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Vorankündigung: Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman

Eine Kleinstadt Mitte der 90er Jahre in der bayerischen Provinz: Die Bilder des Malers Jonas Nix sind eine künstlerische Sensation und Tagesgespräch bei den Kulturschaffenden. Doch liegt das an der Qualität seiner düsteren, blutigen Werke oder eher an seinen verwandtschaftlichen Beziehungen zu Stadtrat und Wirtschaft?

Der junge Journalist Georg Hauser, der mit dem Maler in die Schule gegangen ist, beginnt nachzuforschen und die Personen im Umfeld von Nix zu befragen. Er wird dadurch in eine Intrige verwickelt, die bald auch sein Leben bedroht und ihn vor die existenzielle Frage stellt:

Wie weit würdest du für deine Kunst gehen?

»Der Mensch durstet nach dem Bösen, ihn dürstet da­nach, schuldig zu werden, aber er wagt – oder vermag – es nicht, dem Bösen seine Seele zu verschreiben, er schlägt krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, usw … So sagt Georges Bataille in einer Geschichte.

Mögen Sie sie auch, diese kaum aussprechbare Abkür­zung einer nichtssagenden Floskel, dieses usw., das es auch noch als usf. oder als, besonders schön auszuspre­chen: u. Ä. gibt. Was wäre ein Schüleraufsatz ohne die­ses usw? Man benutzt es immer dann, wenn man selbst nichts mehr weiß, wenn die Inspiration versagt und man erschöpft den Rest der Gedankenkette der Fantasie des Lesers überlässt. Jeder von uns setzt instinktiv und intuitiv für dieses usw. etwas ein, das ihn persönlich be­trifft, es ist eine Art Rorschach-Test mit Buchstaben. Als ich den eben zitierten Satz zum ersten Mal bei Bataille las, ersetzte mein Unterbewusstes das usw. sofort mit dem Wörtchen Kunst. Der Satz las sich dann für mich so:

Der Mensch durstet nach dem Bösen, aber er vermag es nicht, ihm seine Seele zu verschreiben, deshalb schlägt er krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, die Kunst. Und ich war anschließend von Batailles ent­täuscht, weil er auf diesen, nämlich meinen, Gedanken nicht weiter einging, sondern sich im Weiteren nur mit der Neurose und dem Gelächter beschäftigte. Später fand ich dann zu meiner Beruhigung heraus, dass für ihn die Neurose und die Kunst fast synonyme Begriffe sind. Neurose ist ihm die Sehnsucht nach der Angst, die Gott hat. Kunst ist also die Sehnsucht nach der Angst Gottes.

Keine Angst, ich habe nicht vor, mit Ihnen über die Schwierigkeiten der Hermeneutik zu reden. Ich bin hier, um Ihnen etwas über die Kunst von Jakob Nix zu erzäh­len. Und, zu Ihrer Beruhigung, ich werde mich kurz fas­sen.

Deshalb komme ich aber an Batailles nicht vorbei, des­sen Unbehagen am Dasein eine enge Geistesverwand­schaft mit dem Nixschen Behagen an der Besudelung zeigt. Denn dessen Anliegen war neben dem selbstzer­störerischen Schenken, auf das ich später eingehe, im­mer das Tabu und das bewusste Überschreiten dessel­ben, um sich zum Menschsein zu befreien. Klingt Ihnen das zu hochgestochen? Ich kann es auch anders formu­lieren: Es gibt von Batailles einen Text, in dem jemand seine tote Mutter schändet. Und es gibt von Jakob Nix ein Bild, das er mit seinem eigenen Blut gemalt hat.

Wir loben uns, in einer tabulosen Gesellschaft zu leben, die all die kleinlichen Vorurteile unserer Väter über­wunden glaubt. Keine abwegige sexuelle Leidenschaft kann uns noch schockieren, wir sind in der Psychologie unseres Jahrhunderts geschult, haben für alles Ver­ständnis. Keine menschliche Regung ist uns fern. Sind wir also, wie ich formulierte, zum Menschsein befreit? Manche glauben es, aber ich will es bezweifeln. Ich den­ke, das Gegenteil ist der Fall: Wir leben in einer gefessel­ten, in einer neurotischen, engstirnig bürgerlichen Ge­sellschaft. Mit unserer freien Sexualität ist es nicht weit her, wir haben sie nur hygienisch und steril gemacht. Wir alle haben den Sex im Hirn, aber das ist der Ort, wo er am wenigsten hinpasst und auch am wenigsten be­friedigt wird.

Und daraus lässt sich nur schließen, dass die Tabus der Gesellschaft noch lange nicht gebrochen sind, diese Ge­sellschaft noch immer die Kraft hat, sie aufrecht zu hal­ten und ihre Verletzung unter Strafe zu stellen. Das Böse ist dabei das kräftigste Tabu. Ich spreche nicht von einem mythischen oder religiös definierten Bösen als Wi­derpart des guten Gottes, sondern von der gesellschaft­lichen Vereinbarung Böse, zu der es uns laut Batailles als egoistische Einzelwesen alle hinzieht. Und was ist böse? Es ist vor allem der Tod; er ist der Schaden der Gesellschaft und wir alle haben ihn zur Seite gedrängt, um ihn zu vergessen. Wir würden das Sterben unter Strafe stellen, wenn es einen Sinn hätte. Und gleichzeitig und das ist die Perversion dieses Tabus, sehnen wir uns alle nach dem Tod, denn er ist ein Teil von uns, den wir nur mit Hilfe einer Neurose, eines Gelächters oder eben der Kunst verdrängen können. Er schlummert in jedem von uns, wird jeden Tag ein wenig wacher. Jeden Tag werden wir ihm ein wenig ähnlicher. Da hilft kein Makeup.

Und trotz unseres Ekels vor der Sterblichkeit und der Verwesung gibt es uns einen masochistischen Schauer, erkennen wir uns wieder, wenn wir verstohlen in den Fernseher sehen und uns die Leichen der Kriege, Ver­brechen und Unglücke in handliches Format gepackt häppchenweise und farbenfroh vorgeführt werden. Aber nie darüber reden, diese Sehnsucht verschließen wir in uns: Das ist die Neurose, die uns fesselt. Solange wir nicht mit dem Tod umgehen können, werden wir keine Menschen sein. Jakob Nix hat die Überwindung dieser Neurose zu seiner Kunst gemacht. Geben wir zu, seine Bilder schockieren uns, aber es ist unsere eigene Einstellung zum Tod, die uns schockiert, die wir nicht sehen wollen, die uns hindert, frei zu werden. Hegel sagt, der Tod sei das Furchtbarste, und das Tote festzu­halten, sei das, was die größte Kraft erforderte. Nix nimmt seinen Kampf mit diesem Schrecken auf, er packt unter Aufbietung seiner Lebenskraft den Tod an den Hörnern und er läd uns alle ein, bei diesem Spektakel zuzusehen. Er macht uns damit ein Geschenk, schenkt uns einen Teil seines Daseins, auch wenn es ihn selbst zerstört. Nur wer das Höchste versucht, gewinnt die Freiheit des Menschseins.

Auch das Leben ist ein Geschenk, so trivial es klingen mag. Das Furchtbarste ist nicht, jemandem ein Ge­schenk wegzunehmen, sondern es ihm kaputt wieder­zugeben. Wir alle haben das Geschenk Leben von dieser Gesellschaft kaputt zurückbekommen. Und einmal in dieser mageren Frist zwischen Geburt und Tod, mit der wir so verschwenderisch umgehen, sollte jeder darüber nachdenken, was dies für ihn bedeutet.

Nehmen Sie das Angebot an. Benutzen Sie die Bilder zum Nachdenken, zum Nachfühlen, zum Erleben usw.

Ich danke Ihnen für den kurzen Moment der Aufmerk­samkeit.«

Ab morgen jeden Montag auf meinem Blog:

 

 

 

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Es kräht kein Hahn danach

ES. Morgen werde ich hier auf meinem „Traum“ den letzten Teil der Hyänen von Berlin posten. Damit ist der zweite Roman von Dr. Geltsamers Memoiren fertig gestellt und ich bin schon ein bisschen stolz (Ehrlich? Ich bin so stolz, dass ich ein Rad schlagen könnte wie ein Pfau). Die überarbeitete und fehlerkorrigierte Fassung des Romans gibt es seit Kurzem als Taschenbuch (ISBN: 978-3-7450-1918-6) und als preiswertes E-Book überall im einschlägigen Handel und wartet dort auf kühne Leser, die das unerhörte Risiko eingehen möchten, einen neuen Autor kennenzulernen.

Ich habe übrigens bereits mit dem 3. Roman der „Trilogie“ begonnen, die auf insgesamt fünf (!) Bücher konzipiert ist und von der jährlich eine Fortsetzung erscheinen soll: Das Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow. Ich werde im Januar ’18 mit der schrittweisen Vorveröffentlichung des Romans beginnen, der im zeitgenössischen Rom und als Buch im Buch im Sibirien des Jahres 1952 spielt. Ich würde mich wirklich wahnsinnig freuen, wenn der eine oder andere der wenigen Besucher meines Blogs sich dazu durchringen könnte, eines meiner Bücher in seiner endgültigen Fassung zu erwerben. Die hier eingestellte, noch sehr fehlerbelastete „Beta-Version“ der Hyänen werde ich demnächst löschen.

KRÄHT. Den Montagsplatz der Hyänen wird ein älterer Roman von mir übernehmen, den ich auf diese Weise noch einmal überarbeite und ihn sozusagen in die finale Fassung mit einem neu zu schreibenden Schlusskapitel bringe. Ich werde den Roman nach dieser Vorveröffentlichung dann im Frühjahr des nächsten Jahres als Buch drucken lassen. Es ist Die Wahrheit über Jürgen, die Geschichte eines jungen Malers, der an dem Gegensatz zwischen seinen Ambitionen und seinem spießbürgerlichen Umfeld in seiner südbayerischen Heimatstadt zerbricht. Dieser „Schlüsselroman“ spielt in den Neunzigern und ist stark von meinen eigenen Erfahrungen geprägt. Obwohl er nicht die Hauptfigur ist, darf auch Nikolaus Klammer auftauchen. Die Wahrheit über Jürgen ist Teil eines Zyklus‘ von mehreren Romanen und Erzählungen, der Jahrmarkt in der Stadt heißt und der hier zum großen Teil unbearbeitet und auch vollkommen unbeachtet gratis als PDF oder E-Book downloadbar ist.

Ich plane, auch meine frühen Werke auf diese Weise in eine endgültige Form zu bringen.

KEIN. Nächste Woche werde ich hier auch den Schlussteil des 8. Kapitels von Der Weg, der in den Tag führt posten, auf das dann nahtlos das spannende 9. Kapitel folgen wird. Da sich der Roman während des Schreibens immer komplexer und umfangreicher entwickelt hat (Ich bin inzwischen bei über 100.000 Wörtern und das Ende ist noch nicht in Sicht), werde ich meinen Editionsplan wohl nicht einhalten können und den Weg erst im nächsten Jahr fertigstellen  können. Manchmal übernehmen meine Figuren und fordern ihr Recht. Dann schreibe ich nicht, sondern werde von ihnen geschrieben. Ich fürchte mich jetzt schon vor dem ausufernden Lektorat. Im Moment überlege ich noch, ob ich den Prequel-Roman zu Brautschau in zwei Teile mit etwa 250 Seiten aufteilen und den ersten Teil noch vor und den zweiten erst nach dem Jahreswechsel drucken lassen soll. Mal sehen …

Vielleicht kann mir ja jemand raten, was ich machen soll.

HAHN. Man sieht: Ich arbeite. Jeden Tag schreibe ich nur ein wenig (vielleicht 2000 Wörter, oft weniger), aber ich bin konsequent und stur. Das Wenige sammelt sich an, wächst langsam. Ich bin wie einer meiner erfolgreichen Kollegen der Meinung, dass ernsthafte Autoren keine Schreibblockaden kennen. Das ist nur Folklore und eine Ausrede, um zu zu prokrastinieren. Allerdings erfordert das Schreiben Zeit und einen verständnisvollen Partner. Deshalb muss ich mich anderswo einschränken. Ich werde keine Glossen oder Artikel für diesen Blog mehr erstellen. Ich benutze ihn nur noch als Skizzenblock für meine in der Entstehung befindlichen Romane. Aber das ist wohl kein Verlust, denn von meinen Büchern verkauft sich der Band mit meinen besten Blog-Texten, Glossen und Artikeln aus den letzten 5 Jahren am schlechtesten. Noch einmal davon gekommen will offenbar kaum jemand lesen – wenngleich die wenigen, die das Buch gelesen haben, gut unterhalten und begeistert waren.

DANACH. Aber jetzt höre ich mit diesem Werkstattbericht und dem Klagen auf. Ich habe bereits einen guten Freund allein deshalb verloren, weil er mir vorwarf, ich würde ständig nur jammern und der Gegensatz zwischen mir selbst und meiner Kunstfigur „Nikolaus Klammer“ würde wahnhafte und schizophrene Züge aufweisen.

Dann mache ich mal weiter. Heute jedoch werde ich diesen wundervollen Herbstsonntag, seine Wärme und seine Farben genießen – und überhaupt nichts tun.

Grüße aus meiner Schreibklause, Nikolaus.

 

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Geilwuchs

Aus aktuellem Anlass:

Die Sumpfblüte

Es ist wieder so weit: Das schwülheiße Wetter und die damit verbundenen Wärmegewitter im August haben nicht nur Pilze in meinem Rasen und eine neue Generation blutgieriger Mücken ausgebrütet, sondern auch ein besonders lästiges Unkraut, das nicht in jedem Jahr, aber meist in der Zeit meines Sommerurlaubs innerhalb weniger Tage heranwächst und das Dorf und die nahe Stadt verschandelt und überwuchert:

Es handelt sich um das gemeine Wahlplakat (pergamentum electionis vulgaris), das sich gerade wie eine Seuche ausbreitet, gegen die es kein Unkrautmittel zu geben scheint. Die gemeine Ackerwinde (Convolvulus arvensis vulgaris) ist harmlos dagegen.

An allen möglichen und unmöglichen Orten schießen wegen der Bundestagswahlen diese unheimlichen Pflänzchen wie Spargel aus dem Boden, es sind inzwischen so viele, dass eigentlich kein Platz mehr für neue bleibt, will man nicht Fenster, Böden oder Haustiere bekleben.

Kein Laternenmast, kein Baumstamm, keinen Bauzaun und keine Wand gibt es mehr, von der nicht ein schmierig grinsender Mensch stolz auf mich herabblickt, kein Fuß- oder Radweg, ab dem mich nicht eine Reihe Aufsteller mit Zwei- oder maximal Dreiwort-Parolen zu ständigen Umwegen zwingt. Hundertmal sehe ich in das gleiche flache, mit Photoshop geschönte, schwarzweiße Gesicht, das schon beim ersten Anblick wie eine kalte Dusche wirkte, lese zwanghaft die den Verstand beleidigenden Worthülsen, die offenbar eine Druckmaschine mit Zufallsgenerator unter die Köpfe gesetzt hat. Die Kandiaten, die sich auf meine Kosten für die nächsten Jahre bequem ins Parlament setzen wollen, benutzen immergleiche Textbausteine:

– „Für …“ (bitte selbst ein politisch korrektes Wort einsetzen, es bieten sich an: Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Bildung, Miteinander, Mitte, Werte, Energiewende, Umweltschutz, Deutschland, Jugend, Alter, Kitas, Kinder, Arbeitnehmer, Europa, DSL für alle, endlich eine Umgehungsstraße, Freibier. Das letztere Wort wird für meinen Geschmack viel zu selten benutzt, obwohl es sicherlich das erfolgreichste wäre. Manches der leeren Worthülsen benötigt noch ein passendes Adjektiv. „sozial“, „frei“, „gerecht“ sind die beliebteste.)

– Gegen …“ (bitte selbst ein politisch unkorrektes Wort einsetzen. Vorgeschlagene Wörter: Steuern, Zuwanderer, Rüstung, Kapitalismus, Internetüberwachung, Energiewende, Reiche, Europa, Euro, die Umgehungsstraße, Brokkoli. Das letztere Wort wird für meinen Geschmack viel zu selten benutzt, obwohl es bei mir sicherlich das erfolgreichste wäre. Das „Gegen“-Pflänzchen ist eher bei den Radikalen von links und rechts zu finden; dieses Unkraut wächst übrigens am höchsten hinaus, was den Vorteil hat, dass doch einiges über dem Gesichtsfeld hängt und leichter übersehen werden kann.)

– „Ich bin…“ (gut, jung, gesund, aufgeschlossen, dynamisch, sportlich, ehrlich, zuverlässig, für sie da, Anwalt, Bauer, Diplom-Ökologe, Rentner, Schulrat, Hausfrau und Mutter, Musiker, vegetarischer Metzger, aus dem Volk, kurz: ganz toll. Aber das schreibt keiner.)

– „wählt…“ (Kürzel der Partei, den Frieden, die Freiheit, die Eierkuchen, Jesus, Karl Marx, überhaupt mal, ihr Pfeifen!, kurz: „Wählt verdammt noch mal mich! Sonst muss ich mir eine vernünftige Arbeit suchen!“ Aber das schreibt keiner.)

Die CSU geht hauptsächlich mit Einwortsätzen  und der „Sicherheit“ hausieren: „Bayern. Zukunft“ und „Bayern. Freiheit.“ Statt „CSU“ könnte wirklich jeder beliebige andere Parteienname über Slogan und Bild stehen. Die Beliebigkeit hat ihren Gipfel erreicht. Und das ist doch eine sinnvolle Idee:

Könnte man nicht einfach ein wiederverwendbares Standardwahlplakat mit einer attraktiven jungen Frau Mustermann  (Das ist Geschlechtergerechtigkeit: Wir sind alle attraktive junge Frauen und Professorinnen) drucken, auf dem „Für das Gute. Gegen das Schlechte. Wählt mich und meine Partei“ und darunter der Wahltermin stehen? Es würde dann per Gesetz beschlossen, dass pro Straße nur zwei dieser Infoplakate gehängt werden dürfen, in jede Fahrtrichtung eines. Was könnte man sinnlos verbratenes Geld einsparen und wie viel schöner wären unsere Innenstädte!

PS. Eine Abart des pergamentum electionis vulgaris sind die epistolae electionis, die – kaum informativer – im Briefkasten siedeln und als Schmarotzerpflanze langsam die restliche Post vertreiben. Besonders eklig sind die braunen Epistolae, die unsere Dorfnazis – vulgo AFD’ler – vor den Wahlterminen verteilen. Leider erwische ich ihn nie bei seinen sinistren Machenschaften, aber eines weiß ich: Wenn er nicht aufhört, mir seinen stinkenden Unrat in den Briefkasten zu stecken, dann fäkiere ich auch mal in seinen …

Nur gut, dass diese Seuche ab Sonntag so schnell wieder verschwindet, wie sie aufgetaucht ist. Bis zur nächsten Wahl …

PS.: Dies war übrigens einer meiner Blogartikel, der es nicht geschafft hat, in mein köstliches und überall im Handel erhältliches Büchlein  „Noch einmal davon gekommen“ aufgenommen zu werden, in dem ich meine besten Glossen, Kurzgeschichten und Texte gesammelt habe und auf das ich hier noch einmal hinweisen möchte:

Noch einmal davon gekommen
Glossen, 228 Seiten, reich illustriert
Taschenbuch und E-Book
ISBN 978-3745043006

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Mein neues Buch steht im Regal

Heute ist endlich mein Exemplar von „Dr. Geltsamers erinnerte Memorien – Teil 2: Die Hyänen von Berlin“ aus der Druckerei gekommen. Ich finde, es ist gut geworden. Es macht Spaß, sich mit den eigenen Büchern ein Regal zu füllen. Noch einmal zur Erinnerung:

Die Jagd nach dem geheimnisvollen Buch der Bücher geht weiter!

Während der Schriftsteller Nikolaus Klammer verzweifelt versucht, seine verschwundene und vielleicht auch von finsteren Mächten entführte Tochter Isa zu finden und endlich in Rom eine Spur von ihr zu entdecken glaubt, hat sich das schwarze Buch erneut verändert, das man ihm  in einer von einem Tag auf den anderen verschwundenen Buchhandlung unter mysteriösen Umständen zugespielt hat.

Diesmal erzählt ihm das Buch die Geschichte von Sebastian Kerr, des Großvaters des Autors, der in den letzten Tagen der Weimarer Republik im vergnügungssüchtigen und brandgefährlichen Berlin der gegen eine Geheimorganisation kämpfen muss, die offenbar auch in der Gegenwart Klammer und seine Familie bedroht. Es sind die „Hyänen von Berlin“.

Wird Klammer die unglaubliche Verschwörung um die im Dschungel des Amazonas verschollene Ärztin Elena Kuiper und ihre eingeborene Freundin Lokwi aufdecken können? Und was hat es mit diesem merkwürdigen Pentagramm-Symbol auf sich, dem er überall begegnet?

Auch im zweiten Teil seiner „Trilogie in 5 Teilen“ gelingt es dem Autor, ein überaus spannendes und auch humorvolle Garn zu spinnen, das nahtlos an den ersten Teil anschließt und den Leser viele Stunden zu fesseln vermag.

TEIL 2
DIE HYÄNEN VON BERLIN
230 Seiten, illustriert
ISBN: 978 3 745 01918 6
überall als Taschenbuch und als günstiges E-Book erhältlich

 

 

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Die Geschichte geht weiter: „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – TEIL 2“

Was bin ich doch für ein fleißiges Kerlchen!

Die Jagd nach dem geheimnisvollen Buch der Bücher geht weiter!

Während der Schriftsteller Nikolaus Klammer verzweifelt versucht, seine verschwundene und vielleicht auch von finsteren Mächten entführte Tochter Isa zu finden und endlich in Rom eine Spur von ihr zu entdecken glaubt, hat sich das schwarze Buch erneut verändert, das man ihm  in einer von einem Tag auf den anderen verschwundenen Buchhandlung unter mysteriösen Umständen zugespielt hat.

Diesmal erzählt ihm das Buch die Geschichte von Sebastian Kerr, des Großvaters des Autors, der in den letzten Tagen der Weimarer Republik im vergnügungssüchtigen und brandgefährlichen Berlin der gegen eine Geheimorganisation kämpfen muss, die offenbar auch in der Gegenwart Klammer und seine Familie bedroht. Es sind die „Hyänen von Berlin“.

Wird Klammer die unglaubliche Verschwörung um die im Dschungel des Amazonas verschollene Ärztin Elena Kuiper und ihre eingeborene Freundin Lokwi aufdecken können? Und was hat es mit diesem merkwürdigen Pentagramm-Symbol auf sich, dem er überall begegnet?

Auch im zweiten Teil seiner „Trilogie in 5 Teilen“ gelingt es dem Autor, ein überaus spannendes und auch humorvolle Garn zu spinnen, das nahtlos an den ersten Teil anschließt und den Leser viele Stunden zu fesseln vermag.

In dieser Woche ist mein neues Buch erschienen:

TEIL 2
DIE HYÄNEN VON BERLIN
230 Seiten, illustriert
ISBN: 978 3 745 01918 6
überall als Taschenbuch und als günstiges E-Book erhältlich

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Lobende Worte

Manche Worte schmecken süß wie italienische Dolci.

Gerade tauchte unter der Überschrift „Erzählkunst vom Feinsten“ (!) die folgende Kritik zum ersten Teil von „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Teil 1: Die Frau, die der Dschungel verschluckte“ bei Amazon auf. Sie wurde von einem mir unbekannten Michael geschrieben und ist so schmeichelhaft und süß schmeckend, dass ich sie hier unbedingt teilen möchte:

„Mit sorgfältiger Sprache wird hier eine spannende Geschichte erzählt. Falsch: Es wird nicht eine Geschichte erzählt, es werden mehrere Geschichten erzählt, indem der Autor mehrere Ebenen wählt, die geschickt ineinandergreifen und so immer wieder den Spannungsbogen erhöhen, um auf der anderen Ebene die Handlung voranzutreiben. Dennoch verliert man nie den Überblick, sondern ist von den Figuren und deren Erlebnissen fasziniert. Vor allem die Frauen gewinnen eine hohe Plastizität in der Intensität ihrer Gefühls- und Erlebniswelten. Man darf sich sogar Fragen, ob der Autorenname nicht ein Pseudonym für eine Frau ist … Also mit einem Satz: Ich kann diesen Roman nur empfehlen, man wird eine kurzweilige Zeit erleben und etwas über weit verborgene Welten erfahren. Viel Spaß beim Lesen und: Ich freue mich auf die Fortsetzung!“ – Michael

Nun, die Fortsetzung Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Teil 2: Die Hyänen von Berlin“ erscheint bereits in zwei Wochen und das wäre doch die ideale Gelegenheit, sich endlich den ersten Teil meiner Trilogie in fünf Teilen als günstiges E-Book oder als Taschenbuch anzuschaffen und zu lesen.

Dass mich Michael für eine Frau hält, ist übrigens eine hübsche Verschwörungstheorie und hat mich köstlich amüsiert.

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Ende meiner kleinen Sommerpause und ein Dankeschön

Da macht mal kurz für ein paar Wochen im von einer Jahrhunderthitzewelle geplagten, staubtrockenen Italien Urlaub und schon hat zu Hause still und heimlich ein verregneter Herbst begonnen und es wird Zeit für mich, den Platz am Pool zu räumen, die Chiantiflaschen und das Autanspray (Tigermücken!) in den Keller zu räumen, Brennholz zu bestellen und mich wieder an die Arbeit zu machen …

Zwei Monate sind im Internet wie zwanzig Jahre im echten Leben. Obwohl mir die Zeit , in der ich pausierte, Ferien machte und an meiner Literatur bastelte, sehr schnell verging, stand doch zu befürchten, dass mein Blog in der Zwischenzeit vergessen würde. Aber die Zugriffszahlen, die kaum eingebrochen sind, erzählen eine andere Geschichte – einige halten mir offensichtlich unerschütterlich die Treue (und wenn es nur die Suchmaschinen sind). Ich danke für das Interesse und begrüße auch herzlich die neuen Follower, die mir nun auf „Aber ein Traum“ folgen wollen.

Wie der eine oder andere meiner Leser vielleicht mitbekommen hat, lief trotz der Sommerpause die Vorveröffentlichung der unbearbeiteten und rohen Fassung des 2. Teils von „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren: Die Hyänen von Berlin“ pünktlich an jeden Montag weiter. Ich habe das Buch inzwischen fertig korrigiert und es wird in zwei Wochen überall im Handel erscheinen (die E-Book-Ausgabe dauert noch etwas länger). Es ist einer der schönsten Momente im Leben eines Autors, das Wort „Ende“ unter ein Manuskript schreiben zu können. Der Roman ist mit etwa 50000 Wörtern – also etwa 240 Buchseiten – länger geworden als ich geplant hatte. Aber das geht mir ja mit jedem meiner Werke so. Während sich der 2. Teil seinem Publikum stellen muss, arbeite ich bereits am nächsten. Ich habe im Urlaub schon mit dem 3. Teil der „Geltsamer-Memoiren“ begonnen, der den Titel: Der Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow tragen und in der Hauptsache im Sibirien der frühen 50er Jahre spielen wird. Falls mein ehrgeiziger Editionsplan so funktioniert, wie ich mir das vorstelle, wird der Roman Ende 2018 fertig sein.

Bis zum Winter werde ich auch mein zweites Romanprojekt Der Weg, der in den Tag führt beendet haben. Ab der nächsten Woche werde ich an diesem Ort die Vorveröffentlichung des Prequels zu „Brautschau“ fortsetzen.

Man sieht, ich habe mir viel vorgenommen und hoffe, meine Leser und Follower werden mir weiterhin auf meinem Weg treu bleiben.

Weiter gehts!

Euer Nikolaus

Demnächst: Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Teil 2: Die Hyänen von Berlin

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Sommer, Sonne, Urlaub – Blogpause

Je länger dieser etwas unbeständige, aber herrliche Sommer andauert, umso weniger Lust verspüre ich, mich in mein stickiges Autoren-Kämmerchen zurückzuziehen und für meinen Blog Glossen und Artikel zu schreiben. Und ich habe den Eindruck, meine Freunde und Follower haben auch kaum Lust, meine Kopfgeburten zu lesen, denn im Sommer ist man mehr (schwitzender) Körper als Geist. Literatur passt besser zum Herbst und zum Winter. Deshalb ist es wie in jedem Jahr im Juli für mich an der Zeit, mich ein, zwei Monate im Internet ein wenig rar zu machen und ich werde mir meinen alljährlichen Sommerurlaub gönnen.

Ich will in den nächsten Wochen mit Frau Klammerle gemeinsam viel wandern, mit ihr Ausflüge machen, Freunde besuchen und irgendwo in den Hügeln im Hintergrund des obigen Fotos auf der Terrasse vor unserem diesjährigen Feriendomizil unter einer Pinie mit einem Glas Chianti in der Hand sitzen und träumend zusehen, wie sich die Welt auch ohne mich dreht. (Seht ihr mich auf dem Foto unten, rechts im Hintergrund? Ich winke.)

Übrigens werde ich auch den 2. Teil meines Geltsamer-Romans druckfertig machen, den ich trotz meiner Sommerpause hier weiter häppchenweise vorveröffentlichen werde. Er wird dann im Herbst, wenn ich erholt und voller neuer Ideen (hoffentlich) wieder in die heimatlichen Gefilde zurückkehre, im Buchhandel erscheinen.

Wenn man mich bis dahin vermisst: Meine Bücher, die es überall im Buchhandel als E-Book oder als Taschenbuch günstig zu kaufen gibt, sind eine ideale und unterhaltsame Sommerlektüre, egal man sie ob auf dem Balkon, am Strand oder auf einer Berghütte liest. Ich würde mich freuen. Und ein kleines Feriengeschenk habe ich noch:

Meine drei E-Books sind vom 25. Juli bis zum 6. August 2017 bei allen Buchhändlern zum Sonderpreis von 0,99 € erhältlich.
Wer jetzt nicht zuschlägt, ist selbst schuld.

Im September melde ich mich dann wieder.

Habt eine schöne Zeit bis dahin,

Euer Nikolaus

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„Noch einmal davon gekommen“ – Leseprobe II

Das Lied des Weckers

Wir haben es also gesehen: An den Wochentagen, an denen ich vor 06:00 Uhr aufstehen muss, herrscht Ausnahmezustand und wenn ich mich nicht am Griff meiner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich beim Frühstücken vom Stuhl. Der frühe Morgen zwingt mich also zu widernatürlichen, abartigen Handlungen, die meiner ganzen Persönlichkeit, meiner Weltanschauung und meiner Ethik widerspricht. Da ich gerne mit meiner humanistischen Bildung angebe, will ich es mit den Worten meines geschätzten Kollegen Torquato Tasso sagen, die ihm Goethe im gleichnamigen Drama in den Mund gelegt hat:

So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja, zu sein, wie jene, die wir kühn und stolz verachten konnten.

Deshalb habe ich mich entschlossen, an diesen Frühaufsteh-Tagen nicht mehr zu schreiben. Die Weltkultur und die Menschheit im Allgemeinen werden es wahrscheinlich überleben, wenn ich ein- oder zweimal in der Woche nicht blogge, nicht an meinen, ach, so bedeutenden Romanen und essayistischen Ergüssen schrei­be – und übrigens halb schlafwandelnd auch in der Arbeit nur Mist mache.

Meine Sorge ist eine ganz andere: Es ist das pünktliche Aufwachen, um rechtzeitig in der Arbeit zu sein. Ich bin im Besitz einer gut funktionierenden inneren Uhr, aber gerade in den frühen Morgenstunden versagt sie gerne. Die wunderbare Frau Klammerle (meine liebe, treusorgende und geduldige Gattin, die ich nun zum ersten, aber bestimmt nicht zum letzten Mal auf diesen Seiten erwähne), die als pflichteifrige Kran­kenschwester jeden Tag zu den unmöglichsten Zeiten aufstehen muss, mal vor 05:00 Uhr zum Frühdienst, am nächsten Tag zum Spätdienst, dann zum Zwischen­dienst, und anschließend mal wieder still vergnügt ein paar Nächte lang durcharbeitet, bringt freilich absolut kein Verständ­nis für mein oben geschildertes Problem auf1.

Es geht ihr auch viel schlimmer als mir: Obwohl sie noch nie zu spät zur Arbeit kam, ist sie anerkannte Weltmeisterin im Tief­-, Lang- und Vor-dem-Fernseher-Schlafen und steht als solche auch unangefochten im Guinnessbuch der Rekorde. Ach, wie oft fiel ihr schon ein dicker Frauenroman beim Lesen im Bett nach der ersten schmalzigen Seite aus der ermüdeten Hand und aufs Gesicht!2

Daher brauchen wir beide dringend jeder persönlich einen eigenen Wecker auf dem Nachttisch mit den privaten, täglich wech­selnden Weckzeiten. Und damit beginnt das eigentliche Ärgernis und zwar nicht nur Freitags oder Montags, sondern jeden dum­men Alltagsmorgen, den uns der Herr in seiner grenzen­losen Güte noch schenken will, bis wir einstmals das Rentenalter erreichen.

*

Es folgen nun ein paar Auszüge aus dem Tagebuch der Familie Klammer:

Montag, 11. September 20**,
04:43 Uhr morgens

Ruhe herrscht im Hause Klammer, alles schläft. Allein Amy, die Katze3, hebt einmal kurz ihren Kopf von ihrer Ruhedecke zu den Füßen von Frau Klammerle. Das treue Tier öffnet nicht einmal die Augen, schnuppert nur einmal in die Luft, lauscht den gleichmäßigen Atemzügen, die von der rechten Bettseite etwas lauter rasseln. Amy, die Katze, hat ein gutes Ge­fühl für Stimmungen. Sie weiß, es liegt etwas in der Luft. Trotzdem schmiegt sie sich wieder in ihre ausge­streckten Pfoten und lächelt im Katzenschlummer.

Der digitale Funkwecker von Frau Klammerle ist auf die Weckzeit von 04:45 Uhr eingestellt, sie hat Früh­dienst. Mein Wecker, ebenfalls eines dieser digitalen Teile, die einem die Supermärkte, Drogerien und Kaffee­geschäfte billig hinterher schmeißen, soll erst eine Stun­de später läuten, immer noch zu früh, aber immerhin kann ich ja noch eine ganze Stunde schlafen. Noch 2 Mi­nuten, bis das Schicksal zuschlägt …

Frau Klammerles Uhr erreicht den Weck-Zeitpunkt. An­statt enervierend zu piepsen, knackt sie nur kurz. Ein leises Geräusch, das außer der Katze, die es nicht weiter interessiert, von niemandem gehört wird. Das Ehepaar Klammerle ruht ungestört weiter. Amy, die Katze, hat jedoch eine perfekt funktionierende innere Uhr, weshalb sie fünfzehn Minuten später Appetit auf einen kleinen Früh­stückssnack bekommt. Deshalb erhebt sie sich aus ihrer Decke, reckt und streckt sich, gähnt einmal herzhaft und trottet gemütlich hinauf zum Kopfende, wo Frau Klammerle noch immer von angenehmen und wie üblich vollkommen harmlosen Dingen träumt. Amys Weckmethode ist etwas weniger subtil als das knappe Klacken des kaputten Weckers: Sie schlägt ihr mit der Pfote auf die Nase und ruft auf kätzisch:

Guten Morgen- ich habe Hunger!“, was sich ungefähr wie „Brr – mau!“, anhört.

Frau Klammerle steht im Bett, ihr Herz pocht. Ein Blick auf ihren Wecker zeigt ihr, dass sie viel zu spät dran ist. Mit einem Auf­schrei stürzt sie ins Bad, ohne sich weiter um die Katze zu kümmern. Diese ist nur kurz beleidigt, dann ent­scheidet sie, dass es ja noch einen zweiten Menschen gibt, der sie zu ihrem Fressnapf geleiten und denselben mit Trockenfutter und Leckerli füllen kann. Auch ich werde mit einem liebevoll kräftigen Schlag auf die Nase ge­weckt.

Brr – mau!“

Und bin deshalb eine Stunde zu früh wach. Eine Entscheidung muss her.

Morgen kaufe ich für Frau Klammerle einen neu­en Wecker beim Billigdrogeriemarkt im Dorf. Die alte Uhr, die zwar immer noch – von einer Atomuhr funkgesteuert – sekundengenau die Zeit anzeigt, aber eben nicht mehr weckt, landet in mei­nem Arbeitszimmer. Einen Nachmittag lang beschäftige ich mich, Frau Klammerle zu erklären, wie der neue Wecker funktioniert. Einstellen der Alarmzeit, Schlummertaste usw. Warum sind diese Tasten bei Funkuhren immer so klein und fummelig, so ungünstig wie möglich hinten am Gerät angebracht und warum muss man mindestens zweimal konzentriert drücken, um den Wecker auszuschalten? Da muss Methode dahinter sein …

*

Montag, 18. September 20**,
04:45 Uhr morgens

Wieder hat Frau Klammerle Frühdienst. Und der neue Wecker funktioniert! Ein unerträglich lautes Piepsen er­tönt. Amy, die Katze, flüchtet unter das Bett, auf dem Herr und Frau Klammerle mit pochenden Herzen stehen. Frau Klammerle schnappt sich das plärrende Teil.

Wie schal­tet man das Ding aus?“, ruft sie verzweifelt und drückt alle Tasten, die auf der Rückseite sind. Tatsächlich herrscht plötzlich Ruhe. Sie stellt den Wecker zufrieden zurück aufs Nachtkästchen und trollt sich ins Bad. Nachdem sich mein Puls wieder beruhigt hat, sinke ich zurück in meine warmen Kissen, ich darf ja noch eine Stunde schlafen. Ein wunderbarer Traum muss noch weiter geträumt werden und tatsächlich gelingt mir das seltene Kunststück, wieder in ihn hinein zu finden und tiefer ins Wunderland zu fliegen. Da geht Frau Klam­merles Wecker erneut los. Ich schrecke hoch, schnappe mir das Teil und drücke alle Tasten, die auf der Rücksei­te sind. Mir gelingt es nicht, die richtige, die den Lärm stoppt, zu finden. Also entferne ich die Batterien. Ruhe. Aber jetzt sind Schlaf und wunderbarer Traum endgül­tig geflohen und ich liege eine Stunde wach, bis meine treue Uhr sich pflichtbewusst meldet.

Am nächsten Tag landet der Wecker, der zwar funktio­niert, aber für uns viel zu kompliziert ist, in einer Schublade im Arbeitszimmer, wo er weiterhin ab 04:45 Uhr morgens zehn Minuten lang vor sich hin plärrt, aber niemanden mehr stört.

*

Montag, 25. September 20**,
04:45 Uhr morgens

Nein, du kaufst heute keinen neuen Wecker. Ich habe eine bessere Idee“, erklärte mir vorgestern meine Frau, als ich mich beim Einkaufen in der Uhrenabteilung herum trieb.

Denn sie hat eben mit der Post ihr neues Smartphone erhalten und spielt verliebt mit dem komplexen Gerät, dessen Funktio­nen sie niemals alle verstehen wird und wohl auch nicht will. Aber das mit der Weckfunktion hat sie sich genauestens vom technikaffinen Sohn Nr. 24 erklären und vorführen las­sen. Als Erzieher für verhaltensauffällige Jugendliche kennt er die besten Lern­methoden und hat seine Mutter diese App auch einmal selbst ausprobie­ren lassen. Sie stellt mit ihm gemeinsam die Weckzeit ein, sucht sich einen besonders ätzenden Weckton – Harry Belafonte, Banana Boat Song – aus und schlummert nun gelassen ihrem Frühdienst entge­gen.

Day-o, day-o! Daylight come and me wan‘ go home …“

Das Smartphone ist pünktlich und macht seine Arbeit. Amy, die Katze, flüchtet un­ters Bett, Herr und Frau Klammer stehen mit pochen­dem Herzschlag in ihrem Bett. Freilich lässt sich auch dieses Gerät nicht so einfach ausschalten, der Touch­screen mit seinen winzigen Icons ist für frühmorgend­lich tastende, noch bettwarme Finger zu klein und irgendwie hat Frau Klammerle auch wieder vergessen, wie das Ausschalten des Alarms funktioniert. Gestern ging es doch noch so einfach!

Doch dann schweigt das Teil plötz­lich. Sie nimmt vorsorglich ihr Telefon mit hinaus, schließt fürsorglich die Schlafzimmertür und legt das Handy in den Gang, stellt sich erst einmal zur Beruhigung unter die Dusche. Ich sinke zurück in meine Pfühle, schlafe wieder ein. Von draußen dringt erneut Harry Belafonte an mein Ohr, langsam lauter und drohender werdend.

Day-o, day-o!“

Ich kann das nicht mehr ignorieren: Offensichtlich ist es eine Funktion der „Weck-App“, nach einer Weile noch einmal loszuplärren. Verzweifelt renne ich also hinaus in den Gang, wo ich blind nach dem sich noch immer stei­gernden Lärm taste. Dann halte ich endlich dieses Gerät in der Hand und kann nicht einmal den Bildschirm akti­vieren.

Come, Mister tally man, tally me banana!“

Brr – mau!“ Die Katze schmeichelt klagend um meine Beine, überrascht, dass ich schon jetzt aufgestanden bin, um sie zu füttern. Frau Klammerle hört nichts. Sie duscht ja hinter verschlossener Tür und hat Shampoo in den Oh­ren.

Endlich tapst ein verschlafener Sohn Nr. 2 von seinem Zimmer im Dachjuchhe5 herunter, entreißt mir wortlos das Smartphone und schaltet es mit einem Fingerwischen ab. Mit strafendem Blick drückt er mir das Ge­rät wieder in die Hand. Dann stapft er spürbar angefressen zurück in sein Reich.

Und wieder bin ich eine Stunde vor meinem geplanten Aufstehen hellwach. Meine Frau singt weiterhin unter der Dusche.

Come, Mister tally man, tally me banana!“

*

Sonntag, 07. Oktober bis Montag, 08. Oktober 20**,
eine
ganze, lange Nacht

Also die Idee mit dem Smartphone war nicht direkt überzeugend“, argumentierte ich gestern, am Ruhe-vor-dem-Sturm-Samstag. Frau Klammerle zuckte mit den Schultern.

Schnickschnack! Die Tastfelder sind einfach zu fummelig“, gab sie den­noch zu. Politik beherrscht sie wie die Kanzlerin: Dem Gegner in Kleinigkeiten Recht geben, aber in der Sache festbleiben.

Doch ich habe die ideale Lösung gefunden: Ich werde ab jetzt deinen Wecker benutzen. Der ist einfach zu bedienen und überhaupt: Eigentlich war er ursprünglich mal meiner.“

Damit hat sie recht. Argumentativ ist sie mir immer ei­nen Schritt voraus. Früher hatte ich einen Radiowecker, der mich entweder mit hysterisch munterem Morgenge­quassel (siehe oben) oder mit dem ersten Lied einer in ihn ein­gelegten CD weckte. Nachdem er mich zum 264. Mal mit Come on up to the house von Tom Waits geweckt hatte, flog er an die Schlafzimmerwand und genießt seine Rente in meinem Arbeitszimmer. Ich erbte dann die ausgediente Funkuhr meiner Frau, als sie sich die todschicke neue kaufte, die dann vor zwei Wochen plötzlich versagte.

Aber du hast ihn mir vor vier Jahren gegeben, weil du dir einen viel besseren gekauft hast!“, wehre ich mich, obwohl mir klar ist, dass ich schon verloren habe.

Und dann habe ich doch keinen Wecker mehr! Ich muss montags schließ­lich auch wahnsinnig früh raus!“

Schnickschnack! Mein Wecker ist kaputt, also nehme ich meinen alten wieder zurück. Du brauchst doch gar keinen Wecker, du bist doch eh schon immer wach. Oder du stellst ihn dann noch einmal – ganz einfach.“

Aber ich bin doch nur wach, weil du mich weckst! Aber weißt du was? Ein echter Mann weiß, wann er verloren hat. Nimm ruhig meinen alten Wecker. Ich werde mir jetzt einen tollen neuen kaufen.“

Und tatsächlich gab es einen im Sonderangebot beim Kaffeegeschäft unseres Vertrauens, wohin mich mein Weg eh führte, weil Frau Klammerle gerade in die expe­rimentelle Phase der Erprobung ihres in der letzten Woche frisch erworbenen neuen Kaffeevollautomaten eingetreten ist und entsprechende Men­gen an Bohnen verbraucht, um die ideale Röstung für die Maschine zu finden.

Nachdem ich acht (!) Batterien eingelegt und die zwanzigseitige Bedienungsanleitung für meine neue, exquisite Uhr studiert hatte, fand ich tatsächlich auf der Rückseite meines Weckers mehrere eng beieinander liegende, klapp­rige Plastiktasten, mit denen ich nach einigen Fehlver­suchen den Alarm programmieren konnte6. Ich stellte die Weckzeit voller Hoffnung auf 06:00 Uhr morgens ein. Ein Mann und sein Wecker. Dieses Mal würde alles gut werden. Aufgeregt ging ich schon um 22:00 Uhr ins Bett, nachdem ich unbedingt noch ei­nen frisch aufgebrühten Espresso doppio aus dem wunderbaren neuen Vollautomaten mei­ner Frau testen musste.

Irgendwann in der Nacht kratzte Amy, die Katze, am Balkon­fenster (ich weiß immer noch nicht, wie sie es jede Nacht schafft, da hoch zu kommen) und ich suchte mit müden Fingern nach meiner Neuerwerbung, fand nach einigem Tasten auch den Licht­knopf, der sich als einziger oben am Gerät befindet. Ich öffnete die Augen ein wenig und drückte.

Eine grelle Lichtkaskade überflutete das Schlafzimmer; mir war, als läge ich im Schlafzimmer mit Scarlett Johansson im Bett7 und zwanzig Paparazzis fotografierten gleichzeitig durch das Balkonfenster herein. Von Blickfeld meines außerordentlich neugierigen Nachbarn von gegenüber muss­te es aussehen, als würde jemand eine Blendgranate neben mei­nem Bett zünden. Entsetzlich! Ich hatte ins Antlitz der Medusa ge­blickt, fiel versteinert zurück aufs Kissen und kniff die schmerzenden Augen zu­sammen. Und dort, auf der Rückseite meiner Lider, konnte ich tatsächlich die Uhrzeit ablesen, als bunt leuchtendes Negativbild zwischen platzenden Plasma­ringen: 02:53 Uhr! Frau Klammerle war übrigens nicht einmal wach geworden.

Der geblendete Michael Strogoff tastete sich aus dem Bett und ließ die Katze herein, die durch das Blitzlicht eben­falls recht desorientiert wirkte und über den Tep­pich stolperte. Aber bald darauf legte sie sich auf ihr Handtuch zu den Füßen meiner Frau. Und auch ich fand zurück in meine Ruhe­stätte, nicht ohne mir dabei schmerzhaft das Schienbein am niedrigen Holzrahmen unseres alten Futonbetts aufzuschlagen.

Dann lag ich wach. Ich traute mich nicht mehr, noch einmal den Halogenstrahler an meiner Uhr einzu­schalten, den ich morgen dem TSV Diedorf als Stadion­flutlicht verkaufen werde. Ich starrte an die Decke, wo noch immer lustige Farbflecken und bunte Zahlen tanzten. Offenbar wirk­te jetzt endlich auch die winzige Tasse Espresso …

Später schlief ich doch noch ein. Nein, meine Neuanschaf­fung8, deren eigentliche Berufung es offenbar war, eine kleine Sonne zu imitieren, hat morgens um 06:00 Uhr nicht geläutet. Ihr Alarm funktionierte nicht, wahrscheinlich verbrauchte das Licht zu viel Strom. Mich weckte auch nicht der sanfte Alarm des Weckers meiner Frau, der einmal der meine gewesen war. Mit einer lässigen Handbewegung schalte­te sie ihn aus und trat leise aus dem Zimmer, duschte und zog sich an. Das bekam ich aber alles nicht mit …

Dann allerdings bricht die Hölle los: Frau Klammerle hat unten in der Küche ihre neue Kaffeemaschine eingeschaltet. Sie rauscht, rattert, zermahlt, reinigt, heizt und plät­schert, piepst und rülpst! Sie kocht, zittert, brüllt, dampft, stampft und zischt. Amy, die Katze, flüchtet unters Bett, Herr Klammer steht mit pochendem Herzschlag in seinem Bett.

Seitdem weckt mich an jede frühen Morgen die einfach programmierbare Zeitschalterfunktion von Frau Klammerles Vollau­tomat. Das ist zwar ein recht teurer Wecker, aber dafür bereitet er wirklich einen hervorragenden Kaffee!

 

1

Der geneigte Leser beachte und bewundere diesen altmeisterlich konstruierten Satz, der allein schon das Geld wert ist, für das er dieses Büchlein erwarb!

2Deshalb besitzt sie inzwischen einen E-Book-Reader. Der ist leichter und tut nicht so weh.

3… auch über sie wird es noch viel zu erzählen geben. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich ein Fußnotenfetischist bin?

4 Frau Klammerle und ich haben zwei vielversprechende, inzwischen erwachsene Söhne groß gezogen. Die beiden sind gerade dabei, flügge zu werden.

5 Vielleicht sollte ich hier mal erwähnen, dass ich nicht nur ein begeisterter Freund von Fußnoten, sondern auch von veralteten Wörtern bin.

6 Ich weiß noch immer nicht, was eigentlich diese „Snooze“-Funktion macht. Wenn sie mir einer meiner Leser erklären kann, wäre ich für eine kurze E-Mail dankbar.

7… unter uns: Das ist eine durchaus anregende Vorstellung. Aber verraten Sie mich nicht Frau Klammerle.

8… die jetzt im Arbeitszimmer ruht. Aber das dachten Sie sich sicher schon.

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„Noch einmal davon gekommen“ – Leseprobe I

Das Morgengrauen

In jeder Alltagswoche zwingt mich mein Brotberuf, morgens vor 06:00 Uhr aufzustehen.

Was?“, wird nun vielleicht einer der beiden Fans des weltberühmten Autors und Kolumnisten Nikolaus M. Klammer überrascht ausrufen: „Mein Lieblingsschrift­steller kann von seiner Literatur nicht leben? Das hätte ich nie gedacht; so eine Schande. Wie krank ist denn die­se Welt?!“

Ja, mein lieber Freund, ich stimme dir gerne zu und ge­stehe es dir hier im Vertrauen – sozusagen von Ange­sicht zu Angesicht – denn sonst liest ja dieses Büchlein niemand: So ist das. Von der Feder zu leben ist so er­tragreich wie der Versuch, einen Ochsen zu melken. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen:

Der Versuch, vom Schreiben zu leben, ist zwar nicht die schnellste Art zu verhungern, aber es ist doch noch immer die zuverlässigste.

Zudem gehen die meisten Verleger, Leser (und Anhänger der Piratenpartei) davon aus, dass der Autor überhaupt nur aus reinem Idealismus und Menschenfreundlichkeit schreibt und daher froh und dankbar sein sollte, wenn er seine Werke und schlauen Gedanken ohne freche Honorarfor­derungen verschenken kann. Eine Frechheit des Autors, dafür auch noch Geld zu verlangen!

Was?“, werden alle anderen ausrufen, die mich nicht kennen und denen du, lieber Fan, fassungslos von mei­nem frühen Aufstehen erzählst: „Die überempfindliche Heulsuse Klammer jammert uns wegen seines traurigen Loses die Ohren voll, weil er tatsächlich ein paarmal in der Woche vor 06:00 Uhr aufstehen muss? Das hätte ich nie von ihm gedacht! Von dem lese ich keine Texte mehr, da muss ich mich nur aufregen.“

Halt,sage ich, ihr habt ja recht!

Eigentlich kann ich froh sein, wenn mich in meinem langweiligen Brotberuf überhaupt jemand dafür bezahlt, dass ich einige Stunden herumstehe, klug daher rede und durch Handauflegen Computer repariere. Da werde ich mein müdes Haupt auch einmal vom warmen Kissen und den Körper aus den Pfühlen erheben können, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Ja, ihr habt alle recht, all ihr Frühdienstler und Nachtwächter, ihr bra­ven Bauern, Arbeiter und Angestellte, Beamte und Kö­che, die ihr niedergedrückt von der Woche Last wohlver­diente (und kostenfreie) Entspannung in meiner Literatur sucht. Ihr alle, die ihr jeden Tag und oft auch am Wochenende klaglos vor den Hühnern aufsteht, um im Schweiße eures Angesichts euren kärglichen Lebensun­terhalt zu verdienen – ihr alle habt meinen Respekt. Ich kla­ge mal wieder auf hohem Niveau; das kann ich wirklich gut. Selbstmitleid ist meine persönlichste Regung, das sollte inzwischen bekannt sein.

Aber ich bin eben auch Künstler und mir ist es deshalb einfach nicht in die Wiege gelegt, in die Gene geschrieben oder durch die Erziehung aufgeprägt worden, morgens vor der Frühmesse schon wach zu sein. Die Stunde des Dichters ist der späte Abend, es ist die Nacht. Sie allein hat Er­barmen mit ihm, hüllt ihn ein in einen wärmenden Man­tel der Ruhe und der Besinnung. Daher richtet er auch seine Hymnen an den leuchtenden Sonnenuntergang, an die funkelnden Sterne am schwarzen Firmament, an die mürrischen Barkeeper hinter den Theken seiner Lieb­lingskneipen – und nicht an die stumpfe, allzu kalte Morgen­dämmerung, nicht an die öligen Regentropfen aus grau­en Nebelwolken und die mürrischen Busfahrer hinter den Lenkrädern der Linie 601.

Zählen wir doch einmal: Wie viele Maler malten denn die Morgensonne? Was zählt ein Claude Monet gegen ge­fühlte tausend Abendstimmungen von Caspar David Friedrich? Wie viele Lyriker beschrieben rosa Wolken­finger, die sich in den Morgenhimmel krallen? Und wie viele Lieder an die Nacht wurden dagegen gereimt? „Warte nur, balde ruhst du auch.“ Wie viele musikali­sche Morgenstimmungen gibt es? Ah, da meldet sich ei­ner: „Der Zarathustra von Strauß und der Grieg’sche Peer Gynt“, höre ich. Brav, da hat aber einer seine Hausaufgaben gemacht.

Erstens: Diese zwei Beispiele stehen so einsam gegen all die Abend- und Gute-Nacht-Lieder, Serenaden und kleinen Nachtmusiken, dass sie wohl kaum ins Gewicht fallen und wahrscheinlich eh nur geträumte Phantasien des Komponisten sind, der sie spät am Abend zu Noten machte. Zweitens: Meine Argumentation ist zu gut, um sie mir von der Wahrheit kaputt machen zu  lassen. Setzen!

Zusammengefasst: Ich bin einfach nicht dafür geboren, vor 08:00 Uhr aufzustehen! Ich möchte richtig verstan­den werden. Ich bin kein Oblomov, ich verschlafe nicht den ganzen Vormittag. Ich kann sogar hervorragend vor meiner verdienten Mittagsruhe arbeiten – aber nicht, wenn ich mich zu früh in den grauen, im Winter schwarzen, Tag kämpfen muss. Dann kann ich nicht denken, kaum zwei zusammenhängende Sätze formulieren, jemandem zuhören oder konzentriert arbeiten, gar mit Menschen reden, ohne ihnen Beleidi­gungen oder Gegenstände ins Gesicht zu werfen. Gut, dass diesen Menschenkontakt bei meiner Arbeit nie­mand von mir verlangt, denn morgens herrscht bei mir Ausnahmezustand. Wenn ich mich nicht am Griff mei­ner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich langsam vom Stuhl.

Gemach! Bevor alle Werktätigen mit Früh- und Nacht­schichten von Neuem über mich herfallen – ich kann be­reits den einen oder anderen bösen Kommentar auf der Zunge schmecken: Ich erwähnte bereits, dass ich auf höchstem Ni­veau jammere. Der Herr hat den Menschen und insbesondere Nikolaus M. Klammer nicht dazu geschaffen, um diese Uhrzeit aufzustehen. Schließlich geht auch die Sonne erst später auf. Vor sieben Uhr aufstehen: Das ist eine unmenschliche Tortour, ein Verbrechen an der Menschheit, das gesetzlich verboten gehört.

Denn mein gequälter Leib schleppt sich nach dem un­barmherzigen Weckerklingeln einem Zombie gleich ins Bad, während meine Seele noch im Bett liegt und von heiteren, leichten Dingen träumt. Erst, wenn mein see­lenloser Körper sich vor dem Spiegel stehend oberfläch­lich wäscht und mechanisch die Zähne schrubbt, werde ich langsam wach und mein Geist kommt hinter mir her aus den warmen Pfühlen ins Bad getrottet. Dort finde ich mich und eine Laune. Selten ist es eine gute, denn der Verfall, der mir aus dem Spiegel mit von Zahnpasta verschmierten Lippen eine Grimasse zieht, schreitet hurtig voran und die Zahl der grauen Haare steigt täglich progressiv an. Selbst wenn ich mich noch für eine schnelle Dusche mit „revitalisieren­den Algenextrakten“ und „Hair-Energizer“ (wird wahr­scheinlich Här-Einischeißer ausgesprochen) entschei­de, bringt das keine Jugendlichkeit zurück.

Auch der weitere Ablauf des Tagesbeginns folgt einer festen Zen-Regel: Ich tappe an den Briefkasten und neh­me die Zeitung, trage sie in die Küche und schmeiße den Kaffeevollautomaten (siehe weiter unten) an. Dann schleppe ich mich zum Radio und öffne den Sender meines Vertrauens.

Da ich grundsätzlich – und am Morgen insbesondere – auf das waidwunde Gewinsel von Helene Fischer, des Grafen, von Xavier Naidoo et. al. und auf das Beste aus den 80ern und die Hits der 90er verzichten kann, ist die Fre­quenz auf den einzigen Rocksender eingestellt, der Bay­ern beschallt. Da die Songauswahl der Rockantenne eng begrenzt ist – wahrscheinlich können sie sich nicht so viele Lieder leisten –, singen meist Jon Bon Jovi oder Die toten Hosen, was ich morgens gerade noch hinnehmen kann. Ich packe also meinen Pott Kaffee, kühle ihn großzügig mit Milch, vergesse dann aber meist umzurühren und verbrenne mir den Mund (auch davon noch später). Mühsam versuche ich die Schlagzeilen der Zeitung zu verstehen. Mist, ich brauche jetzt wirklich bald eine Lesebrille. Die Laune bessert sich nicht. Da hilft mir auch das zum einhundertsten Mal gespielte Hotel California nicht.

Und dann wird in die letzten Takte des Liedes ge­quatscht und der Ärger geht los: Warum müssen Radio­moderatoren – insbesondere Morgenshow-Moderatoren – immer so hysterisch gute Laune haben? Da wird ein Sparwitz nach dem anderen gerissen und künstlich dar­über gelacht. Und damit der trübe Morgenverstand des Hörers auch mitbekommt, dass das lustig sein sollte, wird das Ganze noch wie beim Mainzer Karneval mit einem Tröt-Geräusch oder einer Fanfare untermalt. Und so kichert man sich durch die Moderation und durch den Wetterbericht und wirft sich bei den Verkehrsmeldungen fast weg, unterbrochen von den immer gleichen Werbe-Jingles, in denen mir noch hysterischere, kurz vor der Einweisung in eine Anstalt stehende Menschen jeden Morgen aufs Neue versichern, wie lecker die Spätzle von Settele sind, wie günstig mich eine Autofinanzierung kommt und welche Nummer die Telefon­auskunft hat – dazwischen singen mal wieder BostonWhat a feeling“, obwohl ich, wenn ich ehrlich bin, außer aufsteigendem Zorn noch überhaupt nichts fühle …

Ist es denn so schwer zu begreifen, dass ich das am Morgen alles nicht brauche? Können denn die Moderato­ren (Barny! Eisprinzessin! Ha, ha, ha ha, ha! Das Wet­ter, ha ha! Klingeling, wer ist denn da dran? Ha, ha, ha! Trööt!) nicht auf mich Rücksicht nehmen und wenigs­tens vor Acht Uhr nicht wie klinische Fälle in der manischen Phase plappern, sondern auch einfach mal so schlecht gelaunt sein wie ich? Ich habe mir sogar ein Internetradio mit 50.000 Sendern zugelegt. Dadurch wurde nichts besser: Jetzt kann ich aber die Morgenhys­teriker in allen Sprachen der Welt empfangen – am schlimmsten sind die Japaner …

Warum gibt es kein Morgenmuffelradio, in dem jemand mit übler Stimmung halb schlafwandlerisch ein paar In­formationen ins Mikro murmelt und dann Leonard Co­hen oder The Cure jammern lässt oder – noch besser – ohne Gequatsche die besten Morgenblues-Titel spielt? Das würde mir morgens wirklich  auf die Beine helfen …

Vielleicht sollte ich selbst solch eine Radiostation grün­den: Morgenmuffel 92,4, das Programm für die Nichtausgeschlafenen, mit der Schlechte-Laune-Garantie für den ganzen Tag, Staumeldungen und den traurigsten Rockballaden – werbefrei und ohne Gewinnspiele.

First we take your morning, than we take your day…“

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