupft klingende Männerstimme fragte:

„Werner Kalvin am Apparat?“ Kalvin zog ärgerlich die Mundwinkel nach unten. Das klang nach irgendeinem Werbeanruf.

„Ja. Und mit wem spreche ich?“ Eine Pause entstand. Kalvin fragte nach und wollte schon auflegen, doch da wurde ihm endlich geantwortet.

„Ausgezeichnet. Der Name ist noch nicht wichtig. Hören Sie jetzt gut zu, Dr. Kalvin, ich werde mich nicht wiederholen: Wir ha­ben Ihre Freundin in unserer Gewalt.“ Kalvin schwieg, denn er benötigte eine ge­raume Weile, um seine bleierne Müdigkeit zu überwinden und zu begreifen, was die ihm unbekannte Stimme in fast heiterem Gesprächston gesagt hatte. Aber selbst dann weigerte er sich noch, es wahrzuha­ben. Stotternd fragte er nach, aber der An­rufer machte seine Drohung wahr und sprach unbeirrt weiter: „Im Moment geht es ihr gut, aber das kann sich schnell ändern. Es ist allein von Ihrem Verhalten abhängig. Ich werde Ihnen jetzt einige Anweisungen geben, die Sie nicht zu­letzt im Interesse Ihrer Freundin peinlich genau befolgen sollten.“ Kalvin fasste sich an den Kopf. Warum musste er ausgerechnet heute so einen schweren Schädel haben; weshalb hatte er nur so viel getrunken? Was geschah mit ihm? Niemand konnte im Ernst Eli entführt haben, das war lächerlich. Es konnte sich nur um einen äußerst makaberen Scherz handeln!

„Ist das eine … eine Art von Entführung?,“ fragte er dumm. „Wenn … Kann ich Elisabeth sprechen?“

„Für einen Informatiker denken Sie ungewöhnlich langsam.“ Der süffisante Un­terton in der Stimme des Anrufers verstärk­te sich. „Es ist im Augenblick nicht möglich, dass Sie Ihre Freun­din sprechen. Sie ist nicht hier und das ist auch nicht vorgesehen. Haben Sie Papier und Bleistift bei der Hand? Ich werde auch unsere Anweisungen nicht wie­derholen.“

„Ich habe ein gutes Gedächtnis.“

„Ausgezeichnet. Sie werden sich heute um genau einundzwanzig Uhr mit uns treffen. Der Ort wird die stillgelegte Fabrikanlage der Wessing-Stahlbau sein. Sie wissen ja si­cher, wo das ist?“ Die Frage klang wie eine Feststellung.

„Ja.“

„Ausgezeichnet. Sie gehen durch das Ost­tor in der Rubensstraße und betreten dann die erste Halle zu Ihrer Linken. Dort werden Sie erwartet und neue Anweisungen erhal­ten. Sich mit der Polizei in Verbindung zu setzen, wäre dumm. Wir haben Sie unter genauer Beobachtung und halten Ihre Freundin selbstverständlich an einem an­deren Ort in Gewahrsam.“

„Wollen Sie Geld? Ich kann bis neun Uhr nichts flüssig machen.“

„Sie haben Ihre Anweisungen, richten Sie sich nach ihnen. Am Treffpunkt erfahren Sie alles weitere, Dr. Kalvin.“

„Wird dann Elisabeth dort sein?“, fragte Kalvin eilig, doch der Entführer hatte be­reits aufgelegt. Er war für eine geraume Weile unfähig, das Telefon aus der Hand zu legen. Krampfhaft umklammerte er das harte Plastik und starrte ins Leere. Seine Gedanken rasten, aber er konnte keinen fassen. Er war unfä­hig, zu entscheiden, was er als nächstes tun sollte.

„Es kann nur ein Scherz sein, ein Studen­tenulk“, dachte er, als er Elis Nummer wählte. „Ein paar von den Erstsemestern haben irgendwie von unserem Verhältnis erfahren. Sicher wollen sie auf diese Art an die Prüfungsaufgaben.“ Das war nur eine Theorie,  aber die beste für den Moment. Für sie sprach die junge Stimme des Anru­fers, der sich gewählt und fast spöttisch ausgedrückt und eine Vorliebe für das Wort „ausgezeichnet“ hatte. Es läutete dreimal bei Eli, dann hörte er ihre Stimme, die sich allerdings nach der ersten Erleichterung als die Tonbandkon­serve ihres Anrufbeantworters erwies. Nach dem Piepsen sprach er die Mitteilung auf Band, dass er sie dringend zu sprechen wünsche. Noch immer konnte Kalvin sich nicht vorstellen, dass sie tatsächlich entführt worden war. Noch war er Meinung, sie hatte nur kurz die Wohnung verlassen oder war aus einem anderen Grund nicht ans Telefon ge­gangen. Was sollte er als nächstes tun? Er sah auf die Uhr. Es war kurz vor sieben. Sollte er vielleicht Elis Eltern anrufen? Dieser Schritt schien ihm übereilt, denn Eli hatte ihnen noch nichts von ihrer Beziehung zu Kalvin erzählt. Er wollte die älteren Leu­te, falls seine Freundin nicht bei ihnen war, nicht vorschnell beunruhigen. Also doch die Polizei? Wenn das Ganze, wie er noch ver­mutete, nur ein Scherz war – wenn auch ein ausgesprochen geschmackloser -, so hatte es keinen Sinn, sie zu alarmieren. Falls die Entführung tatsächlich ernst gemeint war, brachte er damit Eli nur in Gefahr; man hatte ihn ja gewarnt. Und hatte man ihm nicht auch gesagt, er würde beobachtet? Nein, die Polizei ließ er vorerst besser außen vor. Im Moment blieb Kalvin nichts anderes üb­rig, als abzuwarten und später zu dem Tref­fen zu gehen. Dann würde er sehen, wie sich die Sache entwickelte.

Es klingelte an der Haustür. Kalvin stürzte gedanken­schnell in den Gang und riss sie auf. Doch er war zu langsam. Niemand stand im Hausgang, er lag im Dunkel des Nacht. Dennoch war der weiße Briefumschlag auf dem Fußabstreifer nicht zu übersehen. Vorsichtig hob Kalvin den Brief auf und trug ihn zurück ins Wohn­zimmer, wo er ihn im Licht einer Stehlampe untersuchte. Es gab nicht viel zu entdecken; vielleicht hätte ein Kriminologe die Sache mit ande­ren Augen gesehen, aber für Kalvin war es nur ein ganz einfacher, weißer und unbe­schriebener Umschlag, den man in jedem Schreibwarengeschäft erwerben konnte. Sein Inhalt war nur um weniges schwerer als ein normaler Brief. Er enthielt ein Po­laroidfoto und eine etwa fünf Zentimeter lange Haarlocke. Kalvin war sich zwar nicht endgültig sicher, aber höchstwahrschein­lich war sie von Elis Haar. Er legte sie acht­sam auf den Tisch und besah sich auf­merksam das Foto. Er hatte dabei ein Gefühl von Déjà-vu und die Erinnerung an unzählige Fernsehkrimis. Er hielt den Beweis in Händen, dass die Entführung tatsächlich stattgefunden hatte. Das unscharfe, verwaschene Bild zeigte seine Freundin auf einem Stuhl sitzend, auf den sie mit einer dünnen Paketschnur gefesselt war. Die Hände waren frei und sie hielt die Tageszeitung von heute in die Kamera. Elis Gesicht war besorgt und ernst, aber nicht ängstlich. Kalvin sah ihr an, dass sie die Si­tuation noch nicht völlig realisiert hatte. Soweit er es erkennen konnte, hatte sie din lockeren Yoga-Dress an, den sie normalerweise zuhause trug. In ihrem Hintergrund war nichts zu sehen, sie saß vor einer weißge­strichenen, stockfleckigen Wand. Trotzdem kramte Kalvin ein Vergrößerungsglas heraus und suchte das Bild aufmerksam ab. Er erhielt keinen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort. Da die Wand im Hintergrund nicht sehr sauber war, konnte der Entführer gelogen haben und sie doch in der Wesselschen Fabrik festhalten, ebenso gut konnte sie auch ganz wo­anders sein.

[Zum 5. Teil …]

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Das schwarze Urteil (Teil 3) – Kriminalerzählung

Mit dem nicht vollendeten „schwarzen Urteil“ habe ich ein drittes Mal das Genre des Kriminalromans bedient. Mein erster Versuch war der Roman „Die Verbrechen meiner Schwester“, das – fast noch ein Jugendwerk und damit sehr, sehr unausgegoren -, wahrscheinlich niemals meinen schwarzen Aktenschrank verlassen wird. Anfang der 90er habe ich dann „Das goldene Kalb“ geschrieben, das heute Teil meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus ist und das ich als Buch wahrscheinlich in ein oder zwei Jahren herausbringen werde. Wer jetzt schon in den „Regionalkrimi“ reinlesen will: „Das goldene Kalb“ ist auch auf meinem Blog zu finden. 

Insgesamt bin ich der Auffassung, dass ich nicht zum Krimiautor tauge; auch wenn ich im 3.  und auch im 2019 erscheinenden 4. Teil meiner Geltsamer-Reihe erneut mit diesem Genre kokettiere und ich finde, dass mir zumindest der folgende Abschnitt des „schwarzen Urteils“ ordentlich gelungen ist. Ich hatte Spaß, diesen mir so fremden Text zu lesen, der mir so vollkommen aus dem Gedächtnis gefallen war, als hätte ihn ein anderer geschrieben.

Erster Tag:
Das Urteil

Die Studenten klopften ausdauernd mit den Knöcheln auf die Tischreihen vor ihnen. Kalvin nickte und wandte sich zur Seite, um seine Unterlagen einzusammeln. Er hoffte, damit die ungeliebte Beifallsbe­kundung verkürzen zu können. Der Hagel­schauer verebbte und sofort brandete oh­renbetäubender Lärm in dem Hörsaal auf, Stuhlklappen, Gesprächsfetzen, Lachen, Fußtritte. Er sah abgelenkt hinauf zu den hundert Studenten des Erstsemesters, die eilig zu den Ausgängen drängten. Es war heute sei­ne letzte Vorlesung gewesen, in der übernächs­ten Woche begannen die Klausuren. Er blickte in die Rücken der jungen Leute und bedauerte sie ein wenig. Im Sommersemes­ter musste ihre Zahl um die Hälfte dezi­miert sein, das war eine inoffizielle Vorgabe des Dekans. Dementsprechend schwer wa­ren Kalvins Prüfungsfragen für die Prüfung in seinem Fach; er würde wie in den letzten Jahren ohne Schwierigkeiten eine Durch­fallquote von annähernd sechzig Prozent in den Grundlagen der Informatik er­reichen. Diesmal würde er als Schwerpunkt­aufgabe einen rekursiven Al­gorithmus verlangen und er wusste, höchs­tens ein Zehntel der Studenten würde das richtige Ergebnis finden; die Mehrzahl käme nicht einmal auf einen Lösungsan­satz. Kalvins Fach würde den Studenten den Fangschuss versetzen, andere Klausu­ren wie Mathematik oder Physik gaben ih­nen dann den Rest. Natürlich war er deshalb bei den Erstsemestern ge­fürchtet wie die Nemesis unter den antiken Grie­chen. Der hartnäckige, schmeichelnde Ap­plaus eben war der hilflose Versuch gewe­sen, die grollende Gottheit etwas gnädiger zu stimmen. Kalvin fühlte sich in der Rolle des Scharfrichters nicht wohl. Seine Klau­suren in den höheren Semestern waren we­sentlich fairer und dort war er auch belieb­ter.

Kalvin legte die Unterlagen in seinen Ak­tenkoffer und schloss ihn mit einem zufrie­denen Gefühl der Endgültigkeit. Dann lä­chelte er befreit. Das Semester war zuende, nur mehr ein paar Prüfungsaufsichten in den nächsten Wochen, die lästigen Korrek­turen, bei denen ihm der Computer und seine Assistenten allerdings die Hauptarbeit abnehmen konnten; dann standen beinahe zwei Monate Urlaub ins Haus. Er würde die Zeit nutzen, um sein Ferienhaus auf Rhodos für den Sommer auf Vordermann zu brin­gen und freute sich auf die ruhigen Wochen außerhalb der Saison. Im Februar und März hatten sogar Touristenhochburgen wie Lindos oder Rhodos-Stadt einen ganz eigenen, unterkühlten Charme. Er würde lange Wanderungen machen und vielleicht endlich sein Buch über Die emotionale Intelligenz von EDV-Anlagen zuende schreiben. Schon lange schob er diese Arbeit vor sich her und der Wissenschaftsverlag, bei dem er seine selte­nen, aber in Fachkreisen geschätzten Arbei­ten publizierte, mahnte das Manuskript schonseit  geraumer Zeit an. Kalvin schob seine Aktentasche unter den Arm und verließ den Hörsaal nach einem letzten prüfenden Blick. Hinter der Tür wurde er von einer jungen Frau erwartet. Sein erster Impuls war, zu flüchten, sie un­verbindlich zu grüßen und weiter zu eilen. Doch dann stellte er fest, wie lächerlich er sich damit machte. Er blieb mit einem halb­en Lächeln vor ihr stehen, sah sich aber, als er sie mit seinem freien Arm um­fasste und flüchtig auf die Lippen küss­te, vorsichtig um. Er wagte diese Intimität nur, weil der kurze Gang, in dem sie stan­den, leer war. Dennoch löste er die Umar­mung schnell wieder. Es konnte in jedem Augenblick jemand um die Ecke kommen, Studenten oder der Dozent der nächsten Vorlesung, beide Begegnungen wären ihm gleich unangenehm gewesen.

„Was willst Du denn, Eli?“, fragte er. „Wir hatten ausgemacht, uns hier nicht zu tref­fen.“ Die Frau senkte den Kopf, ein wenig trotzig, wie ihm schien. Eli war Anfang zwanzig, ein großes, attrak­tives und dunkelhaariges Mädchen, dessen Selbstbewusstsein und Intelligenz in der Hauptsache dafür verantwortlich waren, dass Kalvin sich vor einem halben Jahr in sie verliebt hatte. Sie war Informatikstuden­tin im siebten Semester und er ihr Betreuer bei ihrer Diplomarbeit. Ausgerechnet ihm musste diese alte Lehrer-Schüler-Gesichte passieren, bei der er alle Mühe hatte, sie vor Kollegen und Studenten geheim zu hal­ten. Dabei erwartete Eli keinerlei Vergünsti­gungen in ihrem Studium von ihm und er war auch nicht gewillt, ihr welche zu ge­währen. Zu seinem Glück war sie eine aus­gezeichnete Studentin. Kalvin hatte sie anlässlich eines Studen­tenballs persönlich kennengelernt, obwohl sie ihm natürlich schon früher in den Vor­lesungen angenehm aufgefallen war. Nicht nur war sie die einzige seiner wenigen Stu­dentinnen, die sich wie eine Frau kleidete und benahm, sondern auch ihre Zwischen­fragen waren gewitzt, offenbarten einen leb­haft interessierten, dabei divergierenden Geist. Als er sich dann an jenem Fest, zu dem er nur aus Pflichtgefühl erschienen war, wegen der lauten Musik nah zu ihr ge­beugt, angeregt mit ihr unterhielt, nahm ihn ihre Fröhlichkeit und kompromisslose Lebensbejahung gefangen.

Der Dozent war jetzt 42 Jahre alt und hatte seit einiger Zeit das Gefühl, langsam zum alten Eisen zu gehören. Seit dem Tod seiner Frau vor nun sechs Jahren hatte er nur einmal eine flüchtige Bezie­hung gehabt und sich immer tiefer in seine Arbeit eingegraben. Dann begegnete ihm die­ses Mädchen und nichts war wie früher. Er hatte es nicht für möglich gehalten, dass ihm noch so etwas passieren konnte; aber ihre Art zu leben hatte ihn in den ersten Monaten der Beziehung mitgerissen und er war Eli, wenn er nun zurücksah, dankbar: Sie hatte ihm ein Glück geschenkt, das er vermisst hatte. Inzwischen war allerdings etwas Ruhe ein­gekehrt und, zwangsläufig, der Alltag. Er brachte Probleme und Ernüchterung, zu­mindest auf seiner Seite. Wenn sein Ver­hältnis zu der Studentin bekannt wurde, konnte es ihn seinen Job kosten; die tägli­che Geheimniskrämerei hatte längst begon­nen, ihn zu zermürben. Nüchtern betrachtet, hatte diese Liebe hatte keine Zukunft mehr. Auch deshalb war er entschlossen, seinen Urlaub in den Semesterferien allein zu ver­bringen. Er hoffte, er hatte auf Rhodos die Möglichkeit, alles zu überdenken. ‚Die Ent­fernung ist der großen Liebe Nahrung, der kleinen Liebe Tod‘, fiel ihm ein. Er hatte vergessen, wer das gesagt hatte, aber es war ein schlauer Spruch. Er sah Eli zärtlich an. Sie wich weiterhin seinem Blick aus und kaute an der Unter­lippe. Er fühlte sich stark und überle­gen, weil er sich einbildete, er könne sie mit einem Abstand betrachten, zu dem sie nicht fähig war.

„Also, was gibt es?“, wiederholte er freund­lich und unterdrückte seinen Wunsch, sie erneut zu umarmen. Er erwartete, dass sie von ihrer Liebe zu ihm reden würde und von ihrem Drang, in seiner Nähe zu sein, der sie sogar manchmal veranlasste, sich in seine Erstsemestervorlesungen zu setzen, was ihn verunsicherte und nicht selten aus dem Konzept brachte. Doch Eli überraschte ihn und sagte zögernd, sie könne die Verab­redung für den Abend nicht einhalten. Kal­vin runzelte ärgerlich die Stirn. Sein Mäd­chen hatte ihm noch nie einen Korb gege­ben.

„Und warum?“, fragte er beleidigt.

„Ich muss in der nächsten Woche zwei Wahlpflichtfächer nachholen und heute ist schon Donnerstag. Ich brauche unbedingt etwas Vorbereitungszeit.“

„Die schreiben sich doch von allein“, ent­gegnete Kalvin trotzig. Eli sog hörbar Luft durch die Nase ein.

„Wir waren uns einig: mein Studium darf nicht unter unserer Beziehung leiden. Ich habe einen Männerberuf gewählt und muss folglich deutlich besser als die Jungs sein, wenn ich einen guten Job kriegen will. Ich wünsche deshalb, dass wir uns bis zu mei­ner letzten Prüfung nicht mehr sehen“, sagte sie und die Schärfe ihrer Replik schüchterte Kalvin ein wenig ein.

„Und wie lange wird das dauern?“

„Bis zum 18. Februar, da habe ich theo­retische Physik; also zweieinhalb Wo­chen.“

„Aber am Sonntag darauf fahre ich nach Rhodos!“, warf er entsetzt ein. Eli zuckte mit den Schultern.

„Nimm mich doch mit.“ Daher wehte also der Wind.

„Aber wir haben darüber gesprochen … Ich brauche die Ruhe, um mein Buch zu been­den, erinnerst Du Dich?“

„… und ich brauche eben diese zwei Wo­chen zum Lernen“, sagte sie, hatte aber et­was von ihrer Sicherheit verloren. „Wir kön­nen ja telefonieren und uns vielleicht am Samstagabend treffen“, schränkte sie des­halb ein. Jetzt war es an ihm, hart zu sein. So konnte sie nicht mit ihm umspringen.

„Besser nicht, du brauchst die Zeit zum Lernen.“ Eli sah auf, zum ersten Mal in seine Au­gen. Eine Pause entstand.

„Dann nicht“, sagte sie und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Backe, wandte sich ei­lig ab.

„Ich rufe dich an“, rief Kalvin ihr hinterher. Eli achtete nicht auf ihn, sie benahm sich, als hätte sie ihn nicht gehört. „Ich rufe Dich an“, wiederholte er und war­tete, bis sie aus seinem Blickfeld bog. Es war der zweite Streit in ihrer Beziehung ge­wesen, der erste hatte vor etwa vier Wochen stattgefunden. War es diesmal das Ende? Wenn ja, dann war es erstaunlich schnell gegangen. Obwohl ein schwerer Druck auf seinen Li­dern lag, empfand Kalvin bei diesem Ge­danken keine Trauer, sondern nur Leere in sich. Die Trauer würde vielleicht später kommen, nahm er an, am Abend, den er mit Eli hatte verbringen wollen.

[Zum 4. Teil …]

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Das schwarze Urteil (Teil 2) – Kriminalerzählung

Ist das schon ein Vorzeichen einer beginnenden Demenz, dass ich mich an diesen Text von mir nicht mehr erinnern konnte, bis ihn Robert Knorr für sein Knorr von Wolkenstein-Verlagsforum wieder ausgegraben hat? Jedenfalls hatte ich gestern nachmittags eine dunkle Ahnung und öffnete die unterste Schublade meines schwarzen Archivschranks und förderte tatsächlich nach geduldiger Suche zwischen bereits vergilbten und längst abgelegten Blättern einen recht ausführlichen handschriftlichen Entwurf für das 2. Kapitel von „Das schwarze Urteil“ und auch tatsächlich auch eine Seite zutage, auf der ich damals die Hauptfiguren und den Plot der Erzählung (wohl eher des Romans) skizziert hatte. Ich wäre also jederzeit in der Lage, die Geschichte wie vor 20 Jahren geplant, fortzusetzen und zu einem Ende zu bringen. Die Frage ist nur, ob es sich auch lohnt. Und meine Lust ist keine sehr große. Und da die literarischen Texte meines Blogs nicht gelesen werden, kann ich auch niemanden um Rat fragen …

Kalvin schüttelte den Kopf. Offensichtlich nahm sein Verfolgungswahn pathologische Züge an. Er zwang sich, das Lokal zu betreten. Es war im Hochparterre, er hatte ein paar Stufen zu steigen. Dabei spürte er weiter die Blicke aus den Fensterhöhlen in seinem Rücken. Er schloss die Glastür zwischen sich und der Kälte, tauchte durch einen schweren Vorhang, der sie vom Gastraum abtrennte. Dieser war klein und schmal, ein langgezogener Tresen gegenüber nahm den größten Platz ein. Einige wenige Tische drängten sich in einer Ecke, in der tatsächlich ein Wurlizer stand, der jedoch ohne Strom war. Der Besitzer hatte bei der Einrichtung sicher eine amerikanische Bar als Vorbild gehabt, doch längst war das Lokal zu einer schmuddligen und unsauberen Stehkneipe verkommen. Außer zwei Alkoholikern, die aussahen, als würden sie in dem Ausschank übernachten und der Bedienung – einem älteren, dünnen Mann, der hinter der Theke in einem Buch las -, war die Bar leer. Der Kellner legte seinen Band zur Seite und sah gleichgültig auf den neuen Gast, der unsicher im geöffneten Vorhang stand und sich dann entschied, sich weit entfernt von den Säufern an die Theke zu setzen.

„Kalt heute“, sagte der Kellner und beäugte misstrauisch die Jacke des neuen Gastes.

„Geben Sie mir ein Bier“, erwiderte der kurz angebunden. Der Kellner nickte und wandte sich zum Zapfhahn. „… und einen Weinbrand“, fuhr Kalvin nach kurzem Zögern fort, „es ist wirklich kalt heute.“ Vielleicht half ein Schnaps gegen das Zittern in seinen Händen. Er lehnte sich in dem Rückenteil des Barhockers zurück. Dabei wechselte er über den großen Spiegel, der hinter der Bar hing, einen Blick mit sich selbst. Er wunderte sich, dass seine Frucht nicht deutlicher in seinem Gesicht geschrieben stand. Ihm sah nur ein etwas übernächtigter, unauffälliger Mann entgegen, dessen grauen Gesichtsausdruck man auch als verkatert deuten konnte. Er versuchte den Ansatz eines Lächelns, doch es misslang ihm völlig. Voller Scham rutschte sein Blick zur Seite, fiel auf eine Uhr, die über einem Regal mit Whiskeyflaschen hing. Sie stand auf halb neun Uhr. Der Schock traf ihn wie ein Schlag in den Magen.

„Geht die Uhr richtig?“, gelang es ihm erst auf den zweiten Anlauf, den Kellner, der den Schaum von seinem Bier in ein anderes Glas abgoss, zu fragen. Seine Stimme war so heiser, als hätte er eine Erkältung. Der Mann hinter der Theke sah auf und folgte dem Blick seines Gastes.

„Nein, natürlich nicht, die ist schon lange kaputt. Aber ich kann Ihnen gerne sagen, wie spät …“ Er schob den Ärmel am linken Handgelenk in die Höhe.

„Aber nein, das ist nicht nötig“, warf der Gast eilig, fast panisch ein. Er klang so nervös und schuldbewusst, dass der Kellner seinen Gast misstrauisch abschätzte. „Ich wunderte mich nur…“, setzte er zu einer hilflosen Erklärung an. Eine Pause entstand. Die beiden sahen sich an.Kalvin kippte eilig den Weinbrand, dessen billige Schärfe in seiner Kehle kratzte. Der Schnaps gab ihm nicht die erwünschte Wärme, sondern erzeugte nur Sodbrennen. Er nahm sein Bier in die Hand und deutete in die abgedunkelte Ecke.

„Kann ich dort hinten sitzen?“ Der Kellner unterbrach seine wiederaufgenommene Lektüre nickend.

„Ich mache Ihnen Licht.“ Der Gast ging hinüber zu den Tischen; er machte dabei einen Bogen um die Penner. Ein Deckenlicht warf nun einen trüben Schein auf die drei Tische, an deren hinterem er sich mit dem Rücken zur Wand setzte. Hier saß Kalvin bequemer als an der Theke und fühlte sich sicherer. Er war in diesem Moment so erschöpft wie noch nie in seinem Leben. Er hatte den Drang, die Augen zu schließen und Ruhe im Schlaf zu finden. Mit den Knöcheln rieb er die Augen, bis sich auf den Pupillen der Schein von platzenden Ringen bildete. Dann beobachtete er mit schwerem Kopf die Reflex, die die eingetrockneten Alkoholränder auf der wackligen Tischplatte erzeugten. Sie tanzten bei jeder seiner Bewegungen für ihn. Ein scharf geschnittener Schatten schreckte ihn auf und für einen kurzen Moment wählte namenlose Panik in ihm. Hektisch versuchte er, seine Hand in die Tasche mit der Waffe zu schieben, doch er griff in der Aufregung vorbei.

„Wollen Sie noch ein Bier?“ Es war der Kellner, er stand gelangweilt vor ihm, ein leeres Glas in der Hand. Verblüfft hielt der Gast mit seinem Versuchen, die Pistole zu erreichen, inne und erkannte, dass es sein Glas war, in dem nur noch ein wenig Schaum stand. Wieviel Zeit war vergangen? Er konnte sich nicht erinnern, es leergetrunken zu haben. Sein Herzklopfen ließ nach, nur eine Kälte der Hände blieb von seinem Schreck. Er sah dem Kellner ins Gesicht und versuchte, sich zu sammeln. Der Kellner lächelte unverbindlich und hob fragend das Glas. Der Gast nickte.

„… und noch einen kleinen Weinbrand.“ Später fragte Kalvin sich, weshalb er nochmal einen Schnaps bestellt hatte; seine Zunge musste schneller als sein Verstand gewesen sein. Daher schob er das kleine Glas Alkohol, das ihm mit seinem Bier gebracht wurde, mit einer entschiedenen Geste von sich. Die Versuchung, sich zu betrinken, war groß, aber er durfte ihr nicht verfallen. Er nahm einen Schluck von dem Bier, dabei wurde ihm endlich wärmer, nur seine Hände blieben klamm. Sie fühlten sich wie etwas Fremdes an, wie etwas, das nicht zu ihm gehörte und nur widerstrebend seinen Befehlen gehorchte. Er wagte, für einen Moment die Augen zu schließen. Er hoffte, dabei nicht wieder einzuschlafen. Es tat ihm wohl und als er sie zitternd wieder öffnete, fühlte er sich zum ersten Mal seit Tagen sicher, viel sicherer als in seiner Wohnung, die sie kannten und wahrscheinlich abhörten. Hier hatte er den Rücken zur Wand, das Lokal vor sich. Niemand konnte ihm gefolgt sein, er hatte einen Schatten sicher abgeschüttelt, als er in der Straße plötzlich zu rennen anfing. Wahrscheinlich hatte ihn aber überhaupt niemand verfolgt, das hatten sie nicht nötig, denn sie waren seiner sicher, da sie ein Faustpfand hatten. Er würde pünktlich zur Urteilsvollstreckung erscheinen, das wussten.

Aber noch war Zeit, es blieben ihm noch einige Stunden, in denen er versuchen musste, Ruhe zu finden. Hier im Lokal hatte er die Gelegenheit dazu. Die letzten Tage waren ihm wie ein Alptraum erschienen, ein Strudel, der ihn immer schneller mit sich gerissen hatte, je näher er diesem Abend kam. Jetzt hatte er die Gelegenheit, sich diese Woche Tag für Tag in Erinnerung zu rufen, konnte nachprüfen, ob seine Entscheidung richtig oder ob er in seinem Verfolgungswahn einem Hirngespinst aufgesessen war. Er musste seine Handlungen und Gedanken sezieren und überprüfen, schließlich wusste keiner so gut wie er, wie man zu einem Problem die passende Lösung fand. Falls es eine gab. Er konzentrierte sich und erinnerte sich an einen Mann, der ihm mit sich selbst kaum ähnlich schien, einen Mann, der seine verbleibende Lebenszeit nach Jahrzehnten und nicht nach Stunden zählte. Er war wie alle einem billigen Betrug aufgesessen. Denn es gab keine Sicherheit, in keinem Moment des Lebens. Er erinnerte sich an Werner Kalvin. Wie fremd nun dieser Name klang. Eine Woche hatte genügt, ihn von sich selbst zu entfremden, alles zu zerstören, von dem er geglaubt hatte, dass es sein Leben war, sieben Tage nur.

[Zum 3. Teil …]

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Das schwarze Urteil (Teil 1) – Kriminalerzählung

Der Magdeburger Verleger und Autor Robert Knorr restauriert seit geraumer Zeit in mühevoller Kleinarbeit die Archive seines verlagseigenen Forums Knorr von Wolkenstein, dessen Inhalte vor einigen Jahren durch einen Wechsel der Forensoftware beinahe völlig zerstört wurden. Von den meisten der von hunderten von Autoren eingestellten Texten, Gedichten, Rezensionen und teilweise harschen Kritiken besaß er nach dem Zusammenbruch dieses literarischen Forums nur noch eine unsortierte Text-Datei. Inzwischen hat er schon einiges aus den Jahren von 2000 bis 2005 – der Blütezeit des Wolkensteinforums – retten können. Da ich damals als Moderator und selbstverständlich auch als Autor am Wolkenstein-Forum mitarbeitete, tauchen nun plötzlich auch eine Menge meiner eigenen Texte und Kommentare dort auf. Der Nikolaus Klammer von vor fünfzehn Jahren lebt dort unverdrossen und quicklebendig weiter und es ist für mich manchmal ein sehr merkwürdiges Gefühl, meinem alten Ich dort zuzuhören. Ab und an entdecke ich dort Texte und Kommentare, Streitgespräche und Anmerkungen von mir, an die ich mich überhaupt nicht mehr erinnern kann. Es fällt übrigens auf, dass es auf dem Wolkenstein-Forum beinahe noch ruhiger ist als hier bei mir auf dem Blog. Die Zeit, in der sich Autoren und Leser in Internetforen trafen, scheint vorbei zu sein. Ich frage mich, warum das so ist.

Auch an die Kriminalerzählung „Das schwarze Urteil“, die ich damals anscheinend direkt in dieses Forum getippt habe, war mir völlig aus dem Gedächtnis verschwunden. Ich konnte mich überhaupt nicht mehr an den Text erinnern und besitze auch auf meinem Rechner keine Kopie mehr davon. Es war gerade für mich, als würde ich die Geschichte eines Fremden lesen, der zuviel Cornell Woolrich konsumiert hat. Sie ist wie vieles in jener Zeit ein Fragment geblieben und ich habe keine Ahnung mehr, wie ich die Erzählung beenden wollte – wahrscheinlich war es mein Plan, das Leben der Hauptfigur in 7 Tagen genüsslich auseinanderzunehmen. Ob die Geschichte – wie Robert meint – tatsächlich misslungen ist und heutzutage keine Leser finden würde, sei dahingestellt. Ich glaube, er hat durchaus recht. Da aber mein Blog „Aber ein Traum“ alle meine Texte versammelt, werde ich auch diesen „verlorenen“ leicht überarbeitet in den nächsten Tagen hier einstellen. Ob ich „Das schwarze Urteil“ jemals zuende schreiben werde? Ich glaube, eher nicht.

Das schwarze Urteil

Abwärts wend ich mich zur Nacht …

Letzter Tag:
Warten

Kalvin streckte den Arm nach vorne und gleichzeitig ging das Licht aus. Er ließ seine zitternde Rechte entschlusslos über dem Türgriff schweben, der ihm im Halbdunkel plötzlich wie eine zum Zustoßen bereite Schlange erschien. Kalvins Oberkörper beugte sich zurück, doch die Täuschung war nur kurz; sie war eine Warnung des Zufalls, die er kopfschüttelnd verdrängte. Seine Hand umschloss den Knauf, dessen Kühle ihm half, den Schrecken zu überwinden. Er atmete erleichtert auf und zwang sich, zurück ins Treppenhaus zu sehen. Er hatte diesen Blick vermeiden wollen. Bewusst hatte er eben, als er wie eine von einem Puppenspieler geführte Marionette die Stufen hinabstieg, unablässig nach vorn zur Haustür gesehen. Er hatte bei jedem Schritt die Angst gespürt. Wenn er sich umwände, würde er auf der Stelle kehrtmachen, die Treppe hinaufstürzen, zurück in die verriegelbare Sicherheit der Wohnung eilen. Doch nun fand er bei dem vertrauten Blick in das Treppenhaus nur Leere in sich. Er wusste jetzt: Die Wohnung dort oben, mit der er gewohnheitsmäßig Geborgenheit und Heim verband, sie war nicht mehr als nur ein Trug, ihr Schutz eine Illusion. Längst gab es keinen Ort mehr, an den er fliehen konnte. Denn dem Urteil konnte er nicht entkommen. Er nahm es mit sich. Sein Blick zurück zu dem, was noch vor einer Woche sein Leben gewesen war, war ihm die letzte Bestätigung.

Er öffnete die Haustür. Sie leistete dem Druck seiner Hand nur wenig Widerstand. Er sammelte Mut, dann ging ein paar Schritte hinaus und verharrte zusammenzuckend, weil er das Gefühl hatte, etwas vergessen zu haben. Eilig schob Kalvin eine Hand in die Jackentasche und berührte den gerippten Griff der kleinen Pistole, die seiner verstorbenen Frau gehört hatte. Wäre er nicht so nervös gewesen, hätte er das Gewicht spüren müssen, das die rechte Seite seiner Jacke herabzog. Die Waffe war jahrelang unbeachtet in einer Schublade gelegen; er selbst besaß keinen Waffenschein. Er hatte sie vorhin nach längerer, aufgeregter Suche gefunden, unbeholfen geladen und ausprobiert, ob sie überhaupt noch funktionierte, indem er ihren Lauf gegen ein Sofakissen richtete hatte. Während er abdrückte, wandte er den Kopf halb ab. Der Schuss war leiser, als er erwartet hatte, irgendetwas zwischen dem Knallen eines Sektkorkens und der Fehlzündung eines Autos. Die Durchschlagskraft der Kugel allerdings hatte ihn überrascht: Sie ging glatt durch das Kissen und die Sofalehne dahinter und steckte anschließend breitgedrückt halb im Parkettboden. Er erkannte, dass sie mühelos den Körper eines Menschen durchschlagen konnte. Dieser Gedanke ließ ihn schaudern und er schleuderte die Waffe angeekelt von sich. Später hatte er sie aber doch aufgehoben, gesichert und in die Jackentasche gesteckt.

Nun war Kalvin kalt; sein Atem stand als Nebel vor seinem Gesicht. Benommen schlug er den Kragen seiner viel zu dünnen Jacke hoch und sah sich zweifelnd um. In diesem Moment wusste er nicht, wer er war und wohin er sich wenden sollte. Er brauchte Hilfe, doch es gab keine für ihn. Im alles gleichmachenden Grau des Herbstabends waren viele Menschen unterwegs, sie hasteten nach der Wärme ihrer Heime. Kalvin bildete ein Hindernis, das ihren zielstrebigen Schritt verzögerte und für den Moment eines unwilligen Ausweichens aus dem Gleichmaß brachte. Qualm hing über dem Lärm der Autos, er drang aus den Auspuffrohren und den Gullis. Lichter tanzten auf Kalvins Pupillen; er machte sich nicht die Mühe, nach ihren Quellen zu forschen. Nun genoss er seine Bewegungslosigkeit, die ihn sich wie im Auge eines Sturmes fühlen ließ. Eine Frau stieß ihn an und in Bewegung, schob ihn mit einer gemurmelten Verwünschung in die richtige Richtung. Schnell war sie an ihm vorbei. Er schloss zu ihr auf und sah hinüber, auf ihr ausdrucksloses Profil. Er nickte entschuldigend, aber sie eilte, ohne einen Blick auf ihn zu verschwenden, davon. Einmal im Laufen ging er die Straße, wurde schneller, passte sich dem Schritt der anderen an. Er lief diesen Weg täglich, häufig sogar im Traum, aber nie war er ihm so sinnlos erschienen wie diesmal: Dass eine Straße zu einem Ziel führen muss, war nur ein Betrug; diese zumindest führte für ihn nirgendwo hin. Sollte er den Bus nehmen? Er sah auf die Uhr an der Haltestelle und biss sich zornig auf die Lippen. Was für einen Streich spielte ihm sein Unterbewusstsein! Er hatte doch nicht wissen wollen, wie spät es war, es interessierte ihn nicht. Hatte er nicht aus diesem Grund seine Armbanduhr oben in der Wohnung gelassen? Und dazu war es erst kurz nach fünf Uhr, noch war Zeit. Jetzt rannte er, floh, damit er nicht noch einmal hinauf sah, sich nicht von dem zielstrebigen Rundlauf der Zeiger fangen ließ. Er lief, ohne auf den Weg zu achten und schnell wurde ihm dabei wärmer. Über kurz empfand er Freude bei seinem Laufen, den gleichmäßigen, geschmeidigen Bewegungen seines Körpers, auf die er sich reduzieren konnte. Er überholte sich drehend und wendend die Passanten, die ihm nun ein Hindernis waren. Das war ein Spiel, an dem er Freunde hatte.

Doch schließlich machte er einen Fehler. Er bog in eine Seitenstraße, die sich kerzengerade durch ein menschenleeres Wohngebiet schnitt und verlor seine Freude mit der Hitze des Erschreckens, mit der ihm plötzlich einfiel, warum er rannte. Er wollte es nicht wahrhaben, erhöhte das Tempo, doch der Augenblick Ruhe, in dem er sich nur auf sein Laufen konzentriert und alles andere an Bedeutung verloren hatte, war verloren. Regelmäßig schlug der schwere Kolben der Pistole in seiner Tasche gegen den rechten Oberschenkel. Kalvin geriet außer Atem und blieb an einer Kreuzung stehen, um zu verschnaufen. Ein heftiger Schmerz stach in seine Seite. Ihm war, als würde sich eine gebrochene Rippe in den linken Lungenflügel bohren und er wusste doch, es war nur Seitenstechen nach dem Lauf. Vorsichtig atmete er ganz flach, näherte sich dem Schmerz, ohne sich mit ihm auf einen Kampf einzulassen. Er ärgerte sich, in den letzten Jahren keinen Sport mehr getrieben zu haben, dass er, seit er sein Studium beendet hatte, nicht mehr auf sich achtete, längst Fett ansetzte. Wie oft waren gute Vorsätze an der Trägheit gescheitert. Ein grünes Licht, das einen Stich ins Gelbe hatte, kam in seinen Blick, es war der vom Asphalt reflektierte Schein einer Neonreklame in einem Fenster neben ihm. Er wandte den Kopf. In dem Haus, gegen dessen Vorderfront er keuchend lehnte, war ein Lokal, das ihm noch nie aufgefallen war, obwohl er häufig durch diese Straße in der Nähe seiner Wohnung fuhr. Es war nicht die Art von Kneipe, die er sonst besuchte, wenn er ausging. Jetzt erschien sie ihm allerdings als eine Zuflucht, als der Ort, nach dem er gesucht hatte, als er die Straßen hinab gehetzt war. Sehnsüchtig sah er auf die zu einem Schriftzug geformten Neonröhren, die die unruhige, pulsierende Farbe in einem scharf begrenzten Lichtkegel auf den Asphalt gossen; aber für den Augenblick konnte er sich wegen der Überanstrengung noch nicht bewegen. Dann lachte er. Als ob das jetzt noch eine Rolle spielte, wie fit er war, an diesem Abend, dessen heraufdämmernde Nacht er wahrscheinlich nicht überleben würde; als ob überhaupt noch etwas wichtig war außer der Vollstreckung des Urteils. Er umklammerte seinen Körper und nicht nur die Kälte ließ ihn zittern.

Er sah nach oben, die Hauswände empor, die sich ihm durch eine Täuschung seiner Augen zuneigten und erschrak. In vielen Fensterhöhlen brannte Licht, ab und an konnte er den Schatten eines Menschen sehen, der sich dort bewegte. Diese Lichtvierecke erschreckten ihn nicht, hinter diesen Gardinen gingen Familien ihren Beschäftigungen nach; Frauen kochten hinter beschlagenen Scheiben, Männer kamen von der Arbeit, lasen in den Wohnzimmern in der Zeitung oder sahen fern, Kinder spielten. Jemand stritt, der Ton zweier Stimmen kam ihm an die Ohren. Er wusste, morgen würde es dort oben wie heute sein, wenn er morgen hier stünde, würde er die gleichen Menschen die gleichen Dinge hinter ihren hellerleuchteten Fenstern tun sehen und wieder würde jemand streiten. Doch morgen… Was ihn erschreckte, waren die anderen Fensterscheiben, jene, hinter denen es so dunkel war, dass die Lichter der Straße in ihnen reflektiert wurden; sie schienen ihm wie das Schwarze in der Pupille eines vieläugigen Riesen. Durch diese Fensterlöcher glaubte er die Seele der Stadt zu sehen, die kein Erbarmen, sondern nur Neugierde kannte. Hinter ihnen wusste er Augen, die die Straße bewachten, eifrig auf der Suche nach einer Sensation und einem Menschen, der sich nicht so verhielt wie die anderen, einem wie ihm, der schwer atmend an einer Häuserwand lehnte. Auf ihn starrten Augen herab, bespitzelten ihn, jede seiner Bewegungen wurde belauert, ausgespäht; so viele Fensterschlünde waren es, so viele Augen. Jede Nacht hat diese Augen.

[Zum 2. Teil …]

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Antilopen – Ein Theaterstück (2. Akt)

Bis zum Ende. Achtung: Auch im 2. Akt tauchen Wörter auf und werden Handlungen beschrieben, die empfindliche Gemüter verletzen könnten! Das Stück ist nicht für Jugendliche geeignet (obwohl die heutzutage ganz andere Dinge gewöhnt sind).
Bitte nur auf eigene Verantwortung weiterlesen.

2. AKT.

ERSTE SZENE.

Antons Bude. Sein Wohnzimmer. An den Wänden hängen die gleichen Bilder wie im Lokal. Links ein Sofa, ein Couchtisch, ein paar Stühle. Rechts führt eine Tür ins Schlafzimmer. Anton hockt im Hintergrund vor einer Stereoanlage und durchwühlt seine CD-Sammlung. Manchmal zögert er bei einer Platte, legt sie dann aber wieder zurück. Die Mädchen sitzen auf dem Boden vor dem Sofa. Sie halten sich wieder an den Händen. Bernd steht vorn. Er liest einen Text von einem Blatt ab.

Bernd sehr pathetisch So stehe ich vor euch, mich zu rechtfertigen und muss doch Vorsicht walten lassen, damit mir meine Rede nicht zur Klage wird. Ihr habt recht. Wir achteten unserer Väter wenig: spotteten über die Worte, die ihnen die Weisheit riet. Wir belachten sie, die wir ehren sollten. Waren überzeugt, allein zu wissen, wie man richtig lebt. Dies war aber kein Verbrechen. Nur eine Schuld, die zu tragen uns unser Gewissen zwang. Ja. Wir waren jung und stolz. Roh oft. Eros Pfeile trafen uns so achtlos, dass die Scham mir Stille auferzwingt. Die Werte der Väter galten uns gleich. Wir schufen eigene. Wohl andere. Aber genau so tiefe und ehrfürchtige. Wir erkannten. Die Götter waren tot. Deshalb war unsere Ehrfurcht nicht ihrem Grabe. Wir hatten nicht Sorge um die Toten. Ihrer ist der Himmel. Wir kümmerten uns um die Lebenden. Das war unser Ziel. Es kann sein. Wir haben versagt. Es ist wahrscheinlich. Aber dies ist kein Verbrechen. Nur eine Schuld.

Anton Bernd, Bernd, Bernd.

Bernd hebt warnend die Hand. Wenn ihr uns aber Verbrecher nennt. Weil wir zusahen, wie die Welt zugrunde ging. Die Welt, die ihr uns überreicht habt. So lasst euch sagen. Ihr hattet sie schon dem Untergang geweiht. Nie hätten wir unmündigen Kinder die Erde von dem Fieberwahn, der sie schüttelte, heilen können. Vielleicht das Fieber aufhalten. Wer weiß. Heilen? Nein. Gut. Wir haben versagt. Wir waren jung und unerfahren. Aber das ist kein Verbrechen. Nur eine Schuld.

Anton Geht das. Noch lange so. Meine ich. Ach je.

Bernd zornig Wir hätten den Mächtigen, die eurer Welt entsprungen waren und sie sklavten, unsere Stirn bieten sollen. Wir hätten unseren Widerstand brüllen sollen. Aber der Zorn hatte unsere Stimmen heiser gemacht und eure Schulmeister uns gelehrt, stumm die Stirn zu senken. Aber das ist kein Verbrechen. Das ist unsere Schuld. Er verstummt mit einer dramatischen Geste, wartet auf Beifall.

Anton Der Künstler hat sich gerade für vierzig Euro den Kühlschrank gefüllt. Das ist deine Kunst? Bernd nickt eifrig. Weißt du. Das ist keine Kunst. Die hängt an den Wänden. Das ist blond. Das ist. Das ist.

Bernd Musst es nicht aussprechen. Hat mit deiner Verdauung zu tun. Stimmts. Spar es dir auf. Für deinen Monolog. Der fehlt noch. Dann sind wir alle durch.

Gitte steht auf, nimmt nun Bernd an der Hand. Komm. Du Künstler. Mir gefällt das. Ich mag volle Kühlschränke.

Sie zieht den Widerstrebenden durch die Tür ins nächste Zimmer. Anton und Steffi sehen den beiden nach.

Bernd Stimme aus dem Schlafzimmer Hat doch. Genau, was ich will. Und da sage noch einer. Brotlose Kunst. Frauen und Schokolade.

Gitte Stimme aus dem Schlafzimmer Sei still. Sei nett zu mir. Ich bin nett zu dir.

Tür fällt zu.

Steffi Ich liebe dich nur diese Nacht. Oh, oh, oh. I-gitte. Hab ich schon gesagt.

ZWEITE SZENE.

Anton spielt ein Stück von Pearl Jam an. Gefällt dir das. lauter Gefällt dir das. schreit Gefällt! Dir! Das!

Steffi Nein.

Anton Oh. Was dann.

Steffi Hm?

Anton stellt die Anlage ab. Was dann?

Steffi Nein. Und da sage einer. Ich hätte keinen Geschmack.

Anton Nein.

Pause.

Steffi Und du? Schreibst du?

Anton Wie Bernd? Nein. Na ja. Ab und an ein Gedicht. So ein paar Wörter, die nur mir Sinn geben. Ich nicht. Bernd schreibt. Ich habe geilen Stuhlgang. Ist das gleiche. Vom Ergebnis her. Abwischen. Runterspülen. Man befreit sich. Der Darm wird leer. Ein schönes Gefühl. Kennst du das? Du hast am Abend Bier getrunken. Das geht nur mit Bier. Viel Bier. Dunkler Doppelbock. Fettes Essen, reichlich Bier. Aber keinen Schnaps. Der Rausch muss allein vom Bier kommen. Das muss man können. Die meisten nuckeln an ihrer Halben ewig rum. Dann schaffst du es nicht. Du musst es auf den Punkt bringen. Schaum wegblasen. Ansetzen. Nicht schlucken, laufen lassen. Du musst ganz entspannt sein. Eins mit dir. Das Glas an die Unterlippe. Gemeinsam mit dem Kopf hoch. In den Nacken. Das Bier schwappt über. Es fließt die Speiseröhre runter. Gleitet. Ein Zen-Moment.

Steffi Nein. Zen. War mal. Als wir alle Buddhisten waren. Ist langweilig.

Anton Also gut.

Steffi Nein. Zen. Nein.

Anton Habs. Kapiert. Mein ich. Aber es ist wichtig. Du darfst dich von nichts ablenken lassen. Erst fett essen. Dann saufen. Vier Liter. Eine Viertelstunde. Mindestens. Geh dann sofort ins Bett. Bevor dich der Rausch wachhält und du den Rest des Abends aufm Klo bist. Am nächsten Morgen wachst du auf. Hast ein Riesending. Einen Mordsständer in der Hose. Meine ich. Weißt ja. Die Männer.

Steffi Zen. Ob Buddha? Oder Jesus? Eine Morgenlatte hatten?

Anton Egal. Das Bier drückt jetzt nach vorne. Das Essen nach hinten. Du darfst dich nicht eilen. Stehe langsam auf. Gehe langsam aufs Klo. Setz dich. Das ist der Moment. Der Stuhl ist ganz weich. Wie Schokoladenmus. Flutscht es. Raus damit. Das ist Befriedigung. Der absolute Stuhlgang. Keine Anstrengung. Es geht einfach. So stelle ich mir das unbewusste Schreiben vor. Es läuft. Und ist gut. Du weißt. Es ist gut. Da brauche ich sonst nichts. Nichts mehr. Aber perfekt ist nichts. Das Problem ist der Ständer. Wenn du auf der Schüssel sitzt. Er ragt darüber hinaus. Schmerzt. Aber erst pissen und warten. Das geht nicht.

Steffi Mach lieber wieder Musik.

Anton legt Nick Cave auf. Steffi sagt etwas, sie ist nicht zu verstehen. Anton geht zur Tür, öffnet sie einen Spalt. Späht hinein.

DRITTE SZENE.

Die Musik wird plötzlich so leise, dass man Steffi hören kann.

Steffi Ich muss es nicht sehen. Ich stell es mir vor.

Pause.

Kaum hatte sie ihre Beine geöffnet, sprang er schon auf sie. Drängte sich keuchend heran. Mit geschlossenen Augen. Zog die Oberlippe bis zur Nase hoch. Bleckte seine vorstehenden Zähne. Grotesk. Er sah wie ein fickendes Kaninchen aus. Sie hatte den Eindruck, er hatte sogar die Ohren angelegt. Sie biss sich fest auf die Zunge, um nicht zu lachen.

Die Musik wird wieder lauter. Steffi ist kaum zu verstehen.

Sein Plan war es offensichtlich, ihren Körper zu ignorieren und sich ausschließlich um ihr Geschlecht zu kümmern. Er nahm sich nicht einmal die Zeit, ihre Brüste zu bewundern. Schon er in ihr. Und der Kerl fast hinterher.

Die Musik endet abrupt.

Ich könnte einen Sack über dem Kopf haben. Ach was. Wenn ich in Leinwand eingenäht wäre. Bis auf dieses kleine Loch. Er wäre genau so glücklich.

Steffi zögert, setzt dann noch einmal an.

Sie könnte einen Sack über dem Kopf haben. Wenn sie in Leinwand eingenäht wäre. Sie bewegt ihren Unterleib kaum, lässt ihn wühlen. Unterstützt ihn nicht. Aber sie klammert ihre Beine um ihn. Packt ihn mit einer Hand am Haarschopf. Fest. Zieht ihn gewaltsam zwischen ihre Brüste. Mit der freien Hand tastet sie nach dem Nachttisch. Öffnet die Schublade. Greift hinein. Umsonst. Auch hier ist kein Brief. Der Kerl verkrampft sich. Atmet zischend aus. Kippt zur Seite. Sie spürt feuchte Wärme. Sonst nichts.

Ein Schuss fällt. Anton springt zurück.

Anton Herr. Schaft. Nein.

Steffi deutet mit den Fingern eine Pistole an. Zwischen die Augen. Ich stelle es mir vor.

VIERTE SZENE.

Gitte kommt herein. Sie trägt nur Unterwäsche. In ihrer Hand hält sie eine Pistole. Ich war ganz in Ordnung. Ich habe Feuer. Schau mich an. Die mögen das. Ich habe Figur. Esse gesund. Gehe ins Studio. Zweimal. Mit Steffi spiele ich Squash. Einmal. In der Sauna schwitze ich. Regelmäßig. Schau doch. Das geht. Ich bin in Ordnung. Ich bin hübsch. Ich komme an. Meine Hüften. Na, die kann man sich absaugen lassen. Und dann gleich den Busen ein wenig größer. Nicht viel. Eine Körbchengröße reicht. Setzt sich neben Steffi. Ich spare schon jetzt Geld dafür. Für mich. Den Jungs ist das egal. Die interessieren sich nicht für meine Hüften. Die haben nur. Aber mein Bauch. Fühl mal, wie fest.

Steffi Ja.

Gitte Fest und warm.

Steffi Ja.

Gitte Lebendig.

Steffi Ja!

Gitte Geil!

Steffi Geil. Ja.

Gitte Aber die Jungs, die wollen. Ja. Ich bin in Ordnung.

Anton Die Waffe.

Gitte sieht auf die Pistole in ihrer Hand. Sie deutet mit dem Lauf auf Anton.

Gitte Die lag unter deinem Bett. In einer Schachtel. Ich habe eigentlich deine Pornos gesucht.

Anton macht einen Schritt zur Seite Die lag. Die ist ein Erbstück. Gut eingeölt. Mein Großvater war im Krieg. Ostfront. Das ist Standardausrüstung der Wehrmacht.

Steffi Erzähl.

Anton Es ist eine P38. Sie wurde von der Firma Carl Walther entwickelt. Die ersten Waffen wurden im August 1939 an das Heer ausgeliefert. Die Waffe ist 215 Millimeter lang, besitzt einen 125 Millimeter langen Lauf. Sie wiegt 0,94 Kilogramm. Leer.

Gitte Das Ding ist sauschwer.

Steffi Nicht die Waffe. Dein Großvater. Krieg. Der hat gelebt. Erzähl. Hat er. Ich meine Juden?

Anton unbeirrt Die P38 war viel einfacher zu fertigen. Unempfindlicher gegen Schmutz im Einsatz als die P8, das Vorläufermodell. Die Kugel hat am Lauf eine Geschwindigkeit von 355 Metern in der Sekunde, das Magazin fasst acht Schuß. Für die Waffe wurde auch ein Schalldämpfer geliefert. Den hab ich aber nicht.

Gitte Der Revolver ist geladen.

Anton Pistole. Es ist eine Pistole.

Steffi Gib.

Nimmt Gitte die Waffe aus der Hand.

Gitte Und entsichert. Das ist leichtsinnig.

Anton Habe ich eben nach dem Reinigen vergessen. Aber wer ahnt das schon.

Gitte Gefährlich. Und knallt ganz schön.

Steffi Die ist schwer. Macht Löcher. Steht auf, streckt wie in einem Krimi die Waffe mit beiden Händen von sich. Jetzt war sie am Zug. Sie sah Hoffnungslosigkeit in seinen Augen. Ziehlt mit der Waffe auf Anton. Er hatte seine Chance gehabt. Er hatte sie verspielt.

Anton Du. Die ist entsichert. Und der Abzug geht ganz leicht.

Gitte Ich wollte gar nicht schießen. Ich wollte ihn nur erschrecken. Wie heißt er?

Anton Bernd?

Gitte Bernd. Ja.

Steffi An ihn hatte sie Jahre verschwendet. Immer war er ihr entwischt. Jetzt stand er vor ihr. Und machte sich in die Hose.

Anton tritt vorsichtig auf Steffi zu. Hör zu. Jetzt wird der Witz blond.

Steffi Einfach so in die Hose.

Anton Ein Gedicht habe ich geschrieben. Das letzte Mal auf dem Klo. Willst du es hören?

Steffi Er stank und wusste. Es war das letzte, was er in diesem Leben tun würde.

Anton Komm. Ein Gedicht. Wir lernen es auswendig.

Er macht noch einen Schritt, steht nun direkt vor Steffi.

Gitte Das ging einfach los. Ich fuchtelte rum. Bernd. Ja. ein netter Name, er passt zu mir.

Steffi zielt auf Antons Stirn Merkwürdig, denkt sie. So ein kleines Stück Metall kann einen Menschen wie ihn töten. Ich muss nur den Finger krümmen. Wieviele Muskeln bewege ich da? Wieviele Kalorien werden verbraucht? Ein Zucken. Er ist tot.

Anton Es ist ein schönes Gedicht. Er hebt langsam die Hand Es handelt von Liebe.

Steffi Sie hat ihn einmal geliebt, dachte sie. Aber es war eine Lüge. In dieser kalten Welt gibt es so etwas nicht. Gefühle aus zweiter Hand. Nur der Tod ist echt. Man kann ihn nicht wiederholen. Üben. Er ist nur einmal. Er ist wirklich. Er ist nicht langweilig.

Steffi drückt den Lauf auf Antons Stirn.

Gitte Ich muss was mit meinem Haar machen.

Anton flüstert stockend. Seht. Diese blinden Narren. Auf den Wiesen des Mondes. Sie tanzen. Ihr Leben hinweg. Längere Pause. Ihr Leben. Hinweg.

Steffi Peng.

LETZTE SZENE.

Bernd kommt zur Tür herein. Er ist angekleidet, hat aber sein Sweatshirt verkehrt herum an Na, was steht ihr hier? Na.

Steffi senkt die Waffe, gibt sie Anton in die Hand. father.

Anton yes son.

Steffi i wanna kill you.

Gitte mother.

Steffi i wanna fuck you.

Bernd singt this is the end.

Anton Hab ich irgendwo. Auf einer best of.

Geht zu seiner Anlage, beginnt zu suchen.

Bernd zu Gitte. Du hast ihm ein Loch ins Kopfkissen geschossen. Ich bin allergisch gegen Federn. Aber es war nett. Mal was anderes. Du bist in Ordnung. Und ich auch. Ich werde dir eine Geschichte widmen. Wie heißt du?

Steffi setzt sich wieder. Seufzt. Und jetzt? Was? Jetzt. Und jetzt. Was?

Anton Das Geistige allein ist das Wirkliche. Der Papst hat Angst davor.

Bernd Mal wieder. Die falsche Antwort. Gehen wir tanzen. Ja?

Vorhang. Die Anfangsklänge des Doorstitels „The End“ sind zu hören.

Gitte Stimme hinter dem Vorhang. 1968. Das war ein gutes Jahr.

ENDE

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Caféhausgespräche, Gesellschaft, Kunst, Literatur, meine weiteren Werke, Satire, Schauspiel, Sprache, Theaterstück

Antilopen – Ein Theaterstück (1. Akt. Szenen 4 – 5, Zwischenspiel)

VIERTE SZENE.

Anton Jetzt kommt das Loch.

Steffi Das Loch? Erzähl.

Anton Nicht was du denkst. Das Verlegenheitsloch. Weißt. Das kommt. Immer. Gehört zum Spiel. Da müssen wir durch.

Steffi Erzähl mir doch vom Onanieren. Ich lang…

Anton So. Ich bin ein guter Erzähler. Aber was. Habe ich denn nicht alles gesagt?

Steffi Ist das wild? Ist das ehrlich? Ist das echt?

Anton Koketterie. Sollte man mit „c“ schreiben: Coquetterie. Ich bin selten. Ehrlich, meine ich. Ich gebe nur Antworten. Manchmal ohne Fragen, manchmal die falschen. Ich reagiere. Ehrlich. Du sagst es: langweilig.

Steffi Ich hasse dich.

Anton küsst Steffi auf die Wange. Entschuldige. Ich mag dich. Das ist wichtig. Vergiss den Rest. Ich habe mich entschlossen, ehrlich zu sein. Das ist der Punkt. Ab jetzt. Alles, was vorher war, vergiss es.

Steffi Jetzt bist du auch noch langweilig.

Anton Ich sag dir was. Du willst es hören. Du wartest drauf. Du sitzt nur deshalb hier. Sitzt da und wartest drauf. Aber keiner hat es dir gesagt. Bis ich kam, ehrlich, wie ich bin. Also. Du. Du bist es. Du bist langweilig. genießerisch. Ster-bens-lang-wei-lig. Gut. Ich hör auf, vergiss es. Wollte nur ehrlich sein. Ich habs dir versprochen. Du bist auf der miesen Tour. Ich mag dich, aber jetzt geh ich Scheißen. Das ist noch viel besser.

Anton geht ab. Schweigen.

FÜNFTE SZENE.

Steffi Ich bin allein. Jetzt erzähle ich. längere Pause. Sie musste reagieren. Wenn sie es jetzt nicht tat, würde sie bald tot sein. Das Gesicht ihres Gegenübers verzog sich zu einem hässlichen Grinsen. Die Nerven lagen bloß. Der kleine Lauf seiner Pistole starrte wie ein Spanner auf das Piercing in ihrem Bauchnabel. Eine Unachtsamkeit. Darauf wartete sie. Wenn er nur eine Unachtsamkeit begehen würde! Sie würde ihre Chance nutzen.

Die Tür knarrte vom Wind, sein Kopf zuckte aufgeregt zurück.

„ Jetzt“, dachte sie, „jetzt.“

Sie riss ihr Bein hoch, schlug seine Waffe zur Seite. Ein Schuss pumpte aus dem Lauf, bohrte sich gipssprühend in die Wand. Die Pistole flog durch die Luft. Das andere Bein in die Höhe, in die Eier. Ein Tritt und es ist vorbei.

Er sackte zusammen, keuchend, Schaum vor dem Mund, das fette Schwein. Er ist hilflos. Verdammt, er japst.

Sie trat nach, in sein Gesicht. Etwas knirschte. Die Nase platzte wie eine Wanze unter ihren scharfen Pumps.

„Seine Waffe“, dachte sie plötzlich. Ein Schritt, ein Bücken, eine fließende Bewegung. Sie war schnell. Bevor er wieder zur Besinnung kam, hatte sie das ganze Magazin geleert.

Dann war Ruhe, sie hatte sich befreit.

Penibel untersuchte sie die gelochte Leiche. Aber den Brief fand sie nicht. Er hatte ihn nicht, er war der falsche. Die Suche ging weiter.

Pause.

Und ich sitze hier in einem Café. Ja, hast recht, undu ohne Namen. Ich bin langweilig und mir ist. Alles. Das. Es ist blond. Wo passiert es? Kann heute noch etwas kommen? Oder morgen? Oder überhaupt? Ich erdrücke mich selbst, aber ich kann. Was soll? Zum. Weil alle so. Ich sind. Fragen, weil nur die Frage, nicht die Antwort zählt. Man stellt fest. Sich fest. Langweilig. Ich sagte es schon. Selbst das ist langweilig. Bernd und Gitte kommen herein. Sie halten sich umarmt, bleiben vor Steffi stehen, küssen sich demonstrativ. Ist das alles? Morgen wollen sie sich nicht mehr kennen. Ich liebe dich. Oh, oh. Oh, ja. Oh. Nur diese Nacht. Mir ist laut zum Sterben!

Bernd Na? Noch immer das gleiche Thema? Wird es dir nicht? Ich meine, langweilig?

Gitte Macht es dir was aus, wenn wir. Ich meine, gehen?

Bernd zu Gitte. Zu dir.

Gitte Spinnst du? Meine Eltern.

Bernd Ich… hab auch Eltern.

Gitte Ja, dann.

Steffi lacht

Bernd Wo ist Anton?

Steffi Undu heißt Anton. Ja. Ist beim Scheißen.

Bernd Seine Lieblingsbeschäftigung. Er hat eine Bude allein. Vielleicht. Ich meine, bei ihm. Das müsste, auch wenn der das nicht mag. Ich muss ihn fragen. Dem schmiert man um den Bart, das geht. Anton ist ganz eitel. Frag ihn nach seinen Waffen.

Gitte Ich werde ganz lieb zu ihm sein. Weißt du, ich bin eine ganz Liebe. Mein Betragen ist tadelsfrei. Ich bin aufmerksam im Unterricht.

Bernd Habe ich bemerkt.

Gitte zu Steffi Oder versuchst es du? Ich glaub. Da läuft was zwischen euch.

Steffi Der Anton ist ein Arsch.

Gitte Gut.

Steffi Ja.

Gitte Du hast Geschmack.

Steffi Eben.

Bernd Verstehe ich das?

Steffi Er ist ein Arsch, aber du, du bist blond. Klar bin ich nett zu ihm. Wie kommst du zu so einem tollen Freund?

Bernd So toll ist er auch nicht. Alles Tünche. Und vieles von mir abgeschaut. Ne kleine Nummer. Der tut nur so.

Steffi Und du bist Bruce Wayne.

Bernd Wie ich ihn. Mein Gott, er saß, ich daneben. Gemeinsame Bekannte. So geht das. Wir mögen uns. Weil wir uns mögen. Das ist ganz einfach.

Anton kommt herein. Er setzt sich an einen anderen Tisch, redet dort mit Bekannten (Improvisation mit dem Publikum). Gitte, Steffi und Bernd beobachten ihn eine Weile, lauern.

Bernd Anton. lauter Anton!

Anton Gleich.

Bernd Sofort!

Anton Entschuldigt bitte. Meine Alte wird eifersüchtig. Kommt an den Tisch der anderen. Also, wo brennt’s?

Bernd Setz dich.

Anton Ich sitze.

Gitte Du bist ja einer.

Steffi Wie war’s denn beim Scheißen?

Anton Ihr wollt was. Ich merk das. Falsche Antwort. Nein.

VORHANG

ZWISCHENSPIEL.

Kellnerin steht vor dem Vorhang. Die anderen sind nur zu hören.

Kellnerin kommt nach vorn, schlüpft wie eine Tänzerin durch die Vorhangfalten, zwinkert dem Publikum zu. Ursprünglich hatten die Berge große Flügel. Sie flogen über den Himmel und landeten auf der Erde, wo es ihnen passte. Die Erde erzitterte dann und schwankte. Gott hatte irgendwann von den Erdbeben genug und schnitt ihnen die Flügel ab. Er machte die Berge an der Erde fest, damit diese endlich zur Ruhe kam und die Menschen nicht mehr erschraken. Die Flügel warf Gott hoch hinauf in die Luft. Aus ihnen wurden Wolken. Seit diesem fernen Tag sammeln sich die Wolken um die Gipfel der Berge und weinen. Schweigt und überlegt. Auf der Dokumenta hat ein Künstler mal die Zeit zu seinem Thema gemacht.

Bernd hinter dem Vorhang. On Kawara.

Kellnerin Klugscheißer. Als ob irgend jemand hier On Kawara kennt!

Bernd one million years (past and future), um genau zu sein.

Kellnerin Ja! one million years. So lange ist das. Aber das ist mein Monolog. Mensch, Bernd! Es ist der einzige, den ich habe. Im zweiten Akt, verstehst du, da komme ich nicht mehr vor. lauscht. Also. Da haben zwei Leute Jahreszahlen vorgelesen. Auf der Dokumenta. Abwechselnd. Jahreszahlen.

Bernd Beliebige Jahreszahlen zwischen neunhundertachtundneunzigtausendeinunddreißig vor Christus und eine Million und eintausendneunhundertfünfundneunzig. Der eine hatte die Zahlen vor 1970, der andere die danach. 1970 war der Knackpunkt. Warum? Frage ich mich.

Kellnerin Bernd! Du Arsch! Lass mich erzählen!

Bernd 230.354 vor Christus.

Anton 67.987.

Gitte 1993.

Steffi 654.744 .

Gitte lacht 1993, in dem Jahr bin ich geboren.

Kellnerin Dabei geschah etwas Interessantes. Manche Jahreszahlen stoßen das Gedächtnis an. Sie sind eine Markierung in der Zeit. Wie ein Berg.

Anton 1492.

Kellnerin Ja. Ein Künstler und seine Zeit. Die Zeit fliegt dahin. Heißt es. Aber das ist falsch. Der Standpunkt ist verkehrt. Es ist nicht die Zeit, die sich bewegt. Sie ist ein Monolith.

Steffi 654.745.

Kellnerin Ein Beispiel: Du sitzt in einem Zug. Der Zug neben dir fährt an. Kennst das schon? Du glaubst, du fährst, aber es ist der andere Zug. Anders.

Bernd 230.353 vor Christus.

Kellnerin Anders. Du siehst an einem Kamin hinauf. Die Wolken bewegen sich hinter ihm. Du meinst, der Kamin fällt um. Doch nicht er bewegt sich. Das ist nur Einbildung. Wie dein Zug. Er steht still. Wie die Zeit.

Gitte 1984. Orwell.

Kellnerin schreit Ist ja gut. Sie haben es kapiert.

Wendet sich ans Publikum.

Ihr habt es doch? Kapiert, meine ich? Gut. Gut. Weiter. Die Zeit ist ein Monolith. Wie eine lange Mauer. Du wirst an der Mauer vorbeigezogen. Ein kleines Stück weit. Glaubst, die Mauer bewegt sich, aber dein Standpunkt ist falsch. Die Mauer ist sich gleich, sie bewegt sich nicht, sie verändert sich nicht. Die Zeit ist sich gleich, sie bewegt sich nicht, sie verändert sich nicht. Du bleibst nicht gleich, du bewegst dich und du veränderst dich. Die Zeit. Nicht.

Bernd Ist ja gut. Sie haben es kapiert. Die Zeit steht still. Na und?

Kellnerin unbeirrt Zeit heißt Ortsveränderung. Wir gehen. Von hier nach dort. Nicht die Zeiten ändern sich. Wir ändern uns in der Zeit.

Bernd Na und?

Kellnerin Na und. Bald bin ich alt. Bald bin ich tot.

Steffi Gehen wir jetzt? Oder was? 654.746. 654.747. 657.748.

Anton singt in the year twentyfive-twentyfive.

Bernd fällt ein when man is still alive

Kellnerin Wir sind die Flügel. Die Zeit ist der Berg, um den wir kreisen. Und weinen.

Ab, winkt noch einmal.

[Zum 2. Akt —>]

 

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Caféhausgespräche, Experimente, Geschichte, Gesellschaft, Humor, Kunst, Literatur, meine weiteren Werke, Satire, Schauspiel, Theaterstück

Antilopen – Ein Theaterstück (1. Akt – Szenen 1 – 3)

Antilopen

Personen: Bernd und Anton, zwei junge Männer * Gitte und Steffi, zwei junge Frauen * Kellnerin

Erster Akt: Ein Café in der Innenstadt

Zwischenspiel

Zweiter Akt: Antons Wohnzimmer

ERSTER AKT.

ERSTE SZENE.

Das Lokal ist mit kleinen Tischen eingerichtet, um die jeweils vier Stühle stehen. Seitlich verstauben ein paar vertrocknete Pflanzen, der Thekenbereich ist vom Publikum nicht einsehbar. An der Wand hängen numerierte Hobbymalerbilder. Im Hintergrund läuft eine CD mit schnulzigen Oldies (hey saint peter, a whiter shade of pale, nights in white satin, sailin’ etc.)

Bernd und Anton kommen zögernd von links, brauchen eine Weile, um einen Platz zu finden.

Bernd sieht sich um. Manchmal denke ich, man sollte statt der Bilder die Maler aufhängen.

Anton lehnt sich zurück Ich sitze.

Bernd Verstehe dich nicht. Red lauter.

Anton Weißt. Ist eh alles blond. Die Leute und so. Das ist alles Mist. Ich bin auch blond. Nicht in echt, klar. Als ob ich verstehe. Verstehst du? Nein, du hast gerade gesagt. Egal. Kleine Pause. Ich rede auch nur. Die Luft muss in Bewegung bleiben. Was sagt man, wenn man nichts. Absolut nichts. Ich wiederhole. Egal. Mein Vater sammelt Pornohefte. Heimlich. Klar. Ich habe sie ihm früher geklaut. Weißt du, ich kann mir nichts Geiles im Kopf vorstellen. Da ist alles schwarz. Ich muss es sehen, sonst kommt es mir nicht. Meine Mutter hat mich erwischt und gemeint, die Hefte hätte ich mir vom Taschengeld geleistet. Er war fein raus, der Vater. Hat sich nie beklagt.

Bernd Tragisch.

Anton Ich wusste auch nie, was ich mit den. Unterm Bett ein Stapel. War blond. Zur Kellnerin, die schon eine Weile wartend neben ihm steht. Kaffee.

Bernd Das Selbe mit Milch.

Anton Wie geht’s?, fragte er und lachte. Lacht.

Bernd Verwirrt über die plötzliche Frage sah er sich hilfesuchend um. Sieht sich hilfesuchend um. Dann sagte er: Ich lebe. Das ist verdammt viel. Mehr, als ich erwarten kann.

Anton Geschwätz.

Bernd Er ist entrüstet. Sagt. Tiefere Gedanken waren dir schon immer ein Greuel. Wie schaffst du es? Viele halten dich für klug.

Anton Mimikri. Perfekte Anpassung. Fällt nicht weiter auf. Ehrlich, mein IQ unter neunzig. Aber immer eine auswendig gelernte Antwort auf den Lippen, die zwar wahllos fällt. Die Trefferquote ist hoch. Danke, Wahrscheinlichkeitsrechung. Meist ist es richtig. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Bernd Tust du noch etwas anderes, als dich über mich lustig machen? Ich meine irgend etwas Menschliches?

Anton Ich kann unglaublich gut scheißen.

Bernd Du bist ordinär. Bäh! Wenn du ordinär bist, bist du einfallslos.

Anton Ich bin nicht ordinär. Wie schreibt man das? Meine Verdauung ist einfach klasse. Sie ist in Ordnung. Ich versuche. Das beschäftigt mich eben. Jetzt kenn ich mich. Ordinär, ha! Erhaben. Separat vom Normalen. Heilig.

Bernd Erzähle. Anton schweigt. Okay. Ich versteh schon. Dann eben ich. Eine klare Antwort kann ich mir geben. Zwei Sätze bilden einen klaren Sinn. Heute war ein harter Tag. Obwohl ich nicht in der Uni war. Trotzdem. So ein Haushalt macht eben viel Arbeit. Ich möchte wissen, wann ich lernen soll. Ich habe heute für 40 eingekauft. Der Kühlschrank ist voll. Ob das reicht? Heute ist Donnerstag. Das Wochenende lang. Und weit. Ich habe Brot, Käse und Butter. Und Schokolade! Gespannte Pause, aber Anton reagiert nicht. Die war billig. Im Sonderangebot. Egal, was sie kaufen. Sie liegen immer richtig. Sie können gar nicht falsch. Greifen sie zu. Occassion. Einmalige Rabatte. Ich bin so drin im Kreislauf. Fühl mich wohl. Kaufe Schokolade. Du, ich mag Schokolade gern. Mit Nüssen. Sie ist wie Regen im Winter, wenn du weißt, was ich meine. Lyrik, halt Schokolade. Das Wort drückt alles aus. Ich werde das ganze Wochenende Schokolade essen.

Anton Ich habe erst gestern.

Bernd Ich freue mich auf das Wochenende. Aber heute ist erst Donnerstag.

Anton Onaniert.

Bernd Dein Thema Nummer Eins.

Anton Thema Zwei. Zuerst kommt meine Verdauung.

Bernd Bei mir die Frauen. Noch vor Schokolade. Sind die süß.

Anton Sag. Was ist das? Frauen? Manchmal frag ich mich. Nicht nötig. Meine Mutter war ein Mann. Die Kellnerin bringt die Getränke, klopft Anton auf die Schulter.

Kellnerin Wie geht´s?

Anton Die Scheibenwischanlage war kaputt.

Bernd Was?

Anton Die falsche Antwort, Entschuldigung. Manchmal habe ich die falsche Antwort auf der Zunge. Es ist ein Kreuz mit der Stochastik. Kellnerin ab.

Bernd  Du bist schon ein selten blöder Hund, behauptete er.

Anton Ich hätte noch einmal eine falsche Antwort, antwortete er trocken.

ZWEITE SZENE.

Zwei Mädchen kommen von links. Sie halten sich zu Anfang an den Händen, sehen sich suchend um und setzen sich dann an einen leeren Tisch neben dem der Jungen. Sie setzen sich so, dass sie Bernd und Anton im Auge behalten können. Vieles von dem, was sie sagen, scheinen sie an den Nebentisch zu richten.

Steffi Mir ist langweilig.

Gitte Wem nicht?

Steffi Mir ist buchstabiert l-a-n-g-w-e-i-l-i-g.

Gitte Gehen wir doch zu mir. Noch ist nichts bestellt. Ich habe eine CD von Cohen, eine neue. Immer wenn ich Cohen höre, kriege ich eine miese Stimmung. Dann ist mir Weltschmerz, dann bin ich geknickt, traurig. Nur wer die großen Gefühle kennt, kann die kleinen genießen. Ich mag das. Und so viel mehr. Ich lache gerne. Ich bin erwachsen und. Du hast recht. Langweilig. Das bin ich. Kurze Pause. Ich bin rothaarig. Rotblond eigentlich. Ist dir das schon aufgefallen? Das ist in. Ich brauche mir die Haare nicht zu färben. Mach ich eh nicht gern. Das macht die Haare kaputt. Und dann muss ich mir die Spitzen schneiden lassen. Ich hasse das. Als ich das letzte Mal war. Ich denke mir anschließend, da stimmt was nicht. Ich nehme ein Lineal. Messe vom Scheitel nach. Drei Zentimeter! Sauerei. Mein Gott, was fällt denen ein! Entstellt. Links zu kurz. Die erlauben sich alles. Dafür zahl ich. Kurze Pause. Ich habe beim ersten Mal geblutet wie ein Schwein. Wir mußten die Laken waschen, damit es meine Eltern nicht merkten. Kochwäsche, neunzig Grad. Alles ist eingelaufen, aber der Fleck in der Matratze blieb. Ging nicht raus. Meine Mutti hat nichts gesagt. Der Andi ist nett. Ein Freund von mir. Immer noch. Manchmal treffe ich ihn.

Steffi Mir ist langweilig. L-a-n-g-w-e-i-l-i-g.

Gitte Sprich doch die Jungs da an. Schauen eh dauernd her. Ach so, heute ist Donnerstag, nicht? Schon klar, aber man kann Ausnahmen machen. Ich rufe daheim an. Die verstehen das. Meine Mutti sagt nichts. Dann probiere ich es mit den Jungs. Oder lieber vorher. Und dann anrufen. Falls es nichts wird. Was meinst du?

Steffi Langweilig.

Gitte Ja. Findest du? Ich bin schwer in Ordnung. Viele mögen das, wie ich bin. Mein Gesicht ist auch in Ordnung, irgendwie. Nicht. Die Nase. Ja, die wirkt. Komm, ich habe Erfolg. Ich bin rotblond. Das kommt an.

Steffi lall-langweill-lall- langwie? Lang-weilig.

Gitte Mein Problem sind die Hüften. Die könnten. Ein bisschen weniger wäre. Du weißt. Die Hüften. Die habe ich von Mutti, was soll ich machen? Die sind so hässlich. Was soll ich tun? Ich mag meine Hüften nicht. Sie sind dick.

Steffi ja. Sie sieht auf.

Gitte Richtig dick.

Steffi Ja.

Gitte ordinär.

Anton dazwischen Was heißt eigentlich ordinär?

Steffi Ja.

Gitte fett.

Steffi Ja.

Gitte widerlich.

Steffi Ja.

Gitte Geil!

Steffi schreit Ja!

Gitte Nicht so laut. Braucht nicht jeder zu wissen.

Steffi Ich liebe dich. Sie streicht Gitte über das Haar.

Gitte Ich weiß. Fettig, nicht? Ich muss es ständig waschen. Aber trotzdem. Nach nur einer Stunde. Fettig! Wie meine Hüften.

Steffi lang, lang, lang. langweilig.

DRITTE SZENE.

 Bernd tritt an den Tisch der Mädchen.

Bernd Dir ist langweilig.

Gitte Setz dich doch.

Anton ruft herüber. Ich sitze.

Bernd Achtet nicht auf den. Der spinnt. Der ist blond.

Anton Ich höre zu.

Steffi Ja.

Gitte Ich bin heute gut drauf. Setz dich doch. Ich heiße Gitte.

Bernd Und du?

Steffi I-Gitte. Ja. Undu.

Bernd Bernd. Was ist dein Sternzeichen? Setzt sich.

Gitte Ich bin Widder. Mein Horoskop für diese Woche: Ich habe mich in den vergangenen Monaten so überanstrengt, dass gesundheitliche Störungen nicht ausbleiben können. Nur mit eiserner Disziplin und einer Umstellung meiner Lebensweise komme ich wieder auf die Beine. In der Partnerschaft setze ich alles auf eine Karte und mache aus meinen Gefühlen kein Geheimnis. Im Beruf bleibt die Woche ohne Probleme.

Bernd Und du?

Steffi Ich bin Antilope. Undubernd.

Anton Ich bin Antilope. Setzt sich nun ebenfalls an den Tisch der Mädchen. Antilope ist ein gutes Sternzeichen. Das Beste.

Gitte Du willst mich doch verarschen.

Bernd Ich will leben. Das ist das Einzige, was ich will. Das ist schwieriger, als man glaubt.

Gitte Erzähl.

Steffi Mir ist langweilig.

Anton Das Gegenteil von langweilig ist kurzgehig. Lacht. Das ist grotesk. Aber ein schönes Wort: kurzgehig. Mir ist kurzgehig. Gehst du auch kurz? Die unerträgliche Kurzgehe.

Bernd gleichzeitig. Ich will Leben. Nicht zum Bund oder so, nicht Geld verdienen, den Scheißkram, heiraten. So ein Mist, das ist blond. Das alles. Davon habe ich genug. das ist so kompliziert. Leben ist viel einfacher, viel besser. Denke ich.

Gitte Bist du ein Künstler?

Bernd Ja. Anton lacht schallend.

Gitte Und du?

Anton Ich züchte Joghurtkulturen.

Steffi Ja. Undann.

Anton Und dann verkaufe ich sie.

Steffi langw…

Anton Sehr. That’s life.

Gitte zu Bernd Du bist nett. So ruhig und seltsam. Magst du Cohen?

Bernd Ich sage ja, weil ich will, dass du nett bist. Aber eigentlich finde ich ihn zum Kotzen.

Gitte Das ist es, was mir an ihm gefällt.

Kellnerin tritt an den Tisch. Sitzt ihr jetzt hier?

Anton Ich sitze.

Bernd Witze werden nicht besser, wenn man sie oft wiederholt.

Kellnerin Soll ich noch etwas bringen?

Steffi Salomes Kopf.

Kellnerin Was ist mit euch los? Spinnt ihr?

Anton Quatsch. Anmache. Kellnerin nickt wissend, ab.

Bernd Erst gestern habe ich einen alten Dokumentarfilm über den Ingeborg-Bachmann-Preis gesehen. Klagenfurt. Da komme ich auch mal hin. War alles echt. Die armen Autoren, die. Verstehst du? Eine harmlose Geschichte. Gutgläubig. Dann kommt der Verriss. Von diesem fetten Kerl. Wie heißt er gleich? Schrecklich. Ich hätte mir nicht die Stirn aufgeschnitten, ich hätte den Kerl vergewaltigt.

Gitte Tragisch. Was sagst du eigentlich?

Anton Ich bin inzwischen so weit, daß ich zufrieden onanieren kann. Wenn ich jetzt mit einer Frau schlafe, habe ich immer das Gefühl, ich würde jemanden betrügen. Als ob ich mit einer festen Freundin zusammen wäre.

Gitte Du liebst dich zu sehr.

Steffi interessiert. Wie ist das?

Bernd Bitte. Sei still. Das muss doch nicht.

Anton zu Steffi. Ich meine, er ist nicht groß, eher mittel, ach, eigentlich genau richtig für mich. Ich lange ihn gerne an. Das ist ein gutes Gefühl. Fähig. Total. Ich erlebe den Orgasmus auch intensiver allein. Das ist ehrlich wild. Total.

Bernd Halt doch dein Maul.

Steffi zu Bernd. Undu bist langweilig. Ich mag ich nicht.

Anton Verstehst du? Klar, verstehst. Das ist einfach wilder. Ehrlicher. Es gab mal. Es war. Einmal. Machmal. Es ist eben gut. Aber dazu muss ich Pornohefte kaufen. Ohne ist es zum Kotzen.

Gitte Möchtest du gerne zuschauen?

Anton Nein, das ist es nicht. Ich muss allein sein. Und ich brauche die glänzenden, geruchsfreien Fotos. Stille. Die brauche ich. Bewegungslosigkeit. Zur Konzentration. Die dürfen sich nicht bewegen. Ich darf mich nicht ablenken. Durch Geräusche. Licht. Schlimm.

Steffi Wann hast du dich zuletzt betrogen?

Bernd Interessiert euch das? Ehrlich? Ich finde es nur zum Kotzen. Darüber spricht man doch nicht. Hinlegen und kotzen. Aber immer noch besser, als wenn er von seiner Verdauung spricht. Steht auf. Entschuldigt mich. Ich hab nen Termin.

Gitte steht ebenfalls auf. Wir haben den gleichen Weg.

Bernd verwirrt. Ich muss bloß aufs Klo.

Gitte hakt sich bei ihm unter. Ein Stück weit. Ich geh nicht gern allein.

Anton zu Bernd. Wenn du nicht ständig schlucken würdest, liefe dir der Speichel aus den Mundwinkeln.

Bernd Depp, blonder!

Bernd und Gitte gehen ab. Schweigen.

[Zum nächsten Teil —>]

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