Archiv der Kategorie: Fortsetzungsroman

Vorankündigung: Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman

Eine Kleinstadt Mitte der 90er Jahre in der bayerischen Provinz: Die Bilder des Malers Jonas Nix sind eine künstlerische Sensation und Tagesgespräch bei den Kulturschaffenden. Doch liegt das an der Qualität seiner düsteren, blutigen Werke oder eher an seinen verwandtschaftlichen Beziehungen zu Stadtrat und Wirtschaft?

Der junge Journalist Georg Hauser, der mit dem Maler in die Schule gegangen ist, beginnt nachzuforschen und die Personen im Umfeld von Nix zu befragen. Er wird dadurch in eine Intrige verwickelt, die bald auch sein Leben bedroht und ihn vor die existenzielle Frage stellt:

Wie weit würdest du für deine Kunst gehen?

»Der Mensch durstet nach dem Bösen, ihn dürstet da­nach, schuldig zu werden, aber er wagt – oder vermag – es nicht, dem Bösen seine Seele zu verschreiben, er schlägt krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, usw … So sagt Georges Bataille in einer Geschichte.

Mögen Sie sie auch, diese kaum aussprechbare Abkür­zung einer nichtssagenden Floskel, dieses usw., das es auch noch als usf. oder als, besonders schön auszuspre­chen: u. Ä. gibt. Was wäre ein Schüleraufsatz ohne die­ses usw? Man benutzt es immer dann, wenn man selbst nichts mehr weiß, wenn die Inspiration versagt und man erschöpft den Rest der Gedankenkette der Fantasie des Lesers überlässt. Jeder von uns setzt instinktiv und intuitiv für dieses usw. etwas ein, das ihn persönlich be­trifft, es ist eine Art Rorschach-Test mit Buchstaben. Als ich den eben zitierten Satz zum ersten Mal bei Bataille las, ersetzte mein Unterbewusstes das usw. sofort mit dem Wörtchen Kunst. Der Satz las sich dann für mich so:

Der Mensch durstet nach dem Bösen, aber er vermag es nicht, ihm seine Seele zu verschreiben, deshalb schlägt er krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, die Kunst. Und ich war anschließend von Batailles ent­täuscht, weil er auf diesen, nämlich meinen, Gedanken nicht weiter einging, sondern sich im Weiteren nur mit der Neurose und dem Gelächter beschäftigte. Später fand ich dann zu meiner Beruhigung heraus, dass für ihn die Neurose und die Kunst fast synonyme Begriffe sind. Neurose ist ihm die Sehnsucht nach der Angst, die Gott hat. Kunst ist also die Sehnsucht nach der Angst Gottes.

Keine Angst, ich habe nicht vor, mit Ihnen über die Schwierigkeiten der Hermeneutik zu reden. Ich bin hier, um Ihnen etwas über die Kunst von Jakob Nix zu erzäh­len. Und, zu Ihrer Beruhigung, ich werde mich kurz fas­sen.

Deshalb komme ich aber an Batailles nicht vorbei, des­sen Unbehagen am Dasein eine enge Geistesverwand­schaft mit dem Nixschen Behagen an der Besudelung zeigt. Denn dessen Anliegen war neben dem selbstzer­störerischen Schenken, auf das ich später eingehe, im­mer das Tabu und das bewusste Überschreiten dessel­ben, um sich zum Menschsein zu befreien. Klingt Ihnen das zu hochgestochen? Ich kann es auch anders formu­lieren: Es gibt von Batailles einen Text, in dem jemand seine tote Mutter schändet. Und es gibt von Jakob Nix ein Bild, das er mit seinem eigenen Blut gemalt hat.

Wir loben uns, in einer tabulosen Gesellschaft zu leben, die all die kleinlichen Vorurteile unserer Väter über­wunden glaubt. Keine abwegige sexuelle Leidenschaft kann uns noch schockieren, wir sind in der Psychologie unseres Jahrhunderts geschult, haben für alles Ver­ständnis. Keine menschliche Regung ist uns fern. Sind wir also, wie ich formulierte, zum Menschsein befreit? Manche glauben es, aber ich will es bezweifeln. Ich den­ke, das Gegenteil ist der Fall: Wir leben in einer gefessel­ten, in einer neurotischen, engstirnig bürgerlichen Ge­sellschaft. Mit unserer freien Sexualität ist es nicht weit her, wir haben sie nur hygienisch und steril gemacht. Wir alle haben den Sex im Hirn, aber das ist der Ort, wo er am wenigsten hinpasst und auch am wenigsten be­friedigt wird.

Und daraus lässt sich nur schließen, dass die Tabus der Gesellschaft noch lange nicht gebrochen sind, diese Ge­sellschaft noch immer die Kraft hat, sie aufrecht zu hal­ten und ihre Verletzung unter Strafe zu stellen. Das Böse ist dabei das kräftigste Tabu. Ich spreche nicht von einem mythischen oder religiös definierten Bösen als Wi­derpart des guten Gottes, sondern von der gesellschaft­lichen Vereinbarung Böse, zu der es uns laut Batailles als egoistische Einzelwesen alle hinzieht. Und was ist böse? Es ist vor allem der Tod; er ist der Schaden der Gesellschaft und wir alle haben ihn zur Seite gedrängt, um ihn zu vergessen. Wir würden das Sterben unter Strafe stellen, wenn es einen Sinn hätte. Und gleichzeitig und das ist die Perversion dieses Tabus, sehnen wir uns alle nach dem Tod, denn er ist ein Teil von uns, den wir nur mit Hilfe einer Neurose, eines Gelächters oder eben der Kunst verdrängen können. Er schlummert in jedem von uns, wird jeden Tag ein wenig wacher. Jeden Tag werden wir ihm ein wenig ähnlicher. Da hilft kein Makeup.

Und trotz unseres Ekels vor der Sterblichkeit und der Verwesung gibt es uns einen masochistischen Schauer, erkennen wir uns wieder, wenn wir verstohlen in den Fernseher sehen und uns die Leichen der Kriege, Ver­brechen und Unglücke in handliches Format gepackt häppchenweise und farbenfroh vorgeführt werden. Aber nie darüber reden, diese Sehnsucht verschließen wir in uns: Das ist die Neurose, die uns fesselt. Solange wir nicht mit dem Tod umgehen können, werden wir keine Menschen sein. Jakob Nix hat die Überwindung dieser Neurose zu seiner Kunst gemacht. Geben wir zu, seine Bilder schockieren uns, aber es ist unsere eigene Einstellung zum Tod, die uns schockiert, die wir nicht sehen wollen, die uns hindert, frei zu werden. Hegel sagt, der Tod sei das Furchtbarste, und das Tote festzu­halten, sei das, was die größte Kraft erforderte. Nix nimmt seinen Kampf mit diesem Schrecken auf, er packt unter Aufbietung seiner Lebenskraft den Tod an den Hörnern und er läd uns alle ein, bei diesem Spektakel zuzusehen. Er macht uns damit ein Geschenk, schenkt uns einen Teil seines Daseins, auch wenn es ihn selbst zerstört. Nur wer das Höchste versucht, gewinnt die Freiheit des Menschseins.

Auch das Leben ist ein Geschenk, so trivial es klingen mag. Das Furchtbarste ist nicht, jemandem ein Ge­schenk wegzunehmen, sondern es ihm kaputt wieder­zugeben. Wir alle haben das Geschenk Leben von dieser Gesellschaft kaputt zurückbekommen. Und einmal in dieser mageren Frist zwischen Geburt und Tod, mit der wir so verschwenderisch umgehen, sollte jeder darüber nachdenken, was dies für ihn bedeutet.

Nehmen Sie das Angebot an. Benutzen Sie die Bilder zum Nachdenken, zum Nachfühlen, zum Erleben usw.

Ich danke Ihnen für den kurzen Moment der Aufmerk­samkeit.«

Ab morgen jeden Montag auf meinem Blog:

 

 

 

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 12)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

„Das Ende meiner Geschichte kann in den Geschichtsbüchern des alten Bingh-Reiches und in Lakmis eigenen Aufzeichnungen, die glücklicherweise die Zeiten überdauert haben, nachgelesen werden.

Der URS brachte das tapfere Mädchen ohne Zwischenfälle in Sicherheit. Der pferde- und auch fahrerlose Wagen steuerte in atemberaubender Geschwindigkeit gen Westen an den Rand des Schlachtfeldes und noch ein Stück darüber hinaus in Wüstennacht hinein, bis er stoppte und seinen Passagier entließ. Kaum hatte Lakmi ihr Gefährt verlassen, nahm es wieder Fahrt auf und kehrte auf den Reifenspuren, die es hinterlassen hatte, wieder zurück. Lakmi sah sich um und wurde von Lichtern angelockt, die nicht allzu weit entfernt in einer Senke flackerten. Von TYCHO geführt stieß sie noch in der selben Nacht auf eine winzige Oase inmitten der öden Toten Wüste. An ihr lagerte eine kleine Karawane, die schweren Süßwein aus dem barbarischen Süden gen Karukora beförderte und von ihrem Weg abgekommen war.

Die Oase lag jenseits der Handelsrouten und war nur wenigen Karawanenführern bekannt. Sie wurde wegen ihrer Nähe zu den Schlachtfeldern gemieden, aber ein Sandsturm, dem man ausweichen wollte, hatte den Handelszug zu Lakmis Glück von seinem ursprünglichen Pfad abgebracht. Die plötzlich aus dem buchstäblichen Nichts auftauchende Frau wurde von den erstaunten Händlern freundlich aufgenommen und kehrte mit ihnen gemeinsam nach fünf Tagen zurück in ihre Heimatstadt, in der sich schnell das Gerücht über das Mädchen verbreitete, das die Schlachtfelder des Ewigen Krieges bereist hatte – und wieder heimgekommen war. Es dauerte nicht lange, dann gelangte diese unerhörte Geschichte auch vor den Thron des Namenlosen, der sich in sie verliebte und um sie freite. er musste jedoch noch viele Jahre warten, bis die tapfere Lakmi sein Werben erhörte.

Als erstes jedoch eilte Lakmi zurück zu ihren Eltern, die längst alle Hoffnungen hatten fahren lassen, ihre Tochter einmal wieder lebendig in die Arme schließen zu können. Wie ich euch bereits berichtete, schaffte sie es mit der Hilfe ihres Zauberstabes, ihren siechen Vater Lafar von seiner schweren Krankheit zu heilen. Und als übers Jahr ihre Brüder von ihren Abenteuern zurückkehrten, fanden sie den gesunden Bürstenmacher fröhlich pfeifend und werkelnd in seiner Werkstatt vor. Was war das für eine fröhliche Familienzusammenkunft!

Lakmi-âs-Sekr war jedoch schon längst wieder weitergezogen, denn ihr Fernweh war eine der Krankheiten, die auch ihr TYCHO nicht zu heilen vermochte. Ich kann euch leider nicht mitteilen, ob sie bei ihren Reisen schließlich bis nach Pardais gelangte und dabei ihre Karte vom Weg, der in den Tag führt, benutzte. Ich weiß auch nicht, was aus ihrem Zauberstab TYCHO geworden ist. Aber es gibt schon viele Jahrhunderte das hartnäckige Gerücht, Lakmi hätte beide – die Karte und den Stab -, irgendwo im alten Palast von Karukora verborgen. Vielleicht sind diese Artefakte ja beim Großen Brand verloren gegangen, vielleicht warten sie noch immer auf einen mutigen Entdecker …

Was jedoch Asgëir, den Delphi und Unsterblichen, betrifft: Er wartete noch lange vergeblich bei der Falltür in den Ruinen auf Lakmis Rückkehr aus dem Worum. Endlich jedoch, nach vielen, vielen Monaten – Zeit bedeutete ihm ja wenig-, gab er die Hoffnung auf, schulterte resigniert sein Gepäck und suchte an anderen Stellen auf der Welt nach den restlichen Stäben der Macht, die wiedervereinigt die gewaltigste Waffe, die die Erde je gesehen hatte, wären. Diese Stäbe fanden dann tatsächlich vor gut zehn Jahren im Land des grausamen Zares Sander XII. zueinander und das Schicksal von Asgëir erfüllte sich.“

Alis zögerte nur kurz.

„Aber das ist eine weitere Geschichte nach der Geschichte und ich will sie euch an einem anderen Tag erzählen“, endete er dann mit fester Stimme und wartete geduldig auf den Lohn des Erzählers, den Beifall seiner Zuhörer. Er setzte nach einem kleinen, zögernden Augenblick der Stille tosend ein.

Der Vezir Ómer, den seit geraumer Zeit eine beinahe unwiderstehbare Schläfrigkeit die Augenlider beschwerte, hätte seinen Einsatz, als er endlich, endlich, nach so vielen Worten am Ende von Alis‘ Geschichte kam, beinahe verpasst. Es war der donnernde Applaus, der ihn grunzend aus seinem Halbschlaf aufschrecken ließ. Der kleine Mann mit dem riesigen Turban sprang wie unter Strom gesetzt wieselflink auf die Beine und achtete nicht auf seinen Stuhl, der hinter ihm umfiel und zu Boden krachte. Er war nicht der einzige, der sich erhob. Im Publikum waren viele klatschend aufgestanden, um Alis für seine lange Geschichte zu danken. Manche waren tatsächlich begeistert, aber die meisten schenkten doch nur Beifall, weil sie damit diesen Teil des Abends endlich hinter sich gebracht hatten und nun die Nachspeisen gereicht würden. Auch die Tische mit den Adligen, den Würdenträgern, den vornehmen Gästen und den Diplomaten standen geschlossen von ihren Stühlen auf und applaudierten – alle außer dem Namenlosen selbstverständlich, denn es war nicht mit der Würde seines Ranges als Herrscher vereinbar, vor einem einfachen Märchenerzähler zu stehen. Doch auch er gab freundlichen Beifall.

Deshalb fiel nicht weiter auf, dass der Vezir den Soldaten, die den Raum bei der Eingangstür bewachten, ein aufforderndes Handzeichen machte. Einer von ihren öffnete geschwind die große Flügeltür und der Ser’Asker Paşa Ultem kam mit ein bewaffeten Trupp seiner Männer herein. Die Hände der Soldaten lagen auf ihren Schwertern und hinter ihnen wurde die Tür sofort wieder verschlossen. Der vom Vezir bestochene höchste General Karukoras schritt von seinen treusten Männern gefolgt durch die Tischreihen der Klatschenden langsam nach vorne zur Empore, direkt auf den Namenlosen zu, der ihn überhaupt nicht zu beachten schien. Auch der aufmerksame Hauptmann Galves, der nun hinter seinem Regno stand, und Sahar neben ihm bemerkten davon nichts – der verkleidete Mönch, weil er neidisch Alis‘ Verbeugungen beobachtete und Galves, weil er besorgt sah, dass sein Fürst beim Aufstehen schwankte und sich dann stöhnend gegen die Tischplatte stützte. Hatte der Bär zu viel getrunken? Das konnte Galves sich bei Raul, der lachend ganze Metfässer leerte und anschließend mit seinen stärksten Kriegern rang, eigentlich nicht vorstellen.

Ómer öffnete gerade den Mund, um den Befehl zu geben, den Namenlosen gefangen zu nehmen, da kam dieser ihm zuvor: Mit einer lauten und beißend scharfen Stimme, die dem jungen „Unterwerfer“ niemand im Saal zugetraut hätte – zu allerletzt sein Vezir -, forderte er Ruhe. Überrumpelt blieb Ómer stumm. Der Applaus endete und eine atemlose Stille lag über dem Raum. Alle starrten gebannt nach vorne. Der Blick des Herrschers ruhte jedoch ruhig auf den Elitesoldaten, die gemeinsam herantraten. Jetzt erhob auch er sich gelassen von seinem Platz.

Ser’Asker Ultem!“, sprach der Namenlose den alten Soldaten an, der die Bühne neben Alis erklommen hatte und wenige Schritte vor ihm stehenblieb. „Wer ist dein Herr? „Wer ist dein Herr? Wem gehört deine Treue?“

„Wer meine Männer und mich am Besten bezahlt“, erwiderte der General trocken und zog sein Schwert. Seine Soldaten taten ihm gleich. Der Namenlose schmunzelte unter seiner goldenen Maske und ihre roten Edelsteinaugen sprühten Feuer. Sahar spürte die Gefahr und trat zurück, damit er den Platz hatte, seine versteckte Klinge zu ziehen, die er in den Speisesaal geschmuggelt hatte. Wo war eigentlich die vermummte Dienerin der Miladí da Hiver abgeblieben? Gerade war sie doch noch hinter ihrer Herrin gestanden. Es war, als hätte sie der Erdboden verschluckt. Sahar sah sich um, konnte sie aber nirgendwo entdecken. Dafür bemerkte er, dass die Leibwache des Herrschers in seinem Rücken langsam ihre Piken senkte. Was ging hier vor?

„Und wer bezahlt dich am Besten?“, unterbrach der Namenlose Sahars Gedanken. Ultem und seine Begleiter gingen vor ihrem Herrscher in die Knie und stützten ihre Hände auf ihre Klingen, die sich vor sich hielten.

„Das seid selbstverständlich ihr, mein gnädiger Herr“, sagte er ruhig. Ein abfälliger Blick streifte Ómer, dessen Beine plötzlich butterweich wurden. „Der Vezir ist ein elender Geizhals. Möge die Allerbarmende ihn verfluchen!“ Ultem spuckte aus.

Verraten! Ómers schöner Plan war an den Namenlosen verraten! Wie ein Tier in der Falle warf der Vezir den Kopf hin und her, doch nirgendwo schien es ein Entkommen für ihn zu geben. Doch wer hatte ihm das angetan? Bestimmt sein Rivale Radik Emre, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, wie der törichte Seneschall, der am Rand des Tisches voller Verblüffung seine Augen aufriss, davon erfahren hatte – oder vielleicht … Omers irrender Blick fiel auf Alis, der unauffällig zur Seite trat und dabei süffisant in seine Richtung lächelte.

Der Namenlose beendete das Schauspiel mit einer wegwerfenden Geste.

<p style=“text-align: justify;“„Wachen!“, rief er, „nehmt diese Küchenschabe Ómer und schließt sie weg. Ihr jämmerlicher Anblick macht mich krank.“ Zwei Treuwächter rannten an Sahar vorbei nach vorne und ergriffen den Vezir an den Armen, der sich nicht wehrte und nur erschüttert den Kopf schüttelte. So schnell war noch nie ein hochfliegender Plan vernichtet worden.

Dann verbeugte sich der „Unterwerfer“ galant vor Miladí und dem käsebleichen Bären, auf dessen Stirn dicke Schweißtropfen standen.

„Verzeiht mir bitte dieses unerfreuliche Intermezzo – ein kleines, internes Problemchen, das uns nicht weiter den Abend verderben sollte. Ich bin neugierig, welche Desserts uns der Küchenchef gezaubert hat.“

Die schöne Miladí erwiderte die Geste des Namenlosen mit einem zynischen Lächeln auf den vollen Lippen. In diesem Moment kippte der Regno Raul vornüber und klatschte geräuschvoll mit Bauch und Gesicht auf den Tisch. Durch die Erschütterung kippten alle Kannen und Gläser um und ihr Inhalt ergoss sich wie Blutflecken auf die Tücher. Die Gesandte der Fünf Städte und der Namenlose fuhren zurück. Galves hatte seinem Herrn noch zu Hilfe eilen wollen, aber er kam zu spät. Er beugte sich fassungslos über seinen Herrn und legte zwei Finger seiner Rechten an dessen Hals.

„Mein Regno ist tot“, stellte er dann mit versteinerter Miene fest.

Dann brach in dem Saal das Chaos aus.

_______

Ende des 8. Kapitels

[Fortsetzung der Geschichte am nächsten Mittwoch …]

Ein Kommentar

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 31 – Schluss)

Am späten Nachmittag – die Sonne stand bereits so tief, dass die enge Vicolo della Volpe im Schatten ihrer Häuser und Mauern lag – stand Nikolaus Klammer endlich vor der Adresse, die ihm Isa in ihrer ver­schlüsselten Nachricht übermittelt hatte. Er erkannte die Buchhandlung sofort, auch wenn die Bücher in der Auslage italienische Bestseller und Klassiker wa­ren – ein leckerer Auflauf ohne schlechte Zutaten: Werke von Ignazio Silone, Umberto Eco, Primo Levi, Leopardi und Manzoni, Camilleri und Boccac­cio, Dante neben Ferrante, Morante und Moravia, Pisano, Lampedusa, Italo Svevo, Ledda, Pavese, Fruttero und Lucentini, Palazzeschi und Pirandello und selbstverständlich auch Calvino, ohne dessen Se una notte d’inverno un viaggiatore dieser Ro­man gar nicht hätte geschrieben werden können … allein die Namen waren schon ein Gedicht! Sie alle standen wild durcheinander und ohne einen er­kennbaren Zusammenhang außer dem einen, dass es gute Bücher waren. Klammer kannte und schätzte die reiche italienische Literatur, hatte auch die meis­ten der ausgestellten Werke in Übersetzungen gele­sen. Er schnalzte ge­nießerisch mit der Zunge.

Er sammelte sich. Dies war der Buchladen, der erst gestern – ja, gerade einmal vor dreißig Stunden – noch in Augsburg gestanden hatte! Konnte das Ge­schäft denn fliegen oder sich wie in Star Trek an ande­re Orte beamen? Klammer glaubte nicht, dass er diese Transition verstehen würde, auch wenn sie ihm von einem schlauen Mann erklärt wurde.

Noch einmal sah er hinter sich. Aufgeregt wie er war, rechnete er jeden Augenblick mit dem Schlimmsten und fühlte sich schon den ganzen Tag beobachtet. Doch keiner der vie­len Passanten schien sich weiter für ihn und den La­den, vor dem er stand, zu interessieren. Der Autor war ihnen nur ein unliebsames Hindernis auf ihrem Weg durch die enge Gasse.

Was würde ihn dort drinnen in dem Buchladen er­warten? Würde er endlich seine Tochter finden und in die Arme neh­men können? Würde sich alles auf­klären und vielleicht als ein großer Spaß herausstel­len? Klammer hoffte es.

Als er am Mittag an der Haltestelle Barberini in der Nähe der Piazza Navona die U-Bahn-Linie A verlas­sen hatte – vom zentralen Termini waren das nur drei Stationen -, war er zuerst ohne Umwege und Augen für die schmucken Kirchen, Brunnen und Pa­lazzi direkt in das Hotel Raphaël gegangen. Obwohl Klam­mer vor Neugierde brannte, vermied er absichtlich die neben dem von Efeu vollkommen überwachsenen Gebäu­de lie­gende Vicolo della Volpe. Er erkundigte sich bei der jungen Dame an der Rezeption des noblen Ho­tels nach seinem Verleger und dessen Freundin, weil er nach Verbündeten suchte. Ihm war aber von ihr mitgeteilt worden, die beiden wären unterwegs und würden erst am Abend wieder zurück erwartet. Da ihm Wel­kis Domizil viel zu teuer war – eine Nacht im ein­fachsten Zimmer kostete ohne Frühstück über 300 € – verließ er achselzuckend das Raphaël und suchte sich erst einmal eine billigere Bleibe in einem nicht allzu weit entfernten B&B in einem schmucklosen Eckhaus in der Via Cola di Rienzi, in dem er schon einmal vor ein paar Jahren mit Irene logiert hatte und wo man in der Vorsaison auch ohne Reservierung ein Zimmer für ihn frei hatte. Klammer stellte sein Gepäck ins Zim­mer und te­lefonierte von dem Apparat auf dem Nachtkästchen aus mit seiner Frau.

Er besaß zwar ein Mobiltelefon, aber er machte es niemals an und hatte es auch auf dieser Reise nicht mitgenommen. Mit dem Hinweis auf die hohen Gebühren und einem ziemlich schlechtem Gewissen teilte er Irene nur das Allernötigste mit und blieb bei seiner Ge­schichte, Welkenbaum benötige ihn in Rom völlig überraschend für Lizenz­verhandlungen wegen eines von seinen Romanen. Er hörte zwar ein leichtes Misstrauen aus ihren Antworten heraus, aber noch schien sie zu glauben, was er ihr erzählte. Sie machte ihm nur zum Vorwurf, dass er sie mit seiner Reise überrumpelt habe. Hätte sie früher Bescheid ge­wusst, hätte sie ja mit nach Rom kommen können, das wäre doch mal eine nette Abwechslung gewesen. Klammer gab sich angemessen zerknirscht, aber insgeheim war er froh, dass er Irene zuhause in Sicherheit wusste.

Anschließend verließ er seine Unterkunft und aß an der Theke einer Espressobar eine Querstraße weiter ein Panino und trank zwei große Moretti-Biere. Müde und mit schwerem Kopf kehrte er in sein Zimmer zurück, stellte den Ventilator an der Decke auf die höchste Geschwindigkeit und schlief eine Stunde auf dem breiten Bett. Ohne den Alarmruf seines Reiseweckers wäre er wohl ins Koma gefallen und hätte bis zum nächsten Morgen weitergeschlafen. Klammer benötigte eine ausgiebige Dusche, bis er nicht mehr wie ein Zombie aussah. Dann zog er sich der italienischen Wärme angemessene und leichte Kleidung an und setzte sei­nen Thomas-Mann-Urlaubsstrohhut auf, ohne den er niemals in Ita­lien unterwegs war.

Erst danach war er in der Verfassung gewesen, die Vicolo della Volpe aufzusu­chen, in der er nun stand. Das Gässchen führte vom Hotel aus auf direktem Weg in den Stadtteil Rione Ponte, einem beliebten Einkaufsviertel voller Modegeschäfte, zahlloser Anti­quitätenläden, Restaurants, Bars und ameisenbauglei­cher Geschäf­tigkeit. Die Vicolo mit ihren Häusern aus Renaissance und Barockzeit schmiegte sich dabei so eng an die riesige Santa-Maria-della-Pace-Kirche, dass es der Wa­gen von Google-Earth nicht geschafft hatte, sie in ihrer ganzen Länge zu fotografieren und war deshalb ein weißer Fleck auf der Rom-Straßen­karte des neugieri­gen Internetgiganten geblieben.

Klammer wollte eben einen Schritt auf die Ein­gangstür zu machen, in deren Glas ein Schild mit „Free Entrance” und „Aperto” lockte. Da bemerkte er eine Gestalt, die sich neben ihn gestellt hatte. Schon während er sich nach der Person umdrehte, wusste Klammer, wer es war.

„Ah, Signore Fabio, welch ein erstaunlicher Zufall. Wollen Sie etwa noch ein weiteres Autogramm?”, fragte er und lüpfte grüßend seinen Hut.

Er fühlte sich sicher, denn es schoben sich viele Einheimische und Touristen durch die enge auto­freie Gasse, in der gerade ein­mal zwei Leute neben­einander stehen konnten. Eini­ge hielten ein Gelato von einer Eisdiele an der nächsten Straßenkreuzung in der Hand.

Der angebliche Avvocato legte den Kopf schief. Er hatte sich im Gegensatz zu Klammer nicht umgezo­gen und trug weiterhin sei­nen für die nachmittägliche Hitze zu warmen Ge­schäftsanzug. Er hatte allerdings sein Sakko ausgezo­gen und über den Arm gehängt. Doch auf seiner Stirn über der unvermeidlichen Son­nenbrille waren keine Schweißperlen zu sehen und es hatten sich auch keine dunklen Flecken an den Ach­seln seines kurzärmligen, rosafarbenen Hemds gebildet. Jetzt brannte die Zigarette zwischen seinen Lippen und er stieß ein wenig Rauch in Klammers Richtung, bevor er mürrisch antwortete:

„Nein. Ich habe meine Meinung geändert. Ich be­nötige jetzt etwas anderes von Ihnen.”

Er klang wirklich bedauernd und deutete mit dem Kopf auf sei­ne von der Jacke verdeckte Hand. Dort ragte die lan­ge, scharfe Klinge eines dünnen Messers heraus. So­fort trat Ienalli noch näher an Klammer heran und presste ihm dabei die Waffe in die Seite. Die Spitze stach den Au­tor durch sein Hemd hindurch ins Fleisch.

„Ich rate Ihnen, nicht um Hilfe zu rufen, weil ich sonst auf der Stelle gezwungen wäre, Sie zu erstechen. Das wird für Sie eine recht schmerzhafte Angelegen­heit werden, Maestro. Glauben Sie mir, ich habe mit dem Stiletto einige Erfahrung. Wir werden jetzt ge­meinsam in den Buchladen gehen und dort werden Sie mir Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren überreichen. Sie müssen das Buch bei sich haben, denn es befindet sich nicht in Ihrer Un­terkunft. Das habe ich schon überprüft.”

Klammer lächelte sardonisch und mit viel Gebiss. Er wusste um die Wirkung dieses Lächelns, denn er hatte es lange vor dem Spiegel in seinem Zimmer im B&B geübt, nachdem ihm klar geworden war, dass jemand während seiner Abwesenheit seine Sachen durchsucht hatte.

„Ich muss Sie enttäuschen, Avvocato. Ich hätte Sie wirklich für schlauer gehalten. Das Buch ist längst nicht mehr in meinem Besitz”, sagte er gelassen.

ENDE

 

Der Roman wird fortgesetzt in:

Dr. Geltsamers
erinnerte Memoiren

3. Teil:
Der Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow

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Es kräht kein Hahn danach

ES. Morgen werde ich hier auf meinem „Traum“ den letzten Teil der Hyänen von Berlin posten. Damit ist der zweite Roman von Dr. Geltsamers Memoiren fertig gestellt und ich bin schon ein bisschen stolz (Ehrlich? Ich bin so stolz, dass ich ein Rad schlagen könnte wie ein Pfau). Die überarbeitete und fehlerkorrigierte Fassung des Romans gibt es seit Kurzem als Taschenbuch (ISBN: 978-3-7450-1918-6) und als preiswertes E-Book überall im einschlägigen Handel und wartet dort auf kühne Leser, die das unerhörte Risiko eingehen möchten, einen neuen Autor kennenzulernen.

Ich habe übrigens bereits mit dem 3. Roman der „Trilogie“ begonnen, die auf insgesamt fünf (!) Bücher konzipiert ist und von der jährlich eine Fortsetzung erscheinen soll: Das Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow. Ich werde im Januar ’18 mit der schrittweisen Vorveröffentlichung des Romans beginnen, der im zeitgenössischen Rom und als Buch im Buch im Sibirien des Jahres 1952 spielt. Ich würde mich wirklich wahnsinnig freuen, wenn der eine oder andere der wenigen Besucher meines Blogs sich dazu durchringen könnte, eines meiner Bücher in seiner endgültigen Fassung zu erwerben. Die hier eingestellte, noch sehr fehlerbelastete „Beta-Version“ der Hyänen werde ich demnächst löschen.

KRÄHT. Den Montagsplatz der Hyänen wird ein älterer Roman von mir übernehmen, den ich auf diese Weise noch einmal überarbeite und ihn sozusagen in die finale Fassung mit einem neu zu schreibenden Schlusskapitel bringe. Ich werde den Roman nach dieser Vorveröffentlichung dann im Frühjahr des nächsten Jahres als Buch drucken lassen. Es ist Die Wahrheit über Jürgen, die Geschichte eines jungen Malers, der an dem Gegensatz zwischen seinen Ambitionen und seinem spießbürgerlichen Umfeld in seiner südbayerischen Heimatstadt zerbricht. Dieser „Schlüsselroman“ spielt in den Neunzigern und ist stark von meinen eigenen Erfahrungen geprägt. Obwohl er nicht die Hauptfigur ist, darf auch Nikolaus Klammer auftauchen. Die Wahrheit über Jürgen ist Teil eines Zyklus‘ von mehreren Romanen und Erzählungen, der Jahrmarkt in der Stadt heißt und der hier zum großen Teil unbearbeitet und auch vollkommen unbeachtet gratis als PDF oder E-Book downloadbar ist.

Ich plane, auch meine frühen Werke auf diese Weise in eine endgültige Form zu bringen.

KEIN. Nächste Woche werde ich hier auch den Schlussteil des 8. Kapitels von Der Weg, der in den Tag führt posten, auf das dann nahtlos das spannende 9. Kapitel folgen wird. Da sich der Roman während des Schreibens immer komplexer und umfangreicher entwickelt hat (Ich bin inzwischen bei über 100.000 Wörtern und das Ende ist noch nicht in Sicht), werde ich meinen Editionsplan wohl nicht einhalten können und den Weg erst im nächsten Jahr fertigstellen  können. Manchmal übernehmen meine Figuren und fordern ihr Recht. Dann schreibe ich nicht, sondern werde von ihnen geschrieben. Ich fürchte mich jetzt schon vor dem ausufernden Lektorat. Im Moment überlege ich noch, ob ich den Prequel-Roman zu Brautschau in zwei Teile mit etwa 250 Seiten aufteilen und den ersten Teil noch vor und den zweiten erst nach dem Jahreswechsel drucken lassen soll. Mal sehen …

Vielleicht kann mir ja jemand raten, was ich machen soll.

HAHN. Man sieht: Ich arbeite. Jeden Tag schreibe ich nur ein wenig (vielleicht 2000 Wörter, oft weniger), aber ich bin konsequent und stur. Das Wenige sammelt sich an, wächst langsam. Ich bin wie einer meiner erfolgreichen Kollegen der Meinung, dass ernsthafte Autoren keine Schreibblockaden kennen. Das ist nur Folklore und eine Ausrede, um zu zu prokrastinieren. Allerdings erfordert das Schreiben Zeit und einen verständnisvollen Partner. Deshalb muss ich mich anderswo einschränken. Ich werde keine Glossen oder Artikel für diesen Blog mehr erstellen. Ich benutze ihn nur noch als Skizzenblock für meine in der Entstehung befindlichen Romane. Aber das ist wohl kein Verlust, denn von meinen Büchern verkauft sich der Band mit meinen besten Blog-Texten, Glossen und Artikeln aus den letzten 5 Jahren am schlechtesten. Noch einmal davon gekommen will offenbar kaum jemand lesen – wenngleich die wenigen, die das Buch gelesen haben, gut unterhalten und begeistert waren.

DANACH. Aber jetzt höre ich mit diesem Werkstattbericht und dem Klagen auf. Ich habe bereits einen guten Freund allein deshalb verloren, weil er mir vorwarf, ich würde ständig nur jammern und der Gegensatz zwischen mir selbst und meiner Kunstfigur „Nikolaus Klammer“ würde wahnhafte und schizophrene Züge aufweisen.

Dann mache ich mal weiter. Heute jedoch werde ich diesen wundervollen Herbstsonntag, seine Wärme und seine Farben genießen – und überhaupt nichts tun.

Grüße aus meiner Schreibklause, Nikolaus.

 

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 11)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Lakmi trat ohne Zögern ein und sofort schloss sich die Tür. Die Wände erzitterten. Kurz hatte sie ein ungewohntes, hohles Gefühl im Unterleib, das allerdings sofort wieder verschwand. Irrte sie sich oder wurde sie mitsamt dem Raum in die Höhe gezogen? Bevor sie sich darüber weiter Gedanken machen konnte, war der Aufzug, in dem sie stand, auch schon an seinem Ziel angekommen und seine unscheinbare Tür öffnete sich an der Rückseite einer gewaltigen Halle, in der sich Lakmi wie eine Ameise unter Machmouts fühlte. Linkerhand standen eine kaum übersehbare Anzahl von Kriegs- und Flugmaschinen und hohe, gepanzerte Wägen auf mannshohen Rädern, deren Sinn dem Mädchen nicht deutlich wurde. Alles war um ein Vielfaches größer und beeindruckender, als die Wächtergoleme, denen sie bislang in den Kasematten unter den Ebenen begegnet war. Und das war noch nicht alles: Auf der rechten Seite ruhte ein bewegungsloses Heer mechanischer Soldaten, Reihen um Reihen um Reihen bildeten sie dort – es mussten hunderttausende sein! Die einzige Bewegung, die es hier unten in der schlafenden Halle gab, wurde wieder von den Deltas erzeugt. Diesmal waren es Myriaden von ihnen, die überall etwas zu reparieren oder zu erneuern hatten und auf ihren undurchschaubaren Wanderungen zwischen all dem Kriegsgerät unterwegs waren. Hier lag endlich auch Schnee auf dem Boden zwischen den Beinen der eisernen Soldaten. Nach ihm hatte Lakmi bisher vergeblich Ausschau gehalten. Zuerst hielt sie ihn für weißen Wüstensand, aber als sie mit ihren dünnen Schuhen in ihn hineintrat und bis zu den Knöcheln einsank, erkannte sie, was das war. Leider blieb ihr nicht die Zeit, hinunter zu greifen und das kalte Wunder, das uns mein würdiger Vorredner so eindrücklich beschrieben hat, in die Hand zu nehmen und zwischen den Fingern schmelzen zu lassen, denn ihr Zauberstab drängte sie weiter.

TYCHO zog Lakmi zwischen den schwerbewaffneten Legionen hindurch zu einer Rampe am anderen Ende der Halle hin, die dem Mädchen meilenweit entfernt schien. Atemlos schlich sie sich mit ihrem Führer, dessen blaues Licht nur noch ganz schwach leuchtete, durch die erstarrte Armee. Jene würde sich – wahrscheinlich auf den Befehl von EDY hin – mit dem Ausbruch der Nacht in Bewegung setzen und eine weitere sinnlose Schlacht gegen ihre ebenso mächtigen Widersacher ausfechten. Wovon träumten diese Golemsoldaten mit ihren erloschenen Augen, die seit Jahrtausenden Krieg führten? Lakmi wagte kaum zu atmen und der Weg, der ihr schier endlos erschien, zog sich immer länger und länger dahin. Die Spur, die sie im Schnee hinterließ, wurde hinter ihr immer länger und nur selten von eiligen Deltas durchkreuzt.

Was würde mit ihr geschehen, wenn sie noch bei Dämmerung hier unten war? Welch ein Hass musste in den Herzen der Erbauer dieser Maschinen gekocht haben, wenn ihre zu Stahl gewordenen Mordgelüste sie selbst um Jahrtausende überlebt hatten?

Endlich, nach einem eiligen Fußmarsch von über zwei Meilen, erreichte Lakmi mit halb erfrorenen Füßen die Rampe, die mit einer leichten Steigung nach oben und wahrscheinlich an die Oberfläche führte. Doch ihr Zauberstab wollte nicht, dass sie die Rampe, die dem Aufmarsch der Armee diente, betrat. Er führte sie zur Seite, an der sich eine durch ein Gitter eingefasste Wendeltreppe hinauf und durch die Decke drehte. Auch sie endete in einem kleinen, leeren Raum. Als Lakmi durch dessen Tür schließlich wieder ins Freie trat, traf sie – inzwischen an die kalten und düsteren unterirdischen Hallen gewöhnt – die Hitze und Helle der Wüste wie ein Schlag ins Gesicht. Sie taumelte und lehnte sich gegen die Wand des Bunkers, aus dem sie getreten war. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie seit vielen Stunden nichts mehr gegessen und getrunken hatte.

Verzweifelt sah sich Lakmi um. Es war bereits spät am Nachmittag. Außer dem niedrigen Gebäude gab es in ihrer Umgebung nur staubige Dünen, Sand und zu Glas gekochte Flächen, die im unbarmherzigen Sonnenlicht wie Seen funkelten. An manchen Stellen ragten Schrott und verbogene Eisenteile aus dem toten Boden; Überbleibsel der nächtlichen Schlachten. Wohin auch immer sie TYCHO gebracht hatte: Das Mädchen war weit, weit weg von den Überresten der alten Stadt, bei denen der Delphi auf sie wartete, und auch von ihrem Gepäck und ihren Vorräten, die dort lagerten. Lakmi begann an der Macht ihres Stabes zu zweifeln. Er hatte sie zwar aus der unterirdischen Festung geführt, jedoch nur mitten hinein in das Schlachtfeld, dessen Rand sie niemals bis zur Nacht erreichen konnte. War es ihr Los, das erste menschliche Opfer dieses Krieges seit Jahrhunderten zu werden?

Lakmi begann an der Macht ihres Wunderstabes zu zweifeln. Sie konnte nicht einmal zurück in die Kasematten gehen und sich irgendwo in einem Winkel verstecken, denn die Tür des Bunkers, die hinter dem Mädchen zugefallen war, hatte an ihrer Außenseite keine Klinke. Lakmi wog den Stab.

„Ach, TYCHO,“ fragte sie resignierend, „was sollen wir denn jetzt tun?“

Diesmal legte ihr der Stab keine Worte in den Mund oder zog sie in eine Richtung. Er summte leise in ihren Händen und das blaue Licht an seiner Verdickung erlosch. Da saß sie nun, besaß mit der Landkarte und dem Stab der Macht zwei der wertvollsten Gegenstände der Welt, und konnte sich nicht mit ihnen in Sicherheit bringen.

Doch ihr, meine geduldigen Zuhörer, die ihr mir bisher so treu zugehört habt, ihr wisst es schon: Lakmi-âs-Sekr, die man auch die Unerschrockene nannte, überlebte und kehrte zu ihrem Vater heim, den sie mit Hilfe ihres Zauberstabs heilte. Sie würde noch viele Reise in alle vier Winkel der Welt unternehmen, bevor sie die Hauptfrau des „Harmonischen Bambusrohrs“, des siebten Namenlosen von Karukora, wurde und ihre Erlebnisse für uns Nachgeborene aufschrieb.

Und dies geschah so: Die Sonne stand bereits nur noch zwei Handbreiten aufgebläht über dem Firmament als eine flimmernde, orangene Kugel, deren unterer Rand durch die Hitzeschlieren der Wüste abgestumpft war. Das tapfere Mädchen hatte schon alle Hoffnungen fahren lassen, als plötzlich eine dünne Staubfahne über den Dünen wehte. Sie konnte keine durch ein mutwilliges Spiel des Windes entstandene Windhose sein, sondern wurde durch ein bald sichtbar und nun schnell größer werdendes Gefährt geschaffen, das sich Lakmi und dem Bunkerausgang in erheblicher Geschwindigkeit näherte. Es war ein scheinbar von Zauberkraft angetriebener, achträdriger Wagen, der sich mühe- und übrigens auch beinahe geräuschlos durch den zu Staub zerriebenen Sand auf sie zubewegte.

Lakmi kniff die Augen zusammen.

„URS“, stellte sie fest und stand auf, wartete auf den Wagen. TYCHO, der den URS angefordert hatte, hatte ihr das merkwürdige Wort eingeben und auch eine Vorstellung davon, was URS eigentlich war. Sie hatte ein Bild vor Augen, das sie selbst zeigte, wie sie ins Innere des Wagens stieg, dort auf einem der am Boden festgemachten niedrigen Sitze Platz nahm und sich anschließend ungefährdet an den Rand des Schlachtfelds kutschieren ließ. URS – das wusste sie mit einem Mal, als hätte sie es in der Schule gelernt – das waren Transportfahrzeuge, die Menschen und Material durch die Tote Wüste fuhren und auch Reisende und Flüchtende nach Pardais brachten, wenn diese den richtigen Schlüssel besaßen.

„Danke, TYCHO“, sagte sie, als alles so geschah, wie ihr es der Zauberstab gezeigt hatte.

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 30)

ZWISCHEN DEN SEITEN

Voi biglietto, per favore.

Nikolaus Klammer schreckte aus dem Halbschlaf, in den er ge­fallen war und das schwere schwarze Buch, das er noch geöffnet in den Händen hielt, rutschte ihm dabei aus den Fingern. Es fiel auf den Boden des Zugabteils. Ertappt griff er nach unten, aber sein Sitznachbar, der in Innsbruck zugestiegen war, war schneller und hob das Buch vor ihm auf. Die beiden blickten sich an.

Klammer sah an seinen besseren Tagen ein wenig wie Ernest Hemingway und an seinen schlechten – sie überwogen – wie der Satyr Marsyias aus. Wie sei­ne momentane äußere Erscheinung auf den Avvocato wirken musste, mochte er sich gar nicht vorstellen: Wahrscheinlich sah er gerade aus, als hätte er bereits seine Häutung hinter sich.

Klammer fiel ein, was er vor seinem Sekunden­schlaf gelesen hatte und nahm sich vor, vorsichtiger im Umgang mit dem Advokaten zu sein. Der dünne Mann mit dem olivgrünen Gesicht, der die ganze Nacht seine Sonnenbrille aufbehalten hatte, zögerte kurz, als er Klammers nachdenklichen Blick spürte, aber dann überreichte er ihm umstandslos das Buch. Klammer riss es an sich und presste es gegen seinen Oberkörper, als wäre es ein Schatz, den er behüten musste. Im Grunde war es das auch.

Wahrscheinlich wirke ich im Augenblick eher wie Gollum und nicht wie der mythologische geschundene Satyr, der angeb­lich auch Sokrates geähnelt haben soll.

Er wurde sich der Lächerlichkeit seines Tuns be­wusst und blätterte nach der Stelle, an der ihn der Schlaf übermannt hatte. Er legte dort sein orangefar­benes Lesezeichen ein. Erleichtert stellte er dabei fest, dass sich der Inhalt von Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren noch nicht verändert hat­te. Klammer war ein oder zwei Kapitel vor dem Ende des Ro­mans seines Großvaters und vielleicht bekam er diesmal die Gelegenheit, ein Werk zu Ende zu lesen. Er hatte das Gefühl, wenn ihm das gelang, würde etwas Besonderes geschehen.

Das nächs­te Kapitel trug den vielversprechenden Titel „Ent­hüllungen“ und Klammer war gespannt, ob er darin endlich die Antworten bekam, welche Geheimnisse hinter der ganzen phantastischen Ge­schichte steckten und wie Sebastian Kerr diese auflö­sen würde. Er zweifelte inzwischen entschieden dar­an, dass die Hyänen von Berlin eine autobiografische Geschichte waren. Vieles erschien ihm frei und frech erfunden, ein Lügenmärchen. Viel zu unglaubhaft und utopisch hatte das letzte Kapitel geendet. Roboter im Berlin der Weimarer Republik, also bitte! Brecht würde sich im Grab umdrehen. Sein Großva­ter hatte wohl zu viel Kokain geschnupft, als er im Exil diesen Roman schrieb. Und diese Anspielung ganz am Ende des Kapitels, als er auch noch Vladi­mir Nabokov auftreten ließ, die war ja wohl völlig dane­ben.

Wenn mein Opa das alles erfunden hat, hat es allerdings auch Konsequenzen für das Tagebuch der brasilianischen Ärztin, dessen Authentizität damit ebenfalls in Frage gestellt ist. Kann es sein, dass diese Geschichte ebenfalls aus seiner Feder stammt? Und warum bietet mir Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren ausgerechnet diese Geschichten aus den Zwanziger Jahren an und nicht andere?

Doch an eine Fortsetzung der Lektüre war im Au­genblick nicht zu denken. Klammer musste das ver­schneite Berlin kurz vor der verheerenden Weltwirt­schaftskrise, die die Weimarer Republik direkt in die Arme der Nazis hatte taumeln lassen, verlassen. In seinem Hier und Heute war es draußen längst hell­lichter Vormittag und der Zug ratterte auf seinen Schienen durch die Vororte von Rom. Straßen, Plät­ze und Häuser, vor deren Fenstern auf Leinen Wä­sche hing, wechselten sich ab mit Ausblicken auf Pi­nien, silberne Olivenhaine und jetzt im Frühjahr pas­tellgrüne Getreidefelder.

Der Schaffner, der Klammer eben geweckt hatte, geduldig im Gang stehen geblieben und vergeb­lich auf eine Reaktion gewartet hatte, räusperte sich. Der Autor schob sein Buch eilig in die Außentasche seines Handgepäcks und holte sein ausgedrucktes E-Ticket heraus, das von dem Zugbegleiter nur ober­flächlich begutachtet und an zwei offenbar zufälligen Stellen gelocht wurde, bevor er es mit einem „Buon viaggio e divertimento! Arrivederci.“ wieder zurückgab.

Der Italiener neben Klammer wartete, bis der Schaffner weiter ging.

Scusi. Entschuldigen Sie meine Frage, signore. Aber sind Sie nicht der Schriftsteller Nikolaus Klammer?“, fragte er in einwandfreiem und gut verständlichem Deutsch. Ein verirrter Sonnenstrahl brachte die ver­spiegelten Gläser seiner großen Sonnenbrille zum Funkeln; es wirkte, als würden seine Augen dahinter strahlen.

„Wie kommen Sie darauf, Avvocato Ie … Ielli –“

Klammer war misstrauisch und geschmeichelt zu­gleich.

„Ienalli. Fabio Ienalli, Maestro Klammer. Ai loro ser­vizi. Das ist ganz einfach; ich lese gerade ein Buch von Ihnen.“

Der Mann griff in seine Herrenhandtasche, die er an einem Gurt über der Schulter seines tadellosen Anzugs trug, und beförderte ein dickes und zerlese­nes Paperback zu Tage. Es war eine Ausgabe von Der Engel im Spiegel, einer von Klammers frühen Roma­nen, der in der Toskana spielte. L’angelo nello specchio – das einzige seiner Werke, das jemals in einer Fremdsprache erschienen war und sich in Italien tat­sächlich ganz ordentlich verkaufte, obwohl es wirk­lich nicht einfach zu lesen war – war Welkenbaums guten Geschäftskontakten zu einem ähnlich gesinn­ten römischen Verleger zu verdanken, der übrigens auch die vorzügliche Übersetzung des Romans ver­antwortete. Manchmal galt der Prophet eben in der Fremde mehr als im eigenen Land.

„… und hier, auf der Innenseite“, fuhr Ienalli fort und deutete mit einem tabakgelben Finger – offen­bar war er ein starker Raucher – auf den Umschlag, „ist das nicht ein Foto von Ihnen?“

Die Abbildung in dem Taschenbuch zeigte den Au­tor zwar schwarz-weiß, etwas unscharf und zehn Jahre jünger – hatte er jemals so schwarze Haare ge­habt oder waren sie mithilfe von Photoshop für den italienischen Markt eingefärbt worden? -, aber es war doch unverwechselbar er selbst, der ihm da überlegen und auch ein wenig arrogant entge­gen blickte. Ein Leugnen war zwecklos.

„Sie haben mich erwischt“, gab Klammer lächelnd zu. Er genoss den seltenen Moment, in dem er sich prominent fühlen konnte, denn er wurde nicht oft erkannt.

„Ich hatte sehr viel Freude am L’angelo nello spec­chio”. Für einen Deutschen gelingt es Ihnen erstaun­lich gut, sich in die Seele Italiens einzufühlen.”

Klammer wusste nicht so recht, was er mit dieser Aussage anfangen sollte, denn in dem Roman kamen überhaupt keine Italiener vor. Er entschied sich zu einem unverbindlichen Kopfnicken. Von irgendwo her zauberte Ienalli einen wertvollen, obsidianschwar­zen Füller in die Finger seiner Rechten und streckte Klammer das Schreibutensil mit der goldenen Schreibfeder entgegen. Das war eine wirklich er­staunliche Präsentation seiner Fingerfertigkeit, aber Klammer war viel zu abgelenkt, um darauf zu ach­ten.

„Schreiben Sie bitte: Für Fabio”, sagte Ienalli und der deutsche Autor kam freudestrahlend seiner Auf­forderung nach. Der Avvocato kontrollierte nickend die Unterschrift, als würde er ein wichtiges Akten­stück prüfen, blies auf die feuchte Tinte, bis sie trocknete und schloss dann zufrieden sein etwas schäbiges Taschenbuch.

„Ich würde mich wirklich gerne mit Ihnen unter­halten, Maestro, aber wir fahren gerade am Bahnhof ein”, sagte er und seine Stimme klang redlich bedauernd.

Tatsächlich bremste der Zug, der immer langsamer gefahren war, in diesem Moment endgültig ab. Wie aufs Stichwort sprangen die Reisenden in dem Groß­raumwaggon von ihren Sitzen, holten aufgeregt ihr Gepäck von der Ablage und verstopften den Zwi­schengang. Es wurde geschoben und lautstark disku­tiert. Klammer hatte nur einen kleinen Handkoffer bei sich und er wollte sich gerade schon zum Aus­gang nach vorne drängeln, als ihm seine Reisebe­kanntschaft, die ebenfalls nur mit leichtem Gepäck unterwegs war, von hinten an der Schulter fasste.

Scusi, Maestro. Vielleicht können wir uns ja noch einmal während Ihres Romaufenthalts treffen”, sagte er und überreichte dem Autor seine mit goldenen Lettern bedruckte Visitenkarte, die er mit einem neu­en Zauberkunststückchen aus der Luft fischte und dem überrumpelten Klammer in die Hemdtasche schob.

„Ich würde mich wirklich freuen, Sie auf ei­nen Cafe americano oder gleich auf ein Abendessen in meiner Lieblings-Trattoria hier in Rom einzuladen. Ich meine, es wäre mir eine Ehre. Wissen Sie zufällig schon, wo Sie absteigen?”

Ienalli klemmte sich eine Nazionali in den Mund­winkel, zündete sie aber noch nicht an.

Klammer schüttelte den Kopf. Dann verabschiede­te er sich mit einem maulfaulen und gelogenen: „Das wäre nett”; und bemühte sich, den aufdringlichen und auch ein wenig unheimlichen Avvocato im Ge­wimmel des Zugabteils und dann im hektischen Durcheinander auf dem in der Hitze des römischen Vormittags brütenden Bahnsteig abzuhängen. Es gelang ihm – so glaubte er zumin­dest – problemlos. Termini mit seinen tausend Ne­beneingängen und Ebenen und seinen werktäglichen Menschenmassen war wie dafür geschaffen, einen Verfolger abzuschütteln. Er war nicht zum ersten Mal in der Ewigen Stadt und er wusste, wie er vom Bahnhof aus mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Piazza Navona gelangen konnte. In der unmittelbaren Nähe dieses zentralen Platzes befand sich das Hotel Ra­phaël und gleich daneben führte die Vicolo della Volpe zur schnurgeraden Via dei Coronari, die von der En­gelsburg herkommt. Dennoch war er wie jedes Mal erschlagen von der frühsommerlichen Hitze, dem Lärm und dem einem Ameisenbau ähnelnden Ge­wimmel in der Metropole, dem Gestank nach Abga­sen, Müll und Gas, den achtspurigen Straßen kurz vor dem Verkehrsinfarkt, den rücksichtslosen Vespa- und Radfahrern, die ohne Bremsen durch die dich­testen Menschenaufläufe kurvten, dem Hupen, dem vielfältigen Gesang von tausend Stimmen, den Tou­risten, Straßenverkäufern, den Bettlern, den atembe­raubend schönen Frauen, die an den Bars und Schaufenstern vorbei flanierten. Das Berlin seines Großvaters von 1929 muss gegen diesen quirligen und gärenden Dante’schen Höllenkreis ein Paradies voller Ruhe, Entschleunigung und Einsamkeit gewe­sen sein.

Einmal dachte Klammer in der übervollen U-Bahn, dass er weiter hinten im Wagen den Avvocato Ienalli sah, aber als er genauer hinsah, konnte er ihn nicht entdecken.

[Fortsetzung und Schluss am nächsten Montag …]

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 10)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

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„Ihr Narren …“, murmelte EDY, nun merklich leiser, resignierend. Sein aufgeblähter Kopf flackerte und wechselte mehrmals die Farbe, dann verschwand er für einen Moment.

Gleichzeitig begann der Stab, der aufrecht genau in der Mitte des runden Tisches in einem Loch steckte, an seiner birnenförmigen Verdickung oben zu blinken. Er tauchte den Worum auf diese Weise in ein gespenstisches, blaugrünes Licht. Lakmi runzelte die Stirn.

Konnte es wirklich so einfach sein? War es die ganze Zeit direkt vor ihren Augen gewesen? War dies vielleicht jener Stab der Macht, nach dem Asgëir suchte?

Kurzentschlossen kletterte sie auf den Tisch, beugte sich herab und ergriff den Stab. Für seine Länge von etwa einem Fuß wirkte er zu dick und zu klobig. Aber das ihr vollkommen unbekannte Material, aus dem er hergestellt worden war, fühlte sich glatt und warm an. Er ließ sich mühelos aus seiner Verankerung in der Tischplatte lösen und glitt ohne Widerstand aus der Öffnung, in der er bisher einen Finger tief gesteckt hatte. Für einen Moment blitzte eine knisternde Funkenstrecke zwischen der stumpfen Unterseite des Stabes und dem Loch. Lakmi richete sich auf.

Da erschien direkt vor ihr erneut der Kopf von EDY. Sie wich erschrocken vor dem Gespenst zurück und wäre dabei beinahe rückwärts vom Tisch gefallen.

„Wage es nicht!“, explodierte die Stimme des Dschinn in ihrem Kopf und Lakmi hatte das Gefühl, ihr würde in diesem Augenblick der Kopf platzen. Sie knickte ein und fiel schwer auf ihre Knie.

„Stecke den Stab zurück in sein Interface. Niemals darf er mit seinen restlichen Komponenten zusammen kommen! Ihre gebündelte Macht würde die Welt zerreißen.“

EDYs Stimme überschlug sich und hallte wie der Donner einer Kanone. Sterne aus Licht tanzten vor Lakmis Lidern, die sie krampfhaft geschlossen hatte. Tränen liefen ihre Wangen hinab und der Schmerz, der in ihr tobte, war kaum mehr auszuhalten. Verzweifelt presste sie ihre freie Hand gegen ihre Stirn, doch das half nicht gegen den Druck, der von innen gegen ihren Schädel prallte.

„Schweig endlich“, schrie sie in höchster Not. „Schweig! Schweig …“

Sie klammerte sich mit dem Rest ihres Verstandes an dem Wort fest, damit er von dem Orkan in ihrem Inneren nicht unrettbar davon geweht wurde. Sie wusste: Nur noch dieses „Schweig!“ stand zwischen ihr, dem Wahnsinn und dem Verlust ihrer Seele. EDY war dabei, sie zu brechen.

Doch da vibrierte mit einem Mal der Stab in ihrer Hand, erwachte zum Leben. Das blaue Licht an seinem dicken Ende leuchtete gleißend auf und tauchte den Worum in ein helles Türkis, als befände er sich im Inneren eines funkelnden Opals. Von dem Licht ging eine seltsame, beruhigende Wirkung aus. EDYs Kreischen wurde augenblicklich leiser und leiser und war dann nur noch in heiseres Flüstern in Lakmis Ohren. Gleichzeitig ließen ihr Schädelweh nach und sie wurde sich der Anwesenheit eine weiteren Geists in ihrem Kopf bewusst. Von ihm ging ein wortloses und wohltuendes Summen aus; in einem Tonfall, mit dem eine Mutter ihr schreiendes Kind beruhigt. Wie in dem Tisch, so musste auch in dem Stab ein mächtiger Dschinn wohnen und seine Kraft war wohl noch größer als die von EDY. Ohne zu wissen auf welche Weise, hatte Lakmi ihn gerufen und nun stand er ihr bei. Der Stab lag dabei angenehm warm und leicht zitternd in ihrer Hand und passte dort so selbstverständlich hin, als wäre er mit ihren Fingern verwachsen. Auf eine unbestimmbare Weise fühlte sich dieser Zauberstab so an, als wäre er schon immer ein Teil von ihr gewesen. Er war wie ein Stück ihrer selbst, das sie irgendwann einmal verloren und nun wiedergefunden hatte.

„Schweig“, sagte Lakmi ein letztes Mal und EDYs Stimme verstummte endgültig. Sein durchscheinender Kopf verschwand.

Lakmi kletterte zitternd vom Tisch und sah sich in dem in das blaue Licht getauchten Worum um. Im Türrahmen standen noch immer die Wächtergoleme. Sie klickten aufgeregt mit ihren Gliedmaßen, aber sie kamen nicht herein und gehorchten auch weiterhin dem Befehl von EDY, nicht weiter mit ihren Geschossen aus rotem Licht um sich zu schießen. Aber was war das? Zwischen ihren Beinen wimmelte es mit einem Mal, als wäre der Boden in Bewegung geraten. Hunderte oder tausende – wer vermag das schon zu sagen? – der kleinen Spinnengoleme krabbelten aufgeregt in den Worum, flossen wie ein Schwall Wasser ins Innere, teilten sich aber vor dem tapferen Mädchen, umfluteten den Platz, auf dem sie stand und vereinigten sich erst hinter ihr wieder, als wäre sie ein Felsen in einem Fluss, der dessen Lauf zufällig im Weg lag. Schnell wurde der ganze Tisch in ihrem Rücken von ihnen bedeckt. Offenbar war ihr Auftrag, ihn zu reparieren und wie es aussah, kamen die Deltas schnell voran. Sie waren es, die jede zerstörte Kriegsmaschine auf der Stelle reparierten und so lang sie selbst nicht ausfielen – sofern das möglich war -, würde die Schlacht der Golemarmeen andauern.

Es war an der Zeit, die Flucht zu ergreifen, bevor EDY wieder zu Leben erwachte. Lakmi deutete mit ihrem Stab auf die monströsen Gestalten, die vor der Tür standen und sie mit grünen Augen betrachteten. Sie hatte die Angst, sie könnten es sich jederzeit anders überlegen und sich auf sie stürzen.

„Geht“, sagte sie mit fester Stimme und wusste dabei, dass sie ihr und ihrem Zauberstab gehorchen würden. Tatsächlich wandten sie sich auf ihren Befehl hin ab und rollten und stapften davon, gaben den Durchgang frei. Trotzdem trat Lakmi sehr vorsichtig hinaus und schwenkte den Stab dabei in alle Richtungen. Sie wusste nicht, was das schlichte, pechschwarze Rohr alles bewirken konnte und ob es gar wie die Goleme Feuerblitze spucken konnte, aber es schien den mechanischen Soldaten gehörigen Respekt eingeflößt zu haben. Die fünf Goleme, die auf EDYs Ruf herbei geeilt waren, hatte den Vorraum bereits wieder verlassen und die beiden Wächter links und rechts der Tür waren auf ihrem Schienen ganz nach außen zu den Wänden der Halle hin gerollt, wo sie erstarrt standen und Lakmi ihre Rücken zuwandten. Mutiger geworden schritt das Mädchen vorwärts, wobei sie sich bemühte, nicht zufällig auf die letzten Nachzügler der Deltas zu treten, die auf ihren vielen Spinnenbeinchen hektisch über den Boden huschten. Der Eingang zum Worum schloss sich hinter ihr. Lakmi bündelte ihren Geist.

„Stab,“ flüsterte sie, „wie soll ich dich nennen?“ Der Dschinn schwieg. Sie konnte keine Antwort vernehmen, so sehr sie auch in ihr Inneres lauschte. Offenbar konnte er nicht wie EDY direkt in ihrem Kopf reden. Dennoch sprang ihr mit einmal ein Wort auf die Lippen. Sie wusste nicht, woher es gekommen war.

„TYCHO“, sprach sie es aus. „Heißt du so? TYCHO?“

Lakmi lächelte. Also war es möglich, sich mit dem Zauberstab zu verständigen, auch wenn es eine große Anstrengung bedeutete und das Gespräch sehr einseitig und bruchstückhaft war.

„Ja, das ist dein Name“, sagte sie und spürte dabei den bitteren Geschmack von Kummer und Verlorenheit, das Gefühl, unvollständig zu sein und den brennenden Wunsch, wieder eins zu werden. Ihr fiel ein, was Asgëir und EDY gesagt hatten: TYCHO war nur ein Stück eines Meisterstabes, den man einst in fünf Teile zerbrochen hatte. Und nun sehnte er sich danach, sich mit den anderen vier wieder zu verbinden.

„TYCHO. Du musst mich an die Oberfläche bringen“, dachte sie und starrte dabei auf den Stab in ihrer Hand. Längst hatte sie ihr Zeitgefühl verloren und wusste nicht, ob es außerhalb der Tunnel Tag oder Nacht war. „Aber bringe mich an einen sicheren Ort außerhalb der Grenzen der Schlachtfelder.“ Konnte sie dem Dschinn auf diese einfache Weise Befehle geben oder war es nur Zufall gewesen, dass er zweimal ihren Wünschen gehorcht hatte? Und wie viele standen ihr überhaupt zu? Waren es die traditionellen drei Wünsche der Märchen oder würde ihr TYCHO so lange gehorchen, so lange sie ihn in Händen hielt?

Wie dem auch war, der Zauberstab bewegte sich wie von selbst und begann, Lakmi in eine Richtung zu ziehen, auf eine Wand zu, an der für sie keinerlei Durchgang zu erkennen war. Sie musste fest zupacken, damit der Stab ihr nicht durch die Finger schlüpfte. Lakmi wusste aus ihrer Erfahrung mit dem Wächtergolem, der sie zum Worum geführt hatte, dass ihre Sinne hier unten in dem unsicheren Licht oft in die Irre gingen. Und tatsächlich: Während sie, von TYCHO gezwungen, vorwärts ging, gab die vorher makellos glatte Wand einen Durchgang in einen quadratischen Raum frei. Er war klein, fast nur eine Nische in der Wand.

Lakmi trat ohne Zögern ein und sofort schloss sich die Tür. Die Wände erzitterten. Kurz hatte sie ein ungewohntes, hohles Gefühl im Unterleib, das allerdings sofort wieder verschwand. Irrte sie sich oder wurde sie mitsamt dem Raum in die Höhe gezogen?

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 29)

Jetzt kam auch Leben in Rother, der ihr gegen­über stand. Der dicke Kriminalassistent beugte sich flink über seinen Partner und ergriff das Buch, das dieser trotz des Aufpralls noch immer fest in der seltsam abgewinkelten Hand hielt. Rother zerrte und mühte sich. Endlich löste sich der Griff und anschließend hob er das Buch tri­umphierend in die Höhe. Helene Weigel sah ihm erstaunt dabei zu.

„Ich habe es! Ich habe es!“

Rother rannte davon, das Pflaster in Richtung Augsburger Straße hinunter. Se­bastian machte keine Anstalten, ihm zu folgen und er hinderte auch mit einer beschwich­tigenden Geste Lokwi daran. Er hatte noch nichts ge­sagt und starrte auf Brecht, der sich am kurzgeschorenen Na­cken kratzte und wirkte, als wäre er nicht ganz auf der Höhe der Ereignisse. Vielleicht hatte er durch den Unfall auch einen Schock erlitten, aber Sebastian glaubte eher, dass Brecht ebenso wie er selbst von der unglaublichen Ausstrah­lung Lokwis gefangen genommen war. Sie wirk­te wohl auf alle Männer. Dann wanderte sein Blick zwischen dem Dschungel­mädchen und dem berühmten Schriftsteller hin und her. Er rang mit sich selbst, mit seiner al­ten und seiner neuen Liebe, die ein ironisches Schicksal neben­einander gestellt hatte. Brecht, stellte er fest, hatte schlechte Karten.

„Schnell, mein Notizbuch! Meu Deus! Rother darf nicht mit ihm entkommen.“ Elena und der sich auf Gretas Schultern stützende Gregor humpelten aus der Hofeinfahrt. Sebastian wink­te ab.

„Der Dicke hat nur mein Moleskine. Ich habe dem Narbigen vorhin das falsche Buch gegeben. Ich hoffe wirklich, Rother hat Spaß an meinen Gedichten.“

Nur mein Moleskine? Habe ich das gerade wirklich gesagt? Oh, Gott, mein wertvollster Be­sitz!, dachte er. Welche Schätze gehen da unwie­derbringlich verloren? Ich hätte sie Brecht zeigen können …

Trotzdem fühlte er sich gut. Er trat an die Schauspielerin und den Narbigen heran, der weiterhin wie ein zerbrochenes Spielzeug auf der Straße lag und sich nicht rührte. Er traute seinen Augen kaum. Brechts Verlobte hatte recht: Dies war wirklich kein Schwerverletzter oder die Leiche eines Menschen, sondern ein zer­störter Apparat, eine Maschine – ein Maschinen­mensch! Besser ge­sagt, das, was von ihm übrig geblieben war, nachdem ihm Elena zwei Kugeln in die Brust ge­schossen und Brecht ihn mit sei­nem Steyr umge­fahren hatte. Die beiden hatten ganze Arbeit geleistet. Viel Menschliches war danach nicht mehr an der Hyäne zu erkennen.

Ein Arm war vollkommen abgerissen und aus der leeren Achselhöhle quollen Kabel, Schmier­fett und hy­draulische Gelenke. Ein paar Ketten­glieder klickten noch. Mitten aus der Brust rag­te eine Feder und ein paar verbogene Stäbe, die wohl mal als eine Art Rippen gedient hatten. Die künstliche Haut, die bisher den me­tallenen Kör­per unter sich verborgen hatte, war über der lin­ken Gesichtshälfte wie ein altes, feuchtes Plakat an einer Litfaßsäule herab gerissen und darun­ter kam ein rötlich schimmernder, eiserner To­tenschädel zum Vorschein, in dem die blanken Zähne wie die perverse Parodie eines breiten Lä­chelns wirkten. Was auch immer dieses Ding am Leben gehalten hatte, das einem Roman von H. G. Wells entsprungen schien: Nun war es ein­deutig tot und es brannte kein Licht mehr in den blinden, gläsernen Augen. Frau Weigel sah er­schüttert auf.

„Das war – wie nannte Capek diese Automaten noch in seinem Theaterstück? Wir haben „R.U.R.“ doch damals in Frankfurt inszeniert …“ Sie schlug sich an den Kopf.

„Ein Roboter, ja, genau. Das war mal ein Robo­ter, oder? So wie in Fritz Langs Metropolis. Da hat doch Brigitte Helm solch einen Maschinenm­enschen gespielt. Da war unter der Haut auch nur Aluminium. Ich dachte nicht, dass es so et­was in Wirklichkeit gibt. Ein Roboter muss doch sehr teuer sein. Und wie funktioniert so etwas überhaupt? Bertolt, ich glaube nicht, dass dies­mal ein Gedicht ausreicht, um den angerichteten Schaden wieder gut zu machen.“

Greta begleitete ihren Bruder zu einem Later­nenmast, an den er sich klammerte und trat dann heran. Sie sah nicht mit Abscheu, sondern mit wirklichem Interesse herab.
„Ja, das war ein Roboter, ein künstlicher Mensch. Genauso wie Karla. Sie ist als K‘Ral zwar eine andere, etwas weiter entwickelte Bau­reihe, wurde aber von denselben Mächten er­schaffen, um ihnen zu dienen. Sie hat sich aller­dings für die Gegen­seite entschieden, hat mir Elena mal erzählt. Du erinnerst dich, Bastian, der da, man nennt es einen K’Rit, hat heute Morgen noch versucht, Karla im Auftrag der Hyä­nen außer Betrieb zu nehmen. Ich musste sie später nachjustieren, weil sie trotz deines Ein­schreitens etwas abbekommen hatte. Es ist gut, dass ich mich ein wenig mit Autos und Ge­trieben auskenne. Schade, dass wir nicht die Zeit haben, den K’Rit näher zu untersuchen.“

„Ach, Sie verstehen etwas von Autos? Vielleicht wollen Sie sich dann einmal unseren Wagen an­sehen, meine Liebe?“, erkundigte sich Frau Wei­gel.

Gretas Lachen klirrte.

„Gerne. Es wäre mir ein aufrichtiges Vergnü­gen. Unter uns Mädchen, das ist ein wundervol­les Modell, das Ihr Freund da fährt. Wie viele PS hat der denn, wenn ich fragen darf? Einhun­dert?“

Was war das denn für ein Gespräch, das die beiden Frauen da führten? Dies war kein Nach­mittagstee unter Automechanikern! Sebastian wurde wütend.

„Was zum Teufel geht hier wirklich vor? Kann mir jemand mal die ganze Geschichte erzählen?“

Er fühlte sich ausgenutzt und von den Geres und der Ärztin hintergangen. So vieles wusste er nicht, so vieles war ihm verschwiegen worden.

Ich bin für sie nur eine nicht einmal besonders wertvol­le Figur in einem Schachspiel zweier mir unbe­kannter Mächte. Aber immerhin – ich habe Brecht kennengelernt, dachte er. Hat sich schon gelohnt …

„Könnten wir dieses Gespräch vielleicht auf später verschieben? Wenn wir alle im Flieger sitzen?“, mischte sich Elena ein. „Der dicke Poli­zist wird bestimmt seine Kollegen informie­ren und wir sollten weg sein, bevor er mit Ver­stärkung zurückkommt.“

„Aber er hat doch, was er wollte!“, gab Greta zu bedenken.

„Und wie lange wird es dauern, bis er bemerkt, dass er das falsche Buch hat? Ich möchte nicht mehr hier sein, wenn er Bastians kleinen Trick bemerkt.“

„Aber wo sollen wir denn hin?“ Sebastian sah die Straße hinunter.

„Wir können unmöglich zu unserem Auto. Dort, wo es steht, wimmelt es wahrscheinlich von Schupos; wir würden nur Rother in die Arme laufen. Außerdem ist Gregor verletzt und kann mit der Wunde nicht weit lau­fen. Und so, wie wir aussehen …“, Elena deutete auf Lokwi, die stolz ihr Kinn nach oben reckte und mehr denn je wie eine Dschungelgöttin aus ei­nem Roman von H. Rider Haggard glich, „… nimmt uns auch kein Taxifahrer zum Tempelhofer Feld mit.“

Brecht, der bei seinem Auto stehengeblieben war und sich als einziger nicht den zerstörten Roboter betrachtete, räusperte sich und legte dann wie selbstverständlich einen Arm um Lok­wi. Sie ließ sich diese Geste erstaunlicherweise gefal­len und sagte ein paar Wörter in ihrer Sprache, die Elena zum Lachen brachte.

„Sie sind ihr sympathisch“, übersetzte sie. „Sie erinnern sie an ein Tier aus ihrer Heimat, einen Neuweltaffen, der bei ihrem Stamm als Delika­tesse gilt.“
Brecht war nicht beleidigt und stimmte in das Lachen ein. Dabei ignorierte er einen stirnrun­zelnden Blick seiner Verlobten, die über den Vorschlag, der nun unweigerlich kommen wür­de, nicht ganz so glücklich schien.
„Wenns euch net stört, falls es etwas eng wird, hätt ich einen Vorschlag zu machen. Das Alles kling nach einer wirklich interessanten Ge­schichte und i wär a schlechter Autor, wenn mi des net interessieren würde.“

Beinahe hätte B. B. übrigens noch die Litera­turgeschichte verändert, als er wenig später den vollbesetzten und nur leicht beschädigten Steyr Sportwagen durch das panrussische Viertel am KA­DEWE zum Flughafen am Tempelhofer Feld steuerte.

Große, nasse Schneeflocken trieben schräg über die Passauer Straße im Berliner Westen, als ein Exilrusse auf ein hässliches altes Haus zuging, das zur Hälfte hinter einer Gerüstmaske versteckt war. Er hielt sich die Hände schützend vor das Gesicht und achtete nicht auf den Stra­ßenverkehr. Nur ein kühner Sprung zur Seite rettete ihm gerade noch das Leben, als der Steyr ungebremst und hupend angebraust kam und mit quietschenden Reifen in den Kurfürsten­damm einbog.

„Ich muss raus aus dieser grauenvollen Stadt“, dachte der schmale Mann zitternd, der in seinen fünf Jahren in Berlin niemals richtig Deutsch gelernt hatte. Er sah dem Wagen hinterher, der ihn beinahe auf die Hörner genommen hatte. „Und zwar so schnell wie möglich. Das hier ist die Höl­le auf Erden.“
Vladimir schüttelte den Kopf und setzte seinen Weg fort.

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 9)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

„Was ist dein Wunsch, General?“, fragte der Kopf, ohne die Lippen zu bewegen. Tote, stahlgraue Augen lasteten ohne eine erkennbare Regung auf dem Mädchen. Tote, stahlgraue Augen lasteten ohne eine erkennbare Regung auf dem Mädchen. Der kalte Blick riss das Mädchen aus ihren Gedanken. Vor diesem Dschinn musste sie auf der Hut sein; er war gefährlich, das spürte sie.

Lakmi hätte nicht zu sagen vermocht, woher die laute und gut verständliche Stimme kam. Wie auch der riesige Golem, der Lakmi an diesen Ort geführt hatte, redete der Dschinns in ihrer eigenen Sprache. Er sprach sogar in dem singenden, die Mitlaute vernuschelnden Dialekt Karukoras, den oberhalb des Marat niemand verstand. Konnte es aber sein, dass sie Worte nur in ihrem Kopf hörte? Sie räusperte sich und trat näher. Für eine Flucht war es längst zu spät.

„Wie ist dein Name, Dschinn?“

„Ich wurde früher EDY genannt. Ich bin übrigens kein Dschinn, sondern ein nur ein Backup“, erwiderte der Kopf. Seine Stimme klang dabei ein wenig ungeduldig, wie Lakmi fand. Sie ignorierte den zweiten Satz, den sie nicht verstanden hatte.

„Gut, EDY. Dann zeige mir den Weg, der in den Tag führt.“

Das Bild der wehenden Fahne auf dem Tisch verschwand. Stattdessen erschien dort eine Landkarte, die einen Ausschnitt der Toten Wüste von oben zeigte. Der Maßstab war recht groß gewählt. Lakmi konnte die Ufer des Meers und vor der Küste die Insel Sirtmar erkennen Am von ihr aus oberen Rand des Tisches machte sie die himmelhohen Mauern des Großen Südwalls aus, den der legendäre König Launin kurz vor dem Fall der Reiche aus den Felsen eines Gebirges als Grenze hatte errichten lassen. Er teilt auch heute noch die Welt von West nach Ost in eine zwei Hälften. Das auf der Landkarte rot schraffierte Gebiet dazwischen – es misst unfassbare 500 Meilen im Durchmesser –, das waren die Ebenen des Ewigen Krieges. Eigentümlicherweise knickte der nahezu unüberwindliche Festungswall des Königs hinter dem Helmgebirge scharf nach Süden ab und verlief sich dann mitten in den Ebenen. Wo der Große Wall im Nichts der ewigen Schlachtfelder endete – vielleicht durch die nicht enden wollenden Kriege der Golemarmeen geschliffen -, begann eine gepunktete, blaue Linie, die leicht ostwärts die Schlachtfelder querte und mitten in den Ebenen zu einer flachen Erhebung führte, auf der ein großes, rotes Viereck eine Stadt andeutete, die Lakmi größer schien als alle fünf Oststädte zusammen.

„Was ist das?“, fragte Lakmi und deutete auf das Quadrat.

„Das ist die Enklave“, antwortete EDY prompt. „Der Ort, den dein Volk Pardais nennt.“

„Und vom Ende des Südwalls führt ein sicherer Weg dorthin? Wie ist es dort?“

„Meine Augen sehen nicht nach Pardais hinein, General, denn das ist mir verboten. Aber die neutrale Enklave war einst ein sicherer, friedlicher Ort, zu dem sich die Zivilbevölkerung zurückziehen konnte, wenn die Schlachten tobten. Pardais war eine mächtige Festung. Einst endeten hier die Mauern des Südwalls.“

„Du weißt also nicht, ob dort noch Menschen leben?“

„Diese Information steht mir nicht zur Verfügung. Ich kann darüber nicht einmal eine Mutmaßung anstellen. Seit ich den Dienst aufgenommen habe, hat noch nie jemand Paradis verlassen oder besucht.“

„Ist der Weg denn sicher? Auch in der Nacht, wenn die Kriegsmaschinen aufeinanderprallen?“

„Wenn du einen Passagierschein hast und ihn an einem der Transittore benutzt, wird dich eine U.R:S. sicher zur Enklave bringen“, erwiderte EDY.

Lakmi erkundigte sich nicht, was eine „Urs“ sei. Sie interessierte sich für etwas anderes und deutete an den rechten Rand des Tisches, wo die Darstellung in einem verschwommenen Nebel endete.

„Was ist dort – ich meine, im Osten hinter den Ebenen?“

EDY zögerte.

„Auch diese Frage kann ich dir nicht genau beantworten, General. Verzeih mir meine Unzulänglichkeiten. Am Anfang des Krieges brach, wie du weißt, auch das Satnet zusammen und meine Drohnen können nicht so weit gen Osten blicken. Doch dort ist nach der Großen Welle ein Bruchstück des zerstörten Maní eingeschlagen, der die Kontinentalplatte zerrissen hat. Der Aufprall hat einen gewaltigen Krater erzeugt, der sich inzwischen wahrscheinlich mit Meerwasser gefüllt hat. Dort gibt es kein menschliches Leben mehr.“

Lakmi hatte genug gehört. Es schauderte sie bei der Vorstellung, wieviel Leid und Tod der Krieg der Vorgänger erzeugt hatte. Und zumindest hier war er noch immer nicht vorbei.

„Ich hätte gerne eine Abschrift dieser Karte.“

„Ich höre und gehorche.“

Prompt klappte an der Seitenkante des Tisches ein kleines Fach heraus. In ihm lagen eine Papierrolle und ein flacher, rechteckiger Gegenstand. Er war grün und etwas kleiner als Lakmis Handfläche.

„Dies sind ein Ausdruck der Karte und der Passierschein. Pass vor allem auf ihn gut auf, denn er ist ein Schlüssel, ohne den du die Enklave nicht erreichen kannst“, erläuterte EDY.

Lakmi nahm die beiden Gegenstände und verstaute sie in den Taschen ihrer Kleidung. Sie wollte sich schon verabschieden, da fiel ihr ein, dass sie einen Auftrag hatte. Beinahe hatte sie den Wunsch des Delphi vergessen.

„Ich benötige noch etwas, EDY. Gib mir den Stab der Macht, der sich in deinem Besitz befindet.“

Täuchte sich Lakmi oder erzitterte kurz der Boden unter ihren Füßen? Sie stolperte einen Schritt nach hinten. EDY kniff die Augen zusammen und sein glattes, dunkles Gesicht wirkte plötzlich misstrauisch und – ja -, auch ein wenig ängstlich. Seine Stimme dröhnte nun so laut in Lakmis Kopf, dass sie schmerzte:

„Wozu benötigst du den Stab, General? Wer hat dich beauftragt, ihn zu besorgen?“

Ein orangefarbenes Licht leuchtete an der Decke auf und auf der Tischfläche erscheinen Worte, die in einer Schrift geschrieben waren, die das Mädchen nicht kannte. War ein Alarm ausgelöst worden? Lakmi hatte den Eindruck, sie sein von einer zur anderen Sekunde in Lebensgefahr geraten. Vorsichtig wich sie weiter zurück zur Tür, die sich zischend hinter ihr öffnete.

Asgëir will den Stab und du gibst ihn mir!“, befahl sie trotzig, denn sie wusste: Sie durfte auf keinen Fall Schwäche zeigen, wenn der Dschinn ihr weiterhin gehorchen sollte.

Doch dann presste sie sich erschrocken die Hand gegen den Mund. Sie hatte vergessen, dass der Delphi ihr befohlen hatte, seinen Namen unter keinen Umständen zu verraten. Aber hätte sie ihn überhaupt verschweigen können, wenn EDY direkt in ihrem Kopf war und ihn ihren Gedanken wühlte? Sicherlich konnte er sie lesen.

„ Asgëir!“, schrie der Herr des Worums auf. „ Asgëir, der Unsterbliche, er ist hier – der verfluchte Widersacher, der sich mit Inet verbündet hat! Wehe! Fünf Stäbe, um einen zu formen. Wehe! Niemals darf mein Stab in die Hände dieses Ungeheuers geraten. Wachen! Ergreift den General! Er ist ein Verräter.“
Lakmi, die bereits durch die Tür fliehen wollte, drehte sich um. Schwere Schritte waren in ihrem Rücken zu hören. Nicht nur einer, der hünenhaften Kriegsgoleme und die beiden Türwächter standen in dem Gewölbe vor dem Worum, sondern vier oder fünf von diesen unbesiegbaren Metallriesen näherten sich mit nach vorne gestreckten, rotglühenden Fingerspitzen, doch sie traten nicht durch die Tür. Sie war offenbar ein Tabu, das sie nicht überschreiten konnten.

Lakmi sprang mit einem beherzten Hecht zur Seite. Gerade noch rechtzeitig! Lichtblitze zuckten und trafen nicht sie, die noch vor einem Wimpernschlag am Kreuzungspunkt der tödlichen Strahlen gestanden waren, sondern den runden Tisch hinter ihr, über dem EDYs aufgeblähtes und vom Zorn verzerrtes Gesicht schwebte.

„Ihr Narren! Feuer einstellen“, brüllte der Dschinn in Lakmis und wohl auch im Kopf seiner eisernen Soldaten, denn sie senkten sofort ihre Arme. Doch es war zu spät. Der Tisch färbte sich in kaltes Grau und aus den Löchern, die die Strahlen in seine Oberfläche geschmolzen hatten, stiegen dünne Rauchfahren empor. Wieder wurde der Erdboden unter Lakmi erschüttert, die sich gerade auf ihre Füße sprang und sich in eine Ecke des Worums flüchtete, wo sie von der Tür aus im toten Winkel stand und nicht befürchten musste, von den heißen Strahlen der Goleme getroffen zu werden. Schlagartig erlöschten alle Lichter in dem Worum.

„Ihr Narren …“, murmelte EDY, merklich leiser. Sein aufgeblähter Kopf flackerte und wechselte mehrmals die Farbe, dann verschwand er für einen Moment.

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 28)

Der Narbige griff nach unten, um sich seine Waffe vom Boden zu angeln. Sebastian kniff die Augen zusammen und riss sie dann wieder auf. Hatte er wirklich gerade gesehen, dass der schwere Revolver über den Schnee auf den Mann zurutschte, als ob er ihn mit einem un­sichtbaren Faden zu sich heran zog? Das konnte doch nicht sein, das musste eine optische Täu­schung sein. Niemand hatte magnetische Hän­de! Wie es auch stand, wenn Sebastian jetzt nichts unternahm, würde der Mann gleich seine verlorene Waffe wieder in den Händen halten. Er nahm Boxstellung an. Doch der Narbige hielt mitten in seiner Bewegung inne und auch sein Revolver be­wegte sich nicht mehr auf ihn zu.

Es knallte erneut ein Schuss, dann noch einer. Die Hyäne sah verblüfft zu Rother, der nicht ge­schossen hatte, sondern sich mit allen Kräften Lokwis erwehren musste, die sich nach ihrer Ak­tion mit den Kisten wie eine Raubkatze auf ihn gestürzt hatte, um ihm mit ihren langen Finger­nägeln die Augen auszukrat­zen. Auch sein Re­volver war in den Schnee gefallen.

Erst dann blickte der Narbige an sich selbst herab. Die Kugeln hatten ihm in Brusthöhe zwei qualmende, ausgefranste Löcher in den Rollkra­genpullover gestanzt. Falls in seinem brutalen Gesicht jemals eine Empfindung aufgetaucht ist, dann in diesem Augenblick: In seiner Miene zeigte sich Überraschung. Sebastian drehte den Kopf. Hatte etwa Gregor …?

Nein, der lag noch immer halb bewusstlos am Boden. Geschossen hatte Elena. Sie hielt eine bronzierte Pistole mit langem Lauf in der Hand.

„Es war kein Fehler, die alte Parabellum von Wohlfink zu behalten und zu pflegen“, lachte sie. „Ich wusste, ich würde sie noch einmal brau­chen.“

Rother gelang es in diesem Moment, Lokwi zu­rückzudrängen, dann wirbelte er panisch auf den Absätzen seiner ausgelatschten Schuhe her­um und rannte davon, suchte mit einem zer­kratzten und blutigen Gesicht sein Heil in einer kopflosen, fei­gen Flucht. Er legte dabei eine Ge­schwindigkeit vor, die Sebastian dem kurzat­migen Dicken nicht zugetraut hätte.

„Das ist ein Dämon … ein Dämon aus der Höl­le!“, kreischte Rother. „Rette sich, wer kann!“

Sebastian schüttelte lächelnd den Kopf und wandte sich wieder dem Narbigen zu, den er längst zu Boden gesunken glaubte. Doch der un­heimliche Mann stand trotz der töd­lichen Wun­den in seiner Brust noch immer auf­recht. Das war nicht zu glauben! Wie konnte er noch leben? In der einen Hand hielt er das schwarze Buch, mit dem Zeigefinger der anderen tastete er in den Löchern in seinem Pullover, als wäre er Je­sus und Thomas zugleich. Die Augen leuch­teten wieder, der Narbige schaltete sie ein wie eine Taschenlampe und beleuchtete damit seine Wunden, aus denen jedoch seltsamerweise kein Blut, sondern etwas Anderes, Dunkleres, das wie Maschinenöl wirkte, floss. Zu Sebastians grenzenloser Ver­blüffung roch es in dem Hof nun stark nach dem verschmorten Zündkabel ei­nes Automobils, nach bitterer Batterieflüssigkeit und erstaunlicherweise auch nach Zitronen.

„Da hast du“, zischte Greta zufrieden.

Der Narbige sah auf und strahlte sie kurz an, dann entschied er sich. Er folgte mit eiligen Schritten seinem Polizistenkomplizen. Dabei war ein mechanisches Klappern zu hören, das Sebastian seltsamerweise an das Geräusch erin­nerte, das Karla beim Treppensteigen machte. Doch so leicht würden die zwei ihm nicht davon kommen. Er klaubte die schwere Waffe auf, stapfte durch die Scherben und rannte den Hyä­nen hinterher, rein in den nächsten, größeren Hinterhof, der in einen weiteren mündete. Die verschneiten Höfe waren aufgereiht wie Perlen an einer Schnur. Dem Flüchtigen mit dem Buch knapp auf den Fersen, holte ihn ein Déjà-vu vom Vormittag ein. Doch diesmal jagte er nicht allein hinter dem Narbengesicht her, Lokwi war plötz­lich neben ihm; ein schwarzer Panther auf der Jagd. Sie hielt sie mühelos mit ihm Schritt, ihre nackten Füße patschten durch die Pfützen. Und sie lach­te dabei, jauchzte. So hetzten die beiden ihre Beute durch die in nächtlicher Stille und Dunkelheit liegenden Höfe. Ihre schnellen Schritte hallten in den Durchgängen.

Der korpulente und wie eine Dampflok schnau­fende Rother, den die anderen beinahe eingeholt hatten, warf einen entsetzten Blick über die Schulter. Ohne nach vorne zu sehen, rannte er durch die letzte Toreinfahrt und das schmale Trottoir auf die Straße, wo er beinahe von einem sich nähernden Automobil überfahren worden wäre. Gerade noch stolperte er hinter den Wa­gen. Der Narbige, inzwischen nur noch zwei Schritt hinter seinem Komplizen, hatte nicht so viel Glück.

Obwohl der Fahrer noch zu bremsen versuchte und das Lenkrad gedankenschnell herumriss, kam diese Reaktion für die Hyäne zu spät. Das Auto – es war ein Steyr VI Sport, der immerhin 135 km/h schnell werden konnte und auf der men­schenleeren Straße, auf der eigentlich nur 60 km/h erlaubt waren, wie ein Pfeil unterwegs war – erfasste den Mann seitlich mit dem Küh­lergrill und dem rechten Scheinwerfer. Der Auf­prall war so heftig, dass der Unglückliche wie eine Puppe über den seltenen österreichischen Wa­gen hinweg geschleudert wurde und hinter ihm wieder zu Boden fiel. Der Steyr kam erst zehn Meter weiter mit quietschenden Weiß­wand-Reifen zur Ruhe.

Der Fahrer stellte den Motor ab. Jetzt kamen auch Lokwi und Sebastian heran und blieben verblüfft über das überraschende Ende ihrer Jagd auf dem Bürgersteig stehen. Auch Rother verharrte starr vor Schreck vor dem regungslo­sen Körper des Narbigen, der di­rekt vor seinen Füßen zum Liegen gekommen war. Für eine ganze Weile herrschte vollkomme­ne Ruhe auf der Straße. Nur der Schnee fiel un­gerührt weiter und weit weg in der Ferne ertönte eine Fabrik­sirene, die die Frühschicht zur Arbeit rief.

„Grundgütiger! Das ist jetzt schon das zweite Automobil, das du zu Schrott fährst“, ertönte endlich eine ungehaltene Stimme aus dem Wa­geninneren.

Von der Beifahrerseite stieg umständlich eine dunkelhaarige, etwa dreißigjährige Frau aus dem Wagen und kam herum. Sie trug den Tem­peraturen ange­messen einen dicken Pelz. Sie hatte ein schmales Gesicht mit ausdrucksvollen, schwar­zen Augen. Auch der Fahrer kletterte nun aus dem Sportwagen.

„Des is doch net so schlimm, Lene. Dann schreib i halt no a Gedicht für dene ihre Wer­bung und dann schenkens mir halt no so an Wa­gen“, ant­wortete er ihr.

Es war ein kleiner, dünner Mann, kaum größer als seine Partnerin, aber er strahl­te Autorität und eine bemerkenswerte Präsenz aus. Er trug eine glänzende, schwarze Le­derjacke und eine Schiebermütze aus dem gleichen Material auf dem Kopf. Im Mund klemmte eine erkaltete Zi­garre. Intelligente Au­gen funkelten schelmisch, als er sich die Fahrer­brille auf die Stirn schob.

Der Wagen, in dem man überlebt …“, zitierte die elegante Frau, sicher eine Schauspielerin, spöttisch das Werbegedicht ihres Begleiters. „Am besten erklärst du das mal dem armen Kerl, den du angefahren hast.“

„Was rennt der mir au direkt vors Auto!“, rechtfertigte er sich, schnell zornig werdend. Das „r“ sprach er rollend, ja, grollend aus dem Rachen gestoßen. Dabei trat ins Licht des einen, heil gebliebenen Scheinwerfers und untersuchte den Wagen.

„Da is bloß a bissele das Blech vom Kotflügel eingebeult. Des is net so schlimm“, stellte er mit Kennermiene fest. Sein Opfer schien ihn im Moment nicht groß zu bekümmern. Sebastian erkannte den großen Dichter weniger am Aussehen, als vielmehr an der starken, schwäbisch-bayerischen Dialektfär­bung der Stimme, durch die sich der junge Mann mit einem Mal sehr heimisch fühlte. Seine Knie wurden weich. Es konnte keinen Zweifel geben:

Er war es, er und seine kaum weniger berühm­te Freundin Helene Weigel, mit der der Dichter verlobt war.

Bertolt Brecht – denn kein anderer hatte den Unfall verursacht – bemerkte nun endlich das Publikum, das er hatte und sein Blick fiel auf Lokwi. Sein Kinn klappte nach unten, die Zigar­re, auf der er bisher herumgekaut hatte, fiel in den Schnee.

„Da, schau …“, er deutete auf Lokwi. „Sigsch du des? Herrschaften, des is ja ein Prachtweib!“

Er ging auf das Mädchen zu. Offenbar wirkten ihre Zauberkünste auch auf ihn. Seine Freundin schüttelte nur den Kopf. Sie war die Straße hin­unter gegangen und kniete nun neben dem leb­losen Körper des Narbigen.

„Das ist gar kein Mensch, den du da überfah­ren hast“, sagte sie fassungslos. „Das ist bloß ein Haufen Schrott! Wie kommt denn der auf die Straße?“

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