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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 10 – Teil 2)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

10. Kapitel
Der Weg, der in den Tag führt

»Das verspreche ich dir.«

»Das will ich dir auch geraten haben.«

Selin nickte und lächelte optimistisch. Aber seine Gesichtszüge wurden augenblicklich ernst und sorgenvoll, nachdem sich das Mädchen von ihm abgewendet hatte und die Kuppel auf dem weißen Sand, der auf ihr lag, mehr hinabrutschte, als hinunterstieg. Unten angekommen, drehte Semira sich noch einmal um und winkte, dann folgte sie eilig den Spuren, die die beiden vorhin im Sand hinterlassen hatten, als sie vom Lager zu dem Vorgängergebäude gegangen waren. Die geschützte Stelle, an der Tante Sirtis, Alis, der seltsame Mönch Adelph, Juel und sein schweigsamer Diener Tonino auf ihre Rückkehr warteten, war nur eine knappe halbe Stunde Fußmarsch entfernt, lag aber gut versteckt in einer Senke und war von der Kuppel und auch von den fernen Hügeln aus, wo ihre Verfolger aufgetaucht waren, nicht zu sehen. Wenn jedoch der Spähtrupp der Armee des „Unterwerfers“ seine Stoßrichtung beibehielt – und ganz danach sah es für Selin aus -, würde er unweigerlich auf die Flüchtigen stoßen. An einen Kampf war nicht zu denken. Selbst Juels Tricks würde sie nicht vor den gut ausgebildeten und schwer bewaffneten Treuwächtern retten. Die einzige, die sich vielleicht der Soldaten hätte erwehren können, wäre Semiras ehemalige Dienerin Jalah gewesen, doch sie hatte sich am östlichen Stadttor von Karukora von der Gruppe getrennt, um ihre Beute zur Diebesgilde zu bringen.

Deshalb war es die einzige Chance der Flüchtigen, noch vor den Verfolgern die Kriegszone der Kampfmaschinen zu erreichen und geschützt durch den merkwürdigen Schlüssel, den sie aus dem Falkenthron gestohlen hatten, Richtung Pardais weiterzuziehen. Dorthin konnte ihnen die Armee des Namenlosen nicht folgen. Auch wenn sie nach sie nach den Maßstäben von Selins Jahrhundert hervorragend ausgerüstet und mächtig war, hatte sie doch gegen die Golem-Heere, die sich jede Nacht auf den Ebenen bekriegten, nicht die geringste Chance. Aber zuerst musste Selins kleiner Trupp in dieses Gebäude gelangen, auf dem er stand. Juel hatte es als Haltestelle einer Vorgänger-Untergrundbahn identifiziert. Wie sollte es Selin gelingen, hier einzudringen?

Er stampfte einmal fest mit dem Fuß auf die Glasfliese, die er vorhin vom Sand befreit hatte und erzeugte damit keinerlei Wirkung. Außer einem Knacken in seinem Bein war nicht einmal ein Geräusch zu hören. Wie dick war diese Glasdecke und konnte er sie überhaupt mit Gewalt zertrümmern? Selin bezweifelte es. Er kniete sich wieder hin und fegte sorgfältig auch von den Rändern der Fliese den Sand weg, bis er ihre Fugen komplett freigelegt hatte. Das Glasquadrat war etwa zwei Fuß auf zwei Fuß groß und er würde sich durch die entstehende Öffnung quetschen können – falls es ihm gelang, die Fliese aus ihrem Verbund zu lösen. Selin kratzte mit einem Fingernagel an dem Fugenmaterial, das sich jedoch nicht wie erhofft bröcklig, sondern fest wie massiver Stein anfühlte. Das musste er den Vorgängern lassen: Ihre Bauwerke, auf die man überall auf der Welt und auch hier in der Wüste häufig stieß, waren für eine Ewigkeit errichtet; auch wenn es inzwischen meist nur leere Hüllen waren, die, falls sie zugänglich waren, bereits vor langer Zeit ausgeräumt und geplündert worden waren. Doch einige wie diese Kuppel hier, waren versiegelt und verbargen die unglaublichsten Dinge, wenn Selin den alten Geschichten und Märchen seines Großvaters glauben durfte. Durch die Erfahrungen der letzten Zeit hatte er nur noch wenig Zweifel.

Er seufzte. Leider kannte er das Zauberwort nicht, das diese Schatzhöhle öffnen konnte, und deshalb musste er wohl oder übel auf die Trickkiste von Juel zugreifen, aus der ihm der pfiffige Dicke für die Erkundung der Kuppel einige Dinge mitgegeben hatte. Selin holte eine unscheinbare Tube aus seiner Tasche, aus der er eine dunkelgrüne und scharf riechende Paste rundherum auf die Fugen der freigelegten Fliese presste und sie sorgfältig feststampfte. Dann nahm er seine Trinkflasche vom Gürtel. Er nahm einen Schluck von dem brackigen, aber wertvollen Wasser in ihr.

»Allzu viel ist nicht mehr drin«, stellte er fest, als er die Flasche ans Ohr hielt und sie schüttelte. Da die Flüchtigen seit Tagen nicht mehr auf eine Wasserstelle gestoßen waren, war dies der kümmerliche Rest, der ihm blieb. Eine weitere Sorge: Selbst wenn seine Gruppe den Treuwächtern entkamen – falls sie nicht bald auf eine Quelle stießen, würden sie bald verdurstet sein. Alles hing nun von Selin ab und diese Verantwortung drückte ihn nieder. Voller Bedauern drehte er seine Flasche und schüttete das restliche Wasser auf die Paste, so, wie es ihm Juel erklärt hatte. Dann trat er eilig zurück.

Die grüne Masse, die sofort mit dem Wasser reagierte, begann sofort zu dampfen und über den Rändern der Fliese schaumige Blasen zu schlagen. Sie selbst wurde nicht davon angegriffen, aber die Paste war in Verbindung mit einer Flüssigkeit eine aggressive und giftige Säure. Sie fraß sich langsam in das scheinbar so unzerstörbare Fugenmaterial. Was keine Anstrengung von Selin geschafft hätte, gelang der Säure aus Juels Hexenküche mühelos. Wie lange es allerdings dauern würde, bis sie ihre Arbeit erledigt und die Fliese aus ihrem Verbund herauslöst hatte, konnte Selin nicht abschätzen.

Er sah sich erneut um. In der Zwischenzeit war die Sonne ein gutes Stück tiefer gesunken. Sie würde bald hinter den Hügel in Selins Rücken tauchen und das fast im Sand begrabene Gebäude würde in seinem Schatten liegen. Semira konnte er nicht mehr entdecken und auch der Spähtrupp war aus seinem Gesichtsfeld verschwunden, doch er hatte keinen Zweifel daran, dass beide sich schnell auf das Lager der Flüchtigen zubewegten. Es war nur einem glücklichen Zufall zu verdanken gewesen, dass er die Soldaten vorhin überhaupt entdeckt hatte. Wenn das Mädchen sich beeilte – und davon ging er aus -, musste sie bald auf die anderen stoßen und sie aufschrecken. Noch immer schwappte die kaum übersehbare schwarze Masse der Soldaten des Namenlosen wie eine sich ausbreitende Seuche über die fernen Erhebungen am Horizont. Dieser Aufmarsch schien kein Ende nehmen zu wollen. Hatte der „Unterwerfer“ seine gesamten, in Karukora stationierten Armeeteile aufgeboten, um sie auf diese Menschenjagd zu schicken? Saß er vielleicht selbst auf einem der Kriegsmachmouts an der Spitze des gewaltigen Heerzuges und gab seine Befehle? Warum schoss er mit Kanonenkugeln auf Insekten? Selin konnte es nicht fassen und er bekam trotz der Hitze eine Gänsehaut. Was hatte sein Großvater nur auf dem Zettel geschrieben, den Juel in seinem Auftrag auf der Sitzfläche des Falkenthrons hinterlassen hatte, das den Namenlosen so wütend gemacht hatte, dass er seine Stadt entblößte und seine ganze Armee hinter ihnen herjagte?

Etwas knirschte und danach klirrte ein hohes Geräusch in Selins Ohren. Die Säure hatte sich schneller als erwartet durch die Fugen gefressen und die schwere Glasfliese, die ihren Halt verloren hatte, stürzte einfach nach Innen. Sie fiel polternd und schlug nach ein paar Augenblicken schwer tief unten am Grund des Gebäudes auf. Selin machte einen Schritt nach vorn, um in das entstandene Loch zu blicken, aus dem ein kühler Hauch und abgestandene, überraschenderweise nach Zimmet riechende Luft drangen. Dann ging alles viel zu schnell für ihn. Der Grund unter seinen Füßen war plötzlich nicht mehr stabil. Die Statik der Kuppel, die ganze Zeitalter überdauert und Sandstürmen, Erdbeben und Meteroritenhagel unbeschadet überstanden hatte, war zerstört. Das Gewicht von Selin reichte aus, dass mit einem hässlichen Knacken weitere Fliesen einbrachen. Er schrie entsetzt auf, wollte zurückweichen. Doch seine Reaktion kam zu spät. Plötzlich hatte er keinen Boden mehr unter den Füßen und fiel durch den entstehenden Einsturz in die Tiefe.

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[Fortsetzung der Geschichte am nächsten Freitag …]

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 10 – Teil 1)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

10. Kapitel
Der Weg, der in den Tag führt

Selin wischte die dünne Sandschicht beiseite, die der nächtliche Sturm auf das kuppelförmige Gebäude geweht hatte, das sich hier am nördlichen Rand der Ebenen wenige Fuß über die Dünen hinaus erhob, dessen Boden aber viel, viel tiefer unter dem Wüstenstaub begraben liegen musste. Er hustete und schob sich seinen schützenden Schal vor Nase und Mund. Dann sah er zurück zu Semira, die etwas unter ihm kauerte. Wie auch Selin trug sie die weite, wallende Kleidung der Wüstenwanderer und es war kaum zu erkennen, dass sich unter ihr eine junge, schlanke Frau verbarg. Der junge Mann winkte ihr zu und sie kam vorsichtig näher, achtete darauf, beim Höhersteigen in die Fußstapfen ihres Freundes zu treten.

»Da, schau, Juel hat sich nicht getäuscht.« Selin deutete auf eine leicht gewölbte Glaskachel, die er gerade vom Sand befreit hatte. »Das ist wirklich ein Gebäude der Vorgänger und wir stehen auf dem Dach.«

Er beugte sich weiter herab und versuchte vergebens, durch das dicke Glas ins Innere zu spähen, doch die Oberseite der Kachel war von den Jahrtausenden, in denen sie ungeschützt der Wüste ausgesetzt war, vom Sand trübe geschliffen und zerkratzt. Es gelang ihm nicht, in der Finsternis unter dem Glas etwas zu erkennen. Er zuckte mit den Schultern und stand auf.

»Ich weiß wirklich nicht, woher er das weiß, aber wenn das tatsächlich der uralte Bahnhof ist, von dem Juel sprach, von dem aus der URS in Richtung Paradis fährt … Dann frage ich mich, wie wir in ihn hineingelangen können.«

«Vielleicht weiß ja Adelph einen Weg. Der Mönch behauptet doch, er könne durch Wände sehen«, erwiderte Semira und stellte sich neben ihren Freund.
Die beiden standen fast am höchsten Punkt der im Sand versunkenen und von einer Düne halb begrabenen im Durchmesser sicherlich fünfhundert Fuß breiten und etwa achtzig Fuß über die Wüste hinausragenden Kuppel. Da die Umgebung hier am Rand der Schlachtfelder des Ewigen Krieges hüglig anstieg, konnten sie viele Meilen in die Tote Wüste hineinblicken. Obwohl der Nachmittag schon fortgeschritten war, stand die Sonne noch strahlend im Südwesten und sandte erbarmungslos ihre Hitze herab, die die Luft über dem Sand zum Flimmern brachte und jeden Atemzug zu einer brennenden Qual werden ließ, jeden Schritt zu einem Kampf. Im Rücken der beiden, hinter der Hügelkrone, breiteten sich die legendären Ebenen aus, auf denen in jeder Nacht die Golem-Armeen kämpften, von denen jeder Einwohner Karakoras schon gehört, die aber nur die Wagemutigsten und Tollkühnsten unter ihnen jemals zu Gesicht bekommen hatten. Auch Semira und Selin wussten nicht, wie es hinter dem Hügel, der ihnen die Sicht in die östliche Richtung versperrte, aussah.

»Da, schau!« Semiras scharfe Augen hatten weit im Westen knapp über dem Horizont eine Bewegung ausgemacht und sie machte Selin darauf aufmerksam. Er kniff die Augen zusammen. Richtig, dort war plötzlich eine Staubwolke aufgetaucht, die langsam höher stieg und breiter wurde. Selins Mundhöhle wurde noch trockener, als sie dies durch den vielen Sand, den er geschluckt hatte, bereits schon war.

»Was ist das – etwa schon wieder ein Sandsturm?«

»Ich glaube nicht. Da kommt etwas anderes auf uns zu. Ich hoffe …«, erwiderte Selin und holte aus seiner ledernen Schultertasche, in der er einige der nützlichen Vorgängergerätschaften aus Juels Kaufmannswagen mit sich trug, ein kleines Fernglas uns spähte in die Richtung, in der der aufgewirbelte Staub über dem Horizont lag. Die beiden Okulare waren Vorgänger-Techné und summten leise, als sich ihre Linsen scharf stellten und die Ferne fast greifbar nah heranholten. Kein zeitgenössischer Linsenschleifer war in der Lage, solch ein präzises Instrument mit einer solch starken Vergrößerung herzustellen. Selin fragte sich erneut, wie das Fernglas und andere Dinge, die Juel während ihrer mühseligen Reise durch die Tote Wüste immer wieder hervorgekramt hatte, in den Besitz des gewitzten Meisterdiebs gelangt waren. Dann erkannte er, was er dort in weiter Ferne sah und sein Mund klappte nach unten.

»Unsere Verfolger haben uns eingeholt«, sagte er heiser, »spätestens morgen Abend werden sie hier sein. Da, schau selbst …«

Er reichte das Fernglas an Semira weiter, die beim Hindurchsehen ein nicht gerade mädchenhaftes wendisches Schimpfwort durch die Zähne stieß.

»AsQ‘atak kjet‘Ba! Das müssen ja tausende Soldaten sein!«, stellte sie fassungslos fest.

»Ja, es scheint, als würde uns die gesamte Armee der Treuwächter des Namenlosen jagen.«

Die fernen Dünen am Horizont waren schwarz von einer riesigen Kolonne Soldaten und Streitwägen, die in lockerer Marschformation langsam in ihre Richtung kamen. An der Spitze stapfte ein Dutzend großer Tiere durch den Sand.

»Der „Unterwerfer“ hat sogar seine Kriegs-Machmouts dabei! Was für ein Aufwand, um eine Handvoll Flüchtlinge zu jagen«, staunte Semira, die fasziniert auf die Ameisenarmee starrte, die die fernen Hügel überschwemmte.

»Unglaublich. Wenn es dich so furchtbar wäre, müssten wir uns geschmeichelt fühlen. Augenblick …« Selin hatte etwas Beunruhigendes entdeckt und nahm seiner Freundin das Fernglas aus der Hand. Er fixiert einen Punkt, der der Kuppel viel näher als die Kolonne des Namenlosen war. Nun war er es, der einen derben Fluch ausspuckte.

»Beim Thsaq‘r der Allerbarmerin!«, rief er und deutete nach vorn. »Dort hinten, gar nicht mehr weit vom Lager entfernt, treibt sich ein Trupp der Treuwacht herum. Wie haben wir die bisher übersehen können? Das müssen Späher sein und wenn sie sich in ihrer Richtung weiterbewegen, werden sie noch vor Sonnenuntergang auf uns stoßen. Das müssen um die zwanzig Soldaten sein. Gegen diese Übermacht hätten wir keine Chance. Wir müssen die anderen auf der Stelle warnen.«

Semira runzelte die Stirn.

»Und was ist mit dieser Kuppel? Wenn wir keinen Eingang in sie hineinfinden, dann werden wir ihnen nicht entkommen können.«

»Du hast recht«, überlegte Selin. »Wir werden uns trennen, das ist das Beste. Du warnst unsere Freunde vor dem Spähtrupp. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, sich vor ihnen zu verbergen. Ich werde inzwischen – wie wir ursprünglich vorhatten -, versuchen, ins Innere des Gebäudes zu gelangen und es dort aus zu öffnen.«

Das Mädchen nahm die Hand ihres Freundes und drückte sie.

»Ist das wirklich eine gute Idee? Du wirst allein sein und du weißt nicht, was dich dort unten erwartet.«

Selin nahm seinen Schal vom Gesicht.

»Es ist das einzige, was mir einfällt. Und in der Kuppel sollte es seit dreitausend Jahren nichts Lebendiges mehr geben.«

»Es sind nicht die Lebenden, die ich fürchte …«, erwiderte Semira. Ihr fiel Sahars grausame Geschichte von den gefährlichen Golemen und dem unheimlichen Untoten aus der Zeit der Vorgänger ein. Sie presste sich an Selin. Sie hatte für ihn ihr ganzes Leben geopfert und die Vorstellung, ihn zu verlieren, war grausam. Am Liebsten hätte sie ihn nie mehr losgelassen. Der junge Mann las in ihren tränenfeuchten Augen und schluckte, zog sie ungestüm an sich. Seit Semira sich entschlossen hatte, ihre Eltern und Karukora mit ihm zu verlassen, was für ein Mädchen aus gutem Hause den völligen Ruin und für ihre Familie eine nicht wieder gutzumachende Schande und gesellschaftliche Isolation bedeutete, war aus der Verliebtheit ihrer eher spielerischen als ernstzunehmenden Zuneigung eine tiefe Liebe geworden, deren Feuer mit jedem Tag und jeder gemeinsam verbrachten Nacht heller und heißer brannte. Die beiden küssten sich und für einen kurzen Moment war alles vergessen: Die Tote Wüste, die Soldaten des Namenlosen, selbst Pardais; von dem die beiden eh nicht träumten, weil sie ihr persönliches Pardais längst beieinander in den Armen des anderen gefunden hatten.

»Möge die Allerbarmende dir ihren Segen geben und dich begleiten und beschützen«, flüsterte Semira nach einer Weile und machte sich widerstrebend von ihm los. »Ich eile zu unserem Lager und führe dann alle hierher. Ich will dich gesund wiedersehen.«

»Das verspreche ich dir.«

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Neuerscheinungen 2018

In der nächsten Woche kehrt hier der Alltag wieder zurück. Ich werde in leichtverdaulichen, wöchentlich erscheinenden Häppchen (1) die Vorveröffentlichung der Romane, die ich in diesem Jahr veröffentlichen will, fortsetzen. Für mich sind diese noch unredigierten und nicht korrigierten „Beta-Versionen“ meiner Texte aus zwei Gründen wichtig: Zum einen zwingt mich der strenge Wochenrhythmus, konzentriert an den Werken weiterzuarbeiten, zm anderen merze ich auf diese Weise sehr viele Flüchtigkeitsfehler aus und erstelle ganz nebenzu die Druckversion für die Veröffentlichung. Ich weiß, dass diese „Fortsetzungsromane“ in diesem allzu flüchtigen und vergesslichen Medium kaum oder gar nicht gelesen werden, aber der Blog hat längst den Anspruch verloren, Leser mit netten, unterhaltenden Geschichten aus meinem Alltag und meinen Weisheiten über die Literatur und die Welt im Allgemeinen anzulocken. (2)

Der Blog „Aber ein Traum“ dient mir inzwischen als erweiterter Schreibtisch; als Fortsetzung meiner Autorenarbeit mit anderen Mitteln: Zuerst ist da selbstverständlich die Fantasie, dann die erste handschriftliche Textversion in einem Notizbuch, anschließend die Libre-Office-Datei (3), der die „Vorveröffentlichung“ auf diesem Blog folgt, eine weitere Überarbeitung und oft auch Erweiterung und Neustrukturierung des Textes und schließlich das Buch, das ich als Selfpublisher drucken, lektorieren und dann auf die literarisch interessierte Welt loslasse. Fehler finden sich dann immer noch zur Genüge, so dass ich z. B. beim 1. Geltsamer-Band: Die Frau, die der Dschungel verschluckte bereits bei der 7. überarbeiteten Auflage bin. Jeder Text wandert also aus meinem Geist zuerst ins Analoge, gelangt anschließend ins Digitale und kehrt schließlich ins Analoge zurück.

Und so sieht mein Plan aus:

Montag

Mein Schlüsselroman Die Wahrheit über Jürgen (260 Seiten) über das Augsburger Kunst- und Kulturleben in den 90er Jahren.
Er wird in seiner endgültigen Fassung Ende März, Anfang April d. J. veröffentlicht.

Mittwoch

Ab dem 10. Januar beginne ich mit der Vorveröffentlichung des 3. Teils meiner Geltsamer-Trilogie in 5 Bänden.
Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Teil 3: Das Gulag des Dmitrj Alexandrowitsch Krakow

Der fertige Roman (250 Seiten) soll im September 2018 erscheinen

Freitag

Freitags schließlich setze ich das Prequel zu meiner Fantasy-Trilogie Brautschau fort:
Der Weg, der in den Tag führt

Lange angekündigt und verschoben, weil sich diese Geschichte – 600 Seiten –  nicht in dem ursprünglich geplanten Umfang fertigstellen ließ, werde ich sie veraussichtlich erst im ersten Halbjahr veröffentlichen.

Ich werde oft gefragt, wie ich das alles zeitlich hinbringe und meine ehrliche Antwort ist: Das weiß ich auch nicht. Trotzdem hat es im letzten Jahr geklappt und ich hoffe, dass mir meine ehrgeizigen Pläne auch 2018 gelingen. Falls mich jemand auf meinem „Weg, der in den Tag führt“ unterstützen will, findet er/sie in der rechten Bildleiste die Links zu meinen Büchern. Mit jedem verkauften Buch fällt es mir leichter, meine Arbeit zu machen. Ich freue mich selbstverständlich über jeden, auch kritischen Kommentar.

Danke!

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(1) Jeweils montags, mittwochs und freitags wird pünktlich um 08:30 Uhr ein etwa 1200 Wörter langer  Abschnitt – das sind 8 Buchseiten – aus meinen zur Veröffentlichung anstehenden Werken erscheinen.

(2) Der Sammelband Noch einmal davon gekommen (230 Seiten, illustriert) mit den überarbeiteten und teilweise stark erweiterten Glossen und Artikeln aus den letzten fünf Jahren dieses Blogs verkauft sich trotz überschwänglicher Kritiken der wenigen Leser überhaupt nicht. Das will offenbar niemand von mir lesen.

(3) Ich finde WORD umständlich, überladen und unübersichtlich, es ist eine furchtbare Textverarbeitung. Deshalb arbeite ich seit Jahren mit der kostenlosen Open-Office-Alternative LibreOffice. Die hat zwar auch ihre Macken, ist für mich als Autor aber eindeutig das bessere Programm.

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil 4

Vier Helden mit zwölf Füßen traten in den dich­ten, bei­ßenden Nebel, der wie ein Leichentuch auf der Winter­wunderwelt des Karlnalrumpel­stilzchens lastete und wurden von ihm ver­schluckt. Ne­beneinander, nur durch eine Hundeleine miteinan­der ver­bunden, gingen stumm und ent­schlossen: Ömer Özgür, eine Geheimwaffe in der Tasche, von der außer ihm noch nie­mand etwas wusste, stolzer Besitzer der Imbissbude Traum vom Bosporus, er hielt seinen Dönerspieß wie ei­nen Speer nach vorn in die verwaschene Düsternis ge­streckt, in der man keine zwei Schritte weit sehen konnte, dane­ben trottete besorgt Karl-Heinz, der große, alte Weih­nachtshund, der letzte seiner Art, der noch Zähne zum Zubei­ßen fletschen und schwere Walnüssen aus sei­nem Sack schleudern konnte und an sei­ner Seite ging der treue Singin‘ Sam, der Esel, dessen Zunge wie eine Peitsche zu­schlug und dessen Gesang die Reihen des Fein­des zum Erzit­tern bringen konnte. Das Grautier, dass trotz sei­ner Vorliebe für Weihnachts­punsch leider keine rotleuchtende Nase besaß wie sein Vetter Ru­dolph, das Rentier, eine Schnauze, die die Szenerie hätte erhellen können, summte leise die Melodie von „Auf in den Kampf, Torero“ vor sich hin. Die drei mutigen Re­cken folgten wie die drei Weisen aus dem Morgenland ihrem Stern: Jan Philipp Rabenhorn, dem letzten Ritter des ed­len Ge­schlechts der Ceratias-Corvus, der die Faust so fest um den Griff seines orange schimmernden, in El Ixir ge­tauchten Schwertes ge­klammert hielt, dass seine Knöchel weiß hervortra­ten. Ihn leitete sein Instinkt sicher durch den dichten Nebel.

Noch nie hatten die uralten Hallen unter Bromberg solch mu­tige, zu allem entschlossene Helden gesehen und noch nie war auch so viel auf dem Spiel gestanden. Nachdem das Quartett eine gefühlte Ewigkeit unterwegs war und zumindest in Ömer ein erster Zweifel auftauchte, ob sie auf dem richtigen Weg und nicht von dem selben abge­kommen wären, erklangen direkt vor­aus dumpf klatschen­de Geräusche und es waren ein paar farbi­ge Lichter in dem stumpfen Weiß auszumachen, das sich end­lich et­was lichtete und eine ungesunde, giftig-grüne Färbung an­nahm. Mit heftigem Schwefelgestank wehte eine üble Bri­se die letzten Reste der Nebelschwaden hinfort und die vier Hel­den waren an ihrem Ziel angelangt: Dem Nest des großen Karl­nickels.

Die Halle erinnerte hier an einen noch tätigen Höllen­vulkan, an dessen Rand sie nun standen und hinunter starrten. In sei­ner Mitte, zu der das nach Kohl, altem, fet­ten Hack und faulen Eiern dünstende Gelände flach abfiel, brodelte eine gewaltige Grube, in der ein hellloderndes Feuer brannte. Davor kauerte wie ein Schattenriss eine dunkle, gigantische Gestalt mit zwei langen, spitzen Oh­ren, die bis zur Decke reichten, von der kaum zählbar viele dicke Wurzelstränge teilweise bis zum Bo­den herabhin­gen. Die meisten von ihnen sahen aus, als hätte eine Biberarmee sie angefressen. Die Grube ihres Gegners – denn niemand anderes als der Karlnickelkönig saß dort am Feu­er und briet sich etwas Undefinierbares in einer monströsen Bratpfanne, während er ih­nen seinen schwar­zen behaarten Rü­cken zuwandte – diese Grube musste di­rekt unterhalb des gro­ßen Pinkelbaums liegen, der den Weihnachtsmarktplatz von Bromberg zierte und in den letzten Jahren schon recht ange­schlagen und vertrocknet gewirkt hatte; weshalb der Stadtrat, der um seine Bedeu­tung wusste, die Weih­nachtsbeleuchtung das ganze Jahr über hängen ließ.

Rabenhorn wollte schon entschlossen auf den übermäch­tigen Gegner losstürmen, als ihn Ömer in die Rippen stieß und zur Seite deutete, wo völlig unbewacht einige Gefängniskäfige am Kraterrand standen, von denen nur einer belegt war: MARIE-THERES! Rabenhorn fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatten sei­ne Chefin gefunden und sie lebte noch, winkte aufgeregt zu ih­nen herüber. Selt­sam, der Lektor hatte das Gefühl, der Kohlge­stank ginge von ihr aus, ein Gefühl, das sich mit jedem Schritt, mit dem er sich ihrem Gefängnis näherte, verstärkte.

‚Schichtkohl, die Kienbauer riecht nach Schichtkohl. Wahr­scheinlich hat sie wieder mal diese Scheußlichkeit ge­kocht und der Karlnickelkönig hat sie deshalb noch nicht gefressen, weil sie so stinkt‘, erkannte er plötzlich erfreut. Ihre Vorliebe für diese unbeschreiblich grauenvolle Speise hatte sie gerettet. Auch Karl-Heinz verzog angewidert die Schnauze und sogar Singin‘ Sam, den normalerweise nichts aus der Ruhe brachte, bemerkte zur Seite:
„Boah, eh, Babo! Die alte Chick müfft vielleicht. Ist das krass!“

Nur Ömer weitete verzückt seine Nasenflügel, schnup­perte den Duft, der von der Gefangenen ausging und ihm ging das Herz auf. Hier roch es wie hinter seiner Döner­bude und ein hef­tiges Heimweh befiel ihn. Sein dunkel schmachtender Blick kreuzte den blauäugigen von Marie-Theres und wenn jemals zwei Seelen durch ein Augen­blinzeln zu einer verschmolzen, dann waren es die des Türken und der Verlegerin. Mit einem laut klirrenden Schwerthieb durchtrennte Rabenhorn die Kette mit dem Vorhän­geschloss, die das Gefängnis versperrte und an ihm vorbei stürz­te zu seiner Verblüffung eine ziemlich de­rangierte, aber vollkom­men unversehrte Marie-Theres und landete aufschluchzend in den starken Armen von Ömer.

‚Da wird der arme Friederbusch in der nächsten Zeit ein paar traurige Bücher abliefern‘, dachte Rabenhorn, ‚aber ein Dichter sollte ja leiden, wenn er Großes vollbringen will.‘

Seine Nackenhaare standen plötzlich zu Berge, denn er hörte ein mächtiges Grunzen hinter sich und ein Ge­räusch, als wür­de sich ein Berg erheben. Der Lärm, den er mit seinem Gewal­thieb gemacht, hatte die Aufmerksam­keit des Karlnickelkönigs erweckt, der sich nun unten am Feuer zu seiner ganzen Größe aufrichtete und donnernd mit dem Kopf gegen die Decke schlug. Oben auf dem Weihnachtsmarkt um den großen Pinkel­baum wurde durch dieses mittlere Erdbeben viel Glühwein ver­schüttet und die Brat­würste glitten aus ihren Brötchen. Überall rieselte Erde wie dün­ne Wasserfälle herab in die Höhle. Noch so eine Erschütterung und die Decke würde einstür­zen, mitsamt den Feiernden oben und allen Buden und Würstchen- und Punschständen, erkannte Rabenhorn. Das schwarze Ungeheuer ließ einen schrillen Pfiff ertö­nen. Fast gleichzeitig tauchten am Kraterrand unzählige kleine Karlnickel auf, gefährliche, scharf­zahnige und zähe Bies­ter, die sich unvermittelt mit einem Auf­schrei auf die Helden und die gerettete „Jungfer“ stürzten.

„Das wird jetzt übelst derbe, Bro“, murmelte der Esel und er sollte recht behalten:

Es wurde jetzt oberübelst, uzverdammt derbe. Was nun folgte, ging in die Annalen der Stadt Bromberg als „Die Große Schlacht in den Weihnachtshöhlen“ ein. Jeder hat sie mehr oder weniger begeistert in der Schule als Pflicht­lektüre lesen müssen und sie und die Heldentaten der Tapferen brauchen daher an dieser Stel­le nicht erneut er­zählt werden. Weniger bekannt ist vielleicht, dass die Schlacht nie einen Sänger gefunden hätte, der von ihr in seinem Heldenepos berichtete, wenn nicht Ömer Özgür, der Im­bissbudenbesitzer, den Tag gerettet hätte. Er zog eine kleine Pfei­fe hervor und blies in der höchsten Not in sie, gerade, als die Re­cken von den Massen der Karlnickel aus­sichtslos umflutet und eingekreist waren, ihr König sich schon mit stampfendem Schritt, die Bratpfanne wie eine Keule schleu­dernd, genähert hat­te. Seltsam – nichts war zu hören… und doch!

„In diesen Grenzen mit des Herrschers Ton Mord rufen und des Krieges Hunde entfesseln …,“ zitierte Ömer mal wieder sei­nen Lieblingsautor, erneut aus Julius Cäsar, wie Rabenhorn wohlwollend registrierte. „Dass diese Schand­tat auf der Erde stinke von Menschenaas, das um Bestat­tung ächzt!“

Und die Hundepfeife wirkte! Von überall kamen sie, von allen Seiten. Sie stürmten den Hang hinab, die Hunde und Esel des Krieges, die nur auf ihr Signal gewartet hat­ten: Karl-Georg, der gewaltige Dobermann, Karl-Gustl, der Berner Sennenhund, Car­los-Santana, der schwarze Pudel, Karl-Maria, der kurzbei­nige Dackel und all die an­deren Weihnachtshunde mit ihren ro­ten Mützen und den Säcken voller Hundetrockennahrung und unter ihnen Jumpin‘ Jack, Hoppin‘ Hermann, Cryin‘ Clause und Hummin‘ Henry, die Brüder von Singin‘ Sam. Ihr Kriegs­gesang erschütterte erneut die Halle und wie Haie stürzten sich die Weihnachtstiere in die Fluten der bösar­tigen Karlnickelar­mee, brachten sie zum Wanken, gar zum Zurückweichen! Es war eine entsetzliche Schlacht, der das Heldenquartett stau­nend und in letzter Sekunde glücklich gerettet wie einem ab­surden Theater­stück bei­wohnte.

Da zupfte Karl-Heinz den Rabenhorn mit der Schnauze am Är­mel.

„Haben wir nicht noch etwas zu erledigen?“, fragte er.

„Du kannst sprechen?“ Rabenhorn nickte. „Karlnickel­klar, du kannst es. Warum eigentlich auch nicht?“ Er sah hinüber zu dem Karlnickelkönig, der nun ziemlich verlas­sen vor seiner Feu­ergrube stand und mit wilden Flüchen vergeblich seine Un­tertanen zum Widerstand aufrief, der längst gebrochen war. Heillose Flucht war das Gebot der Stunde.

„Dann komm“, sagte der Held von Bromberg zu seinem treu­en Hundegefährten, hob das funkelnde, zu unser aller Glück nicht singende, sondern ungewöhnlich schweigsa­me Schwert und trat dem Monster entgegen, „retten wir Weihnachten.“ Tiefe Zuver­sicht erfüllte das heldenhafte Herz des Lektors und mit seinem ersten Hieb durchtrenn­te er bereits den Fuß des Ungeheuers. Die abgeschlagene Gliedmaße flog durch die Luft und als sie auf dem Boden landete, verwandelte sie sich in pa­nisch umherirrende, ge­geneinander rempelnde und stolpernde kleine Karlnickel.

„Das ist für Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Sies­ta Or­tega y Cuerno del Cuervo“, rief er und mit jedem Namen seines Vorfahren, den Rabenhorn rief, trieb er sein mit El Ixir behan­deltes Schwert erneut in den Bauch des Monsters. Aus dessen Wunden sprudelten kein Blutfontä­nen, sondern unzählige Karl­nickel. Der König wankte, die Bratpfanne entglitt seinen plötz­lich wieselflink davon flit­zenden Fingern, die wie der Rest seines Körpers aus sei­nen fliehenden Untertanen geformt gewe­sen wa­ren. Dann fiel er zu Boden. Rabenhorn hob ein letztes Mal sein Schwert, den gewaltigen Kopf vom Körper zu tren­nen.

„Halt ein!“, rief da plötzlich eine bekannte Stimme. Karl-Heinz, der sich in ein Organ des Karlnickelkönigs verbis­sen hatte, das in einem Märchen nicht erwähnt werden darf, und Rabenhorn wir­belten erschrocken herum. Hinter ihnen standen Karl-Nickel, der Karlnickellaus-Rumpel­stilz und der ebenfalls längst verstorbene Hubert Emanuel Kienbauer. Beide wirkten sehr lebendig. Raben­horst fühlte sich wie am Ende von Star­Wars VI.

„Halt ein, sonst wird an Ostern die Welt untergehen!“, schluchzten die beiden. „Denn wer soll den Kindern ihre Eier verstecken – etwa ein Osterhund?“
Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal er­zählt werden soll …

ENDE DES ERSTEN BUCHS
Fortsetzung folgt in
Karl-Heinz und Herbert, das Osterkarlnickel

Rabenhorn klappte sein Prüfexemplar von Karl-Heinz, der Weihnachtshund zu, legte es vorsichtig auf seinen Schreib­tisch und sah zum Panorama­fenster aus dem 8. Stockwerk hinaus. Inzwischen däm­merte es und in den Häusern un­ten in der Stadt erstrahl­ten die ersten Weihnachtsbäume. Endlich schneite es di­cke Flocken.

Obwohl der Lektor sich inzwischen mit Frieder­buschs neuestem Werk arrangiert hatte und er ein­sah, dass ein er­folgreiches Buch fortgesetzt gehörte, war er mit dem Schluss nicht ganz glücklich. Dieses Ende war besser als das originale, in dem der Autor alle Protagonisten hinge­schlachtet hatte – wahr­scheinlich waren dies die Nachwir­kungen der Tren­nung von Marie-Theres Kienbauer, die mit einem Dönerbudenbesitzer durchgebrannt war. Nein, so war das entschieden bes­ser; schließlich hatte er per­sönlich, der große Jan Phi­lipp Rabenhorn, das letzte Kapitel des Weihnachts­hundes nach Jahren der Schreib­blockade selbst verfasst. Aber irgend etwas fehlte.

Er starrte in das wirbelnde Schneegestöber vor sei­ner Fensterscheibe und sann nach. Gut, der Ge­schichte fehlte entschieden eine kluge Katze, aber die konnte er ja in eine der geplanten Fortsetzungen hin­ein schreiben. Es war et­was anderes; ein bohrendes Gefühl verblieb in ihm, dass er etwas vergessen hat­te. Sein Blick fiel auf seinen großen, zotteligen Hund, der friedlich auf dem Sisalteppich schnarchte und nun wie auf Kommando seinen Kopf hob und Ra­benhorn mit seinem geheimnisvollen, tiefen Au­gen fixierte. Da verstand er:

„Du hast recht, Karl-Heinz“, sagte er zu dem zu­stimmend nickenden Tier, „jetzt weiß ich, was ich vergaß.“

Er wand sich zu den Lesern seiner Geschichte, die ihn und den Hund aufmerksam betrachteten. Er winkte ihnen zu, winkte DIR zu. Ja, dir, meinem Le­ser, der mir bis hier­her – erstaunlich genug bei dem Blödsinn, den ich ver­zapfte -, gefolgt ist:

„Gesegnete und Glückliche Weihnachten!“

ENDE

 

 

Ein Kommentar

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil 3

Der Lektor erwachte, rieb sich genüsslich die Au­gen, griff dann in die zerwühlte rechte Betthälfte, suchte, fand aber beruhigende Leere und grinste. Das war wohl noch einmal gutgegangen! Alles nur ein schlechter Traum: Kein bärtiger Türke schlief neben ihm, kein fetter Kö­ter mit Weihnachtsmütze auf dem Kopf war zu ei­nem blonden Drachen mit den Gesichtszügen von Ma­rie-Theres Kienbauer mutiert. Helga Jolanda Wei­ßeggerle-Rabenhorn, seine Ex-Gattin und ehemalige Muse der Schreibkunst, hockte nicht zeternd auf ei­nem Dra­chenhort neben seinem Bett, sondern seit der unerfreuli­chen Tren­nung vor vier Jahren weiter­hin in ihrer eigenen Wohnung, die er ihr bezahlte.

Rabenhorn erinnerte sich nur ungern an die etwas unbe­queme Phase seines Lebens, als auch er, der er doch ei­gentlich über solchen Dingen stand, der Krise der mittle­ren Jah­re verfiel und er sich sterblich in eine blutjunge, bemer­kenswert vollbusige und dabei doch so tief vergeis­tigte Dichternymphe verguckt hatte, deren Namen ihm sein Un­terbewusstes inzwi­schen zum eigenen Schutz vor­enthielt. Wahrschein­lich hockte Helga im Moment ver­huscht und verträumt vor ihrem Computer, postete in ir­gendwelchen Literaturforen Schlechtgereimtes und Weih­nachtsglückwünsche – schließlich war heute der Hl. Abend.

„Ach, wie liebe ich diese stille Zeit!”, rief Rabenhorn sich rekelnd aus, schwang die ansonsten schweren Beine leicht aus dem Bett, schlüpfte in seine warmen Puschen und hüpfte wie ein Tänzer in die Küche. Dabei ignorierte er ei­nen leichten Kopfschmerz, der ihm von seinem Alptraum oder – wahrscheinlicher – der Erinnerung an seine Exfrau übriggeblieben war.

Als er bald darauf noch im Morgenmantel mit einer Tas­se seines Lieblingskaffees vor seinem privaten In­ternetzugang saß, um seine Mails durchzusehen, überlegte er, ob er nicht längst wüsste, was sich heu­te wieder alles bei ihm auf dem Bildschirm tummeln würde – in seiner eigenen kleinen Welt war es schließlich recht übersichtlich. Und das zumin­dest sollte auch so bleiben!

Es war so, wie nicht anders zu erwarten: Neben den üb­lichen Weihnachtsgrüßen von Verlegern und fer­nen Be­kannten, neben Preisokkasionen – was für ein entsetzliches Wort! – und Angeboten für blaue Pillen und Krankenver­sicherungen waren sie über Nacht wieder aus ihren Lö­chern gekro­chen, hatten sich in ihren literarischen Schweißausbrüchen gesuhlt, sich mit ihren glitschigen, schmierigen Fingern ver­krampft über die unschuldige Sprache hergemacht und ihn als Unschuldigen mit allem überschüttet, was eigent­lich Dinghaft auslösen müsste – immer und ewig auf und über ihm, dem seinem Selbstvers­tändnis nach weltbesten Lektor! Wenn er all die un­verlangten Manuskripte ausdru­cken sollte, die als PDFs oder WORD-Dateien in seinem Mailkonto strandeten, würde er Tonnen an unschuldigem Pa­pier damit besu­deln müssen!

War das seine Qual, musste er wirklich über diese trü­ben, gelblich schillernden Bäche springen? Auch heute, am Hei­ligabend, da es wieder mal zu kalt war, um über­haupt ir­gendwo einkehren zu können, es sei denn unter einer war­men Decke?

Was war das?

Ein Engelsgesicht mit Spitzhackenbrüsten, das eine schwedi­sche Kleinstadt terrorisierte! Erbarmen? Nein, danke!

Eine sprechende Parkbank und ein erfrorener Penner. Eine Schneekönigin-Allegorie? Was wird diesem Autor noch ein­fallen, wenn ihm nichts mehr einfällt? Nein, danke!

Ein Traum, der aber eigentlich gar kein Traum ist, son­dern eine geträumte Wirklichkeit in einem Traum, der von der Wirk­lichkeit träumt? Das passte zwar auf seine eigene Situation, aber: Wer will von so etwas schon über 400 Seiten lesen, Herr Nikolaus Klammer? Nein, danke!

Eine Hundegeschichte? Nein, danke! Die Welt war mit dem unsäglichen Weihnachtshund von Daniel Glattauer – zusam­men mit Richard David Precht der Herrscher über die lite­rarischen Vorhölle – gestraft genug! Wie war denn Frieder­busch ausgerechnet darauf verfallen?

Aber das war alles zu erwarten gewesen. Raben­horns Zei­gefinger tippte lässig im Takt von Jingle Bells und alles ver­schwand im Orkus des Junk-Ord­ners. Damit war seine Ar­beit für heute getan; für heute und den Rest der Weih­nachtswoche. Er hatte sich zwischen den Jahren freige­nommen, um endlich seine Wohnung zu renovieren. Ra­benhorn stellte den PC aus, warf sich ungewaschen die Ar­beitsklamotten über, nahm sich einen Brenner und ei­nen alten, me­tallenen Eiskratzer. Er begann, von außen an der Badtür die gelbliche Lackfarbe heißzumachen und sie ab­zuschaben. Solch händische Tätigkeit war we­nigstens noch etwas Ehrliches, Reines. Hier war der Werktätige noch nicht von seiner Arbeit entfremdet. Konstruktivität, Freile­gen der Struktur. Dieses wohl­tuende Entfernen des Altan­gebrachten. Und Farbe stinkt! Holz nicht. Also weg mit der Farbe! Tod der modernden Farbe und dem Altan­gebrachten, das sich nur modern nennt! Hatte er tatsäch­lich vierzig Jahre über Büchern gesessen, um zu wissen, dass er eigent­lich nur ein Abbrenner und Anstreicher wer­den wollte?

„Wenn das keine Weihnachtsbotschaft ist!“, dachte er eu­phorisch. „Arbeitet im Schweiße eures Ange­sichts, Leu­te, Möchtegernschriftsteller, nicht im Geis­te! Vornehm ist das Handwerk, sinnentehrend, sinnentleert ist allein das Geist­werk!“ Und da er das dachte, lächelte er und ver­brannte sich die Hand am heißen Brenner. Rabenhorn ließ das Heißluftgerät auf den Boden fallen. Es schmorte ein Loch in den wertvollen Berberteppich. Wütend riss der Lektor das Kabel aus der Steckdose. Das war er doch, der Unter­schied zwischen der Literatur und dem wahren Le­ben: Das Leben schmerzt! Und es geht immer wei­ter. Da gibt es kein ENDE und alle singen glücklich Weihnachts­lieder. Man muss sich ständig auf Neues einstellen, kann nicht im In­dex nachschlagen oder ein paar Seiten zurück­blättern, wenn man etwas nicht versteht oder einen Na­men verges­sen hat. Ra­benhorn rieb sich über die brennen­de rote Stelle an seiner Hand und überlegte, was zu tun war.

„Kaltes Wasser“, fiel ihm ein, „eine Brandblase muss man kühlen. Und dann eine Salbe drauf.“ Ah, das war kein voll­ständiger Satz: „Und dann muss man eine Salbe über die Wunde streichen.“ Jetzt hat­te er eine „muss man“-Wieder­holung, das war sehr schlechter Stil: „Und dann sollte man besser eine Brandsalbe über der Wunde verstreichen.“

Gut so. Rabenhorn trat also ins Badezimmer, wo er kurz die Vision eines in Fett und Filz eingewickelten Joseph Beuys hatte, der auf dem fest getrampelten Erdboden ei­nes russischen Bauernhauses seine Brandwunden über­lebte. Doch es war nur ein schla­fender, müffelnder Hund, über den er beinahe stol­perte.

Was heißt nur? Das war ein Riesenvieh, das Untier! So entsetzlich groß, dass Rabenhorn nicht an ihm vorbei zum Waschbecken gelangen konnte. Aber sei­ne Brandwunde war eh vergessen! Was hatte er ei­gentlich noch im Bade­zimmer gewollt? Der Hund, so fiel ihm siedend heiß ein, hieß Karl-Heinz. Jetzt kam die Erinnerung wieder mit vol­ler Wucht, und er be­kam weiche Knie. Rabenhorn trat ei­nen Schritt zu­rück, setzte sich schwer auf den hölzernen, woh­lig vertrauten Deckel seiner Kloschüssel.

Von wegen Traum! Alles kam zurück, kristallklar schälte sich die Erinnerung an den gestrigen Tag aus seinem Ge­dächtnis, als wäre der Anblick des Hundes ein heißer Küs­tenwind, der den Nebel verjagt:

Er konnte das furchtbare Manuskript voller Recht­schreibfehler und verunglückten Halbsätzen von Frieder­busch ge­radezu vor sich sehen, dann folgten der Fieber­anfall und die oben zwischen den Neon­röhren schweben­de, halbnack­te Witwe seines ehe­maligen, geliebten Verle­gers und jener entsetzliche Kalbshund, der ihm das Ge­sicht abschleckte. Auch der alte Familienfluch der Raben­horns fiel ihm wie­der ein, jener Jahrhunderte alte Fluch, von dem ihm Her­bert Emanuel Kienbauer in seiner Ster­bestunde berichtet und an den der Lektor nie geglaubt hatte – gleichzeitig die Erkenntnis, dass Marie-Theres Kien­bauer in höchster Ge­fahr war! Gestern war der Schock des Begreifens wie ein Faustschlag gewesen, der ihn ohnmächtig vor seinem Schreibtisch nieder­streckte. Dann, noch wie betäubt, hatte er handeln wollen, denn nur eine Person konnte hier noch hel­fen, auch wenn Ra­benhorn eigentlich nicht an sie glaub­te. Daher hatte er Marie-Theres gepackt und die Widerstre­bende zum Auf­zug gezerrt. Doch was dann geschah …

Rabenhorn konnte sich nicht erinnern. Ein unheim­liches Loch war in seinem Gedächtnis. Der Aufzug öffnete sich, das wusste er noch. Aber dann? Und wie kam er in der Nacht in sein Bett, und wie dieser vermaledeite Hund von Friederbuch in sein Bade­zimmer? Fehlte nur noch, dass ein singender Esel in seinem Kleiderschrank Felis Navi­dad! sang! Der Lek­tor sackte auf der Toilette in sich zu­sammen, presste die Fäuste gegen seine Stirn, aber er konnte keine weitere Erinnerung hervor quetschen. Alles war schwarz. Das erste, was er wieder wusste, war eben sein Erwachen im Bett mit dem niederdrückenden Ge­fühl, schlecht ge­träumt zu haben.

Da hörte er ein Geräusch an seiner Wohnungstür, es klang, als würde jemand an seinem Schloss herum­fummeln. Rabenhorn stand auf, zog den Badschlüs­sel ab und sperrte so den noch immer schlafenden Hund ein. Er öff­nete mit Schwung die Tür. Vor ihm stand herabgebeugt ein kleiner, untersetzter Mann mit imposantem Schnauz­bart, ein “Einwohner mit Migrationshintergrund”, wie Raben­horn für sich feststellte. Einen Schlüssel, der dem Lektor bekannt vorkam, hielt er nach vorn gestreckt in der einen, eine Tüte mit verlockend riechendem Back­werk in der an­deren Hand. Rabenhorn war sicher, ihn noch nie zuvor ge­sehen zu haben. Das war wahrschein­lich ein entlassener Strafgefangener, der ihm ein Abonne­ment des Readers Di­gest – entsetzliches Heft, Unterg­angsliteratur des Abend­landes – andrehen wollte. Oder einer dieser Asylanten, der vielleicht um eine Arbeit als Abbrenner und Anstreicher bettelte.

„Ja, bitte, was wollen Sie?”, fragte er unhöflich. Sein Ge­genüber hob überrascht die Augenbrauen.

„Du erinnerst dich wirklich nicht mehr, Jan? Du hast mich vergessen?“, fragte der Fremde. „Weißt du nicht mehr, wie wir gestern mit dem Scheitan per­sönlich ge­kämpft haben? Du an meiner Seite und ich an deiner? Mit Dönerspieß und Degen als Waffen ge­gen den Karlnickel­könig? Du und ich? Kreuzritter und Gotteskrieger vereint gegen den Feind?”

Der Türke erkannte und nickte. „Tatsächlich, du hast es vergessen. Ömer Özgür bin ich, dein guter Freund. Schließ­lich hast du mir deinen Schlüssel ge­geben.” Dieses Argu­ment zog. Rabenhorn erkannte seinen eigenen Schlüssel­bund mit dem kleinen Plas­tik-Reich-Ranicki in der Hand des anderen. Kurzent­schlossen schob Ömer den verdutzten Lektor beiseite und trat ein.

„Ich habe schnell Brötchen geholt”, bemerkte er und hob seine Tüte. „Kämpfer brauchen ein gutes Früh­stück. Wenn der Magen gefüllt ist, ist die Schwert­hand stark.”

Aus seinem übervollen Orientalenherzen rieselten jetzt die Worte wie der Sand der Wüste oder der Schnee im Winter Ostanatoliens.

„Rabenhorn, mein Freund, Kämpfer, krass, wie wir ihn in die Flucht geschlagen haben, diese Ausgeburt der Höl­le. Wir beide und der große Hund! Aber dann stürzten sich von allen Seiten – aus allen Kanal­öffnungen – die ent­setzlichen Karlnickel auf uns. Wie eine Tsunamiwelle wa­ren sie und wir standen wie Felsen in der tödlichen Brandung. Aber dann bist du gestolpert und etwas traf dich am Kopf. Weiß nicht, was es war.”

Ömer zögerte und überlegte, ob er dem Lektor er­zählen sollte, dass er ihn im Eifer der Schlacht aus Versehen mit seinem Dönerspieß ins Reich der Träu­me verfrachtet hat­te. Es entschloss sich, dieses kleine Detail auszulassen.

„Egal, was es war. Du verlorst das Bewusstsein. Wir mussten uns zurückziehen! Ich warf dich über den Hund und wir flohen vor den anstürmenden Geg­nern. Gerade eben noch fanden wir den letzten freien Kanaldeckel. Aber jetzt ist nur die Schlacht verloren, noch nicht der Krieg! Wir brauchten eine kleine Ver­schnaufpause, dann machen wir weiter. Deshalb brachten Karl-Heinz und ich dich in deine Wohnung, Jan.“

„Wie haben Sie sie denn gefunden?“ Der Albtraum setz­te sich anscheinend fort.

„Aber mein Freund, dich kennt doch jeder hier in Brom­berg. Ich musste nur fragen und schon redeten die Leute. ‘Meinen Sie vielleicht Herrn Rabenhorn, den Gelehrten?’ oder ‘Ach, der Herr Professor Ra­benhorn, ja, der wohnt am Lärchengrund.’ Also kein Problem, deine Wohnung zu fin­den, lieber Freund. Dein Bett ist sehr weich.“

Rabenhorn wuchs um fünf Zentimeter. Er wusste, dass er angesehen und geachtet war. Doch dieser Be­weis sei­ner stadtweiten Dominanz als Kulturmensch kam überra­schend, tat seiner verletzlichen Künstler­seele jedoch gut.

„Aber was ist mit Marie-Theres Kienbauer? Die Frau mit dem Stern. Du weißt schon. Und was ist mit Frieder­busch?” Und, nach einem Zögern:

„Und wo ist der Karldinalsrumpelstilz? Mein … Vor­fahr?“

Ömer lachte verschmitzt. „Wenn wir gefrühstückt ha­ben, klärt sich alles auf. Karl-Nickel erwartet uns unten im Ka­nal. Er wird dir alles erzählen, was du im Fieber­rausch ver­gessen hast.”

Rabenhorn packte ihn bei den Schultern. „Sprich, was ist mit Marie-Theres?“

Ömer zuckte zusammen. „Der Böse, der Karlnickel­könig, Fürst von Hölle, nahm sie mit, hinab ins Inne­re der Erde, wo die Feuer brennen, an die Wurzeln des großen Pinkel­baums, von denen er sich und eine abscheuliche Brut er­nährt. Heute Nacht muss es sich entscheiden!“

Rabenhorn wankte. Sollten alle Kämpfe, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, vergebens gewesen sein? Alle Angst, alle Anstrengung, die Wunden an Seele und Körper, alles umsonst? Aber just an diesen Punkt seiner Verzweif­lung regte sich das Blut seiner Vorfahren in ihm: Niemals! Und wenn er dem Scheusal bis in die städtische Kloake fol­gen müsste, er würde Marie-Theres retten.

„Los Ömer, wir müssen sie befreien. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“ Und mit einer Kaltschnäuzig­keit, die er sich selber niemals zugetraut hätte, lief er ins Bad, packte den völlig verdutzten und tranigen Karl-Heinz-Hund bei den Ohren und schleifte ihn zur Tür hinaus.

„Ömer, auf geht’s! Auf in den Kampf! Wir retten das ehr­bare Weib aus den Fängen des Untiers!“ Der Dönerbu­denbesitzer schleuderte die Tüte mit dem Backwerk zur Seite.

Das ist mein Held! Hurra! So wollen wir Mord ru­fen und des Krieges Hund‘ entfesseln!“ Und mit die­sem thea­tralischen Aufruf (Julius Cäsar, 3. Akt, 1. Sze­ne) zogen sie von dannen, öffneten den nächstgelege­nen Kanaldeckel und verschwanden gemeinsam in der Unterwelt.

Jan Philipp Rabenhorn hatte erwartet, dass die Ka­näle sei­ner Heimatstadt eine feuchtklammer-rut­schigheunsche An­gelegenheit waren, erbärmlich fies nach allerlei in die­sem Weihnachtsmärchen Unaus­sprechlichem stanken und zap­pen-zappeldunkel wa­ren, aber das genaue Ge­genteil war der Fall: Überall leuchtete es grün und gülden funkelnd von den spe­ckigen, wie aus Lebkuchen geform­ten Wänden und es lag ein ap­petitlicher Geruch nach Weihnachtsstol­len und allerlei anderem würzigen Back­werk in der warmen Luft.

Der Lektor rieb sich die Augen, doch die Sinnesein­drücke veränderten sich nicht: Dies waren keine düs­teren Abwäs­ser, in denen zwischen Herabgespültem aus zehn­tausend Toiletten eklige große Ratten schwammen, nein, hier unten sprudelten zwischen glitzernden Schneehäufen glühwein­rote, nach Zimt und Tannennadel riechende Wasserläufe durch die Gänge, munter singende Bächlein, in denen sich fröhlich Lametta-Sprotten, Nikolausbarsche, Engels­haarrochen und Weihnachtskugelfische tummel­ten. Rabenhorn fragte sich nur kurz, woher er die Namen dieser Tiere kannte, die sich ja in keinem ichthyologi­schen Fachbuch fanden – schließlich hatte er das eine oder ande­re lektoriert – aber er hatte sich ja vorge­nommen, sich über nichts mehr zu wundern. Trotz­dem sah er sich stau­nend um. Die Un­terwelt von Bromberg an der Fiesel war eine geschmacklo­se Weihnachtswunderwelt, ein unterir­disches Rothen­burg ob der Tauber.

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, aber: Er war da­heim. Die städtische Unterwelt mit ihren weihnacht­lichen Kanä­len, Ort sei­ner Aufzucht und der ersten Trottversuche, war ihm vertraut, er er­schnüffelte die Neuigkeiten von den Wänden und roch überall Duftmarken, die ihm nicht gefie­len. Sein kurzes Nackenhaar sträubte sich unter sei­ner Weih­nachtsmütze. Von hier aus hatte ihn sein Meis­ter, der alte Karlnalrumpel­stilz auf die Mission ge­schickt, den Ururururure­nkel zu finden, den letzten des stolzen Stammes der Ceratias-Corvii, der gehörnten Ra­ben, die­sen Einen, in dessen Händen allein die Macht lag, den großen Pinkel­baum vor dem Karlnickelkönig zu be­wahren.

Und wie geschickt hatte der alte Weihnachtsköter doch seinen Auftrag ausgeführt, ganz wie in den al­ten aufre­genden Tagen, als er noch für die Besche­rung der Stra­ßenköter unter eben jenem magischen Pinkelbaum sorgte, auf des­sen mächtigen Wurzeln die Altstadt von Bromberg errich­tet war. Sich Raben­horn direkt zu nähern war ihm nicht möglich gewe­sen, da dieser ja Hunde fürchtete, also hatte Karl-Heinz sich erst einmal vor die Haustür des mittelmäß­igen Autors Egon M. Friederbusch gelegt und dort gedul­dig ausgeharrt, bis dieser auf dem vor Liebe blinden Weg zu Marie-Theres Kienbauer buch­stäblich über ihn stürzte. Karl-Heinz hatte die senti­mentalen Bücher des Schriftstel­lers über den tierlie­ben Zauberlehrling Edwin Edgard gele­sen und seinen Autor richtig eingeschätzt. Er musste nur noch ein wenig mitleiderregend jaulen, mit treu-traurigen Hundeaugen nach oben blicken, zögernd einen Hin­terlauf nachziehen und hatte gewonnen: Friederb­usch adoptierte ihn auf der Stelle.

Der Rest war einfach. In jeder stillen Adventsnacht, in der Friederbusch daheim schlief und nicht am Schicht­kohl und seiner Marie-Theres naschte, dik­tierte Karl-Heinz nun dem friedlich schlummernden Autor die Ge­schichte vom “Weihnachtshund” und dieser schrieb sie morgens eilig auf, bevor er den spannenden Handlungs­faden wieder ver­gaß, glücks­elig über die Muse, die ihn in seinen Träumen so reichlich mit Einfällen beschert hatte; ohne dass ihm be­wusst wurde, wem er die Einflüsterun­gen wirklich ver­dankte. Er wunderte sich nur jeden Mor­gen über sein nas­ses, vollgeschlabbertes rechtes Ohr.

Der Plan des alten Weihnachtshundes ging auf. Der nai­ve Friederbusch sandte sein Manuskript an den Kienbau­er-Verlag und nahm seinen Hund tatsäch­lich mit zu Ra­benhorn, gemeinsam Überzeugungsar­beit zu leisten. Wo­mit Karl-Heinz allerdings nicht ge­rechnet hatte, war der zwei­felhafte Geisteszustand des Lektors, der sich im Fie­berwahn vom Schreib­tisch wie Tarzan auf seine Jane stürzte und grunzend mit der Kienbauer abgezogen war. Aber das war ja alles gut ausgegangen und er hatte Ra­benhorn dort, wo er sein sollte, in der Kanalisation von Bromberg, wo das Karlnickelungeheuer hauste. Jetzt musste nur noch der Meister gefunden werden!

An einer Biegung teilten sich die Kanäle. Verwirrt stopp­te Karl-Heinz und ließ es geduldig über sich er­gehen, dass Rabenhorn und Ömer Özgür, die er bis­her an seiner Leine hinter sich hergezogen hatte, ge­gen sein Hinterteil rannten. Das waren ihm ja zwei schöne Helden! Ob der Meister da nicht einen Fehler begangen hatte? Ihre gestri­gen Taten waren schon einmal ein vollkommener Reinfall gewesen und hat­ten die Lage nur noch verschlimmert, wenn er an die arme Marie-Theres dachte, die sich nun in den Fän­gen des Monsterkönigs befand … Karl-Heinz schüt­telte das Haupt und schleuderte ein paar Speichelfä­den zur Seite. Jetzt nur nicht ablenken lassen! Er lauschte in die sich ver­zweigenden Gänge und ver­nahm tatsäch­lich aus dem Rechten einen fernen, jam­mernde I-Ah-Ge­sang, der ihm sehr vertraut war:

„Voll fett der Dreck, eh.
Das steckt keiner weg, yeah.
Da hilft kein Doney-Gin, he.
Bald sind wir alle hin – oh, jeh!”

Karl-Heinz stürmte aufgeregt hechelnd los, zog und zerr­te – fast vermochten Rabenhorn und Ömer Öz­gür, die sich erneut an seiner Leine festklammerten, nicht zu fol­gen – und schnüffelte durch die farben­frohe, von Kerzen­leuchtern und Fackeln erhellte Welt. Bald fand er einen Schnal­lenschuh seines Herrn. Und er war nicht leer.

In ihm steckte ein noch immer weißbestrumpfter, aber blutiger Fuß des Karlnalrumpelstilzchens. Hatte es mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde gestoßen, dass es bis an den Leib hineinfuhr und dann in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Hän­den gepackt und sich selbst mit­ten entzwei gerissen? Ömer nahm den Schuh vorsichtig an zwei abge­spreizten Fingern aus dem Schnee.
„Da war wohl jemand schneller als wir. Hinfort, du schnö­der Gallert.” bemerkte er und schleuderte den blutigen Schuh samt übelkeiterregendem Inhalt zur Seite. Raben­horn sah anerkennend zu dem Türken. ‘King Lear‘, dachte er, ’1. Akt, 7. Szene. Hinfort ist ein schönes, ein feines, ein doppelsinniges Wort. Schade, dass die heutigen Autoren es kaum mehr kennen.’ In diesem Moment wurden seine Ge­danken von einem schmelzenden Gesang unterbro­chen, der ganz in der Nähe erklang:

„Ach, Bro, nun ist’s vorbei,
mit der Christmas-Feierei.
Bald ist der big old Tree gefällt,
der Bromberg on the Top erhält.”

Die rote Mütze fiel Karl-Heinz vom Kopf, er sprang nach vorn, und die Nüsse in seinem Sack schaukel­ten mächtig. Rabenhorn, noch immer mit dem Weih­nachtshund durch die Leine verbunden, flog hinter­her. Ömer folgte den bei­den langsamer und sah sich vorsichtig um. Hinter den bei­den trat er aus dem en­gen Gang in eine hohe und gro­ße Halle, sie war so gigantisch, dass der Dönerbudenbe­sitzer ihr hinteres Ende nicht ausmachen konnte. Es ent­zog sich ihm durch einen dichten Nebel, der zwischen den Scheehü­geln waberte. Ömer kannte diese von mäch­tigen Fackeln erleuchtete Höhle, erst gestern hatte er hier gemeinsam mit Rabenhorn und dem Karlnal­rumpelstilz verzweifelt gegen die heranstürmenden Karlnickel-Hor­den gekämpft und ge­rade noch durch einen anderen Gang fliehen können, Ma­rie-Theres und den alten Meister dabei im Stich lassend! Ir­gendwo hier musste auch seine Waffe liegen, der Dö­nerbratspieß, mit dem er den Lektor aus Versehen bewusstlos geschlagen hatte.

Rabenhorn und Karl-Heinz waren inzwischen bei ihrem Ziel angelangt: Sie fanden Carlos Niccolo Diego Pedro La­mentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo, auch Karl-Nickel, der Karlnalrumpelstilz genannt, den Ururururur-Ahn des Lek­tors, mit dem Oberkörper gegen einen mächtigen grauen Esel gelehnt, der jäm­merlich weinte und i-ahte. Er blutete am gesamten, nicht mehr ganz vollständigen Kör­per und lag im Sterben. Doch als er Rabenhorn bemerkte, der sich zu ihm herabbeugte, kam noch einmal Leben in den einst so mächtigen Herrn der Bromberger Unterwelt. Er hob den einen Arm, der ihm noch verblieben war und winkte sei­nen Nachfahren zu sich heran.

„Nun bist du doch wieder gekommen”, flüsterte er mit brechender Stimme. Er versuchte, sich ein wenig aufzu­richten, was ihm nur gelang, weil der Esel sein Gewicht etwas zur Seite verlagerte. „Jan, du musst beenden, was ich in meinem Leichtsinn begonnen habe. Es ist der Fluch der Söhne, die Sünden ihrer Väter zu büßen. Die Vorfah­ren aßen die Trauben, aber den Nachkommen werden die Zähne stumpf. Ich sehe er­freut, du bist heute klar bei Verstand. Drum höre…” Karl-Nickel hustete und kleine Blutbläs­chen bilde­ten sich an seinen Mundwinkeln. Aber noch hatte er die Kraft, fortzufahren:

„Vor gut 800 Jahren, als hier inmitten des Karlnuten-Wal­des auf dem Bromberger Hügel nur ein einziger gewalti­ger Tannenbaum stand, der alle anderen überragte und zwi­schen dessen Wurzelwerk sich die große Höhle gebil­det hat, in der wir uns jetzt befin­den, erprobte ich in mei­nem Wahn meine alchemisti­schen und chymischen Er­kenntnisse, experimentierte mit dem geheimnisvollen Saft El Ixier, der aus dem Lapis philosophorum gewonnen wird. Doch statt Gold formten sich in meinen Leidener Flaschen zufäl­lig die Karlnickel, gefährliche, kleine Bestien, die sich von den Wurzeln des Baumes nährten und ab und an auch mal einen vorbeikommenden Bauern oder Wanders­mann fra­ßen. Später dann, als über uns die Stadt Brom­berg ent­stand, wollte ich meinen Fehler gutmachen und erweckte zur Abwehr der Karlnickel und zum Schut­ze der Men­schen allhier meine Weih­nachtshunde und manchmal auch einen Christmas­donkey…” Das Grautier hinter dem Karlnalrumpels­tilz zitterte und seufzte auf.

„Ruhig, Sam, ruhig… Chill mal, Alter, ich hab’ hier was klarzuchecken. Don’t cry for me”, er tätschelte be­ruhigend den dicken Bauch, auf dem er lag, „im A… von Tina, heh­ehe. Egal.” Er wand sich wieder an Ra­benhorn, der ihm atemlos lauschte.

„Viele Jahre ging alles gut. Weihnachtshunde und Karl­nickel hielten einander die Waage und der Baum – der große Pinkelbaum der Straßenköter von Brom­berg – blieb kräftig und gesund. Doch dann kam das Unglück: Meine Hunde wurden alt und zahnlos und die Karlnickel ver­mehrten sich, sammelten sich, ver­knoteten sich, umwim­melten, ver­bissen und verban­den sich und wurden zum großen Karl­nickelkönig, der dort hinten im Nebel haust und an den Wurzeln des Baumes frisst. Der Baum ist krank, Raben­horn! Er stirbt. Nur noch wenige seiner Wur­zeln halten das Dach dieser Halle und wenn der Karlni­ckelkönig die letz­ten durchnagt hat, dann stürzt uns hier der Him­mel ein. Verstehst du? Bromberg wäre dann nur noch ein großes, tiefes Loch, aus dem sich der König der Karlnickel erheben wird, zu knechten die Men­schen und das Land. Und das am heiligen Abend! Das geht doch nicht.”

Der alte Alchimist und Druide packte seinen Nach­fahren an der Schulter. Feuer stach aus seinen Augen und brann­te sich in Rabenhorns Seele. Ihm war, als würde er in der Stimme Karl-Nickels alle seine Vor­fahren mitrufen hören.

„Ich bin besiegt, in der gestrigen Schlacht geschla­gen. Aber du hast die Macht, den Karlnickelkönig aufzuhalten! Nimm mein Schwert, das ich beim Schmieden in El Ixier tauchte, es hat die Macht, das Karlnickelungeheuer zu zer­schlagen. Das ist deine Aufgabe, deshalb bist du hier!” Der Kopf des Meis­ters sank erschöpft auf seine blutige Schulter.

„Aber…”, stotterte der Lektor. Noch einmal sah das Karl­nalrumpelstilz auf. Er war unendlich müde, das war ihm anzuhören.

„Aber ist ein Wort, das ein Rabenhorn nicht kennen soll­te. Nimm das Schwert, zerschlage die Karlnickel und rette die Frau, die du in den Kanal gebracht hast, bevor der Mons­terkönig sie unter dem großen Pinkelbaum frisst. Du bist unsere letzte Hoffnung!”

Karl-Nickel atmete langsam aus und seine Augen schlos­sen sich. Karl-Heinz, der Weihnachtshund, heulte auf. Sin­gin’ Sam sang:

Goodby, Nickel, schön war die Zeit.
Goodby, Nickel, sei nun bereit.
Du steigst in den Himmel,
der Weg ist so weit …

Rabenhorn erhob sich. Seine Augen suchten das magi­sche Schwert. Es lag nur wenige Schritte ent­fernt im Schnee, warte geduldig auf den Ritter, der es zu führen wusste. Dort stand auch schon Ömer bereit, sein edler Knappe, den Dönerspieß in der Hand. Eine Träne glitt über seine Wan­ge.

Biz gitmek“, sagte der Türke, „lass uns gehen…” Raben­horn nickte. Der Würfel war gefallen.

„Ja. Hinfort die Zweifel. Nicht mehr das Wort, die Taten zählen. Retten wir Marie-Theres, den Großen Pinkelbaum und Bromberg … und die ganze Welt!”

 

[Hier findet sich das Ende der gar schröcklichen Geschichte …]

Ein Kommentar

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 7)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

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Doch Sahar kämpfte nicht zum ersten Mal gegen einen der Barbaren aus dem unwirtlichen Tudasgart, das zwischen dem Rauen Gebirge und dem Großen Grabenbruch an der Grenze zu den Jenseitigen Landen lag. Junge, ungestüme Kling‘Arta wurden wegen der häufigen Hungersnöte immer wieder von ihren Stämmen, die in primitiven, hölzernen Taboren hausten und untereinander in Blutfehden und Religionsstreitigkeiten verstrickt waren, verstoßen und verdingten sich als Söldner in allen Armeen der Welt. Sie waren an allen Fürstenhöfen begehrte und gefürchtete Krieger, die voller Todesverachtung in die Schlachten zogen.

»Vorsicht, Großer«, murmelte er. »Manche Insekten können stechen!«

Sahar wartete ruhig, bis Wer‘Quer heran war. Dann nahm er seine geballte Hand aus der Tasche und hob sie seinem übermächtigen Gegner entgegen. der nur noch zwei Schritte entfernt war; schleuderte ihm eine Handvoll Salzkörner, die er während seines Märchenvortrags vom Bühnenboden aufgesammelt und dann zu sich gesteckt hatte, ins Gesicht. Er wusste, dass dies ein unfeiner Trick war, aber in einer offenen Auseinandersetzung konnte er dem tätowierten Hühnen nichts entgegen setzen. Das hatte er in seiner Ausbildung gelernt: Es war besser, einen Kampf ehrlos zu gewinnen, als ihn ehrenhaft zu verlieren. Besonders, wenn ein Gegner so überlegen war wie dieser. Der Kling‘Arta stolperte, heulte auf und hielt sich kurz seine Hände vor die Augen. Dabei vernachlässigte er wie erhofft seine Deckung.

Das Ende kam schnell. Sahar sprang ausweichend zur Seite. Gleichzeitig stach er gezielt mit seinem Degen zu und rammte seine fast wie ein Spielzeug wirkende Waffe bis zum Heft durch die breite Brust des Kriegers. Sie durchbohrte das Herz seines Gegners und trat an seinem Rücken wieder aus seinem Leib. Aber der Zusammenstoß, dem der Mönchssoldat nicht mehr ausweichen konnte, war trotzdem heftig. Der abwehrende Fausthieb des Kling‘Arta traf ihn krachend im Gesicht und brach ihm die Nase unter der Halbmaske, die er noch immer trug. Sahar wurde wie ein Sack Wäsche zur Seite geschleudert und stürzte halb besinnungslos in die Rosenbüsche.

Nach einer ganzen Weile war Sahar wieder einigermaßen bei sich und krabbelte aus den Dornen, die ihn zerstochen und seine schicke Galauniform zerrissen hatten. Er richtete sich mühselig auf und wischte sich mit den Ärmeln das Blut vom Mund, das in zwei Bächen aus seiner Nase lief. Ihn schmerzte jeder Knochen im Leib, aber er hatte bei dem kurzen Kampf keine weitere Verletzung davon getragen. Der tote Kling‘Arta kauerte zusammengesunken wie ein grauer Hügel auf dem Boden. Die Arme hingen schlaff herab und er hatte seinen kahlen Kopf, der durch die unzähligen Tätowierungen fast schwarz war, auf der massigen, von Sahars Waffe durchbohrten Brust liegen. Sahar humpelte näher, packte den Griff seines Degens mit beiden Händen und zog an ihm. Erst als er ein Bein zur Hilfe nahm und es gegen den Leib des Toten stemmte, gelang es ihm, seine Waffe zu befreien.

Endlich kippte die Leiche neben Galves lautlos ins Gras. Für jeden, der die beiden so entdecken würde, musste es so aussehen, als hätten sie sich in einem verzweifelten Kampf gegenseitig umgebracht. Sahar reinigte gelassen seine Klinge in der angewinkelten Beuge seines Arms und warf einen mitleidigen Blick auf die Schwalbe von Avril. Der Oberste, dessen durch eine Narbe verursachtes Dauerlächeln sich im Tod noch verstärkt hatte, war ihm sehr sympathisch gewesen und er bedauerte diesen sinnlosen Verlust. Wie würde es nun in der Lamargue weitergehen, nachdem in dieser Macht sowohl ihr Regno als auch die graue Eminenz hinter ihm ermordet worden waren? Würde es einen Krieg mit den Fünf Städten geben? Sahar gab es nur ungern zu: Auch Italmar nutzte diese Schwächung ihres östlichen Nachbarn, der auch das Protektorat über die Provinz ausübte, die altes Kernland des Kirchenstaats war, aber seit der Kokardenrevolution vor dreihundert Jahren selbständig war.

Der Mönch zögerte nur kurz, dann schob er seine Waffe zurück in die Scheide, die er am Rücken unter seiner Kleidung trug und kniete sich zu dem Leichnam hinunter, taste ihn mit professionellen Griffen ab. Sehr schnell wurde er fündig: In einer Innentasche der kurzen Uniformjacke entdeckte er einen in seinem Umschlag steckenden Brief. Es war viel zu dunkel, um ihn auf der Stelle zu lesen und er schob ihn in die Tasche. Nun erschienen ihm Galves gebrochende Augen vorwurfsvoll und er schloss sie sanft, während er ein eiliges Gebet an Oberone, den Herrn des Waldes, sandte.

Obwohl Miladí und ihre mörderische Dienerin einen großen Vorsprung hatten, nahm Sahar trotzdem ihre Verfolgung auf. Er hatte zwar wenig Hoffnung, sie noch einzuholen, aber ihr Fluchtweg war ihn die beste Möglichkeit, selbst unbemerkt aus dem Palast zu schleichen, ohne von der Treuwacht festgenommen zu werden. Schließlich trug er ja noch immer eine lamargische Uniform und sah mit der schmerzhaften Wunde im Gesicht sicherlich nicht sehr vertrauenerweckend aus.

Die hinter einer Efeuwand gut verborgene Pforte in der Gartenmauer erwies sich als ein geheimer Durchgang, den sicher einmal die Diebesgilde geschaffen hatte oder auch ein Namenloser, der sich gerne mit seinem Vezir unerkannt unter sein Volk mischen wollte. Er führte durch ein paar leere Stallungen hinaus auf die Hafenseite des Elfenbeinernen Palasts, wo die schroffe Mauer nur durch einen engen Kais vom an dieser Stelle strudelnd und eilig fließenden Marat getrennt war. Er sah zu dem gurgelnden, schwarzen Wasser eine Mannshöhe unter sich hinab. Hier hatte unmöglich ein Boot oder ein Schiff ankern und die Botschafterin aufnehmen können. Sie war also weiter zu Fuß geflohen. Doch in welche Richtung? Sahar hatte endgültig ihre Spur verloren. Er blinzelte, weil sich in diesem Augenblick jenseits des breiten Stroms über dem Stadtviertel Koras die Sonne erhob und ihre bereits jetzt am frühen Morgen hitzigen Strahlen in sein blutiges und schmutziges Gesicht sandte.

Sahar nieste und zuckte durch den plötzlichen Schmerz zusammen. Sollte Miladí ihm doch durch die Finger flutschen: Er glaubte an den Spruch Baruch im ersten seiner heiligen Bücher, wo geschrieben stand: „Unsere Wege führen zu vielen Kreuzungen und an einer von ihnen werden wir uns wiedersehen“. Darauf konnte er warten.

Neugierig nahm der Adept den bei Galves‘ Leichnam gefunden Brief aus dem Umschlag und entfaltete ihn. Die Handschrift kannte er nicht und die Unterschrift war nicht zu entziffern, aber was dort ein lamargischer Spion knapp und in militärischem Ton geschrieben hatte, warf ein ganz neues Licht auf die Geschehnisse der Nacht. Der Brief war an den Regno gerichtet, hatte diesen aber wahrscheinlich nie erreicht, weil ihn Galves vorher abgefangen hatte, legte dar, dass der älteste Sohn von Raul VI. hier in Karukora lebte und einer kurzen, aber stürmischen Liaison mit einer Palastangestellten während eines Staatsbesuchs entsprang. Noch erstaunlicher war, dass jener Sohn, von dem der Regno nie etwas erfahren hatte, noch vor seiner Hochzeit mit Dora Kahlja gezeugt worden war und deshalb in der Thronfolge noch vor seinen jüngeren Brüdern Raul und Rafik stand und zudem von der mütterlichen Linie her ein Bingh war, also direkt von der Dynastie des ersten Namenlosen abstammte. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, war dieser junge Mann, der Selin hieß, auch noch der Enkel von Alis, Sahars Konkurrenten bei dem Märchenwettbewerb! Der Briefschreiber warnte am Ende eindringlich vor einem angeblichen Plan des alten Märchenerzählers, der die bestehende Ordnung und das Leben einiger Mächtiger gefährden würde. Leider war diese Warnung sehr unklar und verworren.

Wenn das alles stimmte, was er gelesen hatte, waren die Konsequenzen ungeheuerlich und diese Nachricht musste sofort seinem Meister Jac Javac Mauvaise und dem Hohen Rat des Kirchenstaats übermittelt werden. Das war wichtiger als seine Suche nach Botschafter Adelph und dem flüchtigen Meister Siebenhardt, die er, falls sie überhaupt noch lebten, in der durch den Putsch aufgewühlten Wüstenstadt wahrscheinlich niemals finden würde. Das Machtgefüge der ganzen Welt konnte sich durch dieses Schreiben verändern. Sahar musste Karukora so schnell wie möglich verlassen.

Der junge Mönch sollte übrigens der Botschafterin der Oststädte schneller wiederbegegnen, als ihm lieb war. Aber dies ist eine weitere Geschichte …

Ende des 9. Kapitels

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Ein Kommentar

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil 2

 

Rabenhorn war gerade einge­nickt, da klopfte es kurz und bestimmt an der Tür. Als sie sich öff­nete, glaubte der Lektor zu träumen:

Seine Mundwinkel klappten nach unten – nicht vor Er­staunen, eher schon aus purem Entsetzen. Durch die Tür schob sich ein riesiger, schwarzer und zotte­liger Hund. Falsch, das war kein Hund mehr: Das war ein Kalb, ein Bär, ein Minotaurus, ein Oger!

Eine Woge muffigen Gestanks nach nassem, unge­pflegtem Fell schlug dem Lektor entgegen, der sich keine ande­re Hilfe wusste, als eiligst auf seinen Schreibtisch zu stei­gen. Rabenhorn hatte Angst vor großen bösen Hunden, und dieser hier war bestimmt der größte und böseste Hund, dem er jemals so nahe gekommen war. Da half es auch nicht, dass das Tier eine Nikolausmütze trug und ei­nen grün-rot gestreif­ten Schal. Der Hund jedenfalls trotte­te nä­her, legte seine riesige Hundeschnauze auf den Tisch, sah treu­herzig nach oben zu dem panischen Lektor und sab­berte genussvoll dessen Tischkalender voll.

„FRÄULEIN WIESENGARD!“, schrie Rabenhorn nach sei­ner Vorzimmerdame. „FRÄULEIN WIESEN­GARD! Hier steht ein gar schrecklicher Hund! Meine Liebe, Sie haben einen Hund in mein Büro gelassen! Bringen Sie das bitte sofort in Ordnung.“

„Wuff“, machte der Hund.

Fräulein Wiesengard jedoch antwortete nicht. Wahr­scheinlich hatte das gigantische Vieh Fräulein Wiesengard zuerst gefressen, bevor er hereinkam. Ob das Monstrum jetzt wohl satt war? Rabenhorn sah sich vorsichtig um. Vom Schreibtisch auf die Fensterbank und aus demselben in die Tiefe sprin­gen? Das war im 8. Stock keine schlaue Idee. Telefo­nieren? Das konnte vielleicht diesen Mörder­hund reizen. Ihn mit Friederbuschs fettem Manuskript in die Flucht schlagen? Das wäre mutig, aber Raben­horn war nicht mutig, keinesfalls schon lebensmüde, aber der Ge­danke hatte etwas. In diesem Augenblick öffnete sich wie­der die Tür. Der leibhaftige Egon M. Friederbusch stand im Rahmen und lachte sich schief.

„Komm, Karl-Heinz, sei lieb“, rief er endlich, „der Onkel will nicht mit dir spielen. Karl-Heinz!“ Er klopfte auffor­dernd auf seine Oberschenkel, doch der Hund ignorierte ihn völlig. Friederbusch zuckte bedauernd mit den Schul­tern.

„Schlecht erzogen, tut mir leid. Er ist mir zugelau­fen.“

Rabenhorn sah von oben auf den Schriftsteller, dann auf den Hund. Langsam wich die Panik. Er wäre jetzt gerne von seinem Schreibtisch herunterge­stiegen, denn er spür­te, dass er sich lächerlich mach­te. Aber ein kurzer Blick­kontakt mit dem Monstrum ließ ihn oben verharren.

„Das ist Ihr Hund, HERR Friederbusch? Ja, sind Sie denn völlig wahnsinnig geworden?“, forderte er kei­ne Ant­wort, sondern Trost; dabei bemüht er sich, lei­se und ruhig zu sprechen, damit der Hund bloß nicht nervös wurde. „Den Esel haben Sie hoffentlich nicht dabei“, fügte er noch mit Galgenhumor hinzu.

„Das nicht, aber etwas viel Besseres …“, erwiderte der Autor.

Die Überraschung war gelungen, auch wenn dem Lektor plötzlich der singende Esel doch lieber gewe­sen wäre: Her­ein schwebte ein strahlender Engel mit einer Tupper­schüssel in der Hand, eine Schneeköni­gin, blond, blauäu­gig blin­zelnd, mit grell geschmink­ten Lippen und nur mit einem langen Nerz, der in der Farbe des Winters schim­merte, be­kleidet: Marie-Theres Kienbauer, wie der Herr oder ein Chirurg sie in einer Schapslaune erschaffen. Sie wirkte auf Ra­benhorn, als käme sie frisch von einer Schönheits-OP und sie schwebte tatsächlich wie ein mit Helium ge­füllter Ballon einige Handbreit über dem Bo­den! Ra­benhorns Kinnlade klappte nach unten, fast wäre er von seinem Schreibtisch gefallen, auf dem er immer noch als die Un­würde in Person hockte.

Die Schneefrau Marie-Theres, Hetäre dieses Schaf­scheiß dichtenden Dichters und gestrenge Chefin, schwebte nicht einem Flöckchen gleich zu Boden, nein, Schwerkraft spielte für sie keine Rolle. Gerade­zu mühelos flog sie jetzt zur De­cke empor und nahm Platz auf der Hängelampe. Dort ent­nahm sie ihrer Tupperdose, die sie mit einem schmatzen­den Ge­räusch öffnete, ein Spruchband, entroll­te es und ließ es von der Decke flattern. Güldene Lettern in Leipzi­ger Fraktur:

Einladung zu meiner Weihnachtsparty mit Schichtkohl, an­schließend menage a trois!

Solche Feinheiten wie den Schriftfont nahm des Lektors geschultes Auge noch wahr, bevor er vom Schreibtisch auf den Sisalteppich stürzte, mit all sei­nen verbliebenen Kräf­ten darum rang, gleich und auf der Stelle ohnmächtig zu werden, aber von Karl-Heinzens feucht-sorgender Zunge und seinem wi­derlichen Mundgeruch daran ge­hindert wurde. Der Monsterhund schleckte ihn hartnä­ckig wieder zu­rück ins Bewusstsein, dem er so verzwei­felt entkom­men wollte.

„Ja, ja, mein Lieber!” Egon M. Friederbusch grinste sar­donisch. „Sie stecken jetzt wohl mitten in einem, will sa­gen: meinem Weihnachtsmärchen. Kommen Sie, genießen Sie das Wunder! Der Höhepunkt war­tet auf uns.”

Und aus weiter Ferne sang dazu ein besoffener Esel:

„Wenn zur Weihnacht die rote Sonne im Meer versinkt,
und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt,
dir ‘n geiler Donkey vom Ufer zum Abschied winkt …“

Dann geriet alles ein wenig durcheinander: Menage a deux! Marie-Theres kam über ihn, und sie wurden ge­schichtet wie Kohl, im Fass gärte ihr Saft zu saftig Weini­gem. Und während sie Karl-Heinzens Zunge englisch brie­ten, im Rosenrot seines Inneren lustvoll schwelgten, klang von draußen das Jingle Bells, das wie das Glocken­geläut ei­ner großen Nikolausver­schwörung über ihre Lei­ber hin­weg fegte. Und dunstvoll roch ihr Gebäck nach Zimt. ge­paart mit dem rosmarinmus der holden mariethe­res. es ge­ronn zu lustvollen. gaumenfreuden. des Riesen­hundes rau­es bellen verhaucht. in der Kehle des Genie­ßers. sein schwanzwedeln. es würzt die suppe der begehrl­ichkeit. zack. sein fell. zack. getrocknet und gepul­vert. zack. lindert husten und schleim. doch wenn er kommt. zackzack-oh. lindert er ihre dürre. ah. und wasser füllt die abendmahl­schale mit wein der frühe der nacht erwacht lacht sacht …

Rabenhorn applaudierte: Was für ein Text! Endlich ge­hobene, erhabene Literatur! Das war moderne Dichtung!

…hallelujatanztenengelgleichchimärenausplatzendenringen. Um die Welt.

Zack!

Hart schlug Rabenhorns Kopf auf dem unnachgie­bigen Sisalboden seines Büros auf.

Gleichzeitig und genau in dem Augenblick, in wel­chem Rabenhorn vor den erstaunten Augen von Egon M. Frie­derbusch und der Verlegerin Marie-Theres Kienbauer mit brünstigen Fieberphantasien von seinem Schreibtisch her­nieder und gen Hölle des Sisalbodens stürzte …

Während sich ihm die Zeit dehnte und er in einem Weih­nachtsrausch befangen, der jedoch nur ein Schwä­cheanfall aufgrund eines überraschenden mit Macht zu Tage treten­den grippalen Infektes war, verursacht durch den Schock, den der Hund in ihm ausgelöst …

Während er von einer Himmelsleiter der Glücks­eligkeit ins Antlitz der Herrn blickte, welcher ihm mit seiner gro­ßen, weichen und feuchten Zunge lie­bevoll ableckte – es war natürlich Karl-Heinz, wel­cher solches tat – und ihm da­bei war, als würde eine getragene Stimme nur für ihn mo­derne Dichtung vortragen, eben da …

… nahm am anderen Ende der Stadt, jenseits des Flus­ses, dort, wo der soziale Woh­nungsbau scheußlich bittre Sumpfblüten wachsen ließ und nur Le­bensmüde und Triebtäter sich des Nachts aus den Häusern trauten, ein Ereig­nis seinen Lauf, das, obgleich sich daran Personen beteilig­ten, die Rabenhorn vollkommen unbekannt waren, später auf das Leben des Lektors einen bedeuten­den, um nicht zu sagen, den bedeu­tendsten Ein­fluss gewann:

Es öffnete sich mitten auf dem Bürgersteig vor einer schmud­deligen und traurigen Döner-Bude knirschend ein Kanaldeckel, klappte dann langsam in die Senkrechte, um anschließend von der Wucht der Schwerkraft gezogen scheppernd auf den Beton zu klatschen. Anschließend stieg ein Mann aus dem rauchen­den und stinkenden Un­tergrund, sich nicht im Geringsten an den Blicken der Fußgänger störend, die einen weiten Bogen um ihn mach­ten. Neugierig sah er sich um und schnüffelte, das Ge­sicht zu einer angewiderten, empörten Grimasse verziehend, in die Luft.

Ömer Özgür, schnauzbärtiger Ostanatolier und stolzer Besit­zer des Bosporus-Imbiss‘, träumte sich gerade frös­telnd aus sei­nem Straßenverkaufsfenster in ein Restau­rant am Strand des sonnen- und wärmeüberfluteten Bo­drum, als sich der Mann aus dem Untergrund wie der leibhaftige Scheitan vor ihm auf­richtete. Ömer war zwar einige seltsame Aufzüge gewöhnt, schließlich wohnten ei­nige seiner besten Kunden in der nächs­ten Straße im Männerasyl, aber solch einen Menschen hatte er noch nie gese­hen.

Der Fremde sah aus, wie sich der theaterbegeisterte Tür­ke den shakespeareschen Macbeth vorstellte: Ein großer, hagerer, dabei kräftiger, in Gliedern und Muskeln stark gebauter Mann – scheinbar in den Fünfzigern. Sein Ge­sicht mochte einmal gut­aussehend gewesen sein, denn noch funkelten die großen Augen unter den schwarzen, buschigen Augenbrauen mit jugendli­chem Feuer hervor. Jedoch seine Kleidung, Mantel, Barett, ge­kräuselter Kra­gen, kurze, aufgeplusterte Hosen, darunter ein dunkelgrün­er Strumpf – hing da nicht etwa auch ein schmaler Degen an seiner Seite? – schienen aus einem an­deren Jahrhun­dert zu stammen. Erstaunlicherweise hatte die seltsame Klei­dung jedoch nicht unter dem Abwasser­kanal gelitten, dem der Mann eben entsprungen war, son­dern war farbenfroh und sau­ber; ein Kunststück, das Ömer durchaus zu schätzen wusste.

„Bin ich hier richtig im bildhübschen Bromberg an der Fiesel, der edlen Fürstenstadt mit ihren wohlgenährten Pfeffersäcken und deren liebreizenden Töchtern? Sprich, Muselmann!”, de­klamierte der Fremde zu Ömer mit schö­ner, gleichwohl schon lange nicht mehr geübt klingender Bassstimme. Und Ömer konnte nur nicken. Solch eine Sprache kannte er von der Büh­ne, nicht aus dem Leben, in dem jeder Deutsche mit ihm so sprach, als sei er dämlich und wäre bereits von einem Konditio­nalsatz überfordert. Wollte der Fremde sich lustig machen und ihn beleidigen oder meinte er sein geschwollenes Geschwätz Ernst?

„Dann, oh Sohn des Propheten, sage mir: Wo kann ich den ed­len Herrn Johann Emanuel Kienbauer finden, der allhier ein an­gesehen Buchgeschäft führt? Sieh, Abge­sandter der Pforte, ich war einige Jahre nicht mehr im Lande und will einem Freund die Hände reichen”, fuhr der Fremde fort und lächelte hinter­sinnig. Ömer hingegen staunte und schwieg, während er für sich die Sätze des Unbekannten in verständliches Deutsch übersetzte. „Aber verzeihe mir meine Ungeduld, rechtgläubiger Herr der Töpfe und Fleischspieße, deren sottene Wohlgerüche gar lecker­lich in meine Nase stechen, der ich einige Jahrhun­derte auf solch feine Genüsse verzichten musste. Ich ver­gaß, meine Wenigkeit vorzustellen.”

Er machte eine dramatische Pause und verneigte sich tief.

„Ich bin Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo“, und der Fremde in den Pluderhosen schlug sich mit Macht auf die Brust, voll­führte dann plötzlich einige seltsame Koboldsprünge, schrumpfte dabei ein wenig und bekam einen Buckel, „aber du darfst mich Karldinal-Rum­pelstilz nen­nen, ich bin’s, der Echte Karl-Nickel! Der Karlni­ckelaus! Du hast sicherlich von mir gehört. Mein Ruf eilt mir voraus. Aber eigentlich, Sohn des Orients, ist Karl-Nickel nicht nur mein Name, sondern auch meine Berufung. Ha! Seit Jahr­hunderten schon züchte ich in den Abwässern dieser schö­nen Stadt Karlni­ckel, eure Abwässer erlauben ihnen näm­lich ein be­sonders langes Leben. Verstehst du?”

„Klar doch, schon krass!” Ömer verstand … Bahnhof. Aber Ir­ren sollte man immer recht geben.

„Das musst du auch, denn wir sind uns gar nicht so fremd. Du betreibst dein Geschäft und ich das meine, mein Freund. Nun höre er mir einfach mal zu:”
Er klatschte im Rhythmus in die Hände.

„Heute koch ich, morgen brau ich und übermorgen ma­che ich der Kienbauer ein Karlnickel! Kommt dir das nicht türkisch vor?”Der Rumpelstilz brach in schallendes Ge­lächter aus! Ömer Özgür konnte nur nicken, obwohl er ei­gentlich den Kopf schüt­teln wollte. Er griff unauffällig nach seinem Schabefleisch­schaber.

„Jedoch”, erneut zwei Sprünge, der Degen schlug Fun­ken auf der Straße; das war furchteinflößend, „vor fünf­hundert Jahren wurde mir langweilig, ewig nur Karlni­ckel zu produzieren. Das sind auch ganz gefährliche Zeitgenossen! Diese kleinen Biester, diese! Mit denen will ich nichts mehr zu tun haben! Wusel, wu­sel, fress, fress, ah! Schrecklich. Folglich verlegte ich mich auf die Auf­zucht von … Trommelwirbel! Je nun, von Weihnachts­hunden. Tada! Und was soll ich dir sagen, mein Freund vom Bospo­rus, nach unerheblichen Anfangsschwierigkeit­en – einige Nach­geburten entwickelten ein Eigenleben und mutierten zu singen­den Schmuseeseln – glückten mir die bes­ten, die langlebigsten und die treuesten Weih­nachtshunde, die unsere Welt je gesehen. Ich bin wahrhaft stolz auf sie, und jeder von ihnen trägt auch meinen Na­men: Karl-Ludwig, Karl-Fried­rich, Karl-Marx und Karl-Heinz. Letzterer jedoch ist nun in eurem lieblichen Brom­berg in geheimer Mission für mich un­terwegs. Ganz ge­heim! Es ist wegen der Karlnickel. Pst! Des­halb, oh mein getreuer Musel­mann, musst du mir helfen.”

Er blickte zurück zu dem Loch, aus dem er eben gekro­chen war.

„Komm mit mir hinab. Allein bin ich zu schwach.”

 

„Und Marie-Theres kam über ihn, wurde geschichtet wie Kohl und im Fass gärte ihr Saft zu saftig Weinigem, während sie Karl Hein­zens Zunge englisch brieten: Hallelu­ja!…”

So hätte Friederbusch schreiben müssen, so wird zeitge­mäß gedichtet! Ich sage nur einen Namen und den mit der nötigen Ehrfurcht: Durs Grünbein! Ha! Selbst in den Gedanken seiner Ohnmacht erfüllte Ra­benhorn noch seinen Job. Durs und nicht anders, und Friedi wäre ein Gro­ßer. Mit einem Weih­nachtshund jedoch, mit Singing Sam, diesem ab­sonderlichen Schmu­seesel und mit gefährlichen Karl­nickeln aus dem Ab­grund wird dieser Schreiber­ling zugrunde gehen … und eigentlich: In Bezug auf sein schamloses Verhalten hier im Büro war das so­gar wün­schenswert!

Rabenhorn erschrak, erwachte fast aus den bunten Bil­dern seiner Phantasmen. Moment, hatte er gerade von langlebigen Karlnickeln geträumt? Was war denn das für ein Unfug? Wie kam er denn darauf? Er kniff seine Augen fest zu. Aber das Fieber ließ ihn nicht los.

Und es ging ein Raunen durch die Straßen. Ein Flüstern durch die Gassen. ER war auferstanden aus den Einge­weiden der Stadt, suchte seinen Nachkommen, um zu ret­ten, was noch zu retten war. ER, der ER seit Jahrhunder­ten rumorte wie schwer­verdaulicher Schichtkohl. Karl-Ni­ckel, der Karldinal­großfürst, genannt Karldinalkaiser und im Volksmund Karl­nalrumpelstilz. Doch jetzt war ER da. Und der Karlnikolaus suchte, schnüffelte, fand. Er war mitten unter uns, mitten im Advent. Angekommen wie angekündigt in den Archiven der Stadt, wo die geheimge­haltene Weissagung hinter sieben Türen ängstlich verbor­gen gehal­ten wurde. ER, der Herr und UR-UR-UR-UR-und-so-weiter-und-so-weiter-und-so-fort-URAH­NE des Geschlechts derer von Ceratias-Corvus.

Und ein Schauern fegte durch die kalten Schluchten aus Schichtbeton und Schichtkohl, durch Nachtschichten und Tag­schichten, durch alle Schichten der schlichten Bevölke­rung.

Aber nur das feine, ahnungsdralle Gemüt des Lek­tors Jan Philipp Rabenhorn erfasste den Ernst der Gegenwart mit einem visionären Blick seines dritten Auges hinter sei­ner fieberigen Stirn: Karl-Nickel war adveniert und er plante etwas! Friederbusch hatte seine Aufgabe erfüllt, Verkünder und Vorbote zu­gleich, er war nur das hohle Gefäß, das der Rumpel­stilz zum Klingen gebracht. Der echte Karl-Heinz leckte ihm über die schweißnasse Stirn, aber das be­merkte er kaum. Rabenhorn sprang im Fieber­wahn auf. Er sah eine blinkende Kienbauer in ihrer halb­en Nacktheit vom Leuch­ter herabsinken.

„Marie-Theres, schnell weg von hier! Er kömmt über dich! Er wird dich nehmen, füllen, schichten wie Kohl. Karl-Ni­ckel, der inkarlnalische, der unter­gründige, er ist aufge­fahren aus den Katakomben. Nichts wie weg hier! Sonst bist du dran!”

Mit diesen Worten fasste er Marie-Theres Kienbau­er, die Herrin des Kienbauer-Imperiums, beim einge­bildeten Schweifstern und schleifte sie zur Tür hin­aus. Frieder­busch und sein Hund blickten ihnen fas­sungslos nach.

 

[Hier geht die unfassbar spannende Geschichte weiter …]

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 6)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

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»Wohin so eilig, Miladí da Hiver? Wolltest du wirklich schon vor dem Nachtisch aufbrechen?«

Die schöne Frau, die es sehr eilig gehabt hatte, eine hinter Geißblatt und Efeu verborgene alte Assassinen-Pforte in der Mauer des rückwärtigen Palastgartens zu erreichen, blieb aufseufzend stehen. Sie drehte sich langsam zu Idrichson Galves und Sahar um, die sie ge­rade noch rechtzeitig eingeholt hatten, nachdem sie glücklich dem verzweifelten Kampf der lamargischen Soldaten mit den Treuwächtern im Speisesaal entkommen waren. Miladís Bewegung glichen denen eines Murlons, das sich bereit macht, sich im nächsten Augenblick auf seine Opfer zu stürzen. Hier, unter den hohen Weiden und zwischen den in geometrische Formen geschnittenen Büschen, war die Nacht dunkel und schattig; dem Licht der großen Fa­ckeln auf den Hauptwegen gelang es kaum, die schwarze Düster­nis kurz vor der Dämmerung aufzuhellen. Trotzdem funkelten die Augen der Diplomatin zornig auf. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, denn kurz vor Sonnenaufgang war die Nacht empfindlich kalt, wenn man wie sie nur einen tief ausgeschnittenen, seidenen Sarê trug. Ihren unhandlichen, langen Schal hatte sie längt auf ihrer Flucht verloren.

»Ihr zwei habt mir gerade noch gefehlt!«, keuchte sie und rang um Atem.

Galves trat vor und köpfte lässig mit einer spielerischen Be­wegung seines Säbels eine langstielige Rose, die er auf­hob und sich unter die Nase hielt.

»Ein wenig spät für einen Spaziergang allein im Garten, Gnädigste, findest du nicht? Wir würden uns gerne als deine Begleitung anbieten«, sagte er und sein von seiner Narbe in seine Gesichtszüge geschnittenes Lächeln verstärkte sich. Wer ihn kannte, wusste, dass er sich nun in Acht nehmen musste.

»Ich hätte gut darauf verzichten können, euch zwei Hampelmännern noch einmal zu begegnen«, gab sie wütend zur Antwort.

»Kein Grund, so unhöflich zu sein, Miladí. Fahre dei­ne Krallen ein. Ich hatte von dir mehr Klasse erwartet. Aber so ist das manchmal: Da blüht eine wunderschöne Rose an meinem Weg, aber sie duftet leider nicht und ihre Dornen sind spitz und giftig. Sie stinkt nach dem kotigen Untergrund, dem sie ent­sprungen ist.«

»Wenn ich dein Niveau nicht erreiche, Schwalbe von Avril, was gibst du dich dann weiter mit mir ab? Gehe deines Weges, solange du es noch kannst.«

»Dazu ist es längst zu spät.« Galves ließ die Rose achtlos fallen und nahm seine Kampfposition ein. Sahar stellte sich neben ihn und berührte ihn beschwichtigend an der Schulter.

»Sie scheint nicht bewaffnet zu sein und wir sollten wirklich in Erfahrung bringen, welchen Grund sie hat­te, einen Anschlag auf den Regno verüben zu lassen«, sagte er. Er wandte sich an Miladí, die die beiden spöttisch mus­terte.

»Ich nehme an, deine vermummte Dienerin hat den Bären vergiftet? Wo ist sie eigentlich hin? Wolltet ihr euch hier wieder treffen?«

»Wen stellst du eigentlich dar, Jüngelchen?«, erwiderte die Botschafterin grob. Sie war das Gespräch nun endgültig leid. »Ein einfa­cher Märchenerzähler bist du doch nicht, oder? Bist du vielleicht der Lustknabe von Galves?«

Nun zog auch Sahar seinen schmalen, kurzen Degen, den er unter seiner Kleidung verborgen hinter dem Rü­cken befestig getragen hatte. Er schwang seine Waffe über sei­nen glatten Schädel nach vorne und deutete mit ihrer Spitze auf die Frau.

»Ich heiße Sahar von Italmar. Merke dir diesen Namen gut. Ich suche im Auftrag meines Abbas nach Adelf von Südermar, dem Gesand­ten des Kirchenstaats. Er ist vor einem Monat spurlos verschwunden. Ich will meinen, dass du auch an diesem Verschwinden nicht ganz unschuldig bist, Druşba es Sakr.«

Galves warf einen ungläubigen Seitenblick auf Sahar.

»Du glaubst, sie …«

»Aber ja. Wer denn sonst? Dass mir das nicht vorher klar geworden ist. Ich nehme an, Miladí da Hiver ist für ihr Land das, was du für die Lamargue bist. Sie muss diese uralte Geheimgesellschaft der Kalten Hand wiederbelebt und sich selbst an ihre Spitze gestellt haben. Sie ließ Adelph verschwinden, weil er ihr auf die Spur gekommen ist und irgendwie von den Anschlagsplänen auf den Regno erfahren hat. Da bin ich mir sehr sicher. Aber ich konnte mir bisher nicht vorstellen, dass ausgerechnet die Botschafterin der Fünf Städte hinter dem Mordkomplott steckt. Doch es liegt eigentlich auf der Hand: Nur der Städtebund hat einen wirklichen Vorteil von Tod des Souveräns ihres Nachbarlandes. Die Verhandlungen zwischen der Lamargue und Karukora werden jetzt scheitern. Es wird mit ziemlicher Sicherheit zu einem Krieg zwischen den beiden mächtigen Widersachern des Städtebundes kommen. Ohne sich die Finger allzu schmutzig oder gar blutig zu machen, wird die Regierung in Écuyer ihre Einflusssphären. Wenn die Lamargue vom Krieg ausgeblutet ist, wird die Armee des Städtebundes als Retter dort einmarschieren. Dieses Spiel haben sie schon einmal vor 300 Jahren mit Italmar und der Provinz getrieben. Wenn zwei sich streiten … Ich frage mich nur, ob das Parlament von den Machenschaften ihrer Botschafterin weiß.«

Galves und Miladí hatten schweigend und aufmerksam Sahars Ausführungen zugehört, aber jetzt lachte die schöne Frau auf.

»Wenn ich dem Rat des Bundes so etwas vorgeschlagen hätte, dann würden die alten Leutchen dort noch bis zu ihrem Tod darüber debattieren, ohne zu einem Entschluss zu kommen. Manchmal muss man am Parlament vorbei entscheiden.« Sie deutete vor den beiden Männern eine Verbeugung an.

»Du hast meinen Respekt, Sahar von Italmar. Du bist ein wirklich talentierter Märchenerzähler. Aber du hast eine winzige Kleinigkeit übersehen.«

Es raschelte im Gebüsch an der Seite und Sahar und Galves fuhren erschrocken herum. Ein Messer flog durch die Luft. Es traf den Obersten zielsicher und bohrte sich mit seiner Klinge in die Kehle der Schwalbe, bevor er reagieren konnte. Seine Augen wurden kreisrund, aber da war es schon zu spät. Galves konnte nicht einmal mehr einen Laut von sich geben und war bereits tot, bevor sein Körper rückwärts auf den Boden kippte. Sahar war vor Schrecken starr. Eine dunkle Gestalt richtete sich auf und trat heraus aus dem Unterholz. Es war die verschleierte Dienerin von Miladí. Als sie neben ihre Herrin trat, hatte sie bereits ein weiteres Messer wurfbereit in der Hand, aber Miladí winkte ab. Sie nickte ernst und fuhr fort, als wäre nichts geschehen:

»Du hast übersehen, Adept, dass die Kalte Hand viele Finger hat.“

Dann pfiff sie ein Signal. Eine weitere Person kam aus dem Gebüsch. Es war der halbnackte, tätowierte Kling‘Arta-Leibwächter der Botschafterin, der sich zwischen die beiden Frauen stellte und seiner Herrin etwas in seiner altertümlichen Sprache ins Ohr flüsterte. Der Hühne musste sich dazu herabbeugen, ließ aber den sprachlosen Mönchskrieger dabei für keinen Augenblick aus den Augen. Der gelehrte Sahar verstand die Worte ebenso problemlos wie Miladí und er packte den dünnen Griff seines Degens fester, während er mit seiner anderen Hand wie zufällig in die Hosentasche griff.

»Kadik ost‘A wert? – Soll ich das da erledigen?«

Die Botschaftern warf einen nachdenklichen Blick auf Sahar, dann nickte sie langsam.

»Diese schwarze Schmeißfliegen aus Italmar ärgern mich langsam. Wir treffen uns am vereinbarten Platz. Esnata, komm mit mir. Wer‘Quer wird hier alleine fertig.«

Während sich der Kling‘Arta drohend aufrichtete und seine schaufelgroßen Hände aneinander rieb, rannten Miladí mit ihrer Meuchelmörderin davon. Sahar machte sich bereit. Gegen diesen Koloss hätte wahrscheinlich nicht einmal der Regno eine Chance gehabt.

»Da tu al‘Q ide bahastik! – ich werde dich wie ein Insekt zerquetschen!«, brüllte Wer‘Quer und stürmte wie ein wütendes Woll-Einhorn aus Frostjie auf den kleinen, dünnen Mönch zu.

 

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Ein Kommentar

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil 1

 

»Es war einmal ein uralter Weihnachtshund, der trottete müde, fast schon vor Schwäche torkelnd, auf dem win­terlichen Trottoir. Seine Flucht durch Nacht, Nebel und bit­teren Gestank hatte ihn bis an den Rand der völligen Erschöp­fung gebracht. Der Weih­nachtshund trug eine zer­schlissene rote Zipfelmütze. Sein Bart war silbern und eisig hart vom bitteren Frost. Auch stand sein kurzer Atem weiß in der klirrend kalten Win­terluft, denn der schwere Sack, den er sich umgebunden hat­te, war voll mit Nüssen und Hundeku­chen und drück­te auf Lun­ge und Rücken. Seine Pfoten schmerz­ten dar­über hinaus von dem Viehsalz, das allzu eifrige, der früh­morgendlichen Schnee­räumungspflicht bewusste Bür­ger auf’s Trottoir gestreut, damit niemand sich vor ihrer Haus­türe ein Bein oder gar Schlimmeres brach.

Ja, es war wahrhaft keine gute Zeit, diese Adventszeit, für ei­nen mit den vielen Jahren seines Lebens ergrauten Weihnachts­hund: Die Nase triefte; der Alte spürte die Grippe, sein Weih­nachtsbellen war rau, und verzweifelt versuchte er sich an die Verse von „Oh du fröliche …” zu erinnern.

Seine Weihnachtslaune war wahrhaft im Hundearsch, und die Pflicht, bei diesem Sauwetter zu bescheren, drück­te doch schwer auf auf seine einfache Hundeseele. Der Weihnachtshund dachte tatsächlich für einen kurzen Au­genblick: ‘Ach, wäre ich doch nur ein Osterhund! Wie viel schöner muss es wohl sein, auf einer grünen, von der war­men Frühlingssonne beschienen­en Wiese viele bunte Eier und auch mal einen Scho­ko-Hasen zu legen.’

Aber auf einmal, in seiner allertiefsten Depression, da hörte er ein glockenhelles Stimmchen: „Schau einmal, Mama, schau, da läuft doch glattauer ein echter Weih­nachtshund!“

„Oh ja”, antwortete die Mutter verzückt, „endlich mal ein Kö­ter, dessen Kacke auf dem Bürgersteig nur nach Tannennadeln und Lebkuchen duftet. Und schon denkt man doch gleich viel lie­ber ans Christkindl.”

Da aber wurde es dem alten Hund richtig warm ums Herz. War doch nicht alles so grau, wie es ihm seine far­benblinden Au­gen vorgegaukelt hatten? Gab es wirklich noch Hoffnung und Liebe in dieser tristen Welt, die ihm so aufs Gemüt drück­te? Ge­rade wollte er auf die freundli­chen Menschen zuwanken, ihnen mit seiner kalten, feuch­ten Schnauze die Knie reiben und sie mit seinen Nüssen erfreuen, als plötzlich …

Ein durchdringendes Sirren von eiskaltem Stahl zer­schnitt den Morgen, bohrte sich schmerzhaft in sein rech­tes, halbtaubes Ohr. Doch die Reflexe des Weihnachthun­des funktionierten noch im­mer: Trotz der erlittenen Stra­pazen, trotz des Alters, trotz der Kälte, trotz der Grippe! Gedankenschnell wich – ja, in winterli­cher, christlicher Wahrheit, so hieß unser Weihnachts­hund – ich sage, Karl-Heinz wich der Schlinge des fiesen Hun­desfängers mit ei­nem atemberaubenden Reflex aus, sprang los. Aber rutschten ihm die Hinterläufe weg! Er schlitterte über das Eis der nächst­besten gefrorenen Pfütze auf die freundliche Mutter und das lieb­liche Kind zu, landete mit Sack und Pack …«

Jan Philipp Rabenhorn senkte das Blatt, von dem er gele­sen hatte und legte es dann so eilig, als habe er sich die Finger daran verbrannt, zu den an­deren Seiten des mit sauberer, fast kindlicher Hand­schrift geschriebenen Sta­pels Papier. Er seufzte. Dann nahm er seine schmale Lese­brille ab und rieb sich mit der freien Hand über die Au­gen, ver­suchte vergebens mit festem Druck der Wirklich­keit ein an­ders Bild aufzupressen.

„Karl-Heinz, der Weihnachtshund …”, murmelte er fas­sungslos und zitierte damit den Titel des fetten Manu­skripts, das er zu bearbeiten hatte, „ein winter­liches Mär­chen.“

Rabenhorn drehte sich im ergonomisch geformten Sessel von seinem ausladenden Schreibtisch in Ma­hagoni-Imitat weg und sah aus dem Fenster seines Büros, in dem er im 8. Stockwerk des Kienbauer-Ver­lagshauses residierte. Al­lein schon die Höhe der Eta­ge unterstrich seine bedeuten­de Stellung als leiten­der Lektor und Verlagsdirektor. Über ihm, di­rekt unter dem Dach, befanden sich nur noch die Ta­gungsräume des Verwaltungsrats und die ausge­dehnte Zimmerflucht von Marie-Theres Kienbauer, der Witwe des großen Hubert Emanuel Kienbauer. Doch im Gegen­satz zu dem allzu früh verstorbenen und zumindest von Raben­horn auch viel beweinten Verblichenen leitete sie zwar die wirtschaftlichen Be­lange des Verlages, das litera­rische Pro­gramm über­ließ sie aber in aller Regel ihrem Cheflektor, denn sie fand die neue Bunte wesentlich aufre­gender als den neuen Kehlmann.

Während Rabenhorn in den amorphen, allzu düster grau­en Himmel starrte – amorph war übrigens eines seiner Lieb­lingswörter, fast so schön wie Socke oder Kakadu – da überleg­te er, was wohl der alte Kienbauer zu dieser Ge­schichte ge­sagt hätte, die heute der erfolg­reichste Au­tor des Verlages als lang erwartetes Meis­terwerk persön­lich bei der Vorzim­merdame von Ra­benhorn vorbeige­bracht hatte. Wahr­scheinlich hätte er den handgeschriebe­nen Text sofort im Ofen ver­brannt und seinen Autor, den großen Egon M. Frie­derbusch, gleich mit dazu.

„Karl-Heinz, der Weihnachtshund …”, wiederholte Ra­benhorn kopfschüttelnd, „ein Weihnachtsmärchen von Egon M. Friederbusch, dem Autor von Edwin Egart und die Last des Schweigens und Edwin Egart 2: In Alwins Zau­bergarten.

Egon M. Friederbusch, der ganz allein mit seinen Bü­chern um den Zauberlehrling Edwin Egart für den Ver­lagserfolg verantwortlich zeichnete …

Egon M. Friederbusch, auf dessen dritten Egart-Ro­man ganz Deutschland voller Ungeduld wartete. Und er hatte nichts besseres zu tun, als eigenhändig – ohne Computer, Textprogramm und Rechtschreib­hilfe – ein grauenhaftes 264-Seiten-Machwerk über … über Weihnachtshunde zu verfassen …

Egon M. Friederbusch, der Geliebte von Marie-The­res Kienbauer …

Egon M. Friederbusch, der nicht einmal Oh, du fröh­liche richtig schreiben konnte …

Rabenhorn, in dessen Seele sich wie ein Luftballon eine große, innere Leere aufblies, starrte weiter be­harrlich zum Fenster hinaus, entschlossen, sich erst zu bewegen, wenn es dort draußen über den Dä­chern der Stadt zu schneien be­gann.

Da klingelte das Telefon auf dem Schreibtisch. Ma­rie Kienbauer war am Apparat. Rabenhorn hasste dieses Weib aus ganzem Herzen, das kaum verwit­wet schon die Gelieb­te eines Zauberlehrlings- und jetzt Hundeschrift­stellers ge­worden war. Nebenbei bemerkt, war sie eine grauenhafte Hobbyköchin, die so etwas Unsägliches wie Schichtkohl fa­brizierte und die üppigen Ergebnisse ihrer Kochkünste ger­ne er­kaltet in Tupperschüsseln gestopft unter ihren Ange­stellten verteilte. An solchen Tagen hängte Raben­horn ein Schild vor die Tür, auf dem Bin auf irgendei­ner Buchmesse stand und schloss sein Büro von In­nen zu.

Einmal hatte er eine Einladung zum Abendessen nicht ab­lehnen können, die wohl auch noch in der lüsternen Ab­sicht ausgesprochen wurde, ihn über ihre Gourmetkü­che in ihr Schlafzimmer zu locken. Er, ein gestandener Ra­benhorn und stadtbekannter Feinschmecker, konnte es nicht verhindern: Er hatte ihr nach den tapfer herunterge­würgten Kohlroula­den auf das teure Designersofa ge­kotzt. Nun ja, seit­her war das Verhältnis etwas frostiger, aber sie hatte sich zu Rabenhorns Erleichterung nach ei­nem ande­ren Objekt ihrer Begierde umgesehen und es in dem Er­folgsautor Friederbusch gefunden. Der hatte wohl Ge­schmacksnerven aus grünem Gartendraht.

„Rabenhorn!” Ihre aufgeregte Stimme schrillte oh­renpeifend in seine trüben Erinnerungen an zer­matschten Schichtkohl mit fettigem Hack. „Raben­horn, haben Sie schon das Manuskript von Frieder­buschs Karl-Heinz, der Weihnachtshund gelesen? Ehr­lich, ich bin überwältigt. Ich sage Ihnen, das ist schlichtweg ein Hammer!”

Friederbusch musste wahrhaft ein As im Bett sein. Eine andere Erklärung gab es nicht. Rabenhorn räus­perte sich: „Wenn ich ehrlich bin, nur bis zu der Stel­le, wo der Hun­defänger aufgetaucht ist.”

„Da sind Sie doch noch ganz am Anfang! Raben­hörnchen, Sie müssen sofort weiterlesen! Unbedingt! Das ist Weltlite­ratur, die Friedi da geschrieben hat. Nun machen Sie schon, und ich erwarte eine aus­führliche Stellungnah­me von Ih­nen. Bald, sonst lasse ich Sie die Plakate von Pe­gida-Anhängern kor­rigieren!” Und zackig aufgelegt. Der Führer hat ge­sprochen.

Friedi! Ha! Was war denn das? Die Kienbauer mischte sich in seine Kompetenzen? Das war ja ganz was Neues. So ging das nicht, er war der Cheflektor. Vorbei mit dem Vor­satz, sich nicht zu rühren. Nun war Machtkampf an­gesagt! Andererseits: Die Zeiten waren schlecht. Gute Lektoren, die niemand benötig­te, gab es wie Sand am Meer. Seufzend nahm Raben­horn erneut das Elaborat über den Weih­nachtshund in die Hand und suchte die Stelle mit dem Hunde­fänger. Und auf einmal bannte ihn die Hand­lung, denn es wurde dramatisch. Doch ein ech­ter Frieder­busch?

»… und landete mit Sack und Pack, sich fast über­schlagend, auf dem roten Plastikschlit­ten, den das Kind hinter sich herzog. Erschrocken ließ die Klei­ne los. Durch den unge­stümen Sprung des alten Weih­nachtshundes schoss der Schlitten ungebremst über die Bürgersteigkante auf die spiegeln­de, glatte Straße. Zorni­ges Hupen, ein Möbelwagen – Aufschrift: Sicher von Heim zu Heim – versuchte noch zu bremsen. Verge­bens!

Karl-Heinz, machtlos auf dem Schlitten, sah das Weiße in den Augen des Möbelwagenfahrers, das Weiße und darin sein eige­nes Ende. Aus, vorbei! Die ihm von seinem Herrchen selbst ge­stellte Aufgabe, nach vielen Jahren des Ruhestands erneut her­renlose Hunde mit Nüssen und Hundekuchen unter dem gro­ßen Pinkelbaum zu besche­ren, wurde durch einen simplen Mö­belwagen verhindert. Nur noch Sekundenbruchteile im Advent, und der Hun­detod durfte Weihnachten feiern. Versagt, eindeu­tig, er hatte es verdient, in der Hölle für stinknormale Köter zu braten. Ergeben senkte der alte Hund sein Haupt.

Urplötzlich: „Iiaah, Iiaah und Iiooh!” sang eine mächtige Stim­me gegen sein Verderben an. Ein Freund in aller­höchster Not?

Es war so, denn eine kräftige Zunge wickelte sich um Karl-Heinzens Lenden, wischte ihn von dem Schlitten und zog ihn unwiderstehlich in die warme Sicherheit ei­ner rauchigen Knei­pe. Uff, das war gerade noch einmal gut gegangen. Karl-Heinz wag­te zu blinzeln, und Freu­dentränen quollen, als er den Freund er­kannte: Kein Zweifel möglich:

Es war Singing Sam, der singende Kuschelesel.«

Rabenhorn blickte wie­der versonnen aus dem Fens­ter. Er seufzte. Diesen Schmarren von 264 Sei­ten sollte er noch weiter lesen? Musste er sich das wirklich antun? Er, der Cheflektor des Kien­bauer-Imperiums? Und das nur, weil der vertrottelte Friederbusch ein Weih­nachtsmärchen geschrieben hatte und sich einbildete, es auch publizieren zu müssen? Einzig und allein, weil die Kienbauer auf Friedi flog?

Das verlangte man von ihm, von Jan Philipp Raben­horn, der Klassiker lektoriert hatte wie Die Schwalbe oder gar Wie das Schwarz in den Himmel kam? Ande­rerseits: Er war fünf­undfünfzig und die Zeiten schlecht. Abertausende jobsu­chende Germanisten und Germanistinnen lagerten vor den Toren der Ver­lage und waren bereit, für ein paar aufmun­ternde Worte und ein schlecht kopiertes Prakti­kumszeugnis zu arbeiten. Selbstredend hatten die keine Ahnung, aber das zählte doch heute nicht mehr, wo Fast- und E-Books den Markt überschwemmten wie die fett­triefenden Buletten der Burgerketten die Mägen der Schnellhungri­gen.

Jan Philipp Rabenhorn seufzte erneut, diesmal lau­ter und länger. Dann wandte er sich wieder dem ver­hassten Manu­skript zu …

»„Hey, das war aber knapp, Alter“, Sams Eselsohren wa­ckelten vorweihnachtlich und seine seine Nase leuchte­te rot, „voll krass. Nur gut, dass ich gera­de rein zufällig in mei­ner Stammlocation chillte. Ich find‘ eigentlich so gut wie nie die Chicks, äh, die Zeit, mal voll gemütlich abzuhängen. Voll krass, dieser Möbelwa­gen. Das war der VW-Diesel unter den Möbel­wägen! Der hätte dich doch so ‚was von uncool ins Off be­fördert.“ Sams Eselsaugen glänzten verdächtig, selbstver­ständlich nur aus reinem Zufall. Er schlug seine Vorder­hufe knallend zu­sammen. “Zack! Deckel zu! Und ab ins Hunde-Jen­seits. Ins Pa­radies darfst du ja nicht, wie die Bibelfesten unter uns beiden wissen. He, he, für den treu­en, grauen SUV, der den Herrn läs­sig nach Ägypten schmuggelte, gilt das stressige Verbot nicht. Ich bin viel zu fly dazu. Oneway-Ticket to Para­dise, oh yeah …” Sam würde doch nicht wieder zu singen be­ginnen? Karl-Heinz beeilte sich, den Redefluss des angeheiter­ten Esels, von dem er übrigens nur die Hälfte verstand, zu un­terbrechen.

Der Weihnachtshund musste sich erst den Schleim aus der brennenden Kehle räuspern, ehe er antworten konnte: „Danke, Sam! Man sollte alte Hunde wie mich nicht mehr bei so einem Sauwetter vor die Türe jagen. Ich weiß über­haupt nicht, war­um ER mich ausgerechnet in diesem Jahr noch einmal auf die Große Tour geschickt hat, wo ich doch seit einhundertunddrei­unddreißig Jahren nicht mehr in Bromberg an der Fiesel war. Ehrlich, ich finde mich hier gar nicht mehr zurecht. Das ist hier auf Er­den so hektisch geworden und so laut. Es stinkt. Da wundert es mich nicht, dass es in Deutschland nicht einmal mehr einen Kai­ser geben soll …”

„Komm Alter, chill mal. Vergiss doch den Beckenbauer, hab null Bock auf die korrupte Fresse. Schlag ’ne Weih­nachtskugel drüber, Bro, wie wir modernen Esel sagen. Und dann, Charly, trinkst du erst mal ’nen Pott von mei­nem Eselstraum. Ich sag dir was: Gei … el, Alter, voll das Gesöff. „Sams Eselstraum“ ist wahrhaft der heißeste Punsch zwischen hier und der Bronx. Die fetteste Droge, die jemals ein Esel braute. Donkeybuisness, abso­lut der Burner. Da hebst du ab wie Superman, grinst dir ei­nen und es geht dir so gut, als ob dir Lassie persönlich an den Nüssen knabbert.“

Ja, Singing Sam war schon ein wahrer Freund …«

Rabenhorn hustete rau. Das wurde immer stärke­rer Tobak! Hätte jemand anderer als Frieder­busch solch einen Text geliefert und hätte ihn die Kienbau­er nicht zum Lesen gezwungen, das Manuskript wäre längst im Altpapier gelandet. Es war zum Heulen. Da la­gen noch der wundervolle Roman eines jungen Debütanten über eine amour fou, dessen Titel Die neunhundertneunundneunz­ig Jahre alte Fee, die von einer Parkbank sprang und ver­schwand noch verändert werden musste und das nobelpreisverd­ächtige neue Werk von Nikolaus Xaver Maria Klam­mer auf seinem Schreibtisch und warteten auf seine pflegende Hand. Aber er hatte sich mit diesem gro­tesken Machwerk auseinanderzusetzen! Frieder­busch musste ja schon völlig schwachsinnig oder größenwahnsinnig ge­worden sein, so etwas Unaus­gegorenes aus der Hand zu geben. Ein Schafscheiß war das!

Und es sollte noch toller kommen, denn der Lektor war erst auf Seite 37.

»Der Weihnachtshund trank, schmatzte und schlürfte und sab­berte den „Esels­traum” und spürte in sei­nen Gliedern die aufstei­gende Wärme eines sanf­ten, dann gewaltig durch den Schlund wieder auf­steigenden Feuers, der Mutter al­ler Sodbrände. In allen Gliedern regte es sich zu einer Überra­schung! Seitdem er einmal in einer Sakristei Messwein aufge­schlürft, den ein völlig besoffener Pfarrer auf dem Boden ver­schüttet, hatte er sich nicht mehr so wohl gefühlt. Vergessen die Gaben­verteilung unter dem großen Pinkelbaum, vergessen die Beschwerden seines weit über sechshundertjährigen Kör­pers, er fühlte sich schlichtweg „Pudel”-wohl, obwohl er sich relativ si­cher war, dass keiner dieser hochnäsigen Kerle seinen bunten Stammbaum befleckt hatte.

Karl-Heinz betrachtete den Kuschelesel mit neuen Au­gen. Der stimmte gerade hingebungsvoll den einen Schla­ger an, welcher ihn bei allen Damen rund um den Erdball berühmt gemacht hat­te:

„Iiaah, Iiaah und auch Iiooh!
Will dein Stecher nicht mehr kuscheln,
Selbst nach Penne arabiata mit zu viel Muscheln,
Sind sie leer, des Typen Eier,
Hol zum Teufel ihn der Geier!
Denn du brauchst ihn wahrhaft nicht,
Den Wicht,
Du kennst ja schließlich … Saaaam!“
(Letzterer Reim leise, fast flüsternd vorgetragen)
„Iiaah, Iiaah und auch Iiooh,
Sam, der Esel, macht dich froh.
Das beste Grauohr für die Liebe,
Seitensprung und Seitenhiebe.
Iiaah, Iiaah und Yeah für die Triebe!”

Ehrlich, so übel klang dieses Lied nach dem zweiten Esels­punsch nicht (oder war es gar schon der dritte?) und auch der Typ selbst, der hatte was. Zumindest war er nicht mehr der graue Langweiler, der er früher gewesen. Wenn der Weih­nachtshund richtig überlegte, war das alte, abgenutzte Cha­grinleder schon ein bisschen des Ku­schelns wert. Es störte Karl-Heinz nicht, dass Sam ausge­sprochen männlichen Ge­schlechts und stockbesoffen war. Das war er schließlich auch. In seinem runzli­gen Hunde­alter nahm man doch alles mit, was sich bot – im Himmel wie auf Erden. Er winkte dem ausgespro­chen depressiv wirkenden Kellner, der sich gerade in vergebli­cher Hoff­nung ein Küchentuch über die Ohren schlang: „He, mein Freund, noch ei­nen Liter von dem Stoff!”, und dabei blin­zelte er Sam, der gerade die dritte von unzähligen weite­ren Strophen begann, vielverspre­chend zu.«

Rabenhorn wurde schlecht, dieses blödsinni­ge Lied eines kuschelnden Esels schmerz­te ungeheuer sein feines, onomatopoetisch geschultes Gehör und der Refrain reimte sich nicht einmal. Was zu viel war, das war wirklich zu viel! Gut, Friederbusch war der Haus­autor, noch dazu der erfolgreichste, und es war in allen ihm be­kannten Verlagen gute Po­litik, die Geld bringenden Hausautoren mit Samt­handschuhen zu streicheln. Doch wie weit sollte die­se Übung gehen, musste er, ein Raben­horn, Germa­nist und Philosoph, sich aus reiner Existenz­angst die­sem Schwachsinn beugen? Nur, weil Friedi was mit der ranzigen Kienbauer hatte? Er besaß doch noch sei­nen Stolz … und an Weihnachtshunde und sin­gende Ku­schelesel glaubte er schon gar nicht, auch wenn Frieder­busch sie hier in seiner Heimatstadt Bromberg an der Fie­sel auftreten ließ, in der es tat­sächlich in der Mitte der Alt­stadt einen vom Volks­mund sogenannten Großen Pinkel­baum gab, um den herum der jährliche Christkindlsmarkt statt­fand.

Doch Jan Philipp Rabenhorn sollte eines Besseren belehrt werden. Schließlich herrschte die Gnaden bringende Weih­nachtszeit:

Ein Piepen seines Tablets ließ ihn auffahren. Eine E-Mail war angelangt. Als Absender prangte unüber­sehbar Ma­rie-Theres Kienbauers Adresse. „Öffnen Sie die Anlage!“, war der bündige, ein wenig bedroh­lich wirkende Text.

Rabenhorn tat wie ihm angeordnet, obwohl er eine wei­tere Einladung zu einem Schichtkohl-Essen, wel­chen sie in der Adventszeit gerne mit Zimt und Hirschhornsalz würz­te, befürchtete. Aber auf dem Touchscreen entrollte sich ein funkelnder Farbentep­pich in Rot-Grün-Gold. Daraus schäl­te sich ein er­staunlich realistisch wirkender, wenngleich zipfel­mützenbewehrter Hund in einem roten Mantel. Gleich daneben entstieg ein ebenso echt ausse­hender Esel mit Schlitten im Schlepptau einer grauen Wolke, aus der fortwährend glitzernde Schneeflocken fie­len und langsam den unteren Rand des Desktops füllten. Der Schlitten barg als einziges Weihnachtspräsent ein ge­waltiges Buch, auf dessen rotbraunem Um­schlag eine gol­dene Schrift blinkte: „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“. Jetzt erst bemerkte Ra­benhorn die Laufschrift am unteren Rand des Bildes, in­zwischen halb im künstlichen Schnee begraben:

„Nur bei Kien­bauer: Die Sensation! Das neue Weihnachtsmärchen von Egon M. Friederbusch, dem Autor der erfolgreichen Egart-Serie. Schon jetzt ein Klassiker.“

Rabenhorn konnte nicht länger hinsehen. Wer hatte denn diese Geschmacklosigkeit mit Hilfe von Photo­shop verbro­chen? Die schreienden Farben und die grelle Auf­machung taten ihm körperlich weh.

„Wenigstens passt das Bild zum Text”, murmelte er und schloss eilig die unerfreuliche App auf dem Dis­play sei­nes Tablets. Der künstliche Computerschneehaufen blieb trotzdem unten lie­gen. Dann blickte er hinaus in den grau­en Advents­himmel, lehnte sich weit in seinem Sessel zu­rück und wartete auf den Feierabend. Im Gegensatz zu dem special effect auf seinem I-Pad ließ der Schnee in der Wirklichkeit auf sich warten.

[Am 2. Advent geht es weiter …]

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 5)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Der Stumme schüttelte mitleidig den Kopf, nahm Eóra beschützend in den Arm und begleitete sie zur Zelle hinaus. In der Tür blieben sie noch einmal stehen und die Tochter sah zurück zu ihrem Vater.

»Ich wollte dich noch ein letztes Mal sehen und Muhar und Radik haben mir diesen Wunsch erfüllt. Verstehe doch. Ich liebe meinen Gemahl und würde alles für ihn tun.« Sie wandte sich endgültig um und Muhar führte sie eilig aus dem Kerker.

»Liebe!«, rief ihr Ómer hinterher und seine Stimme überschlug sich. »Du hast mich nur wegen der Liebe verra­ten? Wie erbärmlich. Kein Sud hat bisher irgendetwas aus Liebe getan. Sie vergeht wie ein Blatt am Baum. Wenn der Herbst kommt, dörrt sie aus und fällt nutzlos in den Kehricht. Aber der Baum selbst, das Geschlecht der Sud, bleibt bestehen, denn er hat Wurzeln in die Zeit und die Tiefe gebohrt. Liebe vergeht, doch die Macht bleibt beständig.«

Ómer schwieg. Ihm wurde plötzlich bewusst, dass seine Tochter würde seine Worte nicht mehr hören und auch nicht verstehen konnte. Radik, der noch in der Zelle verblieben war, rümpfte die Nase und kam einen Schritt näher. Er achtete sorg­fältig darauf, wohin er seine seidenen Pantoffeln setz­te. Er wollte seinen Triumph auskosten und übersah dabei vollkommen, dass sein alter Feind auch in dieser Situation ein gefährlicher Mann war.

»Und wo ist sie jetzt hin, deine Macht?«, fragte er spot­tend. »Ich habe dich entwurzelt.«

Ómer sprang auf. »Meine Macht willst du sehen? Ich zeige sie dir, du schwanzloser Bastard!«

Er stürzte sich auf Radik, dem es nicht mehr gelang zurückzuweichen und riss ihn mit sich zu Boden hinein in den schmutzigen Strohhaufen. Mit einem Satz saß er rittlings auf seinem Widersacher, der verzweifelt um sich schlug. Ómer hob die zweizinkige Fleischgabel, die er noch im Speisesaal hatte an sich bringen können, bevor ihn die Treuwächter ergriffen, und die er ganze Zeit unter seinem Gewand verborgen gehalten hatte. In der Aufregung und der Eile hatten sie es unterlassen, ihn zu durchsuchen, bevor sie ihn in die Zelle geworfen hatten. Mitleidlos rammte Ómer die Gabel in Radiks rechtes Auge, der gepeinigt heulte und sich aufbäumte. Aber es gelang ihm nicht, Ómer abzuabwerfen. Er beugte seinen Kopf herab und legte seine Lippen auf das Ohr des Gepeinigten, während er ihm seine Hand auf den Mund presste.

»Und für dich habe ich auch eine Lehre, die für mich genauso schmerzhaft war wie für dich jetzt, als ich sie begriffen habe. Unterschätze niemals einen Gegner. Selbst wenn er vor dir auf dem Boden liegt«, flüsterte er. Radik stöhnte nur.

»Oh, nein«, fuhr Ómer fort, »ich werde dir nicht das Leben nehmen. Diesen Schatten werde ich mir nicht auf die Seele legen. Du wirst hier verrotten.«

Er richtete sich wieder auf und drehte noch einmal grausam die blutige Gabel in der schrecklichen Wunde, die einmal das rechte Auge des Beschnittenen gewesen war. Radik schrie noch einmal auf, dann sank er bewusstlos in sich zusammen. Ómer warf seine besudelte Waffe zur Seite und schmierte gedankenverloren das Blut an seiner Hand in das schimmlige Stroh. Dann spuckte verächtlich aus, riss Radik zum Abschluss den gestohlenen Edelstein vom Turban und stand auf.

»Das gehört mir«, murmelte er und steckte das große Juwel, das bereits seinem fernen Vorfahren Turini gehört hatte und seit vielen Generationen im Besitz der Familie Sud war, in die Tasche seiner schmutzigen Pluderhose. Er überlegte fieberhaft. Jetzt blieb ihm nur eine schnelle Flucht, doch sie wollte gut geplant sein. Ein kopfloses Herumirren im elfenbeinernen Palast würde ihn nur wieder in die Hände der Treuwächter führen, die bestimmt wie ein zorniger Hornissenschwarm durch die Räume jagten. Ob es ihm gelingen konnte, sich unter die fliehenden Gäste seines in dieser Katastrophe geendeten Festmahls zu mogeln und zwischen ihnen verborgen den Palast zu verlassen? Nur mit einem blutigen und schmutzigen Hemd bekleidet wohl kaum. Die Wahrscheinlichkeit, dabei entdeckt zu werden, war viel zu hoch. In seine eigenen Gemächer konnte er auf keinen Fall zurückkehren, auch wenn er sich gerne andere Kleidung besorgt und sich aus seiner übervollen Schatzkiste bedient hätte.

Doch ein kluger Mann wie der ehemalige Vezir hatte für alle Schicksalswenden vorgesorgt. Er hatte noch einen Fluchtplan für schlechte Zeiten vorbereitet und er beeilte sich, ihn umzusetzen. Als der Attentäter, dessen Platz er vorhin in dieser Zelle eingenommen hatte und den jetzt Radik übernommen hatte, festgenommen worden war, hatte Ómer persönlich nach dem Weg gesucht, auf dem der Mönch in den Palast eingeschlichen und bis zum Thronsaal vorgedrungen war. Der schwer verwundete Adelph war zwar nicht ansprech- und damit auch nicht verhörbar, aber die Blutspur, die er in den Korridoren hinterlassen hatte, war deutlich genug gewesen. Sie hatte den neugierigen Vezir in einen heutzutage kaum benutzten Teil des Palastes nahe der Lagerräume bis zu der Stelle geführt, wo sie völlig überraschend vor einer scheinbar massiven Wand endete. Doch nach ein wenig herumprobieren hatte er einen gut verborgenen Schalter im bröckligen und arabesken Gipszierrat der Mauer entdeckt, der eine geheime Tür zu einem längst vergessenen Raum öffnete, dessen Rückwand gewaltsam aufgebrochen war. Von dort gelangte man über einen Tunnel zu den Kanälen, die die Abwässer des Gebäudes in den Syris leiteten.

Damit war das Geheimnis, auf welche Weise der Mönch aus Italmar bis zum Namenlosen hatte vordringen können, gelüftet. Es blieb zwar noch die Fragen offen, wer ihn dabei geholfen hatte und wer ihn angeschossen hatte, aber die wollte Ómer auf sich beruhen lassen, bis er Adleph verhören konnte. Den versteckten Eingang jedoch hatte er versiegeln und den Korridor davor von seinen eigenen Leuten Tag und Nacht bewachen lassen. Dies war zwar nicht der einzige Geheimweg, den es aus dem Elfenbein-Palast gab, von dem der Vezir wusste. Aber er lag dem Zellentrakt am nächsten und war deshalb seine erste Wahl bei der Flucht.

Ómer kümmerte sich nicht weiter um den langsam wieder erwachenden und sich in Schmerzen auf Boden wälzenden Rivalen, mit dem er längst abgeschlossen hatte. Er hatte sich entschieden und verließ deshalb eilig die Zelle. Ihre massive Tür versperrte er sorgfältig mit dem Schlüssel, der praktischerweise noch im Schloss steckte. Den nützlichen Schlüsselbund nahm er danach an sich, denn mit ihm würden sich für ihn auch andere Türen öffnen lassen. Er wollte ihn später in einem der vielen unterirdischen Kanäle entsorgen, wo ein schon lange vorbereitetes kleines Ruderboot auf ihn wartete, das ausreichend Proviant und eine gut gefüllte Kiste mit Goldmünzen und Pretiosen an Bord hatte. Mit diesen Reichtümern, die er als oberster Steuerbeamter aus den Taschen der Bürger von Karukora gestohlen hatte, wollte er den Marat überqueren und das Juwel der Wüste für immer verlassen, um irgendwo im barbarischen Süden, aus dem seine Familie stammte, neu zu beginnen.

Der kleine Mann aus dem Gefängnis, bevor ein Wächter auf die Idee kam, hier unten nach dem Rechten zu sehen.Er schlich an den vielen Zellentüren vorbei, in denen hunderte Gefangene eingesperrt waren. Die meisten hatten es nicht der Gerichtsbarkeit des Namenlosen, sondern seinem grausamen Minister Ómer zu verdanken, dass sie hier unten verfaulten. Hier und dort war nur ein leises Seufzen und Jammern zu vernehmen, manche schlug mit der flachen Hand oder mit blutigen Fäusten gegen das Holz ihrer Gefängnistüren. Doch hinter den meisten war es merkwürdig still.

Seltsam, dass ausgerechnet Adelph und nur er befreit wurde, überlegte Ómer. Und das diese Flucht während des Fests, das mit seiner Palastrevolution enden sollte, geschehen war, war doch ein wirklich merkwürdiges zeitliches Übereintreffen. Das konnte kein Zufall sein. Ob es mit Muhars Verrat und dem Anschlag auf den Regno zusammenhing? Warum hatte ihm der Märchenerzähler Alis vorhin zugezwinkert? Hatte er gewusst, was er für seinen Enkelsohn plante?

Und wer schließlich hatte den Regno Raul ermordet? Gehörte das zu den Plänen seiner Feinde oder steckte ein ganz anderer dahinter, an den er nicht dachte? Oder an die er nicht dachte?

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[Zur Fortsetzung …]

Ein Kommentar

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