Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 2)

[Zum 1. Teil]

Der Mann sprach nun englisch und war besser bei der Sache, nachdem Verena entschwebt war. Welkenbaum konnte zusehen, wie sich sein Gehirn einschaltete und er nicht mehr nur mit dem Rückenmark dachte. Etwa vor einer Stunde sei un tedesco dagewesen, der sich nach dem Verleger erkundigt hätte, berichtete er. Dieser Herr, der sich leider nicht vorgestellt habe, hätte sich als ein Freund von Welkenbaum ausgegeben und würde es am späten Nachmittag noch einmal versuchen. Inzwischen jedoch habe er aber etwas dagelassen, das unbedingt in die Hände des Verlegers gelangen müsse.

Der Concierge langte unter den Tisch der Rezeption, kramte ein wenig und schob Welkenbaum anschließend über die polierte Tischplatte ein schwarzes Buch entgegen. Auf dessen Titel war ein seltsames, unbeholfen zentralperspektivisch in warmen Herbsttönen ausgeführtes Gemälde zu sehen, das einen Mann in einer Rüstung zeigte, der gerade dabei war, ein Straußenei mit einem Schwert aufzuschlagen. Vielleicht hatte der Ritter es in dem Ofen, der links von ihm munter brannte, gekocht und wollte es nun verzehren. Hinter einer Mauer waren die Dächer einer mittelalterlichen Stadt zu sehen.

Welkenbaum nahm das Buch in die Hand und entzifferte am ausgestreckten Arm den Titel.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren

Das sagte ihm nichts, aber dafür der Name des Autors um so mehr. Nikolaus Klammer! Das war einer seiner Verlagsautoren; übrigens einer der wenigen, die ihm ein bisschen Geld einbrachten. Gerade eben hatte er an ihn denken müssen. Dieses Buch hier war jedoch nicht bei Welkenbaum erschienen. Das orangefarbene Verlagslogo kannte er nicht. Welkenbaum schüttelte verwirrt den Kopf.

Seltsam, dachte der Verleger. Vielleicht ist dieser „Dr. Geltsamer“ ja ein Frühwerk aus der Zeit vor unserer Zusammenarbeit. Aber Klammer hat nie erwähnt, er hätte vorher anderswo veröffentlicht. Warum bringt er mir dieses Buch bis nach Rom hinterher? Was ist daran so besonders? Ist es gar ein Raubdruck?

Er drehte den schwarzen Band herum. Auf der Rückseite stand ein Spruch von Dostojewski, sonst nichts. Zumindest wurde der große russische Autor als Urheber genannt. Das Zitat selbst war dem belesenen Verleger nicht bekannt.

„Die unverfälschte Wahrheit ist immer unwahrscheinlich … Um die Wahrheit wahrscheinlicher zu machen, muss man ihr unbedingt etwas Lüge beimischen“, entzifferte der Weitsichtige mühsam den etwas verwaschen abgedruckten Text. Er machte sich nicht die Mühe, in seinem Jackett nach einer seiner unzähligen Lesebrillen zu suchen.

Billig produziert!, ging ihm durch den Kopf. Bücher haben heutzutage einfach keine Qualität mehr. Sie werden – wenn überhaupt! -, schlecht lektoriert und billig produziert. Sie sind ein Wegwerfartikel wie Toilettenpapier. Früher, ja, früher, da war man noch stolz auf seine Bibliothek und auf die ledernen Buchrücken. Aber heute? Lesen und runterspülen. Was sind das nur für Zeiten? Vielleicht war das so ein neumodisches Selfpublishing-Ding, , das Klammer heimlich produziert und ihm bisher verschwiegen hatte. Na, den Zahn werde ich ihm aber ziehen. Wir haben schließlich Verträge miteinander.

Welkenbaum bedankte sich abgelenkt und schob das Buch in die ausgeweitete Tasche seines Jacketts. Die ausgestreckte Rechte des Concierge, der auf ein Trinkgeld hoffte, ignorierte er.  Auch wenn er sie nicht bezahlen musste, galt für ihn trotzdem: Wo die Übernachtung über zweihundert Euro kostete, dort gab es keine Almosen mehr. Er hatte es jetzt noch eiliger, zur Bar und zu seinem Bier zu kommen.

Im Aufzug, mit dem er hoch zum Dachgarten fuhr, erklang tatsächlich aus dem Lautsprecher „The Godfather“ von Nino Rota; denn ab und an, dachte er, ist die Wirklichkeit, man mag es glauben oder nicht, noch klischeehafter als die Literatur.

Ein Glas trank er sofort, mit dem zweiten in der Hand stellte sich Welkenbaum erst einmal an die niedrige Mauer der Dachterrasse in den Schatten einer der Kübelpalmen, die zusammen mit lila blühender Bougainvillea und den quadratischen Sonnenschirmen aus hellem Leinen – beinahe in der Farbe seiner Kleidung -, für mediterranes Flair sorgten. Er genoss diesen Moment der Ruhe. Die Aussicht von dem Dach des vollständig mit Efeu eingewachsenen Hotels Raphael war sicherlich großartig. Allein nach Westen in Richtung Tiberschleife und die Engelsburg wurde der Blick ein wenig durch den hoch aufragenden Bau der benachbarten Santa-Maria-del-Pace-Kirche geschmälert, die nur durch die schmale Sackgasse Vicolo della Volpe vom Hotelkomlex getrennt war. In alle anderen Richtungen ging der Blick über die sieben Hügel der ewigen Stadt weit. Scheinbar zum Greifen nah ragte die Kuppel des Petersdoms in die etwas vom Smog verschleierte Luft und dort hinten stand das vom Verkehr umflutete Nationaldenkmal für Viktor Emanuel II., ein Bauwerk aus den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, das Welkenbaum immer an eine überdimensionierte Schreibmaschine erinnerte. Alles wirklich beeindruckend, ja.

Doch der gebürtige Münchener war inzwischen Mitte Sechzig und hatte in seinem Leben so viel gesehen, das er gegen Schönheit und übrigen auch Hässlichkeit ordentlich abgehärtet war. Das war ihm alles gleich; eine Sinne waren in den Jahren abgeschliffen und stumpf geworden. Freilich bedauerte er diesen Zustand, der sich anfühlte, als würde er unter einer langsam erblindenden Käseglocke leben. Zudem war er im Alter nicht nur weit-, sondern auch kurzsichtig geworden. Deshalb verschwamm ihm der Horizont zu einem braunfleckigen impressionistischen Bild. Er hätte die passende Brille im Hotelzimmer gehabt, aber als er am Vormittag mit Verena auf Einkaufstour gegangen war, hatte er sie liegengelassen. Es gab eigentlich nur noch wenige Dinge, der ihn noch wirklich interessierten und aus der selbstgewählten Lethargie seiner zweiten Lebenshälfte reißen konnten. Das war zum einen der Sex mit seiner neuen Freundin, der jedes Mal neu und auf eine andere Weise herausfordernd und aufregend war, und zum anderen selbstredend die Lyrik, sie war ihm seit seiner frühen Jugend treue Begleiterin und Lebenselexier zugleich. Nur wegen deshalb führte er auch weiterhin einen vom Vater geerbten kleinen Verlag, dessen Alltags- und Prosageschäft er längst in die Hände seines Partners Jochen Engold gelegt hatte, der auch als strenger Lektor die Autoren pflegte.

Aber vielleicht sah er alles auch zu düster. Denn da – Gerechtigkeit muss sein! -, waren freilich noch das eiskalte Bier in seiner Hand, das ihm Freude machte, sein Abends genossener alter schottischer Single-Malt-Whiskey von der Isle of Skye, die Golfpartien mit Freunden, Industriellen und Prominenten. Sie waren alle stramme CSU’ler, die wie er selbst in gesetztem Alter aus dem lauten und hektischen München ins Niederbayerische Bäderdreieck geflohen waren, wo sie zumindest Wochenends recht günstig in Villen und alten, renovierten Vierseit-Bauernhöfen residierten, in den warmen Thermalquellen und Kuranlagen die Vielzahl ihrer Wehwehchen behandelten und dem Herrgott den Tag stahlen. Außerdem passierte in den sanften Hügeln und Wäldern zwischen Bad Birnbach und Bad Füssing alles erst zwanzig Jahre später. So irreal es klang, dort wurde noch gefühlt mit der D-Mark bezahlt, es gab noch die DDR, Franz-Josef Strauß war Ministerpräsident und man musste darauf achten, den Mercedes nicht in singende Pilgergruppen zu lenken, die nach Altötting zogen, um dem einzig wahren, weil bayerischen, Papst zu huldigen. Am Wochenende nach Griesbach zu fahren war wie eine Zeitreise. Spätestens hinter Landshut war man in endgültig im Jahr 1980 angekommen.

Welkenbaum nahm einen Schluck von seinem Bier und gestand sich ein, dass er ein weiteres Mal in die Klischeefalle – diesmal in die bayerische -, getappt war. Aber er war eben ein frustrierter Alt-Achtundsechziger und ein Zyniker. Je älter er wurde, um so ausgeprägter zeigte sich dieser Charakterzug. Wenn er heute auf Rom blickte, sah er blutige Gladiatorenkämpfe, einen auf einem Scheiterhaufen brennenden Giordano Bruno, Mussolinis Schwarzhemden, Mafiakorruption, Umweltsünden und einen Verkehrsinfarkt. Aber er sehnte sich nur kurz zurück in die Heimat, wo er manchmal mit dem Bauern vom Nachbardorf durch dessen endlose Maisfelder spazierte und mit ihm über Gott und die Welt dikutierte. Das hieß, eigentlich redete nur er, denn der Bauer war ein schweigsamer Mann.

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[Fortsetzung nächsten Mittwoch]

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 1)

UND DIES WAR GESCHEHEN

Karl-Heinz Welkenbaum schüttelte den Kopf. Durch die drei Fettwülste seines Doppelkinns wurde daraus ein sanftes Wiegen. Er spürte, wie ihm die Körpersäfte aus allen Poren drangen und als Sturzbach den Rücken hinunter rannen. Sicherlich bildeten sie schon eine breite, dunkle Linie auf seinem leichten, hellen Jackett. Er fragte sich zum wiederholten Mal, wie es diese Römer fertigbrachten, so ameisenemsig in ihrer staubtrockenen, rostig-braunen und hoffnungslos überfüllten Stadt zu leben, in der es schon im Frühsommer unerträglich heiß war. Da lobte er sich doch sein heimatliches Bayernland, wo von einem weiß-blauen Osterhimmel eines sanfte, gütige Sonne herablachte und der Löwenzahn auf den saftigen Kuhweiden blühte.

Welkenbaum nahm den Strohhut vom Kopf, benutzte ihn als Fächer und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn, während er dem Portier des Hotels Raphael bedeutete, die gläserne Eingangstür offen zu halten. Er konnte bereits die herrliche Kühle spüren, die ihm aus dem klimatisierten Foyer der Nobelherberge entgegen wehte und dabei seine beige Leinenhose bauschte. Jetzt noch ein kühles Getränk – die an der Dachbar ausgeschenkte Maisplörre verdiente zwar kaum den Namen „Bier“, war aber, wenn eiskalt, durchaus trinkbar -, dann war er nach dem schier endlos langen, vormittäglichen Einkaufsbummel, der, wenn es einen gerechten Gott gab, sicherlich seiner Zeit im Fegefeuer angerechnet wurde, wieder mit sich und der Welt versöhnt. Gut, dass in der Vorsaison auch die Filialen der großen Läden ab 13:30 Uhr eine lange Mittagspause einlegten, weil Verena sonst bis in die Nacht hinein geshoppt hätte. Der Münchener Verleger stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch und hätte es keine fünf Minuten länger in den stickigen und von Menschenmassen überschwemmten Gassen und Geschäften ausgehalten.

Er sah zu seiner neuen Freundin zurück. Wo blieb sie denn? Sie verhandelte noch immer gestenreich mit dem Taxifahrer, der fast unter einem Berg von Taschen und Kartons verschwand, die er vom Rücksitz und dem Kofferraum seines weißen Fiat geholt hatte und nun quer über den breiten Bürgersteig vor dem Hotel auf den Eingang zu jonglierte. Währenddessen stolzierte die seit ihrem gestrigen Friseurbesuch wasserstoffblonde Verena auf hohen Designerpumps neben ihm her und trug ein winziges Pratesi-Handtäschchen und eine kleine Papiertüte aus einer Parfümerie in den Händen, die sie im geschmeidigen Takt ihrer Bewegungen schlenkerte. Passanten drehten sich nach der jungen Frau im kurzen, roten Sommerkleid um und pfiffen ihr hinterher. Eine Vespa, auf der zwei typische römische Ragazzi hockten, fuhr langsam über den Platz vor dem Hotel. Beide machten mit ihren Smartphones Schnappschüsse von ihr.

Was für eine Frau!, dachte Welkenbaum voller Besitzerstolz. Er fühlte sich durch die Szene an einen alten Hollywood-Film erinnert und genoss für einen Moment das Banale und Klischeehafte der Situation:

Da war Verena Salva, seine im Verhältnis zu seinen eigenen Lebensjahren blutjunge und sehr attraktive Geliebte. Sie hatte das halbe Viertel leer gekauft. Ihre Anschaffungen trug ihr ein sichtlich überforderter, wie ein ermüdeter Atlas unter dem Gewicht der Pakete schwankender Chauffeur, den sie wie ihren persönlichen Diener behandelte, in die todschicke Fünf-Sterne-Unterkunft, in der das Paar in der Präsidentensuite hoch über den Dächern der Ewigen Stadt logierte. Und da war er selbst, der dicke, unansehnliche, aber reiche und geschmackssichere Verleger, der ihr Vater hätte sein können und mit ihr gerade einen zweiten – oder dritten – Frühling erlebte. Er hatte überall brav seine Platin-Kreditkarte gezückt und hielt ihr nun gemeinsam mit dem Portier die Türen auf, damit Verena die Beute ihres Raubzuges in Sicherheit bringen konnte. Fehlte nur noch, dass im Aufzug Tea for two gespielt wurde und nicht den eisernen Gesetzen einer Endlosschleife gehorchend zum dritten Mal an diesem Tag das Thema von „Der Pate“ -, das dem Verleger, wenn er es sich recht überlegte, allerdings auch ganz passend erschien, da er sich schmeichelte, durchaus Ähnlichkeiten mit dem aufgequollenen Marlon Brando der späten Jahre aufzuweisen: Beiger Leinenanzug, Strohhut, schütteres Haar, schleppende, nuschelnde Aussprache, wulstige Lippen, Überbiss und ein sarkastischer Blick.

Doch wie das mit Klischees so war, sie hielten der Wirklichkeit selten stand. Das war zwar alles so, aber doch auch ein wenig anders; viel weniger glamourös. In der Bayerischen Heimat wurde gerade eine Kalt- und Schlechtwetterfront aus nordwestlicher Richtung erwartet, der Ausläufer eines atlantischen Sturmtiefs, das sich mit viel Regen und Frostgefahr bis in die tiefen Lagen näherte. Die Löwenzahnwiesen, von denen Welkenbaum träumte, waren längst überall, auch in der Nähe seiner Villa in Bad Griesbach, Opfer der Unkrautvernichtungsmittel und bittergelben Raps-Monokulturen gewichen, deren aggressive Leuchtfarbe bei ihm Kopfschmerzen verursachte. Denn der Verleger besaß keine Platin-Kreditkarte – nicht einmal eine goldene -, und war nicht so reich, um seine Freundin mit italienischer Designermode auszustaffieren und sich einfach so ein verlängertes Osterwochenende in einer von Roms Nobelhotels leisten zu können. Er verdankte das durchschnittlich große Zimmer im 2. Stock, dessen Fenster in den Innenhof auf die Parkplätze zeigte, der freundlichen Einladung eines Freundes, seines Verlegerkollegen Ugo Tozzini. Verena hatte den Großteil ihres Einkaufs von ihrem eigenen Geld bezahlt, dessen munter sprudelnde Quelle Welkenbaum unbekannt war, denn sie arbeitete nicht. Dies war eines ihrer Geheimnisse, auf deren Wahrung sie sehr viel Wert legte. Verena war auch bei Weitem nicht so jung, wie sie aussah; doch ihr wirkliches Alter verriet sie nicht. Was nun endlich Marlon Brando anging: Diese Ähnlichkeit hatte nur einmal eine Topless-Tänzerin in der Augsburger Apollo-Bar entdeckt, in der er sich einmal mit Nikolaus Klammer getroffen hatte. Diese Übereinstimmung war der Frau aus Osteuropa aber erst aufgefallen, nachdem der Verleger ein paar Flaschen Champagner spendiert hatte, um seinen schreckensstarr und stocksteif am Tisch sitzenden Autor aufzumuntern, der sich so wohlfühlte wie ein Goldfisch in einem Piranha-Becken.

Aber wie er nun unnachahmlich seine Worte dehnte, als er den Concierge an der Rezeption in seinem holprigen Italienisch um die Zimmercard bat, das hatte doch etwas von Cosa Nostra und dem Paten, fand Welkenbaum.

Posso … avere la chiave della … uh, 239, per favore?“, fragte er, während Verena zusammen mit dem keuchenden Taxifahrer neben ihn trat. Hoffentlich bekam der arme Mann keine Herzattacke.

Ma come, Signore.

Der Mann am Empfang, ein braungebrannter und ölig schwarzhaariger Macho aus dem Bilderbuch, achtete jedoch kaum auf den dicken Verleger. Sein Blick lag sehnsüchtig auf dem großzügigen Ausschnitt von Verenas Kleid und verweilte dort. Eine kleine Pause entstand. Welkenbaum kniff die Augen zusammen und entzifferte das Namenschild, das der Hotelangestellte auf seiner weinroten Weste trug.

„Andrea. Was habe ich dir denn bloß getan, dass du mich so respektlos behandelst?“, murmelte er stirnrunzelnd auf deutsch und hob sich seine zu einer Klaue geformte Rechte an die Unterlippe. Er weckte den Mann aus seiner Starre.

Scusami?

Welkenbaum wiederholte seinen Wunsch auf Englisch, das er noch schlechter als Italienisch sprach. Aber diesmal wurde ihm gehorcht. Andrea sah endlich widerstrebend auf und griff hinter sich in die Ablage.

Che cosa hai detto? Camera 239?“ Er reichte die Karte über den Tisch.

„Welki!“, rief Verena und schnappte sich sofort die Schlüsselkarte aus der Hand ihres Freundes. „Ich muss sofort und auf der Stelle duschen. Regle du das mit dem Tassista, bitte.“

Der Verleger verbeugte sich, während der Taxifahrer erleichtert die Pakete zu Boden fallen ließ.

„Ist recht, mein Engel. Ich werde noch ein wenig an die Bar gehen und komme dann später nach.“

„Trinke nicht zu viel. Du weißt, du sollst an deinen Blutdruck denken. Und bleibe nicht allzu lange weg. Du hast hoffentlich nicht vergessen, dass wir uns heute Abend mit Roman Geitania und seiner netten Gattin Mercedes treffen wollen und vorher möchte ich mir noch unbedingt den Vatikan ansehen.“

Verena winkte einem der Pagen, der die Rolle des Trägers übernahm und mit ihr in Richtung der Aufzüge ging. Welkenbaum bezahlte ohne Murren die unverschämt hohe Rechnung des Chauffeurs. Er wusste, dass alle Taxifahrer Roms Gauner waren und hatte keine Lust auf langwierige, aber erfolglose Verhandlungen. Er wollte ebenfalls zu den Aufzügen, als ihn der Concierge noch einmal aufhielt.

One moment please, Mr Welkenbaum, i have something for you.

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[Zum 2. Teil]

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Neujahrsgrüße 2018

31. Dezember 2017, Silvester

Ich gebe es zu: Ich bin ein wenig skeptisch, wenn ich an das neue Jahr denke und das Leben, das ich in ihm führen werde. Aber die Zeit lässt sich durch Jammern nicht aufhalten und ich bin auch noch ein wenig von Weihnachten überfressen. Außerdem beginnt ja eigentlich nichts Neues. Es setzt sich nur das Alte fort; die Landmarke „Neujahr“ ist ein zufällig gewählter Kalendertag. Die Chinesen feiern den Beginn des neuen Jahres zum Beispiel am 16. Februar, die Juden erst am 10. September. Bei den Römern startete der Jahreskreis am 1. März und im Mittelalter bis in die Renaissance hinein war Neujahr am 25. März. Für Lehrer und Schüler beginnt das Jahr mit dem Ende des Sommerferien. Der 31. Dezember ist also ein Tag wie jeder andere, kein Grund daher, Dinner for one zu sehen, sich zu besaufen, Fondue zu essen und 5000 Tonnen Feinstaub in Form von Feuerwerk und kubischen Böllern in die Luft zu blasen und allen Haustieren ein nachhaltiges Trauma zu verpassen. Und keine passende Gelegenheit, zu versuchen, sein Leben zu ändern. Ich gebe es offen zu: Dieses Silvester war nie mein Fest. Trotzdem bleibt da dieses Gefühl, heute über das Gestern und das Morgen nachzudenken, die Gesellschaft zwingt mich geradezu.

Nun, falls ich nicht gegen 22:30 Uhr mit den Confessiones von Augustinus in der Hand – den Bischof von Hippo plagten vor fast 2000 Jahren ganz ähnliche Gedanken – in meinem Lesesessel einnicke und einigermaßen wach bin, wenn 2018 beginnt (1), dann werde ich mir selbstverständlich einen Piccolo und mein Dachfenster öffnen, „Ah“ und „Oh“ sagen, an meinem Getränk nippen und über die Zukunft im Allgemeinen und meine immer kürzer werdende im Besonderen nachdenken. Und ich werde auf alle meine Mitmenschen ein Glas erheben, die mit mir gemeinsam in dieses 2018 hinein gehen können und wollen, ob als Familie, Freunde, Kollegen oder als Blogfollower. Manche kenne ich nur über die Bücher und Texte, die ich von ihnen lese, aber sie sind mir näher als mancher, dem ich in persona begegne.

Ich wünsche uns allen ein gesundes und glückliches Neues Jahr.

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(1) Falls sich jemand fragt: Frau Klammerle, Krankenschwester in der Intensiv-Frühgeburten-Abteilung des Augsburger Josefinums, arbeitet wie in jedem Jahr in der Silvesternacht und rettet Leben (das ist sinnvoller als alles andere, was der Rest von uns so an Silvester macht). Deshalb werden ich und meine Katze, die sich allerdings ängstlich und zitternd im Keller verkriechen und erst im Morgengrauen von dort wieder hervorkriechen wird, alleine sein.

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ErSieEs – 4. Geschichte

ErSieEs

Geschichten aus einer anderen Welt

4. Geschichte

[…] „Die derzeit praktizierte Familienpolitik wird den vielfältigen Problemlagen von Familien nicht gerecht. Eine Orientierung am klassischen Familienbild – Vater, Mutter, Frater -, spiegelt längst nicht mehr die gesellschaftliche Vielfalt der Familienmodelle wider.

Geschlechterdemokratie, Geschlechtergerechtigkeit, Gender Mainstreaming und Gender Budgeting sind die Begriffe, die uns heute geläufig sind. Aber ist es wirklich so einfach, aus der orangen Nische der femâlistischen Frannenpolitik der Gründungsjahre in die Mitte der Partei zu gelangen?

Wir haben die strenge 33-ige Mindestquotierung: Jeder dritte ungerade Platz auf Wahllisten ist Frannen vorbehalten, auf den geraden Plätzen können alle drei Geschlechter kandidieren. Die Gremien der Partei sind in der Regel paritätisch besetzt und Partei- und Fraktionsvorstände bestehen mehrheitlich aus einer Dreifachspitze (Mann, Frau und Frann). 1984 besetzte die Bundestagsfraktion sogar mit sechs Frannen den gesamten Vorstand sächlich – das so genannte Franninat. Wir haben ein Frannenstatut in der Satzung, in den Programmen sichtbare Frannenpolitik, wir sind die Partei, in der die meisten Frannen gleichberechtigt zu Frauen und Männern aktiv Politik gestalten. Wir haben dadurch Maßstäbe für andere Parteien und die Gesellschaft gesetzt.

Doch dieser Wechsel von der femâlistischen Frauenpolitik hin zur Geschlechtergerechtigkeit fand nicht schlagartig statt. Verschiedene Prozesse haben diese Entwicklung begleitet und es ist noch ein langer Weg, bis die Gleichberechtigung der Frannen endlich auch in der Gesellschaft der Bundesrepublik angekommen ist.“

Aus einer Rede von Katjes Sauer,
Bundestagsabgeordnetes der Grünen

Freitag Abend

Heika lachte in der Erinnerung und versuchte, sich auf seinem unbequemen Stahlstuhl halbwegs entspannt hinzusetzen. Schön, das Lokal war angesagt, aber wenn man unbequem saß, machte es ihm hier keinen Spaß. Heika wollte aber auch kein Spielverderber sein. Wenn seine Schwester Tina Wert darauf legte, in diesem Restaurant zu Abend zu essen, dann würde es sich anpassen und wollte nicht an den Sitzgelegenheiten mäkeln. Man traf sich viel zu selten, um sich wegen solch einer Nebensächlichkeit zu streiten. Wahrscheinlich bin ich nur langsam zu alt für diese Lokale, dachte Heika. Nicht einmal zehn Jahre trennen uns und doch ist es eine ganze Welt. Geschwisterliche Zuneigung ist etwas seltsames: Sie kettet Personen aneinander, die sich oft nicht einmal sympathisch sind. Und, ja, Blut ist tatsächlich dicker als Wasser …

Es machte ein Hohlkreuz, um den Rücken etwas zu entlasten und beendete seine Geschichte von der glücklichen Auseinandersetzung mit dem Mann vom Stiftungsamt. Es hatte nicht den gewünschten Erfolg. Tina und Sebastian hörten ihm nur abgelenkt zu: Seine Schwester ließ ihre Blicke im Raum schweifen, ihr Freund beschäftigte sich mit dem Fischteller. Am Ende erntete Heika nur ein gequältes Lächeln bei den anderen. Heika seufzte. Anscheinend war es sein Los, immer wieder den Seelendoktor für seine Schwester und ihren Freund zu spielen. Es schob die Schüssel mit den ungenießbaren, viel zu essigsauren Resten seines Salates zur Seite.

„Aber da erzähle ich nur von mir. Ihr habt doch etwas auf der Seele.” Die beiden sahen sich kurz an, sie schienen stumm den Kampf auszufechten, wer beginnen sollte. Dann senkten sie wie auf ein Kommando gleichzeitig die Augen.

„Wir haben ein Problem”, sagte Sebastian nach einer peinlichen Pause. Heika lächelte leicht und wartete geduldig. Doch der Partner seiner Schwester war nach seinem mutigen Vorstoß verstummt und sah von der Seite zu Tina, die für den Moment so tat, als würde sie nur zufällig mit Fremden an einem Tisch sitzen.

„Lasst mich raten”, unterbrach Heika das lastende Schweigen, „seit ihr vor einem Monat eine gemeinsame Wohnung genommen habt, streitet ihr euch ständig.” Tina sah überrascht auf, blieb aber noch still.

„Das ist nicht schwer zu erraten”, fuhr Heika fort. „Die plötzliche Nähe des Zusammenlebens bringt bei allen Probleme. Konntet ihr euch bisher aus dem Weg gehen, wenn ihr übelgelaunt wart und dadurch großzügig über die Marotten des anderen hinweggehen, ist das nun plötzlich nicht mehr möglich. In solch einer Situation kann schon ein nicht weggeräumter Teller oder spiegelverkehrt eingehängtes Toilettenpapier gewaltigen Streit provozieren. Natürlich ist das nur ein Auslöser, die tatsächlichen Gründe liegen immer tiefer …”

„Schmutzige Teller! Wenn es nur das wäre! Er hat mich betrogen”, platzte Tina heraus. „Wir sind noch keinen Monat in der gemeinsamen Wohnung, da übernachtet er schon bei einem Frann, das er kennengelernt hat.“

Heika sah erstaunt zu Sebastian, der wenig schuldbewusst aussah. Das hatte es dem überheblichen jungen Mann dann doch nicht zugetraut. Sebastian lehnte sich betont lässig zurück und sagte in süffisantem Plauderton:

„Deine Ansichten zum Thema ‚betrügen‘ und ‚Seitensprung‘ sind ein wenig viktorianisch – gelinde gesagt. Ich kann nur wiederholen: Ich liebe dich und will mit dir mein Leben gestalten. Aber zu einer Partnerschaft gehören immer drei. Wenn ich also ein Frann kennenlerne, das mir gefällt …“

„Ohne mich! Ich sitze Zuhause und mache die Wäsche. Der gnädige Herr geht aus und mit dem nächsten Flitteschen ins Bett!“

„Zum einen ist Herma kein Flitteschen und zum anderen wird es mir doch nicht verboten sein, mal ohne dich auszugehen! Du hast doch …” Er verhedderte sich in seiner Argumentation und verstummte. Eigentlich wusste er, dass er falsch gehandelt hatte, aber er würde die Hölle tun, dies hier vor Tina und ihrem Bruster zuzugeben.

„Ich fühle mich so ausgenutzt“, seufzte Tina und setzte auf die Schuldgefühle von Sebastian. Da kam sie ihm gerade recht:

„Du fühlst dich ausgenutzt? Das ist der Gipfel! Wer bezahlt denn alles, seit du bei deiner Firma gekündigt hast und arbeitslos bist? Wer bezahlt denn heute dein Essen? Ich schufte mich den ganzen Tag im Finanzamt ab …“

Tina nahm ihr Weinglas und schüttete dessen Inhalt in Sebastians Gesicht. Eine andere Erwiderung fiel ihr nicht mehr ein. Dann stand sie auf und rannte weinend hinaus. Sebastian, der den Angriff auf seine Person offenbar gar nicht richtig wahrnahm, lachte auf und wischte sich über das Gesicht.

„Ja, das ist typisch Frau. Sie rennt davon, wenn es ihr unbequem wird.“

Dabei sah er beifallheischend zu Heika, das der ganzen Szene stumm gefolgt war. Heikas Sympathien lagen eindeutig bei seiner Schwester; es hatte den arroganten und selbstgefälligen Sebastian nie leiden können und sich immer gewundert, was Tina an ihm fand. Insgeheim amüsierte es sich über die heftige Reaktion seiner Schwester. Dennoch wollte es Sebastian nicht ins Gewissen reden, denn in dieser speziellen Auseinandersetzung fand Heika als diplomiertes Familienpsychologe doch einiges, das für den Freund seiner Schwester sprach. Es wusste, dass Tina ihre Arbeitsstelle durch ihr eigenes Verhalten verloren hatte und darüber verbittert war. Zudem konnte in diesem Fall von Fremdgehen nicht die Rede sein, auch wenn es nicht ganz in Ordnung war, wenn Sebastian allein auf Brautsuche ging. Er hätte sich zumindest der Zustimmung seiner Lebenspartnerin vergewissern können. Heika fasste Sebastian beschwichtigend am Arm und bemerkte, wie der Mann unter der Berührung von ihm zusammenzuckte. Klar, Sebastian hatte als testosterongesteuerter junger Mann erhebliche Vorurteile vor Homosexuellen; noch dazu, wenn es sich um Frannen handelte. Deshalb griff es noch fester zu, denn es wollte ihn gezielt aus der Fassung bringen.

„Ich werde mit ihr sprechen. Lass uns ein wenig Raum und überlege dir in der Zwischenzeit gut, was du ihr sagen willst, wenn wir zurückkommen. Du solltest deine Taktik ändern, Junge. Auf diese Weise fährst du den Karren an die Wand. Eure Beziehung ist an einem Wendepunkt; einen Vertrauensbruch wie den deinen kann man nicht einfach weglächeln und dann zum Alltagsgeschäft übergehen“, sagte es, drückte noch einmal fest den Arm von Sebastian, der mit sich rang, ob er sich losreißen sollte. Heika stand auf, nickte eindringlich und ging hinter Tina her. Sebastian sah dem Frann skeptisch hinterher, dann schüttelte er in stummer Verzweiflung den Kopf.

Frannen und Frauen sind der Freunde Frust, fiel ihm eine Textzeile aus einem Lied von Rammstein ein.

Heika fand Tina auf einem kleinen Mäuerchen neben dem Parkplatz sitzend. Es hatte erwartet, Tina noch weinend vorzufinden; aber sie sah ruhig in den Sternenhimmel, hatte dabei den Mund leicht geöffnet. Sie erinnerte ihn in diesem Augenblick an früher, an das kleine Mädchen, mit dem es so oft spazieren gegangen war.

„Ob es dort oben Leben gibt?“, fragte sie leise, als sich ihr Bruster neben sie setzte und einen Arm um sie legte. Heika wusste nicht, ob seine Schwester eine Antwort erwartete. Es sah ebenfalls nach oben, fand den großen Wagen. Es war kalt hier draußen vor dem Lokal.

„Vielleicht kommt irgendwann mal ein Schiff von dort oben herunter, am besten voller drei Meter großer Frannen“, scherzte Heika. Es kicherte leise bei der Vorstellung. „War es richtig, einfach aufzustehen und zu gehen?“, fuhr es dann ernst fort. Tina seufzte leise, sah ihren Bruster nicht an.

„Weißt du, ich kann einfach nicht mehr mit ihm reden, ohne zu streiten. Und dann hat er mich mit seinem Fremdgehen wirklich tief verletzt.“

„Sebastian sieht das nicht so, das weißt du. Er hätte gerne eine komplette Beziehung; eine Dreisamkeit.“

„Er mag ja recht haben, aber ich kann nicht gegen meine Gefühle an. Ich fühle mich betrogen.“

„Ich verstehe dich, aber du könntest dir einmal überlegen, woher diese Gefühle kommen?“

„Doch sicher aus meiner kaputten Elternbeziehung, Frann Freud. Sie wissen ja, ich will meine Mutter töten und meinen Frater vergewaltigen.“ Das klang bitter und Heika lächelte gequält.

„Rede doch keinen Unsinn. Allerdings spielen die wechselnden Männerbekanntschaften unserer Mutter dabei tatsächlich eine Rolle, das kannst du mir glauben, denn ich weiß, wovon ich rede. Zwischen uns ist zwar eine Kluft aus Alter und Erfahrung, aber wir sind Geschwister, vergiss das nicht. Was Mutter mit Elle macht, findet meine Zustimmung ebenso wenig wie deine. Als Vater starb …“ Tina verzog das Gesicht und unterbrach Heika eilig. Dies war eine Wunde, an der es nicht rühren durfte.

„Lassen wir doch die Psychologie außen vor. Sie kann immer nur im Nachhinein etwas erklären. Sag mir lieber, was ich tun soll.“ Heika zuckte mit den Schultern.

„Ich bin nicht deine persönliche Partnerberatungsstelle, liebe Schwester. Ich denke aber, deine Sorgen sind hauptsächlich in der Tatsache begründet, dass du deinen Beruf aufgegeben hast. Das hat dich verbittert.“

„Ach, ich bin also an allem Schuld? Weil mir ein Frann vorgezogen wurde? Meine Unzufriedenheit treibt mein armes Herrchen in die Fänge eines bitch. Der Ärmste, was muss er leiden! Du machst es dir doch sehr einfach, Heika. Das ist Küchenpsychologie.“

Heika wollte Einspruch erheben, aber dann erkannte es, dass Schweigen im Moment die bessere Alternative war. Eine ganze Weile starrten die beiden so unterschiedlichen Geschwister festumschlungen hinauf zu den funkelnden, gleichgültigen Sternen.

„Wenn es da oben Leben gibt, ob die auch so viele Probleme haben wie wir?“, fragte dann Tina und nahm ihren Gedanken von vorhin wieder auf. Heika zuckte mit den Schultern.

„Du kannst sicher sein, wenn sich auf anderen Planeten Leben und Liebe entwickelt haben, dann gibt es dort auch die gleichen Probleme. Wer weiß, vielleicht ist es dort noch viel komplizierter als hier bei uns.“ Es hörte im Rücken zögernde Schritte nahen und wusste ohne sich umzusehen, dass Sebastian langsam näher trat, unschlüssig, ob er die Zweisamkeit stören sollte. Heika stand auf, tat aber so, als hätte es den Freund seiner Schwester nicht bemerkt.

„Die Sterne schweigen“, sagte es. „Wir werden von ihnen keine Antworten erhalten. Unsere Probleme müssen wir hier lösen. Ganz allein.“ Es stockte. „Irgendwie.“

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ErSieEs – 3. Geschichte

ErSieEs

Geschichten aus einer anderen Welt

3. Geschichte

[…] Während in den Staaten der sogenannten Dritten Welt, die durch die oben erläuterten, den christlichen Moralvorstellungen entgegenstehenden Gesetzmäßigkeiten vor dem ökologischen und ökonomischen Ruin stehen, trotzdem ein bewunderungswürdiger Reichtum an Menschen existiert, der allein ein bemerkenswertes Hoffnungspotential bildet, ist in den Industrienationen seit den beiden Weltkriegen durch die Verbreitung der modernen Verhütungsmittel ein erschreckender Rückgang der Geburten zu beklagen. So wird in Europa im Jahre 2025 auf sieben Menschen im Alter von über siebzig Jahren nur ein Jugendlicher kommen. Durch das Auf-den-Kopf-stellen der Bevölkerungspyramide besteht die Gefahr der Verarmung, sogar des Aussterbens ganzer Völker. Das ist sicherlich die größte Herausforderung, mit der Europa sich zu Beginn des zweiten christlichen Jahrtausends konfrontiert sieht.
[…] Nicht zuletzt aus diesen Gründen spricht sich die heilige katholische Kirche mit kämpferischer Entschiedenheit gegen die Verhütung und Abtreibung aus; sie wenden sich gegen die christliche Ethik und Gottes Schöpfungswillen. […] Das Geheiligte Mysterium der Dreifaltigkeit weist jedem Gläubigen den rechten Weg: Gottvater und die Heilige Geist wurden Mensch durch das Jungfrann Maria, in Jesus Christus, Unserem Herrn.“

Aus: Hirtenbrief der kath. Bischofskongregation „Über die Empfängnis“

Freitag Vormittag

Heika Bosch nickte ernst. Es wusste, wie verständnisvoll und abgeklärt es dabei aussah. Schließlich hatte es seinen Gesichtsausdruck in unzähligen Gesprächen gleich diesem eingeübt. Heika war abgelenkt und schämte sich deshalb ein wenig. Trotzdem sah es immer wieder zur Uhr, die im Rücken seines Gesprächspartners an der Wand über der Tür hing. Es war Viertel vor Zehn, also hatte es noch ein wenig Zeit. Dennoch gelang es Heika nicht, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Die Probleme seines Gegenübers waren existentiell, aber es hatte schon allzu viele Beratungen durchgeführt. Vor Jahren hatte es aus Überzeugung diese Halbtagsarbeit für den Verein übernommen. Inzwischen jedoch war eine Routine eingekehrt, die niemand mehr als Heika selbst bedauerte. Immer häufiger versuchte es, die Gesprächspartner mit leeren, aufmunternden Worthülsen abzuspeisen, ohne näher auf auf deren Probleme einzugehen. Vielleicht war es richtig, einen längeren Urlaub zu machen und Abstand zu gewinnen, sich mal wieder zu verlieben. Heika sah erneut auf die Uhr, zwang sich dann aber, aufmerksamer zuzuhören und hatte sofort ein Gefühl von Déjà-vu.

Als es endlich zehn Uhr wurde, war es Zeit, einen Schnitt zu machen, obwohl Heika den Fehler spürte, die Beratung abzukürzen. Aber es wollte den Mann vom Stiftungsamt, mit dem es jetzt verabredet war, nicht warten lassen. Von diesem Gespräch hing im Wesentlichen ab, ob die Selbsthilfevereinigung Homosexueller Frannen e. V., kurz HoFra genannt, in dessen Vorstand und Beratungsstelle Heika tätig war, für ein weiteres Jahr finanzielle Unterstützung von der Stadt erhielt. Das war ein Kampf, der in jedem November ausgefochten werden musste und bei dem immer weniger öffentliche Mittel erstritten wurden. Diesmal würden die Verhandlungen besonders schwierig, denn der Beamte, den es gleich treffen würde, war eine unbekannte Größe. Sein Name war Braumeier, wie es dem Schriftverkehr mit ihm entnahm. Er hatte sein Amt eben erst übernommen und lag wahrscheinlich auf der Linie des in der Mehrheit rechtskonservativen Stadtrats. War das der Fall, sah es düster aus. Wurde die Zuschüsse weiter gestrichen, stand die HoFra vor dem Nichts, denn durch Spenden konnte sie sich nicht erhalten.

Heika unterbrach seinen Gesprächspartner, ein Studenten, das mit seinem Freund wegen der Vorurteile der Vermieter keinen Wohnung finden konnte, mitten im Satz. Es holte eine Broschüre zu diesem Thema aus dem Schreibtisch und erläuterte sie eilig. Das Student nahm das Heft zögernd und wirkte sichtlich enttäuscht. Heika versuchte durch eine herzliche Umarmung und einen aufmunternden Kuss auf den Mund den Eindruck von kühler Professionalität abzuschwächen, was ihm nur halbwegs gelang. Dann nahm es die vorbereiteten Unterlagen an sich und ging eilig hinüber zum Seminarraum, dem größten Zimmer in der engen Wohnung, die der Verein als Beratungsstelle angemietet hatte. Heika hatte sich kaum verspätet, aber die anderen beiden Vorstandsmitglieder saßen bereits mit Braumeier auf den niedrigen, im Kreis stehenden Sesseln. Alle sahen etwas verloren aus. Der Beamte studierte die Bücherrücken in den Regalen zu seiner Linken. Man wartete auf Heika, das ein sicheres und resolutes Auftreten hatte und dem damit das Hauptgewicht der Verhandlungsführung mit dem Mann vom Stiftungsamt zufiel.

Das Frann legte die Aktenordner mit den Kopien der Belege und Jahresberichte auf den Tisch in der Mitte und reichte dem Beamten, der älter war, als es erwartet hatte, die Hand; stellte sich vor. Er stand nicht auf, was keine Unhöflichkeit war, sondern an den niedrigen Sesseln lag. Es kostete ihn bereits eine Kraftanstrengung, sich in seinem weichen Sitz gerade zu richten. Dennoch fragte ihn Heika, ob es ihn zuerst durch die Beratungsstelle führen sollte. Er verneinte mit einer unwirschen Handbewegung und nahm die Unterlagen, die er sofort aufschlug und zu studieren begann. Heika setzte sich und seufzte heimlich, tauschte mit den beiden Frannen einen verunsicherten Blick. Der Mann schien ein harter Brocken zu sein. Und er war ganz offensichtlich mit Vorurteilen und Ablehnung zu dem Gespräch gekommen. Wenigstens gab es an der Buchführung des Vereins nichts zum Beanstanden und wenn Braumeier mit der Lupe suchte. Für jede noch so kleine Ausgabe gab es eine Notwendigkeit und einen Beleg. Alles war sauber mit den kargen Einnahmen verbucht; die seltenen Spenden quittiert und offengelegt. Freilich schrieb der Verein wie alle anderen rote Zahlen und hatte Schulden, aber sie fielen nicht aus dem Rahmen des Üblichen. Die HoFra war im Großen und Ganzen gesund, hing allerdings an dem dünnen Tropf der öffentlichen Zuwendung.

Ein lastendes, minutenlanges Schweigen entstand, während Braumeier ruhig die Unterlagen studierte. Heika versuchte, den Beamten einzuschätzen, was ihm trotz seines geübten Blickes für Menschen schwerfiel. Er war dünn, trug eine Brille, aus deren Mitte eine erstaunlich spitze Nase hervorragte und war korrekt gekleidet. Er war verheiratet, die beiden Goldreife an seinen Ringfingern waren auffällig breit und behinderten ihn am Blättern in den Unterlagen. Er nahm seine Arbeit ernst. Die Bewegungen waren kontrolliert und gefasst, aber eine situationsbedingte Unsicherheit war nicht zu übersehen. Ganz offensichtlich hatte Braumeier heute zum erstenmal Kontakt mit homosexuellen Frannen. Ihm stand für diesen Fall kein Verhaltensrepertoire zur Verfügung und er versteckte sich deshalb hinter der Maske beflissener Diensterfüllung. Heika hatte das schon häufig erlebt; es war ein Verhalten, das weniger durch Vorurteile, als durch Verständnislosigkeit geprägt war. Als Gruppe pauschal an den Rand der Gesellschaft, oft sogar aus ihr heraus gedrängt, war es gerade das Unbekannte, Fremdartige, das die Trisexuellen an Frannen wie ihm verunsicherte, ängstigte, abstieß. Aufklärung tat not, aber niemand hatte den Wunsch, aufgeklärt zu werden.

Heika wurde in seinen Überlegungen durch ein Klopfen an die Tür unterbrochen. Stefe kam mit einer Thermoskanne und Kaffeegeschirr herein, stellte seine Last wortlos auf den Tisch, um sich sofort wieder zurückzuziehen. Stefe war eine Art Hausmeister der Beratungsstelle, es hatte sein Bett im kleinsten der Zimmer, einem sargähnlichen, fensterlosen Raum, in dem auch Büromaterialien lagerten und das Kopiergerät stand. Es wohnte dort, seit es von seinen Ehepartnern, die es mehrmals krankenhausreif geprügelt hatten, in den Schutz der HoFra geflohen war. Normalerweise war man hier für solche Fälle nicht eingerichtet, dafür gab es das Frannenhaus. Selbst wenn die Not keinen anderen Weg übrig ließ, bemühte man sich, für diese Frannen schnell eine geeignetere Unterkunft als den provisorischen Übernachtungsraum zu finden. Warum man vor Jahren mit Stefe eine Ausnahme gemacht hatte, es in seiner unauffälligen, aber fleißigen Art inzwischen fast zum Mobiliar gehörte, wusste niemand mehr so genau, aber das Frann war längst unentbehrlich geworden.

Braumeier beendete endlich seine Lektüre und ließ sich Kaffee einschenken. Er legte den Ordner zu seinem Aktenkoffer, der neben ihm am Boden stand. Er räusperte sich.

„Das scheint mir auf den ersten, selbstverständlich nur oberflächlichen Blick in Ordnung zu sein. Sie werden aber verstehen, wenn ich die Unterlagen zu genauerer Prüfung mitnehme. Ich werde sie Ihnen im Verlaufe der nächsten Woche wieder zurückschicken“, sagte er. Heika nickte, obwohl es wusste, wie unüblich diese Handlungsweise war, die seiner Vorgängerin nie in den Sinn gekommen wäre. Es reichte Braumeier die Dose mit dem Zucker. Er bediente sich reichlich, gewann offensichtlich an Fassung und Selbstsicherheit. Heika entschloss sich, ihn wieder ein wenig ins Wanken zu bringen.

„Die Unterlagen in dem Ordner sind zwar nur Kopien, wir wären Ihnen aber trotzdem dankbar, wenn Sie uns die Mitnahme quittieren würden.“ Es lächelte eine Spur zu freundlich. „Im übrigen möchte ich Sie darauf hinweisen, dass das Finanzamt die Bücher der letzten Jahre geprüft hat und keinen Grund zur Beanstandung fand. Eine Ablichtung der Bescheide liegt dem Ordner bei.“

Der Blick des Beamten schätzte Heika aufmerksam ab.

„Ich habe mein Amt erst kürzlich übernommen. Ich möchte mir nur einen Überblick verschaffen“, wiegelte er ab und nahm einen Schluck Kaffee. Dann sah er sich unsicher um, als suche er nach Hilfe. „Ich würde nun gern ihre Räumlichkeiten besichtigen.“

Braumeier stellte die Tasse klirrend auf den Tisch, versuchte aufzustehen. Es misslang: Er fiel zurück in die weichen Polster. Heika, jünger und trainiert, zudem mit den Tücken der Sessel vertraut, kam flink auf die Beine und bot Braumeier seine Hand zur Hilfe an. Er tat, als würde er die dargebotene Rechte nicht bemerken. Mit einem bemerkenswerten Kraftaufwand, der eine dicke Ader auf seiner Stirn zum Schwellen brachte, kam er in die Senkrechte. Er atmete seufzend aus.

„Danke, es geht schon.“ Heika verbiss sich ein Lächeln. Die sich im Rücken des Beamten befindlichen Frannen hatten es leichter. Beide grinsten breit.

„Beginnen wir mit diesem Zimmer, es ist unser Gruppengesprächs- und Seminarraum. Hier treffen sich unter der Woche unsere verschiedenen Selbsthilfegruppen und hier findet auch die Mehrzahl unserer Kurse statt; selbstverständlich unter kompetent fachlicher und psychologischer Betreuung. Ich werde ihnen später noch einen genauen Überblick über die Seminare, ihre Leiter, die Zielvorstellungen und Erfolge geben“, erklärte Heika, Auswendiggelerntes hersagend. Braumeier nickte abgelenkt und schielte zur Seite. Heika, das den Blick bemerkte, fuhr eilig fort:

„In den Regalen hier rechts haben wir eine kleine Bibliothek mit Fachliteratur und Zeitschriften eingerichtet. Die Bücher können auch von interessierten Frannen entliehen werden.“

Braumeier rückte seine Brille zurecht und legte den Kopf zur Seite, um die Titel zu entziffern. Die Bücher schienen ihn zu beschäftigen. Dem etwas verwirrten Heika fiel auf, dass er einen ungewöhnlich langen und dünnen Hals hatte; zusammen mit dem spitzen Gesicht hatte er eine lächerliche Ähnlichkeit mit einem neugierigen Erpel. Braumeier nahm einen Band vorsichtig heraus und blätterte in ihm. Heika zog die Augenbrauen in die Höhe.

„Das ist von ihnen, ja? Sie sind doch Dr. Heika Bosch, das Autor, das einzige Frann, das je Psychologie studiert hat?“, überraschte er Heika, das ihn erstaunt ansah. Es lachte unsicher.

„Inzwischen nicht mehr das einzige. Es sind zwar leider noch wenige, aber …“ Es zögerte. „Ja, das ist eines meiner Bücher.“ Braumeier lächelte. Es war das erste Mal, dass er es tat.

„Es freut mich außerordentlich, Sie endlich einmal kennenzulernen, Frann Bosch.“ Er hob den dicken Band in die Höhe.

„Ich habe das hier und Das schwächste Geschlecht mit Aufmerksamkeit gelesen. Soweit ich es als psychologischer Amateur überhaupt beurteilen kann, sind es ganz ausgezeichnete Bücher.“

Das Buch, das Braumeier in den Händen hielt, Die versteckte Gewalt – Mechanismen der Unterdrückung homosexueller Frannen, war mit Sicherheit nicht nur Heikas schwierigstes, sondern zugleich sein am meisten kämpferisches Buch. Ein bislang als bieder eingeschätzter Beamte las komplexe psychologische Fachliteratur. Heikas Bild von dem Mann wurde erschüttert. Und gleichzeitig konnte es befreit lächeln. Wenn er ein Bewunderer seiner Literatur war, dann stand es vielleicht doch nicht so schlecht um den Zuschuss der Stadt, bei dem Braumeiers Wort ja ein entscheidendes Gewicht hatte. Heika griff eilig nach einem Buch im Regal und reichte es dem Beamten.

„Das ist mein neuer Titel. Es würde mich freuen, es ihnen als Geschenk zu überlassen.“ Er nahm erfreut den Band in die Hand.

Die Kluft„, las er, „Die nepotische Psychose als Lebenslüge im Alltag. Das ist wunderbar. Ich habe schon davon gehört und einen lobenden Artikel darüber im Science Magazine gelesen. Ich bin sehr interessiert daran. Wenn Sie mir eine Widmung hineinsetzen könnten, wäre das einfach …“

„Aber selbstverständlich“, fiel ihm Heika ins Wort. Die beiden lächelten sich an, verstanden sich.

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ErSieEs – 2. Geschichte

ErSieEs

Geschichten aus einer anderen Welt

2. Geschichte

„Es ist bekannt, dass die Anglikanische Kirche von Heinrich VIII. gegründet wurde, der auf diese Weise nach der päpstlichen Verweigerung die einzige Möglichkeit ergriff, sich von Katharina von Aragonien scheiden zu lassen und Anna Boleyn mit dem Segen einer Kirche, nämlich der eigenen, zu ehelichen. Gleichzeitig festigte er mit diesem Schritt seine Macht, da er durch den Suprematseid einen Grund schuf, den langweiligen, prinzipienreitenden Stoiker Lordkanzler Moore aus dem Weg zu räumen. Anna Boleyn, die bald dasselbe Schicksal wie Thomas Morus ereilen sollte, blieb nicht die letzte Frau des Königs.

Wenig bekannt ist hingegen, dass Heinrich VIII. in seinem Bestreben, einen männlichen Thronfolger zu zeugen, nicht nur sechs Frauen ehelichte, sondern mindestens auch sieben Frannen, die, rechtlos, wie sie in jenen düsteren Zeiten waren, nicht in den Annalen Erwähnung fanden. Dennoch gilt es als erwiesen, dass das blutjunge Frann Hetha Muller das Austrag der späteren Königin Elisabeth I. war. Muller ist das Verfasser der berühmten ersten literarischen Selbstdarstellung eines Frann, De Profundis[…] Wir begegnen ihm in Shakespeares Drama Die lustigen Frannen von Windsor in der Person des Annas Page wieder. Auch deshalb hat sich sicher zu Unrecht das Gerücht erhalten, einige der heute Shakespeare zugewiesenen Dramen stammten in Wirklichkeit aus der Feder von Hetha Muller.“
Elias Bellow,“Familie im Wandel,Ein Sittenbild“, S.432 f.

Montag Morgen

Der Radiowecker setzte sich mit einem metallischen Geräusch in Gang. Eine quäkende Stimme sang:

You, you, and me,
we three are one,
from here to eternity.

Sie versuchte geraume Zeit, die Schläferin zu wecken, die sich, verzweifelt die Decke über den Kopf gezogen, gegen diese Zumutung wehrte. Was Rod Stewart nicht gelang, schaffte die anschließende Rundfunkwerbung: Halb schlafwandelnd tappte Tina ins Bad.

Ihr Vater war vor zehn Jahren durch einen Autounfall ums Leben gekommen und sie bewohnte das geräumige Elternhaus nur mit der Mutter und ihrem Frater. Seit längerer Zeit spielte sie mit dem Gedanken, wie ihr älteres Bruster Heika von Zuhause fortzuziehen, sich vielleicht mit Sebastian gemeinsam eine Stadtwohnung zu suchen. Sie verdiente dazu genug Geld und fand, sie bald schon über das Alter hinaus, in dem eine Tochter flügge wird. Die Vorstellung, noch weitere Jahre mit den beiden übriggebliebenen Elternteilen zu leben, erschreckte sie wegen den täglichen Spannungen und Streitigkeiten. Die Mutter, als Schwester im nahen Kreiskrankenhaus tätig, fühlte sich stets überarbeitet und, durch die Wechseljahre bedingt, unverstanden. Gewohnheitsmäßig schlechtgelaunt, ließ sie ihre Wut an ihrem Frann aus, das die Spannungen wiederum an Tina ableitete. Beinahe unerträglich wurde die Situation zwischen den Eltern durch die häufig wechselnden Männerbekanntschaften der Mutter, die durchweg vom Frater abgelehnt wurden, das sich zu alt für Abenteuer fühlte und sich zu sexuellen Begegnungen gezwungen sah, die es ablehnte. Die beiden empfanden keine Zuneigung mehr füreinander, klammerten sich trotzdem an ihre Ehe, weil sie sich ein Leben ohne den anderen nicht vorstellen konnten. Trotzdem konnte sich Tina nicht entscheiden, das Elternhaus zu verlassen. Das lag in der Hauptsache an ihrer Bequemlichkeit. Es war einfach und billig, in dem geräumigen Reihenhaus wohnen zu bleiben, hier wurde ihre Wäsche gewaschen und tägliche Mahlzeiten angerichtet. Zudem bekam sie die streitsüchtige Mutter nur selten zu Gesicht und das Frater betrachtete sie, war sie ehrlich mit sich, als eine Art von besserem Personal, das für sie sorgte. Dafür nahm sie auch gelegentliche Streitereien in Kauf.

Heute war ihr Frater jedoch gut gelaunt, als sie gemeinsam frühstückten. Seine Frau hatte Frühschicht und das Haus längst verlassen. Wenn auch Tina zur Arbeit gegangen war, stand ihm ein ruhiger Vormittag bevor. Obwohl das Frater erst Mitte vierzig war, wirkte es wesentlich älter, aufgeschwemmt und abgearbeitet. Während die Mutter im Wesentlichen sie selbst und der tote Vater immer jung bleiben würde, konnte sich Tina beim besten Willen nicht vorstellen, dass unter dieser verhärmten Larve das schöne Frann verborgen lag, das sie aus alten Fotos kannte. Es bedrückte sie, wie sehr sich ein Mensch innerhalb von zwanzig Jahren verändern konnte. Lag es an den zwei Kindern, die es ausgetragen hatte, an dem Verlust des geliebten Mannes, an der täglichen, stumpfsinnigen Hausarbeit oder daran, wie unzufrieden es mit dem war, was es aus seinem Leben gemacht hatte? Tina wusste keine Antwort. Es war ihr auch nicht angenehm, über solche Dinge nachzudenken. Sie war froh, endlich in ihr Auto zu steigen und sich durch die Fahrt zur Arbeit auf andere Gedanken zu bringen. In der Vorstadt nahm Tina wie jeden Morgen ihre Kollegin Petra auf, mit der sie oberflächlich befreundet war. Sie nahm auf dem inneren der beiden Beifahrersitze Platz.

„Bist du aufgeregt?“, fragte sie nach der Begrüßung und klopfte Tina kameradschaftlich auf die Schulter. „Es wird schon klappen.“

Einen Moment wunderte sich Tina, dann fiel ihr siedendheiß ein, was sie schon den ganzen Morgen erfolgreich verdrängt hatte. Für heute stand die Entscheidung ihrer Vorgesetzten an, wem die Leitung des neuzuschaffenden Ressorts PC-Service und Koordination übertragen würde. Sie wusste von neben ihr drei weiteren aussichtsreichen innerbetrieblichen Kandidaten und, wie sie erfahren hatte, lagen auch zwei Bewerbungen von außerhalb vor. Tina rechnete sich gute Chancen aus, denn ihre fachliche Eignung stand ohne Zweifel. Sie hatte in den letzten Jahren die Mitarbeiterschulungen übernommen und war ein geachteter und erfahrener Ansprechpartner. Sorge machte ihr allein ihr Alter. Eine konservative Firma wie die ihre zögerte, einer jungen Kraft eine Ressortleitung zu übertragen. Aber es gab Gegenbeispiele. Hajo Gärtner von der Fertigungssteuerung war jünger als sie. Deshalb war sie nervös, hatte am Abend Schlaftabletten genommen und litt durch das leichtsinnig gegessene Frühstück unter Magenbeschwerden. Sie war fahrig und abgespannt, fuhr aggressiv und schnell; sie bemerkte es erst, als sie die Kollegin darauf aufmerksam machte. Tina fühlte sich ertappt. Trotzdem lächelte sie überlegen, zumindest hoffte sie, es sähe so aus. Sie wollte sich keine Blöße geben, da Petra keine intime Freundin war und sie ihrer Verschwiegenheit nicht traute. Tina sah die Firma, in der sie arbeitete, als eine Art Schlachtfeld und die Belegschaft als ein Heer von offenen und versteckten Gegnern an. Aus diesem Grund legte sie jedes Wort und jede Regung auf die Waage. Es ärgerte sie, dass ihre Bewerbung für den Ressortleiterposten durch eine, wie sie vermutete, gezielte Indiskretion ihres Vorgesetzten in der Firma durchgesickert war und sie immer wieder freundschaftlich oder gönnerhaft darauf angesprochen wurde.

Das Zimmer, das sie mit einem Kollegen, der stets spät kam, teilte, roch muffig und eigen. Sie vergaß übers Wochenende immer den unangenehmen Geruch und brauchte jeden Montag einige Zeit, um sich an ihn zu gewöhnen. Es lag Arbeit auf dem Schreibtisch, aber sie nutzte diese erste Ruhe, setzte sich, schaltete den Computer an und sah ihm beim booten zu. Jetzt spürte sie vornehmlich in den Beinen und im Rücken ihre Anspannung als ein fast schmerzendes Stechen. Das flaue Gefühl in Bauch verstärkte sich. Vielleicht bekam sie ihre Tage. Eines der Sekretäre kam mit einem einen Tic zu freundlichen Gruß herein, stellte Tina eine dampfende Tasse Kaffee auf den Tisch und machte ein paar der üblichen Montag-Morgen-Bemerkungen. Tina antwortete entgegen ihrer Gewohnheit abgelenkt und unlustig. Sie stieß das Frann damit vor den Kopf und bedauerte es kurz, weil ihr das Sekretär gefiel und sie gern mit ihm flirtete. Doch zu unverbindlicher Koversation war sie heute nicht fähig. Als sie wieder allein war, schob sie angewidert den Kaffee beiseite. Mit ein paar Mausklicken stieg sie in die Datenbank-Software ein, in der sie im Moment eine Anwendung entwickelte und blätterte die Programmlisten auf. Damit wollte sie sich den Anschein geben, sie würde arbeiten. Sie sah auf den Bildschirm, ohne ihn bewusst wahrzunehmen, dachte an nichts und ließ die Zeit verstreichen. Sie wartete. Nach einer Weile trank sie doch den erkalteten Kaffee. Sie bereute es sofort, denn sie bekam fast augenblicklich Unterleibsschmerzen, die ihr allerdings Grund gaben, die Toilette aufzusuchen und dort in kühler Abgeschiedenheit einige Zeit zu verbringen. Bald kehrte sie unruhig in das Zimmer zurück. Ihr Kollege saß am anderen Schreibtisch und grüßte sie abgelenkt über sein Terminal hinweg. Die beiden hatten nichts miteinander zu schaffen und arbeiteten in unterschiedlichen Bereichen, nur die Raumnot in der aus den Nähten platzenden EDV hatte sie zusammengeführt.

Tina setzte sich wieder vor den PC, hinter dem sie sich gut verbergen konnte. Sie ging lustlos mit dem Cursor in dem in der letzten Woche erstellten Programmrumpf spazieren, befand dann nebenzu ein paar der Layoutbefehle für verbesserungswürdig. Keinen Augenblick ließ sie das Telephon aus den Augen, das allerdings wie zum Trotz stumm blieb. Plötzlich läutete es doch und Tina war so erschrocken, dass sie unfähig war, den Hörer aufzunehmen. Ihr Kollege hob ab, lauschte, gab knappe, dann zornige Antworten. Das Gespräch war für ihn. Tina lehnte sich zurück und bemühte sich um einen ruhigen Atem. Sie spürte ihren eiligen Pulsschlag am Hals. Es gelang ihr erst, sich zu beruhigen, als der Kollege am Telefon laut wurde und sich gestikulierend über eine Schlamperei ereiferte. Es machte Tina Spaß, ihm dabei zuzusehen. Sie entdeckte dadurch an ihm, der sonst unauffällig und ausgeglichen seine Arbeit verrichtete, einen neuen Zug. Er legte den Hörer wütend zurück auf die Gabel und murmelte ein paar unverständliche Worte. Dann wurde er überraschend rot im Gesicht und vergrub sich hinter seinem Bildschirm. Für eine Weile war es still im Zimmer.

Tina sah auf die Uhr. Es war noch nicht einmal halb zehn. Das Telefon läutete erneut und wieder war der Kollege mit seiner Hand schneller an dem Gerät, reichte ihr dann aber den Hörer hin:

„Für Sie.“

Tina glaubte, Erstaunen in seiner Stimme zu bemerken. Sie atmete zweimal tief durch, bevor sie sich meldete. Sie hoffte, ihr Tonfall klang ruhig und gefasst. Am anderen Ende war der Leiter der EDV, Dr. Waldemar Keller, der sie mit knappen Worten aufforderte, ihn aufzusuchen, wenn es ihr im Moment passe. Natürlich war es eine Floskel, wenn Keller rief, hatte man alles liegen und stehen zu lassen und zu rennen. Dennoch ließ sich Tina absichtlich ein wenig Zeit, denn sie wollte einen beschäftigten Eindruck machen. Sie prüfte mit einem kleinen Spiegel aus ihrer Handtasche ihr Make-up, bevor sie mit dem Aufzug ins vierte Stockwerk hinauffuhr. Erst als sie an Tür zum Büro des allmächtigen Dr. Keller geklopft hatte, entdeckte sie ihre schweißnassen Hände.

Reiß dich zusammen, dachte sie, in fünf Minuten kommst du als Ressortleiterin wieder heraus. Tina wischte sich die Handinnenflächen an der Hose trocken, dann nahm sie die Klinke in die Hand und klopfte energisch. Sie trat forsch in das geräumige Zimmer und blieb dann unschlüssig stehen. Keller, der selbstherrlich wie Ludwig XIV. (l‘ EDV, ce moi!) hinter seinem Schreibtisch thronte, war nicht allein. Aber anstatt ihres Abteilungsleiters Wigant, den sie erwartet hatte, saß auf einem der Besucherstühle ein elegant gekleidetes, älteres Frann, das mit weltfrännischer Geste rauchte und Tina mit einer abschätzenden Mischung aus Herablassung und distanzierter Höflichkeit maß. Tina gelang es, den Blick kurz und hochnäsig zu erwidern. Keller erhob sich schnaufend, er neigte wegen seiner Körperfülle zur Kurzatmigkeit. Er streckte Tina seine feiste Rechte entgegen. Sie musste sich weit über den Schreibtisch beugen, um seinen Händedruck zu erreichen, sie empfand diese gezwungene, unbequeme Haltung als eine gezielte Entwürdigung, eine Falle, in die sie gedankenlos getappt war. Keller setzte sich und deutete lässig auf das Frann, das sich zum Gruß halb aus dem Sitz erhob:

„Ich darf Ihnen Frann Bender vorstellen. Das ist Frau Bosch, von der wir sprachen, unser PC-Profi. Sie gibt innerbetriebliche Schulungen für unsere Mitarbeiter und schreibt spezielle Anwendungen. Ich darf hinzufügen, dass sie ihre Sache ausgezeichnet macht. Herr Wigant ist leider verhindert, Sie werden ihn aber heute Nachmittag kennenlernen.“ Pause. „Aber nehmen Sie doch Platz, Frau Bosch.“

Keller lächelte gönnerhaft. Tina gehorchte und sah sich unsicher um. Das Gespräch mit dem Vorgesetzten nahm nicht den Verlauf, den sie sich wünschte. Die Nähe zu dem Frann, das sie nicht einschätzen konnte, machte sie nervös. Wo war die Falle? Sie befeuchtete sich die Lippen.

„Sie wollten mich sprechen, Herr Dr. Keller?“

Sie schielte vorsichtig zur Seite. Das Frann, das für sein Alter – Tina schätzte es auf nahezu fünfzig – gutaussehend war, hatte die schlanken, wohlgeformten Beine übereinander geschlagen und der Rock war ihm dadurch, ob bewusst oder nicht, über das Knie gerutscht. Die attraktiven, schwarz bestrumpften Beine brachten Tina, die für diese Reize sehr anfällig war, noch mehr durcheinander. Sie dachte an ihr Frater, das doch jünger sein musste. Welch ein Unterschied war zwischen den beiden! Sie räusperte sich und wiederholte ihre Frage, denn sie hatte in ihrer Verwirrung vergessen, dass sie sie bereits gestellt hatte. Keller, der mit einer ausladenden Geste eine dünne Akte vor sich geschoben hatte und gerade zu einer Antwort ansetzte, verstummte wegen der Wiederholung erstaunt. Tina sah sich nach einem Loch um, in dem sie sich verkriechen konnte. Keller lachte kurz und fuhr lächelnd fort:

„Ich habe hier Ihre Bewerbung für das neuzuschaffende Ressort PC-Service und Koordination – einer weitgehend selbständigen Unterabteilung der EDV – vor mir liegen. Wir wissen Ihre Arbeit zu schätzen, Frau Bosch. Wir haben uns über Ihre Initiative gefreut.“ Er ließ offen, wer sich hinter wir verbarg, wahrscheinlich war es ein pluralis majestatis. Tina wurde kalt und sie sackte ein wenig in ihrem Stuhl zusammen. Ihr rechtes Bein zitterte nervös. Sie rieb die erneut schweißnassen Hände aneinander.

„Nun, um es kurz zu machen, wir stehen Ihrer Bewerbung wohlwollend gegenüber und freuen uns, Sie als kompetenten Mitarbeiter in dem neuen Ressort begrüßen zu dürfen.“ Er stand ächzend auf und streckte ihr die Hand entgegen. Tina, die sich zwar vorher fest vorgenommen hatte, sich nicht ein zweites Mal in die unbequeme Dienerstellung halb über dem ausladenden Schreibtisch zwingen zu lassen, wurde durch die Geste überrumpelt. Sie schüttelte Keller vorn übergebeugt und begeistert die Hand. Nun stand auch das Frann und ergriff gratulierend ihre Rechte. Etwas stimmte nicht. Keller hatte von Mitarbeit und nicht von Leitung gesprochen. Tina fühlte plötzlich keinen Grund unter ihren Füßen.

„Frann Dr. Bender hat viele Jahre bis zur Übernahme durch Siemens für die Firma Nixdorf gearbeitet. Es ist eine ungewöhnlich kenntnisreiche und erfahrene Kraft und wird das Ressort als das Leiter und damit als Ihr direkter Vorgesetzter übernehmen“, sagte Keller. Es klang hämisch. Das Frann versuchte sich in einem gewinnenden Lächeln.

„Ich freue mich auf meine neue Aufgabe und eine gute Zusammenarbeit mit Ihnen, Frau … Bosch, nicht wahr?“

Es war wie eine Ohrfeige. Sie haben es geschafft, dachte Tina, diesmal haben sie mich erwischt. Nur ein unachtsamer Moment und sie stellen mir ein Bein. Sie fühlte Leere in sich, sie war nicht fähig, zu begreifen, was mit ihr vorging. Der Rest des Vormittages glitt eilig an ihr vorüber; sie erlebte ihn verzerrt wie durch eine fettige Brille gesehen. Sie redete und diskutierte zwar intensiv mit Keller und Bender über die Aufgaben des neuen Ressorts, bemühte sich, ihre Enttäuschung, deren ganzes Ausmaß sie noch nicht ermessen konnte, zu verbergen, was ihr nur halbwegs gelang; fuhr dann mit beiden zu einem von Keller initiierten Arbeitsessen. All das lief wie ein seltsamer Film vor ihren Augen ab, ein Film, der sie unbeteiligt ließ und der sie langweilte. Sie erwachte erst aus ihrer Trance, als sie sich von den beiden verabschiedet hatte und wieder in ihrem Büro war.

Der Kollege war unterwegs. Tina wusste, in welchem Schubfach des Schrankes er seine Flasche Cognac versteckt hielt. Sie füllte die Kaffeetasse randvoll mit dem Branntwein auf. Nach ein paar großen Schlucken wurde ihr wieder wärmer. Sie brachte die Konzentration auf, den Vertrag zu studieren, den ihr Keller zusammen mit ein paar Tagen Bedenkzeit zur Unterschrift überlassen hatte. Sicher, dieses Stück Papier bedeutete einen Aufstieg in der Hierarchie und nicht zuletzt auch einen finanziellen Erfolg, aber es war nicht, was sie sich erhofft hatte und was ihr ihrer Meinung nach zustand. Ohne einen einsehbaren Grund wurde eine Kraft von außen vorgezogen. Das schmerzte, doch es wäre zu verkraften, die Zeit würde ihr helfen. Dass ihr jedoch ein Frann vorgesetzt wurde, konnte sie unmöglich hinnehmen. Sie fühlte sich so gedemütigt wie noch nie in ihrem Leben. Ein Frann als Chef war unvorstellbar, in der Firma zudem einzigartig. Tina konnte sich nicht vorstellen, den Weisungen eines Frannen zu gehorchen. Und wenn es sich noch so sehr wie eine Frau benahm, es war und blieb nur ein dummes Frann, das in die Küche und nicht in ein Büro gehörte. Tina füllte sich ihre Kaffeetasse ein weiteres Mal. Der Alkohol war im Augenblick ihre einzige Waffe gegen eine Depression. Petra steckte vorsichtig den Kopf durch den Türspalt. Falls sie vorher angeklopft hatte, war es Tina entgangen.

„Darf man gratulieren?“, fragte sie und kam ganz herein. Tina sah ertappt auf und schob gedankenschnell die Tasse mit dem Cognac zurück, deckte sie mit dem Arm ab. Sie wusste nicht, ob sie eine dringende Arbeit heucheln sollte. Noch hatte sie kein Konzept, wie sie den Kollegen begegnen konnte; zudem stieg ihr der Alkohol langsam zu Kopf. Sie sah Petra ins Gesicht und überlegte. War die freundliche Miene ihrer Bekannten ehrlich oder war sie gekommen, sie zu verhöhnen? Tina traute den Kollegen alles zu, aber die Entscheidung von Keller konnte noch nicht die Runde gemacht haben. Also war Petra wohl nur neugierig. Sie stand verwirrt vor der sie stumm abschätzenden Tina, ihre Rechte hatte sie nach vorn gestreckt, um ihr die Hand zu schütteln. Sie schwebte entschlusslos ein paar Zentimeter vor Tinas Gesicht. Deren Laune besserte sich bei diesem grotesken Anblick ein wenig. Sie lächelte breit und genoss das zögernde Widerspiegeln des Lächelns bei ihrem Gegenüber.

„Du darfst mir gratulieren“, log sie und legte betonte Herablassung auf das Du, denn es schuf die gewünschte Distanz, „es ist nett vor dir, extra deswegen vorbei zu kommen.“

„Keine Ursache; es freut mich. Wann wird es denn offiziell?“

Tina sah plötzlich ganz klar, während sie sich endlich widerstandslos die Hand schütteln ließ und ihr gleichgültig war, wenn dadurch der verräterische Inhalt der Kaffeetasse sichtbar wurde. Sie konnte jetzt Petra richtig einschätzen. Diese Frau bemühte sich um freundschaftliche Nähe zu ihr, weil sie auf einen fahrenden Zug aufspringen, sich in enger Beziehung zu einer Person, die in erwartbarer Zeit Karriere machte, halten wollte. Petra war ein Schmarotzer. Provozierend offen nahm sie die Tasse und leerte sie vor den Augen der betreten zur Seite blickenden Kollegen. Vor so einer brauchte sie sich nicht verstecken. Der Cognac nahm ihr kurz den Atem und es fiel ihr schwer, nicht das Gesicht zu verziehen. Sie kämpfte gegen das starke Schwindelgefühl an und fühlte sich befreit, lachte. Sofort und künstlich fiel Petra in ihr Lachen ein.

„Wann wirst du denn feiern?“

Tina zuckte mit den Schultern. Es machte ihr plötzlich keine Freude mehr, die Lüge fortzuspinnen. Sie suchte nach einer Möglichkeit, die Bekannte loszuwerden.

„Noch habe ich den Vertrag nicht unterschrieben. Ich habe mir Bedenkzeit ausgebeten“, schwächte sie mit einer wegwerfenden Geste ab und Petras Gesichtsausdruck bekam etwas von Heiligenverehrung.

„Vielleicht suche ich mir auch eine andere Arbeit. Ich bin mit den Bedingungen nicht ganz zufrieden. Weißt du, ich hätte ein paar interessante Angebote“, fuhr Tina ohne nachzudenken fort. Sie bereute im selben Moment. Wenn ihr leichtfertiges Märchen die Runde machte, und damit musste sie bei Petra rechnen, konnte es nicht gut sein.

„Erzähle es aber bitte nicht weiter“, ergänzte sie zur Schadensbegrenzung und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Es war der Alkohol, der ihren Verstand trübte, denn sie hatte noch alles schlimmer gemacht, gab der Lüge von der Kündigung erst Gewicht. Sie wusste genau, bei ihrer Kollegin bewirkte eine Aufforderung zu schweigen nur das Gegenteil. Sie hatte das bereits ausgenutzt, als sie ein Gerücht über einen ihr unbequemen Ressortleiter ausstreute. Jetzt musste sie ihre Worte schnell relativieren, abschwächen, ins Scherzhafte wenden, aber ihre Gedanken verwirrten sich immer stärker. Sie befeuchtete die Lippen und für einen kurzen Moment musste sie sich an der Tischplatte festhalten, die ihr entgegenzuschwanken schien. Der Kollege kam geschäftig herein, zwei Operater im Schlepptau. Er war noch immer gereizt, öffnete an der Wand eine Verteilerbuchse, diskutierte mit seiner Begleitung aufgeregt über die Verkabelung. Petra nutzte die Situation für ihren Abgang. Tina sackte in sich zusammen. Ihre letzte Chance zur Eindämmung der leichtsinnigen Lüge war durch das überraschende Auftauchen des Kollegen vertan. Sie stand unsicher auf. Als sie sich an den in der Tür stehenden Operatern vorbeidrängte, grüßte sie einer der beiden flüchtig. Er stank aufdringlich aus dem Mund. Im Gang sah sich Tina vergeblich nach Petra um. Sie schwankte zur Toilette, wo sie sich erbrach.

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ErSieEs – 1. Geschichte

[… aus aktuellem Anlass:]

ErSieEs

Geschichten aus einer anderen Welt

1. Geschichte

 

„Das Sinnbild der Perfektion ist der Kreis; er allein ist Vollkommenheit in unvollkommener Welt. Jeder Punkt, aus dem sein Bogen sich bildet, ist Anfang und Ende in sich selbst, ein Ehrfurcht gebietendes Symbol des Ewigen. [ … ] Spricht nicht Buddha vom Kreis der Wiedergeburt, dem Rad des Lebens, [… ] ist nicht gerade der Ring das Zeichen, unter dem sich die Menschen ewig währende Liebe versprechen? Und ist nicht die Vereinigung der Geschlechter im sexuellen Akt ein Ineinanderverschmelzen zu einem Kreis, der die Erfüllung bringt?“
Karl Savingy, „Zeichen in der Zeit“; S. 19 ff.

Donnerstag Abend

„Du glaubst tatsächlich, es gäbe keine Liebe auf den ersten Blick? Du lebst in einer traurigen Welt“, erwiderte Tina scharf.

Sebastian lehnte sich gelangweilt im Stuhl zurück. Unbeabsichtigt hatte er seine Freundin durch einen abfälligen Kommentar über den eben gemeinsam gesehenen Film auf eines ihrer Lieblingsthemen gebracht. Er seufzte vernehmlich; sah aber keinen Weg, einer Auseinandersetzung zu entgehen. Tina lebte in einer bunten Welt der Wunder, während er sich als einen desillusionierten, gelangweilten jungen Mann sah, der ein fades Leben in einer durchschnittlichen und uninteressanten Stadt lebte. Erneut wurde ihm bewusst, wie häufig Frauen in völlig anderen Kategorien denken als Männer. Tinas Augen vermittelten ihr ein Bild der Welt, das mit dem seinen nicht einmal verwandt war.

Das ist sicher der Grund, aus dem es außer gerade bei den Mystikerinnen keine weiblichen Philosophen gibt, dachte er, behielt seine Meinung aber für sich. Er entschied, Tina durch eine lächelnd hervorgebrachte, provokante Entgegnung aus dem Konzept zu bringen.

„Liebe ist überhaupt eine Lüge. Ich denke das oft“, sagte er.

Tina schnappte entsetzt nach Luft, was Sebastian Gelegenheit gab, sich in dem Café, in dem sie am einem dieser neumodischen, dreieckigen Tische saßen, umzusehen. Das Lokal hatte erst kürzlich eröffnet und die beiden waren zum ersten Mal hier. Sie hatten es sich wegen seiner Nähe zum Kino, in dem sie vorher gewesen waren, ausgesucht. Der Abend war noch nicht fortgeschritten und viele der Tische frei. Das Café gefiel Sebastian nicht. Es war hell und kalt, die konkreten Bilder an der Wand aufdringlich und geschmacklos nackt, fast pornographisch. Er mochte Lokale, die unübersichtlich, dunkel und kitschig waren.

„Warum sagst du das?“, unterbrach Tina seine Gedanken und schnappte nach Luft. „Daran glaubst du doch wohl nicht im Ernst. Was bindet uns, wenn es nicht Liebe ist?“, ergänzte sie aufgebracht.

Sebastian wusste eine Antwort, aber er hütete sich, sie zu nennen. Tina war Romantikerin. Ihm war klar: Würde er offen von seinen Begierden sprechen, würde der Abend mit ihr ein vorzeitiges Ende finden. Im Umgang mit seiner Freundin versteckte er sich oft hinter Masken, denn sie glaubte an den Adel des Menschen. Es hätte sie verstört, wenn sie geahnt hätte, was manchmal in ihm vorging. Er war erleichtert, dass in diesem Augenblick der Kellner die Getränke brachte und er durch die Störung die Möglichkeit hatte, über ihre Frage hinwegzugehen und sich eine bedachtere Antwort zurechtzulegen.

„Die Liebe auf den ersten Blick ist ein herrliches Konstrukt, von dem die meisten Bücher und Filme leben, aber es ist eine Traumwelt. Du musst zugeben, sie wird uns in unserem Alltag zumindest nicht einfach gemacht“, führte er aus und hatte das Gefühl, alles schon einmal gesagt zu haben; eine Empfindung, die ihn in letzter Zeit verfolgte.

„Für deine Art der Liebe braucht es Menschen in der perfekten Stimmung; sie dürfen nicht durch – was weiß ich – durch finanzielle Sorgen, Müdigkeit oder einen überfressenen Magen abgelenkt sein. Wenn Liebe auf den ersten Blick nicht nur ein Mythos ist, so ist es doch ein sensationeller Glücksfall, wenn sich für einander bestimmte Menschen zufällig begegnen und dann auch noch bereit sind, sich augenblicklich in einander zu verlieben. Ich glaube, Liebe, wenn sie mehr als die Laune eines Moments sein soll, ist im Gegenteil harte Arbeit.“

Tina nickte, war aber nicht geschlagen.

„Ich habe nicht behauptet, Liebe auf den ersten Blick sei häufig. Ich sagte nur, es gibt sie“, beharrte sie.

Sebastian zuckte mit den Schultern. Im Grunde hatte er kein Bedürfnis, ihr ihren Glauben auszureden. Ihm war auch nicht ganz klar, warum er trotzdem Gegenargumente sammelte; was er beweisen wollte. Er entschied sich, das Pferd von der anderen Seite aufzuzäumen.

„Betrachte den Film, den wir gesehen haben, in seinem Ganzen. Er ist typisch. Die Personen haben eine Vergangenheit, die bedeutungslos ist und keine Zukunft, die über die Überwindung der durch Missverständnisse bedingten Hindernisse, die zwischen ihnen und der Erfüllung ihrer Beziehungen stehen, hinausreicht. Alles ist vom Drehbuch arrangiert: Das sind keine echten Menschen und ihre Welt ist künstlich. Die Handlung läuft ab wie ein chemischer Versuch: Es werden die Elemente in einer günstigen Umgebung, dem Katalysator, zusammengeführt, sie müssen zwangsläufig reagieren, das heißt, sie verlieben sich. Cá va. Wahlverwandschaften, die anderthalb Stunden Unterhaltung schaffen. Eine schöne Lüge… Im übrigen bin ich der Meinung, das meiste, was uns als Liebe vorgegaukelt wird, ist nur eine Laune der körperlichen Begierde. Die große Liebe auf den ersten Blick findet am Montag ihr Ende.“

„Mein Cato!“ Tina lächelte süffisant und mitleidig, dabei versteckte sie, wie sehr sie sich angegriffen fühlte und beleidigt war. Sebastian kannte diesen Gesichtsausdruck gut. Er erschien immer dann, wenn sie keine Argumente mehr hatte, aber unbeirrt der Auffassung war, sie habe recht oder die Weltgeschichte würde ihr einmal Recht geben. Er hasste es, wenn er einen Beweis führte und sie anschließend seine Gedanken als etwas Lästiges beiseite schob. Bei einer Auseinandersetzung auf emotionaler Ebene zog er stets den kürzeren. Tinas Innenleben war reicher als das seine.

„Was wahr ist, muss nicht unbedingt auch wirklich sein“, sagte sie dunkel. Wahrscheinlich wusste sie selbst nicht, was sie damit meinte.

Sebastian gab sich geschlagen. Tina flüchtete sich in solche Gemeinplätze, wenn ihr nichts mehr einfiel, sie jedoch entschlossen war, keinen Fußbreit Boden von ihrer Meinung abzuweichen. Es wäre dumm gewesen, zu versuchen, mit ihr weiter zu diskutieren. Von nun an würde sie ihr beleidigtes Lächeln beibehalten und immer trotziger werden, je mehr er reden würde. Es war Zeit, das Thema zu wechseln, doch er wusste nicht recht, wie. Während er überlegte, fiel ihm auf, dass Tinas Gesichtsausdruck sich veränderte. Ihr Lächeln wurde freundlich und anziehend. Sie sah interessiert an ihm vorbei in den Raum. Sebastian wand den Kopf. Links hinter ihm, an einem Nebentisch, saß ein attraktives Frann, das die Aufmerksamkeit seiner Freundin auf sich gezogen hatte. Es bemerkte, dass es von beiden beobachtet wurde und versteckte sich eilig hinter einem Glas Weißwein, an dem es nippte, über dessen Rand hinweg es allerdings mit großen Augen herüber sah. Sebastian wartete, bis es sein Glas mit einer anmutigen Geste zurückstellte und das Lächeln von Tina vorsichtig erwiderte, bevor es seinen Blick einer Illustrierten zuwandte. Es blätterte sehr abgelenkt in dem Blatt. Sebastian begann, es einzuschätzen und obwohl es hübsch und gut gekleidet war, kam er zu einem wenig schmeichelhaften Ergebnis. Trotzdem rückte er seinen Stuhl etwas herum, um das Frann zu studieren, denn er war nicht ganz zufrieden. Er wartete darauf, dass der Blick des Frannes kurz von der Zeitschrift nach oben rutschen würde, um ihn für einen scheuen Augenaufschlag zu mustern. Diesen Kontakt wollte er, dafür hatte er ein breites, überlegenes Grinsen bereit gelegt. Doch das Frann sah nicht auf. Das ärgerte Sebastian, auch weil er deshalb sein Urteil über es etwas zurechtrücken musste. Tina berührte ihn am Arm und lenkte ihn ab. Als er unwillig zu ihr sah, war er sicher: Jetzt begutachtete ihn das Frann. Wegen der verpassten Gelegenheit fragte er seine Freundin unwirsch, was sie wolle. Tina zuckte etwas zurück.

„Entschuldige. Was willst du noch von ihm?“, fragte sie. „Es ist doch nicht an uns interessiert.“

„Wenn du dich da nicht täuscht. Es gibt immer eine Chance“, erwiderte er und konnte es sich nicht verkneifen, hinzuzufügen: „Auch wenn es keine Liebe auf den ersten Blick ist.“

Tina warf ihm einen Blick zu, der nur als symbolische Ohrfeige zu deuten war. Er übersah ihren Zorn.

„Es ist nur ein bisschen schüchtern, würde ich sagen“, fuhr er fort.

„Es ist schön, findest du nicht?“ sagte Tina so leise, als würde sie etwas Unanständiges sagen.

„Ja, hübsch, aber doch ein wenig dumm. Ich könnte wetten, es schreibt Gedichte“, erwiderte er überlegen und laut, damit er sicher sein konnte, auch am Nebentisch gehört zu werden. Sebastian hatte keine Ahnung, was für ein Teufel ihn ritt, warum er seine Freundin und das Frann vor den Kopf stoßen wollte. Tina hatte ihn vorhin nicht ernst genommen. Vielleicht lag es daran, denn das war etwas, was er nicht ertragen konnte. Er hielt sich für einen intelligenten Mann, dessen Meinung Gewicht hat und er wollte mit einer gewissen Ehrfurcht behandelt werden. Fast war er enttäuscht, denn Tina wurde nicht sofort wütend, sondern lachte.

„Das ist ganz typisch Mann! Kaum fühlst du dich unbeobachtet und gibst nicht auf deine Worte acht, rutschen dir die ältesten Vorurteile heraus. Du lebst noch in der Höhle, wo ist dein Fell? Das Frann kriegt die Kinder, die Frau erzieht sie, sie sind die Dummen. Die tapferen Männer jedoch ziehen als freie Jäger durch die Welt, deren Geschicke sie zu lenken glauben… Gott wird schon gewusst haben, warum er die Erhaltung der Art nicht in die Hände der Männer gelegt hat, ihr seid doch nur zum Kriegführen gut!“ redete sie sich langsam in Rage.

„Verbrustere dich nicht mit den Frannen, das steht dir nicht gut zu Gesicht. Denn schließlich haben die Frauen ihre Emanzipation auf dem Rücken der Frannen ausgekämpft. Muss ich dich erinnern: Es waren Frauen und nicht Männer, die um die Jahrhundertwende gegen das Stimmrecht der Frannen waren. Unterbrich mich bitte nicht!“, wehrte Sebastian Tina ab, die einhaken wollte. „Ich weiß, was du sagen willst: Es ist über hundert Jahre her und du kannst nichts dafür. Da hast du recht. Mir wirfst du allerdings vor, ich hätte Vorurteile gegen Frannen, wenn ich von einem behaupte, es sei ein wenig dumm“, ergänzte er und sah mit sich zufrieden zurück zu dem Frann hinter ihm, das, obgleich es ihm schwerfiel, so tat, als würde es nicht zuhören.

„Wenn ich etwas an dir hasse, dann, wenn du mir erzählst, was ich sagen will und mich nicht zu Wort kommen lässt. Du diskutierst im Grunde mit dir selbst und nimmst mich, weil ich eine Frau bin, nicht als vollgültigen Gesprächspartner“, sagte Tina zornig und hatte damit einen wunden Punkt erwischt. Sie hatte recht. Aber das würde er ihr niemals eingestehen. Immerhin senkte er schuldbewusst die Augen.

„Und ich bleibe dabei: Deine Einschätzung ist nicht durch Menschenkenntnis, sondern durch ein Vorurteil zustande gekommen,“ fuhr sie fort. „Ich schätze das Frann auf keinen Fall als dumm, sondern höchstens als unerfahren, jung und, was du mit Dummheit verwechselt hast, hochmütig ein.“

„Es kann sein, du hast recht und ich habe Vorurteile. Das Verteufelte an ihnen ist, sie sind immer auch ein wenig wahr. Du musst zugeben, Frannen sind durch die Tatsache im Nachteil, dass sie die Kinder austragen und darauf hin erzogen werden“, erläuterte Sebastian.

„Ja. Vom Mann kommt das Sperma, von der Frau das Ovum. Wir haben eindeutig den einfacheren Job. Und die in unserer Gesellschaft gültigen Geschlechterrollen schieben dem Frann den schwarzen Peter zu. Es ist die Gebär- und Säugemaschine, während der Mann sich seiner Karriere und die Frau den Schönen Künsten widmen kann …“

„Und so kommen wir zur Moral: Die Frauen sind die wahren Nutznießer der Versorgungsgemeinschaft Ehe“, unterbrach Sebastian seine Freundin. Erneut verfiel er seinem alten Fehler, Tina nicht ausreden zu lassen. Seine Beschämung von vorhin hatte er längst verdrängt.

„Rede doch keinen Unsinn!“, widersprach Tina heftig. „Außerdem lasse ich dein Argument nicht gelten. Heute gibt es einfache Verhütungsmethoden, es steht jedem Frann frei, ob und wann es schwanger werden will. Das Kind steht nicht mehr zwischen ihm und seiner Selbstentfaltung. Das Frann kann inzwischen jeden Beruf, sofern es ihm körperlich oder geistig gewachsen ist, ergreifen und niemand ist mehr gegen ein Frann, das in der Arbeit seinen Mann oder seine Frau steht. Es ist praktisch gleichberechtigt und hat inzwischen auch auf der politischen Bühne eine Lobby. Das Staatsoberhaupt von Pakistan war bis vor kurzem ein Frann“, dozierte sie und sah ebenfalls zum Nebentisch. Auch ihr war jetzt bewusst, sie und Sebastian führten ihr Gespräch nur für das Frann dort, ihm wollten sie beweisen, wie intelligent sie sich zu unterhalten verstanden. Beide starrten gleichzeitig zu dem konzentriert in seiner Zeitschrift lesenden Objekt ihrer Begierden. Eine abwartende Pause entstand. Endlich sah es auf, aber nur zur Seite, es winkte den Kellner heran, zahlte eilig und ging, ohne die beiden eines Blickes zu würdigen. Das Weinglas, das der Kellner mit leichtem Kopfschütteln abräumte, war noch fast voll.

Sebastian und Tina beobachteten stumm den Abgang, dann lachten sie gleichzeitig. Sebastian sagte:

„Es hat uns keine Chance gegeben.“

„Du hattest recht, es ist wirklich dumm“, erwiderte Tina.

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Vorankündigung: Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman

Eine Kleinstadt Mitte der 90er Jahre in der bayerischen Provinz: Die Bilder des Malers Jonas Nix sind eine künstlerische Sensation und Tagesgespräch bei den Kulturschaffenden. Doch liegt das an der Qualität seiner düsteren, blutigen Werke oder eher an seinen verwandtschaftlichen Beziehungen zu Stadtrat und Wirtschaft?

Der junge Journalist Georg Hauser, der mit dem Maler in die Schule gegangen ist, beginnt nachzuforschen und die Personen im Umfeld von Nix zu befragen. Er wird dadurch in eine Intrige verwickelt, die bald auch sein Leben bedroht und ihn vor die existenzielle Frage stellt:

Wie weit würdest du für deine Kunst gehen?

»Der Mensch durstet nach dem Bösen, ihn dürstet da­nach, schuldig zu werden, aber er wagt – oder vermag – es nicht, dem Bösen seine Seele zu verschreiben, er schlägt krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, usw … So sagt Georges Bataille in einer Geschichte.

Mögen Sie sie auch, diese kaum aussprechbare Abkür­zung einer nichtssagenden Floskel, dieses usw., das es auch noch als usf. oder als, besonders schön auszuspre­chen: u. Ä. gibt. Was wäre ein Schüleraufsatz ohne die­ses usw? Man benutzt es immer dann, wenn man selbst nichts mehr weiß, wenn die Inspiration versagt und man erschöpft den Rest der Gedankenkette der Fantasie des Lesers überlässt. Jeder von uns setzt instinktiv und intuitiv für dieses usw. etwas ein, das ihn persönlich be­trifft, es ist eine Art Rorschach-Test mit Buchstaben. Als ich den eben zitierten Satz zum ersten Mal bei Bataille las, ersetzte mein Unterbewusstes das usw. sofort mit dem Wörtchen Kunst. Der Satz las sich dann für mich so:

Der Mensch durstet nach dem Bösen, aber er vermag es nicht, ihm seine Seele zu verschreiben, deshalb schlägt er krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, die Kunst. Und ich war anschließend von Batailles ent­täuscht, weil er auf diesen, nämlich meinen, Gedanken nicht weiter einging, sondern sich im Weiteren nur mit der Neurose und dem Gelächter beschäftigte. Später fand ich dann zu meiner Beruhigung heraus, dass für ihn die Neurose und die Kunst fast synonyme Begriffe sind. Neurose ist ihm die Sehnsucht nach der Angst, die Gott hat. Kunst ist also die Sehnsucht nach der Angst Gottes.

Keine Angst, ich habe nicht vor, mit Ihnen über die Schwierigkeiten der Hermeneutik zu reden. Ich bin hier, um Ihnen etwas über die Kunst von Jakob Nix zu erzäh­len. Und, zu Ihrer Beruhigung, ich werde mich kurz fas­sen.

Deshalb komme ich aber an Batailles nicht vorbei, des­sen Unbehagen am Dasein eine enge Geistesverwand­schaft mit dem Nixschen Behagen an der Besudelung zeigt. Denn dessen Anliegen war neben dem selbstzer­störerischen Schenken, auf das ich später eingehe, im­mer das Tabu und das bewusste Überschreiten dessel­ben, um sich zum Menschsein zu befreien. Klingt Ihnen das zu hochgestochen? Ich kann es auch anders formu­lieren: Es gibt von Batailles einen Text, in dem jemand seine tote Mutter schändet. Und es gibt von Jakob Nix ein Bild, das er mit seinem eigenen Blut gemalt hat.

Wir loben uns, in einer tabulosen Gesellschaft zu leben, die all die kleinlichen Vorurteile unserer Väter über­wunden glaubt. Keine abwegige sexuelle Leidenschaft kann uns noch schockieren, wir sind in der Psychologie unseres Jahrhunderts geschult, haben für alles Ver­ständnis. Keine menschliche Regung ist uns fern. Sind wir also, wie ich formulierte, zum Menschsein befreit? Manche glauben es, aber ich will es bezweifeln. Ich den­ke, das Gegenteil ist der Fall: Wir leben in einer gefessel­ten, in einer neurotischen, engstirnig bürgerlichen Ge­sellschaft. Mit unserer freien Sexualität ist es nicht weit her, wir haben sie nur hygienisch und steril gemacht. Wir alle haben den Sex im Hirn, aber das ist der Ort, wo er am wenigsten hinpasst und auch am wenigsten be­friedigt wird.

Und daraus lässt sich nur schließen, dass die Tabus der Gesellschaft noch lange nicht gebrochen sind, diese Ge­sellschaft noch immer die Kraft hat, sie aufrecht zu hal­ten und ihre Verletzung unter Strafe zu stellen. Das Böse ist dabei das kräftigste Tabu. Ich spreche nicht von einem mythischen oder religiös definierten Bösen als Wi­derpart des guten Gottes, sondern von der gesellschaft­lichen Vereinbarung Böse, zu der es uns laut Batailles als egoistische Einzelwesen alle hinzieht. Und was ist böse? Es ist vor allem der Tod; er ist der Schaden der Gesellschaft und wir alle haben ihn zur Seite gedrängt, um ihn zu vergessen. Wir würden das Sterben unter Strafe stellen, wenn es einen Sinn hätte. Und gleichzeitig und das ist die Perversion dieses Tabus, sehnen wir uns alle nach dem Tod, denn er ist ein Teil von uns, den wir nur mit Hilfe einer Neurose, eines Gelächters oder eben der Kunst verdrängen können. Er schlummert in jedem von uns, wird jeden Tag ein wenig wacher. Jeden Tag werden wir ihm ein wenig ähnlicher. Da hilft kein Makeup.

Und trotz unseres Ekels vor der Sterblichkeit und der Verwesung gibt es uns einen masochistischen Schauer, erkennen wir uns wieder, wenn wir verstohlen in den Fernseher sehen und uns die Leichen der Kriege, Ver­brechen und Unglücke in handliches Format gepackt häppchenweise und farbenfroh vorgeführt werden. Aber nie darüber reden, diese Sehnsucht verschließen wir in uns: Das ist die Neurose, die uns fesselt. Solange wir nicht mit dem Tod umgehen können, werden wir keine Menschen sein. Jakob Nix hat die Überwindung dieser Neurose zu seiner Kunst gemacht. Geben wir zu, seine Bilder schockieren uns, aber es ist unsere eigene Einstellung zum Tod, die uns schockiert, die wir nicht sehen wollen, die uns hindert, frei zu werden. Hegel sagt, der Tod sei das Furchtbarste, und das Tote festzu­halten, sei das, was die größte Kraft erforderte. Nix nimmt seinen Kampf mit diesem Schrecken auf, er packt unter Aufbietung seiner Lebenskraft den Tod an den Hörnern und er läd uns alle ein, bei diesem Spektakel zuzusehen. Er macht uns damit ein Geschenk, schenkt uns einen Teil seines Daseins, auch wenn es ihn selbst zerstört. Nur wer das Höchste versucht, gewinnt die Freiheit des Menschseins.

Auch das Leben ist ein Geschenk, so trivial es klingen mag. Das Furchtbarste ist nicht, jemandem ein Ge­schenk wegzunehmen, sondern es ihm kaputt wieder­zugeben. Wir alle haben das Geschenk Leben von dieser Gesellschaft kaputt zurückbekommen. Und einmal in dieser mageren Frist zwischen Geburt und Tod, mit der wir so verschwenderisch umgehen, sollte jeder darüber nachdenken, was dies für ihn bedeutet.

Nehmen Sie das Angebot an. Benutzen Sie die Bilder zum Nachdenken, zum Nachfühlen, zum Erleben usw.

Ich danke Ihnen für den kurzen Moment der Aufmerk­samkeit.«

Ab morgen jeden Montag auf meinem Blog:

 

 

 

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 31 – Schluss)

Am späten Nachmittag – die Sonne stand bereits so tief, dass die enge Vicolo della Volpe im Schatten ihrer Häuser und Mauern lag – stand Nikolaus Klammer endlich vor der Adresse, die ihm Isa in ihrer ver­schlüsselten Nachricht übermittelt hatte. Er erkannte die Buchhandlung sofort, auch wenn die Bücher in der Auslage italienische Bestseller und Klassiker wa­ren – ein leckerer Auflauf ohne schlechte Zutaten: Werke von Ignazio Silone, Umberto Eco, Primo Levi, Leopardi und Manzoni, Camilleri und Boccac­cio, Dante neben Ferrante, Morante und Moravia, Pisano, Lampedusa, Italo Svevo, Ledda, Pavese, Fruttero und Lucentini, Palazzeschi und Pirandello und selbstverständlich auch Calvino, ohne dessen Se una notte d’inverno un viaggiatore dieser Ro­man gar nicht hätte geschrieben werden können … allein die Namen waren schon ein Gedicht! Sie alle standen wild durcheinander und ohne einen er­kennbaren Zusammenhang außer dem einen, dass es gute Bücher waren. Klammer kannte und schätzte die reiche italienische Literatur, hatte auch die meis­ten der ausgestellten Werke in Übersetzungen gele­sen. Er schnalzte ge­nießerisch mit der Zunge.

Er sammelte sich. Dies war der Buchladen, der erst gestern – ja, gerade einmal vor dreißig Stunden – noch in Augsburg gestanden hatte! Konnte das Ge­schäft denn fliegen oder sich wie in Star Trek an ande­re Orte beamen? Klammer glaubte nicht, dass er diese Transition verstehen würde, auch wenn sie ihm von einem schlauen Mann erklärt wurde.

Noch einmal sah er hinter sich. Aufgeregt wie er war, rechnete er jeden Augenblick mit dem Schlimmsten und fühlte sich schon den ganzen Tag beobachtet. Doch keiner der vie­len Passanten schien sich weiter für ihn und den La­den, vor dem er stand, zu interessieren. Der Autor war ihnen nur ein unliebsames Hindernis auf ihrem Weg durch die enge Gasse.

Was würde ihn dort drinnen in dem Buchladen er­warten? Würde er endlich seine Tochter finden und in die Arme neh­men können? Würde sich alles auf­klären und vielleicht als ein großer Spaß herausstel­len? Klammer hoffte es.

Als er am Mittag an der Haltestelle Barberini in der Nähe der Piazza Navona die U-Bahn-Linie A verlas­sen hatte – vom zentralen Termini waren das nur drei Stationen -, war er zuerst ohne Umwege und Augen für die schmucken Kirchen, Brunnen und Pa­lazzi direkt in das Hotel Raphaël gegangen. Obwohl Klam­mer vor Neugierde brannte, vermied er absichtlich die neben dem von Efeu vollkommen überwachsenen Gebäu­de lie­gende Vicolo della Volpe. Er erkundigte sich bei der jungen Dame an der Rezeption des noblen Ho­tels nach seinem Verleger und dessen Freundin, weil er nach Verbündeten suchte. Ihm war aber von ihr mitgeteilt worden, die beiden wären unterwegs und würden erst am Abend wieder zurück erwartet. Da ihm Wel­kis Domizil viel zu teuer war – eine Nacht im ein­fachsten Zimmer kostete ohne Frühstück über 300 € – verließ er achselzuckend das Raphaël und suchte sich erst einmal eine billigere Bleibe in einem nicht allzu weit entfernten B&B in einem schmucklosen Eckhaus in der Via Cola di Rienzi, in dem er schon einmal vor ein paar Jahren mit Irene logiert hatte und wo man in der Vorsaison auch ohne Reservierung ein Zimmer für ihn frei hatte. Klammer stellte sein Gepäck ins Zim­mer und te­lefonierte von dem Apparat auf dem Nachtkästchen aus mit seiner Frau.

Er besaß zwar ein Mobiltelefon, aber er machte es niemals an und hatte es auch auf dieser Reise nicht mitgenommen. Mit dem Hinweis auf die hohen Gebühren und einem ziemlich schlechtem Gewissen teilte er Irene nur das Allernötigste mit und blieb bei seiner Ge­schichte, Welkenbaum benötige ihn in Rom völlig überraschend für Lizenz­verhandlungen wegen eines von seinen Romanen. Er hörte zwar ein leichtes Misstrauen aus ihren Antworten heraus, aber noch schien sie zu glauben, was er ihr erzählte. Sie machte ihm nur zum Vorwurf, dass er sie mit seiner Reise überrumpelt habe. Hätte sie früher Bescheid ge­wusst, hätte sie ja mit nach Rom kommen können, das wäre doch mal eine nette Abwechslung gewesen. Klammer gab sich angemessen zerknirscht, aber insgeheim war er froh, dass er Irene zuhause in Sicherheit wusste.

Anschließend verließ er seine Unterkunft und aß an der Theke einer Espressobar eine Querstraße weiter ein Panino und trank zwei große Moretti-Biere. Müde und mit schwerem Kopf kehrte er in sein Zimmer zurück, stellte den Ventilator an der Decke auf die höchste Geschwindigkeit und schlief eine Stunde auf dem breiten Bett. Ohne den Alarmruf seines Reiseweckers wäre er wohl ins Koma gefallen und hätte bis zum nächsten Morgen weitergeschlafen. Klammer benötigte eine ausgiebige Dusche, bis er nicht mehr wie ein Zombie aussah. Dann zog er sich der italienischen Wärme angemessene und leichte Kleidung an und setzte sei­nen Thomas-Mann-Urlaubsstrohhut auf, ohne den er niemals in Ita­lien unterwegs war.

Erst danach war er in der Verfassung gewesen, die Vicolo della Volpe aufzusu­chen, in der er nun stand. Das Gässchen führte vom Hotel aus auf direktem Weg in den Stadtteil Rione Ponte, einem beliebten Einkaufsviertel voller Modegeschäfte, zahlloser Anti­quitätenläden, Restaurants, Bars und ameisenbauglei­cher Geschäf­tigkeit. Die Vicolo mit ihren Häusern aus Renaissance und Barockzeit schmiegte sich dabei so eng an die riesige Santa-Maria-della-Pace-Kirche, dass es der Wa­gen von Google-Earth nicht geschafft hatte, sie in ihrer ganzen Länge zu fotografieren und war deshalb ein weißer Fleck auf der Rom-Straßen­karte des neugieri­gen Internetgiganten geblieben.

Klammer wollte eben einen Schritt auf die Ein­gangstür zu machen, in deren Glas ein Schild mit „Free Entrance” und „Aperto” lockte. Da bemerkte er eine Gestalt, die sich neben ihn gestellt hatte. Schon während er sich nach der Person umdrehte, wusste Klammer, wer es war.

„Ah, Signore Fabio, welch ein erstaunlicher Zufall. Wollen Sie etwa noch ein weiteres Autogramm?”, fragte er und lüpfte grüßend seinen Hut.

Er fühlte sich sicher, denn es schoben sich viele Einheimische und Touristen durch die enge auto­freie Gasse, in der gerade ein­mal zwei Leute neben­einander stehen konnten. Eini­ge hielten ein Gelato von einer Eisdiele an der nächsten Straßenkreuzung in der Hand.

Der angebliche Avvocato legte den Kopf schief. Er hatte sich im Gegensatz zu Klammer nicht umgezo­gen und trug weiterhin sei­nen für die nachmittägliche Hitze zu warmen Ge­schäftsanzug. Er hatte allerdings sein Sakko ausgezo­gen und über den Arm gehängt. Doch auf seiner Stirn über der unvermeidlichen Son­nenbrille waren keine Schweißperlen zu sehen und es hatten sich auch keine dunklen Flecken an den Ach­seln seines kurzärmligen, rosafarbenen Hemds gebildet. Jetzt brannte die Zigarette zwischen seinen Lippen und er stieß ein wenig Rauch in Klammers Richtung, bevor er mürrisch antwortete:

„Nein. Ich habe meine Meinung geändert. Ich be­nötige jetzt etwas anderes von Ihnen.”

Er klang wirklich bedauernd und deutete mit dem Kopf auf sei­ne von der Jacke verdeckte Hand. Dort ragte die lan­ge, scharfe Klinge eines dünnen Messers heraus. So­fort trat Ienalli noch näher an Klammer heran und presste ihm dabei die Waffe in die Seite. Die Spitze stach den Au­tor durch sein Hemd hindurch ins Fleisch.

„Ich rate Ihnen, nicht um Hilfe zu rufen, weil ich sonst auf der Stelle gezwungen wäre, Sie zu erstechen. Das wird für Sie eine recht schmerzhafte Angelegen­heit werden, Maestro. Glauben Sie mir, ich habe mit dem Stiletto einige Erfahrung. Wir werden jetzt ge­meinsam in den Buchladen gehen und dort werden Sie mir Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren überreichen. Sie müssen das Buch bei sich haben, denn es befindet sich nicht in Ihrer Un­terkunft. Das habe ich schon überprüft.”

Klammer lächelte sardonisch und mit viel Gebiss. Er wusste um die Wirkung dieses Lächelns, denn er hatte es lange vor dem Spiegel in seinem Zimmer im B&B geübt, nachdem ihm klar geworden war, dass jemand während seiner Abwesenheit seine Sachen durchsucht hatte.

„Ich muss Sie enttäuschen, Avvocato. Ich hätte Sie wirklich für schlauer gehalten. Das Buch ist längst nicht mehr in meinem Besitz”, sagte er gelassen.

ENDE

 

Der Roman wird fortgesetzt in:

Dr. Geltsamers
erinnerte Memoiren

3. Teil:
Der Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 30)

ZWISCHEN DEN SEITEN

Voi biglietto, per favore.

Nikolaus Klammer schreckte aus dem Halbschlaf, in den er ge­fallen war und das schwere schwarze Buch, das er noch geöffnet in den Händen hielt, rutschte ihm dabei aus den Fingern. Es fiel auf den Boden des Zugabteils. Ertappt griff er nach unten, aber sein Sitznachbar, der in Innsbruck zugestiegen war, war schneller und hob das Buch vor ihm auf. Die beiden blickten sich an.

Klammer sah an seinen besseren Tagen ein wenig wie Ernest Hemingway und an seinen schlechten – sie überwogen – wie der Satyr Marsyias aus. Wie sei­ne momentane äußere Erscheinung auf den Avvocato wirken musste, mochte er sich gar nicht vorstellen: Wahrscheinlich sah er gerade aus, als hätte er bereits seine Häutung hinter sich.

Klammer fiel ein, was er vor seinem Sekunden­schlaf gelesen hatte und nahm sich vor, vorsichtiger im Umgang mit dem Advokaten zu sein. Der dünne Mann mit dem olivgrünen Gesicht, der die ganze Nacht seine Sonnenbrille aufbehalten hatte, zögerte kurz, als er Klammers nachdenklichen Blick spürte, aber dann überreichte er ihm umstandslos das Buch. Klammer riss es an sich und presste es gegen seinen Oberkörper, als wäre es ein Schatz, den er behüten musste. Im Grunde war es das auch.

Wahrscheinlich wirke ich im Augenblick eher wie Gollum und nicht wie der mythologische geschundene Satyr, der angeb­lich auch Sokrates geähnelt haben soll.

Er wurde sich der Lächerlichkeit seines Tuns be­wusst und blätterte nach der Stelle, an der ihn der Schlaf übermannt hatte. Er legte dort sein orangefar­benes Lesezeichen ein. Erleichtert stellte er dabei fest, dass sich der Inhalt von Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren noch nicht verändert hat­te. Klammer war ein oder zwei Kapitel vor dem Ende des Ro­mans seines Großvaters und vielleicht bekam er diesmal die Gelegenheit, ein Werk zu Ende zu lesen. Er hatte das Gefühl, wenn ihm das gelang, würde etwas Besonderes geschehen.

Das nächs­te Kapitel trug den vielversprechenden Titel „Ent­hüllungen“ und Klammer war gespannt, ob er darin endlich die Antworten bekam, welche Geheimnisse hinter der ganzen phantastischen Ge­schichte steckten und wie Sebastian Kerr diese auflö­sen würde. Er zweifelte inzwischen entschieden dar­an, dass die Hyänen von Berlin eine autobiografische Geschichte waren. Vieles erschien ihm frei und frech erfunden, ein Lügenmärchen. Viel zu unglaubhaft und utopisch hatte das letzte Kapitel geendet. Roboter im Berlin der Weimarer Republik, also bitte! Brecht würde sich im Grab umdrehen. Sein Großva­ter hatte wohl zu viel Kokain geschnupft, als er im Exil diesen Roman schrieb. Und diese Anspielung ganz am Ende des Kapitels, als er auch noch Vladi­mir Nabokov auftreten ließ, die war ja wohl völlig dane­ben.

Wenn mein Opa das alles erfunden hat, hat es allerdings auch Konsequenzen für das Tagebuch der brasilianischen Ärztin, dessen Authentizität damit ebenfalls in Frage gestellt ist. Kann es sein, dass diese Geschichte ebenfalls aus seiner Feder stammt? Und warum bietet mir Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren ausgerechnet diese Geschichten aus den Zwanziger Jahren an und nicht andere?

Doch an eine Fortsetzung der Lektüre war im Au­genblick nicht zu denken. Klammer musste das ver­schneite Berlin kurz vor der verheerenden Weltwirt­schaftskrise, die die Weimarer Republik direkt in die Arme der Nazis hatte taumeln lassen, verlassen. In seinem Hier und Heute war es draußen längst hell­lichter Vormittag und der Zug ratterte auf seinen Schienen durch die Vororte von Rom. Straßen, Plät­ze und Häuser, vor deren Fenstern auf Leinen Wä­sche hing, wechselten sich ab mit Ausblicken auf Pi­nien, silberne Olivenhaine und jetzt im Frühjahr pas­tellgrüne Getreidefelder.

Der Schaffner, der Klammer eben geweckt hatte, geduldig im Gang stehen geblieben und vergeb­lich auf eine Reaktion gewartet hatte, räusperte sich. Der Autor schob sein Buch eilig in die Außentasche seines Handgepäcks und holte sein ausgedrucktes E-Ticket heraus, das von dem Zugbegleiter nur ober­flächlich begutachtet und an zwei offenbar zufälligen Stellen gelocht wurde, bevor er es mit einem „Buon viaggio e divertimento! Arrivederci.“ wieder zurückgab.

Der Italiener neben Klammer wartete, bis der Schaffner weiter ging.

Scusi. Entschuldigen Sie meine Frage, signore. Aber sind Sie nicht der Schriftsteller Nikolaus Klammer?“, fragte er in einwandfreiem und gut verständlichem Deutsch. Ein verirrter Sonnenstrahl brachte die ver­spiegelten Gläser seiner großen Sonnenbrille zum Funkeln; es wirkte, als würden seine Augen dahinter strahlen.

„Wie kommen Sie darauf, Avvocato Ie … Ielli –“

Klammer war misstrauisch und geschmeichelt zu­gleich.

„Ienalli. Fabio Ienalli, Maestro Klammer. Ai loro ser­vizi. Das ist ganz einfach; ich lese gerade ein Buch von Ihnen.“

Der Mann griff in seine Herrenhandtasche, die er an einem Gurt über der Schulter seines tadellosen Anzugs trug, und beförderte ein dickes und zerlese­nes Paperback zu Tage. Es war eine Ausgabe von Der Engel im Spiegel, einer von Klammers frühen Roma­nen, der in der Toskana spielte. L’angelo nello specchio – das einzige seiner Werke, das jemals in einer Fremdsprache erschienen war und sich in Italien tat­sächlich ganz ordentlich verkaufte, obwohl es wirk­lich nicht einfach zu lesen war – war Welkenbaums guten Geschäftskontakten zu einem ähnlich gesinn­ten römischen Verleger zu verdanken, der übrigens auch die vorzügliche Übersetzung des Romans ver­antwortete. Manchmal galt der Prophet eben in der Fremde mehr als im eigenen Land.

„… und hier, auf der Innenseite“, fuhr Ienalli fort und deutete mit einem tabakgelben Finger – offen­bar war er ein starker Raucher – auf den Umschlag, „ist das nicht ein Foto von Ihnen?“

Die Abbildung in dem Taschenbuch zeigte den Au­tor zwar schwarz-weiß, etwas unscharf und zehn Jahre jünger – hatte er jemals so schwarze Haare ge­habt oder waren sie mithilfe von Photoshop für den italienischen Markt eingefärbt worden? -, aber es war doch unverwechselbar er selbst, der ihm da überlegen und auch ein wenig arrogant entge­gen blickte. Ein Leugnen war zwecklos.

„Sie haben mich erwischt“, gab Klammer lächelnd zu. Er genoss den seltenen Moment, in dem er sich prominent fühlen konnte, denn er wurde nicht oft erkannt.

„Ich hatte sehr viel Freude am L’angelo nello spec­chio”. Für einen Deutschen gelingt es Ihnen erstaun­lich gut, sich in die Seele Italiens einzufühlen.”

Klammer wusste nicht so recht, was er mit dieser Aussage anfangen sollte, denn in dem Roman kamen überhaupt keine Italiener vor. Er entschied sich zu einem unverbindlichen Kopfnicken. Von irgendwo her zauberte Ienalli einen wertvollen, obsidianschwar­zen Füller in die Finger seiner Rechten und streckte Klammer das Schreibutensil mit der goldenen Schreibfeder entgegen. Das war eine wirklich er­staunliche Präsentation seiner Fingerfertigkeit, aber Klammer war viel zu abgelenkt, um darauf zu ach­ten.

„Schreiben Sie bitte: Für Fabio”, sagte Ienalli und der deutsche Autor kam freudestrahlend seiner Auf­forderung nach. Der Avvocato kontrollierte nickend die Unterschrift, als würde er ein wichtiges Akten­stück prüfen, blies auf die feuchte Tinte, bis sie trocknete und schloss dann zufrieden sein etwas schäbiges Taschenbuch.

„Ich würde mich wirklich gerne mit Ihnen unter­halten, Maestro, aber wir fahren gerade am Bahnhof ein”, sagte er und seine Stimme klang redlich bedauernd.

Tatsächlich bremste der Zug, der immer langsamer gefahren war, in diesem Moment endgültig ab. Wie aufs Stichwort sprangen die Reisenden in dem Groß­raumwaggon von ihren Sitzen, holten aufgeregt ihr Gepäck von der Ablage und verstopften den Zwi­schengang. Es wurde geschoben und lautstark disku­tiert. Klammer hatte nur einen kleinen Handkoffer bei sich und er wollte sich gerade schon zum Aus­gang nach vorne drängeln, als ihm seine Reisebe­kanntschaft, die ebenfalls nur mit leichtem Gepäck unterwegs war, von hinten an der Schulter fasste.

Scusi, Maestro. Vielleicht können wir uns ja noch einmal während Ihres Romaufenthalts treffen”, sagte er und überreichte dem Autor seine mit goldenen Lettern bedruckte Visitenkarte, die er mit einem neu­en Zauberkunststückchen aus der Luft fischte und dem überrumpelten Klammer in die Hemdtasche schob.

„Ich würde mich wirklich freuen, Sie auf ei­nen Cafe americano oder gleich auf ein Abendessen in meiner Lieblings-Trattoria hier in Rom einzuladen. Ich meine, es wäre mir eine Ehre. Wissen Sie zufällig schon, wo Sie absteigen?”

Ienalli klemmte sich eine Nazionali in den Mund­winkel, zündete sie aber noch nicht an.

Klammer schüttelte den Kopf. Dann verabschiede­te er sich mit einem maulfaulen und gelogenen: „Das wäre nett”; und bemühte sich, den aufdringlichen und auch ein wenig unheimlichen Avvocato im Ge­wimmel des Zugabteils und dann im hektischen Durcheinander auf dem in der Hitze des römischen Vormittags brütenden Bahnsteig abzuhängen. Es gelang ihm – so glaubte er zumin­dest – problemlos. Termini mit seinen tausend Ne­beneingängen und Ebenen und seinen werktäglichen Menschenmassen war wie dafür geschaffen, einen Verfolger abzuschütteln. Er war nicht zum ersten Mal in der Ewigen Stadt und er wusste, wie er vom Bahnhof aus mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Piazza Navona gelangen konnte. In der unmittelbaren Nähe dieses zentralen Platzes befand sich das Hotel Ra­phaël und gleich daneben führte die Vicolo della Volpe zur schnurgeraden Via dei Coronari, die von der En­gelsburg herkommt. Dennoch war er wie jedes Mal erschlagen von der frühsommerlichen Hitze, dem Lärm und dem einem Ameisenbau ähnelnden Ge­wimmel in der Metropole, dem Gestank nach Abga­sen, Müll und Gas, den achtspurigen Straßen kurz vor dem Verkehrsinfarkt, den rücksichtslosen Vespa- und Radfahrern, die ohne Bremsen durch die dich­testen Menschenaufläufe kurvten, dem Hupen, dem vielfältigen Gesang von tausend Stimmen, den Tou­risten, Straßenverkäufern, den Bettlern, den atembe­raubend schönen Frauen, die an den Bars und Schaufenstern vorbei flanierten. Das Berlin seines Großvaters von 1929 muss gegen diesen quirligen und gärenden Dante’schen Höllenkreis ein Paradies voller Ruhe, Entschleunigung und Einsamkeit gewe­sen sein.

Einmal dachte Klammer in der übervollen U-Bahn, dass er weiter hinten im Wagen den Avvocato Ienalli sah, aber als er genauer hinsah, konnte er ihn nicht entdecken.

[Fortsetzung und Schluss am nächsten Montag …]

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