Archiv der Kategorie: Fantasy

Eine kluge Frage und ein Jubiläum

EIN GRUND ZUM FEIERN UND UM ZURÜCKZUBLICKEN

Ich gebe es zu: In den letzten Wochen habe ich meinen Blog ein wenig stiefmütterlich behandelt. Das liegt zum einen an meinem Brotberuf, der im Moment viel von meiner Zeit frisst, zum anderen schlicht daran, dass ich zu faul war. Schließlich war der April ungewöhnlich warm und sonnig und reizte zu Ausflügen, Wanderungen, Radtouren, Biergartenbesuchen und zum Einfach-mal-faul-auf-der-Gartenterrasse-Herumlümmeln. Es ist jedes Jahr das Gleiche: Gelange ich erst einmal langsam aus dem Winter- in den Sommermodus, bin ich mehr „Körper“ als „Geist“.  Außerdem sind die Zugriffe auf meinen Blog marginal und ich rede hier meist nur mit mir selbst. Da kann ich mir auch mal ein paar Pausen gönnen.

Meine liebe Kollegin lunaewunia, die mir hier folgt (sie selbst schreibt hier: schreibmaschinchenblog.wordpress.com), liest allerdings gerade meinen Roman „Die Wahrheit über Jürgen“, den ich hier jeden Montag in homöopatischen Häppchen vorveröffentliche, bis er im Herbst als Buch erscheinen wird. Sie war so nett, ein paar kritische Anmerkungen zu dieser Betaversion des Romans zu machen und hat mir unter anderem die folgende Frage gestellt:

lunaewunia: „Was ist denn deiner Meinung nach der beste Einstieg in dein Schaffen?“

Ganz ehrlich, ich war vollkommen überrascht. Diese Frage hat mir noch nie jemand gestellt und ich habe mir auch noch nierichtig  darüber Gedanken gemacht. Ich habe mir von lunaewunia ein wenig Bedenkzeit ausgebeten und nachgedacht. Heute – denke ich – ist der richtige Moment, diese Frage etwas ausführlicher zu beantworten, denn ich feiere in diesen Tagen ein ganz besonderes Jubiläum auf meinem Blog.

Er ist 5 Jahre alt geworden.

Im Moment findet ein interessierter Literatursüchtiger hier über 700 Artikel (1). Er kann Glossen, Rezensionen, Kurzgeschichten, Erzählungen, Romanausschnitte und sogar Gedichte und ein Theaterstück lesen. Aber das Ganze ist ein ungeordnetes Knäuel ohne innere Reihenfolge und System; es fehlt die ordnende Hand. Kein Wunder, bin ich doch nicht nur ein fauler, sondern auch ein schlampiger Mensch, der als Messie in seinem Dreck leben würde, ließe dies Frau Klammerle zu. Für mich war dieser Blog am Anfang nur ein neues Spielzeug, das ich mal ausprobieren wollte, um mitreden zu können. Doch mit dem mir selbst verordneten Zwang, ihn mit Inhalten zu füllen, wurde er mir für meine Arbeit als Autor schnell unverzichtbar und bringt mich dazu, regelmäßig an meiner Literatur zu arbeiten. Der Blog ist mein ins Internet ausgelagertes Gewissen, das mich zwickt, wenn ich mal wieder eine Faulenzerphase habe. Tatsächlich ist es nur ihm zu verdanken, dass ich inzwischen 6 Bücher geschrieben, überarbeitet und im Selbstverlag herausgegeben habe, denen noch in diesem Jahr zwei weitere folgen werden.

Die Texte dieser Bücher sind hier größtenteils nicht mehr zu finden; wer sie lesen möchte, muss sie kaufen. 😉

Also, wie sollte man nun in die Welten des Nikolaus Klammer einsteigen? Ich denke, das liegt am jeweiligen Leser. Denn ich bin ein sehr vielseitiger Autor, den Genre-Grenzen noch nie interessiert haben. (2)

Von kurz nach lang:  Wer nur einmal kurz reinschmecken möchte, um meine „Schreibe“ kennenzulernen, dem würde ich empfehlen, bei meinen Kurzgeschichten zu beginnen. Sie sind mal heiter, mal fantastisch, mal unbequem, aber immer originell. Hier folgt eine repräsentative Auswahl, die Reihenfolge ist zufällig; tatsächlich finden sich noch viele weitere Kurzgeschichten in den Archiven des Blogs:

Bappbpel Der FremdeDas Rote HausDer WolfsmondEismanns WilleWahrheit –  PalimpsestDer Schriftsteller, die Putzfrau und der TodRacheDer OktopusKleine VeränderungenKarls Träume

Für den etwas längeren Atem: Eine Liste von Erzählungen, die hier in mehreren Fortsetzungen erschienen und bis zu 50 Buchseiten lang sind. Die Geschichten sind für den erfahrenen Leser gedacht, ich mache es in ihnen weder ihm noch mir leicht. Der Link führt jeweils zum ersten Teil der Erzählung:

Der Engel im SpiegelTraditioncrisis – Bei den GroßelternDas Zeichen des Lebens –  Haare lassen ErSieEs

Der „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus: Erzählungen und Romane, die um die Künstlerszene in Augsburg kreisen. Sie sind die ältesten Texte von mir, die man hier finden kann. Ich werde diese Geschichten noch einmal überarbeiten und in den nächsten Jahren Schritt für Schritt in Buchform veröffentlichen. (3)

StromausfallEin andere Art der LiebeDie fürsorgliche SchuldNutzlose MenschenDie Wahrheit über JürgenDas goldene Kalb

Für die Freunde des Phantastischen: Die mit Abstand erfolgreichsten und beliebtesten meiner Bücher sind die auf 5 Bände konzipierten Romane meiner „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“-Trilogie, von der bereits Teil 1 und 2 im Selbstverlag erschienen sind; im Sommer folgt Teil 3, den man hier mitlesen kann. Dann finden sich hier noch die ersten sechs Kapitel des Romans „Aber ein Traum“, der dem Blog seinen Namen gab und sozusagen die „ernsthafte“ Variante der Memoiren ist. (4)

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren (Teil 3)Aber ein Traum

Fantasy und Science Fiction: Schließlich kommen wir zum Unterhaltsamsten, meinem spannenden Brautschauzyklus, der 8000 Jahre in der Zukunft spielt und als Young-Adults-Buchreihe konzipiert ist, die munter und respektlos Fantasy- und Science-Fiction-Elemente durchmischt. Das ist ein Projekt, das mich noch viele Jahre beschäftigen wird.

Brautschau 2: Faiabas Erwachen –  Der Weg, der in den Tag führt I: KarukoraDer Weg, der in den Tag führt II: Paradais

Anderes und Vermischtes: Ich habe im Laufe der Jahre hier viele Rezensionen, Glossen, Satiren, Streiflichter, Philosophisches und Theoretisches und Geistesblitze veröffentlicht, heiteres und ernsthaftes, nachdenkliches und unsinniges; vieles davon ist in dem Sammelband „Noch einmal davon gekommen“ zu finden. Hier kann man mich gut kennenlernen. Vielleicht ist dieses Büchlein der beste Einstieg in mein Werk.

Antilopen (Theaterstück)WochenleseDer Dichter als DenkerFreitagsaufregerBock des Monats und selbstverständlich mein Essay über die Minnedichtung

Ich hoffe, diese Liste hilft dem verwirrten Besucher meines Blogs, sich bei mir zurecht zu finden und sich aus dem üppigen Kuchen die Rosinen herauszupicken, die ihm munden.

Doch nun wünsche ich euch allen einen wunderschönen Mai und ich würde mich freuen, wenn ihr einfach mal bei mir vorbeischaut, egal ob virtuell oder tatsächlich, und mit mir auf 5 weitere und gemeinsame Jahre auf diesem Blog anstoßt. (5)

Euer Nikolaus

 

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(1) Ein paar Zahlenspiele: Etwa 300 Blogeinträge habe ich „privat“ gestellt. Das sind in der Regel Ausschnitte aus Texten, die ich später als Buch veröffentlicht habe und veraltetes, missglücktes Zeug. Insgesamt habe ich also seit dem Mai 2013 knapp 1000 Artikel geschrieben, das sind 2 – 3 pro Woche – nicht schlecht für einen faulen Autor. Jeder Artikel beinhaltet um die 1000 Wörter – mal mehr, mal weniger -, ich könnte also mit dem veröffentlichten Inhalt meines Blogs ein Buch mit 4000 Seiten füllen. Ich gebe es zu: Ich bin schon ein wenig stolz auf diese Leistung.

(2) Manche – sich selbst als „ernsthaft“ einordnende – Leser stößt so etwas ab, denn sie sind der Meinung, dass man nicht U und E miteinander vermischen kann und darf und ein Autor, der Fantasy oder Krimis schreibe, kein guter und lesenswerter Belletristiker sein könne. Nun, vielleicht ist das in meinem Fall so, aber ich selbst glaube, es ist nur ein veraltetes Vorurteil und diesen Lesern entgeht eine ganze Menge Spaß.

(3) Den Anfang hat das frisch veröffentlichte Buch „Kleine Lichter“ gemacht, in dem die Erzählungen „Pasenows Schuld“, „Die Lichtung“ und der Kurzroman „Ein kleines Licht“ zu finden sind; demnächst wird der Roman „Die Wahrheit über Jürgen erscheinen“, nächstes Jahr folgt dann der Band „Stromausfall“.

(4) Ich will in diesem Zusammenhang kurz auf rosmarinkatze.wordpress.com hinweisen, den außer von den lieben Spammern (4a) vollkommen unbeachteten Blog, den Verena Salva – eine der Hauptfiguren von „Dr. Geltsamers Memoiren“ – führt. In ihrem Blog lassen sich einige Gimmicks für die Fans der Geltsamer-Romane und hübsche Gedichte und Fotografien finden.

(4a) Während mich hier in den fünf Jahren etwa 500 Spamkommentare belästigten, sind es auf Verenas Blog, der erst seit einem Jahr existiert, bereits 11oo – die meisten übrigens in portugiesischer Sprache.

(5) Denkt an die Gefahren des Trinkens! In dem Glas, das ich auf dem Bild in der Hand halte, ist selbstverständlich kein Maibock, sondern ein alkoholfreies Radler.

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Der Weg, der in den Tag führt – Illustrationen

Leider habe ich noch immer keinen Maler kennengelernt, der meine Brautschau-Romane illustrieren möchte. Deshalb musste ich als eigentlich vollkommen unbegabter Grafiker selbst Hand anlegen. Hier ein paar meiner mangelhaften Ergebnisse, die für „Der Weg, der in den Tag führt“ entstanden sind und die auch, bis sich jemand Besseres auftut, die Buchausgaben zieren:

Die Ebenen des ewigen Krieges

Karukora, das Juwel in der Wüste

Sahar, der Märchenerzähler

Der Falkenthron

Und nicht vergessen! In Kürze erscheint „Der Weg, der in den Tag führt“ – Teil 1: Karukora

Cover-neu

 

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Demnächst: Der erste Band von „Der Weg, der in den Tag führt“

Nachdem ich in der letzten Woche an dieser Stelle meine Freunde und Follower nach ihrer Meinung gefragt habe, ob ich meinen nahezu fertigen Roman „Der Weg, der in den Tag führt“ auf zwei Teile splitten soll und eine überwältigende Anzahl von Rückmeldungen bekam (ganze 3 Stück), sind mir zwei Dinge klar geworden: Den meisten, die mir hier folgen, geht es komplett am A**** vorbei, was ich mache (was ich im Übrigen gut verstehen kann, denn manchmal geht es mir ähnlich), die anderen jedoch sind alle der Auffassung, ich sollte den allzu dick geratenen Roman in kleinere Häppchen aufteilen. Noch einmal herzlichen Dank für diese Meinung; sie hat mich bei meiner Entscheidung bekräftigt.

Deshalb werde ich Ende nächsten Monats den ersten Teil von „Der Weg, der in den Tag führt“ veröffentlichen. Er wird etwa 400 Seiten stark sein und so wird das Cover aussehen:

Wegen dieser Entscheidung sind freilich ein paar Editionsprobleme für den 2. Teil entstanden, der mit dem bisherigen 9. Kapitel beginnen würde. Um ein Gleichgewicht zwischen den Teilen zu erreichen und dem Leser die Pause bis zum Herbst, in dem ich die Fortsetzung veröffentlichen will, zu erleichtern, muss ich nochfür 8. Kapitel einen erweiterten Schluss erstellen und für den 2. Teil ein neues Anfangskapitel schreiben, ein Überleitungskapitel.

Für den Blog bedeutetet dies, dass ich die Vorveröffentlichung des bisherigen 10. Kapitels, also dem 2. des Fortsetzungsbandes, stoppe und mit der Arbeit an die beiden Einschub-Kapitel beginnen werde, die dann selbstverständlich hier zu lesen sein werden.

Durcheinander genug? Ich bin das auch.

Grüße Nikolaus

PS. So sieht übrigens der erste Entwurf für „Der Weg, der in den Tag führt – Teil 2: Paradis“ aus:

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 10 – Teil 3)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

10. Kapitel
Der Weg, der in den Tag führt

Juel erwachte vom unruhigen Blöcken der Kamele, in das sein eigener armer, durstiger Maulesel klagend einstimmte.

Er öffnete die verklebten Augen und richtete sich vorsichtig auf. Dabei versuchte er, sich so langsam wie möglich zu bewegen, um jede unnötige Anstrengung zu vermeiden. Solch eine mörderische Hitze, wie sie über dieser vollkommen leblosen Wüste waberte, in der es außer ihnen nur ein paar giftige Echsen gab, die auf einander Jagd machten, hatte er noch nie erlebt; auch nicht in den Ruinen südlich von Nearoma, wo er vor einigen Monaten zufällig auf den wertvollen Gegenstand gestoßen war, nach dem er beinahe zehn Jahre geforscht hatte. Jetzt musste er eigentlich nur noch heimkehren und sein letztes großes Abenteuer beginnen. Doch die Neugierde auf Pardais hatte ihn daran gehindert. Nun wartete er schon so lange, da kam es auf ein paar weitere Wochen auch nicht mehr an. Und wer weiß: Vielleicht fand er ja in den Ebenen des Ewigen Krieges eine Abkürzung oder einen Zug, der dort unten auf ihn wartete. Das war ihm schließlich schon einmal passiert und auf diese Weise würde er seinem hartnäckigen Verfolger und ehemaligen Freund Jac Javac Mauvaise ein Schnippchen schlagen, den er schon ganz nah auf seiner Spur vermutete.

Aber … uff, was für eine Hitze! Obwohl Juel im Schatten unter einer eilig aufgeschlagenen Zeltplane lag, die er und Tonino, der in seiner Nähe schnarchte, seitlich an seinem Kaufmannswagen befestigt hatten, drang sie ihm in alle Poren. Er wunderte sich, dass davon nicht sein Fett schmolz und er eines Morgens spindeldürr erwachte. Er richtete sich auf und sah zu den anderen, die in seiner Nähe ebenfalls auf Schattenplätzen unter aufgespannten Planen lagen. Allein Adelph schlief nicht. Er hockte auf seiner dünnen Decke und schien nachzudenken, starrte mit leerem Blick ins Nichts. Juel zuckte mit den Schultern und kroch zu ihm hinüber. Er konnte sowieso nicht mehr einschlafen.

Er setzte sich neben den Mönch, der inzwischen auch aufgrund von Juels heilenden Händen im Großen und Ganzen von seinen Verletzungen genesen, aber noch immer erschreckend mager und ausgezehrt war und schnell ermüdete. Niemand hatte bei der hektischen Flucht unter der brütenden Sonne dieser nicht nur sprichwörtlich „toten“ Wüste Speck ansetzen können, aber wenigstens war Adelf, dessen äußere Erscheinung immer mehr einem irren Hindersohn-Asketen glich, gesund und kräftig genug, die Strapazen der Reise zu den Ebenen auszuhalten.

Juel fragte sich, was die wahren Gründe waren, aus denen der Mönch, der der größte Pechvogel war, dem er je begegnet war, dem Trupp in die Wüste gefolgt war. Bei allen anderen war ihm ihr Antrieb klar. Er konnte als mutmaßlicher Attentäter auf den Namenlosen nicht in Karukora bleiben, das war klar. Aber warum sich Adelf nicht nach Norden in Richtung Italmar abgesetzt hatte, wusste Juel nicht. Konnte es wie bei ihm selbst nur eine einfache Neugierde auf Paradis sein oder hatte er andere, undurchsichtigere Gründe? Bislang hatten die beiden alten Bekannten noch nicht die Gelegenheit gehabt, darüber zu reden. Vielleicht ja jetzt, während die anderen schliefen und die beiden jungen Leute, die gute Ohren hatten, auf Erkundung waren.

Er wartete eine Weile auf eine Reaktion des in sich verschlossenen Adelf. Als keine kam, räusperte er sich respektvoll. Damit weckte er den Mönch endlich aus seiner Trance. Adelfs Blick wurde klar. Etwas unwillig sah er zu Juel, aber er lächelte.

»Soll ich dir etwas Wasser bringen?«, fragte der Dicke. »Allzu viel haben wir ja nicht mehr, aber …«

»Nein, danke. Es geht mir gut«, erwiderte der Mönch abgelenkt und sah sich prüfend um, als müsse er sich erst einmal vergewissern, unter welchen Umständen er nach seiner Geistesreise erwacht war.

»Ich war eben weit, weit weg. Es ist gut, dass du mich zurückgeholt hast. Ich werde wohl ein wenig vorsichtiger sein müssen, wenn ich mich nicht irgendwann einmal endgültig verlaufen will und dann nicht mehr in meinen Körper zurückkehren finden kann.«

»Wo warst du?«

»Es ist merkwürdig. Seit meinem Kontakt mit dem alten Baum hat sich meine Gabe verändert, ich möchte sagen, erweitert, ausgedehnt. Früher konnte ich nur durch Dinge sehen, die in meiner nächsten Nähe waren und die ich berühren konnte. Inzwischen fliegt mein Geist wie ein Falke hoch empor und meilenweit im Rund. Wenig bleibt mir noch verborgen. Doch ich beherrsche diese neue Fähigkeit noch nicht vollständig und ich verstehe sie auch noch nicht. Ich muss mich anstrengen und meinen inneren Blick auf einen bestimmten Punkt richten, sonst überwältigen mich die Eindrücke, die auf mich einströmen. Sie sind wie eine große Hafenwelle, der ich ungeschützt ausgesetzt bin. Hier in der Wüste kann ich jedoch gut üben, denn sie ist so leer, nirgendwo ist etwas, das mich mehr einschränkt oder begrenzt. Wahrscheinlich könnte ich mit meinem Geist über die Ebenen des Ewigen Krieges hinaus bis zum östlichen Rand der Welt sehen, aber der Gedanke erschreckt mich und ich fürchte mich davor, mich so weit von meinem Körper zu entfernen. Mir war vor meiner Begegnung mit dem Falkenthron nicht bewusst, wie stark der Sinn ist, den mir der grüne Strahl noch im Mutterleib geschenkt hat. Ich glaube inzwischen wirklich, wenn ich es versuchen will, dann kann ich nicht nur durch Wände sehen, sondern auch vorwärts und rückwärts durch die Zeit. Doch dorthin will ich nicht, denn ich glaube, mich erwartet in der Zeit eine glutrote Feuerwand, die mich verbrennt.«

Viele Worte, die wenig erklärten, und keine Antwort. Juel wiederholte seine Frage:

»Und wo warst du eben, als ich dich weckte?«

Der da neben ihm auf der dünnen Decke saß, erkannte er mit Schrecken, der war ein Fremder. Der war nicht mehr der freundliche, tollpatschige Mönche, den er vor zehn Jahren auf der Burg Nordergal kennengelernt hatte. Wenn Juel diese Veränderung hätte benennen müssen, hätte er gesagt, Adelf habe seine Unschuld verloren. In Situationen, in denen der Mönch früher nur gelacht oder eines seiner Lieder gesummt hätte, wurde er nun schnell zornig oder versank stundenlang in dumpfem Brüten. Der Dicke fragte sich nicht zum ersten Mal, was seit seiner langen Abwesenheit alles im Kirchenstaat vorgefallen war. Es konnte doch nicht alleine daran liegen, dass mit Hierion Ederwerfh ein ewig Gestriger oberster Abbas und Ratsvorsitzender geworden war, der von der Wiederherstellung der alten Größe träumte und von der Ausrottung aller Andersgläubigen und Heiden.

Ob Adelfs Entscheidung, der Gruppe nach Pardais zu folgen, etwas mit dieser dunklen Gewitterwolke zu tun hatte, die über Italmar schwebte?

Adelf atmete tief ein und bedachte Juel mit einem merkwürdigen, fast mitleidigen Blick, als er sich endlich dazu herabließ, die Frage zu beantworten.

»Mein Geist flog mit unseren beiden jungen Freunden Semira und Selin, denn irgend etwas ließ mich besorgt um sie sein. Es fühlte sich wie ein Wurm an, der in meinem Herzen nagt. Sie haben inzwischen die Kuppel erreicht, die sie untersuchen und in die sie womöglich sogar einen Eingang hinein finden wollten«, erklärte er so umständlich, als wolle er ein Buch diktieren.

»Du hast gesagt, du hättest solche Bauwerke schon einmal früher gesehen und betreten und es wäre wahrscheinlich ein alter Bahnhof aus der Vorgängerzeit, noch älter als das Schlachtfeld, an dessen Rand er steht.«

»Genau. Und soweit ich die Schlüsselkarte – den Weg, der in den Tag führt – mit meinen Geräten auslesen konnte, ist der Bahnhof auch der Ort, von dem aus wir von den Kämpfen unbeschadet Pardais erreichen können«, warf Juel ein.

»Ich habe versucht, meine Sinne zu erweitern und durch die Wände der Kuppel in ihr Inneres zu sehen. Es gelang mir, den Schleier der ewigen Finsternis zu lüften und für einen kurzen Moment hinein zu spähen. Ich sah nur einen winzigen Moment und wenig und undeutliches. Doch ich bin mir sicher: Dort drinnen lauert ein Monster in der Finsternis, das lebendig ist und böse. Und es ist uralt. Ich sah zwei glühende Augen, die mich direkt anzublicken schienen. Sie brannten wie Kohle in der ewigen Schwärze. Was immer dort unten ist – ob Mensch, Daimon oder Inet selbst -, es will uns nichts Gutes und wir sollten uns davor hüten.«

Juel wurde unbehaglich, als er die Möglichkeiten durchging.

»Bist du dir denn sicher? Kein Wesen kann sechstausend Jahre in vollkommener Finsternis überleben. Den Golemen gelingt das, aber doch nicht etwas Lebendigem! Es sei denn …«, er verstummte und las in Adelfs Augen, dass diesem der gleiche Gedanke wie ihm gekommen war.

»Ich dachte, wir wären vor zehn Jahren alle losgeworden. Wenn dort in der Kuppel einer der Unsterblichen, ein As‘Teorfan, haust, dann muss er in der langen Zeit komplett wahnsinnig geworden sein.«

 

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 10 – Teil 2)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

10. Kapitel
Der Weg, der in den Tag führt

»Das verspreche ich dir. Weder im Leben noch im Tod werde dir jemals fern sein, Stern meiner Augen!« Semira lächelte ironisch, aber sie nahm das überschwängliche Kompliment an.

»Das will ich dir auch geraten haben.« Selin nickte und lächelte optimistisch. Er hätte sie gerne noch weiter angehimmelt, aber die Zeit war dafür zu knapp.

Seine Gesichtszüge wurden augenblicklich ernst und sorgenvoll, nachdem sich das Mädchen von ihm abgewendet hatte und die Kuppel auf dem weißen Sand, der auf ihr lag, mehr hinabrutschte, als hinunterstieg. Unten angekommen, drehte Semira sich noch einmal um und winkte, dann folgte sie eilig den Spuren, die die beiden vorhin im Sand hinterlassen hatten, als sie vom Lager zu dem Vorgängergebäude gegangen waren. Die geschützte Stelle, an der Tante Sirtis, Alis, der seltsame Mönch Adelph, Juel und sein schweigsamer Diener Tonino auf ihre Rückkehr warteten, war nur eine knappe halbe Stunde Fußmarsch entfernt, lag aber gut versteckt in einer Senke und war von der Kuppel und auch von den fernen Hügeln aus, wo ihre Verfolger aufgetaucht waren, nicht zu sehen. Wenn jedoch der Spähtrupp der Armee des „Unterwerfers“ seine Stoßrichtung beibehielt – und ganz danach sah es für Selin aus -, würde er unweigerlich auf die Flüchtigen stoßen. An einen Kampf war nicht zu denken. Selbst Juels Tricks würde sie nicht vor den gut ausgebildeten und schwer bewaffneten Treuwächtern retten. Die einzige, die sich vielleicht der Soldaten hätte erwehren können, wäre Semiras ehemalige Dienerin Jalah gewesen, doch sie hatte sich am östlichen Stadttor von Karukora von der Gruppe getrennt, um ihre Beute zur Diebesgilde zu bringen.

Deshalb war es die einzige Chance der Flüchtigen, noch vor den Verfolgern die Kriegszone der Kampfmaschinen zu erreichen und geschützt durch den merkwürdigen Schlüssel, den sie aus dem Falkenthron gestohlen hatten, Richtung Pardais weiterzuziehen. Dorthin konnte ihnen die Armee des Namenlosen nicht folgen. Auch wenn sie nach sie nach den Maßstäben von Selins Jahrhundert hervorragend ausgerüstet und mächtig war, hatte sie doch gegen die Golem-Heere, die sich jede Nacht auf den Ebenen bekriegten, nicht die geringste Chance. Aber zuerst musste Selins kleiner Trupp in dieses Gebäude gelangen, auf dem er stand. Juel hatte es als Haltestelle einer Vorgänger-Untergrundbahn identifiziert. Wie sollte es Selin gelingen, hier einzudringen?

Er stampfte einmal fest mit dem Fuß auf die Glasfliese, die er vorhin vom Sand befreit hatte und erzeugte damit keinerlei Wirkung. Außer einem Knacken in seinem Bein war nicht einmal ein Geräusch zu hören. Wie dick war diese Glasdecke und konnte er sie überhaupt mit Gewalt zertrümmern? Selin bezweifelte es. Er kniete sich wieder hin und fegte sorgfältig auch von den Rändern der Fliese den Sand weg, bis er ihre Fugen komplett freigelegt hatte. Das Glasquadrat war etwa zwei Fuß auf zwei Fuß groß und er würde sich durch die entstehende Öffnung quetschen können – falls es ihm gelang, die Fliese aus ihrem Verbund zu lösen. Selin kratzte mit einem Fingernagel an dem Fugenmaterial, das sich jedoch nicht wie erhofft bröcklig, sondern fest wie massiver Stein anfühlte. Das musste er den Vorgängern lassen: Ihre Bauwerke, auf die man überall auf der Welt und auch hier in der Wüste häufig stieß, waren für eine Ewigkeit errichtet; auch wenn es inzwischen meist nur leere Hüllen waren, die, falls sie zugänglich waren, bereits vor langer Zeit ausgeräumt und geplündert worden waren. Doch einige wie diese Kuppel hier, waren versiegelt und verbargen die unglaublichsten Dinge, wenn Selin den alten Geschichten und Märchen seines Großvaters glauben durfte. Durch die Erfahrungen der letzten Zeit hatte er nur noch wenig Zweifel.

Er seufzte. Leider kannte er das Zauberwort nicht, das diese Schatzhöhle öffnen konnte, und deshalb musste er wohl oder übel auf die Trickkiste von Juel zugreifen, aus der ihm der pfiffige Dicke für die Erkundung der Kuppel einige Dinge mitgegeben hatte. Selin holte eine unscheinbare Tube aus seiner Tasche, aus der er eine dunkelgrüne und scharf riechende Paste rundherum auf die Fugen der freigelegten Fliese presste und sie sorgfältig feststampfte. Dann nahm er seine Trinkflasche vom Gürtel. Er nahm einen Schluck von dem brackigen, aber wertvollen Wasser in ihr.

»Allzu viel ist nicht mehr drin«, stellte er fest, als er die Flasche ans Ohr hielt und sie schüttelte. Da die Flüchtigen seit Tagen nicht mehr auf eine Wasserstelle gestoßen waren, war dies der kümmerliche Rest, der ihm blieb. Eine weitere Sorge: Selbst wenn seine Gruppe den Treuwächtern entkamen – falls sie nicht bald auf eine Quelle stießen, würden sie bald verdurstet sein. Alles hing nun von Selin ab und diese Verantwortung drückte ihn nieder. Voller Bedauern drehte er seine Flasche und schüttete das restliche Wasser auf die Paste, so, wie es ihm Juel erklärt hatte. Dann trat er eilig zurück.

Die grüne Masse, die sofort mit dem Wasser reagierte, begann sofort zu dampfen und über den Rändern der Fliese schaumige Blasen zu schlagen. Sie selbst wurde nicht davon angegriffen, aber die Paste war in Verbindung mit einer Flüssigkeit eine aggressive und giftige Säure. Sie fraß sich langsam in das scheinbar so unzerstörbare Fugenmaterial. Was keine Anstrengung von Selin geschafft hätte, gelang der Säure aus Juels Hexenküche mühelos. Wie lange es allerdings dauern würde, bis sie ihre Arbeit erledigt und die Fliese aus ihrem Verbund herauslöst hatte, konnte Selin nicht abschätzen.

Er sah sich erneut um. In der Zwischenzeit war die Sonne ein gutes Stück tiefer gesunken. Sie würde bald hinter den Hügel in Selins Rücken tauchen und das fast im Sand begrabene Gebäude würde in seinem Schatten liegen. Semira konnte er nicht mehr entdecken und auch der Spähtrupp war aus seinem Gesichtsfeld verschwunden, doch er hatte keinen Zweifel daran, dass beide sich schnell auf das Lager der Flüchtigen zubewegten. Es war nur einem glücklichen Zufall zu verdanken gewesen, dass er die Soldaten vorhin überhaupt entdeckt hatte. Wenn das Mädchen sich beeilte – und davon ging er aus -, musste sie bald auf die anderen stoßen und sie aufschrecken. Noch immer schwappte die kaum übersehbare schwarze Masse der Soldaten des Namenlosen wie eine sich ausbreitende Seuche über die fernen Erhebungen am Horizont. Dieser Aufmarsch schien kein Ende nehmen zu wollen. Hatte der „Unterwerfer“ seine gesamten, in Karukora stationierten Armeeteile aufgeboten, um sie auf diese Menschenjagd zu schicken? Saß er vielleicht selbst auf einem der Kriegsmachmouts an der Spitze des gewaltigen Heerzuges und gab seine Befehle? Warum schoss er mit Kanonenkugeln auf Insekten? Selin konnte es nicht fassen und er bekam trotz der Hitze eine Gänsehaut. Was hatte sein Großvater nur auf dem Zettel geschrieben, den Juel in seinem Auftrag auf der Sitzfläche des Falkenthrons hinterlassen hatte, das den Namenlosen so wütend gemacht hatte, dass er seine Stadt entblößte und seine ganze Armee hinter ihnen herjagte?

Etwas knirschte und danach klirrte ein hohes Geräusch in Selins Ohren. Die Säure hatte sich schneller als erwartet durch die Fugen gefressen und die schwere Glasfliese, die ihren Halt verloren hatte, stürzte einfach nach Innen. Sie fiel polternd und schlug nach ein paar Augenblicken schwer tief unten am Grund des Gebäudes auf. Selin machte einen Schritt nach vorn, um in das entstandene Loch zu blicken, aus dem ein kühler Hauch und abgestandene, überraschenderweise nach Zimmet riechende Luft drangen. Dann ging alles viel zu schnell für ihn. Der Grund unter seinen Füßen war plötzlich nicht mehr stabil. Die Statik der Kuppel, die ganze Zeitalter überdauert und Sandstürmen, Erdbeben und Meteroritenhagel unbeschadet überstanden hatte, war zerstört. Das Gewicht von Selin reichte aus, dass mit einem hässlichen Knacken weitere Fliesen einbrachen. Er schrie entsetzt auf, wollte zurückweichen. Doch seine Reaktion kam zu spät. Plötzlich hatte er keinen Boden mehr unter den Füßen und fiel durch den entstehenden Einsturz in die Tiefe.

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[Zum 3. Teil]

Ein Kommentar

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 10 – Teil 1)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

10. Kapitel
Der Weg, der in den Tag führt

Selin wischte die dünne Sandschicht beiseite, die der nächtliche Sturm auf das kuppelförmige Gebäude geweht hatte, das sich hier am nördlichen Rand der Ebenen wenige Fuß über die Dünen hinaus erhob, dessen Boden aber viel, viel tiefer unter dem Wüstenstaub begraben liegen musste. Er hustete und schob sich seinen schützenden Schal vor Nase und Mund. Dann sah er zurück zu Semira, die etwas unter ihm kauerte. Wie auch Selin trug sie die weite, wallende Kleidung der Wüstenwanderer und es war kaum zu erkennen, dass sich unter ihr eine junge, schlanke Frau verbarg. Der junge Mann winkte ihr zu und sie kam vorsichtig näher, achtete darauf, beim Höhersteigen in die Fußstapfen ihres Freundes zu treten.

»Da, schau, Juel hat sich nicht getäuscht.« Selin deutete auf eine leicht gewölbte Glaskachel, die er gerade vom Sand befreit hatte. »Das ist wirklich ein Gebäude der Vorgänger und wir stehen auf dem Dach.«

Er beugte sich weiter herab und versuchte vergebens, durch das dicke Glas ins Innere zu spähen, doch die Oberseite der Kachel war von den Jahrtausenden, in denen sie ungeschützt der Wüste ausgesetzt war, vom Sand trübe geschliffen und zerkratzt. Es gelang ihm nicht, in der Finsternis unter dem Glas etwas zu erkennen. Er zuckte mit den Schultern und stand auf.

»Ich weiß wirklich nicht, woher er das weiß, aber wenn das tatsächlich der uralte Bahnhof ist, von dem Juel sprach, von dem aus der URS in Richtung Paradis fährt … Dann frage ich mich, wie wir in ihn hineingelangen können.«

«Vielleicht weiß ja Adelph einen Weg. Der Mönch behauptet doch, er könne durch Wände sehen«, erwiderte Semira und stellte sich neben ihren Freund.
Die beiden standen fast am höchsten Punkt der im Sand versunkenen und von einer Düne halb begrabenen im Durchmesser sicherlich fünfhundert Fuß breiten und etwa achtzig Fuß über die Wüste hinausragenden Kuppel. Da die Umgebung hier am Rand der Schlachtfelder des Ewigen Krieges hüglig anstieg, konnten sie viele Meilen in die Tote Wüste hineinblicken. Obwohl der Nachmittag schon fortgeschritten war, stand die Sonne noch strahlend im Südwesten und sandte erbarmungslos ihre Hitze herab, die die Luft über dem Sand zum Flimmern brachte und jeden Atemzug zu einer brennenden Qual werden ließ, jeden Schritt zu einem Kampf. Im Rücken der beiden, hinter der Hügelkrone, breiteten sich die legendären Ebenen aus, auf denen in jeder Nacht die Golem-Armeen kämpften, von denen jeder Einwohner Karakoras schon gehört, die aber nur die Wagemutigsten und Tollkühnsten unter ihnen jemals zu Gesicht bekommen hatten. Auch Semira und Selin wussten nicht, wie es hinter dem Hügel, der ihnen die Sicht in die östliche Richtung versperrte, aussah.

»Da, schau!« Semiras scharfe Augen hatten weit im Westen knapp über dem Horizont eine Bewegung ausgemacht und sie machte Selin darauf aufmerksam. Er kniff die Augen zusammen. Richtig, dort war plötzlich eine Staubwolke aufgetaucht, die langsam höher stieg und breiter wurde. Selins Mundhöhle wurde noch trockener, als sie dies durch den vielen Sand, den er geschluckt hatte, bereits schon war.

»Was ist das – etwa schon wieder ein Sandsturm?«

»Ich glaube nicht. Da kommt etwas anderes auf uns zu. Ich hoffe …«, erwiderte Selin und holte aus seiner ledernen Schultertasche, in der er einige der nützlichen Vorgängergerätschaften aus Juels Kaufmannswagen mit sich trug, ein kleines Fernglas uns spähte in die Richtung, in der der aufgewirbelte Staub über dem Horizont lag. Die beiden Okulare waren Vorgänger-Techné und summten leise, als sich ihre Linsen scharf stellten und die Ferne fast greifbar nah heranholten. Kein zeitgenössischer Linsenschleifer war in der Lage, solch ein präzises Instrument mit einer solch starken Vergrößerung herzustellen. Selin fragte sich erneut, wie das Fernglas und andere Dinge, die Juel während ihrer mühseligen Reise durch die Tote Wüste immer wieder hervorgekramt hatte, in den Besitz des gewitzten Meisterdiebs gelangt waren. Dann erkannte er, was er dort in weiter Ferne sah und sein Mund klappte nach unten.

»Unsere Verfolger haben uns eingeholt«, sagte er heiser, »spätestens morgen Abend werden sie hier sein. Da, schau selbst …«

Er reichte das Fernglas an Semira weiter, die beim Hindurchsehen ein nicht gerade mädchenhaftes wendisches Schimpfwort durch die Zähne stieß.

»AsQ‘atak kjet‘Ba! Das müssen ja tausende Soldaten sein!«, stellte sie fassungslos fest.

»Ja, es scheint, als würde uns die gesamte Armee der Treuwächter des Namenlosen jagen.«

Die fernen Dünen am Horizont waren schwarz von einer riesigen Kolonne Soldaten und Streitwägen, die in lockerer Marschformation langsam in ihre Richtung kamen. An der Spitze stapfte ein Dutzend großer Tiere durch den Sand.

»Der „Unterwerfer“ hat sogar seine Kriegs-Machmouts dabei! Was für ein Aufwand, um eine Handvoll Flüchtlinge zu jagen«, staunte Semira, die fasziniert auf die Ameisenarmee starrte, die die fernen Hügel überschwemmte.

»Unglaublich. Wenn es dich so furchtbar wäre, müssten wir uns geschmeichelt fühlen. Augenblick …« Selin hatte etwas Beunruhigendes entdeckt und nahm seiner Freundin das Fernglas aus der Hand. Er fixiert einen Punkt, der der Kuppel viel näher als die Kolonne des Namenlosen war. Nun war er es, der einen derben Fluch ausspuckte.

»Beim Thsaq‘r der Allerbarmerin!«, rief er und deutete nach vorn. »Dort hinten, gar nicht mehr weit vom Lager entfernt, treibt sich ein Trupp der Treuwacht herum. Wie haben wir die bisher übersehen können? Das müssen Späher sein und wenn sie sich in ihrer Richtung weiterbewegen, werden sie noch vor Sonnenuntergang auf uns stoßen. Das müssen um die zwanzig Soldaten sein. Gegen diese Übermacht hätten wir keine Chance. Wir müssen die anderen auf der Stelle warnen.«

Semira runzelte die Stirn.

»Und was ist mit dieser Kuppel? Wenn wir keinen Eingang in sie hineinfinden, dann werden wir ihnen nicht entkommen können.«

»Du hast recht«, überlegte Selin. »Wir werden uns trennen, das ist das Beste. Du warnst unsere Freunde vor dem Spähtrupp. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, sich vor ihnen zu verbergen. Ich werde inzwischen – wie wir ursprünglich vorhatten -, versuchen, ins Innere des Gebäudes zu gelangen und es dort aus zu öffnen.«

Das Mädchen nahm die Hand ihres Freundes und drückte sie.

»Ist das wirklich eine gute Idee? Du wirst allein sein und du weißt nicht, was dich dort unten erwartet.«

Selin nahm seinen Schal vom Gesicht.

»Es ist das einzige, was mir einfällt. Und in der Kuppel sollte es seit dreitausend Jahren nichts Lebendiges mehr geben.«

»Es sind nicht die Lebenden, die ich fürchte …«, erwiderte Semira. Ihr fiel Sahars grausame Geschichte von den gefährlichen Golemen und dem unheimlichen Untoten aus der Zeit der Vorgänger ein. Sie presste sich an Selin. Sie hatte für ihn ihr ganzes Leben geopfert und die Vorstellung, ihn zu verlieren, war grausam. Am Liebsten hätte sie ihn nie mehr losgelassen. Der junge Mann las in ihren tränenfeuchten Augen und schluckte, zog sie ungestüm an sich. Seit Semira sich entschlossen hatte, ihre Eltern und Karukora mit ihm zu verlassen, was für ein Mädchen aus gutem Hause den völligen Ruin und für ihre Familie eine nicht wieder gutzumachende Schande und gesellschaftliche Isolation bedeutete, war aus der Verliebtheit ihrer eher spielerischen als ernstzunehmenden Zuneigung eine tiefe Liebe geworden, deren Feuer mit jedem Tag und jeder gemeinsam verbrachten Nacht heller und heißer brannte. Die beiden küssten sich und für einen kurzen Moment war alles vergessen: Die Tote Wüste, die Soldaten des Namenlosen, selbst Pardais; von dem die beiden eh nicht träumten, weil sie ihr persönliches Pardais längst beieinander in den Armen des anderen gefunden hatten.

»Möge die Allerbarmende dir ihren Segen geben und dich begleiten und beschützen«, flüsterte Semira nach einer Weile und machte sich widerstrebend von ihm los. »Ich eile zu unserem Lager und führe dann alle hierher. Ich will dich gesund wiedersehen.«

»Das verspreche ich dir.«

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Ein Kommentar

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Neuerscheinungen 2018

In der nächsten Woche kehrt hier der Alltag wieder zurück. Ich werde in leichtverdaulichen, wöchentlich erscheinenden Häppchen (1) die Vorveröffentlichung der Romane, die ich in diesem Jahr veröffentlichen will, fortsetzen. Für mich sind diese noch unredigierten und nicht korrigierten „Beta-Versionen“ meiner Texte aus zwei Gründen wichtig: Zum einen zwingt mich der strenge Wochenrhythmus, konzentriert an den Werken weiterzuarbeiten, zm anderen merze ich auf diese Weise sehr viele Flüchtigkeitsfehler aus und erstelle ganz nebenzu die Druckversion für die Veröffentlichung. Ich weiß, dass diese „Fortsetzungsromane“ in diesem allzu flüchtigen und vergesslichen Medium kaum oder gar nicht gelesen werden, aber der Blog hat längst den Anspruch verloren, Leser mit netten, unterhaltenden Geschichten aus meinem Alltag und meinen Weisheiten über die Literatur und die Welt im Allgemeinen anzulocken. (2)

Der Blog „Aber ein Traum“ dient mir inzwischen als erweiterter Schreibtisch; als Fortsetzung meiner Autorenarbeit mit anderen Mitteln: Zuerst ist da selbstverständlich die Fantasie, dann die erste handschriftliche Textversion in einem Notizbuch, anschließend die Libre-Office-Datei (3), der die „Vorveröffentlichung“ auf diesem Blog folgt, eine weitere Überarbeitung und oft auch Erweiterung und Neustrukturierung des Textes und schließlich das Buch, das ich als Selfpublisher drucken, lektorieren und dann auf die literarisch interessierte Welt loslasse. Fehler finden sich dann immer noch zur Genüge, so dass ich z. B. beim 1. Geltsamer-Band: Die Frau, die der Dschungel verschluckte bereits bei der 7. überarbeiteten Auflage bin. Jeder Text wandert also aus meinem Geist zuerst ins Analoge, gelangt anschließend ins Digitale und kehrt schließlich ins Analoge zurück.

Und so sieht mein Plan aus:

Montag

Mein Schlüsselroman Die Wahrheit über Jürgen (260 Seiten) über das Augsburger Kunst- und Kulturleben in den 90er Jahren.
Er wird in seiner endgültigen Fassung Ende März, Anfang April d. J. veröffentlicht.

Mittwoch

Ab dem 10. Januar beginne ich mit der Vorveröffentlichung des 3. Teils meiner Geltsamer-Trilogie in 5 Bänden.
Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Teil 3: Das Gulag des Dmitrj Alexandrowitsch Krakow

Der fertige Roman (250 Seiten) soll im September 2018 erscheinen

Freitag

Freitags schließlich setze ich das Prequel zu meiner Fantasy-Trilogie Brautschau fort:
Der Weg, der in den Tag führt

Lange angekündigt und verschoben, weil sich diese Geschichte – 600 Seiten –  nicht in dem ursprünglich geplanten Umfang fertigstellen ließ, werde ich sie veraussichtlich erst im ersten Halbjahr veröffentlichen.

Ich werde oft gefragt, wie ich das alles zeitlich hinbringe und meine ehrliche Antwort ist: Das weiß ich auch nicht. Trotzdem hat es im letzten Jahr geklappt und ich hoffe, dass mir meine ehrgeizigen Pläne auch 2018 gelingen. Falls mich jemand auf meinem „Weg, der in den Tag führt“ unterstützen will, findet er/sie in der rechten Bildleiste die Links zu meinen Büchern. Mit jedem verkauften Buch fällt es mir leichter, meine Arbeit zu machen. Ich freue mich selbstverständlich über jeden, auch kritischen Kommentar.

Danke!

__________

(1) Jeweils montags, mittwochs und freitags wird pünktlich um 08:30 Uhr ein etwa 1200 Wörter langer  Abschnitt – das sind 8 Buchseiten – aus meinen zur Veröffentlichung anstehenden Werken erscheinen.

(2) Der Sammelband Noch einmal davon gekommen (230 Seiten, illustriert) mit den überarbeiteten und teilweise stark erweiterten Glossen und Artikeln aus den letzten fünf Jahren dieses Blogs verkauft sich trotz überschwänglicher Kritiken der wenigen Leser überhaupt nicht. Das will offenbar niemand von mir lesen.

(3) Ich finde WORD umständlich, überladen und unübersichtlich, es ist eine furchtbare Textverarbeitung. Deshalb arbeite ich seit Jahren mit der kostenlosen Open-Office-Alternative LibreOffice. Die hat zwar auch ihre Macken, ist für mich als Autor aber eindeutig das bessere Programm.

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil 4

Vier Helden mit zwölf Füßen traten in den dich­ten, bei­ßenden Nebel, der wie ein Leichentuch auf der Winter­wunderwelt des Karlnalrumpel­stilzchens lastete und wurden von ihm ver­schluckt. Ne­beneinander, nur durch eine Hundeleine miteinan­der ver­bunden, gingen stumm und ent­schlossen: Ömer Özgür, eine Geheimwaffe in der Tasche, von der außer ihm noch nie­mand etwas wusste, stolzer Besitzer der Imbissbude Traum vom Bosporus, er hielt seinen Dönerspieß wie ei­nen Speer nach vorn in die verwaschene Düsternis ge­streckt, in der man keine zwei Schritte weit sehen konnte, dane­ben trottete besorgt Karl-Heinz, der große, alte Weih­nachtshund, der letzte seiner Art, der noch Zähne zum Zubei­ßen fletschen und schwere Walnüssen aus sei­nem Sack schleudern konnte und an sei­ner Seite ging der treue Singin‘ Sam, der Esel, dessen Zunge wie eine Peitsche zu­schlug und dessen Gesang die Reihen des Fein­des zum Erzit­tern bringen konnte. Das Grautier, dass trotz sei­ner Vorliebe für Weihnachts­punsch leider keine rotleuchtende Nase besaß wie sein Vetter Ru­dolph, das Rentier, eine Schnauze, die die Szenerie hätte erhellen können, summte leise die Melodie von „Auf in den Kampf, Torero“ vor sich hin. Die drei mutigen Re­cken folgten wie die drei Weisen aus dem Morgenland ihrem Stern: Jan Philipp Rabenhorn, dem letzten Ritter des ed­len Ge­schlechts der Ceratias-Corvus, der die Faust so fest um den Griff seines orange schimmernden, in El Ixir ge­tauchten Schwertes ge­klammert hielt, dass seine Knöchel weiß hervortra­ten. Ihn leitete sein Instinkt sicher durch den dichten Nebel.

Noch nie hatten die uralten Hallen unter Bromberg solch mu­tige, zu allem entschlossene Helden gesehen und noch nie war auch so viel auf dem Spiel gestanden. Nachdem das Quartett eine gefühlte Ewigkeit unterwegs war und zumindest in Ömer ein erster Zweifel auftauchte, ob sie auf dem richtigen Weg und nicht von dem selben abge­kommen wären, erklangen direkt vor­aus dumpf klatschen­de Geräusche und es waren ein paar farbi­ge Lichter in dem stumpfen Weiß auszumachen, das sich end­lich et­was lichtete und eine ungesunde, giftig-grüne Färbung an­nahm. Mit heftigem Schwefelgestank wehte eine üble Bri­se die letzten Reste der Nebelschwaden hinfort und die vier Hel­den waren an ihrem Ziel angelangt: Dem Nest des großen Karl­nickels.

Die Halle erinnerte hier an einen noch tätigen Höllen­vulkan, an dessen Rand sie nun standen und hinunter starrten. In sei­ner Mitte, zu der das nach Kohl, altem, fet­ten Hack und faulen Eiern dünstende Gelände flach abfiel, brodelte eine gewaltige Grube, in der ein hellloderndes Feuer brannte. Davor kauerte wie ein Schattenriss eine dunkle, gigantische Gestalt mit zwei langen, spitzen Oh­ren, die bis zur Decke reichten, von der kaum zählbar viele dicke Wurzelstränge teilweise bis zum Bo­den herabhin­gen. Die meisten von ihnen sahen aus, als hätte eine Biberarmee sie angefressen. Die Grube ihres Gegners – denn niemand anderes als der Karlnickelkönig saß dort am Feu­er und briet sich etwas Undefinierbares in einer monströsen Bratpfanne, während er ih­nen seinen schwar­zen behaarten Rü­cken zuwandte – diese Grube musste di­rekt unterhalb des gro­ßen Pinkelbaums liegen, der den Weihnachtsmarktplatz von Bromberg zierte und in den letzten Jahren schon recht ange­schlagen und vertrocknet gewirkt hatte; weshalb der Stadtrat, der um seine Bedeu­tung wusste, die Weih­nachtsbeleuchtung das ganze Jahr über hängen ließ.

Rabenhorn wollte schon entschlossen auf den übermäch­tigen Gegner losstürmen, als ihn Ömer in die Rippen stieß und zur Seite deutete, wo völlig unbewacht einige Gefängniskäfige am Kraterrand standen, von denen nur einer belegt war: MARIE-THERES! Rabenhorn fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatten sei­ne Chefin gefunden und sie lebte noch, winkte aufgeregt zu ih­nen herüber. Selt­sam, der Lektor hatte das Gefühl, der Kohlge­stank ginge von ihr aus, ein Gefühl, das sich mit jedem Schritt, mit dem er sich ihrem Gefängnis näherte, verstärkte.

‚Schichtkohl, die Kienbauer riecht nach Schichtkohl. Wahr­scheinlich hat sie wieder mal diese Scheußlichkeit ge­kocht und der Karlnickelkönig hat sie deshalb noch nicht gefressen, weil sie so stinkt‘, erkannte er plötzlich erfreut. Ihre Vorliebe für diese unbeschreiblich grauenvolle Speise hatte sie gerettet. Auch Karl-Heinz verzog angewidert die Schnauze und sogar Singin‘ Sam, den normalerweise nichts aus der Ruhe brachte, bemerkte zur Seite:
„Boah, eh, Babo! Die alte Chick müfft vielleicht. Ist das krass!“

Nur Ömer weitete verzückt seine Nasenflügel, schnup­perte den Duft, der von der Gefangenen ausging und ihm ging das Herz auf. Hier roch es wie hinter seiner Döner­bude und ein hef­tiges Heimweh befiel ihn. Sein dunkel schmachtender Blick kreuzte den blauäugigen von Marie-Theres und wenn jemals zwei Seelen durch ein Augen­blinzeln zu einer verschmolzen, dann waren es die des Türken und der Verlegerin. Mit einem laut klirrenden Schwerthieb durchtrennte Rabenhorn die Kette mit dem Vorhän­geschloss, die das Gefängnis versperrte und an ihm vorbei stürz­te zu seiner Verblüffung eine ziemlich de­rangierte, aber vollkom­men unversehrte Marie-Theres und landete aufschluchzend in den starken Armen von Ömer.

‚Da wird der arme Friederbusch in der nächsten Zeit ein paar traurige Bücher abliefern‘, dachte Rabenhorn, ‚aber ein Dichter sollte ja leiden, wenn er Großes vollbringen will.‘

Seine Nackenhaare standen plötzlich zu Berge, denn er hörte ein mächtiges Grunzen hinter sich und ein Ge­räusch, als wür­de sich ein Berg erheben. Der Lärm, den er mit seinem Gewal­thieb gemacht, hatte die Aufmerksam­keit des Karlnickelkönigs erweckt, der sich nun unten am Feuer zu seiner ganzen Größe aufrichtete und donnernd mit dem Kopf gegen die Decke schlug. Oben auf dem Weihnachtsmarkt um den großen Pinkel­baum wurde durch dieses mittlere Erdbeben viel Glühwein ver­schüttet und die Brat­würste glitten aus ihren Brötchen. Überall rieselte Erde wie dün­ne Wasserfälle herab in die Höhle. Noch so eine Erschütterung und die Decke würde einstür­zen, mitsamt den Feiernden oben und allen Buden und Würstchen- und Punschständen, erkannte Rabenhorn. Das schwarze Ungeheuer ließ einen schrillen Pfiff ertö­nen. Fast gleichzeitig tauchten am Kraterrand unzählige kleine Karlnickel auf, gefährliche, scharf­zahnige und zähe Bies­ter, die sich unvermittelt mit einem Auf­schrei auf die Helden und die gerettete „Jungfer“ stürzten.

„Das wird jetzt übelst derbe, Bro“, murmelte der Esel und er sollte recht behalten:

Es wurde jetzt oberübelst, uzverdammt derbe. Was nun folgte, ging in die Annalen der Stadt Bromberg als „Die Große Schlacht in den Weihnachtshöhlen“ ein. Jeder hat sie mehr oder weniger begeistert in der Schule als Pflicht­lektüre lesen müssen und sie und die Heldentaten der Tapferen brauchen daher an dieser Stel­le nicht erneut er­zählt werden. Weniger bekannt ist vielleicht, dass die Schlacht nie einen Sänger gefunden hätte, der von ihr in seinem Heldenepos berichtete, wenn nicht Ömer Özgür, der Im­bissbudenbesitzer, den Tag gerettet hätte. Er zog eine kleine Pfei­fe hervor und blies in der höchsten Not in sie, gerade, als die Re­cken von den Massen der Karlnickel aus­sichtslos umflutet und eingekreist waren, ihr König sich schon mit stampfendem Schritt, die Bratpfanne wie eine Keule schleu­dernd, genähert hat­te. Seltsam – nichts war zu hören… und doch!

„In diesen Grenzen mit des Herrschers Ton Mord rufen und des Krieges Hunde entfesseln …,“ zitierte Ömer mal wieder sei­nen Lieblingsautor, erneut aus Julius Cäsar, wie Rabenhorn wohlwollend registrierte. „Dass diese Schand­tat auf der Erde stinke von Menschenaas, das um Bestat­tung ächzt!“

Und die Hundepfeife wirkte! Von überall kamen sie, von allen Seiten. Sie stürmten den Hang hinab, die Hunde und Esel des Krieges, die nur auf ihr Signal gewartet hat­ten: Karl-Georg, der gewaltige Dobermann, Karl-Gustl, der Berner Sennenhund, Car­los-Santana, der schwarze Pudel, Karl-Maria, der kurzbei­nige Dackel und all die an­deren Weihnachtshunde mit ihren ro­ten Mützen und den Säcken voller Hundetrockennahrung und unter ihnen Jumpin‘ Jack, Hoppin‘ Hermann, Cryin‘ Clause und Hummin‘ Henry, die Brüder von Singin‘ Sam. Ihr Kriegs­gesang erschütterte erneut die Halle und wie Haie stürzten sich die Weihnachtstiere in die Fluten der bösar­tigen Karlnickelar­mee, brachten sie zum Wanken, gar zum Zurückweichen! Es war eine entsetzliche Schlacht, der das Heldenquartett stau­nend und in letzter Sekunde glücklich gerettet wie einem ab­surden Theater­stück bei­wohnte.

Da zupfte Karl-Heinz den Rabenhorn mit der Schnauze am Är­mel.

„Haben wir nicht noch etwas zu erledigen?“, fragte er.

„Du kannst sprechen?“ Rabenhorn nickte. „Karlnickel­klar, du kannst es. Warum eigentlich auch nicht?“ Er sah hinüber zu dem Karlnickelkönig, der nun ziemlich verlas­sen vor seiner Feu­ergrube stand und mit wilden Flüchen vergeblich seine Un­tertanen zum Widerstand aufrief, der längst gebrochen war. Heillose Flucht war das Gebot der Stunde.

„Dann komm“, sagte der Held von Bromberg zu seinem treu­en Hundegefährten, hob das funkelnde, zu unser aller Glück nicht singende, sondern ungewöhnlich schweigsa­me Schwert und trat dem Monster entgegen, „retten wir Weihnachten.“ Tiefe Zuver­sicht erfüllte das heldenhafte Herz des Lektors und mit seinem ersten Hieb durchtrenn­te er bereits den Fuß des Ungeheuers. Die abgeschlagene Gliedmaße flog durch die Luft und als sie auf dem Boden landete, verwandelte sie sich in pa­nisch umherirrende, ge­geneinander rempelnde und stolpernde kleine Karlnickel.

„Das ist für Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Sies­ta Or­tega y Cuerno del Cuervo“, rief er und mit jedem Namen seines Vorfahren, den Rabenhorn rief, trieb er sein mit El Ixir behan­deltes Schwert erneut in den Bauch des Monsters. Aus dessen Wunden sprudelten kein Blutfontä­nen, sondern unzählige Karl­nickel. Der König wankte, die Bratpfanne entglitt seinen plötz­lich wieselflink davon flit­zenden Fingern, die wie der Rest seines Körpers aus sei­nen fliehenden Untertanen geformt gewe­sen wa­ren. Dann fiel er zu Boden. Rabenhorn hob ein letztes Mal sein Schwert, den gewaltigen Kopf vom Körper zu tren­nen.

„Halt ein!“, rief da plötzlich eine bekannte Stimme. Karl-Heinz, der sich in ein Organ des Karlnickelkönigs verbis­sen hatte, das in einem Märchen nicht erwähnt werden darf, und Rabenhorn wir­belten erschrocken herum. Hinter ihnen standen Karl-Nickel, der Karlnickellaus-Rumpel­stilz und der ebenfalls längst verstorbene Hubert Emanuel Kienbauer. Beide wirkten sehr lebendig. Raben­horst fühlte sich wie am Ende von Star­Wars VI.

„Halt ein, sonst wird an Ostern die Welt untergehen!“, schluchzten die beiden. „Denn wer soll den Kindern ihre Eier verstecken – etwa ein Osterhund?“
Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal er­zählt werden soll …

ENDE DES ERSTEN BUCHS
Fortsetzung folgt in
Karl-Heinz und Herbert, das Osterkarlnickel

Rabenhorn klappte sein Prüfexemplar von Karl-Heinz, der Weihnachtshund zu, legte es vorsichtig auf seinen Schreib­tisch und sah zum Panorama­fenster aus dem 8. Stockwerk hinaus. Inzwischen däm­merte es und in den Häusern un­ten in der Stadt erstrahl­ten die ersten Weihnachtsbäume. Endlich schneite es di­cke Flocken.

Obwohl der Lektor sich inzwischen mit Frieder­buschs neuestem Werk arrangiert hatte und er ein­sah, dass ein er­folgreiches Buch fortgesetzt gehörte, war er mit dem Schluss nicht ganz glücklich. Dieses Ende war besser als das originale, in dem der Autor alle Protagonisten hinge­schlachtet hatte – wahr­scheinlich waren dies die Nachwir­kungen der Tren­nung von Marie-Theres Kienbauer, die mit einem Dönerbudenbesitzer durchgebrannt war. Nein, so war das entschieden bes­ser; schließlich hatte er per­sönlich, der große Jan Phi­lipp Rabenhorn, das letzte Kapitel des Weihnachts­hundes nach Jahren der Schreib­blockade selbst verfasst. Aber irgend etwas fehlte.

Er starrte in das wirbelnde Schneegestöber vor sei­ner Fensterscheibe und sann nach. Gut, der Ge­schichte fehlte entschieden eine kluge Katze, aber die konnte er ja in eine der geplanten Fortsetzungen hin­ein schreiben. Es war et­was anderes; ein bohrendes Gefühl verblieb in ihm, dass er etwas vergessen hat­te. Sein Blick fiel auf seinen großen, zotteligen Hund, der friedlich auf dem Sisalteppich schnarchte und nun wie auf Kommando seinen Kopf hob und Ra­benhorn mit seinem geheimnisvollen, tiefen Au­gen fixierte. Da verstand er:

„Du hast recht, Karl-Heinz“, sagte er zu dem zu­stimmend nickenden Tier, „jetzt weiß ich, was ich vergaß.“

Er wand sich zu den Lesern seiner Geschichte, die ihn und den Hund aufmerksam betrachteten. Er winkte ihnen zu, winkte DIR zu. Ja, dir, meinem Le­ser, der mir bis hier­her – erstaunlich genug bei dem Blödsinn, den ich ver­zapfte -, gefolgt ist:

„Gesegnete und Glückliche Weihnachten!“

ENDE

 

 

Ein Kommentar

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil 3

Der Lektor erwachte, rieb sich genüsslich die Au­gen, griff dann in die zerwühlte rechte Betthälfte, suchte, fand aber beruhigende Leere und grinste. Das war wohl noch einmal gutgegangen! Alles nur ein schlechter Traum: Kein bärtiger Türke schlief neben ihm, kein fetter Kö­ter mit Weihnachtsmütze auf dem Kopf war zu ei­nem blonden Drachen mit den Gesichtszügen von Ma­rie-Theres Kienbauer mutiert. Helga Jolanda Wei­ßeggerle-Rabenhorn, seine Ex-Gattin und ehemalige Muse der Schreibkunst, hockte nicht zeternd auf ei­nem Dra­chenhort neben seinem Bett, sondern seit der unerfreuli­chen Tren­nung vor vier Jahren weiter­hin in ihrer eigenen Wohnung, die er ihr bezahlte.

Rabenhorn erinnerte sich nur ungern an die etwas unbe­queme Phase seines Lebens, als auch er, der er doch ei­gentlich über solchen Dingen stand, der Krise der mittle­ren Jah­re verfiel und er sich sterblich in eine blutjunge, bemer­kenswert vollbusige und dabei doch so tief vergeis­tigte Dichternymphe verguckt hatte, deren Namen ihm sein Un­terbewusstes inzwi­schen zum eigenen Schutz vor­enthielt. Wahrschein­lich hockte Helga im Moment ver­huscht und verträumt vor ihrem Computer, postete in ir­gendwelchen Literaturforen Schlechtgereimtes und Weih­nachtsglückwünsche – schließlich war heute der Hl. Abend.

„Ach, wie liebe ich diese stille Zeit!”, rief Rabenhorn sich rekelnd aus, schwang die ansonsten schweren Beine leicht aus dem Bett, schlüpfte in seine warmen Puschen und hüpfte wie ein Tänzer in die Küche. Dabei ignorierte er ei­nen leichten Kopfschmerz, der ihm von seinem Alptraum oder – wahrscheinlicher – der Erinnerung an seine Exfrau übriggeblieben war.

Als er bald darauf noch im Morgenmantel mit einer Tas­se seines Lieblingskaffees vor seinem privaten In­ternetzugang saß, um seine Mails durchzusehen, überlegte er, ob er nicht längst wüsste, was sich heu­te wieder alles bei ihm auf dem Bildschirm tummeln würde – in seiner eigenen kleinen Welt war es schließlich recht übersichtlich. Und das zumin­dest sollte auch so bleiben!

Es war so, wie nicht anders zu erwarten: Neben den üb­lichen Weihnachtsgrüßen von Verlegern und fer­nen Be­kannten, neben Preisokkasionen – was für ein entsetzliches Wort! – und Angeboten für blaue Pillen und Krankenver­sicherungen waren sie über Nacht wieder aus ihren Lö­chern gekro­chen, hatten sich in ihren literarischen Schweißausbrüchen gesuhlt, sich mit ihren glitschigen, schmierigen Fingern ver­krampft über die unschuldige Sprache hergemacht und ihn als Unschuldigen mit allem überschüttet, was eigent­lich Dinghaft auslösen müsste – immer und ewig auf und über ihm, dem seinem Selbstvers­tändnis nach weltbesten Lektor! Wenn er all die un­verlangten Manuskripte ausdru­cken sollte, die als PDFs oder WORD-Dateien in seinem Mailkonto strandeten, würde er Tonnen an unschuldigem Pa­pier damit besu­deln müssen!

War das seine Qual, musste er wirklich über diese trü­ben, gelblich schillernden Bäche springen? Auch heute, am Hei­ligabend, da es wieder mal zu kalt war, um über­haupt ir­gendwo einkehren zu können, es sei denn unter einer war­men Decke?

Was war das?

Ein Engelsgesicht mit Spitzhackenbrüsten, das eine schwedi­sche Kleinstadt terrorisierte! Erbarmen? Nein, danke!

Eine sprechende Parkbank und ein erfrorener Penner. Eine Schneekönigin-Allegorie? Was wird diesem Autor noch ein­fallen, wenn ihm nichts mehr einfällt? Nein, danke!

Ein Traum, der aber eigentlich gar kein Traum ist, son­dern eine geträumte Wirklichkeit in einem Traum, der von der Wirk­lichkeit träumt? Das passte zwar auf seine eigene Situation, aber: Wer will von so etwas schon über 400 Seiten lesen, Herr Nikolaus Klammer? Nein, danke!

Eine Hundegeschichte? Nein, danke! Die Welt war mit dem unsäglichen Weihnachtshund von Daniel Glattauer – zusam­men mit Richard David Precht der Herrscher über die lite­rarischen Vorhölle – gestraft genug! Wie war denn Frieder­busch ausgerechnet darauf verfallen?

Aber das war alles zu erwarten gewesen. Raben­horns Zei­gefinger tippte lässig im Takt von Jingle Bells und alles ver­schwand im Orkus des Junk-Ord­ners. Damit war seine Ar­beit für heute getan; für heute und den Rest der Weih­nachtswoche. Er hatte sich zwischen den Jahren freige­nommen, um endlich seine Wohnung zu renovieren. Ra­benhorn stellte den PC aus, warf sich ungewaschen die Ar­beitsklamotten über, nahm sich einen Brenner und ei­nen alten, me­tallenen Eiskratzer. Er begann, von außen an der Badtür die gelbliche Lackfarbe heißzumachen und sie ab­zuschaben. Solch händische Tätigkeit war we­nigstens noch etwas Ehrliches, Reines. Hier war der Werktätige noch nicht von seiner Arbeit entfremdet. Konstruktivität, Freile­gen der Struktur. Dieses wohl­tuende Entfernen des Altan­gebrachten. Und Farbe stinkt! Holz nicht. Also weg mit der Farbe! Tod der modernden Farbe und dem Altan­gebrachten, das sich nur modern nennt! Hatte er tatsäch­lich vierzig Jahre über Büchern gesessen, um zu wissen, dass er eigent­lich nur ein Abbrenner und Anstreicher wer­den wollte?

„Wenn das keine Weihnachtsbotschaft ist!“, dachte er eu­phorisch. „Arbeitet im Schweiße eures Ange­sichts, Leu­te, Möchtegernschriftsteller, nicht im Geis­te! Vornehm ist das Handwerk, sinnentehrend, sinnentleert ist allein das Geist­werk!“ Und da er das dachte, lächelte er und ver­brannte sich die Hand am heißen Brenner. Rabenhorn ließ das Heißluftgerät auf den Boden fallen. Es schmorte ein Loch in den wertvollen Berberteppich. Wütend riss der Lektor das Kabel aus der Steckdose. Das war er doch, der Unter­schied zwischen der Literatur und dem wahren Le­ben: Das Leben schmerzt! Und es geht immer wei­ter. Da gibt es kein ENDE und alle singen glücklich Weihnachts­lieder. Man muss sich ständig auf Neues einstellen, kann nicht im In­dex nachschlagen oder ein paar Seiten zurück­blättern, wenn man etwas nicht versteht oder einen Na­men verges­sen hat. Ra­benhorn rieb sich über die brennen­de rote Stelle an seiner Hand und überlegte, was zu tun war.

„Kaltes Wasser“, fiel ihm ein, „eine Brandblase muss man kühlen. Und dann eine Salbe drauf.“ Ah, das war kein voll­ständiger Satz: „Und dann muss man eine Salbe über die Wunde streichen.“ Jetzt hat­te er eine „muss man“-Wieder­holung, das war sehr schlechter Stil: „Und dann sollte man besser eine Brandsalbe über der Wunde verstreichen.“

Gut so. Rabenhorn trat also ins Badezimmer, wo er kurz die Vision eines in Fett und Filz eingewickelten Joseph Beuys hatte, der auf dem fest getrampelten Erdboden ei­nes russischen Bauernhauses seine Brandwunden über­lebte. Doch es war nur ein schla­fender, müffelnder Hund, über den er beinahe stol­perte.

Was heißt nur? Das war ein Riesenvieh, das Untier! So entsetzlich groß, dass Rabenhorn nicht an ihm vorbei zum Waschbecken gelangen konnte. Aber sei­ne Brandwunde war eh vergessen! Was hatte er ei­gentlich noch im Bade­zimmer gewollt? Der Hund, so fiel ihm siedend heiß ein, hieß Karl-Heinz. Jetzt kam die Erinnerung wieder mit vol­ler Wucht, und er be­kam weiche Knie. Rabenhorn trat ei­nen Schritt zu­rück, setzte sich schwer auf den hölzernen, woh­lig vertrauten Deckel seiner Kloschüssel.

Von wegen Traum! Alles kam zurück, kristallklar schälte sich die Erinnerung an den gestrigen Tag aus seinem Ge­dächtnis, als wäre der Anblick des Hundes ein heißer Küs­tenwind, der den Nebel verjagt:

Er konnte das furchtbare Manuskript voller Recht­schreibfehler und verunglückten Halbsätzen von Frieder­busch ge­radezu vor sich sehen, dann folgten der Fieber­anfall und die oben zwischen den Neon­röhren schweben­de, halbnack­te Witwe seines ehe­maligen, geliebten Verle­gers und jener entsetzliche Kalbshund, der ihm das Ge­sicht abschleckte. Auch der alte Familienfluch der Raben­horns fiel ihm wie­der ein, jener Jahrhunderte alte Fluch, von dem ihm Her­bert Emanuel Kienbauer in seiner Ster­bestunde berichtet und an den der Lektor nie geglaubt hatte – gleichzeitig die Erkenntnis, dass Marie-Theres Kien­bauer in höchster Ge­fahr war! Gestern war der Schock des Begreifens wie ein Faustschlag gewesen, der ihn ohnmächtig vor seinem Schreibtisch nieder­streckte. Dann, noch wie betäubt, hatte er handeln wollen, denn nur eine Person konnte hier noch hel­fen, auch wenn Ra­benhorn eigentlich nicht an sie glaub­te. Daher hatte er Marie-Theres gepackt und die Widerstre­bende zum Auf­zug gezerrt. Doch was dann geschah …

Rabenhorn konnte sich nicht erinnern. Ein unheim­liches Loch war in seinem Gedächtnis. Der Aufzug öffnete sich, das wusste er noch. Aber dann? Und wie kam er in der Nacht in sein Bett, und wie dieser vermaledeite Hund von Friederbuch in sein Bade­zimmer? Fehlte nur noch, dass ein singender Esel in seinem Kleiderschrank Felis Navi­dad! sang! Der Lek­tor sackte auf der Toilette in sich zu­sammen, presste die Fäuste gegen seine Stirn, aber er konnte keine weitere Erinnerung hervor quetschen. Alles war schwarz. Das erste, was er wieder wusste, war eben sein Erwachen im Bett mit dem niederdrückenden Ge­fühl, schlecht ge­träumt zu haben.

Da hörte er ein Geräusch an seiner Wohnungstür, es klang, als würde jemand an seinem Schloss herum­fummeln. Rabenhorn stand auf, zog den Badschlüs­sel ab und sperrte so den noch immer schlafenden Hund ein. Er öff­nete mit Schwung die Tür. Vor ihm stand herabgebeugt ein kleiner, untersetzter Mann mit imposantem Schnauz­bart, ein “Einwohner mit Migrationshintergrund”, wie Raben­horn für sich feststellte. Einen Schlüssel, der dem Lektor bekannt vorkam, hielt er nach vorn gestreckt in der einen, eine Tüte mit verlockend riechendem Back­werk in der an­deren Hand. Rabenhorn war sicher, ihn noch nie zuvor ge­sehen zu haben. Das war wahrschein­lich ein entlassener Strafgefangener, der ihm ein Abonne­ment des Readers Di­gest – entsetzliches Heft, Unterg­angsliteratur des Abend­landes – andrehen wollte. Oder einer dieser Asylanten, der vielleicht um eine Arbeit als Abbrenner und Anstreicher bettelte.

„Ja, bitte, was wollen Sie?”, fragte er unhöflich. Sein Ge­genüber hob überrascht die Augenbrauen.

„Du erinnerst dich wirklich nicht mehr, Jan? Du hast mich vergessen?“, fragte der Fremde. „Weißt du nicht mehr, wie wir gestern mit dem Scheitan per­sönlich ge­kämpft haben? Du an meiner Seite und ich an deiner? Mit Dönerspieß und Degen als Waffen ge­gen den Karlnickel­könig? Du und ich? Kreuzritter und Gotteskrieger vereint gegen den Feind?”

Der Türke erkannte und nickte. „Tatsächlich, du hast es vergessen. Ömer Özgür bin ich, dein guter Freund. Schließ­lich hast du mir deinen Schlüssel ge­geben.” Dieses Argu­ment zog. Rabenhorn erkannte seinen eigenen Schlüssel­bund mit dem kleinen Plas­tik-Reich-Ranicki in der Hand des anderen. Kurzent­schlossen schob Ömer den verdutzten Lektor beiseite und trat ein.

„Ich habe schnell Brötchen geholt”, bemerkte er und hob seine Tüte. „Kämpfer brauchen ein gutes Früh­stück. Wenn der Magen gefüllt ist, ist die Schwert­hand stark.”

Aus seinem übervollen Orientalenherzen rieselten jetzt die Worte wie der Sand der Wüste oder der Schnee im Winter Ostanatoliens.

„Rabenhorn, mein Freund, Kämpfer, krass, wie wir ihn in die Flucht geschlagen haben, diese Ausgeburt der Höl­le. Wir beide und der große Hund! Aber dann stürzten sich von allen Seiten – aus allen Kanal­öffnungen – die ent­setzlichen Karlnickel auf uns. Wie eine Tsunamiwelle wa­ren sie und wir standen wie Felsen in der tödlichen Brandung. Aber dann bist du gestolpert und etwas traf dich am Kopf. Weiß nicht, was es war.”

Ömer zögerte und überlegte, ob er dem Lektor er­zählen sollte, dass er ihn im Eifer der Schlacht aus Versehen mit seinem Dönerspieß ins Reich der Träu­me verfrachtet hat­te. Es entschloss sich, dieses kleine Detail auszulassen.

„Egal, was es war. Du verlorst das Bewusstsein. Wir mussten uns zurückziehen! Ich warf dich über den Hund und wir flohen vor den anstürmenden Geg­nern. Gerade eben noch fanden wir den letzten freien Kanaldeckel. Aber jetzt ist nur die Schlacht verloren, noch nicht der Krieg! Wir brauchten eine kleine Ver­schnaufpause, dann machen wir weiter. Deshalb brachten Karl-Heinz und ich dich in deine Wohnung, Jan.“

„Wie haben Sie sie denn gefunden?“ Der Albtraum setz­te sich anscheinend fort.

„Aber mein Freund, dich kennt doch jeder hier in Brom­berg. Ich musste nur fragen und schon redeten die Leute. ‘Meinen Sie vielleicht Herrn Rabenhorn, den Gelehrten?’ oder ‘Ach, der Herr Professor Ra­benhorn, ja, der wohnt am Lärchengrund.’ Also kein Problem, deine Wohnung zu fin­den, lieber Freund. Dein Bett ist sehr weich.“

Rabenhorn wuchs um fünf Zentimeter. Er wusste, dass er angesehen und geachtet war. Doch dieser Be­weis sei­ner stadtweiten Dominanz als Kulturmensch kam überra­schend, tat seiner verletzlichen Künstler­seele jedoch gut.

„Aber was ist mit Marie-Theres Kienbauer? Die Frau mit dem Stern. Du weißt schon. Und was ist mit Frieder­busch?” Und, nach einem Zögern:

„Und wo ist der Karldinalsrumpelstilz? Mein … Vor­fahr?“

Ömer lachte verschmitzt. „Wenn wir gefrühstückt ha­ben, klärt sich alles auf. Karl-Nickel erwartet uns unten im Ka­nal. Er wird dir alles erzählen, was du im Fieber­rausch ver­gessen hast.”

Rabenhorn packte ihn bei den Schultern. „Sprich, was ist mit Marie-Theres?“

Ömer zuckte zusammen. „Der Böse, der Karlnickel­könig, Fürst von Hölle, nahm sie mit, hinab ins Inne­re der Erde, wo die Feuer brennen, an die Wurzeln des großen Pinkel­baums, von denen er sich und eine abscheuliche Brut er­nährt. Heute Nacht muss es sich entscheiden!“

Rabenhorn wankte. Sollten alle Kämpfe, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, vergebens gewesen sein? Alle Angst, alle Anstrengung, die Wunden an Seele und Körper, alles umsonst? Aber just an diesen Punkt seiner Verzweif­lung regte sich das Blut seiner Vorfahren in ihm: Niemals! Und wenn er dem Scheusal bis in die städtische Kloake fol­gen müsste, er würde Marie-Theres retten.

„Los Ömer, wir müssen sie befreien. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“ Und mit einer Kaltschnäuzig­keit, die er sich selber niemals zugetraut hätte, lief er ins Bad, packte den völlig verdutzten und tranigen Karl-Heinz-Hund bei den Ohren und schleifte ihn zur Tür hinaus.

„Ömer, auf geht’s! Auf in den Kampf! Wir retten das ehr­bare Weib aus den Fängen des Untiers!“ Der Dönerbu­denbesitzer schleuderte die Tüte mit dem Backwerk zur Seite.

Das ist mein Held! Hurra! So wollen wir Mord ru­fen und des Krieges Hund‘ entfesseln!“ Und mit die­sem thea­tralischen Aufruf (Julius Cäsar, 3. Akt, 1. Sze­ne) zogen sie von dannen, öffneten den nächstgelege­nen Kanaldeckel und verschwanden gemeinsam in der Unterwelt.

Jan Philipp Rabenhorn hatte erwartet, dass die Ka­näle sei­ner Heimatstadt eine feuchtklammer-rut­schigheunsche An­gelegenheit waren, erbärmlich fies nach allerlei in die­sem Weihnachtsmärchen Unaus­sprechlichem stanken und zap­pen-zappeldunkel wa­ren, aber das genaue Ge­genteil war der Fall: Überall leuchtete es grün und gülden funkelnd von den spe­ckigen, wie aus Lebkuchen geform­ten Wänden und es lag ein ap­petitlicher Geruch nach Weihnachtsstol­len und allerlei anderem würzigen Back­werk in der warmen Luft.

Der Lektor rieb sich die Augen, doch die Sinnesein­drücke veränderten sich nicht: Dies waren keine düs­teren Abwäs­ser, in denen zwischen Herabgespültem aus zehn­tausend Toiletten eklige große Ratten schwammen, nein, hier unten sprudelten zwischen glitzernden Schneehäufen glühwein­rote, nach Zimt und Tannennadel riechende Wasserläufe durch die Gänge, munter singende Bächlein, in denen sich fröhlich Lametta-Sprotten, Nikolausbarsche, Engels­haarrochen und Weihnachtskugelfische tummel­ten. Rabenhorn fragte sich nur kurz, woher er die Namen dieser Tiere kannte, die sich ja in keinem ichthyologi­schen Fachbuch fanden – schließlich hatte er das eine oder ande­re lektoriert – aber er hatte sich ja vorge­nommen, sich über nichts mehr zu wundern. Trotz­dem sah er sich stau­nend um. Die Un­terwelt von Bromberg an der Fiesel war eine geschmacklo­se Weihnachtswunderwelt, ein unterir­disches Rothen­burg ob der Tauber.

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, aber: Er war da­heim. Die städtische Unterwelt mit ihren weihnacht­lichen Kanä­len, Ort sei­ner Aufzucht und der ersten Trottversuche, war ihm vertraut, er er­schnüffelte die Neuigkeiten von den Wänden und roch überall Duftmarken, die ihm nicht gefie­len. Sein kurzes Nackenhaar sträubte sich unter sei­ner Weih­nachtsmütze. Von hier aus hatte ihn sein Meis­ter, der alte Karlnalrumpel­stilz auf die Mission ge­schickt, den Ururururure­nkel zu finden, den letzten des stolzen Stammes der Ceratias-Corvii, der gehörnten Ra­ben, die­sen Einen, in dessen Händen allein die Macht lag, den großen Pinkel­baum vor dem Karlnickelkönig zu be­wahren.

Und wie geschickt hatte der alte Weihnachtsköter doch seinen Auftrag ausgeführt, ganz wie in den al­ten aufre­genden Tagen, als er noch für die Besche­rung der Stra­ßenköter unter eben jenem magischen Pinkelbaum sorgte, auf des­sen mächtigen Wurzeln die Altstadt von Bromberg errich­tet war. Sich Raben­horn direkt zu nähern war ihm nicht möglich gewe­sen, da dieser ja Hunde fürchtete, also hatte Karl-Heinz sich erst einmal vor die Haustür des mittelmäß­igen Autors Egon M. Friederbusch gelegt und dort gedul­dig ausgeharrt, bis dieser auf dem vor Liebe blinden Weg zu Marie-Theres Kienbauer buch­stäblich über ihn stürzte. Karl-Heinz hatte die senti­mentalen Bücher des Schriftstel­lers über den tierlie­ben Zauberlehrling Edwin Edgard gele­sen und seinen Autor richtig eingeschätzt. Er musste nur noch ein wenig mitleiderregend jaulen, mit treu-traurigen Hundeaugen nach oben blicken, zögernd einen Hin­terlauf nachziehen und hatte gewonnen: Friederb­usch adoptierte ihn auf der Stelle.

Der Rest war einfach. In jeder stillen Adventsnacht, in der Friederbusch daheim schlief und nicht am Schicht­kohl und seiner Marie-Theres naschte, dik­tierte Karl-Heinz nun dem friedlich schlummernden Autor die Ge­schichte vom “Weihnachtshund” und dieser schrieb sie morgens eilig auf, bevor er den spannenden Handlungs­faden wieder ver­gaß, glücks­elig über die Muse, die ihn in seinen Träumen so reichlich mit Einfällen beschert hatte; ohne dass ihm be­wusst wurde, wem er die Einflüsterun­gen wirklich ver­dankte. Er wunderte sich nur jeden Mor­gen über sein nas­ses, vollgeschlabbertes rechtes Ohr.

Der Plan des alten Weihnachtshundes ging auf. Der nai­ve Friederbusch sandte sein Manuskript an den Kienbau­er-Verlag und nahm seinen Hund tatsäch­lich mit zu Ra­benhorn, gemeinsam Überzeugungsar­beit zu leisten. Wo­mit Karl-Heinz allerdings nicht ge­rechnet hatte, war der zwei­felhafte Geisteszustand des Lektors, der sich im Fie­berwahn vom Schreib­tisch wie Tarzan auf seine Jane stürzte und grunzend mit der Kienbauer abgezogen war. Aber das war ja alles gut ausgegangen und er hatte Ra­benhorn dort, wo er sein sollte, in der Kanalisation von Bromberg, wo das Karlnickelungeheuer hauste. Jetzt musste nur noch der Meister gefunden werden!

An einer Biegung teilten sich die Kanäle. Verwirrt stopp­te Karl-Heinz und ließ es geduldig über sich er­gehen, dass Rabenhorn und Ömer Özgür, die er bis­her an seiner Leine hinter sich hergezogen hatte, ge­gen sein Hinterteil rannten. Das waren ihm ja zwei schöne Helden! Ob der Meister da nicht einen Fehler begangen hatte? Ihre gestri­gen Taten waren schon einmal ein vollkommener Reinfall gewesen und hat­ten die Lage nur noch verschlimmert, wenn er an die arme Marie-Theres dachte, die sich nun in den Fän­gen des Monsterkönigs befand … Karl-Heinz schüt­telte das Haupt und schleuderte ein paar Speichelfä­den zur Seite. Jetzt nur nicht ablenken lassen! Er lauschte in die sich ver­zweigenden Gänge und ver­nahm tatsäch­lich aus dem Rechten einen fernen, jam­mernde I-Ah-Ge­sang, der ihm sehr vertraut war:

„Voll fett der Dreck, eh.
Das steckt keiner weg, yeah.
Da hilft kein Doney-Gin, he.
Bald sind wir alle hin – oh, jeh!”

Karl-Heinz stürmte aufgeregt hechelnd los, zog und zerr­te – fast vermochten Rabenhorn und Ömer Öz­gür, die sich erneut an seiner Leine festklammerten, nicht zu fol­gen – und schnüffelte durch die farben­frohe, von Kerzen­leuchtern und Fackeln erhellte Welt. Bald fand er einen Schnal­lenschuh seines Herrn. Und er war nicht leer.

In ihm steckte ein noch immer weißbestrumpfter, aber blutiger Fuß des Karlnalrumpelstilzchens. Hatte es mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde gestoßen, dass es bis an den Leib hineinfuhr und dann in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Hän­den gepackt und sich selbst mit­ten entzwei gerissen? Ömer nahm den Schuh vorsichtig an zwei abge­spreizten Fingern aus dem Schnee.
„Da war wohl jemand schneller als wir. Hinfort, du schnö­der Gallert.” bemerkte er und schleuderte den blutigen Schuh samt übelkeiterregendem Inhalt zur Seite. Raben­horn sah anerkennend zu dem Türken. ‘King Lear‘, dachte er, ’1. Akt, 7. Szene. Hinfort ist ein schönes, ein feines, ein doppelsinniges Wort. Schade, dass die heutigen Autoren es kaum mehr kennen.’ In diesem Moment wurden seine Ge­danken von einem schmelzenden Gesang unterbro­chen, der ganz in der Nähe erklang:

„Ach, Bro, nun ist’s vorbei,
mit der Christmas-Feierei.
Bald ist der big old Tree gefällt,
der Bromberg on the Top erhält.”

Die rote Mütze fiel Karl-Heinz vom Kopf, er sprang nach vorn, und die Nüsse in seinem Sack schaukel­ten mächtig. Rabenhorn, noch immer mit dem Weih­nachtshund durch die Leine verbunden, flog hinter­her. Ömer folgte den bei­den langsamer und sah sich vorsichtig um. Hinter den bei­den trat er aus dem en­gen Gang in eine hohe und gro­ße Halle, sie war so gigantisch, dass der Dönerbudenbe­sitzer ihr hinteres Ende nicht ausmachen konnte. Es ent­zog sich ihm durch einen dichten Nebel, der zwischen den Scheehü­geln waberte. Ömer kannte diese von mäch­tigen Fackeln erleuchtete Höhle, erst gestern hatte er hier gemeinsam mit Rabenhorn und dem Karlnal­rumpelstilz verzweifelt gegen die heranstürmenden Karlnickel-Hor­den gekämpft und ge­rade noch durch einen anderen Gang fliehen können, Ma­rie-Theres und den alten Meister dabei im Stich lassend! Ir­gendwo hier musste auch seine Waffe liegen, der Dö­nerbratspieß, mit dem er den Lektor aus Versehen bewusstlos geschlagen hatte.

Rabenhorn und Karl-Heinz waren inzwischen bei ihrem Ziel angelangt: Sie fanden Carlos Niccolo Diego Pedro La­mentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo, auch Karl-Nickel, der Karlnalrumpelstilz genannt, den Ururururur-Ahn des Lek­tors, mit dem Oberkörper gegen einen mächtigen grauen Esel gelehnt, der jäm­merlich weinte und i-ahte. Er blutete am gesamten, nicht mehr ganz vollständigen Kör­per und lag im Sterben. Doch als er Rabenhorn bemerkte, der sich zu ihm herabbeugte, kam noch einmal Leben in den einst so mächtigen Herrn der Bromberger Unterwelt. Er hob den einen Arm, der ihm noch verblieben war und winkte sei­nen Nachfahren zu sich heran.

„Nun bist du doch wieder gekommen”, flüsterte er mit brechender Stimme. Er versuchte, sich ein wenig aufzu­richten, was ihm nur gelang, weil der Esel sein Gewicht etwas zur Seite verlagerte. „Jan, du musst beenden, was ich in meinem Leichtsinn begonnen habe. Es ist der Fluch der Söhne, die Sünden ihrer Väter zu büßen. Die Vorfah­ren aßen die Trauben, aber den Nachkommen werden die Zähne stumpf. Ich sehe er­freut, du bist heute klar bei Verstand. Drum höre…” Karl-Nickel hustete und kleine Blutbläs­chen bilde­ten sich an seinen Mundwinkeln. Aber noch hatte er die Kraft, fortzufahren:

„Vor gut 800 Jahren, als hier inmitten des Karlnuten-Wal­des auf dem Bromberger Hügel nur ein einziger gewalti­ger Tannenbaum stand, der alle anderen überragte und zwi­schen dessen Wurzelwerk sich die große Höhle gebil­det hat, in der wir uns jetzt befin­den, erprobte ich in mei­nem Wahn meine alchemisti­schen und chymischen Er­kenntnisse, experimentierte mit dem geheimnisvollen Saft El Ixier, der aus dem Lapis philosophorum gewonnen wird. Doch statt Gold formten sich in meinen Leidener Flaschen zufäl­lig die Karlnickel, gefährliche, kleine Bestien, die sich von den Wurzeln des Baumes nährten und ab und an auch mal einen vorbeikommenden Bauern oder Wanders­mann fra­ßen. Später dann, als über uns die Stadt Brom­berg ent­stand, wollte ich meinen Fehler gutmachen und erweckte zur Abwehr der Karlnickel und zum Schut­ze der Men­schen allhier meine Weih­nachtshunde und manchmal auch einen Christmas­donkey…” Das Grautier hinter dem Karlnalrumpels­tilz zitterte und seufzte auf.

„Ruhig, Sam, ruhig… Chill mal, Alter, ich hab’ hier was klarzuchecken. Don’t cry for me”, er tätschelte be­ruhigend den dicken Bauch, auf dem er lag, „im A… von Tina, heh­ehe. Egal.” Er wand sich wieder an Ra­benhorn, der ihm atemlos lauschte.

„Viele Jahre ging alles gut. Weihnachtshunde und Karl­nickel hielten einander die Waage und der Baum – der große Pinkelbaum der Straßenköter von Brom­berg – blieb kräftig und gesund. Doch dann kam das Unglück: Meine Hunde wurden alt und zahnlos und die Karlnickel ver­mehrten sich, sammelten sich, ver­knoteten sich, umwim­melten, ver­bissen und verban­den sich und wurden zum großen Karl­nickelkönig, der dort hinten im Nebel haust und an den Wurzeln des Baumes frisst. Der Baum ist krank, Raben­horn! Er stirbt. Nur noch wenige seiner Wur­zeln halten das Dach dieser Halle und wenn der Karlni­ckelkönig die letz­ten durchnagt hat, dann stürzt uns hier der Him­mel ein. Verstehst du? Bromberg wäre dann nur noch ein großes, tiefes Loch, aus dem sich der König der Karlnickel erheben wird, zu knechten die Men­schen und das Land. Und das am heiligen Abend! Das geht doch nicht.”

Der alte Alchimist und Druide packte seinen Nach­fahren an der Schulter. Feuer stach aus seinen Augen und brann­te sich in Rabenhorns Seele. Ihm war, als würde er in der Stimme Karl-Nickels alle seine Vor­fahren mitrufen hören.

„Ich bin besiegt, in der gestrigen Schlacht geschla­gen. Aber du hast die Macht, den Karlnickelkönig aufzuhalten! Nimm mein Schwert, das ich beim Schmieden in El Ixier tauchte, es hat die Macht, das Karlnickelungeheuer zu zer­schlagen. Das ist deine Aufgabe, deshalb bist du hier!” Der Kopf des Meis­ters sank erschöpft auf seine blutige Schulter.

„Aber…”, stotterte der Lektor. Noch einmal sah das Karl­nalrumpelstilz auf. Er war unendlich müde, das war ihm anzuhören.

„Aber ist ein Wort, das ein Rabenhorn nicht kennen soll­te. Nimm das Schwert, zerschlage die Karlnickel und rette die Frau, die du in den Kanal gebracht hast, bevor der Mons­terkönig sie unter dem großen Pinkelbaum frisst. Du bist unsere letzte Hoffnung!”

Karl-Nickel atmete langsam aus und seine Augen schlos­sen sich. Karl-Heinz, der Weihnachtshund, heulte auf. Sin­gin’ Sam sang:

Goodby, Nickel, schön war die Zeit.
Goodby, Nickel, sei nun bereit.
Du steigst in den Himmel,
der Weg ist so weit …

Rabenhorn erhob sich. Seine Augen suchten das magi­sche Schwert. Es lag nur wenige Schritte ent­fernt im Schnee, warte geduldig auf den Ritter, der es zu führen wusste. Dort stand auch schon Ömer bereit, sein edler Knappe, den Dönerspieß in der Hand. Eine Träne glitt über seine Wan­ge.

Biz gitmek“, sagte der Türke, „lass uns gehen…” Raben­horn nickte. Der Würfel war gefallen.

„Ja. Hinfort die Zweifel. Nicht mehr das Wort, die Taten zählen. Retten wir Marie-Theres, den Großen Pinkelbaum und Bromberg … und die ganze Welt!”

 

[Hier findet sich das Ende der gar schröcklichen Geschichte …]

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 7)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Doch Sahar kämpfte nicht zum ersten Mal gegen einen der Barbaren aus dem unwirtlichen Tudasgart, das zwischen dem Rauen Gebirge und dem Großen Grabenbruch an der Grenze zu den Jenseitigen Landen lag. Junge, ungestüme Kling‘Arta wurden wegen der häufigen Hungersnöte immer wieder von ihren Stämmen, die in primitiven, hölzernen Taboren hausten und untereinander in Blutfehden und Religionsstreitigkeiten verstrickt waren, verstoßen und verdingten sich als Söldner in allen Armeen der Welt. Sie waren an allen Fürstenhöfen begehrte und gefürchtete Krieger, die voller Todesverachtung in die Schlachten zogen.

»Vorsicht, Großer«, murmelte er. »Manche Insekten können stechen!«

Sahar wartete ruhig, bis Wer‘Quer heran war. Dann nahm er seine geballte Hand aus der Tasche und hob sie seinem übermächtigen Gegner entgegen. der nur noch zwei Schritte entfernt war; schleuderte ihm eine Handvoll Salzkörner, die er während seines Märchenvortrags vom Bühnenboden aufgesammelt und dann zu sich gesteckt hatte, ins Gesicht. Er wusste, dass dies ein unfeiner Trick war, aber in einer offenen Auseinandersetzung konnte er dem tätowierten Hühnen nichts entgegen setzen. Das hatte er in seiner Ausbildung gelernt: Es war besser, einen Kampf ehrlos zu gewinnen, als ihn ehrenhaft zu verlieren. Besonders, wenn ein Gegner so überlegen war wie dieser. Der Kling‘Arta stolperte, heulte auf und hielt sich kurz seine Hände vor die Augen. Dabei vernachlässigte er wie erhofft seine Deckung.

Das Ende kam schnell. Sahar sprang ausweichend zur Seite. Gleichzeitig stach er gezielt mit seinem Degen zu und rammte seine fast wie ein Spielzeug wirkende Waffe bis zum Heft durch die breite Brust des Kriegers. Sie durchbohrte das Herz seines Gegners und trat an seinem Rücken wieder aus seinem Leib. Aber der Zusammenstoß, dem der Mönchssoldat nicht mehr ausweichen konnte, war trotzdem heftig. Der abwehrende Fausthieb des Kling‘Arta traf ihn krachend im Gesicht und brach ihm die Nase unter der Halbmaske, die er noch immer trug. Sahar wurde wie ein Sack Wäsche zur Seite geschleudert und stürzte halb besinnungslos in die Rosenbüsche.

Nach einer ganzen Weile war Sahar wieder einigermaßen bei sich und krabbelte aus den Dornen, die ihn zerstochen und seine schicke Galauniform zerrissen hatten. Er richtete sich mühselig auf und wischte sich mit den Ärmeln das Blut vom Mund, das in zwei Bächen aus seiner Nase lief. Ihn schmerzte jeder Knochen im Leib, aber er hatte bei dem kurzen Kampf keine weitere Verletzung davon getragen. Der tote Kling‘Arta kauerte zusammengesunken wie ein grauer Hügel auf dem Boden. Die Arme hingen schlaff herab und er hatte seinen kahlen Kopf, der durch die unzähligen Tätowierungen fast schwarz war, auf der massigen, von Sahars Waffe durchbohrten Brust liegen. Sahar humpelte näher, packte den Griff seines Degens mit beiden Händen und zog an ihm. Erst als er ein Bein zur Hilfe nahm und es gegen den Leib des Toten stemmte, gelang es ihm, seine Waffe zu befreien.

Endlich kippte die Leiche neben Galves lautlos ins Gras. Für jeden, der die beiden so entdecken würde, musste es so aussehen, als hätten sie sich in einem verzweifelten Kampf gegenseitig umgebracht. Sahar reinigte gelassen seine Klinge in der angewinkelten Beuge seines Arms und warf einen mitleidigen Blick auf die Schwalbe von Avril. Der Oberste, dessen durch eine Narbe verursachtes Dauerlächeln sich im Tod noch verstärkt hatte, war ihm sehr sympathisch gewesen und er bedauerte diesen sinnlosen Verlust. Wie würde es nun in der Lamargue weitergehen, nachdem in dieser Macht sowohl ihr Regno als auch die graue Eminenz hinter ihm ermordet worden waren? Würde es einen Krieg mit den Fünf Städten geben? Sahar gab es nur ungern zu: Auch Italmar nutzte diese Schwächung ihres östlichen Nachbarn, der auch das Protektorat über die Provinz ausübte, die altes Kernland des Kirchenstaats war, aber seit der Kokardenrevolution vor dreihundert Jahren selbständig war.

Der Mönch zögerte nur kurz, dann schob er seine Waffe zurück in die Scheide, die er am Rücken unter seiner Kleidung trug und kniete sich zu dem Leichnam hinunter, taste ihn mit professionellen Griffen ab. Sehr schnell wurde er fündig: In einer Innentasche der kurzen Uniformjacke entdeckte er einen in seinem Umschlag steckenden Brief. Es war viel zu dunkel, um ihn auf der Stelle zu lesen und er schob ihn in die Tasche. Nun erschienen ihm Galves gebrochende Augen vorwurfsvoll und er schloss sie sanft, während er ein eiliges Gebet an Oberone, den Herrn des Waldes, sandte.

Obwohl Miladí und ihre mörderische Dienerin einen großen Vorsprung hatten, nahm Sahar trotzdem ihre Verfolgung auf. Er hatte zwar wenig Hoffnung, sie noch einzuholen, aber ihr Fluchtweg war ihn die beste Möglichkeit, selbst unbemerkt aus dem Palast zu schleichen, ohne von der Treuwacht festgenommen zu werden. Schließlich trug er ja noch immer eine lamargische Uniform und sah mit der schmerzhaften Wunde im Gesicht sicherlich nicht sehr vertrauenerweckend aus.

Die hinter einer Efeuwand gut verborgene Pforte in der Gartenmauer erwies sich als ein geheimer Durchgang, den sicher einmal die Diebesgilde geschaffen hatte oder auch ein Namenloser, der sich gerne mit seinem Vezir unerkannt unter sein Volk mischen wollte. Er führte durch ein paar leere Stallungen hinaus auf die Hafenseite des Elfenbeinernen Palasts, wo die schroffe Mauer nur durch einen engen Kais vom an dieser Stelle strudelnd und eilig fließenden Marat getrennt war. Er sah zu dem gurgelnden, schwarzen Wasser eine Mannshöhe unter sich hinab. Hier hatte unmöglich ein Boot oder ein Schiff ankern und die Botschafterin aufnehmen können. Sie war also weiter zu Fuß geflohen. Doch in welche Richtung? Sahar hatte endgültig ihre Spur verloren. Er blinzelte, weil sich in diesem Augenblick jenseits des breiten Stroms über dem Stadtviertel Koras die Sonne erhob und ihre bereits jetzt am frühen Morgen hitzigen Strahlen in sein blutiges und schmutziges Gesicht sandte.

Sahar nieste und zuckte durch den plötzlichen Schmerz zusammen. Sollte Miladí ihm doch durch die Finger flutschen: Er glaubte an den Spruch Baruch im ersten seiner heiligen Bücher, wo geschrieben stand: „Unsere Wege führen zu vielen Kreuzungen und an einer von ihnen werden wir uns wiedersehen“. Darauf konnte er warten.

Neugierig nahm der Adept den bei Galves‘ Leichnam gefunden Brief aus dem Umschlag und entfaltete ihn. Die Handschrift kannte er nicht und die Unterschrift war nicht zu entziffern, aber was dort ein lamargischer Spion knapp und in militärischem Ton geschrieben hatte, warf ein ganz neues Licht auf die Geschehnisse der Nacht. Der Brief war an den Regno gerichtet, hatte diesen aber wahrscheinlich nie erreicht, weil ihn Galves vorher abgefangen hatte, legte dar, dass der älteste Sohn von Raul VI. hier in Karukora lebte und einer kurzen, aber stürmischen Liaison mit einer Palastangestellten während eines Staatsbesuchs entsprang. Noch erstaunlicher war, dass jener Sohn, von dem der Regno nie etwas erfahren hatte, noch vor seiner Hochzeit mit Dora Kahlja gezeugt worden war und deshalb in der Thronfolge noch vor seinen jüngeren Brüdern Raul und Rafik stand und zudem von der mütterlichen Linie her ein Bingh war, also direkt von der Dynastie des ersten Namenlosen abstammte. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, war dieser junge Mann, der Selin hieß, auch noch der Enkel von Alis, Sahars Konkurrenten bei dem Märchenwettbewerb! Der Briefschreiber warnte am Ende eindringlich vor einem angeblichen Plan des alten Märchenerzählers, der die bestehende Ordnung und das Leben einiger Mächtiger gefährden würde. Leider war diese Warnung sehr unklar und verworren.

Wenn das alles stimmte, was er gelesen hatte, waren die Konsequenzen ungeheuerlich und diese Nachricht musste sofort seinem Meister Jac Javac Mauvaise und dem Hohen Rat des Kirchenstaats übermittelt werden. Das war wichtiger als seine Suche nach Botschafter Adelph und dem flüchtigen Meister Siebenhardt, die er, falls sie überhaupt noch lebten, in der durch den Putsch aufgewühlten Wüstenstadt wahrscheinlich niemals finden würde. Das Machtgefüge der ganzen Welt konnte sich durch dieses Schreiben verändern. Sahar musste Karukora so schnell wie möglich verlassen.

Der junge Mönch sollte übrigens der Botschafterin der Oststädte schneller wiederbegegnen, als ihm lieb war. Aber dies ist eine weitere Geschichte …

Ende des 9. Kapitels

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