Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 21)

Die Geschwister Gere und Sebastian gaben sich alle Mühe, zumindest an diesem einen Abend nichts auszulassen, was ihnen irgendwie bedeutsam und unversäumbar erschien – wenigstens für eine einzige, schlaflos durcheilte Nacht. Und als würde die Stadt mit ihnen spielen wie eine Katze mit einer erschöpften und verwundeten Maus, begann alles langsam, in gemächlichem Schritt und endete doch in einem fiebrigen Taumel zu einer Uhrzeit, in der in Augsburg außer den Schichtarbeitern im Textilpalast und bei der MAN jedermann längst in seinem Bett lag und einem neuen Tag entgegen schlummerte.

Manchmal schloss Sebastian die Augen und die Eindrücke zogen an der Innenseite seiner Lider vorüber wie die rasanten Bildcollagen in Filmen aus Hollywood, die das rauschhafte Nachtleben im Big Apple von New York illustrieren sollten. Wahrscheinlich gab es außer der amerikanischen Metropole und Paris auf dem Erdball nur noch eine einzige Stadt, die sich und das Leben, die Jugend und die Zukunft auf diese zugleich hysterische und fanatische, besessene Weise feierte. Das war Berlin. There are many apples on the tree, but only one Big Apple, würde in dieser Nacht noch ein Jazzmusiker im Varieté Scala singen. Und hier in Berlin war der Taumel noch fieberhafter, noch atemloser als anderswo, da jedermann wusste:

Es war ein Tanz auf einem Vulkan, der in jedem Moment ausbrechen und die Stadt wie Pompeji ersticken konnte.

Dieser halb besinnungslose, halb delierende Tanz an der Klippe über dem Abgrund war eigentlich nicht das, was Sebastian in Berlin suchte: Er wollte vielmehr den Anschluss an die literarischen und künstlerischen Kreise der Stadt suchen, die die Avantgarde wie Motten das Licht anzog. Er wollte hier den einen großen Roman schreiben, seinen Alexanderplatz, seine Buddenbrocks – eben jenen Großen Gatsby, der in Deutschland noch viel zu selten besungen worden war. Wie er allerdings die Zeit dafür finden konnte, war ihm noch nicht klar. Aber Anregungen hatte er innerhalb eines Tages und einer Nacht für fünf Romane bekommen. Und diese spezielle Nacht begann eben erst!

Selbstverständlich war Sebastian übermüdet und hatte deshalb den hartnäckigen optischen Eindruck, es würden sich alle seine Erlebnisse hinter dem dicken Glas eines der Fischbecken im Berliner Aquarium abspielen, in dem er kopfüber und orientierungslos durch eine spiegelverkehrte Welt trieb. Sebastian wusste, dass ihm wahrscheinlich eine seiner seltenen Migränen bevorstand, aber er hoffte, er konnte sie zumindest für die nächsten Stunden noch hinauszögern. (Das Aquarium war übrigens auch ein Ort, den er unbedingt noch besichtigen wollte.) Die Nachtschwärmer war gerade staunend bei der Fahrt ins Zentrum an dem mit spektakulären urweltlichen Fresken geschmückten Gebäude vor dem Zoologischen Garten vorbeigekommen.

Wenigstens hatten ihn die normalen Kopfschmerzen, die ihn seit dem Morgen so hartnäckig wie eine schlechte Gewohnheit begleitet hatten, endlich verlassen. Gregor htte ihm noch vor der Abfahrt in Tegel eine von seinen Togaltabletten gegeben, deren Einnahme schon nach kurzer Zeit wahre Wunder gewirkt hatte. Zumindest nahm Sebastian an, dass es sich bei den bitteren Pillen, von denen Gregor selbst gleich eine ganze Handvoll geschluckt hatte, um das Kopfschmerzmittel gehandelt hatte. An sein Erwachen am morgigen Tag wollte Sebastian im Moment lieber nicht denken, aber jetzt war er bis auf das merkwürdige Schwindelgefühl beschwerdefrei und auch Gregor wirkte am Lenkrad seines Wagens erstaunlich nüchtern. Er kutschierte Sebastian, eine wie eine Leinwandgöttin gekleidete Greta und einen jungen Mann, den er als einen guten Freund vorgestellt hatte, sicher zum reservierten Tisch im Kempinskihaus.

Der – wie ihn Greta spöttisch bezeichnete – fag fella ihres Bruders hatte sich als „Rudi“ vorgestellt und würde den ganzen langen Abend den anderen zwar ernst und melancholisch ins Gesicht sehen, aber an keinem der Gespräch teilnehmen und ohne ein Lächeln schweigen und auf direkte Anreden nur nicken oder den Kopf schütteln. Er trug eine runde, schwarze Hornbrille und schräg in den Nacken geschoben auf dem Kopf einen dieser etwas aus der Mode geratenen Kreissägen-Strohhüte, von dem er wusste, wie hervorragend er ihm stand. Deshalb nahm er ihn auch beim Tanzen oder wenn er sich die Hände waschen ging nicht ab. Sebastian konnte ihn einfach nicht ernst nehmen, denn er erinnerte ihn stark an einen amerikanischen Filmkomiker, dessen Name – Harold Lloyd – ihm erst nach einer ganzen Weile einfiel. Dabei hatte er eine von dessen Eskapaden erst kürzlich im neu eröffneten Emelka-Palast in Augsburg gesehen – übrigens einem Lichtspielhaus, das in Größe und Ausstattung denen in Berlin kaum nachstand.

Doch dann fiel es Sebastian wie Schuppen von den Augen: Rudi kopierte nicht nur Lloyds Aussehen, sondern auch exakt bis in die Gestik und Mimik hinein. Vielleicht blieb er darum genauso stumm wie sein Schauspielervorbild auf der Leinwand. Von diesem Moment an gelang es ihm nicht mehr, den milchbubihaften jungen Mann ohne Grinsen anzusehen und er musste sich jedes Mal zusammennehmen, um nicht lauthals zu lachen, wenn dieser ihn mit einem schmachtenden Blick durch seine stark vergrößernden Brillengläser bedachte.

Nach dem Abendessen im Restaurant Rheintal suchten die vier gleich in der Nähe vom Haus Vaterland wahrscheinlich zu Ehren ihres Gastes ein „Original Münchener Bierlokal“ auf, in dem allerdings lauwarmes und bitteres Berliner-Kindl-Pils in kleinen Gläsern ausgeschenkt wurde, eine hellbraune Brühe, mit der man in Augsburg nicht einmal die Geranien gegossen hätte. Der Gast aus Bayern wunderte sich doch ziemlich, was man hier unter einer Brezel, einem Paar Weißwürste und einem gesalzenen Radi verstand. Angeekelt schob er die Verbrechen an der süddeutschen Esskultur zur Seite und sah den anderen zu, die es sich tatsächlich schmecken ließen, obwohl sie gerade von einem nicht allzu schmackhaften, aber üppigen Sauerbraten mit Kartoffelstampf kamen. Sebastian bezweifelte in diesem Moment ernsthaft, ob er irgendwann in Berlin noch einmal etwas Vernünftiges zum Essen bekommen würde. Das die römische Kultur niemals bis Preußen gelangt war, spürte man hier besonders schmerzhaft. Jetzt konnte er sich gut erklären, warum es das Gerücht über Bertolt Brecht gab, er habe eine schwäbische Haushälterin, die ihm Spätzle koche und er sich sich sein Riegele-Bier nach Berlin hinterher schicken lassen würde. Während sich die drei Männer zurückhielten, schüttete Greta ganz erstaunliche Mengen Bier hinunter. Gleichzeitig gelang es ihr, fast allein das komplette, munter sprudelnde Gespräch zu bestreiten. Sogar nach ihrem sechsten Glas wurde ihre Stimme keineswegs schleppender oder ihre Aussprache verwaschener. Der Gast aus Bayern fragte sich, ob überhaupt Alkohol in einem Berliner Kindl war. Worüber Greta so unterhaltsam und eloquent sprach, daran würde sich Sebastian später nicht mehr erinnern; sie plapperte entzückenden nonsense, der in dem Moment, in dem er ihr über die Lippen kam, interessant und wichtig klang, aber eine platzende Schaumblase ihres Bieres danach wieder vergessen war. Gregor und Sebastian konnten nur wenig zu ihrem Monolog beitragen und zuckten bereits halb eingedöst erschrocken in die Höhe, als Greta ihr siebtes leeres Glas auf den Tisch knallte.

„Jetzt will ich tanzen. Komm, Großer, fahr uns alle ins Luna-Ballhaus.“

Dem dann anschließend das Varieté Scala und die Kakadu-Bar folgten, wo man allerdings nur kurz auf einen blieb, weil es dort so boring war. Es war schon weit nach Mitternacht, als die vier wieder im Auto vor dem Berliner Tanzpalast saßen. Es war schon weit nach Mitternacht, als die vier wieder im Auto vor dem Tanzpalast saßen. Ein kalter Niesel fiel aus niedrig hängenden Wolken und gefror sofort auf dem Glas der beschlagenen Scheiben. Die Lichter der Stadt glänzten wie Edelsteine. Bald würde der leichte Regen in Schnee übergehen und die schneidend kalte Nachtluft der Januarnacht drang ins Innere des Wagens und brachte alle zum Zähneklappern, während Gregor den Motor des geräumigen Adler Standard 8 nach mehreren Versuchen stolpernd zum Laufen brachte.

„Wohin jetzt?“, wandte er sich zurück und legte einen Arm auf das Lenkrad.

[Hier geht es weiter …]

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Eine Antwort zu “Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 21)

  1. Pingback: Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 20) | Aber ein Traum...

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s