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Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 1)

Ab heute auf meinem Blog:

knoten

Teil II. der großen Brautschau-Saga:
Faiabas Erwachen

titel-Faiaba

Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen.

Doch eine gewaltige Waffe hat den Weltuntergang der Vorgänger überstanden und bedroht die Menschheit. Es ist Maní, der schwarze Mond, der überraschend am Himmel aufgetaucht ist und in wenigen Monaten auf die Erde stürzen und alles Leben unter sich begraben wird.

Auch Fabia Winterfeld, eine junge Vorgängerin, hat die Selbstvernichtung ihrer Zeitgenossen im Kälteschlaf überlebt. Das Wissen der blonden Schönheit ist die einzige Chance, das drohende Ragnarök zu verhindern. Aber ihre eisige Ruhestätte befindet sich tief in den Katakomben der alten Universität von Pars, die mitten in den Jenseitigen Landen liegt.

Eine Gruppe mutiger Abenteurer, unter ihnen der Brautwanderer Half, wagt den Wettlauf gegen die Zeit und dringt verfolgt von alten und neuen Feinden unter großen Mühen und Gefahren in die todbringenden Gebiete im Westen vor, in denen sich die Natur in unvorstellbarer Weise verändert hat und der teuflische Dämon Inet auf neue Opfer lauert …

Teil I. der Saga, „Meister Siebenhardts Geheimnis“, ist als E-Book und als Taschenbuch überall im Buchhandel erhältlich.

knoten

Prolog
5880 Jahre vorher

In den Marskolonien der Indopazifischen Union herrschten Chaos und Zerstörung. Aber ihr Angriff erfolgte auch an diesem Morgen pünktlich und präzise. Wie immer schlugen die ersten Gravitationswellen aus ihren im Stickney-Krater auf Phobos stationierten Kanonen um 06:45 Uhr auf dem irdischen Mond ein und zehn Sekunden später begannen die Sirenen auf den Wohntürmen und öffentlichen Gebäuden der Megapole Paris zu heulen.

Omicron, der kleine private Mehrzweck-goLEM der Studentin Fabia Winterfeld, schaltete ebenso prompt in den Notfallmodus. Aufgeregt rollte er schwankend durch ihre vollgestellte Einzimmerwohnung und gab fiepende, panische Geräusche von sich. Offenbar kam dabei auch sein Orientierungssinn ein wenig durcheinander, denn der Robot donnerte zuerst gegen die Küchenzeile und suchte dann protestierend Schutz unter dem niedrigen Esstisch.

„Überrangprotokoll Fabia!“, rief die junge blonde Frau eilig. „Omicron, Standby.“

Etwas klickte und rasselte im Inneren des Robots, dann froren seine hektischen Bewegungen ein und ein rotes Licht leuchtete an seiner Außenhülle. Fabia seufzte. Jeden Morgen veranstaltete Omicron das gleiche Theater und jedes Mal vergaß sie am Abend vorher, ihn vorsorglich in den Ruhemodus zu versetzen. Sie hatte schon mehrmals mit dem Wartungsservice der Universität gesprochen, ob man den goLEM nicht etwas weniger empfindlich einstellen konnte und es war ihr auch von dem netten Mitarbeiter immer wieder versprochen worden, man würde einen Delta vorbeischicken. Aber bislang hatte sie immer vergeblich auf eine der wieselflinken Technikdrohnen gewartet, die an glattrasierte Vogelspinnen erinnerten. Der Wartungsservice hatte wahrscheinlich in diesen Zeiten Wichtigeres zu tun, als sich um die kleine Haushalts- und Medizinmaschine einer Studentin zu kümmern. Sie konnte Omicron aber auch nicht einfach ausgeschaltet lassen, weil unter Umständen ihr Leben von seinen Sensoren und Funktionen abhing. Trotzdem genoss Fabia den kurzen Moment der Ruhe. Sie wartete, bis auch die Sirenen endlich schwiegen, dann kletterte sie aus ihrem Bett, das automatisch von der elektronischen Raumkontrolle mit einem unangenehmen Quietschen in die Wand zurückgezogen wurde.

„Vielleicht sollte ich die Kugellager mal wieder ölen lassen“, dachte sie und vergaß ihren Gedanken sofort wieder, denn der jungen Frau wurde gleichzeitig schwindlig. Ihre Umgebung geriet für sie heftig ins Schwanken und sie musste sich am kleinen Bücherbord festhalten, um nicht zu stürzen. Fabia wusste nicht, ob der Eindruck durch ihre morgendlichen Kreislaufprobleme entstanden war oder etwa doch durch eine der Gravitationswellen, die ihr Angriffsziel verfehlt und zufällig das Studentenwohnheim getroffen hatte. Sie schloss für ein paar Sekunden die Augen und atmete tief ein. Das Gefühl, auf den Planken eines schwankenden Schiffs zu stehen, verschwand so schnell wie es gekommen war. Erleichtert stieß sie die Luft aus.

Fabias erster Weg führte sie zu dem veralteten Lebensmittel-Dehydrator und -Zubereiter, dem der Vorbesitzer der Wohnung scherzhaft ein prähistorisches Windows-30X-Betriebssystem unterstellt hatte. Sein Ratschlag hatte gelautet, fest mit einem Hammer von oben auf die Außenhülle zu schlagen, wenn das Gerät ein Croissant und einem Milchkaffee produzieren sollte. So verbeult, wie das Ding aussah, hatte er das offenbar auch einige Male ausprobiert. Leider funktionierte der unförmige Kasten dadurch selten so, wie er sollte und erschuf statt einem französischen Frühstück die seltsamsten und ungenießbarsten Nahrungsmittelkombinationen.

Tagsüber aß Fabia in der Mensa, aber morgens war sie auf den Thermix angewiesen. Auch heute versuchte sie vergeblich, das altersschwache Gerät durch Rütteln zu bereden, ihr einen starken Morgenkaffee zuzubereiten. Stattdessen füllte es eine durchsichtige Brühe in die bereitgestellte Tasse, die wie eine Mischung aus Earl-Grey-Tee und Kohlsuppe schmeckte. Aber sie war wenigstens warm und mit ein wenig Süßstoff gewürzt und auch ihr Koffeingehalt schien zu passen.

Fabia verzichtete auf einen weiteren Seufzer und stellte sich an das einzige, wegen der Klimaanlage nicht zu öffnende Fenster ihres billigen Studentenappartements im 123. Stockwerk des etwas heruntergekommenen Henri-Gouraud-Buildings im Weichbild der Innenstadt von Paris. Eigentlich war der Blick aus den etwas trüben Scheiben auf die französische Megapole von hier oben atemberaubend – man konnte bei klarem Wetter sogar die Kunststoffkopie des Eiffelturms in der Ferne erkennen, die im letzten Jahrhundert nach dem entsetzlichen pazifischen Krieg, der praktisch ganz Südostasien radioaktiv verseucht hatte, errichtet worden war – aber gerade schob sich wieder mal eine der vielen gewaltigen Nachrichtentafeln, die wie eine Besatzungsarmee über der Stadt schwebten, an dem Hochhaus vorbei und verdeckte die Aussicht, wegen der allein Fabia die schmuddelige, kleine Bude gemietet hatte.

„Der Mond braucht Männer!“, las Fabia zornig und stirnrunzelnd, während sie an ihrem scheußlichen Getränk nippte und sich dabei die Lippen verbrannte. „Der Mond braucht SIE! Bewerben Sie sich noch heute, denn morgen, Männer, kann es bereits zu spät sein.“ Die Second-Moon-Corp., kurz 2MC, der mächtigste und größte Industrie- und Wirtschafts-Trust der Welt, machte mal wieder Werbung für ihr gigantisches Weltraumprojekt, im Wettlauf gegen die Zeit oben im Orbit einen zweiten, künstlichen Trabanten zu errichten, bevor der natürliche Mond durch die Waffen der Kolonisten vernichtet werden würde. Die täglichen Angriffe mit ihren experimentellen Gravitationswellenkanonen hatten seine Struktur bereits existentiell angegriffen und er torkelte auf einer unsicheren Umlaufbahn um die Erde. Würde er tatsächlich zerbrechen und seine Einzelteile als glühende Meteore auf die Menschheit herabregnen, wäre der Weltuntergang gekommen. Aber noch hielt der Mond den steten Erschütterungen tapfer stand und Fabia hoffte, dass er das noch eine ganze Weile tat. Zumindest bis die 2MC ihr Projekt beendet und einen Ersatz geschaffen hatte, der die Erdrotation abbremsen würde, wenn sein natürliches Pendant irgendwann fehlte.

Aber welcher Marketing-Praktikant hatte denn diesen frauenfeindlichen Spruch verbrochen? Die Studentin, die an der Pariser Uni neben Theoretischer Kybernetik und Künstlicher Intelligenz im Nebenfach Genderwissenschaften belegt hatte, ärgerte sich über die Werbeeinblendung der Moon Corp., die gerade – als ob sie sie verhöhnen wollte – auf der fliegenden Tafel muskelbepackte Testosteronbündel zeigte, die am Metallgerüst des künstlichen Trabanten arbeiteten und aus stahlblau funkelnden Augen heroische Blicke gen Sternenhimmel richteten. Seit den Anfängen der Frauenemanzipation waren nun beinahe fünfhundert Jahre vergangen und noch immer benötigte der Mond ausgerechnet Männer! Einfach widerlich. Fabia hatte Lust, sich auf der Stelle bei der Pressestelle der Gleichstellungsministerin zu beklagen.

Doch plötzlich unterbrach das zentrale I-Net die nachfolgende Hundefutterreklame auf der schwebenden Werbetafel und brachte eine Notfallmeldung. Alle Bürger von Paris wurden aufgefordert, unverzüglich ihre Augreyes einzuschalten, falls sie dies noch nicht getan hatten, und auf eine wichtige Nachricht der Earth Defence zu warten. Wie alle Bewohner der Megapole trug auch Fabia ihre Augmented-Reality-Kontaktlinsen vierundzwanzig Stunden am Tag und aktivierte sie gehorsam durch ein bewusstes Nasenzucken. Die Augreyes versuchten sofort Verbindung mit dem Netz aufzunehmen und blendeten zusätzlich in den Blick der Frau auf die langsam vorbeiziehende Werbetafel vor ihrem Fenster das Standby-Symbol von I-Net ein; eine sich um sich selbst drehende, altertümliche Computerplatine. Es sah aus, als würde das Logo direkt vor Fabia in der Luft schweben und sie müsse nur den Arm ausstrecken, um es zu berühren. Was frühere Generationen für Magie gehalten hätten, war für sie nur ein Teil ihres alltäglichen Lebens. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie die Menschen früher ohne die Möglichkeiten der virtuellen Realität, durch die man buchstäblich mit einem Augenzwinkern Verbindung mit der ganzen Welt aufnehmen konnte, gelebt hatten.

Während die Studentin ungeduldig auf das Online-Signal des weltweiten Computernetzes, dessen Serveranlagen in auf -250° C herunter gekühlten künstlichen Höhlen unter der iberischen Halbinsel und der nördlichen Atlantikküste standen, wartete, ging sie zu ihrer engen Nasszelle, schüttete den Rest ihres scheußlichen „Kaffees“ in die Toilette und machte ihre Morgenwäsche.

„Irgendetwas scheint nicht zu stimmen“, wunderte sie sich, denn solche Verzögerungen beim Einwählen ins Netz waren nicht normal. Aber dann, als sie sich gerade nackt im Spiegel begutachtete und überlegte, ob sie sich noch einen weiteren Eingriff leisten könnte, um ihr kritisch betrachtet doch etwas zu ausladendes Gesäß in Form bringen zu lassen, funktionierte der Kontakt doch. Bevor sich allerdings I-Net melden konnte, erreichte sie ein Prioritätsanruf aus der Uni. Vor ihren Augen klappte die äußerst echt wirkende Gestalt ihres Doktorvaters auf, von Fabias Augreyes halb unter die tropfende Dusche gezaubert. Sie kicherte und war froh, dass ihm in diesem Augenblick nicht sie selbst, sondern ihr vollständig bekleideter, geschminkter und nur leicht aufgehübschter Avatar vor den Augen stand.

Bonjour, Fabia“, begrüßte sie Dr. Samuel Baruch Rosenthal, der führende Biokybernetik-Wissenschaftler der westlichen Hemisphäre. „Wie ich sehe, sind Sie schon auf. Ich muss Sie unbedingt und sofort sprechen, es ist äußerst dringend. Kommen Sie so schnell wie möglich zu mir ins Babel.“

[Fortsetzung am nächsten Freitag …]

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Pavese und dieser Sommer

Es wird andere Tage geben,
andere Stimmen werden sein.
Ganz alleine wirst du lächeln.
Cesare Pavese, The cats will know

Manchmal brauche ich eben ein wenig Halt in diesem leeren Kosmos, dieser gleichgültigen, im wörtlichen Sinn Gott-losen Welt, in der mich die Dinge nicht beobachten, mich nicht beachten, ja, nicht einmal ignorieren. Gut und Böse, Trauer, Freude, Liebe, Wut, gar eine Moral: Sie werde ich unter ihnen vergeblich suchen. Wenn ich einmal ermüdet sterbe, werde ich mich wandeln; endlich ebenfalls in ein leeres, gleichgültiges Ding.

Wenn mich die nüchterne Interesselosigkeit der Welt niederdrückt und die abweisende Kälte der am Nachthimmel funkelnden Sterne deprimiert, wird mir mal wieder deutlich, wie einsam ich in diesem Universum bin. Dann erwachen Selbstmitleid und der Künstler in mir, denn andere Konsequenzen erschrecken mich. Ich beginne ungeschickt wie ein Mensch der Steinzeit, meine Fingerabrücke auf den Oberflächen der Dinge zu hinterlassen, sie zu prägen. Auch wenn sie nur ein schnell vergehender Fettglanz sind, ich habe sie doch berührt. Ich schaffe mir Totems und Idole, personifiziere Gegenstände und Ideen, eine Religion: Ein Nagel ist ein Nagel, aber vier Nägel ergeben bereits ein Kreuz.

Wenn ich die Jahreszeiten personifiziere, um sie persönlich ansprechen oder beschimpfen zu können, denke ich mir den Sommer immer als eine ältere Frau, die dem Glanz und der Schönheit ihrer Jugend hinterher weint. Die Sommerfrau dieses Jahres ist bisher eine strenge, alles unter ihrer Wucht erdrückende Herrscherin, zumindest hier unten im seenreichen südlichen Deutschland zwischen der hier noch jungen und rassigen Frau Donau und den stolzen, arroganten Alpengipfeln, nahe jener pfahlbürgerlichen Renaissancestadt, deren Bewohner von ihr behaupten, sie wäre die nördlichste Italiens – als wäre damit irgendetwas bewiesen. Frau Sommer ist in diesem Jahr eine Domina, die ein SM-Spielchen mit Zuckerbrot und Peitsche aufführt, wobei sie lieber die Peitsche schwingt und – um es mit einer der drolligen Formulierungen des Wetterberichts auszudrücken – „markantes“ Wetter mit sich bringt. Endlose, hitzige Sonnentage, dazwischen heftige Gewitter. Sie fallen kaum ins Gewicht, die aber nicht für Abkühlung sorgen, sondern die Luft weiter mit klebriger Schwüle schwängern. Dann drückt wieder die Last des Thermometers auf uns.

Habe ich dich nun in die richtige Stimmung gebracht, lieber von mir imaginierter Leser, der für mich nur als seltener Pixelstrich auf dem glatten, spiegelnden Bildschirm meines Netbooks erscheint, während ich im Schatten meines Kirschbaums schreibe? Dann folgt jetzt eine

Sommerlektüre-Empfehlung

Habe ich eigentlich schon einmal Cesare Pavese (1908 – 1950) gelobt, aus dessen letzten Gedicht vor seiner Selbsttötung an einem weiteren schwülen Sommertag die oben zitierten, mich immer wieder aufs Neue erschütternden Zeilen stammen?

Seltsam, obwohl der große italienische Dichter einer der prägenden Autoren für mich ist, habe ich ihn bislang wirklich in meinem Blog vernachlässigt. Das ist eine geradezu sträfliche Unterlassung. Ich kenne eigentlich keinen weiteren Schriftsteller, der seine Prosa und seine Gedichte so konsequent und konzentriert geschrieben hat und dem es so eindringlich gelingt, komplette Geschichten mit ein paar lakonischen Worten und alleine zwischen den Zeilen zu erzählen.

Das wird vor allem bei seinen Kurzgeschichten deutlich, die als zweibändige Taschenbuchausgabe bei Claasen und in drei Bänden antiquarisch z. B. von Fischer erhältlich sind. Meist spielen sie in endlosen, bewegungslosen Sommertagen in den Hügeln des Monferrato, einem bäuerlichen, patriarchalischen Regeln unterworfenen Land, das sich sanft hinter der zu Paveses Lebzeiten noch grauen Arbeiterstadt Turin über der Po-Ebene erhebt, wo „bitterer Reis“ und Mückenschwärme gezüchtet werden, die wie schwelende Gewitterwolken über die Dörfer herfallen. Hier oben ist die Welt noch eine archaische. Sie ist voll von Geiseln, Idolen und Totems, überall sind Tabus und halbvergessene Mythen zu finden. Es ist eine Welt, in der Individuen gebrochen werden wie das vertrocknende Getreide auf den von einer unbarmherzigen Sonne beschienenen Feldern; auf der das Blut so dunkel und schwer fließt wie der Wein, der hier gekeltert wird.

Monferatto

Davon zu erzählen, gelingt Pavese in unnachahmlicher Weise auf manchmal nur zwei, drei Seiten Text. Wer Blut geleckt hat und mehr will, sollte sich an seine kurzen, aber konzentrierten Romane halten, deren poetische Titel schon Bände sprechen und zusammenfassen, was ich eben wortreich ausführte: „Der junge Mond“, „Der Teufel auf den Hügeln“, „Die einsamen Frauen“, „Der schöne Sommer“, „Unter Bauern“. In seinen Kurzgeschichten und Erzählungen ist Pavese allerdings auf dem absoluten Höhepunkt seines Schaffens. Wer also nicht die Aufmerksamkeitsspanne besitzt, einem längeren Erzählfaden zu folgen, aber zwischen Sonnenliege, Eincremen und Baden im Meer nicht den üblichen Liebes-Vampir-SM-Thriller, sondern Literatur von Weltrang lesen möchte, ist bei Paveses kurzen Texten gut aufgehoben.

Freilich habe ich versucht, wie Pavese zu schreiben. Das Ergebnis kann hier bestaunt werden:

*

Diese klassische Short-Story, in der ich ursprünglich versuchte, den knappen Stil Cesare Paveses nachzuahmen, hat eine lange Geschichte: Zuerst war sie Teil meines Romans „Das Spiel“ von 1983, wurde dann 2001 von mir extrem gekürzt und bei einen Wettbewerb des Wolkensteinverlags, Magdeburg unter dem Titel „Der Badeplatz“ eingereicht. Ich habe sie jetzt noch einmal ein wenig verändert. Die Illustration ist ein Ausschnitt aus dem Bild „Kiesbank“ von dem in Ulm wohnenden Maler Thomas Becker, der seine großformatigen Landschafts-Traumbilder gerade in Tübingen ausstellt.

*

Kleine Veränderungen

Diese Geschichte hat mir Vitalij erzählt. Er meinte, sie sei zwei desillusionierten Männern würdig, die in einem ausgetrockneten Flusslauf spazieren gehen und mit ihren Füßen den Sand ihrer Erinnerungen aufwühlen:

Die Schulbehörde hatte sich endlich dazu durchgerungen, die großen Ferien auf vier Monate auszudehnen. Vitalij, übrigens der schlechteste Schüler meiner Klasse, ein in jeder Beziehung dürrer Junge, verbrachte diese geschenkte Zeit mit seinen Freunden Stefan und Burak unten am Fluss. Nur dort waren die heißen Julitage erträglich. In jenem Sommer lastete die Hitze zwar schon staubschwer auf der Stadt, aber über die heute üblichen Wasserrationierungen wurde nur diskutiert. Man konnte auch noch ins Freie gehen, ohne größere Vorkehrungen treffen zu müssen.

Die drei Freunde trafen sich jeden Vormittag am Ostufer der Staustufe. Sie war nahe bei den Hochhäusern, die bereits mit Hitzeschlieren getüncht waren. Dort wohnte der quirlige Stefan bei seinen beiden Vätern. Obwohl er damit den kürzesten Weg hatte und jedesmal hektisch und außer Atem zum Wehr herunter geradelt kam, mussten die anderen immer auf ihn warten. Stefan konnte überhaupt nicht anders als unpünktlich sein. Meist war Burak der erste am Treffpunkt. Er ließ die Füße ins Wasser hängen, sein Rad in Griffweite abgestellt. So harrte er geduldig. Seltener kam Vitalij zuerst. Er war nur vor Burak da, wenn er bereits am Morgen mit seiner Mutter Streit bekommen hatte.

Nachdem Stefan geduldig die üblichen Vorwürfe der anderen über sich hatte ergehen lassen, stiegen sie auf ihre Räder und folgten dem Uferweg flussaufwärts. Sie ließen sich auf der kurzen Strecke zu ihrem Ziel viel Zeit, es war angenehm, die Räder im fleckigen Schatten der Bäume rollen zu lassen und sich vom Fahrtwind den Schweiß kühlen zu lassen. Die Freunde waren zu einer sehr unzugänglichen Stelle unterwegs. Es war eine Kiesbank im Fluss, an der sie allein nackt sonnen und baden konnten. Burak hatte sie vor einigen Wochen durch einen Zufall entdeckt, als er nach einer verflogenen Frisbeescheibe forschte: Diese schmale Landzunge im Fluss war nur zu Fuß durch einen engen Pfad in dichtem Gestrüpp und eine wagemutige Klettertour den Hang hinab zu erreichen. Vitalij war sicher, dass es an dieser Stelle im letzten Jahr noch keine Kiesbank gegeben hatte. Sie wäre ihm bei seinen Bootsausflügen aufgefallen. Er nahm an, sie sei erst im Dauerregen des Winters durch eine seltsame Laune des Flusses aufgeschwemmt worden.

Kiesbank

Die Freunde hatten niemandem von ihrem Badeplatz erzählt, das war ihr Geheimnis. Auch wenn sie häufig abends mit Bekannten und Mädchen am Flussufer grillten, tranken oder Computer spielten, sie führten nie jemanden an ihre Stelle. Obwohl ich Vitalij bei diesen Gelegenheiten häufig traf, wusste ich ebenfalls nichts von der Kiesbank. Sie war nur für die drei bestimmt, für die langen, heißen Nachmittage jenes Sommers. Hier lagen die drei Jungen den ganzen Tag über, sonnten und unterhielten sich. Manchmal lagen sie still da und lauschten den Vögeln, die in den Zweigen über ihnen saßen und die Klingeltöne von Handys nachahmten. Wenn ihnen zu heiß wurde, sprangen sie gemeinsam in den Fluss, ließen sich in der starken Strömung ein Stück hinab treiben. Im spärlichen Schatten der vertrockneten Erlen kletterten sie dann über die klobigen Ufersteine wieder zu ihrem Badeplatz zurück. Trotz der Sunblocker wurde ihre Haut im Verlaufe der Ferienmonate dunkel, fast ledrig. Sie waren stolz auf diese nahtlose Bräune, auch wenn sie sie, außer sich gegenseitig, niemandem vorführen.

Burak war der schweigsamste der drei. Nur selten er hörte zu, wenn sich Vitalij und Stefan über ihre Chat-Erlebnisse im Internet austauschten; meist las er konzentriert in den dicken, seltsamen Büchern, die ihn interessieren.

Erst spät am Abend, wenn mit der untergehenden Sonne der Hauch einer Abkühlung über den Fluss wehte, kletterten sie durch das Ufergestrüpp zu ihren Rädern zurück.

Die Idylle konnte nicht ewig währen. An einem Tag am Anfang des Augusts warteten Burak und Vitalij am Treffpunkt vergeblich auf Stefan. Die beiden mussten schließlich allein zur Kiesbank radeln. Da Vitalij mit Burak allein nicht viel anzufangen wusste, wurde ihnen schnell langweilig und sie trennten sich früher als sonst üblich. Am nächsten Tag ließ Stefan die beiden wieder vergeblich auf sich warten.

Doch als sie zu der Kiesbank kamen, war er bereits dort. Er war nicht allein. Er hatte ein Mädchen mitgebracht. Er küsste es demonstrativ, als er die anderen kommen sah. Burak übersah Stefans Freundin kommentarlos. Er ließ nur seine Badehose an, als er sich etwas abseits auf den Kies legte und nickend eines seiner Bücher hervorzog. Vitalij wurde jedoch sofort wütend. Er fühlte sich betrogen und winkte Stefan zur Seite. „Warum hast du das getan?“, fragte er scharf, eine abfällige Handbewegung in Richtung des Mädchens machend, das sich gerade auf den Bauch legte und dabei die Träger ihres Badeanzugs von den Schultern streifte.

„Diese Stelle sollte doch eine Sache zwischen uns dreien bleiben, unsere Zuflucht.“

Stefan zuckte abgelenkt mit den Schultern. Er ließ seine Freundin keinen Moment aus den Augen.

„Na und? Das ist jetzt anders. Sie ist meine Freundin. Ich nehme sie überall hin mit. Das hat sich eben geändert. Was ist daran schlimm?“

„Ich will nicht, dass sich etwas ändert. Ich will, dass es so bleibt, wie es ist“, erwiderte Vitalij. Am meisten enttäuschte ihn, dass er diesen einfachen Sachverhalt auch noch erklären musste. Stefan sah ihn nun zum ersten Mal an. Einen Augenblick wirkte er erstaunt, dann lachte er.

„Das soll wohl ein Witz sein! Wir sind keine kleinen Kinder.“ Nein, er begriff noch immer nicht, was Vitalij eigentlich wollte. Genauer gesagt, er hatte nicht überhaupt nicht vor, seinen Freund zu verstehen. Vitalij wusste keine Worte, keine Entgegnung, die sinnvoll gewesen wären. Was blieb ihm übrig? Er schlug dem Freund mit der flachen Hand ins Gesicht. Stefan taumelte überrascht rückwärts. Vitalij setzte nach. Stefan verteidigte sich, nun selbst voller Wut. Bevor Burak oder das Mädchen eingreifen konnten, rangen die beiden miteinander, lieferten sich ein verbissenes Handgemenge. Endlich rollten sie ineinander gekrallt in das an dieser Stelle recht tiefe Wasser. Um nicht gemeinsam unterzugehen, mussten sie sich trennen. Vitalij ließ von Stefan ab und schwamm so würdevoll, wie es ihm möglich war, davon.

Nach geraumer Zeit kehrte er zu der Kiesbank zurück, fand er aber nur noch Burak vor. Stefan und seine Freundin waren längst gegangen. Eine Weile leckte Vitalij noch klagend seine Wunden. Burak ging nicht auf ihn ein, er starrte ohne zu lesen in sein Buch. Dann sagte er:

„Niemand kann zweimal in den gleichen Fluss steigen.“

Es war das letzte Mal, dass Vitalij mit den beiden zusammen beim Baden war. Auch zur Kiesbank ging er nie mehr. Von dem Tag an bis zum Beginn des neuen Schuljahres traf er sich mit uns anderen im Freibad. Natürlich hat er sich später mit Stefan versöhnt. Sie schwiegen den Vorfall tot. Vitalij musste sich eben daran gewöhnen, dass die Freundin, bis sie sich von Stefan trennte, immer dabei war. Mit Burak trafen sich weder er noch Stefan wieder. Es war ihnen beiden peinlich, wenn sie ihm zufällig begegneten.

So hat Vitalij mir diese Geschichte erzählt. Das sei eine alte, eine sentimentale Geschichte, meinte er noch. Aber sie sei immer wieder neu.

*

Und um diesen heftigen Flirt mit dem Selbstmitleid mit Paveses letztem Tagebucheintrag vom Tag seines Todes zu enden:

All das ist ekelhaft.
Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.

 

 

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Meine unwürdigen Lektüren

Die österreichische Literaturzeitschrift VOLLTEXT [1] führte eine Zeit lang die hübsche Kolumne Unwürdige Lektüren. In ihr wurde bei verschiedenen Autoren nachgefragt, für welchen Lesestoff sie sich so schämen, dass sie  ihn am liebsten verschweigen würden, weil er ihrer unwürdig sei.

Sieht man sich einmal bei Amazon die Liste der meistgelesenen E-Books an, welche – da das Cover nie sichtbar – man ja praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit  lesen kann, wird der Begriff unwürdig deutlicher. Mir richten sich immer wieder die Nackenhaare auf, wenn ich sehe, welche Art von Büchern von der Mehrheit gelesen werden. Da die meisten Besitzerinnen von E-Book-Readern Frauen [2] sind, sind es vor allem seichte, vorwiegend in der Provence spielende Liebesromane (damit man Lavendelfelder auf dem Titelblatt abbilden kann), sado-masochistische Unterwerfungsphantasien, Vampir-Fantasy und ab und an mal ein dicker Gesellschaftsroman oder ein blutiger Thriller. Zwischendurch taucht mehr oder weniger explizite Pornografie auf (Auch ein paar Männer besitzen E-Book-Reader).

Bei uns Autoren ist das anders. Bei uns ist es nicht die Unwürde unserer Lektüren, sondern die Art des Konsums derselben, über die zu schreiben uns eigentlich die Scham Stille auferzwingen müsste. Schriftsteller gehören in aller Regel zu den Gargantuas und Pantagruels der alles verschlingenden, wahllosen Viel- und Allesleser, auch wenn ihnen manches sauer aufstößt, im Gedärm grummelt und sie um die Nachtruhe bringt. Sie sind keine Gourmets, die kleine, übersichtliche Portiönchen von diesem und von jenem Wohlzubereiteten delektieren und sich bei einem kleinen Gläschen Wein an schmackhaften phantasievollen Häppchen erfreuen. Wir Autoren sind Säufer und Fresser, oft kannibalische Carnivoren, die jeden noch so verqueren Textbrocken mit wohligem Stöhnen und ohne Kauen in uneren Schlund stopfen und flüssig geschriebenes literweise hinterherkippen, um alles halbverdaut über unserem eigenen Werk zu erbrechen oder defäkieren. Wir sind krank, wir haben „Bücher“.

Noch immer gilt der Satz: „Wer ein Buch schreiben will, sollte vorher eintausend Bücher gelesen haben.“ [3]

Um dieses Flüssige, das die Kehle für den Anspruch schmiert, geht es mir heute; um meine Gute-Nacht-Lektüre. Robert Musil zum Beispiel, Heimito von Doderer, David Foster Wallace [4] oder Thomas Pynchon lesen sich nicht gut im Liegen, sie haben „Aufrecht-Sitzen-und-aufmerksam-und-andächtig-in-ihnen-lesen“-Bücher geschrieben. Das liegt nicht nur am Gewicht der Tausend-Seiten-Wälzer, durch das jeder kurze Halbschlaf und ein damit einhergehendes Erschlaffen der Armmuskulatur zur Todesfalle werden können, sondern auch an den gewichtigen Inhalten. Man sollte im Bett nichts Schweres konsumieren. [5]

Man schlägt das Buch auf. Sein Schatten schwebt wie ein drohendes Damoklesschwert über dem von des Tages Müh‘ und Last ermattet in die weichen Pfühle gesunkenen Haupt. Der Bucheinmerker – wenn er nicht wieder herunter gerutscht und verloren ist – hilft wenig. Man muss zurückblättern. Wer war schon wieder diese Agathe und von welcher Begebenheit redet sie da, verd … Habe ich das wirklich schon gelesen? Nach zwei Seiten verheddert sich der eh schon viel zu komplexe Inhalt mit den eigenen wirren Gedanken. Man liest einen Absatz dreimal und weiß immer noch nicht, was ihn ihm steht und … Wo war ich?

Nacht

Frau Klammerles Nachtkästchen.

Nein. Das geht einfach nicht. Auf der anderen Seite habe ich einfach noch Lust auf einen Mitternachtsimbiss. Mich hüngert nach dem einen oder anderen Lektürebrocken. Auch wenn ich es am nächsten Morgen auf der Waage bedauere. Auf diese Weise kommen meine Unwürdigen Lektüren ins Spiel. Es sind die Bücher, die auf meiner Leseliste nicht erscheinen und doch einen nicht unbeträchtlichen Teil dessen ausmachen, was ich an Geschriebenem konsumiere. Es sind Comics, die ich hier vielleicht noch als anspruchsvolle „Graphics Novel“ verkaufen könnte oder – hauptsächlich – triviale Science Fiction; Star-Trek-Bücher und Perry Rhodan, der Erbe des Universums.

Gerade ein Rhodan-Heft (in beiden Bedeutungen schön leicht und handlich) ist meine ideale Bettlektüre. Da meine Glossen und Texte nicht gelesen werden, kann ich hier mir selbst die Unwürdigkeit dieser Lektüre gestehen. Ich war ungezählte Male mit Gucky, dem Mausbiber, Atlan, dem Einsamen der Zeit, mit Icho Tolot, dem Haluter, und Alaska Saedelaere, dem kosmischen Menschen [6],  in, neben, unter und zwischen dem Universum unterwegs. Ich habe sogar schon einmal zum Privatvergnügen eine eigene Art Perry-Rhodan-Roman geschrieben, um zu sehen, ob ich so etwas im knappen Zeitrahmen von einer Woche kann. [7] Die inzwischen auf über 2900 Bände angewachsenen Heftchenromane und die dazugehörige, unübersehbare Menge an Taschenbüchern, Hörspielen und Computerspielen, die seit über 50 Jahren von einem Autorenkollektiv herausgegeben werden, sind beim besten Willen für eine Einzelperson nicht mehr alle lesbar und schwanken in ihrer Qualität zwischen gut gemachter Genreliteratur und „Geht überhaupt nicht“. Die Geschichtenzyklen der jüngeren Autorengeneration halten sich aber oft im oberen Mittelfeld auf. Auf einen Neueinsteiger wird die Perry-Rhodan-Welt mit ihrer Pseudophysik und ihren endlosen Handlungssträngen (Man ist ja zum Glück „unsterblich“) so komplex wie ein Heideggertext wirken, allerdings ist sie weit weniger bedeutend. Deshalb haben die Autoren der Serie einen Neustart verpasst, die „Neo-Reihe“ für die nächste Generation. Alles gibt es inzwischen selbstverständlich auch als E-Book. [8]

Ich betone: Ich lese das alles nur, damit ich satt und zufrieden einschlafen kann – nicht, weil es mir gefällt. Das würde ich nie zugeben…

____________

[1] VOLLTEXT (volltext.net) erscheint einmal im Quartal. In ihr kommen weniger die Kritiker, als die Autoren selbst zu Wort. Dadurch ist diese Zeitung wesentlich innovativer, origineller und interessanter als die einschlägigen deutschen Glanzlack-Magazine, die mir als Überzeugungstäter und Bücher-Abhängigen hartnäckig einreden wollen, wie viel Spaß doch Lesen mache. Felix austria.

[2] Im Gegensatz zum Kritisieren ist das Lesen heutzutage reine Frauensache.

[3] Vielleicht genügt es auch, ein Buch zu lesen, dessen Autor tausend Bücher gelesen hat.

[4] Wallace hat übrigens eine ebenso fetischhafte Vorliebe für Fußnoten [4a] wie ich. Ich selbst hasse sie übrigens bei anderen.

[4a] Er benutzt sogar innerhalb von Fußnoten Fußnoten.

[5] … und auf keinen Fall rauchen! Dadurch hat uns Frau Bachmann um den Genuss ihres Alterswerks gebracht. Wer Angst vor dem plötzlichen Buchtod im Bett hat, sollte zum E-Book greifen. Mal von ihrem Inhalt abgesehen, sind digitale Bücher weitaus weniger schmerzhaft als analoge, wenn sie einem auf den Kopf fallen.

[6]  Wer sich für diese Namen interessiert: www.perrypedia.proc.org

[7] Den Teufel werde ich tun und diesen Schund hier veröffentlichen. Ein paar Handlungsstränge tauchen übrigens in „Brautschau“ wieder auf.

[8] Da hat man dann praktischerweise gleich mal einhundert Hefte auf einmal auf dem Reader.

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Ein Beginn – Das Spiel (Teil 3)

SIE WAR AM ERSTEN ABEND

Die Wand. Weiß gekachelt. Schwankte auf mich zu. Blähte sich mir entgegen. Ich griff mit der Hand nach ihr. Um sie ruhig zu stellen. Meine Finger glitten über die Oberfläche. Ölig. Schweißig. Aber ich konnte ihre Bewegung. Pulsierend. Nicht stoppen. Eine M****. Ungelenk gestrichelt. Tanzte zum Takt. Fern. Wie ein Bild von Miró. Lebendig geworden. Dann hatte ich diesen Geschmack im Mund. Ganz vorne bei den Zähnen. Er drängte herauf. Ein letztes Schlucken. Unterdrückend. Endete in Würgen. Keuchend. Ich erbrach in die Pissrinne: Viel Rotwein. Schaumig. Schleim und Abendessen. Aufgeschwemmt. Besudelten den Boden zu meinen Füßen. Etwas spritzte gegen meine Hose. Die beste mit dem Fischgrätenmuster. Dunkel. Und die Wildlederschuhe. Ein Speichelfaden tropfte zäh aus meiner Nase. Obwohl mein Magen schnell leer war. Würgte ich ohnmächtig nach Luft schnappend. Erst durch den Anblick meines eigenen Erbrochenen wurde mir wirklich übel. Die Klotür hinter mir öffnete sich rumpelnd. Wurde aber nach Schweigen. Kurz. Betreten. Rasch wieder geschlossen. Jetzt konnte ich mich aufrichten. Vorsichtig. Meine Bauchdecke krampfte hektisch. Für einen Moment. Besinnungslos. War ich versucht. Wieder nach vorn zu kippen. Entschloss mich aber zur Bewegung. Entgegengesetzt. lehnte mich zurück. Mit dem Rücken. Gegen den Kondomautomaten. Der nach Blech tönte. Matt. Ich verharrte. Atmete. Schwer. Mein Kopf sank zurück. Ich schloss die Lider. Drückte auf diese Weise Wasser. Ein bisschen. Aus den Augenwinkeln. Das über meinen Backen lief. Warm.

Ich weiß noch genau

Eine Erinnerung. Belanglos. Kam in den Sinn: Eine Banalität. Das waren die von einer Strumpfhose. Weiß. Plattgedrückten Haare. Fettig glänzend. Schwarz. Am Bein einer Schwester. Ansonsten hübsch und jung. Die mir am Nachmittag im Krankenhaus freundlich und aufmunternd zugelächelt hatte. Als ich meinen Vater besuchte. In diesem Moment war mein Blick zu ihren Beinen herabgerutscht. Ich spürte eine Scham. Plötzlich. Hitzig. Einem Schlag mit der Hand. Flach. Ins Gesicht sehr ähnlich. Die Schwester bemerkte meinen Blick. Der Ekel kam erst später. In jenem Moment. Als ich mich erbrochen hatte und am Automaten lehnte. Er hielt für Tage an. War mal stärker. Mal schwächer. Aber vorhanden. Ständig.

Ein Rhythmuswechsel draußen

Ein Lied. Neu. Lenkte mich ab. Tönte durch die Tür. Angelehnt. Der Geruch. Säuerlich. Meines Erbrochenen überlagerte langsam den Klogestank. Meine Sinneseindrücke wurden nüchterner. Sie schälten sich aus der Dumpfheit. Jetzt schien es mir auch wieder möglich. Mich zu bewegen. Erst nach einem Versuch. Vergeblich. Gelang es mir. Ich spülte den Mund. Unzulänglich. Mit Wasser. Warm. Bedacht. keines zu schlucken. Der Geschmack und auch der Geruch blieben an mir haften. Ich würde eine Weile auf Distanz bleiben müssen. Das hieß. Wenn sie noch da war. Für einen Augenblick der Verwirrung. Zaghaft. Fragte ich mich. Was ich von ihr erwartete. Für eine Ablenkung. Billig. Unverbindlich. Schnell. Für eine Nacht hatte ich noch nie etwas übrig. Ich weiß nicht. Warum ich in diese Diskothek gegangen war. Hier war ich fehl am Platz. Wie ich mich dazu versteigen konnte. Mich an dieses Mädchen. Sichtlich einsam. Mit einer Masche ausgesprochen dumm. Heranmachen. Warum ich nicht in diesem Moment. Nachdem sie darauf eingegangen war. Überraschend fröhlich und geschmeichelt. Die Gelegenheit. Günstig. Nutzte und mich davonstahl. Noch war Zeit. Ich hatte mich bereits den Abend. Ganz. Mit jedem Wort und jeder Bewegung gegen meinen Charakter verhalten. Gefiel mir darin.

Ich schüttelte den Kopf

Wie viel Zeit war vergangen? Minuten? Eine Viertelstunde? Sie hatte gesagt. Sie würde warten. Ich säuberte notdürftig meine Hosenbeine. Besudelt. Dann wagte ich einen Blick. Abschätzend. In den Spiegel. Ich erschien mir zu dünn. Zu bleich. Zum ersten Mal fiel mir auch auf. Meine Nase war wie die des Kranken. Scharf. Kantig. War das nur eine Sinnestäuschung. Die das Neonlicht. Hart. In diesem Raum schuf. Ich riss mich von mir selbst los. Energisch. Trat zurück in die Diskothek. Lou Reed sang. Niemand tanzte.

i‘ m just your average guy. trying to do. what’s right. I’m average looking. and I’m average inside.

Der Bass. Überlaut. Wuchtig. Bearbeitete meinen Magen. Fast hätte ich kehrt gemacht. Wäre zurück in die Toilette gestolpert. Gewöhnlich. Ich. Dachte ich.Schob die Hose. Zu weit. In die Höhe. Machte den Schritt. Entscheidend. Auf sie zu. Den ich nicht mehr zurücknehmen konnte. Ja. Sie saß noch da. Sie hatte ausgeharrt.

Ich wusste ihren Namen nicht. Sie trieb Koketterie mit ihm. Ansonsten schien sie offen. Sie saß halb gegen den Tresen gelehnt vor ihrem Glas. Bis auf einen Schaumrest. Kümmerlich leer. Längst bezahlt. Und sah abwesend in den Spiegel über der Bar. Sann Lichteffekten und Menschen nach. Die sich in ihrem Rücken bewegten. Ihr Gesicht war entspannt. Ungewichtet. Nur die Unterlippe. Breit. War nach vorn geschoben. Sie fühlte sich. Obwohl das in einer Diskothek kaum möglich ist. Unbeobachtet. Da sah sie mich. Ihr Gesicht mühte sich in eine Maske. Freundlich. In dem Augenblick. Abwesend. War sie mir schöner erschienen. Sie hatte ihren Körper. Ein wenig zu drall. In eine Bluse. Leicht durchsichtig. Hell und in einen Minirock. Schwarz. Für die Jahreszeit. Spätherbstlich. Viel zu kurz. Gezwängt. Den sie jetzt im Sitzen mit einer Hand bewachte. Ihn immer wieder übers Knie rutschte. Was im übrigen vergebens war. Da er sich bei jeder Bewegung. Klein. Nach oben schob und viel von ihren Oberschenkeln entblößte. Natürlich hatte sie in ihren Lackschuhen. Hoch. Spitz. Schwierigkeiten beim Laufen und beim Tanzen. Dennoch bewegte sie sich in ihnen mit Anmut und Selbstverständlichkeit. Überlegener.

Obwohl sie also unvorteilhaft gekleidet und nuttiger wirkte. Als sie war. Sie war doch genau das Mädchen. Das ich benötigt hatte. Als mich mein. Ich nehme an. Unterbewusstsein überredete. Diese Disco zu betreten.

Ich hielt mir die Hand halb vor den Mund. Als ich sie aufforderte. Mit mir das Lokal zu wechseln. Sie nickte. Zustimmend. Griff nach ihrem Mantel. Dunkel. Neben ihr. Über einen Barhocker gelegt. Anscheinend um den Platz für mich frei zu halten. Auf meine Abwesenheit. Länger. Ging sie nicht ein. Ihr schien auch kein Geruch aufzufallen.

Wir stiegen zu dem Café

Drei Stockwerk höher hinauf. Ich weiß. Es war ein Fehler. Aber ich bestellte wieder Alkohol. Diesmal Weißbier. Helles. Obgleich ich damals eigentlich keines mochte. Ich erzählte Unsinn. Irgendeinen. Einfach. Um keine Pause aufkommen zu lassen. Sie saß. Das Kinn in die Hand. Die rechte. Gewichtet. Und hörte meinem Redeschwall zu. Leicht lächelnd. Zerstreut. Während sie Zucker in ihrem Kaffee zerrührte. Um uns herum war das Publikum. Üblich. Für das ich mich langsam zu alt fühlte. Keiner meiner Freunde war hier. Das war gut so. Wenn ich mich wie ein Gockel aufplustere. Brauche ich keine Zuseher. Wohlmeinend. Lästernd.

Dann hielt ich inne. Mitten im Satz. Sah sie an. Ich weiß nicht. Ob ich das erklären kann. Vielleicht lag es daran. Mir war übel. Immer noch. Jetzt kam sogar ein wenig Betrunkenheit hinzu. Auf jeden Fall war die Luft plötzlich zäher. Das Schummerlicht brach sich anders. Es schien mir. Als würde ich das Mädchen vor mir zum ersten Mal ansehen. Durch ihr Gesicht. Zugeschminkt. Hindurch. Obwohl es sicher nicht glaubhaft klingt. Habe ich mich in genau diesem Augenblick. In einem Nu. Zeitlos. Nicht erfassbar. Zwischen dem still werden. Noch grundlos. Und einer Erschütterung am ganzen Körper. Plötzlich. In sie verliebt.

Ich war mir dieser Tatsache sofort bewusst. Das Bedürfnis. Einzige. Das ich nun hatte. War. Sie in den Arm zu nehmen. Sie bemerkte mein Verstummen. Fühlte sich durch meine Blicke geschmeichelt. Offensichtlich. Erstaunlich lässig und überlegen nahm sie. Sich zurücklehnend. Meinen Gesprächsfaden auf. Ließ kein Schweigen zu. Sprach dann leider von Politik und machte damit bereits am ersten Abend unserer Liebe viel kaputt. Denn ich konnte nicht verhindern. Dass eines der Reizworte fiel. Die mich an meinen Vater erinnerten. Der zur selben Stunde im Krankenhaus mit dem Tod rang.

In den letzten Tagen habe ich drei längere Ausschnitte aus meinem Roman „Das Spiel“ gebloggt. Meine anderen Texte verschieben ich aus diesem Grund in dieser Woche um einen Tag. Falls Interesse besteht – woran ich allerdings begründete Zweifel habe, denn eigentlich interessiert sich hier niemand für meine Literatur – werde ich weitere Abschnitte veröffentlichen.

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Ein Gewissen – Das Spiel (Teil 2)

IST DAS EIN SCHREI. DA IST EINE HILFLOSE. HEILLOSE. EINE EINSAME

er warf die Zeitung. wütend. vor sich auf den Tisch. schob sie. um den Abstand zu dem Gelesenen zu vergrößern. mit den Händen. von sich. dann sah er auf. wütend. er suchte jemanden. mit dem er streiten konnte. fand nur mich. ich war allein mit ihm. im Wohnzimmer.

das ist ein Jahr her. nein. es ist September. schon eineinhalb Jahre. mindestens.

zum letzten Mal bin es ich. von dem ich schreibe. gleichzeitig ist es das Ereignis. das Bewegung. alles. brachte. der Anfang meines neuen Lebens.

meine Eltern hatten mich zum Mittagessen eingeladen. ich erinnere mich. es gab falschen Hasen und Erbsen. Nudeln. dann Schokoladenmus. ich war zu früh. ich saß neben Vater auf der Wohnzimmercouch. blätterte. in einer Fernsehzeitschrift. gelangweilt.

er wurde nicht oft wütend. wenn er die Zeitung las. quittierte die Nachrichten mit Nicken. selbstzufrieden. für ihn waren die Neuigkeiten des Tages die Bestätigung. er hatte schon immer gewusst. wie es zuging in der Welt. zornig wurde er nur. wenn seiner Meinung nach falsch über das III. Reich geschrieben wurde. das war allerdings immer der Fall. er war Augenzeuge. wusste alles. besser.

diesmal lagen die Dinge anders. er fühlte sich durch einen Artikel im Lokalteil angegriffen. persönlich. ich konnte ihn in diesem Fall sogar verstehen. er saß neben mir. wohlgenährt. hieb mit der Faust auf den Tisch. zweimal. besann sich. nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche. ruhig. ein Tropfen. schaumig. rann ihm über das Kinn. den Hals hinab. er schien ihn nicht zu stören.

das ist seltsam. er ist in meinem Gedächtnis. lebendig. ich denke gerade. die Beerdigung war nur ein Trick von ihm. er lebt noch. in einem Land unerkannt. in mir selbst. vielleicht.

seine Augen hatten sich damals bereits in ihre Höhlungen zurückgezogen. tief. sie lagen im Schatten. dunkel. sie allein erzählten von seiner Krankheit und dem Tod. die Augen. müde. abgeklärt. seine Körpersprache. aufgebracht. wirkte dem Eindruck entgegen.

ich kannte den Grund seines Zorns. ich hatte den Artikel bereits am Morgen gelesen. mich mit gemischten Gefühlen zu Vater gesetzt. er hörte Bruckner. in die Zeitung vertieft war er bereits bei den Sportnachrichten angelangt. ihn trennten nur ein paar Bögen mit Anzeigen vom Lokalteil. ich wollte aber nicht bei Mutter in der Küche bleiben. der ich war ständig im Weg. sie wusste nur den neuen Klatsch über die Schwangerschaft meiner Schwägerin. komplex. schwierig. und gleichzeitig wehleidig. Mutters Hauptthema. da war mir Vater lieber. wenn er klassische Musik hörte. war er schweigsam. gut gelaunt.

ich hoffte. das Essen wäre fertig. bevor er zur die letzten Seite käme. oder er würde seine Entrüstung für sich behalten. doch diese Attacke konnte er nicht verdauen.

hast du das gelesen. fragte er. es hörte sich an wie. hast du das geschrieben.

ich nickte.

der Soldatenverein. in dem Vater Mitglied war. wurde im Verfassungsschutzbericht als verfassungsfeindliche Vereinigung aufgeführt. der Stadtrat hatte deshalb beschlossen. bei der Kranzniederlegung am Kriegerdenkmal am Volkstrauertag eine Abordnung des Vereins nicht zur Feier zuzulassen. daneben stand ein Leitartikel. der die Entscheidung begrüßte. nachdrücklich. und von den ungestraft unter uns lebenden Mördern der Waffen-SS sprach.

ich glaube. Vater hat sich nicht wegen der Entscheidung der Stadt getroffen gefühlt. die er schon erwartet hatte. er war auch nicht aus politischen Überzeugungen Mitglied des Vereines. vielmehr wegen der Geselligkeit und den Kegelabenden. regelmäßig. eingetreten.

es war das Wort Mörder. mit dem er bezeichnet worden war. das ihn getroffen und eine Wunde. tief. innerlich. aufgerissen hatte. die nie heilen konnte. die aber nach außen verschorft war.

ich stellte mich auf einen Disput mit ihm ein. in der Richtung etwa. die Waffen-SS wäre keine Verbrecherorganisation. sondern nur eine Kampftruppe wie alle anderen gewesen. normal. zwar ein Eliteverband. hatte aber nie etwas mit Konzentrationslagern zu tun. Das waren die Totenkopfverbände von Himmler. nicht die Waffen-SS. Soldaten wie andere auch.

ich hatte das tausendmal von ihm gehört. vor allem. wenn er getrunken hatte. mich interessierte nicht die Kollektivschuld dieses Verbandes an Kriegsverbrechen. das war ein Problem für Historiker.

dahinter versteckte sich Vater. mich beschäftigte immer nur er selbst. seine Schuld. seine Unschuld.

aber er erstaunte mich. in ihm war etwas vorgegangen. das Wort Mörder hatte etwas ausgelöst. eine Erinnerung. quälend.

er begann. erst stockend und unsicher. er berichtete von einem Kameradschaftsabend. damit verband sich ein Kriegserlebnis. es war ein Kreis. These und Antithese. ohne Lösung. er gab viel von sich her. es war das einzige Mal.

es war ein Kameradschaftsabend seines Soldatenvereines auf Landesebene. man traf sich in einem Lokal eines kleinen Städtchens am Rhein. dessen Namen ich längst vergessen habe. wenn ihn Vater überhaupt erwähnt hat. man wollte bei Kaffee und Kuchen und gutbürgerlichem Abendessen Geselligkeit üben. Vorstände und Schatzmeister wählen. da Mutter so etwas zu langweilig erschien fuhr Vater allein. gleichzeitig fand im selben Lokal in einem anderen Raum ein Treffen von ehemaligen elsässischen Angehörigen der LVF. der Legion des Volontaires francais statt. das war eine unter Marschall Petain rekrutierte Freiwilligenarmee zur Unterstützung der Deutschen in Russland. im Vorfeld war bereits vergeblich versucht worden. diese beiden Treffen zu verhindern. da beide Vereine ordnungsgemäß angemeldet waren und der Wirt. ein Stadtrat des CDU. auf keinen Fall auf seinen Profit verzichten wollte. war aller Widerspruch vergebens gewesen.

Deshalb hatten Bürgerinitiativen. DGB. Jungsozialisten und Grüne eine Kundgebung organisiert. viel Polizei war da. verhinderte. den Sturm der Demonstranten auf das Lokal. einhundert Leute ungefähr. die Wut dieser Menschen war ehrlich. einen schwülen Nachmittag lang hatten sie die Unbequemlichkeit auf sich genommen und versucht. die Treffen mit Gesängen. Gedichtrezitationen. Ansprachen und Sprechchören zu stören. jetzt waren viele heiser. ermüdet. gereizt. Sie empfanden das Polizeiaufgebot als Provokation. ganz vorn standen ein paar ältere Männer. die KZ-Häftlingskleidung trugen. ob sie Sinti. Homosexuelle. Zwangskastrierte. Juden. politisch Verfolgte waren. weiß ich nicht. es waren Menschen. Opfer. den erneuten Anfängen wehren. sie diskutierten erregt mit den Uniformierten. die sich hinter ihrer Pflichterfüllung verschanzten. sonst waren hauptsächlich junge Leute da. unbequem wollten sie sein. diesen Verbrechern ihre Meinung ins Gesicht schreien.

doch die Ewiggestrigen hielten die Fenster geschlossen. zeigten sich nicht. obwohl sie sich nicht wohl in ihrer Haut fühlten. mein Vater gab zu. er hatte vor dem Mob da draußen Angst. versuchten sie dennoch. ihr Programm zu erledigen. abzuhaken. trotzig. sie entwickelten eine Fröhlichkeit. hysterisch. obwohl ihre Redner sehr laut sprechen mussten. um die Störungen von außen zu übertönen. sie beendeten ihr Treffen früher. als sie ursprünglich wollten. nach dem Abendessen kam der Moment der Stille. es wollte keine Stimmung entstehen. kein Erinnern an die ach so guten Kriegszeiten. weinselig. alle saßen sie auf ihren Stühlen. verschüchtert. voller Furcht. selten äußerte sich einer zu den Sprechchören. hastig. zornig. sie drangen durch die geschlossenen Fenster. durch die zugezogenen Vorhänge zu ihnen. dann war da diese unausgesprochene. uneingestandene Angst..

Schließlich entschloss man sich doch. es gemeinsam zu versuchen. die Versammlung jetzt aufzulösen. hinaus zu treten zu den Protestierenden. als sie nach draußen kamen. unsicher auf dem von der Polizei geräumten Platz vor dem Lokal standen. nicht mehr als zehn Männer. begann einer der älteren Demonstranten ein Wort zu rufen. das sofort von der Menge aufgegriffen wurde. wütend. endlich sah man den Feind von Angesicht zu Angesicht.

Mörder. wie eine Explosion löste sich die aufgestaute Emotion aus hundert Kehlen. die abschirmende Polizeikette. die beschäftigt war. einen Durchgang für die Eingekesselten zu schaffen. wankte.

langsam. man hat Stolz. traten die alten Männer. die ehemaligen Soldaten der Waffen-SS. durch die entstandene Öffnung. mitten durch die Reihen der brüllenden Menschen. Vater war bemüht. hielt sich in der Mitte. hasserfüllte Demonstranten versuchten nach ihm zu greifen. ihn. den sie Mörder schimpften. zu berühren. ganz so. als müssten sie sich überzeugen. es gab ihn tatsächlich.

dann riss die Kette. zwei der Polizisten stolperten. wurden zu Boden gerissen. dieses Wort. das die Menge rief. wurde zu einem Aufschrei. Triumph. Vater rannte. so schnell er konnte. das war vielleicht wirklich das klügste. er spürte einen Hauch Wut in seinem Nacken. das machte ihm Beine.

seine Kameraden waren tapferer oder möglicherweise auch nicht so schnell. bevor die Polizisten eingreifen konnten. fielen einige der Demonstranten über die alten Nazis her. als die Polizei das Handgemenge endlich trennte. waren zwei der Kameraden durch Schläge zu Boden gegangen. einer hatte eine tiefe Stichwunde im Oberschenkel. er hatte viele um sich herum mit seinem Blut besudelt.

Vater war schnell ein gutes Stück entfernt. nur eine junge Frau gab die Verfolgung nicht auf. stumm. hartnäckig. blieb sie auf seiner Spur. beide waren längst in einen gemächlicheren Dauerlauf gefallen. der beider Atem zuträglicher war. ich kann nicht sagen. warum sie ihn noch verfolgte. Vater hielt nicht an. er sah sich nicht um. wähnte sich noch immer von einem größeren Trupp gejagt. schließlich ermüdete die Frau doch. sie blieb stehen. nach Atem schnappend. rief. als würde sie um Hilfe schreien.

Mörder. du Mörder. bleib doch endlich stehen.

Vater sah sich um. verharrte erstaunt. der Abstand zwischen den beiden betrug weniger als zehn Meter. sie waren allein auf dieser Straße.

Mörder. wiederholte sie. du verdammter Mörder.

bei den letzten beiden Wörtern brach ihr die Stimme. jetzt weinte sie fast. Vater hielt seine stechende Seite. die Frau. sagte er erstaunt zu mir. die war in deinem Alter. sie könnte meine Tochter sein.

er wusste nicht warum. aber in diesem Moment nahm er ihren unerhörten Vorwurf ernst. er glaubte ihr den Ernst ihres Anliegens. weil sie ihm über ein so lange Strecke gefolgt war.

wissen sie überhaupt. was sie da sagen. rief er zurück.

wer sind sie. wollen sie denn mein Richter sein.

genau das hat er zu ihr gesagt. wollen sie mein Richter sein. ich an ihrer Stelle hätte diese Frage bejaht. wie gerne wäre ich an ihrer Stelle gewesen. was war das für eine Gelegenheit. warum hat Vater mir nie diese Frage gestellt. warum gab er mir nie die Chance. ihn zu richten.

ich hätte den ersten Stein geworfen.

die Frau jedoch verließ der Mut. ihr Zorn war verraucht. nachdem sie ihren Mörder vor Gesicht hatte. der ein Mensch. ein Vater war. sie wand sich um und ging. ohne noch ein Wort zu sagen.

damit hätte für Vater die Angelegenheit erledigt sein können. doch der Vorwurf der Frau hatte eine Erinnerung in ihm geweckt. die er lange vergessen geglaubt hatte. die jedoch. in seinem Unterbewussten versteckt. weiter in ihm arbeitete. als er zum Bahnhof ging und später. im Zug. der ihn durch die Nacht nach Hause brachte. hatte er beständig das Erlebnis von damals vor Augen.

damals wurde er als Achtzehnjähriger in der Apokalypse von Berlin eingesetzt. um das Leben jener Ungeheuer. die ihn um seine Jugend betrogen hatten. ein paar lächerliche Tage verlängern zu helfen. er war einer von denen. die für ihren Führer gern gestorben wären. schon die geographische Nähe zu ihm erfüllte Vater mit Ehrfurcht. jung. wie er war. führte er wegen seines Status als SS-Mann bereits einen Trupp Soldaten zu verbissenen Straßenkämpfen gegen russische Stellungen und Panzer.

kurzfristig von seinem Trupp getrennt. rennt er durch ein Wäldchen. dort. am Tiergarten. in der Nähe wird geschossen. es riecht nach Rauch. die Russen sind schon Unter den Linden. aus den wenigen übrig gebliebenen. zerschossenen Häuserruinen wehen weiße und auch rote Fahnen. die einen verräterischen runden. helleren Fleck in ihrer Mitte aufweisen.

auf einer kleinen Lichtung. einer Kreuzung von zwei Kieswegen. stößt Vater fast mit einem russischen Soldaten zusammen. der aus einer anderen Richtung gerannt kommt. kaum zwei Meter trennen sie. sie verharren. nur ein Reflex. eine kurze Feuergarbe der Maschinenpistole genügt. sie zerfetzt die Brust des Gegners. schleudert ihn in zwei ruckartigen Bewegungen zurück. zu Boden. er ist tot.

erst jetzt sieht Vater. sieht bewusst die Leiche. die wie eine hingeworfene Marionette vor ihm liegt. der Tote ist jung. sicher. nicht viel älter als Vater damals. er ist nicht bewaffnet.

dann wird erneut geschossen. jetzt ganz in der Nähe. Vater rennt weiter. flüchtet sich ins etwas dichtere Unterholz. am nächsten Tag wird er verwundet und gerät in Gefangenschaft. er läuft dem Feind in einem Hinterhof direkt in die Arme.

das war es. was Vater erzählte. nahe zu mir vorgebeugt. bevor uns Mutter zum Essen rief. er brachte seine Geschichten zum Schluss nicht mehr zusammen. er hatte keine Zeit mehr. eine Konsequenz. eine Moral zu ziehen. vielleicht war er auch nicht fähig dazu. nach dem Essen machte er seinen Mittagsschlaf. als er wieder erwachte. war ich bereits gegangen.

was mir Vater erzählt hatte. arbeitete in mir. er hatte mir sein Problem weitergegeben. aber keine Lösung. ich weiß. er wusste keine. er hatte keine Ahnung. wie er seine Vergangenheit verarbeiten sollte. ob er Mörder oder Opfer war.

er hat nie dieses angefangene Gespräch mit mir fortgesetzt. als ich ihn das nächste Mal sah. war er wie immer. unnahbar. zynisch. krank. aggressiv gegen meine Art zu leben eingestellt. als er starb. ließ er mich mit der Frage nach der Schuld allein zurück. er stahl sich aus der Verantwortung. floh in Krankheit und Tod. alles das blieb unbewältigt in mir übrig. das konnte ich nicht einfach beiseite schieben. um zur Tagesordnung zurückzukehren.

Er war mein Vater. wir waren verwandt und uns ähnlich.

ist das verständlich. kann ich mich verständlich machen. ersticken nicht die Worte meine Empfindung.

es sind nie kriminelle Neigungen in mir gewesen. für Mörder hatte ich nur Abscheu.

das war eine billige Lüge. ich habe sie selbst geglaubt. nun. schließlich. ehrlich.

da ich schon in dieser Stimmung bin. ein gutes Gefühl. werde ich jetzt von dem Erbe reden. endlich. das hat mein Vater mir gegeben. von ihm kann ich mich nicht befreien. selbst wenn ich nur noch Englisch rede. da ist Auschwitz und Zyklon B. das Land. das Ostfront hieß. da ist er selbst. mit der Vergangenheit. die er nie bewältigte. ich habe bis jetzt davon geschwiegen. habe mir ängstlich verboten. bin geflohen. habe verdaut. das ist das Ergebnis.

die Gewalt ist übergegangen zu mir. vom Mörder. ich spreche es aus. vom Mörder. der mein Vater ist. gab er es mir mit seinen Genen oder mit der Hand. mit der er mich streichelte. er hat sich aus seiner Verantwortung gestohlen als er starb. er hat mich allein übrig gelassen.das letzte Wort wurde nicht gesprochen.

Dass der Soldat. durch den Wald hastend. mein Vater war. er dem anderen Soldaten begegnet. nur ein Reflex und der ist tot.

das ist die Marionette. die ich bin. die Flucht. die scheitern muss. das Spiel. das ich verlieren werde.

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Die letzte Gelegenheit – Das Spiel (Teil 1)

DER SOLDAT. DER DURCH DEN WALD HASTETE. WAR MEIN VATER

die Hose schlotterte am Bund. da ich keinen Gürtel trug und Hosenträger verachte. blieb mir nichts übrig. als die Hose. regelmäßig. in die Höhe. den Bund über den Nabel und über das Hemd zu schieben. dennoch hatte ich das Gefühl. ständig. mir schlottere der Schritt in den Kniekehlen. ja. das war widerlich. tatsächlich. jedermann musste glauben. ich hätte in die Hose gemacht. zudem ich auch noch sehr breit ging. um ein Rutschen zu verhindern.

es war eine Stoffhose. meine einzige. sie war grau. Fischgrätenmuster. dunkel. Mutter hatte mich angefleht. komm in ordentlichem Zustand ins Krankenhaus. Vater darf sich nicht aufregen.

es war ein Novembertag. kühl. aber freundlich. ich weiß noch. ab und zu traf mich ein Windstoß scharf. verspielt. er zerrte an der Kleidung. mutwillig. und an den Haaren. es war Nachmittag. früh. der Himmel war durchsichtig. die Stadt lag ruhig und klar. glänzte in einer Transparenz. unwirklich. die Bäume erbrachen sich auf die Straßen. bunt. ich ging. versäumte die Straßenbahn. absichtlich. mir lag nichts daran. pünktlich zu sein.

Vater lag im Krankenhaus. man hatte ihn operiert. wieder. zum dritten. nein. vierten Mal hatte man seinen Unterleib aufgeschnitten. dazwischen machte man Tablettenkuren. bestrahlte. bis er ein Loch im Rücken hatte. chemische Keule. aber das war nur Aktionswut der Ärzte. Vater starb trotzdem. mit jedem Tag ein bisschen mehr. ein wenig schneller. sein Kampf gegen die Wucherungen an der Prostata war vergebens. längst. ein Rückzugsgefecht. es fraßen sich Metastasen die Wirbelsäule empor. alle hatten ihn abgeschrieben. für tot erklärt. auch die Ärzte. wir warteten auf das Ende. Aber dieses Warten zog sich hin. lange. Vater war zäh. war es immer gewesen. er war der einzige. der nicht aufgegeben hatte. er vermochte nicht an sein Schicksal zu glauben und so lange er das nicht tat. verzögerte er das Unvermeidliche.

aber jetzt. im November. stand es um ihn schlecht. Mutter hatte am Telefon gesagt. es sei vielleicht ein Abschiedsbesuch. wenn also noch ein Gefühl für die Familie und meinen Vater in mir geblieben war. übrig. dann musste ich kommen. sagte sie. weinend. er wolle mich sehen. das sei sein Wunsch. während ich flüsterte. begütigend. Trostworte. halbherzig. wusste. fügte sie hinzu. aber zieh dich anständig an.

ja. Mutter. ja. ich komme. nein. ich werde ihn nicht reizen.

ich kann nicht sagen. ob ich Angst vor einer Begegnung mit dem Sterbenden hatte. es war Unbehagen wegen dem Krankenhaus. das ich empfand. deshalb ging ich durch den Herbst. langsam.

sie erwarteten mich vor der Eingangstür. ungeduldig. sie hatten sich vorgenommen. nicht ohne mich bei Vater zu erscheinen. Mutter knitterte bereits das Taschentuch. obligat. tränenfeucht in den Händen. Bruder. überlegen und ruhig. in sich selbst ruhend. spielte mit dem Autoschlüssel. lässig. seine Frau trug ein Bündel Mensch. vorsichtig. auf dem Arm. meine Nichte. in jedem Blick war Vorwurf. es hätte nicht viel gefehlt. ich wäre umgekehrt. auf der Stelle. und hätte mich in der Stadt betrunken. wenn mich Mutter nicht am Arm genommen hätte. Fusseln von meinem Mantel streichend.

wir fuhren hinauf in den fünften Stock. in die chirurgische Abteilung. wir schwiegen. waren uns der Nähe. die uns der Aufzug bescherte. bewusst. peinlich. ich las. die Bedienungsanleitung. die in ein Metallschild gestanzt an die Wand des Fahrstuhls geschraubt war. es war keine Besuchszeit. offiziell. nur Personal weiß gekleidet lief auf den Gängen. geschäftig. es waren gut gelaunte Menschen.

ich weiß nicht. ob ich beschreiben kann. was ich empfand. Ich könnte schreiben. ich empfand nichts. das kommt meinem Gefühl nahe. aber es ist nicht die Wahrheit. auf eine Weise. schwer zu erklärend. war da etwas wie Trauer. war mir nicht wohl in meiner Haut. Das erzeugte auch die Atmosphäre des Krankenhauses. der Geruch. steril. abgestanden. in den Gängen. eine Anspannung der Erwartung. flau. war in mir. sie hielt mich gefangen. Unsicherheit. jeder Schritt war gewichtig und zögernd.

mein Vater lag in dem Zimmer. allein. obwohl noch ein zweites Bett drin war. das war ein Privileg für den Sterbenden. wenn ich eine Auswahl an Kranken gehabt hätte. wäre ich ans falsche Bett getreten. Vater war kaum wieder zu erkennen. ich erschrak bei seinem Anblick tief. wann hatte ich ihn zum letzten Mal gesehen. vor einem Monat. gut. dachte ich. ich hatte ihn als Bürger in Erinnerung. zufrieden. vom wohlstand genährt. Die Hände über dem Bauch verschränkt. mit einer Trainingshose bekleidet. saß er in einem Sessel vor dem Fernseher. bequem. eine Flasche Bier war in Greifweite.

der Mann. der hier lag. erschöpft. aufmerksam die Umgebung beobachtend. nicht die Augen. gelb bewegten sich. der Kopf zuckte wie bei einem Vogel hin und her. dieser Mann. der hatte nichts mit meinem Vater gemein. der Mann war mager. bis auf die Knochen. seine Haut spannte sich über seinen Schädel. dessen Form war deutlich sichtbar. er hatte jetzt eine Hakennase. man konnte durch die Lippen. halb geöffnet. seine Zähne sehen. Die Stirn. die höher war. als ich sie in Erinnerung hatte. glänzte. schweißig. fiebrig. Auf dem Arm. der mit einem Tropf verbunden war. traten Adern hervor. fingerdick. verhornt. sein Adamsapfel. scharf. hart. durch die Lage seines Kopfes. leicht nach hinten geneigt. stach empor. machte heftige Bewegungen. als er uns zum Bett treten sah. dann entdeckte er mich. ich schob mich als letzter heran. im Schutz der anderen.

ja. er war es. jetzt erkannte ich ihn an seinem Blick. meine Schwägerin hielt ihm ihr Kind hin. unruhig. abgelenkt. streichelte er es. ohne den Blickkontakt zu mir zu unterbrechen. Bruder hatte versucht. Vaters Zuneigung mit Kindern zu kaufen. aber Vater war nicht zu haben. so billig. zudem hatte Bruder nur eine Tochter zustande gebracht.

nein. Vater sah mich. kurz verstanden wir uns. begannen wir eine Kommunikation. tastend. stumm. standen nackt voreinander. nur ein Blick hatte genügt. unvorsichtig. unsere Masken herunter zu reißen. In diesem Moment wollte ich Dinge sagen. die mir wichtig schienen. die zwischen uns ungesagt geblieben waren. bisher. es war mir nicht möglich. den Mund zu öffnen. zu beginnen. ich erkannte sofort. er liebte mich. die ganze Zeit hindurch. all diese Jahre. geliebt hatte. er immer nur mich. sein Blick. zärtlich. den er mir schenkte. sprach davon. früher hatte er mir seine Liebe nur zeigen können. in dem er mich quälte. jetzt sah mich. wie ich wirklich war: ein Kind. das sich vor dem Leben zu Tode ängstigt. verunsichert. verwundet.

dann war es vorbei. die Verbindung riss. schnell. brutal. Vater blinzelte krampfhaft. hatte Schmerzen. plötzlich. ich sah sie seinen Körper empor kriechen. fast empfand ich sie selbst. er sah an mir herab. da war sie wieder. die Ironie. hinter der er sich versteckte.

hat dich Mühe gekostet. die Hose anzuziehen. bist sogar jetzt nur halb drin. sagte er. lachte. voll. laut. das war seine Art. die Schmerzen zu bewältigen. er tat mir weh. ich schämte mich. nicht wegen der Hose. wieder herab gerutscht. weil er mich so wehrlos erwischt hatte. ich war hilflos. unfähig. mich zu wehren. gegen seine Krankheit kam ich nicht an. hinter ihr konnte er sich verschanzen. sie nutzen. als Angriffswaffe. um seine Wut loszuwerden. gegen uns Gesunde.

von diesem Augenblick an wollte ich aus dem Zimmer zu kommen. ich hatte kein Verhalten mehr. ich lehnte mich gegen die Fensterbank. halb im Trotz. und sah. hinaus. den Kopf zur Seite gewendet. dort war nichts zu sehen. außer dem flachen Dach eines Gebäudes. vorgelagert. niedrig. Äcker trist. und in der Ferne der Strich eines Waldes. undeutlich. dunkel. er beschloss den Horizont. von dort zog Nebel auf und verdüsterte den Novembernachmittag. ich tat. als beschäftige mich der Ausblick. dieses Land des Nebels und der Kälte.

die Aufmerksamkeit meines Vaters ließ von mir ab. er fand Worte für die anderen sprach mit Mutter. liebevoll. während sie in der Tasche kramte und Lebensmittel zu Tage förderte. die er annahm. gutmütig. spöttelnd. er war nicht gewillt. sie zu essen. er würde sie statt dessen unter den Nachtschwestern verteilen. immer hungrig. aber Mutter hatte Krankheit auf Ernährung reduziert. nahm den Begriff Lebensmittel wörtlich. Sie wollte Vater essen sehen. dabei hoffen. es war ihre Art. das Unfassbare zu bewältigen. den Tod. vielleicht war es nicht die schlechteste.

Bruder sprach dann von Berufserfolgen. und Vorgesetzten. die seiner Karriere im Weg waren. seine Frau nickte dazu. gewichtig. das Kind war eingeschlafen.

eine wunderschöne Familienidylle. dachte ich. sie ist ein Foto wert. das wäre das letzte mit Vater. die Enkelin. schlafend. an seiner Seite. ein Foto zum Erinnern. ein Foto zum weinen.

dann war Leere. ich kann mich nicht erinnern. was geredet wurde. wer wen betrachtete. aber es verging einige Zeit. Bruder legte seine Jacke ab. legte sie über eine Stuhllehne. sorgfältig. ihm wurde warm in dem Krankenzimmer. überheizt. ich hätte es ihm gern nachgemacht. aber ich wollte. den Eindruck erwecken. ich sei auf dem Sprung.

ich schälte eine der Clementinen. die Mutter Vater gebracht hatte. ein Geruch scharf. sauer. stach mir in die Nase. mechanisch aß ich einen Schnitz nach dem anderen. ohne auf den Geschmack zu achten. ich tat es. um mich zu beschäftigen. die Zeit dehnte. wurde mir zu lang. auch das Dach vor dem Fenster Kies geschottert. die Nebelschwaden. träge wandernd. über den Äckern wurden langweilig. da entdeckte mich Vater wieder.

hast du nicht zu sagen. sei nicht so schweigsam. erzähl. wie geht es dir denn. was macht die Arbeit.

vielleicht unterstellte ich ihm die Absicht. böse. aber ich hatte das Gefühl. es interessierte ihn einen Dreck. wie es mir ging. er wollte mir nur deutlich machen. wie unbedeutend mein Wohlergehen neben seinem Zustand war. er erwartete meine Gegenfrage. höflich. wie es ihm denn ginge. um von seinem Los zu berichten.

auch wenn er recht hatte. es gegen sein Leid bedeutungslos war. wie es mir ging. war ich nicht gewillt. darauf einzugehen. ich erzählte von mir. stockend. reihte Belanglosigkeiten aneinander. Bruder hörte zu. ernst. Mutter schüttelte den Kopf. resigniert. Aber Vater lächelte. suchte nach dem Wort. das er aufgreifen. nach der Entgegnung. mit der er mich verletzen konnte. ich hatte mich gut unter Kontrolle. gab ihm keine Gelegenheit. deshalb erlahmte sein Interesse bald. er unterbrach mich. begann vom Klinikalltag zu sprechen. er ermüdete dabei. wir bereiteten uns auf den Abschied vor. den wir insgeheim alle ersehnt hatten.

Bruder benutzte seine Tochter als Grund. die jetzt doch ins Bett müsse. so gesehen. als Ausrede ist ein Kind vorteilhaft. unangenehme Besuche zu kürzen. Mutter küsste Vater. vorsichtig. wir Kinder gaben ihm die Hand. er hielt meine fest. länger und fester. als es nötig gewesen wäre. er sah mich an. stumm. da war es wieder. in seinen Augenwinkeln. ganz kurz nur. das Verstehen. zumindest ein Anflug von Begreifen. Es beengte mein Atmen. ich spürte Trauer bei diesem Abschied. der gerade noch eine Erleichterung war.

ich komme bald wieder. log ich.

wir müssen endlich mal miteinander reden.

sein Kopf zuckte zur Seite. unwillig. dann wieder zu mir. er verstärkte seinen Händedruck.

dann machte er mit ein paar Worten alles wieder kaputt.

dein Händedruck ist schlapp. Michael. sagte er. mutwillig.

ich weiß nicht. warum er das tat. warum er uns keine Chance gab.

ich weiß so vieles nicht von ihm. das wichtig ist. ich floh aus dem Krankenzimmer. eilig hinter den anderen her. ein Abschiedswort murmelnd. draußen standen wir alle im Gang. noch eine Weile verlegen.

einige Stunden später lernte ich Petra in einer Diskothek kennen. ich litt an dem Krankenhausbesuch. die Clementine. verdorben. arbeitete in meinem Magen.

dein Händedruck ist ziemlich schlapp.

es waren die letzten Worte. die ich von ihm hörte.

er starb in der darauf folgenden Woche. qualvoll beendete er das wenige Leben. das ihm noch geblieben war. es verlöschte in einem Schmerzenstaumel. den Morphium nur unwesentlich zu dämpfen vermochte.

Mutter war die ganze Zeit bei ihm. pflichtgetreu. sie wachte bis zum Schluss an seiner Seite. das war tief in der Nacht.

Bruder und ich besuchten den Sterbenden nicht mehr. so fremd wir uns waren. da waren wir uns gleich. obwohl wir uns dessen schämten. hatten wir mit dem Mann. der da starb. nichts mehr zu tun.

wir fühlten uns vaterlos. beide. obwohl ich schon damals wusste. ich belog mich nur selbst. ich habe nicht geweint. als mich Mutter in jener Nacht anrief. trotz ihrer Tränen gefasst und der Verantwortung bewusst. ich war müde. erstaunt. unsicher.

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Nachschrift zu „Tradition“ -Zwei

3. Die „Jarmulke“

Mit Beginn der Sommerferien 1977 war ich endgültig in der Schule gescheitert. Nachdem ich bereits die 6. Klasse wiederholt hatte, endete nun meine Karriere im Gymnasium mit vier Fünfern und zwei Sechsern und der eindeutigen Empfehlung der Lehrerkonferenz, mich zurück in die Hauptschule zu befördern, da ich – allgemeiner Tenor – für eine weiterführende Schule zu dumm war. Meine Eltern hielten mich weniger für dumm als vielmehr für faul und meldeten mich in einer Realschule an, die ich dann ab dem Schuljahr 77/78 besuchte. Dort änderte sich meine Lebenssituation völlig. Ich war plötzlich der Älteste in der Klasse und war dadurch als unverhofftes Alpha-Tier auf den Posten des Klassensprechers abonniert. Ich blieb zwar weiterhin lernunwillig – zumindest was den Schulstoff anging, – erreichte jetzt aber ohne mich für schulische Angelegenheiten zu interessieren durchschnittliche Noten und war nie in Gefahr, das Klassenziel nicht zu erreichen. Und das wichtigste: Ich hatte plötzlich Freunde.

Das war in den Ferienmonaten bei meinen Berliner Großeltern alles noch nicht absehbar. Zu ihnen kam ein gescheiterter, einsamer Pubertierender, dessen Faulheit und dessen soziopathisches, an Autismus grenzendes Verhalten man heute als die Träumer-Variante von ADS diagnostizieren und mit starken Ritalindosen korrigieren würde. Unter den Symptomen meines Aufmerksamkeitsdefizits leide ich noch heute und zu meinem Bedauern habe ich es auch meinen Kindern vererbt.

Ich war also vierzehn Jahre alt, als ich endgültig im Gymnasium scheiterte und meine Mutter mich zu ihrer Erleichterung über die Sommerferien nach Berlin abschob. Auch wenn ich natürlich ein völlig anderes Bild von mir hatte, war ich wie viele leidgeprüfte Jugendliche in diesem Alter: stark pubertierend, picklig und dick. Voller moralischer Bedenken der eigenen Sexualität nachforschend, verlebte ich damals meine Tage in einem Heldentraum, in dem sich meine wuchernde Phantasie und mein wundes Selbstvertrauen in einer faschistoiden, von Fernsehen und Heftromanen geprägten Vorstellungswelt ein Ventil suchten. Obgleich ich nur ein mageres Œuvre an Wildwest- und Science-Fiction-Geschichten zustande gebracht hatte, die zudem mangels Fleiß und Konzept stets unvollendet blieben, hielt ich mich doch für einen früh gereiften, genialen Schriftsteller, dessen Entdeckung durch ein begeistertes Publikum längst überfällig war.

Nur wenige Zeit zuvor war ich allerdings noch ganz Kind gewesen. Der Wechsel fand in den wenigen Wochen zwischen Ostern und dem Sommer statt. Aus einem mit dem Vater verbrachten Ägyptenurlaub in den Osterferien hatte ich mir eine gestrickte, auffällig gefärbte Fellachenkappe mitgebracht, die ich auf Lord Kitcheners Nilinsel zum Spottpreis von einer Mark erworben hatte. Sie wurde mir das zugleich unnützeste und dabei wichtigste Kleidungsstück, das ich je besessen habe. Vorher hatte ich der Sonne wegen eine Schirmmütze getragen, die ich als treuer Leser von der Comic-Zeitschrift ZACK geschenkt bekommen hatte und an ein um Bakschisch bettelndes Kind weitergab. Wenn ich Fotos von diesem Ägyptenaufenthalt, auf denen ich mit dem Basecap zu sehen bin, mit einer Aufnahme vergleiche, die nur sechs Wochen später bei einem Jugendlageraufenthalt in Österreich gemacht wurde und auf der ich jene orientalische Kappe trage, die an die »Jarmulke« eines gläubigen Juden erinnert, dann ist deutlich der Sprung vom Kind zum pubertierenden Jugendlichen zu erkennen. In meiner Erinnerung liegen die beiden Ereignisse auch weiter auseinander, als sie es tatsächlich sind; es ist eine Kluft zwischen ihnen, die breiter als nur sechs Wochen ist.

KappeWas war der auslösende Effekt, der mich so genau den Beginn meiner Pubertät datieren lässt? War es der mich überwältigende Eindruck der fremdartigen Kultur, der mich fassungslos machte und mich dabei mit einem Elend konfrontierte, das ich nie geahnt noch gar gesehen hatte und dessen Bilder ich mir auch heute noch deutlich vor Augen rufen kann? Oder war es nur das Scheitern am Gymnasium, denn dieses Ereignis war der erste Bruch, den mein Selbstbewusstsein erleben musste? Nun, die Schale »Kind« platzte plötzlich auf und aus dem Ei kroch ein Pubertierender, der die ersten Züge meiner heutigen Persönlichkeit entwickelte. Aus einem Grund, den ich nicht genau entschlüsseln kann, war mir die Kappe, die ich praktisch nur zum Schlafengehen ablegte, bei meinen ersten unsicheren Schritten Stütze und Halt; unter ihr fühlte ich mich geborgen, be-»hütet«. Gleichaltrige Bekannte bemerkten den Fetischcharakter dieses Kleidungsstückes schnell und es war oft das Ziel von Spott und Diebstahl. Ich litt unter den Grausamkeiten, aber die Kappe wurde mir dadurch noch heiliger.

Auch bei meinen Freunden in der katholischen Jugendgruppe, den einzigen, die ich damals besaß, endete die Kindheit. Bei den Weiterentwickelten, oder, besser formuliert, den Attraktiveren, gab es erste Verwirrungen mit dem anderen Geschlecht. Als zwei meiner Freunde um das gleiche Mädchen buhlten, baute ich diese Geschichte in meinen Heldenträumen aus, verschärfte den Konflikt und stellte mich in Erzählungen als unglücklich zerrissen in die Mitte der in Wahrheit nicht existierenden dramatischen Handlung. Es war also nur mein literarisches Interesse geweckt und kein Mitfühlen mit den Nöten der Verliebten. Mein schönster Traum war es übrigens, dass sich jenes Mädchen zu mir hingezogen fühlte.

Zusammenfassend: Zu den Großeltern nach Berlin kam in jenem Sommer erstmals kein Kind mehr.

Der Sonntag war im Haus der Großeltern ein großes Ereignis; obwohl auch er feste Regeln besaß, waren doch die seinen vom Gleichlauf der anderen Tage unterschieden. Es wurde morgens länger geschlafen. Trotzdem war ich müde: In den Räumen, die ich im ersten Stock des Hauses für mich allein bewohnte, stand ein ausgemusterter, aber funktionstüchtiger Schwarzweiß-Fernseher stand und das Samstagabendprogramm war das interessanteste und längste der Woche. Mir hatten es vor allem die beiden Ostkanäle angetan, die wir zuhause nicht empfangen konnten und in denen ich ganz erstaunliche Dinge zu sehen bekam. Zudem hatte das Ostfernsehen den Reiz des Verbotenen, da die Großeltern befürchteten, mein junger, formbarer Geist würde vom »schwarzen Kanal« beeinflusst. Diese Sorge war allerdings unbegründet, da ich Western und Krimis und nicht politische Bildung suchte.

gunhillIn der Nacht zu jenem Sonntag, über den ich nun schreiben werde, den 23. August 1977, hatte ich einen im »Zwölf-Uhr-Mittags«-Stil gedrehten Film mit Kirk Douglas und Anthony Quinn gesehen, der mir noch Jahre als atemberaubend spannend in der Erinnerung blieb und mich damals lange am Einschlafen hinderte. Beim späteren Wiedersehen des Westerns war er einer von vielen; am erstaunlichsten war noch, dass die mich damals so sehr beeindruckenden Schwarzweißbilder in Wirklichkeit farbig sind; diese Entdeckung hatte etwas von der Erkenntnis, dass es außer mir keinen Nikolaus gibt.

Jener Sonntag, dessen Frühstück ich schlaftrunken über mich ergehen ließ, war ein ganz besonderer: Zum Kaffee am Nachmittag wurden spezielle Gäste erwartet, nämlich ein erst am Wochenende zuvor aus der DDR geflüchteter Verwandter, ein Arzt der Ostberliner Charité, der mit Frau und zu diesem Zwecke betäubten Kleinkindern für viel Geld im Kofferraum des Wagens eines Diplomaten Republikflucht begangen hatte. Der Arzt hatte sich für seine Flucht ausgerechnet einen Abend gewählt, an dem meine Großeltern mit einer Tante in den Osten der Stadt gefahren waren, um andere Verwandte zu besuchen. Ich war allein im Haus geblieben und erwartete sie gegen zehn Uhr wieder zurück. Da jedoch die Flucht vor ihrer Heimkehr bekannt wurde, hielten sie die DDR-Zöllner am Kontrollpunkt auf, ließen sie ohne Angabe von Gründen mehrere Stunden im Auto sitzen, bis sie sie dann doch fahren ließen.

Nun, nach einer Woche hatte sich die meiste Aufregung gelegt und die vergrößerte Familie wurde zum Nachmittag erwartet. Ich war fest entschlossen, einen Kriminalroman über »Republikflüchtige« zu schreiben, den ich »Das Loch in der Mauer« nennen wollte. Beim Frühstück fragte mich die Großmutter, wer denn »Elvis Presley« sei, sie hatte beim Friseur gelesen, dass er in der vorigen Woche verstorben wäre. Ich hatte zwar von ihm gehört, konnte aber auch keine nähere Auskunft geben, denn ich stand mit zeitgenössischen Musikern und deren Klängen damals fast ebenso sehr auf Kriegsfuß wie meine Großmutter selbst; aus meinem Kassettenrecorder ertönten stundenlang die Anfangstakte von Tschaikowskijs b-moll-Klavierkonzert. Das war so ziemlich die einzige Art von Musik, die mir gefiel. Ein paar Jahre später blamierte ich mich, als eines Morgens ein betroffener Klassenkamerad mit atemloser Stimme berichtete, dass man in der Nacht John Lennon ermordet habe und ich ihn erst fragen musste, wer das denn sei.

Was ich den weiteren Vormittag gemacht habe, ist nicht mehr in meiner Erinnerung, ich weiß nur noch, das Wetter an diesem Tag war unbeständig und die Großmutter beschloss, das nachmittägliche Kaffeetrinken im Hause stattfinden zu lassen. Wahrscheinlich habe ich gelesen, aber nicht Literatur, sondern ein ZACK-Heft, das gerade Girauds großartige Graphic-Novel „Blueberry“ abdruckte. Einer der Räume des ersten Stocks glich ein wenig einer Schiffskabine, er hatte ein kleines Fenster und seltsamerweise war die Decke zur Wand hin auf zwei Seiten stark abgerundet. Das war mein Lesezimmer, wenn das Wetter mich daran hinderte, im Garten sitzen zu können. Hier wartete ich am frühen Nachmittag, sah aus dem Fenster auf die kleine Straße, einer im tatsächlichen Sinne des Wortes Sackgasse mit nur fünf Häusern im Rund und hielt nach den Autos der Besucher Ausschau. Als ich sie endlich eintreffen sah, schlüpfte ich in meine Schuhe, stürzte atemlos die ersten Stufen der steilen Treppe hinab, kehrte noch einmal um, weil ich meine „Jarmulke“ vergessen hatte. Niemand sollte mich ohne dieses Kleidungsstück sehen, das mir wie ein Ausrufezeichen hinter meinen besten Charaktereigenschaften war. Bereits in ein Gespräch mit meiner Cousine vertieft, kehrte ich kurze Zeit später knapp hinter den anderen Verwandten ins Haus zurück und trat ins Wohnzimmer, das bereits für den Nachmittagskaffee gedeckt war. Die Großmutter werkelte in der Küche, vom Großvater war nichts zu sehen.

Plötzlich spürte ich eine feste, energische Hand auf meinem Kopf, die mir meine Kappe mitsamt ein paar Haarbüscheln herunter riss. Aufschreiend wand ich mich herum. Halb erwartete ich, dass mein kleiner Cousin mir wieder einen Streich gespielt hatte.  Aber diesmal war er unschuldig. Er saß draußen im Regen auf der Schaukel. Auch meine Cousine und die andere Verwandtschaft drehten erstaunt den Kopf. Mein Großvater stand hinter mir. Er war ein wenig kleiner als ich, aber in diesem Moment eine beeindruckende Erscheinung. Seine Hand, die Hand eines Schlossers, hielt er fest um die Kappe geklammert. Er funkelte mich böse an, dann wurden seine Augen milder.

„Wir tragen im Haus keine Mützen. Das ist hier Tradition„, sagte er und steckte die Kappe ohne einen weiteren Kommentar in seine weite Hose. Er lächelte und verließ den Raum. Ich hatte kein Verhaltensrepertoire, rieb mir den schmerzenden Kopf und schämte mich. Meine Cousine kicherte. Ich suchte nach einem Mauseloch, in dem ich mich verkriechen konnte und flüchtete in den Garten. Lieber wollte ich nass werden, als mich hier weiter anstarren zu lassen. Ich hörte, wie hinter mir gelacht und gesprochen wurde.

Ich hatte diese Kappe bereits seit drei Wochen vor den Augen meines Großvaters in seinem Haus getragen und er hatte sie nie seiner Beachtung für Wert befunden. Woher kam also plötzlich diese Überreaktion, wenn es überhaupt eine war? Warum demütigte er mich vor der Verwandtschaft und dem Mädchen, das ich beeindrucken wollte? Weshalb wählte er exakt diesen Moment, an dem ich mich am sichersten fühlte – war das Gedankenlosigkeit oder ein Plan?

Die Mütze hat er mir übrigens nicht wieder zurückgegeben und ich habe mich nie getraut, ihn nach ihr zu fragen. Sie tauchte nie wieder auf. Ich habe sie auch nicht gefunden, als wir das Haus nach seinem Tod ausräumten.

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Nachschrift zu „Tradition“ – Eins

Am letzten Wochenende habe ich hier meine Erzählung „Tradition“ veröffentlicht (Teil 1Teil 2Teil 3). Sie bietet ihren wenigen Lesern einigen Widerstand, ist sperrig, symbolbeladen und unangenehm – alles andere als eine leichte Lektüre für nebenzu. Ich wurde gefragt, ob ich etwas zu der Geschichte sagen kann. Obwohl ich kein Freund vom Auslegen meiner eigenen Texte bin, mache ich hier einmal eine Ausnahme und erzähle von meiner Jugend. Dieser Text lässt sich übrigens auch gut konsumieren, b e v o r man Tradition gelesen hat und steht auch für sich allein. Auch für diejenigen unter euch, die den 2. Teil vom „Geltsamer“ hier mitverfolgen, mag diese Nachschrift interessant sein, denn hier schließt sich einer der Kreise, um dessen Mittelpunkt sich mein Leben dreht.

1. Das Haus

Meine Sommerferien verbrachte ich als Jugendlicher im Haus meiner Großeltern mütterlicherseits in Berlin-Tegel. Außer zu den festen Essenszeiten war ich sechs lange Sommerwochen allein gelassen und fand in dem weitläufigen Gebäude mit angrenzendem Garten, das mein Großvater selbst in den 20er Jahren erbaut hatte, genug Gelegenheit, den Großeltern und ihren penibel durch die Uhrzeit festgelegten Aufenthaltsorten aus dem Wege zu gehen.

Überall gab es etwas zu entdecken. Außer dem wohlgehüteten Schlafzimmer war kein Raum vor meiner pathologischen Neugierde sicher. Jeder von ihnen hatte einen eigenen, spezifischen Geruch, den ich noch heute erkennen würde, wenn man mich mit verbundenen Augen in eines der Zimmer stellte. Zudem gab es durch den exzentrisch geschnittenen Grundriss des Hauses hinter Tapetentüren, in Schränken, Kellerräumen und kaum erreichbaren Winkeln unterm Dach wirklich Lohnenswertes zu entdecken. Es hatte sich Strandgut aus über vierzig Ehejahren angesammelt – Dinge, die den voyeuristischen Blick eines wissbegierigen Vierzehnjährigen zum Leuchten bringen: Jahrgänge der unterschiedlichsten Zeitschriften, vom Readers Digest bis in die graue Vorzeit der Gartenlaube reichend, alte Möbel voller Geschirr in Jugendstilformen, Uhren, Radios, seltsame, vom tüftlerischen Großvater gebastelte Geräte, Bilder, Fotos, ein Luftgewehr, über das noch zu sprechen sein wird, und vor allem Bücher, immer wieder an den überraschendsten Orten Bücher, in Regalen, in alten Koffern, in verborgenen Wandschränken, gestapelt in einer Ecke.

Ich las alle, zuerst die Unterhaltenden: Karl May, der mir Zuhause verboten war, weil zu aufregend für ein Kind, Hans Dominik, C. S. Forester, Mika Waltari und Sienkiewicz, dann entdeckte ich die anderen: Theodor Storm, Kleist, Tolstoj, Keller, die Droste-Hülshoff und all die bürgerlichen Autoren des vergangenen Jahrhunderts, aber auch Swift oder Petronius, Herodot und dann, einer Offenbarung gleich, hielt ich E.T.A. Hoffmann und E. A. Poe in den Händen, letzteren in der gewöhnungsbedürftigen Arno-Schmidt-Übersetzung. Sie passten vortrefflich zu der stehenden Hitze der endlosen Sommernachmittage, es waren Geschichten, die mir für mich geschrieben schienen, deren Tempo genau zu meinem Erleben passte und deren Geschmack ich noch heute auf der Zuge habe.

Wenn ich gerade sicherlich meine Initiation in die Literatur verkläre, sie allerdings auch nicht anders beschreiben kann, so ist sie in meinem und im Gefühl des Vierzehnjährigen ebenso wahr, wie sie im Moment des Hinschreibens verlogen und falsch klingt.

Was ich dort schätzte, waren das Haus und der Garten der Großeltern, weniger ihre Personen, als ihr Tageslauf, in dem jede Minute ihre Bestimmung und jeder Tag einen seit Jahrzehnten festgelegten Rhythmus und Ritus besaßen. Trotz des vielen Leerlaufs, der Langeweile, die aus meiner nicht weiter definierten Rolle in dem Kalender meiner Großeltern entstand und die mich manchmal die Stunden bis zu solch herausragenden Ereignissen wie dem Abendessen zählen ließ, hatte ich in jenen Sommerferien ein Gefühl von Geborgenheit, Beständigkeit und Sinn, das ich in dieser Intensität und so lang andauernd nie wieder empfunden habe, ein Gefühl, das ich manchmal beim Spielen mit Kindern oder beim Lesen von Literatur aus dem frühen 19. Jahrhundert ahne.

Ein Leben nach dem Tod – wenn es eines gibt – das sollte, wenn es glücklich wäre, ähnlich sein; nicht die Langweile der Beständigkeit, gehetzte Abwechslung ist die Hölle. Der Himmel dagegen ist die von festen Regeln umfasste Langeweile, in der jeder Tag ohne herausragendes Ereignis und vor allem bar der Qual der Entscheidung dem nächsten folgt und es die Zeit gibt, tausend Dinge zu beginnen und keines zu beenden.

Großeltern

2. Die Großmutter

GroßmutterMeine Großmutter war voll jener baptistischer Frömmigkeit, die trotz der Furcht vor Gottes Strafgericht selbstbewusst und elitär, dabei ohne jeglichen Selbstzweifel ist. Sie war eine geschäftige, fleißige Frau, die zur Pedanterie neigte, wenn es um die Reinhaltung der Wohnung ging. Sie pflegte zweimal täglich mit einem Kamm die Fransen des Berberteppichs im Wohnzimmer in Reih´ und Glied zu bürsten. Obwohl sie aus einer Großbauernfamilie aus Pasenow – ich schrieb ein andermal darüber – stammte, war sie nicht sehr gebildet, was ich bei ihr allerdings nie als Mangel empfunden habe.

Im alltäglichen Leben wirkte sie oft schroff und abweisend; und von einer mutwilligen Gottheit wurde sie im Alter mit unfreundlich verkniffenen, verbissenen Gesichtszügen ausgestattet, die jedoch nur die Maske über einer humorigen Launigkeit waren, die manchmal aus Augen und Mundwinkeln sprang. Trotz ihrer nur selten ans Öffentliche dringenden Vorurteile war sie im christlichen Sinne menschenfreundlich, hilfsbereit und dabei der einzige mir bekannte Mensch, der mit dem Lauf seines Lebens in vollkommener Harmonie übereinzustimmen schien.

Nicht einmal der plötzliche Tod meines Großvaters warf sie später aus ihrer inneren, gefestigten Ruhe, die sie wahrscheinlich zum größten Teil aus ihrem Glauben schöpfte. Ihre einzige Beunruhigung schien mir die Bewältigung der Kondolenzbesuche, der Beerdigung und des Leichenschmauses. Danach kehrte sie zielstrebig in ihren Alltag zurück, die durch den Tod ihres Gatten entstandenen Freiräume füllte sie mit dem Umordnen des Hauses und dem Vernichten von Erinnerungsstücken und Möbelstücken aus, bis sie eine durch einen Schlaganfall verursachte Demenz bis zu ihrem Tod ins Krankenbett zwang.

Dabei fällt mir ein: Ich half beim Ausräumen dieser Möbel mit – da war ich schon Ende Zwanzig. Bei jener Gelegenheit wagte ich es zum ersten Mal, mich in den Sessel meines Großvaters zu setzen. Es war ein hässliches, abgewetztes, mit grünem Cord bezogenes Ding mit dunkelbraunen, hölzernen Armlehnen. Hier hatte ich ihn während meiner Ferien jeden Abend ab acht Uhr sitzen sehen, ein mit dem Fernseher verbundenes Hörgerät im Ohr, über dem er wie schützende eine Hand zur Muschel formte, die Augen hinter der dicken Brille halb geschlossen.

Während ich saß und mir den alten Mann noch einmal bewusst machen wollte, bemerkte ich plötzlich, wie meine Daumen an einer Unebenheit der Armlehnen links und rechts rieben. Ich sah hinunter. Im Lack waren dort Mulden, die bis in das helle Holz des Sessels reichten. Diese Gruben hatte die Tiefe und Form meiner Finger. Mit Schaudern stellte ich fest, dass ich das Werk meines Großvaters fortsetzte. Er hatte in jahrelanger nervöser Arbeit seine Daumen immer tiefer in das Holz gerieben. So nah wie in diesem Moment bin ich ihm danach nie mehr gekommen.

Zurück zu meiner Großmutter: Die Pflege des altersschwachen und oft wegen seiner Hilflosigkeit zornigen Ehemannes hatte sie bis an den Rand der Leistungsfähigkeit erschöpft und sie wirkt erleichtert, dieser Bürde ledig zu sein. Sie erinnerte mich in ihren letzten Lebensjahren sehr an die Heldin von Vita Sackville-Wests bemerkenswertem Emanzipations-Roman Erloschenes Feuer.

Mit vierzehn ahnte ich natürlich wenig von ihrem Charakter; viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, hatte ich nicht die Möglichkeit oder gar die Menschenkenntnis, sie zu beobachten. Ich nahm sie ihrem Status als Großmutter gemäß als einen um mein Wohl besorgten Menschen, dem ich ein Eigenleben nur zugestand, wenn es mit meinen Interessen nicht kollidierte. Dies ihre Hobbys waren Fernsehen und das Lösen von Kreuzworträtseln. Ansonsten hatte sie auf Abruf zu meiner Verfügung zu stehen, wenn ich sie benötigte. Dafür respektierte ich widerwillig ein paar Schrullen oder das, was ich für welche hielt, wie zum Beispiel ihr ausdauerndes hinter mir her räumen, der ich eine Spur Unordnung bei meinen Erkundungen durch das Haus zog. Das kannte ich auch abgeschwächt von meiner Mutter, aber die Großmutter tat es im Gegensatz zu ihr ohne zu klagen. Als einzige Hilfe bei der durch mich entstandenen Mehrarbeit ließ ich mich dazu herab, jeden Mittag das Geschirr abzutrocknen; dies jedoch nur, weil ich von der Mutter ausdrücklich dazu angehalten worden war, als sie mich am Anfang der Ferien in den Zug Richtung Berlin setzte.

Ich gestand niemandem, hier längst noch nicht der selbstsüchtigen Rolle des Kindes entwöhnt, einen Wandel von Gesinnung, eine Entwicklung, Eigenleben zu. Jedermann sollte sich dem Bild, das ich von ihm hatte, entsprechend verhalten und –  sofern mit mir verwandt – auch freundlich zu mir sein. Obwohl ich alle mit meinem Verhalten abstieß, meine phlegmatische, interesselose, mit Impertinenz getuschte Art und das unglückliche Äußere zur Abneigung, ja Ekel reizten, vernachlässigten die Großeltern trotzdem ihre Sorgfalt und Freundlichkeit nie. Das rechne ich ihnen in tiefer Dankbarkeit an. Ich weiß inzwischen aus eigener Anschauung, dass nichts schwerer ist, als einen launenhaften, faden und dabei verschlossenen Vierzehnjährigen zu ertragen, ohne ihm zwei- bis dreimal am Tag ins Gesicht zu schlagen. Sie taten es nicht, das war mehr als Verwandtschaft, das war echte Nächstenliebe.

3. Der Großvater

GroßvaterEin herausragender Bestandteil im Leben der Großeltern war ihre strenge, an Balzacs Grandet erinnernde Sparsamkeit, um nicht zu sagen, ihr Geiz; die beiden hatten sich über magere Jahre einen spartanisch kargen Lebensstil angewöhnt und ihn auch, als man sie mit Fug begütert nennen konnte, nicht abgelegt. Kleidung wurde ewig getragen, Verschlissenes immer wieder repariert, den Garten ließ man in heißen Sommern vertrocknen, um Wasser zu sparen. Die Speisen waren einfach und billig, die gekochte Kartoffel stand im Mittelpunkt des Menüplans, Gewürze waren praktisch unbekannt, Eier konnte man nur im Kuchen finden. Getrunken wurde zweimal am Tag, nämlich morgens dünner Kaffee und am Abend Bier oder Saft. Den Höhepunkt der Dekadenz bildeten ein abendliches Glas selbst gekelterten Obstweines und vielleicht ein paar Pralinen; wobei sich der Großvater an einem kleinen Stück Schokolade stundenlang verlustieren konnte. Ihn zu beobachten, wie er etwas Süßes aß, gab dem Begriff »Genuss« eine ungeahnte Dimension.

Der Großvater war eine dominante Person, deren bloße Anwesenheit eine bezwingende Autorität hatte. In vielerlei Hinsicht glich er einem biblischen Patriarchen, einem Sippenoberhaupt, dessen Alter und Weisheit die letzte, entscheidende Instanz bildete. Nahezu taub und nach Staroperationen schlecht sehend, saß er bei Familienfesten am Ende der Tafel und schien mit halb geschlossenen Augen schwerwiegenden Dingen nachzusinnen. Wenn er ab und an etwas sagte, hatte es in der Regel nichts mit den Gesprächen zu tun und glich in seinen letzten Jahren tatsächlich oft den Konklusionen einer seltsamen, mittelalterlichen Mystik. Obwohl er nie Philosophie gelesen hatte und sie sicher auch nicht verstanden hätte, war sie doch das Feld, in dem er sich heimisch fühlte: Er war ein Jakob Böhme des zwanzigsten Jahrhunderts und es ist schade, dass es von ihm keine Aufzeichnungen gibt. In meiner Erinnerung ist noch eine eigenwillige Deutung des biblischen Sündenfalls, bei der ihm der Baum der Erkenntnis für die Lust der Frau, die Schlange für das Geschlecht des Mannes und der Apfel für ihre Brust standen.

Bis zu seinem fünfundsiebzigsten Lebensjahr ging er dem ehrbaren Beruf eines Schlossers nach, aber der aus ärmlichsten Verhältnissen stammende Arbeiter fühlte sich immer auch zu Höherem, zur Kunst berufen. Er malte, vom Jugendideal der christlichen Wandervogelbewegung und von dem Maler Fidus geprägt, ideale Landschaften, die er in der Regel von Postkarten kopierte und veredelte. Natürlich blieb er wie auch in seinen späteren philosophischen Gedankenflügen im guten, reinen Sinn Dilettant, in Auffassung und Durchführung naiv.

Wie seiner Frau waren dem Großvater Fleiß und Ordnung eine Grundtugend. Auch in der Rente hatte er einen strengen Arbeitsplan, der ihn nach dem Frühstück und einem intensiven, vollständigen Lesen der Tageszeitung bis zum Abend einspannte und auch den Sonntag nicht aussparte. Der Garten und das mit eigenen Händen erbaute Haus boten ihm dazu Anlass genug. Bis zu seinem neunzigsten Lebensjahr war er so agil, auch schwere Arbeiten auszuführen, das Dach zu decken, Wege zu verlegen oder sich neue handwerkliche Spielereien zu überlegen, die die Arbeit im Haushalt erleichtern sollten, es aber nicht in jedem Fall taten. Das war übrigens seine wahre Begabung: Er war der geborene Handwerker. Von der Schreinerarbeit bis zur Reparatur einer Uhr, vom Mauern bis zum Verlegen einer elektrischen Leitung, er war in jedem Handwerk gleich heimisch, eine Art von Universalgenie (im 18. Jahrhundert hätte man ihn als „Originalgenie“ bezeichnet), das seinesgleichen suchte.

Sich selbst betrachtete er als faul; auf ungläubiges Nachfragen führte er aus, es gäbe zwei Kategorien von Faulheit: Die eine, häufigere, schiebe anfallende Arbeit beständig vor sich her, sei immer dabei, zu beginnen und komme doch nie weiter, bis sich die Arbeit von selbst oder durch einen anderen erledige (das war wohl auf meine Art, mit Problemen zu leben, gemünzt), die andere Faulheit aber, also seine, würde voller Elan eine Arbeit beginnen und sie dann so langsam und genau wie möglich ausführen, immer beschäftigt wirken und doch nie fertig werden. Das ist die Konklusion von Hermann Hesses Novelle Unter der alten Sonne. Dieser späteste Spätromantiker war – erstaunlich genug – nicht in seinem Bücherschrank und ich bezweifle, dass er die Novelle kannte.

Tatsächlich ließ der Großvater sich bei seinen Arbeiten unglaublich viel Zeit und führte sie mit kleinlichster Akribie aus; doch faul war er sicher nicht, denn zum einen war seine Arbeit meist selbst gewählt und zum anderen wurde er immer mit ihr fertig – auch wenn es dauerte. Er war ein pedantischer Perfektionist, der, wenn er es wollte, jahrelang an einer Uhr bastelte, bis sie wieder ging.

Religion war ein fester Bestandteil im Leben der Großeltern. Als tägliches Ritual wurde vor jedem Essen gebetet, die Großmutter ging regelmäßig in die Kapelle und zu Bibelstunden, morgens beim Frühstück wurde ein Kalenderblatt mit Bibelzitat und längerer Auslegung gereicht, das zu lesen ich in meinen Sommeraufenthalten ebenfalls gezwungen war. In meiner Erinnerung ist der Genuss von Schmalzbroten, die ich ausschließlich in Berlin verzehrte, fest mit den salbungsvollen Worten in Einheit gekommen. Wenn ich heute als Vegetarier und Agnostiker unfreiwillig zu einem Kirchenbesuch verdammt werde und abgelenkt einer Predigt lauschen muss, habe ich den Geschmack von Schmalz auf der Zunge.

Ob auch der Großvater religiös war? Ich meine nicht, aber die Meinungen gehen auseinander und vielleicht hätte er selbst diese Frage ob ihrer Einfachheit abgewiesen und sie mit der Bemerkung gewürzt, dass einfache Fragen immer zu fehlerhaften oder falschen Antworten führen. Mit Sicherheit dachte er viel über Gott und die Mythen der Bibel nach, über die er dann ja in oft eigenwilliger und schöpferischer Art philosophierte. Das hat er sein Leben lang getan und seine Meinungen haben sich im Laufe der Jahre entwickelt. Glaube im Sinne einer gefühlsmäßigen oder anerzogenen Sicherheit war ihm allerdings nie gegeben; er war ein Verstandesmensch und las die Bibel, die das zentrale Buch war, aus dem er Ideen und Anregungen bezog, mit der Kritik seiner Urteilskraft. Er war endlos weit entfernt vom Glauben der Großmutter, zu deren christlichen Leben vor allem auch ein Teilnehmen in der Gemeinde gehörte. Gottes Existenz hat er wohl nie ernsthaft angezweifelt, aber er war ihm nicht der gütige Vater des Neuen Testamentes, vielmehr die halb heidnische, allmächtige und allumfassende Gottheit der Juden, am ehesten der Demiurg; ein Christ aber war er, zumindest in seinen späten Jahren, in denen ich ihn kennen gelernt habe, nicht, mit entschiedener Sicherheit nicht, er glaubte wahrscheinlich nicht einmal an ein Leben nach dem Tod. Ob sich seine Ansichten während seines Sterbens noch einmal änderten, weiß ich nicht.

Aufgrund ihrer Länge teile ich diese Erinnerung in zwei Teile auf. Morgen geht es weiter.

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Tradition – Teil 3 (Erzählung)

9 Den ganzen Tag saß ich und lauschte. Ich begriff endlich, was sich zugetragen hatte. Wie wichtig doch dieses Wort ich war. Ich entschloss mich, alles aufzuschreiben und suchte nach Papier und einem Stift.

Der Hund störte mich in jener Nacht sehr. Ich habe ihn getötet. Er war ein Mahnmal, das ich nun vergessen will wie diese Welt, die sich so wichtig macht.

Habe ich schon Stirb beschrieben? Das fällt mir schwer. Obwohl er so ruhig ist und sich langsam bewegt, kann ich ihn kaum fassen. Er verschwimmt mir, wenn ich mich durch ihn hindurch im Spiegel betrachte. Das Draußen hat ihn geprägt. Stirb ist jung und fast einen Kopf kleiner als der Alte. Aber sein Körper ist stämmig und massiv, verwurzelt mit dem Boden. Sein Schädel ist kantig und roh geschnitzt, sein Gesicht von seiner Sonne gebräunt. An den Wangen und den Händen ist die Haut schorfig, einige Blasen sind aufgeplatzt. Aber diese Wunden werden heilen. Das Dämmerlicht der Wohnung wird ihm die bleiche Larve des Alten schenken. Seine Kleidung ist fleckig und zerrissen. Es trägt einen verblichenen Overall mit vielen Taschen, in denen er ungezählte Dinge versteckt hält.

Ist diese Aufzählung von Äußerlichkeiten schon Stirb? Ist Stirb nur Äußerlichkeit, eine Hülle? Stirb ist noch am Anfang. Aber er hat etwas in seinem Blick. Auch wenn sie schon viel zu viele Dinge gesehen haben, sind die Augen von Stirb klar. In ihnen findet sich bereits Wissen, eine Form der Erkenntnis. Viele der Dinge, die ihm der Alte an diesem Tag und in dieser Nacht sagte, hat er bereits vorher erahnt. Die Gleichnisse erschienen ihm wie das Wiederhören eines einst auswendig gelernten Gedichtes. Manchmal wusste er die Worte des Alten bereits im Voraus. Er hätte den Satz beenden können.

Stirb erhob sich nur selten, während der Alte sprach. Einmal ging er in eine Zimmerecke, um nach Papier zu suchen, einmal öffnete er gedankenverloren einen Wandschrank, der seinem scharfen Auge bislang entgangen war. Aber die restliche Zeit hockte er in seiner unbequem verkreuzten Beinhaltung auf dem Tisch. Er spielte mit seinen langen Fingernägeln an den hellen, abgeschabten Flecken der Tischplatte. Dabei lauschte er konzentriert und angespannt, erwartungsvoll. Der Alte hatte viel zu erzählen. Vieles wusste er, manches vermutete er, etliches erfand er neu. Inzwischen hatte er erkannt, dass er sicher war, solange er nur redete. Daher erzählte er ausführlicher als nötig von den Dingen, die diese Wohnung mit ihren verrottenden Überbleibseln ausfüllten. Er sprach von Toten, von ihren Sorgen, ihren Lösungen oder ihrem Scheitern. All das hörte sich für Stirb so fremd wie ein Märchen an. Der Alte erzählte von einer Welt, die es nicht mehr gab.

Ich kann nicht alles aufschreiben, was der Alte an diesem Tag gesagt hat und es damit der Zerstörung übergeben. Es ist einfach zu viel. Ich muss es in meinem Kopf aufbewahren und mir jeden Tag wiederholen. Meine Rechte schmerzt bereits. Sie ist ja noch ungelenk. Es bereitet ihr große Schwierigkeiten, den Stift zu halten. Aber ich habe mir alles gemerkt. Ich kann wiederholen und es einmal weitergeben. Auch wenn dies noch lange dauert.

Und so wurde der Lärm auf Erden größer.

10 Es wurde Nacht. Der Alte schwieg erschöpft. Er kippte einfach zur Seite, fiel zurück auf sein Bett. Mit Mühe gelang es ihm noch, die zitternden Beine in die Höhe zu ziehen und sich auf den Rücken zu legen. Sein Atem pfiff krank. Lange lastete bewegungslose Ruhe in dem dunklen Zimmer. Stirb überlegte. Er wiederholte im Geist die wichtigsten Sätze, die er gehört hatte. Plötzlich lächelte er wieder. Er stand leise auf und ging ins Beerdigungszimmer. Dort entzündete er das kahle Deckenlicht, suchte sich nahe an der Wand eine Stelle, die noch nicht zum Grabhügel aufgeworfen war. Hier grub er mit den Händen. Es entstand ein kleines Loch. Stirb wusch sich anschließend sorgsam die Hände in der Küche, kehrte zurück und nahm den dünnen Band, den er im Spiegelzimmer entdeckt hatte, aus dem Overall.

Stirb las erneut ein paar Verse. Einen oder zwei von ihnen sprach er sehr laut und deutlich, um ihren Reimfluss zu genießen. Danach legte er das Buch, das er nun nicht mehr benötigte, in die kleine Grube und verscharrte es sorgfältig. Befriedigt klopfte er seine Hände aneinander ab, dann trampelte er die Erde fest. Ihm war wieder zum Lachen zumute. Das Gelächter drang ihm lauthals aus der Kehle. Stirb war zufrieden. Alles war gut, nur eines noch zu erledigen.

Er trat wieder in die Küche und suchte in den Schubladen der Schränke. Sie waren leer. Der Alte hatte vorgesorgt. Also brach Stirb eine schwere Holzlatte aus einem Schrank heraus. Mit ihr bewaffnet kehrte er zurück ins Schlafzimmer, legte sie jedoch auf den Tisch. Ein Gefühl sagte ihm, er müsse noch warten.

Kurz wand er seine Aufmerksamkeit dem Alten zu. Dieser hatte sein nächtliches Spiel aufgenommen, er starrte fasziniert auf sein steifes Geschlecht. Stirb zuckte mit den Schultern. Um sich die Langeweile zu vertreiben, probierte er ein paar Wandtüren aus. In einige Gänge trat er, untersuchte umständlich die seltsamen Gegenstände, die er fand. Schließlich entdeckte er einen wuchtigen Schrank. Abgestandene Luft schlug ihm beim Öffnen entgegen. Der Schrank schien leer und ausgeräumt. Er wollte ihn bereits wieder schließen, da sah er in einem der oberen Fächer ein Stück Papier liegen. Es erregte sofort seine Aufmerksamkeit. Stirb nahm es in die Hand. Es war nicht groß und das untere Ende abgerissen. Das Bruchstück eines Textes stand darauf, geschrieben mit einer fahrigen, engen Handschrift, die immer hektischer und unleserlicher wurde. Die Rückseite des Papiers war leer. Dem ersten Satz fehlte der Beginn:

„… endlich tun. Das habe ich mir gesagt. Die Stunden sind Stunden des Wartens und Denkens. Alles in mir reduziert sich auf Warten. Jede Bewegung ist eine wartende. Jedes Denken kennt nur das eine Ziel.

10.2. Die Gefahr ist in mir. Sie existiert möglicherweise nur in meiner Einbildung. Nichts dringt von Außen herein. Ich lebe noch unbedroht. Ich habe mich entschieden, der Gefahr zu trotzen. Die Nadel liegt griffbereit. Ich kann noch fliehen. Das ist deutlich hier, in diesem Raum, in diesem Körper. Ich bemerke ein nervöses Zittern meiner linken Hand. In meinem Kopf ist Bewegung, die ich nicht verstehe, der ich mich nicht nähern kann. Da ist etwas, das platzt, das immer wieder aus seiner Mitte heraus platzt. Es dreht in einem schnellen, wahnwitzigen Kreis und die Geschwindigkeit nimmt zu.

1.4. Was ich bezwecken will, habe ich fast erreicht. Es fehlen noch ganz kleine Mosaiksteinchen, nur noch wenige. Das Gesamtbild ist bereits deutlich zu erkennen. All das erstaunt mich. Es wühlt Erinnerungen in mir auf. Ich habe Empfindungen, an die ich nicht mehr geglaubt habe.

12.4. Ein seltsames Mosaiksteinchen liegt vor mir auf dem Tisch. Es ist längst vertrocknet und mumifiziert. Staub liegt darauf. Es ist ein Rätsel. Aber ich komme der Lösung täglich ein Stück näher.

2.6. Ich denke, heute ist mein Tag der Lösung. Das Warten wird ein Ende nehmen. Ich werde endlich begreifen. Die letzten Bilder werden sich zu erkennen geben. Ich benötige die Nadel nicht mehr. In meinem Kopf wird sich alles klären. Die platzenden Ringe werden in sich selbst zusammenfallen, in sich stürzen. Sie werden dabei ein gewaltiges, dunkles Nichts gebären.

14.6. Heute ist der Tag der Lösung. Heute weiß ich den Namen von dem, der kommt. Ich weiß, wer er ist. Er wird den Namen solange brauchen, solange ich mit ihm rede, ihm mein Wissen weitergebe. Er wird erkennen, wie ich erkannt habe. Wer nicht für mich ist, ist gegen alle. Ich will den Namen nicht aufschreiben. Er gehört auf kein Papier. Er ist Klang. Er muss ausgesprochen werden. Er ist der Klang zweier Silben, die sich innig umarmen, vereinen. Es ist ein schöner, guter Name.

27.9. Er wird versuchen, die Erinnerung an mich auszulöschen. Er wird alle Bücher, die ich gesammelt habe, vernichten. Damit werden all die Toten vergessen sein, die dann mit mir gemeinsam ein weiteres Mal sterben. Nichts wird von mir übrig bleiben als meine Erzählungen, die er sich bruchstückhaft merken und fehlerhaft weitergeben wird. Diese Notizen will ich verstecken. Er soll sie nie finden. Ich weiß einen Ort, an dem er nicht suchen wird. Das beste Versteck ist das offensichtliche. Verstecke Bücher unter Büchern, Papiere unter Papieren und Menschen …“

Voller Ehrfurcht senkte Stirb den Zettel.

Er stammte nicht von dem Alten. Dieses Papier war älter. Vielleicht hatte es der Vorgänger des Alten geschrieben oder sogar dessen Vorgänger oder der davor. Dieses kleine Papier war immer und immer wieder der Vernichtung entgangen, weil sie in dem leeren Schrank so offen gelegen hatte. Stirb wünschte sich, ebenfalls einen Text zu hinterlassen, der seinen Nachfolger überdauern würde.

Vielleicht war das nicht der einzige Zettel. Vielleicht waren überall in dieser Wohnung Papiere und Aufzeichnungen versteckt, in Truhen unter staubiger Kleidung vergraben, an die Rückseiten von Schränken geklebt, hinter halb gelöste Tapeten geschoben, unter einem Haufen Abfall verborgen, eingemauert, vergraben, getarnt. Vielleicht lagen sie auch offen auf den Tischen. Stirb würde die Wohnung sehr genau durchsuchen müssen. Dieses Papier hatte er jedenfalls gefunden. Er warf einen letzten Blick auf die verzitterte, unsichere Handschrift. Er zündete das Papier mit seinem Feuerzeug an, ließ es brennend zu Boden flackern, zermahlte die Aschereste unter seinen Absätzen.

11 Er fand noch mehr. Aber ich muss ein Ende machen. Ich werde zu müde.

12 Stirb kehrte von seiner Erkundung zurück, trat an den Tisch, der nun seiner war. Der Alte schlief wieder.

Du hast deine Chance vertan“, flüsterte er. „Fast hättest du mich getötet. Einen Augenblick lang hoffte ich, du würdest es tun. Dann hätte alles ein Ende gehabt. Das wäre doch eine gute Tat gewesen …“

Er sah hinunter auf die Holzlatte.

Ich werde nicht zu versagen. Ich werde schlauer sein als alle vor mir. Ich werde meine Fallen nutzen, die Verwandten fangen und töten. Einmal werde ich auch den Namenlosen verscharren. Wenn ich nicht zu alt dazu bin.“

Das war es, was Stirb noch sagen wollte. Nun hatte er zu schweigen. E nahm die schwere Holzlatte vom Tisch, wog sie prüfend in der Hand. Es war kein leichtes Stück Arbeit, das vor ihm lag. Ihm musste gleich beim ersten Mal der entscheidende Schlag gelingen. Er trat an das Bett, schwang das Stück Holz hoch über sein Haupt. In diesem Augenblick öffnete der Alte die Augen. Sie weiteten sich überrascht. Er hob die Hände zur Abwehr. Stirb kniff seine Lider zusammen und schlug als er mit aller Kraft zu. Das Holz pfiff und traf splitternd. Ein Stöhnen drang aus dem Mund des Alten.

Stille.

Stirb öffnete vorsichtig ein Auge. Der Alte hielt seine Arme noch immer erhoben. Sie bluteten. Der linke Unterarm war in der Mitte gebrochen, auf groteske Weise abgeknickt. Der rote Blick des Alten war vorwurfsvoll. Schamröte schoss Stirb ins Gesicht.

Ich, der ich bin, bin der, der ich bin“, sagte er, um sich selbst Mut zuzureden. Ich bin Stirb.“ Der Alte senkte ergeben seinen Kopf zurück auf das Kissen. Er legte resigniert seine Arme zur Seite. Stirb sah, wie er sich bei dieser Anstrengung die Lippen blutig biss. Noch einmal hatte er Mitleid mit dem Alten. Er schlug wieder zu, noch einmal und dann noch einmal. Aber seine Schläge waren schlecht gezielt. Der erste traf den Alten auf der Brust. Etwas brach dort. Der zweite ging daneben. Erst der dritte schrammte grausam über den Schädel, riss einen langen, schmalen Streifen Kopfhaut heraus, der an der Latte kleben blieb. Jetzt schrie der Alte endlich. Er schrie gurgelnd und laut, atemlos wie ein Tobsüchtiger. Stirb schlug jetzt immer schneller und ungezielter, wahllos, hektisch. Er hielt dabei den Kopf halb in die Höhe gereckt, die Augen fest geschlossen. Panik stieg in ihm empor. Warum war das Leben des Alten so zäh? Warum quälte er ihn so? Seine Stirn wurde schweißnass.

Auch als der Alte längst nicht mehr schrie, schlug Stirb noch zu, wieder und wieder. Er hatte sich weit fort begeben. Unermüdlich wie eine Maschine führte er die Bewegungen seiner Arme aus. Nie war ihm eine Tötung schwerer gefallen. Schließlich hatte er keine Kraft mehr. Tränen rannen die Wangen von Stirb herab. Er schluchzte. Ein halber Blick auf den zerstörten Leichnam unter ihm genügte. Er sah an sich selbst herab. Über und über war er vom Blut des Alten besudelt.

Stirb wand sich ab und übergab sich. Er würgte krampfend, die Adern an seinem Schädel schienen ihm zu platzen. Doch es war nur bittere, gelb-grüne Galle, die er keuchend zu Tage förderte. Er ließ sich hart auf den Boden fallen, schloss krampfhaft die Augen, suchte Vergessen in einem Schlaf, den er nicht fand.

Lange lag der Mann, den der Alte Stirb genannt hatte, hingestreckt zwischen seinem Erbrochenen und dem Bett mit der Leiche.

13 In der darauf folgenden Nacht erhob ich mich endlich und beendete mein Werk. Ich verscharrte den Toten in dem Beerdigungszimmer bei seinen Verwandten. Ich las zu ihrem Andenken aus einem Buch, das ich mitgebracht hatte.

Ich sagte auch: „Amen.“

Das war der Augenblick, an dem ich mich erkannte, mich und mein Ziel.

Der Hund ist verstummt. Bald wird er verwest und vergessen sein. Ich werde aufhören zu schreiben. Ich habe schon zu viel geschrieben. Nachdem ich gerade das Manuskript durchgelesen habe, weiß ich auch nicht mehr, warum ich es überhaupt begann. Wem wollte ich ein Denkmal setzen? Mir oder dem Alten? Und wie soll ich diesen Text vor meinem Nachfolger schützen, dessen Namen ich noch nicht weiß? Ihn zu besiegen, das ist nur eine billige Illusion, ein schöner Traum. Antworten habe ich noch immer keine.

Jetzt beginnt also mein Tageslauf. Ich werde mir Essen besorgen müssen. Ich werde auf meinem Tisch sitzen und meinen Verwandten von dem Heiligen Buch erzählen, bevor sie sterben. Vielleicht werde ich nachts mein zitterndes Geschlecht beobachten. Meine Lunge wird dann voller Krankheit sein. Noch bin ich jung. Wichtig ist die Wohnung und die Suche nach alten Papieren, die ich verbrennen muss. Ich werde ein Versteck für diesen Text suchen.

Und ich werde warten.

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Tradition – Teil 2 (Erzählung)

6 Er lag im Bett und schlief. Plötzlich wurde an den versperrten Glasflügeln des Türsaals lautstark gerüttelt, dann trat jemand fest gegen ihr Schloss, sprengte es. Krachend wurden die Türhälften aufgeschleudert. Ein Mann trat polternd ein und schlug die Türen wie endgültig hinter sich zu, lehnte sich gegen sie, damit sie sich nicht wieder öffneten. In dieser Haltung wartete er geduckt und lauschend, bis sich seine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten. Es kostete ihn Überwindung, sie ganz zu öffnen. Die Angst saß zu tief. Vorsichtig sah er sich um. Er spürte keine Gefahr. Erleichtert atmete er aus.

Darüber erwachte der Alte. Verwundert richtete er sich halb in die Höhe. Das war der erste Besuch, dessen Ankunft ihm nicht bereits Tage vorher ein bohrender, nadelfeiner Schmerz in der Mitte der Stirn angekündigt hatte. Jetzt musste er schnell sein: Der Alte stieg aus dem Bett und trat eilig zu seinem Tisch, dessen Berührung ihm Geborgenheit und Kraft schenkte. Er schüttelte benommen und unwillig den Kopf, wartete, bis der Besuch den Weg durch die Küche zu ihm gefunden hatte. Der Mann kam ungeschickt lärmend herein Er rutschte mehrmals auf den schmierigen Küchenfliesen aus und fluchte mit Nachdruck. Dann standen sie sich gegenüber. Nein, der Besuch war kein Verwandter. Er hatte ihn noch nie gesehen. Er fürchtete sich. Dankbar war er nun seinem Tisch, der ihn stützte.

Der Besuch spuckte auf den Boden. Er sagte:

Ich heiße, wie ich heiße, nenne mich, wie du willst.“

Der Alte begleitete seine Antwort mit einem heftigen Nicken:

Ich weiß das. Ich weiß das doch. Du bist mir nicht unbekannt. Manchmal habe ich auf dich gewartet. Oft habe ich dich gefürchtet. Jetzt bist du mir gleichgültig. Wenn du das jetzt nicht verstehst, dann verstehst du es später.“

Nenne mich, wie du willst“, wiederholte der Besuch. Eine Spur von Ungeduld war nun in seiner Stimme.

Ich habe jetzt keinen Namen für dich, denn du bist mir nicht mehr wichtig. Aber einmal gab ich dir einen Namen. Ich kann mich erinnern. Das ist lange her, denke ich. Tage sind vergangen. Ja, ich gab dir einen Namen.“

Nenne mich“, beharrte der Besuch. Er richtete sich drohend auf. Der Alte zuckte zurück. Aber er ließ seinen Tisch nicht los.

Ich habe den Namen vergessen, auch wenn es ein guter Name war. Aber ich habe ihn aufgeschrieben. Er steht irgendwo, ich kann mich nicht erinnern. Ich habe ihn in einem Gang an die Wand gemalt. Das ist Tage her, Tage“, keuchte er hektisch.

Die Stimme des Besuchers wurde lauter, zwingender, kaum merklich zwar, aber es genügte, dass der Alte zusammenschrak.

Nenne mich. Ich bin, der ich bin. Nenne mich, wie ich bin. Nenne mich, wie ich es brauche!“

Ich nenne dich …“, erwiderte der Alte schnell. „Ich nenne dich … Ich weiß es doch nicht mehr!“ Er richtete sich ganz auf, deutete zu seinem Kothaufen, den der Besucher nur mit einem kurzen, angeekelten Blick streifte. „Dahinter ist eine Wandtür und hinter ihr ein kurzer, blinder Gang. Das weiß ich noch. Dort an der Wand steht dein Name.“

Er stemmte sich aufgeregt weg von seinem Tisch, tappte schlurfend zu seinen Exkrementen, stapfte achtlos in sie hinein. Er zerrte am Riegel der kaum sichtbaren Wandtür, die sich nur unwillig öffnete. Sein Besucher folgte ihm mit den Augen, machte keine Anstalten, ihm zu helfen.

Nenne mich“, wiederholte er zornig.

Ja, aber ja!“ rief der Alte. Er hörte selbst die Hysterie in seiner Stimme, ihre ungewohnte Lautstärke und die pfeifende Gefahr, die tief unten in seiner Lunge lauerte. Sein Atem war viel zu schnell, er flog, drängte hart gegen seine Rippen, bohrte glühenden Schmerz in seinen ausgemergelten Körper. „Ja!“ rief er erneut. „Sie geht auf, schau, sie geht auf!“

Tatsächlich gelang es ihm, die Tür ein wenig zu öffnen, sein Verdautes zur Seite zu schieben. Der enge Spalt genügte ihm, um hinein zu schlüpfen. Seine eiligen Schritte verhallten in dem Gang.

Es war still in dem Schlafzimmer. Nur der gleichmäßige Atem des Besuchers war zu hören. Er stand ruhig und breit, beide Beine gewichtet, die Arme verschränkt. Die Augen waren jetzt geschlossen, das Gesicht entspannt. Er wartete. Dann waren erneut Schritte zu hören, noch eiliger diesmal. Gleich darauf quetschte der Alte sich gequält durch den Spalt. Er humpelte keuchend zu seinem Besucher, berührte ihn am Arm. Der Mann öffnete ein Auge.

Ich hatte recht, da steht es. Da steht dein Name an der Wand. Aber es ist dunkel in dem Gang. Ich konnte meine Schriftzüge aus Kreide mit den Fingern ertasten. Schau, sie sind ganz weiß an den Spitzen Aber ich konnte nicht lesen. Es war zu dunkel. Ich bitte dich, hast du Licht bei dir?“

Der Besucher öffnete auch das zweite Auge, sah den Alten lange an. Dann griff er gleichgültig in seine Hosentasche und förderte ein kleines metallenes Feuerzeug zu Tage. Sein Gegenüber haschte gierig danach, aber er ballte seine Faust fest darum.

Ich gehe mit“, sagte er.

Der Alte stimmte eifrig zu, auffordernd winkend trat er zurück zur Tür, zwängte sich erneut hindurch. Mit der selben Gleichgültigkeit, die der Besucher bisher ausgestrahlt hatte, trat auch er jetzt durch den kniehohen Kot. Mit einer spielerischen Bewegung öffnete die Wandtür weit, trat ins Dunkel und folgte den vorauseilenden Schritten des Alten. War der Gestank in dem Zimmer schon entsetzlich, hier in dem düsteren Gang stand der feucht und heiß, brannte ätzend in der Luftröhre des Besuchers. Er konnte in dem Halbdunkel kaum etwas erkennen. Mehrmals stieß er seltsam geformte größere Gegenstände, die am Boden verstreut lagen. Auch auf nachgiebige Dinge trat er, sie waren mit schimmligem Stoff abgedeckt. Er verharrte und entzündete sein Feuerzeug. Ein müdes Licht flackerte an den Wänden, aber es genügte seinen scharfen Augen. Der Besucher sah sich um. Die Gegenstände zu seinen Füßen waren elektronische Geräte, Fernseher, Radios und Schallplattenspieler in allen Stadien der Zerstörung. Er kniete sich herab, um ein Handy näher zu untersuchen. Er scheute davor zurück, eine der Decken hoch zu heben.

In diesem Augenblick hörte er in seiner Nähe erregtes, krampfartiges Keuchen. Sein ruhiger Blick wanderte in die Höhe. Der Alte stand da, hielt hoch erhoben, mit beiden Händen von sich gestreckt, eine schwere Schusswaffe auf ihn gerichtet.

Da hast du deinen Namen“, rief er kreischend, von einem Bein auf das andere stampfend. Das gierige Rot seiner Augen funkelte zornig. „Da hast du deinen Namen! Er lautet: Stirb!“

Der Besucher nickte.

Das ist mein Name. Ich bin der, der ich bin. Ich bin Stirb.“

Die Antwort des Alten war ein geiferndes Lachen, das er nicht beherrschen konnte. Es schallte vielfach von den Wänden zurückgeworfen den engen Gang hinab. Es war ein gefährliches Lachen. Es war böse und endgültig.

Ja, das ist dein Name!“, lachte er. „Ja, stirb!“

Er verkrallte seine Zeigefinger am Abzug der Waffe. Der Revolver knackte sehr trocken. Vergeblich wartete der Alte auf den Knall, der schnell auf das Knacken folgen sollte. Deshalb drückte er noch einmal ab, dann wieder und wieder, immer schneller. Die Trommel des Revolvers drehte sich gehorsam, aber kein Schuss löste sich. Schließlich gab er es auf.

Er sank in die Knie und schleuderte die nutzlose Waffe unwillig beiseite. Dann weinte er laut und verzweifelt. Stirb trat langsam neben ihn, hob ihn sanft wie ein verwundetes Tier auf. Er trug ihn aus dem Gang, legte den Schluchzenden auf sein dreckiges Bett. Stirb konnte den Alten verstehen. Er begriff seine Furcht und seinen Hass. Deshalb setzte er sich an das Kopfende des Bettes. Er begann, ein Kinderlied zu summen und strich dem Weinenden beruhigend über das fettstarre, dünne Haar. Nach einer Weile schlief der Alte, die Knie an den Leib herangezogen, einen Daumen im Mund, aus dem ein Speichelfaden rann.

Stirb erhob sich leise. Er sah sich in der Wohnung um. Als erstes ging er zum Kühlschrank und warf einen Blick hinein. Er war hungrig und wühlte die letzten essbaren Reste hervor, aß gierig. Im Schrank unter der Spüle fand er anschließend Konserven und in Kartons verpackte Notrationen. Das konnten nicht alle Lebensmittel sein, sondern nur ein kleiner Teil, den der Alte der Bequemlichkeit halber hier aufbewahrte. Der Rest muste sich an einem anderen Ort befinden, vielleicht in einem trockenen Keller, wenn es überhaupt einen gab. Als Stirb den Schrank schloss, entdeckte er eingetrocknetes Blut und ein verklebtes Stück Hirn auf dem Fußboden. Er untersuchte beides neugierig, nickte wissend.

Im leeren Beerdigungszimmer hielt er sich nicht länger auf, ein kurzer Blick auf die Grabhügel genügte ihm.

Eine genaue Untersuchung nahm er aber im Spiegelraum vor. Stirb öffnete den Schrank weit. Er warf sämtliche Kleidung auf den Boden und den Spaten obenauf. Dann kramte er eine größere hölzerne Zigarrenkiste hervor, die verschlossen war und nach den Öllappen roch, in die sie eingewickelt war. Er brach sie über seinem Knie in zwei Teile. Briefe und beschriebene Blätter flatterten auf den fleckigen Teppich. Er nahm mehrere und las sie oberflächlich. Dann legte er sie zu dem Kleiderhaufen, schob den Rest mit dem Fuß dazu, suchte weiter.

Er spürte den starken Drang, zu suchen. Es war eine fixe Idee. Es wurde bereits dunkel, als er mehr durch einen Zufall als durch zielstrebiges Nachforschen hinter dem Spiegel die Bücherwand entdeckte. Das war der erste Fund, den er mit einer Regung quittierte. Er lächelte leicht. Sanft nahm er das erste Buch heraus, blätterte fas ehrfurchtsvoll in seinen brüchigen Seiten. Er nahm den Kopf in den Nacken, hielt das Buch weit von sich, las dann stockend ein paar Worte.

„ … der sogenannte nervus probandi dieses Arguments …“

Er schleuderte das Buch unwillig auf seinen Abfallhaufen. Er nahm das nächste Buch, es folgte nach kurzer Prüfung dem Weg des ersten. So machte er weiter, bis er auf einen dünnen Band mit handgeschriebenen Gedichten stieß, bei dem er etwas länger verweilte. Er öffnete den zerfledderten Band sehr vorsichtig, folgte den Sätzen mit dem Finger und las halblaut einige Gedichte:

unter tränen
wiegen die winde
die träume die sterben
unter tränen
wiege ich mein kind
das stirbt
tränen
unter tränen: leben.

da wir geboren wurden in den stunden der nacht
wird düster was dunkel wir berühren
da wir geboren wurden in den stunden des leids
wird trauer was heftig wir umarmen.

narren der helle
wanken wir in den schatten des lichts
sehen die fruechte der wiesen des mondes
wo selbst namen ihre wege verlieren
wir sehen dort
sehen doch nichts.

wo beginne ihr ende schon tragen
da will ich sein
will anfang und wehe
will schluss und leid.

ist es falsch
wenn ich nun schon sage
es wird schlechter
tag für tag
träume sterben
zuhauf gehegt.

Stirbs Lächeln verstärkte sich. Das erschien ihm sinnvoll. Er klappte das Büchlein liebevoll zu und schob es in die Innentasche seines weit geöffneten Overalls. Die restlichen Bücher leerte er mit wenigen Griffen auf den Boden, schob sie zu dem Abfall.

Er nahm sein Feuerzeug heraus und zündete den Haufen an mehreren Stellen an. Die Bücher und Kleidungsstücke entflammten sehr schnell, eilig brannten sie, als wäre es ihre Erfüllung. Stirb wich der Hitze zögernd. Langsam trat er rückwärts aus dem Zimmer. Er schloss befriedigt hinter sich die Tür, lehnte sich gegen sie. Das Lächeln war noch nicht von seinen Lippen verschwunden.

7 Ich ekle mich vor diesem Lächeln. Ich wünsche, niemals mehr wie Stirb zu lächeln.

8 Stirb saß geduldig auf dem knirschenden Tisch und wartete. Er hatte die Beine an den Leib gezogen und hielt die Augen geschlossen. Die Hände ließ er mit den Handinnenflächen nach oben auf den Schenkeln ruhen. Unbeweglich saß er und wirkte wie ein flüchtiger Entwurf. Nichts an ihm war fertig, überall fehlte die beendende Hand des Künstlers. Er lauschte auf die Geräusche des schlafenden Alten. Dessen Atem war unregelmäßig und jagend, manchmal durch laute Schnarchtöne unterbrochen. Einige Male zischte der Liegende auch Worte. Sie klangen vorwurfsvoll, aus seinem Inneren hervor gequält.

Stirb wartete auf das Erwachen des Schläfers. Er dachte dabei über seinen Namen nach. Er gefiel ihm. Das war ein guter Name. Er wünschte sich viele Verwandte, die ihn aussprechen würden. Der Alte hatte ihm einen passenden und einen schönen Namen gegeben. Er mochte den Alten. Langsam fiel er auf eine weiche Stimmung herein. Es fehlte nicht viel und er wäre ebenfalls eingeschlafen.

Es war ein plötzlicher Schreck in ihm, ein leeres Durchsacken in seinem Unterleib, einen Schock, der ihn wie eine überraschende Ohrfeige traf: Er dachte an draußen. Er hatte tatsächlich in der kurzen Zeit, seit er sich in der dunklen, abgeschotteten Geborgenheit der Wohnung aufhielt, beinahe das Draußen vergessen. Für Stirb war es bereits jetzt wie ein böser Traum. Seine Eindrücke waren im Verschwimmen. Da waren flüchtige Erinnerungen an Gefahr, an die beißenden Strahlen einer Sonne, der man nicht entfliehen konnte, an die platzenden Schwären, die sie verursachten, wirre Gedanken an eine staubige, entsetzliche Weite, an Hitzeflimmern über eingetrockneten Flussläufen, an schwarz verbrannte Baumstümpfe, an das Ducken und Kauern, an Furcht in gefrorener gefrorenen Nacht, an seltsame, bösartige Kreaturen und unheimliche Lichter. Mittendrin, im Mittelpunkt dieses wirbelnden Chaos, sah er sich selbst, den noch Jungen, Namenlosen, einer Chimäre hinterher jagend. Er hat ein fernes Ziel, er singt seinen Pfad, achtete nicht der Blasen an seinen Füßen. Er versteckte sich, schwitzt und friert, hungert, tötet und hasst. Aber er weicht nicht ab von seinem Weg, denn er führt ihn hierher in dieses Haus. Und nun, in der Geborgenheit der Wohnstatt des Alten, vergaß Stirb rasend schnell. Er war wie ein Kind, das über einem Alptraum in die Höhe schreckt.

Stirb öffnete vorsichtig die Augen, er spürte einen Blick. Der Schläfer war erwacht, betrachtete ihn aufmerksam. Die Angst des alten Mannes war jetzt verschwunden, er hatte sich mit seinem Schicksal versöhnt. Lange Zeit sahen sich die beide stumm an.

Weise mich ein“, sagte Stirb schließlich.

Der Alte setzte sich schwerfällig auf, urinierte. Er sah spöttisch an sich herab, lächelte gelassen. Stirb folgte seinem Blick. Der Alte sprach. Stotternd, tastend, als würde er wie jemand, der lange nicht mehr geübt hat, auf einem Klavier Harmonien suchen, entwickelte er aus den Worten Klänge, dann so etwas wie eine Melodie. Stirb runzelte die Stirn und lauschte angestrengt, er versuchte, sich die Worte des Alten zu merken.

Der Heilige Ignaz von Loyola bitte für uns“, begann der Alte. „Er hat geschrieben: ‚Welch eine Ansammlung von eklen Ausflüssen ist doch der Mensch. Schau ihn an und vergleiche ihn mit den Pflanzen des Herrn. Des Menschen Früchte sind Kot und Urin, sein Geruch ist immer Gestank. Wie viel mehr wert sind da die Pflanzen, deren Früchte wohlschmeckend und dem Auge angenehm, deren Gerüche Düfte sind, die der Mensch benutzt, seinen Gestank zu überdecken.’“

Erzähle von ihm“, unterbrach Stirb. Der Alte runzelte unwillig die Stirn, aber er besann sich. Er hob gehorsam seine dünne Stimme, die während seiner Worte an Kraft gewann:

Er kam auf Erden, das Gesetz zu verkünden. Seine Stimme war voller Kraft und sein Auftreten war nicht von dieser Welt. Die Menschen, die ihn sahen, liebten ihn und lauschten seinen kraftvollen Worten. Es gibt viele Geschichten von ihm, denn er hat viel getan und viele Wunder sind in seinem Namen geschehen. Es kam der Tag heran, da stellte er sich vor das Volk, das sich versammelt hatte, ihn zu hören und er sprach also:

‚Gesegnet seid ihr, die ihr seid gekommen, mich zu hören, denn euch wird große Wahrheit widerfahren. Ich, der ich bin und eins bin mit mir, sage euch, die ihr nicht seid und nicht eins seid mit euch: Wer mir nachfolgen will, sein will, wer er ist und eins mit sich sein will, der soll mir nicht nachfolgen. Jeder erkenne die Freiheit, die er besitzt. Er gehe den Weg, den er gehen will. Ich bin den meinen gegangen, geht nun den euren.’ Da schwieg er. Das Volk murrte, denn es hatte nicht verstanden. Also fuhr er fort:

Ich will euch ein Gleichnis geben. Zwei Männer gingen von Hier nach Dort. Der eine ging die breite Straße, sie führte ihn sicher und gerade nach Dort. Der andere ging einen anderen Weg, der war steinig und beschwerlich, doch er kam ebenfalls Dort an. Welcher Weg war nun der rechte, in absoluter Weise? Der gerade, einfache oder der schwere, steinige? Ist der Weg wichtig oder das Ziel? Also sage ich: Jeder Weg führt zu mir, so wie jedes Leben in den Tod führt.’ Und siehe: Da erhob sich ein scharfer Wind vom Tal und verwehte die Wege, doch er besänftige ihn mit einer Handbewegung. An diesem Tag sprach er noch viel zum Volk. Es hörte zu und erstaunte sich.“

Wieder schwieg der Alte. Er sackte erschöpft in sich zusammen. Aber Stirb sah unwillig darüber hinweg. Er wollte noch mehr wissen. Noch war alles unsicher, noch konnte er nicht klar erkennen.

Erzähle mehr von ihm“, forderte er den Alten auf.

Als es an der Zeit war, da er sterben sollte, denn er war nur ein Mensch wie die anderen, versammelte er seine Jünger um sich und sprach:

Seht, ich werde euch verlassen. Doch ihr braucht nicht zu trauern, denn mir widerfährt eine große Freude. Eines aber will ich euch noch verkünden, denn deshalb sind wir versammelt. Eine grundgültige Wahrheit weiß ich noch. Ich habe mich bis jetzt gescheut, sie euch mitzuteilen. Es ist eine bittere Wahrheit. Ich wünschte, ich könnte sie verschweigen, euch gnädig belügen. Es wird euch schwerfallen, mit ihr zu leben.’

Er sah das Erstaunen seiner Jünger und zögerte lange, bis er sprach: ‚So höret denn: Dies ist das Leben. Hier ist euer Weg. Hier seid ihr eins mit euch auf dem Weg zum Ziel. Doch es gibt nur dieses Leben. Es endet mit dem Tod. So ist euer aller Ziel der Tod, wie auch mein Ziel der Tod ist. Der Tod ist das Ende. Es gibt kein Jenseits. Gestern ist vergangen und Morgen ein Traum. Es gibt nur das Heute. Euer Weg ist eure Reise in den Tod. Jeder geht den Weg anders, doch jeder gelangt an sein Ziel. Das ist die schwere Wahrheit, die ich euch verkünden musste.’

Und da er die Niedergeschlagenheit seiner Jünger ob seiner Worte sah, da weinte er ehrliche Tränen und sagte also: Seht die Opferlämmer eines barbarischen Gottes. Wir sind alle verdammt.’“

Der Alte hustete einen harten, schmerzenden Husten, er drängte gewaltsam gegen seinen Hals und unterbrach alles Reden. Stirb hatte während der Worte des Alten zustimmend genickt.

Wohl“, sagte er und dachte nach. „Wohl. Wir sind verdammt. Erzähle weiter.“

Ein Kommentar

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