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345 Tage zu früh …

… oder eher 3 Wochen zu spät.

Heute ist nach zwei Monaten Wartezeit – also nur unwesentlich verspätet – endlich „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“ aus der Druckerei gekommen. Ich wollte eigentlich mit dem kleinen Büchlein meine Freunde und fleißigsten Follower zum Fest beglücken, aber epubli war offenbar der Meinung, dass mein „grandioses“ Werk nicht wichtig genug ist, es pünktlich zu verschicken. Dabei ist es doch – Zitat vom Buchrücken: „Eine erbauliche, abenteuerliche, zwerchfellerschütternd lustige, herzerwärmende, gar gruslige und intellektuell fordernde Weihnachtsgeschichte um sabbernde Hunde, singende Esel, verwirrte Lektoren und Verlegerswitwen, düstere Geheimnisse im Untergrund, gefährliche Karlnickel, Schichtkohl, einen großen Pinkelbaum und einen shakespearesüchtigen türkischen Dönerbuden-Besitzer“.

Na, das nächste Weihnachten kömmt bestimmt. Wenn jemand ungeduldig ist und nicht so lange warten will, bis das Christkind wieder kommt: Einfach mich kontaktieren. Ich sitze auf einem Stapel Weihnachtshunde.

Nikolaus

 

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil 4

Vier Helden mit zwölf Füßen traten in den dich­ten, bei­ßenden Nebel, der wie ein Leichentuch auf der Winter­wunderwelt des Karlnalrumpel­stilzchens lastete und wurden von ihm ver­schluckt. Ne­beneinander, nur durch eine Hundeleine miteinan­der ver­bunden, gingen stumm und ent­schlossen: Ömer Özgür, eine Geheimwaffe in der Tasche, von der außer ihm noch nie­mand etwas wusste, stolzer Besitzer der Imbissbude Traum vom Bosporus, er hielt seinen Dönerspieß wie ei­nen Speer nach vorn in die verwaschene Düsternis ge­streckt, in der man keine zwei Schritte weit sehen konnte, dane­ben trottete besorgt Karl-Heinz, der große, alte Weih­nachtshund, der letzte seiner Art, der noch Zähne zum Zubei­ßen fletschen und schwere Walnüssen aus sei­nem Sack schleudern konnte und an sei­ner Seite ging der treue Singin‘ Sam, der Esel, dessen Zunge wie eine Peitsche zu­schlug und dessen Gesang die Reihen des Fein­des zum Erzit­tern bringen konnte. Das Grautier, dass trotz sei­ner Vorliebe für Weihnachts­punsch leider keine rotleuchtende Nase besaß wie sein Vetter Ru­dolph, das Rentier, eine Schnauze, die die Szenerie hätte erhellen können, summte leise die Melodie von „Auf in den Kampf, Torero“ vor sich hin. Die drei mutigen Re­cken folgten wie die drei Weisen aus dem Morgenland ihrem Stern: Jan Philipp Rabenhorn, dem letzten Ritter des ed­len Ge­schlechts der Ceratias-Corvus, der die Faust so fest um den Griff seines orange schimmernden, in El Ixir ge­tauchten Schwertes ge­klammert hielt, dass seine Knöchel weiß hervortra­ten. Ihn leitete sein Instinkt sicher durch den dichten Nebel.

Noch nie hatten die uralten Hallen unter Bromberg solch mu­tige, zu allem entschlossene Helden gesehen und noch nie war auch so viel auf dem Spiel gestanden. Nachdem das Quartett eine gefühlte Ewigkeit unterwegs war und zumindest in Ömer ein erster Zweifel auftauchte, ob sie auf dem richtigen Weg und nicht von dem selben abge­kommen wären, erklangen direkt vor­aus dumpf klatschen­de Geräusche und es waren ein paar farbi­ge Lichter in dem stumpfen Weiß auszumachen, das sich end­lich et­was lichtete und eine ungesunde, giftig-grüne Färbung an­nahm. Mit heftigem Schwefelgestank wehte eine üble Bri­se die letzten Reste der Nebelschwaden hinfort und die vier Hel­den waren an ihrem Ziel angelangt: Dem Nest des großen Karl­nickels.

Die Halle erinnerte hier an einen noch tätigen Höllen­vulkan, an dessen Rand sie nun standen und hinunter starrten. In sei­ner Mitte, zu der das nach Kohl, altem, fet­ten Hack und faulen Eiern dünstende Gelände flach abfiel, brodelte eine gewaltige Grube, in der ein hellloderndes Feuer brannte. Davor kauerte wie ein Schattenriss eine dunkle, gigantische Gestalt mit zwei langen, spitzen Oh­ren, die bis zur Decke reichten, von der kaum zählbar viele dicke Wurzelstränge teilweise bis zum Bo­den herabhin­gen. Die meisten von ihnen sahen aus, als hätte eine Biberarmee sie angefressen. Die Grube ihres Gegners – denn niemand anderes als der Karlnickelkönig saß dort am Feu­er und briet sich etwas Undefinierbares in einer monströsen Bratpfanne, während er ih­nen seinen schwar­zen behaarten Rü­cken zuwandte – diese Grube musste di­rekt unterhalb des gro­ßen Pinkelbaums liegen, der den Weihnachtsmarktplatz von Bromberg zierte und in den letzten Jahren schon recht ange­schlagen und vertrocknet gewirkt hatte; weshalb der Stadtrat, der um seine Bedeu­tung wusste, die Weih­nachtsbeleuchtung das ganze Jahr über hängen ließ.

Rabenhorn wollte schon entschlossen auf den übermäch­tigen Gegner losstürmen, als ihn Ömer in die Rippen stieß und zur Seite deutete, wo völlig unbewacht einige Gefängniskäfige am Kraterrand standen, von denen nur einer belegt war: MARIE-THERES! Rabenhorn fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatten sei­ne Chefin gefunden und sie lebte noch, winkte aufgeregt zu ih­nen herüber. Selt­sam, der Lektor hatte das Gefühl, der Kohlge­stank ginge von ihr aus, ein Gefühl, das sich mit jedem Schritt, mit dem er sich ihrem Gefängnis näherte, verstärkte.

‚Schichtkohl, die Kienbauer riecht nach Schichtkohl. Wahr­scheinlich hat sie wieder mal diese Scheußlichkeit ge­kocht und der Karlnickelkönig hat sie deshalb noch nicht gefressen, weil sie so stinkt‘, erkannte er plötzlich erfreut. Ihre Vorliebe für diese unbeschreiblich grauenvolle Speise hatte sie gerettet. Auch Karl-Heinz verzog angewidert die Schnauze und sogar Singin‘ Sam, den normalerweise nichts aus der Ruhe brachte, bemerkte zur Seite:
„Boah, eh, Babo! Die alte Chick müfft vielleicht. Ist das krass!“

Nur Ömer weitete verzückt seine Nasenflügel, schnup­perte den Duft, der von der Gefangenen ausging und ihm ging das Herz auf. Hier roch es wie hinter seiner Döner­bude und ein hef­tiges Heimweh befiel ihn. Sein dunkel schmachtender Blick kreuzte den blauäugigen von Marie-Theres und wenn jemals zwei Seelen durch ein Augen­blinzeln zu einer verschmolzen, dann waren es die des Türken und der Verlegerin. Mit einem laut klirrenden Schwerthieb durchtrennte Rabenhorn die Kette mit dem Vorhän­geschloss, die das Gefängnis versperrte und an ihm vorbei stürz­te zu seiner Verblüffung eine ziemlich de­rangierte, aber vollkom­men unversehrte Marie-Theres und landete aufschluchzend in den starken Armen von Ömer.

‚Da wird der arme Friederbusch in der nächsten Zeit ein paar traurige Bücher abliefern‘, dachte Rabenhorn, ‚aber ein Dichter sollte ja leiden, wenn er Großes vollbringen will.‘

Seine Nackenhaare standen plötzlich zu Berge, denn er hörte ein mächtiges Grunzen hinter sich und ein Ge­räusch, als wür­de sich ein Berg erheben. Der Lärm, den er mit seinem Gewal­thieb gemacht, hatte die Aufmerksam­keit des Karlnickelkönigs erweckt, der sich nun unten am Feuer zu seiner ganzen Größe aufrichtete und donnernd mit dem Kopf gegen die Decke schlug. Oben auf dem Weihnachtsmarkt um den großen Pinkel­baum wurde durch dieses mittlere Erdbeben viel Glühwein ver­schüttet und die Brat­würste glitten aus ihren Brötchen. Überall rieselte Erde wie dün­ne Wasserfälle herab in die Höhle. Noch so eine Erschütterung und die Decke würde einstür­zen, mitsamt den Feiernden oben und allen Buden und Würstchen- und Punschständen, erkannte Rabenhorn. Das schwarze Ungeheuer ließ einen schrillen Pfiff ertö­nen. Fast gleichzeitig tauchten am Kraterrand unzählige kleine Karlnickel auf, gefährliche, scharf­zahnige und zähe Bies­ter, die sich unvermittelt mit einem Auf­schrei auf die Helden und die gerettete „Jungfer“ stürzten.

„Das wird jetzt übelst derbe, Bro“, murmelte der Esel und er sollte recht behalten:

Es wurde jetzt oberübelst, uzverdammt derbe. Was nun folgte, ging in die Annalen der Stadt Bromberg als „Die Große Schlacht in den Weihnachtshöhlen“ ein. Jeder hat sie mehr oder weniger begeistert in der Schule als Pflicht­lektüre lesen müssen und sie und die Heldentaten der Tapferen brauchen daher an dieser Stel­le nicht erneut er­zählt werden. Weniger bekannt ist vielleicht, dass die Schlacht nie einen Sänger gefunden hätte, der von ihr in seinem Heldenepos berichtete, wenn nicht Ömer Özgür, der Im­bissbudenbesitzer, den Tag gerettet hätte. Er zog eine kleine Pfei­fe hervor und blies in der höchsten Not in sie, gerade, als die Re­cken von den Massen der Karlnickel aus­sichtslos umflutet und eingekreist waren, ihr König sich schon mit stampfendem Schritt, die Bratpfanne wie eine Keule schleu­dernd, genähert hat­te. Seltsam – nichts war zu hören… und doch!

„In diesen Grenzen mit des Herrschers Ton Mord rufen und des Krieges Hunde entfesseln …,“ zitierte Ömer mal wieder sei­nen Lieblingsautor, erneut aus Julius Cäsar, wie Rabenhorn wohlwollend registrierte. „Dass diese Schand­tat auf der Erde stinke von Menschenaas, das um Bestat­tung ächzt!“

Und die Hundepfeife wirkte! Von überall kamen sie, von allen Seiten. Sie stürmten den Hang hinab, die Hunde und Esel des Krieges, die nur auf ihr Signal gewartet hat­ten: Karl-Georg, der gewaltige Dobermann, Karl-Gustl, der Berner Sennenhund, Car­los-Santana, der schwarze Pudel, Karl-Maria, der kurzbei­nige Dackel und all die an­deren Weihnachtshunde mit ihren ro­ten Mützen und den Säcken voller Hundetrockennahrung und unter ihnen Jumpin‘ Jack, Hoppin‘ Hermann, Cryin‘ Clause und Hummin‘ Henry, die Brüder von Singin‘ Sam. Ihr Kriegs­gesang erschütterte erneut die Halle und wie Haie stürzten sich die Weihnachtstiere in die Fluten der bösar­tigen Karlnickelar­mee, brachten sie zum Wanken, gar zum Zurückweichen! Es war eine entsetzliche Schlacht, der das Heldenquartett stau­nend und in letzter Sekunde glücklich gerettet wie einem ab­surden Theater­stück bei­wohnte.

Da zupfte Karl-Heinz den Rabenhorn mit der Schnauze am Är­mel.

„Haben wir nicht noch etwas zu erledigen?“, fragte er.

„Du kannst sprechen?“ Rabenhorn nickte. „Karlnickel­klar, du kannst es. Warum eigentlich auch nicht?“ Er sah hinüber zu dem Karlnickelkönig, der nun ziemlich verlas­sen vor seiner Feu­ergrube stand und mit wilden Flüchen vergeblich seine Un­tertanen zum Widerstand aufrief, der längst gebrochen war. Heillose Flucht war das Gebot der Stunde.

„Dann komm“, sagte der Held von Bromberg zu seinem treu­en Hundegefährten, hob das funkelnde, zu unser aller Glück nicht singende, sondern ungewöhnlich schweigsa­me Schwert und trat dem Monster entgegen, „retten wir Weihnachten.“ Tiefe Zuver­sicht erfüllte das heldenhafte Herz des Lektors und mit seinem ersten Hieb durchtrenn­te er bereits den Fuß des Ungeheuers. Die abgeschlagene Gliedmaße flog durch die Luft und als sie auf dem Boden landete, verwandelte sie sich in pa­nisch umherirrende, ge­geneinander rempelnde und stolpernde kleine Karlnickel.

„Das ist für Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Sies­ta Or­tega y Cuerno del Cuervo“, rief er und mit jedem Namen seines Vorfahren, den Rabenhorn rief, trieb er sein mit El Ixir behan­deltes Schwert erneut in den Bauch des Monsters. Aus dessen Wunden sprudelten kein Blutfontä­nen, sondern unzählige Karl­nickel. Der König wankte, die Bratpfanne entglitt seinen plötz­lich wieselflink davon flit­zenden Fingern, die wie der Rest seines Körpers aus sei­nen fliehenden Untertanen geformt gewe­sen wa­ren. Dann fiel er zu Boden. Rabenhorn hob ein letztes Mal sein Schwert, den gewaltigen Kopf vom Körper zu tren­nen.

„Halt ein!“, rief da plötzlich eine bekannte Stimme. Karl-Heinz, der sich in ein Organ des Karlnickelkönigs verbis­sen hatte, das in einem Märchen nicht erwähnt werden darf, und Rabenhorn wir­belten erschrocken herum. Hinter ihnen standen Karl-Nickel, der Karlnickellaus-Rumpel­stilz und der ebenfalls längst verstorbene Hubert Emanuel Kienbauer. Beide wirkten sehr lebendig. Raben­horst fühlte sich wie am Ende von Star­Wars VI.

„Halt ein, sonst wird an Ostern die Welt untergehen!“, schluchzten die beiden. „Denn wer soll den Kindern ihre Eier verstecken – etwa ein Osterhund?“
Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal er­zählt werden soll …

ENDE DES ERSTEN BUCHS
Fortsetzung folgt in
Karl-Heinz und Herbert, das Osterkarlnickel

Rabenhorn klappte sein Prüfexemplar von Karl-Heinz, der Weihnachtshund zu, legte es vorsichtig auf seinen Schreib­tisch und sah zum Panorama­fenster aus dem 8. Stockwerk hinaus. Inzwischen däm­merte es und in den Häusern un­ten in der Stadt erstrahl­ten die ersten Weihnachtsbäume. Endlich schneite es di­cke Flocken.

Obwohl der Lektor sich inzwischen mit Frieder­buschs neuestem Werk arrangiert hatte und er ein­sah, dass ein er­folgreiches Buch fortgesetzt gehörte, war er mit dem Schluss nicht ganz glücklich. Dieses Ende war besser als das originale, in dem der Autor alle Protagonisten hinge­schlachtet hatte – wahr­scheinlich waren dies die Nachwir­kungen der Tren­nung von Marie-Theres Kienbauer, die mit einem Dönerbudenbesitzer durchgebrannt war. Nein, so war das entschieden bes­ser; schließlich hatte er per­sönlich, der große Jan Phi­lipp Rabenhorn, das letzte Kapitel des Weihnachts­hundes nach Jahren der Schreib­blockade selbst verfasst. Aber irgend etwas fehlte.

Er starrte in das wirbelnde Schneegestöber vor sei­ner Fensterscheibe und sann nach. Gut, der Ge­schichte fehlte entschieden eine kluge Katze, aber die konnte er ja in eine der geplanten Fortsetzungen hin­ein schreiben. Es war et­was anderes; ein bohrendes Gefühl verblieb in ihm, dass er etwas vergessen hat­te. Sein Blick fiel auf seinen großen, zotteligen Hund, der friedlich auf dem Sisalteppich schnarchte und nun wie auf Kommando seinen Kopf hob und Ra­benhorn mit seinem geheimnisvollen, tiefen Au­gen fixierte. Da verstand er:

„Du hast recht, Karl-Heinz“, sagte er zu dem zu­stimmend nickenden Tier, „jetzt weiß ich, was ich vergaß.“

Er wand sich zu den Lesern seiner Geschichte, die ihn und den Hund aufmerksam betrachteten. Er winkte ihnen zu, winkte DIR zu. Ja, dir, meinem Le­ser, der mir bis hier­her – erstaunlich genug bei dem Blödsinn, den ich ver­zapfte -, gefolgt ist:

„Gesegnete und Glückliche Weihnachten!“

ENDE

 

 

Ein Kommentar

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil 3

Der Lektor erwachte, rieb sich genüsslich die Au­gen, griff dann in die zerwühlte rechte Betthälfte, suchte, fand aber beruhigende Leere und grinste. Das war wohl noch einmal gutgegangen! Alles nur ein schlechter Traum: Kein bärtiger Türke schlief neben ihm, kein fetter Kö­ter mit Weihnachtsmütze auf dem Kopf war zu ei­nem blonden Drachen mit den Gesichtszügen von Ma­rie-Theres Kienbauer mutiert. Helga Jolanda Wei­ßeggerle-Rabenhorn, seine Ex-Gattin und ehemalige Muse der Schreibkunst, hockte nicht zeternd auf ei­nem Dra­chenhort neben seinem Bett, sondern seit der unerfreuli­chen Tren­nung vor vier Jahren weiter­hin in ihrer eigenen Wohnung, die er ihr bezahlte.

Rabenhorn erinnerte sich nur ungern an die etwas unbe­queme Phase seines Lebens, als auch er, der er doch ei­gentlich über solchen Dingen stand, der Krise der mittle­ren Jah­re verfiel und er sich sterblich in eine blutjunge, bemer­kenswert vollbusige und dabei doch so tief vergeis­tigte Dichternymphe verguckt hatte, deren Namen ihm sein Un­terbewusstes inzwi­schen zum eigenen Schutz vor­enthielt. Wahrschein­lich hockte Helga im Moment ver­huscht und verträumt vor ihrem Computer, postete in ir­gendwelchen Literaturforen Schlechtgereimtes und Weih­nachtsglückwünsche – schließlich war heute der Hl. Abend.

„Ach, wie liebe ich diese stille Zeit!”, rief Rabenhorn sich rekelnd aus, schwang die ansonsten schweren Beine leicht aus dem Bett, schlüpfte in seine warmen Puschen und hüpfte wie ein Tänzer in die Küche. Dabei ignorierte er ei­nen leichten Kopfschmerz, der ihm von seinem Alptraum oder – wahrscheinlicher – der Erinnerung an seine Exfrau übriggeblieben war.

Als er bald darauf noch im Morgenmantel mit einer Tas­se seines Lieblingskaffees vor seinem privaten In­ternetzugang saß, um seine Mails durchzusehen, überlegte er, ob er nicht längst wüsste, was sich heu­te wieder alles bei ihm auf dem Bildschirm tummeln würde – in seiner eigenen kleinen Welt war es schließlich recht übersichtlich. Und das zumin­dest sollte auch so bleiben!

Es war so, wie nicht anders zu erwarten: Neben den üb­lichen Weihnachtsgrüßen von Verlegern und fer­nen Be­kannten, neben Preisokkasionen – was für ein entsetzliches Wort! – und Angeboten für blaue Pillen und Krankenver­sicherungen waren sie über Nacht wieder aus ihren Lö­chern gekro­chen, hatten sich in ihren literarischen Schweißausbrüchen gesuhlt, sich mit ihren glitschigen, schmierigen Fingern ver­krampft über die unschuldige Sprache hergemacht und ihn als Unschuldigen mit allem überschüttet, was eigent­lich Dinghaft auslösen müsste – immer und ewig auf und über ihm, dem seinem Selbstvers­tändnis nach weltbesten Lektor! Wenn er all die un­verlangten Manuskripte ausdru­cken sollte, die als PDFs oder WORD-Dateien in seinem Mailkonto strandeten, würde er Tonnen an unschuldigem Pa­pier damit besu­deln müssen!

War das seine Qual, musste er wirklich über diese trü­ben, gelblich schillernden Bäche springen? Auch heute, am Hei­ligabend, da es wieder mal zu kalt war, um über­haupt ir­gendwo einkehren zu können, es sei denn unter einer war­men Decke?

Was war das?

Ein Engelsgesicht mit Spitzhackenbrüsten, das eine schwedi­sche Kleinstadt terrorisierte! Erbarmen? Nein, danke!

Eine sprechende Parkbank und ein erfrorener Penner. Eine Schneekönigin-Allegorie? Was wird diesem Autor noch ein­fallen, wenn ihm nichts mehr einfällt? Nein, danke!

Ein Traum, der aber eigentlich gar kein Traum ist, son­dern eine geträumte Wirklichkeit in einem Traum, der von der Wirk­lichkeit träumt? Das passte zwar auf seine eigene Situation, aber: Wer will von so etwas schon über 400 Seiten lesen, Herr Nikolaus Klammer? Nein, danke!

Eine Hundegeschichte? Nein, danke! Die Welt war mit dem unsäglichen Weihnachtshund von Daniel Glattauer – zusam­men mit Richard David Precht der Herrscher über die lite­rarischen Vorhölle – gestraft genug! Wie war denn Frieder­busch ausgerechnet darauf verfallen?

Aber das war alles zu erwarten gewesen. Raben­horns Zei­gefinger tippte lässig im Takt von Jingle Bells und alles ver­schwand im Orkus des Junk-Ord­ners. Damit war seine Ar­beit für heute getan; für heute und den Rest der Weih­nachtswoche. Er hatte sich zwischen den Jahren freige­nommen, um endlich seine Wohnung zu renovieren. Ra­benhorn stellte den PC aus, warf sich ungewaschen die Ar­beitsklamotten über, nahm sich einen Brenner und ei­nen alten, me­tallenen Eiskratzer. Er begann, von außen an der Badtür die gelbliche Lackfarbe heißzumachen und sie ab­zuschaben. Solch händische Tätigkeit war we­nigstens noch etwas Ehrliches, Reines. Hier war der Werktätige noch nicht von seiner Arbeit entfremdet. Konstruktivität, Freile­gen der Struktur. Dieses wohl­tuende Entfernen des Altan­gebrachten. Und Farbe stinkt! Holz nicht. Also weg mit der Farbe! Tod der modernden Farbe und dem Altan­gebrachten, das sich nur modern nennt! Hatte er tatsäch­lich vierzig Jahre über Büchern gesessen, um zu wissen, dass er eigent­lich nur ein Abbrenner und Anstreicher wer­den wollte?

„Wenn das keine Weihnachtsbotschaft ist!“, dachte er eu­phorisch. „Arbeitet im Schweiße eures Ange­sichts, Leu­te, Möchtegernschriftsteller, nicht im Geis­te! Vornehm ist das Handwerk, sinnentehrend, sinnentleert ist allein das Geist­werk!“ Und da er das dachte, lächelte er und ver­brannte sich die Hand am heißen Brenner. Rabenhorn ließ das Heißluftgerät auf den Boden fallen. Es schmorte ein Loch in den wertvollen Berberteppich. Wütend riss der Lektor das Kabel aus der Steckdose. Das war er doch, der Unter­schied zwischen der Literatur und dem wahren Le­ben: Das Leben schmerzt! Und es geht immer wei­ter. Da gibt es kein ENDE und alle singen glücklich Weihnachts­lieder. Man muss sich ständig auf Neues einstellen, kann nicht im In­dex nachschlagen oder ein paar Seiten zurück­blättern, wenn man etwas nicht versteht oder einen Na­men verges­sen hat. Ra­benhorn rieb sich über die brennen­de rote Stelle an seiner Hand und überlegte, was zu tun war.

„Kaltes Wasser“, fiel ihm ein, „eine Brandblase muss man kühlen. Und dann eine Salbe drauf.“ Ah, das war kein voll­ständiger Satz: „Und dann muss man eine Salbe über die Wunde streichen.“ Jetzt hat­te er eine „muss man“-Wieder­holung, das war sehr schlechter Stil: „Und dann sollte man besser eine Brandsalbe über der Wunde verstreichen.“

Gut so. Rabenhorn trat also ins Badezimmer, wo er kurz die Vision eines in Fett und Filz eingewickelten Joseph Beuys hatte, der auf dem fest getrampelten Erdboden ei­nes russischen Bauernhauses seine Brandwunden über­lebte. Doch es war nur ein schla­fender, müffelnder Hund, über den er beinahe stol­perte.

Was heißt nur? Das war ein Riesenvieh, das Untier! So entsetzlich groß, dass Rabenhorn nicht an ihm vorbei zum Waschbecken gelangen konnte. Aber sei­ne Brandwunde war eh vergessen! Was hatte er ei­gentlich noch im Bade­zimmer gewollt? Der Hund, so fiel ihm siedend heiß ein, hieß Karl-Heinz. Jetzt kam die Erinnerung wieder mit vol­ler Wucht, und er be­kam weiche Knie. Rabenhorn trat ei­nen Schritt zu­rück, setzte sich schwer auf den hölzernen, woh­lig vertrauten Deckel seiner Kloschüssel.

Von wegen Traum! Alles kam zurück, kristallklar schälte sich die Erinnerung an den gestrigen Tag aus seinem Ge­dächtnis, als wäre der Anblick des Hundes ein heißer Küs­tenwind, der den Nebel verjagt:

Er konnte das furchtbare Manuskript voller Recht­schreibfehler und verunglückten Halbsätzen von Frieder­busch ge­radezu vor sich sehen, dann folgten der Fieber­anfall und die oben zwischen den Neon­röhren schweben­de, halbnack­te Witwe seines ehe­maligen, geliebten Verle­gers und jener entsetzliche Kalbshund, der ihm das Ge­sicht abschleckte. Auch der alte Familienfluch der Raben­horns fiel ihm wie­der ein, jener Jahrhunderte alte Fluch, von dem ihm Her­bert Emanuel Kienbauer in seiner Ster­bestunde berichtet und an den der Lektor nie geglaubt hatte – gleichzeitig die Erkenntnis, dass Marie-Theres Kien­bauer in höchster Ge­fahr war! Gestern war der Schock des Begreifens wie ein Faustschlag gewesen, der ihn ohnmächtig vor seinem Schreibtisch nieder­streckte. Dann, noch wie betäubt, hatte er handeln wollen, denn nur eine Person konnte hier noch hel­fen, auch wenn Ra­benhorn eigentlich nicht an sie glaub­te. Daher hatte er Marie-Theres gepackt und die Widerstre­bende zum Auf­zug gezerrt. Doch was dann geschah …

Rabenhorn konnte sich nicht erinnern. Ein unheim­liches Loch war in seinem Gedächtnis. Der Aufzug öffnete sich, das wusste er noch. Aber dann? Und wie kam er in der Nacht in sein Bett, und wie dieser vermaledeite Hund von Friederbuch in sein Bade­zimmer? Fehlte nur noch, dass ein singender Esel in seinem Kleiderschrank Felis Navi­dad! sang! Der Lek­tor sackte auf der Toilette in sich zu­sammen, presste die Fäuste gegen seine Stirn, aber er konnte keine weitere Erinnerung hervor quetschen. Alles war schwarz. Das erste, was er wieder wusste, war eben sein Erwachen im Bett mit dem niederdrückenden Ge­fühl, schlecht ge­träumt zu haben.

Da hörte er ein Geräusch an seiner Wohnungstür, es klang, als würde jemand an seinem Schloss herum­fummeln. Rabenhorn stand auf, zog den Badschlüs­sel ab und sperrte so den noch immer schlafenden Hund ein. Er öff­nete mit Schwung die Tür. Vor ihm stand herabgebeugt ein kleiner, untersetzter Mann mit imposantem Schnauz­bart, ein “Einwohner mit Migrationshintergrund”, wie Raben­horn für sich feststellte. Einen Schlüssel, der dem Lektor bekannt vorkam, hielt er nach vorn gestreckt in der einen, eine Tüte mit verlockend riechendem Back­werk in der an­deren Hand. Rabenhorn war sicher, ihn noch nie zuvor ge­sehen zu haben. Das war wahrschein­lich ein entlassener Strafgefangener, der ihm ein Abonne­ment des Readers Di­gest – entsetzliches Heft, Unterg­angsliteratur des Abend­landes – andrehen wollte. Oder einer dieser Asylanten, der vielleicht um eine Arbeit als Abbrenner und Anstreicher bettelte.

„Ja, bitte, was wollen Sie?”, fragte er unhöflich. Sein Ge­genüber hob überrascht die Augenbrauen.

„Du erinnerst dich wirklich nicht mehr, Jan? Du hast mich vergessen?“, fragte der Fremde. „Weißt du nicht mehr, wie wir gestern mit dem Scheitan per­sönlich ge­kämpft haben? Du an meiner Seite und ich an deiner? Mit Dönerspieß und Degen als Waffen ge­gen den Karlnickel­könig? Du und ich? Kreuzritter und Gotteskrieger vereint gegen den Feind?”

Der Türke erkannte und nickte. „Tatsächlich, du hast es vergessen. Ömer Özgür bin ich, dein guter Freund. Schließ­lich hast du mir deinen Schlüssel ge­geben.” Dieses Argu­ment zog. Rabenhorn erkannte seinen eigenen Schlüssel­bund mit dem kleinen Plas­tik-Reich-Ranicki in der Hand des anderen. Kurzent­schlossen schob Ömer den verdutzten Lektor beiseite und trat ein.

„Ich habe schnell Brötchen geholt”, bemerkte er und hob seine Tüte. „Kämpfer brauchen ein gutes Früh­stück. Wenn der Magen gefüllt ist, ist die Schwert­hand stark.”

Aus seinem übervollen Orientalenherzen rieselten jetzt die Worte wie der Sand der Wüste oder der Schnee im Winter Ostanatoliens.

„Rabenhorn, mein Freund, Kämpfer, krass, wie wir ihn in die Flucht geschlagen haben, diese Ausgeburt der Höl­le. Wir beide und der große Hund! Aber dann stürzten sich von allen Seiten – aus allen Kanal­öffnungen – die ent­setzlichen Karlnickel auf uns. Wie eine Tsunamiwelle wa­ren sie und wir standen wie Felsen in der tödlichen Brandung. Aber dann bist du gestolpert und etwas traf dich am Kopf. Weiß nicht, was es war.”

Ömer zögerte und überlegte, ob er dem Lektor er­zählen sollte, dass er ihn im Eifer der Schlacht aus Versehen mit seinem Dönerspieß ins Reich der Träu­me verfrachtet hat­te. Es entschloss sich, dieses kleine Detail auszulassen.

„Egal, was es war. Du verlorst das Bewusstsein. Wir mussten uns zurückziehen! Ich warf dich über den Hund und wir flohen vor den anstürmenden Geg­nern. Gerade eben noch fanden wir den letzten freien Kanaldeckel. Aber jetzt ist nur die Schlacht verloren, noch nicht der Krieg! Wir brauchten eine kleine Ver­schnaufpause, dann machen wir weiter. Deshalb brachten Karl-Heinz und ich dich in deine Wohnung, Jan.“

„Wie haben Sie sie denn gefunden?“ Der Albtraum setz­te sich anscheinend fort.

„Aber mein Freund, dich kennt doch jeder hier in Brom­berg. Ich musste nur fragen und schon redeten die Leute. ‘Meinen Sie vielleicht Herrn Rabenhorn, den Gelehrten?’ oder ‘Ach, der Herr Professor Ra­benhorn, ja, der wohnt am Lärchengrund.’ Also kein Problem, deine Wohnung zu fin­den, lieber Freund. Dein Bett ist sehr weich.“

Rabenhorn wuchs um fünf Zentimeter. Er wusste, dass er angesehen und geachtet war. Doch dieser Be­weis sei­ner stadtweiten Dominanz als Kulturmensch kam überra­schend, tat seiner verletzlichen Künstler­seele jedoch gut.

„Aber was ist mit Marie-Theres Kienbauer? Die Frau mit dem Stern. Du weißt schon. Und was ist mit Frieder­busch?” Und, nach einem Zögern:

„Und wo ist der Karldinalsrumpelstilz? Mein … Vor­fahr?“

Ömer lachte verschmitzt. „Wenn wir gefrühstückt ha­ben, klärt sich alles auf. Karl-Nickel erwartet uns unten im Ka­nal. Er wird dir alles erzählen, was du im Fieber­rausch ver­gessen hast.”

Rabenhorn packte ihn bei den Schultern. „Sprich, was ist mit Marie-Theres?“

Ömer zuckte zusammen. „Der Böse, der Karlnickel­könig, Fürst von Hölle, nahm sie mit, hinab ins Inne­re der Erde, wo die Feuer brennen, an die Wurzeln des großen Pinkel­baums, von denen er sich und eine abscheuliche Brut er­nährt. Heute Nacht muss es sich entscheiden!“

Rabenhorn wankte. Sollten alle Kämpfe, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, vergebens gewesen sein? Alle Angst, alle Anstrengung, die Wunden an Seele und Körper, alles umsonst? Aber just an diesen Punkt seiner Verzweif­lung regte sich das Blut seiner Vorfahren in ihm: Niemals! Und wenn er dem Scheusal bis in die städtische Kloake fol­gen müsste, er würde Marie-Theres retten.

„Los Ömer, wir müssen sie befreien. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“ Und mit einer Kaltschnäuzig­keit, die er sich selber niemals zugetraut hätte, lief er ins Bad, packte den völlig verdutzten und tranigen Karl-Heinz-Hund bei den Ohren und schleifte ihn zur Tür hinaus.

„Ömer, auf geht’s! Auf in den Kampf! Wir retten das ehr­bare Weib aus den Fängen des Untiers!“ Der Dönerbu­denbesitzer schleuderte die Tüte mit dem Backwerk zur Seite.

Das ist mein Held! Hurra! So wollen wir Mord ru­fen und des Krieges Hund‘ entfesseln!“ Und mit die­sem thea­tralischen Aufruf (Julius Cäsar, 3. Akt, 1. Sze­ne) zogen sie von dannen, öffneten den nächstgelege­nen Kanaldeckel und verschwanden gemeinsam in der Unterwelt.

Jan Philipp Rabenhorn hatte erwartet, dass die Ka­näle sei­ner Heimatstadt eine feuchtklammer-rut­schigheunsche An­gelegenheit waren, erbärmlich fies nach allerlei in die­sem Weihnachtsmärchen Unaus­sprechlichem stanken und zap­pen-zappeldunkel wa­ren, aber das genaue Ge­genteil war der Fall: Überall leuchtete es grün und gülden funkelnd von den spe­ckigen, wie aus Lebkuchen geform­ten Wänden und es lag ein ap­petitlicher Geruch nach Weihnachtsstol­len und allerlei anderem würzigen Back­werk in der warmen Luft.

Der Lektor rieb sich die Augen, doch die Sinnesein­drücke veränderten sich nicht: Dies waren keine düs­teren Abwäs­ser, in denen zwischen Herabgespültem aus zehn­tausend Toiletten eklige große Ratten schwammen, nein, hier unten sprudelten zwischen glitzernden Schneehäufen glühwein­rote, nach Zimt und Tannennadel riechende Wasserläufe durch die Gänge, munter singende Bächlein, in denen sich fröhlich Lametta-Sprotten, Nikolausbarsche, Engels­haarrochen und Weihnachtskugelfische tummel­ten. Rabenhorn fragte sich nur kurz, woher er die Namen dieser Tiere kannte, die sich ja in keinem ichthyologi­schen Fachbuch fanden – schließlich hatte er das eine oder ande­re lektoriert – aber er hatte sich ja vorge­nommen, sich über nichts mehr zu wundern. Trotz­dem sah er sich stau­nend um. Die Un­terwelt von Bromberg an der Fiesel war eine geschmacklo­se Weihnachtswunderwelt, ein unterir­disches Rothen­burg ob der Tauber.

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, aber: Er war da­heim. Die städtische Unterwelt mit ihren weihnacht­lichen Kanä­len, Ort sei­ner Aufzucht und der ersten Trottversuche, war ihm vertraut, er er­schnüffelte die Neuigkeiten von den Wänden und roch überall Duftmarken, die ihm nicht gefie­len. Sein kurzes Nackenhaar sträubte sich unter sei­ner Weih­nachtsmütze. Von hier aus hatte ihn sein Meis­ter, der alte Karlnalrumpel­stilz auf die Mission ge­schickt, den Ururururure­nkel zu finden, den letzten des stolzen Stammes der Ceratias-Corvii, der gehörnten Ra­ben, die­sen Einen, in dessen Händen allein die Macht lag, den großen Pinkel­baum vor dem Karlnickelkönig zu be­wahren.

Und wie geschickt hatte der alte Weihnachtsköter doch seinen Auftrag ausgeführt, ganz wie in den al­ten aufre­genden Tagen, als er noch für die Besche­rung der Stra­ßenköter unter eben jenem magischen Pinkelbaum sorgte, auf des­sen mächtigen Wurzeln die Altstadt von Bromberg errich­tet war. Sich Raben­horn direkt zu nähern war ihm nicht möglich gewe­sen, da dieser ja Hunde fürchtete, also hatte Karl-Heinz sich erst einmal vor die Haustür des mittelmäß­igen Autors Egon M. Friederbusch gelegt und dort gedul­dig ausgeharrt, bis dieser auf dem vor Liebe blinden Weg zu Marie-Theres Kienbauer buch­stäblich über ihn stürzte. Karl-Heinz hatte die senti­mentalen Bücher des Schriftstel­lers über den tierlie­ben Zauberlehrling Edwin Edgard gele­sen und seinen Autor richtig eingeschätzt. Er musste nur noch ein wenig mitleiderregend jaulen, mit treu-traurigen Hundeaugen nach oben blicken, zögernd einen Hin­terlauf nachziehen und hatte gewonnen: Friederb­usch adoptierte ihn auf der Stelle.

Der Rest war einfach. In jeder stillen Adventsnacht, in der Friederbusch daheim schlief und nicht am Schicht­kohl und seiner Marie-Theres naschte, dik­tierte Karl-Heinz nun dem friedlich schlummernden Autor die Ge­schichte vom “Weihnachtshund” und dieser schrieb sie morgens eilig auf, bevor er den spannenden Handlungs­faden wieder ver­gaß, glücks­elig über die Muse, die ihn in seinen Träumen so reichlich mit Einfällen beschert hatte; ohne dass ihm be­wusst wurde, wem er die Einflüsterun­gen wirklich ver­dankte. Er wunderte sich nur jeden Mor­gen über sein nas­ses, vollgeschlabbertes rechtes Ohr.

Der Plan des alten Weihnachtshundes ging auf. Der nai­ve Friederbusch sandte sein Manuskript an den Kienbau­er-Verlag und nahm seinen Hund tatsäch­lich mit zu Ra­benhorn, gemeinsam Überzeugungsar­beit zu leisten. Wo­mit Karl-Heinz allerdings nicht ge­rechnet hatte, war der zwei­felhafte Geisteszustand des Lektors, der sich im Fie­berwahn vom Schreib­tisch wie Tarzan auf seine Jane stürzte und grunzend mit der Kienbauer abgezogen war. Aber das war ja alles gut ausgegangen und er hatte Ra­benhorn dort, wo er sein sollte, in der Kanalisation von Bromberg, wo das Karlnickelungeheuer hauste. Jetzt musste nur noch der Meister gefunden werden!

An einer Biegung teilten sich die Kanäle. Verwirrt stopp­te Karl-Heinz und ließ es geduldig über sich er­gehen, dass Rabenhorn und Ömer Özgür, die er bis­her an seiner Leine hinter sich hergezogen hatte, ge­gen sein Hinterteil rannten. Das waren ihm ja zwei schöne Helden! Ob der Meister da nicht einen Fehler begangen hatte? Ihre gestri­gen Taten waren schon einmal ein vollkommener Reinfall gewesen und hat­ten die Lage nur noch verschlimmert, wenn er an die arme Marie-Theres dachte, die sich nun in den Fän­gen des Monsterkönigs befand … Karl-Heinz schüt­telte das Haupt und schleuderte ein paar Speichelfä­den zur Seite. Jetzt nur nicht ablenken lassen! Er lauschte in die sich ver­zweigenden Gänge und ver­nahm tatsäch­lich aus dem Rechten einen fernen, jam­mernde I-Ah-Ge­sang, der ihm sehr vertraut war:

„Voll fett der Dreck, eh.
Das steckt keiner weg, yeah.
Da hilft kein Doney-Gin, he.
Bald sind wir alle hin – oh, jeh!”

Karl-Heinz stürmte aufgeregt hechelnd los, zog und zerr­te – fast vermochten Rabenhorn und Ömer Öz­gür, die sich erneut an seiner Leine festklammerten, nicht zu fol­gen – und schnüffelte durch die farben­frohe, von Kerzen­leuchtern und Fackeln erhellte Welt. Bald fand er einen Schnal­lenschuh seines Herrn. Und er war nicht leer.

In ihm steckte ein noch immer weißbestrumpfter, aber blutiger Fuß des Karlnalrumpelstilzchens. Hatte es mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde gestoßen, dass es bis an den Leib hineinfuhr und dann in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Hän­den gepackt und sich selbst mit­ten entzwei gerissen? Ömer nahm den Schuh vorsichtig an zwei abge­spreizten Fingern aus dem Schnee.
„Da war wohl jemand schneller als wir. Hinfort, du schnö­der Gallert.” bemerkte er und schleuderte den blutigen Schuh samt übelkeiterregendem Inhalt zur Seite. Raben­horn sah anerkennend zu dem Türken. ‘King Lear‘, dachte er, ’1. Akt, 7. Szene. Hinfort ist ein schönes, ein feines, ein doppelsinniges Wort. Schade, dass die heutigen Autoren es kaum mehr kennen.’ In diesem Moment wurden seine Ge­danken von einem schmelzenden Gesang unterbro­chen, der ganz in der Nähe erklang:

„Ach, Bro, nun ist’s vorbei,
mit der Christmas-Feierei.
Bald ist der big old Tree gefällt,
der Bromberg on the Top erhält.”

Die rote Mütze fiel Karl-Heinz vom Kopf, er sprang nach vorn, und die Nüsse in seinem Sack schaukel­ten mächtig. Rabenhorn, noch immer mit dem Weih­nachtshund durch die Leine verbunden, flog hinter­her. Ömer folgte den bei­den langsamer und sah sich vorsichtig um. Hinter den bei­den trat er aus dem en­gen Gang in eine hohe und gro­ße Halle, sie war so gigantisch, dass der Dönerbudenbe­sitzer ihr hinteres Ende nicht ausmachen konnte. Es ent­zog sich ihm durch einen dichten Nebel, der zwischen den Scheehü­geln waberte. Ömer kannte diese von mäch­tigen Fackeln erleuchtete Höhle, erst gestern hatte er hier gemeinsam mit Rabenhorn und dem Karlnal­rumpelstilz verzweifelt gegen die heranstürmenden Karlnickel-Hor­den gekämpft und ge­rade noch durch einen anderen Gang fliehen können, Ma­rie-Theres und den alten Meister dabei im Stich lassend! Ir­gendwo hier musste auch seine Waffe liegen, der Dö­nerbratspieß, mit dem er den Lektor aus Versehen bewusstlos geschlagen hatte.

Rabenhorn und Karl-Heinz waren inzwischen bei ihrem Ziel angelangt: Sie fanden Carlos Niccolo Diego Pedro La­mentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo, auch Karl-Nickel, der Karlnalrumpelstilz genannt, den Ururururur-Ahn des Lek­tors, mit dem Oberkörper gegen einen mächtigen grauen Esel gelehnt, der jäm­merlich weinte und i-ahte. Er blutete am gesamten, nicht mehr ganz vollständigen Kör­per und lag im Sterben. Doch als er Rabenhorn bemerkte, der sich zu ihm herabbeugte, kam noch einmal Leben in den einst so mächtigen Herrn der Bromberger Unterwelt. Er hob den einen Arm, der ihm noch verblieben war und winkte sei­nen Nachfahren zu sich heran.

„Nun bist du doch wieder gekommen”, flüsterte er mit brechender Stimme. Er versuchte, sich ein wenig aufzu­richten, was ihm nur gelang, weil der Esel sein Gewicht etwas zur Seite verlagerte. „Jan, du musst beenden, was ich in meinem Leichtsinn begonnen habe. Es ist der Fluch der Söhne, die Sünden ihrer Väter zu büßen. Die Vorfah­ren aßen die Trauben, aber den Nachkommen werden die Zähne stumpf. Ich sehe er­freut, du bist heute klar bei Verstand. Drum höre…” Karl-Nickel hustete und kleine Blutbläs­chen bilde­ten sich an seinen Mundwinkeln. Aber noch hatte er die Kraft, fortzufahren:

„Vor gut 800 Jahren, als hier inmitten des Karlnuten-Wal­des auf dem Bromberger Hügel nur ein einziger gewalti­ger Tannenbaum stand, der alle anderen überragte und zwi­schen dessen Wurzelwerk sich die große Höhle gebil­det hat, in der wir uns jetzt befin­den, erprobte ich in mei­nem Wahn meine alchemisti­schen und chymischen Er­kenntnisse, experimentierte mit dem geheimnisvollen Saft El Ixier, der aus dem Lapis philosophorum gewonnen wird. Doch statt Gold formten sich in meinen Leidener Flaschen zufäl­lig die Karlnickel, gefährliche, kleine Bestien, die sich von den Wurzeln des Baumes nährten und ab und an auch mal einen vorbeikommenden Bauern oder Wanders­mann fra­ßen. Später dann, als über uns die Stadt Brom­berg ent­stand, wollte ich meinen Fehler gutmachen und erweckte zur Abwehr der Karlnickel und zum Schut­ze der Men­schen allhier meine Weih­nachtshunde und manchmal auch einen Christmas­donkey…” Das Grautier hinter dem Karlnalrumpels­tilz zitterte und seufzte auf.

„Ruhig, Sam, ruhig… Chill mal, Alter, ich hab’ hier was klarzuchecken. Don’t cry for me”, er tätschelte be­ruhigend den dicken Bauch, auf dem er lag, „im A… von Tina, heh­ehe. Egal.” Er wand sich wieder an Ra­benhorn, der ihm atemlos lauschte.

„Viele Jahre ging alles gut. Weihnachtshunde und Karl­nickel hielten einander die Waage und der Baum – der große Pinkelbaum der Straßenköter von Brom­berg – blieb kräftig und gesund. Doch dann kam das Unglück: Meine Hunde wurden alt und zahnlos und die Karlnickel ver­mehrten sich, sammelten sich, ver­knoteten sich, umwim­melten, ver­bissen und verban­den sich und wurden zum großen Karl­nickelkönig, der dort hinten im Nebel haust und an den Wurzeln des Baumes frisst. Der Baum ist krank, Raben­horn! Er stirbt. Nur noch wenige seiner Wur­zeln halten das Dach dieser Halle und wenn der Karlni­ckelkönig die letz­ten durchnagt hat, dann stürzt uns hier der Him­mel ein. Verstehst du? Bromberg wäre dann nur noch ein großes, tiefes Loch, aus dem sich der König der Karlnickel erheben wird, zu knechten die Men­schen und das Land. Und das am heiligen Abend! Das geht doch nicht.”

Der alte Alchimist und Druide packte seinen Nach­fahren an der Schulter. Feuer stach aus seinen Augen und brann­te sich in Rabenhorns Seele. Ihm war, als würde er in der Stimme Karl-Nickels alle seine Vor­fahren mitrufen hören.

„Ich bin besiegt, in der gestrigen Schlacht geschla­gen. Aber du hast die Macht, den Karlnickelkönig aufzuhalten! Nimm mein Schwert, das ich beim Schmieden in El Ixier tauchte, es hat die Macht, das Karlnickelungeheuer zu zer­schlagen. Das ist deine Aufgabe, deshalb bist du hier!” Der Kopf des Meis­ters sank erschöpft auf seine blutige Schulter.

„Aber…”, stotterte der Lektor. Noch einmal sah das Karl­nalrumpelstilz auf. Er war unendlich müde, das war ihm anzuhören.

„Aber ist ein Wort, das ein Rabenhorn nicht kennen soll­te. Nimm das Schwert, zerschlage die Karlnickel und rette die Frau, die du in den Kanal gebracht hast, bevor der Mons­terkönig sie unter dem großen Pinkelbaum frisst. Du bist unsere letzte Hoffnung!”

Karl-Nickel atmete langsam aus und seine Augen schlos­sen sich. Karl-Heinz, der Weihnachtshund, heulte auf. Sin­gin’ Sam sang:

Goodby, Nickel, schön war die Zeit.
Goodby, Nickel, sei nun bereit.
Du steigst in den Himmel,
der Weg ist so weit …

Rabenhorn erhob sich. Seine Augen suchten das magi­sche Schwert. Es lag nur wenige Schritte ent­fernt im Schnee, warte geduldig auf den Ritter, der es zu führen wusste. Dort stand auch schon Ömer bereit, sein edler Knappe, den Dönerspieß in der Hand. Eine Träne glitt über seine Wan­ge.

Biz gitmek“, sagte der Türke, „lass uns gehen…” Raben­horn nickte. Der Würfel war gefallen.

„Ja. Hinfort die Zweifel. Nicht mehr das Wort, die Taten zählen. Retten wir Marie-Theres, den Großen Pinkelbaum und Bromberg … und die ganze Welt!”

 

[Hier findet sich das Ende der gar schröcklichen Geschichte …]

Ein Kommentar

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil 2

 

Rabenhorn war gerade einge­nickt, da klopfte es kurz und bestimmt an der Tür. Als sie sich öff­nete, glaubte der Lektor zu träumen:

Seine Mundwinkel klappten nach unten – nicht vor Er­staunen, eher schon aus purem Entsetzen. Durch die Tür schob sich ein riesiger, schwarzer und zotte­liger Hund. Falsch, das war kein Hund mehr: Das war ein Kalb, ein Bär, ein Minotaurus, ein Oger!

Eine Woge muffigen Gestanks nach nassem, unge­pflegtem Fell schlug dem Lektor entgegen, der sich keine ande­re Hilfe wusste, als eiligst auf seinen Schreibtisch zu stei­gen. Rabenhorn hatte Angst vor großen bösen Hunden, und dieser hier war bestimmt der größte und böseste Hund, dem er jemals so nahe gekommen war. Da half es auch nicht, dass das Tier eine Nikolausmütze trug und ei­nen grün-rot gestreif­ten Schal. Der Hund jedenfalls trotte­te nä­her, legte seine riesige Hundeschnauze auf den Tisch, sah treu­herzig nach oben zu dem panischen Lektor und sab­berte genussvoll dessen Tischkalender voll.

„FRÄULEIN WIESENGARD!“, schrie Rabenhorn nach sei­ner Vorzimmerdame. „FRÄULEIN WIESEN­GARD! Hier steht ein gar schrecklicher Hund! Meine Liebe, Sie haben einen Hund in mein Büro gelassen! Bringen Sie das bitte sofort in Ordnung.“

„Wuff“, machte der Hund.

Fräulein Wiesengard jedoch antwortete nicht. Wahr­scheinlich hatte das gigantische Vieh Fräulein Wiesengard zuerst gefressen, bevor er hereinkam. Ob das Monstrum jetzt wohl satt war? Rabenhorn sah sich vorsichtig um. Vom Schreibtisch auf die Fensterbank und aus demselben in die Tiefe sprin­gen? Das war im 8. Stock keine schlaue Idee. Telefo­nieren? Das konnte vielleicht diesen Mörder­hund reizen. Ihn mit Friederbuschs fettem Manuskript in die Flucht schlagen? Das wäre mutig, aber Raben­horn war nicht mutig, keinesfalls schon lebensmüde, aber der Ge­danke hatte etwas. In diesem Augenblick öffnete sich wie­der die Tür. Der leibhaftige Egon M. Friederbusch stand im Rahmen und lachte sich schief.

„Komm, Karl-Heinz, sei lieb“, rief er endlich, „der Onkel will nicht mit dir spielen. Karl-Heinz!“ Er klopfte auffor­dernd auf seine Oberschenkel, doch der Hund ignorierte ihn völlig. Friederbusch zuckte bedauernd mit den Schul­tern.

„Schlecht erzogen, tut mir leid. Er ist mir zugelau­fen.“

Rabenhorn sah von oben auf den Schriftsteller, dann auf den Hund. Langsam wich die Panik. Er wäre jetzt gerne von seinem Schreibtisch herunterge­stiegen, denn er spür­te, dass er sich lächerlich mach­te. Aber ein kurzer Blick­kontakt mit dem Monstrum ließ ihn oben verharren.

„Das ist Ihr Hund, HERR Friederbusch? Ja, sind Sie denn völlig wahnsinnig geworden?“, forderte er kei­ne Ant­wort, sondern Trost; dabei bemüht er sich, lei­se und ruhig zu sprechen, damit der Hund bloß nicht nervös wurde. „Den Esel haben Sie hoffentlich nicht dabei“, fügte er noch mit Galgenhumor hinzu.

„Das nicht, aber etwas viel Besseres …“, erwiderte der Autor.

Die Überraschung war gelungen, auch wenn dem Lektor plötzlich der singende Esel doch lieber gewe­sen wäre: Her­ein schwebte ein strahlender Engel mit einer Tupper­schüssel in der Hand, eine Schneeköni­gin, blond, blauäu­gig blin­zelnd, mit grell geschmink­ten Lippen und nur mit einem langen Nerz, der in der Farbe des Winters schim­merte, be­kleidet: Marie-Theres Kienbauer, wie der Herr oder ein Chirurg sie in einer Schapslaune erschaffen. Sie wirkte auf Ra­benhorn, als käme sie frisch von einer Schönheits-OP und sie schwebte tatsächlich wie ein mit Helium ge­füllter Ballon einige Handbreit über dem Bo­den! Ra­benhorns Kinnlade klappte nach unten, fast wäre er von seinem Schreibtisch gefallen, auf dem er immer noch als die Un­würde in Person hockte.

Die Schneefrau Marie-Theres, Hetäre dieses Schaf­scheiß dichtenden Dichters und gestrenge Chefin, schwebte nicht einem Flöckchen gleich zu Boden, nein, Schwerkraft spielte für sie keine Rolle. Gerade­zu mühelos flog sie jetzt zur De­cke empor und nahm Platz auf der Hängelampe. Dort ent­nahm sie ihrer Tupperdose, die sie mit einem schmatzen­den Ge­räusch öffnete, ein Spruchband, entroll­te es und ließ es von der Decke flattern. Güldene Lettern in Leipzi­ger Fraktur:

Einladung zu meiner Weihnachtsparty mit Schichtkohl, an­schließend menage a trois!

Solche Feinheiten wie den Schriftfont nahm des Lektors geschultes Auge noch wahr, bevor er vom Schreibtisch auf den Sisalteppich stürzte, mit all sei­nen verbliebenen Kräf­ten darum rang, gleich und auf der Stelle ohnmächtig zu werden, aber von Karl-Heinzens feucht-sorgender Zunge und seinem wi­derlichen Mundgeruch daran ge­hindert wurde. Der Monsterhund schleckte ihn hartnä­ckig wieder zu­rück ins Bewusstsein, dem er so verzwei­felt entkom­men wollte.

„Ja, ja, mein Lieber!” Egon M. Friederbusch grinste sar­donisch. „Sie stecken jetzt wohl mitten in einem, will sa­gen: meinem Weihnachtsmärchen. Kommen Sie, genießen Sie das Wunder! Der Höhepunkt war­tet auf uns.”

Und aus weiter Ferne sang dazu ein besoffener Esel:

„Wenn zur Weihnacht die rote Sonne im Meer versinkt,
und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt,
dir ‘n geiler Donkey vom Ufer zum Abschied winkt …“

Dann geriet alles ein wenig durcheinander: Menage a deux! Marie-Theres kam über ihn, und sie wurden ge­schichtet wie Kohl, im Fass gärte ihr Saft zu saftig Weini­gem. Und während sie Karl-Heinzens Zunge englisch brie­ten, im Rosenrot seines Inneren lustvoll schwelgten, klang von draußen das Jingle Bells, das wie das Glocken­geläut ei­ner großen Nikolausver­schwörung über ihre Lei­ber hin­weg fegte. Und dunstvoll roch ihr Gebäck nach Zimt. ge­paart mit dem rosmarinmus der holden mariethe­res. es ge­ronn zu lustvollen. gaumenfreuden. des Riesen­hundes rau­es bellen verhaucht. in der Kehle des Genie­ßers. sein schwanzwedeln. es würzt die suppe der begehrl­ichkeit. zack. sein fell. zack. getrocknet und gepul­vert. zack. lindert husten und schleim. doch wenn er kommt. zackzack-oh. lindert er ihre dürre. ah. und wasser füllt die abendmahl­schale mit wein der frühe der nacht erwacht lacht sacht …

Rabenhorn applaudierte: Was für ein Text! Endlich ge­hobene, erhabene Literatur! Das war moderne Dichtung!

…hallelujatanztenengelgleichchimärenausplatzendenringen. Um die Welt.

Zack!

Hart schlug Rabenhorns Kopf auf dem unnachgie­bigen Sisalboden seines Büros auf.

Gleichzeitig und genau in dem Augenblick, in wel­chem Rabenhorn vor den erstaunten Augen von Egon M. Frie­derbusch und der Verlegerin Marie-Theres Kienbauer mit brünstigen Fieberphantasien von seinem Schreibtisch her­nieder und gen Hölle des Sisalbodens stürzte …

Während sich ihm die Zeit dehnte und er in einem Weih­nachtsrausch befangen, der jedoch nur ein Schwä­cheanfall aufgrund eines überraschenden mit Macht zu Tage treten­den grippalen Infektes war, verursacht durch den Schock, den der Hund in ihm ausgelöst …

Während er von einer Himmelsleiter der Glücks­eligkeit ins Antlitz der Herrn blickte, welcher ihm mit seiner gro­ßen, weichen und feuchten Zunge lie­bevoll ableckte – es war natürlich Karl-Heinz, wel­cher solches tat – und ihm da­bei war, als würde eine getragene Stimme nur für ihn mo­derne Dichtung vortragen, eben da …

… nahm am anderen Ende der Stadt, jenseits des Flus­ses, dort, wo der soziale Woh­nungsbau scheußlich bittre Sumpfblüten wachsen ließ und nur Le­bensmüde und Triebtäter sich des Nachts aus den Häusern trauten, ein Ereig­nis seinen Lauf, das, obgleich sich daran Personen beteilig­ten, die Rabenhorn vollkommen unbekannt waren, später auf das Leben des Lektors einen bedeuten­den, um nicht zu sagen, den bedeu­tendsten Ein­fluss gewann:

Es öffnete sich mitten auf dem Bürgersteig vor einer schmud­deligen und traurigen Döner-Bude knirschend ein Kanaldeckel, klappte dann langsam in die Senkrechte, um anschließend von der Wucht der Schwerkraft gezogen scheppernd auf den Beton zu klatschen. Anschließend stieg ein Mann aus dem rauchen­den und stinkenden Un­tergrund, sich nicht im Geringsten an den Blicken der Fußgänger störend, die einen weiten Bogen um ihn mach­ten. Neugierig sah er sich um und schnüffelte, das Ge­sicht zu einer angewiderten, empörten Grimasse verziehend, in die Luft.

Ömer Özgür, schnauzbärtiger Ostanatolier und stolzer Besit­zer des Bosporus-Imbiss‘, träumte sich gerade frös­telnd aus sei­nem Straßenverkaufsfenster in ein Restau­rant am Strand des sonnen- und wärmeüberfluteten Bo­drum, als sich der Mann aus dem Untergrund wie der leibhaftige Scheitan vor ihm auf­richtete. Ömer war zwar einige seltsame Aufzüge gewöhnt, schließlich wohnten ei­nige seiner besten Kunden in der nächs­ten Straße im Männerasyl, aber solch einen Menschen hatte er noch nie gese­hen.

Der Fremde sah aus, wie sich der theaterbegeisterte Tür­ke den shakespeareschen Macbeth vorstellte: Ein großer, hagerer, dabei kräftiger, in Gliedern und Muskeln stark gebauter Mann – scheinbar in den Fünfzigern. Sein Ge­sicht mochte einmal gut­aussehend gewesen sein, denn noch funkelten die großen Augen unter den schwarzen, buschigen Augenbrauen mit jugendli­chem Feuer hervor. Jedoch seine Kleidung, Mantel, Barett, ge­kräuselter Kra­gen, kurze, aufgeplusterte Hosen, darunter ein dunkelgrün­er Strumpf – hing da nicht etwa auch ein schmaler Degen an seiner Seite? – schienen aus einem an­deren Jahrhun­dert zu stammen. Erstaunlicherweise hatte die seltsame Klei­dung jedoch nicht unter dem Abwasser­kanal gelitten, dem der Mann eben entsprungen war, son­dern war farbenfroh und sau­ber; ein Kunststück, das Ömer durchaus zu schätzen wusste.

„Bin ich hier richtig im bildhübschen Bromberg an der Fiesel, der edlen Fürstenstadt mit ihren wohlgenährten Pfeffersäcken und deren liebreizenden Töchtern? Sprich, Muselmann!”, de­klamierte der Fremde zu Ömer mit schö­ner, gleichwohl schon lange nicht mehr geübt klingender Bassstimme. Und Ömer konnte nur nicken. Solch eine Sprache kannte er von der Büh­ne, nicht aus dem Leben, in dem jeder Deutsche mit ihm so sprach, als sei er dämlich und wäre bereits von einem Konditio­nalsatz überfordert. Wollte der Fremde sich lustig machen und ihn beleidigen oder meinte er sein geschwollenes Geschwätz Ernst?

„Dann, oh Sohn des Propheten, sage mir: Wo kann ich den ed­len Herrn Johann Emanuel Kienbauer finden, der allhier ein an­gesehen Buchgeschäft führt? Sieh, Abge­sandter der Pforte, ich war einige Jahre nicht mehr im Lande und will einem Freund die Hände reichen”, fuhr der Fremde fort und lächelte hinter­sinnig. Ömer hingegen staunte und schwieg, während er für sich die Sätze des Unbekannten in verständliches Deutsch übersetzte. „Aber verzeihe mir meine Ungeduld, rechtgläubiger Herr der Töpfe und Fleischspieße, deren sottene Wohlgerüche gar lecker­lich in meine Nase stechen, der ich einige Jahrhun­derte auf solch feine Genüsse verzichten musste. Ich ver­gaß, meine Wenigkeit vorzustellen.”

Er machte eine dramatische Pause und verneigte sich tief.

„Ich bin Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo“, und der Fremde in den Pluderhosen schlug sich mit Macht auf die Brust, voll­führte dann plötzlich einige seltsame Koboldsprünge, schrumpfte dabei ein wenig und bekam einen Buckel, „aber du darfst mich Karldinal-Rum­pelstilz nen­nen, ich bin’s, der Echte Karl-Nickel! Der Karlni­ckelaus! Du hast sicherlich von mir gehört. Mein Ruf eilt mir voraus. Aber eigentlich, Sohn des Orients, ist Karl-Nickel nicht nur mein Name, sondern auch meine Berufung. Ha! Seit Jahr­hunderten schon züchte ich in den Abwässern dieser schö­nen Stadt Karlni­ckel, eure Abwässer erlauben ihnen näm­lich ein be­sonders langes Leben. Verstehst du?”

„Klar doch, schon krass!” Ömer verstand … Bahnhof. Aber Ir­ren sollte man immer recht geben.

„Das musst du auch, denn wir sind uns gar nicht so fremd. Du betreibst dein Geschäft und ich das meine, mein Freund. Nun höre er mir einfach mal zu:”
Er klatschte im Rhythmus in die Hände.

„Heute koch ich, morgen brau ich und übermorgen ma­che ich der Kienbauer ein Karlnickel! Kommt dir das nicht türkisch vor?”Der Rumpelstilz brach in schallendes Ge­lächter aus! Ömer Özgür konnte nur nicken, obwohl er ei­gentlich den Kopf schüt­teln wollte. Er griff unauffällig nach seinem Schabefleisch­schaber.

„Jedoch”, erneut zwei Sprünge, der Degen schlug Fun­ken auf der Straße; das war furchteinflößend, „vor fünf­hundert Jahren wurde mir langweilig, ewig nur Karlni­ckel zu produzieren. Das sind auch ganz gefährliche Zeitgenossen! Diese kleinen Biester, diese! Mit denen will ich nichts mehr zu tun haben! Wusel, wu­sel, fress, fress, ah! Schrecklich. Folglich verlegte ich mich auf die Auf­zucht von … Trommelwirbel! Je nun, von Weihnachts­hunden. Tada! Und was soll ich dir sagen, mein Freund vom Bospo­rus, nach unerheblichen Anfangsschwierigkeit­en – einige Nach­geburten entwickelten ein Eigenleben und mutierten zu singen­den Schmuseeseln – glückten mir die bes­ten, die langlebigsten und die treuesten Weih­nachtshunde, die unsere Welt je gesehen. Ich bin wahrhaft stolz auf sie, und jeder von ihnen trägt auch meinen Na­men: Karl-Ludwig, Karl-Fried­rich, Karl-Marx und Karl-Heinz. Letzterer jedoch ist nun in eurem lieblichen Brom­berg in geheimer Mission für mich un­terwegs. Ganz ge­heim! Es ist wegen der Karlnickel. Pst! Des­halb, oh mein getreuer Musel­mann, musst du mir helfen.”

Er blickte zurück zu dem Loch, aus dem er eben gekro­chen war.

„Komm mit mir hinab. Allein bin ich zu schwach.”

 

„Und Marie-Theres kam über ihn, wurde geschichtet wie Kohl und im Fass gärte ihr Saft zu saftig Weinigem, während sie Karl Hein­zens Zunge englisch brieten: Hallelu­ja!…”

So hätte Friederbusch schreiben müssen, so wird zeitge­mäß gedichtet! Ich sage nur einen Namen und den mit der nötigen Ehrfurcht: Durs Grünbein! Ha! Selbst in den Gedanken seiner Ohnmacht erfüllte Ra­benhorn noch seinen Job. Durs und nicht anders, und Friedi wäre ein Gro­ßer. Mit einem Weih­nachtshund jedoch, mit Singing Sam, diesem ab­sonderlichen Schmu­seesel und mit gefährlichen Karl­nickeln aus dem Ab­grund wird dieser Schreiber­ling zugrunde gehen … und eigentlich: In Bezug auf sein schamloses Verhalten hier im Büro war das so­gar wün­schenswert!

Rabenhorn erschrak, erwachte fast aus den bunten Bil­dern seiner Phantasmen. Moment, hatte er gerade von langlebigen Karlnickeln geträumt? Was war denn das für ein Unfug? Wie kam er denn darauf? Er kniff seine Augen fest zu. Aber das Fieber ließ ihn nicht los.

Und es ging ein Raunen durch die Straßen. Ein Flüstern durch die Gassen. ER war auferstanden aus den Einge­weiden der Stadt, suchte seinen Nachkommen, um zu ret­ten, was noch zu retten war. ER, der ER seit Jahrhunder­ten rumorte wie schwer­verdaulicher Schichtkohl. Karl-Ni­ckel, der Karldinal­großfürst, genannt Karldinalkaiser und im Volksmund Karl­nalrumpelstilz. Doch jetzt war ER da. Und der Karlnikolaus suchte, schnüffelte, fand. Er war mitten unter uns, mitten im Advent. Angekommen wie angekündigt in den Archiven der Stadt, wo die geheimge­haltene Weissagung hinter sieben Türen ängstlich verbor­gen gehal­ten wurde. ER, der Herr und UR-UR-UR-UR-und-so-weiter-und-so-weiter-und-so-fort-URAH­NE des Geschlechts derer von Ceratias-Corvus.

Und ein Schauern fegte durch die kalten Schluchten aus Schichtbeton und Schichtkohl, durch Nachtschichten und Tag­schichten, durch alle Schichten der schlichten Bevölke­rung.

Aber nur das feine, ahnungsdralle Gemüt des Lek­tors Jan Philipp Rabenhorn erfasste den Ernst der Gegenwart mit einem visionären Blick seines dritten Auges hinter sei­ner fieberigen Stirn: Karl-Nickel war adveniert und er plante etwas! Friederbusch hatte seine Aufgabe erfüllt, Verkünder und Vorbote zu­gleich, er war nur das hohle Gefäß, das der Rumpel­stilz zum Klingen gebracht. Der echte Karl-Heinz leckte ihm über die schweißnasse Stirn, aber das be­merkte er kaum. Rabenhorn sprang im Fieber­wahn auf. Er sah eine blinkende Kienbauer in ihrer halb­en Nacktheit vom Leuch­ter herabsinken.

„Marie-Theres, schnell weg von hier! Er kömmt über dich! Er wird dich nehmen, füllen, schichten wie Kohl. Karl-Ni­ckel, der inkarlnalische, der unter­gründige, er ist aufge­fahren aus den Katakomben. Nichts wie weg hier! Sonst bist du dran!”

Mit diesen Worten fasste er Marie-Theres Kienbau­er, die Herrin des Kienbauer-Imperiums, beim einge­bildeten Schweifstern und schleifte sie zur Tür hin­aus. Frieder­busch und sein Hund blickten ihnen fas­sungslos nach.

 

[Hier geht die unfassbar spannende Geschichte weiter …]

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil 1

 

»Es war einmal ein uralter Weihnachtshund, der trottete müde, fast schon vor Schwäche torkelnd, auf dem win­terlichen Trottoir. Seine Flucht durch Nacht, Nebel und bit­teren Gestank hatte ihn bis an den Rand der völligen Erschöp­fung gebracht. Der Weih­nachtshund trug eine zer­schlissene rote Zipfelmütze. Sein Bart war silbern und eisig hart vom bitteren Frost. Auch stand sein kurzer Atem weiß in der klirrend kalten Win­terluft, denn der schwere Sack, den er sich umgebunden hat­te, war voll mit Nüssen und Hundeku­chen und drück­te auf Lun­ge und Rücken. Seine Pfoten schmerz­ten dar­über hinaus von dem Viehsalz, das allzu eifrige, der früh­morgendlichen Schnee­räumungspflicht bewusste Bür­ger auf’s Trottoir gestreut, damit niemand sich vor ihrer Haus­türe ein Bein oder gar Schlimmeres brach.

Ja, es war wahrhaft keine gute Zeit, diese Adventszeit, für ei­nen mit den vielen Jahren seines Lebens ergrauten Weihnachts­hund: Die Nase triefte; der Alte spürte die Grippe, sein Weih­nachtsbellen war rau, und verzweifelt versuchte er sich an die Verse von „Oh du fröliche …” zu erinnern.

Seine Weihnachtslaune war wahrhaft im Hundearsch, und die Pflicht, bei diesem Sauwetter zu bescheren, drück­te doch schwer auf auf seine einfache Hundeseele. Der Weihnachtshund dachte tatsächlich für einen kurzen Au­genblick: ‘Ach, wäre ich doch nur ein Osterhund! Wie viel schöner muss es wohl sein, auf einer grünen, von der war­men Frühlingssonne beschienen­en Wiese viele bunte Eier und auch mal einen Scho­ko-Hasen zu legen.’

Aber auf einmal, in seiner allertiefsten Depression, da hörte er ein glockenhelles Stimmchen: „Schau einmal, Mama, schau, da läuft doch glattauer ein echter Weih­nachtshund!“

„Oh ja”, antwortete die Mutter verzückt, „endlich mal ein Kö­ter, dessen Kacke auf dem Bürgersteig nur nach Tannennadeln und Lebkuchen duftet. Und schon denkt man doch gleich viel lie­ber ans Christkindl.”

Da aber wurde es dem alten Hund richtig warm ums Herz. War doch nicht alles so grau, wie es ihm seine far­benblinden Au­gen vorgegaukelt hatten? Gab es wirklich noch Hoffnung und Liebe in dieser tristen Welt, die ihm so aufs Gemüt drück­te? Ge­rade wollte er auf die freundli­chen Menschen zuwanken, ihnen mit seiner kalten, feuch­ten Schnauze die Knie reiben und sie mit seinen Nüssen erfreuen, als plötzlich …

Ein durchdringendes Sirren von eiskaltem Stahl zer­schnitt den Morgen, bohrte sich schmerzhaft in sein rech­tes, halbtaubes Ohr. Doch die Reflexe des Weihnachthun­des funktionierten noch im­mer: Trotz der erlittenen Stra­pazen, trotz des Alters, trotz der Kälte, trotz der Grippe! Gedankenschnell wich – ja, in winterli­cher, christlicher Wahrheit, so hieß unser Weihnachts­hund – ich sage, Karl-Heinz wich der Schlinge des fiesen Hun­desfängers mit ei­nem atemberaubenden Reflex aus, sprang los. Aber rutschten ihm die Hinterläufe weg! Er schlitterte über das Eis der nächst­besten gefrorenen Pfütze auf die freundliche Mutter und das lieb­liche Kind zu, landete mit Sack und Pack …«

Jan Philipp Rabenhorn senkte das Blatt, von dem er gele­sen hatte und legte es dann so eilig, als habe er sich die Finger daran verbrannt, zu den an­deren Seiten des mit sauberer, fast kindlicher Hand­schrift geschriebenen Sta­pels Papier. Er seufzte. Dann nahm er seine schmale Lese­brille ab und rieb sich mit der freien Hand über die Au­gen, ver­suchte vergebens mit festem Druck der Wirklich­keit ein an­ders Bild aufzupressen.

„Karl-Heinz, der Weihnachtshund …”, murmelte er fas­sungslos und zitierte damit den Titel des fetten Manu­skripts, das er zu bearbeiten hatte, „ein winter­liches Mär­chen.“

Rabenhorn drehte sich im ergonomisch geformten Sessel von seinem ausladenden Schreibtisch in Ma­hagoni-Imitat weg und sah aus dem Fenster seines Büros, in dem er im 8. Stockwerk des Kienbauer-Ver­lagshauses residierte. Al­lein schon die Höhe der Eta­ge unterstrich seine bedeuten­de Stellung als leiten­der Lektor und Verlagsdirektor. Über ihm, di­rekt unter dem Dach, befanden sich nur noch die Ta­gungsräume des Verwaltungsrats und die ausge­dehnte Zimmerflucht von Marie-Theres Kienbauer, der Witwe des großen Hubert Emanuel Kienbauer. Doch im Gegen­satz zu dem allzu früh verstorbenen und zumindest von Raben­horn auch viel beweinten Verblichenen leitete sie zwar die wirtschaftlichen Be­lange des Verlages, das litera­rische Pro­gramm über­ließ sie aber in aller Regel ihrem Cheflektor, denn sie fand die neue Bunte wesentlich aufre­gender als den neuen Kehlmann.

Während Rabenhorn in den amorphen, allzu düster grau­en Himmel starrte – amorph war übrigens eines seiner Lieb­lingswörter, fast so schön wie Socke oder Kakadu – da überleg­te er, was wohl der alte Kienbauer zu dieser Ge­schichte ge­sagt hätte, die heute der erfolg­reichste Au­tor des Verlages als lang erwartetes Meis­terwerk persön­lich bei der Vorzim­merdame von Ra­benhorn vorbeige­bracht hatte. Wahr­scheinlich hätte er den handgeschriebe­nen Text sofort im Ofen ver­brannt und seinen Autor, den großen Egon M. Frie­derbusch, gleich mit dazu.

„Karl-Heinz, der Weihnachtshund …”, wiederholte Ra­benhorn kopfschüttelnd, „ein Weihnachtsmärchen von Egon M. Friederbusch, dem Autor von Edwin Egart und die Last des Schweigens und Edwin Egart 2: In Alwins Zau­bergarten.

Egon M. Friederbusch, der ganz allein mit seinen Bü­chern um den Zauberlehrling Edwin Egart für den Ver­lagserfolg verantwortlich zeichnete …

Egon M. Friederbusch, auf dessen dritten Egart-Ro­man ganz Deutschland voller Ungeduld wartete. Und er hatte nichts besseres zu tun, als eigenhändig – ohne Computer, Textprogramm und Rechtschreib­hilfe – ein grauenhaftes 264-Seiten-Machwerk über … über Weihnachtshunde zu verfassen …

Egon M. Friederbusch, der Geliebte von Marie-The­res Kienbauer …

Egon M. Friederbusch, der nicht einmal Oh, du fröh­liche richtig schreiben konnte …

Rabenhorn, in dessen Seele sich wie ein Luftballon eine große, innere Leere aufblies, starrte weiter be­harrlich zum Fenster hinaus, entschlossen, sich erst zu bewegen, wenn es dort draußen über den Dä­chern der Stadt zu schneien be­gann.

Da klingelte das Telefon auf dem Schreibtisch. Ma­rie Kienbauer war am Apparat. Rabenhorn hasste dieses Weib aus ganzem Herzen, das kaum verwit­wet schon die Gelieb­te eines Zauberlehrlings- und jetzt Hundeschrift­stellers ge­worden war. Nebenbei bemerkt, war sie eine grauenhafte Hobbyköchin, die so etwas Unsägliches wie Schichtkohl fa­brizierte und die üppigen Ergebnisse ihrer Kochkünste ger­ne er­kaltet in Tupperschüsseln gestopft unter ihren Ange­stellten verteilte. An solchen Tagen hängte Raben­horn ein Schild vor die Tür, auf dem Bin auf irgendei­ner Buchmesse stand und schloss sein Büro von In­nen zu.

Einmal hatte er eine Einladung zum Abendessen nicht ab­lehnen können, die wohl auch noch in der lüsternen Ab­sicht ausgesprochen wurde, ihn über ihre Gourmetkü­che in ihr Schlafzimmer zu locken. Er, ein gestandener Ra­benhorn und stadtbekannter Feinschmecker, konnte es nicht verhindern: Er hatte ihr nach den tapfer herunterge­würgten Kohlroula­den auf das teure Designersofa ge­kotzt. Nun ja, seit­her war das Verhältnis etwas frostiger, aber sie hatte sich zu Rabenhorns Erleichterung nach ei­nem ande­ren Objekt ihrer Begierde umgesehen und es in dem Er­folgsautor Friederbusch gefunden. Der hatte wohl Ge­schmacksnerven aus grünem Gartendraht.

„Rabenhorn!” Ihre aufgeregte Stimme schrillte oh­renpeifend in seine trüben Erinnerungen an zer­matschten Schichtkohl mit fettigem Hack. „Raben­horn, haben Sie schon das Manuskript von Frieder­buschs Karl-Heinz, der Weihnachtshund gelesen? Ehr­lich, ich bin überwältigt. Ich sage Ihnen, das ist schlichtweg ein Hammer!”

Friederbusch musste wahrhaft ein As im Bett sein. Eine andere Erklärung gab es nicht. Rabenhorn räus­perte sich: „Wenn ich ehrlich bin, nur bis zu der Stel­le, wo der Hun­defänger aufgetaucht ist.”

„Da sind Sie doch noch ganz am Anfang! Raben­hörnchen, Sie müssen sofort weiterlesen! Unbedingt! Das ist Weltlite­ratur, die Friedi da geschrieben hat. Nun machen Sie schon, und ich erwarte eine aus­führliche Stellungnah­me von Ih­nen. Bald, sonst lasse ich Sie die Plakate von Pe­gida-Anhängern kor­rigieren!” Und zackig aufgelegt. Der Führer hat ge­sprochen.

Friedi! Ha! Was war denn das? Die Kienbauer mischte sich in seine Kompetenzen? Das war ja ganz was Neues. So ging das nicht, er war der Cheflektor. Vorbei mit dem Vor­satz, sich nicht zu rühren. Nun war Machtkampf an­gesagt! Andererseits: Die Zeiten waren schlecht. Gute Lektoren, die niemand benötig­te, gab es wie Sand am Meer. Seufzend nahm Raben­horn erneut das Elaborat über den Weih­nachtshund in die Hand und suchte die Stelle mit dem Hunde­fänger. Und auf einmal bannte ihn die Hand­lung, denn es wurde dramatisch. Doch ein ech­ter Frieder­busch?

»… und landete mit Sack und Pack, sich fast über­schlagend, auf dem roten Plastikschlit­ten, den das Kind hinter sich herzog. Erschrocken ließ die Klei­ne los. Durch den unge­stümen Sprung des alten Weih­nachtshundes schoss der Schlitten ungebremst über die Bürgersteigkante auf die spiegeln­de, glatte Straße. Zorni­ges Hupen, ein Möbelwagen – Aufschrift: Sicher von Heim zu Heim – versuchte noch zu bremsen. Verge­bens!

Karl-Heinz, machtlos auf dem Schlitten, sah das Weiße in den Augen des Möbelwagenfahrers, das Weiße und darin sein eige­nes Ende. Aus, vorbei! Die ihm von seinem Herrchen selbst ge­stellte Aufgabe, nach vielen Jahren des Ruhestands erneut her­renlose Hunde mit Nüssen und Hundekuchen unter dem gro­ßen Pinkelbaum zu besche­ren, wurde durch einen simplen Mö­belwagen verhindert. Nur noch Sekundenbruchteile im Advent, und der Hun­detod durfte Weihnachten feiern. Versagt, eindeu­tig, er hatte es verdient, in der Hölle für stinknormale Köter zu braten. Ergeben senkte der alte Hund sein Haupt.

Urplötzlich: „Iiaah, Iiaah und Iiooh!” sang eine mächtige Stim­me gegen sein Verderben an. Ein Freund in aller­höchster Not?

Es war so, denn eine kräftige Zunge wickelte sich um Karl-Heinzens Lenden, wischte ihn von dem Schlitten und zog ihn unwiderstehlich in die warme Sicherheit ei­ner rauchigen Knei­pe. Uff, das war gerade noch einmal gut gegangen. Karl-Heinz wag­te zu blinzeln, und Freu­dentränen quollen, als er den Freund er­kannte: Kein Zweifel möglich:

Es war Singing Sam, der singende Kuschelesel.«

Rabenhorn blickte wie­der versonnen aus dem Fens­ter. Er seufzte. Diesen Schmarren von 264 Sei­ten sollte er noch weiter lesen? Musste er sich das wirklich antun? Er, der Cheflektor des Kien­bauer-Imperiums? Und das nur, weil der vertrottelte Friederbusch ein Weih­nachtsmärchen geschrieben hatte und sich einbildete, es auch publizieren zu müssen? Einzig und allein, weil die Kienbauer auf Friedi flog?

Das verlangte man von ihm, von Jan Philipp Raben­horn, der Klassiker lektoriert hatte wie Die Schwalbe oder gar Wie das Schwarz in den Himmel kam? Ande­rerseits: Er war fünf­undfünfzig und die Zeiten schlecht. Abertausende jobsu­chende Germanisten und Germanistinnen lagerten vor den Toren der Ver­lage und waren bereit, für ein paar aufmun­ternde Worte und ein schlecht kopiertes Prakti­kumszeugnis zu arbeiten. Selbstredend hatten die keine Ahnung, aber das zählte doch heute nicht mehr, wo Fast- und E-Books den Markt überschwemmten wie die fett­triefenden Buletten der Burgerketten die Mägen der Schnellhungri­gen.

Jan Philipp Rabenhorn seufzte erneut, diesmal lau­ter und länger. Dann wandte er sich wieder dem ver­hassten Manu­skript zu …

»„Hey, das war aber knapp, Alter“, Sams Eselsohren wa­ckelten vorweihnachtlich und seine seine Nase leuchte­te rot, „voll krass. Nur gut, dass ich gera­de rein zufällig in mei­ner Stammlocation chillte. Ich find‘ eigentlich so gut wie nie die Chicks, äh, die Zeit, mal voll gemütlich abzuhängen. Voll krass, dieser Möbelwa­gen. Das war der VW-Diesel unter den Möbel­wägen! Der hätte dich doch so ‚was von uncool ins Off be­fördert.“ Sams Eselsaugen glänzten verdächtig, selbstver­ständlich nur aus reinem Zufall. Er schlug seine Vorder­hufe knallend zu­sammen. “Zack! Deckel zu! Und ab ins Hunde-Jen­seits. Ins Pa­radies darfst du ja nicht, wie die Bibelfesten unter uns beiden wissen. He, he, für den treu­en, grauen SUV, der den Herrn läs­sig nach Ägypten schmuggelte, gilt das stressige Verbot nicht. Ich bin viel zu fly dazu. Oneway-Ticket to Para­dise, oh yeah …” Sam würde doch nicht wieder zu singen be­ginnen? Karl-Heinz beeilte sich, den Redefluss des angeheiter­ten Esels, von dem er übrigens nur die Hälfte verstand, zu un­terbrechen.

Der Weihnachtshund musste sich erst den Schleim aus der brennenden Kehle räuspern, ehe er antworten konnte: „Danke, Sam! Man sollte alte Hunde wie mich nicht mehr bei so einem Sauwetter vor die Türe jagen. Ich weiß über­haupt nicht, war­um ER mich ausgerechnet in diesem Jahr noch einmal auf die Große Tour geschickt hat, wo ich doch seit einhundertunddrei­unddreißig Jahren nicht mehr in Bromberg an der Fiesel war. Ehrlich, ich finde mich hier gar nicht mehr zurecht. Das ist hier auf Er­den so hektisch geworden und so laut. Es stinkt. Da wundert es mich nicht, dass es in Deutschland nicht einmal mehr einen Kai­ser geben soll …”

„Komm Alter, chill mal. Vergiss doch den Beckenbauer, hab null Bock auf die korrupte Fresse. Schlag ’ne Weih­nachtskugel drüber, Bro, wie wir modernen Esel sagen. Und dann, Charly, trinkst du erst mal ’nen Pott von mei­nem Eselstraum. Ich sag dir was: Gei … el, Alter, voll das Gesöff. „Sams Eselstraum“ ist wahrhaft der heißeste Punsch zwischen hier und der Bronx. Die fetteste Droge, die jemals ein Esel braute. Donkeybuisness, abso­lut der Burner. Da hebst du ab wie Superman, grinst dir ei­nen und es geht dir so gut, als ob dir Lassie persönlich an den Nüssen knabbert.“

Ja, Singing Sam war schon ein wahrer Freund …«

Rabenhorn hustete rau. Das wurde immer stärke­rer Tobak! Hätte jemand anderer als Frieder­busch solch einen Text geliefert und hätte ihn die Kienbau­er nicht zum Lesen gezwungen, das Manuskript wäre längst im Altpapier gelandet. Es war zum Heulen. Da la­gen noch der wundervolle Roman eines jungen Debütanten über eine amour fou, dessen Titel Die neunhundertneunundneunz­ig Jahre alte Fee, die von einer Parkbank sprang und ver­schwand noch verändert werden musste und das nobelpreisverd­ächtige neue Werk von Nikolaus Xaver Maria Klam­mer auf seinem Schreibtisch und warteten auf seine pflegende Hand. Aber er hatte sich mit diesem gro­tesken Machwerk auseinanderzusetzen! Frieder­busch musste ja schon völlig schwachsinnig oder größenwahnsinnig ge­worden sein, so etwas Unaus­gegorenes aus der Hand zu geben. Ein Schafscheiß war das!

Und es sollte noch toller kommen, denn der Lektor war erst auf Seite 37.

»Der Weihnachtshund trank, schmatzte und schlürfte und sab­berte den „Esels­traum” und spürte in sei­nen Gliedern die aufstei­gende Wärme eines sanf­ten, dann gewaltig durch den Schlund wieder auf­steigenden Feuers, der Mutter al­ler Sodbrände. In allen Gliedern regte es sich zu einer Überra­schung! Seitdem er einmal in einer Sakristei Messwein aufge­schlürft, den ein völlig besoffener Pfarrer auf dem Boden ver­schüttet, hatte er sich nicht mehr so wohl gefühlt. Vergessen die Gaben­verteilung unter dem großen Pinkelbaum, vergessen die Beschwerden seines weit über sechshundertjährigen Kör­pers, er fühlte sich schlichtweg „Pudel”-wohl, obwohl er sich relativ si­cher war, dass keiner dieser hochnäsigen Kerle seinen bunten Stammbaum befleckt hatte.

Karl-Heinz betrachtete den Kuschelesel mit neuen Au­gen. Der stimmte gerade hingebungsvoll den einen Schla­ger an, welcher ihn bei allen Damen rund um den Erdball berühmt gemacht hat­te:

„Iiaah, Iiaah und auch Iiooh!
Will dein Stecher nicht mehr kuscheln,
Selbst nach Penne arabiata mit zu viel Muscheln,
Sind sie leer, des Typen Eier,
Hol zum Teufel ihn der Geier!
Denn du brauchst ihn wahrhaft nicht,
Den Wicht,
Du kennst ja schließlich … Saaaam!“
(Letzterer Reim leise, fast flüsternd vorgetragen)
„Iiaah, Iiaah und auch Iiooh,
Sam, der Esel, macht dich froh.
Das beste Grauohr für die Liebe,
Seitensprung und Seitenhiebe.
Iiaah, Iiaah und Yeah für die Triebe!”

Ehrlich, so übel klang dieses Lied nach dem zweiten Esels­punsch nicht (oder war es gar schon der dritte?) und auch der Typ selbst, der hatte was. Zumindest war er nicht mehr der graue Langweiler, der er früher gewesen. Wenn der Weih­nachtshund richtig überlegte, war das alte, abgenutzte Cha­grinleder schon ein bisschen des Ku­schelns wert. Es störte Karl-Heinz nicht, dass Sam ausge­sprochen männlichen Ge­schlechts und stockbesoffen war. Das war er schließlich auch. In seinem runzli­gen Hunde­alter nahm man doch alles mit, was sich bot – im Himmel wie auf Erden. Er winkte dem ausgespro­chen depressiv wirkenden Kellner, der sich gerade in vergebli­cher Hoff­nung ein Küchentuch über die Ohren schlang: „He, mein Freund, noch ei­nen Liter von dem Stoff!”, und dabei blin­zelte er Sam, der gerade die dritte von unzähligen weite­ren Strophen begann, vielverspre­chend zu.«

Rabenhorn wurde schlecht, dieses blödsinni­ge Lied eines kuschelnden Esels schmerz­te ungeheuer sein feines, onomatopoetisch geschultes Gehör und der Refrain reimte sich nicht einmal. Was zu viel war, das war wirklich zu viel! Gut, Friederbusch war der Haus­autor, noch dazu der erfolgreichste, und es war in allen ihm be­kannten Verlagen gute Po­litik, die Geld bringenden Hausautoren mit Samt­handschuhen zu streicheln. Doch wie weit sollte die­se Übung gehen, musste er, ein Raben­horn, Germa­nist und Philosoph, sich aus reiner Existenz­angst die­sem Schwachsinn beugen? Nur, weil Friedi was mit der ranzigen Kienbauer hatte? Er besaß doch noch sei­nen Stolz … und an Weihnachtshunde und sin­gende Ku­schelesel glaubte er schon gar nicht, auch wenn Frieder­busch sie hier in seiner Heimatstadt Bromberg an der Fie­sel auftreten ließ, in der es tat­sächlich in der Mitte der Alt­stadt einen vom Volks­mund sogenannten Großen Pinkel­baum gab, um den herum der jährliche Christkindlsmarkt statt­fand.

Doch Jan Philipp Rabenhorn sollte eines Besseren belehrt werden. Schließlich herrschte die Gnaden bringende Weih­nachtszeit:

Ein Piepen seines Tablets ließ ihn auffahren. Eine E-Mail war angelangt. Als Absender prangte unüber­sehbar Ma­rie-Theres Kienbauers Adresse. „Öffnen Sie die Anlage!“, war der bündige, ein wenig bedroh­lich wirkende Text.

Rabenhorn tat wie ihm angeordnet, obwohl er eine wei­tere Einladung zu einem Schichtkohl-Essen, wel­chen sie in der Adventszeit gerne mit Zimt und Hirschhornsalz würz­te, befürchtete. Aber auf dem Touchscreen entrollte sich ein funkelnder Farbentep­pich in Rot-Grün-Gold. Daraus schäl­te sich ein er­staunlich realistisch wirkender, wenngleich zipfel­mützenbewehrter Hund in einem roten Mantel. Gleich daneben entstieg ein ebenso echt ausse­hender Esel mit Schlitten im Schlepptau einer grauen Wolke, aus der fortwährend glitzernde Schneeflocken fie­len und langsam den unteren Rand des Desktops füllten. Der Schlitten barg als einziges Weihnachtspräsent ein ge­waltiges Buch, auf dessen rotbraunem Um­schlag eine gol­dene Schrift blinkte: „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“. Jetzt erst bemerkte Ra­benhorn die Laufschrift am unteren Rand des Bildes, in­zwischen halb im künstlichen Schnee begraben:

„Nur bei Kien­bauer: Die Sensation! Das neue Weihnachtsmärchen von Egon M. Friederbusch, dem Autor der erfolgreichen Egart-Serie. Schon jetzt ein Klassiker.“

Rabenhorn konnte nicht länger hinsehen. Wer hatte denn diese Geschmacklosigkeit mit Hilfe von Photo­shop verbro­chen? Die schreienden Farben und die grelle Auf­machung taten ihm körperlich weh.

„Wenigstens passt das Bild zum Text”, murmelte er und schloss eilig die unerfreuliche App auf dem Dis­play sei­nes Tablets. Der künstliche Computerschneehaufen blieb trotzdem unten lie­gen. Dann blickte er hinaus in den grau­en Advents­himmel, lehnte sich weit in seinem Sessel zu­rück und wartete auf den Feierabend. Im Gegensatz zu dem special effect auf seinem I-Pad ließ der Schnee in der Wirklichkeit auf sich warten.

[Am 2. Advent geht es weiter …]

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Alle Jahre wieder: Karl-Heinz, der Weihnachtshund

Vorankündigung:
Traut euch und lest – Karl-Heinz beißt nicht
(Oder nur ein ganz klein wenig)

Obwohl ich inzwischen in jenem biblischen Alter bin, in dem gefühlt alle drei Monate Weihnachten gefeiert wird und mich mit dem Fest der Feste höchstens noch eine sentimentale, will sagen: larmoyante* Zwiespältigkeit verbindet, die ich irgendwie aus meiner Kindheit ins Alter herübergerettet habe, hat es mich nach diesem langen Herbst doch vollkommen überrascht, von Frau Klammerle von einem Tag auf den anderen mein trautes Heim mit geschäftiger Plätzchenbackerei, Kerzen- und Engelsdekorationen, Leuchtketten, Tannenzweige und kitschigen Nikolausfiguren durcheinander gebracht zu sehen. Plötzlich steht wieder einmal die Frage im Raum, wer was und wie viel geschenkt bekommt, wer wann und wie zu Besuch kommt und ob wir nicht in diesem Jahr endlich einmal auf einen Weihnachtsbaum verzichten wollen.

engele

Unser „Ich hänge sinnfrei von der Lampe“-Engel. Frau Klammerle und ich lieben ihn; alle anderen seufzen leise bei seinem Anblick.

Der Augsburger Christkindlesmarkt öffnet bereits am nächsten Montag geschäftstüchtig seine Pforten. Allüberall glitzern kleine, bläulich-kalte LED-Ketten und begehrliche Kinder- und Christbaumkugelverkäuferaugen. Nur mich hat es diesmal kalt erwischt. In blindem Wahn übersah ich die mahnenden Vorzeichen, blendete die Lebkuchenangebote und Schokoweihnachtsmänner in den Auslagen der Geschäfte und die Werbe-Emails von Tschibo, Amazon, Zalando et al. vollkommen aus. Um so härter und unvorbereitet erwischt mich diesmal die sogenannte staade Zeit. Ich hatte vergessen, dass Weihnachten der Igel ist, gegen den der Hase Zeit noch jeden Wettlauf verloren hat. Extreme-Christkindles-Market-Going, endlose Weihnachtsfeiermarathone und sodbrennenerzeugendes Glühpunschkampftrinken prägen diese kurzen Tage und langen Nächte.

karl-heinz© Dagmar Herrmann, 2013

2013 war ich besser vorbereitet und hatte dem Anlass angemessen auch auf meinem Blog einige adventliche Texte und Artikel eingestellt. Dabei war unter vielem anderen auch in fünf Fortsetzungen der erste Entwurf von „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“ zu finden, einer Erzählung, die ich gemeinsam mit meinem alten Freund und Kupferstecher Hans-Dieter Heun ausgeheckt habe, obwohl inzwischen etwa 90 % des Textes aus meiner Feder stammen und der Rest von mir überarbeitet wurde.

Der Alte Mann vom Berge, auf dessen großartigen Roman „Feenliebe“ ich hier noch einmal besonders empfehlend hinweisen will, hatte allerdings vom Ende der erbaulichen, abenteuerlichen, zwerchfellerschütternd lustigen, herzerwärmenden, gar grusligen und intellektuell fordernden Weihnachtsgeschichte um sabbernde Hunde, singende Esel, Schichtkohl, Große Pinkelbäume, verwirrte Lektoren und mannstolle Verlegerswitwen, gefährliche Karlnickel, düstere Geheimnisse im Untergrund und einen shakespearesüchtigen türkischeb Dönerbuden-Besitzer eine vollkommen andere Vorstellung als ich. Er ist bei Dürrenmatt in die Lehre gegangen und der Meinung, dass eine Geschichte erst dann zu Ende erzählt ist, wenn sie ihre schlimmste oder – bei ihm – die groteskeste Wendung genommen hat. Konsequenterweise ließ er den Text daher in seiner Version in einem Blutbad apokalytischen Ausmaßes enden. Ich hingegen wollte Seele und Magen meiner Leser nicht belasten und fand einen anderen, höchst versöhnlichen und auch weihnachtlichen Schluss, den ich persönlich für den gelungeneren, zumindest aber weitaus harmonischeren halte. Wer das wie HD anders sieht, kann sich gerne über Facebook persönlich an ihn wenden und dort seine Schlachtplatte lesen.

An den kommenden vier Adventsonntagen werde ich die Geschichte von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund hier wieder als Fortsetzungs-Adventsgeschichte bloggen Wer möchte, kann das Meisterwerk auch als Büchlein für den Gabentisch erwerben.

HD und ich wünschen viel Spaß und herzerwämende, heiter-besinnliche Momente beim Lesen. 😉

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* Damit habe ich dieses Lieblingswort der Spiegel-Redakteure auch einmal benutzt.

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Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 10)

[zum 1. Teil …]

„Herrgott! Überrangprotokoll Fabia! Omicron, Standby“, zischte Fabia zwischen zwei Würgeanfällen. Der kleine goLem blieb sofort stehen und blinkte stumm, als wäre er beleidigt.

„Na, Mädchen?“, fragte Leon mitleidig, als es Fabia wieder etwas besser ging, „doch nicht so stark und mutig?“

„Nein, es ist nur … Mir ist ziemlich schwindlig wegen meiner Krankheit. Ich werde langsam hämoylitisch. Das wirkt sich zuerst auf meinen Kreislauf aus.“ Sie deutete auf einen kleinen, zellenartigen Anbau an einem Gebäude in der Nähe, auf dessen Milchglastür ein großes rotes Kreuz dargestellt war. „Ich muss dringend zu dieser Notarzt-Station. Ich brauche Medikamente und eine Transfusion.“

Fabia spuckte aus, um den ekligen Geschmack im Mund loszuwerden, was ihr auf diese Weise jedoch nicht gelang.

„Ich helfe dir“, bot sich Leon an. „Die Ärzte sind sich schon längst geflohen oder evakuiert worden. Ich glaube nicht, dass sich außer uns und deinen Freunden noch jemand in diesem Stadtviertel aufhält.“

Das Mädchen richtete sich zitternd auf und winkte ab. Sie probierte ein paar Schritte. Ihre Knie waren zwar weich und die Beine wacklig, aber bis zu der Krankenstation würde sie es ohne Hilfe schaffen.

„Danke, aber das wird nicht nötig sein“, lehnte sie Leons Angebot ab. „Es wird dort drin sicher noch einen Gamma geben, der mir helfen kann. Falls sie ihn schon evakuiert haben sollten, kann mich auch mein Omikron unterstützen. Er hat ein Medizin-Update.“

Der Bildhauer wollte einen Einwand machen, aber Fabia ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Ihr beide solltet auf jeden Fall auf der Stelle zu den Zügen fliegen, bevor uns die Polizei wiederfindet. So beschäftigt können die gar nicht sein, dass sie nicht den Absturz ihrer zwei Einheiten untersuchen. Bringt euch in Sicherheit, bevor sie kommen. Mit dem Schweber habt ihr eine echte Chance.“

Leon nickte und fuhr sich mit der Hand nachdenklich über die Glatze. Er zögerte.

„Bist du dir sicher? Du weißt aber schon, dass sie uns nicht zufällig abgepasst haben? Du bist verraten worden und sie sind hinter dir her. Ich lasse dich nur ungern alleine.“

„Ich werde in der Bibliothek bei meinen Freunden in Sicherheit vor der Polizei sein – keine Sorge. Von dort kann ich auch problemlos die Uniklinik-Haltestelle der UMS-Bahn erreichen. Die bringt mich in einer Stunde nach Frankfurt. Vielleicht können wir uns dort wieder treffen. Aber jetzt fliegt endlich los. Ich wünsche euch alles Glück. Meldet euch, wenn ihr euch gerettet habt – danach, meine ich, wenn das alles vorbei ist …“

Fabia nahm ihren reglosen goLEM unter den Arm und ging mit so festen Schritten, wie sie ihr in ihrem Zustand möglich waren, auf die Notfall-Einrichtung zu. Sie drehte sich nicht noch einmal um, weil ihr sonst wahrscheinlich die Tränen gekommen wären. Leon sah ihr so lange hinterher, bis sie den Platz überquert hatte. Dann warf er warf einen letzten Blick hinauf in den leeren, grauen Himmel, über den nun merkwürdig gleichmäßige und runde Wolken zogen, die aus sich selbst heraus orange leuchteten. Sie glichen farbigen Ballons und wirkten auf ihn wie die Boten des nahenden Untergangs. Der Bildhauer hätte sie gerne mit seinen eigenen Händen aus Ton nachgeformt. Aber er würde wohl nicht mehr dazu kommen, seine Kunst noch einmal auszuüben. Auch wenn die Pariser bessere Chancen als die Einwohner der direkt an der Atlantikküste liegenden Megapole Marelona hatten, fühlte Leon im Gegensatz zu Fabia keinen Optimismus und hatte keinen Glauben, dass ausgerechnet er die Katastrophe in etwa zwölf Stunden überleben würde. Schließlich waren ja auch heute morgen wieder die Kampfhandlungen mit der Indopazifischen Union aufgeflammt, die jederzeit ein nukleares Armageddon auslösen konnten. Was der Impact des Mondbrockens und der Tsunami nicht erledigten, schafften vielleicht die Atomwaffen der Kriegsparteien: Europa zwischen Scylla im Westen und Charybdis im Osten zu zerreiben. Vielleicht überstanden ja ein paar seiner Werke den Weltuntergang …

Raphaël rief ihn ungeduldig nach ihm und er lief kopfschüttelnd zum Schweber zurück. Er war höchste Zeit, aufzubrechen und die dem Tode geweihte Stadt zu verlassen.

Fabia hatte inzwischen das Rote-Kreuz-Gebäude erreicht und legte ihre Hand auf die Glasfläche der Tür. Sie wurde gescannt und die Tür öffnete sich vor ihr. Bevor sie eintrat, sah sie doch noch einmal zurück und dem emporsteigenden Schweber zu, bis er hinter einem der schlank wie eine Nadel in den Himmel stechenden Val-d’Oise-Türme verschwand. Der Abschied eben war für immer gewesen, das war auch ihr klar. Selbst wenn sie alle drei der großen Welle entkamen und rechtzeitig in die sicheren Gebiete im Westen gelangte, würde doch das I-Net zusammen brechen und sie sich in dem Chaos, das gerade in den deutschen Landen herrschen musste, die gerade von Milliarden von Flüchtenden überschwemmt wurden, niemals wiederfinden. Jetzt lief ihr doch eine Träne über die Wange.

„Womit kann ich dir dienen, Bürgerin?“, wurde Fabias düstere Stimmung von einer einfühlsamen, aber vollkommen geschlechtslosen Stimme hinter ihr unterbrochen. Die stachlige Kugel eines Arzt-goLEMs schwebte heran. Außer ihm und ein paar der überall anzufindenden, spinnenähnlichen Sanitäts- und Reparaturdeltas, die im Hintergrund an den Wänden hingen und leicht auf ihren unzähligen kleinen Beinchen zitterten, war niemand mehr in der Notfall-Einrichtung. Die medizinischen GoLems der Gamma-Reihe wurden im Volksmund wegen der Treffsicherheit ihrer Prognosen Tu-as-qu’à oder DO ASK genannt und erinnerten ein wenig an einen fliegenden Seeigel, dessen Stacheln allerdings dünne Arme waren, die den unterschiedlichsten medizinischen Zwecken dienten. Trotz der weltweit gültigen Roboter-Gesetze, die nach dem verheerenden KI-Aufstand im 23. Jahrhundert Verstand und Persönlichkeit künstlicher Intelligenzen strengen Obergrenzen unterwarfen, waren die Tu-as-qu‘à von der Mooncorp. mit einer der fortschrittlichsten und selbstständigsten KI‘s ausgestattet worden, die es gab. Denn diese goLEMs mussten neben ihren medizinischen auch psychologische und psychiatrische Aufgaben erledigen konnten. Die geistigen Fähigkeiten der Gammas übertrafen damit bei weitem die Möglichkeiten der durchschnittlichen und absichtlich „dumm“ programmierten anderen goLEMs; Fabia schätzte die Tu-as-qu’à sogar für intelligenter und sozialkompetenter als die meisten Menschen ein, die sie kannte – sich selbst dabei eingeschlossen. Die Gammas waren eigentlich nur durch ihre eigenwillige äußere Form, die einseitige Programmierung und durch die Kontrollen des I-Nets beschränkt. Das Prinzip ihrer neuronalen Netze hatte übrigens Professor Rosenthal entworfen, dem dafür einen seiner beiden Nobelpreise verliehen worden war.

Fabia schmunzelte, als sie sich unter dem grünen Untersuchungsstrahl des Gammas einmal um sich selbst drehte. Wie wohl die Corp., die dem Professor seine Forschungsergebnisse und Patente gestohlen hatte, reagieren würde, wenn sie wüsse, dass er insgeheim schon viel, viel weiter war und in den Kybernetiklaboren der Pariser Universität den ersten komplett menschenähnlichen Androiden geschaffen hatte, den er in einem Wortspiel nach dem shakespeareschen Waldgott Oberone nannte. Wenn schon kein Gott, so sollte Ober-1 unter den Normalsterblichen – auch den genoptimierten – zumindest ein Halbgott werden. Es war Fabias Aufgabe in Baruch Rosenthals kleinem Team, die KI des Androiden zu pflegen,zu  testen und zu entwickeln. Sie hatte inzwischen ein sonderbares, sehr intimes Verhältnis zu künstlichen Menschen aufgebaut; ein verwirrendes Verhältnis, über das sie nicht näher nachdenken wollte, denn Oberone war vom Wissen und erstaunlicherweise auch vom Charakter her wie eine jüngere Ausgabe des Professors, in den sie verliebt war.

Der grüne Strahl erlosch.

„Bürgerin“, sagte der goLEM. Er klang sehr ernst und hatte tatsächlich eine wohldosierte Besorgnis in seine Stimme gelegt. „Begebe dich sofort zur Behandlungsliege. Du benötigst dringend meine ärztliche Hilfe.“

Einer der dünnen Arme des Gammas klickte nervös und deutete auf die Seite, an der einige mit kompliziertem medizinischem Gerät verbundene leere Betten standen. Fabia folgte gehorsam der Aufforderung und setzte sich auf eine der Patientenliegen. Sie rollte den Ärmel des weiten Pullovers hoch und ließ sich von dem Tu-as-qu’à einen Shunt legen, über den er sie flink und professionell mit den Apparaturen der Notfall-Station verband. Eigentlich war es unverantwortlich, solch eine wertvolle Technologie einfach der Zerstörung oder irgendwelchen Plünderern zu überlassen, die – Weltuntergang hin, Armageddon her – doch sicher die evakuierten Gebäude und Einrichtungen nach Beute absuchten, auch wenn ein paar von ihnen bestimmt von den Polizeiomegas geschnappt und unter Anwendung der neuen 2MC-Gesetzgebung an Ort und Stelle standrechtlich exekutiert wurden. Hier im Univiertel schien jedoch alles ruhig zu sein.

„Merkwürdig“, ging Fabia durch den Kopf. „Das ist wie die Ruhe vor dem Sturm.“

[Fortsetzung am nächsten Freitag …]

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Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 9)

[zum 1. Teil …]

„Haltet euch fest, das wird etwas holprig“, sagte Fabia und wies Omicron an, heimlich die Notfallabschaltung des Schwebers zu überbrücken und das Kommando an sie zu übergeben. Sobald das Steuer auf ihre Handbewegungen reagierte und ihre Augreyes mehrere Flugrouten einblendeten, ging sie in einen gemächlichen Sinkflug, als würde der automatische Pilot der Aufforderung der Polizei gehorchen. Doch dann gab sie Gas. Fabias Mitfahrer sperrte noch panisch ihre Münder auf, als der Schweber mit erheblichem Tempo nach unten wegsackte, aber ihr gemeinsamer Angstschrei wurde von dem aufheulenden Motor übertönt.

Und ab ging der trudelnde Sturzflug in die Tiefe, kreuzte vertikal ein paar der zum Glück nur wenig befahrenen Luftstraßen und tauchte dann nur ungefähr zwanzig Meter über dem Boden zwischen zwei eng beieinander stehende Gebäude, wo Fabia durch tollkühne Flugmanöver versuchte, die Verfolger abzuhängen. Es gelang ihr nicht. Die künstlichen Piloten der Polizeischweber steuerten gedankenschnell und mit ebenso viel Todesverachtung wie das Mädchen, dem sie mit geringem Abstand auf dem halsbrecherischen Zickzack-Kurs durch das antike Stadtviertel Bezons ohne Probleme folgten. Blaue Lichter kreisten um die Meridiane der Polizeiflieger und Omicron bekam viel Arbeit, die Hackzugriffe der Omegas auf den Schweber zu unterbinden.

Weil der Motor aufs Äußerste gefordert wurde, war es in der Kabine wurde es trotz der Enge mit einem Mal eisig kalt. Fabias hektisch ausgestoßener Atem stand als Wolke vor ihr. Jetzt, knapp über dem Boden auf einer scheinbar willkürlich und zufällig gewählten Route dahin jagend, beschleunigte sie immer weiter. Der Steuerknüppel in ihrer Hand begann zu vibrieren und ließ sich kaum mehr von ihr beherrschen. Leon, der die Gefahr erkannte und wohl auch Fabias Vorhaben erahnte, legte seine Hand auf ihr und gemeinsam hielten sie den Schweber stabil und in ihrer Kontrolle. Von Omicron von seinen Sicherheitsschranken befreit, war er fast dreihundert Stundenkilometer schnell, ein mörderisches Tempo, das alle in ihre Sitze drückte.

Dann hatte Fabia über die von ihren Augreyes eingeblendete Stadtkarte einen geeigneten Ort für ihren Plan gefunden. Sie bog noch zweimal ab – einmal trennte ihr Fluggefährt in der Kurve nur Zentimeter von der Hauswand – dann raste sie auf einen niedrigen Torbogen zu, der einen Eingang zu einer ausgedehnten Gartenanlage, die dem alten Bois de Bologne nachempfunden war, markierte. Links und rechts von dem Tor befanden sich massive Steinmauern. Selbstverständlich war es nur die zeitgenössische Kopie eines Triumphbogens aus der napoleonischen Zeit. Man hatte schon vor Langem alle übrig gebliebenen Antiken durch widerstandsfähige Repliken ersetzt. Manche von ihnen, wie die Glaspyramide im Innenhof des Louvres – der übrigens auch ein Nachbau war -, existierten nur noch als Hologramm. Fabia hätte es niemals gewagt, ein echtes, über tausend Jahre altes Relikt aus der bewegten Vergangenheit der Megapole auf diese Weise der Gefahr seiner Zerstörung auszusetzen, doch sie lenkte den Schweber mit gutem Gewissen durch das aus nahezu unverwüstlichem Kunststoff nachgebildete Tor.

Es war ein heikles Kunststück, aber es gelang. Links und rechts blieben zwischen dem Schweber und den Säulen vielleicht eine Armlänge Platz. Glücklich durchgekommen, riss sie das Steuer scharf zu sich und bremste. Die Steuerung kreischte wie ein weidwundes Tier auf, gehorchte jedoch. Raphaël, nicht angeschnallt, weil die Kabine ja nur für zwei ausgelegt war, wurde von der Fliehkraft nach vorne geschleudert. Leon hielt ihn zwar am Kragen fest und er selbst riss seine Arme noch schützend nach vorne und milderte dadurch seinen Fall etwas ab, aber er schlug doch mit dem Gesicht gegen das Glas der Scheibe und holte sich eine blutige Nase. Wahrscheinlich hätte er sich den Hals gebrochen, wenn sich nicht die Notfall-Trägheitsdämpfung eingeschaltet hätte und den abrupten Bremsvorgang abpufferte.

Doch von diesem Schönheitsfehler abgesehen, war Fabias akrobatisches Flugmanöver ein voller Erfolg. Die Maschinenintelligenz in dem Polizeischweber, die wie eine Klette an ihr hing, war auf solch eine blitzartige Pirouette nicht vorbereitet. Während Fabia ihre gläserne Kugel in einer engen Aufwärtskurve elegant emporsteigen ließ, gelang es zwar dem sie verfolgenden Schweber noch, ihr unbeschadet durch das Tor zu folgen, aber die anschließende scharfe Kehre gelang ihm nicht mehr. Sein Radius war um einige Meter breiter und das Fluggerät geriet dadurch in die Äste eines der Alleebäume, die den Kiesweg in den Park säumten. Sich um sich selbst drehend stürzte er in die üppigen Büsche, von denen eine empörte Wolke winziger Drohnen aufstieg, die auf allen landwirtschaftlichen Flächen die Bestäubungsarbeit der fast ausgestorbenen Bienen unterstützten.

Dem zweiten Verfolger erging es noch schlechter. Sein Pilot wollte den Fehler des anderen vermeiden und dem Triumphbogen in letzter Sekunde ausweichen, streifte aber eine der dorischen Säulen und explodierte in einem Feuerball, der ein Loch in die Gartenmauer sprengte.

Bürgerin Winterfeld …“, vernahm Fabia noch die Stimme eines Roboter-Polizisten durch die Funkverbindung, dann war nur noch weißes Rauschen zu hören. Seelenruhig gab sie die Steuerung an Omicron zurück, der den Flieger wieder auf den rechten Kurs brachte, über die nahe Seine flog und in gemäßigtem Tempo endlich auf das weitläufige Universitätsgelände zuhielt. Gemeinsam mit Leon kümmerte sich Fabia währenddessen um den jammernden Raphaël, dem ein zwei kaum zu stoppende Rinnsale Blut aus der Nase liefen. Sein Freund griff unter den Sitz und holte den Erste-Hilfe-Koffer heraus, aus dem er dann eine Bandage nahm, die er dem jungen Dichter gegen die Nase presste.

„Entschuldigt bitte mein Flugmanöver, aber ich sah keine andere Möglichkeit, die Polizei loszuwerden“, sagte Fabia kleinlaut. Sie hatte inzwischen großen Respekt vor dem glatzköpfigen Bildhauer, der offenbar immer Herr der Lage war. Raphaël grunzte nur, aber Leon machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Das geht schon in Ordnung. Wenn sie uns erwischt hätten, dann wären wir wahrscheinlich auf der Stelle exekutiert worden. Die Notstandsgesetze der 2MC kennen kein Erbarmen und keine Entschuldigungen. Ich hatte gehofft, sie würden nie in Kraft treten. Noch vor einem Monat haben wir gegen sie demonstriert, weil sie unsere bürgerliche Gesellschaft in die brutalste und menschenverachtendste Diktatur seit Ibn-Saids Rechtgläubigem Rotem Reich verwandeln würden, wenn sie zur Anwendung kämen. Man kann doch keine KI Recht sprechen lassen! Aber von einem multikontinentalen, planetaren Konzern wie der Corporation kann man nichts anderes erwarten, wenn er sich an die Regierung putscht. Solche Wirtschaftsgiganten sind die natürlichen Feinde jeder Demokratie.“

Omicron landete den Schweber auf einem kleinen Platz neben der Universitätsbibliothek. Die beeindruckende glänzende Fassade der Bibliothek reichte fünfzehn Stockwerke in den Himmel und ebenso viele in den Erdboden hinab. Wegen ihrer verwinkelten, in der Regel sechseckigen Innenräume und den schier bodenlosen Lichthöfen wurde sie von den Studierenden und den Professoren in Anklang an den alten Schriftsteller Jorge Luis Borges Babel genannt. Dort residierten in der untersten Kelleretage die Citoyens um Professor Rosenthal und dorthin wollte Fabia.

Sie schnallte sich ab, nahm Omicron unter den Arm und schälte sich aus dem Schweber, dessen mitgenommene Außenhülle eisig dampfte. Sie sah sich um. Es war fast unheimlich, wie leer der Platz war. Für Menschen, die es gewohnt waren, ihr Leben auf engstem Raum mit Milliarden anderen Individuen zu teilen, war es beängstigend. Fabia war da nicht anders. Sie kannte Einsamkeit und Leere nur, wenn sie über ihre Augreyes auf den Server des Computerspiels Walden 3.2 ging, das einen weltumspannenden Wald simulierte und – weil es aus der Mode gekommen war – nur wenige Player hatte, die sich deshalb fast nie begegneten. Dort saß sie gerne ein paar Stunden vor ihrer virtuellen Holzfällerhütte im Sonnenschein, sah den Flugechsen zu, die in der Thermik unter dem grünen Himmel ihre Runden drehten und genoss diese scheinbare Einsamkeit. Doch in der echten Welt fürchtete sie die Leere und hatte Agoraphobie. Sie wäre am Liebsten direkt in die Bibliothek mit ihren engen, nach echten Büchern riechenden Räume voller Menschen gewechselt, als die wenigen hundert Meter quer über den verwaisten Platz zu laufen. Aber ihr blieb keine andere Wahl.

Sie machte ein paar unsichere Schritte in Richtung Eingangstore. Doch dann sank sie in die Knie und erbrach sich. Schnell war Leon bei ihr und beugte sich über sie, hielt ihr helfend die Stirn.

[Zum 10. Teil …]

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ErSieEs – 4. Geschichte

ErSieEs

Geschichten aus einer anderen Welt

4. Geschichte

[…] „Die derzeit praktizierte Familienpolitik wird den vielfältigen Problemlagen von Familien nicht gerecht. Eine Orientierung am klassischen Familienbild – Vater, Mutter, Frater -, spiegelt längst nicht mehr die gesellschaftliche Vielfalt der Familienmodelle wider.

Geschlechterdemokratie, Geschlechtergerechtigkeit, Gender Mainstreaming und Gender Budgeting sind die Begriffe, die uns heute geläufig sind. Aber ist es wirklich so einfach, aus der orangen Nische der femâlistischen Frannenpolitik der Gründungsjahre in die Mitte der Partei zu gelangen?

Wir haben die strenge 33-ige Mindestquotierung: Jeder dritte ungerade Platz auf Wahllisten ist Frannen vorbehalten, auf den geraden Plätzen können alle drei Geschlechter kandidieren. Die Gremien der Partei sind in der Regel paritätisch besetzt und Partei- und Fraktionsvorstände bestehen mehrheitlich aus einer Dreifachspitze (Mann, Frau und Frann). 1984 besetzte die Bundestagsfraktion sogar mit sechs Frannen den gesamten Vorstand sächlich – das so genannte Franninat. Wir haben ein Frannenstatut in der Satzung, in den Programmen sichtbare Frannenpolitik, wir sind die Partei, in der die meisten Frannen gleichberechtigt zu Frauen und Männern aktiv Politik gestalten. Wir haben dadurch Maßstäbe für andere Parteien und die Gesellschaft gesetzt.

Doch dieser Wechsel von der femâlistischen Frauenpolitik hin zur Geschlechtergerechtigkeit fand nicht schlagartig statt. Verschiedene Prozesse haben diese Entwicklung begleitet und es ist noch ein langer Weg, bis die Gleichberechtigung der Frannen endlich auch in der Gesellschaft der Bundesrepublik angekommen ist.“

Aus einer Rede von Katjes Sauer,
Bundestagsabgeordnetes der Grünen

Freitag Abend

Heika lachte in der Erinnerung und versuchte, sich auf seinem unbequemen Stahlstuhl halbwegs entspannt hinzusetzen. Schön, das Lokal war angesagt, aber wenn man unbequem saß, machte es ihm hier keinen Spaß. Heika wollte aber auch kein Spielverderber sein. Wenn seine Schwester Tina Wert darauf legte, in diesem Restaurant zu Abend zu essen, dann würde es sich anpassen und wollte nicht an den Sitzgelegenheiten mäkeln. Man traf sich viel zu selten, um sich wegen solch einer Nebensächlichkeit zu streiten. Wahrscheinlich bin ich nur langsam zu alt für diese Lokale, dachte Heika. Nicht einmal zehn Jahre trennen uns und doch ist es eine ganze Welt. Geschwisterliche Zuneigung ist etwas seltsames: Sie kettet Personen aneinander, die sich oft nicht einmal sympathisch sind. Und, ja, Blut ist tatsächlich dicker als Wasser …

Es machte ein Hohlkreuz, um den Rücken etwas zu entlasten und beendete seine Geschichte von der glücklichen Auseinandersetzung mit dem Mann vom Stiftungsamt. Es hatte nicht den gewünschten Erfolg. Tina und Sebastian hörten ihm nur abgelenkt zu: Seine Schwester ließ ihre Blicke im Raum schweifen, ihr Freund beschäftigte sich mit dem Fischteller. Am Ende erntete Heika nur ein gequältes Lächeln bei den anderen. Heika seufzte. Anscheinend war es sein Los, immer wieder den Seelendoktor für seine Schwester und ihren Freund zu spielen. Es schob die Schüssel mit den ungenießbaren, viel zu essigsauren Resten seines Salates zur Seite.

„Aber da erzähle ich nur von mir. Ihr habt doch etwas auf der Seele.” Die beiden sahen sich kurz an, sie schienen stumm den Kampf auszufechten, wer beginnen sollte. Dann senkten sie wie auf ein Kommando gleichzeitig die Augen.

„Wir haben ein Problem”, sagte Sebastian nach einer peinlichen Pause. Heika lächelte leicht und wartete geduldig. Doch der Partner seiner Schwester war nach seinem mutigen Vorstoß verstummt und sah von der Seite zu Tina, die für den Moment so tat, als würde sie nur zufällig mit Fremden an einem Tisch sitzen.

„Lasst mich raten”, unterbrach Heika das lastende Schweigen, „seit ihr vor einem Monat eine gemeinsame Wohnung genommen habt, streitet ihr euch ständig.” Tina sah überrascht auf, blieb aber noch still.

„Das ist nicht schwer zu erraten”, fuhr Heika fort. „Die plötzliche Nähe des Zusammenlebens bringt bei allen Probleme. Konntet ihr euch bisher aus dem Weg gehen, wenn ihr übelgelaunt wart und dadurch großzügig über die Marotten des anderen hinweggehen, ist das nun plötzlich nicht mehr möglich. In solch einer Situation kann schon ein nicht weggeräumter Teller oder spiegelverkehrt eingehängtes Toilettenpapier gewaltigen Streit provozieren. Natürlich ist das nur ein Auslöser, die tatsächlichen Gründe liegen immer tiefer …”

„Schmutzige Teller! Wenn es nur das wäre! Er hat mich betrogen”, platzte Tina heraus. „Wir sind noch keinen Monat in der gemeinsamen Wohnung, da übernachtet er schon bei einem Frann, das er kennengelernt hat.“

Heika sah erstaunt zu Sebastian, der wenig schuldbewusst aussah. Das hatte es dem überheblichen jungen Mann dann doch nicht zugetraut. Sebastian lehnte sich betont lässig zurück und sagte in süffisantem Plauderton:

„Deine Ansichten zum Thema ‚betrügen‘ und ‚Seitensprung‘ sind ein wenig viktorianisch – gelinde gesagt. Ich kann nur wiederholen: Ich liebe dich und will mit dir mein Leben gestalten. Aber zu einer Partnerschaft gehören immer drei. Wenn ich also ein Frann kennenlerne, das mir gefällt …“

„Ohne mich! Ich sitze Zuhause und mache die Wäsche. Der gnädige Herr geht aus und mit dem nächsten Flitteschen ins Bett!“

„Zum einen ist Herma kein Flitteschen und zum anderen wird es mir doch nicht verboten sein, mal ohne dich auszugehen! Du hast doch …” Er verhedderte sich in seiner Argumentation und verstummte. Eigentlich wusste er, dass er falsch gehandelt hatte, aber er würde die Hölle tun, dies hier vor Tina und ihrem Bruster zuzugeben.

„Ich fühle mich so ausgenutzt“, seufzte Tina und setzte auf die Schuldgefühle von Sebastian. Da kam sie ihm gerade recht:

„Du fühlst dich ausgenutzt? Das ist der Gipfel! Wer bezahlt denn alles, seit du bei deiner Firma gekündigt hast und arbeitslos bist? Wer bezahlt denn heute dein Essen? Ich schufte mich den ganzen Tag im Finanzamt ab …“

Tina nahm ihr Weinglas und schüttete dessen Inhalt in Sebastians Gesicht. Eine andere Erwiderung fiel ihr nicht mehr ein. Dann stand sie auf und rannte weinend hinaus. Sebastian, der den Angriff auf seine Person offenbar gar nicht richtig wahrnahm, lachte auf und wischte sich über das Gesicht.

„Ja, das ist typisch Frau. Sie rennt davon, wenn es ihr unbequem wird.“

Dabei sah er beifallheischend zu Heika, das der ganzen Szene stumm gefolgt war. Heikas Sympathien lagen eindeutig bei seiner Schwester; es hatte den arroganten und selbstgefälligen Sebastian nie leiden können und sich immer gewundert, was Tina an ihm fand. Insgeheim amüsierte es sich über die heftige Reaktion seiner Schwester. Dennoch wollte es Sebastian nicht ins Gewissen reden, denn in dieser speziellen Auseinandersetzung fand Heika als diplomiertes Familienpsychologe doch einiges, das für den Freund seiner Schwester sprach. Es wusste, dass Tina ihre Arbeitsstelle durch ihr eigenes Verhalten verloren hatte und darüber verbittert war. Zudem konnte in diesem Fall von Fremdgehen nicht die Rede sein, auch wenn es nicht ganz in Ordnung war, wenn Sebastian allein auf Brautsuche ging. Er hätte sich zumindest der Zustimmung seiner Lebenspartnerin vergewissern können. Heika fasste Sebastian beschwichtigend am Arm und bemerkte, wie der Mann unter der Berührung von ihm zusammenzuckte. Klar, Sebastian hatte als testosterongesteuerter junger Mann erhebliche Vorurteile vor Homosexuellen; noch dazu, wenn es sich um Frannen handelte. Deshalb griff es noch fester zu, denn es wollte ihn gezielt aus der Fassung bringen.

„Ich werde mit ihr sprechen. Lass uns ein wenig Raum und überlege dir in der Zwischenzeit gut, was du ihr sagen willst, wenn wir zurückkommen. Du solltest deine Taktik ändern, Junge. Auf diese Weise fährst du den Karren an die Wand. Eure Beziehung ist an einem Wendepunkt; einen Vertrauensbruch wie den deinen kann man nicht einfach weglächeln und dann zum Alltagsgeschäft übergehen“, sagte es, drückte noch einmal fest den Arm von Sebastian, der mit sich rang, ob er sich losreißen sollte. Heika stand auf, nickte eindringlich und ging hinter Tina her. Sebastian sah dem Frann skeptisch hinterher, dann schüttelte er in stummer Verzweiflung den Kopf.

Frannen und Frauen sind der Freunde Frust, fiel ihm eine Textzeile aus einem Lied von Rammstein ein.

Heika fand Tina auf einem kleinen Mäuerchen neben dem Parkplatz sitzend. Es hatte erwartet, Tina noch weinend vorzufinden; aber sie sah ruhig in den Sternenhimmel, hatte dabei den Mund leicht geöffnet. Sie erinnerte ihn in diesem Augenblick an früher, an das kleine Mädchen, mit dem es so oft spazieren gegangen war.

„Ob es dort oben Leben gibt?“, fragte sie leise, als sich ihr Bruster neben sie setzte und einen Arm um sie legte. Heika wusste nicht, ob seine Schwester eine Antwort erwartete. Es sah ebenfalls nach oben, fand den großen Wagen. Es war kalt hier draußen vor dem Lokal.

„Vielleicht kommt irgendwann mal ein Schiff von dort oben herunter, am besten voller drei Meter großer Frannen“, scherzte Heika. Es kicherte leise bei der Vorstellung. „War es richtig, einfach aufzustehen und zu gehen?“, fuhr es dann ernst fort. Tina seufzte leise, sah ihren Bruster nicht an.

„Weißt du, ich kann einfach nicht mehr mit ihm reden, ohne zu streiten. Und dann hat er mich mit seinem Fremdgehen wirklich tief verletzt.“

„Sebastian sieht das nicht so, das weißt du. Er hätte gerne eine komplette Beziehung; eine Dreisamkeit.“

„Er mag ja recht haben, aber ich kann nicht gegen meine Gefühle an. Ich fühle mich betrogen.“

„Ich verstehe dich, aber du könntest dir einmal überlegen, woher diese Gefühle kommen?“

„Doch sicher aus meiner kaputten Elternbeziehung, Frann Freud. Sie wissen ja, ich will meine Mutter töten und meinen Frater vergewaltigen.“ Das klang bitter und Heika lächelte gequält.

„Rede doch keinen Unsinn. Allerdings spielen die wechselnden Männerbekanntschaften unserer Mutter dabei tatsächlich eine Rolle, das kannst du mir glauben, denn ich weiß, wovon ich rede. Zwischen uns ist zwar eine Kluft aus Alter und Erfahrung, aber wir sind Geschwister, vergiss das nicht. Was Mutter mit Elle macht, findet meine Zustimmung ebenso wenig wie deine. Als Vater starb …“ Tina verzog das Gesicht und unterbrach Heika eilig. Dies war eine Wunde, an der es nicht rühren durfte.

„Lassen wir doch die Psychologie außen vor. Sie kann immer nur im Nachhinein etwas erklären. Sag mir lieber, was ich tun soll.“ Heika zuckte mit den Schultern.

„Ich bin nicht deine persönliche Partnerberatungsstelle, liebe Schwester. Ich denke aber, deine Sorgen sind hauptsächlich in der Tatsache begründet, dass du deinen Beruf aufgegeben hast. Das hat dich verbittert.“

„Ach, ich bin also an allem Schuld? Weil mir ein Frann vorgezogen wurde? Meine Unzufriedenheit treibt mein armes Herrchen in die Fänge eines bitch. Der Ärmste, was muss er leiden! Du machst es dir doch sehr einfach, Heika. Das ist Küchenpsychologie.“

Heika wollte Einspruch erheben, aber dann erkannte es, dass Schweigen im Moment die bessere Alternative war. Eine ganze Weile starrten die beiden so unterschiedlichen Geschwister festumschlungen hinauf zu den funkelnden, gleichgültigen Sternen.

„Wenn es da oben Leben gibt, ob die auch so viele Probleme haben wie wir?“, fragte dann Tina und nahm ihren Gedanken von vorhin wieder auf. Heika zuckte mit den Schultern.

„Du kannst sicher sein, wenn sich auf anderen Planeten Leben und Liebe entwickelt haben, dann gibt es dort auch die gleichen Probleme. Wer weiß, vielleicht ist es dort noch viel komplizierter als hier bei uns.“ Es hörte im Rücken zögernde Schritte nahen und wusste ohne sich umzusehen, dass Sebastian langsam näher trat, unschlüssig, ob er die Zweisamkeit stören sollte. Heika stand auf, tat aber so, als hätte es den Freund seiner Schwester nicht bemerkt.

„Die Sterne schweigen“, sagte es. „Wir werden von ihnen keine Antworten erhalten. Unsere Probleme müssen wir hier lösen. Ganz allein.“ Es stockte. „Irgendwie.“

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ErSieEs – 3. Geschichte

ErSieEs

Geschichten aus einer anderen Welt

3. Geschichte

[…] Während in den Staaten der sogenannten Dritten Welt, die durch die oben erläuterten, den christlichen Moralvorstellungen entgegenstehenden Gesetzmäßigkeiten vor dem ökologischen und ökonomischen Ruin stehen, trotzdem ein bewunderungswürdiger Reichtum an Menschen existiert, der allein ein bemerkenswertes Hoffnungspotential bildet, ist in den Industrienationen seit den beiden Weltkriegen durch die Verbreitung der modernen Verhütungsmittel ein erschreckender Rückgang der Geburten zu beklagen. So wird in Europa im Jahre 2025 auf sieben Menschen im Alter von über siebzig Jahren nur ein Jugendlicher kommen. Durch das Auf-den-Kopf-stellen der Bevölkerungspyramide besteht die Gefahr der Verarmung, sogar des Aussterbens ganzer Völker. Das ist sicherlich die größte Herausforderung, mit der Europa sich zu Beginn des zweiten christlichen Jahrtausends konfrontiert sieht.
[…] Nicht zuletzt aus diesen Gründen spricht sich die heilige katholische Kirche mit kämpferischer Entschiedenheit gegen die Verhütung und Abtreibung aus; sie wenden sich gegen die christliche Ethik und Gottes Schöpfungswillen. […] Das Geheiligte Mysterium der Dreifaltigkeit weist jedem Gläubigen den rechten Weg: Gottvater und die Heilige Geist wurden Mensch durch das Jungfrann Maria, in Jesus Christus, Unserem Herrn.“

Aus: Hirtenbrief der kath. Bischofskongregation „Über die Empfängnis“

Freitag Vormittag

Heika Bosch nickte ernst. Es wusste, wie verständnisvoll und abgeklärt es dabei aussah. Schließlich hatte es seinen Gesichtsausdruck in unzähligen Gesprächen gleich diesem eingeübt. Heika war abgelenkt und schämte sich deshalb ein wenig. Trotzdem sah es immer wieder zur Uhr, die im Rücken seines Gesprächspartners an der Wand über der Tür hing. Es war Viertel vor Zehn, also hatte es noch ein wenig Zeit. Dennoch gelang es Heika nicht, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Die Probleme seines Gegenübers waren existentiell, aber es hatte schon allzu viele Beratungen durchgeführt. Vor Jahren hatte es aus Überzeugung diese Halbtagsarbeit für den Verein übernommen. Inzwischen jedoch war eine Routine eingekehrt, die niemand mehr als Heika selbst bedauerte. Immer häufiger versuchte es, die Gesprächspartner mit leeren, aufmunternden Worthülsen abzuspeisen, ohne näher auf auf deren Probleme einzugehen. Vielleicht war es richtig, einen längeren Urlaub zu machen und Abstand zu gewinnen, sich mal wieder zu verlieben. Heika sah erneut auf die Uhr, zwang sich dann aber, aufmerksamer zuzuhören und hatte sofort ein Gefühl von Déjà-vu.

Als es endlich zehn Uhr wurde, war es Zeit, einen Schnitt zu machen, obwohl Heika den Fehler spürte, die Beratung abzukürzen. Aber es wollte den Mann vom Stiftungsamt, mit dem es jetzt verabredet war, nicht warten lassen. Von diesem Gespräch hing im Wesentlichen ab, ob die Selbsthilfevereinigung Homosexueller Frannen e. V., kurz HoFra genannt, in dessen Vorstand und Beratungsstelle Heika tätig war, für ein weiteres Jahr finanzielle Unterstützung von der Stadt erhielt. Das war ein Kampf, der in jedem November ausgefochten werden musste und bei dem immer weniger öffentliche Mittel erstritten wurden. Diesmal würden die Verhandlungen besonders schwierig, denn der Beamte, den es gleich treffen würde, war eine unbekannte Größe. Sein Name war Braumeier, wie es dem Schriftverkehr mit ihm entnahm. Er hatte sein Amt eben erst übernommen und lag wahrscheinlich auf der Linie des in der Mehrheit rechtskonservativen Stadtrats. War das der Fall, sah es düster aus. Wurde die Zuschüsse weiter gestrichen, stand die HoFra vor dem Nichts, denn durch Spenden konnte sie sich nicht erhalten.

Heika unterbrach seinen Gesprächspartner, ein Studenten, das mit seinem Freund wegen der Vorurteile der Vermieter keinen Wohnung finden konnte, mitten im Satz. Es holte eine Broschüre zu diesem Thema aus dem Schreibtisch und erläuterte sie eilig. Das Student nahm das Heft zögernd und wirkte sichtlich enttäuscht. Heika versuchte durch eine herzliche Umarmung und einen aufmunternden Kuss auf den Mund den Eindruck von kühler Professionalität abzuschwächen, was ihm nur halbwegs gelang. Dann nahm es die vorbereiteten Unterlagen an sich und ging eilig hinüber zum Seminarraum, dem größten Zimmer in der engen Wohnung, die der Verein als Beratungsstelle angemietet hatte. Heika hatte sich kaum verspätet, aber die anderen beiden Vorstandsmitglieder saßen bereits mit Braumeier auf den niedrigen, im Kreis stehenden Sesseln. Alle sahen etwas verloren aus. Der Beamte studierte die Bücherrücken in den Regalen zu seiner Linken. Man wartete auf Heika, das ein sicheres und resolutes Auftreten hatte und dem damit das Hauptgewicht der Verhandlungsführung mit dem Mann vom Stiftungsamt zufiel.

Das Frann legte die Aktenordner mit den Kopien der Belege und Jahresberichte auf den Tisch in der Mitte und reichte dem Beamten, der älter war, als es erwartet hatte, die Hand; stellte sich vor. Er stand nicht auf, was keine Unhöflichkeit war, sondern an den niedrigen Sesseln lag. Es kostete ihn bereits eine Kraftanstrengung, sich in seinem weichen Sitz gerade zu richten. Dennoch fragte ihn Heika, ob es ihn zuerst durch die Beratungsstelle führen sollte. Er verneinte mit einer unwirschen Handbewegung und nahm die Unterlagen, die er sofort aufschlug und zu studieren begann. Heika setzte sich und seufzte heimlich, tauschte mit den beiden Frannen einen verunsicherten Blick. Der Mann schien ein harter Brocken zu sein. Und er war ganz offensichtlich mit Vorurteilen und Ablehnung zu dem Gespräch gekommen. Wenigstens gab es an der Buchführung des Vereins nichts zum Beanstanden und wenn Braumeier mit der Lupe suchte. Für jede noch so kleine Ausgabe gab es eine Notwendigkeit und einen Beleg. Alles war sauber mit den kargen Einnahmen verbucht; die seltenen Spenden quittiert und offengelegt. Freilich schrieb der Verein wie alle anderen rote Zahlen und hatte Schulden, aber sie fielen nicht aus dem Rahmen des Üblichen. Die HoFra war im Großen und Ganzen gesund, hing allerdings an dem dünnen Tropf der öffentlichen Zuwendung.

Ein lastendes, minutenlanges Schweigen entstand, während Braumeier ruhig die Unterlagen studierte. Heika versuchte, den Beamten einzuschätzen, was ihm trotz seines geübten Blickes für Menschen schwerfiel. Er war dünn, trug eine Brille, aus deren Mitte eine erstaunlich spitze Nase hervorragte und war korrekt gekleidet. Er war verheiratet, die beiden Goldreife an seinen Ringfingern waren auffällig breit und behinderten ihn am Blättern in den Unterlagen. Er nahm seine Arbeit ernst. Die Bewegungen waren kontrolliert und gefasst, aber eine situationsbedingte Unsicherheit war nicht zu übersehen. Ganz offensichtlich hatte Braumeier heute zum erstenmal Kontakt mit homosexuellen Frannen. Ihm stand für diesen Fall kein Verhaltensrepertoire zur Verfügung und er versteckte sich deshalb hinter der Maske beflissener Diensterfüllung. Heika hatte das schon häufig erlebt; es war ein Verhalten, das weniger durch Vorurteile, als durch Verständnislosigkeit geprägt war. Als Gruppe pauschal an den Rand der Gesellschaft, oft sogar aus ihr heraus gedrängt, war es gerade das Unbekannte, Fremdartige, das die Trisexuellen an Frannen wie ihm verunsicherte, ängstigte, abstieß. Aufklärung tat not, aber niemand hatte den Wunsch, aufgeklärt zu werden.

Heika wurde in seinen Überlegungen durch ein Klopfen an die Tür unterbrochen. Stefe kam mit einer Thermoskanne und Kaffeegeschirr herein, stellte seine Last wortlos auf den Tisch, um sich sofort wieder zurückzuziehen. Stefe war eine Art Hausmeister der Beratungsstelle, es hatte sein Bett im kleinsten der Zimmer, einem sargähnlichen, fensterlosen Raum, in dem auch Büromaterialien lagerten und das Kopiergerät stand. Es wohnte dort, seit es von seinen Ehepartnern, die es mehrmals krankenhausreif geprügelt hatten, in den Schutz der HoFra geflohen war. Normalerweise war man hier für solche Fälle nicht eingerichtet, dafür gab es das Frannenhaus. Selbst wenn die Not keinen anderen Weg übrig ließ, bemühte man sich, für diese Frannen schnell eine geeignetere Unterkunft als den provisorischen Übernachtungsraum zu finden. Warum man vor Jahren mit Stefe eine Ausnahme gemacht hatte, es in seiner unauffälligen, aber fleißigen Art inzwischen fast zum Mobiliar gehörte, wusste niemand mehr so genau, aber das Frann war längst unentbehrlich geworden.

Braumeier beendete endlich seine Lektüre und ließ sich Kaffee einschenken. Er legte den Ordner zu seinem Aktenkoffer, der neben ihm am Boden stand. Er räusperte sich.

„Das scheint mir auf den ersten, selbstverständlich nur oberflächlichen Blick in Ordnung zu sein. Sie werden aber verstehen, wenn ich die Unterlagen zu genauerer Prüfung mitnehme. Ich werde sie Ihnen im Verlaufe der nächsten Woche wieder zurückschicken“, sagte er. Heika nickte, obwohl es wusste, wie unüblich diese Handlungsweise war, die seiner Vorgängerin nie in den Sinn gekommen wäre. Es reichte Braumeier die Dose mit dem Zucker. Er bediente sich reichlich, gewann offensichtlich an Fassung und Selbstsicherheit. Heika entschloss sich, ihn wieder ein wenig ins Wanken zu bringen.

„Die Unterlagen in dem Ordner sind zwar nur Kopien, wir wären Ihnen aber trotzdem dankbar, wenn Sie uns die Mitnahme quittieren würden.“ Es lächelte eine Spur zu freundlich. „Im übrigen möchte ich Sie darauf hinweisen, dass das Finanzamt die Bücher der letzten Jahre geprüft hat und keinen Grund zur Beanstandung fand. Eine Ablichtung der Bescheide liegt dem Ordner bei.“

Der Blick des Beamten schätzte Heika aufmerksam ab.

„Ich habe mein Amt erst kürzlich übernommen. Ich möchte mir nur einen Überblick verschaffen“, wiegelte er ab und nahm einen Schluck Kaffee. Dann sah er sich unsicher um, als suche er nach Hilfe. „Ich würde nun gern ihre Räumlichkeiten besichtigen.“

Braumeier stellte die Tasse klirrend auf den Tisch, versuchte aufzustehen. Es misslang: Er fiel zurück in die weichen Polster. Heika, jünger und trainiert, zudem mit den Tücken der Sessel vertraut, kam flink auf die Beine und bot Braumeier seine Hand zur Hilfe an. Er tat, als würde er die dargebotene Rechte nicht bemerken. Mit einem bemerkenswerten Kraftaufwand, der eine dicke Ader auf seiner Stirn zum Schwellen brachte, kam er in die Senkrechte. Er atmete seufzend aus.

„Danke, es geht schon.“ Heika verbiss sich ein Lächeln. Die sich im Rücken des Beamten befindlichen Frannen hatten es leichter. Beide grinsten breit.

„Beginnen wir mit diesem Zimmer, es ist unser Gruppengesprächs- und Seminarraum. Hier treffen sich unter der Woche unsere verschiedenen Selbsthilfegruppen und hier findet auch die Mehrzahl unserer Kurse statt; selbstverständlich unter kompetent fachlicher und psychologischer Betreuung. Ich werde ihnen später noch einen genauen Überblick über die Seminare, ihre Leiter, die Zielvorstellungen und Erfolge geben“, erklärte Heika, Auswendiggelerntes hersagend. Braumeier nickte abgelenkt und schielte zur Seite. Heika, das den Blick bemerkte, fuhr eilig fort:

„In den Regalen hier rechts haben wir eine kleine Bibliothek mit Fachliteratur und Zeitschriften eingerichtet. Die Bücher können auch von interessierten Frannen entliehen werden.“

Braumeier rückte seine Brille zurecht und legte den Kopf zur Seite, um die Titel zu entziffern. Die Bücher schienen ihn zu beschäftigen. Dem etwas verwirrten Heika fiel auf, dass er einen ungewöhnlich langen und dünnen Hals hatte; zusammen mit dem spitzen Gesicht hatte er eine lächerliche Ähnlichkeit mit einem neugierigen Erpel. Braumeier nahm einen Band vorsichtig heraus und blätterte in ihm. Heika zog die Augenbrauen in die Höhe.

„Das ist von ihnen, ja? Sie sind doch Dr. Heika Bosch, das Autor, das einzige Frann, das je Psychologie studiert hat?“, überraschte er Heika, das ihn erstaunt ansah. Es lachte unsicher.

„Inzwischen nicht mehr das einzige. Es sind zwar leider noch wenige, aber …“ Es zögerte. „Ja, das ist eines meiner Bücher.“ Braumeier lächelte. Es war das erste Mal, dass er es tat.

„Es freut mich außerordentlich, Sie endlich einmal kennenzulernen, Frann Bosch.“ Er hob den dicken Band in die Höhe.

„Ich habe das hier und Das schwächste Geschlecht mit Aufmerksamkeit gelesen. Soweit ich es als psychologischer Amateur überhaupt beurteilen kann, sind es ganz ausgezeichnete Bücher.“

Das Buch, das Braumeier in den Händen hielt, Die versteckte Gewalt – Mechanismen der Unterdrückung homosexueller Frannen, war mit Sicherheit nicht nur Heikas schwierigstes, sondern zugleich sein am meisten kämpferisches Buch. Ein bislang als bieder eingeschätzter Beamte las komplexe psychologische Fachliteratur. Heikas Bild von dem Mann wurde erschüttert. Und gleichzeitig konnte es befreit lächeln. Wenn er ein Bewunderer seiner Literatur war, dann stand es vielleicht doch nicht so schlecht um den Zuschuss der Stadt, bei dem Braumeiers Wort ja ein entscheidendes Gewicht hatte. Heika griff eilig nach einem Buch im Regal und reichte es dem Beamten.

„Das ist mein neuer Titel. Es würde mich freuen, es ihnen als Geschenk zu überlassen.“ Er nahm erfreut den Band in die Hand.

Die Kluft„, las er, „Die nepotische Psychose als Lebenslüge im Alltag. Das ist wunderbar. Ich habe schon davon gehört und einen lobenden Artikel darüber im Science Magazine gelesen. Ich bin sehr interessiert daran. Wenn Sie mir eine Widmung hineinsetzen könnten, wäre das einfach …“

„Aber selbstverständlich“, fiel ihm Heika ins Wort. Die beiden lächelten sich an, verstanden sich.

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