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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 22)

„Wohin jetzt?“, wandte sich Gregor zurück und legte dabei einen Arm auf das Lenkrad. Greta presste ihre Hände gegen das gepolsterte Autodach, als wolle sie aus der engen Kabine ausbrechen.

„Lass uns doch mal in eine Eckkneipe fahren, aber in eine mit echten Arbeitern, mit Kommunisten und …“, sie hauchte das Wort verschämt, „… mit Nutten.“

„Mein viel geliebtes Schwesterlein, höre auf deinen um fast eine Stunde älteren Bruder, du liebreizende Unschuld, die gerne Nutten sehen will. Die echten Arbeiter liegen um diese Uhrzeit schon lange in ihren Betten, weil sie lange vor Tagesanbruch in die Fabriken müssen oder sich vor der Ausgabestelle der Stütze in die Schlange einreihen müssen. Auch die Lebedamen und ihre Beschützer schlafen längst den Schlummer der Gerechten. Jetzt treibt sich nur noch Gesindel gleich uns uf den Straßen und in den Lokalen herum. Also? Wo verprassen wir das Kapital, das unser Vater dem Proletariat entrissen hat?“

„Wie wäre es mit dem Haricot Doré?“, warf Sebastian ein, denn er merkte es Greta an, dass sie wegen der Antwort ihres Bruders vor Wut schäumte. Gregor sah ihn überrascht an.

„Woher weißt denn du vom Haricot?“, fragte er scharf. Sebastian wunderte sich ein wenig, weshalb er so unfreundlich auf seinen Vorschlag reagierte. „Hast du geplaudert, Greta?“

Seine Schwester verschränkte beleidigt die Arme.

„Ich habe Bastian das Plakat gezeigt. Die Idee dazu stammt nicht von mir. Ich meine, irgendwann muss er es ja doch erfahren. Warum dann nicht gleich heute. Diese Nacht ist dafür genauso geeignet wie irgendeine andere. Und schließlich wäre es doch ein netter Einfall, die Mädchen an ihrem letzten Abend in Berlin zu besuchen.“

„Ich weiß nicht so recht. Wir wollten uns eigentlich amüsieren. Unsere Probleme und Sorgen sind kein Frosch. Die sind morgen auch noch da; die hüpfen nicht davon. Nach der Sache, die heute Mittag vorgefallen ist, sollten wir uns ein wenig bedeckt halten und nicht in der Höhle des Löwen feiern. Vielleicht kommen wir dann etwas aus dem Epizentrum der Ereignisse heraus und die Hyänen verlieren das Interesse an uns“, zögerte Gregor. Greta beugte sich beteiligt nach vorn.

„Lüge dir doch nicht in die Tasche, goof. Die Hyänen tragen ihren Namen nicht umsonst. Nachdem sie uns einmal ausfindig gemacht ha­ben, werden sie uns auf den Fersen bleiben. Wir sind uns doch einig, dass wir unseren Plan so schnell wie möglich umsetzen sollten.“

„Geht es um Drogen?“, mischte sich Sebastian in das Gespräch der Geschwister. Er hatte ihnen atemlos zugehört. Er wechselte einen Blick mit dem schweigsamen Rudi, dem anzusehen war, dass er ebenso wenig wusste, worüber die Zwillinge sprachen. Greta ließ ihr klirrendes Lachen ertönen, mit dem sie jede ihrer Unsicherheiten überspielte. Gregor schnaubte laut durch die Nase.

„Wenn’s nur das wäre, Bastian“, sagte er. „Aber Gretel hat wahrscheinlich recht. Das soll dir allerdings alles die Ärztin erklären. Also – auf in die Goldene Bohne!“

Er legte knirschend den Gang ein und lenkte den Adler hinaus auf die Straße. Hätte einer von ihnen sich für die Dinge interessiert, die in ihrem Rücken passierten, hätte er bemerkt, dass weiter hinten zwei weitere Wägen aus ihren Parkplätzen ausscherten und ihnen mit gleichbleibendem Abstand den Kurfürsten­damm hinunter in Richtung Augsburger Straße folg­ten. Sie kamen an der zwar monumentalen fünftürmi­gen, aber auch geschmacklos neoromanischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vorbei, deren ohrenbetäu­bender Stundenschlag gerade die Wölfe im be­nachbarten Zoologischen Garten unruhig mach­te und laut jaulen ließ. Zu Sebastians schmunzelndem Vergnügen trug ausgerechnet Berlins lasterhaftester Straßenzug, der sich fast eineinhalb Kilometer vom Kurfürsten­damm bis zur Eisenacher Straße hinzog, den Namen seiner Heimatstadt. Hier gab es das berühmte Varieté Scala, schräg gegenüber das Eldorado und das Maenz‘ Bierhaus.In diesem Künst­lertreffpunkt verkehrten Schauspieler und Regis­seure und Schriftsteller wie Ernst Lubitsch und Emil Jannings, Ernst Rowohlt – dessen Verlagshaus gleich in der Nähe war – und nicht zuletzt auch Schriftsteller wie Bertolt Brecht. Der Dramatiker war der Igel im Mär­chen. So sehr sich Sebastian auch beeilte, Brecht rief ihm von überall her „Ick bün all dor!“ entgegen.

Gregor parkte in einer Seitenstraße. Direkt vor dem schlichten und unauffälligen Eingang ins Haricot, der ein paar Stufen unter dem Straßenniveau im Souterrain lag und von einem stämmigen Türsteher bewacht wurde, nahm Gregor Sebastian kurz zur Seite.

„Die Bohne ist etwas speziell – wie die Auluka-Diele etwas weiter die Straße hinunter. Sie steht aber nicht nur der Damenwelt, sondern beiden Geschlechtern offen,“ flüsterte er ihm zu. „Halte dich einfach immer an uns, das wird das Beste sein.“

„Wie soll ich das verstehen?“ Gregor winkte dem Türsteher zu, der ihn erkannte und dienstfertig zur Seite trat.

„Das wirst du schnell begreifen.“

Das Haricot, das die vier von einer Galerie über eine schmiedeeiserne Wendeltreppe erreichten, war zu dieser späten Stunde noch gut besucht und die Gespräche brummten wie ein wütender Hornissenschwarm. Der Club bestand in der Hauptsache aus zwei nicht allzu großen Räumen, die über eine breite geöffnete Flügeltüre miteinander verbunden waren. In dem einen noch leeren und ab­gedunkelten Raum standen vor einer von einem Vor­hang verschlossenen Bühne viele runde Ti­sche und Stühle, an den Wänden des kleinen Theaters befanden sich diskrete Nischenplätze und etwas er­höhte Logen. Im anderen Raum fand sich eine langgezogene Bar und eine volle Tanz­fläche. Hier spielte eine fünfköpfige Combo langsame südamerikanische Rhythmen und die Paare bewegten sich eng umschlungen. Sebastian be­merkte sogleich, was das Haricot so „speziell“ machte. Hier tanzte nur Mann mit Mann und Frau mit Frau. Er war in einem Sündenpfuhl gelandet.

Gregor und sein Freund schienen Stammgäste zu sein, denn sie wurden von allen Seiten begrüßt. Sofort waren alle von einer Gruppe von Männern umringt, die sie scherzend zum Tresen zogen, wo Greta, die ganz plötzlich nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses stand und diesen Zustand auch sichtlich genoss, die Drinks bestellte. Dann hackte sie sich bei Sebastian unter, flüsterte ihm etwas kichernd ins Ohr und erleichterte ihm dadurch etwas die Situation. Trotzdem hatte Gregor einige Mühe, den mit offenem Mund staunenden Gast aus der Provinz von der neugierigen Meute abzuschirmen, denn das neue und durchaus auch hübsche junge Gesicht erregte einiges Interesse unter seinen Bekannten. Er hatte unfreiwillig die Rolle von Greta übernommen und konnte sich vor den Aufmerksamkeiten und unverhüllt eindeutigen Komplimenten kaum retten. Die Ohren von Sebastian brannten. Er war von der Situation doch einigermaßen überfordert und  Gregor deshalb auch dankbar, als dieser unmissverständlich deutlich machte, dass Sebastian zu ihm gehörte und man ihn gefälligst in Ruhe lassen solle.

Die Musik beendete ihren Samba mit einem Tusch und mit einem Klingelsignal gingen die Lichter im anderen Saal an. Die Aufmerksam­keit wendete sich endlich von Sebastian ab und Gregor gelang es, ihn von seinen Bekannten loszueisen. Die Tänzer und die meisten Leute aus der Bar streb­ten in den Theatersaal und suchten sich Plätze an den Tischen oder oben in den Logen. Auch Greta und Rudi reservierten sich einen Tisch direkt unter der Bühne, hinter deren schweren Vorhang aus rotem Samt die Geräusche eines größeren Umbaus zu hören waren. Doch Gregor brachte Sebastian nicht zu den beiden, sondern führte ihn zu einer Seitenwand zu einer gemütlichen, im Schatten einer Säule liegenden Nische, von der man einen guten Blick auf die Bühne hatte, ohne selbst gesehen zu werden. Sebastian rutschte in eine gepolsterte Bank hinter einem Tisch, auf dem er sein Getränk abstellte und sah Gretas Bruder zweifelnd an. Gregor schmunzelte.

„Keine Sorge, ich setze mich zu den anderen. Aber du solltest besser dort im Schatten bleiben. Das ist der richtige Platz für einen Schriftsteller. Er sollte immer ein bisschen Abstand zum Geschehen haben und beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Nach der Aufführung kommen wir dann zu dir.“

[Fortsetzung am nächsten Montag]

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 21)

Die Geschwister Gere und Sebastian gaben sich alle Mühe, zumindest an diesem einen Abend nichts auszulassen, was ihnen irgendwie bedeutsam und unversäumbar erschien – wenigstens für eine einzige, schlaflos durcheilte Nacht. Und als würde die Stadt mit ihnen spielen wie eine Katze mit einer erschöpften und verwundeten Maus, begann alles langsam, in gemächlichem Schritt und endete doch in einem fiebrigen Taumel zu einer Uhrzeit, in der in Augsburg außer den Schichtarbeitern im Textilpalast und bei der MAN jedermann längst in seinem Bett lag und einem neuen Tag entgegen schlummerte.

Manchmal schloss Sebastian die Augen und die Eindrücke zogen an der Innenseite seiner Lider vorüber wie die rasanten Bildcollagen in Filmen aus Hollywood, die das rauschhafte Nachtleben im Big Apple von New York illustrieren sollten. Wahrscheinlich gab es außer der amerikanischen Metropole und Paris auf dem Erdball nur noch eine einzige Stadt, die sich und das Leben, die Jugend und die Zukunft auf diese zugleich hysterische und fanatische, besessene Weise feierte. Das war Berlin. There are many apples on the tree, but only one Big Apple, würde in dieser Nacht noch ein Jazzmusiker im Varieté Scala singen. Und hier in Berlin war der Taumel noch fieberhafter, noch atemloser als anderswo, da jedermann wusste:

Es war ein Tanz auf einem Vulkan, der in jedem Moment ausbrechen und die Stadt wie Pompeji ersticken konnte.

Dieser halb besinnungslose, halb delierende Tanz an der Klippe über dem Abgrund war eigentlich nicht das, was Sebastian in Berlin suchte: Er wollte vielmehr den Anschluss an die literarischen und künstlerischen Kreise der Stadt suchen, die die Avantgarde wie Motten das Licht anzog. Er wollte hier den einen großen Roman schreiben, seinen Alexanderplatz, seine Buddenbrocks – eben jenen Großen Gatsby, der in Deutschland noch viel zu selten besungen worden war. Wie er allerdings die Zeit dafür finden konnte, war ihm noch nicht klar. Aber Anregungen hatte er innerhalb eines Tages und einer Nacht für fünf Romane bekommen. Und diese spezielle Nacht begann eben erst!

Selbstverständlich war Sebastian übermüdet und hatte deshalb den hartnäckigen optischen Eindruck, es würden sich alle seine Erlebnisse hinter dem dicken Glas eines der Fischbecken im Berliner Aquarium abspielen, in dem er kopfüber und orientierungslos durch eine spiegelverkehrte Welt trieb. Sebastian wusste, dass ihm wahrscheinlich eine seiner seltenen Migränen bevorstand, aber er hoffte, er konnte sie zumindest für die nächsten Stunden noch hinauszögern. (Das Aquarium war übrigens auch ein Ort, den er unbedingt noch besichtigen wollte.) Die Nachtschwärmer war gerade staunend bei der Fahrt ins Zentrum an dem mit spektakulären urweltlichen Fresken geschmückten Gebäude vor dem Zoologischen Garten vorbeigekommen.

Wenigstens hatten ihn die normalen Kopfschmerzen, die ihn seit dem Morgen so hartnäckig wie eine schlechte Gewohnheit begleitet hatten, endlich verlassen. Gregor htte ihm noch vor der Abfahrt in Tegel eine von seinen Togaltabletten gegeben, deren Einnahme schon nach kurzer Zeit wahre Wunder gewirkt hatte. Zumindest nahm Sebastian an, dass es sich bei den bitteren Pillen, von denen Gregor selbst gleich eine ganze Handvoll geschluckt hatte, um das Kopfschmerzmittel gehandelt hatte. An sein Erwachen am morgigen Tag wollte Sebastian im Moment lieber nicht denken, aber jetzt war er bis auf das merkwürdige Schwindelgefühl beschwerdefrei und auch Gregor wirkte am Lenkrad seines Wagens erstaunlich nüchtern. Er kutschierte Sebastian, eine wie eine Leinwandgöttin gekleidete Greta und einen jungen Mann, den er als einen guten Freund vorgestellt hatte, sicher zum reservierten Tisch im Kempinskihaus.

Der – wie ihn Greta spöttisch bezeichnete – fag fella ihres Bruders hatte sich als „Rudi“ vorgestellt und würde den ganzen langen Abend den anderen zwar ernst und melancholisch ins Gesicht sehen, aber an keinem der Gespräch teilnehmen und ohne ein Lächeln schweigen und auf direkte Anreden nur nicken oder den Kopf schütteln. Er trug eine runde, schwarze Hornbrille und schräg in den Nacken geschoben auf dem Kopf einen dieser etwas aus der Mode geratenen Kreissägen-Strohhüte, von dem er wusste, wie hervorragend er ihm stand. Deshalb nahm er ihn auch beim Tanzen oder wenn er sich die Hände waschen ging nicht ab. Sebastian konnte ihn einfach nicht ernst nehmen, denn er erinnerte ihn stark an einen amerikanischen Filmkomiker, dessen Name – Harold Lloyd – ihm erst nach einer ganzen Weile einfiel. Dabei hatte er eine von dessen Eskapaden erst kürzlich im neu eröffneten Emelka-Palast in Augsburg gesehen – übrigens einem Lichtspielhaus, das in Größe und Ausstattung denen in Berlin kaum nachstand.

Doch dann fiel es Sebastian wie Schuppen von den Augen: Rudi kopierte nicht nur Lloyds Aussehen, sondern auch exakt bis in die Gestik und Mimik hinein. Vielleicht blieb er darum genauso stumm wie sein Schauspielervorbild auf der Leinwand. Von diesem Moment an gelang es ihm nicht mehr, den milchbubihaften jungen Mann ohne Grinsen anzusehen und er musste sich jedes Mal zusammennehmen, um nicht lauthals zu lachen, wenn dieser ihn mit einem schmachtenden Blick durch seine stark vergrößernden Brillengläser bedachte.

Nach dem Abendessen im Restaurant Rheintal suchten die vier gleich in der Nähe vom Haus Vaterland wahrscheinlich zu Ehren ihres Gastes ein „Original Münchener Bierlokal“ auf, in dem allerdings lauwarmes und bitteres Berliner-Kindl-Pils in kleinen Gläsern ausgeschenkt wurde, eine hellbraune Brühe, mit der man in Augsburg nicht einmal die Geranien gegossen hätte. Der Gast aus Bayern wunderte sich doch ziemlich, was man hier unter einer Brezel, einem Paar Weißwürste und einem gesalzenen Radi verstand. Angeekelt schob er die Verbrechen an der süddeutschen Esskultur zur Seite und sah den anderen zu, die es sich tatsächlich schmecken ließen, obwohl sie gerade von einem nicht allzu schmackhaften, aber üppigen Sauerbraten mit Kartoffelstampf kamen. Sebastian bezweifelte in diesem Moment ernsthaft, ob er irgendwann in Berlin noch einmal etwas Vernünftiges zum Essen bekommen würde. Das die römische Kultur niemals bis Preußen gelangt war, spürte man hier besonders schmerzhaft. Jetzt konnte er sich gut erklären, warum es das Gerücht über Bertolt Brecht gab, er habe eine schwäbische Haushälterin, die ihm Spätzle koche und er sich sich sein Riegele-Bier nach Berlin hinterher schicken lassen würde. Während sich die drei Männer zurückhielten, schüttete Greta ganz erstaunliche Mengen Bier hinunter. Gleichzeitig gelang es ihr, fast allein das komplette, munter sprudelnde Gespräch zu bestreiten. Sogar nach ihrem sechsten Glas wurde ihre Stimme keineswegs schleppender oder ihre Aussprache verwaschener. Der Gast aus Bayern fragte sich, ob überhaupt Alkohol in einem Berliner Kindl war. Worüber Greta so unterhaltsam und eloquent sprach, daran würde sich Sebastian später nicht mehr erinnern; sie plapperte entzückenden nonsense, der in dem Moment, in dem er ihr über die Lippen kam, interessant und wichtig klang, aber eine platzende Schaumblase ihres Bieres danach wieder vergessen war. Gregor und Sebastian konnten nur wenig zu ihrem Monolog beitragen und zuckten bereits halb eingedöst erschrocken in die Höhe, als Greta ihr siebtes leeres Glas auf den Tisch knallte.

„Jetzt will ich tanzen. Komm, Großer, fahr uns alle ins Luna-Ballhaus.“

Dem dann anschließend das Varieté Scala und die Kakadu-Bar folgten, wo man allerdings nur kurz auf einen blieb, weil es dort so boring war. Es war schon weit nach Mitternacht, als die vier wieder im Auto vor dem Berliner Tanzpalast saßen. Es war schon weit nach Mitternacht, als die vier wieder im Auto vor dem Tanzpalast saßen. Ein kalter Niesel fiel aus niedrig hängenden Wolken und gefror sofort auf dem Glas der beschlagenen Scheiben. Die Lichter der Stadt glänzten wie Edelsteine. Bald würde der leichte Regen in Schnee übergehen und die schneidend kalte Nachtluft der Januarnacht drang ins Innere des Wagens und brachte alle zum Zähneklappern, während Gregor den Motor des geräumigen Adler Standard 8 nach mehreren Versuchen stolpernd zum Laufen brachte.

„Wohin jetzt?“, wandte er sich zurück und legte einen Arm auf das Lenkrad.

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 20)

Sebastians Respekt wuchs. Wie elegant und intelligent sie ihre Worte wählte, wie gebildet sie formulierte. Allerdings fragte er sich kurz, wie er ihre letzte Bemerkung verstehen sollte. Pagen? Was meinte sie mit dieser sonderbaren Bezeichnung für ihre Familie? Waren Pagen im Mittelalter nicht junge, adlige Bedienstete von Fürsten gewesen? Er beugte sich vor.

„Ich stimme Ihnen vorbehaltlos zu. Verzeihen Sie mir, wenn ich offen spreche, aber wir kommen doch alle gleich nackt und blutig auf die Welt. Uns unterscheidet allein das Soziale und nicht die Farbe der Haut oder die Form unserer Nasen,“ erwiderte Sebastian leidenschaftlich. Frau Gere überging seinen Einwurf nachsichtig.

„Ach, Sie sind noch so jung, mein Lieber! In Ihrem Alter wird wohl jedes Gespräch zum Manifest – da ist Politik noch Herzenssache. Bewahren Sie sich diesen Enthusiasmus. Er wird Ihnen in den Zeitläuften helfen, die vor Ihnen liegen. Deshalb wollte ich mich eigentlich mit Ihnen so bald als möglich treffen: Ich möchte Sie warnen. Ihnen steht ein außergewöhnliches Schicksal bevor. Nennen Sie mich meinetwegen eine Hexe; vielleicht besitze ich die Macht des zweiten Gesichts – eine Gabe übrigens, die in dieser Familie auf der weiblichen Linie weit verbreitet ist. Oder wenn sie nüchterner denken, dann glauben Sie einfach, dass mich meine nervöse Krankheit hellsichtig gemacht hat und ich manchmal Nachrichten aus der Geisterwelt empfange: Auf jeden Fall sehe ich für Sie ein ganz außerordentliches Schicksal voraus, dessen Tragweite und Bedeutung für die Welt Sie sich überhaupt noch nicht vorstellen können. Aber fürchten Sie sich nicht, denn das Entsetzliche in Ihrer Zukunft wird auch viel Süße und glückliche Momente mit sich bringen – wie bei jedem von uns. Alles ist nur ein wenig … intensiver. Die Hand, die nimmt, gibt auch reichlich. Ich kann sie versichern.“

Frau Gere verstummte und wartete offenbar auf eine Entgegnung von Sebastian, der sie anstarrte und darüber vergessen hatte, seinen Mund zu schließen. Er blinzelte und sah sich vorsichtig um. Die zwei Kerzen auf dem Tisch blakten und rußten. Ihr Docht gehörte geschnitten. Doch der Rest des Zimmers war grotesk weit von der Bude einer Jahrmarkt-Wahrsagerin entfernt. Frau Gere hatte trotz ihrer behaupteten sephardischen Herkunft nichts mit einer heißblütigen, dunkelhäutigen Zigeunerin oder einer Chiromantin gemein.

Sebastian hustete verlegen in seine Handflächen und verbarg auf diese Weise die Lachlust,die ihm über die Lippen sprang. Ihm gelang es nicht, diesen Augenblick ernst zu nehmen. Dies musste alles der überhitzten Fantasie ihrer Nervenkrankheit entspringen. Eben hatte sie doch noch so klug gesprochen! Was hatte diesen Umschwung bewirkt? Frau Gere war ganz offensichtlich geistesgestört und der Doktor Kurtzweil hatte recht gehabt: Sie war in der psychiatrischen Obhut der Charité besser aufgehoben als in ihrer Familie, in der eigentlich alle etwas sonderbar waren. War sie unter Umständen gefährlich? Würde sie jetzt gleich mit dem stumpfen Messerchen mit Bambusgriff, das mit ein paar Äpfeln in der Obstschale auf dem Tisch zwischen ihnen lag, über Sebastian herfallen und versuchen, ihm die Augen auszustechen?

Als ob sie seine Gedanken lesen könne – und von ihrem verschrobenen Standpunkt konnte sie das ja auch – beugte sie ihren langen Oberkörper ebenfalls nach vorne und zum Tisch hin, schob die Obstschale achtlos zur Seite und legte einen ihrer Unterarme mit den Schmuckreifen gewichtig klirrend auf die Glasplatte. Mit der anderen Hand deutete sie auf ein breites, aus Leder und braunem Horn gefertigtes Armband, auf dem eine kreisrunde bronzende Medaille befestigt war. In sie hatte man ein Pentagramm einprägt, in dessen Mitte sich ein aus fünf Perlen geformtes Kreuz befand.

„Erkennst du das?“, fragte Frau Gere lauernd.

„Ich habe dieses merkwürdige Symbol heute schon zweimal gesehen, aber ich weiß nicht, wofür es steht. Hat es etwas mit den Freimaurern zu tun?“

„Ja und nein. Wir haben vorhin von den guten Menschen gesprochen. Der fünfzackige Stern ist ihr Erkennungszeichen und Perlen in der Mitte stehen für die fünf Wahrheiten der Pagen.Bei Matthäus steht: „Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, damit die sie nicht zertreten mit ihren Füßen und sich umwenden und euch zerreißen.“ Eine von uns hat dieses Symbol in einem alten Buch über Geheime Gesellschaften gefunden und fand es für uns passend. Es war einmal ein Zeichen des sogenannten Alten Bundes und wurde angeblich auch von den berüchtigten Illuminaten benutzt. Aber mit beiden haben wir nichts zu tun. Ich glaube auch, dass es diese jahrhundertealten Geheimzirkel heute gar nicht mehr gibt.“

Alter Bund? Illuminaten? Das wurde ja immer toller! Was war denn das bloß für eine irrsinnige Gedankenwelt, in den ihn Frau Gere hineinzog? Sebastian wollte die Geisteskranke eigentlich nicht weiter in ihrem Wahn bestätigen, aber die Neugierde des Schriftstellers ließ ihn doch eine Frage stellen; eine für die einhundert Fragen, die ihm auf der Zunge lagen:
„Was sind denn die Fünf Wahrheiten?“

Frau Gere berührte mit der Fingerspitze vorsichtig die erste Perle, dann auf die nächste. Sie zählte sie auf diese Weise ab wie eine katholische Bäuerin vor der Abendmesse ihren Rosenkranz.

„Eins: Alles ist anders. Was euch auch erzählt wurde von euren Vätern, es ist eine Lüge. Zwei: Die Frau entstammt dem Schoß der Erde, der Mann den Wolken im Himmel. Drei …“

Sebastian sollte die anderen Wahrheiten nicht mehr erfahren, denn Gregor kam zur Tür herein gestolpert, die er vorher ungestüm aufgestoßen hatte. Er verursachte dabei einen Höllenlärm, weil sie mit gehörigem Schwung gegen die Vitrine mit dem wertvollen Geschirr schlug. Die beiden nahe einander zugeneigten Sitzenden fuhren wie zwei ertappte Verschwörer erschrocken in die Höhe. Hoffentlich versteht Gregor die Situation nicht falsch, dachte Sebastian. Aber ein Blick auf den unsicher Hereintappenden beruhigte ihn. Gregor war das Pikante der Situation nicht bewusst. Er sah durch seine Mutter hindurch, als wäre sie überhaupt nicht im Zimmer.

„Hier steckst du also“, wandte er sich an Sebastian und runzelte die Stirn. „Ich habe dich schon im ganzen Haus gesucht.“

Der Bruder von Greta hatte ich umgezogen und trug einen eng geschnittenen dreiteiligen Frack mit übertrieben weit ausgestellten Hosen. Allerdings ging er weiterhin auf Strümpfen. Er trat einen unsicheren Schritt in den Raum. Offenbar hatte er schon wieder getrunken.

Im Haus Vaterland isst man gründlich, hier gewitterts stündlich“, zitierte er den Werbespruch für eine Wettersimulation des Restaurants Rheinterrasse im Kempinskihaus, wo in einer nachgebauten Rheintallandschaft stündlich das Licht gedimmt und Wolkenbrüche mit Blitz und Donner über die Gäste hereinzubrechen drohten. Gregor machte eine ungeduldige Handbewegung.

„Die halten unsern Tisch nicht ewig frei. Auf, auf, die Sonne ist untergegangen – das Leben der Nacht beginnt.“

Sebastian sah entschuldigend zu Frau Gere, die sich gelassen wieder aufrichtete.

„Wenn Sie mich entschuldigen würden …“

Sie nickte langsam und bedachte ihn mit einem verschleierten, seltsamen Blick.

„So jung“, murmelte sie, „solch ein Schicksal.“

Berlin! Sebastian erkannte immer deutlicher, was diese zwei Silben für ihn bedeuteten. Sie waren für einen Künstler wie ihn, der an jeder noch so zweifelhaften Blüte verzweifelt nach dem Nektar der Inspiration suchte, Honigtopf und Venusfliegenfalle zugleich. Diese Stadt war ein rauschhafter Taumel, eine Jagd, die niemals endet und keine Erschöpfung oder Pause kennt: Sie war niemals gestern. Bevor der Staub der Ereignisse sich setzen konnte, wurde er bereits an einem anderen Ort aufgewirbelt.

Lichter, Tanz, Gesichter, funkelnde Champagnerperlen, das Lächeln schöner, geheimnisvoller Frauen, alles begleitet von einer Musik, von der der junge Mann nicht einmal geahnt hatte, dass es sie überhaupt geben könnte: Dies war alles eingefangen in dem Bernstein einer einzigen Nacht.

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 19)

Was Sebastian nicht wusste, denn sonst wäre sein Auftreten ein Stück weit weniger selbstbewusst gewesen: Von hier aus regierte Frau Gere ihre Familie und den Haushalt. Hierher wurden ihr Mann und ihre Kinder befohlen, wenn sie Ärger gemacht hatten. Dieses Zimmer war der Thronsaal der Hausherrin, die als graue Eminenz wesentlich mehr Einfluss hatte und Fäden in der Hand hielt, als es sich der junge Mann aus der bayerischen Provinz vorstellen konnte.

Hatte er am Vormittag das Gefühl gehabt, in das Boudoire einer Gesellschaftsdame aus der Belle Epoque zu treten und der letzten Vertreterin dieser längst ausgestorben geglaubten Urweltart, die Dumas d. J. und Marcel Proust wie Entomologen ihre Käfer beschrieben hatten, so trat er nun in die schlichte, schnörkellose Zukunft des Wohnens. Sebastian fühlte sich, als wäre er durch einen Hintereingang in die Pariser Ausstellung der „Arts Decorative“ geraten. Noch deutlicher als im Speisezimmer im Erdgeschoss herrschten hier geschmackvolles Understatement, klare Linien und kompromissloses Dessin vor. Die augenfällige kubistische, Musikinstrumente darstellende, Collage an der kahlen Wand über dem schlichten Kaminsims schien ein Original von Picasso oder von Georges Braque zu sein – Sebastian konnte die Werke der beiden Maler einfach nicht auseinanderhalten – oder es war zumindest eine täuschend echt wirkende Nachahmung.

Die Stühle und das Sofa vor dem Fenster waren aus verchromten Gestänge und schwarzen Lederbändern hergestellt, dazu kamen ein ovaler Glastisch, auf dem zwei Kerzen brannten und eine Obstschale aus Muranoglas stand, eine Vitrine, in der Bauhausgeschirr ausgestellt wurde, eine Vitrine, in der Bauhausgeschirr stand und ein kugelrunder, geflochtener Lampenschirm. Er hing an kühn geschwungenen Aluminiumrohren von der Decke und leuchtete das Zimmer aus. Dieser Stil würde in Augsburg erst in zweitausend Jahren Mode werden – wenn überhaupt jemals.

Die Dame des Hauses hatte sich wirklich Mühe gegeben und sich perfekt ihrer neuen Umgebung angepasst. Wie hingegossen saß sie hoheitsvoll mitten auf dem Sofa – ihrem Thronsitz – und hatte ihre Beine elegant zur Seite angewinkelt; aber der Oberkörper war gerade und aufrecht durchgestreckt. War sie Sebastian am Vormittag noch recht unförmig in ihr Schlafgewand und ihre Decken gewickelt erschienen, so wirkte sie nun schlank und hoch, grazil wie eine Gazelle, edel wie eine wertvolle Orchideenblüte.

Frau Gere trug ein tailleloses, knapp unter den Knien endendes, pailettiertes Cocktailkleid, dazu hohe, offene Schuhe und hatte um ihren schwanenweißen und schwanendünnen langen Hals mehrmals eine endlos lange Perlenkette gewickelt. Im Haar ihrer asymmetrisch geschnittenen und nachtschwarz glänzenden Kurzhaarperücke glitzerte ein kleines Diadem. Insgesamt war nichts mehr von der kränkelnden Hausfrau zu erkennen, die Sebastian empfangen hatte. Er fühlte sich wie eine Romanfigur von Fontane, die zur blauen Stunde eine Verabredung mit einer Dame der Guten Gesellschaft hatte.

Welch ein meilenbreiter Spalt klaffte zwischen der Frau des Ingenieurs und seiner eigenen biederen Mutter, die sich für Augsburger Verhältnisse in vergleichbaren gesellschaftlichen Kreisen bewegte und sicherlich nicht älter als Frau Gere war. Diese sah übrigens weiterhin kränklich und blutleer aus – tuberkulös –, aber um mindestens zehn Jahre jünger und attraktiver als Sebastians Mutter. Es war nun deutlich erkennbar, dass die hübsche Greta ihre Tochter war. Aber trotz aller Bemühungen sahen Frau Geres dunkle, nicht überschminkbare Augenränder im ersten Moment wie eine Brille aus, die sie sich zum Lesen aufgesetzt hatte. Sie sprachen deutlich von ihrer Erschöpfung und dem schweren seelischen Leiden, das ihren Mann so verzweifeln ließ, dass er sein Heil nicht mehr in der Schulmedizin, sondern bei Scharlatanen und Kurpfuschern suchte.

„Sie wollten mich sprechen? Schön zu sehen, dass es Ihnen wieder besser geht.“

Frau Gere machte die gnädige Geste einer Königin, die ihr Volk empfängt. Sebastian setzte sich auf einen der Stühle beim niedrigen Glastisch. So chique sie auch aussahen, so unbequem waren sie. Er entschied sich, ganz nach vorn zu rutschen und wusste nicht recht, was er mit seinen Armen anfangen sollte. Offenbar benötigten die Möbel des 20. Jahrhunderts einen an sie angepassten, von der Evolution veränderten Menschentypus. Die Möbelfabrikanten und Architekten arbeiteten längst an einer schönen, neuen und in der Hauptsache durchsichtigen Welt, wie sie der hellsichtige Jewgeni Samjatin in seinem Roman Wir bereits vor zehn Jahren beschrieben hatte. Ob die Wirkung beabsichtigt war oder nicht: Sebastian fühlte sich wie ein armer Sünder in einem gläsernen Beichtstuhl.

Die Dame des Hauses saß wesentlich eleganter und entspannter auf ihrem Ledersofa. Sie legte ihre Arme übereinander und tippte mit den Fingerspitzen. Dabei schepperten die breiten Armbänder an den Handgelenken im Takt gegeneinander. Sie schob sie immer wieder hoch zum Ellenbogen, aber die dünnen Unterarme gaben den Reifen keinen Halt und sie rutschten wieder zurück, klapperten weiter. Dies war die einzige während des kurzen Gesprächs unermüdlich wiederholte Geste, die an ihr nervöses Leiden erinnerte.

„Ich vermute, Sie konnten sich bereits ein wenig einleben“, eröffnete sie, „ich wäre stolz, wenn Sie sich hier in unserem Zuhause heimisch fühlen würden. Fehlt was? Soll Clara etwas für sie besorgen?“

Sebastian verneinte. Ihm war unbehaglich zumute. Hatte ihr Mann ihr verschwiegen, was im Lauf des Tages im Haus passiert war und er den ungeliebten Gast lieber heute als morgen verabschiedet hätte?

„Sie haben inzwischen alle kennengelernt“, fragte ihn Frau Gere weiter aus, „Ich hoffe, der Eindruck war günstig. Wissen Sie, meine Familie ist ein wenig … besonders. Finden Sie nicht auch?“

„Sie meinen, weil Sie Juden sind?“

Sebastians altes Leiden: Sein Mund sprach, bevor sein Gehirn dachte. Was ist das nur für eine dumme, patzige Frage, die mir da entkommen ist, schalt er sich und hätte sich dafür am liebsten selbst aufs Maul gegeben. Doch seine Wangen brannten auch ohne diese Tat feuerrot. Frau Gere hörte überrascht damit auf, ihre Colliers vom Handgelenk zu den Ellenbogen zu schieben.

„Nun,“ erwiderte sie maliziös lächelnd, „das meinte ich nicht gerade. Wissen Sie, wir sind nicht religiös – zumindest nicht auf die herkömmliche Weise. Der Stammbaum der Geres – ursprünglich Gersons – reicht weit zurück bis ins ausgehende Mittelalter, wahrscheinlich wesentlich weiter als der Ihre. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass meine Familie etwas ganz besonderes ist. Unsere Vorfahren waren Sephardim, von denen ein Teil nach Südamerika, ein anderer – der heute in Berlin ansässige – nach Holland und anschließend nach Hamburg auswanderte, als er 1531 von der Inquisition aus Spanien vertrieben wurde. Flucht oder Tod, hieß es. Das ist eine Geschichte, die sich immer und überall wiederholt, wo sich eine Religion mit den Mächtigen verbündet. Wir Geres fühlen uns schon so lange als Deutsche, dass es uns immer wieder erstaunt, wenn uns jemand – zumeist in böswilliger Absicht – unsere Angehörigkeit zum jüdischen Volk vorwirft. Was auch immer daran anstößig sein soll.“

Das war eine Standpauke und Sebastian hatte sie verdient. Er merkte, dass Frau Gere diese Rede schon ein paar Mal gehalten hatte und er beeilte sich, sich für sein vorlautes Mundwerk zu entschuldigen. Sie machte eine klappernde und wegwerfende Handbewegung.

„Mein Gott, wenn man diesen Nazis glauben will, dann sind wir allein an allem Unglück auf dieser Welt schuld! Sie werden mir doch keiner von diesen albernen Spintisierern sein? “

„Aber nein, ich versichere Sie! Ganz im Gegenteil.“

Sebastian hielt es nicht für angebracht, seine tatsächliche politische Meinung in diesem gutbürgerlichen Haus kundzutun, aber mit dieser merkwürdigen Splitterpartei voller dumpfer Vorurteile und einer mehr als absonderlichen Ideologie, die sich in der letzten Zeit auch in Bayern so wichtig machte, wollte er auf keinen Fall in einen Hut geworfen werden.

„Das Gegenteil“, schmunzelte Frau Gere, „was ist das Gegenteil eines Nazis? Ein guter Mensch, will mir schienen und das wollen wir doch alle sein – gute Menschen. Doch genug von der enervierenden Politik. Das ist ein Gesprächsthema, das in den Rauchsalon meines Mannes, aber nicht hierher passt. Als ich eben sagte, dass meine Familie sei besonders, meinte ich nicht unsere Zugehörigkeit zu einer Rasse, die doch nur ein Spiel des Zufalls und kein Schicksal, vor allem kein prägendes Merkmal eines Menschen ist. Wir sind Pagen, das ist das einzige, das zählt.“

[Fortsetzung am nächsten Montag]

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Sommer, Sonne, Urlaub – Blogpause

Je länger dieser etwas unbeständige, aber herrliche Sommer andauert, umso weniger Lust verspüre ich, mich in mein stickiges Autoren-Kämmerchen zurückzuziehen und für meinen Blog Glossen und Artikel zu schreiben. Und ich habe den Eindruck, meine Freunde und Follower haben auch kaum Lust, meine Kopfgeburten zu lesen, denn im Sommer ist man mehr (schwitzender) Körper als Geist. Literatur passt besser zum Herbst und zum Winter. Deshalb ist es wie in jedem Jahr im Juli für mich an der Zeit, mich ein, zwei Monate im Internet ein wenig rar zu machen und ich werde mir meinen alljährlichen Sommerurlaub gönnen.

Ich will in den nächsten Wochen mit Frau Klammerle gemeinsam viel wandern, mit ihr Ausflüge machen, Freunde besuchen und irgendwo in den Hügeln im Hintergrund des obigen Fotos auf der Terrasse vor unserem diesjährigen Feriendomizil unter einer Pinie mit einem Glas Chianti in der Hand sitzen und träumend zusehen, wie sich die Welt auch ohne mich dreht. (Seht ihr mich auf dem Foto unten, rechts im Hintergrund? Ich winke.)

Übrigens werde ich auch den 2. Teil meines Geltsamer-Romans druckfertig machen, den ich trotz meiner Sommerpause hier weiter häppchenweise vorveröffentlichen werde. Er wird dann im Herbst, wenn ich erholt und voller neuer Ideen (hoffentlich) wieder in die heimatlichen Gefilde zurückkehre, im Buchhandel erscheinen.

Wenn man mich bis dahin vermisst: Meine Bücher, die es überall im Buchhandel als E-Book oder als Taschenbuch günstig zu kaufen gibt, sind eine ideale und unterhaltsame Sommerlektüre, egal man sie ob auf dem Balkon, am Strand oder auf einer Berghütte liest. Ich würde mich freuen. Und ein kleines Feriengeschenk habe ich noch:

Meine drei E-Books sind vom 25. Juli bis zum 6. August 2017 bei allen Buchhändlern zum Sonderpreis von 0,99 € erhältlich.
Wer jetzt nicht zuschlägt, ist selbst schuld.

Im September melde ich mich dann wieder.

Habt eine schöne Zeit bis dahin,

Euer Nikolaus

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„Noch einmal davon gekommen“ – Leseprobe II

Das Lied des Weckers

Wir haben es also gesehen: An den Wochentagen, an denen ich vor 06:00 Uhr aufstehen muss, herrscht Ausnahmezustand und wenn ich mich nicht am Griff meiner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich beim Frühstücken vom Stuhl. Der frühe Morgen zwingt mich also zu widernatürlichen, abartigen Handlungen, die meiner ganzen Persönlichkeit, meiner Weltanschauung und meiner Ethik widerspricht. Da ich gerne mit meiner humanistischen Bildung angebe, will ich es mit den Worten meines geschätzten Kollegen Torquato Tasso sagen, die ihm Goethe im gleichnamigen Drama in den Mund gelegt hat:

So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja, zu sein, wie jene, die wir kühn und stolz verachten konnten.

Deshalb habe ich mich entschlossen, an diesen Frühaufsteh-Tagen nicht mehr zu schreiben. Die Weltkultur und die Menschheit im Allgemeinen werden es wahrscheinlich überleben, wenn ich ein- oder zweimal in der Woche nicht blogge, nicht an meinen, ach, so bedeutenden Romanen und essayistischen Ergüssen schrei­be – und übrigens halb schlafwandelnd auch in der Arbeit nur Mist mache.

Meine Sorge ist eine ganz andere: Es ist das pünktliche Aufwachen, um rechtzeitig in der Arbeit zu sein. Ich bin im Besitz einer gut funktionierenden inneren Uhr, aber gerade in den frühen Morgenstunden versagt sie gerne. Die wunderbare Frau Klammerle (meine liebe, treusorgende und geduldige Gattin, die ich nun zum ersten, aber bestimmt nicht zum letzten Mal auf diesen Seiten erwähne), die als pflichteifrige Kran­kenschwester jeden Tag zu den unmöglichsten Zeiten aufstehen muss, mal vor 05:00 Uhr zum Frühdienst, am nächsten Tag zum Spätdienst, dann zum Zwischen­dienst, und anschließend mal wieder still vergnügt ein paar Nächte lang durcharbeitet, bringt freilich absolut kein Verständ­nis für mein oben geschildertes Problem auf1.

Es geht ihr auch viel schlimmer als mir: Obwohl sie noch nie zu spät zur Arbeit kam, ist sie anerkannte Weltmeisterin im Tief­-, Lang- und Vor-dem-Fernseher-Schlafen und steht als solche auch unangefochten im Guinnessbuch der Rekorde. Ach, wie oft fiel ihr schon ein dicker Frauenroman beim Lesen im Bett nach der ersten schmalzigen Seite aus der ermüdeten Hand und aufs Gesicht!2

Daher brauchen wir beide dringend jeder persönlich einen eigenen Wecker auf dem Nachttisch mit den privaten, täglich wech­selnden Weckzeiten. Und damit beginnt das eigentliche Ärgernis und zwar nicht nur Freitags oder Montags, sondern jeden dum­men Alltagsmorgen, den uns der Herr in seiner grenzen­losen Güte noch schenken will, bis wir einstmals das Rentenalter erreichen.

*

Es folgen nun ein paar Auszüge aus dem Tagebuch der Familie Klammer:

Montag, 11. September 20**,
04:43 Uhr morgens

Ruhe herrscht im Hause Klammer, alles schläft. Allein Amy, die Katze3, hebt einmal kurz ihren Kopf von ihrer Ruhedecke zu den Füßen von Frau Klammerle. Das treue Tier öffnet nicht einmal die Augen, schnuppert nur einmal in die Luft, lauscht den gleichmäßigen Atemzügen, die von der rechten Bettseite etwas lauter rasseln. Amy, die Katze, hat ein gutes Ge­fühl für Stimmungen. Sie weiß, es liegt etwas in der Luft. Trotzdem schmiegt sie sich wieder in ihre ausge­streckten Pfoten und lächelt im Katzenschlummer.

Der digitale Funkwecker von Frau Klammerle ist auf die Weckzeit von 04:45 Uhr eingestellt, sie hat Früh­dienst. Mein Wecker, ebenfalls eines dieser digitalen Teile, die einem die Supermärkte, Drogerien und Kaffee­geschäfte billig hinterher schmeißen, soll erst eine Stun­de später läuten, immer noch zu früh, aber immerhin kann ich ja noch eine ganze Stunde schlafen. Noch 2 Mi­nuten, bis das Schicksal zuschlägt …

Frau Klammerles Uhr erreicht den Weck-Zeitpunkt. An­statt enervierend zu piepsen, knackt sie nur kurz. Ein leises Geräusch, das außer der Katze, die es nicht weiter interessiert, von niemandem gehört wird. Das Ehepaar Klammerle ruht ungestört weiter. Amy, die Katze, hat jedoch eine perfekt funktionierende innere Uhr, weshalb sie fünfzehn Minuten später Appetit auf einen kleinen Früh­stückssnack bekommt. Deshalb erhebt sie sich aus ihrer Decke, reckt und streckt sich, gähnt einmal herzhaft und trottet gemütlich hinauf zum Kopfende, wo Frau Klammerle noch immer von angenehmen und wie üblich vollkommen harmlosen Dingen träumt. Amys Weckmethode ist etwas weniger subtil als das knappe Klacken des kaputten Weckers: Sie schlägt ihr mit der Pfote auf die Nase und ruft auf kätzisch:

Guten Morgen- ich habe Hunger!“, was sich ungefähr wie „Brr – mau!“, anhört.

Frau Klammerle steht im Bett, ihr Herz pocht. Ein Blick auf ihren Wecker zeigt ihr, dass sie viel zu spät dran ist. Mit einem Auf­schrei stürzt sie ins Bad, ohne sich weiter um die Katze zu kümmern. Diese ist nur kurz beleidigt, dann ent­scheidet sie, dass es ja noch einen zweiten Menschen gibt, der sie zu ihrem Fressnapf geleiten und denselben mit Trockenfutter und Leckerli füllen kann. Auch ich werde mit einem liebevoll kräftigen Schlag auf die Nase ge­weckt.

Brr – mau!“

Und bin deshalb eine Stunde zu früh wach. Eine Entscheidung muss her.

Morgen kaufe ich für Frau Klammerle einen neu­en Wecker beim Billigdrogeriemarkt im Dorf. Die alte Uhr, die zwar immer noch – von einer Atomuhr funkgesteuert – sekundengenau die Zeit anzeigt, aber eben nicht mehr weckt, landet in mei­nem Arbeitszimmer. Einen Nachmittag lang beschäftige ich mich, Frau Klammerle zu erklären, wie der neue Wecker funktioniert. Einstellen der Alarmzeit, Schlummertaste usw. Warum sind diese Tasten bei Funkuhren immer so klein und fummelig, so ungünstig wie möglich hinten am Gerät angebracht und warum muss man mindestens zweimal konzentriert drücken, um den Wecker auszuschalten? Da muss Methode dahinter sein …

*

Montag, 18. September 20**,
04:45 Uhr morgens

Wieder hat Frau Klammerle Frühdienst. Und der neue Wecker funktioniert! Ein unerträglich lautes Piepsen er­tönt. Amy, die Katze, flüchtet unter das Bett, auf dem Herr und Frau Klammerle mit pochenden Herzen stehen. Frau Klammerle schnappt sich das plärrende Teil.

Wie schal­tet man das Ding aus?“, ruft sie verzweifelt und drückt alle Tasten, die auf der Rückseite sind. Tatsächlich herrscht plötzlich Ruhe. Sie stellt den Wecker zufrieden zurück aufs Nachtkästchen und trollt sich ins Bad. Nachdem sich mein Puls wieder beruhigt hat, sinke ich zurück in meine warmen Kissen, ich darf ja noch eine Stunde schlafen. Ein wunderbarer Traum muss noch weiter geträumt werden und tatsächlich gelingt mir das seltene Kunststück, wieder in ihn hinein zu finden und tiefer ins Wunderland zu fliegen. Da geht Frau Klam­merles Wecker erneut los. Ich schrecke hoch, schnappe mir das Teil und drücke alle Tasten, die auf der Rücksei­te sind. Mir gelingt es nicht, die richtige, die den Lärm stoppt, zu finden. Also entferne ich die Batterien. Ruhe. Aber jetzt sind Schlaf und wunderbarer Traum endgül­tig geflohen und ich liege eine Stunde wach, bis meine treue Uhr sich pflichtbewusst meldet.

Am nächsten Tag landet der Wecker, der zwar funktio­niert, aber für uns viel zu kompliziert ist, in einer Schublade im Arbeitszimmer, wo er weiterhin ab 04:45 Uhr morgens zehn Minuten lang vor sich hin plärrt, aber niemanden mehr stört.

*

Montag, 25. September 20**,
04:45 Uhr morgens

Nein, du kaufst heute keinen neuen Wecker. Ich habe eine bessere Idee“, erklärte mir vorgestern meine Frau, als ich mich beim Einkaufen in der Uhrenabteilung herum trieb.

Denn sie hat eben mit der Post ihr neues Smartphone erhalten und spielt verliebt mit dem komplexen Gerät, dessen Funktio­nen sie niemals alle verstehen wird und wohl auch nicht will. Aber das mit der Weckfunktion hat sie sich genauestens vom technikaffinen Sohn Nr. 24 erklären und vorführen las­sen. Als Erzieher für verhaltensauffällige Jugendliche kennt er die besten Lern­methoden und hat seine Mutter diese App auch einmal selbst ausprobie­ren lassen. Sie stellt mit ihm gemeinsam die Weckzeit ein, sucht sich einen besonders ätzenden Weckton – Harry Belafonte, Banana Boat Song – aus und schlummert nun gelassen ihrem Frühdienst entge­gen.

Day-o, day-o! Daylight come and me wan‘ go home …“

Das Smartphone ist pünktlich und macht seine Arbeit. Amy, die Katze, flüchtet un­ters Bett, Herr und Frau Klammer stehen mit pochen­dem Herzschlag in ihrem Bett. Freilich lässt sich auch dieses Gerät nicht so einfach ausschalten, der Touch­screen mit seinen winzigen Icons ist für frühmorgend­lich tastende, noch bettwarme Finger zu klein und irgendwie hat Frau Klammerle auch wieder vergessen, wie das Ausschalten des Alarms funktioniert. Gestern ging es doch noch so einfach!

Doch dann schweigt das Teil plötz­lich. Sie nimmt vorsorglich ihr Telefon mit hinaus, schließt fürsorglich die Schlafzimmertür und legt das Handy in den Gang, stellt sich erst einmal zur Beruhigung unter die Dusche. Ich sinke zurück in meine Pfühle, schlafe wieder ein. Von draußen dringt erneut Harry Belafonte an mein Ohr, langsam lauter und drohender werdend.

Day-o, day-o!“

Ich kann das nicht mehr ignorieren: Offensichtlich ist es eine Funktion der „Weck-App“, nach einer Weile noch einmal loszuplärren. Verzweifelt renne ich also hinaus in den Gang, wo ich blind nach dem sich noch immer stei­gernden Lärm taste. Dann halte ich endlich dieses Gerät in der Hand und kann nicht einmal den Bildschirm akti­vieren.

Come, Mister tally man, tally me banana!“

Brr – mau!“ Die Katze schmeichelt klagend um meine Beine, überrascht, dass ich schon jetzt aufgestanden bin, um sie zu füttern. Frau Klammerle hört nichts. Sie duscht ja hinter verschlossener Tür und hat Shampoo in den Oh­ren.

Endlich tapst ein verschlafener Sohn Nr. 2 von seinem Zimmer im Dachjuchhe5 herunter, entreißt mir wortlos das Smartphone und schaltet es mit einem Fingerwischen ab. Mit strafendem Blick drückt er mir das Ge­rät wieder in die Hand. Dann stapft er spürbar angefressen zurück in sein Reich.

Und wieder bin ich eine Stunde vor meinem geplanten Aufstehen hellwach. Meine Frau singt weiterhin unter der Dusche.

Come, Mister tally man, tally me banana!“

*

Sonntag, 07. Oktober bis Montag, 08. Oktober 20**,
eine
ganze, lange Nacht

Also die Idee mit dem Smartphone war nicht direkt überzeugend“, argumentierte ich gestern, am Ruhe-vor-dem-Sturm-Samstag. Frau Klammerle zuckte mit den Schultern.

Schnickschnack! Die Tastfelder sind einfach zu fummelig“, gab sie den­noch zu. Politik beherrscht sie wie die Kanzlerin: Dem Gegner in Kleinigkeiten Recht geben, aber in der Sache festbleiben.

Doch ich habe die ideale Lösung gefunden: Ich werde ab jetzt deinen Wecker benutzen. Der ist einfach zu bedienen und überhaupt: Eigentlich war er ursprünglich mal meiner.“

Damit hat sie recht. Argumentativ ist sie mir immer ei­nen Schritt voraus. Früher hatte ich einen Radiowecker, der mich entweder mit hysterisch munterem Morgenge­quassel (siehe oben) oder mit dem ersten Lied einer in ihn ein­gelegten CD weckte. Nachdem er mich zum 264. Mal mit Come on up to the house von Tom Waits geweckt hatte, flog er an die Schlafzimmerwand und genießt seine Rente in meinem Arbeitszimmer. Ich erbte dann die ausgediente Funkuhr meiner Frau, als sie sich die todschicke neue kaufte, die dann vor zwei Wochen plötzlich versagte.

Aber du hast ihn mir vor vier Jahren gegeben, weil du dir einen viel besseren gekauft hast!“, wehre ich mich, obwohl mir klar ist, dass ich schon verloren habe.

Und dann habe ich doch keinen Wecker mehr! Ich muss montags schließ­lich auch wahnsinnig früh raus!“

Schnickschnack! Mein Wecker ist kaputt, also nehme ich meinen alten wieder zurück. Du brauchst doch gar keinen Wecker, du bist doch eh schon immer wach. Oder du stellst ihn dann noch einmal – ganz einfach.“

Aber ich bin doch nur wach, weil du mich weckst! Aber weißt du was? Ein echter Mann weiß, wann er verloren hat. Nimm ruhig meinen alten Wecker. Ich werde mir jetzt einen tollen neuen kaufen.“

Und tatsächlich gab es einen im Sonderangebot beim Kaffeegeschäft unseres Vertrauens, wohin mich mein Weg eh führte, weil Frau Klammerle gerade in die expe­rimentelle Phase der Erprobung ihres in der letzten Woche frisch erworbenen neuen Kaffeevollautomaten eingetreten ist und entsprechende Men­gen an Bohnen verbraucht, um die ideale Röstung für die Maschine zu finden.

Nachdem ich acht (!) Batterien eingelegt und die zwanzigseitige Bedienungsanleitung für meine neue, exquisite Uhr studiert hatte, fand ich tatsächlich auf der Rückseite meines Weckers mehrere eng beieinander liegende, klapp­rige Plastiktasten, mit denen ich nach einigen Fehlver­suchen den Alarm programmieren konnte6. Ich stellte die Weckzeit voller Hoffnung auf 06:00 Uhr morgens ein. Ein Mann und sein Wecker. Dieses Mal würde alles gut werden. Aufgeregt ging ich schon um 22:00 Uhr ins Bett, nachdem ich unbedingt noch ei­nen frisch aufgebrühten Espresso doppio aus dem wunderbaren neuen Vollautomaten mei­ner Frau testen musste.

Irgendwann in der Nacht kratzte Amy, die Katze, am Balkon­fenster (ich weiß immer noch nicht, wie sie es jede Nacht schafft, da hoch zu kommen) und ich suchte mit müden Fingern nach meiner Neuerwerbung, fand nach einigem Tasten auch den Licht­knopf, der sich als einziger oben am Gerät befindet. Ich öffnete die Augen ein wenig und drückte.

Eine grelle Lichtkaskade überflutete das Schlafzimmer; mir war, als läge ich im Schlafzimmer mit Scarlett Johansson im Bett7 und zwanzig Paparazzis fotografierten gleichzeitig durch das Balkonfenster herein. Von Blickfeld meines außerordentlich neugierigen Nachbarn von gegenüber muss­te es aussehen, als würde jemand eine Blendgranate neben mei­nem Bett zünden. Entsetzlich! Ich hatte ins Antlitz der Medusa ge­blickt, fiel versteinert zurück aufs Kissen und kniff die schmerzenden Augen zu­sammen. Und dort, auf der Rückseite meiner Lider, konnte ich tatsächlich die Uhrzeit ablesen, als bunt leuchtendes Negativbild zwischen platzenden Plasma­ringen: 02:53 Uhr! Frau Klammerle war übrigens nicht einmal wach geworden.

Der geblendete Michael Strogoff tastete sich aus dem Bett und ließ die Katze herein, die durch das Blitzlicht eben­falls recht desorientiert wirkte und über den Tep­pich stolperte. Aber bald darauf legte sie sich auf ihr Handtuch zu den Füßen meiner Frau. Und auch ich fand zurück in meine Ruhe­stätte, nicht ohne mir dabei schmerzhaft das Schienbein am niedrigen Holzrahmen unseres alten Futonbetts aufzuschlagen.

Dann lag ich wach. Ich traute mich nicht mehr, noch einmal den Halogenstrahler an meiner Uhr einzu­schalten, den ich morgen dem TSV Diedorf als Stadion­flutlicht verkaufen werde. Ich starrte an die Decke, wo noch immer lustige Farbflecken und bunte Zahlen tanzten. Offenbar wirk­te jetzt endlich auch die winzige Tasse Espresso …

Später schlief ich doch noch ein. Nein, meine Neuanschaf­fung8, deren eigentliche Berufung es offenbar war, eine kleine Sonne zu imitieren, hat morgens um 06:00 Uhr nicht geläutet. Ihr Alarm funktionierte nicht, wahrscheinlich verbrauchte das Licht zu viel Strom. Mich weckte auch nicht der sanfte Alarm des Weckers meiner Frau, der einmal der meine gewesen war. Mit einer lässigen Handbewegung schalte­te sie ihn aus und trat leise aus dem Zimmer, duschte und zog sich an. Das bekam ich aber alles nicht mit …

Dann allerdings bricht die Hölle los: Frau Klammerle hat unten in der Küche ihre neue Kaffeemaschine eingeschaltet. Sie rauscht, rattert, zermahlt, reinigt, heizt und plät­schert, piepst und rülpst! Sie kocht, zittert, brüllt, dampft, stampft und zischt. Amy, die Katze, flüchtet unters Bett, Herr Klammer steht mit pochendem Herzschlag in seinem Bett.

Seitdem weckt mich an jede frühen Morgen die einfach programmierbare Zeitschalterfunktion von Frau Klammerles Vollau­tomat. Das ist zwar ein recht teurer Wecker, aber dafür bereitet er wirklich einen hervorragenden Kaffee!

 

1

Der geneigte Leser beachte und bewundere diesen altmeisterlich konstruierten Satz, der allein schon das Geld wert ist, für das er dieses Büchlein erwarb!

2Deshalb besitzt sie inzwischen einen E-Book-Reader. Der ist leichter und tut nicht so weh.

3… auch über sie wird es noch viel zu erzählen geben. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich ein Fußnotenfetischist bin?

4 Frau Klammerle und ich haben zwei vielversprechende, inzwischen erwachsene Söhne groß gezogen. Die beiden sind gerade dabei, flügge zu werden.

5 Vielleicht sollte ich hier mal erwähnen, dass ich nicht nur ein begeisterter Freund von Fußnoten, sondern auch von veralteten Wörtern bin.

6 Ich weiß noch immer nicht, was eigentlich diese „Snooze“-Funktion macht. Wenn sie mir einer meiner Leser erklären kann, wäre ich für eine kurze E-Mail dankbar.

7… unter uns: Das ist eine durchaus anregende Vorstellung. Aber verraten Sie mich nicht Frau Klammerle.

8… die jetzt im Arbeitszimmer ruht. Aber das dachten Sie sich sicher schon.

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„Noch einmal davon gekommen“ – Leseprobe I

Das Morgengrauen

In jeder Alltagswoche zwingt mich mein Brotberuf, morgens vor 06:00 Uhr aufzustehen.

Was?“, wird nun vielleicht einer der beiden Fans des weltberühmten Autors und Kolumnisten Nikolaus M. Klammer überrascht ausrufen: „Mein Lieblingsschrift­steller kann von seiner Literatur nicht leben? Das hätte ich nie gedacht; so eine Schande. Wie krank ist denn die­se Welt?!“

Ja, mein lieber Freund, ich stimme dir gerne zu und ge­stehe es dir hier im Vertrauen – sozusagen von Ange­sicht zu Angesicht – denn sonst liest ja dieses Büchlein niemand: So ist das. Von der Feder zu leben ist so er­tragreich wie der Versuch, einen Ochsen zu melken. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen:

Der Versuch, vom Schreiben zu leben, ist zwar nicht die schnellste Art zu verhungern, aber es ist doch noch immer die zuverlässigste.

Zudem gehen die meisten Verleger, Leser (und Anhänger der Piratenpartei) davon aus, dass der Autor überhaupt nur aus reinem Idealismus und Menschenfreundlichkeit schreibt und daher froh und dankbar sein sollte, wenn er seine Werke und schlauen Gedanken ohne freche Honorarfor­derungen verschenken kann. Eine Frechheit des Autors, dafür auch noch Geld zu verlangen!

Was?“, werden alle anderen ausrufen, die mich nicht kennen und denen du, lieber Fan, fassungslos von mei­nem frühen Aufstehen erzählst: „Die überempfindliche Heulsuse Klammer jammert uns wegen seines traurigen Loses die Ohren voll, weil er tatsächlich ein paarmal in der Woche vor 06:00 Uhr aufstehen muss? Das hätte ich nie von ihm gedacht! Von dem lese ich keine Texte mehr, da muss ich mich nur aufregen.“

Halt,sage ich, ihr habt ja recht!

Eigentlich kann ich froh sein, wenn mich in meinem langweiligen Brotberuf überhaupt jemand dafür bezahlt, dass ich einige Stunden herumstehe, klug daher rede und durch Handauflegen Computer repariere. Da werde ich mein müdes Haupt auch einmal vom warmen Kissen und den Körper aus den Pfühlen erheben können, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Ja, ihr habt alle recht, all ihr Frühdienstler und Nachtwächter, ihr bra­ven Bauern, Arbeiter und Angestellte, Beamte und Kö­che, die ihr niedergedrückt von der Woche Last wohlver­diente (und kostenfreie) Entspannung in meiner Literatur sucht. Ihr alle, die ihr jeden Tag und oft auch am Wochenende klaglos vor den Hühnern aufsteht, um im Schweiße eures Angesichts euren kärglichen Lebensun­terhalt zu verdienen – ihr alle habt meinen Respekt. Ich kla­ge mal wieder auf hohem Niveau; das kann ich wirklich gut. Selbstmitleid ist meine persönlichste Regung, das sollte inzwischen bekannt sein.

Aber ich bin eben auch Künstler und mir ist es deshalb einfach nicht in die Wiege gelegt, in die Gene geschrieben oder durch die Erziehung aufgeprägt worden, morgens vor der Frühmesse schon wach zu sein. Die Stunde des Dichters ist der späte Abend, es ist die Nacht. Sie allein hat Er­barmen mit ihm, hüllt ihn ein in einen wärmenden Man­tel der Ruhe und der Besinnung. Daher richtet er auch seine Hymnen an den leuchtenden Sonnenuntergang, an die funkelnden Sterne am schwarzen Firmament, an die mürrischen Barkeeper hinter den Theken seiner Lieb­lingskneipen – und nicht an die stumpfe, allzu kalte Morgen­dämmerung, nicht an die öligen Regentropfen aus grau­en Nebelwolken und die mürrischen Busfahrer hinter den Lenkrädern der Linie 601.

Zählen wir doch einmal: Wie viele Maler malten denn die Morgensonne? Was zählt ein Claude Monet gegen ge­fühlte tausend Abendstimmungen von Caspar David Friedrich? Wie viele Lyriker beschrieben rosa Wolken­finger, die sich in den Morgenhimmel krallen? Und wie viele Lieder an die Nacht wurden dagegen gereimt? „Warte nur, balde ruhst du auch.“ Wie viele musikali­sche Morgenstimmungen gibt es? Ah, da meldet sich ei­ner: „Der Zarathustra von Strauß und der Grieg’sche Peer Gynt“, höre ich. Brav, da hat aber einer seine Hausaufgaben gemacht.

Erstens: Diese zwei Beispiele stehen so einsam gegen all die Abend- und Gute-Nacht-Lieder, Serenaden und kleinen Nachtmusiken, dass sie wohl kaum ins Gewicht fallen und wahrscheinlich eh nur geträumte Phantasien des Komponisten sind, der sie spät am Abend zu Noten machte. Zweitens: Meine Argumentation ist zu gut, um sie mir von der Wahrheit kaputt machen zu  lassen. Setzen!

Zusammengefasst: Ich bin einfach nicht dafür geboren, vor 08:00 Uhr aufzustehen! Ich möchte richtig verstan­den werden. Ich bin kein Oblomov, ich verschlafe nicht den ganzen Vormittag. Ich kann sogar hervorragend vor meiner verdienten Mittagsruhe arbeiten – aber nicht, wenn ich mich zu früh in den grauen, im Winter schwarzen, Tag kämpfen muss. Dann kann ich nicht denken, kaum zwei zusammenhängende Sätze formulieren, jemandem zuhören oder konzentriert arbeiten, gar mit Menschen reden, ohne ihnen Beleidi­gungen oder Gegenstände ins Gesicht zu werfen. Gut, dass diesen Menschenkontakt bei meiner Arbeit nie­mand von mir verlangt, denn morgens herrscht bei mir Ausnahmezustand. Wenn ich mich nicht am Griff mei­ner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich langsam vom Stuhl.

Gemach! Bevor alle Werktätigen mit Früh- und Nacht­schichten von Neuem über mich herfallen – ich kann be­reits den einen oder anderen bösen Kommentar auf der Zunge schmecken: Ich erwähnte bereits, dass ich auf höchstem Ni­veau jammere. Der Herr hat den Menschen und insbesondere Nikolaus M. Klammer nicht dazu geschaffen, um diese Uhrzeit aufzustehen. Schließlich geht auch die Sonne erst später auf. Vor sieben Uhr aufstehen: Das ist eine unmenschliche Tortour, ein Verbrechen an der Menschheit, das gesetzlich verboten gehört.

Denn mein gequälter Leib schleppt sich nach dem un­barmherzigen Weckerklingeln einem Zombie gleich ins Bad, während meine Seele noch im Bett liegt und von heiteren, leichten Dingen träumt. Erst, wenn mein see­lenloser Körper sich vor dem Spiegel stehend oberfläch­lich wäscht und mechanisch die Zähne schrubbt, werde ich langsam wach und mein Geist kommt hinter mir her aus den warmen Pfühlen ins Bad getrottet. Dort finde ich mich und eine Laune. Selten ist es eine gute, denn der Verfall, der mir aus dem Spiegel mit von Zahnpasta verschmierten Lippen eine Grimasse zieht, schreitet hurtig voran und die Zahl der grauen Haare steigt täglich progressiv an. Selbst wenn ich mich noch für eine schnelle Dusche mit „revitalisieren­den Algenextrakten“ und „Hair-Energizer“ (wird wahr­scheinlich Här-Einischeißer ausgesprochen) entschei­de, bringt das keine Jugendlichkeit zurück.

Auch der weitere Ablauf des Tagesbeginns folgt einer festen Zen-Regel: Ich tappe an den Briefkasten und neh­me die Zeitung, trage sie in die Küche und schmeiße den Kaffeevollautomaten (siehe weiter unten) an. Dann schleppe ich mich zum Radio und öffne den Sender meines Vertrauens.

Da ich grundsätzlich – und am Morgen insbesondere – auf das waidwunde Gewinsel von Helene Fischer, des Grafen, von Xavier Naidoo et. al. und auf das Beste aus den 80ern und die Hits der 90er verzichten kann, ist die Fre­quenz auf den einzigen Rocksender eingestellt, der Bay­ern beschallt. Da die Songauswahl der Rockantenne eng begrenzt ist – wahrscheinlich können sie sich nicht so viele Lieder leisten –, singen meist Jon Bon Jovi oder Die toten Hosen, was ich morgens gerade noch hinnehmen kann. Ich packe also meinen Pott Kaffee, kühle ihn großzügig mit Milch, vergesse dann aber meist umzurühren und verbrenne mir den Mund (auch davon noch später). Mühsam versuche ich die Schlagzeilen der Zeitung zu verstehen. Mist, ich brauche jetzt wirklich bald eine Lesebrille. Die Laune bessert sich nicht. Da hilft mir auch das zum einhundertsten Mal gespielte Hotel California nicht.

Und dann wird in die letzten Takte des Liedes ge­quatscht und der Ärger geht los: Warum müssen Radio­moderatoren – insbesondere Morgenshow-Moderatoren – immer so hysterisch gute Laune haben? Da wird ein Sparwitz nach dem anderen gerissen und künstlich dar­über gelacht. Und damit der trübe Morgenverstand des Hörers auch mitbekommt, dass das lustig sein sollte, wird das Ganze noch wie beim Mainzer Karneval mit einem Tröt-Geräusch oder einer Fanfare untermalt. Und so kichert man sich durch die Moderation und durch den Wetterbericht und wirft sich bei den Verkehrsmeldungen fast weg, unterbrochen von den immer gleichen Werbe-Jingles, in denen mir noch hysterischere, kurz vor der Einweisung in eine Anstalt stehende Menschen jeden Morgen aufs Neue versichern, wie lecker die Spätzle von Settele sind, wie günstig mich eine Autofinanzierung kommt und welche Nummer die Telefon­auskunft hat – dazwischen singen mal wieder BostonWhat a feeling“, obwohl ich, wenn ich ehrlich bin, außer aufsteigendem Zorn noch überhaupt nichts fühle …

Ist es denn so schwer zu begreifen, dass ich das am Morgen alles nicht brauche? Können denn die Moderato­ren (Barny! Eisprinzessin! Ha, ha, ha ha, ha! Das Wet­ter, ha ha! Klingeling, wer ist denn da dran? Ha, ha, ha! Trööt!) nicht auf mich Rücksicht nehmen und wenigs­tens vor Acht Uhr nicht wie klinische Fälle in der manischen Phase plappern, sondern auch einfach mal so schlecht gelaunt sein wie ich? Ich habe mir sogar ein Internetradio mit 50.000 Sendern zugelegt. Dadurch wurde nichts besser: Jetzt kann ich aber die Morgenhys­teriker in allen Sprachen der Welt empfangen – am schlimmsten sind die Japaner …

Warum gibt es kein Morgenmuffelradio, in dem jemand mit übler Stimmung halb schlafwandlerisch ein paar In­formationen ins Mikro murmelt und dann Leonard Co­hen oder The Cure jammern lässt oder – noch besser – ohne Gequatsche die besten Morgenblues-Titel spielt? Das würde mir morgens wirklich  auf die Beine helfen …

Vielleicht sollte ich selbst solch eine Radiostation grün­den: Morgenmuffel 92,4, das Programm für die Nichtausgeschlafenen, mit der Schlechte-Laune-Garantie für den ganzen Tag, Staumeldungen und den traurigsten Rockballaden – werbefrei und ohne Gewinnspiele.

First we take your morning, than we take your day…“

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Meine Leiden als „Selfpublisher“

Ich erlebe gerade eine seltsame Zeit, die mich eigentlich viel zu sehr von meinem Kerngeschäft – dem Schreiben – ablenkt.

Das ist geschehen:

Vor zwei Monaten habe ich mich nach Jahren des Zögerns doch noch dazu durchringen können, mit meinen literarischen Schöpfungen unter die „Selfpublisher“ zu gehen. Man frage mich nicht nach den Gründen; es war wohl mehr eine spontane Schnapslaune als eine wohl durchdachte Entscheidung. Wie dem auch sei, nun können interessierte Leser – zwei oder drei soll es ja geben – drei meiner Werke sowohl im Onlinehandel als auch bei den meisten traditionellen Buchhändlern erwerben (1). Da ich die Verkaufspreise so eng wie möglich an meine Herstellungskosten angeglichen habe, beliefen sich die Erlöse, die auf meinem Konto landeten, auf bisher auf knapp 13 €. Gekauft wurden übrigens in der Hauptsache die E-Book-Ausgaben der Bücher, denn ein gebundenes Werk im Gegenwert einer Pizza beim Italiener um die Ecke ist den meisten viel zu teuer. Das Risiko, einen Fehlkauf getätigt zu haben, will man nicht eingehen.

Ob meine Entscheidung, meine Bücher in den Handel zu bringen, die richtige war, wird die Zukunft zeigen. Sie hat jedoch bereits jetzt Konsequenzen, die mich hinterrücks überrumpelt haben. Eine davon ist, dass ich nun mit einem mal Leser mit Erwartungshaltungen habe, die ich flott mit Fortsetzungen bedienen muss – also nicht mehr verantwortungslos das schreiben kann, zu dem ich gerade Lust habe. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen.

Gleichzeitig muss ich die Werbetrommel rühren. Dieses Werben um Leser oder gar um eine Rezension erweist sich aus mehreren Gründen als schwierig. Das liegt zum einen an meiner Abneigung, mich als Autor zu „prostituieren“ und an meiner zum Autismus neigenden schüchternen und eigenbrötlerischen Art, die viele ablehnen und als hochnäsig und arrogant interpretieren. Zum anderen bemerke ich selbstverständlich, dass das Schreiben und Veröffentlichen von Texten das Steckenpferd von sehr, sehr vielen Menschen ist und meine Werke in der Menge der Veröffentlichungen einfach untergehen. Sie sind ein Tropfen Salz, der sich im Meer auflöst. Doch das kenne ich schon, denn es geht mir auf diesem Blog ganz ähnlich. Ich mag hier für meine inzwischen 120 Follower und zufällig Vorbeisurfende so viele ausgefeilte Texte, Glossen, Artikel und Kritiken abliefern wie ich will,  mehr als drei oder vier Besucher finden sich täglich nicht ein und die Zugriffszahlen auf den Blog sind rückläufig.

Aber ich schreibe ja nicht, um damit Geld zu verdienen. Was allerdings eben passierte, als ich drei Gratisexemplare von „Meister Siebenhardts Geheimnis“ über LovelyBooks verloste, um auf diesem überraschend aktiven Social-Network(2) auf mich aufmerksam zu machen, macht mich sprach- und fassungslos. Und so zornig, wie ich schon lange nicht mehr war. Solch ein Gewinnspiel bedeutet selbstredend für mich als „Selfpublisher“, der keinen Verlag hinter sich hat, einen erheblichen finanziellen und logistischen Aufwand. Zwei der ausgelosten Gewinnerinnen meldeten sich dann überhaupt nicht bei mir – auch nicht auf eine E-Mail und persönliche Nachfragen über PN, ob sie mein Buch denn erhalten hätten. Das tat schon mal weh. Auf meiner Seite des Bildschirms sitzt ein fühlender Mensch und keine „Schreibmaschine“, das vergessen anscheinend einige.

Recht verstanden: Ich erwartete keine Rezension oder „Gefällt-mir“-Sternchen bei Amazon (obwohl das bei LovelyBooks zum guten Ton gehört), aber ein „Hab’s erhalten!“ oder gar ein „Danke schön!“ wäre schon ganz nett gewesen. Nun gut, ich habe auch hier über den Blog schon einmal vier Exemplare vom „Siebenhardt“ verlost und nur von einer einzigen der Gewinnerinnen anschließend etwas gehört. Offenbar gibt es viele Menschen, denen es am grundlegendsten Anstand mangelt oder die begreifen können, dass hinter einem Buch oder einem Blog immer auch ein Mensch steht. Aber was dann eine der Damen bei LovelyBooks machte, der der Zufall ein Exemplar meines 600-Seiten-Romans, an dem ich viele Jahre gearbeitet hatte, zuloste, ist an Frechheit und Egoismus kaum zu überbieten. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass es solche Menschen gibt. Denn sofort nach Erhalt des Romanes stellte sie das Buch für 12 € beim Gebrauchtbuchhändler Booklooker.de ein, was ich nur durch Zufall mitbekam. „Neuwertiger Zustand, mit einer kleinen Widmung des Autors“, wie dort zu lesen.(3) Auf meine empörte E-Mail reagierte sie selbstverständlich nicht. Übrigens hat mich der ganze Spaß mit den Versandkosten knappe 20 € gekostet, aber das nur nebenbei, denn mehr als das Geld schmerzt mich das Herzblut, das ich investiert habe.

Noch einmal werde ich solch ein Gewinnspiel nicht mehr veranstalten und ich befürchte immer mehr, dass meine Entscheidung, mit meinen Texten an die „Öffentlichkeit“ zu gehen, ein großer Fehler von mir war.

*

Wenn mich übrigens jemand wieder zu einem Lächeln bringen will, das mir im Moment gründlich vergangen ist:

NOCH EINMAL DAVON GEKOMMEN
Glossen und Kurzgeschichten

als E-Book und Taschenbuch erhältlich

*

Ich weiß, ich wiederhole mich, aber seit kurzem gibt es die  besten Glossen und Texte dieses Blogs, in einem netten, kleinen Buch, für das ich sie noch einmal sorgsam überarbeitet und fehlerbereinigt habe. Das Lektorat (und die Zensur) hat diesmal übrigens meine Frau übernommen. Auf 230 illustrierten Seiten kann man meine Familie, meine Katze und meine Wenigkeit durch unseren chaotischen Alltag begleiten.

Die Rezension eines Freundes:

„Noch einmal davon gekommen“, dessen Cover bereits einen schwer mitgenommenen Nikolaus Klammer zeigt, ist eine Sammlung von Kolumnen, Glossen und Kurzgeschichten, die der in Diedorf bei Augsburg wohnende Autor in den letzten vier Jahren für seinen Blog „Aber ein Traum“ geschrieben und für das Buch neu eingerichtet, erweitert und überarbeitet hat.

In seinen Texten voller Charme und Esprit beschreibt Klammer auf wirklich ansprechende und humorvolle, manchmal auch nachdenkliche Weise sein chaotisches Familienleben mit seiner immer wieder an seinen Unarten verzweifelnden Frau, den zwei erwachsenen Söhnen und Amy, der Katze. Er gibt Einblicke in sein Leben als Autor, beschreibt seinen Kampf mit den Tücken des Objekts, dem Unkraut im Garten und den Widrigkeiten des Alltags (Herrlich sind z. B. die Geschichte, wie man einen Oktopus kocht oder die geheimnisvolle „Mangold-Affäre“).

Das alles erzählt Klammer auf eine so heitere und selbstironische Weise, dass man ihm gerne durch sein Privatleben folgt und es wirklich bedauert, wenn man viel zu früh am Ende des Buchs angekommen ist.

„Noch einmal davon gekommen“ ist auf 230 Seiten liebevoll illustriert und eine absolute Empfehlung für alle, die sich geistreich unterhalten lassen wollen.

Dem weiß ich nichts mehr hinzuzufügen, außer, dass ich hier in dieser Woche noch eine längere Leseprobe bloggen werde.

 

__________________________

(1) Allerdings nicht in der Gemeinde Diedorf, in der ich wohne. Dort hat noch nie jemand irgendetwas von mir gehört, gelesen oder gar gekauft und auch in der hiesigen Buchhandlung „Buchecke“, die von ein paar rührigen Damen geführt wird, stößt man nur auf kopfschüttelndes Wundern, wenn man sich nach dem ortsansässigen Autor Nikolaus Klammer erkundigt. Der Prophet im eigenen Land …

(2) Die Literatur ist heute weiblich. Es lesen, glaube ich, nur noch Frauen. Ob das schlecht ist, kann ich nicht beurteilen, es verändert aber die Themen und die Literatur allgemein.

(3) Selbstverständlich ist diese Preisvorstellung für ein Buch von mir vollkommen illusorisch, niemand kauft sich für dieses Geld einen „Klammer“. Vielleicht sollte ich die 12 €, die die Dame als Wert des Buches veranschlagt, als Kompliment verstehen. Ich habe ihr übrigens vorgeschlagen, mein Buch einfach zu verschenken oder auf einer Parkbank liegen zu lassen.

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 18)

Aber was genau machte die kauernde Greta zwischen den Beinen ihres Hausmädchens? Sebastian befand ich in ihrem Rücken und sie hatte ihn noch nicht bemerkt. Sie hantierte mit einem schmalen Gegenstand an Claras Oberschenkel. Der junge Mann kniff die Augen zusammen und sah genauer hin, soweit es ihm in dem unruhigen und unzureichenden Licht in dem Zimmer möglich war. War das etwas so abgeschmacktes wie – ? Nein, das war eindeutig eine medizinische Spritze, die Greta sehr professionell in ihren schmalen, leuchtend rot manikürten Fingern hielt und für deren Kanüle sie gerade auf der Suche nach einer Arterie die Innenseite von Claras Schenkeln absuchte. Jetzt bemerkte Sebastian auch das Strapsband, mit dem Greta das Bein knapp unterhalb des Mieders abgebunden hatte. Neben den beiden auf dem Sofa lagen ein geöffnetes Etui mit einem Arztbesteck und ein Fläschchen Apothekenalkohol, womit die Tochter des Hause wahrscheinlich die Spritze und die Haut desinfiziert hatte. Welcher Doktor hatte ihr das beigebracht? Was wusste der junge Mann überhaupt von Greta?

Sebastian schüttelte den Kopf. Er hatte genug gesehen und er schämte sich auch über sich selbst, weil er sich nicht sofort an der Türschwelle umgedreht und die Frauen in diesem seltsamen, aber intimen Moment allein gelassen hatte. Das war nicht gerade gentlemanlike von ihm gewesen! Er verließ so leise wie möglich Gretas Zimmer, bevor diese ihn noch bemerkte und schloss geräuschlos die Türe hinter sich. Dann flüchtete er eilig zurück in das Gästezimmer und war wild entschlossen, es nicht mehr zu verlasen, bis Gregor Gere ihn zu der verabredeten abendlichen Spritztour abholen würde.

Schwer ließ er sich in den Stuhl am Fenster fallen und starrte in die frühe Dämmerung dieses trüben 24. Januars, der ihm als der längste Tag seines Lebens erschien. Dieses Berlin war ihm erneut so fern und unheimlich, als läge es auf dem Mars. Selbst das auf den ersten Blick so wenig mondäne und pfahlbürgerliche Tegel hatte mit seiner Heimatstadt Augsburg so viel zu schaffen wie der Broadway in New York mit einem einsamen Gebirgsdorf in der inneren Mongolei. Doch er konnte noch so viele Vergleiche konstruieren, wie er wollte, sein Unbehagen wegen der Rätsel und der merkwürdigen Menschen, mit denen er nach nur einer kurzen Nachtreise mit der Reichsbahn konfrontiert wurde, wuchs von Moment zu Moment. Es war gerade einmal vierundzwanzig Stunden her, da hatte er in seinem Zimmer in der Wohnung seiner Eltern auf den vom Vater kurzerhand entliehenen Haindlschen Chauffeur gewartet, der ihn von der Müllerstraße unten am Graben hinauf zum Bahnhof fahren sollte und sich in farbigen Bildern seine ruhmreiche Zukunft als Autor in der Hauptstadt ausgemalt. Nichts und niemand hatte ihn auf diese merkwürdige Familie Gere vorbereitet.

Hatte Sebastian gerade gesehen, wie Greta der unfreundlichen, ja, bärbeißigen Clara eine Droge gespritzt hatte – vielleicht Morphium oder Kokain? Er kannte sich auf diesem Gebiet nicht aus. Seine einzige Erfahrung mit Rauchmitteln hatte er mit Augusta-Bier, Enzian-Schnaps und einer heimlich besorgten Prise Schnupftabak aus des Vaters Vorrat gemacht; dies war übrigens eine Melange, deren Zusammenspiel er absolut nicht empfehlen konnte. Sebastian rauchte nicht einmal! Die Warnungen seiner Mutter vor den Gefahren der großen Stadt hatte er als stummer Dulder über sich ergehen lassen und war keineswegs darauf gefasst gewesen, bereits am ersten Tag in seiner Gastfamilie mit ihrem Sodom und Gomorrha konfrontiert zu werden. Wenn Berlin die Zukunft war, auf dem die Republik wie auf töneren Füßen der Zukunft entgegen stolperte, dann wusste Sebastian nicht, ob er diese erleben oder besser gleich nach Frankreich oder in die USA auswandern sollte. In den Vereinigten Staaten gab es immerhin seit einigen Jahren die Prohibition, die verhinderte, dass die Leute sich den ganzen Tag berauschten. Sebastian hatte gehört, dass reiche, junge Amerikaner genau deshalb so gerne in Europa Urlaub machten, weil sie hier ungestraft trinken konnten. Er war allerdings in Augsburg noch nie einem begegnet.

Aber hatte er diese Szene eben wirklich erlebt? Spritzten sich Morphiumsüchtige ihr Gift in die Oberschenkel? Vielleicht, um verräterische Einstichstellen zu verbergen? Und hatte nicht auch Greta rote Flecken an den Innenseiten ihrer Arme, wie ihm nun in den Sinn kam?

Es klopfte und gleichzeitig wurde die Tür geöffnet. Sebastian schreckte in die Höhe. Clara kam herein. Sie trug einen Stapel Bettwäsche auf den Armen und war gekommen, um endlich sein Nachtlager zu beziehen. Geschäftig schaltete sie das Licht ein und trat in den Raum. Sebastian sprang erschrocken von seinem Stuhl auf und starrte sie fassungslos an, doch das Hausmädchen kümmerte sich nicht weiter um ihn und machte sich in aller Seelenruhe am Bett zu schaffen.

Der junge Mann konnte nicht einschätzen, wie lange er beim Fenster gesessen und sinniert hatte, aber es schien ihm nicht allzu viel Zeit vergangen zu sein; höchstens eine Stunde. Clara wirkte auf ihn jedoch vollkommen normal und falls sie Sebastians aufgeschrecktes Verhalten und seine Blicke merkwürdig fand, so ließ sie es sich zumindest nicht anmerken. Konnte ihr Drogenrausch so schnell wieder verflogen sein? Hatte er sie nicht eben noch als völlig willenlose Marionette in anstößiger Pose in Gretas Zimmer liegen sehen? Das Hausmädchen benahm sich auf jeden Fall so ungezwungen, als wäre das ganze Erlebnis nur ein Fiebertraum, den Sebastian sich zusammenphantasiert hatte.

„Die Frau Dr. Gere würde se jerne noch mal sehen, Herr Kerr, bevor se in die Stadt aufbrechen“, sagte sie und klopfte das frisch bezogene Bett auf. „Wenn et Ihnen passt, mögen se doch bitte gleich zu ihr in ihren Salon kommen.“ Sie erklärte ausführlich, wo das Zimmer zu finden war.

Es dauerte einen Moment, bis die Worte vom Ohr bis zu Sebastians Gehirn drangen. Erst als Clara verwundert und schief lächelnd aufsah, kam Leben in ihn.

„Verzeihen Sie bitte“, flüsterte er mit rauer Stimme, „ich muss eingeschlafen sein und geträumt haben.“ Tatsächlich hatte sich der Kopfschmerz, der ihn schon den ganzen Nachmittag quälte, verstärkt, als wäre er in dem überheizten, stickigen Raum in einen kurzen Schlummer gefallen.

„Wat se in Ihrem Zimmer tun, jeht mir nüscht an“, erwiderte sie schnippisch. Sebastian antwortete nicht, sondern schob sich an Clara vorbei, die noch immer spöttisch lächelte und ihm in diesem Moment gar nicht mehr so abweisend und streng erschien. Gerade, als er aus der Tür gehen wollte, drehte er sich noch einmal zu ihr um:

„Geht es ihnen gut, Clara? Ich meine …“ Er verstummte unsicher und traute sich nicht, seine Frage auszusprechen. Das Lächeln von Clara verstärkte sich, spannte sich nun mit zwei hübschen Grübchen von Wange zu Wange. Sie nickte.

„Aber ja, mir jeht et jut, Herr Kerr. Ick bin zwar noch etwas durcheinander von den Jeschehnissen heute Mittach, aber der Überfall kommt mir inzwischen wie een böser Traum vor. Det konnen se doch nachvollziehn, oder?“

Sebastian musterte aufmerksam ihre Pupillen, die nicht mehr wie Löcher wirkten, durch die man in den Poe’schen Maeltröm blickte, sondern ganz normale, helle und glänzende Frauenaugen waren.

„Dann ist ja alles in Ordnung,“ stimmte er zu, „und ich will die Frau Dr. nicht länger warten lassen. Fühlt sich die Dame des Hauses denn jetzt ein wenig wohler?“

„Ja. Sie hatte am Nachmittag Besuch vom Medizinalrat Kurtzweil und was immer er mit ihr angestellt hat: Jetzt geht et ihr besser. Aber trotzdem sollten Sie ihr Gespräch nicht zu lang machen. Sie darf sich nicht aufregen. Der Frau Dr. wurde vom Dr. Kurtzweil ganz strenge Bettruhe verschrieben, aber sie wollte Sie unbedingt noch sehen.“ Clara sprach nun, als wäre sie ein Teil der Familie und kein einfaches Hausmädchen. Auch ihre Art zu reden hatte sich verändert.

Das ist alles sehr merkwürdig, dachte Sebastian, als er sein Zimmer verließ und dabei Claras Blicke in seinem Rücken spürte. Kurz zögerte er vor der Tür zu Gretas Räumen, durch die kein Laut nach außen auf den Flur drang. Dann ging er entschlossen weiter und über die Galerie zu dem Salon, den ihm Clara gewiesen hatte. Frau Gere besaß in der großen Villa nicht nur ihre eigene geräumige Zimmerflucht, sondern auch einen eigenen Empfangsraum, einen Damensalon, in den Sebastian jetzt trat.

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 17)

Klammer hatte offensichtlich doch ein wenig geschlummert, aber nun hielt ihn erneut seine Unruhe wach. Fuhr der Zug noch durch Südtirol oder das Trentino oder näherte er sich bereits Verona? Die wenigen Lichter in den Dörfern an den nahen Berghängen wirkten alle gleich auf ihn. Er knipste das Licht über seinem Sitz an. Der gutgekleidete ältere Italiener zu seiner Rechten – er hatte sich als Avvocato Sciacalli vorgestellt, als er in Innsbruck den Platz neben ihm belegte und war noch vor dem Brenner eingeschlafen – grunzte im Schlaf, aber er wurde nicht wach.

Klammer nahm sein wertvolles schwarzes Buch aus dem Handgepäck und blätterte nach vorne, zu der Stelle hin, in die er seiner Gewohnheit treu einen selbst geschnittenen orangefarbenen Papierstreifen als Einmerker geschoben hatte. Wie er erleichtert feststellte, hatte sich der Text noch nicht verändert, die Seiten bildeten weiterhin den Text des Romans ab, den angeblich sein Großvater geschrieben hatte. Er überflog ein Kapitel, in dem Sebastian Kerr umständlich und weinerlich die Enge und Eingeschränktheit seiner Heimatstadt Augsburg beschrieb. Diese Ausführungen mochten zwar für den einen oder anderen literaturhistorisch interessierten Germanisten von Bedeutung sein, aber für den Leser, der ja schließlich ebenfalls aus dieser entsetzlich spießbürgerlichen Stadt kam, in der sich niemand für Literatur begeisterte und selbst Brecht noch wegen seiner politischen Ansichten misstrauisch beäugt wurde, war das keine Neuigkeit und eine langweilige Durststrecke, eine Zeilenschinderei, die den Roman unnötig dehnte. Also überblätterte er kurzerhand das Lamento, das auch nach beinahe einhundert Jahren nichts an Aktualität verloren hatte.

Obwohl dem Autor der Beginn des Romans durchaus gemundet hatte, hatte ihm bisher das komplette Menü nicht besonders geschmeckt. Das lag nicht nur daran, dass ihn seine Sorgen ablenkten, sondern an der von Absatz zu Absatz zunehmenden Geschwätzigkeit des jungen Autors der Hyänen von Berlin. Anstatt direkt auf den Kern der Geschichte zuzusteuern, erging sich Kerr in langatmigen Beschreibungen von Personen, Umständen und Umgebungen. Der Autor hatte beim Lesen ständig befürchtet, dass der geschwätzige Jesuit Marini eine eckige Klammer eröffnen und kursiv sein unnötiges Wissen zum Besten geben würde. Dabei war noch nicht einmal geklärt, ob die Hyänen ein Gesellschaftsdrama, ein Entwicklungs- oder einfach ein Kriminalroman waren.

Man lese nur die Stelle, an der die Hausangestellte überfallen wurde, die wahrscheinlich beim Leser Spannung erzeugen sollte und durch eine unpassende und ausführliche Beschreibung des Wohnzimmers unterbrochen wurde. Herrschaft! Der Autor ließ sich sogar die Zeit, den Teppich zu beschreiben, auf dem das Opfer lag! Kein Wunder, dass Kerr nie so berühmt wie der von ihm beneidete Brecht geworden ist – ganz ehrlich: Mein Großvater war ein höchst mittelmäßiger Schriftsteller.

Doch im dritten Kapitel des Romans setzte endlich wieder die Handlung ein und Klammer las sich fest, während ihn der Zug über die Po-Ebene und durch die Nacht ins noch ferne Rom transportierte.

Kapitel DREI
Sündige Frauen

Der Nachmittag und der frühe Abend zogen sich endlos dahin; sie waren eine gewaltige, graue Mauer, die Sebastian nirgendwo überstei­gen konnte. Berlin zeigte sich von einer trägen, langweiligen Seite – einer Seite, die er später noch besser kennen, aber niemals wirklich schätzen lernte.

Berlin! – Ein Summen, Klirren und Stampfen steigt in die Nacht auf, und das schillernde Netz der Lichter spannt sich über das tönende Dunkel. Licht und Lärm sind untrennbar vereint in dieser gewaltigen Stadt der Arbeit und der Lust; und wenn die Massen durch die geraden Straßen der jungen Großstadt hasten, weiß man nie, ob es zur Arbeit geht oder zu irgendeiner hastigen, schnell beschlossenen, schnell genossenen und schnell erledigten Vergnügung. In einem verwirrenden Bilde rauscht alles vorüber.

In dieser gewaltigen Stadt sind immer alle unterwegs, dachte Sebastian, aber sie scheinen niemals irgendwo anzukommen.

Man wartet auf ein Ereignis, eine Stunde, eine schicksalshafte Begegnung, ein freundliches Lächeln, den zitternden Schlag des Minutenzeigers auf der großen Uhr am Alexanderplatz, mit der er einen Teilstrich weiter springt, in seinem endlosen Teufelskreis, dem er nicht entkommen kann –, und doch scheint dieser Augenblick niemals einzutreten. Man starrt auf den Zeiger, bis die Augen tränen, aber er weigert sich einfach, weiter zu rutschen, als wäre er am zeitlosen Eispol des Universums eingefroren. Dann wieder explodiert Berlin. Alles findet überall gleichzeitig statt und man hetzt sich vergeblich ab in dem Bemühen, an allen Ereignissen teilzunehmen, die doch alle so bedeutend sind.

Sebastian saß also am Schreibtisch im Gästezimmer, starrte in den trostlosen Garten und versuchte sich an ein paar Gedichtzeilen, die diese Empfindung aufs Papier bringen sollten:

Ratten Tauben und Gekröse
Gehirne im Krampf
Berlin willst du deinen Namen wissen?

Aber nichts wollte ihm gelingen, er hatte dumpfe Kopfschmerzen, die von seiner rechten Schläfe ausstrahlten und sich im Lauf des endlosen Nachmittags über die gesamte Schädeldecke ausbreiteten. Ab und an knackte die kochende Heizung, manchmal waren dumpfe Schritte im Haus zu hören. Das musste durchaus als Ereignis genügen. Eine frühe Dämmerung setzte ein, aber sie ließ sich Zeit, als scheue sie sich, den langen Nachmittag abzulösen.

Der junge Mann machte sich nicht die Mühe, das Licht einzuschalten. Bald legte er den Schreibstift zur Seite, denn die Zeilen, mit denen er die linierten Blätter seines Moleskine beschrieben hatte, verschwammen vor seinen Augen zu krakeligen Hieroglyphen.

Berlin – willst du ihn wissen?
Er steht dort an der Wand.

Sebastian lehnte sich in einem Stuhl zurück und schloss die Augen. Es gab vieles, über das er nachdenken wollte – über seine Entscheidung, Augsburg zu verlassen, um sein Glück in der Reichshauptstadt zu versuchen, die Ereignisse des Vormittags und die merkwürdigen Geres, die offensichtlich mehr Familiengeheimnisse begraben hatten, als in ihre Gruft passten, schließlich die unheimliche Szene, die er erlebte, als er am frühen Nachmittag nach einem ungehörten Klopfen an Gretas Zimmer die Klinke probierte, die unverschlossene Tür öffnete und einen Blick in ihr Reich erhaschte. In diesem Augenblick, der ihn wie unter einem Stromstoß zusammenzucken, fast panisch zurückweichen und zurück in sein Gästezimmer fliehen ließ, hatte er noch keine Kopfschmerzen gehabt und eigentlich nur in Erfahrung bringen wollen, wann man zur Tour in die Stadt aufbreche.

Und da saß er nun und versuchte, den verbotenen Blick auf Greta und Clara aus seinem Gedächtnis zu bannen. Es gelang ihm nicht. Er fühlte sich so schmutzig und besudelt wie ein Vojeur. Die Feder zögert zu berichten, was er gesehen hatte und doch muss wahrhaft erzählt werden:

Im Schummerlicht einer Handvoll Kerzen saß Clara breitbeinig und schlaff, als wäre sie eine mechanische Puppe, deren Feder nicht mehr gespannt war, auf einem kitschig geblümten Sofa. Sie hatte ihren Unterrock bis über die Hüften enporgezogen. Sebastian sah um die Knie die dunklen, stahlgrauen und halb herabgerollten Strümpfe, die von den Strapsen ihres Mieders gelöst waren. Und er sah viel von der weißen, wächsernen Haut ihrer fleischigen Oberschenkel. Ihre Beschaffenheit erinnerte ihn an die monströsen Larven der Maikäfer, auf die er als Kind manchmal in der Erde des Kerr’schen Gartenvierecks gestoßen war. Ja, genau so wie ein Engerling wirkten sie auf ihn. Ihm wurde übel und ein dünner Eispickel stach in seinen Nacken.

Greta kniete vor den geöffneten Beinen Claras und schien aufmerksam die Innenseite ihrer Schenkel zu streicheln. War das wirklich ein sapphisches Tête-à-tête, in das er zufällig geraten war? Sebastian konnte es nicht glauben. Hier war etwas grundfalsch, auch wenn er sich noch nicht erklären konnte, was es war. Die Hausangestellte saß ihm direkt gegenüber und starrte ihn tatsächlich mit weit aufgerissenen Augen an, aber ihr Blick war vollkommen leer, die Iris zwischen den Wimpern nur ein dünner, kaum sichtbarer Rand. Die Schwärze ihrer unnatürlich vergrößerten Pupillen wirkte auf den jungen Mann wie aus der Welt herausgeschnitten. Ein Dämon, der der kranken Phantasie eines Hanns Heinz Ewers oder eines Gustav Meyrink entsprungen war, hatte solche Augen, kein Mensch oder irgendein anderes von Gott geschaffenes Geschöpf. Sebastian fühlte sich, als wäre er versehentlich in eine der unheimlichen Fieberalbträume dieser Autoren gestolpert und er konnte sich nur schwer von dem seelenlosen Puppenblick Claras abwenden.

[Fortsetzung am nächsten Montag]

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