Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 20)

Sebastians Respekt wuchs. Wie elegant und intelligent sie ihre Worte wählte, wie gebildet sie formulierte. Allerdings fragte er sich kurz, wie er ihre letzte Bemerkung verstehen sollte. Pagen? Was meinte sie mit dieser sonderbaren Bezeichnung für ihre Familie? Waren Pagen im Mittelalter nicht junge, adlige Bedienstete von Fürsten gewesen? Er beugte sich vor.

„Ich stimme Ihnen vorbehaltlos zu. Verzeihen Sie mir, wenn ich offen spreche, aber wir kommen doch alle gleich nackt und blutig auf die Welt. Uns unterscheidet allein das Soziale und nicht die Farbe der Haut oder die Form unserer Nasen,“ erwiderte Sebastian leidenschaftlich. Frau Gere überging seinen Einwurf nachsichtig.

„Ach, Sie sind noch so jung, mein Lieber! In Ihrem Alter wird wohl jedes Gespräch zum Manifest – da ist Politik noch Herzenssache. Bewahren Sie sich diesen Enthusiasmus. Er wird Ihnen in den Zeitläuften helfen, die vor Ihnen liegen. Deshalb wollte ich mich eigentlich mit Ihnen so bald als möglich treffen: Ich möchte Sie warnen. Ihnen steht ein außergewöhnliches Schicksal bevor. Nennen Sie mich meinetwegen eine Hexe; vielleicht besitze ich die Macht des zweiten Gesichts – eine Gabe übrigens, die in dieser Familie auf der weiblichen Linie weit verbreitet ist. Oder wenn sie nüchterner denken, dann glauben Sie einfach, dass mich meine nervöse Krankheit hellsichtig gemacht hat und ich manchmal Nachrichten aus der Geisterwelt empfange: Auf jeden Fall sehe ich für Sie ein ganz außerordentliches Schicksal voraus, dessen Tragweite und Bedeutung für die Welt Sie sich überhaupt noch nicht vorstellen können. Aber fürchten Sie sich nicht, denn das Entsetzliche in Ihrer Zukunft wird auch viel Süße und glückliche Momente mit sich bringen – wie bei jedem von uns. Alles ist nur ein wenig … intensiver. Die Hand, die nimmt, gibt auch reichlich. Ich kann sie versichern.“

Frau Gere verstummte und wartete offenbar auf eine Entgegnung von Sebastian, der sie anstarrte und darüber vergessen hatte, seinen Mund zu schließen. Er blinzelte und sah sich vorsichtig um. Die zwei Kerzen auf dem Tisch blakten und rußten. Ihr Docht gehörte geschnitten. Doch der Rest des Zimmers war grotesk weit von der Bude einer Jahrmarkt-Wahrsagerin entfernt. Frau Gere hatte trotz ihrer behaupteten sephardischen Herkunft nichts mit einer heißblütigen, dunkelhäutigen Zigeunerin oder einer Chiromantin gemein.

Sebastian hustete verlegen in seine Handflächen und verbarg auf diese Weise die Lachlust,die ihm über die Lippen sprang. Ihm gelang es nicht, diesen Augenblick ernst zu nehmen. Dies musste alles der überhitzten Fantasie ihrer Nervenkrankheit entspringen. Eben hatte sie doch noch so klug gesprochen! Was hatte diesen Umschwung bewirkt? Frau Gere war ganz offensichtlich geistesgestört und der Doktor Kurtzweil hatte recht gehabt: Sie war in der psychiatrischen Obhut der Charité besser aufgehoben als in ihrer Familie, in der eigentlich alle etwas sonderbar waren. War sie unter Umständen gefährlich? Würde sie jetzt gleich mit dem stumpfen Messerchen mit Bambusgriff, das mit ein paar Äpfeln in der Obstschale auf dem Tisch zwischen ihnen lag, über Sebastian herfallen und versuchen, ihm die Augen auszustechen?

Als ob sie seine Gedanken lesen könne – und von ihrem verschrobenen Standpunkt konnte sie das ja auch – beugte sie ihren langen Oberkörper ebenfalls nach vorne und zum Tisch hin, schob die Obstschale achtlos zur Seite und legte einen ihrer Unterarme mit den Schmuckreifen gewichtig klirrend auf die Glasplatte. Mit der anderen Hand deutete sie auf ein breites, aus Leder und braunem Horn gefertigtes Armband, auf dem eine kreisrunde bronzende Medaille befestigt war. In sie hatte man ein Pentagramm einprägt, in dessen Mitte sich ein aus fünf Perlen geformtes Kreuz befand.

„Erkennst du das?“, fragte Frau Gere lauernd.

„Ich habe dieses merkwürdige Symbol heute schon zweimal gesehen, aber ich weiß nicht, wofür es steht. Hat es etwas mit den Freimaurern zu tun?“

„Ja und nein. Wir haben vorhin von den guten Menschen gesprochen. Der fünfzackige Stern ist ihr Erkennungszeichen und Perlen in der Mitte stehen für die fünf Wahrheiten der Pagen.Bei Matthäus steht: „Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, damit die sie nicht zertreten mit ihren Füßen und sich umwenden und euch zerreißen.“ Eine von uns hat dieses Symbol in einem alten Buch über Geheime Gesellschaften gefunden und fand es für uns passend. Es war einmal ein Zeichen des sogenannten Alten Bundes und wurde angeblich auch von den berüchtigten Illuminaten benutzt. Aber mit beiden haben wir nichts zu tun. Ich glaube auch, dass es diese jahrhundertealten Geheimzirkel heute gar nicht mehr gibt.“

Alter Bund? Illuminaten? Das wurde ja immer toller! Was war denn das bloß für eine irrsinnige Gedankenwelt, in den ihn Frau Gere hineinzog? Sebastian wollte die Geisteskranke eigentlich nicht weiter in ihrem Wahn bestätigen, aber die Neugierde des Schriftstellers ließ ihn doch eine Frage stellen; eine für die einhundert Fragen, die ihm auf der Zunge lagen:
„Was sind denn die Fünf Wahrheiten?“

Frau Gere berührte mit der Fingerspitze vorsichtig die erste Perle, dann auf die nächste. Sie zählte sie auf diese Weise ab wie eine katholische Bäuerin vor der Abendmesse ihren Rosenkranz.

„Eins: Alles ist anders. Was euch auch erzählt wurde von euren Vätern, es ist eine Lüge. Zwei: Die Frau entstammt dem Schoß der Erde, der Mann den Wolken im Himmel. Drei …“

Sebastian sollte die anderen Wahrheiten nicht mehr erfahren, denn Gregor kam zur Tür herein gestolpert, die er vorher ungestüm aufgestoßen hatte. Er verursachte dabei einen Höllenlärm, weil sie mit gehörigem Schwung gegen die Vitrine mit dem wertvollen Geschirr schlug. Die beiden nahe einander zugeneigten Sitzenden fuhren wie zwei ertappte Verschwörer erschrocken in die Höhe. Hoffentlich versteht Gregor die Situation nicht falsch, dachte Sebastian. Aber ein Blick auf den unsicher Hereintappenden beruhigte ihn. Gregor war das Pikante der Situation nicht bewusst. Er sah durch seine Mutter hindurch, als wäre sie überhaupt nicht im Zimmer.

„Hier steckst du also“, wandte er sich an Sebastian und runzelte die Stirn. „Ich habe dich schon im ganzen Haus gesucht.“

Der Bruder von Greta hatte ich umgezogen und trug einen eng geschnittenen dreiteiligen Frack mit übertrieben weit ausgestellten Hosen. Allerdings ging er weiterhin auf Strümpfen. Er trat einen unsicheren Schritt in den Raum. Offenbar hatte er schon wieder getrunken.

Im Haus Vaterland isst man gründlich, hier gewitterts stündlich“, zitierte er den Werbespruch für eine Wettersimulation des Restaurants Rheinterrasse im Kempinskihaus, wo in einer nachgebauten Rheintallandschaft stündlich das Licht gedimmt und Wolkenbrüche mit Blitz und Donner über die Gäste hereinzubrechen drohten. Gregor machte eine ungeduldige Handbewegung.

„Die halten unsern Tisch nicht ewig frei. Auf, auf, die Sonne ist untergegangen – das Leben der Nacht beginnt.“

Sebastian sah entschuldigend zu Frau Gere, die sich gelassen wieder aufrichtete.

„Wenn Sie mich entschuldigen würden …“

Sie nickte langsam und bedachte ihn mit einem verschleierten, seltsamen Blick.

„So jung“, murmelte sie, „solch ein Schicksal.“

Berlin! Sebastian erkannte immer deutlicher, was diese zwei Silben für ihn bedeuteten. Sie waren für einen Künstler wie ihn, der an jeder noch so zweifelhaften Blüte verzweifelt nach dem Nektar der Inspiration suchte, Honigtopf und Venusfliegenfalle zugleich. Diese Stadt war ein rauschhafter Taumel, eine Jagd, die niemals endet und keine Erschöpfung oder Pause kennt: Sie war niemals gestern. Bevor der Staub der Ereignisse sich setzen konnte, wurde er bereits an einem anderen Ort aufgewirbelt.

Lichter, Tanz, Gesichter, funkelnde Champagnerperlen, das Lächeln schöner, geheimnisvoller Frauen, alles begleitet von einer Musik, von der der junge Mann nicht einmal geahnt hatte, dass es sie überhaupt geben könnte: Dies war alles eingefangen in dem Bernstein einer einzigen Nacht.

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