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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 16)

[Zum 1. Teil]

Eines Abends wurde das mit Eisen und Leder gekleidete Mädchen mal wieder nach Wasser ge­schickt; doch diesmal ging sie, obwohl es ihr von den drei Männern verboten worden war, mit ihrem Krug nicht wie an den anderen Tagen zum Fluss, sondern hinab zum weißen See, weil sie neugierig auf die Milch war, von der ihr Siosiku erzählt hatte. Sie kam nicht zurück, da plötzlich vor ihr der mächtige Fisch erschien und Tesjasika ohne Zögern mit einem einzigen Biss seines mächtigen Maules verschluckte. Als sie lange ausblieb und die Zeit, da sie zu den drei Zel­ten heimkehren sollte, längst vorbei wahr, machte sich zuerst Epa voller Sorge auf die Suche nach ihr. Aber auch er kehrte nicht zurück, denn auch er wurde ein Opfer des gierigen Fischs. Da gingen Ligo und endlich Syhn und wollten sehen, was gesche­hen war. Doch sie wurden wie Tesjasika der Reihe nach von dem Wasserungeheuer geraubt, ins Wasser gezogen und von ihm geschluckt.

Als Siosiku zuletzt allein übrig blieb, ahnte er, was geschehen war und er überlegte lange hin und her, was nun zu tun war. Dann entschloss er sich. Zu­erst verfertigte er sich Waffen. Aus dem biegsamen Ast einer Fjällbirke und dem Darm einer Elchkuh machte er sich einen guten Bogen und die Pfeile formte er aus Eisenholz, Federn und Feuersteinen. Aus dem Stamm einer jungen Lärche und einem abgelegten Teil von Tesjasikas Rüstung stellte er zwei starke Speere her, die er sich auf den Rücken band. Auch ein Messer der Halbmenschen steckte er sich in den Gürtel. Dann folg­te er den im Schlamm gut sichtbaren Fußspuren der anderen.

Am See angekommen, lieferten sich der junge Mann und der furchtbare Fisch einen gewaltigen Kampf, der einen Tag und eine Nacht und dann noch einen Tag dauerte, aber schließlich zog Siosiku seine Beute halb an Land. Da bäumte sich der Fisch mit einem Mal auf und verschluckte auch ihn. Doch das hatte Siosiku so gewollt, denn nur auf diese Weise konnte er das Ungeheuer besiegen. Im Maul des Fisches stellte er sich deshalb sogleich quer, damit er nicht in den Magen hinuntergewürgt werden konnte und presste seine Füße fest gegen die tausend spitzen Zähne. Dann schoss er mit seinen Pfeilen dem Fisch von innen in den Hals und in die Kiemen, bohrte ihm seinen einen Speer bis in den Bauch und den anderen durch die Zunge in den Gaumen und weiter, bis er durch die Haut nach außen drang. Auf diese Weise war es bald aus mit dem gewaltigen Seefisch.

Siosiku kletterte hinaus und schnitt eilig mit dem Messer den Bauch des Fisches auf. Dort fand er die verschluckten vier Menschen, seine geliebte Tesja­sika und die Halbmenschen Epa, Ligo und Syhn. Sie atmeten alle längst nicht mehr; nur das Mäd­chen konnte Siosiku unter großer Mühe wiederbe­leben. Er entkleidete sie und sich selbst und press­te sie fest an seinen Körper. Am anderen Tag kam sie hustend und keuchend wieder zu sich. Von da an lebten sie einander in inniger Liebe zugetan zu zweit bei den Zelten am Fluss. Den Fisch zogen sie aus dem Wasser heraus und zerschnitten ihn in dreizehn Stücke, die sie an dreizehn verschiedenen Stellen weit von See entfernt in der Steppe vergru­ben und schwere Steinhaufen darüber anlegten, damit das Fleisch nicht von Wildtieren geplündert wurde und es niemals wieder zusammenfand. Ihr könnt die Grabhügel des Ungeheuers heute noch unten in der Ebene sehen.

Siosiku wusste, dass dieser Fisch seine Mutter ge­wesen war, die ihn ernährt hatte. Seine Frau wuss­te jedoch über ihre Herkunft nur, dass sie die drei Halbmenschen aus einem Zelt voller ermordeter Frauen geholt hatten. Siosiku und Tesjasika um­armten einander und sie bekamen zusammen viele Kinder. Ihre Nachkommenschaft gründete lange Zeit später den Stamm der Machjasotij Edska, was ins Russische übersetzt „Diener der Ersten Frau“ heißt. Die Machjasotij verstreuten sich über die Jahrhunderte hinweg über die ganze Welt. Ein paar wenige von ihnen leben auch heute noch mit­ten unter uns und sogar in diesem Lager. Sie dienen der Gerechtigkeit. Siosiku aber wurde später auch der Menschenerzieher-Gott ge­nannt, nachdem er und Tesjasika zum Himmel aufgestie­gen waren und als eng beieinanderstehende Sterne in den Winternächten über der Tundra funkeln.

Diese Erzählung habe ich genau auf diese Weise und mit diesen Worten von meinem Geistesbruder Peptej erfahren, dem sie wiederum die alte Utaj berichtet hat, die sie wiederum von Sentej empfing. Adrij gab sie an Dutja weiter, die sie Letjet ins Ohr flüsterte, der der Priestervater von Sentej war. Adrij war nicht die erste, ich bin nicht der letzte. Es ist ein Kreis. Mögen meine Bart­haare ewig brennen und mich peinigen, wenn ich auch nur einen Buchstaben an der Erzählung geändert oder ergänzt habe!“

Bei der Aufzählung der Schamanen von Fedors Stamm war ich längst eingeschlummert, aber es waren die traditionellen Sätze, mit denen er jede seiner Sagen, Märchen und Göttergeschichten schloss, aus deren schier unerschöpflichem Fundus er uns gerne unterhielt. Deshalb kann ich sie auch nach fünfunddreißig Jahren noch auswendig und ich hörte gerade tatsächlich, wie sie mir Fedor beim Nie­derschreiben diktierte. Es war eben, als würde er hier neben mir am Küchentisch sitzen, sich dabei sein Pfeifchen stopfen und die bis auf einen schma­len Schlitz geschlossenen Augen voller Freund­schaft und Zuneigung auf mich richten. Vielleicht sind ja die Geister der Schamanen seines Volkes auf mich übergegangen und Peptaj und die ande­ren hocken mir auf der Leber, die für Fedor der Sitz der Seele war. Nun, groß genug für so viele Gespenster dürfte meine Leber ja inzwischen sein. An meinem Tisch sitzen auch noch weitere Geister und beobachten mich beim Schreiben, willkommene und unerwünschte, und ich höre ihre Stimmen, mit denen sie versu­chen, mich in ihrem Sinne zu beeinflussen. Fedors tiefes Organ ist dabei das lauteste und sein Geist der strahlends­te. Das ist das Los eines alten Mannes, der alle sei­ne Zeitgenossen überlebt hat: Er ist am Tag und vor allem in der Nacht von ihren Gespenstern um­geben. Sie sind ihm treuer als Bettwanzen und quä­len ihn ebenso mit ihren Stichen.

Wie gesagt, lullten mich die äußerst merkwürdi­gen Sage Fedors, deren Botschaft ich nicht begrif­fen hatte, und die auf meiner Haut brennende, aber wohltuende Salbe schnell ein. Ich schlief bald traumlos und tief, bis mich ein nur allzu früher, grausamer neuer Morgen weckte und unser elen­der Tagesrhythmus in Antenora von neuem be­gann. Um diese Tage zu beschreiben, hat es genügt, einen einzigen, den ersten von ihnen, herauszugreifen. Es war eine graue Masse gleichförmiger, sich wie­derholender Abläufe, die vom Takt der Lagersirene bestimmt waren und keine Abwechslung kannten. Es ist gleichgültig, ob ich vom ersten, vom fünfzigs­ten oder vom hundertsten Tag berichte. Die Aus­nahmen waren die arbeitsfreien Sonntagnachmit­tage, in denen sich allerdings die ärztlichen Unter­suchungen und die rohen Säuberungen in den Waschhäusern wiederholten, und Lenins Geburts­tag im April, an dem wir den ganzen Tag nicht ar­beiteten und über die knackenden Lautsprecher patriotische Musik ertönte.

Doch für heute, mein Leser, habe ich wirklich beinahe ge­nug geschrieben, meine ich. Fast ein Drittel meines Papiers wurde schon von mir vollgekritzelt, mein neues polni­sches Fläschchen ist bereits wieder halb leer und mir ist auch  erneut mehrmals der Bleistift aus den erschöpften Fingern geglitten. Bald wer­den meine Lichter ausgelöscht – und wehe, wenn mich dann der Pfleger erwischt und ich noch nicht in meinem Bett liege! Nun muss ich nur noch ein gutes Versteck für die beschriebenen Bögen fin­den, damit sie niemand in meiner Abwesenheit fin­det oder die nächtliche Aufsicht Lasar Antono­witsch später auf sie stößt, wenn er seine Runde macht und dabei wie jedes Mal meine kleine Wohnung durchwühlt, wie es seine Angewohnheit ist. Er denkt, ein seniler, schwerhöriger Mann wie ich be­merkt esnicht, wenn er sich in meine Zimmer schleicht und nach ein paar Rubeln oder anderen für ihn wertvollen Dingen sucht. Aber da täuscht er sich. Manchmal lasse ich absichtlich ein halbes Glas Wodka oder ein paar Kopeken auf dem Tisch liegen, damit er nicht misstrauisch wird und inten­siver nach meinen versteckten Schätzen sucht.

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[Fortsetzung nach meinem Pfingsturlaub …]

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Ein Kommentar

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 15)

[Zum 1. Teil]

Obwohl ich nächsten Morgen an Armen und Bei­nen mit dem schlimmsten Muskelkater meines Le­bens erwachte und ich an diesem Abend so er­schöpft wie noch nie war, schlief ich nicht sogleich ein, sondern lauschte noch in einem halb bewusstlosen Dämmerzustand eine Weile den Märchen von Fedor. Er saß vor unserem Stockbett auf der Bank und höhlte nebenbei mit seinem geschärften Löffelstiel den Fingerknochen eines Tieres zu einem Mundstück für seine Zigaretten aus. Er hatte das Elfen­bein dafür heimlich auf dem Grabungsfeld eingesteckt und es wie auch seine neue Waffe an der nur oberfläch­lichen Untersuchung am Lagertor vorbeischmug­geln können. Er war nicht der einzige, der von dort unten Souvenirs mitbrachte und sie dann – oft zu kleinen Kunstwerken geformt – als Handelsware auf dem florierenden Lagerschwarzmarkt ein­tauschte. Nicht nur das Elfenbein, sondern auch das zerschmolzene Plastik, die Glasstücke und in erster Linie die ungewöhnlichen metallischen Reste waren hochbegehrt, wie ich in der nächsten Zeit feststellen konnte, denn die letzteren waren aus einer extrem hitzebeständigen und har­ten Legierung, für die sich viele Zwecke und Inter­essenten auch außerhalb des Gulags fanden.

Eine der morbiden Sagengeschichten von Fedor, die er an jenem Abend erzählte, ist mir lebhaft in der Erinnerung geblieben. Ich musste später oft an sie denken:

„Da lebte vor vielen, vielen Jahren, als die Welt noch jünger und unschuldiger war, eine alte Frau am Ufer eines heute ausgetrockneten Sees. Sie hieß Ulti, die Wunderschöne. Doch niemand kannte mehr ihren Namen und sprach ihn aus. Sie hauste ganz allein in ihrer windschiefen Hütte, obgleich ihr Volk, das einmal starke Kriegerinnen und viele weise Zauberinnen hervorgebracht hatte, einst so zahlreich gewesen war, dass die Rücken ihrer Büf­felherden die Ebenen schwarz färbten. Sie war die letzte ihres Stammes. Ihr einst so mächtiges Dorf war zerstört und die vielen, vielen Menschen, die darin gewohnt und die Tiere, die sie gehalten hatten, lagen alle unter dem Leichentuch des ewigen Schnees begraben.

Schon seit einem Jahr und einem Tag hatte Ulti keine feste Speise mehr zu sich genommen und sie wurde von Tag zu Tag schwächer. Der Weg zum Ufer des Sees, aus dem sie ihr Trinkwasser schöpf­te, erschien ihr mit Morgen, der sie weckte, länger und beschwerlicher zu werden und ihr Krug schwe­rer.

Als sie an diesem Morgen wieder einmal Wasser holen ging und ihren Krug in den See tauchte, war zu ihrer Überraschung das geschöpfte Wasser in ihm weiß wie Milch. Es schmeckte bitter und nach den Kernen der Früchte der wilden Zwetschgenbäume. Wahr­scheinlich war das Wasser des Sees von der Laich eines dort schwim­menden, mächtigen Fisches verunreinigt. Doch die Alte scherte sich nicht darum und tatsächlich tat ihr dieser weiße Trunk wohl und sättigte sie. Voller Hoffnung ging sie zurück zu ihrer Hütte und schlief dort einen erholsamen Traum.

Die Alte, deren Lebensgeister wieder erwacht wa­ren, ging am nächsten Morgen gestärkt zum See. Sie war neugierig, was ihr wohl heute dort begeg­nen würde. Und vom Ufer aus erblickte sie zum ersten Mal den Fisch. Er war ein gewaltiges Tier, so groß wie ein Wal des Nordmeeres und er trug auch ein einzelnes, spitzes Horn auf seinem Kopf. Sein mächtiger grauer Leib glänzte wie Quecksilber und riesige Flossen wirbelten das weiße Wasser auf und machten es schaumig. Als die Alte eben neben die­sem Fisch eilig ihr Wasser schöpfen wollte, er­schrak sie, denn plötzlich erhob sich aus dem Milchwasser die Hand eines neugeborenen Kindes. Gedankenschnell ergriff Ulti den in die Höhe ge­streckten Arm und entriss den nackten Säugling dem wütend schäumenden See. Sie wich im letzten Augenblick vor dem gierig nach ihr schnappenden Fisch zurück und drückte den herzzerreißend schreienden kleinen Jungen gegen ihre Brust, bis er dort erschöpft einschlief.

Die Alte nahm den Jungen mit nach Hause und fütterte ihn mit der weißen Milch aus dem Wasser. Was blieb ihr auch anderes übrig? Sie konnte sich nicht erklären, wie und warum der Säugling so plötzlich in dem See aufgetaucht war. Hatte der Fisch seine Eltern ge­fressen und war er wie sie selbst der letzte Überle­bende seiner Sippe? Irgendetwas erschien Ulti an dem Jungen, dessen Augen in goldenem Licht glänzten, seltsam und sie machte in der darauffol­genden Nacht kein Auge zu, beobachtete das unbe­holfen in seinem Strohbett strampelnde Kind und hätte gerne eine der Priesterinnen ihres Stammes um Hilfe gebeten. Doch die weisen Frauen vermoderten längst schon alle in ihren kalten Gräbern. Ulti fühlte sich zu alt und zu schwach, um ein Kind aufzuziehen. Doch ihr Mitleid mit der hilflosen Kreatur war groß und so nahm sie denn diese Aufgabe ohne zu Mur­ren an; eine Aufgabe, die ihr, wie sie glaubte, ein Gott übergeben haben musste.

Ihr Gefühl hatte Ulti nicht betrogen: Der Kleine war ungewöhnlich und anders als alle Säuglinge, die sie je erlebt hatte. Bereits nach drei Monaten war er gewachsen wie andere Kinder in drei Jah­ren, konnte schon allein von der Seemilch trinken, gehen, tanzen und Ultis Namen sagen. Sie lachte und war stolz auf ihr Kind aus dem See.

Eines Morgens jedoch, nach einer kalten Nacht, erwachte die Alte nicht mehr. Der Junge mochte sie rütteln, wie er wollte, immer wieder weinend ihren Namen rufen, versuchen, sie mit seinen aus­gelassenen Sprüngen wie früher zum Lachen zu bringen – sie bewegte sich nicht mehr und begann schon am nächsten Tag zu stinken. Da ging der Junge, der inzwischen bereits wie ein Zehnjähriger aussah, weg. Er wusste nicht, wohin er sich wen­den sollte und glaubte auch, er wäre nach dem Tod der alten Ulti der einzige Mensch auf der Welt. Deshalb begann er, um den See herum zu wandern, den er für den Mittelpunkt der Ewigkeit hielt. Weiterhin er­nährte er sich vom steifen Schaum, der an das Ufer ge­schwemmt wurde und der Milch, die er direkt aus dem Wasser des Sees schluckte.

Am vierten Tag seiner Wanderung stieß er unweit des wilden Flusses, der über einen gewaltigen Wasserfall den See speiste, auf drei Zelte, in de­nen drei Männer saßen. Sie nahmen das Kind, das sie Siosiku, das heißt „Schaum“, nannten, bei sich auf und er lebte viele Monate bei ihnen. Die drei Männer, die Epa, Ligo und Syhn hießen, waren Jä­ger und Fischer und zogen mit einer kleinen Herde Elchkühe durch die Tundra. Sie folgten den Ster­nen und dem Wild, das sie jagten und sie waren so furchtlos, dass sie sich bis zu dem unheimlichen See vorgewagt hatten, den jedermann sonst ängstlich mied. Hier gefiel es ihnen, denn die Männer gehör­ten einem uralten Volk von Halbmenschen an, das überall, wo Samojeden wohnten, verspottet, verjagt und gemieden wurde, weil sie seltsam verwachsen waren und das eine Auge in der Mitte über den Au­genbrauen, das andere nahe am Mund hatten. Es hieß überall, sie würden Unglücke und Seuchen bringen.

Ein in Eisen und Leder gekleidetes, aber  herrlich gewachsenes und unbeschreibbar schönes Mädchen mit langen, schwarzen Haaren lebte bei ihnen. Ihr Körper duftete so frisch und betäubend wie die Steppe im Frühsommer und jeder, der ihr begegnete, verliebte sich auf der Stelle in sie. Sie war ein Findelkind wie Siosiku und sie nannte sich Tesjasika. Sie begleitete die Männer schon seit ihrer frühen Kindheit und kümmerte sich um sie. Tesjasika wusch die Kleidung, suchte nach essbaren Wurzeln und Beeren. Sie molk die Rinder, nahm die Jagdbeute aus, gerbte das Leder und bereitete den Männern und nun auch dem jungen Siosi­ku das Essen, der zum ersten Mal andere Dinge als seine Milch zu sich nahm. Tesjasika schlief in jeder Nacht in ei­nem anderen der drei Zelte, doch obwohl sie eng bei Epa, Ligo und Syhn lag, wurde sie niemals von den drei Jägern schwanger. Siosiku, der inzwi­schen zu einem jungen und starken Mann herange­wachsen war, begehrte das Mädchen, aber sie ver­weigerte sich ihm und mied ihn, so weit ihr das möglich war, denn er war ihr unheimlich.

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[Zum 16. Teil …]

Ein Kommentar

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 14)

[Zum 1. Teil]

Ich begann mit Fedor zu flüstern, der neben mir hockte, die Szene seelenruhig beobachtet und da­bei wie ein ausgehungerter Hund seinen Napf leergeleckt hatte.

„Sogar hier gibt es Barmherzigkeit“, sagte ich. „Daran habe ich nicht mehr geglaubt.“ Mein Freund antwortete nicht, aber er lächelte wissend. „Was glaubst du, an was wir hier arbeiten? Wozu dient diese Ausgrabung?“, wechselte ich das The­ma. Fedor warf mir aus seinen schmalen, kohle­nschwarzen Augen einen Blick zu, der wie immer auf den ersten Eindruck spöttisch und schlitzohrig wirkte, in Wirklichkeit aber nachdenklich und ernst war.

„Sicher suchen wir kein Gold oder irgendwelche Bodenschätze. Dieses Gebirge ist zwar durchaus reich an Ressourcen, aber ein Abbau würde sich nur in großem Maßstab und durch Bergbau loh­nen. Auch dieser Standort auf der Hochebene ist dafür ungeeignet“, erwiderte er leise und klang da­bei wie ein Prospektor, der sein Leben lang nichts anderes machte, als Böden auf ihren Wert zu be­gutachten. Er überlegte.

„Sicher suchen wir kein Gold oder irgendwelche Bodenschätze. Dieses Gebirge ist zwar durchaus reich an Ressourcen, aber ein Abbau würde sich nur in großem Maßstab und durch Bergbau loh­nen. Auch dieser Standort auf der Hochebene ist dafür ungeeignet“, erwiderte er leise und klang da­bei wie ein Prospektor, der sein Leben lang nichts anderes machte, als Böden auf ihren Wert zu be­gutachten. Er überlegte. „Ich bin nicht allzu weit von hier entfernt geboren und aufgewachsen. Bis mich die moderne Zeit ent­wurzelte und ich für die Weißen begeistert in einen bereits längst verlorenen Krieg zog, lebte ich als die Wiedergeburt des ehrwürdigen Peptej geachtet und verehrt bei meiner Sippe am Ostufer der Karasee. Von unserem Ganjk­ka – unserem Zauberer oder Priester – wurde ich in die Geheim­nisse und das Wissen unserer weisen Männer und Frauen eingeweiht. Damals habe ich eine uralte Geschichte aus mystischen Zeiten über diesen Ort hier gehört. Sie wurde mir nur schaudernd zugeflüstert. Falls sie wahr ist – und wer bin ich denn, dass ich an den Worten unserer Ältesten zweifeln könnte? -, dann sollten wir hier nicht tie­fer buddeln, sondern schnell unsere Beine unter die Arme nehmen und losrennen, bis wir hinter Moskau sind. Irre ich mich nicht, dann erwartet uns in diesem Loch nur ein entsetzlicher und qualvoller Tod und vielleicht sogar noch Schlim­meres. Mögen uns Jesus Christus und Ngaa, der Himmelsgott, davor bewahren!“

Mein Freund, glaube mir, ich bekam eine Gänsehaut, denn mein durch und durch optimistischer Fedor hatte noch niemals eine solch düstere Prophezeiung ausge­sprochen. Fürs erste mussten wir es jedoch damit belassen, denn unsere kurze Pause war vorbei und wir wurden von den Aufsehern wieder zur nun voneinander getrennten Arbeit getrieben. Meine neue Aufgabe war zwar körperlich weniger anstrengend, aber noch immer nicht einfach, so­dass ich bei der zweiten Unterbrechung um 15:00 Uhr nur liegen und nach Luft japsen und nicht un­ser begonnenes Gespräch fortsetzen konnte. Auch Fedor schien an einer Fortsetzung nicht weiter interessiert. Er war schweigsam und weichte nur sein hartes Brot im nun fast gefrorenen Tee auf, bevor er es mit Genuss verzehrte.

Pro ausgehobener Grube hielten vier Männer aus der Gruppe gemeinsam die Rahmen der großen Siebe in Brusthöhe und rüttelten sie, während an­dere unter ihnen unablässig die vorher nur oberflächlich ge­harkten und zerkleinerten Erd- und Gesteinskru­men, die man ihnen auf Karren aus den vielen Grabungs­quadranten brachte, auf die Gitter schaufelten. Schnell sammelte sich zwischen den Männern ein Hügel an, der noch einmal durch ein engeres Sieb gefiltert und dann mit Schubkarren zu den Lastwä­gen geschoben wurde. Dieser Abtransport war nun meine neue Aufgabe an diesem und an vielen weiteren Tagen, die sich wie immer gleiche Perlen auf einer muslimischen Gebetsschnur vor mir auf­reihten. Obwohl es von der Siebestelle leicht berg­ab zur Straße ging, war der verbeulte und rostige Schubkarren schwer und sein dicker, fast luftleerer Gummireifen sank vorne tief ein. Deshalb kam ich nur lang­sam und mit angestrengtem Vorwärtsschieben von der Stelle. Auf dem Weg zurück konnte ich mich zwar etwas erholen, aber nach kurzer Zeit fühlten sich meine Arme und Hände an, als würden sie nicht mehr zu mir gehö­ren. Sie waren taub und geschwollen und in meinen Muskeln brannte ein Feuer.

Als ich schon dachte, es ginge nicht mehr weiter und ich würde auf der Stelle tot neben meiner Schubkarre auf die Erde fallen, erlöste meine Schicht und mich nach zwölf Stunden endloser Plackerei endlich die erlösende Abendsirene, die vom Lager aus wie ein lieblicher Gesang nach ihren verlorenen Kindern rief. Ich ließ alles liegen und stehen und ging stolpernd hinauf zum Sammelplatz. Dabei kam ich an den großen Holz­kisten vorbei, in denen die Fundstücke und groben Überbleibsel aus den Sieben aufbewahrt wurden, bis man sie später abholte und zur genaueren Un­tersuchung ins Lager brachte. Darin lagen Steine, Schmutz, Schutt und auffällig viele Knochenreste, von denen ich auf meinen oberflächlichen und nicht gerade fachmännischen Blick hin keines ei­nem Menschen oder einer heute lebenden Tierart zuordnen konnte. Dafür sah ich Stoßzähne und Klauen, die zehntausende Jahre alt sein mussten. War diese Grabungsstelle hier einmal ein Tierfriedhof der Eis- oder gar der Dinosaurierzeit gewesen und Dr. Krakow ein Laienforscher, der sich für diese Vor­zeit interessierte? Irgendetwas ließ mich an diesem naheliegenden Gedanken zweifeln; das passte nicht zu ihm. Ich sah genauer hin. Zwischen dem Elfenbein, den Knochensplit­tern und dem Unrat lagen verschmutzt ein paar angelaufene metallische Gegenstände und seltsam verformte, von der Zeit verwitterte Plastikteile, die mir überhaupt nicht hierher zu passen schienen. Sie wirkten anachronistisch wie moderne Wörter zwischen den Zeilen eines mittelalterlichen Epos. Die meisten von den Fundstücken waren klein, nur daumennagelgroß, aber ein Metallteil hatte auch die Größe und Form meiner Faust. Dies war eindeutig kein Erzklumpen, sondern ein künstlich geschaffenes Objekt. Waren dies zersplit­terte Maschinenteile und wenn ja, wie waren sie hierher gelangt, endlos weit von jeder modernen Zivilisation entfernt und über 100 Meter tief im Erdboden begraben? War an diesem Ort einmal wie im nur unweit entfern­ten Tunguska ein Eisenmeteorit abgestürzt? Aber wie konnten Metallbrocken aus dem All zu solchen For­men zerschmolzen sein, als wären sie von Menschen ge­schaffen worden? Und woher kamen die vielen Plastikstücke?

Ich wollte bereits in die Kiste greifen und den scharfkantigen größeren Gegenstand in die Hand nehmen, um ihn näher zu untersuchen, aber da rief mich der scharfe Befehl eines Aufsehers zu meiner Gruppe, die ungeduldig auf mich Nachzügler wartete. Ich eilte so schnell herbei, wie ich dazu noch in der Lage war, bekam natürlich ein paar mit dem Ochsenziemer übergezogen und reihte mich neben Fedor ein. Ich hatte nicht mehr die Kraft, meine Schaufel zu schultern, weil ich meine toten Arme nicht mehr in die Höhe brachte und sie wie nutzlose Auswüchse an mir herabhingen. Mein starker Freund trug deshalb zusätzlich zu seinem auch noch mein Werkzeug, während wir singend zurück nach Antenora marschierten.

Nach dem Appell und dem Abendessen, an die ich mich kaum mehr erinnere, schleppte ich mich so­fort zu meinem Bett in der Baracke 6. Ich benötigte sogar Hilfe beim Ausziehen meiner klammen Klei­dung, denn es gab wohl keinen einzigen Körperteil an mir, in dem kein Schmerz war. Fedor murmelte über mich gebeugt einen hypnotischen Singsang in seiner Sprache und machte einige geheimnisvolle, scha­manische Zeichen über meiner Stirn, anschließend strich er mit einer Hühnerfeder über meine vier Gliedmaßen, die sich danach schwer wie Blei an­fühlten. Weiß der Teufel, wo er die Feder nun wieder herhatte. Auch Väterchen Himbeere, der übrigens einen Schreibposten ergattert hatte und von kör­perlicher Arbeit befreit war, bemerkte meinen de­solaten Zustand und kümmerte sich aufmerksam um mich. Er wartete respektvoll, bis Fedor mit seinen Geister­beschwörungen fertig war und rieb mich dann wie der gute Samariter mit einer stinkenden Salbe ein, deren Rezeptur er nicht verraten wollte, die aber auf meiner Haut zu prickeln begann und dabei wohlige Wärme erzeugte. Ich weiß nicht, ob es nun an Fedors Hühnerfeder oder der Salbe lag, aber mir ging es nach den so unterschiedlichen Behandlungen besser.

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[Zum 15. Teil …]

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 13)

[Zum 1. Teil]

Als Oblow sich also drohend in Begleitung seiner Schläger vor uns aufbaute und herrisch seine For­derungen stellte, grinste mein Freund nur, steckte den Brocken Schokolade, den er mit mir teilte, weg und rammte Semjon anschließend voller Genuss und Wucht den Griff eines Löffels, den er bereits am ersten Abend eingesteckt und an einem Feuer­stein sorgfältig zu einer scharfen Doppelklinge zu­recht geschliffen hatte, in den Oberschenkel. Zufall oder nicht: Er erwischte dabei eine Hauptschlag­ader, das Blut spritzte wie aus einem Trinkbrunnen und der Kerl wäre beinahe zu unseren Füßen ver­blutet. Bevor sich seine Kumpane von der Überra­schung erholt hatten, wirbelte Fedor seine primiti­ve, blutige Waffe herum und zerschnitt dem Nächststehenden von ihnen das Gesicht. Es bleib den anderen gar nichts anderes übrig, als sich die beiden vor Schmerzen schreienden Verletzten zu packen und panisch das Weite zu suchen. Auch hier griffen die Aufseher übrigens nicht ein. Nur Artjom trat später bescheiden und, unter seinem gewaltigen Räuberbart versteckt, verschmitzt lächelnd an uns heran und forderte die Aushändigung des improvisierten Messers. Wahrscheinlich gönnten er und seine Kollegen Semjon diese Abreibung, denn er trieb es wirklich zu arg und seine Bande war auch für den Toten in der Latrine verantwortlich. Jedenfalls hatte der Gauner, nach­dem er nach geraumer Zeit die Krankenstation wieder verlassen konnte, seine Lektion gelernt, benahm sich viel zah­mer und machte einen weiten Bogen um Fedor und seine Schützlinge. Mein indigener Freund hatte bald fast die gesamte 6. Baracke unter seine Fitti­che genommen und wurde von den Mitgefangenen wie ein Held gefeiert. Er nutzte übrigens das entstandene Machtvaku­um nicht aus, sondern lebte weiter, als wäre sein plötzlicher Gewaltausbruch nie geschehen. Mir hat er auch einmal erzählt, dass nicht er, der grundgü­tige Pazifist Fedor, sondern sein zweites Ich Peptej für die Attacke verantwortlich zeichnete. Der Scha­mane sei wesentlich aufbrausender und rachsüch­tiger als er, erklärte er mir seine seltsame Schizophrenie. Wer auch in ihm für seine unvermuteten Gewaltausbrücke verantwortlich war, seit die­sem Moment wurden wir von den anderen Gefan­genen und auch von den Aufsehern mit Respekt behandelt. In unseren Suppen schwammen plötz­lich Fleischbrocken und das Brot, das vorher so hart gewesen war, dass man es zuerst eine Viertelstunde einspeicheln oder in Flüssigkeit tränken musste, bis man es kauen und schlucken konnte, war frisch und weich. Auch ein zweites Problem fand dadurch eine Lösung: Man ließ von da an unsere wenigen Habseligkeiten und Schmuggelgüter in Ruhe, die durch die Lastwagenfah­rer, die Lieferanten und selbstverständlich auch durch die Wächter selbst von außen hereinkamen und heimlich gegen unsere kargen Tabakrationen gehandelt und mit merkwürdigen Fundstücken aus der Grube getauscht wurden. Wir mussten uns nicht mehr in jeder Nacht ein neues Ver­steck für unsere Schätze überlegen. Wie gesagt, ohne Fedors Unterstützung würde ich heute nicht als über Achtzigjähriger in diesem Heim sit­zen können und über meine Vergangenheit schreiben.

Noch unabschätzbarer war seine Hilfe bei der schweren Grubenarbeit, zu der man uns nach dem kaum heruntergeschlungenen Essen auch bei -30°C und noch tieferen Temperaturen zwang. Auf die durchdringende Sirene hin, die ich bereits an meinem ersten Morgen zu hassen lernte, mussten wir uns abmarschbereit wie am Abend vorher vor unseren Hütten aufstellen. Wehe, einer kam zu spät! Dann wurde er ohne Gnade mit Ochsenzie­mern und Plastikknüppeln weichgeschlagen und musste den Rest des Tages in einer der Bestra­fungszellen verbringen. Das waren winzige Kästen aus Wellblech, die wie Taubenkästen auf einem Ge­stell standen und in denen man weder richtig ste­hen noch sitzen konnte. Sie boten auch keinen Schutz vor der klirrenden Kälte.

An diesem Morgen waren jedoch alle pünktlich und nach dem Appell nahm sich jeder sein ihm zu­gewiesenes Werkzeug auf die Schulter und ging mit seiner Kolone im Gleichschritt zum Tor hinaus. Das Lied des Tages waren die „Wolgaschiffer“:

„Эй, ухнем! – Ei, uchnem!“

Ein paar hundert Meter weiter trennten sich die Gruppen, deren Wege von ihren Aufsehern mit Lampen beleuchtet wurden, das es noch einige Stunden dauern würde, bis ein wenig spärliches Licht in unsere Ausgrabungsstätte fiele. Wir such­ten unsere Arbeitsplätze rund um den in die Tiefe ge­buddelten Trichter auf und begannen unser Ta­gewerk, das, von zwei halbstündigen Pausen unter­brochen, zwölf Stunden dauerte, bis die Abendsire­ne uns zurück ins Lager beorderte.

Unsere Aufgaben waren einfach, aber anstren­gend, und sie brachten mich in wenigen Stunden an den Rand meiner ohnehin nicht großen und durch unseren langen Transport nach Sibirien geschwächten körperlichen Leistungsfähigkeit. Wie in einer archäologischen Ausgrabungsstätte trugen wir dort mit zwei weiteren Gruppen auf dem ellipsenförmigen Grund der Gru­be täglich mit Pickeln, Spaten und Schaufeln etwa zehn auf zehn Meter große Bodenflächen ab, die mit Karren auf einen höher gelegenen Ort gezogen wurden, wo sie sorgfältig gesiebt, mit Metalldetek­toren überprüft und erst danach mit Schubkarren zu den auf der Serpentinenstraße bereitstehenden Lastwägen gebracht wurden. Bei dem ersten Aus­hub wurden nicht wie weiter oben auf den Terras­sen über uns Bagger oder anderes schweres Gerät eingesetzt, sondern vorsichtige Handarbeit geleis­tet. Die Arbeitsplätze wurden übrigens jeden Abend neu mit gespannten Seilen in Planquadrate unter­teilt, über die genau Buch geführt wurde.

Wie gesagt, eine Knochenarbeit! Ach, schon bald lehn­te ich mich in immer kürzeren Abständen keuchend und nach Atem ringend auf das Querholz meines Schaufelstiels und dampfte Schweiß und meinen Atem wie eine dichte Nebelwolke über mir aus, als weiter in mei­nem markierten Viertel die schwere Erde abzutra­gen. Dafür war ich nicht gemacht! Obwohl Fedor mein Nachbar zur Rechten war und sich nicht nur um sein eigenes Erdloch, sondern auch heimlich um meines mitbekümmerte und damit die Arbeit von zwei Männern erledigte, geriet ich bald in Verzug und meine Schwäche wurde selbstver­ständlich von den Aufsehern bemerkt. Zuerst wur­de mir zornig mit Essensentzug, dann mit einer Nacht Einzelhaft in den Bestrafungszel­len gedroht und als sich dadurch kein größerer Ar­beitsfleiß bei mir einstellte, bekam ich jedes Mal ei­nes mit dem Gummiknüppel übergezogen, wenn ich ein wenig verschnaufte. Ich fürchtete die Schläge, aber was sollte ich denn machen? Ich war ja nicht faul, sondern vollkommen ausgelaugt. Irgendwie gelang es mir jedoch, bis zur Vormittagspause um 11:00 Uhr durchzuhalten. Nicht nur ich, sondern alle an­deren auch ließen sich rückwärts auf die aufge­häuften Erdhügel fallen, rauchten ihre Selbstge­drehten und löffelten schmatzend die vom Früh­stück mitgebrachte, inzwischen längst kalte Suppe, die tranig und zäh wie eine tote Qualle in ihren Blech­näpfen schwappte. Aber man schenkte uns reich­lich Tee aus. Er war immerhin lauwarm, stark, bit­ter und großzügig mit Rübensirup gesüßt.

Der brave Aufseher Onkelchen Artjom hatte sich die ganze Zeit über in seinem wundervollen Bart gekrault und meine Qualen stumm und ohne Einzuschrei­ten beobachtet; doch nun trat er an mich heran, schenkte mir heimlich aus einem kleinen Flach­mann, den er im weiten Ärmel seiner gefütterten Jacke versteckt mit sich trug, nach, schimpfte dann der Form halber ein wenig über meine Faulheit und teilte mich ei­ner Gruppe zu, die den Aushub siebte und zu den Lastwägen brachte. Obwohl die Erde hier im Un­tergrund halbgefroren, fett, torfig und klumpig war, war dies eine wesentlich leichtere Aufgabe, als sie mit der Hacke aufzubrechen und mit der Schaufel auszugraben. Der mit dem hochprozentigen Schnaps verdünnte Tee brannte zwar wie Feuer in meiner Kehle und ließ mich hus­tend nach Luft schnappen, weckte aber auch meine Lebensgeister wieder und wärmte mich von in­nen auf. Meine dahin von Spatenstich zu Spatenstich sinkende Hoffnung, ich würde die Strapazen meines ersten Tages im Gulag schon irgendwie überstehen können, stieg mit dem Sodbrennen, das der Alkohol in meinem Magen aufkochte. Dankbar nickte ich dem guten Onkel­chen Artjom zu, der sich jedoch schon von mir ab­wandte und einen anderen, ähnlich schwachen Sträfling auf seine menschenfreundliche Weise ab­kanzelte.

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[Zum 14. Teil …]

Ein Kommentar

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 12)

[Zum 1. Teil]

Dann folgte noch eine kurze und recht entwürdi­gende medizinische Untersuchung in einem klei­nen Kämmerchen neben dem Hospital. Durch ein vergittertes Fenster konnte ich einige Betten und Patienten sehen. Und auf einer Trage lag Sebastian Kerr regungslos mit geschlossenen Augen auf dem Rücken. Ein Tropf war mit seinem Unterarm ver­bunden und eine fette Schwester, deren aufgequollene Formen bei jeder ihrer Bewegungen fast aus ihrer blütenweißen Kluft platzten – das erste weib­liche Wesen, das ich hier im Gulag erblickte –, kümmerte sich um ihn. Hatte also auch Wastija es bis hierher nach Antenora geschafft und schien zumin­dest im Moment noch am Leben zu sein. Ich fragte den Pfleger Timofej, der mich auf Mundfäule, TBC und Würmer untersuchte, wie es diesem Patienten denn ginge und aus welchem Grund Dr. Krakow den Sterbenskranken nach Sibirien habe bringen lassen, aber der zuerst recht redselig wirkende Mann wurde bei der Erwähnung des Lagerkom­mandanten so stumm wie eine Auster und hatte es sehr eilig, meine oberflächliche Untersuchung ab­zuschließen. Schnell drängte Timofej mich in den nächsten Raum, wo mir als Tätowierung meine fünfstellige Sträflingsnummer in die Innenseite meines Unterarms ge­ritzt und anschließend mit reichlich Jod überpinselt wurde. 6/744/П. Ich fragte, wofür das „П“ – „P“ stünde, aber obwohl er auch nur ein Lagerinsasse wie ich war, war der Tätowierer so schweigsam wie der Pfleger.

Es war lange nach dem Nachtläuten, als Fedor und ich endlich zurück in die Baracke 6 gebracht wurden. Die meisten dort hatten sich schon in ihre hölzernen Pritschen gelegt, in denen immer sechs Männer auf dünnen Strohmatratzen schliefen – drei oben, drei unten. Die Benzingeneratoren, die die Hütten mit Strom versorgten, waren mit der Sirene ausgeschaltet worden. Aber im Mittelgang brannten an einem Tisch noch zwei Öllampen; hier spielten ein paar Gefangene das beliebte und un­vermeidliche Durák und der Schwarzhändler unse­rer Baracke tauschte geschmuggelte Wertsachen gegen Tabak und Extraportionen Brot. „Väterchen Himbeere“ spielte an einem selbstgebastelten Schachbrett mit wunderschönen aus Knochen ge­schnitzten Figuren gegen drei Gegner gleichzeitig. Ich würde am nächsten Tag erfahren, wie er in den Besitz des Elfenbeins für seine Figuren gekommen war. Er hatte für uns beiden Neuankömmlinge vor­gesorgt und ließ seine chancenlosen Gegner allein, als er uns kommen sah. Er zeigte uns unsere Lager, ließ uns verfilzte, löchrige Laken und Bettwäsche zuteilen und machte uns anschließend flüsternd mit den geschriebenen und ungeschriebenen Re­geln und Gesetzen und der strengen Lagerordnung vertraut. Er hatte sogar vom Abendessen für uns zwei gefüllte Blechnäpfe mit einer längst erkalteten Kohlsuppe und einem schmalen Kanten Brot zu­rückbehalten. Fedor und ich legten uns nebenein­ander auf unsere Pritschen und schlangen dort das Essen gierig und dankbar in uns hinein. Ich achtete kaum auf das, was der Vorsteher uns erzählte, aber mein Selkupen-Freund lauschte mit spitzen Ohren. Ich jedoch wurde dabei so müde, dass ich auf mei­ner ungemachten Bettseite trotz der Schmerzen durch die frische Tätowierung auf meinem Arm über meinem Geschirr einschlief und nichts mehr von den Ermahnungen und gutgemeinten War­nungen mitbekam.

Ich wurde nach meinem Empfinden mitten in der Nacht wieder geweckt und hatte das Gefühl, ich hätte überhaupt nicht geschlafen. Fedor, der neben mir lag, rüttelte mich wach. Er bemerkte, dass ich absolut nicht wusste und auch nicht wissen wollte, wo ich mich befand und nur fassungslos und wei­nerlich in sein von den bleichen Neonlampen grün schimmerndes Gesicht starrte, weil mir für den Au­genblick entfallen war, wer jene Person war, die mich da breit und schlitzäugig anlächelte. Heute ist es mir klar: Ohne Fedor und seine uner­schütterliche und unverdiente Freundschaft, die der genauso breite wie hohe Mann mir entgegen­brachte, hätte ich es wahrscheinlich nicht einmal lebendig bis nach Antenora geschafft, geschweige denn die nächsten Monate überlebt, bis sich meine Lage überraschend veränderte. Ach, Fedor Fedoro­witsch Syrin, der du dich auch nach deinem scha­manischen Ahnen „Peptej“ nanntest, verzeih mir die Abweisung und geringe Wertschätzung, die ich dir in der schlimmsten Zeit meines Lebens er­wiesen habe. Ich weiß bis heute nicht, was du in mir gesehen hast und wie ich mir deine Liebe ver­dient habe, aber so treu wie du war mir keiner meiner anderen Freunde und Weggenossen – du gingst mit mir bis in den Tod, der für dich ja nur ein Übergang in einen neuen Körper und kein endgültiger Verlust war. Ich trinke mein nächstes Glas Wodka auf dich, mein lieber Freund, wohin immer deine Seele nach der Katastrophe gewandert sein mag. Ich werde an dieser Stelle die einzige Erinnerung einkleben, die ich an dich vom Lager behalten habe. Sie hat mich viele Jahre begleitet.


Dies ist eine in der Tat gelungene Skizze von dir, Fedor, die einer der Insassen, unser Lagerkünstler Antip Ba­ronow, an einem der wenigen Sommerabende vor der Baracke 6 machte, während du deine seltsame und zum Himmel stinkende Wasserpfeife rauch­test, mit der du allerdings auch zuverlässig die blutgierigen Stechmücken verjagtest, die allabend­lich in großen Schwärmen über uns herfielen und uns quälten. Du hast die Zeichnung flüchtig ange­sehen, herzlich gelacht und sie anschließend mir geschenkt.

Die Nase ins Tischtuch schnäuzen, aufrichten und weiterschreiben.

„Guten Morgen, Brüderchen“, sagte Fedor. „Die Arbeit ruft uns mit ihrer lieblichen Stimme. Das wird sicher wieder ein bemerkenswerter Tag.“ Ich seufzte und erschauderte wegen der viel geatme­ten, nach Eiter und Schweiß stinkenden Luft, die zum Scheiden dick über den Pritschen hing.

Die Waschgelegenheiten und die viel zu wenigen Latrinen, vor denen sich längst lange Schlangen ge­bildet hatten, bevor auch ich endlich schlaftrun­ken ins Freie wankte, befanden sich in windschie­fen Verschlägen hinter den Baracken und wurden nur aus der Ferne von den Wachtürmen aus kon­trolliert. Wie in der halben Stunde zwischen Nacht­sirene und Bettruhe waren wir Deportierte zwi­schen drei- und vier Uhr morgens, während wir uns wuschen, anzogen, beim Abtritt und der Es­sensausgabe anstanden und als Frühstück die ewig gleiche geschmacklose und dünne Kohlsuppe mit granithartem Schwarzbrot herunterwürgten, frei und praktisch unkontrolliert. Der Bereich hinter unseren Hütten glich einem lärmigen, von ge­schwätzigen Menschen wimmelnden Rummelplatz, in dem es allerdings auch eine feste Hackordnung unter uns Gefangenen gab. Wir Neuankömmlinge bildeten das Lumpenproletariat dieses pervertier­ten Abbildes der sowjetischen Gesellschaft. Beson­ders deutlich wurde dies beim Essenfassen, wo or­ganisierte Banden die Schwäche der anderen aus­nutzten und mit roher Gewalt den Löwenanteil der von den Küchenbullen gereichten, ohnehin schon sehr knappen Nahrungsrationen einforderten.

Bereits an meinem ersten Tag landete ein Genos­se, der sich gegen diesen Mundraub wehrte, mit dem Kopf zuerst in einem der ekelhaften Abtrittlö­cher, wo seine ersoffene Leiche vom Putztrupp erst am späten Vormittag, als alle anderen längst schon in der Grube arbeiteten, entdeckt wurde. Die Wär­ter sahen über solche und ähnliche Grausamkeiten gerne hinweg und fahndeten auch in diesem Fall nicht nach den Tätern. Sie wussten, dass ihnen die­se brutalen Banden unter den Insassen, von denen es in jeder Baracke eine gab, die nicht selten von ihrem Vorsteher geleitet wurde, einige unangeneh­me Arbeit abnahmen und für Ruhe unter den Ge­fangenen sorgten. Da wurde es toleriert, wenn sie ab und an ein Exempel statuierten.

Der Bandenchef unserer Baracke – nicht Him­beernase, sondern ein wirklich brutaler Totschläger und Säufer – weiß der Himmel, woher er hier am Arsch der Welt seinen Schnaps bezog – namens Semjon „Senja“ Ob­low, Gefangenen-nummer 6/003/Б, der schon vor Kriegsbeginn in Antinora inhaftiert wurde und einer der Veteranen unter den Gefangenen war, versuchte es übrigens nur ein einziges Mal, Fedor um seine Wertsachen zu erleichtern. Mein Freund war auch ein überaus lohnendes Ziel, denn als ehemaliger Schmuggler und Schwarzhändler erwies er sich als ein genialer Beschaffer von den unglaublichsten Sachen. Niemand kann seine Person, sein Land oder auch ein schwer bewachtes Straflager so her­metisch abschotten, dass noch doch der Kapitalis­mus und seine Begleiter Gier und Gewalt Eingang finden – und wenn‘s auch nur eine schmuddelige Hintertür ist. Der Kapitalismus kommt jeder Staatsform zurecht, denn nicht irgend ein hohes und humanistisches Bild vom Menschen, sondern nur die obszöne Bereicherung und die Rubelchen stehen im Mittelpunkt der Interessen der Leute. Deshalb konnte sich der Kapitalismus auch so leicht im real existierenden Sozialismus wie eine Seuche ausbreiten und wird noch fröhlich weiter­wirtschaften, wenn die Sowjetunion demnächst zusammen­brechen wird. Um einen Spruch von Kierkegaard zu modifizieren: „Keiner kann im Leben oder im Tod so weit reisen, dass du, mein Mammon, nicht bei ihm bist.“

Doch verzeihe mir, mein lieber Leser, diesen Aus­flug eines alten Roten in den „Histomat“ – lass uns zurück nach Antenora kehren.

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[Zum 13. Teil …]

Ein Kommentar

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 11)

[Zum 1. Teil]

Wenn wir jedoch alle paar Wochen auf ein gefro­renes Mammut oder ein Wollnashorn, einen ausge­dörrten, gigantischen Bären oder die uralte Mumie eines Riesenhirsches mit einem Geweih in der Spannweite von fast vier Metern stießen, dann ließ der Dr. sofort seine mysteriöse Laborarbeit ruhen und eilte aufgeregt zum Fundort. Er freute sich jedes Mal wie ein kleines Kind über die elfenbeinernen, von per­gamentenen Häuten überzogenen Knochenreste der Urwelt-Säuger. Er ließ die mal mehr, mal weni­ger gut erhaltenen Überreste von zwei Tierpräpara­toren, die sich als Sträflinge in Antenora befanden, herrichten und in seinem eigenen kleinen Lager-Naturkundemuseum ausstellen. Unfehlbar führte er die seltenen Besucher und noch selteneren Kon­trolleure zuerst dorthin, bevor er ihnen die restli­chen Anlagen zeigte.

Weshalb wir in der Grube so gehäuft auf Eismu­mien stießen, weiß ich nicht, aber ich vermute, es lag daran, dass hier einmal ein See gewesen war, in dem die Tiere ertranken und dann in den Schlamm am Grund absanken. Was sie jedoch in diese lem­minghaften Massenselbstmorde trieb – ich habe keine Ahnung. Ich werde weiter unten noch einmal darauf zu sprechen kommen, wenn ich von dem Tag berichten werde, an dem wir in der Grube auf die Leiche einer Eiszeitjägerin stießen. Doch nun sollte ich endlich von meinen ersten Tagen in Kra­kows Gulag erzählen.

Doch war es in der Grube noch immer viel zu frostig für uns Neuankömmlinge. Als wir am Abend ankamen, sofort aus den Transportern ge­jagt wurden und streng bewacht für eine Stunde auf dem Appellplatz stehen und warten mussten, dau­erte es nicht lange, bis die ersten einfach zusam­menklappten und sich zu Tode erschöpft in den klebrigen Matsch setzten. Ich gehörte zu ihnen und wurde dafür sofort von einer Aufsicht bestraft, die mir einen rohen Tritt in die Seite versetzte, der mich schnell wieder aufste­hen ließ. Als Sowjetmenschen waren meine Lei­densgefährten und ich an das ewige Schlangeste­hen gewöhnt und wir kannten ein paar Tricks, die Zeit zu überstehen. Man nahm einfach die Schwächsten unter uns zwischen sich und rückte eng gegeneinander. Fedor schob mich so fest gegen den Rücken eines anderen, dass es mir fast den Atem nahm. Dabei flüsterte er mir ein paar seiner unanständigen, aber höchst launigen Geschichten zu, von denen er ein schier unausschöpfliches Re­servoir besaß. Das war zwar unbequem und der Schmuggler stank wie die Pest aus dem Mund: Aber immerhin, ich stand einigermaßen aufrecht und ordentlich unterhalten. Auf diese Weise wurde ich in der Senkrechten und bei Laune ge­halten, bis sich endlich etwas tat.

Eine schrille Fabriksirene hob mit einem inferna­lischen Lärm an, der eine halbe Minute dauerte und gegen Ende noch einmal zu einem das Trommelfell zerreißenden Crescendo anschwoll. Nachdem sie end­lich verstummt war und nur noch in unseren halbtauben Oh­ren nachpfiff, war von außerhalb des Lagers, von wo der Weg weiter hinab zur Abbauzone führte, das Marschieren vieler Schritte zu hören und dazu kam ein trauriges Lied lauter und näher, das das gleichmäßige Stampfen der Füße synkopierte. Das Tor wurde geöffnet und herein kamen singend und im Gleichschritt die Arbeiter gelaufen, die alle eine Schaufel oder einen Pickel über die Schulter gelegt hatten. Schmutzig waren sie, erschöpft vom langen Arbeitstag. Die riesigen Augen in ihren hageren Gesichtern brannten rot und entzündet. Sie waren zum Abendappell gerufen worden und kamen ins Lager geschritten wie eine Armee Untoter direkt aus dem Purgatorium. Dabei sangen sie ausgerech­net die Internationale, was uns Neuan­kömmlingen die Tränen in die Augen und mir in die Nase presste:

„Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
die stets man noch zum Hungern zwingt!
Das Recht wie Glut im Kraterherde
nun mit Macht zum Durchbruch dringt.
Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!
Heer der Sklaven, wache auf!
Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger
Alles zu werden, strömt zuhauf!“

Es mochten um die eintausend Sträflinge sein, denn Antenora war verglichen mit den anderen si­birischen Gulags sehr klein. In dem Arbeitslager von Norilsk, an dem wir vor einigen Tagen vorbei­gefahren waren, schufteten Anfang 1951 zum Ver­gleich weit über 70.000 Insassen; insgesamt waren es in ganz Sibirien wohl zweieinhalb Millionen Zwangs­arbeiter, von denen gut ein Viertel dort bald den Tod fand. Ich habe in der Zeit, die ich in Antenora ver­brachte, nicht erlebt, dass es jemand auf einem an­deren Weg als in einem Holzsarg, die die Lager-Tischlerei gefertigt hatte, verließ.

„Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht.“

Die Heimgekehrten gaben immer weiter singend ihre Werkzeuge ab und stellten sich in soldatischen Reihen vor ihre Baracken, die jeweils etwa 200 Menschen fassten. Auf ein gebelltes „Стой!“ – „Habt Acht!“, standen alle still und das Lied endete abrupt. Man starrte neugierig auf das Häuflein Neuankömmlinge, das ihre Wohn- und Arbeitsgruppen vervollständigen sollte. Erst jetzt trat aus der warmen Wachstube neben dem Tor in Begleitung zweier Adjutanten ein Oberst der Lagerkommandantur heraus und schlenderte gelassen herbei. Ein Befehl ertönte und die jeweiligen Barackenvorsteher sprangen an die Spitze ihrer Gruppe, stellten sich auf und gaben der Obrigkeit Meldung. Der Kommandeur nickte jeden ab, dann wandte er sich an uns Neue:

„Ich bin Oberst Iwan Woronin. Wenn Sie meinen Anweisungen befolgen, werden Sie hier ein ordent­liches, vielleicht sogar gutes Leben führen können. Ein Leben, das Sie als Verräter am Sozialismus ei­gentlich nicht verdient haben. Wer sich jedoch strafbar macht, wird vom Putorana-Gericht verur­teilt: Bei uns in der Putorana ist die Taiga das Ge­setz und der Bär der Richter! Verstanden? Noch Fragen?“, bellte er. Selbstverständlich gab es keine.

„Abtreten!“, brüllte einer der jungen Adjudanten. Oberst Woronin hatte es nach seiner kurzen, wohl schon hundertmal gehaltenen Ansprache eilig, zu­rück in seine warme Stube zu kommen und sein Gefolge musste rennen, um ihm hinterher zu kommen. Offenbar war Kommandeur der Auffassung, dass da­mit seine Arbeit erledigt war, denn in den nächsten Wochen war von dem Obersten nichts mehr zu se­hen oder zu hören – bis die nächste Ladung Unglü­cklicher ankam und er seine Rede vom Gebirge und den Bären, die es hier übrigens nur recht selten gab, wie­derholen konnte.

Artjom teilte uns anschlie­ßend auf die Baracken auf und Fedor und ich wur­den gemeinsam der „барак шесть“ – „ Hütte 6“ zugewiesen, die direkt neben dem hohen, mit Stacheldraht bewehrten La­gerzaun stand, hinter dem regelmäßig die Wach­leute mit ihren Hunden patrouillierten. Dahinter folgte ein Stück plattgetretener, von Scheinwerfern erleuchteter Erdboden und dann die bröcklige, unbesteigbare Wand der Grube.

Der Vorsteher der Baracke 6 hieß Nikolaj Kusne­zow, aber alle nannten ihn nur „отец малина“ – „Väterchen Himbeere“, wegen der Form und der Farbe seiner Nase. Er brüllte viel und laut, war aber im Grunde ein harmloser und gutmütiger Zeitgenosse, der immer versuchte, bei der Lagerlei­tung das Beste für seine Truppe herauszuschlagen.

„Himmel“, rief er, als ich von Fedor gestützt auf ihn zuhumpelte, „wer hat dich denn ausgesucht? Du hältst hier doch keine Woche durch, Junge. Hast du denn überhaupt schon einmal eine Schau­fel in der Hand gehalten?“ Ich konnte nur erschöpft den Kopf schütteln. „Himmel hilf! Was sollen wir nur mit dir ma­chen?“, wiederholte er und wandte sich an den stoischen Fedor, den er mit Wohlgefallen musterte. „Na, wenigstens du scheinst mir ja ein kräftiger Bursche zu sein.“

Ich hatte gehofft, nur endlich etwas Ruhe zu fin­den und mit den anderen Essen fassen zu können, doch mein Leidensweg an diesem endlosen Tag war lange nicht zu Ende. Es war bereits das verlo­ckende Klappern von Essgeschirr zu hören, doch die Aufseher hatten kein Erbarmen mit uns Neuan­kömmlingen. Wir wurden wieder zusam­mengeholt und zur Krankenstation gebracht, wo man uns zuerst entlauste, uns Glatzen rasierte und uns so lange unter dem eiskaltem Wasserstrahl der Duschen und roher Kernseife gegenseitig ab­schrubben ließ, bis wir wie frisch gekochte Fluss­krebse aussahen.

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[Zum 12. Teil …]

Ein Kommentar

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 10)

[Zum 1. Teil]

Es war eine bitterkalte, knochenweiße, von dem Leichentuch des Schnees bedeckte Landschaft, in der alle Konturen verschwammen. Sie lag im Nebeldunst unter einer verwaschenen, kraftlosen Sonne, die sich in dieser Jahreszeit nur wenig und kurz über den Horizont erhob. Das einspurige Gleis, das uns hinter Norilsk durch diese gespenstische Nichtwelt transportierte und unter unglaublichen Opfern an Menschen und Material zuerst von deutschen Kriegsgefangenen und dann von uns Gulag-Sträflingen beendet worden war, wurde unter uns „кровавый след“ – „blutiges Gleis“, genannt. Dieser Schienenstrang führte direkt zu Dr. Krakows privater Haftanstalt, die der Wärter Artjom nach seinem Lieblingsdichter Dante Antenora nannte; ein Name, den ich für meine Aufzeichnungen gerne übernehmen will. Als Antenora wird in der Divina Commedia der Neunte Höllenkreis bezeichnet, der im Gegensatz zu dem herkömmlichen Bild nicht heiß, sondern bitter kalt ist und in dem die Verräter bis zu den Augen in einen vereisten Fluss eingefroren hocken, um von Satan auf ewig gequält zu werden.

Man raunte, Krakow hätte hervorragende Beziehungen zum Kader der KPdSU und insbesondere zu Väterchen Iosif Stalin selbst; ihm stünden unvorstellbare finanzielle Mittel zur Verfügung und er könne in seinem eigenen Straflager fern aller Zivilisation ungestört von staatlicher Aufsicht treiben, was er wolle. Die kühnsten Gerüchte gingen unter uns um: Gut Informierte sprachen von medizinischen Experimenten – es hieß, Krakow würde in Antenora den deutschen Lagerarzt Josef Mengele gefangenhalten -, bei anderen war die Rede davon, dort hoch im Norden würde ein atomares Kraftwerk errichtet, das die ganze Sowjetunion mit Strom und alle unsere Raketen mit Plutonium versorgen könne, wieder andere behaupteten, man würde in unterirdischen Kavernen Tomaten und Gurken züchten, hier würden Weltraumsatelliten gebaut, das Gulag sein in Wirklichkeit eine Kaderschmiede von Mitgliedern von Schattenregierungen für alle Länder der Erde, man plane von hier aus eine Invasion in China, dem konkurrierenden Bruderstaat im Fernen Osten. Was dann aber in Antenora in Wirklichkeit geschah, hat allerdings niemand von uns vermutet und dies zeigte, wie gut die Geheimhaltung Krakows funktionierte. Von dort kam nie jemand zurück, der darüber berichten konnte.

Unser Gulag lag unweit eines elenden Samojedendorfes mit dem unaussprechlichen Namen Nganatgi, in dem auch eine kleine, einsame Garnison der Roten Armee stationiert und das der einzige Handelsposten in fünfhundert Kilometer Umkreis war. Dort endete die Schienen. Das letzte Stück unseres Weg ging wieder mit LKWs vonstatten, die allerdings erst ansprangen, als der einheimische Fahrer ein paar schamanische Rituale ausführte und den Motorblock von unten mit Hilfe eines Gasbrenners erwärmte. Ich weiß nicht, welche der beiden Methoden half, aber hier oben am frühen Morgen bei -45°C schienen sie die üblichen Weisen zu sein, um einen Wagen anzulassen. Niemand dachte an die Gefahr, der sich dabei der Fahrer und in diesem Fall auch uns aussetzte.

Während wir in dem Eisblock von Kraftwagenladefläche auf das erlösende Brummen des Dieselmotors warteten, war mir so lausig kalt wie noch nie in meinem Leben und ich hatte bei der Belagerung von Leningrad und in den Jahren meines Armeedienstes so einiges an tiefen Temperaturen erlebt. Die Daunenjacke, die mir bisher gute Dienste erwiesen hatte, half überhaupt nicht mehr gegen diese Kälte. Ich hatte keine Kontrolle über mein Zähneklappern und den Schüttelfrost, der mich unablässig quälte. Meinen Leidensgenossen – mit einzigen Ausnahme des Towarischtsch Fedor, der sich mit jedem Grad, das das Thermometer tiefer rutschte, heimischer und wohler fühlte und als einziger die Sprache der Samojeden sprach -, ging es wie mir. Das einzige, das wir tun konnten, war, so eng wie möglich zusammenzurücken. Was aber wahrscheinlich nur unseren Flöhen half, neue, unbekannte Jagdgründe zu erobern. Dabei hatten wir bei unserer Ankunft noch nicht einmal einen besonders eisigen Tag erwischt, denn der Frühling stand ins Haus. Im Winter wurde es manchmal so kalt, dass die salzigen Schweißtropfen auf der Stirn gefroren und als Eistränen herabfielen. Jedes Fetzchen nackter Haut, das man ungeschützt dem Frost aussetzte, erfror innerhalb von Minuten. Leichtere und auch schwere Erfrierungen waren an der Tagesordnung und auch ich habe dem Gulag zwei Zehen und meine Nasenspitze geopfert. Denn nur wenn das oben am Rand der Grube an einem Mast aufgehängte Thermometer die -50°C-Marke unterschritt, mussten wir nicht draußen arbeiten, sondern durften im Lager bleiben. Nicht 666, sondern 49 ° minus ist die Zahl des Teufels.

Mat, mat, mat! Wenn du so etwas schon erlebt hast, dann weißt du, wovon ich schreibe und wenn nicht, nun, dann kannst du es dir nicht einmal im Traum vorstellen. Darum lass uns davon schweigen und noch einmal anstoßen. Hej, das wärmt von innen. Aber glaube mir, die Kälte, die mir damals in die Knochen kroch, die bin ich nie wieder losgeworden. Da kann ich so viel saufen, wie ich will und hundert Decken über mich werfen und mich vor die geöffnete Feuerluke des Herds in meiner Küche setzen: Ich werde zittern und bibbernd frieren, bis man mich irgendwann in einem Armengrab verscharrt. Hoffentlich ist der Himmel des Sowjetmenschen eine warme Lagune vor einer Südsee-Insel.

Endlich startete der Motor doch noch und kam widerstrebend und stotternd in Gang, dann holperten wir mit unseren Ketten über die eisige Piste, die uns hinten ordentlich durcheinander purzeln ließ. Wir fuhren fast zwei Tage und durften dabei kein einziges Mal raus aus unserem fensterlosen Pferch. Das wenige Essen reichte man uns durch eine kleine Klappe hinein in die vollkommene Finsternis, in der wie hockten. Der Mief wurde bald schier unerträglich, aber alles war besser als die unfassbare Kälte, von der uns nur eine dünne, auf der Innenseite mit dem Reif unseres Atems überzogene Blechhülle trennte. Deshalb kann ich dir jetzt auch nicht berichten, wie sich das Lager, das ich für die nächsten Jahre nur von innen kannte, einem Neuankömmling darbot, der es über den einzigen Fahrweg erreichte.

Aus Berichten weiß ich jedoch, dass es ein beeindruckender Anblick war, der mehr einer Tagebaugrube als einem Straflager glich. Die Grube, die Wachanlagen und die Baracken nebenan lagen im Zentrum eines etwa fünf Kilometer im Radius großen, kreisrunden Kessels mitten in einer ausgedehnten Hochebene des Putorana-Gebirges. Dessen schroffe Felsspitzen richteten sich aus der Ebene des Permafrosts bis auf 1800 m Höhe auf und begrenzten den Horizont an den seltenen wolkenlosen und klaren Tagen nach Nordosten zu wie eine eisblaue, unüberwindliche Wand. Ein Großteil der Gefangenenbaracken war gemeinsam mit dem langsamen Ausschachten der großen Grube in die Tiefe gewandert und befand sich bei meiner Ankunft gut fünfzig Meter unter dem Erdboden des Hochplateaus. Eine einzige, recht schmale Straße führte in Serpentinen hinab. Sie war tagsüber von den Lastwägen verstopft, die den Aushub nach oben brachten und eine künstliche Erdpyramide aufschichteten, die schon die Ausmaße der Cheopspyramide erreicht hatte. Auch an der sibirischen Chefrenpyramide daneben wurde bereits gearbeitet. Diese beiden Erdhügel war das allererste, was man noch kilometerweit entfernt von der Straße, die zum Lager führte, sah.

Der Kessel, in dem Krakows Antenora lag, war vermutlich irgendwann in der Vorzeit durch einen Meteoriteneinschlag entstanden und vielleicht für viele Jahrtausende ein See gewesen, bis das Klima noch strenger wurde und die großen Tiere der Eiszeit ausgestorben waren. Auf ihre perfekt konservierten und steif gefrorenen Leichname stießen wir denn auch immer wieder, wenn wir die Grube beim Lager weiter und tiefer ausheben mussten, was ja unsere Hauptarbeit war.

Krakow allein mochte wissen, was er dort unten außer Knochen, Steinen, Schlamm und Dreck zu finden hoffte – Uran, Gold vielleicht, Erdöl, irgendwelche seltenen Erden, das Grabmal eines Skythenkönigs oder anderen Unfug -, aber es kam nie etwas Wertvolles ans Tageslicht. Im Laufe der Zeit kam ich zu der Vermutung, unser Schaufeln und Graben war nur eine Beschäftigungstherapie, die unsere endlosen Tage füllen sollte und uns zu müde für eine Rebellion machte. Ich konnte jedenfalls keinen Sinn darin finden, weitflächig in diesem Krater die gefrorene Erde aufzupickeln, sie abzutragen und dabei Terrasse für Terrasse in die Tiefe zu gehen.

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[Zum 11. Teil …]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 9)

[Zum 1. Teil]

Der bärtige Wärter – er hieß Artjom, wie ich später erfuhr, Onkelchen Artjom, wie wir ihn dann unter uns nannten, weil er der einzige Gulag-Aufseher war, der sich ein wenig von seiner russischen Mitmenschlichkeit bewahrt hatte und und uns nicht wie Schlachtvieh behandelte -, schlug mit Schwung die Tür zu und verriegelte sie.

Unser zitternder Haufen saß im Dunkeln. Bald darauf fuhr der LKW an und wir wurden bei unserer Fahrt ins Unbekannte ordentlich durchgeschüttelt. Das letzte, was ich durch den Spalt der sich schließenden Hecktüre sah, war ein merkwürdiges Wappen, das ich auf der Fahrerseite des ZIS-115, in dem Wastija lag, erspähen konnte. Es war ein auf seiner Spitze stehender Drudenfuß, dessen Mitte eine aus fünf Kugeln bestehende Kreuzform einfasste. Mir war keine Sowjetbehörde oder eine Adelsfamilie der Zarenzeit bekannt, deren Haus solch ein abstraktes, geometrisches Wappen geziert hätte. Auch mit dem griechischen Sinnspruch, der in einem Banner im Halbkreis darüber stand, konnte ich wenig anfangen:

„χαλεπὰ τὰ καλά. – Nur das Schwierige ist schön.“

„Что бы ни“ – Weißt du was, ich werde für dich einfach hier eine Zeichnung machen; ein Bild sagt doch so viel mehr als Worte, heißt es.


Dies war also der 10. Februar des Jahres 1951 und meine erste Begegnung mit dem Deutschen Sebastian Kerr. Ich hatte damals wenig Hoffnung, ihm noch einmal in dieser Welt zu begegnen, denn ich hätte weder auf sein noch auf mein Leben eine Kopeke gewettet. Doch bevor ich dir weiter von meinen Erlebnissen in Antenora erzähle, mein geduldiger Freund, werde ich noch mehr Wodka brauchen, als ich in meinem Zimmer versteckt habe. Aber so viel verrate ich dir jetzt schon: Meine Abenteuer mit Wastija fingen am 10. Februar gerade erst an.

Das dritte volle Zahnputzglas hat das Zittern in meiner Hand endlich beendet und ich kann so lange weiterschreiben, bis mir wie in jeder Nacht der Strom abgedreht wird. Das ist doch gut, nicht wahr? Freust du dich schon auf die Fortsetzung meiner Abenteuer? Dann beginne ich mal:

Bevor ich mich aus dem Heim schlich und bei den farcovščiki vom Schwarzmarkt zwei nicht einmal so teure Flaschen polnischen Wodka erstanden habe – wahrscheinlich ist er mal wieder verpanscht -, berichtete ich, dass wir mit unbekanntem Ziel … he, he, das weißt du ja schon. Ich will dich nicht langweilen. Gib dem gottverdammten, etikettenlosen Kartoffelschnaps die Schuld, der mir so zuverlässig das Hirn wegbrennt. Dieser Hochprozentige wirkt wie ein Fausthieb. Und denke an mein Alter und die Blätter, die aus meinem Haupt fallen. Zusammengefasst:

Unsere Fahrt war auf jeden Fall kürzer, als wir Insassen des LKW‘s erwartet hatten und sie endete am Moskovsky Vokzal, dem größten Bahnhof von „Piter“, wo wir in den Güterwaggon eines Zugs umsteigen mussten. Wastija war übrigens nicht bei uns; er bekam offenbar einen Privattransport mit der Karosse vom Dr. Unser Waggon war eigentlich für Viehtransporte gedacht und das Stroh, mit dem der Boden ausgelegt war, stank erbärmlich nach Schwein. Hier bekamen wir allerdings in einer Wartehalle vor unserer Abfahrt ins Ungewisse endlich Kleidung und Decken zugeteilt und zum ersten Mal an diesem Tag auch etwas zu essen. Sowohl das feste Leinenzeug, die gefütterten Filzstiefel und die gesteppte Daunenjacke als auch das Brot und die Rübensuppe, in der – was für eine Sensation -Rindfleischfasern und Fettaugen schwammen, waren besser als alles, was ich je in dem Jahr meiner Untersuchungshaft im Kresty bekommen hatte.

Der Mensch ist doch ein seltsames Tier: Sobald mein Magen voll war und meine Lippen fettig, mich die steife Decke und mein Hemd in meiner Ecke im Waggon wärmten, glaubte ich, dass alles nicht so schlimm werden würde. Ich war bereits halbwegs mit meinem Schicksal versöhnt, als der Zug am nächsten Morgen anfuhr und uns zuerst nach Moskau und dahinter auf den Gleisen der transsibirischen Eisenbahn fast fünftausend Kilometer gen Osten transportierte. Da unser Zug nur sehr langsam vorwärts kam und immer wieder überholt wurde, brauchten wir für die Strecke zehn Tage. An mehreren Stationen unterwegs wurden weitere Leidensgenossen an Bord genommen und nach dem Halt in der Hauptstadt nach zwei Tagen war es in dem Viehwaggon so eng geworden, dass man nicht mehr liegen, sondern nur noch zusammengekauert sitzen konnte.

Bei einem Halt auf offener Strecke, an einem verschneiten Acker im Nirgendwo, wo wir uns streng bewacht ein wenig die Beine vertreten und unsere körperlichen Bedürfnisse verrichten konnten, schob ich mich in die Nähe von Onkelchen Artjom, der mit erhobenem Sturmgewehr das hintere Ende des Güterzuges absicherte, der aus bestimmt dreißig Waggons bestand. In fünf Wägen in der Mitte waren wir Zwangsarbeiter eingepfercht, in zwei Dritte-Klasse-Waggons unsere Bewacher, die dort nicht wesentlich mehr Komfort hatten als wir, aber wenigstens einigermaßen vor der Kälte geschützt waren, die in unsere Viehwägen durch die rohen Holzwände kroch. Der Rest des Zuges transportierte Maschinenteile, Generatoren, Nahrungsmittel, Schweine und Schafe, dreiachsige Lastwägen mit Kettenantrieb, schweres Grabungsgerät, Pferde und der hinterste, gut abgesperrte Waggon enthielt – wenn man den warnenden Aufschriften glauben durfte -, offenbar eine große Menge Sprengstoff und Waffen. Es roch nach Diesel, Teer, Gülle und menschlichen Ausscheidungen. Während ich so tat, als würde ich mein Wasser abschlagen, erkundigte ich mich leise, wohin die Bahnfahrt ging.

„Erst mal fahren wir nach Krasnojarsk, dann geht es in den Norden“, knurrte er und war dann nicht mehr Willens, mehr über unser Ziel preiszugeben. Auch er trug inzwischen wie wir Gefangenen Krakows merkwürdiges, ein wenig diabolisch wirkendes Wappen auf der Brust seiner Uniformjacke und seit er dieses Symbol präsentierte, war er abweisender und unfreundlicher geworden – wie die Landschaft, durch die uns unser Güterzug gemächlich transportierte.

Natürlich! Krasnojarsk, das war das Verteilzentrum aller Gulagtransporte, die nach Sibirien gingen. Ich hätte es wissen müssen. Aber wenigstens hatte ich nun eine ungefähre Richtung und Vorstellung. Ich malte mir im Geist eine Landkarte von Mütterchen Russland aus, wie es da auf dem Bauch als vollgefressene Bärin über Asien liegt und die Hinterläufe ins Beringmeer streckt. Wenn der Kopf die Gebiete westlich des Urals sind, dann war Krasnojarsk ein nässendes Muttermal auf ihrer Leiste und unser noch fernes Ziel nördlich davon ein Furunkel auf ihrem eiskalten Arsch. Krasnojarsk ist heute hinter Nowosibirsk und Omsk die drittgrößte Stadt Sibiriens und war durch eine Million Deportierte und Zwangsarbeiter nach dem vaterländischen Krieg zu einem der mächtigsten Wirtschaftsstandorte der UdSSR gewachsen. Das war aber schon alles, was ich damals von dem Ort wusste, dessen Katorga schon während der Zarenzeit der Albtraum jedes politisch Auffälligen war und in dem auch Dostojewskij seine Verbannung verbüßte.

Von Krasnojarsk, das in der zweiten Februarhälfte noch immer in meterhohem Schnee versank, sah ich außer der einen Kilometer langen Eisenbahnbrücke über den Jenissei und einem heruntergekommenen Güterbahnhof, wo unser Zug auf ein anderes Gleis nach Norden umgelenkt wurde, nichts von der Stadt und ihren berühmten Sehenswürdigkeiten. Schnurstracks ging unsere Strecke weiter nach Norden in Richtung der erst 1935 gegründeten Stadt Norilsk, in deren unmittelbaren Nähe sich eines der größten sibirischen Gulags befand, dessen Insassen für das dort ansässige Kupfer-Nickel-Kombinat Lagerstätten und Kohleschächte bauten und in der Landwirtschaft eingesetzt wurden. Hinter Norilsk endete die sowjetische Zivilisation. Aber wir fuhren darüber hinaus weiter in nordöstlicher Richtung mitten hinein in die schier endlosen, schwarz bewaldeten Ebenen, zerklüfteten Plateaus und Hügellandschaften des einsamen sibirischen Berglands, in das unwegsame Putorana-Gebirge. Dort draußen, wo die Taiga in eine karge, kaum bewachsene Tundra übergeht, ein paar Jahre vor der Entdeckung der riesigen Erdöllager, die Sibirien von Grund auf veränderten und das Land innerhalb weniger Jahre aus der Eiszeit in die Moderne katapultierten, lebte dort außer den wenigen Nomadenstämmen der Ostjaken und Wogulen mit ihren gewaltigen Rentierherden niemand.

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[Zum 10. Teil …]

Ein Kommentar

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 8)

[Zum 1. Teil]

Es fällt mir schwer, Dr. Krakow so zu beschreiben, wie ich ihn zum ersten Mal an jenem trüben Spätnachmittag sah und dabei unsere spätere intime Bekanntschaft, die von meiner Seite von abgrundtiefem Hass erfüllt war, und mein Wissen über ihn auszulassen. Aber ich will es für dich trotzdem versuchen, mein Leser. Das erste, das mir auffiel, war seine Größe. Er überragte uns wie eine hohe, schmale Birke das niedrige Buschwerk in der Tundra. Das volle Gesicht unter der Mütze lag im Schatten und er trug trotz der hereinbrechenden Dämmerung ein kleine Brille mit kreisrunden, geschwärzten Gläsern. Er nahm sich nicht ab, als er uns aufmerksam von oben herab musterte. Die Kleidung unter dem Mantel hatte militärischen Schnitt, aber ich konnte sie keiner Sowjetinstitution zuordnen. Dann hoben sich seine etwas weibisch wirkenden, wie mit einem Kosmetikstift nachgezeichneten Augenbrauen, als wäre er über unseren Anblick amüsiert. Weißt du, wir waren sicher ein Anblick für die Götter, wie wir da in unserer schmutzigen Unterwäsche wie die Pietà von Michelangelo aussahen und dabei eine höfliche Konversation betrieben, als ob wir gerade zufällig in einem Gasthof zusammengekommen wären.

„Da haben sich ja die zwei Richtigen schon gefunden“, sagte er mit seiner kalten Eisenerzstimme. Wenn das eine witzig gemeinte Bemerkung gewesen sein sollte, blieb mir ihr tieferer Sinn verborgen. Er nickte zufrieden.

„Die beiden hier“, wandte er sich zurück zu zwei Soldaten, die wie er in dunkelgrauen Fantasieuniformen steckten und eben aus dem Transport-LKW stiegen. Sie traten gemeinsam mit Boris Utschakow, dem Hauptmann unserer Gefängnisaufseher – ja, genau jenem Genosse, der vorhin grinsend meine goldene Uhr an sich genommen hatte -, zu uns heran. Einer von den Soldaten, dem einen schwarzen Bart wie einen Urwald ums Kinn wuchs, half mir beim Aufstehen, der andere nahm ohne sich anzustrengen Wastija, der ja nur noch das Gewicht eines Kindes hatte, auf seine Arme, und wollte ihn bereits zu Krakows Wagen tragen. Doch ein Zischen des Dr.‘s ließ ihn sofort zur Salzsäule erstarren. Wie ich später noch häufig bemerken konnte, konnte Krakow so gesprächig wie ein Fisch sein. Er winkte seinen Mann, der sich den Körper des halb entseelten Wastija aufgeladen hatte, mit zwei Fingern seiner Rechten zu sich, dann streifte er einen Handschuh ab und prüfte den Puls des Ohnmächtigen an dessen Hals. Dabei schob er sich mit der anderen Hand die runden Gläser seiner undurchsichtigen Brille auf die Nase und blickte Hauptmann Utschakow über deren dünnen Metallrand an. Krakow hatte schwarze, verquollene Schweinsäuglein in seinem aufgeblähten Gesicht und sein Blick war hart und kalt, immer strafend und allwissend und auf eine seltsame Weise von Innen leuchtend, als würde ein Feuer in ihnen brennen. Im Polytechnikum hatte ich einen Assessor, der uns Studenten mit den gleichen starren Augen aburteilte, wenn er uns unsere Arbeiten zurückgab. Der Genosse Utschakow, wurde unter diesem Blick merklich kleiner. Er stotterte eine wirre Entschuldigung. Krakow spitzte ironisch den Mund und schien dabei die Herzschläge Wastijas mitzuzählen.

Ich habe keine Ahnung, welcher Universität, Fakultät oder Fachrichtung er seinen akademischen Grad verdankte, aber ein Arzt war er nicht. Doch die Überprüfung des Gesundheitszustandes des Bewusstlosen schien ihn zu keinem guten Ergebnis zu bringen.

„Von ‚tot oder lebendig‘ war nie die Rede, Mann“, sagte er mit eisiger Ruhe, die Utschakow sichtlich das Blut in den Adern gefrieren ließ. Vergebens irrte der Blick des Hauptmanns auf der Suche nach einem Mauseloch, in dem er sich verstecken konnte, im Hof umher.

„Wenn diesem Gefangenen etwas geschieht, mache ich dich persönlich bei dem Genossen Beria dafür verantwortlich, надсмотрщик!“, fuhr Krakow für seine Verhältnisse geradezu geschwätzig fort und beendete seine oberflächliche Untersuchung, indem er die besudelte Kleidung des Deutschen abklopfte. Verwundert sah er auf.

„Wo ist sein Medaillon?“, fragte er langsam und seine Blicke waren nun wie zwei brennende Speere, die sein Gegenüber durchbohrten. Der Hauptmann räusperte sich und griff dann verlegen in Tasche seiner Uniformjacke, in der sich am heutigen Tag so einiges angesammelt hatte. Er brauchte eine Weile bis er fand, was er suchte. Soweit ich erkennen konnte, war der Gegenstand, den Utschakow dann zögernd zu Tage förderte, eine kreisrunde, flache Scheibe. Sie war etwa fünf Zentimeter im Durchmesser und sah einer großen Tscherwonez-Münze, ähnlich. Allerdings glänzte sie nicht golden, sondern rot wie poliertes Kupfer.

„Dieses Schmuckstück hat der Verurteilte im Verhörraum verloren. Ich habe es aufgehoben und selbstverständlich nur für ihn aufbewahrt, Genosse Kandydat“, versuchte er sich aus der Affäre zu ziehen. „Ich wollte es später in die Asservatenkammer zu seinen anderen persönlichen Sachen bringen.“

Der Hauptmann drückte die Münze in die Hand von Dr. Krakow, der sofort seine Faust um sie schloss und seinen dünnen Mund zu einem wie von einem Rasiermesser gezogenen Lächeln verzog. Er nickte kurz und stellte sich anschließend ganz nah zu Utschakow. Dann flüsterte er ihm ein paar Worte zu, die ich leider nicht verstand. Aber der Aufseher wurde bleich wie der Schnee, der auf den Dächern lag und sackte erschüttert in sich zusammen. Ich gebe es zu: Mein Tag wurde dadurch besser.

Während Krakows Mann Wastija endlich zu der feinen Nobel-Karosse des Dr.‘s brachte, um ihn dort vorsichtig auf die breite Rückbank zu betten, ließ Krakow den Hauptmann, dessen Todesurteil er wahrscheinlich eben emotionslos verkündet hatte, einfach stehen und winkte einen anderen Aufseher des Kresty-Gefängnisses heran, mit dem er anschließend zu den übrigen Gefangen ging, die nun ganz eng und verängstigt beieinander standen. Während ich von dem Bärtigen zu dem Gefangenentransporter gebracht und in ihm als erster Platz nehmen musste, wählte Krakow unter den Abgeurteilten ein Dutzend Männer aus, die dann zu mir in den LKW geführt wurden; es schienen mir die kräftigsten und gesündesten Proletarier unter ihnen zu sein. Ein wenig wirkt die Szene wie ein Sklavenmarkt in einer orientalischen Stadt.

Auch der starke Fedor gehörte natürlich zu den Männern, die der Dr. für sich reklamierte. Stolz setzte sich der ehemalige Schmuggler neben mich, der ursprünglich von der Karasee stammte und ein Samojede vom sibirischen Ureinwohnervolk der Selkupen war. Ganz nebenbei war er übrigens auch ein wiedergeborener Schamane aus dem 19. Jahrhundert, der den Namen Peptej getragen hatte. Er legte seinen Arm über meine Schulter und drückte mich an sich; irgendetwas an mir hatte seinen Beschützerinstinkt geweckt. Wie ich später von ihm erfuhr, war es die Güte, mit der ich mich um Wastija gekümmert hatte.

„Du bist ein guter Mensch, Towarischtsch. Das wird sicher wieder ein bemerkenswerter Tag“, sagte er und ich hörte zum ersten Mal seinen Lieblingsspruch.

Der muffige Kofferaufbau füllte sich mit den kräftigen Verurteilten, die Krakow sich für sein Gulag ausgewählt hatte. Sie setzten sich schweigend und auch ein wenig ängstlich um ihre Zukunft zu uns. Ich fragte mich, wie ich wohl in dieses Bild passte, den schon das längere Halten eines Bleistifts ermüdete und dünn wie ein Haselnusszweig war. Ich befreite mich deshalb aus Fedors brüderlichem Schwitzkasten und rutschte ganz an den Rand der rohen Holzpritsche, auf der wir hocken mussten. Dort wagte ich es, leise bei Krakows bärtigem Soldaten, der uns misstrauisch bewachte, leise Erkundigungen einzuziehen.

„Brüderchen Aufseher“, fragte ich, „wer ist denn dieser vornehme Herr im Zobel und wohin werdet ihr uns nun von hier aus bringen?“

Der Wächter bedachte mich mit einem langen, fast mitleidig wirkenden Blick. Er spuckte einen feuchten Batzen Kautabak aus und begann sehr bedächtig, den Wagen zu schließen. Er ließ sich absichtlich Zeit, damit er mir unauffällig antworten konnte.

„Das wirst du schon noch erfahren. Früher als dir lieb ist, glaube mir“, murmelte er, ohne den Mund zu bewegen, damit er nicht dabei ertappt wurde, wie er mit einem Sträfling sprach. „Du wirst dir bald wünschen, Dr. Krakow – denn kein anderer ist dieser furchtbare Mann – hätte dich nicht erwählt und du kämst wie die anderen zu einem Dalstroi-Gulag nach Kamtschatka. Falls du dachtest, dieses Gefängnis hier sei die Hölle, dann lasse nun alle Hoffnungen fahren und tritt ein. Denn der Ort, an den wir euch jetzt bringen werden, der ist der Neunte Kreis. In Antenora wird euch das Kresty wie ein Kurbad am Schwarzen Meer erscheinen.“

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[Zum 9. Teil …]

Ein Kommentar

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 7)

[Zum 1. Teil]

Wie gesagt: Vier Minuten und sechsunddreißig Sekunden können über ein Schicksal entscheiden.

Dies war übrigens das letzte Mal, dass ich für viele Jahre die genaue Uhrzeit wusste, denn gleich nach dieser Farce wurde ich wieder in den kahlen Verhörraum zurückgeführt. Dort musste ich die für die Dauer der Verhandlung kurzzeitig zurückerhaltene und inzwischen viel zu weite Zivilkleidung und meine wenigen Wertsachen abgeben. Anschließend wurde ich noch ein letztes Mal ein wenig von meinen Folterknechten durchgeprügelt. Dies geschah jedoch mehr aus Folklore als aus Überzeugung, denn sie gingen sehr nachlässig vor und ich blutete danach nur ein wenig aus meiner erneut gebrochenen Nase. Weshalb ich, ich erwähnte es bereits, heute aus den Nasenlöchern weine. Der Ranghöchste von ihnen, ein Hauptmann, steckte sich grinsend meine goldene Uhr in die Uniformjacke, nachdem er sie genüsslich ans Ohr gehalten und eine Weile verzückt ihrem Ticken gelauscht hatte.

Dann trieb man mich halbnackt hinaus auf einen eisigen, windigen Gefängnishof, wo bereits einige ebenfalls nahezu unbekleidete Leidensgefährten auf unsere gemeinsame Deportation ins Gulag warteten. Aus den tiefhängenden Wolken fiel feuchter, schwerer Schnee in dichten Flocken in diesen düsteren Tag hinein und wir drängten uns bibbernd ganz eng aneinander.

Es ist sicher nicht notwendig, die vielfältigen Gründe, die zu meiner Verhaftung durch Berias MGB-Schergen und im Frühjahr 1951 dann endlich zu meiner Verurteilung führten, heute aufzuführen und über die Behandlung, die mir widerfuhr, zu klagen. Selbst wenn Anschuldigungen der Wahrheit entsprechen sollten, waren sie doch alleine dem wachsenden Verfolgungswahn des allseits verehrten Genossen Parteisekretär Josef Wissarionowitsch Stalin geschuldet, der wahllos jeden ins Gulag schicken oder vor ein Erschießungskommando stellen ließ, der sich in seinen Augen auf die eine oder andere Art verdächtig machte. Und verdächtig – das waren für ihn inzwischen alle.

Deshalb stand ein bunt zusammengewürfelter Haufen menschlicher Jammergestalten an jenem Samstag im Februar mit nackten Füßen auf den vom Schneematsch rutschigen und kalten Pflastersteinen in einem Hinterhof des berüchtigten Kresty-Gefängnisses an der Großen Newa. Alle Viertelstunde wurde ein weiterer, im Schnellverfahren abgeurteilter Unglücklicher aus dem ziegelroten Gebäudekomplex ausgespuckt und gesellte sich niedergeschlagen zu unserem zitternden Häuflein. Wir wurden dort im Hof nur schlecht und nachlässig bewacht, denn keiner der Wärter hatte Lust, sich bei dem nassen Schneefall und der lausigen Kälte näher zu uns zu gesellen. Von uns ging ja auch keinerlei Bedrohung oder gar Rebellion aus und an eine Flucht in schmutziger Unterwäsche dachte auch keiner. Unsere gelangweilten, Papirossa rauchenden Aufpasser mit ihren auf die Rücken geschobenen Kalaschnikow-Gewehren standen an der Wand unter einem schützenden Dach, wo in einer rostigen Tonne ein kleines, qualmendes Holzfeuer brannte. Eine Flasche vom Selbstgebrannten ging bei ihnen rundherum.

So kam es, dass wir Verurteilten uns zuerst flüsternd und dann immer lauter unterhielten und unsere traurigen Geschichten austauschten. Stell dir vor, auf dem Hof fror ein Durchschnitt durch die Sowjetgesellschaft unter besonderer Berücksichtigung der Intelligenzija. Wir hatten unter uns einen Professor für Sinologie, einen Deserteur, einen Trambahnfahrer, einen Theaterschauspieler, den baumstarken sibirischen Schmuggler und Schamanen Fedor, von dem ich noch viel berichten werde, dazu einen ehemaligen Komsomol-Funktionär, zwei Lehrer, mehrere Kolchos-Bauern, einen Frauenmörder und einen gescheiterten Rechtsanwalt – also meine Wenigkeit. Zusammenzurücken und uns gegenseitig aus unseren verpfuschten Leben zu erzählen, lenkte uns gut von unseren immer steifer werdenden, halberforenen Gliedmaßen ab. Bald begannen wir wie die Peripatetiker im Kreis zu gehen, ab und zu gegen die Kälte gymnastische Übungen zu machen oder uns auf Fedors Empfehlungen hin gegenseitig abzureiben. Immer wieder warfen wir sehnsuchtsvolle Blicke zu der kleinen Feuerstelle hinüber, die uns wie ein nahes, aber unerreichbares Paradies erschien. Das alles half uns, diesen endlosen, früh in der Dämmerung versinkenden Nachmittag zu überstehen.

Endlich öffnete sich die Hintertür zum Hof ein allerletztes Mal für diesen Tag und ein einzelner Sträfling wurde von zwei Wärtern, die ihn zwischen sich unter den Achseln ergriffen hatten, ins Freie gezogen und uns wie Abfall vor die Füße geworfen. Ihm war es am Schlechtesten von uns allen gegangen. Jeder unter uns Jammergestalten war ausgezehrt, fiebrig und erbärmlich, aber dieser Verurteilte befand in einem Mitleid erregenden Zustand und schien auf dem hauchdünnen Seil zwischen Leben und Tod zu balancieren. Der fast zum Skelett abgemagerte Mann, der sich direkt vor mir stöhnend auf dem Pflaster auf die Seite wälzte und sich dort wie ein Fötus in sich zusammenkauerte, hatte am ganzen Körper Blutergüsse, Wunden und blaue Flecken, seine eingenässte Unterwäsche war zerrissen und blutig.

Mit wundem Herz setzte ich mich zu ihm und legte seinen kahlgeschorenen Kopf auf meinen Schoß. Offenbar hatte er bei den Verhören länger Widerstand geleistet als wir anderen Angsthasen und sich hartnäckig geweigert, sozialistische Selbstkritik zu äußern. In seinem augenblicklichen Zustand war es unmöglich für mich, sein wirkliches Alter festzustellen. Seine verwitterten und narbigen Gesichtszüge waren die eines Greises mit eingefallenen Wangen und nur noch wenigen Zahnruinen im Mund. Aber irgendetwas sagte mir, dass er noch nicht alt war. Hätte mir allerdings jemand erzählt, er sei fast zehn Jahre jünger als ich, ich hätte es ihm sicher nicht geglaubt.

Er atmete lange und pfeifend aus. Ich beugte mich weiter zu dem Ärmsten herunter und wollte kontrollieren, ob er noch atmete oder sich nicht gerade jetzt mit einem letzten Schaufer von diesem Jammertal verabschiedet hatte. Da schlug er erschrocken seine Augen auf und starrte mich an. Er hatte den fassungslosen Blick einer geprügelten, unschuldigen Kreatur, ängstlich und gehetzt. Ich redete ihm gut zu und sammelte mit der Hand ein wenig Schnee, den ich auf seine vom Fieber kochende Stirn drückte. Sein verschleierter Blick wurde klarer und für einen kurzen Moment sah mich ein beseelter Mitmensch und kein gejagtes Tier in der Falle mehr an.

„Wie heißt du, Towarischtsch?“, fragte ich den Genossen. Er nuschelte, weil man ihm die Schneidezähne ausgeschlagen hatte. Trotzdem war sein fehlerhaftes Russisch gut zu verstehen. Es war unzweifelhaft ein Deutscher.

„Ich bin … ich heiße Sebastian Kerr. Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Freund“, stammelte er mit letzter Kraft, stöhnte und presste seine Lider unter Schmerzen zusammen. Dann überwältigte ihn das Selbstmitleid. „Weißt du, ich habe mir meinen dreiundvierzigsten Geburtstag schon etwas anders vorgestellt.“

Sebastian, den ich aufgrund seines unaussprechlichen Namens sofort in „Wastja“ umtaufte, versuchte tatsächlich zu lächeln. Er gab sich wirklich Mühe, aber mehr als einen schiefen Mundwinkel brachte er mit seinen geschwollenen, aufgeplatzten Lippen nicht zustande. Tränen des Schmerzes quollen ihm aus den Augenwinkeln und gruben helle Furchen in seine schmutzigen Wangen. Ich befürchtete wieder, er würde auf der Stelle in meinen Armen seinen Wunden und der Erschöpfung erliegen und rief nach den Wärtern. Doch diese Unmenschen ließen sich nicht einmal herab, sich von ihrer Feuerstelle abzuwenden und zu uns hinüber zu sehen. Wollten sie uns denn alle hier auf dem Hof wie Vieh verrecken lassen?

Aber ich will ganz ehrlich mit dir sein, Leser: Als ich vernahm, dass ich ausgerechnet einen Deutschen in den Armen hielt, war ich nahe daran, seinen Kopf auf die Erde zu legen und mich leise davonzuschleichen. Mein Verstand sagte mir zwar, dass er ein genauso armer Hund wie wir alle und wahrscheinlich an den Gräuel unschuldig war, die seine Landsleute in Väterchen Russland veranstaltet hatten, aber meine Wut auf die Nazis sprach eine andere Sprache. Das Verbrechen der Wehrmacht an Leningrad, dass ich vor nicht einmal zehn Jahren miterlebt hatte, konnte und wollte ich nicht vergeben. Niemals – auch heute noch nicht. Doch dann liefen seine warmen Tränen über meine Hände und mein Widerwille schmolz durch die Hitze des Mitleids, das ich für ihn empfand. Keine Kreatur durfte so viel leiden wie er. Das konnte und durfte niemals gerecht sein.

Doch endlich tat sich etwas. Das hohe Eisentor zum Ausgang zur Straße hin wurde geöffnet und zwei Automobile kamen in den Hof gefahren. Sie bremsten erst knapp vor unserem Häuflein. Der eine Wagen war ein nagelneuer MAZ-200-LKW mit einem Wellblech-Kofferaufbau auf der Pritsche. Dadurch war ein fensterloser Bus für Gefangenentransporte entstanden, der problemlos dreißig oder mehr Menschen aufnehmen konnte. Der andere Wagen war zu meiner Überraschung und Faszination tatsächlich ein schwarzer ZIS-115 aus dem Moskauer Stalinwerk. Mit solchen gepanzerten Staatskarossen ließen sich eigentlich nur die höchsten Regierungsvertreter zu Empfängen oder diplomatischen Missionen fahren und man sah sie selbst hier in Petersburg sehr selten. Es gab in der gesamten Sowjetunion sicherlich nicht mehr als dreißig, vierzig Stück von den noblen, dabei absolut schusssicheren Wägen.

Aus dem offenbar gerade gewaschenen und blitzsauberen Automobil stieg ein endlos langer und dünner Mann, der einen knöchellangen Zobelfellmantel und eine dazu passende Mütze trug. Die Gefängniswärter ließen sofort unauffällig ihr „Wässerchen“ verschwinden und nahmen respektvoll Haltung an. Ihre Stiefel knallten zackig, als sie die Kalschnikows präsentierten und ihr Kinn in die Luft streckten. Das musste schon ein verdammt hohes Tier sein, das uns hier in unserem proletarischen Fegefeuer besuchte, aber das bleiche Mondgesicht des Mannes war mir vollkommen unbekannt. Er salutierte nachlässig zu den Soldaten hin und trat dann sofort zu dem bewusstlosen Wastija und mir. Seine schweren glänzenden Winterstiefel, an denen keine Spur Staub oder Schneematsch waren, klirrten lautstark und merkwürdig metallisch auf dem Pflaster.

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[Zum 8. Teil …]

Ein Kommentar

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