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„Noch einmal davon gekommen“ – Leseprobe II

Das Lied des Weckers

Wir haben es also gesehen: An den Wochentagen, an denen ich vor 06:00 Uhr aufstehen muss, herrscht Ausnahmezustand und wenn ich mich nicht am Griff meiner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich beim Frühstücken vom Stuhl. Der frühe Morgen zwingt mich also zu widernatürlichen, abartigen Handlungen, die meiner ganzen Persönlichkeit, meiner Weltanschauung und meiner Ethik widerspricht. Da ich gerne mit meiner humanistischen Bildung angebe, will ich es mit den Worten meines geschätzten Kollegen Torquato Tasso sagen, die ihm Goethe im gleichnamigen Drama in den Mund gelegt hat:

So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja, zu sein, wie jene, die wir kühn und stolz verachten konnten.

Deshalb habe ich mich entschlossen, an diesen Frühaufsteh-Tagen nicht mehr zu schreiben. Die Weltkultur und die Menschheit im Allgemeinen werden es wahrscheinlich überleben, wenn ich ein- oder zweimal in der Woche nicht blogge, nicht an meinen, ach, so bedeutenden Romanen und essayistischen Ergüssen schrei­be – und übrigens halb schlafwandelnd auch in der Arbeit nur Mist mache.

Meine Sorge ist eine ganz andere: Es ist das pünktliche Aufwachen, um rechtzeitig in der Arbeit zu sein. Ich bin im Besitz einer gut funktionierenden inneren Uhr, aber gerade in den frühen Morgenstunden versagt sie gerne. Die wunderbare Frau Klammerle (meine liebe, treusorgende und geduldige Gattin, die ich nun zum ersten, aber bestimmt nicht zum letzten Mal auf diesen Seiten erwähne), die als pflichteifrige Kran­kenschwester jeden Tag zu den unmöglichsten Zeiten aufstehen muss, mal vor 05:00 Uhr zum Frühdienst, am nächsten Tag zum Spätdienst, dann zum Zwischen­dienst, und anschließend mal wieder still vergnügt ein paar Nächte lang durcharbeitet, bringt freilich absolut kein Verständ­nis für mein oben geschildertes Problem auf1.

Es geht ihr auch viel schlimmer als mir: Obwohl sie noch nie zu spät zur Arbeit kam, ist sie anerkannte Weltmeisterin im Tief­-, Lang- und Vor-dem-Fernseher-Schlafen und steht als solche auch unangefochten im Guinnessbuch der Rekorde. Ach, wie oft fiel ihr schon ein dicker Frauenroman beim Lesen im Bett nach der ersten schmalzigen Seite aus der ermüdeten Hand und aufs Gesicht!2

Daher brauchen wir beide dringend jeder persönlich einen eigenen Wecker auf dem Nachttisch mit den privaten, täglich wech­selnden Weckzeiten. Und damit beginnt das eigentliche Ärgernis und zwar nicht nur Freitags oder Montags, sondern jeden dum­men Alltagsmorgen, den uns der Herr in seiner grenzen­losen Güte noch schenken will, bis wir einstmals das Rentenalter erreichen.

*

Es folgen nun ein paar Auszüge aus dem Tagebuch der Familie Klammer:

Montag, 11. September 20**,
04:43 Uhr morgens

Ruhe herrscht im Hause Klammer, alles schläft. Allein Amy, die Katze3, hebt einmal kurz ihren Kopf von ihrer Ruhedecke zu den Füßen von Frau Klammerle. Das treue Tier öffnet nicht einmal die Augen, schnuppert nur einmal in die Luft, lauscht den gleichmäßigen Atemzügen, die von der rechten Bettseite etwas lauter rasseln. Amy, die Katze, hat ein gutes Ge­fühl für Stimmungen. Sie weiß, es liegt etwas in der Luft. Trotzdem schmiegt sie sich wieder in ihre ausge­streckten Pfoten und lächelt im Katzenschlummer.

Der digitale Funkwecker von Frau Klammerle ist auf die Weckzeit von 04:45 Uhr eingestellt, sie hat Früh­dienst. Mein Wecker, ebenfalls eines dieser digitalen Teile, die einem die Supermärkte, Drogerien und Kaffee­geschäfte billig hinterher schmeißen, soll erst eine Stun­de später läuten, immer noch zu früh, aber immerhin kann ich ja noch eine ganze Stunde schlafen. Noch 2 Mi­nuten, bis das Schicksal zuschlägt …

Frau Klammerles Uhr erreicht den Weck-Zeitpunkt. An­statt enervierend zu piepsen, knackt sie nur kurz. Ein leises Geräusch, das außer der Katze, die es nicht weiter interessiert, von niemandem gehört wird. Das Ehepaar Klammerle ruht ungestört weiter. Amy, die Katze, hat jedoch eine perfekt funktionierende innere Uhr, weshalb sie fünfzehn Minuten später Appetit auf einen kleinen Früh­stückssnack bekommt. Deshalb erhebt sie sich aus ihrer Decke, reckt und streckt sich, gähnt einmal herzhaft und trottet gemütlich hinauf zum Kopfende, wo Frau Klammerle noch immer von angenehmen und wie üblich vollkommen harmlosen Dingen träumt. Amys Weckmethode ist etwas weniger subtil als das knappe Klacken des kaputten Weckers: Sie schlägt ihr mit der Pfote auf die Nase und ruft auf kätzisch:

Guten Morgen- ich habe Hunger!“, was sich ungefähr wie „Brr – mau!“, anhört.

Frau Klammerle steht im Bett, ihr Herz pocht. Ein Blick auf ihren Wecker zeigt ihr, dass sie viel zu spät dran ist. Mit einem Auf­schrei stürzt sie ins Bad, ohne sich weiter um die Katze zu kümmern. Diese ist nur kurz beleidigt, dann ent­scheidet sie, dass es ja noch einen zweiten Menschen gibt, der sie zu ihrem Fressnapf geleiten und denselben mit Trockenfutter und Leckerli füllen kann. Auch ich werde mit einem liebevoll kräftigen Schlag auf die Nase ge­weckt.

Brr – mau!“

Und bin deshalb eine Stunde zu früh wach. Eine Entscheidung muss her.

Morgen kaufe ich für Frau Klammerle einen neu­en Wecker beim Billigdrogeriemarkt im Dorf. Die alte Uhr, die zwar immer noch – von einer Atomuhr funkgesteuert – sekundengenau die Zeit anzeigt, aber eben nicht mehr weckt, landet in mei­nem Arbeitszimmer. Einen Nachmittag lang beschäftige ich mich, Frau Klammerle zu erklären, wie der neue Wecker funktioniert. Einstellen der Alarmzeit, Schlummertaste usw. Warum sind diese Tasten bei Funkuhren immer so klein und fummelig, so ungünstig wie möglich hinten am Gerät angebracht und warum muss man mindestens zweimal konzentriert drücken, um den Wecker auszuschalten? Da muss Methode dahinter sein …

*

Montag, 18. September 20**,
04:45 Uhr morgens

Wieder hat Frau Klammerle Frühdienst. Und der neue Wecker funktioniert! Ein unerträglich lautes Piepsen er­tönt. Amy, die Katze, flüchtet unter das Bett, auf dem Herr und Frau Klammerle mit pochenden Herzen stehen. Frau Klammerle schnappt sich das plärrende Teil.

Wie schal­tet man das Ding aus?“, ruft sie verzweifelt und drückt alle Tasten, die auf der Rückseite sind. Tatsächlich herrscht plötzlich Ruhe. Sie stellt den Wecker zufrieden zurück aufs Nachtkästchen und trollt sich ins Bad. Nachdem sich mein Puls wieder beruhigt hat, sinke ich zurück in meine warmen Kissen, ich darf ja noch eine Stunde schlafen. Ein wunderbarer Traum muss noch weiter geträumt werden und tatsächlich gelingt mir das seltene Kunststück, wieder in ihn hinein zu finden und tiefer ins Wunderland zu fliegen. Da geht Frau Klam­merles Wecker erneut los. Ich schrecke hoch, schnappe mir das Teil und drücke alle Tasten, die auf der Rücksei­te sind. Mir gelingt es nicht, die richtige, die den Lärm stoppt, zu finden. Also entferne ich die Batterien. Ruhe. Aber jetzt sind Schlaf und wunderbarer Traum endgül­tig geflohen und ich liege eine Stunde wach, bis meine treue Uhr sich pflichtbewusst meldet.

Am nächsten Tag landet der Wecker, der zwar funktio­niert, aber für uns viel zu kompliziert ist, in einer Schublade im Arbeitszimmer, wo er weiterhin ab 04:45 Uhr morgens zehn Minuten lang vor sich hin plärrt, aber niemanden mehr stört.

*

Montag, 25. September 20**,
04:45 Uhr morgens

Nein, du kaufst heute keinen neuen Wecker. Ich habe eine bessere Idee“, erklärte mir vorgestern meine Frau, als ich mich beim Einkaufen in der Uhrenabteilung herum trieb.

Denn sie hat eben mit der Post ihr neues Smartphone erhalten und spielt verliebt mit dem komplexen Gerät, dessen Funktio­nen sie niemals alle verstehen wird und wohl auch nicht will. Aber das mit der Weckfunktion hat sie sich genauestens vom technikaffinen Sohn Nr. 24 erklären und vorführen las­sen. Als Erzieher für verhaltensauffällige Jugendliche kennt er die besten Lern­methoden und hat seine Mutter diese App auch einmal selbst ausprobie­ren lassen. Sie stellt mit ihm gemeinsam die Weckzeit ein, sucht sich einen besonders ätzenden Weckton – Harry Belafonte, Banana Boat Song – aus und schlummert nun gelassen ihrem Frühdienst entge­gen.

Day-o, day-o! Daylight come and me wan‘ go home …“

Das Smartphone ist pünktlich und macht seine Arbeit. Amy, die Katze, flüchtet un­ters Bett, Herr und Frau Klammer stehen mit pochen­dem Herzschlag in ihrem Bett. Freilich lässt sich auch dieses Gerät nicht so einfach ausschalten, der Touch­screen mit seinen winzigen Icons ist für frühmorgend­lich tastende, noch bettwarme Finger zu klein und irgendwie hat Frau Klammerle auch wieder vergessen, wie das Ausschalten des Alarms funktioniert. Gestern ging es doch noch so einfach!

Doch dann schweigt das Teil plötz­lich. Sie nimmt vorsorglich ihr Telefon mit hinaus, schließt fürsorglich die Schlafzimmertür und legt das Handy in den Gang, stellt sich erst einmal zur Beruhigung unter die Dusche. Ich sinke zurück in meine Pfühle, schlafe wieder ein. Von draußen dringt erneut Harry Belafonte an mein Ohr, langsam lauter und drohender werdend.

Day-o, day-o!“

Ich kann das nicht mehr ignorieren: Offensichtlich ist es eine Funktion der „Weck-App“, nach einer Weile noch einmal loszuplärren. Verzweifelt renne ich also hinaus in den Gang, wo ich blind nach dem sich noch immer stei­gernden Lärm taste. Dann halte ich endlich dieses Gerät in der Hand und kann nicht einmal den Bildschirm akti­vieren.

Come, Mister tally man, tally me banana!“

Brr – mau!“ Die Katze schmeichelt klagend um meine Beine, überrascht, dass ich schon jetzt aufgestanden bin, um sie zu füttern. Frau Klammerle hört nichts. Sie duscht ja hinter verschlossener Tür und hat Shampoo in den Oh­ren.

Endlich tapst ein verschlafener Sohn Nr. 2 von seinem Zimmer im Dachjuchhe5 herunter, entreißt mir wortlos das Smartphone und schaltet es mit einem Fingerwischen ab. Mit strafendem Blick drückt er mir das Ge­rät wieder in die Hand. Dann stapft er spürbar angefressen zurück in sein Reich.

Und wieder bin ich eine Stunde vor meinem geplanten Aufstehen hellwach. Meine Frau singt weiterhin unter der Dusche.

Come, Mister tally man, tally me banana!“

*

Sonntag, 07. Oktober bis Montag, 08. Oktober 20**,
eine
ganze, lange Nacht

Also die Idee mit dem Smartphone war nicht direkt überzeugend“, argumentierte ich gestern, am Ruhe-vor-dem-Sturm-Samstag. Frau Klammerle zuckte mit den Schultern.

Schnickschnack! Die Tastfelder sind einfach zu fummelig“, gab sie den­noch zu. Politik beherrscht sie wie die Kanzlerin: Dem Gegner in Kleinigkeiten Recht geben, aber in der Sache festbleiben.

Doch ich habe die ideale Lösung gefunden: Ich werde ab jetzt deinen Wecker benutzen. Der ist einfach zu bedienen und überhaupt: Eigentlich war er ursprünglich mal meiner.“

Damit hat sie recht. Argumentativ ist sie mir immer ei­nen Schritt voraus. Früher hatte ich einen Radiowecker, der mich entweder mit hysterisch munterem Morgenge­quassel (siehe oben) oder mit dem ersten Lied einer in ihn ein­gelegten CD weckte. Nachdem er mich zum 264. Mal mit Come on up to the house von Tom Waits geweckt hatte, flog er an die Schlafzimmerwand und genießt seine Rente in meinem Arbeitszimmer. Ich erbte dann die ausgediente Funkuhr meiner Frau, als sie sich die todschicke neue kaufte, die dann vor zwei Wochen plötzlich versagte.

Aber du hast ihn mir vor vier Jahren gegeben, weil du dir einen viel besseren gekauft hast!“, wehre ich mich, obwohl mir klar ist, dass ich schon verloren habe.

Und dann habe ich doch keinen Wecker mehr! Ich muss montags schließ­lich auch wahnsinnig früh raus!“

Schnickschnack! Mein Wecker ist kaputt, also nehme ich meinen alten wieder zurück. Du brauchst doch gar keinen Wecker, du bist doch eh schon immer wach. Oder du stellst ihn dann noch einmal – ganz einfach.“

Aber ich bin doch nur wach, weil du mich weckst! Aber weißt du was? Ein echter Mann weiß, wann er verloren hat. Nimm ruhig meinen alten Wecker. Ich werde mir jetzt einen tollen neuen kaufen.“

Und tatsächlich gab es einen im Sonderangebot beim Kaffeegeschäft unseres Vertrauens, wohin mich mein Weg eh führte, weil Frau Klammerle gerade in die expe­rimentelle Phase der Erprobung ihres in der letzten Woche frisch erworbenen neuen Kaffeevollautomaten eingetreten ist und entsprechende Men­gen an Bohnen verbraucht, um die ideale Röstung für die Maschine zu finden.

Nachdem ich acht (!) Batterien eingelegt und die zwanzigseitige Bedienungsanleitung für meine neue, exquisite Uhr studiert hatte, fand ich tatsächlich auf der Rückseite meines Weckers mehrere eng beieinander liegende, klapp­rige Plastiktasten, mit denen ich nach einigen Fehlver­suchen den Alarm programmieren konnte6. Ich stellte die Weckzeit voller Hoffnung auf 06:00 Uhr morgens ein. Ein Mann und sein Wecker. Dieses Mal würde alles gut werden. Aufgeregt ging ich schon um 22:00 Uhr ins Bett, nachdem ich unbedingt noch ei­nen frisch aufgebrühten Espresso doppio aus dem wunderbaren neuen Vollautomaten mei­ner Frau testen musste.

Irgendwann in der Nacht kratzte Amy, die Katze, am Balkon­fenster (ich weiß immer noch nicht, wie sie es jede Nacht schafft, da hoch zu kommen) und ich suchte mit müden Fingern nach meiner Neuerwerbung, fand nach einigem Tasten auch den Licht­knopf, der sich als einziger oben am Gerät befindet. Ich öffnete die Augen ein wenig und drückte.

Eine grelle Lichtkaskade überflutete das Schlafzimmer; mir war, als läge ich im Schlafzimmer mit Scarlett Johansson im Bett7 und zwanzig Paparazzis fotografierten gleichzeitig durch das Balkonfenster herein. Von Blickfeld meines außerordentlich neugierigen Nachbarn von gegenüber muss­te es aussehen, als würde jemand eine Blendgranate neben mei­nem Bett zünden. Entsetzlich! Ich hatte ins Antlitz der Medusa ge­blickt, fiel versteinert zurück aufs Kissen und kniff die schmerzenden Augen zu­sammen. Und dort, auf der Rückseite meiner Lider, konnte ich tatsächlich die Uhrzeit ablesen, als bunt leuchtendes Negativbild zwischen platzenden Plasma­ringen: 02:53 Uhr! Frau Klammerle war übrigens nicht einmal wach geworden.

Der geblendete Michael Strogoff tastete sich aus dem Bett und ließ die Katze herein, die durch das Blitzlicht eben­falls recht desorientiert wirkte und über den Tep­pich stolperte. Aber bald darauf legte sie sich auf ihr Handtuch zu den Füßen meiner Frau. Und auch ich fand zurück in meine Ruhe­stätte, nicht ohne mir dabei schmerzhaft das Schienbein am niedrigen Holzrahmen unseres alten Futonbetts aufzuschlagen.

Dann lag ich wach. Ich traute mich nicht mehr, noch einmal den Halogenstrahler an meiner Uhr einzu­schalten, den ich morgen dem TSV Diedorf als Stadion­flutlicht verkaufen werde. Ich starrte an die Decke, wo noch immer lustige Farbflecken und bunte Zahlen tanzten. Offenbar wirk­te jetzt endlich auch die winzige Tasse Espresso …

Später schlief ich doch noch ein. Nein, meine Neuanschaf­fung8, deren eigentliche Berufung es offenbar war, eine kleine Sonne zu imitieren, hat morgens um 06:00 Uhr nicht geläutet. Ihr Alarm funktionierte nicht, wahrscheinlich verbrauchte das Licht zu viel Strom. Mich weckte auch nicht der sanfte Alarm des Weckers meiner Frau, der einmal der meine gewesen war. Mit einer lässigen Handbewegung schalte­te sie ihn aus und trat leise aus dem Zimmer, duschte und zog sich an. Das bekam ich aber alles nicht mit …

Dann allerdings bricht die Hölle los: Frau Klammerle hat unten in der Küche ihre neue Kaffeemaschine eingeschaltet. Sie rauscht, rattert, zermahlt, reinigt, heizt und plät­schert, piepst und rülpst! Sie kocht, zittert, brüllt, dampft, stampft und zischt. Amy, die Katze, flüchtet unters Bett, Herr Klammer steht mit pochendem Herzschlag in seinem Bett.

Seitdem weckt mich an jede frühen Morgen die einfach programmierbare Zeitschalterfunktion von Frau Klammerles Vollau­tomat. Das ist zwar ein recht teurer Wecker, aber dafür bereitet er wirklich einen hervorragenden Kaffee!

 

1

Der geneigte Leser beachte und bewundere diesen altmeisterlich konstruierten Satz, der allein schon das Geld wert ist, für das er dieses Büchlein erwarb!

2Deshalb besitzt sie inzwischen einen E-Book-Reader. Der ist leichter und tut nicht so weh.

3… auch über sie wird es noch viel zu erzählen geben. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich ein Fußnotenfetischist bin?

4 Frau Klammerle und ich haben zwei vielversprechende, inzwischen erwachsene Söhne groß gezogen. Die beiden sind gerade dabei, flügge zu werden.

5 Vielleicht sollte ich hier mal erwähnen, dass ich nicht nur ein begeisterter Freund von Fußnoten, sondern auch von veralteten Wörtern bin.

6 Ich weiß noch immer nicht, was eigentlich diese „Snooze“-Funktion macht. Wenn sie mir einer meiner Leser erklären kann, wäre ich für eine kurze E-Mail dankbar.

7… unter uns: Das ist eine durchaus anregende Vorstellung. Aber verraten Sie mich nicht Frau Klammerle.

8… die jetzt im Arbeitszimmer ruht. Aber das dachten Sie sich sicher schon.

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„Noch einmal davon gekommen“ – Leseprobe I

Das Morgengrauen

In jeder Alltagswoche zwingt mich mein Brotberuf, morgens vor 06:00 Uhr aufzustehen.

Was?“, wird nun vielleicht einer der beiden Fans des weltberühmten Autors und Kolumnisten Nikolaus M. Klammer überrascht ausrufen: „Mein Lieblingsschrift­steller kann von seiner Literatur nicht leben? Das hätte ich nie gedacht; so eine Schande. Wie krank ist denn die­se Welt?!“

Ja, mein lieber Freund, ich stimme dir gerne zu und ge­stehe es dir hier im Vertrauen – sozusagen von Ange­sicht zu Angesicht – denn sonst liest ja dieses Büchlein niemand: So ist das. Von der Feder zu leben ist so er­tragreich wie der Versuch, einen Ochsen zu melken. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen:

Der Versuch, vom Schreiben zu leben, ist zwar nicht die schnellste Art zu verhungern, aber es ist doch noch immer die zuverlässigste.

Zudem gehen die meisten Verleger, Leser (und Anhänger der Piratenpartei) davon aus, dass der Autor überhaupt nur aus reinem Idealismus und Menschenfreundlichkeit schreibt und daher froh und dankbar sein sollte, wenn er seine Werke und schlauen Gedanken ohne freche Honorarfor­derungen verschenken kann. Eine Frechheit des Autors, dafür auch noch Geld zu verlangen!

Was?“, werden alle anderen ausrufen, die mich nicht kennen und denen du, lieber Fan, fassungslos von mei­nem frühen Aufstehen erzählst: „Die überempfindliche Heulsuse Klammer jammert uns wegen seines traurigen Loses die Ohren voll, weil er tatsächlich ein paarmal in der Woche vor 06:00 Uhr aufstehen muss? Das hätte ich nie von ihm gedacht! Von dem lese ich keine Texte mehr, da muss ich mich nur aufregen.“

Halt,sage ich, ihr habt ja recht!

Eigentlich kann ich froh sein, wenn mich in meinem langweiligen Brotberuf überhaupt jemand dafür bezahlt, dass ich einige Stunden herumstehe, klug daher rede und durch Handauflegen Computer repariere. Da werde ich mein müdes Haupt auch einmal vom warmen Kissen und den Körper aus den Pfühlen erheben können, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Ja, ihr habt alle recht, all ihr Frühdienstler und Nachtwächter, ihr bra­ven Bauern, Arbeiter und Angestellte, Beamte und Kö­che, die ihr niedergedrückt von der Woche Last wohlver­diente (und kostenfreie) Entspannung in meiner Literatur sucht. Ihr alle, die ihr jeden Tag und oft auch am Wochenende klaglos vor den Hühnern aufsteht, um im Schweiße eures Angesichts euren kärglichen Lebensun­terhalt zu verdienen – ihr alle habt meinen Respekt. Ich kla­ge mal wieder auf hohem Niveau; das kann ich wirklich gut. Selbstmitleid ist meine persönlichste Regung, das sollte inzwischen bekannt sein.

Aber ich bin eben auch Künstler und mir ist es deshalb einfach nicht in die Wiege gelegt, in die Gene geschrieben oder durch die Erziehung aufgeprägt worden, morgens vor der Frühmesse schon wach zu sein. Die Stunde des Dichters ist der späte Abend, es ist die Nacht. Sie allein hat Er­barmen mit ihm, hüllt ihn ein in einen wärmenden Man­tel der Ruhe und der Besinnung. Daher richtet er auch seine Hymnen an den leuchtenden Sonnenuntergang, an die funkelnden Sterne am schwarzen Firmament, an die mürrischen Barkeeper hinter den Theken seiner Lieb­lingskneipen – und nicht an die stumpfe, allzu kalte Morgen­dämmerung, nicht an die öligen Regentropfen aus grau­en Nebelwolken und die mürrischen Busfahrer hinter den Lenkrädern der Linie 601.

Zählen wir doch einmal: Wie viele Maler malten denn die Morgensonne? Was zählt ein Claude Monet gegen ge­fühlte tausend Abendstimmungen von Caspar David Friedrich? Wie viele Lyriker beschrieben rosa Wolken­finger, die sich in den Morgenhimmel krallen? Und wie viele Lieder an die Nacht wurden dagegen gereimt? „Warte nur, balde ruhst du auch.“ Wie viele musikali­sche Morgenstimmungen gibt es? Ah, da meldet sich ei­ner: „Der Zarathustra von Strauß und der Grieg’sche Peer Gynt“, höre ich. Brav, da hat aber einer seine Hausaufgaben gemacht.

Erstens: Diese zwei Beispiele stehen so einsam gegen all die Abend- und Gute-Nacht-Lieder, Serenaden und kleinen Nachtmusiken, dass sie wohl kaum ins Gewicht fallen und wahrscheinlich eh nur geträumte Phantasien des Komponisten sind, der sie spät am Abend zu Noten machte. Zweitens: Meine Argumentation ist zu gut, um sie mir von der Wahrheit kaputt machen zu  lassen. Setzen!

Zusammengefasst: Ich bin einfach nicht dafür geboren, vor 08:00 Uhr aufzustehen! Ich möchte richtig verstan­den werden. Ich bin kein Oblomov, ich verschlafe nicht den ganzen Vormittag. Ich kann sogar hervorragend vor meiner verdienten Mittagsruhe arbeiten – aber nicht, wenn ich mich zu früh in den grauen, im Winter schwarzen, Tag kämpfen muss. Dann kann ich nicht denken, kaum zwei zusammenhängende Sätze formulieren, jemandem zuhören oder konzentriert arbeiten, gar mit Menschen reden, ohne ihnen Beleidi­gungen oder Gegenstände ins Gesicht zu werfen. Gut, dass diesen Menschenkontakt bei meiner Arbeit nie­mand von mir verlangt, denn morgens herrscht bei mir Ausnahmezustand. Wenn ich mich nicht am Griff mei­ner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich langsam vom Stuhl.

Gemach! Bevor alle Werktätigen mit Früh- und Nacht­schichten von Neuem über mich herfallen – ich kann be­reits den einen oder anderen bösen Kommentar auf der Zunge schmecken: Ich erwähnte bereits, dass ich auf höchstem Ni­veau jammere. Der Herr hat den Menschen und insbesondere Nikolaus M. Klammer nicht dazu geschaffen, um diese Uhrzeit aufzustehen. Schließlich geht auch die Sonne erst später auf. Vor sieben Uhr aufstehen: Das ist eine unmenschliche Tortour, ein Verbrechen an der Menschheit, das gesetzlich verboten gehört.

Denn mein gequälter Leib schleppt sich nach dem un­barmherzigen Weckerklingeln einem Zombie gleich ins Bad, während meine Seele noch im Bett liegt und von heiteren, leichten Dingen träumt. Erst, wenn mein see­lenloser Körper sich vor dem Spiegel stehend oberfläch­lich wäscht und mechanisch die Zähne schrubbt, werde ich langsam wach und mein Geist kommt hinter mir her aus den warmen Pfühlen ins Bad getrottet. Dort finde ich mich und eine Laune. Selten ist es eine gute, denn der Verfall, der mir aus dem Spiegel mit von Zahnpasta verschmierten Lippen eine Grimasse zieht, schreitet hurtig voran und die Zahl der grauen Haare steigt täglich progressiv an. Selbst wenn ich mich noch für eine schnelle Dusche mit „revitalisieren­den Algenextrakten“ und „Hair-Energizer“ (wird wahr­scheinlich Här-Einischeißer ausgesprochen) entschei­de, bringt das keine Jugendlichkeit zurück.

Auch der weitere Ablauf des Tagesbeginns folgt einer festen Zen-Regel: Ich tappe an den Briefkasten und neh­me die Zeitung, trage sie in die Küche und schmeiße den Kaffeevollautomaten (siehe weiter unten) an. Dann schleppe ich mich zum Radio und öffne den Sender meines Vertrauens.

Da ich grundsätzlich – und am Morgen insbesondere – auf das waidwunde Gewinsel von Helene Fischer, des Grafen, von Xavier Naidoo et. al. und auf das Beste aus den 80ern und die Hits der 90er verzichten kann, ist die Fre­quenz auf den einzigen Rocksender eingestellt, der Bay­ern beschallt. Da die Songauswahl der Rockantenne eng begrenzt ist – wahrscheinlich können sie sich nicht so viele Lieder leisten –, singen meist Jon Bon Jovi oder Die toten Hosen, was ich morgens gerade noch hinnehmen kann. Ich packe also meinen Pott Kaffee, kühle ihn großzügig mit Milch, vergesse dann aber meist umzurühren und verbrenne mir den Mund (auch davon noch später). Mühsam versuche ich die Schlagzeilen der Zeitung zu verstehen. Mist, ich brauche jetzt wirklich bald eine Lesebrille. Die Laune bessert sich nicht. Da hilft mir auch das zum einhundertsten Mal gespielte Hotel California nicht.

Und dann wird in die letzten Takte des Liedes ge­quatscht und der Ärger geht los: Warum müssen Radio­moderatoren – insbesondere Morgenshow-Moderatoren – immer so hysterisch gute Laune haben? Da wird ein Sparwitz nach dem anderen gerissen und künstlich dar­über gelacht. Und damit der trübe Morgenverstand des Hörers auch mitbekommt, dass das lustig sein sollte, wird das Ganze noch wie beim Mainzer Karneval mit einem Tröt-Geräusch oder einer Fanfare untermalt. Und so kichert man sich durch die Moderation und durch den Wetterbericht und wirft sich bei den Verkehrsmeldungen fast weg, unterbrochen von den immer gleichen Werbe-Jingles, in denen mir noch hysterischere, kurz vor der Einweisung in eine Anstalt stehende Menschen jeden Morgen aufs Neue versichern, wie lecker die Spätzle von Settele sind, wie günstig mich eine Autofinanzierung kommt und welche Nummer die Telefon­auskunft hat – dazwischen singen mal wieder BostonWhat a feeling“, obwohl ich, wenn ich ehrlich bin, außer aufsteigendem Zorn noch überhaupt nichts fühle …

Ist es denn so schwer zu begreifen, dass ich das am Morgen alles nicht brauche? Können denn die Moderato­ren (Barny! Eisprinzessin! Ha, ha, ha ha, ha! Das Wet­ter, ha ha! Klingeling, wer ist denn da dran? Ha, ha, ha! Trööt!) nicht auf mich Rücksicht nehmen und wenigs­tens vor Acht Uhr nicht wie klinische Fälle in der manischen Phase plappern, sondern auch einfach mal so schlecht gelaunt sein wie ich? Ich habe mir sogar ein Internetradio mit 50.000 Sendern zugelegt. Dadurch wurde nichts besser: Jetzt kann ich aber die Morgenhys­teriker in allen Sprachen der Welt empfangen – am schlimmsten sind die Japaner …

Warum gibt es kein Morgenmuffelradio, in dem jemand mit übler Stimmung halb schlafwandlerisch ein paar In­formationen ins Mikro murmelt und dann Leonard Co­hen oder The Cure jammern lässt oder – noch besser – ohne Gequatsche die besten Morgenblues-Titel spielt? Das würde mir morgens wirklich  auf die Beine helfen …

Vielleicht sollte ich selbst solch eine Radiostation grün­den: Morgenmuffel 92,4, das Programm für die Nichtausgeschlafenen, mit der Schlechte-Laune-Garantie für den ganzen Tag, Staumeldungen und den traurigsten Rockballaden – werbefrei und ohne Gewinnspiele.

First we take your morning, than we take your day…“

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Meine Leiden als „Selfpublisher“

Ich erlebe gerade eine seltsame Zeit, die mich eigentlich viel zu sehr von meinem Kerngeschäft – dem Schreiben – ablenkt.

Das ist geschehen:

Vor zwei Monaten habe ich mich nach Jahren des Zögerns doch noch dazu durchringen können, mit meinen literarischen Schöpfungen unter die „Selfpublisher“ zu gehen. Man frage mich nicht nach den Gründen; es war wohl mehr eine spontane Schnapslaune als eine wohl durchdachte Entscheidung. Wie dem auch sei, nun können interessierte Leser – zwei oder drei soll es ja geben – drei meiner Werke sowohl im Onlinehandel als auch bei den meisten traditionellen Buchhändlern erwerben (1). Da ich die Verkaufspreise so eng wie möglich an meine Herstellungskosten angeglichen habe, beliefen sich die Erlöse, die auf meinem Konto landeten, auf bisher auf knapp 13 €. Gekauft wurden übrigens in der Hauptsache die E-Book-Ausgaben der Bücher, denn ein gebundenes Werk im Gegenwert einer Pizza beim Italiener um die Ecke ist den meisten viel zu teuer. Das Risiko, einen Fehlkauf getätigt zu haben, will man nicht eingehen.

Ob meine Entscheidung, meine Bücher in den Handel zu bringen, die richtige war, wird die Zukunft zeigen. Sie hat jedoch bereits jetzt Konsequenzen, die mich hinterrücks überrumpelt haben. Eine davon ist, dass ich nun mit einem mal Leser mit Erwartungshaltungen habe, die ich flott mit Fortsetzungen bedienen muss – also nicht mehr verantwortungslos das schreiben kann, zu dem ich gerade Lust habe. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen.

Gleichzeitig muss ich die Werbetrommel rühren. Dieses Werben um Leser oder gar um eine Rezension erweist sich aus mehreren Gründen als schwierig. Das liegt zum einen an meiner Abneigung, mich als Autor zu „prostituieren“ und an meiner zum Autismus neigenden schüchternen und eigenbrötlerischen Art, die viele ablehnen und als hochnäsig und arrogant interpretieren. Zum anderen bemerke ich selbstverständlich, dass das Schreiben und Veröffentlichen von Texten das Steckenpferd von sehr, sehr vielen Menschen ist und meine Werke in der Menge der Veröffentlichungen einfach untergehen. Sie sind ein Tropfen Salz, der sich im Meer auflöst. Doch das kenne ich schon, denn es geht mir auf diesem Blog ganz ähnlich. Ich mag hier für meine inzwischen 120 Follower und zufällig Vorbeisurfende so viele ausgefeilte Texte, Glossen, Artikel und Kritiken abliefern wie ich will,  mehr als drei oder vier Besucher finden sich täglich nicht ein und die Zugriffszahlen auf den Blog sind rückläufig.

Aber ich schreibe ja nicht, um damit Geld zu verdienen. Was allerdings eben passierte, als ich drei Gratisexemplare von „Meister Siebenhardts Geheimnis“ über LovelyBooks verloste, um auf diesem überraschend aktiven Social-Network(2) auf mich aufmerksam zu machen, macht mich sprach- und fassungslos. Und so zornig, wie ich schon lange nicht mehr war. Solch ein Gewinnspiel bedeutet selbstredend für mich als „Selfpublisher“, der keinen Verlag hinter sich hat, einen erheblichen finanziellen und logistischen Aufwand. Zwei der ausgelosten Gewinnerinnen meldeten sich dann überhaupt nicht bei mir – auch nicht auf eine E-Mail und persönliche Nachfragen über PN, ob sie mein Buch denn erhalten hätten. Das tat schon mal weh. Auf meiner Seite des Bildschirms sitzt ein fühlender Mensch und keine „Schreibmaschine“, das vergessen anscheinend einige.

Recht verstanden: Ich erwartete keine Rezension oder „Gefällt-mir“-Sternchen bei Amazon (obwohl das bei LovelyBooks zum guten Ton gehört), aber ein „Hab’s erhalten!“ oder gar ein „Danke schön!“ wäre schon ganz nett gewesen. Nun gut, ich habe auch hier über den Blog schon einmal vier Exemplare vom „Siebenhardt“ verlost und nur von einer einzigen der Gewinnerinnen anschließend etwas gehört. Offenbar gibt es viele Menschen, denen es am grundlegendsten Anstand mangelt oder die begreifen können, dass hinter einem Buch oder einem Blog immer auch ein Mensch steht. Aber was dann eine der Damen bei LovelyBooks machte, der der Zufall ein Exemplar meines 600-Seiten-Romans, an dem ich viele Jahre gearbeitet hatte, zuloste, ist an Frechheit und Egoismus kaum zu überbieten. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass es solche Menschen gibt. Denn sofort nach Erhalt des Romanes stellte sie das Buch für 12 € beim Gebrauchtbuchhändler Booklooker.de ein, was ich nur durch Zufall mitbekam. „Neuwertiger Zustand, mit einer kleinen Widmung des Autors“, wie dort zu lesen.(3) Auf meine empörte E-Mail reagierte sie selbstverständlich nicht. Übrigens hat mich der ganze Spaß mit den Versandkosten knappe 20 € gekostet, aber das nur nebenbei, denn mehr als das Geld schmerzt mich das Herzblut, das ich investiert habe.

Noch einmal werde ich solch ein Gewinnspiel nicht mehr veranstalten und ich befürchte immer mehr, dass meine Entscheidung, mit meinen Texten an die „Öffentlichkeit“ zu gehen, ein großer Fehler von mir war.

*

Wenn mich übrigens jemand wieder zu einem Lächeln bringen will, das mir im Moment gründlich vergangen ist:

NOCH EINMAL DAVON GEKOMMEN
Glossen und Kurzgeschichten

als E-Book und Taschenbuch erhältlich

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Ich weiß, ich wiederhole mich, aber seit kurzem gibt es die  besten Glossen und Texte dieses Blogs, in einem netten, kleinen Buch, für das ich sie noch einmal sorgsam überarbeitet und fehlerbereinigt habe. Das Lektorat (und die Zensur) hat diesmal übrigens meine Frau übernommen. Auf 230 illustrierten Seiten kann man meine Familie, meine Katze und meine Wenigkeit durch unseren chaotischen Alltag begleiten.

Die Rezension eines Freundes:

„Noch einmal davon gekommen“, dessen Cover bereits einen schwer mitgenommenen Nikolaus Klammer zeigt, ist eine Sammlung von Kolumnen, Glossen und Kurzgeschichten, die der in Diedorf bei Augsburg wohnende Autor in den letzten vier Jahren für seinen Blog „Aber ein Traum“ geschrieben und für das Buch neu eingerichtet, erweitert und überarbeitet hat.

In seinen Texten voller Charme und Esprit beschreibt Klammer auf wirklich ansprechende und humorvolle, manchmal auch nachdenkliche Weise sein chaotisches Familienleben mit seiner immer wieder an seinen Unarten verzweifelnden Frau, den zwei erwachsenen Söhnen und Amy, der Katze. Er gibt Einblicke in sein Leben als Autor, beschreibt seinen Kampf mit den Tücken des Objekts, dem Unkraut im Garten und den Widrigkeiten des Alltags (Herrlich sind z. B. die Geschichte, wie man einen Oktopus kocht oder die geheimnisvolle „Mangold-Affäre“).

Das alles erzählt Klammer auf eine so heitere und selbstironische Weise, dass man ihm gerne durch sein Privatleben folgt und es wirklich bedauert, wenn man viel zu früh am Ende des Buchs angekommen ist.

„Noch einmal davon gekommen“ ist auf 230 Seiten liebevoll illustriert und eine absolute Empfehlung für alle, die sich geistreich unterhalten lassen wollen.

Dem weiß ich nichts mehr hinzuzufügen, außer, dass ich hier in dieser Woche noch eine längere Leseprobe bloggen werde.

 

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(1) Allerdings nicht in der Gemeinde Diedorf, in der ich wohne. Dort hat noch nie jemand irgendetwas von mir gehört, gelesen oder gar gekauft und auch in der hiesigen Buchhandlung „Buchecke“, die von ein paar rührigen Damen geführt wird, stößt man nur auf kopfschüttelndes Wundern, wenn man sich nach dem ortsansässigen Autor Nikolaus Klammer erkundigt. Der Prophet im eigenen Land …

(2) Die Literatur ist heute weiblich. Es lesen, glaube ich, nur noch Frauen. Ob das schlecht ist, kann ich nicht beurteilen, es verändert aber die Themen und die Literatur allgemein.

(3) Selbstverständlich ist diese Preisvorstellung für ein Buch von mir vollkommen illusorisch, niemand kauft sich für dieses Geld einen „Klammer“. Vielleicht sollte ich die 12 €, die die Dame als Wert des Buches veranschlagt, als Kompliment verstehen. Ich habe ihr übrigens vorgeschlagen, mein Buch einfach zu verschenken oder auf einer Parkbank liegen zu lassen.

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Glaubt mir – er beißt nicht

Alle Dichter wollen weniger gelobt und fleißiger gelesen sein.
Gotthold Ephraim Lessing

Es widerstrebt mir, den scheinheiligen Tanz ums goldene Kalb und den Feuilleton-, Medien-, Verlags- und Buchhandelsrummel um runde Geburts- oder Sterbedaten unserer Dichter und Denker mitzumachen. Man lobt sie routiniert und wohlvorbereitet an ihren Jubiläen, um dann bereits ein paar Tage später die nächste Sau durchs mediale Dorf zu hetzen. Die Erinnerungen und Ehrungen werden des überschwänglichen Feierns müde wie Christbaumschmuck im Januar eiligst zurück in den Keller geräumt, bis die nächste runde Zahl droht. Gelesen werden diese Autoren trotzdem nicht.

Aber für Arno Schmidt (1914 – 1979) muss ich eine Ausnahme machen, weil er mir wirklich am und manchmal auch auf dem Herzen liegt: Schließlich ist Schmidt der herausragendste und humorvollste, der intelligenteste und zugleich provozierendste Autor, Essayist und Übersetzer, der von uns Deutschen nach dem 2. Weltkrieg mit Nichtbeachtung und Interesselosigkeit abgestraft wurde. Hierzulande werden keine unbequemen Autoren mehr eingesperrt oder mitsamt ihren Bücher verbrannt, man ignoriert sie einfach, ordnet sie bequem in ihren historischen Kontext ein (1) und vergisst sie. Oder man wirft ihnen – auch das ist typisch deutsch – „Nestbeschmutzung“ vor; was den Autor noch nachhaltiger vernichtet, als ihn einfach zu erschießen. Arno Schmidt passierte beides. Er wurde als genialer Außenseiter zu einer wenig beachteten Fußnote im Kapitel „Nachkriegsliteratur der BRD“ degradiert und sein bitterböser Kulturpessimismus und sein verzweifeltes Aufreiben am Deutschen Untertanenwesen als defätistisches Nachhakeln eingestuft.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Sicherlich war an dem fehlenden Nachruhm auch der ärgerliche Streit um die Rechte an seinem Werk schuld. Das führte dazu, dass eine Zeitlang nur atemberaubend teure Nachdrucke der in den 50er und 60er Jahren im Fischer-Verlag veröffentlichten Bücher oder zu ebenfalls gesalzenen Preisen die von der Arno-Schmidt-Stiftung herausgegebenen Gesamtausgaben erhältlich waren.(2)

Und ich gebe es gerne zu: Es ist nicht leicht, Arno Schmidts Welt zu betreten, er macht es dem Leser und auch sich selbst nicht einfach. Keiner schreibt wie er. Schmidt ragt wie ein Mount Everest aus den seichten Vorgebirgen der deutschen Nachkriegsliteratur in sauerstoffarme Höhen. Er ist einzig, aber ganz und gar nicht artig. Sein – formulieren wir es mal euphemistisch – eigenwilliger Umgang mit Grammatik und Zeichensetzung, seine am stream of consciousness und den Wielandschen und Jean-Paulschen satzungethümen Bleistiftwüsten geschulter, synästhetischer, oft monologsischer Stil, in dem manchmal jedes Wort und oft auch jedes Satzzeichen eine Anspielung an ein- bis zwei mitgedachte Literaturquellen (3) und unbewusste freudianische Fehlleistungen sind, seine – der Generation, zu der er gehört, geschuldeten – muffigen sexuellen Fixierungen (man kann von einer Vorliebe für Alt-Herren-Witze reden) wirken wie eine fest verschlossene Tür in sein Gedankengebäude, die nur mit äußerster Anstrengung und aller Geduld und Aufmerksamkeit geöffnet werden kann. Das lohnt sich allerdings. Hat man sich erst einmal an die anspielungsreiche und exzentrische Ausdrucksweise gewöhnt, kann Schmidt süchtig machen. Und diese Liebe hält ein ganzes Leben an.

Schmidt2Arno Schmidt
Schwarze Spiegel
(suhrkamp BasisBibliothek 2006)

Zum Einstieg in sein überbordendes Werk sei hier seine feine kleine Erzählung „Schwarze Spiegel“ angeführt, eine erstaunlich klassische Science-Fiction-Geschichte, von der es in der zeitgenössischen deutschen Literatur viel zu wenige gibt, weil hierzulande Genrewerke nicht ernst genommen und als Unterhaltung abgetan werden. (4) Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase liest sich diese Anti-Utopie flüssig und spannend und enthält doch alles, was ein Schmidt-Œuvre ausmacht. Eine weitere gute Möglichkeit, Schmidt kennenzulernen, sind seine Radioessays über meist vergessene Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen er die Ergebnisse seiner literaturarchäologischen Arbeiten als appetitanregende Häppchen serviert. Dass Johann Karl Wezel oder Karl Philipp Moritz heute wieder gelesen werden, ist der Schmidtschen Radio-Werbung zu verdanken, einige seiner weiteren, äußerst lesenswerten Entdeckungen gibt es beim 2001-Verlag in der Reihe „Haidnische Alterthümer“. Arno Schmidt war auch ein fleißiger Übersetzer englischer und angloamerikanischer Literatur. Hier seien eine kongeniale, stellenweise neudichtende Poe-Übertragung erwähnt, seine Verdienste um John Fenimore Cooper, Jules Verne oder auch Karl May, die in Deutschland als Jugendbuchautoren verschätzt und deren Werke verstümmelt wurden oder seine zugegebenermaßen exzentrischen Bulwer-Lytton-Übersetzungen, die allerdings nur antiquarisch erhältlich sind.(5)

Obwohl es Arno Schmidt Zeit seines Lebens nicht einfach fiel, von seinem literarischen Schaffen zu leben und er im Alter immer zynischer und bitterer wurde, gibt es doch eine Sache, um die ich ihn aufrichtig beneide. Er fand in dem außerordentlich intelligenten und belesenen Millionär Jan Philipp Reemtsma (6) einen Förderer, der ihn mit einem Geldbetrag unterstützte und damit aller materieller Sorgen enthob. Schmidt konnte sich in seinen letzten Lebensjahren in seine Zettelkästen und seine Literatur vergraben und ich nehme an, dass er genau dort glücklich war.

Wenn ich nicht unbedingt muss, dränge ich mich keinem mehr auf : ich habe im Zimmer weit größere Freiheit;
und die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.
Arno Schmidt, Julia, oder die Gemälde

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(1) Arno Schmidt gilt vielen als eher zweitrangiger James-Joyce-Epigone, der oft noch schlechter lesbar ist als sein Vorbild. Die haben sich noch nie an Joyce im Original versucht. Arno Schmidt ist zumindest in einer Sache dem kurzsichtigen Iren überlegen: Er ist nie langweilig.

(2) Man versuche nur einmal, von Schmidts Haupt- und Meisterwerk „Zettels Traum“ eine für Normalverdiener erschwingliche Ausgabe zu erhalten.

(3) Ein Link zur Schmidtschen Referenzbibliothek. Die meisten der Bücher sind urheberrechtsfrei und stehen als PDFs eingescannt zum Download zur Verfügung. Viele von ihnen gibt es allerdings auch bei den üblichen Verdächtigen als ordentlich überarbeitete EPUBs.

(4) Hier sei auf Franz Fühmann verwiesen, dessen Saiäns-fiktschen leider komplett vergessen ist. Über ihn und den Einfluss, den er auf meine Literatur hat, müsste ich auch einmal schreiben.

(5) Ich lese gerade in der Übertragung von Schmidt mit wachsender Begeisterung „Was wird er damit machen“ von Edward Bulwer-Lytton. Diese alte zweibändige dtv-Ausgabe habe ich in einem Tübinger Antiquariat entdeckt. Bei mobileread gibt es – freilich in zeitgenössischen Übertragungen – einige weitere der Romane des viktorianischen Autors, den Schmidt sehr verehrte.

(6) Es sei an dieser Stelle wärmstens sein brillantes Buch „Im Keller“ empfohlen, in dem er die Erfahrungen beschreibt, die er während und nach seiner Entführung machte.

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Ach, je …

Nach einem Winter ohne Erkältung und Beschwerden musste es ja mal passieren: Am Donnerstagabend – nach meiner anstrengenden „Vadderdags“-Bergwanderung – begann mein Hals zu kratzen. Ich habe mir eine veritable Sommergrippe eingefangen, die eine etwas genervte Frau Klammerle leicht abschätzig als „Männerschnupfen“ abtut. Da sie als Kinderkrankenschwester im Intensivbereich täglich mit Entscheidungen zwischen Leben und Tod konfrontiert wird, ist sie da wahrscheinlich etwas vorurteilsbeladen und professionell deformiert.

wasserfall

So läuft im Augenblick meine Nase …

Die Meinungen, wie ernst meine Erkältung ist, gehen also weit auseinander. Wie dem nun auch sein mag, ob mein Leiden Hypochondrie oder lebensbedrohend ist: Ich huste, räuspere, schnupfe, fiebere und schniefe. Der Kopf ist dick, der Hals ist rau, die Glieder schmerzen, mich friert in der Sommerhitze und die Stimmung ist flau.

Deshalb muss ich mein literarisches Schaffen in der nächsten Zeit stark einschränken und kuriere mich mit Hausmittelchen, die die Woche Erkältung auf sieben Tage einschränken helfen. Ich muss auch diesen Blog früher als gedacht für einige Zeit ruhen lassen, nachdem ich ihn in der letzten Zeit eh schon ein wenig stiefmütterlich behandelte. Nachdem ich mich wieder auskuriert habe, werde ich mich am hoffentlich sonnigen Westufer des Gardasees und dann in einem versteckten Seitental am Reschenpass erholen. Ich habe vor, dort das zweite Geltsamer-Buch „Die Hyänen von Berlin“ zu Ende zu schreiben, denn es soll im August oder September erscheinen.

Apropos: Mein neues Buch „Noch einmal davon gekommen“, in dem ich die besten Glossen und Kolumnen dieses Blogs gesammelt, noch einmal überarbeitet und aktualisiert habe, ist nun fertig lektoriert (und von Frau Klammerle zensiert). Sogar die eine oder andere Kurzgeschichte hat ich in den Band verirrt. „Noch einmal davon gekommen“ kann demnächst bei den üblichen Verdächtigen (Amazon, epubli, Weltbild etc.) oder beim Buchhändler des Vertrauens als Taschenbuch bestellt und erworben werden. Mit der E-Book-Variante dauert es noch ein wenig länger, da die vielen Illustrationen und Fußnoten größere Arbeit machen.

Vielleicht interessiert das Büchlein ja den einen oder anderen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

 

Nikolaus Klammer: Noch einmal davon gekommen, 228 Seiten, illustriert, 8,99 €, ISBN: 9783745043006

Ich mache also eine ausgedehnte Pause bis nach Pfingsten und leide still vor mich hin.

Grüße in die Welt,

Euer Nikolaus

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Am Wegesrand (XX)

Na, toll. Über Nacht ist der Winter in mein Dorf zurückgekehrt.

Ich empfinde das als einen direkten Angriff auf mich selbst. Warum bin ich eigentlich nicht auf Madeira geblieben? Mein Herz blutet, während ich Tee aufsetze und den Ofen anheize.

Auf der anderen Seite: Heute zahlte sich mal wieder meine Faulheit aus, die mich bisher erfolgreich daran hinderte, die Reifen am Auto zu wechseln. Ich war wahrscheinlich der einzige, der heute Morgen mit Winterreifen herumfuhr. Und die kleine Fotografenseele in mir freut sich über die gelungenen und paradoxen Bilder, die ich bei Sonnenaufgang in meinem Garten machte, bis mich der Frost wieder ins Haus trieb.

Die Kirschernte fällt in diesem Jahr wahrscheinlich aus.

April is a cruel time …

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Erträumte, erdachte und ungesehene Orte (Inspirationen zu „Aber ein Traum“)

Der Roman „Aber ein Traum“ spielt im Weichbild einer mittelgroßen deutschen Stadt, deren Alltäglichkeiten Jonas Habakuk immer wieder die Chance bieten, sich an ihnen festzuklammern, wenn er das Gefühl hat, ihm wird der Boden unter den Füßen weggerissen. Aber auch dieser vermeintlich sichere, durch seine Wiederholungen und Gewohnheiten sichere – gezähmte – Alltag hat seine Tücken und der Grund, auf dem sich Jonas bewegt, ist brüchiger, als er zu Beginn der Geschichte glaubt.

Da ich denke, dass ein Autor nur von Dingen schreiben sollte, von denen er etwas versteht, ist diese „Realität“ der meinen zumindest nahe:

»Rechts an der Seite des gotischen Rathauses führten vom Platz weg einige Stufen hinunter in die überschaubare Altstadt, die nahezu quadratisch in ihren Ausmaßen von Kanälen und großen Ausfallstraßen begrenzt in Jonas Erinnerung von Tourismus und Bauvorhaben nahezu ungestört von den Zeiten träumte, als man noch eine bedeutende Handelsstadt war. Noch immer zeugten die schmalen, schattigen Gassen, die einander zugeneigten Hausfronten, die vorspringenden Erker und verwinkelten Hinterhöfe vom Versuch, der Enge Raum abzutrotzen und die sprechenden Straßennamen erzählten vom Leben in der mittelalterlichen Stadt. Ein buntes Volk hatte sich in den Achtzigern in den kleinen, niederen Wohnungen eingemietet; die renovierungsbedürftigen Fassaden hinter Efeu und Geißblatt versteckt und bot damals in den Läden Kunsthandwerk, gebrauchte Bücher, Tätowierungen, verschrumpelte Bioäpfel und billige Haarschnitte an. Nirgendwo in der Stadt gab es mehr gemütliche Kneipen, die eine leicht ranzige Wohnzimmeratmosphäre ausstrahlten.

Seit Jonas nicht mehr studierte und aufgehört hatte, mit seinen Freunden nachts um die Häuser zu ziehen – besser gesagt, ihm waren die Freunde ausgegangen, mit denen er Kneipentouren machen konnte, weil alle außer ihm praktisch von einem Tag auf den anderen wie auf ein geheimnisvolles Zeichen hin begannen, Familien und Heime zu gründen – war er immer seltener in die Altstadt gekommen und irgendwann dann überhaupt nicht mehr. Es war nicht so, dass er sie mied, aber er hatte mit einem Mal keinen Grund und keine Zeit gefunden, am Rathaus vorbei hinunter in die Unterstadt zu gehen. Sein Leben spielte sich oben in der Moderne ab, hinter den Stahl- und Betonfassaden und den verspiegelten Fensterfronten der Geschäftshäuser. Doch nun betrat er, nach einer alten Adresse suchend, die Orte seiner Studentenzeit und stellte mit jedem Schritt fest, wie sehr sich Wirklichkeit und Erinnerung unterschieden. Obwohl er nur wenige Jahre nicht mehr hier gewesen war, hatten sich Charakter und Stimmung vollkommen verändert. Der Charme des Verrottens und der heimeligen Bewegungslosigkeit war dahin. Die Stadt hatte den Wert ihres Schatzkästleins für den Tourismus erkannt, Kanäle aufgedeckt und das alte, schadhafte Pflaster gegen leblos terrakottafarbenes Katzenkopfpflaster eingetauscht; findige Bauherren die Altstadthäuser aufgekauft, Fassaden renoviert, das Innere entkernt, Bäder eingebaut und in großflächige Eigentumswohnungen verwandelt. Es saß jetzt auch ein anderes Publikum vor den Lokalen, die nicht mehr einfache Studentenkneipen waren, sondern sich mit viel Echtholz und Chrom in mondäne Straßencafés und Pubs verwandelt hatten, in denen es zwanzig Sorten Kaffee und fünfzig Sorten schottischen Whiskey gab. Auch die liebenswert amateurhaften Läden waren verschwunden, hatten ihren Platz den Filialen großer Parfümerieketten und Boutiquen, Goldschmieden, Blumenläden, Coiffeuren und einem Apple-Store geräumt. Jonas fühlte sich alt, von gestern. Auf seiner Suche fand er nur noch wenige Erinnerungsorte und einmal hätte er sich beinahe verlaufen, ganz, als hätten sich Straßenzüge verschoben, wären Querstraßen gewandert, Plätze verbaut und an anderer Stelle wieder eröffnet worden. Viel trugen auch die nun offenen Kanäle, die die schmalen Straßen noch enger machten, zu diesem Eindruck bei. Insgesamt wirkte die Altstadt nun auf Jonas wie desinfiziert, wie ein steriles, lebloses Museumsdorf.

‚Mir geht es nicht anders’, dachte er, ‚auch ich habe mich verändert, bin zu einer lackierten, oberflächlichen Version meiner selbst geworden. Der Mann, der hier durch die Straßen geht, hat mit dem Jonas von vor fünfzehn, zwanzig Jahren wenig gemein – er ist nur eine flüchtige Erinnerung, der vergängliche Schatten einer platonischen Idee.’«

Auszug aus dem 3. Kapitel

Aber auch die geträumten, erzählten oder erdachten Orte – die ‚Anderswelten‘ – müssen exakt beschrieben sein, nur dann bekommen sie die Bedeutung, die ihnen zusteht:

»Ich fiel also an einem feuchtkalten Wintertag vom Kopf der Treppe und landete zu ihrem Fuß im rötlichen Staub eines Sommernachmittags, mit schützend nach vorn gestreckten Armen. Wo waren die Handschellen plötzlich hingekommen? Langsam und verwirrt richtete ich mich auf und sah mich zögernd um. Hier war mir alles fremd und bekannt zugleich, als würde ich eine vertraute Umgebung durch einen Zerrspiegel betrachten. Da waren hinter mir die Treppe und die Residenz, hier lag der Hof, standen meine Statuen – aber das Haus und die Treppe hatte jemand vor langer Zeit mit abblätternder, weißer Farbe getüncht und der Hof mit meinen Kunstwerken war in eine Terrasse verwandelt. Alle anderen Häuser, ja, das ganze Viertel waren verschwunden: Ich sah über von heißem Sommerwind bewegte Olivenbäume in ein Tal, das sich in sanftem Bogen zu einem Meer hin öffnete. Dort unten am Ufer lag eine kleine rotbraune Stadt, die mit unserer hier wenig Ähnlichkeit hatte, verschachtelte Häuser, schmale Gassen, barocke Gebäude, ein strahlend weißer Dom. Rechts am Meer thronte eine ausladende, gut erhaltene mittelalterliche Zitadelle. Und über allem glitzerte ein staubig gelber Himmel. Es war eine fremde, südländische Welt irgendwo in Spanien oder Italien, in die ich gefallen war. Mein Verstand weigerte sich lange, zu glauben, was meine Augen sahen. Trotzdem war ich sicher, diese Landschaft zu kennen, vielleicht aus einem nahezu vergessenen Traum heraus, der mich erneut gefangen hielt. Aber ich war mir meiner bewusst, alles war fest und unveränderlich, ich spürte den heißen Wind auf meinem nackten Oberkörper, konnte die scharfen Kanten meiner Kunstwerke unter den Fingern spüren. Es roch nach Salz und Rauch. Das konnte kein Traum oder ein Drogenwahn sein.

Ich setzte mich, so, wie ich war, nackt bis auf die Unterhose, auf den Boden, unfähig, etwas anderes zu tun, als zu starren. Eine unheimliche Macht, vielleicht Gott, hatte mich mitsamt meinem Haus aus meiner Welt ausgeschnitten und auf die Postkarte einer unwirklichen Mittelmeeransicht geklebt. Mit dem Bild einer Postkarte war ich übrigens näher an der Wahrheit, als mir bewusst war. Ich weiß nicht, wie lang ich saß, über den verwilderten Olivenhain hinunter auf die unter der Hitze flimmernde Stadt starrte und mich den brennenden Strahlen einer hinter dem Haus stehenden Sonne aussetzte, aber dann merkte ich: Hier war etwas ganz und gar nicht richtig. Die kleine Stadt dort unten war zu bewegungslos, selbst wenn ich die nachmittägliche Siesta einrechnete. Ich konnte keine Fußgänger oder Fahrzeuge erkennen. Auf dem Wasser dümpelten keine Boote, nirgendwo reflektierte ein sich öffnendes Fenster die Sonne, kein Hundegebell klang herauf, kein Glockengeläut von den Kirchen. Die einzigen Bewegungen machten die sich unter dem heißen Wind beugenden Zweige der Olivenbäume, die ihre Grünspanblätter unendlich langsam vor mir neigten.

Auch der Stand der Sonne änderte sich nicht. Obwohl ich bestimmt schon eine Stunde oder länger im Hof saß, war der Schatten, den mein Körper vor mir auf das Pflaster warf, nicht gewandert. Die Sonne stand wie festgenagelt am Firmament. Wie heißt noch einmal dieser Prophet im alten Testament, der den Lauf der Sonne bremste? Egal. Als ich diese unheimliche Bewegungslosigkeit bemerkte, war ich endlich fähig, wieder etwas zu unternehmen. Ich stand auf. Mein Rücken spannte und juckte bei jeder Bewegung schmerzhaft – ich hatte mir durch meine Entschlusslosigkeit einen ordentlichen Sonnenbrand geholt. Ich traf die Entscheidung, alle großen Fragen hintan zu stellen und mich um den offenbar endlosen Augenblick zu kümmern: Ich musste aus der Sonne und ich hatte Hunger.«

Auszug aus dem 3. Kapitel

Mein Drang, Orte in der Beschreibung zu fixieren, mich an ihnen festzuhalten und sie in das Gedächtnis zu meißeln, mag manisch erscheinen. Aber Orte sind die wichtigen Landmarken im Leben, unsere Erinnerungen führen uns immer wieder zu ihnen zurück.

Einen Roman muss man schreiben, indem man Orte beschreibt und die Beziehungen, die Menschen zu den Orten (ihrer Heimat?) haben – auch wenn sie nur in ihrer Fantasie oder in der Erinnerung existieren:

Zum Schluss noch ein Ausschnitt aus dem noch in Arbeit befindlichen letzten Kapitel von „Aber ein Traum“:

… a work in progress.

Schließlich kehre ich doch zum See meiner Erinnerung zurück.Ich wusste, er liegt dort oben zwischen hohen Bergflanken eingezwängt, ruht still und unberührt in ein schmales Tal eingebettet, das nur über einen streng abschüssigen, schwer erklimmbaren Wald erreichbar ist, den ein dünner, kaum sichtbarer Pfad in engen, steilen Serpentinen durchquert. Um diese Frucht zu ernten, braucht es Glück und Anstrengung. Ich wusste: Der See wartet dort auf mich. Er ist geduldig.

Sind wirklich schon fünfzehn Jahre vergangen, seit ich den letzten Tag meiner Sommerfrische für ein Bad in seinem durchsichtigen Wasser nutzte, von winzigen, schmalen Fischschwärmen silbern glänzend umspielt? Tatsächlich. Mir erscheint jener ferne Moment in der Erinnerung wie gestern, so klar sehe ich seine Farben und kenne die Konturen meiner Gefühle. Ein verspieltes, ein groteskes Leben, in dem ich mir barfuß und vorsichtig wie ein Balletttänzer über die scharfen Kiesel tanzend einen Weg  durch den scharfblättrigen, bleichen Schilfbewuchs des flachen Ufers suchte. Dann kraulte ich mit ein paar kräftigen Schwimmzügen erleichtert hinaus zur dunklen Nachtkühle der Seemitte, wo mir das eisige Wasser die Schweißtropfen wegbiss. Dort drehte ich mich mich auf den Rücken, spielte toter Mann und die tiefe Sonne eines hitzigen Juniabends blickte neugierig auf meine nackte Haut.

Obwohl mir die Erinnerung so nahe ist, mich berührt, – wortwörtlich erst gestern war – sehe ich mich selbst nur von weiter Ferne; wie durch ein umgedrehtes Fernglas betrachtet. Ich bin mir fremd geworden. Fünfzehn Jahre sind seit diesem kurzen Moment, den ich einen glücklichen nenne, vergangen. Sie haben einen gesunden, muskulösen Körper aufgeschwemmt und in seinem Inneren gewütet; die Organe zerfressen, die Seele zernarbt; fünfzehn Jahre können so lang wie ein ganzes Leben sein – wie zwei Leben!

Heute steht ein ganz anderer am zwar schneefreien, aber eisig kalten Ufer, das er zeitlos und unverändert wiedergefunden hat, allen glückselig machenden Gedanken ans Gestern zum Trotz. Heraklit mag ja recht haben, wenn er sagt, man könne nicht zweimal in das gleiche Wasser steigen, aber mir scheint sich nur der Mensch verändert zu haben. Der Gebirgssee selbst blieb sich gleich und treu, sich selbst genügend, in sich ruhend. Sogar die flinken Fischlein scheinen mir die gleichen zu sein. Das Wetter ist ideal. Seit Tagen bläst ein starker Föhnwind. Er hat die Wolken vertrieben und die aufgeweichten Pfade den Bergwald hinauf längst getrocknet. Nur wenig Schnee lag in den schattigen Mulden. Erneut: Ein fast schmerzhaft hellblauer Himmel spannt sich wie ein straff gezogenes Laken über dem See. Einige wenige, fedrige Wolken verschmutzen ihn. Als ich vor acht Tagen in der Pension im Dorf einzog, hatte ich noch wenig Hoffnung, meinen kleinen Ort wieder zu entdecken. Im Fremdenverkehrsamt und von den maulfaulen Bauern, deren Sprache ich nur rudimentär übersetzen konnte, erhielt ich keine vernünftigen Auskünfte. Also drehte ich im Schneeregen, der so hartnäckig nach Silvester fiel, immer größere Runden und Spiralen ums Dorf. Meine von den „Jahren des Ausharrens“ erschlafften Beine wurden wieder kräftiger, mein Atem ausdauernder, mein nächtlicher Schlaf störungsfrei. Ich gewann etwas zurück von der zähen und geduldigen Haltung des Wanderers, die ich schon lange für immer hinter mir gelassen wähnte. Dann endlich wagte ich mich mit der plötzlichen stabilen Föhnlage auch in die höher gelegene Bergregion, suchte, wurde aber nirgends fündig. Der See spielte Verstecken mit mir.

Heute morgen jedoch geschah etwas Seltsames. Ich kam pünktlich um 07:00 Uhr von meiner muffigen kleinen Zimmerflucht hinunter in den spärlich beleuchteten Speiseraum, um alleine vor all den anderen Touristen frühstücken zu können. So habe ich mir das angewöhnt in der letzten Woche; ich brauche keinen Kontakt zu anderen Menschen. Ich bin mir manchmal selbst schon zuviel. Mein Wirt hatte mir schon das Kännchen mit dem dünnen Kaffee auf den Tisch gestellt. Diesmal fand ich neben der üblichen „Semmel“, der „Brezel“ und dem trockenen Gewürzkuchen zusätzlich einen zusammengefalteten Zettel in meinem Brotkorb, der sich auseinander gefaltet als eine zerknitterte Karte erwies, auf der mit einem dicken Rotstift ein Weg markiert und eine Wasserfläche eingekreist war. Ich rief nach dem Wirt, der in der Küche nebenan rumorte und diensteifrig und auch ein wenig erstaunt zu mir trat; denn bislang hatte ich ihn noch nie mit einem Wunsch belästigt. Seit ich am ersten Morgen meines Urlaubs nicht auf seinen Versuch eingegangen war, mich mit ihm in eine belanglose Konversation über das Wetter einzulassen, ließ er mich in Ruhe frühstücken.

„Wie kann ich Ihnen helfen, Herr Doktor?“ Ich deutete stumm auf die Karte. Sein Blick folgte verständnislos meinem Zeigefinger.

„Haben Sie mir das hier in den Brotkorb gelegt?“ Der Mann schüttelte erstaunt den Kopf.

„Ich sehe es zum ersten Mal“, erwiderte er beinahe empört. „Das Papier wird wohl bereits in der Semmeltüte gelegen haben, die heute früh der Bäckerjunge gebracht hat. Es muss dann mit in den Brotkorb gerutscht sein. Das tut mir leid. Ich bringe Ihnen sofort eine neue Semmel.“
Das war zumindest das, was ich von seinem alpenländischen Idiom verstand. Er brabbelte noch mehr in seinen voluminösen weißen Bart, aber er wirkte vollkommen aufrichtig.

„Ich danke Ihnen“, wimmelte ich den beflissenen Herbergsvater ab, „das wird nicht nötig sein.“
Neugierig beschäftigte ich mich wieder mit dem Plan, der wie eine Schatzkarte auf mich wirkte. Woher und von wem also die geheimnisvolle Wegweisung stammte – wer mir den Weg zum See auf diese ungewöhnliche Weise angezeigt hatte – bleibt damit erst einmal ein Rätsel.

Aber die Wanderkarte hat mich sicher geleitet. Nun stehe ich hier, an dem Ort, an dem ich mein neues Leben beginnen, mir ein Haus bauen will. Endlich. Es gibt keinen Weg mehr zurück.

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Der Mangold-Affäre zweiter Teil

Hatte ich doch – der eine erinnert sich vielleicht noch an gestern, der anderen nutze eifrig diesen Link – zu tief in die grünen Augen einer studentischen Gemüsehändleraushilfskraft geblickt und mich mal wieder von einer gespielten Unschuld um den Finger wickeln lassen. Ich erwarb bei der stud. Ghahk im Stadtmarkt ein paar maßlos überteuerte Pflänzchen und ein freundliches Lächeln obendrauf, trug beides zufrieden nach Hause. Aus diesem Grund wuchs in unserem überseekoffergroßen Hochbeet (das habe ich selbst gebaut) statt Mangold eine mir vorher völlig unbekannte Gemüsepflanze, die der Kenner als Poc Choi zu schätzen weiß.

Nun bin ich kein Kenner und eigentlich auch kein Freund der fernöstlichen Küche, zumindest der Variante, die mir hierzulande im Chinarestaurant vorgesetzt wird. Mir schmeckte der nahe Verwandte des Chinakohls, der sich am besten bei feuchtwarmem Klima im Gewächshaus entwickelt, einfach nicht. Ich fand kein Rezept,  das seinen faden, metallischen Geschmack verbarg. (Sogar einer großzügigen Beigabe von Sambal Oelek konnte er sich widersetzen). Auch Frau Klammerle brachte dem gerade in den letzten zwei Tropenwochen wie Wahlplakate im Hochbeet (eigenhändig von mir entworfen und errichtet) wuchernden Kraut erhebliches Misstrauen entgegen. Jedes Mal, wenn das Gepräch auf den Poc Choi kam, sah sie mich mit einem merkwürdig resignierten Blick von der Seite an, in dem ich deutlich das Wort: „Männer!“ mit einem dicken Ausrufezeichen dahinter lesen stand.

Wenig später nun, während ich ermattet darüber nachdachte, ob ich nicht den kühlen Keller aufräumen und mein Arbeitszimmer in ihm einrichten sollte, was auch den Vorteil hätte, dass die Eisvorräte und die kalten Getränke griffbereit, nahm meine geliebte Ehefrau sich ein Herz. Mangold2Der stehenden Hitze, die wie eine staubige Glocke über dem Garten lag, und der bissigen Bremsen tapfer trotzend, säuberte sie das Hochbeet (habe ich eigentlich schon erwähnt, wer es erbaute …?) von der Poc Choi-Plage. Er bekam von ihr eine neue Wohnstätte gleich nebenan im Kompostbehälter zugewiesen. Die dort ansässigen großen Weinbergschnecken, alle von mir im Garten gepflückt und dort ausgewildert (*), freuten sich über diese exotische Änderung ihres Speiseplans und essen jetzt Chinesisch.

Unter den großen Blättern des Poc Choi fristeten auch einige andere Gemüsepflanzen ein beschattetes, leicht kümmerliches und unbeachtetes Dasein, das nun plötzlich wieder ans Tageslicht geriet. Unter anderem fand sich ein vergessener Radiccio, einige Kohlraben (demnächst wieder auf dem Speiseplan) und der rote Mangold, den Frau Klammerle nachgekauft hatte. Der sah jedoch reichlich seltsam aus.

Dazu müssen wir zurück in die Vergangenheit, in den verregneten, endlosen Juni, als mein Versagen beim Gemüsepflanzenkauf ruchbar wurde. Frau Klammerle schüttelte den  Kopf:

„Dich kann man schicken! Dazu rennt man doch nicht nach Augsburg auf den Stadtmarkt! In Gessertshausen ist der Mühlenladen! Da kauft man das Gemüse – regional und bio.“ Kleiner Seufzer.

„Aber die haben doch gerade keinen Mangold …“

„Die im Stadtmarkt offensichtlich auch nicht.“ Mittelgroßer Seufzer.

„Aber wie sollte ich wissen …“

„Schnickschnack! Das nehme ich jetzt in die Hand!“ Großer Seufzer.

Und dann fuhr Frau Klammerle zum nächsten Dehner, dem großen Rentner-Aldi für den Gartenbedarf; kam tatsächlich nach geraumer Zeit zufrieden mit sechs Pflänzchen in einer Schale zurück: es war dreimal weißer Mangold und dreimal roter. Stolz setzte sie die zarten Gemüsetriebe ins Hochbeet (… also ich habe das wirklich selbst gemacht, mit meinen eigenen Händen und einem Akkubohrer).

Hier erreicht die Spannung wieder einen Höhepunkt, aber bei den Temperaturen rate ich, schnell weiter zu lesen, weil sonst ein Hitzeschlag wegen der Erregung droht. Der geneigte Leser ahnt es bereits: Bei mir wuchs wieder kein Mangold, zumindest der rote nicht:

Mangold1

Haben Sie’s erkannt? Im Herbst gibt es in Abwandlung des Heun’schen Rezeptes bei uns Rote-Beete-Carpaccio …

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* Nein, Herr Heun. Wir essen auch keine Schnecken.

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Der Mangold-Affäre erster Teil

Herrn Klammerles Unlust, sich zu bewegen (siehe hier) ist nicht die einzige Baustelle seiner rührend um ihn besorgten Frau. Sie hält es auch für dringend notwendig, ihn gesünder zu ernähren. Das sollte bei bei einem Vegetarier nicht allzu schwierig sein, aber ich bin nun einmal ein erklärter Feind von Sellerie, Brokkoli, roten Rüben, nichtssagendem Zuccini oder Sauerkraut und neige eher fettem Käse, Pizza und Nudelgerichten zu. Und so lautet der Beschluss, dass ich mehr Gemüse essen muss, wenn ich nach meiner Fastenkur wieder fit werden soll.

Imvorletzten Sommer (ja, Kinder, solch eine Jahreszeit hat es früher mal gegeben) hatte Frau Klammer einige Erfolge mit im Hochbeet selbstgezüchtetem Rotem Mangold (Beta vulgaris – für den Biologen in der Familie, Ihr wisst schon – der, der jetzt wieder unter unserem Dach wohnt). Diesen versteckte sie dezent in der Lasagne oder vermengte ihn mit Gnocci und Sahne, bis er nicht weiter ins Gewicht fiel . Die Stängel – die kann man essen, wenn man sie blanchiert – fanden dann noch in einer Quiche Verwendung. Darum sollten auch im Jahr wieder ein paar Mangold-Pflänzchen in unser luftiges Gemüsehochbeet, Platz war ja vorhanden, nachdem die Kohlraben verzehrt (Dank an HD, dem auch diese Satzkonstruktion ohne Hilfszeitwort gewidmet).

Beim Bummel über den Stadtmarkt erwarb ich also ein paar zarte, aber robust überteuerte Pflänzchen, die die studentische Gemüsehändleraushilfskraft (im weiteren stud. Ghahk genannt, das klingt schön klingonisch) mit charmantem Lächeln und den Worten anpries: „Das müsste eigentlich unser weißer Mangold sein.“

Was denn sonst?, dachte ich, immer bereit, einer hübschen, wenngleich etwas hilflosen stud. Ghahk Glauben zu schenken und da sie zudem die einzige war, die mir auf dem ganzen Markt Mangold verkaufen wollte, erwarb ich die letzten Pflänzchen in der Auslage bei der stud. Ghahk. Ich hätte misstrauisch sein sollen, als sie beim Umwickeln des Mangolds mit Zeitungspapier merklich unsicher wirkte und immer wieder nach ihrem Chef Ausschau hielt, der sich aber – wahrscheinlich aus gutem Grund – nicht sehen und seine ein wenig überforderte stud. Ghahk, die er sicher nicht aufgrund ihrer botanischen Fähigkeiten einstellte, allein werkeln ließ.

Ich kam gut mit unseren teuren neuen Pflänzchen ins Dorf zurück, gab ihnen eine neue Heimat oben im Hochbeet und unter Frau Klammerles Pflege und Düngergaben wuchs der Mangold schnell an. Dann kam der Große Regen und mit ihm die gemeine spanische Nacktschnecke (Arion vulgaris, Herr Biologe!). Doch unter großen Opfern (der Pflücksalat und die Brotzeitgurke) und mit großzügigem Einsatz von scharfen Gegenständen, einem Salzstreuer und Schneckenkorn gelang es uns, zumindest den teuer erworbenen Mangold zu retten, der sich auch dankbar weiterentwickelte, Blätter bildete und an Höhe gewann.

falscher MangoldWie groß war aber mein Erstaunen, als sich an jedem der Gemüsepflanzen ein Blütentrieb bildete. Da ich Panaroma von Tom Robbins gelesen habe, weiß ich zwar, dass Mangold blühen kann, aber ein prüfender Blick in Wikipedia zeigte mir: Dies geschieht erst im zweiten Lebensjahr der Pflanze und mein Mangold war eindeutig aus dieser Saison. So schloss ich messerscharf: Das ist gar kein Mangold, den mir die liebreizende stud. Ghahk da verkauft hat!

Aber was ist es dann?

(An dieser Stelle sollte der Leser der atemlosen Spannung wegen kurz innehalten, sich vielleicht einen beruhigenden Kräutertee aufgießen oder den Hund Gassi führen …)

Ich habe es herausgefunden – niemand muss in bangem Zweifel und brennender Ungeduld seine Bettruhe opfern oder mir Beistands-Emails schicken (obwohl – den einen oder anderen Kommentar hätte ich schon gerne):

Bei meinem „Mangold“ handelt es sich um – Trommelwirbel – Pok Choi (Brassica rapa chinensis, Biologe, bla, bla), auch Senfkohl genannt, ein Verwandter des Chinakohls. Poc Choi ist eine Gemüsepflanze, von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte, denn Thailand oder die Volksrepublik gehören nicht zu meinen bevorzugten Reisezielen. Bei feuchtem, warmem Wetter bildet die rasch wachsende Pflanze schnell Blüten aus. Und jetzt kommt’s.

Poc Choi wird in der Küche gerne als Spinat- oder Mangoldersatz verwendet. Er ist, was die Schwarzwurzel (auch ein Gemüse, das ich hasse) für den Spargel ist: Er sieht ähnlich aus, schmeckt aber nicht so gut. Was ihn von dem Spargel für Geizige unterscheidet – Poc Choi ist viel teurer als das Original.

Aber heute Abend gibt es erst einmal ein thailändisches Gemüse-Curry mit Poc Choi; am nächsten Freitag werde ich meiner freundlichen stud. Ghahk mal einen Besuch abstatten, vielleicht schaffe ich es diesmal, richtigen Mangold von ihr zu bekommen.

Wenn nicht – auch egal.

Ein Kommentar

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Fasten mit Klammer (Zweite Woche)

Vermischte Nachrichten:

  • Die gute Botschaft zu Beginn: Ich lebe noch und ich habe meine strenge Null-Diät eine weitere Woche durchgehalten, schon 8 Kilo abgespeckt und zwei Konfektionsgrößen nach unten gerutscht, auch wenn es in meiner Umgebung noch keiner bemerkt hat. Die meisten bemerken zwar, dass etwas anders ist, aber nicht was. „Hast du eine andere Frisur?“, ist gerade eine häufige Frage, die mir gestellt wird. Tja, tägliches Sehen macht blind, wir nehmen unsere Umgebung nur noch unbewusst wahr. Noch fühle ich mich einigermaßen fit, habe kein Hungergefühl, werde aber heute Abend mit einem Apfel und einem Trinkjoghurt das Ende meiner Fastenzeit feiern und danach eine gemäßigte Diät beginnen, während der ich versuche, durch Radfahren und Laufen das Restfett durch Muskelmasse zu ersetzen. Schließlich haben meine Söhne im Sommer mit mir größere Bergtouren im Sinn (Anpruchsvolles: Säuling, Hochvogel, Klettersteige) und ich möchte nicht 200 Höhenmeter unter ihnen  den Steig empor keuchen.

Den Tee habe ich Frau Klammerle geklaut. Was den Sinnspruch am Bändel angeht: Siehe hier:

  • Das waren zwar nur zwölf und keine 40 Tage; aber ich bin nicht der Sohn Gottes. Ich bin trotzdem auf meine Leistung stolz. Wobei mich der Satan in Gestalt von Frau Klammerle und – vorübergehend – wieder zu uns gezogenem Sohn Nr. 1 (1) durchaus täglich mit demonstrativ üppigen Mahlzeiten, gefülltem Kühlschrank, täglichem „Perfektes Dinner“-Glotzen und Geprächen über allerlei Kochrezepte gequält und in Versuchung geführt hat. Doch ich habe tapfer widerstanden.
  • Mein Fasten ist übrigens nicht religiös oder gar spirituell-esoterisch motiviert, um in höhere Bewusstseinszustände vorzudringen, sondern nur durch meinen schwellenden Bierbauch und die dadurch verbunden Unannehmlichkeiten. Würde ich übrigens, wie in meinem Dorf üblich, katholisch-bayerisch fasten, dann ließe ich vielleicht einen Knödel vom vegetarischen Schweinsbraten (Entschuldige, Hans-Dieter) weg und würde den Verlust durch einen dunklen Doppel-Bock ausgleichen. Überhaupt finde ich es seltsam, wie die Kirchen heutzutage mit der Fastenzeit umgehen. Offenbar ist sie den Gläubigen kaum mehr zu vermitteln. Anstatt wie früher auf’s Fressen und auf übermäßigen Fleischkonsum zu verzichten – was durchaus sinnvoll wäre, denn wir leben ja in einer Zeit, in der tatsächlich täglich mehr Menschen am übermäßigen Konsum als am Hunger sterben – sollen wir „Smartphone-“ oder „Autofasten“. Wirklich seltsam; was soll denn das sein? Was wohl der Messias in der Wüste zu diesem homöophatischen Genussverzicht gesagt hätte?
  • Aber ich gebe es zu: Ein ganz klein wenig Spiritualität schwingt gerade in den letzten Tagen doch bei mir mit. Ich fühle mich allen zum Essen Gezwungenen und von ihren Gelüsten Getriebenen überlegen, stehe als priesterlicher Asket und Yogimeister daneben und verstehe die ganze Aufregung nicht. Auch wenn ich kein Freund der christlichen und leider auch Decartes’schen Trennung von Körper und Seele bin, ist es doch jeden Morgen ein Triumph meines Geistes, dem Körper erneut einen Tag lag meinen Willen aufgezwungen und ihn unterjocht zu haben. Das ist ein schwierig zu beschreibendes Gefühl von … ja, von Freiheit und Unabhängigkeit.
  • Doch nicht alles ist eitel Sonnenschein. Ich habe festgestellt, dass es, je älter ich werde, immer schwieriger wird, abzunehmen. Der Körper klammert sich verzweifelt an seinen Pfunden fest und will wie ein alter Geizhals sein angefressenes Kapital nicht mehr hergeben. Dazu kommt der Effekt, dass ich immer zuerst im Gesicht abnehme und sich die Falten, die bisher vom Fett aufgepolstert waren, vertiefen, auch am Hals, der vorher so schön glatt war. Ich fühle mich zwar wie Zwanzig, solange ich nicht in den Spiegel sehe, mache ich es jedoch, starrt mich das Alter mit seiner hässlichen Fratze an. Den Bart abzunehmen und die Haare kurz zu schneiden, half ein wenig, den morgendlichen Blick in den Spiegel zu ertragen.
  • Dazu kommt, dass mir dauernd kalt ist, ich nachts nur unruhig schlafe und sehr schnell ermüde. Gerüche (2), Farben, Sinneseindrücke allgemein, nehme ich dafür deutlicher wahr – manchmal ein Segen, meistens eher nicht. Hier noch eine Warnung: Wer dieses extrem harte Fasten nachmachen will, sollte wirklich nur Wasser und Kräutertees trinken, aber auf keinen Fall irgendeine Diät-Cola. In der sind zwar keine Kalorien, weil ein künstlicher Zuckeraustauschstoff oder Stevia benutzt wurden, aber diese bewirkt, dass die Zunge trotzdem „süß“ schmeckt und der Körper beginnt, Insulin zu produzieren. Dadurch kommt es zu einem Heißhunger auf Süßigkeiten.
  • Nun endet mein diesjähriges Fasten, denn an diesem Wochenende haben sowohl mein Schwager als auch Frau Klammerle Geburtstag und ich werde mich irgendwie durchmogeln müssen, ohne allzuviel zu essen oder zu trinken. Ich werde weiter berichten.

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(1) Der Beruf hat ihn wieder von Tübingen nach Augsburg verschlagen.Das war zwar ein Aufstieg, doch nun hat er (und auch Frau Klammerle und ich, die wir uns inzwischen gut ohne unsere Söhne eingerichtet haben) ein Problem: Der Wohnungsmarkt ist vor Ort gerade katastrophal schlecht, die Stadt, die bald 300000 Einwohner hat, zieht momentan viele, vor allem junge Menschen an, auch alle München-Pendler, die sich keine Wohnung in der Hauptstadt leisten können. Sohn Nr. 1 ist also wieder einmal auf Wohnungssuche und hat sich in der Zwischenzeit mit seinen Habseligkeiten in unserem ausgebauten Dachboden eingenistet, dessen zwei Räume Frau Klammerle als Yoga- und Sportzimmer und ich als Lese-, Herren- und Computerspielzimmer benutzen. Wer also eine kleine, nicht allzu teure Wohnung (Zwei Zimmer, Küche, Bad) im Augsburger Westen zu vermieten hat: Bitte, bitte bei mir melden. Wir wären ewig dankbar.

(2) Gerüche nehme ich besonders intensiv wahr. Wahrscheinlich erwacht in mir das Raubtier. Demnächst klaue ich noch kleinen Kindern ihre Lutscher.

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