Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 19)

Was Sebastian nicht wusste, denn sonst wäre sein Auftreten ein Stück weit weniger selbstbewusst gewesen: Von hier aus regierte Frau Gere ihre Familie und den Haushalt. Hierher wurden ihr Mann und ihre Kinder befohlen, wenn sie Ärger gemacht hatten. Dieses Zimmer war der Thronsaal der Hausherrin, die als graue Eminenz wesentlich mehr Einfluss hatte und Fäden in der Hand hielt, als es sich der junge Mann aus der bayerischen Provinz vorstellen konnte.

Hatte er am Vormittag das Gefühl gehabt, in das Boudoire einer Gesellschaftsdame aus der Belle Epoque zu treten und der letzten Vertreterin dieser längst ausgestorben geglaubten Urweltart, die Dumas d. J. und Marcel Proust wie Entomologen ihre Käfer beschrieben hatten, so trat er nun in die schlichte, schnörkellose Zukunft des Wohnens. Sebastian fühlte sich, als wäre er durch einen Hintereingang in die Pariser Ausstellung der „Arts Decorative“ geraten. Noch deutlicher als im Speisezimmer im Erdgeschoss herrschten hier geschmackvolles Understatement, klare Linien und kompromissloses Dessin vor. Die augenfällige kubistische, Musikinstrumente darstellende, Collage an der kahlen Wand über dem schlichten Kaminsims schien ein Original von Picasso oder von Georges Braque zu sein – Sebastian konnte die Werke der beiden Maler einfach nicht auseinanderhalten – oder es war zumindest eine täuschend echt wirkende Nachahmung.

Die Stühle und das Sofa vor dem Fenster waren aus verchromten Gestänge und schwarzen Lederbändern hergestellt, dazu kamen ein ovaler Glastisch, auf dem zwei Kerzen brannten und eine Obstschale aus Muranoglas stand, eine Vitrine, in der Bauhausgeschirr ausgestellt wurde, eine Vitrine, in der Bauhausgeschirr stand und ein kugelrunder, geflochtener Lampenschirm. Er hing an kühn geschwungenen Aluminiumrohren von der Decke und leuchtete das Zimmer aus. Dieser Stil würde in Augsburg erst in zweitausend Jahren Mode werden – wenn überhaupt jemals.

Die Dame des Hauses hatte sich wirklich Mühe gegeben und sich perfekt ihrer neuen Umgebung angepasst. Wie hingegossen saß sie hoheitsvoll mitten auf dem Sofa – ihrem Thronsitz – und hatte ihre Beine elegant zur Seite angewinkelt; aber der Oberkörper war gerade und aufrecht durchgestreckt. War sie Sebastian am Vormittag noch recht unförmig in ihr Schlafgewand und ihre Decken gewickelt erschienen, so wirkte sie nun schlank und hoch, grazil wie eine Gazelle, edel wie eine wertvolle Orchideenblüte.

Frau Gere trug ein tailleloses, knapp unter den Knien endendes, pailettiertes Cocktailkleid, dazu hohe, offene Schuhe und hatte um ihren schwanenweißen und schwanendünnen langen Hals mehrmals eine endlos lange Perlenkette gewickelt. Im Haar ihrer asymmetrisch geschnittenen und nachtschwarz glänzenden Kurzhaarperücke glitzerte ein kleines Diadem. Insgesamt war nichts mehr von der kränkelnden Hausfrau zu erkennen, die Sebastian empfangen hatte. Er fühlte sich wie eine Romanfigur von Fontane, die zur blauen Stunde eine Verabredung mit einer Dame der Guten Gesellschaft hatte.

Welch ein meilenbreiter Spalt klaffte zwischen der Frau des Ingenieurs und seiner eigenen biederen Mutter, die sich für Augsburger Verhältnisse in vergleichbaren gesellschaftlichen Kreisen bewegte und sicherlich nicht älter als Frau Gere war. Diese sah übrigens weiterhin kränklich und blutleer aus – tuberkulös –, aber um mindestens zehn Jahre jünger und attraktiver als Sebastians Mutter. Es war nun deutlich erkennbar, dass die hübsche Greta ihre Tochter war. Aber trotz aller Bemühungen sahen Frau Geres dunkle, nicht überschminkbare Augenränder im ersten Moment wie eine Brille aus, die sie sich zum Lesen aufgesetzt hatte. Sie sprachen deutlich von ihrer Erschöpfung und dem schweren seelischen Leiden, das ihren Mann so verzweifeln ließ, dass er sein Heil nicht mehr in der Schulmedizin, sondern bei Scharlatanen und Kurpfuschern suchte.

„Sie wollten mich sprechen? Schön zu sehen, dass es Ihnen wieder besser geht.“

Frau Gere machte die gnädige Geste einer Königin, die ihr Volk empfängt. Sebastian setzte sich auf einen der Stühle beim niedrigen Glastisch. So chique sie auch aussahen, so unbequem waren sie. Er entschied sich, ganz nach vorn zu rutschen und wusste nicht recht, was er mit seinen Armen anfangen sollte. Offenbar benötigten die Möbel des 20. Jahrhunderts einen an sie angepassten, von der Evolution veränderten Menschentypus. Die Möbelfabrikanten und Architekten arbeiteten längst an einer schönen, neuen und in der Hauptsache durchsichtigen Welt, wie sie der hellsichtige Jewgeni Samjatin in seinem Roman Wir bereits vor zehn Jahren beschrieben hatte. Ob die Wirkung beabsichtigt war oder nicht: Sebastian fühlte sich wie ein armer Sünder in einem gläsernen Beichtstuhl.

Die Dame des Hauses saß wesentlich eleganter und entspannter auf ihrem Ledersofa. Sie legte ihre Arme übereinander und tippte mit den Fingerspitzen. Dabei schepperten die breiten Armbänder an den Handgelenken im Takt gegeneinander. Sie schob sie immer wieder hoch zum Ellenbogen, aber die dünnen Unterarme gaben den Reifen keinen Halt und sie rutschten wieder zurück, klapperten weiter. Dies war die einzige während des kurzen Gesprächs unermüdlich wiederholte Geste, die an ihr nervöses Leiden erinnerte.

„Ich vermute, Sie konnten sich bereits ein wenig einleben“, eröffnete sie, „ich wäre stolz, wenn Sie sich hier in unserem Zuhause heimisch fühlen würden. Fehlt was? Soll Clara etwas für sie besorgen?“

Sebastian verneinte. Ihm war unbehaglich zumute. Hatte ihr Mann ihr verschwiegen, was im Lauf des Tages im Haus passiert war und er den ungeliebten Gast lieber heute als morgen verabschiedet hätte?

„Sie haben inzwischen alle kennengelernt“, fragte ihn Frau Gere weiter aus, „Ich hoffe, der Eindruck war günstig. Wissen Sie, meine Familie ist ein wenig … besonders. Finden Sie nicht auch?“

„Sie meinen, weil Sie Juden sind?“

Sebastians altes Leiden: Sein Mund sprach, bevor sein Gehirn dachte. Was ist das nur für eine dumme, patzige Frage, die mir da entkommen ist, schalt er sich und hätte sich dafür am liebsten selbst aufs Maul gegeben. Doch seine Wangen brannten auch ohne diese Tat feuerrot. Frau Gere hörte überrascht damit auf, ihre Colliers vom Handgelenk zu den Ellenbogen zu schieben.

„Nun,“ erwiderte sie maliziös lächelnd, „das meinte ich nicht gerade. Wissen Sie, wir sind nicht religiös – zumindest nicht auf die herkömmliche Weise. Der Stammbaum der Geres – ursprünglich Gersons – reicht weit zurück bis ins ausgehende Mittelalter, wahrscheinlich wesentlich weiter als der Ihre. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass meine Familie etwas ganz besonderes ist. Unsere Vorfahren waren Sephardim, von denen ein Teil nach Südamerika, ein anderer – der heute in Berlin ansässige – nach Holland und anschließend nach Hamburg auswanderte, als er 1531 von der Inquisition aus Spanien vertrieben wurde. Flucht oder Tod, hieß es. Das ist eine Geschichte, die sich immer und überall wiederholt, wo sich eine Religion mit den Mächtigen verbündet. Wir Geres fühlen uns schon so lange als Deutsche, dass es uns immer wieder erstaunt, wenn uns jemand – zumeist in böswilliger Absicht – unsere Angehörigkeit zum jüdischen Volk vorwirft. Was auch immer daran anstößig sein soll.“

Das war eine Standpauke und Sebastian hatte sie verdient. Er merkte, dass Frau Gere diese Rede schon ein paar Mal gehalten hatte und er beeilte sich, sich für sein vorlautes Mundwerk zu entschuldigen. Sie machte eine klappernde und wegwerfende Handbewegung.

„Mein Gott, wenn man diesen Nazis glauben will, dann sind wir allein an allem Unglück auf dieser Welt schuld! Sie werden mir doch keiner von diesen albernen Spintisierern sein? “

„Aber nein, ich versichere Sie! Ganz im Gegenteil.“

Sebastian hielt es nicht für angebracht, seine tatsächliche politische Meinung in diesem gutbürgerlichen Haus kundzutun, aber mit dieser merkwürdigen Splitterpartei voller dumpfer Vorurteile und einer mehr als absonderlichen Ideologie, die sich in der letzten Zeit auch in Bayern so wichtig machte, wollte er auf keinen Fall in einen Hut geworfen werden.

„Das Gegenteil“, schmunzelte Frau Gere, „was ist das Gegenteil eines Nazis? Ein guter Mensch, will mir schienen und das wollen wir doch alle sein – gute Menschen. Doch genug von der enervierenden Politik. Das ist ein Gesprächsthema, das in den Rauchsalon meines Mannes, aber nicht hierher passt. Als ich eben sagte, dass meine Familie sei besonders, meinte ich nicht unsere Zugehörigkeit zu einer Rasse, die doch nur ein Spiel des Zufalls und kein Schicksal, vor allem kein prägendes Merkmal eines Menschen ist. Wir sind Pagen, das ist das einzige, das zählt.“

[Fortsetzung am nächsten Montag]

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