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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 2)

[Zum 1. Teil]

Der Mann sprach nun englisch und war besser bei der Sache, nachdem Verena entschwebt war. Welkenbaum konnte zusehen, wie sich sein Gehirn einschaltete und er nicht mehr nur mit dem Rückenmark dachte. Etwa vor einer Stunde sei un tedesco dagewesen, der sich nach dem Verleger erkundigt hätte, berichtete er. Dieser Herr, der sich leider nicht vorgestellt habe, hätte sich als ein Freund von Welkenbaum ausgegeben und würde es am späten Nachmittag noch einmal versuchen. Inzwischen jedoch habe er aber etwas dagelassen, das unbedingt in die Hände des Verlegers gelangen müsse.

Der Concierge langte unter den Tisch der Rezeption, kramte ein wenig und schob Welkenbaum anschließend über die polierte Tischplatte ein schwarzes Buch entgegen. Auf dessen Titel war ein seltsames, unbeholfen zentralperspektivisch in warmen Herbsttönen ausgeführtes Gemälde zu sehen, das einen Mann in einer Rüstung zeigte, der gerade dabei war, ein Straußenei mit einem Schwert aufzuschlagen. Vielleicht hatte der Ritter es in dem Ofen, der links von ihm munter brannte, gekocht und wollte es nun verzehren. Hinter einer Mauer waren die Dächer einer mittelalterlichen Stadt zu sehen.

Welkenbaum nahm das Buch in die Hand und entzifferte am ausgestreckten Arm den Titel.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren

Das sagte ihm nichts, aber dafür der Name des Autors um so mehr. Nikolaus Klammer! Das war einer seiner Verlagsautoren; übrigens einer der wenigen, die ihm ein bisschen Geld einbrachten. Gerade eben hatte er an ihn denken müssen. Dieses Buch hier war jedoch nicht bei Welkenbaum erschienen. Das orangefarbene Verlagslogo kannte er nicht. Welkenbaum schüttelte verwirrt den Kopf.

Seltsam, dachte der Verleger. Vielleicht ist dieser „Dr. Geltsamer“ ja ein Frühwerk aus der Zeit vor unserer Zusammenarbeit. Aber Klammer hat nie erwähnt, er hätte vorher anderswo veröffentlicht. Warum bringt er mir dieses Buch bis nach Rom hinterher? Was ist daran so besonders? Ist es gar ein Raubdruck?

Er drehte den schwarzen Band herum. Auf der Rückseite stand ein Spruch von Dostojewski, sonst nichts. Zumindest wurde der große russische Autor als Urheber genannt. Das Zitat selbst war dem belesenen Verleger nicht bekannt.

„Die unverfälschte Wahrheit ist immer unwahrscheinlich … Um die Wahrheit wahrscheinlicher zu machen, muss man ihr unbedingt etwas Lüge beimischen“, entzifferte der Weitsichtige mühsam den etwas verwaschen abgedruckten Text. Er machte sich nicht die Mühe, in seinem Jackett nach einer seiner unzähligen Lesebrillen zu suchen.

Billig produziert!, ging ihm durch den Kopf. Bücher haben heutzutage einfach keine Qualität mehr. Sie werden – wenn überhaupt! -, schlecht lektoriert und billig produziert. Sie sind ein Wegwerfartikel wie Toilettenpapier. Früher, ja, früher, da war man noch stolz auf seine Bibliothek und auf die ledernen Buchrücken. Aber heute? Lesen und runterspülen. Was sind das nur für Zeiten? Vielleicht war das so ein neumodisches Selfpublishing-Ding, , das Klammer heimlich produziert und ihm bisher verschwiegen hatte. Na, den Zahn werde ich ihm aber ziehen. Wir haben schließlich Verträge miteinander.

Welkenbaum bedankte sich abgelenkt und schob das Buch in die ausgeweitete Tasche seines Jacketts. Die ausgestreckte Rechte des Concierge, der auf ein Trinkgeld hoffte, ignorierte er.  Auch wenn er sie nicht bezahlen musste, galt für ihn trotzdem: Wo die Übernachtung über zweihundert Euro kostete, dort gab es keine Almosen mehr. Er hatte es jetzt noch eiliger, zur Bar und zu seinem Bier zu kommen.

Im Aufzug, mit dem er hoch zum Dachgarten fuhr, erklang tatsächlich aus dem Lautsprecher „The Godfather“ von Nino Rota; denn ab und an, dachte er, ist die Wirklichkeit, man mag es glauben oder nicht, noch klischeehafter als die Literatur.

Ein Glas trank er sofort, mit dem zweiten in der Hand stellte sich Welkenbaum erst einmal an die niedrige Mauer der Dachterrasse in den Schatten einer der Kübelpalmen, die zusammen mit lila blühender Bougainvillea und den quadratischen Sonnenschirmen aus hellem Leinen – beinahe in der Farbe seiner Kleidung -, für mediterranes Flair sorgten. Er genoss diesen Moment der Ruhe. Die Aussicht von dem Dach des vollständig mit Efeu eingewachsenen Hotels Raphael war sicherlich großartig. Allein nach Westen in Richtung Tiberschleife und die Engelsburg wurde der Blick ein wenig durch den hoch aufragenden Bau der benachbarten Santa-Maria-del-Pace-Kirche geschmälert, die nur durch die schmale Sackgasse Vicolo della Volpe vom Hotelkomlex getrennt war. In alle anderen Richtungen ging der Blick über die sieben Hügel der ewigen Stadt weit. Scheinbar zum Greifen nah ragte die Kuppel des Petersdoms in die etwas vom Smog verschleierte Luft und dort hinten stand das vom Verkehr umflutete Nationaldenkmal für Viktor Emanuel II., ein Bauwerk aus den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, das Welkenbaum immer an eine überdimensionierte Schreibmaschine erinnerte. Alles wirklich beeindruckend, ja.

Doch der gebürtige Münchener war inzwischen Mitte Sechzig und hatte in seinem Leben so viel gesehen, das er gegen Schönheit und übrigen auch Hässlichkeit ordentlich abgehärtet war. Das war ihm alles gleich; eine Sinne waren in den Jahren abgeschliffen und stumpf geworden. Freilich bedauerte er diesen Zustand, der sich anfühlte, als würde er unter einer langsam erblindenden Käseglocke leben. Zudem war er im Alter nicht nur weit-, sondern auch kurzsichtig geworden. Deshalb verschwamm ihm der Horizont zu einem braunfleckigen impressionistischen Bild. Er hätte die passende Brille im Hotelzimmer gehabt, aber als er am Vormittag mit Verena auf Einkaufstour gegangen war, hatte er sie liegengelassen. Es gab eigentlich nur noch wenige Dinge, der ihn noch wirklich interessierten und aus der selbstgewählten Lethargie seiner zweiten Lebenshälfte reißen konnten. Das war zum einen der Sex mit seiner neuen Freundin, der jedes Mal neu und auf eine andere Weise herausfordernd und aufregend war, und zum anderen selbstredend die Lyrik, sie war ihm seit seiner frühen Jugend treue Begleiterin und Lebenselexier zugleich. Nur wegen deshalb führte er auch weiterhin einen vom Vater geerbten kleinen Verlag, dessen Alltags- und Prosageschäft er längst in die Hände seines Partners Jochen Engold gelegt hatte, der auch als strenger Lektor die Autoren pflegte.

Aber vielleicht sah er alles auch zu düster. Denn da – Gerechtigkeit muss sein! -, waren freilich noch das eiskalte Bier in seiner Hand, das ihm Freude machte, sein Abends genossener alter schottischer Single-Malt-Whiskey von der Isle of Skye, die Golfpartien mit Freunden, Industriellen und Prominenten. Sie waren alle stramme CSU’ler, die wie er selbst in gesetztem Alter aus dem lauten und hektischen München ins Niederbayerische Bäderdreieck geflohen waren, wo sie zumindest Wochenends recht günstig in Villen und alten, renovierten Vierseit-Bauernhöfen residierten, in den warmen Thermalquellen und Kuranlagen die Vielzahl ihrer Wehwehchen behandelten und dem Herrgott den Tag stahlen. Außerdem passierte in den sanften Hügeln und Wäldern zwischen Bad Birnbach und Bad Füssing alles erst zwanzig Jahre später. So irreal es klang, dort wurde noch gefühlt mit der D-Mark bezahlt, es gab noch die DDR, Franz-Josef Strauß war Ministerpräsident und man musste darauf achten, den Mercedes nicht in singende Pilgergruppen zu lenken, die nach Altötting zogen, um dem einzig wahren, weil bayerischen, Papst zu huldigen. Am Wochenende nach Griesbach zu fahren war wie eine Zeitreise. Spätestens hinter Landshut war man in endgültig im Jahr 1980 angekommen.

Welkenbaum nahm einen Schluck von seinem Bier und gestand sich ein, dass er ein weiteres Mal in die Klischeefalle – diesmal in die bayerische -, getappt war. Aber er war eben ein frustrierter Alt-Achtundsechziger und ein Zyniker. Je älter er wurde, um so ausgeprägter zeigte sich dieser Charakterzug. Wenn er heute auf Rom blickte, sah er blutige Gladiatorenkämpfe, einen auf einem Scheiterhaufen brennenden Giordano Bruno, Mussolinis Schwarzhemden, Mafiakorruption, Umweltsünden und einen Verkehrsinfarkt. Aber er sehnte sich nur kurz zurück in die Heimat, wo er manchmal mit dem Bauern vom Nachbardorf durch dessen endlose Maisfelder spazierte und mit ihm über Gott und die Welt dikutierte. Das hieß, eigentlich redete nur er, denn der Bauer war ein schweigsamer Mann.

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[Fortsetzung nächsten Mittwoch]

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 11)

[Zum ersten Teil]

Eine Woche nach dem ruchlosen Anschlag auf meine Person fand ein Einweihungsfest in der neuen Woh­nung des Malers Siegfried Sontheimer statt. Er hatte vor kurzem vor seinen Geschwistern seine innerhalb eines einzigen Tages verstorbe­nen Eltern beerbt und spielte seitdem finanziell in einer anderen Liga. Zu diesem großen gesellschaftlichen Er­eignis war ich schon seit geraumer Zeit eingeladen. Sontheimer war einer der wenigen renommierten Künst­ler der Stadt – vielleicht sogar der einzige. Seine Werke verkauften sich ordentlich; auch im Ausland. Erstaunlicherweise hatte er seinem Heimatort immer die Treue gehalten. Es sei dahin gestellt, ob es aus Bequemlichkeit oder aus tat­sächlicher, unerwiderter Liebe zu diesem Sumpf aus Pfahlbürgerlichkeit, Borniertheit und Inzucht geschah. Obwohl er für seine großformatigen, erotischen Gemälde von weiblichen Brüsten bekannt und berüchtigt war, gestaltete er in der letzten Zeit in der Hauptsache sensible und fragile Skulpturen aus gefaltetem und zerrissenem Kar­ton und setzte sie bei spontanten Kunstveranstaltungen den vier Elemen­ten, also Brand, Feuchtigkeit, Schmutz und Wind, aus. Er wollte, so behauptete er nämlich, mit dieser „alterszornigen Kunst“ einen neuen Weg einschlagen und auf eingängige Weise die Vergänglichkeit allen menschlichen Schaffens demonstrieren. Doch niemand wollte seine feuchten, halb verkokelten Pappen kaufen. Deshalb hat er inzwischen übrigens die Vergeblichkeit sei­nes Hoffens eingesehen und ist er wieder bei seinen drallen Brüsten gelandet, die auch wesentlich leichter ihre zahlungskräftigen Liebhaber finden.

Ich hatte die Einladung zu der Wohnungseinweihung von Sontheimers damaliger Freundin Rosa Sarnet be­kommen, der inzwischen prominenten Schauspielerin,  die flüchtig mit Christine bekannt war. Sontheimer selbst, eine dünne, ausgezehrte, aber sehr dominante Er­scheinung, die sich sehr überheblich und unnahbar gab, kannte ich nur vom Sehen. Übrigens habe ich den großen Künstler an jenem Abend kein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Ich frage mich, ob er überhaupt da war. Da diese Art von Festen erst nach zehn Uhr so langsam interessant zu werden beginnt, verließ ich meine Wohnung um die­se Zeit und schlenderte zu Fuß durch die Stadt. Es war der erste Abend, an dem ich mich wieder unter die Leu­te wagte. Als ich gegen halb elf Uhr in Sontheimers Wohnung ankam, die im Dachgeschoss einer zu einer Wohnanlage umgebauten Fabrik lag und praktisch nur aus einer einzigen gewaltigen Halle mit Galerie bestand, war die Party schon in vollem Gang. Der imposante Saal war bis auf ein paar Stühle und ein bereits arg geplün­dertes Buffet auf einem Tapeziertisch leergeräumt. Trotzdem herrschte drangvolle Enge. Die Masse der versammelten Menschen war nicht mehr zu überschau­en. Alle waren sie gekommen: Die Jeunesse dorée der Stadt (in diesen guten alten Zeiten noch nicht mit Smart­phones, sondern nur mit dunklen Sonnenbrillen ausge­stattet), Journalisten von Zeitung, Radio und unserem frisch gegründeten, regionalen Dilettanten-Fernsehsen­der, Gönner, Kunden und Schüler von Sontheimer, die drei Stadträte der Grünen und einer von der CSU, Hochschuldozenten, Zahnärzte und Rechtsanwälte, Kneipenbesitzer, Manager, Bewunderer, Groupies und gute Freunde, Musiker, Maler, Dichter, Schauspieler und alle, die irgend etwas mit dem Begriff Kunst zu tun hatten oder, sie stellten die Mehrheit, auch nur glaub­ten, es zu tun. Das Sehen und Gesehen werden hatte heute diese wunderlichen Leute, die sich so wichtig nahmen und die nur das vieldeutige Wort „Kultur“ ver­band, in Sontheimers neuer Wohnung zusammenge­führt. Alfons Andernaj winkte mir aus einer Ecke zu. Er wirkte bereits reichlich betrunken.

Der Lärmpegel war an der Schmerzgrenze. Eine Jazzcombo hatte trotz ihrer Verstärker keine Chance gegen das Volksge­murmel. Man frage mich nicht, was sie für eine Musik spielte. Hörbar hob sich allein das schrille Gelächter der Gastgeberin Rosa heraus, die ich, obwohl sie eher klein war, mühelos durch ihr nebelhornartiges Organ finden konn­te.Von der offenen Eingangstür kom­mend bahnte ich mir zuerst einen Weg zu ihr, um mich für die Einla­dung zu bedanken. Dabei stellte ich zufrieden fest, dass viele einen Plastikbecher mit Rotwein oder Sekt in der Hand hielten und wie Alfons bereits im fortgeschrittenen Stadium waren. Meine noch immer von dem Ausschlag ge­röteten Wangen würden nicht sehr auffallen.

Ich wandte mich von Rosa ab, nachdem ich ihr die Hand geschüttelt hatte. Ich denke nicht, dass sie wusste, wer ich war. Dann besorgte ich mir am Buffet ein paar üb­riggebliebene Schwedenhappen und etwas zu trinken. Auf diese Weise bewaffnet, machte ich mich auf die Su­che nach Bekannten. Der erste, auf den ich stieß, nach­dem ich um Werner und seine Gruppe einen großen Bo­gen gemacht hatte, war Mischka Lob. Er unterhielt sich gerade mit dem geheimnisumwitterten Dr. Nikolaus Klammer, einem etwas unheimlichen und spöttischen älteren Beamten, der auf keiner kulturellen Veranstal­tung fehlte und eine kaum fassbare Allgemeinbildung besaß. Obwohl er ihm nicht ähnlich sah, erinnert er mich immer in seinem makellosen, dabei maskenhaften Auftreten an den japanischen Dichter Yukio Mishima. Mischka entdekchte mich, winkte mich heran und zog mich begeistert gerade in das Gespräch, das ich hatte vermeiden wollen.

»Hallo, Georg. Schön, dich mal wieder zu sehen. Niko­laus und ich sprachen gerade über Jonas Nix. Kennt ihr euch eigentlich?«, fragte Mischka und tätschelte leicht meine Wange. Wenn er es mit jungen Männern zu tun hatte, konnte er es nie unterlassen, in geradezu traum­vergessener Unschuld an ihnen herumzutätscheln. Er runzelte die Stirn, als er die neuen Narben an meinem Kinn sah, besaß aber das Feingefühl, über meine Verun­staltungen hinwegzusehen. Er zeigte auf mich.

»Nikki, das ist ein junger Kollege von mir: Georg Hauser. Er ist zwar in der Hauptsache Maler, aber er schreibt ab und an für Werner …«

»Wir sind uns schon einmal begegnet«, unterbrach ihn der gut gekleidete Klammer reserviert und musterte mich geringschätzig mit seinem irritierenden Blick.

»Hast du mich am Samstag gehört, Schorsch? Wie war ich?«, warf Mischka ein. Das hatte ich befürchtet; seine Eitelkeit zwang ihn zu dieser Frage. Ich nahm schnell ei­nen Schluck von meinem Wein, der übrigens billig und essigsauer schmeckte, und nickte beiläufig. Leugnen hat­te keinen Sinn, da ich sonst seine Kritik, die er immer auswendig konnte, noch einmal – sozusagen als Privat­vorstellung –, hätte genießen dürfen. Ich hoffte, ihm würde ein unverbindliches »Nicht übel …« genügen, aber ich hatte nicht mit Klammer gerechnet. Er liebte es, seine Mitmenschen aufeinander zu hetzen. Selbstver­ständlich hatte er die letzte Ausgabe von Werners Zei­tung gelesen.

»Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben? Sie enttäu­schen mich. In Ihrer im übrigen nicht einmal schlecht geschriebenen, wenngleich etwas zu emotionalen Kritik waren Sie doch ein wenig gesprächiger. Sie gingen nicht eben freundlich mit unserem neuen Stern um … Sind Sie da nicht ein wenig zu weit gegangen, Georg? Verges­sen Sie nicht: Es ist außerordentlich selten, eine Überein­stimmung zwischen dem Talent und dem Charakter zu finden. Von den Fähigkeiten dürfen wir nicht auf den Menschen selbst schließen. Das Talent ist bei den Män­nern eben das, was die Schönheit bei den Frauen ist: Nicht mehr als ein Versprechen. Honi soit, qui mal y pen­se. Das sollte Sie jedoch nicht von Ihrem Weg als Au­tor abbringen, denn geben wir es zu: Malen können Sie ja nicht. Nun, ich denke, es gibt Leute, die von ihren Fehlern wie andere von ihren guten Eigenschaften gefördert werden«, stell­te Klammer hochnäsig fest und servierte dazu ein Lä­cheln, das man ohne Übertreibung diabolisch nennen konnte.

Ich versuchte ihn zu verstehen und seinen labyrinthischen Gedankengängen zu folgen. Aber bis ich mir eine halbwegs intelligent klingende Antwort überlegt hatte, hatte Klammer mich bereits mit Mischka stehen gelassen und bahnte sich bedächtig einen Weg durch die Menge. Ich sah ihm hinterher und wunderte mich mal wieder, war­um dieser Mann nicht in die Politik gegangen war.

Was sollte ich nun Mischka erzählen? Obwohl ich in die Enge getrieben war, hätte ich mich noch schnell auf die Seite der Bewunderer des Malers stellen und damit vie­len Schwierigkeiten aus dem Weg gehen können. Da mein Interview mit Nix vor dessen plötzlichem Ruhm entstanden war, hatte es außer dem Allesleser Klammer wahrscheinlich kaum jemand gelesen. Es wäre mir in diesem Moment sicherlich möglich gewesen, ohne Imageverlust einen taktischen Rückzug zu machen und mich mit einem Gesinnungswandel aus der Affäre zu ziehen. Gleichzeitig war mir bewusst, wie charakterlos solch ein Frontenwechsel war. Auf diese Weise wurde niemandem außer mir selbst geholfen. Deshalb legte ich Mischka mit kurzen Worten dar, wie wenig ich von der Meinung aller in diesem Fall hielt und warum das so war. Während ich sprach, rutschten die Mundwinkel des Radiokritikers mit jedem Satz von mir tiefer. Fast tat er mir leid, er machte den Eindruck eines abgekanzelten Schülers. Nachdem ich meine Kritik an Nix ausführlich darge­legt hatte, machte ich mich auf eine heftige Gegenwehr des Kritikers gefasst und sammelte weitere Argumente. Aber er schüttelte nur verwundert den Kopf.

[Fortsetzung am nächsten Montag …]

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345 Tage zu früh …

… oder eher 3 Wochen zu spät.

Heute ist nach zwei Monaten Wartezeit – also nur unwesentlich verspätet – endlich „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“ aus der Druckerei gekommen. Ich wollte eigentlich mit dem kleinen Büchlein meine Freunde und fleißigsten Follower zum Fest beglücken, aber epubli war offenbar der Meinung, dass mein „grandioses“ Werk nicht wichtig genug ist, es pünktlich zu verschicken. Dabei ist es doch – Zitat vom Buchrücken: „Eine erbauliche, abenteuerliche, zwerchfellerschütternd lustige, herzerwärmende, gar gruslige und intellektuell fordernde Weihnachtsgeschichte um sabbernde Hunde, singende Esel, verwirrte Lektoren und Verlegerswitwen, düstere Geheimnisse im Untergrund, gefährliche Karlnickel, Schichtkohl, einen großen Pinkelbaum und einen shakespearesüchtigen türkischen Dönerbuden-Besitzer“.

Na, das nächste Weihnachten kömmt bestimmt. Wenn jemand ungeduldig ist und nicht so lange warten will, bis das Christkind wieder kommt: Einfach mich kontaktieren. Ich sitze auf einem Stapel Weihnachtshunde.

Nikolaus

 

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 1)

UND DIES WAR GESCHEHEN

Karl-Heinz Welkenbaum schüttelte den Kopf. Durch die drei Fettwülste seines Doppelkinns wurde daraus ein sanftes Wiegen. Er spürte, wie ihm die Körpersäfte aus allen Poren drangen und als Sturzbach den Rücken hinunter rannen. Sicherlich bildeten sie schon eine breite, dunkle Linie auf seinem leichten, hellen Jackett. Er fragte sich zum wiederholten Mal, wie es diese Römer fertigbrachten, so ameisenemsig in ihrer staubtrockenen, rostig-braunen und hoffnungslos überfüllten Stadt zu leben, in der es schon im Frühsommer unerträglich heiß war. Da lobte er sich doch sein heimatliches Bayernland, wo von einem weiß-blauen Osterhimmel eines sanfte, gütige Sonne herablachte und der Löwenzahn auf den saftigen Kuhweiden blühte.

Welkenbaum nahm den Strohhut vom Kopf, benutzte ihn als Fächer und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn, während er dem Portier des Hotels Raphael bedeutete, die gläserne Eingangstür offen zu halten. Er konnte bereits die herrliche Kühle spüren, die ihm aus dem klimatisierten Foyer der Nobelherberge entgegen wehte und dabei seine beige Leinenhose bauschte. Jetzt noch ein kühles Getränk – die an der Dachbar ausgeschenkte Maisplörre verdiente zwar kaum den Namen „Bier“, war aber, wenn eiskalt, durchaus trinkbar -, dann war er nach dem schier endlos langen, vormittäglichen Einkaufsbummel, der, wenn es einen gerechten Gott gab, sicherlich seiner Zeit im Fegefeuer angerechnet wurde, wieder mit sich und der Welt versöhnt. Gut, dass in der Vorsaison auch die Filialen der großen Läden ab 13:30 Uhr eine lange Mittagspause einlegten, weil Verena sonst bis in die Nacht hinein geshoppt hätte. Der Münchener Verleger stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch und hätte es keine fünf Minuten länger in den stickigen und von Menschenmassen überschwemmten Gassen und Geschäften ausgehalten.

Er sah zu seiner neuen Freundin zurück. Wo blieb sie denn? Sie verhandelte noch immer gestenreich mit dem Taxifahrer, der fast unter einem Berg von Taschen und Kartons verschwand, die er vom Rücksitz und dem Kofferraum seines weißen Fiat geholt hatte und nun quer über den breiten Bürgersteig vor dem Hotel auf den Eingang zu jonglierte. Währenddessen stolzierte die seit ihrem gestrigen Friseurbesuch wasserstoffblonde Verena auf hohen Designerpumps neben ihm her und trug ein winziges Pratesi-Handtäschchen und eine kleine Papiertüte aus einer Parfümerie in den Händen, die sie im geschmeidigen Takt ihrer Bewegungen schlenkerte. Passanten drehten sich nach der jungen Frau im kurzen, roten Sommerkleid um und pfiffen ihr hinterher. Eine Vespa, auf der zwei typische römische Ragazzi hockten, fuhr langsam über den Platz vor dem Hotel. Beide machten mit ihren Smartphones Schnappschüsse von ihr.

Was für eine Frau!, dachte Welkenbaum voller Besitzerstolz. Er fühlte sich durch die Szene an einen alten Hollywood-Film erinnert und genoss für einen Moment das Banale und Klischeehafte der Situation:

Da war Verena Salva, seine im Verhältnis zu seinen eigenen Lebensjahren blutjunge und sehr attraktive Geliebte. Sie hatte das halbe Viertel leer gekauft. Ihre Anschaffungen trug ihr ein sichtlich überforderter, wie ein ermüdeter Atlas unter dem Gewicht der Pakete schwankender Chauffeur, den sie wie ihren persönlichen Diener behandelte, in die todschicke Fünf-Sterne-Unterkunft, in der das Paar in der Präsidentensuite hoch über den Dächern der Ewigen Stadt logierte. Und da war er selbst, der dicke, unansehnliche, aber reiche und geschmackssichere Verleger, der ihr Vater hätte sein können und mit ihr gerade einen zweiten – oder dritten – Frühling erlebte. Er hatte überall brav seine Platin-Kreditkarte gezückt und hielt ihr nun gemeinsam mit dem Portier die Türen auf, damit Verena die Beute ihres Raubzuges in Sicherheit bringen konnte. Fehlte nur noch, dass im Aufzug Tea for two gespielt wurde und nicht den eisernen Gesetzen einer Endlosschleife gehorchend zum dritten Mal an diesem Tag das Thema von „Der Pate“ -, das dem Verleger, wenn er es sich recht überlegte, allerdings auch ganz passend erschien, da er sich schmeichelte, durchaus Ähnlichkeiten mit dem aufgequollenen Marlon Brando der späten Jahre aufzuweisen: Beiger Leinenanzug, Strohhut, schütteres Haar, schleppende, nuschelnde Aussprache, wulstige Lippen, Überbiss und ein sarkastischer Blick.

Doch wie das mit Klischees so war, sie hielten der Wirklichkeit selten stand. Das war zwar alles so, aber doch auch ein wenig anders; viel weniger glamourös. In der Bayerischen Heimat wurde gerade eine Kalt- und Schlechtwetterfront aus nordwestlicher Richtung erwartet, der Ausläufer eines atlantischen Sturmtiefs, das sich mit viel Regen und Frostgefahr bis in die tiefen Lagen näherte. Die Löwenzahnwiesen, von denen Welkenbaum träumte, waren längst überall, auch in der Nähe seiner Villa in Bad Griesbach, Opfer der Unkrautvernichtungsmittel und bittergelben Raps-Monokulturen gewichen, deren aggressive Leuchtfarbe bei ihm Kopfschmerzen verursachte. Denn der Verleger besaß keine Platin-Kreditkarte – nicht einmal eine goldene -, und war nicht so reich, um seine Freundin mit italienischer Designermode auszustaffieren und sich einfach so ein verlängertes Osterwochenende in einer von Roms Nobelhotels leisten zu können. Er verdankte das durchschnittlich große Zimmer im 2. Stock, dessen Fenster in den Innenhof auf die Parkplätze zeigte, der freundlichen Einladung eines Freundes, seines Verlegerkollegen Ugo Tozzini. Verena hatte den Großteil ihres Einkaufs von ihrem eigenen Geld bezahlt, dessen munter sprudelnde Quelle Welkenbaum unbekannt war, denn sie arbeitete nicht. Dies war eines ihrer Geheimnisse, auf deren Wahrung sie sehr viel Wert legte. Verena war auch bei Weitem nicht so jung, wie sie aussah; doch ihr wirkliches Alter verriet sie nicht. Was nun endlich Marlon Brando anging: Diese Ähnlichkeit hatte nur einmal eine Topless-Tänzerin in der Augsburger Apollo-Bar entdeckt, in der er sich einmal mit Nikolaus Klammer getroffen hatte. Diese Übereinstimmung war der Frau aus Osteuropa aber erst aufgefallen, nachdem der Verleger ein paar Flaschen Champagner spendiert hatte, um seinen schreckensstarr und stocksteif am Tisch sitzenden Autor aufzumuntern, der sich so wohlfühlte wie ein Goldfisch in einem Piranha-Becken.

Aber wie er nun unnachahmlich seine Worte dehnte, als er den Concierge an der Rezeption in seinem holprigen Italienisch um die Zimmercard bat, das hatte doch etwas von Cosa Nostra und dem Paten, fand Welkenbaum.

Posso … avere la chiave della … uh, 239, per favore?“, fragte er, während Verena zusammen mit dem keuchenden Taxifahrer neben ihn trat. Hoffentlich bekam der arme Mann keine Herzattacke.

Ma come, Signore.

Der Mann am Empfang, ein braungebrannter und ölig schwarzhaariger Macho aus dem Bilderbuch, achtete jedoch kaum auf den dicken Verleger. Sein Blick lag sehnsüchtig auf dem großzügigen Ausschnitt von Verenas Kleid und verweilte dort. Eine kleine Pause entstand. Welkenbaum kniff die Augen zusammen und entzifferte das Namenschild, das der Hotelangestellte auf seiner weinroten Weste trug.

„Andrea. Was habe ich dir denn bloß getan, dass du mich so respektlos behandelst?“, murmelte er stirnrunzelnd auf deutsch und hob sich seine zu einer Klaue geformte Rechte an die Unterlippe. Er weckte den Mann aus seiner Starre.

Scusami?

Welkenbaum wiederholte seinen Wunsch auf Englisch, das er noch schlechter als Italienisch sprach. Aber diesmal wurde ihm gehorcht. Andrea sah endlich widerstrebend auf und griff hinter sich in die Ablage.

Che cosa hai detto? Camera 239?“ Er reichte die Karte über den Tisch.

„Welki!“, rief Verena und schnappte sich sofort die Schlüsselkarte aus der Hand ihres Freundes. „Ich muss sofort und auf der Stelle duschen. Regle du das mit dem Tassista, bitte.“

Der Verleger verbeugte sich, während der Taxifahrer erleichtert die Pakete zu Boden fallen ließ.

„Ist recht, mein Engel. Ich werde noch ein wenig an die Bar gehen und komme dann später nach.“

„Trinke nicht zu viel. Du weißt, du sollst an deinen Blutdruck denken. Und bleibe nicht allzu lange weg. Du hast hoffentlich nicht vergessen, dass wir uns heute Abend mit Roman Geitania und seiner netten Gattin Mercedes treffen wollen und vorher möchte ich mir noch unbedingt den Vatikan ansehen.“

Verena winkte einem der Pagen, der die Rolle des Trägers übernahm und mit ihr in Richtung der Aufzüge ging. Welkenbaum bezahlte ohne Murren die unverschämt hohe Rechnung des Chauffeurs. Er wusste, dass alle Taxifahrer Roms Gauner waren und hatte keine Lust auf langwierige, aber erfolglose Verhandlungen. Er wollte ebenfalls zu den Aufzügen, als ihn der Concierge noch einmal aufhielt.

One moment please, Mr Welkenbaum, i have something for you.

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[Zum 2. Teil]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 10)

[Zum ersten Teil]

Ich schlich frierend auf einem dunklen und einsamen Seitenweg nach Hause und war nun froh, dass Christine gerade in Regensburg war, denn ich hätte sie im mei­nem Zustand zu Tode erschreckt. Die Winterjacke und mein Hemd konnte ich wegschmeißen; aber das war zu verkraften. Schlimmer wogen die Stigmata auf meiner Haut und mein angekratztes Selbstbild. Ich beschäftigte mich zwei Stunden damit, mich zu säubern, aber die Farbe aus den Spraydosen hielt gut. Meine Angreifer hatten für ihren Anschlag auf mich Qualitätsware eingekauft. Ich scheuerte mir mit einem rohen Waschschwamm die Haut wund und blieb unverändert rot und blau. Entmutigt stieg ich ins Bett und verschob weitere Säuberungsversuche auf den folgenden Tag.

Am nächsten Morgen waren meine Reinigungsunter­nehmungen kaum erfolgreicher. Die Farben wurden durch den Einsatz von Terpentin und Lösungsmit­teln, die ja ich als Maler zur Genüge zuhause hatte, heller. Allerdings holte ich mir eine schrecklich juckende Aller­gie. Ich entschloss mich, so lange unsichtbar zu bleiben, bis mit der Zeit mein Aussatz von allein verschwinden wür­de. Das war sicher das Beste. Ich rief in dem Lokal an, in dem ich arbeitete und ließ mir eine Woche unbezahlten Urlaub geben. Ich ging kein einziges Mal auf die Straße. Es war eine harte Zeit. Ich hungerte, weil mein Kühlschrank leer war und die Nächte machte mir mein nässen­der Hautausschlag zu einer wahren Hölle.

Die beiden Kerle, die mich angegriffen hatten, waren mit Sicherheit im Freundes- und Bewundererkreis von Nix zu finden. Mein kritischer Artikel über ihn musste sie zu diesem Überfall veranlasst haben, der mich an SA-Methoden erinnerte. Wenn ich auch nicht glauben konnte, dass der Maler für diesen Anschlag verantwortlich zeichnete, so blieb doch die Frage, wie er zu solch einer Anhänger­schaft gekommen war, deren Fanatismus mir schon vor Jahren bei der Schulausstellung, die ich anfangs erwähnte, unangenehm aufgefallen war. Was auch immer an seinem Wesen diese Gefolgsleute so bedin­gungslos auf seine Seite gezogen hatte: Ich war diesem Charakterzug von ihm noch nicht begegnet und konnte ihre Begeisterung und ihr Sendungsbewusstsein, das nicht vor Gewalt zurückschreckte, nicht nachvollziehen.

Wegen meines selbstgewählten Exillebens versäumte ich es denn auch, an Nix‘ Vernissage teilzunehmen und als Augenzeuge seinen überwältigenden Triumph mitzuerleben. Ich hatte keine Einladung von ihm erhalten, wie ich es ursprünglich erwartet hatte. Aber es bei einer Ver­anstaltung dieser Art wäre es kein Problem gewesen, sich den­noch unauffällig einzuschleichen und mit einem Sektglas in der Hand unters Volk zu mischen. Weil ich also zuhause bleiben und leiden musste, bekam ich über die Ausstellung nur In­formationen aus zweiter Hand und die waren erstaun­lich genug: Ich hatte nie vermutet, wie allein ich mit meiner kritischen Einschätzung der Kunst von Nix stand. Ob­wohl sich die Süddeutsche mit einem kleinen positiven Artikel, der sich an der Pressemitteilung ori­entierte, begnügte, machte unsere Tageszeitung einen beachtlichen Rummel um die Ausstellung, die Feuille­tonseite war voll der lobenden Kritik und zeigte dazu ein großformatiges Foto, das Nix und Dr. Arno Pauli zeigte, die sich vor einem nur verwaschen erkennbaren Objekt freundlich die Hände schüttelten. In dem breit aufge­machten Artikel stand in ehrfurchtsvollen Worten viel von gelungener Nachwuchsförderung und einem be­deutenden Talent, das – was ja heute selten sei –, allen etwas zu sagen habe. Nix packe eine Botschaft in seine Bilder, die in ihrer Dringlichkeit jeden angehen und berüh­ren müsse. Er wurde mit André Masson und vor allem mit Francis Bacon in eine Reihe gestellt. Das waren frei­lich lächerliche Vergleiche, die nur die Dummheit des Chefkritikers unseres Provinzblattes manifestierten; Verglei­che, die ich allerdings in der folgenden Zeit noch häufi­g zu hören bekam. Einer schreibt vom anderen ab; so ist die Journaille eben.

Ich war bestürzt. Ausgerechnet unser konservati­ves, niveauloses Tagesblatt lobte diese nekrophilen Werke in den Himmel. Das erschien mir unglaublich. Wenn hier keine Bestechung im Spiel war, dann hatte der Kunst­kritiker in den letzten Tagen ein kaum fassliches Da­maskuserlebnis gehabt, das aus einem Saulus, bei dem die wahre Kunst mit der Klassischen Moderne endete, einen Paulus der jungen Wilden gemacht hatte.

Gespannt wartete ich auf die Sendung des Kritikers un­seres Lokalfunks Radio Power-One, auf dessen fundierte und geradlinige Kommentare ich große Stücke hielt. Ich hatte den gut fünfzigjährigen Mischka Lob als einen bissig-resignierten und dabei überaus charmanten Mann ken­nengelernt, der seine Meinungen exakt und ehrlich von sich gab. Seine Rundfunkauftritte waren nur ein halb eh­renamtlicher Nebenberuf, den er mit Freude und Sach­kenntnis ausfüllte. Womit er in Wirklichkeit seine Bröt­chen verdiente, habe ich nie so genau verstanden, er war selbständig und hatte etwas mit verwirrenden Exportge­schäften zu tun, bei denen er allerdings einen guten Schnitt zu machen schien. Man sah ihn häufig in der Stadt in der Begleitung von etwas halbseiden wirken­den Ausländern in schlecht geschnittenen Anzügen. Ich muss zugeben, ich bewunderte am meisten die Großzügigkeit, mit der er sein Geld unter seinen Bekannten verteilte. Nur aus diesem Grund war auch seine latente und widerwärtige Päderastie zu ertragen; er hatte ständig ein paar hübsche, kunstsinnige und kaum der Pubertät entwachsene Jünglinge um sich, die er aushielt; in allen Ehren, versteht sich. Er hatte sich bei seinen kleinen Ver­gnügungen vollständig unter Kontrolle.

Doch auch Lobs von zwei unsäglichen Hip-Hop-Titeln zerrissener Kommentar über die Vernissage von Nix – sein Musikgeschmack war unterirdisch -, war eine unverhohlen bewundernde Eloge auf einen großen Künstler, wie er in den Jahren seiner Tätigkeit als Kunstbeobachter in dieser Stadt noch keinem begegnet sei. Entgegen seiner gewohnten Sachlichkeit verlor er sich in Superlativen, die aus Nix einen Halbgott der modernen Kunst machten. Es war nicht zu glauben: Er­kannte denn niemand außer mir, dass sich Nix zwar zweifellos auf dem richtigen Weg befand, ein bedeuten­der Maler zu werden, er aber noch völlig unfertig war? Eine Larve gewissermaßen? Nix‘ eigenen Ideen wurden von, ich muss es zugeben, geschickt gesetzten Fremdzi­taten zugedeckt und seine großbürgerliche Lebensfüh­rung behinderte ihn daran, sich zu entwickeln. Konnte ich mich in meiner Einschätzung derart täuschen oder waren die anderen plötzlich von Blindheit geschlagen, von seinem handwerklichen Können geblendet? Oder war hier Bestechung im Spiel?

Zumin­dest glaubte ich nach diesen beiden Kritiken verstehen zu können, warum die Werke des Malers zu wütenden Stellung­nahmen herausforderten und starke Gefühle, ja, Aggressionen in den Menschen weckten, die sie nicht ein­mal davor zurückschrecken ließen, gegen vermeintliche Geg­ner mit Gewalt vorzugehen. Den Beweis dafür hatte ich, wenn ich mein entzündetes und aufgeschwollenes Ge­sicht im Spiegel betrachtete.

Doch es sollte noch schlimmer für mich kommen: Nach­dem die wichtigsten Kritiken veröffentlicht waren und nur die meine in der negativen Waagschale lag, rief mich Werner an, um mich zu einem persönlichen Ge­spräch in die Redaktion zu bestellen. Da ich aus den be­kannten Gründen ablehnen musste, in den nächsten Ta­gen aus dem Haus zu gehen, entschloss er sich – wie er es formulierte -, schwe­ren Herzens, mir dann eben jetzt am Telefon mitzuteilen, dass sich die Zeitschrift vorläu­fig von mir und meiner Mitarbeit trennen müsse.

»Oh, Georg, du musst es mir glauben«, führte er aus, »ich habe um dich und damit um die Meinungsvielfalt meines Blattes gekämpft, beide sind mir ein unbeding­tes Anliegen. Übrigens hat mir auch der betont kämpfe­rische Stil deines Artikels gefallen, obwohl ich keines­wegs mit deinen Schlussfolgerungen übereinstimme. Aber, du weißt ja, wie das ist … Ich habe mehrere barsche Rügen von Seiten der Anzeigenkunden wegen meiner eklatanten Fehleinschätzung des Zeitgeistes erhalten – allen voran vom PR-Chef von Follia. Der hat mich gekreuzigt. Deshalb sehe ich mich bedauerlicherweise gezwungen, einen Schnitt zu machen.«

Das saß.

»Diese Trennung ist selbstverständlich keine endgültige. Wir sind viel zu gute Freunde dazu. Du hast immer noch eine toller Schreibe, Georg. Du kannst mir auch weiterhin, selbstverständlich vollkommen unverbindlich, deine Arti­kel und Kritiken zusenden, die ich, wenn sie dem Niveau meiner Zeitschrift entsprechen, mit Vergnügen unter einem neuen Pseudonym veröffentli­chen würde. Überlege dir das mal in Ruhe. Und ruf mich nicht an. Ich melde mich.«

Da ich vergeblich um die wenige Fassung rang, die mir noch geblieben war, wusste ich nichts zu entgegnen. Unser Telefongespräch endete mit einem verwirrten Stottern von uns beiden, das in ein peinliches Schwei­gen mündete; bis dann endlich Werner den Mut fand, die Verbindung zu unterbrechen. Ich hatte keinerlei Handhabe gegen seine Entscheidung, im Gegenteil: Da ich nur ein freier Mitarbeiter war, musste ich Werner dankbar sein, dass er mir seinen Entschluss, mit dem ich immer hatte rechnen müssen, persönlich mitgeteilt hat­te. Trotzdem war mir, als würde mir abrupt der Boden unter den Füßen weggezogen. Damit versiegte nicht nur eine wichtige Erwerbsquelle. Es war die Ablehnung, die mich zutieft verletzte. Da mein seelischer Zustand im Mo­ment mehr als labil war, hatte ich einen schweren Anfall von Verfolgungswahn. Ich fühlte ich mich als das un­schuldige Opfer einer Verschwörung, die Nix oder sein Onkel, der Kulturreferent, angezettelt hatten, um mich zu vernichten.

In der abgeschlossenen Einsamkeit meiner Wohnung suhlte ich mich in der scheußlichsten Depression, die ich je hatte.

[Zum 11. Teil …]

Ein Kommentar

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Verlosung von „Noch einmal davon gekommen“

 

Was bin ich doch für ein großzügiges Kerlchen: Um das neue Jahr zu feiern, verlose ich bei LOVELYBOOKS 3 (in Worten: DREI) Exemplare meines Kurzgeschichtenbands „Noch einmal davon gekommen“. (1)

Ich habe in ihm die meiner bescheidenen Meinung nach besten Glossen, Kolumnen, Artikel und „Freitagsaufreger“ aus 4 Jahren „Aber ein Traum“-Bloggeschichte zusammengetragen (2), diese gründlich überarbeitet, aktualisiert und für die Buchausgabe eingerichtet.

Macht doch einfach bei der Verlosung mit, wenn ihr auch einen Band geschenkt bekommen wollt!

Ein Kritiker  bei Amazon hat übrigens  folgendes über das Buch geschrieben:

„Noch einmal davon gekommen“, dessen Cover bereits einen schwer mitgenommenen Nikolaus Klammer zeigt, ist eine Sammlung von Kolumnen, Glossen und Kurzgeschichten, die der in Diedorf bei Augsburg wohnende Autor in den letzten vier Jahren für seinen Blog „Aber ein Traum“ geschrieben und für das Buch neu eingerichtet, erweitert und überarbeitet hat.

In seinen Texten voller Charme und Esprit beschreibt Klammer auf wirklich ansprechende und humorvolle, manchmal auch nachdenkliche Weise sein chaotisches Familienleben mit seiner immer wieder an seinen Unarten verzweifelnden Frau, den zwei erwachsenen Söhnen und Amy, der Katze. Er gibt Einblicke in sein Leben als Autor, beschreibt seinen Kampf mit den Tücken des Objekts, dem Unkraut im Garten und den Widrigkeiten des Alltags (Herrlich sind z. B. die Geschichte, wie man einen Oktopus kocht oder die geheimnisvolle „Mangold-Affäre“).

Das alles beschreibt Klammer auf eine so heitere und selbstironische Weise, dass man ihm gerne durch sein Privatleben folgt und es wirklich bedauert, wenn man viel zu früh am Ende des Buchs angekommen ist.

„Noch einmal davon gekommen“ ist auf 230 Seiten liebevoll illustriert und eine absolute Empfehlung für alle, die sich geistreich unterhalten lassen wollen.

*

Und schließlich noch ein zum Januar passender Ausschnitt aus dem Buch:

Der fürchterliche Monat

Einer der bedauerlichsten Irrtümer der Evolution ist der, dass sie den Menschen nicht wie den Bären, die Maus, den Igel oder das Murmeltier oder auch den Sie­benschläfer zum Winterschlaf geführt hat. Man sollte sich diese Tiere als glücklich vorstellen. Der Mensch je­doch muss unverdrossen auch in der kalten Jahreszeit wirken, weben und handeln, leben, lieben, leiden und – frieren. Wie angenehm wäre es, für drei oder vier Mona­te all die Arbeit, den Ärger, die Politik und die Mit­menschen zu vergessen, sich Anfang November in sein Schlafzimmer zurückzuziehen, noch ein wenig im Zau­berberg zu blättern (da macht es nichts, wenn man im Frühjahr nicht mehr weiß, was man gelesen hat), dann gelangweilt und sattsam müde das Nachttischlicht lö­schen, sich in dicke Federkissen einrollen und bis in den März hinein zu schlafen, um gestärkt und ein paar Pfunde leichter gemeinsam mit der Natur wieder zu er­wachen.

Gut, ein paar Dinge wären anders, aber wahrscheinlich besser: Man müsste Weihnachten im Sommer feiern, auch alle Geburtstage würden in die schöne Jahreszeit fallen. Auf der anderen Seite gäbe es das unselige Ski­fahren nicht und keine Langlaufloipen. Die Berge wür­den nicht von den Dinosaurierskeletten der Lifte und Bahnen verschandelt und durch die Beanspruchung ver­karsten, es gäbe keine Glatteisunfälle und Rentnerinva­sionen auf Mallorca, man müsste keinen Schnee schip­pen, sein Auto nicht enteisen und Heizöl und Benzin würde noch ein paar Jahrhunderte länger reichen. Kein Bauer könnte mehr seine Gülle schon im Februar auf die Felder kippen und – welche Erleichterung – den rhei­nischen Karneval würden ebenfalls alle verschlafen (Statt „Kölle alaaf“ hieße es „Kölle schlaf“). Vielleicht gäbe es auch weniger Kriege, weil die Leute lieber schla­fen als kämpfen. Die Verbrechensrate wäre bestimmt geringer; man bräuchte für edle Pelzmäntel keine Tiere schlachten und würde insgesamt länger leben, da uns unser Energiehaushalt zu einem langsameren, ruhige­ren Leben zwingen würde.

Man stelle sich nur die heiteren Familienfeste Ende Oktober vor, bei denen man sich von einander verab­schiedet und sich gemeinsam seinen Winterspeck anfut­tert, um die anschließenden Fastenmonate zu überste­hen, die man schlafend und angenehm in seine Pfühle gekuschelt verbringt. Das türkische Zuckerfest wäre da­gegen eine Diätveranstaltung. Apropos Diät: Die Win­terruhe wäre ein wirklich funktionierendes ‚Abnehmen im Schlaf‘ für jedermann und alle Frauen kämen ohne irgendwelche ‚leckeren‚ Diät-Drinks und die Weight-Wat­chers im Frühjahr mit ihrer Bikinifigur aus dem Schlaf­zimmer!

Aber es soll leider nicht so sein … Die Tretmühle läuft ohne Pause weiter.

Und der schlimmste dieser Wintermonate ist der Janu­ar, an dem eigentlich nichts janusköpfiges, zweigesichtiges ist, da er ei­nem tagein, tagaus seine hässliche Fratze entgegen­streckt. Der Januar ist ein Monstrum, ein Unhold. Dass das neue Jahr ausgerechnet mit diesem toten, amorphen und grauen, dabei endlosen Monat beginnen muss, ist mir ein Rätsel. Januar ist kein Neubeginn. Er ist noch vollkommener Winter, kalt, düster, seine Wetterkaprio­len grausam und davon, dass die Tage wieder länger werden, merkt man auch noch nichts. Der Januar kennt kaum Feiertage und keine Lichtblicke, man leidet unter Vitamin-D-Mangel und depressiven Schüben. Er bringt die ersten bedeutenden Schneemengen und viele zusätz­liche Arbeiten und Gefahren. Bewegungslos und gleich­förmig reihen sich seine kurzen Tage aneinander und die bitteren Nächte werden nicht einmal vom Lichter­schmuck wie im Dezember erhellt. Es gibt auch plötzlich keine Glühweinstände und Weihnachtsmärkte mehr, ob­wohl sie gerade jetzt viel notwendiger sind als während des Advents, in dem normalerweise vorweihnachtliches Tauwetter und frühlingshafte Temperaturen vorherr­schen.

Warum ist ausgerechnet der Januar einer dieser Mona­te mit 31 Tagen? Nicht einmal die gnädige Kürze des Fe­bruars will man uns gönnen. Warum nimmt man nicht wenigstens den letzten Tag und hängt ihn meinetwegen an den Juni? Ein 31. Juni hätte immer schönes, warmes Sommerwetter, aber ein 31. Januar – wer braucht denn den? Gleiches gilt übrigens für den Schalttag Ende Fe­bruar, auch dieser ist völlig verschwendet an den Winter und sollte z. B. in den goldenen September verschoben werden. So könnte man durch eine einfache Kalenderän­derung dem Jahr zwei weitere schöne Tage hinzufügen. Vielleicht sollte man den Januar gleich zwischen Juli und August legen! Das ist es: Dann hätten wir einen Mo­nat mehr Sommer. Warum ist darauf eigentlich noch niemand gekommen? Vielleicht sollte ich mit dieser ge­nial einfachen, aber sinnvollen Forderung einmal zu meinem Bundestagsabgeordneten gehen …

Aber wie immer hört ja keiner auf mich! Nein, der erste Monat des Jahres hat nichts, was mir sympathisch ist, außer an unverdienter Länge hat er von allem zu wenig. Er ist abweisend wie ein verbitterter alter und ungewa­schener Mann. Und alle 12 Monate, wenn ich ihn fast schon wieder vergessen habe, tritt er erneut in mein Le­ben, hockt sich ausdauernd  auf meine Seele und beläs­tigt mich. Ja, wie  gerne würde ich zumindest den Janu­ar verschlafen! Ich habe es versucht, war letzte Woche fest entschlossen, erst wieder aufzustehen, wenn Anfang Februar mein Geburtstag ansteht. Frau Klammerle und auch mein Arbeitgeber waren von der zwingenden Not­wendigkeit, diesen Monat einfach auszulassen, nicht zu überzeugen. Nur deshalb gibt es diesen Text. Eigentlich wollte ich noch im Bett sein.

Wenn Ihr also von heute an nichts von mir hört: Weckt mich nicht.

Enden will ich allerdings mit den Zeilen meines engen Freundes und Leidensgefährten Walther Vogelweide, der missmutig und übellaunig schon vor einigen Jahren dichtete:

Möchte ich verslâfen des winters zît ! 
wache ich die wîle, sô hân ich sîn nît, 
daz sîn gewalt ist sô breit und sô wît. 

______________

(1)  Nein, das ist vielleicht etwas unglücklich formuliert, aber kein Rechtschreibfehler. Ich weiß, dass man „davongekommen“ normalerweise zusammenschreibt. Die Idee dahinter war, dass ich in dem Buch noch einmal von dem Jahr und den Geschehnissen gekommen bin, über das ich darin berichte …

(2) … und 62 Fußnoten. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich wie David Foster Wallace nicht nur schreibsüchtig, sondern auch ein Fußnoten-Fetischist bin?

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Neuerscheinungen 2018

In der nächsten Woche kehrt hier der Alltag wieder zurück. Ich werde in leichtverdaulichen, wöchentlich erscheinenden Häppchen (1) die Vorveröffentlichung der Romane, die ich in diesem Jahr veröffentlichen will, fortsetzen. Für mich sind diese noch unredigierten und nicht korrigierten „Beta-Versionen“ meiner Texte aus zwei Gründen wichtig: Zum einen zwingt mich der strenge Wochenrhythmus, konzentriert an den Werken weiterzuarbeiten, zm anderen merze ich auf diese Weise sehr viele Flüchtigkeitsfehler aus und erstelle ganz nebenzu die Druckversion für die Veröffentlichung. Ich weiß, dass diese „Fortsetzungsromane“ in diesem allzu flüchtigen und vergesslichen Medium kaum oder gar nicht gelesen werden, aber der Blog hat längst den Anspruch verloren, Leser mit netten, unterhaltenden Geschichten aus meinem Alltag und meinen Weisheiten über die Literatur und die Welt im Allgemeinen anzulocken. (2)

Der Blog „Aber ein Traum“ dient mir inzwischen als erweiterter Schreibtisch; als Fortsetzung meiner Autorenarbeit mit anderen Mitteln: Zuerst ist da selbstverständlich die Fantasie, dann die erste handschriftliche Textversion in einem Notizbuch, anschließend die Libre-Office-Datei (3), der die „Vorveröffentlichung“ auf diesem Blog folgt, eine weitere Überarbeitung und oft auch Erweiterung und Neustrukturierung des Textes und schließlich das Buch, das ich als Selfpublisher drucken, lektorieren und dann auf die literarisch interessierte Welt loslasse. Fehler finden sich dann immer noch zur Genüge, so dass ich z. B. beim 1. Geltsamer-Band: Die Frau, die der Dschungel verschluckte bereits bei der 7. überarbeiteten Auflage bin. Jeder Text wandert also aus meinem Geist zuerst ins Analoge, gelangt anschließend ins Digitale und kehrt schließlich ins Analoge zurück.

Und so sieht mein Plan aus:

Montag

Mein Schlüsselroman Die Wahrheit über Jürgen (260 Seiten) über das Augsburger Kunst- und Kulturleben in den 90er Jahren.
Er wird in seiner endgültigen Fassung Ende März, Anfang April d. J. veröffentlicht.

Mittwoch

Ab dem 10. Januar beginne ich mit der Vorveröffentlichung des 3. Teils meiner Geltsamer-Trilogie in 5 Bänden.
Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Teil 3: Das Gulag des Dmitrj Alexandrowitsch Krakow

Der fertige Roman (250 Seiten) soll im September 2018 erscheinen

Freitag

Freitags schließlich setze ich das Prequel zu meiner Fantasy-Trilogie Brautschau fort:
Der Weg, der in den Tag führt

Lange angekündigt und verschoben, weil sich diese Geschichte – 600 Seiten –  nicht in dem ursprünglich geplanten Umfang fertigstellen ließ, werde ich sie veraussichtlich erst im ersten Halbjahr veröffentlichen.

Ich werde oft gefragt, wie ich das alles zeitlich hinbringe und meine ehrliche Antwort ist: Das weiß ich auch nicht. Trotzdem hat es im letzten Jahr geklappt und ich hoffe, dass mir meine ehrgeizigen Pläne auch 2018 gelingen. Falls mich jemand auf meinem „Weg, der in den Tag führt“ unterstützen will, findet er/sie in der rechten Bildleiste die Links zu meinen Büchern. Mit jedem verkauften Buch fällt es mir leichter, meine Arbeit zu machen. Ich freue mich selbstverständlich über jeden, auch kritischen Kommentar.

Danke!

__________

(1) Jeweils montags, mittwochs und freitags wird pünktlich um 08:30 Uhr ein etwa 1200 Wörter langer  Abschnitt – das sind 8 Buchseiten – aus meinen zur Veröffentlichung anstehenden Werken erscheinen.

(2) Der Sammelband Noch einmal davon gekommen (230 Seiten, illustriert) mit den überarbeiteten und teilweise stark erweiterten Glossen und Artikeln aus den letzten fünf Jahren dieses Blogs verkauft sich trotz überschwänglicher Kritiken der wenigen Leser überhaupt nicht. Das will offenbar niemand von mir lesen.

(3) Ich finde WORD umständlich, überladen und unübersichtlich, es ist eine furchtbare Textverarbeitung. Deshalb arbeite ich seit Jahren mit der kostenlosen Open-Office-Alternative LibreOffice. Die hat zwar auch ihre Macken, ist für mich als Autor aber eindeutig das bessere Programm.

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Die drei beliebtesten Blogbeiträge

2017 ist nun doch vorbei und es war im Privaten und im Rückblick betrachtet weder mein bestes noch mein schlechtestes Jahr. Ich habe zum ersten Mal in meinem Autorenleben einige von meinen Büchern als sog. Selfpublisher veröffentlicht, von denen sich zumindest die Bände der Geltsamer-Reihe ab und an verkaufen lassen (in der nächsten Woche beginne ich übrigens mit dem Vorabdruck des 3. Bands: „Das Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow“) und habe von den Lesern auch einige ordentliche Kritiken bekommen.

So sieht die Kritik-Sterne-Ausbeute momentan bei Amazon aus.

Dieser Blog hier hatte mit 2200 Besuchern etwa 15 % weniger Zugriffe als im letzten Jahr, insgesamt waren es seit dem Mai 2013, dem Gründungstag des Blogs, 13.500 Aufrufe. Mir folgen hier 123 Blogger – von 99 % dieser Follower höre ich allerdings nie etwas. Insgesamt kann man nicht behaupten, dass der Blog erfolgreich sei, aber das ist ja auch nicht der Grund, aus dem ich ihn führe. Nebenbei: Ich gestalte noch einen 2. Blog, nämlich rosmarinkatze.wordpress.com, der zum Gesamtkonzept der Geltsamer-Romane gehört und vorgeblich von einer der Hauptpersonen dieser „Trilogie in 5 Bänden“ geführt wird; dieser Blog hatte seit seiner Gründung im Mai 2017 insgesamt 160 Aufrufe, aber über 600 (!) Spamkommentare; also ungefähr 3 pro Tag. Wenn das kein Erfolg ist! Ich vermute, diese Spam-Schwemme in Monty-Python’schem Ausmaß liegt wahrscheinlich darin begründet, dass ich dort vorgebe, die blonde und etwas naive Dichterin Verena Salva zu sein und die vorwiegende Farbe des Blogs rosa ist.

Die im Jahr 2017 am häufigsten aufgerufenen Texte auf meinem Blog sind:

1. Der Fremde – Kurzgeschichte https://klammerle.wordpress.com/2013/07/01/der-fremde-kurzgeschichte/

2. Rache – Kurzgeschichte https://klammerle.wordpress.com/2013/11/04/rache-kurzgeschichte/

3. Minnedichtung – Essay https://klammerle.wordpress.com/2013/07/04/minnedichtung-ein-essay-i/

danach folgt nur leicht abgeschlagen:

4. Der Oktopus – Ein Capriccio https://klammerle.wordpress.com/2013/06/05/der-oktopus-ein-capriccio-a-la-heun/

Warum es ausgerechnet diese Texte sind, die hier die Rangliste anführen, weiß ich nicht. Meine persönliche Bestenliste sähe vollkommen anders aus. Interessant ist, dass alle diese Texte aus dem Jahr 2013 sind – warum auch immer …

Nun, vielleicht findet an diesem milchweißen Neujahrstag ja jemand die Ruhe, diese Geschichten zu lesen (sie sind alle nicht sehr lang) und mir zu erklären, was sie so herausragend macht.

Bis bald auf diesem Blog,

Euer Nikolaus

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Neujahrsgrüße 2018

31. Dezember 2017, Silvester

Ich gebe es zu: Ich bin ein wenig skeptisch, wenn ich an das neue Jahr denke und das Leben, das ich in ihm führen werde. Aber die Zeit lässt sich durch Jammern nicht aufhalten und ich bin auch noch ein wenig von Weihnachten überfressen. Außerdem beginnt ja eigentlich nichts Neues. Es setzt sich nur das Alte fort; die Landmarke „Neujahr“ ist ein zufällig gewählter Kalendertag. Die Chinesen feiern den Beginn des neuen Jahres zum Beispiel am 16. Februar, die Juden erst am 10. September. Bei den Römern startete der Jahreskreis am 1. März und im Mittelalter bis in die Renaissance hinein war Neujahr am 25. März. Für Lehrer und Schüler beginnt das Jahr mit dem Ende des Sommerferien. Der 31. Dezember ist also ein Tag wie jeder andere, kein Grund daher, Dinner for one zu sehen, sich zu besaufen, Fondue zu essen und 5000 Tonnen Feinstaub in Form von Feuerwerk und kubischen Böllern in die Luft zu blasen und allen Haustieren ein nachhaltiges Trauma zu verpassen. Und keine passende Gelegenheit, zu versuchen, sein Leben zu ändern. Ich gebe es offen zu: Dieses Silvester war nie mein Fest. Trotzdem bleibt da dieses Gefühl, heute über das Gestern und das Morgen nachzudenken, die Gesellschaft zwingt mich geradezu.

Nun, falls ich nicht gegen 22:30 Uhr mit den Confessiones von Augustinus in der Hand – den Bischof von Hippo plagten vor fast 2000 Jahren ganz ähnliche Gedanken – in meinem Lesesessel einnicke und einigermaßen wach bin, wenn 2018 beginnt (1), dann werde ich mir selbstverständlich einen Piccolo und mein Dachfenster öffnen, „Ah“ und „Oh“ sagen, an meinem Getränk nippen und über die Zukunft im Allgemeinen und meine immer kürzer werdende im Besonderen nachdenken. Und ich werde auf alle meine Mitmenschen ein Glas erheben, die mit mir gemeinsam in dieses 2018 hinein gehen können und wollen, ob als Familie, Freunde, Kollegen oder als Blogfollower. Manche kenne ich nur über die Bücher und Texte, die ich von ihnen lese, aber sie sind mir näher als mancher, dem ich in persona begegne.

Ich wünsche uns allen ein gesundes und glückliches Neues Jahr.

_______

(1) Falls sich jemand fragt: Frau Klammerle, Krankenschwester in der Intensiv-Frühgeburten-Abteilung des Augsburger Josefinums, arbeitet wie in jedem Jahr in der Silvesternacht und rettet Leben (das ist sinnvoller als alles andere, was der Rest von uns so an Silvester macht). Deshalb werden ich und meine Katze, die sich allerdings ängstlich und zitternd im Keller verkriechen und erst im Morgengrauen von dort wieder hervorkriechen wird, alleine sein.

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil 4

Vier Helden mit zwölf Füßen traten in den dich­ten, bei­ßenden Nebel, der wie ein Leichentuch auf der Winter­wunderwelt des Karlnalrumpel­stilzchens lastete und wurden von ihm ver­schluckt. Ne­beneinander, nur durch eine Hundeleine miteinan­der ver­bunden, gingen stumm und ent­schlossen: Ömer Özgür, eine Geheimwaffe in der Tasche, von der außer ihm noch nie­mand etwas wusste, stolzer Besitzer der Imbissbude Traum vom Bosporus, er hielt seinen Dönerspieß wie ei­nen Speer nach vorn in die verwaschene Düsternis ge­streckt, in der man keine zwei Schritte weit sehen konnte, dane­ben trottete besorgt Karl-Heinz, der große, alte Weih­nachtshund, der letzte seiner Art, der noch Zähne zum Zubei­ßen fletschen und schwere Walnüssen aus sei­nem Sack schleudern konnte und an sei­ner Seite ging der treue Singin‘ Sam, der Esel, dessen Zunge wie eine Peitsche zu­schlug und dessen Gesang die Reihen des Fein­des zum Erzit­tern bringen konnte. Das Grautier, dass trotz sei­ner Vorliebe für Weihnachts­punsch leider keine rotleuchtende Nase besaß wie sein Vetter Ru­dolph, das Rentier, eine Schnauze, die die Szenerie hätte erhellen können, summte leise die Melodie von „Auf in den Kampf, Torero“ vor sich hin. Die drei mutigen Re­cken folgten wie die drei Weisen aus dem Morgenland ihrem Stern: Jan Philipp Rabenhorn, dem letzten Ritter des ed­len Ge­schlechts der Ceratias-Corvus, der die Faust so fest um den Griff seines orange schimmernden, in El Ixir ge­tauchten Schwertes ge­klammert hielt, dass seine Knöchel weiß hervortra­ten. Ihn leitete sein Instinkt sicher durch den dichten Nebel.

Noch nie hatten die uralten Hallen unter Bromberg solch mu­tige, zu allem entschlossene Helden gesehen und noch nie war auch so viel auf dem Spiel gestanden. Nachdem das Quartett eine gefühlte Ewigkeit unterwegs war und zumindest in Ömer ein erster Zweifel auftauchte, ob sie auf dem richtigen Weg und nicht von dem selben abge­kommen wären, erklangen direkt vor­aus dumpf klatschen­de Geräusche und es waren ein paar farbi­ge Lichter in dem stumpfen Weiß auszumachen, das sich end­lich et­was lichtete und eine ungesunde, giftig-grüne Färbung an­nahm. Mit heftigem Schwefelgestank wehte eine üble Bri­se die letzten Reste der Nebelschwaden hinfort und die vier Hel­den waren an ihrem Ziel angelangt: Dem Nest des großen Karl­nickels.

Die Halle erinnerte hier an einen noch tätigen Höllen­vulkan, an dessen Rand sie nun standen und hinunter starrten. In sei­ner Mitte, zu der das nach Kohl, altem, fet­ten Hack und faulen Eiern dünstende Gelände flach abfiel, brodelte eine gewaltige Grube, in der ein hellloderndes Feuer brannte. Davor kauerte wie ein Schattenriss eine dunkle, gigantische Gestalt mit zwei langen, spitzen Oh­ren, die bis zur Decke reichten, von der kaum zählbar viele dicke Wurzelstränge teilweise bis zum Bo­den herabhin­gen. Die meisten von ihnen sahen aus, als hätte eine Biberarmee sie angefressen. Die Grube ihres Gegners – denn niemand anderes als der Karlnickelkönig saß dort am Feu­er und briet sich etwas Undefinierbares in einer monströsen Bratpfanne, während er ih­nen seinen schwar­zen behaarten Rü­cken zuwandte – diese Grube musste di­rekt unterhalb des gro­ßen Pinkelbaums liegen, der den Weihnachtsmarktplatz von Bromberg zierte und in den letzten Jahren schon recht ange­schlagen und vertrocknet gewirkt hatte; weshalb der Stadtrat, der um seine Bedeu­tung wusste, die Weih­nachtsbeleuchtung das ganze Jahr über hängen ließ.

Rabenhorn wollte schon entschlossen auf den übermäch­tigen Gegner losstürmen, als ihn Ömer in die Rippen stieß und zur Seite deutete, wo völlig unbewacht einige Gefängniskäfige am Kraterrand standen, von denen nur einer belegt war: MARIE-THERES! Rabenhorn fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatten sei­ne Chefin gefunden und sie lebte noch, winkte aufgeregt zu ih­nen herüber. Selt­sam, der Lektor hatte das Gefühl, der Kohlge­stank ginge von ihr aus, ein Gefühl, das sich mit jedem Schritt, mit dem er sich ihrem Gefängnis näherte, verstärkte.

‚Schichtkohl, die Kienbauer riecht nach Schichtkohl. Wahr­scheinlich hat sie wieder mal diese Scheußlichkeit ge­kocht und der Karlnickelkönig hat sie deshalb noch nicht gefressen, weil sie so stinkt‘, erkannte er plötzlich erfreut. Ihre Vorliebe für diese unbeschreiblich grauenvolle Speise hatte sie gerettet. Auch Karl-Heinz verzog angewidert die Schnauze und sogar Singin‘ Sam, den normalerweise nichts aus der Ruhe brachte, bemerkte zur Seite:
„Boah, eh, Babo! Die alte Chick müfft vielleicht. Ist das krass!“

Nur Ömer weitete verzückt seine Nasenflügel, schnup­perte den Duft, der von der Gefangenen ausging und ihm ging das Herz auf. Hier roch es wie hinter seiner Döner­bude und ein hef­tiges Heimweh befiel ihn. Sein dunkel schmachtender Blick kreuzte den blauäugigen von Marie-Theres und wenn jemals zwei Seelen durch ein Augen­blinzeln zu einer verschmolzen, dann waren es die des Türken und der Verlegerin. Mit einem laut klirrenden Schwerthieb durchtrennte Rabenhorn die Kette mit dem Vorhän­geschloss, die das Gefängnis versperrte und an ihm vorbei stürz­te zu seiner Verblüffung eine ziemlich de­rangierte, aber vollkom­men unversehrte Marie-Theres und landete aufschluchzend in den starken Armen von Ömer.

‚Da wird der arme Friederbusch in der nächsten Zeit ein paar traurige Bücher abliefern‘, dachte Rabenhorn, ‚aber ein Dichter sollte ja leiden, wenn er Großes vollbringen will.‘

Seine Nackenhaare standen plötzlich zu Berge, denn er hörte ein mächtiges Grunzen hinter sich und ein Ge­räusch, als wür­de sich ein Berg erheben. Der Lärm, den er mit seinem Gewal­thieb gemacht, hatte die Aufmerksam­keit des Karlnickelkönigs erweckt, der sich nun unten am Feuer zu seiner ganzen Größe aufrichtete und donnernd mit dem Kopf gegen die Decke schlug. Oben auf dem Weihnachtsmarkt um den großen Pinkel­baum wurde durch dieses mittlere Erdbeben viel Glühwein ver­schüttet und die Brat­würste glitten aus ihren Brötchen. Überall rieselte Erde wie dün­ne Wasserfälle herab in die Höhle. Noch so eine Erschütterung und die Decke würde einstür­zen, mitsamt den Feiernden oben und allen Buden und Würstchen- und Punschständen, erkannte Rabenhorn. Das schwarze Ungeheuer ließ einen schrillen Pfiff ertö­nen. Fast gleichzeitig tauchten am Kraterrand unzählige kleine Karlnickel auf, gefährliche, scharf­zahnige und zähe Bies­ter, die sich unvermittelt mit einem Auf­schrei auf die Helden und die gerettete „Jungfer“ stürzten.

„Das wird jetzt übelst derbe, Bro“, murmelte der Esel und er sollte recht behalten:

Es wurde jetzt oberübelst, uzverdammt derbe. Was nun folgte, ging in die Annalen der Stadt Bromberg als „Die Große Schlacht in den Weihnachtshöhlen“ ein. Jeder hat sie mehr oder weniger begeistert in der Schule als Pflicht­lektüre lesen müssen und sie und die Heldentaten der Tapferen brauchen daher an dieser Stel­le nicht erneut er­zählt werden. Weniger bekannt ist vielleicht, dass die Schlacht nie einen Sänger gefunden hätte, der von ihr in seinem Heldenepos berichtete, wenn nicht Ömer Özgür, der Im­bissbudenbesitzer, den Tag gerettet hätte. Er zog eine kleine Pfei­fe hervor und blies in der höchsten Not in sie, gerade, als die Re­cken von den Massen der Karlnickel aus­sichtslos umflutet und eingekreist waren, ihr König sich schon mit stampfendem Schritt, die Bratpfanne wie eine Keule schleu­dernd, genähert hat­te. Seltsam – nichts war zu hören… und doch!

„In diesen Grenzen mit des Herrschers Ton Mord rufen und des Krieges Hunde entfesseln …,“ zitierte Ömer mal wieder sei­nen Lieblingsautor, erneut aus Julius Cäsar, wie Rabenhorn wohlwollend registrierte. „Dass diese Schand­tat auf der Erde stinke von Menschenaas, das um Bestat­tung ächzt!“

Und die Hundepfeife wirkte! Von überall kamen sie, von allen Seiten. Sie stürmten den Hang hinab, die Hunde und Esel des Krieges, die nur auf ihr Signal gewartet hat­ten: Karl-Georg, der gewaltige Dobermann, Karl-Gustl, der Berner Sennenhund, Car­los-Santana, der schwarze Pudel, Karl-Maria, der kurzbei­nige Dackel und all die an­deren Weihnachtshunde mit ihren ro­ten Mützen und den Säcken voller Hundetrockennahrung und unter ihnen Jumpin‘ Jack, Hoppin‘ Hermann, Cryin‘ Clause und Hummin‘ Henry, die Brüder von Singin‘ Sam. Ihr Kriegs­gesang erschütterte erneut die Halle und wie Haie stürzten sich die Weihnachtstiere in die Fluten der bösar­tigen Karlnickelar­mee, brachten sie zum Wanken, gar zum Zurückweichen! Es war eine entsetzliche Schlacht, der das Heldenquartett stau­nend und in letzter Sekunde glücklich gerettet wie einem ab­surden Theater­stück bei­wohnte.

Da zupfte Karl-Heinz den Rabenhorn mit der Schnauze am Är­mel.

„Haben wir nicht noch etwas zu erledigen?“, fragte er.

„Du kannst sprechen?“ Rabenhorn nickte. „Karlnickel­klar, du kannst es. Warum eigentlich auch nicht?“ Er sah hinüber zu dem Karlnickelkönig, der nun ziemlich verlas­sen vor seiner Feu­ergrube stand und mit wilden Flüchen vergeblich seine Un­tertanen zum Widerstand aufrief, der längst gebrochen war. Heillose Flucht war das Gebot der Stunde.

„Dann komm“, sagte der Held von Bromberg zu seinem treu­en Hundegefährten, hob das funkelnde, zu unser aller Glück nicht singende, sondern ungewöhnlich schweigsa­me Schwert und trat dem Monster entgegen, „retten wir Weihnachten.“ Tiefe Zuver­sicht erfüllte das heldenhafte Herz des Lektors und mit seinem ersten Hieb durchtrenn­te er bereits den Fuß des Ungeheuers. Die abgeschlagene Gliedmaße flog durch die Luft und als sie auf dem Boden landete, verwandelte sie sich in pa­nisch umherirrende, ge­geneinander rempelnde und stolpernde kleine Karlnickel.

„Das ist für Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Sies­ta Or­tega y Cuerno del Cuervo“, rief er und mit jedem Namen seines Vorfahren, den Rabenhorn rief, trieb er sein mit El Ixir behan­deltes Schwert erneut in den Bauch des Monsters. Aus dessen Wunden sprudelten kein Blutfontä­nen, sondern unzählige Karl­nickel. Der König wankte, die Bratpfanne entglitt seinen plötz­lich wieselflink davon flit­zenden Fingern, die wie der Rest seines Körpers aus sei­nen fliehenden Untertanen geformt gewe­sen wa­ren. Dann fiel er zu Boden. Rabenhorn hob ein letztes Mal sein Schwert, den gewaltigen Kopf vom Körper zu tren­nen.

„Halt ein!“, rief da plötzlich eine bekannte Stimme. Karl-Heinz, der sich in ein Organ des Karlnickelkönigs verbis­sen hatte, das in einem Märchen nicht erwähnt werden darf, und Rabenhorn wir­belten erschrocken herum. Hinter ihnen standen Karl-Nickel, der Karlnickellaus-Rumpel­stilz und der ebenfalls längst verstorbene Hubert Emanuel Kienbauer. Beide wirkten sehr lebendig. Raben­horst fühlte sich wie am Ende von Star­Wars VI.

„Halt ein, sonst wird an Ostern die Welt untergehen!“, schluchzten die beiden. „Denn wer soll den Kindern ihre Eier verstecken – etwa ein Osterhund?“
Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal er­zählt werden soll …

ENDE DES ERSTEN BUCHS
Fortsetzung folgt in
Karl-Heinz und Herbert, das Osterkarlnickel

Rabenhorn klappte sein Prüfexemplar von Karl-Heinz, der Weihnachtshund zu, legte es vorsichtig auf seinen Schreib­tisch und sah zum Panorama­fenster aus dem 8. Stockwerk hinaus. Inzwischen däm­merte es und in den Häusern un­ten in der Stadt erstrahl­ten die ersten Weihnachtsbäume. Endlich schneite es di­cke Flocken.

Obwohl der Lektor sich inzwischen mit Frieder­buschs neuestem Werk arrangiert hatte und er ein­sah, dass ein er­folgreiches Buch fortgesetzt gehörte, war er mit dem Schluss nicht ganz glücklich. Dieses Ende war besser als das originale, in dem der Autor alle Protagonisten hinge­schlachtet hatte – wahr­scheinlich waren dies die Nachwir­kungen der Tren­nung von Marie-Theres Kienbauer, die mit einem Dönerbudenbesitzer durchgebrannt war. Nein, so war das entschieden bes­ser; schließlich hatte er per­sönlich, der große Jan Phi­lipp Rabenhorn, das letzte Kapitel des Weihnachts­hundes nach Jahren der Schreib­blockade selbst verfasst. Aber irgend etwas fehlte.

Er starrte in das wirbelnde Schneegestöber vor sei­ner Fensterscheibe und sann nach. Gut, der Ge­schichte fehlte entschieden eine kluge Katze, aber die konnte er ja in eine der geplanten Fortsetzungen hin­ein schreiben. Es war et­was anderes; ein bohrendes Gefühl verblieb in ihm, dass er etwas vergessen hat­te. Sein Blick fiel auf seinen großen, zotteligen Hund, der friedlich auf dem Sisalteppich schnarchte und nun wie auf Kommando seinen Kopf hob und Ra­benhorn mit seinem geheimnisvollen, tiefen Au­gen fixierte. Da verstand er:

„Du hast recht, Karl-Heinz“, sagte er zu dem zu­stimmend nickenden Tier, „jetzt weiß ich, was ich vergaß.“

Er wand sich zu den Lesern seiner Geschichte, die ihn und den Hund aufmerksam betrachteten. Er winkte ihnen zu, winkte DIR zu. Ja, dir, meinem Le­ser, der mir bis hier­her – erstaunlich genug bei dem Blödsinn, den ich ver­zapfte -, gefolgt ist:

„Gesegnete und Glückliche Weihnachten!“

ENDE

 

 

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