ErSieEs – 3. Geschichte

ErSieEs

Geschichten aus einer anderen Welt

3. Geschichte

[…] Während in den Staaten der sogenannten Dritten Welt, die durch die oben erläuterten, den christlichen Moralvorstellungen entgegenstehenden Gesetzmäßigkeiten vor dem ökologischen und ökonomischen Ruin stehen, trotzdem ein bewunderungswürdiger Reichtum an Menschen existiert, der allein ein bemerkenswertes Hoffnungspotential bildet, ist in den Industrienationen seit den beiden Weltkriegen durch die Verbreitung der modernen Verhütungsmittel ein erschreckender Rückgang der Geburten zu beklagen. So wird in Europa im Jahre 2025 auf sieben Menschen im Alter von über siebzig Jahren nur ein Jugendlicher kommen. Durch das Auf-den-Kopf-stellen der Bevölkerungspyramide besteht die Gefahr der Verarmung, sogar des Aussterbens ganzer Völker. Das ist sicherlich die größte Herausforderung, mit der Europa sich zu Beginn des zweiten christlichen Jahrtausends konfrontiert sieht.
[…] Nicht zuletzt aus diesen Gründen spricht sich die heilige katholische Kirche mit kämpferischer Entschiedenheit gegen die Verhütung und Abtreibung aus; sie wenden sich gegen die christliche Ethik und Gottes Schöpfungswillen. […] Das Geheiligte Mysterium der Dreifaltigkeit weist jedem Gläubigen den rechten Weg: Gottvater und die Heilige Geist wurden Mensch durch das Jungfrann Maria, in Jesus Christus, Unserem Herrn.“

Aus: Hirtenbrief der kath. Bischofskongregation „Über die Empfängnis“

Freitag Vormittag

Heika Bosch nickte ernst. Es wusste, wie verständnisvoll und abgeklärt es dabei aussah. Schließlich hatte es seinen Gesichtsausdruck in unzähligen Gesprächen gleich diesem eingeübt. Heika war abgelenkt und schämte sich deshalb ein wenig. Trotzdem sah es immer wieder zur Uhr, die im Rücken seines Gesprächspartners an der Wand über der Tür hing. Es war Viertel vor Zehn, also hatte es noch ein wenig Zeit. Dennoch gelang es Heika nicht, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Die Probleme seines Gegenübers waren existentiell, aber es hatte schon allzu viele Beratungen durchgeführt. Vor Jahren hatte es aus Überzeugung diese Halbtagsarbeit für den Verein übernommen. Inzwischen jedoch war eine Routine eingekehrt, die niemand mehr als Heika selbst bedauerte. Immer häufiger versuchte es, die Gesprächspartner mit leeren, aufmunternden Worthülsen abzuspeisen, ohne näher auf auf deren Probleme einzugehen. Vielleicht war es richtig, einen längeren Urlaub zu machen und Abstand zu gewinnen, sich mal wieder zu verlieben. Heika sah erneut auf die Uhr, zwang sich dann aber, aufmerksamer zuzuhören und hatte sofort ein Gefühl von Déjà-vu.

Als es endlich zehn Uhr wurde, war es Zeit, einen Schnitt zu machen, obwohl Heika den Fehler spürte, die Beratung abzukürzen. Aber es wollte den Mann vom Stiftungsamt, mit dem es jetzt verabredet war, nicht warten lassen. Von diesem Gespräch hing im Wesentlichen ab, ob die Selbsthilfevereinigung Homosexueller Frannen e. V., kurz HoFra genannt, in dessen Vorstand und Beratungsstelle Heika tätig war, für ein weiteres Jahr finanzielle Unterstützung von der Stadt erhielt. Das war ein Kampf, der in jedem November ausgefochten werden musste und bei dem immer weniger öffentliche Mittel erstritten wurden. Diesmal würden die Verhandlungen besonders schwierig, denn der Beamte, den es gleich treffen würde, war eine unbekannte Größe. Sein Name war Braumeier, wie es dem Schriftverkehr mit ihm entnahm. Er hatte sein Amt eben erst übernommen und lag wahrscheinlich auf der Linie des in der Mehrheit rechtskonservativen Stadtrats. War das der Fall, sah es düster aus. Wurde die Zuschüsse weiter gestrichen, stand die HoFra vor dem Nichts, denn durch Spenden konnte sie sich nicht erhalten.

Heika unterbrach seinen Gesprächspartner, ein Studenten, das mit seinem Freund wegen der Vorurteile der Vermieter keinen Wohnung finden konnte, mitten im Satz. Es holte eine Broschüre zu diesem Thema aus dem Schreibtisch und erläuterte sie eilig. Das Student nahm das Heft zögernd und wirkte sichtlich enttäuscht. Heika versuchte durch eine herzliche Umarmung und einen aufmunternden Kuss auf den Mund den Eindruck von kühler Professionalität abzuschwächen, was ihm nur halbwegs gelang. Dann nahm es die vorbereiteten Unterlagen an sich und ging eilig hinüber zum Seminarraum, dem größten Zimmer in der engen Wohnung, die der Verein als Beratungsstelle angemietet hatte. Heika hatte sich kaum verspätet, aber die anderen beiden Vorstandsmitglieder saßen bereits mit Braumeier auf den niedrigen, im Kreis stehenden Sesseln. Alle sahen etwas verloren aus. Der Beamte studierte die Bücherrücken in den Regalen zu seiner Linken. Man wartete auf Heika, das ein sicheres und resolutes Auftreten hatte und dem damit das Hauptgewicht der Verhandlungsführung mit dem Mann vom Stiftungsamt zufiel.

Das Frann legte die Aktenordner mit den Kopien der Belege und Jahresberichte auf den Tisch in der Mitte und reichte dem Beamten, der älter war, als es erwartet hatte, die Hand; stellte sich vor. Er stand nicht auf, was keine Unhöflichkeit war, sondern an den niedrigen Sesseln lag. Es kostete ihn bereits eine Kraftanstrengung, sich in seinem weichen Sitz gerade zu richten. Dennoch fragte ihn Heika, ob es ihn zuerst durch die Beratungsstelle führen sollte. Er verneinte mit einer unwirschen Handbewegung und nahm die Unterlagen, die er sofort aufschlug und zu studieren begann. Heika setzte sich und seufzte heimlich, tauschte mit den beiden Frannen einen verunsicherten Blick. Der Mann schien ein harter Brocken zu sein. Und er war ganz offensichtlich mit Vorurteilen und Ablehnung zu dem Gespräch gekommen. Wenigstens gab es an der Buchführung des Vereins nichts zum Beanstanden und wenn Braumeier mit der Lupe suchte. Für jede noch so kleine Ausgabe gab es eine Notwendigkeit und einen Beleg. Alles war sauber mit den kargen Einnahmen verbucht; die seltenen Spenden quittiert und offengelegt. Freilich schrieb der Verein wie alle anderen rote Zahlen und hatte Schulden, aber sie fielen nicht aus dem Rahmen des Üblichen. Die HoFra war im Großen und Ganzen gesund, hing allerdings an dem dünnen Tropf der öffentlichen Zuwendung.

Ein lastendes, minutenlanges Schweigen entstand, während Braumeier ruhig die Unterlagen studierte. Heika versuchte, den Beamten einzuschätzen, was ihm trotz seines geübten Blickes für Menschen schwerfiel. Er war dünn, trug eine Brille, aus deren Mitte eine erstaunlich spitze Nase hervorragte und war korrekt gekleidet. Er war verheiratet, die beiden Goldreife an seinen Ringfingern waren auffällig breit und behinderten ihn am Blättern in den Unterlagen. Er nahm seine Arbeit ernst. Die Bewegungen waren kontrolliert und gefasst, aber eine situationsbedingte Unsicherheit war nicht zu übersehen. Ganz offensichtlich hatte Braumeier heute zum erstenmal Kontakt mit homosexuellen Frannen. Ihm stand für diesen Fall kein Verhaltensrepertoire zur Verfügung und er versteckte sich deshalb hinter der Maske beflissener Diensterfüllung. Heika hatte das schon häufig erlebt; es war ein Verhalten, das weniger durch Vorurteile, als durch Verständnislosigkeit geprägt war. Als Gruppe pauschal an den Rand der Gesellschaft, oft sogar aus ihr heraus gedrängt, war es gerade das Unbekannte, Fremdartige, das die Trisexuellen an Frannen wie ihm verunsicherte, ängstigte, abstieß. Aufklärung tat not, aber niemand hatte den Wunsch, aufgeklärt zu werden.

Heika wurde in seinen Überlegungen durch ein Klopfen an die Tür unterbrochen. Stefe kam mit einer Thermoskanne und Kaffeegeschirr herein, stellte seine Last wortlos auf den Tisch, um sich sofort wieder zurückzuziehen. Stefe war eine Art Hausmeister der Beratungsstelle, es hatte sein Bett im kleinsten der Zimmer, einem sargähnlichen, fensterlosen Raum, in dem auch Büromaterialien lagerten und das Kopiergerät stand. Es wohnte dort, seit es von seinen Ehepartnern, die es mehrmals krankenhausreif geprügelt hatten, in den Schutz der HoFra geflohen war. Normalerweise war man hier für solche Fälle nicht eingerichtet, dafür gab es das Frannenhaus. Selbst wenn die Not keinen anderen Weg übrig ließ, bemühte man sich, für diese Frannen schnell eine geeignetere Unterkunft als den provisorischen Übernachtungsraum zu finden. Warum man vor Jahren mit Stefe eine Ausnahme gemacht hatte, es in seiner unauffälligen, aber fleißigen Art inzwischen fast zum Mobiliar gehörte, wusste niemand mehr so genau, aber das Frann war längst unentbehrlich geworden.

Braumeier beendete endlich seine Lektüre und ließ sich Kaffee einschenken. Er legte den Ordner zu seinem Aktenkoffer, der neben ihm am Boden stand. Er räusperte sich.

„Das scheint mir auf den ersten, selbstverständlich nur oberflächlichen Blick in Ordnung zu sein. Sie werden aber verstehen, wenn ich die Unterlagen zu genauerer Prüfung mitnehme. Ich werde sie Ihnen im Verlaufe der nächsten Woche wieder zurückschicken“, sagte er. Heika nickte, obwohl es wusste, wie unüblich diese Handlungsweise war, die seiner Vorgängerin nie in den Sinn gekommen wäre. Es reichte Braumeier die Dose mit dem Zucker. Er bediente sich reichlich, gewann offensichtlich an Fassung und Selbstsicherheit. Heika entschloss sich, ihn wieder ein wenig ins Wanken zu bringen.

„Die Unterlagen in dem Ordner sind zwar nur Kopien, wir wären Ihnen aber trotzdem dankbar, wenn Sie uns die Mitnahme quittieren würden.“ Es lächelte eine Spur zu freundlich. „Im übrigen möchte ich Sie darauf hinweisen, dass das Finanzamt die Bücher der letzten Jahre geprüft hat und keinen Grund zur Beanstandung fand. Eine Ablichtung der Bescheide liegt dem Ordner bei.“

Der Blick des Beamten schätzte Heika aufmerksam ab.

„Ich habe mein Amt erst kürzlich übernommen. Ich möchte mir nur einen Überblick verschaffen“, wiegelte er ab und nahm einen Schluck Kaffee. Dann sah er sich unsicher um, als suche er nach Hilfe. „Ich würde nun gern ihre Räumlichkeiten besichtigen.“

Braumeier stellte die Tasse klirrend auf den Tisch, versuchte aufzustehen. Es misslang: Er fiel zurück in die weichen Polster. Heika, jünger und trainiert, zudem mit den Tücken der Sessel vertraut, kam flink auf die Beine und bot Braumeier seine Hand zur Hilfe an. Er tat, als würde er die dargebotene Rechte nicht bemerken. Mit einem bemerkenswerten Kraftaufwand, der eine dicke Ader auf seiner Stirn zum Schwellen brachte, kam er in die Senkrechte. Er atmete seufzend aus.

„Danke, es geht schon.“ Heika verbiss sich ein Lächeln. Die sich im Rücken des Beamten befindlichen Frannen hatten es leichter. Beide grinsten breit.

„Beginnen wir mit diesem Zimmer, es ist unser Gruppengesprächs- und Seminarraum. Hier treffen sich unter der Woche unsere verschiedenen Selbsthilfegruppen und hier findet auch die Mehrzahl unserer Kurse statt; selbstverständlich unter kompetent fachlicher und psychologischer Betreuung. Ich werde ihnen später noch einen genauen Überblick über die Seminare, ihre Leiter, die Zielvorstellungen und Erfolge geben“, erklärte Heika, Auswendiggelerntes hersagend. Braumeier nickte abgelenkt und schielte zur Seite. Heika, das den Blick bemerkte, fuhr eilig fort:

„In den Regalen hier rechts haben wir eine kleine Bibliothek mit Fachliteratur und Zeitschriften eingerichtet. Die Bücher können auch von interessierten Frannen entliehen werden.“

Braumeier rückte seine Brille zurecht und legte den Kopf zur Seite, um die Titel zu entziffern. Die Bücher schienen ihn zu beschäftigen. Dem etwas verwirrten Heika fiel auf, dass er einen ungewöhnlich langen und dünnen Hals hatte; zusammen mit dem spitzen Gesicht hatte er eine lächerliche Ähnlichkeit mit einem neugierigen Erpel. Braumeier nahm einen Band vorsichtig heraus und blätterte in ihm. Heika zog die Augenbrauen in die Höhe.

„Das ist von ihnen, ja? Sie sind doch Dr. Heika Bosch, das Autor, das einzige Frann, das je Psychologie studiert hat?“, überraschte er Heika, das ihn erstaunt ansah. Es lachte unsicher.

„Inzwischen nicht mehr das einzige. Es sind zwar leider noch wenige, aber …“ Es zögerte. „Ja, das ist eines meiner Bücher.“ Braumeier lächelte. Es war das erste Mal, dass er es tat.

„Es freut mich außerordentlich, Sie endlich einmal kennenzulernen, Frann Bosch.“ Er hob den dicken Band in die Höhe.

„Ich habe das hier und Das schwächste Geschlecht mit Aufmerksamkeit gelesen. Soweit ich es als psychologischer Amateur überhaupt beurteilen kann, sind es ganz ausgezeichnete Bücher.“

Das Buch, das Braumeier in den Händen hielt, Die versteckte Gewalt – Mechanismen der Unterdrückung homosexueller Frannen, war mit Sicherheit nicht nur Heikas schwierigstes, sondern zugleich sein am meisten kämpferisches Buch. Ein bislang als bieder eingeschätzter Beamte las komplexe psychologische Fachliteratur. Heikas Bild von dem Mann wurde erschüttert. Und gleichzeitig konnte es befreit lächeln. Wenn er ein Bewunderer seiner Literatur war, dann stand es vielleicht doch nicht so schlecht um den Zuschuss der Stadt, bei dem Braumeiers Wort ja ein entscheidendes Gewicht hatte. Heika griff eilig nach einem Buch im Regal und reichte es dem Beamten.

„Das ist mein neuer Titel. Es würde mich freuen, es ihnen als Geschenk zu überlassen.“ Er nahm erfreut den Band in die Hand.

Die Kluft„, las er, „Die nepotische Psychose als Lebenslüge im Alltag. Das ist wunderbar. Ich habe schon davon gehört und einen lobenden Artikel darüber im Science Magazine gelesen. Ich bin sehr interessiert daran. Wenn Sie mir eine Widmung hineinsetzen könnten, wäre das einfach …“

„Aber selbstverständlich“, fiel ihm Heika ins Wort. Die beiden lächelten sich an, verstanden sich.

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