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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 10 – Teil 2)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

10. Kapitel
Der Weg, der in den Tag führt

»Das verspreche ich dir.«

»Das will ich dir auch geraten haben.«

Selin nickte und lächelte optimistisch. Aber seine Gesichtszüge wurden augenblicklich ernst und sorgenvoll, nachdem sich das Mädchen von ihm abgewendet hatte und die Kuppel auf dem weißen Sand, der auf ihr lag, mehr hinabrutschte, als hinunterstieg. Unten angekommen, drehte Semira sich noch einmal um und winkte, dann folgte sie eilig den Spuren, die die beiden vorhin im Sand hinterlassen hatten, als sie vom Lager zu dem Vorgängergebäude gegangen waren. Die geschützte Stelle, an der Tante Sirtis, Alis, der seltsame Mönch Adelph, Juel und sein schweigsamer Diener Tonino auf ihre Rückkehr warteten, war nur eine knappe halbe Stunde Fußmarsch entfernt, lag aber gut versteckt in einer Senke und war von der Kuppel und auch von den fernen Hügeln aus, wo ihre Verfolger aufgetaucht waren, nicht zu sehen. Wenn jedoch der Spähtrupp der Armee des „Unterwerfers“ seine Stoßrichtung beibehielt – und ganz danach sah es für Selin aus -, würde er unweigerlich auf die Flüchtigen stoßen. An einen Kampf war nicht zu denken. Selbst Juels Tricks würde sie nicht vor den gut ausgebildeten und schwer bewaffneten Treuwächtern retten. Die einzige, die sich vielleicht der Soldaten hätte erwehren können, wäre Semiras ehemalige Dienerin Jalah gewesen, doch sie hatte sich am östlichen Stadttor von Karukora von der Gruppe getrennt, um ihre Beute zur Diebesgilde zu bringen.

Deshalb war es die einzige Chance der Flüchtigen, noch vor den Verfolgern die Kriegszone der Kampfmaschinen zu erreichen und geschützt durch den merkwürdigen Schlüssel, den sie aus dem Falkenthron gestohlen hatten, Richtung Pardais weiterzuziehen. Dorthin konnte ihnen die Armee des Namenlosen nicht folgen. Auch wenn sie nach sie nach den Maßstäben von Selins Jahrhundert hervorragend ausgerüstet und mächtig war, hatte sie doch gegen die Golem-Heere, die sich jede Nacht auf den Ebenen bekriegten, nicht die geringste Chance. Aber zuerst musste Selins kleiner Trupp in dieses Gebäude gelangen, auf dem er stand. Juel hatte es als Haltestelle einer Vorgänger-Untergrundbahn identifiziert. Wie sollte es Selin gelingen, hier einzudringen?

Er stampfte einmal fest mit dem Fuß auf die Glasfliese, die er vorhin vom Sand befreit hatte und erzeugte damit keinerlei Wirkung. Außer einem Knacken in seinem Bein war nicht einmal ein Geräusch zu hören. Wie dick war diese Glasdecke und konnte er sie überhaupt mit Gewalt zertrümmern? Selin bezweifelte es. Er kniete sich wieder hin und fegte sorgfältig auch von den Rändern der Fliese den Sand weg, bis er ihre Fugen komplett freigelegt hatte. Das Glasquadrat war etwa zwei Fuß auf zwei Fuß groß und er würde sich durch die entstehende Öffnung quetschen können – falls es ihm gelang, die Fliese aus ihrem Verbund zu lösen. Selin kratzte mit einem Fingernagel an dem Fugenmaterial, das sich jedoch nicht wie erhofft bröcklig, sondern fest wie massiver Stein anfühlte. Das musste er den Vorgängern lassen: Ihre Bauwerke, auf die man überall auf der Welt und auch hier in der Wüste häufig stieß, waren für eine Ewigkeit errichtet; auch wenn es inzwischen meist nur leere Hüllen waren, die, falls sie zugänglich waren, bereits vor langer Zeit ausgeräumt und geplündert worden waren. Doch einige wie diese Kuppel hier, waren versiegelt und verbargen die unglaublichsten Dinge, wenn Selin den alten Geschichten und Märchen seines Großvaters glauben durfte. Durch die Erfahrungen der letzten Zeit hatte er nur noch wenig Zweifel.

Er seufzte. Leider kannte er das Zauberwort nicht, das diese Schatzhöhle öffnen konnte, und deshalb musste er wohl oder übel auf die Trickkiste von Juel zugreifen, aus der ihm der pfiffige Dicke für die Erkundung der Kuppel einige Dinge mitgegeben hatte. Selin holte eine unscheinbare Tube aus seiner Tasche, aus der er eine dunkelgrüne und scharf riechende Paste rundherum auf die Fugen der freigelegten Fliese presste und sie sorgfältig feststampfte. Dann nahm er seine Trinkflasche vom Gürtel. Er nahm einen Schluck von dem brackigen, aber wertvollen Wasser in ihr.

»Allzu viel ist nicht mehr drin«, stellte er fest, als er die Flasche ans Ohr hielt und sie schüttelte. Da die Flüchtigen seit Tagen nicht mehr auf eine Wasserstelle gestoßen waren, war dies der kümmerliche Rest, der ihm blieb. Eine weitere Sorge: Selbst wenn seine Gruppe den Treuwächtern entkamen – falls sie nicht bald auf eine Quelle stießen, würden sie bald verdurstet sein. Alles hing nun von Selin ab und diese Verantwortung drückte ihn nieder. Voller Bedauern drehte er seine Flasche und schüttete das restliche Wasser auf die Paste, so, wie es ihm Juel erklärt hatte. Dann trat er eilig zurück.

Die grüne Masse, die sofort mit dem Wasser reagierte, begann sofort zu dampfen und über den Rändern der Fliese schaumige Blasen zu schlagen. Sie selbst wurde nicht davon angegriffen, aber die Paste war in Verbindung mit einer Flüssigkeit eine aggressive und giftige Säure. Sie fraß sich langsam in das scheinbar so unzerstörbare Fugenmaterial. Was keine Anstrengung von Selin geschafft hätte, gelang der Säure aus Juels Hexenküche mühelos. Wie lange es allerdings dauern würde, bis sie ihre Arbeit erledigt und die Fliese aus ihrem Verbund herauslöst hatte, konnte Selin nicht abschätzen.

Er sah sich erneut um. In der Zwischenzeit war die Sonne ein gutes Stück tiefer gesunken. Sie würde bald hinter den Hügel in Selins Rücken tauchen und das fast im Sand begrabene Gebäude würde in seinem Schatten liegen. Semira konnte er nicht mehr entdecken und auch der Spähtrupp war aus seinem Gesichtsfeld verschwunden, doch er hatte keinen Zweifel daran, dass beide sich schnell auf das Lager der Flüchtigen zubewegten. Es war nur einem glücklichen Zufall zu verdanken gewesen, dass er die Soldaten vorhin überhaupt entdeckt hatte. Wenn das Mädchen sich beeilte – und davon ging er aus -, musste sie bald auf die anderen stoßen und sie aufschrecken. Noch immer schwappte die kaum übersehbare schwarze Masse der Soldaten des Namenlosen wie eine sich ausbreitende Seuche über die fernen Erhebungen am Horizont. Dieser Aufmarsch schien kein Ende nehmen zu wollen. Hatte der „Unterwerfer“ seine gesamten, in Karukora stationierten Armeeteile aufgeboten, um sie auf diese Menschenjagd zu schicken? Saß er vielleicht selbst auf einem der Kriegsmachmouts an der Spitze des gewaltigen Heerzuges und gab seine Befehle? Warum schoss er mit Kanonenkugeln auf Insekten? Selin konnte es nicht fassen und er bekam trotz der Hitze eine Gänsehaut. Was hatte sein Großvater nur auf dem Zettel geschrieben, den Juel in seinem Auftrag auf der Sitzfläche des Falkenthrons hinterlassen hatte, das den Namenlosen so wütend gemacht hatte, dass er seine Stadt entblößte und seine ganze Armee hinter ihnen herjagte?

Etwas knirschte und danach klirrte ein hohes Geräusch in Selins Ohren. Die Säure hatte sich schneller als erwartet durch die Fugen gefressen und die schwere Glasfliese, die ihren Halt verloren hatte, stürzte einfach nach Innen. Sie fiel polternd und schlug nach ein paar Augenblicken schwer tief unten am Grund des Gebäudes auf. Selin machte einen Schritt nach vorn, um in das entstandene Loch zu blicken, aus dem ein kühler Hauch und abgestandene, überraschenderweise nach Zimmet riechende Luft drangen. Dann ging alles viel zu schnell für ihn. Der Grund unter seinen Füßen war plötzlich nicht mehr stabil. Die Statik der Kuppel, die ganze Zeitalter überdauert und Sandstürmen, Erdbeben und Meteroritenhagel unbeschadet überstanden hatte, war zerstört. Das Gewicht von Selin reichte aus, dass mit einem hässlichen Knacken weitere Fliesen einbrachen. Er schrie entsetzt auf, wollte zurückweichen. Doch seine Reaktion kam zu spät. Plötzlich hatte er keinen Boden mehr unter den Füßen und fiel durch den entstehenden Einsturz in die Tiefe.

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[Fortsetzung der Geschichte am nächsten Freitag …]

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 2)

[Zum 1. Teil]

Der Mann sprach nun englisch und war besser bei der Sache, nachdem Verena entschwebt war. Welkenbaum konnte zusehen, wie sich sein Gehirn einschaltete und er nicht mehr nur mit dem Rückenmark dachte. Etwa vor einer Stunde sei un tedesco dagewesen, der sich nach dem Verleger erkundigt hätte, berichtete er. Dieser Herr, der sich leider nicht vorgestellt habe, hätte sich als ein Freund von Welkenbaum ausgegeben und würde es am späten Nachmittag noch einmal versuchen. Inzwischen jedoch habe er aber etwas dagelassen, das unbedingt in die Hände des Verlegers gelangen müsse.

Der Concierge langte unter den Tisch der Rezeption, kramte ein wenig und schob Welkenbaum anschließend über die polierte Tischplatte ein schwarzes Buch entgegen. Auf dessen Titel war ein seltsames, unbeholfen zentralperspektivisch in warmen Herbsttönen ausgeführtes Gemälde zu sehen, das einen Mann in einer Rüstung zeigte, der gerade dabei war, ein Straußenei mit einem Schwert aufzuschlagen. Vielleicht hatte der Ritter es in dem Ofen, der links von ihm munter brannte, gekocht und wollte es nun verzehren. Hinter einer Mauer waren die Dächer einer mittelalterlichen Stadt zu sehen.

Welkenbaum nahm das Buch in die Hand und entzifferte am ausgestreckten Arm den Titel.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren

Das sagte ihm nichts, aber dafür der Name des Autors um so mehr. Nikolaus Klammer! Das war einer seiner Verlagsautoren; übrigens einer der wenigen, die ihm ein bisschen Geld einbrachten. Gerade eben hatte er an ihn denken müssen. Dieses Buch hier war jedoch nicht bei Welkenbaum erschienen. Das orangefarbene Verlagslogo kannte er nicht. Welkenbaum schüttelte verwirrt den Kopf.

Seltsam, dachte der Verleger. Vielleicht ist dieser „Dr. Geltsamer“ ja ein Frühwerk aus der Zeit vor unserer Zusammenarbeit. Aber Klammer hat nie erwähnt, er hätte vorher anderswo veröffentlicht. Warum bringt er mir dieses Buch bis nach Rom hinterher? Was ist daran so besonders? Ist es gar ein Raubdruck?

Er drehte den schwarzen Band herum. Auf der Rückseite stand ein Spruch von Dostojewski, sonst nichts. Zumindest wurde der große russische Autor als Urheber genannt. Das Zitat selbst war dem belesenen Verleger nicht bekannt.

„Die unverfälschte Wahrheit ist immer unwahrscheinlich … Um die Wahrheit wahrscheinlicher zu machen, muss man ihr unbedingt etwas Lüge beimischen“, entzifferte der Weitsichtige mühsam den etwas verwaschen abgedruckten Text. Er machte sich nicht die Mühe, in seinem Jackett nach einer seiner unzähligen Lesebrillen zu suchen.

Billig produziert!, ging ihm durch den Kopf. Bücher haben heutzutage einfach keine Qualität mehr. Sie werden – wenn überhaupt! -, schlecht lektoriert und billig produziert. Sie sind ein Wegwerfartikel wie Toilettenpapier. Früher, ja, früher, da war man noch stolz auf seine Bibliothek und auf die ledernen Buchrücken. Aber heute? Lesen und runterspülen. Was sind das nur für Zeiten? Vielleicht war das so ein neumodisches Selfpublishing-Ding, , das Klammer heimlich produziert und ihm bisher verschwiegen hatte. Na, den Zahn werde ich ihm aber ziehen. Wir haben schließlich Verträge miteinander.

Welkenbaum bedankte sich abgelenkt und schob das Buch in die ausgeweitete Tasche seines Jacketts. Die ausgestreckte Rechte des Concierge, der auf ein Trinkgeld hoffte, ignorierte er.  Auch wenn er sie nicht bezahlen musste, galt für ihn trotzdem: Wo die Übernachtung über zweihundert Euro kostete, dort gab es keine Almosen mehr. Er hatte es jetzt noch eiliger, zur Bar und zu seinem Bier zu kommen.

Im Aufzug, mit dem er hoch zum Dachgarten fuhr, erklang tatsächlich aus dem Lautsprecher „The Godfather“ von Nino Rota; denn ab und an, dachte er, ist die Wirklichkeit, man mag es glauben oder nicht, noch klischeehafter als die Literatur.

Ein Glas trank er sofort, mit dem zweiten in der Hand stellte sich Welkenbaum erst einmal an die niedrige Mauer der Dachterrasse in den Schatten einer der Kübelpalmen, die zusammen mit lila blühender Bougainvillea und den quadratischen Sonnenschirmen aus hellem Leinen – beinahe in der Farbe seiner Kleidung -, für mediterranes Flair sorgten. Er genoss diesen Moment der Ruhe. Die Aussicht von dem Dach des vollständig mit Efeu eingewachsenen Hotels Raphael war sicherlich großartig. Allein nach Westen in Richtung Tiberschleife und die Engelsburg wurde der Blick ein wenig durch den hoch aufragenden Bau der benachbarten Santa-Maria-del-Pace-Kirche geschmälert, die nur durch die schmale Sackgasse Vicolo della Volpe vom Hotelkomlex getrennt war. In alle anderen Richtungen ging der Blick über die sieben Hügel der ewigen Stadt weit. Scheinbar zum Greifen nah ragte die Kuppel des Petersdoms in die etwas vom Smog verschleierte Luft und dort hinten stand das vom Verkehr umflutete Nationaldenkmal für Viktor Emanuel II., ein Bauwerk aus den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, das Welkenbaum immer an eine überdimensionierte Schreibmaschine erinnerte. Alles wirklich beeindruckend, ja.

Doch der gebürtige Münchener war inzwischen Mitte Sechzig und hatte in seinem Leben so viel gesehen, das er gegen Schönheit und übrigen auch Hässlichkeit ordentlich abgehärtet war. Das war ihm alles gleich; eine Sinne waren in den Jahren abgeschliffen und stumpf geworden. Freilich bedauerte er diesen Zustand, der sich anfühlte, als würde er unter einer langsam erblindenden Käseglocke leben. Zudem war er im Alter nicht nur weit-, sondern auch kurzsichtig geworden. Deshalb verschwamm ihm der Horizont zu einem braunfleckigen impressionistischen Bild. Er hätte die passende Brille im Hotelzimmer gehabt, aber als er am Vormittag mit Verena auf Einkaufstour gegangen war, hatte er sie liegengelassen. Es gab eigentlich nur noch wenige Dinge, der ihn noch wirklich interessierten und aus der selbstgewählten Lethargie seiner zweiten Lebenshälfte reißen konnten. Das war zum einen der Sex mit seiner neuen Freundin, der jedes Mal neu und auf eine andere Weise herausfordernd und aufregend war, und zum anderen selbstredend die Lyrik, sie war ihm seit seiner frühen Jugend treue Begleiterin und Lebenselexier zugleich. Nur wegen deshalb führte er auch weiterhin einen vom Vater geerbten kleinen Verlag, dessen Alltags- und Prosageschäft er längst in die Hände seines Partners Jochen Engold gelegt hatte, der auch als strenger Lektor die Autoren pflegte.

Aber vielleicht sah er alles auch zu düster. Denn da – Gerechtigkeit muss sein! -, waren freilich noch das eiskalte Bier in seiner Hand, das ihm Freude machte, sein Abends genossener alter schottischer Single-Malt-Whiskey von der Isle of Skye, die Golfpartien mit Freunden, Industriellen und Prominenten. Sie waren alle stramme CSU’ler, die wie er selbst in gesetztem Alter aus dem lauten und hektischen München ins Niederbayerische Bäderdreieck geflohen waren, wo sie zumindest Wochenends recht günstig in Villen und alten, renovierten Vierseit-Bauernhöfen residierten, in den warmen Thermalquellen und Kuranlagen die Vielzahl ihrer Wehwehchen behandelten und dem Herrgott den Tag stahlen. Außerdem passierte in den sanften Hügeln und Wäldern zwischen Bad Birnbach und Bad Füssing alles erst zwanzig Jahre später. So irreal es klang, dort wurde noch gefühlt mit der D-Mark bezahlt, es gab noch die DDR, Franz-Josef Strauß war Ministerpräsident und man musste darauf achten, den Mercedes nicht in singende Pilgergruppen zu lenken, die nach Altötting zogen, um dem einzig wahren, weil bayerischen, Papst zu huldigen. Am Wochenende nach Griesbach zu fahren war wie eine Zeitreise. Spätestens hinter Landshut war man in endgültig im Jahr 1980 angekommen.

Welkenbaum nahm einen Schluck von seinem Bier und gestand sich ein, dass er ein weiteres Mal in die Klischeefalle – diesmal in die bayerische -, getappt war. Aber er war eben ein frustrierter Alt-Achtundsechziger und ein Zyniker. Je älter er wurde, um so ausgeprägter zeigte sich dieser Charakterzug. Wenn er heute auf Rom blickte, sah er blutige Gladiatorenkämpfe, einen auf einem Scheiterhaufen brennenden Giordano Bruno, Mussolinis Schwarzhemden, Mafiakorruption, Umweltsünden und einen Verkehrsinfarkt. Aber er sehnte sich nur kurz zurück in die Heimat, wo er manchmal mit dem Bauern vom Nachbardorf durch dessen endlose Maisfelder spazierte und mit ihm über Gott und die Welt dikutierte. Das hieß, eigentlich redete nur er, denn der Bauer war ein schweigsamer Mann.

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[Fortsetzung nächsten Mittwoch]

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 11)

[Zum ersten Teil]

Eine Woche nach dem ruchlosen Anschlag auf meine Person fand ein Einweihungsfest in der neuen Woh­nung des Malers Siegfried Sontheimer statt. Er hatte vor kurzem vor seinen Geschwistern seine innerhalb eines einzigen Tages verstorbe­nen Eltern beerbt und spielte seitdem finanziell in einer anderen Liga. Zu diesem großen gesellschaftlichen Er­eignis war ich schon seit geraumer Zeit eingeladen. Sontheimer war einer der wenigen renommierten Künst­ler der Stadt – vielleicht sogar der einzige. Seine Werke verkauften sich ordentlich; auch im Ausland. Erstaunlicherweise hatte er seinem Heimatort immer die Treue gehalten. Es sei dahin gestellt, ob es aus Bequemlichkeit oder aus tat­sächlicher, unerwiderter Liebe zu diesem Sumpf aus Pfahlbürgerlichkeit, Borniertheit und Inzucht geschah. Obwohl er für seine großformatigen, erotischen Gemälde von weiblichen Brüsten bekannt und berüchtigt war, gestaltete er in der letzten Zeit in der Hauptsache sensible und fragile Skulpturen aus gefaltetem und zerrissenem Kar­ton und setzte sie bei spontanten Kunstveranstaltungen den vier Elemen­ten, also Brand, Feuchtigkeit, Schmutz und Wind, aus. Er wollte, so behauptete er nämlich, mit dieser „alterszornigen Kunst“ einen neuen Weg einschlagen und auf eingängige Weise die Vergänglichkeit allen menschlichen Schaffens demonstrieren. Doch niemand wollte seine feuchten, halb verkokelten Pappen kaufen. Deshalb hat er inzwischen übrigens die Vergeblichkeit sei­nes Hoffens eingesehen und ist er wieder bei seinen drallen Brüsten gelandet, die auch wesentlich leichter ihre zahlungskräftigen Liebhaber finden.

Ich hatte die Einladung zu der Wohnungseinweihung von Sontheimers damaliger Freundin Rosa Sarnet be­kommen, der inzwischen prominenten Schauspielerin,  die flüchtig mit Christine bekannt war. Sontheimer selbst, eine dünne, ausgezehrte, aber sehr dominante Er­scheinung, die sich sehr überheblich und unnahbar gab, kannte ich nur vom Sehen. Übrigens habe ich den großen Künstler an jenem Abend kein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Ich frage mich, ob er überhaupt da war. Da diese Art von Festen erst nach zehn Uhr so langsam interessant zu werden beginnt, verließ ich meine Wohnung um die­se Zeit und schlenderte zu Fuß durch die Stadt. Es war der erste Abend, an dem ich mich wieder unter die Leu­te wagte. Als ich gegen halb elf Uhr in Sontheimers Wohnung ankam, die im Dachgeschoss einer zu einer Wohnanlage umgebauten Fabrik lag und praktisch nur aus einer einzigen gewaltigen Halle mit Galerie bestand, war die Party schon in vollem Gang. Der imposante Saal war bis auf ein paar Stühle und ein bereits arg geplün­dertes Buffet auf einem Tapeziertisch leergeräumt. Trotzdem herrschte drangvolle Enge. Die Masse der versammelten Menschen war nicht mehr zu überschau­en. Alle waren sie gekommen: Die Jeunesse dorée der Stadt (in diesen guten alten Zeiten noch nicht mit Smart­phones, sondern nur mit dunklen Sonnenbrillen ausge­stattet), Journalisten von Zeitung, Radio und unserem frisch gegründeten, regionalen Dilettanten-Fernsehsen­der, Gönner, Kunden und Schüler von Sontheimer, die drei Stadträte der Grünen und einer von der CSU, Hochschuldozenten, Zahnärzte und Rechtsanwälte, Kneipenbesitzer, Manager, Bewunderer, Groupies und gute Freunde, Musiker, Maler, Dichter, Schauspieler und alle, die irgend etwas mit dem Begriff Kunst zu tun hatten oder, sie stellten die Mehrheit, auch nur glaub­ten, es zu tun. Das Sehen und Gesehen werden hatte heute diese wunderlichen Leute, die sich so wichtig nahmen und die nur das vieldeutige Wort „Kultur“ ver­band, in Sontheimers neuer Wohnung zusammenge­führt. Alfons Andernaj winkte mir aus einer Ecke zu. Er wirkte bereits reichlich betrunken.

Der Lärmpegel war an der Schmerzgrenze. Eine Jazzcombo hatte trotz ihrer Verstärker keine Chance gegen das Volksge­murmel. Man frage mich nicht, was sie für eine Musik spielte. Hörbar hob sich allein das schrille Gelächter der Gastgeberin Rosa heraus, die ich, obwohl sie eher klein war, mühelos durch ihr nebelhornartiges Organ finden konn­te.Von der offenen Eingangstür kom­mend bahnte ich mir zuerst einen Weg zu ihr, um mich für die Einla­dung zu bedanken. Dabei stellte ich zufrieden fest, dass viele einen Plastikbecher mit Rotwein oder Sekt in der Hand hielten und wie Alfons bereits im fortgeschrittenen Stadium waren. Meine noch immer von dem Ausschlag ge­röteten Wangen würden nicht sehr auffallen.

Ich wandte mich von Rosa ab, nachdem ich ihr die Hand geschüttelt hatte. Ich denke nicht, dass sie wusste, wer ich war. Dann besorgte ich mir am Buffet ein paar üb­riggebliebene Schwedenhappen und etwas zu trinken. Auf diese Weise bewaffnet, machte ich mich auf die Su­che nach Bekannten. Der erste, auf den ich stieß, nach­dem ich um Werner und seine Gruppe einen großen Bo­gen gemacht hatte, war Mischka Lob. Er unterhielt sich gerade mit dem geheimnisumwitterten Dr. Nikolaus Klammer, einem etwas unheimlichen und spöttischen älteren Beamten, der auf keiner kulturellen Veranstal­tung fehlte und eine kaum fassbare Allgemeinbildung besaß. Obwohl er ihm nicht ähnlich sah, erinnert er mich immer in seinem makellosen, dabei maskenhaften Auftreten an den japanischen Dichter Yukio Mishima. Mischka entdekchte mich, winkte mich heran und zog mich begeistert gerade in das Gespräch, das ich hatte vermeiden wollen.

»Hallo, Georg. Schön, dich mal wieder zu sehen. Niko­laus und ich sprachen gerade über Jonas Nix. Kennt ihr euch eigentlich?«, fragte Mischka und tätschelte leicht meine Wange. Wenn er es mit jungen Männern zu tun hatte, konnte er es nie unterlassen, in geradezu traum­vergessener Unschuld an ihnen herumzutätscheln. Er runzelte die Stirn, als er die neuen Narben an meinem Kinn sah, besaß aber das Feingefühl, über meine Verun­staltungen hinwegzusehen. Er zeigte auf mich.

»Nikki, das ist ein junger Kollege von mir: Georg Hauser. Er ist zwar in der Hauptsache Maler, aber er schreibt ab und an für Werner …«

»Wir sind uns schon einmal begegnet«, unterbrach ihn der gut gekleidete Klammer reserviert und musterte mich geringschätzig mit seinem irritierenden Blick.

»Hast du mich am Samstag gehört, Schorsch? Wie war ich?«, warf Mischka ein. Das hatte ich befürchtet; seine Eitelkeit zwang ihn zu dieser Frage. Ich nahm schnell ei­nen Schluck von meinem Wein, der übrigens billig und essigsauer schmeckte, und nickte beiläufig. Leugnen hat­te keinen Sinn, da ich sonst seine Kritik, die er immer auswendig konnte, noch einmal – sozusagen als Privat­vorstellung –, hätte genießen dürfen. Ich hoffte, ihm würde ein unverbindliches »Nicht übel …« genügen, aber ich hatte nicht mit Klammer gerechnet. Er liebte es, seine Mitmenschen aufeinander zu hetzen. Selbstver­ständlich hatte er die letzte Ausgabe von Werners Zei­tung gelesen.

»Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben? Sie enttäu­schen mich. In Ihrer im übrigen nicht einmal schlecht geschriebenen, wenngleich etwas zu emotionalen Kritik waren Sie doch ein wenig gesprächiger. Sie gingen nicht eben freundlich mit unserem neuen Stern um … Sind Sie da nicht ein wenig zu weit gegangen, Georg? Verges­sen Sie nicht: Es ist außerordentlich selten, eine Überein­stimmung zwischen dem Talent und dem Charakter zu finden. Von den Fähigkeiten dürfen wir nicht auf den Menschen selbst schließen. Das Talent ist bei den Män­nern eben das, was die Schönheit bei den Frauen ist: Nicht mehr als ein Versprechen. Honi soit, qui mal y pen­se. Das sollte Sie jedoch nicht von Ihrem Weg als Au­tor abbringen, denn geben wir es zu: Malen können Sie ja nicht. Nun, ich denke, es gibt Leute, die von ihren Fehlern wie andere von ihren guten Eigenschaften gefördert werden«, stell­te Klammer hochnäsig fest und servierte dazu ein Lä­cheln, das man ohne Übertreibung diabolisch nennen konnte.

Ich versuchte ihn zu verstehen und seinen labyrinthischen Gedankengängen zu folgen. Aber bis ich mir eine halbwegs intelligent klingende Antwort überlegt hatte, hatte Klammer mich bereits mit Mischka stehen gelassen und bahnte sich bedächtig einen Weg durch die Menge. Ich sah ihm hinterher und wunderte mich mal wieder, war­um dieser Mann nicht in die Politik gegangen war.

Was sollte ich nun Mischka erzählen? Obwohl ich in die Enge getrieben war, hätte ich mich noch schnell auf die Seite der Bewunderer des Malers stellen und damit vie­len Schwierigkeiten aus dem Weg gehen können. Da mein Interview mit Nix vor dessen plötzlichem Ruhm entstanden war, hatte es außer dem Allesleser Klammer wahrscheinlich kaum jemand gelesen. Es wäre mir in diesem Moment sicherlich möglich gewesen, ohne Imageverlust einen taktischen Rückzug zu machen und mich mit einem Gesinnungswandel aus der Affäre zu ziehen. Gleichzeitig war mir bewusst, wie charakterlos solch ein Frontenwechsel war. Auf diese Weise wurde niemandem außer mir selbst geholfen. Deshalb legte ich Mischka mit kurzen Worten dar, wie wenig ich von der Meinung aller in diesem Fall hielt und warum das so war. Während ich sprach, rutschten die Mundwinkel des Radiokritikers mit jedem Satz von mir tiefer. Fast tat er mir leid, er machte den Eindruck eines abgekanzelten Schülers. Nachdem ich meine Kritik an Nix ausführlich darge­legt hatte, machte ich mich auf eine heftige Gegenwehr des Kritikers gefasst und sammelte weitere Argumente. Aber er schüttelte nur verwundert den Kopf.

[Fortsetzung am nächsten Montag …]

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 10 – Teil 1)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

10. Kapitel
Der Weg, der in den Tag führt

Selin wischte die dünne Sandschicht beiseite, die der nächtliche Sturm auf das kuppelförmige Gebäude geweht hatte, das sich hier am nördlichen Rand der Ebenen wenige Fuß über die Dünen hinaus erhob, dessen Boden aber viel, viel tiefer unter dem Wüstenstaub begraben liegen musste. Er hustete und schob sich seinen schützenden Schal vor Nase und Mund. Dann sah er zurück zu Semira, die etwas unter ihm kauerte. Wie auch Selin trug sie die weite, wallende Kleidung der Wüstenwanderer und es war kaum zu erkennen, dass sich unter ihr eine junge, schlanke Frau verbarg. Der junge Mann winkte ihr zu und sie kam vorsichtig näher, achtete darauf, beim Höhersteigen in die Fußstapfen ihres Freundes zu treten.

»Da, schau, Juel hat sich nicht getäuscht.« Selin deutete auf eine leicht gewölbte Glaskachel, die er gerade vom Sand befreit hatte. »Das ist wirklich ein Gebäude der Vorgänger und wir stehen auf dem Dach.«

Er beugte sich weiter herab und versuchte vergebens, durch das dicke Glas ins Innere zu spähen, doch die Oberseite der Kachel war von den Jahrtausenden, in denen sie ungeschützt der Wüste ausgesetzt war, vom Sand trübe geschliffen und zerkratzt. Es gelang ihm nicht, in der Finsternis unter dem Glas etwas zu erkennen. Er zuckte mit den Schultern und stand auf.

»Ich weiß wirklich nicht, woher er das weiß, aber wenn das tatsächlich der uralte Bahnhof ist, von dem Juel sprach, von dem aus der URS in Richtung Paradis fährt … Dann frage ich mich, wie wir in ihn hineingelangen können.«

«Vielleicht weiß ja Adelph einen Weg. Der Mönch behauptet doch, er könne durch Wände sehen«, erwiderte Semira und stellte sich neben ihren Freund.
Die beiden standen fast am höchsten Punkt der im Sand versunkenen und von einer Düne halb begrabenen im Durchmesser sicherlich fünfhundert Fuß breiten und etwa achtzig Fuß über die Wüste hinausragenden Kuppel. Da die Umgebung hier am Rand der Schlachtfelder des Ewigen Krieges hüglig anstieg, konnten sie viele Meilen in die Tote Wüste hineinblicken. Obwohl der Nachmittag schon fortgeschritten war, stand die Sonne noch strahlend im Südwesten und sandte erbarmungslos ihre Hitze herab, die die Luft über dem Sand zum Flimmern brachte und jeden Atemzug zu einer brennenden Qual werden ließ, jeden Schritt zu einem Kampf. Im Rücken der beiden, hinter der Hügelkrone, breiteten sich die legendären Ebenen aus, auf denen in jeder Nacht die Golem-Armeen kämpften, von denen jeder Einwohner Karakoras schon gehört, die aber nur die Wagemutigsten und Tollkühnsten unter ihnen jemals zu Gesicht bekommen hatten. Auch Semira und Selin wussten nicht, wie es hinter dem Hügel, der ihnen die Sicht in die östliche Richtung versperrte, aussah.

»Da, schau!« Semiras scharfe Augen hatten weit im Westen knapp über dem Horizont eine Bewegung ausgemacht und sie machte Selin darauf aufmerksam. Er kniff die Augen zusammen. Richtig, dort war plötzlich eine Staubwolke aufgetaucht, die langsam höher stieg und breiter wurde. Selins Mundhöhle wurde noch trockener, als sie dies durch den vielen Sand, den er geschluckt hatte, bereits schon war.

»Was ist das – etwa schon wieder ein Sandsturm?«

»Ich glaube nicht. Da kommt etwas anderes auf uns zu. Ich hoffe …«, erwiderte Selin und holte aus seiner ledernen Schultertasche, in der er einige der nützlichen Vorgängergerätschaften aus Juels Kaufmannswagen mit sich trug, ein kleines Fernglas uns spähte in die Richtung, in der der aufgewirbelte Staub über dem Horizont lag. Die beiden Okulare waren Vorgänger-Techné und summten leise, als sich ihre Linsen scharf stellten und die Ferne fast greifbar nah heranholten. Kein zeitgenössischer Linsenschleifer war in der Lage, solch ein präzises Instrument mit einer solch starken Vergrößerung herzustellen. Selin fragte sich erneut, wie das Fernglas und andere Dinge, die Juel während ihrer mühseligen Reise durch die Tote Wüste immer wieder hervorgekramt hatte, in den Besitz des gewitzten Meisterdiebs gelangt waren. Dann erkannte er, was er dort in weiter Ferne sah und sein Mund klappte nach unten.

»Unsere Verfolger haben uns eingeholt«, sagte er heiser, »spätestens morgen Abend werden sie hier sein. Da, schau selbst …«

Er reichte das Fernglas an Semira weiter, die beim Hindurchsehen ein nicht gerade mädchenhaftes wendisches Schimpfwort durch die Zähne stieß.

»AsQ‘atak kjet‘Ba! Das müssen ja tausende Soldaten sein!«, stellte sie fassungslos fest.

»Ja, es scheint, als würde uns die gesamte Armee der Treuwächter des Namenlosen jagen.«

Die fernen Dünen am Horizont waren schwarz von einer riesigen Kolonne Soldaten und Streitwägen, die in lockerer Marschformation langsam in ihre Richtung kamen. An der Spitze stapfte ein Dutzend großer Tiere durch den Sand.

»Der „Unterwerfer“ hat sogar seine Kriegs-Machmouts dabei! Was für ein Aufwand, um eine Handvoll Flüchtlinge zu jagen«, staunte Semira, die fasziniert auf die Ameisenarmee starrte, die die fernen Hügel überschwemmte.

»Unglaublich. Wenn es dich so furchtbar wäre, müssten wir uns geschmeichelt fühlen. Augenblick …« Selin hatte etwas Beunruhigendes entdeckt und nahm seiner Freundin das Fernglas aus der Hand. Er fixiert einen Punkt, der der Kuppel viel näher als die Kolonne des Namenlosen war. Nun war er es, der einen derben Fluch ausspuckte.

»Beim Thsaq‘r der Allerbarmerin!«, rief er und deutete nach vorn. »Dort hinten, gar nicht mehr weit vom Lager entfernt, treibt sich ein Trupp der Treuwacht herum. Wie haben wir die bisher übersehen können? Das müssen Späher sein und wenn sie sich in ihrer Richtung weiterbewegen, werden sie noch vor Sonnenuntergang auf uns stoßen. Das müssen um die zwanzig Soldaten sein. Gegen diese Übermacht hätten wir keine Chance. Wir müssen die anderen auf der Stelle warnen.«

Semira runzelte die Stirn.

»Und was ist mit dieser Kuppel? Wenn wir keinen Eingang in sie hineinfinden, dann werden wir ihnen nicht entkommen können.«

»Du hast recht«, überlegte Selin. »Wir werden uns trennen, das ist das Beste. Du warnst unsere Freunde vor dem Spähtrupp. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, sich vor ihnen zu verbergen. Ich werde inzwischen – wie wir ursprünglich vorhatten -, versuchen, ins Innere des Gebäudes zu gelangen und es dort aus zu öffnen.«

Das Mädchen nahm die Hand ihres Freundes und drückte sie.

»Ist das wirklich eine gute Idee? Du wirst allein sein und du weißt nicht, was dich dort unten erwartet.«

Selin nahm seinen Schal vom Gesicht.

»Es ist das einzige, was mir einfällt. Und in der Kuppel sollte es seit dreitausend Jahren nichts Lebendiges mehr geben.«

»Es sind nicht die Lebenden, die ich fürchte …«, erwiderte Semira. Ihr fiel Sahars grausame Geschichte von den gefährlichen Golemen und dem unheimlichen Untoten aus der Zeit der Vorgänger ein. Sie presste sich an Selin. Sie hatte für ihn ihr ganzes Leben geopfert und die Vorstellung, ihn zu verlieren, war grausam. Am Liebsten hätte sie ihn nie mehr losgelassen. Der junge Mann las in ihren tränenfeuchten Augen und schluckte, zog sie ungestüm an sich. Seit Semira sich entschlossen hatte, ihre Eltern und Karukora mit ihm zu verlassen, was für ein Mädchen aus gutem Hause den völligen Ruin und für ihre Familie eine nicht wieder gutzumachende Schande und gesellschaftliche Isolation bedeutete, war aus der Verliebtheit ihrer eher spielerischen als ernstzunehmenden Zuneigung eine tiefe Liebe geworden, deren Feuer mit jedem Tag und jeder gemeinsam verbrachten Nacht heller und heißer brannte. Die beiden küssten sich und für einen kurzen Moment war alles vergessen: Die Tote Wüste, die Soldaten des Namenlosen, selbst Pardais; von dem die beiden eh nicht träumten, weil sie ihr persönliches Pardais längst beieinander in den Armen des anderen gefunden hatten.

»Möge die Allerbarmende dir ihren Segen geben und dich begleiten und beschützen«, flüsterte Semira nach einer Weile und machte sich widerstrebend von ihm los. »Ich eile zu unserem Lager und führe dann alle hierher. Ich will dich gesund wiedersehen.«

»Das verspreche ich dir.«

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[Hier geht es weiter …]

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 1)

UND DIES WAR GESCHEHEN

Karl-Heinz Welkenbaum schüttelte den Kopf. Durch die drei Fettwülste seines Doppelkinns wurde daraus ein sanftes Wiegen. Er spürte, wie ihm die Körpersäfte aus allen Poren drangen und als Sturzbach den Rücken hinunter rannen. Sicherlich bildeten sie schon eine breite, dunkle Linie auf seinem leichten, hellen Jackett. Er fragte sich zum wiederholten Mal, wie es diese Römer fertigbrachten, so ameisenemsig in ihrer staubtrockenen, rostig-braunen und hoffnungslos überfüllten Stadt zu leben, in der es schon im Frühsommer unerträglich heiß war. Da lobte er sich doch sein heimatliches Bayernland, wo von einem weiß-blauen Osterhimmel eines sanfte, gütige Sonne herablachte und der Löwenzahn auf den saftigen Kuhweiden blühte.

Welkenbaum nahm den Strohhut vom Kopf, benutzte ihn als Fächer und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn, während er dem Portier des Hotels Raphael bedeutete, die gläserne Eingangstür offen zu halten. Er konnte bereits die herrliche Kühle spüren, die ihm aus dem klimatisierten Foyer der Nobelherberge entgegen wehte und dabei seine beige Leinenhose bauschte. Jetzt noch ein kühles Getränk – die an der Dachbar ausgeschenkte Maisplörre verdiente zwar kaum den Namen „Bier“, war aber, wenn eiskalt, durchaus trinkbar -, dann war er nach dem schier endlos langen, vormittäglichen Einkaufsbummel, der, wenn es einen gerechten Gott gab, sicherlich seiner Zeit im Fegefeuer angerechnet wurde, wieder mit sich und der Welt versöhnt. Gut, dass in der Vorsaison auch die Filialen der großen Läden ab 13:30 Uhr eine lange Mittagspause einlegten, weil Verena sonst bis in die Nacht hinein geshoppt hätte. Der Münchener Verleger stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch und hätte es keine fünf Minuten länger in den stickigen und von Menschenmassen überschwemmten Gassen und Geschäften ausgehalten.

Er sah zu seiner neuen Freundin zurück. Wo blieb sie denn? Sie verhandelte noch immer gestenreich mit dem Taxifahrer, der fast unter einem Berg von Taschen und Kartons verschwand, die er vom Rücksitz und dem Kofferraum seines weißen Fiat geholt hatte und nun quer über den breiten Bürgersteig vor dem Hotel auf den Eingang zu jonglierte. Währenddessen stolzierte die seit ihrem gestrigen Friseurbesuch wasserstoffblonde Verena auf hohen Designerpumps neben ihm her und trug ein winziges Pratesi-Handtäschchen und eine kleine Papiertüte aus einer Parfümerie in den Händen, die sie im geschmeidigen Takt ihrer Bewegungen schlenkerte. Passanten drehten sich nach der jungen Frau im kurzen, roten Sommerkleid um und pfiffen ihr hinterher. Eine Vespa, auf der zwei typische römische Ragazzi hockten, fuhr langsam über den Platz vor dem Hotel. Beide machten mit ihren Smartphones Schnappschüsse von ihr.

Was für eine Frau!, dachte Welkenbaum voller Besitzerstolz. Er fühlte sich durch die Szene an einen alten Hollywood-Film erinnert und genoss für einen Moment das Banale und Klischeehafte der Situation:

Da war Verena Salva, seine im Verhältnis zu seinen eigenen Lebensjahren blutjunge und sehr attraktive Geliebte. Sie hatte das halbe Viertel leer gekauft. Ihre Anschaffungen trug ihr ein sichtlich überforderter, wie ein ermüdeter Atlas unter dem Gewicht der Pakete schwankender Chauffeur, den sie wie ihren persönlichen Diener behandelte, in die todschicke Fünf-Sterne-Unterkunft, in der das Paar in der Präsidentensuite hoch über den Dächern der Ewigen Stadt logierte. Und da war er selbst, der dicke, unansehnliche, aber reiche und geschmackssichere Verleger, der ihr Vater hätte sein können und mit ihr gerade einen zweiten – oder dritten – Frühling erlebte. Er hatte überall brav seine Platin-Kreditkarte gezückt und hielt ihr nun gemeinsam mit dem Portier die Türen auf, damit Verena die Beute ihres Raubzuges in Sicherheit bringen konnte. Fehlte nur noch, dass im Aufzug Tea for two gespielt wurde und nicht den eisernen Gesetzen einer Endlosschleife gehorchend zum dritten Mal an diesem Tag das Thema von „Der Pate“ -, das dem Verleger, wenn er es sich recht überlegte, allerdings auch ganz passend erschien, da er sich schmeichelte, durchaus Ähnlichkeiten mit dem aufgequollenen Marlon Brando der späten Jahre aufzuweisen: Beiger Leinenanzug, Strohhut, schütteres Haar, schleppende, nuschelnde Aussprache, wulstige Lippen, Überbiss und ein sarkastischer Blick.

Doch wie das mit Klischees so war, sie hielten der Wirklichkeit selten stand. Das war zwar alles so, aber doch auch ein wenig anders; viel weniger glamourös. In der Bayerischen Heimat wurde gerade eine Kalt- und Schlechtwetterfront aus nordwestlicher Richtung erwartet, der Ausläufer eines atlantischen Sturmtiefs, das sich mit viel Regen und Frostgefahr bis in die tiefen Lagen näherte. Die Löwenzahnwiesen, von denen Welkenbaum träumte, waren längst überall, auch in der Nähe seiner Villa in Bad Griesbach, Opfer der Unkrautvernichtungsmittel und bittergelben Raps-Monokulturen gewichen, deren aggressive Leuchtfarbe bei ihm Kopfschmerzen verursachte. Denn der Verleger besaß keine Platin-Kreditkarte – nicht einmal eine goldene -, und war nicht so reich, um seine Freundin mit italienischer Designermode auszustaffieren und sich einfach so ein verlängertes Osterwochenende in einer von Roms Nobelhotels leisten zu können. Er verdankte das durchschnittlich große Zimmer im 2. Stock, dessen Fenster in den Innenhof auf die Parkplätze zeigte, der freundlichen Einladung eines Freundes, seines Verlegerkollegen Ugo Tozzini. Verena hatte den Großteil ihres Einkaufs von ihrem eigenen Geld bezahlt, dessen munter sprudelnde Quelle Welkenbaum unbekannt war, denn sie arbeitete nicht. Dies war eines ihrer Geheimnisse, auf deren Wahrung sie sehr viel Wert legte. Verena war auch bei Weitem nicht so jung, wie sie aussah; doch ihr wirkliches Alter verriet sie nicht. Was nun endlich Marlon Brando anging: Diese Ähnlichkeit hatte nur einmal eine Topless-Tänzerin in der Augsburger Apollo-Bar entdeckt, in der er sich einmal mit Nikolaus Klammer getroffen hatte. Diese Übereinstimmung war der Frau aus Osteuropa aber erst aufgefallen, nachdem der Verleger ein paar Flaschen Champagner spendiert hatte, um seinen schreckensstarr und stocksteif am Tisch sitzenden Autor aufzumuntern, der sich so wohlfühlte wie ein Goldfisch in einem Piranha-Becken.

Aber wie er nun unnachahmlich seine Worte dehnte, als er den Concierge an der Rezeption in seinem holprigen Italienisch um die Zimmercard bat, das hatte doch etwas von Cosa Nostra und dem Paten, fand Welkenbaum.

Posso … avere la chiave della … uh, 239, per favore?“, fragte er, während Verena zusammen mit dem keuchenden Taxifahrer neben ihn trat. Hoffentlich bekam der arme Mann keine Herzattacke.

Ma come, Signore.

Der Mann am Empfang, ein braungebrannter und ölig schwarzhaariger Macho aus dem Bilderbuch, achtete jedoch kaum auf den dicken Verleger. Sein Blick lag sehnsüchtig auf dem großzügigen Ausschnitt von Verenas Kleid und verweilte dort. Eine kleine Pause entstand. Welkenbaum kniff die Augen zusammen und entzifferte das Namenschild, das der Hotelangestellte auf seiner weinroten Weste trug.

„Andrea. Was habe ich dir denn bloß getan, dass du mich so respektlos behandelst?“, murmelte er stirnrunzelnd auf deutsch und hob sich seine zu einer Klaue geformte Rechte an die Unterlippe. Er weckte den Mann aus seiner Starre.

Scusami?

Welkenbaum wiederholte seinen Wunsch auf Englisch, das er noch schlechter als Italienisch sprach. Aber diesmal wurde ihm gehorcht. Andrea sah endlich widerstrebend auf und griff hinter sich in die Ablage.

Che cosa hai detto? Camera 239?“ Er reichte die Karte über den Tisch.

„Welki!“, rief Verena und schnappte sich sofort die Schlüsselkarte aus der Hand ihres Freundes. „Ich muss sofort und auf der Stelle duschen. Regle du das mit dem Tassista, bitte.“

Der Verleger verbeugte sich, während der Taxifahrer erleichtert die Pakete zu Boden fallen ließ.

„Ist recht, mein Engel. Ich werde noch ein wenig an die Bar gehen und komme dann später nach.“

„Trinke nicht zu viel. Du weißt, du sollst an deinen Blutdruck denken. Und bleibe nicht allzu lange weg. Du hast hoffentlich nicht vergessen, dass wir uns heute Abend mit Roman Geitania und seiner netten Gattin Mercedes treffen wollen und vorher möchte ich mir noch unbedingt den Vatikan ansehen.“

Verena winkte einem der Pagen, der die Rolle des Trägers übernahm und mit ihr in Richtung der Aufzüge ging. Welkenbaum bezahlte ohne Murren die unverschämt hohe Rechnung des Chauffeurs. Er wusste, dass alle Taxifahrer Roms Gauner waren und hatte keine Lust auf langwierige, aber erfolglose Verhandlungen. Er wollte ebenfalls zu den Aufzügen, als ihn der Concierge noch einmal aufhielt.

One moment please, Mr Welkenbaum, i have something for you.

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[Zum 2. Teil]

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 10)

[Zum ersten Teil]

Ich schlich frierend auf einem dunklen und einsamen Seitenweg nach Hause und war nun froh, dass Christine gerade in Regensburg war, denn ich hätte sie im mei­nem Zustand zu Tode erschreckt. Die Winterjacke und mein Hemd konnte ich wegschmeißen; aber das war zu verkraften. Schlimmer wogen die Stigmata auf meiner Haut und mein angekratztes Selbstbild. Ich beschäftigte mich zwei Stunden damit, mich zu säubern, aber die Farbe aus den Spraydosen hielt gut. Meine Angreifer hatten für ihren Anschlag auf mich Qualitätsware eingekauft. Ich scheuerte mir mit einem rohen Waschschwamm die Haut wund und blieb unverändert rot und blau. Entmutigt stieg ich ins Bett und verschob weitere Säuberungsversuche auf den folgenden Tag.

Am nächsten Morgen waren meine Reinigungsunter­nehmungen kaum erfolgreicher. Die Farben wurden durch den Einsatz von Terpentin und Lösungsmit­teln, die ja ich als Maler zur Genüge zuhause hatte, heller. Allerdings holte ich mir eine schrecklich juckende Aller­gie. Ich entschloss mich, so lange unsichtbar zu bleiben, bis mit der Zeit mein Aussatz von allein verschwinden wür­de. Das war sicher das Beste. Ich rief in dem Lokal an, in dem ich arbeitete und ließ mir eine Woche unbezahlten Urlaub geben. Ich ging kein einziges Mal auf die Straße. Es war eine harte Zeit. Ich hungerte, weil mein Kühlschrank leer war und die Nächte machte mir mein nässen­der Hautausschlag zu einer wahren Hölle.

Die beiden Kerle, die mich angegriffen hatten, waren mit Sicherheit im Freundes- und Bewundererkreis von Nix zu finden. Mein kritischer Artikel über ihn musste sie zu diesem Überfall veranlasst haben, der mich an SA-Methoden erinnerte. Wenn ich auch nicht glauben konnte, dass der Maler für diesen Anschlag verantwortlich zeichnete, so blieb doch die Frage, wie er zu solch einer Anhänger­schaft gekommen war, deren Fanatismus mir schon vor Jahren bei der Schulausstellung, die ich anfangs erwähnte, unangenehm aufgefallen war. Was auch immer an seinem Wesen diese Gefolgsleute so bedin­gungslos auf seine Seite gezogen hatte: Ich war diesem Charakterzug von ihm noch nicht begegnet und konnte ihre Begeisterung und ihr Sendungsbewusstsein, das nicht vor Gewalt zurückschreckte, nicht nachvollziehen.

Wegen meines selbstgewählten Exillebens versäumte ich es denn auch, an Nix‘ Vernissage teilzunehmen und als Augenzeuge seinen überwältigenden Triumph mitzuerleben. Ich hatte keine Einladung von ihm erhalten, wie ich es ursprünglich erwartet hatte. Aber es bei einer Ver­anstaltung dieser Art wäre es kein Problem gewesen, sich den­noch unauffällig einzuschleichen und mit einem Sektglas in der Hand unters Volk zu mischen. Weil ich also zuhause bleiben und leiden musste, bekam ich über die Ausstellung nur In­formationen aus zweiter Hand und die waren erstaun­lich genug: Ich hatte nie vermutet, wie allein ich mit meiner kritischen Einschätzung der Kunst von Nix stand. Ob­wohl sich die Süddeutsche mit einem kleinen positiven Artikel, der sich an der Pressemitteilung ori­entierte, begnügte, machte unsere Tageszeitung einen beachtlichen Rummel um die Ausstellung, die Feuille­tonseite war voll der lobenden Kritik und zeigte dazu ein großformatiges Foto, das Nix und Dr. Arno Pauli zeigte, die sich vor einem nur verwaschen erkennbaren Objekt freundlich die Hände schüttelten. In dem breit aufge­machten Artikel stand in ehrfurchtsvollen Worten viel von gelungener Nachwuchsförderung und einem be­deutenden Talent, das – was ja heute selten sei –, allen etwas zu sagen habe. Nix packe eine Botschaft in seine Bilder, die in ihrer Dringlichkeit jeden angehen und berüh­ren müsse. Er wurde mit André Masson und vor allem mit Francis Bacon in eine Reihe gestellt. Das waren frei­lich lächerliche Vergleiche, die nur die Dummheit des Chefkritikers unseres Provinzblattes manifestierten; Verglei­che, die ich allerdings in der folgenden Zeit noch häufi­g zu hören bekam. Einer schreibt vom anderen ab; so ist die Journaille eben.

Ich war bestürzt. Ausgerechnet unser konservati­ves, niveauloses Tagesblatt lobte diese nekrophilen Werke in den Himmel. Das erschien mir unglaublich. Wenn hier keine Bestechung im Spiel war, dann hatte der Kunst­kritiker in den letzten Tagen ein kaum fassliches Da­maskuserlebnis gehabt, das aus einem Saulus, bei dem die wahre Kunst mit der Klassischen Moderne endete, einen Paulus der jungen Wilden gemacht hatte.

Gespannt wartete ich auf die Sendung des Kritikers un­seres Lokalfunks Radio Power-One, auf dessen fundierte und geradlinige Kommentare ich große Stücke hielt. Ich hatte den gut fünfzigjährigen Mischka Lob als einen bissig-resignierten und dabei überaus charmanten Mann ken­nengelernt, der seine Meinungen exakt und ehrlich von sich gab. Seine Rundfunkauftritte waren nur ein halb eh­renamtlicher Nebenberuf, den er mit Freude und Sach­kenntnis ausfüllte. Womit er in Wirklichkeit seine Bröt­chen verdiente, habe ich nie so genau verstanden, er war selbständig und hatte etwas mit verwirrenden Exportge­schäften zu tun, bei denen er allerdings einen guten Schnitt zu machen schien. Man sah ihn häufig in der Stadt in der Begleitung von etwas halbseiden wirken­den Ausländern in schlecht geschnittenen Anzügen. Ich muss zugeben, ich bewunderte am meisten die Großzügigkeit, mit der er sein Geld unter seinen Bekannten verteilte. Nur aus diesem Grund war auch seine latente und widerwärtige Päderastie zu ertragen; er hatte ständig ein paar hübsche, kunstsinnige und kaum der Pubertät entwachsene Jünglinge um sich, die er aushielt; in allen Ehren, versteht sich. Er hatte sich bei seinen kleinen Ver­gnügungen vollständig unter Kontrolle.

Doch auch Lobs von zwei unsäglichen Hip-Hop-Titeln zerrissener Kommentar über die Vernissage von Nix – sein Musikgeschmack war unterirdisch -, war eine unverhohlen bewundernde Eloge auf einen großen Künstler, wie er in den Jahren seiner Tätigkeit als Kunstbeobachter in dieser Stadt noch keinem begegnet sei. Entgegen seiner gewohnten Sachlichkeit verlor er sich in Superlativen, die aus Nix einen Halbgott der modernen Kunst machten. Es war nicht zu glauben: Er­kannte denn niemand außer mir, dass sich Nix zwar zweifellos auf dem richtigen Weg befand, ein bedeuten­der Maler zu werden, er aber noch völlig unfertig war? Eine Larve gewissermaßen? Nix‘ eigenen Ideen wurden von, ich muss es zugeben, geschickt gesetzten Fremdzi­taten zugedeckt und seine großbürgerliche Lebensfüh­rung behinderte ihn daran, sich zu entwickeln. Konnte ich mich in meiner Einschätzung derart täuschen oder waren die anderen plötzlich von Blindheit geschlagen, von seinem handwerklichen Können geblendet? Oder war hier Bestechung im Spiel?

Zumin­dest glaubte ich nach diesen beiden Kritiken verstehen zu können, warum die Werke des Malers zu wütenden Stellung­nahmen herausforderten und starke Gefühle, ja, Aggressionen in den Menschen weckten, die sie nicht ein­mal davor zurückschrecken ließen, gegen vermeintliche Geg­ner mit Gewalt vorzugehen. Den Beweis dafür hatte ich, wenn ich mein entzündetes und aufgeschwollenes Ge­sicht im Spiegel betrachtete.

Doch es sollte noch schlimmer für mich kommen: Nach­dem die wichtigsten Kritiken veröffentlicht waren und nur die meine in der negativen Waagschale lag, rief mich Werner an, um mich zu einem persönlichen Ge­spräch in die Redaktion zu bestellen. Da ich aus den be­kannten Gründen ablehnen musste, in den nächsten Ta­gen aus dem Haus zu gehen, entschloss er sich – wie er es formulierte -, schwe­ren Herzens, mir dann eben jetzt am Telefon mitzuteilen, dass sich die Zeitschrift vorläu­fig von mir und meiner Mitarbeit trennen müsse.

»Oh, Georg, du musst es mir glauben«, führte er aus, »ich habe um dich und damit um die Meinungsvielfalt meines Blattes gekämpft, beide sind mir ein unbeding­tes Anliegen. Übrigens hat mir auch der betont kämpfe­rische Stil deines Artikels gefallen, obwohl ich keines­wegs mit deinen Schlussfolgerungen übereinstimme. Aber, du weißt ja, wie das ist … Ich habe mehrere barsche Rügen von Seiten der Anzeigenkunden wegen meiner eklatanten Fehleinschätzung des Zeitgeistes erhalten – allen voran vom PR-Chef von Follia. Der hat mich gekreuzigt. Deshalb sehe ich mich bedauerlicherweise gezwungen, einen Schnitt zu machen.«

Das saß.

»Diese Trennung ist selbstverständlich keine endgültige. Wir sind viel zu gute Freunde dazu. Du hast immer noch eine toller Schreibe, Georg. Du kannst mir auch weiterhin, selbstverständlich vollkommen unverbindlich, deine Arti­kel und Kritiken zusenden, die ich, wenn sie dem Niveau meiner Zeitschrift entsprechen, mit Vergnügen unter einem neuen Pseudonym veröffentli­chen würde. Überlege dir das mal in Ruhe. Und ruf mich nicht an. Ich melde mich.«

Da ich vergeblich um die wenige Fassung rang, die mir noch geblieben war, wusste ich nichts zu entgegnen. Unser Telefongespräch endete mit einem verwirrten Stottern von uns beiden, das in ein peinliches Schwei­gen mündete; bis dann endlich Werner den Mut fand, die Verbindung zu unterbrechen. Ich hatte keinerlei Handhabe gegen seine Entscheidung, im Gegenteil: Da ich nur ein freier Mitarbeiter war, musste ich Werner dankbar sein, dass er mir seinen Entschluss, mit dem ich immer hatte rechnen müssen, persönlich mitgeteilt hat­te. Trotzdem war mir, als würde mir abrupt der Boden unter den Füßen weggezogen. Damit versiegte nicht nur eine wichtige Erwerbsquelle. Es war die Ablehnung, die mich zutieft verletzte. Da mein seelischer Zustand im Mo­ment mehr als labil war, hatte ich einen schweren Anfall von Verfolgungswahn. Ich fühlte ich mich als das un­schuldige Opfer einer Verschwörung, die Nix oder sein Onkel, der Kulturreferent, angezettelt hatten, um mich zu vernichten.

In der abgeschlossenen Einsamkeit meiner Wohnung suhlte ich mich in der scheußlichsten Depression, die ich je hatte.

[Zum 11. Teil …]

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Neuerscheinungen 2018

In der nächsten Woche kehrt hier der Alltag wieder zurück. Ich werde in leichtverdaulichen, wöchentlich erscheinenden Häppchen (1) die Vorveröffentlichung der Romane, die ich in diesem Jahr veröffentlichen will, fortsetzen. Für mich sind diese noch unredigierten und nicht korrigierten „Beta-Versionen“ meiner Texte aus zwei Gründen wichtig: Zum einen zwingt mich der strenge Wochenrhythmus, konzentriert an den Werken weiterzuarbeiten, zm anderen merze ich auf diese Weise sehr viele Flüchtigkeitsfehler aus und erstelle ganz nebenzu die Druckversion für die Veröffentlichung. Ich weiß, dass diese „Fortsetzungsromane“ in diesem allzu flüchtigen und vergesslichen Medium kaum oder gar nicht gelesen werden, aber der Blog hat längst den Anspruch verloren, Leser mit netten, unterhaltenden Geschichten aus meinem Alltag und meinen Weisheiten über die Literatur und die Welt im Allgemeinen anzulocken. (2)

Der Blog „Aber ein Traum“ dient mir inzwischen als erweiterter Schreibtisch; als Fortsetzung meiner Autorenarbeit mit anderen Mitteln: Zuerst ist da selbstverständlich die Fantasie, dann die erste handschriftliche Textversion in einem Notizbuch, anschließend die Libre-Office-Datei (3), der die „Vorveröffentlichung“ auf diesem Blog folgt, eine weitere Überarbeitung und oft auch Erweiterung und Neustrukturierung des Textes und schließlich das Buch, das ich als Selfpublisher drucken, lektorieren und dann auf die literarisch interessierte Welt loslasse. Fehler finden sich dann immer noch zur Genüge, so dass ich z. B. beim 1. Geltsamer-Band: Die Frau, die der Dschungel verschluckte bereits bei der 7. überarbeiteten Auflage bin. Jeder Text wandert also aus meinem Geist zuerst ins Analoge, gelangt anschließend ins Digitale und kehrt schließlich ins Analoge zurück.

Und so sieht mein Plan aus:

Montag

Mein Schlüsselroman Die Wahrheit über Jürgen (260 Seiten) über das Augsburger Kunst- und Kulturleben in den 90er Jahren.
Er wird in seiner endgültigen Fassung Ende März, Anfang April d. J. veröffentlicht.

Mittwoch

Ab dem 10. Januar beginne ich mit der Vorveröffentlichung des 3. Teils meiner Geltsamer-Trilogie in 5 Bänden.
Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Teil 3: Das Gulag des Dmitrj Alexandrowitsch Krakow

Der fertige Roman (250 Seiten) soll im September 2018 erscheinen

Freitag

Freitags schließlich setze ich das Prequel zu meiner Fantasy-Trilogie Brautschau fort:
Der Weg, der in den Tag führt

Lange angekündigt und verschoben, weil sich diese Geschichte – 600 Seiten –  nicht in dem ursprünglich geplanten Umfang fertigstellen ließ, werde ich sie veraussichtlich erst im ersten Halbjahr veröffentlichen.

Ich werde oft gefragt, wie ich das alles zeitlich hinbringe und meine ehrliche Antwort ist: Das weiß ich auch nicht. Trotzdem hat es im letzten Jahr geklappt und ich hoffe, dass mir meine ehrgeizigen Pläne auch 2018 gelingen. Falls mich jemand auf meinem „Weg, der in den Tag führt“ unterstützen will, findet er/sie in der rechten Bildleiste die Links zu meinen Büchern. Mit jedem verkauften Buch fällt es mir leichter, meine Arbeit zu machen. Ich freue mich selbstverständlich über jeden, auch kritischen Kommentar.

Danke!

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(1) Jeweils montags, mittwochs und freitags wird pünktlich um 08:30 Uhr ein etwa 1200 Wörter langer  Abschnitt – das sind 8 Buchseiten – aus meinen zur Veröffentlichung anstehenden Werken erscheinen.

(2) Der Sammelband Noch einmal davon gekommen (230 Seiten, illustriert) mit den überarbeiteten und teilweise stark erweiterten Glossen und Artikeln aus den letzten fünf Jahren dieses Blogs verkauft sich trotz überschwänglicher Kritiken der wenigen Leser überhaupt nicht. Das will offenbar niemand von mir lesen.

(3) Ich finde WORD umständlich, überladen und unübersichtlich, es ist eine furchtbare Textverarbeitung. Deshalb arbeite ich seit Jahren mit der kostenlosen Open-Office-Alternative LibreOffice. Die hat zwar auch ihre Macken, ist für mich als Autor aber eindeutig das bessere Programm.

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 9)

[Zum ersten Teil]

Wenn ich jetzt schreiben würde, der Inhalt meines Artikels täte mir heute leid, dann würde ich lügen. Das hat mehre­re Gründe, dabei einen sehr eigennützigen. Ich möchte richtig verstanden werden: Ich hatte nie im Sinn, Nix unmöglich zu machen oder ihm zu schaden; im Gegen­teil, ich hoffte, ihn durch meine scharfe Kritik im Rah­men meiner Möglichkeiten ins Gespräch bringen zu können und damit neugierige Besucher in seine Ausstellung zu lo­cken. In mir heute unverständlicher und peinlicher Selbstüberschätzung hoffte ich dadurch, mich zu profi­lieren, Gewicht in der Tagesmeinung des Kulturgesche­hens zu erlangen. Dafür war unserer Blatt, das kostenlos in alternativen Kneipen und Einzelhandelsgeschäften verteilt wurde, von Werbung lebte und sich opportunis­tisch und marktschreierisch jedem Zahlungswilligen an­bot, allerdings ganz und gar nicht der richtige Rahmen. Es war jedoch das einzige Organ, durch das ich mich an eine Öf­fentlichkeit wenden konnte.

Auf der einen Seite war ich mir freilich auch der Vergeblichkeit mei­nes Hoffens bewusst. Aber es war meine erste Chance, jemanden zu beurteilen, der die Voraussetzungen hatte, ein anerkannter und bedeutender Maler zu werden. Ich wollte auf einen anfahrenden Zug aufspringen, mich als Entdecker und Mentor eines neuen Talents, dessen Mängel ich konstruktiv kritisierte, feiern lassen. Außer­dem wurde ich ganz nebenbei durch die Veröffentli­chung meiner 1200 Wörter wieder etwas liquider und hatte damit ein Argument gegen die in letzter Zeit schärfer werdenden Vorwürfe von Christine, ich würde ihre Gutmütigkeit und ihren Geldbeutel ausnutzen.

Dass mein Artikel in dieser scharfen und unzensierten Form an prominenter Stelle in der nächsten Ausgabe der MegaSzene zu lesen war, war auch die Schuld von Rainer Werner, ihrem Herausgeber, der in einer bei ihm seltenen Fehl­einschätzung der Lage und der Stimmungen der Kultur­szene keine Streichungen vornahm. Er ließ mir im Gegenteil ausrichten, es sei ihm ein Vergnügen, meinen boshaften Text ungekürzt zu bringen. Er hoffte wahrscheinlich, die Zeitschrift, de­ren Auflagenzahl stark rückgängig war, würde dadurch wieder etwas ins Gerede kommen und den durchaus ver­dienten Ruf eines besseren Supermarktwerbeblattes ver­lieren.

Nein, je länger ich darüber nachdenke, um so sicherer werde ich: Ich bedaure nicht, den Artikel geschrieben zu haben. Er ist zwar nicht unbedingt meine beste, aber eine durchaus saube­re Arbeit von mir. Zu dieser Meinung stehe ich weiterhin. Heute würde ich wahrscheinlich manches anders formulieren, weil ich jetzt einige Zu­sammenhänge besser verstehe. Aber es ist sicher falsch, ihn in die enge Verbindung mit Nix Niedergang zu bringen, wie das von gewisser Seite getan wurde.

Die MegaSzene erschien monatlich und so wurde mein Arti­kel bedauerlicherweise bereits eine gute Woche vor Nix‘ Ausstellung publik. Ich weiß nicht mehr, was für eine Reaktion der Leser ich erwartet hatte, aber sie war für mich enttäuschend. Niemand schien sich ernsthaft für mein Interview mit der noch unbekannten Größe Jonas Nix zu interessieren; das Feedback war gering. Die Briefe, die die Redaktion erhielt, ließen sich an den Fingern einer Hand abzählen und waren durch die Bank unfreund­lich. Da hatten die schmuddeligen Bekanntschaftsanzei­gen auf den letzten Seiten entschieden mehr Zuspruch. Auch Nix ließ – anders, als  ich es gehofft hatte – nichts von sich hören. Ich hatte tatsächlich geglaubt, er würde sich sehr schnell bei mir melden, um mit mir zu disku­tieren. So ignoriert zu werden, verletzte mich. Ich war gereizt und in einem anhaltenden Stimmungstief. Meine Freundin konnte mich nicht mehr ertragen und ent­schloss sich, für ein paar Tage eine Bekannte in Regens­burg zu besuchen.

Vier Tage, nachdem die neue Nummer meiner Zeit­schrift auslag, kam es allerdings zu einem unangeneh­men Vorfall, von dem ich heute noch hoffe, dass Nix nichts von ihm wusste. Diese Art der Rache konnte doch wohl nicht die seine sein. Es hatte den ganzen Tag über unangenehm feucht geschneit. Als ich spät in der Nacht müde von meiner Kneipenarbeit durch den schmutzig­braunen Schneematsch heimwärts stapfte, bemerkte ich auf der Höhe der Bertelesbrücke, dass mir jemand folgte und das wahrscheinlich schon, seit ich das Lokal verlas­sen hatte. Durch – wie ich hoffte – unauffällige Blicke zurück, stellte ich fest, dass es sich um zwei Männer handelte, die  mir knapp zehn Meter zurück auf der Spur waren. Als sie in den Lichtschein einer Straßenlaterne gerieten, konnte ich sie deutlicher erkennen. Sie waren etwa in meinem Alter; das Gesicht des einen glaubte ich zu kennen, ohne einordnen zu können, wo es mir schon einmal begegnet war.

Ich beschleunigte probeweise meinen Schritt. Die bei­den kamen nicht näher, fielen aber auch nicht zurück.Es schien ihnen nichts auszumachen, von mir bemerkt zu werden. So lange wir noch im Innenstadtbereich und nicht allein auf der Straße waren, machten ich mir keine Sorgen, ob­wohl ich fieberhaft überlegte, was sie bezweckten und woher ich den einen der beiden kannte. Da ich zu kei­nem befriedigenden Ergebnis kam und mich die Verfol­gung zu ärgern begann, entschloss ich mich, der Sache ein Ende zu machen. Ich meine, wir waren ja in meiner Heimatstadt unterwegs und nicht auf den Straßen von New York. Hier passierten keine Krimigeschichten. Ich blieb deshalb einfach stehen und er­wartete die beiden, kam mir dabei sehr mutig vor. Sie verharrten ebenfalls und machten für einen Moment ei­nen unschlüssigen Eindruck, dann kamen sie jedoch aufrei­zend langsam näher. Sie hielten ihre Hände in den wei­ten Taschen ihrer Anoraks versenkt; die geduckte Kör­perhaltung und ihre Mienen waren verschlossen und feindselig. Ich fühlte mich in diesem Augenblick nicht ernsthaft bedroht, dazu war die Situation zu unwirklich. Ich war nur verwirrt und mir nicht mehr so sicher, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, auf meine Verfolger zu warten. Konnte es möglich sein, dass sie hinter meiner chronisch leeren Brieftasche her waren?

Ich sah mich um. In der Nähe alberten zwei angeheiter­te Paare auf einem über den Winter mit Holzplanken abgedeckten Brunnen herum. Wie ich heute denke, war dieses Publikum gut für mich. Ich weiß nicht, wie die Angelegenheit ausgegangen wäre, wenn ich mit meinen Verfolgern allein auf der Straße gewesen wäre. Die Ker­le bauten sich knapp vor mir auf und wirkten in ihrer Entschlossenheit durchaus imposant. Obgleich sie wirklich keine Bodybuilding-Figuren hatten, sondern eher wie die Mit­glieder einer autonomen Gruppe wirkten, rutschte mir das Herz sprichwörtlich in die Hose. Ich tauschte mit den beiden ein paar Blicke und fand in ihren Augen ebenso viel Nervosität, wie ich sie in mir selbst verspürte. Trotzdem wurde mir mulmig und ich überlegte, ob es nicht besser war, wenn ich mein Heil in einer schnellen Flucht suchte. Diese Entscheidung wurde mir auf überraschende Weise abgenom­men.

»Bist du LPQ?« fragte einer der beiden. Es war der, den ich zu kennen glaubte. Er schien mir auch die treibende Kraft der beiden zu sein. Erstaunlich! Er wusste um mein strikt gehütetes Pseudonym bei Werners Zeitschrift. Wer hatte es ihm verraten? Ich duckte mich etwas, suchte mir eine Verteidigungsstel­lung.
»Wer will das wissen? Und wer seid ihr über …?«, antwortete ich misstrauisch, konnte meine zweite Frage aber nicht mehr beenden. Das nun Folgende geschah viel zu schnell für mich.

»Du dreckiger Schmuierfink!«, schrien die beiden gleich­zeitig und erschreckten mich mehr durch die plötzliche Laut­stärke ihrer Stimmen als durch den grotesken Vorwurf.

Sie rissen etwas aus ihren Ta­schen, was ich in meiner Angst für Schlagstöcke oder Schlimmeres hielt. Im Reflex hob ich meine Arme schüt­zend in die Höhe und kniff die Augen zusammen. Ich hörte einen der beiden verächtlich lachen, dann ein selt­sames Zischen, das ich beim besten Willen nicht einord­nen konnte. Gleichzeitig spürte ich etwas Feuchtes an der Stirn, es rann die Hände, die ich noch immer vor das Gesicht hielt, hinab, das Kinn, den Hals hinunter. Ängstlich stolperte ich einen Schritt rückwärts, kam dadurch mit einem Fuß über den Randstein. Ich griff im Reflex nach vorn, um das Gleichgewicht zu halten, be­kam aber im gleichen Moment einen Schlag gegen die Brust. Meine tastende Hand fasste ins Leere und ich fiel unsanft mit dem Hinterteil voran zwischen zwei eng beisammen parkenden Autos mitten in eine Matschpfüt­ze, dass es spritzte. Erst jetzt öffnete ich wieder meine Augen. Meine Gegner steckten gerade ihre Spraydosen zurück in ihre Jackentaschen. Der eine, der mir bekannt schien, spuckte, das Gesicht von Abscheu verzerrt, vor mir auf den Boden.

»Das wird dir hoffentlich eine Lehre sein!«, bemerkte er ruhig. »Unsere Stadt braucht keine Nestbeschmutzer wie dich.«

Nun wandten die zwei sich ab. Jetzt hatten sie es plötzlich sehr eilig, wegzukommen. Sie rannten, möglicherweise von ihrem eigenen Mut eingeschüchtert, die Straße hinunter. Als ich mich nach einigen  vergeblichen Versuchen mühsam wieder aufgerichtet hatte, waren sie bereits aus meinem Blickfeld verschwunden. Die Paare hatten nichts bemerkt, sie tanzten noch immer lachend auf den schiefen Brettern der Brunnenverkleidung. Sie wären mir im Ernstfall eine schöne Hilfe gewesen! Ich stellte mich vor Nässe tropfend ins Licht der nächsten Laterne und sah an mir herab. Ich hatte glänzende rote und blaue Farbflecken auf der Jacke und den Handrücken, mit denen ich mein Gesicht geschützt hatte. Eine hilflose Wut stieg in mir empor. Diese abgrundtiefen Idioten hatten mich mit Lackfarbe besprüht!

[Zum 10. Teil …]

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 7)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Doch Sahar kämpfte nicht zum ersten Mal gegen einen der Barbaren aus dem unwirtlichen Tudasgart, das zwischen dem Rauen Gebirge und dem Großen Grabenbruch an der Grenze zu den Jenseitigen Landen lag. Junge, ungestüme Kling‘Arta wurden wegen der häufigen Hungersnöte immer wieder von ihren Stämmen, die in primitiven, hölzernen Taboren hausten und untereinander in Blutfehden und Religionsstreitigkeiten verstrickt waren, verstoßen und verdingten sich als Söldner in allen Armeen der Welt. Sie waren an allen Fürstenhöfen begehrte und gefürchtete Krieger, die voller Todesverachtung in die Schlachten zogen.

»Vorsicht, Großer«, murmelte er. »Manche Insekten können stechen!«

Sahar wartete ruhig, bis Wer‘Quer heran war. Dann nahm er seine geballte Hand aus der Tasche und hob sie seinem übermächtigen Gegner entgegen. der nur noch zwei Schritte entfernt war; schleuderte ihm eine Handvoll Salzkörner, die er während seines Märchenvortrags vom Bühnenboden aufgesammelt und dann zu sich gesteckt hatte, ins Gesicht. Er wusste, dass dies ein unfeiner Trick war, aber in einer offenen Auseinandersetzung konnte er dem tätowierten Hühnen nichts entgegen setzen. Das hatte er in seiner Ausbildung gelernt: Es war besser, einen Kampf ehrlos zu gewinnen, als ihn ehrenhaft zu verlieren. Besonders, wenn ein Gegner so überlegen war wie dieser. Der Kling‘Arta stolperte, heulte auf und hielt sich kurz seine Hände vor die Augen. Dabei vernachlässigte er wie erhofft seine Deckung.

Das Ende kam schnell. Sahar sprang ausweichend zur Seite. Gleichzeitig stach er gezielt mit seinem Degen zu und rammte seine fast wie ein Spielzeug wirkende Waffe bis zum Heft durch die breite Brust des Kriegers. Sie durchbohrte das Herz seines Gegners und trat an seinem Rücken wieder aus seinem Leib. Aber der Zusammenstoß, dem der Mönchssoldat nicht mehr ausweichen konnte, war trotzdem heftig. Der abwehrende Fausthieb des Kling‘Arta traf ihn krachend im Gesicht und brach ihm die Nase unter der Halbmaske, die er noch immer trug. Sahar wurde wie ein Sack Wäsche zur Seite geschleudert und stürzte halb besinnungslos in die Rosenbüsche.

Nach einer ganzen Weile war Sahar wieder einigermaßen bei sich und krabbelte aus den Dornen, die ihn zerstochen und seine schicke Galauniform zerrissen hatten. Er richtete sich mühselig auf und wischte sich mit den Ärmeln das Blut vom Mund, das in zwei Bächen aus seiner Nase lief. Ihn schmerzte jeder Knochen im Leib, aber er hatte bei dem kurzen Kampf keine weitere Verletzung davon getragen. Der tote Kling‘Arta kauerte zusammengesunken wie ein grauer Hügel auf dem Boden. Die Arme hingen schlaff herab und er hatte seinen kahlen Kopf, der durch die unzähligen Tätowierungen fast schwarz war, auf der massigen, von Sahars Waffe durchbohrten Brust liegen. Sahar humpelte näher, packte den Griff seines Degens mit beiden Händen und zog an ihm. Erst als er ein Bein zur Hilfe nahm und es gegen den Leib des Toten stemmte, gelang es ihm, seine Waffe zu befreien.

Endlich kippte die Leiche neben Galves lautlos ins Gras. Für jeden, der die beiden so entdecken würde, musste es so aussehen, als hätten sie sich in einem verzweifelten Kampf gegenseitig umgebracht. Sahar reinigte gelassen seine Klinge in der angewinkelten Beuge seines Arms und warf einen mitleidigen Blick auf die Schwalbe von Avril. Der Oberste, dessen durch eine Narbe verursachtes Dauerlächeln sich im Tod noch verstärkt hatte, war ihm sehr sympathisch gewesen und er bedauerte diesen sinnlosen Verlust. Wie würde es nun in der Lamargue weitergehen, nachdem in dieser Macht sowohl ihr Regno als auch die graue Eminenz hinter ihm ermordet worden waren? Würde es einen Krieg mit den Fünf Städten geben? Sahar gab es nur ungern zu: Auch Italmar nutzte diese Schwächung ihres östlichen Nachbarn, der auch das Protektorat über die Provinz ausübte, die altes Kernland des Kirchenstaats war, aber seit der Kokardenrevolution vor dreihundert Jahren selbständig war.

Der Mönch zögerte nur kurz, dann schob er seine Waffe zurück in die Scheide, die er am Rücken unter seiner Kleidung trug und kniete sich zu dem Leichnam hinunter, taste ihn mit professionellen Griffen ab. Sehr schnell wurde er fündig: In einer Innentasche der kurzen Uniformjacke entdeckte er einen in seinem Umschlag steckenden Brief. Es war viel zu dunkel, um ihn auf der Stelle zu lesen und er schob ihn in die Tasche. Nun erschienen ihm Galves gebrochende Augen vorwurfsvoll und er schloss sie sanft, während er ein eiliges Gebet an Oberone, den Herrn des Waldes, sandte.

Obwohl Miladí und ihre mörderische Dienerin einen großen Vorsprung hatten, nahm Sahar trotzdem ihre Verfolgung auf. Er hatte zwar wenig Hoffnung, sie noch einzuholen, aber ihr Fluchtweg war ihn die beste Möglichkeit, selbst unbemerkt aus dem Palast zu schleichen, ohne von der Treuwacht festgenommen zu werden. Schließlich trug er ja noch immer eine lamargische Uniform und sah mit der schmerzhaften Wunde im Gesicht sicherlich nicht sehr vertrauenerweckend aus.

Die hinter einer Efeuwand gut verborgene Pforte in der Gartenmauer erwies sich als ein geheimer Durchgang, den sicher einmal die Diebesgilde geschaffen hatte oder auch ein Namenloser, der sich gerne mit seinem Vezir unerkannt unter sein Volk mischen wollte. Er führte durch ein paar leere Stallungen hinaus auf die Hafenseite des Elfenbeinernen Palasts, wo die schroffe Mauer nur durch einen engen Kais vom an dieser Stelle strudelnd und eilig fließenden Marat getrennt war. Er sah zu dem gurgelnden, schwarzen Wasser eine Mannshöhe unter sich hinab. Hier hatte unmöglich ein Boot oder ein Schiff ankern und die Botschafterin aufnehmen können. Sie war also weiter zu Fuß geflohen. Doch in welche Richtung? Sahar hatte endgültig ihre Spur verloren. Er blinzelte, weil sich in diesem Augenblick jenseits des breiten Stroms über dem Stadtviertel Koras die Sonne erhob und ihre bereits jetzt am frühen Morgen hitzigen Strahlen in sein blutiges und schmutziges Gesicht sandte.

Sahar nieste und zuckte durch den plötzlichen Schmerz zusammen. Sollte Miladí ihm doch durch die Finger flutschen: Er glaubte an den Spruch Baruch im ersten seiner heiligen Bücher, wo geschrieben stand: „Unsere Wege führen zu vielen Kreuzungen und an einer von ihnen werden wir uns wiedersehen“. Darauf konnte er warten.

Neugierig nahm der Adept den bei Galves‘ Leichnam gefunden Brief aus dem Umschlag und entfaltete ihn. Die Handschrift kannte er nicht und die Unterschrift war nicht zu entziffern, aber was dort ein lamargischer Spion knapp und in militärischem Ton geschrieben hatte, warf ein ganz neues Licht auf die Geschehnisse der Nacht. Der Brief war an den Regno gerichtet, hatte diesen aber wahrscheinlich nie erreicht, weil ihn Galves vorher abgefangen hatte, legte dar, dass der älteste Sohn von Raul VI. hier in Karukora lebte und einer kurzen, aber stürmischen Liaison mit einer Palastangestellten während eines Staatsbesuchs entsprang. Noch erstaunlicher war, dass jener Sohn, von dem der Regno nie etwas erfahren hatte, noch vor seiner Hochzeit mit Dora Kahlja gezeugt worden war und deshalb in der Thronfolge noch vor seinen jüngeren Brüdern Raul und Rafik stand und zudem von der mütterlichen Linie her ein Bingh war, also direkt von der Dynastie des ersten Namenlosen abstammte. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, war dieser junge Mann, der Selin hieß, auch noch der Enkel von Alis, Sahars Konkurrenten bei dem Märchenwettbewerb! Der Briefschreiber warnte am Ende eindringlich vor einem angeblichen Plan des alten Märchenerzählers, der die bestehende Ordnung und das Leben einiger Mächtiger gefährden würde. Leider war diese Warnung sehr unklar und verworren.

Wenn das alles stimmte, was er gelesen hatte, waren die Konsequenzen ungeheuerlich und diese Nachricht musste sofort seinem Meister Jac Javac Mauvaise und dem Hohen Rat des Kirchenstaats übermittelt werden. Das war wichtiger als seine Suche nach Botschafter Adelph und dem flüchtigen Meister Siebenhardt, die er, falls sie überhaupt noch lebten, in der durch den Putsch aufgewühlten Wüstenstadt wahrscheinlich niemals finden würde. Das Machtgefüge der ganzen Welt konnte sich durch dieses Schreiben verändern. Sahar musste Karukora so schnell wie möglich verlassen.

Der junge Mönch sollte übrigens der Botschafterin der Oststädte schneller wiederbegegnen, als ihm lieb war. Aber dies ist eine weitere Geschichte …

Ende des 9. Kapitels

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[Hier geht es zum 10. Kapitel …]

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 8)

[Zum ersten Teil]

»Deine existentialistischen Bilder sind zum großen Teil Collagen aus Knochen und Blut. Was für Empfindun­gen willst du mit ihnen wecken?«

»Ich will die Wahrheit darstellen. Farben sind nur Zwi­schenträger. Wenn es mir möglich wäre, würde ich ech­tes Gedärm benutzen. Ich will konsequent die Realität darstellen.«

»Was ist konsequent daran, eine Leinwand mit Blut und Fäkalien, mit Knochen und Erbrochenem zu besudeln?«, fragte ich. Nix erschreckte mich. Was musste in seiner Psyche vorgehen, wenn er die Wirklichkeit auf diese Weise darstellte? Ich hatte noch nie jemanden getroffen, der ein so schreckliches Bild von der Welt in sich trug.

»Ich kann deine Frage nicht eindeutig beantworten, Georg. Vielleicht widerspreche ich mir jetzt selbst«, er­widerte er und kratzte sich hinter dem Ohr. »Du kennst sicher die Theorie, man könne nur durch die Darstellung von Negativem etwas Gutes erreichn. Simone de Beau­voir, die wie niemand anderes die Gedanken von Sartre popularisiert hat, schreibt das in ihren Memoiren über ein Theaterstück ihres Lebensgefährten. Warte, ich kann es dir genau sagen, ich habe mir das extra abgeschrie­ben.« Er holte einen Zettel aus seiner Jeans.

»Ja, hier ist es: ‘Der Schriftsteller soll nicht eine strahlende Zukunft in Aussicht stellen, sondern die Welt so zeigen, wie sie ist, und damit den Wunsch erwecken, sie zu ändern. Je überzeugender das Bild ist, das er gibt, desto besser verwirk­licht er seine Absicht: Auch das düsterste Werk ist nicht pes­simistisch, wenn es im Namen der Freiheit an den Freiheits­sinn appelliert.‘ Das passt gut auf die Gedichte, die An­dernaj macht; ohne dass er sich dessen übrigens be­wusst ist. Deshalb benutze ich auch gerne Textzeilen in vielen meiner Bilder. Ich mache das, weil ich durch die Zusammenstellung zum Nachdenken reizen will. Ich habe noch etwas auf dem Zettel zu stehen. Das ist aus dem Aufsatz Über die Kunst von Bernhard Pritschet. Dort heißt es: ‘Das Optimistische in der Kunst ist die pessi­mistische  Darstellung, durch sie wird die negative Wirklich­keit negiert. Wäre Kunst nur die Darstellung eine positiven Wirklichkeit, die es ja höchstens partiell gibt, handelt es sich nicht um Kunst, sondern um Ideologie.‘ Schau dir unter diesem Gesichtspunkt die Werke von Beuys oder die In­szenierungen von Nitsch an. Das ist in der Tendenz die Richtung, in der ich gehen will. Aber ich möchte noch konsequenter sein, den einen Schritt gehen, der mich weiter als die anderen bringt. Du hast sicher im letzten städtischen Kunstsalon das Objekt von Jan Calva gese­hen: Diese durchgeschnittene Salami aus rotem Wachs, die er in einen alten Schrank gehängt hat.«

Ich nickte. Je­nes belustigende Objekt mit dem bezeichnenden Namen Kastration hatte empörte Debatten unter den Bildungs­bürgern der Stadt erregt.

»Dem Ding, so nett es sein mag, fehlt die Konsequenz. Wenn ich diese Idee habe und so etwas machen will, gut, warum nehme ich dann keine echte Wurst? Oder, noch wesentlich besser, wenn Calva einen echten Penis …«

»Jürgen!«, warf eine weibliche Stimme energisch ein.

Ich wandte mich herum. Eine Frau war von uns beiden unbe­merkt zur Ateliertür hereingekommen und hatte Nix Ausführungen an diesem doch sehr interessanten Punkt unterbrochen. Er stand auf und lief zu ihr hinüber, nahm sie in den Arm.

»Du hast wie immer recht, ich habe mich verrannt. Das ist Theresa«, stellte er sie mir vor. »Und das ist der Jour­nalist, von dem ich dir erzählt habe.«

Der Journalist schmeichelte mir selbstverständlich gewaltig, obwohl ich erkannte, dass Nix sich selbst durch diese Betitlung bedeutender machte. Theresa nickte mir freundlich zu und ich bedauerte, dass ich nicht besser gekleidet war. Sie war eine dunkelhaarige, meist schwarz gekleidete, bleiche und schlanke Frau. Sie war sehr fraulich, sehr at­traktiv und auf sie passte das seltsame Urteil, sie sei be­gehrenswert. Theresa weckte in mir sofort etwas, das ich in Ermangelung eines anderen Wortes Beschützerin­stinkt nennen will. In ihrem Wesen hatte sie viel von ei­nem erschrockenen, kleinen Tier und strahlte auch die Zutraulichkeit und das Anlehnungsbedürfnis einer jun­gen Katze aus. Damals war sie Jürgens Freundin. Ich sollte sie später recht gut kennenlernen. Sie war die einzi­ge in Nix Umkreis, die mir, von einer unangenehmen Ausnahme abgesehen, immer eine gewisse Sympathie entgegen brachte. Sie war sehr intelligent und sehr extra­vagant. Auch sie war übrigens die Tochter reicher Eltern, bei denen sie noch immer lebt. Damals studierte sie Ro­manistik und verdiente sich ihr Geld als Dolmetscherin für die Korrespondenz eines italienischen Fischgroß­händlers. Zusätzlich übersetzte sie für einen Berliner Verlag das gesamte und umfangreiche Werk von Pava­ni, eines nahezu vergessenen futuristischen Dich­ters aus den Zwanziger Jahren.

Theresa kam mit dem schwierigen Nix gut zurecht und ich weiß, dass sie ihn liebte und seine Kunst verehrte. Obwohl ihm in vielen Dingen weit überlegen, ordnete sie sich ihm unter und unterstützte ihn mit ihrer ganzen Kraft, anfangs auch finanziell. Sie hat mir einmal von Sonia Delaunay erzählt, die selbst eine bedeutende Künstlerin war, sich aber ganz für ihren Mann Robert aufopferte, indem sie allein für den Lebensunterhalt sorgte und sehr erfolgreich Stoffmuster und Kleider ent­warf. Das gefiel Theresa, in dieser Rolle hätte sie sich selbst gerne gesehen. Bei einer sonst doch recht emanzi­pierten Frau verwunderte mich diese Einstellung. Viel­leicht war sie einfach noch zu jung und unerfahren; viel­leicht hatte es Nix auch geschafft, ihren Mutterinstinkt zu wecken. Wie dem auch sei, ich hielt es auch damals schon für gefährlich, wenn sich eine sich nach einer norma­len Beziehung sehnende Frau wie Theresa von den Lau­nen eines nach Genialität strebenden Mannes beherr­schen lässt, sich ihm bis zur Selbstverleugnung unter­ordnet. Trotz aller Liebe ist sie Nix wahrscheinlich nie als eine ganz vollwertige Partnerin erschienen. Sie hat sich mehr und mehr in ihrem Bemühen, ihm zu ge­fallen, selbst verloren. Die weitere Entwicklung ihrer Beziehung hat meiner Vorahnung recht gegeben: The­resa hat den Inhalt ihres Lebens verloren, sie fühlt sich von Nix im Stich gelassen und ist seelisch ausgebrannt, verbraucht. Ich für meinen Teil hätte mich gefreut, wenn meine Freundin Christine in ein paar Beziehun­gen mehr von Theresa gehabt hätte. Leider nahm sie meine künstlerischen Anstrengungen nie ganz ernst.

Nachdem Nix und ich nicht mehr allein waren, erachte­te er unser Gespräch als beendet und hatte es sehr eilig, mich und mein Diktaphon los zu werden. Knapp am Rande der Unhöflichkeit komplimentierte er mich rasch zur Tür hinaus. Ich bedauerte das sehr, da das Interview gerade interessant geworden wäre, als Theresa als eine Art Deus ex machina auftauchte. Aber was ich auf dem kleinen Tonband hatte, genügte mir für einen Artikel in der gewünschten Länge. Ich ging sofort in die Redakti­on meiner Zeitschrift und tippte ihn noch am gleichen Abend in den Computer.

Ich habe nicht vor, den Inhalt des Artikels hier Wort für Wort zu wiederholen. Er ist nicht sehr bedeutend und den meisten ist er auch unbekannt. Aber er war der An­lass, aus dem die Bewunderer von Nix die Legende ei­ner verbissenen Feindschaft zwischen uns entwickelten. Daran ist, wenn überhaupt, Folgendes wahr:

Weil ich davon ausging, ein scharfzüngiger und fundamentierter Verriss sei besser als überhaupt keine Kritik oder eine lasche Hofberichterstattung, muss ich im Nachhinein zugeben, dass ich mich etwas im Ton vergriffen habe. Ich war sicher nicht sehr fair und ging nicht freundlich mit den meiner Meinung nach unhalt­baren Auffassungen des Malers um. Ich warf ihm mit vielleicht zu feindseligen Worten seine lächerlich schwarz-weiße, veraltet naturalistische Kunsttheorie, die Schlachthausmentalität seiner Bilder und selbstver­ständlich seine Verwandtschaft mit Dr. Arno Pauli vor. Ich deckte mit Genuss seine wahre Identität auf, wobei ich allerdings seinen tatsächlichen Namen, wie Nix es von mir wünschte, verschwieg. Das war natürlich ein Bildzeitungs-Kniff, denn jedem Interessierten stand es nun offen, seinen echten Namen zu eruieren; aber die Nepotismus-Schlagzeile konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Dennoch stellte ich nie in Frage, dass seine Werke tief empfunden und Kunst waren. Davon war und bin ich weiterhin überzeugt. Ich übernahm auch unver­ändert fast den gesamten druckreifen Wortlaut des In­terviews mit ihm, gab ihm also viel Gelegenheit, sich selbst darzustellen.

Woran ich hauptsächlich Anstoß nahm, war Nix‘ Persön­lichkeit: Ich warf ihm vor, wie der sattsam be­kannte Künstler im berüchtigten Elfenbeinturm die Welt zu seinen Füßen als eine Ansammlung von Schmutz zu betrachte, aber selbst sehr gut und bequem zu leben und sich nie die Finger dreckig zu machen. Dabei be­nutzte ich absichtlich mehrmals das Wort Inkonsequenz, von dem ich wusste, wie sehr es ihn treffen wür­de. Denn ich hatte meine eigene Bürgerlichkeit bei ihm ver­stärkt wiedergefunden und anstatt vor meiner eigenen Tür zu kehren, machte ich auf den Dreckhaufen vor seiner auf­merksam. Ich weiß heute nicht mehr, woher ich die Un­verfrorenheit und all das Sendungsbewusstsein nahm, mit dem ich versuchte, den Künstler Nix mit meinem Artikelchen auf den rechten Weg zu stoßen. Im Nachhinein betrachtet musste das natürlich in die Hose gehen. Ich war zu kei­nem Zeitpunkt unserer Bekanntschaft eine Autorität, die er respektierte.

[Zum 9. Teil …]

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