Vorankündigung: Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman

Eine Kleinstadt Mitte der 90er Jahre in der bayerischen Provinz: Die Bilder des Malers Jonas Nix sind eine künstlerische Sensation und Tagesgespräch bei den Kulturschaffenden. Doch liegt das an der Qualität seiner düsteren, blutigen Werke oder eher an seinen verwandtschaftlichen Beziehungen zu Stadtrat und Wirtschaft?

Der junge Journalist Georg Hauser, der mit dem Maler in die Schule gegangen ist, beginnt nachzuforschen und die Personen im Umfeld von Nix zu befragen. Er wird dadurch in eine Intrige verwickelt, die bald auch sein Leben bedroht und ihn vor die existenzielle Frage stellt:

Wie weit würdest du für deine Kunst gehen?

»Der Mensch durstet nach dem Bösen, ihn dürstet da­nach, schuldig zu werden, aber er wagt – oder vermag – es nicht, dem Bösen seine Seele zu verschreiben, er schlägt krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, usw … So sagt Georges Bataille in einer Geschichte.

Mögen Sie sie auch, diese kaum aussprechbare Abkür­zung einer nichtssagenden Floskel, dieses usw., das es auch noch als usf. oder als, besonders schön auszuspre­chen: u. Ä. gibt. Was wäre ein Schüleraufsatz ohne die­ses usw? Man benutzt es immer dann, wenn man selbst nichts mehr weiß, wenn die Inspiration versagt und man erschöpft den Rest der Gedankenkette der Fantasie des Lesers überlässt. Jeder von uns setzt instinktiv und intuitiv für dieses usw. etwas ein, das ihn persönlich be­trifft, es ist eine Art Rorschach-Test mit Buchstaben. Als ich den eben zitierten Satz zum ersten Mal bei Bataille las, ersetzte mein Unterbewusstes das usw. sofort mit dem Wörtchen Kunst. Der Satz las sich dann für mich so:

Der Mensch durstet nach dem Bösen, aber er vermag es nicht, ihm seine Seele zu verschreiben, deshalb schlägt er krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, die Kunst. Und ich war anschließend von Batailles ent­täuscht, weil er auf diesen, nämlich meinen, Gedanken nicht weiter einging, sondern sich im Weiteren nur mit der Neurose und dem Gelächter beschäftigte. Später fand ich dann zu meiner Beruhigung heraus, dass für ihn die Neurose und die Kunst fast synonyme Begriffe sind. Neurose ist ihm die Sehnsucht nach der Angst, die Gott hat. Kunst ist also die Sehnsucht nach der Angst Gottes.

Keine Angst, ich habe nicht vor, mit Ihnen über die Schwierigkeiten der Hermeneutik zu reden. Ich bin hier, um Ihnen etwas über die Kunst von Jakob Nix zu erzäh­len. Und, zu Ihrer Beruhigung, ich werde mich kurz fas­sen.

Deshalb komme ich aber an Batailles nicht vorbei, des­sen Unbehagen am Dasein eine enge Geistesverwand­schaft mit dem Nixschen Behagen an der Besudelung zeigt. Denn dessen Anliegen war neben dem selbstzer­störerischen Schenken, auf das ich später eingehe, im­mer das Tabu und das bewusste Überschreiten dessel­ben, um sich zum Menschsein zu befreien. Klingt Ihnen das zu hochgestochen? Ich kann es auch anders formu­lieren: Es gibt von Batailles einen Text, in dem jemand seine tote Mutter schändet. Und es gibt von Jakob Nix ein Bild, das er mit seinem eigenen Blut gemalt hat.

Wir loben uns, in einer tabulosen Gesellschaft zu leben, die all die kleinlichen Vorurteile unserer Väter über­wunden glaubt. Keine abwegige sexuelle Leidenschaft kann uns noch schockieren, wir sind in der Psychologie unseres Jahrhunderts geschult, haben für alles Ver­ständnis. Keine menschliche Regung ist uns fern. Sind wir also, wie ich formulierte, zum Menschsein befreit? Manche glauben es, aber ich will es bezweifeln. Ich den­ke, das Gegenteil ist der Fall: Wir leben in einer gefessel­ten, in einer neurotischen, engstirnig bürgerlichen Ge­sellschaft. Mit unserer freien Sexualität ist es nicht weit her, wir haben sie nur hygienisch und steril gemacht. Wir alle haben den Sex im Hirn, aber das ist der Ort, wo er am wenigsten hinpasst und auch am wenigsten be­friedigt wird.

Und daraus lässt sich nur schließen, dass die Tabus der Gesellschaft noch lange nicht gebrochen sind, diese Ge­sellschaft noch immer die Kraft hat, sie aufrecht zu hal­ten und ihre Verletzung unter Strafe zu stellen. Das Böse ist dabei das kräftigste Tabu. Ich spreche nicht von einem mythischen oder religiös definierten Bösen als Wi­derpart des guten Gottes, sondern von der gesellschaft­lichen Vereinbarung Böse, zu der es uns laut Batailles als egoistische Einzelwesen alle hinzieht. Und was ist böse? Es ist vor allem der Tod; er ist der Schaden der Gesellschaft und wir alle haben ihn zur Seite gedrängt, um ihn zu vergessen. Wir würden das Sterben unter Strafe stellen, wenn es einen Sinn hätte. Und gleichzeitig und das ist die Perversion dieses Tabus, sehnen wir uns alle nach dem Tod, denn er ist ein Teil von uns, den wir nur mit Hilfe einer Neurose, eines Gelächters oder eben der Kunst verdrängen können. Er schlummert in jedem von uns, wird jeden Tag ein wenig wacher. Jeden Tag werden wir ihm ein wenig ähnlicher. Da hilft kein Makeup.

Und trotz unseres Ekels vor der Sterblichkeit und der Verwesung gibt es uns einen masochistischen Schauer, erkennen wir uns wieder, wenn wir verstohlen in den Fernseher sehen und uns die Leichen der Kriege, Ver­brechen und Unglücke in handliches Format gepackt häppchenweise und farbenfroh vorgeführt werden. Aber nie darüber reden, diese Sehnsucht verschließen wir in uns: Das ist die Neurose, die uns fesselt. Solange wir nicht mit dem Tod umgehen können, werden wir keine Menschen sein. Jakob Nix hat die Überwindung dieser Neurose zu seiner Kunst gemacht. Geben wir zu, seine Bilder schockieren uns, aber es ist unsere eigene Einstellung zum Tod, die uns schockiert, die wir nicht sehen wollen, die uns hindert, frei zu werden. Hegel sagt, der Tod sei das Furchtbarste, und das Tote festzu­halten, sei das, was die größte Kraft erforderte. Nix nimmt seinen Kampf mit diesem Schrecken auf, er packt unter Aufbietung seiner Lebenskraft den Tod an den Hörnern und er läd uns alle ein, bei diesem Spektakel zuzusehen. Er macht uns damit ein Geschenk, schenkt uns einen Teil seines Daseins, auch wenn es ihn selbst zerstört. Nur wer das Höchste versucht, gewinnt die Freiheit des Menschseins.

Auch das Leben ist ein Geschenk, so trivial es klingen mag. Das Furchtbarste ist nicht, jemandem ein Ge­schenk wegzunehmen, sondern es ihm kaputt wieder­zugeben. Wir alle haben das Geschenk Leben von dieser Gesellschaft kaputt zurückbekommen. Und einmal in dieser mageren Frist zwischen Geburt und Tod, mit der wir so verschwenderisch umgehen, sollte jeder darüber nachdenken, was dies für ihn bedeutet.

Nehmen Sie das Angebot an. Benutzen Sie die Bilder zum Nachdenken, zum Nachfühlen, zum Erleben usw.

Ich danke Ihnen für den kurzen Moment der Aufmerk­samkeit.«

Ab morgen jeden Montag auf meinem Blog:

 

 

 

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Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 7)

[zum 1. Teil …]

Schon versperrte ihr eine dem Polizei-goLEM Omega nachgebildete Firewall den Weg und erkundigte sich nach dem Grund ihrer Anwesenheit. Dabei hielt sie drohend ihren an der Spitze rotglühenden Waffenarm auf sie gerichtet. Fabia war nicht direkt in Gefahr, denn ihr Gegner existierte ja nur im virtuellen Raum. Im schlimmsten Fall würde sie aus der Simulation geworfen werden. Sie hatte jedoch schon von Fällen gehört, bei denen bei Cybernauten nach einer Attacke ernsthafte psychische Beschwerden zurück geblieben waren und es hatte während der Simulationen auch schon den einen oder anderen Herzinfarkt gegeben.

Solch wehrhafte, aber hoffnungslos veraltete Schutzroutinen wie diese, die Fabia den Weg verstellte, waren für eine erfahrene Cybernautin an sich problemlos zu knacken – da hatte sie ihr Können schon an ganz anderen Nüssen erprobt. Sie konnten allerdings äußerst begriffsstutzig und hartnäckig sein, auch diese Eigenschaften hatten sie von ihren Originalen im echten Leben übernommen. Das Beste war, man überrumpelte sie. Die Kontaktaufnahme, ohne den Eindringling sofort anzugreifen und ihn aus dem Speicher zu löschen, war einer der Programmierfehler dieser veralteten martialischen Firewall. Sie gab Fabia ausreichend Zeit, zu reagieren. Während sie den vorgetäuschten Omega mit einer Unzahl unsinniger Anfragen spamte und ihn überforderte, gelang es dem virtuellen Pendant von ihrem Omicron, ihn durch eine eingeschleuste Hintertür-Routine außer Funktion zu setzen. Der Wächter erstarrte und trudelte dann wie ein Gummiballon, aus dem durch ein Loch die Luft entweicht, davon.

„War das schon alles?“, fragte sich die Cybernautin. „Das kommt mir fast zu einfach vor.“

Bevor sie den nächsten Schritt unternahm, schloss sie sich deshalb näher mit ihrem goLEM zusammen und errichtete um ihre beiden virtuellen Abbilder einen Schutzwall aus Code. Keinen Augenblick zu früh! Denn nur einen Gedanken später wurden die beiden von einer Art Fluggeschwader angegriffen. Es waren Anti-Viren-Definitionen, die aber mangels Update so betagt waren, dass sie wirkungslos an der Hülle verpufften, die Fabia gebildet hatte.

An einem anderen Tag hätte sie sich noch ein wenig mit den hilflosen Abwehrversuchen des Plattformsystems vergnügt und in seinen Speichern gewühlt, aber sie hatte es eilig und übernahm nun rasch die Administrator-Rechte, deren Passwort durch einen so simplen Algorithmus verschlüsselt war, dass Fabia fast Omicrons Verachtung zu spüren glaubte, als er ihn problemlos knackte. Damit drang sie endlich ungehindert in das Innerste der Software vor und forderte sofort einen Schweber an. Die KI baute gehorsam eine Verbindung zum Flug-Netzwerk auf. Tatsächlich hatte das I-Net den Schweberverkehr eingeschränkt, aber es war kein Problem, eine noch in der Luft befindliche leere Kugel, die eigentlich bereits auf dem Rückweg zu ihrer Garage war, zum Henri-Gouraud-Wohnturm umzuleiten. Fabia hoffte, dass ihre illegale Aktion im allgemeinen Chaos nicht auffiel.

Eigentlich hatte die junge Frau damit erreicht, was sie wollte, aber sie nutzte die Gelegenheit und sah sich doch noch ein wenig um. Über eine nur selten verwendete Subfrequenz von I-Net gab sie verschlüsselt bekannt, dass sie momentan über die IP der Schweberplattform erreichbar war. Wie sie wusste, wurde diese Frequenz von den Citoyens abgehört und häufig für ihre Kommunikation benutzt. Vielleicht bekam sie ja Kontakt zu einem ihrer Freunde, der mehr über den Putsch der 2MC wusste. Tatsächlich materialisierte sich fast augenblicklich in der virtuellen Schaltzentrale der Plattform die Avatarin von Xaver Delande. Die bleiche Erscheinung mit den todtraurigen Augen, die ihre dunkelroten Haare durch einen strengen Mittelscheitel geteilt trug und sie größtenteils unter einem Haubenhut verbarg, den sie unter ihrem Kinn mit einer Schleife festgebunden hatte, trug etwas schäbige Frauenkleider aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und sollte Jane Eyre darstellen, die neben der Beauvoir, George Sand und Lizzy Bennet zu den beliebtesten Hologramm-Figuren überhaupt zählte.

Der mit dem merkwürdigen und veralteten bayerischen Vornamen gestrafte Xaver – er war wahrscheinlich der einzige unter den Milliarden von Menschen auf der Erde, der noch so hieß – war nicht nur zweifelsfrei ein Mann, sondern er war zudem blond und muskulös wie ein Ringer und wies auch sonst im echten Leben keinerlei Ähnlichkeit mit der Romanfigur der Charlotte Brontë auf. Aber die hatte Fabia in ihrem virtuellen Dasein zu ihrem Sartre ja auch nicht. Xavers Zwillingsschwester Sadie war übrigens Fabias beste Freundin – auch wenn sie ebenso erfolglos mit ihr um die Gunst von Samuel Rosenthal konkurrierte. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb waren die beiden nicht nur im echten, sondern auch im virtuellen Leben unzertrennlich und verbrachten einen großen Teil ihrer Freizeit miteinander. So wunderte sich Fabia nicht, dass auch Sadies Avatar, der schwarzhaarige, düstere Heathcliff aus Wuthering Heights, prompt neben Jane Eyre auftauchte. Sadies Fachbereich war die Anglistik, die sie mehr prokrastinierte als studierte. Die beiden kannten sich über Professor Rosenthal, der ja sowohl Informatik-, als auch Shakespeare-Vorlesungen hielt. Sadie und Xaver hatten schon vor Fabia zum kleinen Zirkel der streitbaren Citoyens gehört.

Jane Eyre und Heathcliff sahen sich neugierig um. Fabia war längst daran gewöhnt, dass ihre Freunde im virtuellen Raum Avatare des anderen Geschlechts benutzten, was übrigens erstaunlich oft geschah. Es war ein Massenphänomen. Sie selbst versteckte sich ja hinter einem alten Mann.

„Wo du dich überall herumtreibst. Das ist doch wirklich nicht die beste Gegend“, stellte Sadie etwas mokant fest. Ihr gut aussehender Avatar brachte diesen Gesichtsausdruck mit einem Lippenkräuseln hervorragend zum Ausdruck. „Aber es ist schön, von dir zu hören. Wir waren schon in ernsthafter Sorge.“

„Wir haben nur nicht allzu viel Zeit“, mischte sich Jane Eyre, also Xaver, ein. „Diese Verbindungsfrequenz wurde vorhin von EDY für Privatübermittlungen gesperrt und wird nun vom I-Net überwacht. Zuwiderhandlungen ziehen eine sofortige Internierung nach sich. Also, bevor unsere Firewall zusammenbricht und wir erwischt werden: Wo bist du? Wir befinden uns alle in Babel und warten auf dich. Ohne dich können wir hier nicht weiter machen!“

„Ich bin schon auf dem Weg zu euch. Ich muss allerdings noch einen Zwischenstopp an einer Hämolyse-Station machen.“

„Aber beeile dich! I-Net hat den Countdown für den Impact schon gestartet.“ Xaver nickte ihr zu und löste sich dann auf. Er hatte seine Verbindung gekappt. Sadie sah sich um und trat einen Schritt näher. Ihr Heathcliff sah plötzlich besorgt aus. Sie hatte seine Stimme zu einem Flüstern gesenkt.

„Du kommst mit einem Schweber von deiner Wohnung, richtig? Dann solltest du die Flüchtlingsströme weiträumig umgehen und versuchen, dich von der anderen Seite her der Universität zu nähern. Ich rate dir dringend, uns von Nordosten über Bezons anzufliegen und schon bei den Val-d’Oise-Zwillingstürmen die Seine zu überqueren. Ich habe diese Route als den schnellsten Weg ermittelt und schicke sie dir“, schlug Sadie vor. „Hast du das empfangen?“

„Danke, ja. Ich habe die Route an Omicron weitergeleitet. Nur die Ruhe; noch ist Zeit. Ich bin ja bald bei euch.“

„Hoffentlich, denn mache mir Sorgen um dich, Chica!“, fügte Sadie nach einem kurzen Zögern hinzu, dann verließ auch sie den virtuellen Raum. Alleine gelassen, sah sich Fabia noch einmal in dem abstrakten Tumult um, in dem sie sich bewegte, aber hier gab es nichts mehr für sie zu tun.

Wie immer kostete es die Frau einige Anstrengung und Willen, sich von der künstlichen Welt zu lösen und in die sogenannte Realität zurückzukehren, von der sie wusste, dass auch sie nur aufgrund von elektrischen Impulsen in ihren Nervenbahnen in ihrem Gehirn entstand und vielleicht ebenso falsch war wie der virtuelle Raum in der Schweberkonsole. Fabia hatte sogar den Eindruck, dass es ihr jedes Mal etwas schwerer fiel, wieder aufzutauchen. Sie kannte die Gefahr, von dem virtuellen Leben abhängig zu werden, eine Sucht, die VR-Junkies dazu verführte, ihr ganzes Leben in imaginären Welten zu verbringen. Doch so gerne sie auch geblieben wäre, den bevorstehenden Weltuntergang konnte sie nicht im Cyberspace aussitzen. Fabia fragte sich besorgt, wie viele Menschen genau dies trotzdem versuchten und sich auch von I-Net und EDY nicht davon abbringen ließen, mit einem Computer verbunden in ihren Wohnungen und in an den erträumten Orten auszuharren, die ihnen ihre Interfaces und Augreyes vorgaukelten.

Seufzend gab sie Omicron den gedachten Befehl, ihre Verbindung mit der Steuerungseinheit zu lösen und öffnete die Augen.

[Fortsetzung am nächsten Freitag …]

Ein Kommentar

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 12)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

„Das Ende meiner Geschichte kann in den Geschichtsbüchern des alten Bingh-Reiches und in Lakmis eigenen Aufzeichnungen, die glücklicherweise die Zeiten überdauert haben, nachgelesen werden.

Der URS brachte das tapfere Mädchen ohne Zwischenfälle in Sicherheit. Der pferde- und auch fahrerlose Wagen steuerte in atemberaubender Geschwindigkeit gen Westen an den Rand des Schlachtfeldes und noch ein Stück darüber hinaus in Wüstennacht hinein, bis er stoppte und seinen Passagier entließ. Kaum hatte Lakmi ihr Gefährt verlassen, nahm es wieder Fahrt auf und kehrte auf den Reifenspuren, die es hinterlassen hatte, wieder zurück. Lakmi sah sich um und wurde von Lichtern angelockt, die nicht allzu weit entfernt in einer Senke flackerten. Von TYCHO geführt stieß sie noch in der selben Nacht auf eine winzige Oase inmitten der öden Toten Wüste. An ihr lagerte eine kleine Karawane, die schweren Süßwein aus dem barbarischen Süden gen Karukora beförderte und von ihrem Weg abgekommen war.

Die Oase lag jenseits der Handelsrouten und war nur wenigen Karawanenführern bekannt. Sie wurde wegen ihrer Nähe zu den Schlachtfeldern gemieden, aber ein Sandsturm, dem man ausweichen wollte, hatte den Handelszug zu Lakmis Glück von seinem ursprünglichen Pfad abgebracht. Die plötzlich aus dem buchstäblichen Nichts auftauchende Frau wurde von den erstaunten Händlern freundlich aufgenommen und kehrte mit ihnen gemeinsam nach fünf Tagen zurück in ihre Heimatstadt, in der sich schnell das Gerücht über das Mädchen verbreitete, das die Schlachtfelder des Ewigen Krieges bereist hatte – und wieder heimgekommen war. Es dauerte nicht lange, dann gelangte diese unerhörte Geschichte auch vor den Thron des Namenlosen, der sich in sie verliebte und um sie freite. er musste jedoch noch viele Jahre warten, bis die tapfere Lakmi sein Werben erhörte.

Als erstes jedoch eilte Lakmi zurück zu ihren Eltern, die längst alle Hoffnungen hatten fahren lassen, ihre Tochter einmal wieder lebendig in die Arme schließen zu können. Wie ich euch bereits berichtete, schaffte sie es mit der Hilfe ihres Zauberstabes, ihren siechen Vater Lafar von seiner schweren Krankheit zu heilen. Und als übers Jahr ihre Brüder von ihren Abenteuern zurückkehrten, fanden sie den gesunden Bürstenmacher fröhlich pfeifend und werkelnd in seiner Werkstatt vor. Was war das für eine fröhliche Familienzusammenkunft!

Lakmi-âs-Sekr war jedoch schon längst wieder weitergezogen, denn ihr Fernweh war eine der Krankheiten, die auch ihr TYCHO nicht zu heilen vermochte. Ich kann euch leider nicht mitteilen, ob sie bei ihren Reisen schließlich bis nach Pardais gelangte und dabei ihre Karte vom Weg, der in den Tag führt, benutzte. Ich weiß auch nicht, was aus ihrem Zauberstab TYCHO geworden ist. Aber es gibt schon viele Jahrhunderte das hartnäckige Gerücht, Lakmi hätte beide – die Karte und den Stab -, irgendwo im alten Palast von Karukora verborgen. Vielleicht sind diese Artefakte ja beim Großen Brand verloren gegangen, vielleicht warten sie noch immer auf einen mutigen Entdecker …

Was jedoch Asgëir, den Delphi und Unsterblichen, betrifft: Er wartete noch lange vergeblich bei der Falltür in den Ruinen auf Lakmis Rückkehr aus dem Worum. Endlich jedoch, nach vielen, vielen Monaten – Zeit bedeutete ihm ja wenig-, gab er die Hoffnung auf, schulterte resigniert sein Gepäck und suchte an anderen Stellen auf der Welt nach den restlichen Stäben der Macht, die wiedervereinigt die gewaltigste Waffe, die die Erde je gesehen hatte, wären. Diese Stäbe fanden dann tatsächlich vor gut zehn Jahren im Land des grausamen Zares Sander XII. zueinander und das Schicksal von Asgëir erfüllte sich.“

Alis zögerte nur kurz.

„Aber das ist eine weitere Geschichte nach der Geschichte und ich will sie euch an einem anderen Tag erzählen“, endete er dann mit fester Stimme und wartete geduldig auf den Lohn des Erzählers, den Beifall seiner Zuhörer. Er setzte nach einem kleinen, zögernden Augenblick der Stille tosend ein.

Der Vezir Ómer, den seit geraumer Zeit eine beinahe unwiderstehbare Schläfrigkeit die Augenlider beschwerte, hätte seinen Einsatz, als er endlich, endlich, nach so vielen Worten am Ende von Alis‘ Geschichte kam, beinahe verpasst. Es war der donnernde Applaus, der ihn grunzend aus seinem Halbschlaf aufschrecken ließ. Der kleine Mann mit dem riesigen Turban sprang wie unter Strom gesetzt wieselflink auf die Beine und achtete nicht auf seinen Stuhl, der hinter ihm umfiel und zu Boden krachte. Er war nicht der einzige, der sich erhob. Im Publikum waren viele klatschend aufgestanden, um Alis für seine lange Geschichte zu danken. Manche waren tatsächlich begeistert, aber die meisten schenkten doch nur Beifall, weil sie damit diesen Teil des Abends endlich hinter sich gebracht hatten und nun die Nachspeisen gereicht würden. Auch die Tische mit den Adligen, den Würdenträgern, den vornehmen Gästen und den Diplomaten standen geschlossen von ihren Stühlen auf und applaudierten – alle außer dem Namenlosen selbstverständlich, denn es war nicht mit der Würde seines Ranges als Herrscher vereinbar, vor einem einfachen Märchenerzähler zu stehen. Doch auch er gab freundlichen Beifall.

Deshalb fiel nicht weiter auf, dass der Vezir den Soldaten, die den Raum bei der Eingangstür bewachten, ein aufforderndes Handzeichen machte. Einer von ihren öffnete geschwind die große Flügeltür und der Ser’Asker Paşa Ultem kam mit ein bewaffeten Trupp seiner Männer herein. Die Hände der Soldaten lagen auf ihren Schwertern und hinter ihnen wurde die Tür sofort wieder verschlossen. Der vom Vezir bestochene höchste General Karukoras schritt von seinen treusten Männern gefolgt durch die Tischreihen der Klatschenden langsam nach vorne zur Empore, direkt auf den Namenlosen zu, der ihn überhaupt nicht zu beachten schien. Auch der aufmerksame Hauptmann Galves, der nun hinter seinem Regno stand, und Sahar neben ihm bemerkten davon nichts – der verkleidete Mönch, weil er neidisch Alis‘ Verbeugungen beobachtete und Galves, weil er besorgt sah, dass sein Fürst beim Aufstehen schwankte und sich dann stöhnend gegen die Tischplatte stützte. Hatte der Bär zu viel getrunken? Das konnte Galves sich bei Raul, der lachend ganze Metfässer leerte und anschließend mit seinen stärksten Kriegern rang, eigentlich nicht vorstellen.

Ómer öffnete gerade den Mund, um den Befehl zu geben, den Namenlosen gefangen zu nehmen, da kam dieser ihm zuvor: Mit einer lauten und beißend scharfen Stimme, die dem jungen „Unterwerfer“ niemand im Saal zugetraut hätte – zu allerletzt sein Vezir -, forderte er Ruhe. Überrumpelt blieb Ómer stumm. Der Applaus endete und eine atemlose Stille lag über dem Raum. Alle starrten gebannt nach vorne. Der Blick des Herrschers ruhte jedoch ruhig auf den Elitesoldaten, die gemeinsam herantraten. Jetzt erhob auch er sich gelassen von seinem Platz.

Ser’Asker Ultem!“, sprach der Namenlose den alten Soldaten an, der die Bühne neben Alis erklommen hatte und wenige Schritte vor ihm stehenblieb. „Wer ist dein Herr? „Wer ist dein Herr? Wem gehört deine Treue?“

„Wer meine Männer und mich am Besten bezahlt“, erwiderte der General trocken und zog sein Schwert. Seine Soldaten taten ihm gleich. Der Namenlose schmunzelte unter seiner goldenen Maske und ihre roten Edelsteinaugen sprühten Feuer. Sahar spürte die Gefahr und trat zurück, damit er den Platz hatte, seine versteckte Klinge zu ziehen, die er in den Speisesaal geschmuggelt hatte. Wo war eigentlich die vermummte Dienerin der Miladí da Hiver abgeblieben? Gerade war sie doch noch hinter ihrer Herrin gestanden. Es war, als hätte sie der Erdboden verschluckt. Sahar sah sich um, konnte sie aber nirgendwo entdecken. Dafür bemerkte er, dass die Leibwache des Herrschers in seinem Rücken langsam ihre Piken senkte. Was ging hier vor?

„Und wer bezahlt dich am Besten?“, unterbrach der Namenlose Sahars Gedanken. Ultem und seine Begleiter gingen vor ihrem Herrscher in die Knie und stützten ihre Hände auf ihre Klingen, die sich vor sich hielten.

„Das seid selbstverständlich ihr, mein gnädiger Herr“, sagte er ruhig. Ein abfälliger Blick streifte Ómer, dessen Beine plötzlich butterweich wurden. „Der Vezir ist ein elender Geizhals. Möge die Allerbarmende ihn verfluchen!“ Ultem spuckte aus.

Verraten! Ómers schöner Plan war an den Namenlosen verraten! Wie ein Tier in der Falle warf der Vezir den Kopf hin und her, doch nirgendwo schien es ein Entkommen für ihn zu geben. Doch wer hatte ihm das angetan? Bestimmt sein Rivale Radik Emre, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, wie der törichte Seneschall, der am Rand des Tisches voller Verblüffung seine Augen aufriss, davon erfahren hatte – oder vielleicht … Omers irrender Blick fiel auf Alis, der unauffällig zur Seite trat und dabei süffisant in seine Richtung lächelte.

Der Namenlose beendete das Schauspiel mit einer wegwerfenden Geste.

<p style=“text-align: justify;“„Wachen!“, rief er, „nehmt diese Küchenschabe Ómer und schließt sie weg. Ihr jämmerlicher Anblick macht mich krank.“ Zwei Treuwächter rannten an Sahar vorbei nach vorne und ergriffen den Vezir an den Armen, der sich nicht wehrte und nur erschüttert den Kopf schüttelte. So schnell war noch nie ein hochfliegender Plan vernichtet worden.

Dann verbeugte sich der „Unterwerfer“ galant vor Miladí und dem käsebleichen Bären, auf dessen Stirn dicke Schweißtropfen standen.

„Verzeiht mir bitte dieses unerfreuliche Intermezzo – ein kleines, internes Problemchen, das uns nicht weiter den Abend verderben sollte. Ich bin neugierig, welche Desserts uns der Küchenchef gezaubert hat.“

Die schöne Miladí erwiderte die Geste des Namenlosen mit einem zynischen Lächeln auf den vollen Lippen. In diesem Moment kippte der Regno Raul vornüber und klatschte geräuschvoll mit Bauch und Gesicht auf den Tisch. Durch die Erschütterung kippten alle Kannen und Gläser um und ihr Inhalt ergoss sich wie Blutflecken auf die Tücher. Die Gesandte der Fünf Städte und der Namenlose fuhren zurück. Galves hatte seinem Herrn noch zu Hilfe eilen wollen, aber er kam zu spät. Er beugte sich fassungslos über seinen Herrn und legte zwei Finger seiner Rechten an dessen Hals.

„Mein Regno ist tot“, stellte er dann mit versteinerter Miene fest.

Dann brach in dem Saal das Chaos aus.

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Ende des 8. Kapitels

[Fortsetzung der Geschichte am nächsten Mittwoch …]

Ein Kommentar

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 31 – Schluss)

Am späten Nachmittag – die Sonne stand bereits so tief, dass die enge Vicolo della Volpe im Schatten ihrer Häuser und Mauern lag – stand Nikolaus Klammer endlich vor der Adresse, die ihm Isa in ihrer ver­schlüsselten Nachricht übermittelt hatte. Er erkannte die Buchhandlung sofort, auch wenn die Bücher in der Auslage italienische Bestseller und Klassiker wa­ren – ein leckerer Auflauf ohne schlechte Zutaten: Werke von Ignazio Silone, Umberto Eco, Primo Levi, Leopardi und Manzoni, Camilleri und Boccac­cio, Dante neben Ferrante, Morante und Moravia, Pisano, Lampedusa, Italo Svevo, Ledda, Pavese, Fruttero und Lucentini, Palazzeschi und Pirandello und selbstverständlich auch Calvino, ohne dessen Se una notte d’inverno un viaggiatore dieser Ro­man gar nicht hätte geschrieben werden können … allein die Namen waren schon ein Gedicht! Sie alle standen wild durcheinander und ohne einen er­kennbaren Zusammenhang außer dem einen, dass es gute Bücher waren. Klammer kannte und schätzte die reiche italienische Literatur, hatte auch die meis­ten der ausgestellten Werke in Übersetzungen gele­sen. Er schnalzte ge­nießerisch mit der Zunge.

Er sammelte sich. Dies war der Buchladen, der erst gestern – ja, gerade einmal vor dreißig Stunden – noch in Augsburg gestanden hatte! Konnte das Ge­schäft denn fliegen oder sich wie in Star Trek an ande­re Orte beamen? Klammer glaubte nicht, dass er diese Transition verstehen würde, auch wenn sie ihm von einem schlauen Mann erklärt wurde.

Noch einmal sah er hinter sich. Aufgeregt wie er war, rechnete er jeden Augenblick mit dem Schlimmsten und fühlte sich schon den ganzen Tag beobachtet. Doch keiner der vie­len Passanten schien sich weiter für ihn und den La­den, vor dem er stand, zu interessieren. Der Autor war ihnen nur ein unliebsames Hindernis auf ihrem Weg durch die enge Gasse.

Was würde ihn dort drinnen in dem Buchladen er­warten? Würde er endlich seine Tochter finden und in die Arme neh­men können? Würde sich alles auf­klären und vielleicht als ein großer Spaß herausstel­len? Klammer hoffte es.

Als er am Mittag an der Haltestelle Barberini in der Nähe der Piazza Navona die U-Bahn-Linie A verlas­sen hatte – vom zentralen Termini waren das nur drei Stationen -, war er zuerst ohne Umwege und Augen für die schmucken Kirchen, Brunnen und Pa­lazzi direkt in das Hotel Raphaël gegangen. Obwohl Klam­mer vor Neugierde brannte, vermied er absichtlich die neben dem von Efeu vollkommen überwachsenen Gebäu­de lie­gende Vicolo della Volpe. Er erkundigte sich bei der jungen Dame an der Rezeption des noblen Ho­tels nach seinem Verleger und dessen Freundin, weil er nach Verbündeten suchte. Ihm war aber von ihr mitgeteilt worden, die beiden wären unterwegs und würden erst am Abend wieder zurück erwartet. Da ihm Wel­kis Domizil viel zu teuer war – eine Nacht im ein­fachsten Zimmer kostete ohne Frühstück über 300 € – verließ er achselzuckend das Raphaël und suchte sich erst einmal eine billigere Bleibe in einem nicht allzu weit entfernten B&B in einem schmucklosen Eckhaus in der Via Cola di Rienzi, in dem er schon einmal vor ein paar Jahren mit Irene logiert hatte und wo man in der Vorsaison auch ohne Reservierung ein Zimmer für ihn frei hatte. Klammer stellte sein Gepäck ins Zim­mer und te­lefonierte von dem Apparat auf dem Nachtkästchen aus mit seiner Frau.

Er besaß zwar ein Mobiltelefon, aber er machte es niemals an und hatte es auch auf dieser Reise nicht mitgenommen. Mit dem Hinweis auf die hohen Gebühren und einem ziemlich schlechtem Gewissen teilte er Irene nur das Allernötigste mit und blieb bei seiner Ge­schichte, Welkenbaum benötige ihn in Rom völlig überraschend für Lizenz­verhandlungen wegen eines von seinen Romanen. Er hörte zwar ein leichtes Misstrauen aus ihren Antworten heraus, aber noch schien sie zu glauben, was er ihr erzählte. Sie machte ihm nur zum Vorwurf, dass er sie mit seiner Reise überrumpelt habe. Hätte sie früher Bescheid ge­wusst, hätte sie ja mit nach Rom kommen können, das wäre doch mal eine nette Abwechslung gewesen. Klammer gab sich angemessen zerknirscht, aber insgeheim war er froh, dass er Irene zuhause in Sicherheit wusste.

Anschließend verließ er seine Unterkunft und aß an der Theke einer Espressobar eine Querstraße weiter ein Panino und trank zwei große Moretti-Biere. Müde und mit schwerem Kopf kehrte er in sein Zimmer zurück, stellte den Ventilator an der Decke auf die höchste Geschwindigkeit und schlief eine Stunde auf dem breiten Bett. Ohne den Alarmruf seines Reiseweckers wäre er wohl ins Koma gefallen und hätte bis zum nächsten Morgen weitergeschlafen. Klammer benötigte eine ausgiebige Dusche, bis er nicht mehr wie ein Zombie aussah. Dann zog er sich der italienischen Wärme angemessene und leichte Kleidung an und setzte sei­nen Thomas-Mann-Urlaubsstrohhut auf, ohne den er niemals in Ita­lien unterwegs war.

Erst danach war er in der Verfassung gewesen, die Vicolo della Volpe aufzusu­chen, in der er nun stand. Das Gässchen führte vom Hotel aus auf direktem Weg in den Stadtteil Rione Ponte, einem beliebten Einkaufsviertel voller Modegeschäfte, zahlloser Anti­quitätenläden, Restaurants, Bars und ameisenbauglei­cher Geschäf­tigkeit. Die Vicolo mit ihren Häusern aus Renaissance und Barockzeit schmiegte sich dabei so eng an die riesige Santa-Maria-della-Pace-Kirche, dass es der Wa­gen von Google-Earth nicht geschafft hatte, sie in ihrer ganzen Länge zu fotografieren und war deshalb ein weißer Fleck auf der Rom-Straßen­karte des neugieri­gen Internetgiganten geblieben.

Klammer wollte eben einen Schritt auf die Ein­gangstür zu machen, in deren Glas ein Schild mit „Free Entrance” und „Aperto” lockte. Da bemerkte er eine Gestalt, die sich neben ihn gestellt hatte. Schon während er sich nach der Person umdrehte, wusste Klammer, wer es war.

„Ah, Signore Fabio, welch ein erstaunlicher Zufall. Wollen Sie etwa noch ein weiteres Autogramm?”, fragte er und lüpfte grüßend seinen Hut.

Er fühlte sich sicher, denn es schoben sich viele Einheimische und Touristen durch die enge auto­freie Gasse, in der gerade ein­mal zwei Leute neben­einander stehen konnten. Eini­ge hielten ein Gelato von einer Eisdiele an der nächsten Straßenkreuzung in der Hand.

Der angebliche Avvocato legte den Kopf schief. Er hatte sich im Gegensatz zu Klammer nicht umgezo­gen und trug weiterhin sei­nen für die nachmittägliche Hitze zu warmen Ge­schäftsanzug. Er hatte allerdings sein Sakko ausgezo­gen und über den Arm gehängt. Doch auf seiner Stirn über der unvermeidlichen Son­nenbrille waren keine Schweißperlen zu sehen und es hatten sich auch keine dunklen Flecken an den Ach­seln seines kurzärmligen, rosafarbenen Hemds gebildet. Jetzt brannte die Zigarette zwischen seinen Lippen und er stieß ein wenig Rauch in Klammers Richtung, bevor er mürrisch antwortete:

„Nein. Ich habe meine Meinung geändert. Ich be­nötige jetzt etwas anderes von Ihnen.”

Er klang wirklich bedauernd und deutete mit dem Kopf auf sei­ne von der Jacke verdeckte Hand. Dort ragte die lan­ge, scharfe Klinge eines dünnen Messers heraus. So­fort trat Ienalli noch näher an Klammer heran und presste ihm dabei die Waffe in die Seite. Die Spitze stach den Au­tor durch sein Hemd hindurch ins Fleisch.

„Ich rate Ihnen, nicht um Hilfe zu rufen, weil ich sonst auf der Stelle gezwungen wäre, Sie zu erstechen. Das wird für Sie eine recht schmerzhafte Angelegen­heit werden, Maestro. Glauben Sie mir, ich habe mit dem Stiletto einige Erfahrung. Wir werden jetzt ge­meinsam in den Buchladen gehen und dort werden Sie mir Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren überreichen. Sie müssen das Buch bei sich haben, denn es befindet sich nicht in Ihrer Un­terkunft. Das habe ich schon überprüft.”

Klammer lächelte sardonisch und mit viel Gebiss. Er wusste um die Wirkung dieses Lächelns, denn er hatte es lange vor dem Spiegel in seinem Zimmer im B&B geübt, nachdem ihm klar geworden war, dass jemand während seiner Abwesenheit seine Sachen durchsucht hatte.

„Ich muss Sie enttäuschen, Avvocato. Ich hätte Sie wirklich für schlauer gehalten. Das Buch ist längst nicht mehr in meinem Besitz”, sagte er gelassen.

ENDE

 

Der Roman wird fortgesetzt in:

Dr. Geltsamers
erinnerte Memoiren

3. Teil:
Der Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow

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Es kräht kein Hahn danach

ES. Morgen werde ich hier auf meinem „Traum“ den letzten Teil der Hyänen von Berlin posten. Damit ist der zweite Roman von Dr. Geltsamers Memoiren fertig gestellt und ich bin schon ein bisschen stolz (Ehrlich? Ich bin so stolz, dass ich ein Rad schlagen könnte wie ein Pfau). Die überarbeitete und fehlerkorrigierte Fassung des Romans gibt es seit Kurzem als Taschenbuch (ISBN: 978-3-7450-1918-6) und als preiswertes E-Book überall im einschlägigen Handel und wartet dort auf kühne Leser, die das unerhörte Risiko eingehen möchten, einen neuen Autor kennenzulernen.

Ich habe übrigens bereits mit dem 3. Roman der „Trilogie“ begonnen, die auf insgesamt fünf (!) Bücher konzipiert ist und von der jährlich eine Fortsetzung erscheinen soll: Das Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow. Ich werde im Januar ’18 mit der schrittweisen Vorveröffentlichung des Romans beginnen, der im zeitgenössischen Rom und als Buch im Buch im Sibirien des Jahres 1952 spielt. Ich würde mich wirklich wahnsinnig freuen, wenn der eine oder andere der wenigen Besucher meines Blogs sich dazu durchringen könnte, eines meiner Bücher in seiner endgültigen Fassung zu erwerben. Die hier eingestellte, noch sehr fehlerbelastete „Beta-Version“ der Hyänen werde ich demnächst löschen.

KRÄHT. Den Montagsplatz der Hyänen wird ein älterer Roman von mir übernehmen, den ich auf diese Weise noch einmal überarbeite und ihn sozusagen in die finale Fassung mit einem neu zu schreibenden Schlusskapitel bringe. Ich werde den Roman nach dieser Vorveröffentlichung dann im Frühjahr des nächsten Jahres als Buch drucken lassen. Es ist Die Wahrheit über Jürgen, die Geschichte eines jungen Malers, der an dem Gegensatz zwischen seinen Ambitionen und seinem spießbürgerlichen Umfeld in seiner südbayerischen Heimatstadt zerbricht. Dieser „Schlüsselroman“ spielt in den Neunzigern und ist stark von meinen eigenen Erfahrungen geprägt. Obwohl er nicht die Hauptfigur ist, darf auch Nikolaus Klammer auftauchen. Die Wahrheit über Jürgen ist Teil eines Zyklus‘ von mehreren Romanen und Erzählungen, der Jahrmarkt in der Stadt heißt und der hier zum großen Teil unbearbeitet und auch vollkommen unbeachtet gratis als PDF oder E-Book downloadbar ist.

Ich plane, auch meine frühen Werke auf diese Weise in eine endgültige Form zu bringen.

KEIN. Nächste Woche werde ich hier auch den Schlussteil des 8. Kapitels von Der Weg, der in den Tag führt posten, auf das dann nahtlos das spannende 9. Kapitel folgen wird. Da sich der Roman während des Schreibens immer komplexer und umfangreicher entwickelt hat (Ich bin inzwischen bei über 100.000 Wörtern und das Ende ist noch nicht in Sicht), werde ich meinen Editionsplan wohl nicht einhalten können und den Weg erst im nächsten Jahr fertigstellen  können. Manchmal übernehmen meine Figuren und fordern ihr Recht. Dann schreibe ich nicht, sondern werde von ihnen geschrieben. Ich fürchte mich jetzt schon vor dem ausufernden Lektorat. Im Moment überlege ich noch, ob ich den Prequel-Roman zu Brautschau in zwei Teile mit etwa 250 Seiten aufteilen und den ersten Teil noch vor und den zweiten erst nach dem Jahreswechsel drucken lassen soll. Mal sehen …

Vielleicht kann mir ja jemand raten, was ich machen soll.

HAHN. Man sieht: Ich arbeite. Jeden Tag schreibe ich nur ein wenig (vielleicht 2000 Wörter, oft weniger), aber ich bin konsequent und stur. Das Wenige sammelt sich an, wächst langsam. Ich bin wie einer meiner erfolgreichen Kollegen der Meinung, dass ernsthafte Autoren keine Schreibblockaden kennen. Das ist nur Folklore und eine Ausrede, um zu zu prokrastinieren. Allerdings erfordert das Schreiben Zeit und einen verständnisvollen Partner. Deshalb muss ich mich anderswo einschränken. Ich werde keine Glossen oder Artikel für diesen Blog mehr erstellen. Ich benutze ihn nur noch als Skizzenblock für meine in der Entstehung befindlichen Romane. Aber das ist wohl kein Verlust, denn von meinen Büchern verkauft sich der Band mit meinen besten Blog-Texten, Glossen und Artikeln aus den letzten 5 Jahren am schlechtesten. Noch einmal davon gekommen will offenbar kaum jemand lesen – wenngleich die wenigen, die das Buch gelesen haben, gut unterhalten und begeistert waren.

DANACH. Aber jetzt höre ich mit diesem Werkstattbericht und dem Klagen auf. Ich habe bereits einen guten Freund allein deshalb verloren, weil er mir vorwarf, ich würde ständig nur jammern und der Gegensatz zwischen mir selbst und meiner Kunstfigur „Nikolaus Klammer“ würde wahnhafte und schizophrene Züge aufweisen.

Dann mache ich mal weiter. Heute jedoch werde ich diesen wundervollen Herbstsonntag, seine Wärme und seine Farben genießen – und überhaupt nichts tun.

Grüße aus meiner Schreibklause, Nikolaus.

 

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Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 6)

[zum 1. Teil …]

„Es sieht so aus, als hätte die 2MC genau auf solch eine Gelegenheit gewartet, um gegen die Regierung zu putschen“, fuhr Leon dann fort. Offenbar war er zu dem Ergebnis gekommen, dass die blonde Studentin kein Zuträger der Moon Corp. war und er befürchten musste, er könnte sich mit seinem Defätismus eine Beleidigungsklage oder gar etwas Schlimmeres einhandeln. Es hielten sich hartnäckige Gerüchte, die 2MC würde missliebige Kritiker einfach verschwinden lassen. Nun musste auch Fabia überlegen, wie viel sie preisgeben durfte.

„Ich bin Mitglied der Citoyen. Ich weiß nicht, ob dir das etwas sagt“, sagte sie, während sie vor die zweckentfremdete Schweber-Kontrollkonsole trat und sie von den Getränken leerräumte. Sie prüfte die Konsole mit Kennerblick und kam zu dem Ergebnis, dass sie tatsächlich außer Betrieb, aber wahrscheinlich noch voll funktionstüchtig war. Leon nickte wissend und anerkennend.

„Das ist die Gruppe um Professor Rosenthal; die Newlisas, die lautstark gegen den Bau der Dyson-Sphäre protestieren, obwohl sie uns allen offenbar den Arsch retten kann.“ Er legte den Kopf schief. „So ganz habe ich eure Argumente allerdings nicht verstanden.“

„Die Kurzfassung: Ein zweiter Mond ist keine Lösung für unsere Probleme, sondern nur ein Fluchtort für die Reichen und Schönen, denen es hier auf der guten alten Erde zu eng wird und nicht in die raue Einöde der Kolonien wollen. Wir glauben auch, dass es vom Mars aus unmöglich ist, mittels irgendwelcher Gravitationskanonen den natürlichen Mond aus der Bahn zu werfen, sondern dass dahinter eine gezielte Aktion der 2MC steckt, die die Mars-Kolonisten als Sündenböcke missbraucht. Nur durch das Damoklesschwert des drohenden Mondsturzes können die Ressourcen und Gelder aufgebracht werden, die die Corp. für ihr Wahnsinns-Projekt benötigt. Zudem braucht ihre Dyson-Sphäre, wenn sie fest in der Umlaufbahn um die Erde installiert werden soll, wesentlich mehr Masse, als wir jemals von der Erde nach oben transportieren können. Da kommt es sehr gelegen, wenn der echte Mond wie zufällig zertrümmert wird, denn dessen Gestein kann man gut beim Bau verwenden. Und die heutigen Ereignisse scheinen uns recht zu geben“, erläuterte Fabia abgelenkt, während sie den Staub vom Tastenfeld putzte, anschließend in die Umhängetasche griff und ihr Elektronikwerkzeug heraus holte. Sie nahm ein wie ein dünner Stift aussehendes Instrument in die Hand und entfernte mit seiner Hilfe die obere Abdeckung der Konsole, die sie achtlos zur Seite warf.

Leon runzelte die Stirn. „Du behauptest also, es wären nicht die Marsmännchen, sondern die 2MC, die selbst den Mond zerstören lässt, weil er ihr im Weg ist und sie ihn als eine Art von Weltraum-Steinbruch benutzen will. Ist die momentane Katastrophe wirklich Absicht?“

„Ich weiß es nicht. Es kann sein, dass alles ein Unfall war und I-Net der Mondbrocken, der heute Nacht in den Atlantik stürzen wird, außer Kontrolle geraten ist. Vielleicht haben die Typen der Corp. den Mondfall auch bewusst provoziert, um die Regierungsgewalt übernehmen zu können. Da kann ich nur raten. Auf jeden Fall traue ich denen inzwischen alles zu. Aber jetzt lass mich arbeiten, wenn wir von hier oben wegkommen wollen, bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt“, sagte Fabia und schloss ein kompliziertes Messgerät an den heraushängenden Glasfaserkabeln des Pults an, das sofort einen Switch installierte und ein Bereitschaftssignal sendete.

„Die Schweber-Plattform hat noch Restenergie. Sie dürfte für einen Neustart ausreichen“, stellte sie dann zufrieden fest.

Der Bildhauer sah furchtsam nach oben, aber er konnte die Bedrohung nicht entdecken, die sich über seinem Haupt zusammenbraute. Rosafarbene Wolkenfedern schwebten am morgendlichen Himmel. Die Sonne kämpfte sich gerade mühsam durch den Smog-Schleier, der wie eine Glocke über Paris hing. Unvorstellbar, dass dort oben der Tod lauerte. Fabia musterte Leon und wunderte sich über ihn. Sie musste ein paar der Vorurteile, die sie sorgsam gegen Menschen wie seinesgleichen hegte, revidieren. Offenbar war der Künstler bei weitem nicht so oberflächlich und selbstbezogen, wie sie gedacht hatte. Und er war politisch gut informiert. Sie fand es erstaunlich, dass er Professor Rosenthals kleine Widerstandsgruppe kannte, die sich in den sozialen Netzwerken nicht nur Citoyens, sondern auch gerne The New Elisabethanians nannte. Die Newlisas fanden nur wenig Widerhall in der Öffentlichkeit. Sie wurden von den großen Medien und Nachrichtendiensten, die wie I-Net selbst im Besitz der 2MC waren und von deren Rechtsanwälten kontrolliert und zensiert wurden, entweder völlig ignoriert oder als schwarzmalende, aber harmlose Spinner bezeichnet. Fabia hätte selbst nicht an die düsteren Prophezeiungen des Professors geglaubt, wenn sie nicht in ihn verliebt gewesen wäre. Und selbst so, wenn sie ehrlich zu sich war, fand sie einige seiner Schlussfolgerungen allzu fantastisch.

„Ich werde mal nach Raphaël sehen, damit er nur das Nötigste mitnimmt“, unterbrach der Bildhauer Fabias Gedanken. Er hatte lange genug in den Himmel gestarrt. „Ich traue ihm zu, dass er seine gesamte analoge Lyrik-Bibliothek mitschleppen will, aber die Kopfschmerztabletten und die Kreditkarten vergisst. Du kommst ja wohl im Moment allein zurecht, Fabia.“

Die Studentin nickte abgelenkt. Sie hatte kaum zugehört, denn sie beschäftigte sich gerade damit, das Betriebssystem des Bedienfeldes zu starten, um dieses dann mit ihrem goLEM zu verbinden.

„Omicron!“ Fabia rief ihren kleinen goLEM zu sich, der gehorsam und geräuschvoll über die Fliesen zu ihr heran rollte.

Die junge Softwarespezialistin hoffte, dass das einfache Steuerungssystem der Konsole autark war und nicht direkt mit dem I-Net verbunden; denn nur so würde es ihr gelingen, mit Hilfe ihres Roboters dessen Virenwächter, Passwörter und Firewalls zu überlisten, um einen der Schweber fernzulenken und zum Landen auf der Dachterrasse zu bewegen. Die Apparatur bekam von Omicron auf kabellosem, elektromagnetischem Weg ausreichend Strom und startete in einen Reparaturmodus, dessen simple Oberfläche Fabia benutzen konnte, um tiefer in das System einzudringen und seine Kontrolle zu übernehmen. Ihre Augreyes koppelten an und synchronisierten sich. Plötzlich befand sich Fabia in ihrer subjektiven Wahrnehmung in einer vollkommen anderen, virtuellen Welt, in der Naturgesetze nicht galten und die Schaltkreise, Prozesse, Daten und Programmroutinen auf eine Weise optisch dargestellt waren, die sie allein durch ihre langjährige Übung instinktiv erfasste, die aber einen Laien in kurzer Zeit um den Verstand gebracht hätten. Diese Welt war zwar nicht für das menschliche Gehirn gemacht, aber es war immer wieder faszinierend, wie schnell dieses sich an neue Gegebenheiten anpassen konnte. Informatiker, die nicht auf die herkömmliche, von einem Bildschirm gestützte Art mit den Computern kommunizierten, sondern sie direkt über ihre Augreyes wie in einem Computerspiel betraten und sie im virtuellen Raum warteten, programmierten oder auswerteten, wurden als Cybernauten bezeichnet. Fabia war eine der Besten und allein aus diesem Grund für die Citoyens um Rosenthal unentbehrlich.

Vor ihren Augen öffnete sich nun eine farbenfrohe, surreale Welt voller allein durch Blicke beweglicher und beeinflussbarer, vierdimensionaler Symbole, glitzernder Röhrenverbindungen, die wie zu Gordischen Knoten ineinander verwickelte Seile aussahen, komplizierter Verteilerplatinen und annähernd menschenähnlich oder auch vollkommen abstrus geformter Körper, die wie Quecksilber glänzten und ihren Vorbildern in der echten Welt nachgebildet waren. Es gab kein Himmelsrichtungen, kein Oben, kein Unten, auch kein Vorne oder Hinten und keine feste, fühlbare Materie. Die Dinge durchdrangen einander, wechselten rasend schnell die Plätze, verschwanden und tauchten unvermutet an einer anderen Stelle wieder auf, für einen Außenstehenden war darin keine Logik oder Zielstrebigkeit erkennbar, doch Cybernauten wie Fabia konnte die Dinge in ihrer Gesamtheit erfassen. Was sie im Cyberspace wie durch ein Kaleidoskop sah, war freilich nur eine Allegorie für die tatsächlichen inneren Vorgänge in dem Rechnerpult, eine nur auf den ersten Blick chaotische Welt, die sich allerdings immer wieder aufs Neue zu klaren, symmetrischen Strukturen und Arabesken von überwältigender Schönheit und Farbenpracht ordneten. In diesem künstlichen, dabei vollkommen lautlosen Raum fühlte sich die Studentin wohl; er war ihr fast mehr Heimat als die laute Megapole Paris. Hier spielte ihr kränklicher Körper keine Rolle – im Gegensatz zur Realität begriff sie diese Welt und konnte sie beeinflussen. Sie hätte die uneingeschränkte Königin sein können, wenn es nicht die virtuellen Schlosswächter gegeben hätte, die sofort versuchten, sie beim weiteren Vordringen ins Herz des veralteten Steuersystems zu behindern.

[Zum 7. Teil …]

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 11)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Lakmi trat ohne Zögern ein und sofort schloss sich die Tür. Die Wände erzitterten. Kurz hatte sie ein ungewohntes, hohles Gefühl im Unterleib, das allerdings sofort wieder verschwand. Irrte sie sich oder wurde sie mitsamt dem Raum in die Höhe gezogen? Bevor sie sich darüber weiter Gedanken machen konnte, war der Aufzug, in dem sie stand, auch schon an seinem Ziel angekommen und seine unscheinbare Tür öffnete sich an der Rückseite einer gewaltigen Halle, in der sich Lakmi wie eine Ameise unter Machmouts fühlte. Linkerhand standen eine kaum übersehbare Anzahl von Kriegs- und Flugmaschinen und hohe, gepanzerte Wägen auf mannshohen Rädern, deren Sinn dem Mädchen nicht deutlich wurde. Alles war um ein Vielfaches größer und beeindruckender, als die Wächtergoleme, denen sie bislang in den Kasematten unter den Ebenen begegnet war. Und das war noch nicht alles: Auf der rechten Seite ruhte ein bewegungsloses Heer mechanischer Soldaten, Reihen um Reihen um Reihen bildeten sie dort – es mussten hunderttausende sein! Die einzige Bewegung, die es hier unten in der schlafenden Halle gab, wurde wieder von den Deltas erzeugt. Diesmal waren es Myriaden von ihnen, die überall etwas zu reparieren oder zu erneuern hatten und auf ihren undurchschaubaren Wanderungen zwischen all dem Kriegsgerät unterwegs waren. Hier lag endlich auch Schnee auf dem Boden zwischen den Beinen der eisernen Soldaten. Nach ihm hatte Lakmi bisher vergeblich Ausschau gehalten. Zuerst hielt sie ihn für weißen Wüstensand, aber als sie mit ihren dünnen Schuhen in ihn hineintrat und bis zu den Knöcheln einsank, erkannte sie, was das war. Leider blieb ihr nicht die Zeit, hinunter zu greifen und das kalte Wunder, das uns mein würdiger Vorredner so eindrücklich beschrieben hat, in die Hand zu nehmen und zwischen den Fingern schmelzen zu lassen, denn ihr Zauberstab drängte sie weiter.

TYCHO zog Lakmi zwischen den schwerbewaffneten Legionen hindurch zu einer Rampe am anderen Ende der Halle hin, die dem Mädchen meilenweit entfernt schien. Atemlos schlich sie sich mit ihrem Führer, dessen blaues Licht nur noch ganz schwach leuchtete, durch die erstarrte Armee. Jene würde sich – wahrscheinlich auf den Befehl von EDY hin – mit dem Ausbruch der Nacht in Bewegung setzen und eine weitere sinnlose Schlacht gegen ihre ebenso mächtigen Widersacher ausfechten. Wovon träumten diese Golemsoldaten mit ihren erloschenen Augen, die seit Jahrtausenden Krieg führten? Lakmi wagte kaum zu atmen und der Weg, der ihr schier endlos erschien, zog sich immer länger und länger dahin. Die Spur, die sie im Schnee hinterließ, wurde hinter ihr immer länger und nur selten von eiligen Deltas durchkreuzt.

Was würde mit ihr geschehen, wenn sie noch bei Dämmerung hier unten war? Welch ein Hass musste in den Herzen der Erbauer dieser Maschinen gekocht haben, wenn ihre zu Stahl gewordenen Mordgelüste sie selbst um Jahrtausende überlebt hatten?

Endlich, nach einem eiligen Fußmarsch von über zwei Meilen, erreichte Lakmi mit halb erfrorenen Füßen die Rampe, die mit einer leichten Steigung nach oben und wahrscheinlich an die Oberfläche führte. Doch ihr Zauberstab wollte nicht, dass sie die Rampe, die dem Aufmarsch der Armee diente, betrat. Er führte sie zur Seite, an der sich eine durch ein Gitter eingefasste Wendeltreppe hinauf und durch die Decke drehte. Auch sie endete in einem kleinen, leeren Raum. Als Lakmi durch dessen Tür schließlich wieder ins Freie trat, traf sie – inzwischen an die kalten und düsteren unterirdischen Hallen gewöhnt – die Hitze und Helle der Wüste wie ein Schlag ins Gesicht. Sie taumelte und lehnte sich gegen die Wand des Bunkers, aus dem sie getreten war. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie seit vielen Stunden nichts mehr gegessen und getrunken hatte.

Verzweifelt sah sich Lakmi um. Es war bereits spät am Nachmittag. Außer dem niedrigen Gebäude gab es in ihrer Umgebung nur staubige Dünen, Sand und zu Glas gekochte Flächen, die im unbarmherzigen Sonnenlicht wie Seen funkelten. An manchen Stellen ragten Schrott und verbogene Eisenteile aus dem toten Boden; Überbleibsel der nächtlichen Schlachten. Wohin auch immer sie TYCHO gebracht hatte: Das Mädchen war weit, weit weg von den Überresten der alten Stadt, bei denen der Delphi auf sie wartete, und auch von ihrem Gepäck und ihren Vorräten, die dort lagerten. Lakmi begann an der Macht ihres Stabes zu zweifeln. Er hatte sie zwar aus der unterirdischen Festung geführt, jedoch nur mitten hinein in das Schlachtfeld, dessen Rand sie niemals bis zur Nacht erreichen konnte. War es ihr Los, das erste menschliche Opfer dieses Krieges seit Jahrhunderten zu werden?

Lakmi begann an der Macht ihres Wunderstabes zu zweifeln. Sie konnte nicht einmal zurück in die Kasematten gehen und sich irgendwo in einem Winkel verstecken, denn die Tür des Bunkers, die hinter dem Mädchen zugefallen war, hatte an ihrer Außenseite keine Klinke. Lakmi wog den Stab.

„Ach, TYCHO,“ fragte sie resignierend, „was sollen wir denn jetzt tun?“

Diesmal legte ihr der Stab keine Worte in den Mund oder zog sie in eine Richtung. Er summte leise in ihren Händen und das blaue Licht an seiner Verdickung erlosch. Da saß sie nun, besaß mit der Landkarte und dem Stab der Macht zwei der wertvollsten Gegenstände der Welt, und konnte sich nicht mit ihnen in Sicherheit bringen.

Doch ihr, meine geduldigen Zuhörer, die ihr mir bisher so treu zugehört habt, ihr wisst es schon: Lakmi-âs-Sekr, die man auch die Unerschrockene nannte, überlebte und kehrte zu ihrem Vater heim, den sie mit Hilfe ihres Zauberstabs heilte. Sie würde noch viele Reise in alle vier Winkel der Welt unternehmen, bevor sie die Hauptfrau des „Harmonischen Bambusrohrs“, des siebten Namenlosen von Karukora, wurde und ihre Erlebnisse für uns Nachgeborene aufschrieb.

Und dies geschah so: Die Sonne stand bereits nur noch zwei Handbreiten aufgebläht über dem Firmament als eine flimmernde, orangene Kugel, deren unterer Rand durch die Hitzeschlieren der Wüste abgestumpft war. Das tapfere Mädchen hatte schon alle Hoffnungen fahren lassen, als plötzlich eine dünne Staubfahne über den Dünen wehte. Sie konnte keine durch ein mutwilliges Spiel des Windes entstandene Windhose sein, sondern wurde durch ein bald sichtbar und nun schnell größer werdendes Gefährt geschaffen, das sich Lakmi und dem Bunkerausgang in erheblicher Geschwindigkeit näherte. Es war ein scheinbar von Zauberkraft angetriebener, achträdriger Wagen, der sich mühe- und übrigens auch beinahe geräuschlos durch den zu Staub zerriebenen Sand auf sie zubewegte.

Lakmi kniff die Augen zusammen.

„URS“, stellte sie fest und stand auf, wartete auf den Wagen. TYCHO, der den URS angefordert hatte, hatte ihr das merkwürdige Wort eingeben und auch eine Vorstellung davon, was URS eigentlich war. Sie hatte ein Bild vor Augen, das sie selbst zeigte, wie sie ins Innere des Wagens stieg, dort auf einem der am Boden festgemachten niedrigen Sitze Platz nahm und sich anschließend ungefährdet an den Rand des Schlachtfelds kutschieren ließ. URS – das wusste sie mit einem Mal, als hätte sie es in der Schule gelernt – das waren Transportfahrzeuge, die Menschen und Material durch die Tote Wüste fuhren und auch Reisende und Flüchtende nach Pardais brachten, wenn diese den richtigen Schlüssel besaßen.

„Danke, TYCHO“, sagte sie, als alles so geschah, wie ihr es der Zauberstab gezeigt hatte.

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 30)

ZWISCHEN DEN SEITEN

Voi biglietto, per favore.

Nikolaus Klammer schreckte aus dem Halbschlaf, in den er ge­fallen war und das schwere schwarze Buch, das er noch geöffnet in den Händen hielt, rutschte ihm dabei aus den Fingern. Es fiel auf den Boden des Zugabteils. Ertappt griff er nach unten, aber sein Sitznachbar, der in Innsbruck zugestiegen war, war schneller und hob das Buch vor ihm auf. Die beiden blickten sich an.

Klammer sah an seinen besseren Tagen ein wenig wie Ernest Hemingway und an seinen schlechten – sie überwogen – wie der Satyr Marsyias aus. Wie sei­ne momentane äußere Erscheinung auf den Avvocato wirken musste, mochte er sich gar nicht vorstellen: Wahrscheinlich sah er gerade aus, als hätte er bereits seine Häutung hinter sich.

Klammer fiel ein, was er vor seinem Sekunden­schlaf gelesen hatte und nahm sich vor, vorsichtiger im Umgang mit dem Advokaten zu sein. Der dünne Mann mit dem olivgrünen Gesicht, der die ganze Nacht seine Sonnenbrille aufbehalten hatte, zögerte kurz, als er Klammers nachdenklichen Blick spürte, aber dann überreichte er ihm umstandslos das Buch. Klammer riss es an sich und presste es gegen seinen Oberkörper, als wäre es ein Schatz, den er behüten musste. Im Grunde war es das auch.

Wahrscheinlich wirke ich im Augenblick eher wie Gollum und nicht wie der mythologische geschundene Satyr, der angeb­lich auch Sokrates geähnelt haben soll.

Er wurde sich der Lächerlichkeit seines Tuns be­wusst und blätterte nach der Stelle, an der ihn der Schlaf übermannt hatte. Er legte dort sein orangefar­benes Lesezeichen ein. Erleichtert stellte er dabei fest, dass sich der Inhalt von Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren noch nicht verändert hat­te. Klammer war ein oder zwei Kapitel vor dem Ende des Ro­mans seines Großvaters und vielleicht bekam er diesmal die Gelegenheit, ein Werk zu Ende zu lesen. Er hatte das Gefühl, wenn ihm das gelang, würde etwas Besonderes geschehen.

Das nächs­te Kapitel trug den vielversprechenden Titel „Ent­hüllungen“ und Klammer war gespannt, ob er darin endlich die Antworten bekam, welche Geheimnisse hinter der ganzen phantastischen Ge­schichte steckten und wie Sebastian Kerr diese auflö­sen würde. Er zweifelte inzwischen entschieden dar­an, dass die Hyänen von Berlin eine autobiografische Geschichte waren. Vieles erschien ihm frei und frech erfunden, ein Lügenmärchen. Viel zu unglaubhaft und utopisch hatte das letzte Kapitel geendet. Roboter im Berlin der Weimarer Republik, also bitte! Brecht würde sich im Grab umdrehen. Sein Großva­ter hatte wohl zu viel Kokain geschnupft, als er im Exil diesen Roman schrieb. Und diese Anspielung ganz am Ende des Kapitels, als er auch noch Vladi­mir Nabokov auftreten ließ, die war ja wohl völlig dane­ben.

Wenn mein Opa das alles erfunden hat, hat es allerdings auch Konsequenzen für das Tagebuch der brasilianischen Ärztin, dessen Authentizität damit ebenfalls in Frage gestellt ist. Kann es sein, dass diese Geschichte ebenfalls aus seiner Feder stammt? Und warum bietet mir Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren ausgerechnet diese Geschichten aus den Zwanziger Jahren an und nicht andere?

Doch an eine Fortsetzung der Lektüre war im Au­genblick nicht zu denken. Klammer musste das ver­schneite Berlin kurz vor der verheerenden Weltwirt­schaftskrise, die die Weimarer Republik direkt in die Arme der Nazis hatte taumeln lassen, verlassen. In seinem Hier und Heute war es draußen längst hell­lichter Vormittag und der Zug ratterte auf seinen Schienen durch die Vororte von Rom. Straßen, Plät­ze und Häuser, vor deren Fenstern auf Leinen Wä­sche hing, wechselten sich ab mit Ausblicken auf Pi­nien, silberne Olivenhaine und jetzt im Frühjahr pas­tellgrüne Getreidefelder.

Der Schaffner, der Klammer eben geweckt hatte, geduldig im Gang stehen geblieben und vergeb­lich auf eine Reaktion gewartet hatte, räusperte sich. Der Autor schob sein Buch eilig in die Außentasche seines Handgepäcks und holte sein ausgedrucktes E-Ticket heraus, das von dem Zugbegleiter nur ober­flächlich begutachtet und an zwei offenbar zufälligen Stellen gelocht wurde, bevor er es mit einem „Buon viaggio e divertimento! Arrivederci.“ wieder zurückgab.

Der Italiener neben Klammer wartete, bis der Schaffner weiter ging.

Scusi. Entschuldigen Sie meine Frage, signore. Aber sind Sie nicht der Schriftsteller Nikolaus Klammer?“, fragte er in einwandfreiem und gut verständlichem Deutsch. Ein verirrter Sonnenstrahl brachte die ver­spiegelten Gläser seiner großen Sonnenbrille zum Funkeln; es wirkte, als würden seine Augen dahinter strahlen.

„Wie kommen Sie darauf, Avvocato Ie … Ielli –“

Klammer war misstrauisch und geschmeichelt zu­gleich.

„Ienalli. Fabio Ienalli, Maestro Klammer. Ai loro ser­vizi. Das ist ganz einfach; ich lese gerade ein Buch von Ihnen.“

Der Mann griff in seine Herrenhandtasche, die er an einem Gurt über der Schulter seines tadellosen Anzugs trug, und beförderte ein dickes und zerlese­nes Paperback zu Tage. Es war eine Ausgabe von Der Engel im Spiegel, einer von Klammers frühen Roma­nen, der in der Toskana spielte. L’angelo nello specchio – das einzige seiner Werke, das jemals in einer Fremdsprache erschienen war und sich in Italien tat­sächlich ganz ordentlich verkaufte, obwohl es wirk­lich nicht einfach zu lesen war – war Welkenbaums guten Geschäftskontakten zu einem ähnlich gesinn­ten römischen Verleger zu verdanken, der übrigens auch die vorzügliche Übersetzung des Romans ver­antwortete. Manchmal galt der Prophet eben in der Fremde mehr als im eigenen Land.

„… und hier, auf der Innenseite“, fuhr Ienalli fort und deutete mit einem tabakgelben Finger – offen­bar war er ein starker Raucher – auf den Umschlag, „ist das nicht ein Foto von Ihnen?“

Die Abbildung in dem Taschenbuch zeigte den Au­tor zwar schwarz-weiß, etwas unscharf und zehn Jahre jünger – hatte er jemals so schwarze Haare ge­habt oder waren sie mithilfe von Photoshop für den italienischen Markt eingefärbt worden? -, aber es war doch unverwechselbar er selbst, der ihm da überlegen und auch ein wenig arrogant entge­gen blickte. Ein Leugnen war zwecklos.

„Sie haben mich erwischt“, gab Klammer lächelnd zu. Er genoss den seltenen Moment, in dem er sich prominent fühlen konnte, denn er wurde nicht oft erkannt.

„Ich hatte sehr viel Freude am L’angelo nello spec­chio”. Für einen Deutschen gelingt es Ihnen erstaun­lich gut, sich in die Seele Italiens einzufühlen.”

Klammer wusste nicht so recht, was er mit dieser Aussage anfangen sollte, denn in dem Roman kamen überhaupt keine Italiener vor. Er entschied sich zu einem unverbindlichen Kopfnicken. Von irgendwo her zauberte Ienalli einen wertvollen, obsidianschwar­zen Füller in die Finger seiner Rechten und streckte Klammer das Schreibutensil mit der goldenen Schreibfeder entgegen. Das war eine wirklich er­staunliche Präsentation seiner Fingerfertigkeit, aber Klammer war viel zu abgelenkt, um darauf zu ach­ten.

„Schreiben Sie bitte: Für Fabio”, sagte Ienalli und der deutsche Autor kam freudestrahlend seiner Auf­forderung nach. Der Avvocato kontrollierte nickend die Unterschrift, als würde er ein wichtiges Akten­stück prüfen, blies auf die feuchte Tinte, bis sie trocknete und schloss dann zufrieden sein etwas schäbiges Taschenbuch.

„Ich würde mich wirklich gerne mit Ihnen unter­halten, Maestro, aber wir fahren gerade am Bahnhof ein”, sagte er und seine Stimme klang redlich bedauernd.

Tatsächlich bremste der Zug, der immer langsamer gefahren war, in diesem Moment endgültig ab. Wie aufs Stichwort sprangen die Reisenden in dem Groß­raumwaggon von ihren Sitzen, holten aufgeregt ihr Gepäck von der Ablage und verstopften den Zwi­schengang. Es wurde geschoben und lautstark disku­tiert. Klammer hatte nur einen kleinen Handkoffer bei sich und er wollte sich gerade schon zum Aus­gang nach vorne drängeln, als ihm seine Reisebe­kanntschaft, die ebenfalls nur mit leichtem Gepäck unterwegs war, von hinten an der Schulter fasste.

Scusi, Maestro. Vielleicht können wir uns ja noch einmal während Ihres Romaufenthalts treffen”, sagte er und überreichte dem Autor seine mit goldenen Lettern bedruckte Visitenkarte, die er mit einem neu­en Zauberkunststückchen aus der Luft fischte und dem überrumpelten Klammer in die Hemdtasche schob.

„Ich würde mich wirklich freuen, Sie auf ei­nen Cafe americano oder gleich auf ein Abendessen in meiner Lieblings-Trattoria hier in Rom einzuladen. Ich meine, es wäre mir eine Ehre. Wissen Sie zufällig schon, wo Sie absteigen?”

Ienalli klemmte sich eine Nazionali in den Mund­winkel, zündete sie aber noch nicht an.

Klammer schüttelte den Kopf. Dann verabschiede­te er sich mit einem maulfaulen und gelogenen: „Das wäre nett”; und bemühte sich, den aufdringlichen und auch ein wenig unheimlichen Avvocato im Ge­wimmel des Zugabteils und dann im hektischen Durcheinander auf dem in der Hitze des römischen Vormittags brütenden Bahnsteig abzuhängen. Es gelang ihm – so glaubte er zumin­dest – problemlos. Termini mit seinen tausend Ne­beneingängen und Ebenen und seinen werktäglichen Menschenmassen war wie dafür geschaffen, einen Verfolger abzuschütteln. Er war nicht zum ersten Mal in der Ewigen Stadt und er wusste, wie er vom Bahnhof aus mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Piazza Navona gelangen konnte. In der unmittelbaren Nähe dieses zentralen Platzes befand sich das Hotel Ra­phaël und gleich daneben führte die Vicolo della Volpe zur schnurgeraden Via dei Coronari, die von der En­gelsburg herkommt. Dennoch war er wie jedes Mal erschlagen von der frühsommerlichen Hitze, dem Lärm und dem einem Ameisenbau ähnelnden Ge­wimmel in der Metropole, dem Gestank nach Abga­sen, Müll und Gas, den achtspurigen Straßen kurz vor dem Verkehrsinfarkt, den rücksichtslosen Vespa- und Radfahrern, die ohne Bremsen durch die dich­testen Menschenaufläufe kurvten, dem Hupen, dem vielfältigen Gesang von tausend Stimmen, den Tou­risten, Straßenverkäufern, den Bettlern, den atembe­raubend schönen Frauen, die an den Bars und Schaufenstern vorbei flanierten. Das Berlin seines Großvaters von 1929 muss gegen diesen quirligen und gärenden Dante’schen Höllenkreis ein Paradies voller Ruhe, Entschleunigung und Einsamkeit gewe­sen sein.

Einmal dachte Klammer in der übervollen U-Bahn, dass er weiter hinten im Wagen den Avvocato Ienalli sah, aber als er genauer hinsah, konnte er ihn nicht entdecken.

[Fortsetzung und Schluss am nächsten Montag …]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 5)

[zum 1. Teil …]

„Aber was machen wir denn jetzt? Können wir vielleicht in einen anderen Flügel wechseln?“ Omicron gab ihr nicht einmal eine Antwort. Hilflos sah Fabia zurück. Sollte sie es vielleicht doch über die Treppe versuchen?

In diesem Moment öffnete sich weiter hinten auf der rechten Seite überraschend eine Tür und zwei auf sie recht unausgeschlafen wirkende junge Männer in Pyjamas tappten verwirrt in den Flur. Fabia kannte die beiden vom Sehen und von einer Einladung zu einer für sie dann etwas peinlich verlaufenen Stockwerksparty in der mit abstrakten Skulpturen vollgestopften Wohnung der beiden. Es waren keine Studenten, sondern ein Künstlerpärchen, das dieses ziemlich teure Appartement angemietet hatte, da es das größte auf diesem Stockwerk war und als einziges einen Balkon mit einem eigenen privaten Schweber-Landeplatz besaß. Fabia kannte von den beiden nur ihre Vornamen und verwechselte sie immer wieder, obwohl sie sich äußerlich vollkommen voneinander unterschieden. Der ältere von ihnen – ein Bildhauer, der seine plastischen Werke am Computer entwarf und mit einem Drucker produzierte, der größer als Fabias Nasszelle war -, hieß Leon, der andere, ein extrem begabter, extrem moderner und zugleich extrem erfolgloser I-Net-Poet, nannte sich Raphaël, was aber bestimmt ein Pseudonym war.

„Was ist denn los? Ein Erdbeben?“, fragte Raphaël und rieb sich die Augen. Fabia rannte zurück zu den beiden. Hatten sie tatsächlich den Weltuntergang verschlafen?

„Habt ihr denn die Nachrichten nicht gehört?“, fragte Fabia verwundert. Das Paar sah sich an.

„Nun, äh, gestern ist es etwas später geworden. Wir hatten eine, äh, kleine Familienfeier. Wir haben unsere Augreyes für die Nacht deaktiviert, damit wir ausschlafen können und nicht um sechs Uhr vom täglichen Alarm geweckt werden“, erläuterte Leon entschuldigend und auch ein wenig verlegen.

Fabia hätte ihn jetzt gerne gefragt, wie es ihm so einfach gelungen war, seine Verbindung zum I-Net zu unterbrechen, denn das war eigentlich fast unmöglich und auch strafbar. Für dieses kleine Kunststück hätten sich die Citoyens sehr interessiert, aber für eine Erklärung war im Augenblick keine Zeit.

„Dann würde ich an eurer Stelle meine Reyes schnell wieder einschalten!“, rief sie. „EDY hat Katastrophenalarm ausgelöst, weil uns in Kürze ein Brocken vom Mond auf den Kopf fällt. Wir sind in Lebensgefahr und müssen auf der Stelle das Gebäude verlassen und die Schutzräume aufsuchen. Wahrscheinlich sind wir die letzten, die noch hier oben dumm herumstehen. Allerdings haben wir ein nicht unbedeutendes Problem: Die Aufzüge sind außer Betrieb.“

Leon und Raphaël starrten sie wie Denkmäler ihrer selbst an; ihr von Alkohol und diversen anderen Drogen umnebeltes Gehirn kam nur langsam in Bewegung. Raphaël kratzte sich in seinen üppigen, haselnussbraunen Haaren.

Merde!“, sagte er wenig poetenhaft. „Ich werde dann mal ein paar Sachen zusammenpacken.“

Er machte aber keine Anstalten, in das Loft zurück zu gehen, sondern blieb weiterhin unschlüssig in der Tür stehen. Wahrscheinlich verfolgten jetzt beide die neuesten Nachrichten über ihre Kontaktlinsen, das würde ihren abwesenden Blick erklären. Fabia hatte keine Zeit, darauf zu warten, bis das Paar den Ernst der Lage begriffen hatte.

„Wenn ihr mich in eure Wohnung lasst, weiß jedoch noch eine andere Möglichkeit.“

Sie drängte sich zwischen den beiden hindurch in das Appartement, das aussah, als hätten dort fünfzig Paviane gehaust. Omicron folgte ihr vorwurfsvoll piepsend auf dem Fuß. Die Skulpturen von Leon, die jeden freien Platz zwischen den Möbeln ausfüllten, glichen amorphen, dichten Rauchschwaden, aus denen an den überraschendsten Stellen hyperrealistische, dabei aber ins Groteske vergrößerte Gliedmaßen oder aufgebeblähte männliche Geschlechtsorgane herausragten. Jetzt hingen an vielen von ihnen farbenfrohe Tücher, bunte Lampions und große, zu Spazierstöcken geformte Zuckerstangen.

Fabia fürchtete sich ein wenig vor der Kunst des glatzköpfigen Bildhauers. Sie war ihr zu düster und bedrohlich, erinnerte sie zudem an die blutrünstigen Idole eines Steinzeitstamms. Doch die Werke schienen sich gut zu verkaufen, wenn sich die beiden Männer dieses großzügige Loft ganz oben auf einem der Pariser Wohntürme leisten konnten – auch wenn dieser renovierungsbedürftig war und nicht im allerbesten Stadtviertel stand.

Fabia hatte gewisse Vorurteile vor Männern mit Glatze. Obwohl sie nicht wusste, ob der Bildhauer von Natur her kahlköpfig war oder es erst durch eine genetische Optimierung geworden war, deren Nebeneffekt beim ‚starken‘ Geschlecht in der Regel ein vollkommener Haarausfall war. Sie misstraute Menschen, die sich der äußerst aufwändigen Behandlung durch den volkstümlich als Grüner Strahl bekannten radiologischen Eingriff in ihr Erbgut unterwarfen, um weiter sehen zu können, schneller zu laufen, besser zu denken, leichter abzunehmen und was es da noch für Möglichkeiten gab. Obwohl sie eigentlich nicht religiös war, kam es Fabia wie Betrug vor und als eine ketzerische Anmaßung, auf diese Weise in Gottes Werk zu pfuschen. Rein äußerlich war Leon nichts anzusehen. Ihm wuchsen keine Engels- oder Fledermausflügel – wie es bei der Jeunesse dorée gerade en vogue war – oder war sonst irgendwie auf den ersten Blick erkennbar körperlich modifiziert. Er trug nicht einmal eine Leuchttätowierung an seinem nackten Oberarm. Eigentlich ging das Fabia überhaupt nichts an und es war das Problem von Leon und seinem zierlichen Freund Raphaël, der übrigens seinem Namen alle Ehre machte und schulterlange, seidige Locken trug. Es war nur so, dass sie keine glatzköpfigen Männer mochte. Punkt.

Ohne auf die verlegenen Mienen und die erstaunten Ausrufe der beiden zu achten, bahnte sie sich einen Weg durch die Überreste einer durchzechten Nacht und die im Weg herumstehenden düsteren Skulpturen und trat durch das blau flimmernde und damit als durchgängig markierte Türfeld auf den Balkon, der die Ausmaße einer kleinen Dachterrasse hatte, aber frei in zweieinhalb Kilometer Höhe über den Rand des Turms in die freie Luft ragte. Der frühherbstliche Morgen war empfindlich kalt und Fabia war froh, dass sie sich vorhin den Sweater ihres verstorbenen Bruders übers T-Shirt gezogen hatte. Der Ausblick war um einiges besser und beeindruckender als der aus dem schmalen und halbblinden Fenster in ihrer eigenen Wohnung. Zuerst fiel ihr auf, dass die sonst so allgegenwärtigen Werbetafeln vom Himmel verschwunden waren. Die Ordnungskräfte hatten sie offenbar landen lassen, damit sie den Flüchtenden nicht im Weg waren.

Fabia trat an die Brüstung, lehnte sich über sie und spähte in die Tiefe. Jedermann war schwindelfrei; dies war eine genetische Modifikation, die bei jeder Schwangerschaft zum Standard gehörte, da die Mehrzahl der Menschen in diesen himmelhohen Wohntürmen lebte, nachdem der Platz in der Horizontalen zu eng geworden war. Diese Gebäude ragten in der Vertikalen nicht nur hoch empor, sondern gingen auch viele Stockwerke in die Tiefe. Das Henri-Gouraud-Building war nur einer von einem Dutzend eng beieinanderstehender Wolkenkratzer, die alle untereinander durch Brücken und Plattformen verbunden waren und doch nur einen Teil der unzähligen, in den Himmel deutenden Gebäudeinseln von Paris darstellten. Zwischen den Türmen brauste auf mehreren Ebenen der Verkehr durch die Luft, der Fabia kaum dichter als an einem gewöhnlichen Morgen zur rush hour erschien. Zigtausende von kleineren und größeren Flugmaschinen strömten wie glitzernde Gebirgsbäche durch die metallenen und gläsernen Schluchten. In weiter Ferne konnte Fabia einige dünne Rauchsäulen aufsteigen sehen, deren Ursprung sie jedoch nicht genau einschätzen konnte. Waren dort bereits einige Meteoritenbrocken vom Mond niedergegangen oder Gebäude durch die Erdbeben eingestürzt?

„Du bist doch Fabia, nicht wahr? Unsere Nachbarin ein Stück den Gang hinunter, die uns bei unserem Einweihungsfest die Wohnzimmercouch vollgekotzt hat“, stellte Leon fest. „Was willst du tun? Willst du dich etwa hinabstürzen?“

Er war neben Fabia auf die Terrasse getreten und warf ebenfalls einen Blick in die Tiefe. „Oder kannst du vielleicht fliegen?“

Sie riss sich von dem überwältigenden Anblick los und wandte sich zu dem glatzköpfigen Bildhauer, der sie neugierig musterte. Fabia deutete auf eine eine Handbreit hohe und kreisrunde Erhebung mitten auf dem Balkon. Sie hatte etwa einen Meter Durchmesser. Daneben war auf einem schmalen, gebogenen Fuß eine Konsole befestigt, die die Künstler offenbar als Getränketischchen missbrauchten, denn es standen einige benutzte Gläser und halbleere Flaschen auf ihr.

„Weder noch. Aber eure Vormieterin hat sich hier eine Expressschweber-Plattform einbauen lassen. Ich habe mich mal mit ihr unterhalten. Sie arbeitete für die Direktion der Société Générale und musste ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit persönlich zur Verfügung stehen.“

„Dieses veraltete Ding ist doch längst vom Netz getrennt und nicht mehr in Funktion. Außerdem hat AUSKUNFT gerade über die Augreyes mitgeteilt, dass der Schweberverkehr bis auf weiteres ruht, weil das Militär den Luftraum für Truppenbewegungen und Transporte benötigt“, erwiderte Leon. Dann zögerte er und musterte Fabia nachdenklich. Er schien darüber nachzudenken, was er ihr sagen durfte.

[zum 6. Teil …]

Ein Kommentar

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 10)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

„Ihr Narren …“, murmelte EDY, nun merklich leiser, resignierend. Sein aufgeblähter Kopf flackerte und wechselte mehrmals die Farbe, dann verschwand er für einen Moment.

Gleichzeitig begann der Stab, der aufrecht genau in der Mitte des runden Tisches in einem Loch steckte, an seiner birnenförmigen Verdickung oben zu blinken. Er tauchte den Worum auf diese Weise in ein gespenstisches, blaugrünes Licht. Lakmi runzelte die Stirn.

Konnte es wirklich so einfach sein? War es die ganze Zeit direkt vor ihren Augen gewesen? War dies vielleicht jener Stab der Macht, nach dem Asgëir suchte?

Kurzentschlossen kletterte sie auf den Tisch, beugte sich herab und ergriff den Stab. Für seine Länge von etwa einem Fuß wirkte er zu dick und zu klobig. Aber das ihr vollkommen unbekannte Material, aus dem er hergestellt worden war, fühlte sich glatt und warm an. Er ließ sich mühelos aus seiner Verankerung in der Tischplatte lösen und glitt ohne Widerstand aus der Öffnung, in der er bisher einen Finger tief gesteckt hatte. Für einen Moment blitzte eine knisternde Funkenstrecke zwischen der stumpfen Unterseite des Stabes und dem Loch. Lakmi richete sich auf.

Da erschien direkt vor ihr erneut der Kopf von EDY. Sie wich erschrocken vor dem Gespenst zurück und wäre dabei beinahe rückwärts vom Tisch gefallen.

„Wage es nicht!“, explodierte die Stimme des Dschinn in ihrem Kopf und Lakmi hatte das Gefühl, ihr würde in diesem Augenblick der Kopf platzen. Sie knickte ein und fiel schwer auf ihre Knie.

„Stecke den Stab zurück in sein Interface. Niemals darf er mit seinen restlichen Komponenten zusammen kommen! Ihre gebündelte Macht würde die Welt zerreißen.“

EDYs Stimme überschlug sich und hallte wie der Donner einer Kanone. Sterne aus Licht tanzten vor Lakmis Lidern, die sie krampfhaft geschlossen hatte. Tränen liefen ihre Wangen hinab und der Schmerz, der in ihr tobte, war kaum mehr auszuhalten. Verzweifelt presste sie ihre freie Hand gegen ihre Stirn, doch das half nicht gegen den Druck, der von innen gegen ihren Schädel prallte.

„Schweig endlich“, schrie sie in höchster Not. „Schweig! Schweig …“

Sie klammerte sich mit dem Rest ihres Verstandes an dem Wort fest, damit er von dem Orkan in ihrem Inneren nicht unrettbar davon geweht wurde. Sie wusste: Nur noch dieses „Schweig!“ stand zwischen ihr, dem Wahnsinn und dem Verlust ihrer Seele. EDY war dabei, sie zu brechen.

Doch da vibrierte mit einem Mal der Stab in ihrer Hand, erwachte zum Leben. Das blaue Licht an seinem dicken Ende leuchtete gleißend auf und tauchte den Worum in ein helles Türkis, als befände er sich im Inneren eines funkelnden Opals. Von dem Licht ging eine seltsame, beruhigende Wirkung aus. EDYs Kreischen wurde augenblicklich leiser und leiser und war dann nur noch in heiseres Flüstern in Lakmis Ohren. Gleichzeitig ließen ihr Schädelweh nach und sie wurde sich der Anwesenheit eine weiteren Geists in ihrem Kopf bewusst. Von ihm ging ein wortloses und wohltuendes Summen aus; in einem Tonfall, mit dem eine Mutter ihr schreiendes Kind beruhigt. Wie in dem Tisch, so musste auch in dem Stab ein mächtiger Dschinn wohnen und seine Kraft war wohl noch größer als die von EDY. Ohne zu wissen auf welche Weise, hatte Lakmi ihn gerufen und nun stand er ihr bei. Der Stab lag dabei angenehm warm und leicht zitternd in ihrer Hand und passte dort so selbstverständlich hin, als wäre er mit ihren Fingern verwachsen. Auf eine unbestimmbare Weise fühlte sich dieser Zauberstab so an, als wäre er schon immer ein Teil von ihr gewesen. Er war wie ein Stück ihrer selbst, das sie irgendwann einmal verloren und nun wiedergefunden hatte.

„Schweig“, sagte Lakmi ein letztes Mal und EDYs Stimme verstummte endgültig. Sein durchscheinender Kopf verschwand.

Lakmi kletterte zitternd vom Tisch und sah sich in dem in das blaue Licht getauchten Worum um. Im Türrahmen standen noch immer die Wächtergoleme. Sie klickten aufgeregt mit ihren Gliedmaßen, aber sie kamen nicht herein und gehorchten auch weiterhin dem Befehl von EDY, nicht weiter mit ihren Geschossen aus rotem Licht um sich zu schießen. Aber was war das? Zwischen ihren Beinen wimmelte es mit einem Mal, als wäre der Boden in Bewegung geraten. Hunderte oder tausende – wer vermag das schon zu sagen? – der kleinen Spinnengoleme krabbelten aufgeregt in den Worum, flossen wie ein Schwall Wasser ins Innere, teilten sich aber vor dem tapferen Mädchen, umfluteten den Platz, auf dem sie stand und vereinigten sich erst hinter ihr wieder, als wäre sie ein Felsen in einem Fluss, der dessen Lauf zufällig im Weg lag. Schnell wurde der ganze Tisch in ihrem Rücken von ihnen bedeckt. Offenbar war ihr Auftrag, ihn zu reparieren und wie es aussah, kamen die Deltas schnell voran. Sie waren es, die jede zerstörte Kriegsmaschine auf der Stelle reparierten und so lang sie selbst nicht ausfielen – sofern das möglich war -, würde die Schlacht der Golemarmeen andauern.

Es war an der Zeit, die Flucht zu ergreifen, bevor EDY wieder zu Leben erwachte. Lakmi deutete mit ihrem Stab auf die monströsen Gestalten, die vor der Tür standen und sie mit grünen Augen betrachteten. Sie hatte die Angst, sie könnten es sich jederzeit anders überlegen und sich auf sie stürzen.

„Geht“, sagte sie mit fester Stimme und wusste dabei, dass sie ihr und ihrem Zauberstab gehorchen würden. Tatsächlich wandten sie sich auf ihren Befehl hin ab und rollten und stapften davon, gaben den Durchgang frei. Trotzdem trat Lakmi sehr vorsichtig hinaus und schwenkte den Stab dabei in alle Richtungen. Sie wusste nicht, was das schlichte, pechschwarze Rohr alles bewirken konnte und ob es gar wie die Goleme Feuerblitze spucken konnte, aber es schien den mechanischen Soldaten gehörigen Respekt eingeflößt zu haben. Die fünf Goleme, die auf EDYs Ruf herbei geeilt waren, hatte den Vorraum bereits wieder verlassen und die beiden Wächter links und rechts der Tür waren auf ihrem Schienen ganz nach außen zu den Wänden der Halle hin gerollt, wo sie erstarrt standen und Lakmi ihre Rücken zuwandten. Mutiger geworden schritt das Mädchen vorwärts, wobei sie sich bemühte, nicht zufällig auf die letzten Nachzügler der Deltas zu treten, die auf ihren vielen Spinnenbeinchen hektisch über den Boden huschten. Der Eingang zum Worum schloss sich hinter ihr. Lakmi bündelte ihren Geist.

„Stab,“ flüsterte sie, „wie soll ich dich nennen?“ Der Dschinn schwieg. Sie konnte keine Antwort vernehmen, so sehr sie auch in ihr Inneres lauschte. Offenbar konnte er nicht wie EDY direkt in ihrem Kopf reden. Dennoch sprang ihr mit einmal ein Wort auf die Lippen. Sie wusste nicht, woher es gekommen war.

„TYCHO“, sprach sie es aus. „Heißt du so? TYCHO?“

Lakmi lächelte. Also war es möglich, sich mit dem Zauberstab zu verständigen, auch wenn es eine große Anstrengung bedeutete und das Gespräch sehr einseitig und bruchstückhaft war.

„Ja, das ist dein Name“, sagte sie und spürte dabei den bitteren Geschmack von Kummer und Verlorenheit, das Gefühl, unvollständig zu sein und den brennenden Wunsch, wieder eins zu werden. Ihr fiel ein, was Asgëir und EDY gesagt hatten: TYCHO war nur ein Stück eines Meisterstabes, den man einst in fünf Teile zerbrochen hatte. Und nun sehnte er sich danach, sich mit den anderen vier wieder zu verbinden.

„TYCHO. Du musst mich an die Oberfläche bringen“, dachte sie und starrte dabei auf den Stab in ihrer Hand. Längst hatte sie ihr Zeitgefühl verloren und wusste nicht, ob es außerhalb der Tunnel Tag oder Nacht war. „Aber bringe mich an einen sicheren Ort außerhalb der Grenzen der Schlachtfelder.“ Konnte sie dem Dschinn auf diese einfache Weise Befehle geben oder war es nur Zufall gewesen, dass er zweimal ihren Wünschen gehorcht hatte? Und wie viele standen ihr überhaupt zu? Waren es die traditionellen drei Wünsche der Märchen oder würde ihr TYCHO so lange gehorchen, so lange sie ihn in Händen hielt?

Wie dem auch war, der Zauberstab bewegte sich wie von selbst und begann, Lakmi in eine Richtung zu ziehen, auf eine Wand zu, an der für sie keinerlei Durchgang zu erkennen war. Sie musste fest zupacken, damit der Stab ihr nicht durch die Finger schlüpfte. Lakmi wusste aus ihrer Erfahrung mit dem Wächtergolem, der sie zum Worum geführt hatte, dass ihre Sinne hier unten in dem unsicheren Licht oft in die Irre gingen. Und tatsächlich: Während sie, von TYCHO gezwungen, vorwärts ging, gab die vorher makellos glatte Wand einen Durchgang in einen quadratischen Raum frei. Er war klein, fast nur eine Nische in der Wand.

Lakmi trat ohne Zögern ein und sofort schloss sich die Tür. Die Wände erzitterten. Kurz hatte sie ein ungewohntes, hohles Gefühl im Unterleib, das allerdings sofort wieder verschwand. Irrte sie sich oder wurde sie mitsamt dem Raum in die Höhe gezogen?

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