Archiv der Kategorie: Fortsetzungsroman

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 22)

„Wohin jetzt?“, wandte sich Gregor zurück und legte dabei einen Arm auf das Lenkrad. Greta presste ihre Hände gegen das gepolsterte Autodach, als wolle sie aus der engen Kabine ausbrechen.

„Lass uns doch mal in eine Eckkneipe fahren, aber in eine mit echten Arbeitern, mit Kommunisten und …“, sie hauchte das Wort verschämt, „… mit Nutten.“

„Mein viel geliebtes Schwesterlein, höre auf deinen um fast eine Stunde älteren Bruder, du liebreizende Unschuld, die gerne Nutten sehen will. Die echten Arbeiter liegen um diese Uhrzeit schon lange in ihren Betten, weil sie lange vor Tagesanbruch in die Fabriken müssen oder sich vor der Ausgabestelle der Stütze in die Schlange einreihen müssen. Auch die Lebedamen und ihre Beschützer schlafen längst den Schlummer der Gerechten. Jetzt treibt sich nur noch Gesindel gleich uns uf den Straßen und in den Lokalen herum. Also? Wo verprassen wir das Kapital, das unser Vater dem Proletariat entrissen hat?“

„Wie wäre es mit dem Haricot Doré?“, warf Sebastian ein, denn er merkte es Greta an, dass sie wegen der Antwort ihres Bruders vor Wut schäumte. Gregor sah ihn überrascht an.

„Woher weißt denn du vom Haricot?“, fragte er scharf. Sebastian wunderte sich ein wenig, weshalb er so unfreundlich auf seinen Vorschlag reagierte. „Hast du geplaudert, Greta?“

Seine Schwester verschränkte beleidigt die Arme.

„Ich habe Bastian das Plakat gezeigt. Die Idee dazu stammt nicht von mir. Ich meine, irgendwann muss er es ja doch erfahren. Warum dann nicht gleich heute. Diese Nacht ist dafür genauso geeignet wie irgendeine andere. Und schließlich wäre es doch ein netter Einfall, die Mädchen an ihrem letzten Abend in Berlin zu besuchen.“

„Ich weiß nicht so recht. Wir wollten uns eigentlich amüsieren. Unsere Probleme und Sorgen sind kein Frosch. Die sind morgen auch noch da; die hüpfen nicht davon. Nach der Sache, die heute Mittag vorgefallen ist, sollten wir uns ein wenig bedeckt halten und nicht in der Höhle des Löwen feiern. Vielleicht kommen wir dann etwas aus dem Epizentrum der Ereignisse heraus und die Hyänen verlieren das Interesse an uns“, zögerte Gregor. Greta beugte sich beteiligt nach vorn.

„Lüge dir doch nicht in die Tasche, goof. Die Hyänen tragen ihren Namen nicht umsonst. Nachdem sie uns einmal ausfindig gemacht ha­ben, werden sie uns auf den Fersen bleiben. Wir sind uns doch einig, dass wir unseren Plan so schnell wie möglich umsetzen sollten.“

„Geht es um Drogen?“, mischte sich Sebastian in das Gespräch der Geschwister. Er hatte ihnen atemlos zugehört. Er wechselte einen Blick mit dem schweigsamen Rudi, dem anzusehen war, dass er ebenso wenig wusste, worüber die Zwillinge sprachen. Greta ließ ihr klirrendes Lachen ertönen, mit dem sie jede ihrer Unsicherheiten überspielte. Gregor schnaubte laut durch die Nase.

„Wenn’s nur das wäre, Bastian“, sagte er. „Aber Gretel hat wahrscheinlich recht. Das soll dir allerdings alles die Ärztin erklären. Also – auf in die Goldene Bohne!“

Er legte knirschend den Gang ein und lenkte den Adler hinaus auf die Straße. Hätte einer von ihnen sich für die Dinge interessiert, die in ihrem Rücken passierten, hätte er bemerkt, dass weiter hinten zwei weitere Wägen aus ihren Parkplätzen ausscherten und ihnen mit gleichbleibendem Abstand den Kurfürsten­damm hinunter in Richtung Augsburger Straße folg­ten. Sie kamen an der zwar monumentalen fünftürmi­gen, aber auch geschmacklos neoromanischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vorbei, deren ohrenbetäu­bender Stundenschlag gerade die Wölfe im be­nachbarten Zoologischen Garten unruhig mach­te und laut jaulen ließ. Zu Sebastians schmunzelndem Vergnügen trug ausgerechnet Berlins lasterhaftester Straßenzug, der sich fast eineinhalb Kilometer vom Kurfürsten­damm bis zur Eisenacher Straße hinzog, den Namen seiner Heimatstadt. Hier gab es das berühmte Varieté Scala, schräg gegenüber das Eldorado und das Maenz‘ Bierhaus.In diesem Künst­lertreffpunkt verkehrten Schauspieler und Regis­seure und Schriftsteller wie Ernst Lubitsch und Emil Jannings, Ernst Rowohlt – dessen Verlagshaus gleich in der Nähe war – und nicht zuletzt auch Schriftsteller wie Bertolt Brecht. Der Dramatiker war der Igel im Mär­chen. So sehr sich Sebastian auch beeilte, Brecht rief ihm von überall her „Ick bün all dor!“ entgegen.

Gregor parkte in einer Seitenstraße. Direkt vor dem schlichten und unauffälligen Eingang ins Haricot, der ein paar Stufen unter dem Straßenniveau im Souterrain lag und von einem stämmigen Türsteher bewacht wurde, nahm Gregor Sebastian kurz zur Seite.

„Die Bohne ist etwas speziell – wie die Auluka-Diele etwas weiter die Straße hinunter. Sie steht aber nicht nur der Damenwelt, sondern beiden Geschlechtern offen,“ flüsterte er ihm zu. „Halte dich einfach immer an uns, das wird das Beste sein.“

„Wie soll ich das verstehen?“ Gregor winkte dem Türsteher zu, der ihn erkannte und dienstfertig zur Seite trat.

„Das wirst du schnell begreifen.“

Das Haricot, das die vier von einer Galerie über eine schmiedeeiserne Wendeltreppe erreichten, war zu dieser späten Stunde noch gut besucht und die Gespräche brummten wie ein wütender Hornissenschwarm. Der Club bestand in der Hauptsache aus zwei nicht allzu großen Räumen, die über eine breite geöffnete Flügeltüre miteinander verbunden waren. In dem einen noch leeren und ab­gedunkelten Raum standen vor einer von einem Vor­hang verschlossenen Bühne viele runde Ti­sche und Stühle, an den Wänden des kleinen Theaters befanden sich diskrete Nischenplätze und etwas er­höhte Logen. Im anderen Raum fand sich eine langgezogene Bar und eine volle Tanz­fläche. Hier spielte eine fünfköpfige Combo langsame südamerikanische Rhythmen und die Paare bewegten sich eng umschlungen. Sebastian be­merkte sogleich, was das Haricot so „speziell“ machte. Hier tanzte nur Mann mit Mann und Frau mit Frau. Er war in einem Sündenpfuhl gelandet.

Gregor und sein Freund schienen Stammgäste zu sein, denn sie wurden von allen Seiten begrüßt. Sofort waren alle von einer Gruppe von Männern umringt, die sie scherzend zum Tresen zogen, wo Greta, die ganz plötzlich nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses stand und diesen Zustand auch sichtlich genoss, die Drinks bestellte. Dann hackte sie sich bei Sebastian unter, flüsterte ihm etwas kichernd ins Ohr und erleichterte ihm dadurch etwas die Situation. Trotzdem hatte Gregor einige Mühe, den mit offenem Mund staunenden Gast aus der Provinz von der neugierigen Meute abzuschirmen, denn das neue und durchaus auch hübsche junge Gesicht erregte einiges Interesse unter seinen Bekannten. Er hatte unfreiwillig die Rolle von Greta übernommen und konnte sich vor den Aufmerksamkeiten und unverhüllt eindeutigen Komplimenten kaum retten. Die Ohren von Sebastian brannten. Er war von der Situation doch einigermaßen überfordert und  Gregor deshalb auch dankbar, als dieser unmissverständlich deutlich machte, dass Sebastian zu ihm gehörte und man ihn gefälligst in Ruhe lassen solle.

Die Musik beendete ihren Samba mit einem Tusch und mit einem Klingelsignal gingen die Lichter im anderen Saal an. Die Aufmerksam­keit wendete sich endlich von Sebastian ab und Gregor gelang es, ihn von seinen Bekannten loszueisen. Die Tänzer und die meisten Leute aus der Bar streb­ten in den Theatersaal und suchten sich Plätze an den Tischen oder oben in den Logen. Auch Greta und Rudi reservierten sich einen Tisch direkt unter der Bühne, hinter deren schweren Vorhang aus rotem Samt die Geräusche eines größeren Umbaus zu hören waren. Doch Gregor brachte Sebastian nicht zu den beiden, sondern führte ihn zu einer Seitenwand zu einer gemütlichen, im Schatten einer Säule liegenden Nische, von der man einen guten Blick auf die Bühne hatte, ohne selbst gesehen zu werden. Sebastian rutschte in eine gepolsterte Bank hinter einem Tisch, auf dem er sein Getränk abstellte und sah Gretas Bruder zweifelnd an. Gregor schmunzelte.

„Keine Sorge, ich setze mich zu den anderen. Aber du solltest besser dort im Schatten bleiben. Das ist der richtige Platz für einen Schriftsteller. Er sollte immer ein bisschen Abstand zum Geschehen haben und beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Nach der Aufführung kommen wir dann zu dir.“

[Fortsetzung am nächsten Montag]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 21)

Die Geschwister Gere und Sebastian gaben sich alle Mühe, zumindest an diesem einen Abend nichts auszulassen, was ihnen irgendwie bedeutsam und unversäumbar erschien – wenigstens für eine einzige, schlaflos durcheilte Nacht. Und als würde die Stadt mit ihnen spielen wie eine Katze mit einer erschöpften und verwundeten Maus, begann alles langsam, in gemächlichem Schritt und endete doch in einem fiebrigen Taumel zu einer Uhrzeit, in der in Augsburg außer den Schichtarbeitern im Textilpalast und bei der MAN jedermann längst in seinem Bett lag und einem neuen Tag entgegen schlummerte.

Manchmal schloss Sebastian die Augen und die Eindrücke zogen an der Innenseite seiner Lider vorüber wie die rasanten Bildcollagen in Filmen aus Hollywood, die das rauschhafte Nachtleben im Big Apple von New York illustrieren sollten. Wahrscheinlich gab es außer der amerikanischen Metropole und Paris auf dem Erdball nur noch eine einzige Stadt, die sich und das Leben, die Jugend und die Zukunft auf diese zugleich hysterische und fanatische, besessene Weise feierte. Das war Berlin. There are many apples on the tree, but only one Big Apple, würde in dieser Nacht noch ein Jazzmusiker im Varieté Scala singen. Und hier in Berlin war der Taumel noch fieberhafter, noch atemloser als anderswo, da jedermann wusste:

Es war ein Tanz auf einem Vulkan, der in jedem Moment ausbrechen und die Stadt wie Pompeji ersticken konnte.

Dieser halb besinnungslose, halb delierende Tanz an der Klippe über dem Abgrund war eigentlich nicht das, was Sebastian in Berlin suchte: Er wollte vielmehr den Anschluss an die literarischen und künstlerischen Kreise der Stadt suchen, die die Avantgarde wie Motten das Licht anzog. Er wollte hier den einen großen Roman schreiben, seinen Alexanderplatz, seine Buddenbrocks – eben jenen Großen Gatsby, der in Deutschland noch viel zu selten besungen worden war. Wie er allerdings die Zeit dafür finden konnte, war ihm noch nicht klar. Aber Anregungen hatte er innerhalb eines Tages und einer Nacht für fünf Romane bekommen. Und diese spezielle Nacht begann eben erst!

Selbstverständlich war Sebastian übermüdet und hatte deshalb den hartnäckigen optischen Eindruck, es würden sich alle seine Erlebnisse hinter dem dicken Glas eines der Fischbecken im Berliner Aquarium abspielen, in dem er kopfüber und orientierungslos durch eine spiegelverkehrte Welt trieb. Sebastian wusste, dass ihm wahrscheinlich eine seiner seltenen Migränen bevorstand, aber er hoffte, er konnte sie zumindest für die nächsten Stunden noch hinauszögern. (Das Aquarium war übrigens auch ein Ort, den er unbedingt noch besichtigen wollte.) Die Nachtschwärmer war gerade staunend bei der Fahrt ins Zentrum an dem mit spektakulären urweltlichen Fresken geschmückten Gebäude vor dem Zoologischen Garten vorbeigekommen.

Wenigstens hatten ihn die normalen Kopfschmerzen, die ihn seit dem Morgen so hartnäckig wie eine schlechte Gewohnheit begleitet hatten, endlich verlassen. Gregor htte ihm noch vor der Abfahrt in Tegel eine von seinen Togaltabletten gegeben, deren Einnahme schon nach kurzer Zeit wahre Wunder gewirkt hatte. Zumindest nahm Sebastian an, dass es sich bei den bitteren Pillen, von denen Gregor selbst gleich eine ganze Handvoll geschluckt hatte, um das Kopfschmerzmittel gehandelt hatte. An sein Erwachen am morgigen Tag wollte Sebastian im Moment lieber nicht denken, aber jetzt war er bis auf das merkwürdige Schwindelgefühl beschwerdefrei und auch Gregor wirkte am Lenkrad seines Wagens erstaunlich nüchtern. Er kutschierte Sebastian, eine wie eine Leinwandgöttin gekleidete Greta und einen jungen Mann, den er als einen guten Freund vorgestellt hatte, sicher zum reservierten Tisch im Kempinskihaus.

Der – wie ihn Greta spöttisch bezeichnete – fag fella ihres Bruders hatte sich als „Rudi“ vorgestellt und würde den ganzen langen Abend den anderen zwar ernst und melancholisch ins Gesicht sehen, aber an keinem der Gespräch teilnehmen und ohne ein Lächeln schweigen und auf direkte Anreden nur nicken oder den Kopf schütteln. Er trug eine runde, schwarze Hornbrille und schräg in den Nacken geschoben auf dem Kopf einen dieser etwas aus der Mode geratenen Kreissägen-Strohhüte, von dem er wusste, wie hervorragend er ihm stand. Deshalb nahm er ihn auch beim Tanzen oder wenn er sich die Hände waschen ging nicht ab. Sebastian konnte ihn einfach nicht ernst nehmen, denn er erinnerte ihn stark an einen amerikanischen Filmkomiker, dessen Name – Harold Lloyd – ihm erst nach einer ganzen Weile einfiel. Dabei hatte er eine von dessen Eskapaden erst kürzlich im neu eröffneten Emelka-Palast in Augsburg gesehen – übrigens einem Lichtspielhaus, das in Größe und Ausstattung denen in Berlin kaum nachstand.

Doch dann fiel es Sebastian wie Schuppen von den Augen: Rudi kopierte nicht nur Lloyds Aussehen, sondern auch exakt bis in die Gestik und Mimik hinein. Vielleicht blieb er darum genauso stumm wie sein Schauspielervorbild auf der Leinwand. Von diesem Moment an gelang es ihm nicht mehr, den milchbubihaften jungen Mann ohne Grinsen anzusehen und er musste sich jedes Mal zusammennehmen, um nicht lauthals zu lachen, wenn dieser ihn mit einem schmachtenden Blick durch seine stark vergrößernden Brillengläser bedachte.

Nach dem Abendessen im Restaurant Rheintal suchten die vier gleich in der Nähe vom Haus Vaterland wahrscheinlich zu Ehren ihres Gastes ein „Original Münchener Bierlokal“ auf, in dem allerdings lauwarmes und bitteres Berliner-Kindl-Pils in kleinen Gläsern ausgeschenkt wurde, eine hellbraune Brühe, mit der man in Augsburg nicht einmal die Geranien gegossen hätte. Der Gast aus Bayern wunderte sich doch ziemlich, was man hier unter einer Brezel, einem Paar Weißwürste und einem gesalzenen Radi verstand. Angeekelt schob er die Verbrechen an der süddeutschen Esskultur zur Seite und sah den anderen zu, die es sich tatsächlich schmecken ließen, obwohl sie gerade von einem nicht allzu schmackhaften, aber üppigen Sauerbraten mit Kartoffelstampf kamen. Sebastian bezweifelte in diesem Moment ernsthaft, ob er irgendwann in Berlin noch einmal etwas Vernünftiges zum Essen bekommen würde. Das die römische Kultur niemals bis Preußen gelangt war, spürte man hier besonders schmerzhaft. Jetzt konnte er sich gut erklären, warum es das Gerücht über Bertolt Brecht gab, er habe eine schwäbische Haushälterin, die ihm Spätzle koche und er sich sich sein Riegele-Bier nach Berlin hinterher schicken lassen würde. Während sich die drei Männer zurückhielten, schüttete Greta ganz erstaunliche Mengen Bier hinunter. Gleichzeitig gelang es ihr, fast allein das komplette, munter sprudelnde Gespräch zu bestreiten. Sogar nach ihrem sechsten Glas wurde ihre Stimme keineswegs schleppender oder ihre Aussprache verwaschener. Der Gast aus Bayern fragte sich, ob überhaupt Alkohol in einem Berliner Kindl war. Worüber Greta so unterhaltsam und eloquent sprach, daran würde sich Sebastian später nicht mehr erinnern; sie plapperte entzückenden nonsense, der in dem Moment, in dem er ihr über die Lippen kam, interessant und wichtig klang, aber eine platzende Schaumblase ihres Bieres danach wieder vergessen war. Gregor und Sebastian konnten nur wenig zu ihrem Monolog beitragen und zuckten bereits halb eingedöst erschrocken in die Höhe, als Greta ihr siebtes leeres Glas auf den Tisch knallte.

„Jetzt will ich tanzen. Komm, Großer, fahr uns alle ins Luna-Ballhaus.“

Dem dann anschließend das Varieté Scala und die Kakadu-Bar folgten, wo man allerdings nur kurz auf einen blieb, weil es dort so boring war. Es war schon weit nach Mitternacht, als die vier wieder im Auto vor dem Berliner Tanzpalast saßen. Es war schon weit nach Mitternacht, als die vier wieder im Auto vor dem Tanzpalast saßen. Ein kalter Niesel fiel aus niedrig hängenden Wolken und gefror sofort auf dem Glas der beschlagenen Scheiben. Die Lichter der Stadt glänzten wie Edelsteine. Bald würde der leichte Regen in Schnee übergehen und die schneidend kalte Nachtluft der Januarnacht drang ins Innere des Wagens und brachte alle zum Zähneklappern, während Gregor den Motor des geräumigen Adler Standard 8 nach mehreren Versuchen stolpernd zum Laufen brachte.

„Wohin jetzt?“, wandte er sich zurück und legte einen Arm auf das Lenkrad.

[Hier geht es weiter …]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 20)

Sebastians Respekt wuchs. Wie elegant und intelligent sie ihre Worte wählte, wie gebildet sie formulierte. Allerdings fragte er sich kurz, wie er ihre letzte Bemerkung verstehen sollte. Pagen? Was meinte sie mit dieser sonderbaren Bezeichnung für ihre Familie? Waren Pagen im Mittelalter nicht junge, adlige Bedienstete von Fürsten gewesen? Er beugte sich vor.

„Ich stimme Ihnen vorbehaltlos zu. Verzeihen Sie mir, wenn ich offen spreche, aber wir kommen doch alle gleich nackt und blutig auf die Welt. Uns unterscheidet allein das Soziale und nicht die Farbe der Haut oder die Form unserer Nasen,“ erwiderte Sebastian leidenschaftlich. Frau Gere überging seinen Einwurf nachsichtig.

„Ach, Sie sind noch so jung, mein Lieber! In Ihrem Alter wird wohl jedes Gespräch zum Manifest – da ist Politik noch Herzenssache. Bewahren Sie sich diesen Enthusiasmus. Er wird Ihnen in den Zeitläuften helfen, die vor Ihnen liegen. Deshalb wollte ich mich eigentlich mit Ihnen so bald als möglich treffen: Ich möchte Sie warnen. Ihnen steht ein außergewöhnliches Schicksal bevor. Nennen Sie mich meinetwegen eine Hexe; vielleicht besitze ich die Macht des zweiten Gesichts – eine Gabe übrigens, die in dieser Familie auf der weiblichen Linie weit verbreitet ist. Oder wenn sie nüchterner denken, dann glauben Sie einfach, dass mich meine nervöse Krankheit hellsichtig gemacht hat und ich manchmal Nachrichten aus der Geisterwelt empfange: Auf jeden Fall sehe ich für Sie ein ganz außerordentliches Schicksal voraus, dessen Tragweite und Bedeutung für die Welt Sie sich überhaupt noch nicht vorstellen können. Aber fürchten Sie sich nicht, denn das Entsetzliche in Ihrer Zukunft wird auch viel Süße und glückliche Momente mit sich bringen – wie bei jedem von uns. Alles ist nur ein wenig … intensiver. Die Hand, die nimmt, gibt auch reichlich. Ich kann sie versichern.“

Frau Gere verstummte und wartete offenbar auf eine Entgegnung von Sebastian, der sie anstarrte und darüber vergessen hatte, seinen Mund zu schließen. Er blinzelte und sah sich vorsichtig um. Die zwei Kerzen auf dem Tisch blakten und rußten. Ihr Docht gehörte geschnitten. Doch der Rest des Zimmers war grotesk weit von der Bude einer Jahrmarkt-Wahrsagerin entfernt. Frau Gere hatte trotz ihrer behaupteten sephardischen Herkunft nichts mit einer heißblütigen, dunkelhäutigen Zigeunerin oder einer Chiromantin gemein.

Sebastian hustete verlegen in seine Handflächen und verbarg auf diese Weise die Lachlust,die ihm über die Lippen sprang. Ihm gelang es nicht, diesen Augenblick ernst zu nehmen. Dies musste alles der überhitzten Fantasie ihrer Nervenkrankheit entspringen. Eben hatte sie doch noch so klug gesprochen! Was hatte diesen Umschwung bewirkt? Frau Gere war ganz offensichtlich geistesgestört und der Doktor Kurtzweil hatte recht gehabt: Sie war in der psychiatrischen Obhut der Charité besser aufgehoben als in ihrer Familie, in der eigentlich alle etwas sonderbar waren. War sie unter Umständen gefährlich? Würde sie jetzt gleich mit dem stumpfen Messerchen mit Bambusgriff, das mit ein paar Äpfeln in der Obstschale auf dem Tisch zwischen ihnen lag, über Sebastian herfallen und versuchen, ihm die Augen auszustechen?

Als ob sie seine Gedanken lesen könne – und von ihrem verschrobenen Standpunkt konnte sie das ja auch – beugte sie ihren langen Oberkörper ebenfalls nach vorne und zum Tisch hin, schob die Obstschale achtlos zur Seite und legte einen ihrer Unterarme mit den Schmuckreifen gewichtig klirrend auf die Glasplatte. Mit der anderen Hand deutete sie auf ein breites, aus Leder und braunem Horn gefertigtes Armband, auf dem eine kreisrunde bronzende Medaille befestigt war. In sie hatte man ein Pentagramm einprägt, in dessen Mitte sich ein aus fünf Perlen geformtes Kreuz befand.

„Erkennst du das?“, fragte Frau Gere lauernd.

„Ich habe dieses merkwürdige Symbol heute schon zweimal gesehen, aber ich weiß nicht, wofür es steht. Hat es etwas mit den Freimaurern zu tun?“

„Ja und nein. Wir haben vorhin von den guten Menschen gesprochen. Der fünfzackige Stern ist ihr Erkennungszeichen und Perlen in der Mitte stehen für die fünf Wahrheiten der Pagen.Bei Matthäus steht: „Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, damit die sie nicht zertreten mit ihren Füßen und sich umwenden und euch zerreißen.“ Eine von uns hat dieses Symbol in einem alten Buch über Geheime Gesellschaften gefunden und fand es für uns passend. Es war einmal ein Zeichen des sogenannten Alten Bundes und wurde angeblich auch von den berüchtigten Illuminaten benutzt. Aber mit beiden haben wir nichts zu tun. Ich glaube auch, dass es diese jahrhundertealten Geheimzirkel heute gar nicht mehr gibt.“

Alter Bund? Illuminaten? Das wurde ja immer toller! Was war denn das bloß für eine irrsinnige Gedankenwelt, in den ihn Frau Gere hineinzog? Sebastian wollte die Geisteskranke eigentlich nicht weiter in ihrem Wahn bestätigen, aber die Neugierde des Schriftstellers ließ ihn doch eine Frage stellen; eine für die einhundert Fragen, die ihm auf der Zunge lagen:
„Was sind denn die Fünf Wahrheiten?“

Frau Gere berührte mit der Fingerspitze vorsichtig die erste Perle, dann auf die nächste. Sie zählte sie auf diese Weise ab wie eine katholische Bäuerin vor der Abendmesse ihren Rosenkranz.

„Eins: Alles ist anders. Was euch auch erzählt wurde von euren Vätern, es ist eine Lüge. Zwei: Die Frau entstammt dem Schoß der Erde, der Mann den Wolken im Himmel. Drei …“

Sebastian sollte die anderen Wahrheiten nicht mehr erfahren, denn Gregor kam zur Tür herein gestolpert, die er vorher ungestüm aufgestoßen hatte. Er verursachte dabei einen Höllenlärm, weil sie mit gehörigem Schwung gegen die Vitrine mit dem wertvollen Geschirr schlug. Die beiden nahe einander zugeneigten Sitzenden fuhren wie zwei ertappte Verschwörer erschrocken in die Höhe. Hoffentlich versteht Gregor die Situation nicht falsch, dachte Sebastian. Aber ein Blick auf den unsicher Hereintappenden beruhigte ihn. Gregor war das Pikante der Situation nicht bewusst. Er sah durch seine Mutter hindurch, als wäre sie überhaupt nicht im Zimmer.

„Hier steckst du also“, wandte er sich an Sebastian und runzelte die Stirn. „Ich habe dich schon im ganzen Haus gesucht.“

Der Bruder von Greta hatte ich umgezogen und trug einen eng geschnittenen dreiteiligen Frack mit übertrieben weit ausgestellten Hosen. Allerdings ging er weiterhin auf Strümpfen. Er trat einen unsicheren Schritt in den Raum. Offenbar hatte er schon wieder getrunken.

Im Haus Vaterland isst man gründlich, hier gewitterts stündlich“, zitierte er den Werbespruch für eine Wettersimulation des Restaurants Rheinterrasse im Kempinskihaus, wo in einer nachgebauten Rheintallandschaft stündlich das Licht gedimmt und Wolkenbrüche mit Blitz und Donner über die Gäste hereinzubrechen drohten. Gregor machte eine ungeduldige Handbewegung.

„Die halten unsern Tisch nicht ewig frei. Auf, auf, die Sonne ist untergegangen – das Leben der Nacht beginnt.“

Sebastian sah entschuldigend zu Frau Gere, die sich gelassen wieder aufrichtete.

„Wenn Sie mich entschuldigen würden …“

Sie nickte langsam und bedachte ihn mit einem verschleierten, seltsamen Blick.

„So jung“, murmelte sie, „solch ein Schicksal.“

Berlin! Sebastian erkannte immer deutlicher, was diese zwei Silben für ihn bedeuteten. Sie waren für einen Künstler wie ihn, der an jeder noch so zweifelhaften Blüte verzweifelt nach dem Nektar der Inspiration suchte, Honigtopf und Venusfliegenfalle zugleich. Diese Stadt war ein rauschhafter Taumel, eine Jagd, die niemals endet und keine Erschöpfung oder Pause kennt: Sie war niemals gestern. Bevor der Staub der Ereignisse sich setzen konnte, wurde er bereits an einem anderen Ort aufgewirbelt.

Lichter, Tanz, Gesichter, funkelnde Champagnerperlen, das Lächeln schöner, geheimnisvoller Frauen, alles begleitet von einer Musik, von der der junge Mann nicht einmal geahnt hatte, dass es sie überhaupt geben könnte: Dies war alles eingefangen in dem Bernstein einer einzigen Nacht.

[Hier geht es weiter …]

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 19)

Was Sebastian nicht wusste, denn sonst wäre sein Auftreten ein Stück weit weniger selbstbewusst gewesen: Von hier aus regierte Frau Gere ihre Familie und den Haushalt. Hierher wurden ihr Mann und ihre Kinder befohlen, wenn sie Ärger gemacht hatten. Dieses Zimmer war der Thronsaal der Hausherrin, die als graue Eminenz wesentlich mehr Einfluss hatte und Fäden in der Hand hielt, als es sich der junge Mann aus der bayerischen Provinz vorstellen konnte.

Hatte er am Vormittag das Gefühl gehabt, in das Boudoire einer Gesellschaftsdame aus der Belle Epoque zu treten und der letzten Vertreterin dieser längst ausgestorben geglaubten Urweltart, die Dumas d. J. und Marcel Proust wie Entomologen ihre Käfer beschrieben hatten, so trat er nun in die schlichte, schnörkellose Zukunft des Wohnens. Sebastian fühlte sich, als wäre er durch einen Hintereingang in die Pariser Ausstellung der „Arts Decorative“ geraten. Noch deutlicher als im Speisezimmer im Erdgeschoss herrschten hier geschmackvolles Understatement, klare Linien und kompromissloses Dessin vor. Die augenfällige kubistische, Musikinstrumente darstellende, Collage an der kahlen Wand über dem schlichten Kaminsims schien ein Original von Picasso oder von Georges Braque zu sein – Sebastian konnte die Werke der beiden Maler einfach nicht auseinanderhalten – oder es war zumindest eine täuschend echt wirkende Nachahmung.

Die Stühle und das Sofa vor dem Fenster waren aus verchromten Gestänge und schwarzen Lederbändern hergestellt, dazu kamen ein ovaler Glastisch, auf dem zwei Kerzen brannten und eine Obstschale aus Muranoglas stand, eine Vitrine, in der Bauhausgeschirr ausgestellt wurde, eine Vitrine, in der Bauhausgeschirr stand und ein kugelrunder, geflochtener Lampenschirm. Er hing an kühn geschwungenen Aluminiumrohren von der Decke und leuchtete das Zimmer aus. Dieser Stil würde in Augsburg erst in zweitausend Jahren Mode werden – wenn überhaupt jemals.

Die Dame des Hauses hatte sich wirklich Mühe gegeben und sich perfekt ihrer neuen Umgebung angepasst. Wie hingegossen saß sie hoheitsvoll mitten auf dem Sofa – ihrem Thronsitz – und hatte ihre Beine elegant zur Seite angewinkelt; aber der Oberkörper war gerade und aufrecht durchgestreckt. War sie Sebastian am Vormittag noch recht unförmig in ihr Schlafgewand und ihre Decken gewickelt erschienen, so wirkte sie nun schlank und hoch, grazil wie eine Gazelle, edel wie eine wertvolle Orchideenblüte.

Frau Gere trug ein tailleloses, knapp unter den Knien endendes, pailettiertes Cocktailkleid, dazu hohe, offene Schuhe und hatte um ihren schwanenweißen und schwanendünnen langen Hals mehrmals eine endlos lange Perlenkette gewickelt. Im Haar ihrer asymmetrisch geschnittenen und nachtschwarz glänzenden Kurzhaarperücke glitzerte ein kleines Diadem. Insgesamt war nichts mehr von der kränkelnden Hausfrau zu erkennen, die Sebastian empfangen hatte. Er fühlte sich wie eine Romanfigur von Fontane, die zur blauen Stunde eine Verabredung mit einer Dame der Guten Gesellschaft hatte.

Welch ein meilenbreiter Spalt klaffte zwischen der Frau des Ingenieurs und seiner eigenen biederen Mutter, die sich für Augsburger Verhältnisse in vergleichbaren gesellschaftlichen Kreisen bewegte und sicherlich nicht älter als Frau Gere war. Diese sah übrigens weiterhin kränklich und blutleer aus – tuberkulös –, aber um mindestens zehn Jahre jünger und attraktiver als Sebastians Mutter. Es war nun deutlich erkennbar, dass die hübsche Greta ihre Tochter war. Aber trotz aller Bemühungen sahen Frau Geres dunkle, nicht überschminkbare Augenränder im ersten Moment wie eine Brille aus, die sie sich zum Lesen aufgesetzt hatte. Sie sprachen deutlich von ihrer Erschöpfung und dem schweren seelischen Leiden, das ihren Mann so verzweifeln ließ, dass er sein Heil nicht mehr in der Schulmedizin, sondern bei Scharlatanen und Kurpfuschern suchte.

„Sie wollten mich sprechen? Schön zu sehen, dass es Ihnen wieder besser geht.“

Frau Gere machte die gnädige Geste einer Königin, die ihr Volk empfängt. Sebastian setzte sich auf einen der Stühle beim niedrigen Glastisch. So chique sie auch aussahen, so unbequem waren sie. Er entschied sich, ganz nach vorn zu rutschen und wusste nicht recht, was er mit seinen Armen anfangen sollte. Offenbar benötigten die Möbel des 20. Jahrhunderts einen an sie angepassten, von der Evolution veränderten Menschentypus. Die Möbelfabrikanten und Architekten arbeiteten längst an einer schönen, neuen und in der Hauptsache durchsichtigen Welt, wie sie der hellsichtige Jewgeni Samjatin in seinem Roman Wir bereits vor zehn Jahren beschrieben hatte. Ob die Wirkung beabsichtigt war oder nicht: Sebastian fühlte sich wie ein armer Sünder in einem gläsernen Beichtstuhl.

Die Dame des Hauses saß wesentlich eleganter und entspannter auf ihrem Ledersofa. Sie legte ihre Arme übereinander und tippte mit den Fingerspitzen. Dabei schepperten die breiten Armbänder an den Handgelenken im Takt gegeneinander. Sie schob sie immer wieder hoch zum Ellenbogen, aber die dünnen Unterarme gaben den Reifen keinen Halt und sie rutschten wieder zurück, klapperten weiter. Dies war die einzige während des kurzen Gesprächs unermüdlich wiederholte Geste, die an ihr nervöses Leiden erinnerte.

„Ich vermute, Sie konnten sich bereits ein wenig einleben“, eröffnete sie, „ich wäre stolz, wenn Sie sich hier in unserem Zuhause heimisch fühlen würden. Fehlt was? Soll Clara etwas für sie besorgen?“

Sebastian verneinte. Ihm war unbehaglich zumute. Hatte ihr Mann ihr verschwiegen, was im Lauf des Tages im Haus passiert war und er den ungeliebten Gast lieber heute als morgen verabschiedet hätte?

„Sie haben inzwischen alle kennengelernt“, fragte ihn Frau Gere weiter aus, „Ich hoffe, der Eindruck war günstig. Wissen Sie, meine Familie ist ein wenig … besonders. Finden Sie nicht auch?“

„Sie meinen, weil Sie Juden sind?“

Sebastians altes Leiden: Sein Mund sprach, bevor sein Gehirn dachte. Was ist das nur für eine dumme, patzige Frage, die mir da entkommen ist, schalt er sich und hätte sich dafür am liebsten selbst aufs Maul gegeben. Doch seine Wangen brannten auch ohne diese Tat feuerrot. Frau Gere hörte überrascht damit auf, ihre Colliers vom Handgelenk zu den Ellenbogen zu schieben.

„Nun,“ erwiderte sie maliziös lächelnd, „das meinte ich nicht gerade. Wissen Sie, wir sind nicht religiös – zumindest nicht auf die herkömmliche Weise. Der Stammbaum der Geres – ursprünglich Gersons – reicht weit zurück bis ins ausgehende Mittelalter, wahrscheinlich wesentlich weiter als der Ihre. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass meine Familie etwas ganz besonderes ist. Unsere Vorfahren waren Sephardim, von denen ein Teil nach Südamerika, ein anderer – der heute in Berlin ansässige – nach Holland und anschließend nach Hamburg auswanderte, als er 1531 von der Inquisition aus Spanien vertrieben wurde. Flucht oder Tod, hieß es. Das ist eine Geschichte, die sich immer und überall wiederholt, wo sich eine Religion mit den Mächtigen verbündet. Wir Geres fühlen uns schon so lange als Deutsche, dass es uns immer wieder erstaunt, wenn uns jemand – zumeist in böswilliger Absicht – unsere Angehörigkeit zum jüdischen Volk vorwirft. Was auch immer daran anstößig sein soll.“

Das war eine Standpauke und Sebastian hatte sie verdient. Er merkte, dass Frau Gere diese Rede schon ein paar Mal gehalten hatte und er beeilte sich, sich für sein vorlautes Mundwerk zu entschuldigen. Sie machte eine klappernde und wegwerfende Handbewegung.

„Mein Gott, wenn man diesen Nazis glauben will, dann sind wir allein an allem Unglück auf dieser Welt schuld! Sie werden mir doch keiner von diesen albernen Spintisierern sein? “

„Aber nein, ich versichere Sie! Ganz im Gegenteil.“

Sebastian hielt es nicht für angebracht, seine tatsächliche politische Meinung in diesem gutbürgerlichen Haus kundzutun, aber mit dieser merkwürdigen Splitterpartei voller dumpfer Vorurteile und einer mehr als absonderlichen Ideologie, die sich in der letzten Zeit auch in Bayern so wichtig machte, wollte er auf keinen Fall in einen Hut geworfen werden.

„Das Gegenteil“, schmunzelte Frau Gere, „was ist das Gegenteil eines Nazis? Ein guter Mensch, will mir schienen und das wollen wir doch alle sein – gute Menschen. Doch genug von der enervierenden Politik. Das ist ein Gesprächsthema, das in den Rauchsalon meines Mannes, aber nicht hierher passt. Als ich eben sagte, dass meine Familie sei besonders, meinte ich nicht unsere Zugehörigkeit zu einer Rasse, die doch nur ein Spiel des Zufalls und kein Schicksal, vor allem kein prägendes Merkmal eines Menschen ist. Wir sind Pagen, das ist das einzige, das zählt.“

[Fortsetzung am nächsten Montag]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 18)

Aber was genau machte die kauernde Greta zwischen den Beinen ihres Hausmädchens? Sebastian befand ich in ihrem Rücken und sie hatte ihn noch nicht bemerkt. Sie hantierte mit einem schmalen Gegenstand an Claras Oberschenkel. Der junge Mann kniff die Augen zusammen und sah genauer hin, soweit es ihm in dem unruhigen und unzureichenden Licht in dem Zimmer möglich war. War das etwas so abgeschmacktes wie – ? Nein, das war eindeutig eine medizinische Spritze, die Greta sehr professionell in ihren schmalen, leuchtend rot manikürten Fingern hielt und für deren Kanüle sie gerade auf der Suche nach einer Arterie die Innenseite von Claras Schenkeln absuchte. Jetzt bemerkte Sebastian auch das Strapsband, mit dem Greta das Bein knapp unterhalb des Mieders abgebunden hatte. Neben den beiden auf dem Sofa lagen ein geöffnetes Etui mit einem Arztbesteck und ein Fläschchen Apothekenalkohol, womit die Tochter des Hause wahrscheinlich die Spritze und die Haut desinfiziert hatte. Welcher Doktor hatte ihr das beigebracht? Was wusste der junge Mann überhaupt von Greta?

Sebastian schüttelte den Kopf. Er hatte genug gesehen und er schämte sich auch über sich selbst, weil er sich nicht sofort an der Türschwelle umgedreht und die Frauen in diesem seltsamen, aber intimen Moment allein gelassen hatte. Das war nicht gerade gentlemanlike von ihm gewesen! Er verließ so leise wie möglich Gretas Zimmer, bevor diese ihn noch bemerkte und schloss geräuschlos die Türe hinter sich. Dann flüchtete er eilig zurück in das Gästezimmer und war wild entschlossen, es nicht mehr zu verlasen, bis Gregor Gere ihn zu der verabredeten abendlichen Spritztour abholen würde.

Schwer ließ er sich in den Stuhl am Fenster fallen und starrte in die frühe Dämmerung dieses trüben 24. Januars, der ihm als der längste Tag seines Lebens erschien. Dieses Berlin war ihm erneut so fern und unheimlich, als läge es auf dem Mars. Selbst das auf den ersten Blick so wenig mondäne und pfahlbürgerliche Tegel hatte mit seiner Heimatstadt Augsburg so viel zu schaffen wie der Broadway in New York mit einem einsamen Gebirgsdorf in der inneren Mongolei. Doch er konnte noch so viele Vergleiche konstruieren, wie er wollte, sein Unbehagen wegen der Rätsel und der merkwürdigen Menschen, mit denen er nach nur einer kurzen Nachtreise mit der Reichsbahn konfrontiert wurde, wuchs von Moment zu Moment. Es war gerade einmal vierundzwanzig Stunden her, da hatte er in seinem Zimmer in der Wohnung seiner Eltern auf den vom Vater kurzerhand entliehenen Haindlschen Chauffeur gewartet, der ihn von der Müllerstraße unten am Graben hinauf zum Bahnhof fahren sollte und sich in farbigen Bildern seine ruhmreiche Zukunft als Autor in der Hauptstadt ausgemalt. Nichts und niemand hatte ihn auf diese merkwürdige Familie Gere vorbereitet.

Hatte Sebastian gerade gesehen, wie Greta der unfreundlichen, ja, bärbeißigen Clara eine Droge gespritzt hatte – vielleicht Morphium oder Kokain? Er kannte sich auf diesem Gebiet nicht aus. Seine einzige Erfahrung mit Rauchmitteln hatte er mit Augusta-Bier, Enzian-Schnaps und einer heimlich besorgten Prise Schnupftabak aus des Vaters Vorrat gemacht; dies war übrigens eine Melange, deren Zusammenspiel er absolut nicht empfehlen konnte. Sebastian rauchte nicht einmal! Die Warnungen seiner Mutter vor den Gefahren der großen Stadt hatte er als stummer Dulder über sich ergehen lassen und war keineswegs darauf gefasst gewesen, bereits am ersten Tag in seiner Gastfamilie mit ihrem Sodom und Gomorrha konfrontiert zu werden. Wenn Berlin die Zukunft war, auf dem die Republik wie auf töneren Füßen der Zukunft entgegen stolperte, dann wusste Sebastian nicht, ob er diese erleben oder besser gleich nach Frankreich oder in die USA auswandern sollte. In den Vereinigten Staaten gab es immerhin seit einigen Jahren die Prohibition, die verhinderte, dass die Leute sich den ganzen Tag berauschten. Sebastian hatte gehört, dass reiche, junge Amerikaner genau deshalb so gerne in Europa Urlaub machten, weil sie hier ungestraft trinken konnten. Er war allerdings in Augsburg noch nie einem begegnet.

Aber hatte er diese Szene eben wirklich erlebt? Spritzten sich Morphiumsüchtige ihr Gift in die Oberschenkel? Vielleicht, um verräterische Einstichstellen zu verbergen? Und hatte nicht auch Greta rote Flecken an den Innenseiten ihrer Arme, wie ihm nun in den Sinn kam?

Es klopfte und gleichzeitig wurde die Tür geöffnet. Sebastian schreckte in die Höhe. Clara kam herein. Sie trug einen Stapel Bettwäsche auf den Armen und war gekommen, um endlich sein Nachtlager zu beziehen. Geschäftig schaltete sie das Licht ein und trat in den Raum. Sebastian sprang erschrocken von seinem Stuhl auf und starrte sie fassungslos an, doch das Hausmädchen kümmerte sich nicht weiter um ihn und machte sich in aller Seelenruhe am Bett zu schaffen.

Der junge Mann konnte nicht einschätzen, wie lange er beim Fenster gesessen und sinniert hatte, aber es schien ihm nicht allzu viel Zeit vergangen zu sein; höchstens eine Stunde. Clara wirkte auf ihn jedoch vollkommen normal und falls sie Sebastians aufgeschrecktes Verhalten und seine Blicke merkwürdig fand, so ließ sie es sich zumindest nicht anmerken. Konnte ihr Drogenrausch so schnell wieder verflogen sein? Hatte er sie nicht eben noch als völlig willenlose Marionette in anstößiger Pose in Gretas Zimmer liegen sehen? Das Hausmädchen benahm sich auf jeden Fall so ungezwungen, als wäre das ganze Erlebnis nur ein Fiebertraum, den Sebastian sich zusammenphantasiert hatte.

„Die Frau Dr. Gere würde se jerne noch mal sehen, Herr Kerr, bevor se in die Stadt aufbrechen“, sagte sie und klopfte das frisch bezogene Bett auf. „Wenn et Ihnen passt, mögen se doch bitte gleich zu ihr in ihren Salon kommen.“ Sie erklärte ausführlich, wo das Zimmer zu finden war.

Es dauerte einen Moment, bis die Worte vom Ohr bis zu Sebastians Gehirn drangen. Erst als Clara verwundert und schief lächelnd aufsah, kam Leben in ihn.

„Verzeihen Sie bitte“, flüsterte er mit rauer Stimme, „ich muss eingeschlafen sein und geträumt haben.“ Tatsächlich hatte sich der Kopfschmerz, der ihn schon den ganzen Nachmittag quälte, verstärkt, als wäre er in dem überheizten, stickigen Raum in einen kurzen Schlummer gefallen.

„Wat se in Ihrem Zimmer tun, jeht mir nüscht an“, erwiderte sie schnippisch. Sebastian antwortete nicht, sondern schob sich an Clara vorbei, die noch immer spöttisch lächelte und ihm in diesem Moment gar nicht mehr so abweisend und streng erschien. Gerade, als er aus der Tür gehen wollte, drehte er sich noch einmal zu ihr um:

„Geht es ihnen gut, Clara? Ich meine …“ Er verstummte unsicher und traute sich nicht, seine Frage auszusprechen. Das Lächeln von Clara verstärkte sich, spannte sich nun mit zwei hübschen Grübchen von Wange zu Wange. Sie nickte.

„Aber ja, mir jeht et jut, Herr Kerr. Ick bin zwar noch etwas durcheinander von den Jeschehnissen heute Mittach, aber der Überfall kommt mir inzwischen wie een böser Traum vor. Det konnen se doch nachvollziehn, oder?“

Sebastian musterte aufmerksam ihre Pupillen, die nicht mehr wie Löcher wirkten, durch die man in den Poe’schen Maeltröm blickte, sondern ganz normale, helle und glänzende Frauenaugen waren.

„Dann ist ja alles in Ordnung,“ stimmte er zu, „und ich will die Frau Dr. nicht länger warten lassen. Fühlt sich die Dame des Hauses denn jetzt ein wenig wohler?“

„Ja. Sie hatte am Nachmittag Besuch vom Medizinalrat Kurtzweil und was immer er mit ihr angestellt hat: Jetzt geht et ihr besser. Aber trotzdem sollten Sie ihr Gespräch nicht zu lang machen. Sie darf sich nicht aufregen. Der Frau Dr. wurde vom Dr. Kurtzweil ganz strenge Bettruhe verschrieben, aber sie wollte Sie unbedingt noch sehen.“ Clara sprach nun, als wäre sie ein Teil der Familie und kein einfaches Hausmädchen. Auch ihre Art zu reden hatte sich verändert.

Das ist alles sehr merkwürdig, dachte Sebastian, als er sein Zimmer verließ und dabei Claras Blicke in seinem Rücken spürte. Kurz zögerte er vor der Tür zu Gretas Räumen, durch die kein Laut nach außen auf den Flur drang. Dann ging er entschlossen weiter und über die Galerie zu dem Salon, den ihm Clara gewiesen hatte. Frau Gere besaß in der großen Villa nicht nur ihre eigene geräumige Zimmerflucht, sondern auch einen eigenen Empfangsraum, einen Damensalon, in den Sebastian jetzt trat.

[Hier geht es weiter …]

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 7)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Lakmi trat neugierig einen Schritt nach vorne und spähte in das dunkle Loch, das sich nun unter ihr auftat. Der quadratische Schacht war nicht sehr tief und der Boden, der vielleicht zwei Manneslängen unter ihr lag, war mit flaschengrünen, im von oben herabfallenden Licht schillernden Fliesen ausgelegt. Alles wirkte sauber, wie erst kürzlich geputzt. Das Erstaunlichste aber war, dass es unten auf dem Grund so kalt sein musste, als befinde sich dort ein Eiskeller. Die eisige Luft dampfte aus der Öffnung. Lakmi hielt fasziniert ihre gefesselten Hände in den kalten Hauch.

„Du bist hoffentlich nicht abergläubisch. Da unten befindet sich kein Eingang in Inets gefrorene Hölle, sondern ein Netz von Gängen, die in die geheimen Kommandoräume einer der Armeen führt, die auf der Oberfläche ihren Krieg ausfechten. Wenn es dir gelingt, dort einzuschleichen, ist es möglich, einen der Gegner einfach auszuschalten. Es gibt im Worum einen großen, schwarzen Tisch, der bei der leisesten Berührung Bilder und Landkarten zeigt und mit dem du reden kannst. In diesem Tisch ist ein blinder Daimon eingesperrt; einer der Sorte, die ihr in Karukora Dschinn nennt. Er wird dir zu Diensten sein und dir jede Frage beantworten, die du ihm stellst. Er weiß, wo sich der Stab der Macht befindet, den ich benötige, um die ewige Schlacht zu beenden. Dieser Dschinn wird dir auch die Karte geben, die in den Tag führt“, sagte Asgëir und stellte sich auf die andere Seite des Eingangs.

Lokwi runzelte die Stirn. Es verlockte sie zwar, die Geheimnisse des Untergrunds zu erforschen, aber ihr blieben noch einige Fragen.

„Ein Dschinn, so habe ich gelernt, ist immer böse, hinterhältig und will dem Menschen, dem er gehorchen muss, übel, weil er neidisch ist, dass dieser im Gegensatz zu ihm eine Seele hat. Er wird jedes Wort verdrehen und jeder Wunsch, den er erfüllt, verwandelt sich unter seiner Hand in eine Plage, die man besser nicht herbeigesehnt hätte.“

„Das gilt wohl auch für den Dschinn im Worum, denke ich. Er ist ein ausgesprochen niederträchtiger Geist, denn er gehorchte einmal meinen Feinden. Doch heute sind die Männer, die ihm Befehle gaben, nur noch Staub und ein verlorenes Flüstern, das außer mir niemand mehr hören kann. Aber der Dschinn kämpft in ihrem Namen weiter unverdrossen seinen Krieg gegen die eisernen Soldaten seiner Gegner, die bis auf mich ebenfalls seit tausend Jahren tot sind. Es ist nun wirklich an der Zeit, die Schlacht zu beenden und der Wüste ihren Frieden zurückzubringen. Doch dazu brauche ich eben alle Stäbe der Macht. Einen besitze ich bereits, ein zweiter ist im Worum, ein dritter befindet sich in Nearoma.“ Asgëir machte eine nachdenkliche Pause. „Du musst jedoch keine Angst vor diesem Dschinn im Tisch und seinen Wächtergolemen vor der Tür haben. Ich kenne das Zauberwort, das sie besänftigt. Sprichst du es aus, werden sie besänftigt und dir ohne Widerrede gehorchen.“

Der seltsame Alte verriet Lakmi dieses Wort, das für sie wie sinnloses Geplapper aus dem Mund eines Kleinkindes klang, aber leider nicht von ihr in ihren Schriften überliefert wurde. Asgëir zwang sie, dieses Wort so lange zu wiederholen, bis er zufrieden mit ihrer Aussprache und ihrer Artikulation der schwierigen und vokalreichen Laute war.

Endlich nickte Lakmi und willigte in den Handel ein. Ihr war zwar, als hätte sie eine wichtige Frage vergessen und Asgëir würde weiterhin einiges für sich behalten. Aber das war wohl – falls er die Wahrheit über seine Vergangenheit gesagt hatte – nicht weiter verwunderlich. Sie schloss die Augen, als müsse sie überlegen, ob sie auf den mit einer gezückten Pistole erzwungenen Handel eingehen sollte, aber sie hatte sich längst entschieden und genoss am Rand des Schachts stehend die Luft, die unvermindert kalt emporstieg und bei ihr zum ersten Mal in ihrem Leben eine Gänsehaut erzeugte. Allein wegen dieses atemberaubend neuen Gefühls hatte sich die Wanderung in die Tote Wüste für sie gelohnt. Und nun konnte es ihr vielleicht dazu noch gelingen, eine Karte ins legendäre Pardais zu ergattern und diese zurück zu ihrem kranken Vater zu bringen. Sie würde ihn unverzüglich zur glücklichen Stadt führen, damit er wieder gesund wurde. Die Legenden sagten doch, dass dort alle Krankheiten heilten und Alte wieder jung wurden.

„Nimm meine Fesseln ab, Zauberer. Ich werde dir deinen Wunsch erfüllen.“

Kurze Zeit später und einige Fuß tiefer in der Erde war die Gänsehaut an den Armen und dem Rücken nichts besonderes mehr und Lakmi fragte sich zähneklappernd und schlotternd, was ihr daran überhaupt gefallen hatte. Sie hätte jetzt einiges für einen wärmenden Umhang oder zumindest für geschlossene Schuhe gegeben. Sie eilte entschlossen den sich vor ihr aufhellenden, aber nichtsdestotrotz bitterkalten Gang hinunter, zum dem sie Asgëir an einem Seil hinabgelassen hatte, nachdem er ihr ein Papier gab, auf dem er den Weg aufgezeichnet hatte, den sie gehen sollte. Er würde sie einige Meilen weiter östlich zu Füßen der ewigen Schlacht zu dem Worum seiner Gegner führen. Sie durfte dabei auf keinen Fall von der groben Skizze abweichen, sonst würde sie sich hoffnungslos in dem Gängelabyrinth hier unten verirren. Hier gab es viele Stellen, an denen ihr Leben in Gefahr war, wo heimtückische Fallen lauerten, Räume ohne oder mit vergifteter Luft, böse Goleme, die alles töteten, das sich bewegte und viele andere Bedrohungen, die auch Asgëir nicht so genau kannte. Er hatte Jahrzehnte seine Lebens damit verbracht, diese Skizze anzufertigen, die sie nun ohne sich größeren Gefahren auszusetzen zum Worum führen sollte. Nur was in unmittelbarer Nähe dieses Raumes war, wusste der Unsterbliche nicht, denn dorthin hatte er nie vordringen können. Hier würde sich Lakmi auf ihre Gewandtheit und ihren Instinkt verlassen müssen.

Doch im Augenblick befand sie sich noch in relativer Sicherheit und bestaunte den Raureif an den Wänden, eine Erscheinung, die ihr bis dahin vollkommen unbekannt gewesen war. Es konnte zwar auch Nachts in der Wüste empfindlich kalt werden, aber die Luft war hier so trocken, dass ihr dieses Phänomen noch nie begegnet war. Ab und an drückte sie ihre flache Hand gegen die beschlagenen Wände und bestaunte die Abdrücke, die sie dabei hinterließ und die Taubheit, die dadurch in ihren Fingerspitzen entstand.

„Vielleicht gibt es hier unten sogar Schnee“, dachte sie. „Den würde ich gerne einmal sehen.“

Inzwischen wusste sie, welche Frage sie Asgëir hätte stellen sollen:

„Wenn du einer der Generäle warst, die diesen Krieg begonnen haben, warum gehst du dann nicht in den Worum deiner eigenen Armee zu deinem Dschinn und beendest von dort die Schlacht?“

Und wenn sie gerade beim Zweifeln war: Wenn sie Asgëir diesen mysteriösen Stab der Macht, nachdem er gierte, besorgte und er tatsächlich den ewigen Kampf der mechanischen Armeen beendete – wozu benötigte sie dann eigentlich noch die Karte nach Pardais?

Bald jedoch hatte Lakmi vollkommen andere Sorgen, als sich über den Delphi Gedanken zu machen. Denn seine angeblich so mühsam erstellte Grundriss-Skizze stimmte nicht. Alles war hier zwar wie von Zauberhand erleuchtet – Strom war zu Lakmis Zeiten in dem Juwel der Wüste noch unbekannt – aber plötzlich stand sie anstatt wie in der Zeichnung angegeben nicht in einem weiteren Gang, sondern in einem würfelförmigen Raum. Und hier war sie auch nicht mehr allein. E wimmelte von kleinen automatischen Spinnen, vielleicht einhundert, vielleicht waren es mehr.

Mein geschätzter Vorredner, der ja eine ganz ähnliche Geschichte über den Gründervater seiner Kirche erzählt hat, nannte sie vorhin Deltas. Das ist eine Spielart der Goleme der Vorgänger, die Reparaturen aller Art durchführen und die Verstand einer Ameise haben sollen. Sie werden von den Befehlen eines Dschinn geleitet, erledigen ihre Arbeiten aber auch allein und selbstständig. So steht es zumindest in Ibn‘ Rufis Standardwerk Von Denen Eyßernen Geschöpfen Unter Den Erden Und Wie Sie Alldorten Haußen zu lesen.

[Fortsetzung nächsten Mittwoch …]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter der in den Tag führt, Der Weg, Fantasy, Fortsetzungsroman, Literatur, Märchen, Phantastik, Roman, Science Fiction

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 17)

Klammer hatte offensichtlich doch ein wenig geschlummert, aber nun hielt ihn erneut seine Unruhe wach. Fuhr der Zug noch durch Südtirol oder das Trentino oder näherte er sich bereits Verona? Die wenigen Lichter in den Dörfern an den nahen Berghängen wirkten alle gleich auf ihn. Er knipste das Licht über seinem Sitz an. Der gutgekleidete ältere Italiener zu seiner Rechten – er hatte sich als Avvocato Sciacalli vorgestellt, als er in Innsbruck den Platz neben ihm belegte und war noch vor dem Brenner eingeschlafen – grunzte im Schlaf, aber er wurde nicht wach.

Klammer nahm sein wertvolles schwarzes Buch aus dem Handgepäck und blätterte nach vorne, zu der Stelle hin, in die er seiner Gewohnheit treu einen selbst geschnittenen orangefarbenen Papierstreifen als Einmerker geschoben hatte. Wie er erleichtert feststellte, hatte sich der Text noch nicht verändert, die Seiten bildeten weiterhin den Text des Romans ab, den angeblich sein Großvater geschrieben hatte. Er überflog ein Kapitel, in dem Sebastian Kerr umständlich und weinerlich die Enge und Eingeschränktheit seiner Heimatstadt Augsburg beschrieb. Diese Ausführungen mochten zwar für den einen oder anderen literaturhistorisch interessierten Germanisten von Bedeutung sein, aber für den Leser, der ja schließlich ebenfalls aus dieser entsetzlich spießbürgerlichen Stadt kam, in der sich niemand für Literatur begeisterte und selbst Brecht noch wegen seiner politischen Ansichten misstrauisch beäugt wurde, war das keine Neuigkeit und eine langweilige Durststrecke, eine Zeilenschinderei, die den Roman unnötig dehnte. Also überblätterte er kurzerhand das Lamento, das auch nach beinahe einhundert Jahren nichts an Aktualität verloren hatte.

Obwohl dem Autor der Beginn des Romans durchaus gemundet hatte, hatte ihm bisher das komplette Menü nicht besonders geschmeckt. Das lag nicht nur daran, dass ihn seine Sorgen ablenkten, sondern an der von Absatz zu Absatz zunehmenden Geschwätzigkeit des jungen Autors der Hyänen von Berlin. Anstatt direkt auf den Kern der Geschichte zuzusteuern, erging sich Kerr in langatmigen Beschreibungen von Personen, Umständen und Umgebungen. Der Autor hatte beim Lesen ständig befürchtet, dass der geschwätzige Jesuit Marini eine eckige Klammer eröffnen und kursiv sein unnötiges Wissen zum Besten geben würde. Dabei war noch nicht einmal geklärt, ob die Hyänen ein Gesellschaftsdrama, ein Entwicklungs- oder einfach ein Kriminalroman waren.

Man lese nur die Stelle, an der die Hausangestellte überfallen wurde, die wahrscheinlich beim Leser Spannung erzeugen sollte und durch eine unpassende und ausführliche Beschreibung des Wohnzimmers unterbrochen wurde. Herrschaft! Der Autor ließ sich sogar die Zeit, den Teppich zu beschreiben, auf dem das Opfer lag! Kein Wunder, dass Kerr nie so berühmt wie der von ihm beneidete Brecht geworden ist – ganz ehrlich: Mein Großvater war ein höchst mittelmäßiger Schriftsteller.

Doch im dritten Kapitel des Romans setzte endlich wieder die Handlung ein und Klammer las sich fest, während ihn der Zug über die Po-Ebene und durch die Nacht ins noch ferne Rom transportierte.

Kapitel DREI
Sündige Frauen

Der Nachmittag und der frühe Abend zogen sich endlos dahin; sie waren eine gewaltige, graue Mauer, die Sebastian nirgendwo überstei­gen konnte. Berlin zeigte sich von einer trägen, langweiligen Seite – einer Seite, die er später noch besser kennen, aber niemals wirklich schätzen lernte.

Berlin! – Ein Summen, Klirren und Stampfen steigt in die Nacht auf, und das schillernde Netz der Lichter spannt sich über das tönende Dunkel. Licht und Lärm sind untrennbar vereint in dieser gewaltigen Stadt der Arbeit und der Lust; und wenn die Massen durch die geraden Straßen der jungen Großstadt hasten, weiß man nie, ob es zur Arbeit geht oder zu irgendeiner hastigen, schnell beschlossenen, schnell genossenen und schnell erledigten Vergnügung. In einem verwirrenden Bilde rauscht alles vorüber.

In dieser gewaltigen Stadt sind immer alle unterwegs, dachte Sebastian, aber sie scheinen niemals irgendwo anzukommen.

Man wartet auf ein Ereignis, eine Stunde, eine schicksalshafte Begegnung, ein freundliches Lächeln, den zitternden Schlag des Minutenzeigers auf der großen Uhr am Alexanderplatz, mit der er einen Teilstrich weiter springt, in seinem endlosen Teufelskreis, dem er nicht entkommen kann –, und doch scheint dieser Augenblick niemals einzutreten. Man starrt auf den Zeiger, bis die Augen tränen, aber er weigert sich einfach, weiter zu rutschen, als wäre er am zeitlosen Eispol des Universums eingefroren. Dann wieder explodiert Berlin. Alles findet überall gleichzeitig statt und man hetzt sich vergeblich ab in dem Bemühen, an allen Ereignissen teilzunehmen, die doch alle so bedeutend sind.

Sebastian saß also am Schreibtisch im Gästezimmer, starrte in den trostlosen Garten und versuchte sich an ein paar Gedichtzeilen, die diese Empfindung aufs Papier bringen sollten:

Ratten Tauben und Gekröse
Gehirne im Krampf
Berlin willst du deinen Namen wissen?

Aber nichts wollte ihm gelingen, er hatte dumpfe Kopfschmerzen, die von seiner rechten Schläfe ausstrahlten und sich im Lauf des endlosen Nachmittags über die gesamte Schädeldecke ausbreiteten. Ab und an knackte die kochende Heizung, manchmal waren dumpfe Schritte im Haus zu hören. Das musste durchaus als Ereignis genügen. Eine frühe Dämmerung setzte ein, aber sie ließ sich Zeit, als scheue sie sich, den langen Nachmittag abzulösen.

Der junge Mann machte sich nicht die Mühe, das Licht einzuschalten. Bald legte er den Schreibstift zur Seite, denn die Zeilen, mit denen er die linierten Blätter seines Moleskine beschrieben hatte, verschwammen vor seinen Augen zu krakeligen Hieroglyphen.

Berlin – willst du ihn wissen?
Er steht dort an der Wand.

Sebastian lehnte sich in einem Stuhl zurück und schloss die Augen. Es gab vieles, über das er nachdenken wollte – über seine Entscheidung, Augsburg zu verlassen, um sein Glück in der Reichshauptstadt zu versuchen, die Ereignisse des Vormittags und die merkwürdigen Geres, die offensichtlich mehr Familiengeheimnisse begraben hatten, als in ihre Gruft passten, schließlich die unheimliche Szene, die er erlebte, als er am frühen Nachmittag nach einem ungehörten Klopfen an Gretas Zimmer die Klinke probierte, die unverschlossene Tür öffnete und einen Blick in ihr Reich erhaschte. In diesem Augenblick, der ihn wie unter einem Stromstoß zusammenzucken, fast panisch zurückweichen und zurück in sein Gästezimmer fliehen ließ, hatte er noch keine Kopfschmerzen gehabt und eigentlich nur in Erfahrung bringen wollen, wann man zur Tour in die Stadt aufbreche.

Und da saß er nun und versuchte, den verbotenen Blick auf Greta und Clara aus seinem Gedächtnis zu bannen. Es gelang ihm nicht. Er fühlte sich so schmutzig und besudelt wie ein Vojeur. Die Feder zögert zu berichten, was er gesehen hatte und doch muss wahrhaft erzählt werden:

Im Schummerlicht einer Handvoll Kerzen saß Clara breitbeinig und schlaff, als wäre sie eine mechanische Puppe, deren Feder nicht mehr gespannt war, auf einem kitschig geblümten Sofa. Sie hatte ihren Unterrock bis über die Hüften enporgezogen. Sebastian sah um die Knie die dunklen, stahlgrauen und halb herabgerollten Strümpfe, die von den Strapsen ihres Mieders gelöst waren. Und er sah viel von der weißen, wächsernen Haut ihrer fleischigen Oberschenkel. Ihre Beschaffenheit erinnerte ihn an die monströsen Larven der Maikäfer, auf die er als Kind manchmal in der Erde des Kerr’schen Gartenvierecks gestoßen war. Ja, genau so wie ein Engerling wirkten sie auf ihn. Ihm wurde übel und ein dünner Eispickel stach in seinen Nacken.

Greta kniete vor den geöffneten Beinen Claras und schien aufmerksam die Innenseite ihrer Schenkel zu streicheln. War das wirklich ein sapphisches Tête-à-tête, in das er zufällig geraten war? Sebastian konnte es nicht glauben. Hier war etwas grundfalsch, auch wenn er sich noch nicht erklären konnte, was es war. Die Hausangestellte saß ihm direkt gegenüber und starrte ihn tatsächlich mit weit aufgerissenen Augen an, aber ihr Blick war vollkommen leer, die Iris zwischen den Wimpern nur ein dünner, kaum sichtbarer Rand. Die Schwärze ihrer unnatürlich vergrößerten Pupillen wirkte auf den jungen Mann wie aus der Welt herausgeschnitten. Ein Dämon, der der kranken Phantasie eines Hanns Heinz Ewers oder eines Gustav Meyrink entsprungen war, hatte solche Augen, kein Mensch oder irgendein anderes von Gott geschaffenes Geschöpf. Sebastian fühlte sich, als wäre er versehentlich in eine der unheimlichen Fieberalbträume dieser Autoren gestolpert und er konnte sich nur schwer von dem seelenlosen Puppenblick Claras abwenden.

[Fortsetzung am nächsten Montag]

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 6)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Vier Stäbe, um einen zu formen. Vier Stäbe, das Reich zu schaffen. Wehe, Serdan, das Alter greift nach dir. – Aber dies wird dir gleichgültig sein und nichtssagend. Denn es ist eine andere Geschichte und ich habe durchaus nicht vor, sie heute zu erzählen(1). Was für dich wichtiger ist: Unter den Kavernen dieser alten Stadt, in deren Überresten wir uns befinden, gibt es in der Tat einen Schatz. Da habe ich die Wahrheit gesprochen. Doch dieser Schatz ist nicht aus Gold und er hat für jemanden außer mir keinen Wert. Und nur du kannst ihn holen. Aber nicht, weil der Durchgang für mich selbst zu eng wäre. Ich könnte durch ein Mauseloch schlüpfen; schau mich an, ich bin nur noch ein Skelett, dem noch ein wenig Haut über den Knochen spannt. Es gibt einen anderen Grund, aus dem ich nicht in die Schatzkammer gelangen kann, die früher Worum, also „Raum des Krieges“ genannt wurde. Das kannst nur du, als Kind des jüngeren Blutes. Ich habe so lange auf dich gewartet.“

Lakmi hatte dem Alten aufmerksam zugehört und versucht, seinen Worten zu folgen. Log er sie diesmal nicht an? Sie wusste es nicht.

„Und weshalb kannst du diesen Worum nicht selbst betreten?“, fragte sie. Asgëir lächelte bitter.

„Weil es der Worum meines Feindes ist. Ich bin … ich war einer der vier Generäle, die die Schlacht in der Toten Wüste begonnen haben und nie beenden konnten. In dem Kriegsraum, in den du eindringen sollst, gibt es allerdings einen Gegenstand von unüberwindlicher Macht, der die Schlacht sofort beenden könnte.“

„Du lügst mich wieder an. Du kannst nicht einer der Generäle sein, die die Heere dort draußen befehligt haben. Diese Schlacht tobt seit tausenden von Jahren, das weiß in Karukora jedes Schulkind. So alt kann niemand werden! Oder …“, ihr kam ein erschreckender Gedanke, „… bist du selbst ein Daimon oder Golem?“

Asgëir lachte.

„Aber nein. Ich weiß, das ist für dich schwer zu glauben und es ist mir auch gleichgültig, ob du es tust, Mädchen. Aber damals, ihr nennt sie, glaube ich, die Zeit Launins, in den goldenen Jahren nach dem Untergang der Vorgänger, war der Tod beinahe besiegt und ewige Jugend kein Märchen mehr. Doch dieses Geschenk wurde nur wenigen gemacht, den Reichen, den Mächtigen, den Herrschern und unter diesen konnten es sich nur die wenigsten leisten. Soweit mir bekannt, gibt es nur noch vier von uns … vielleicht fünf. Wir haben uns von hier in alle Winde verstreut. Aber wir sind nicht hier, damit ich dir alte Geschichten erzähle, sondern um eine Schlacht und einen Krieg zu beenden, der schon viel zu lange dauert. Du musst dazu in den Worum, denn mich würden die Wächter an seiner Tür nicht einlassen.“

„Aber warum hast du mir das nicht gleich erzählt? Warum hast du mich betäubt und mich gefesselt?“ Lakmi hob anklagend ihre mit einem groben Strick zusammengebundenen Hände. „Und warum hast du mich in diesen kahlen Raum verschleppt?“

„Hättest du mir denn geglaubt?„Hättest du mir denn geglaubt? Würdest du dich denn nicht sofort auf mich stürzen, wenn ich deine Bande lösen würde? Du bist jung und kräftig und ich nur ein altes Klappergestell. Ich könnte mich deiner nicht erwehren. Und was diesen zugegeben ungemütlichen Raum angeht – nun, du liegst direkt auf dem Eingang zu den Katakomben, die zu dem Worum führen.“
Lakmi nickte langsam.
„Du hast recht. Deine neue Geschichte klingt noch verlogener als deine alte und ich würde dir die Augen auskratzen, wenn ich es könnte. Doch sage mir: Warum sollte ich dir helfen? Was hätte ich davon? Ich habe wenig Lust, mein Glück an diesen Wächtern auszuprobieren von denen du erzähltest. Nur weil … mein Blut … anders ist als deines. Sie müssen recht schrecklich sein, wenn du dich vor ihnen fürchtest.“

„Für dich ist das ganz ungefährlich, glaube mir. Die Wächter werden dir gehorchen. Du sollst nicht leer ausgehen. Dort unten im Worum liegt auch eine Karte, die dich quer durch die Schlacht der Maschinenheere unbeschadet nach Pardais bringen wird. Da willst du doch hin, oder? Es ist der Weg, der in den Tag führt.“«

Ein Raunen und Flüstern ging durch den hohen Saal, in dem atemlos Alis Geschichte gelauscht wurde. Auch der Namenlose und neben ihm die schöne Miladi richteten sich in ihren Stühlen auf. Allein Ómer trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Tischplatte. Er wartete auf die ihn aus seiner Qual erlösenden rituellen Schlussworte, mit denen Alis sein Märchen beenden und damit das verabredete Signal für den Beginn der Palastrevolte geben würde. Er lauschte im Gegensatz zu den anderen nur mit halbem Ohr und vertröstete sich mit dem Gedanken, endlich dem eigenhändig erwürgten Namenlosen die Goldmaske vom bleichen Kindergesicht zu reißen und sie in einer großen Geste seine Tochter überreichen zu können. Schließlich trug sie den Thronfolger unter ihrem Herzen und würde unter Ómers Aufsicht als Regentin die Staatsgeschäfte übernehmen. Und mit all den ausländischen Würdenträgern und Honoratioren in dem Speisesaal würde es gegen diesen Staatsstreich keinen Widerstand geben – zumal überall die von Ómer bestochenen Soldaten standen.

Wenn nur dieser Alis endlich damit aufhören würde, von einem Märchen zum nächsten zu flanieren. Schon die Geschichte von diesem Nordmann war dem Großvezir viel zu lang gewesen, aber der alte Märchenerzähler schien ihm tausend und eine Nacht zu brauchen, bis er endlich zum Ende kam!

Alis schien Ómers wütenden Blick zu bemerken, denn er sah mit einem spöttischen Lächeln auf und wandte sich direkt an den Vezir und seine Gäste.

»Es gäbe viel über jene geheimnisvolle Karte zu berichten, die den Weg zu der Stadt weist, die der Krieg und die Zeit verschont haben, in deren Kanälen Milch und Honig fließen und in der das Leben ewig währt. Die Karte ging von Hand zu Hand und immer wieder verschwand sie für Jahrhunderte, tauchte dann wieder unter den ungewöhnlichsten Umständen auf. Es heißt, die Karte sei heute irgendwo im elfenbeinernen Palast versteckt. Doch all diese Geschichten will ich nicht heute erzählen, sondern sie mir für ein anderes Mal aufsparen. Für diese Nacht mag uns genügen, wie die Karte in die Hand von Lakmi kam, jener später so berühmten Reisenden, die man auch die „Unerschrockene“ nannte In dem Moment, in dem wir sie eben vor unserer kleinen Unterbrechung verließen, sah es nicht danach aus, als würde sie ihr Abenteuer mit Asgëir, dem geheimnisvollen Warter, heil und gesund an Geist und Körper überstehen können. Doch sie selbst hat uns die Geschichte, die ich euch erzähle, in einem ihrer vielen Bücher hinterlassen.

Der verlogene Unsterbliche hatte ihr zwar einen Schatz versprochen, wenn sie für ihn in den Worum eindrang, aber er traute ihr nicht so weit, als dass er sie von allen ihren Fessel befreit hätte. Er nahm ihr nur die Fußstricke ab und achtete dabei darauf, außerhalb der Reichweite ihrer Beine zu bleiben.

„Steh auf“, sagte Asgëir, „und gehe zurück zur Wand.“

Er hielt jetzt eine kleine Pistole in der Hand und zielte mit ihr auf Lakmi. Obwohl solche Vorgängerwaffen in Karukora verpönt waren und nach dem Gesetz des Namenlosen nur von den höchsten Rängen der Treuwacht getragen werden durften, erkannte das Mädchen den ungewöhnlich geformten Gegenstand sofort und sie beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen.

„So ist es recht. Meine Waffe mag zwar uralt und auch rostig sein, aber sie wurde von mir immer gepflegt, geölt und ist vollkommen funktionstüchtig. Auf diese Entfernung kann ich überhaupt nicht vorbei schießen.“

Ohne Lakmi aus den Augen zu lassen, beugte Asgëir sich herab und kehrte mit seiner freien Hand den Wüstensand am Boden zur Seite. An dieser Stelle kam ein Bügelgriff zum Vorschein, den er ergriff und an dem er mit sichtbarer Anstrengung zog. Und tatsächlich gelang es ihm, eine etwa drei auf drei Fuß große Bodenplatte zu lockern und sie mit einem letzten Kraftakt zur Seite zu schieben.

Lakmi trat neugierig einen Schritt nach vorne und spähte in das dunkle Loch, das sich nun unter ihr auftat.

[Hier geht es weiter …]


(1) siehe: „Zauberlehrlinge“, Roman aus der Welt von Brautschau

Ein Kommentar

Eingeordnet unter der in den Tag führt, Der Weg, Fantasy, Fortsetzungsroman, Literatur, Märchen, Phantastik, Roman, Science Fiction

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 16)

Klammer seufzte vernehmlich.

„Ich kann mich erinnern, dass ich das Werk Anfang der Neunziger Jahre als junger Student in einem Dresdner Antiquariat gekauft und damals auch gelesen haben muss“, überlegte Engold. „Mir ist, als hätten wir schon einmal darüber geredet. Leder muss der Band bei einem meiner Umzüge verloren gegangen sein. Auf jeden Fall habe ich keine Ahnung mehr, worum es in dem Werk Ihres Großvaters ging.“

„Ach, kommen Sie! Das kann es doch nicht geben!“

„Haben Sie eine Ahnung, wie viele Bücher ich in meinem Leben schon in der Hand hielt? Ich fange jede Woche sicherlich zwanzig neue an. Gut, bei einigen genügt nur ein Absatz oder eine Seite, bei anderen zehn, bis ich sie zur Seite lege. Ganz selten lese ich mal eines zu Ende. Je mehr Bücher man gelesen hat, um so schwieriger wird es, eines in die Hand zu nehmen, ohne es als Arbeit wahrzunehmen. Die Zeiten sind schon lange vorbei, dass ich abends bei einem Glas Rotwein einfach so einen Roman genossen habe. Meine professionelle Deformation als Lektor hindert mich daran. Aber sagen Sie mal, Nikolaus, wie viele von den Texten, die Sie tagtäglich zugesendet bekommen, haben Sie denn gelesen?“

„Sie meinen, Sie haben den Roman meines Großvaters unter Umständen überhaupt nicht gelesen?“

„Zumindest durchgeblättert muss ich ihn haben, sonst hätte ich ihn nicht gekauft.“

„Berlin? Ein junger Autor aus der Provinz? Eine großbürgerliche Familie und ein dunkles Geheimnis?“, gab Klammer ein paar Stichwörter und merkte selbst, wie nichtssagend sie waren.

„Sie sind ein Spaßvogel. Wenn es jemand weiß, dann Sie: Wie viele Rastignac-Romane wurden nach Balzac geschrieben? Aber warten Sie, ging es da vielleicht um irgendwelche exotischen Drogen und die Freimaurer?“

Das weiß ich nicht, so weit habe ich das Werk selbst noch nicht gelesen“, gab Klammer zu.

„Das ist ganz seltsam. Manchmal bleibt von einem Roman oder einer Geschichte nach einiger Zeit nur noch ein Duft oder ein Geschmack übrig, eine sensorische Empfindung, die ich zuverlässig einstellt, wenn man an das Buch denkt. Im Moment ist das bei mir ein scharfer Geruch wie verschimmelnde Zitrusfrüchte. – Ach, ich weiß auch nicht.“

So kam Klammer nicht weiter. Seit er in dem Buch las, das angeblich von seinem Großvater stammen sollte, nagte der unbestimmte Verdacht in ihm, dass der Roman vielleicht überhaupt nicht das Werk von Sebastian Kerr, sondern es ihm aus Gründen, die über seinen Horizont hinaus reichten, nur vorgegaukelt wurde. Ein paar Fragen und Zusammenhänge wurden ihm nun deutlicher, aber dem Geheimnis des Buchs und in welcher Verbindung es mit seiner Familie stand, war er nicht näher gekommen. Er hatte Kopfschmerzen.

Klammer verabschiedete sich eilig von Engold, der ziemlich frostig darauf reagierte, dass ihn der Autor, nachdem er sich einmal warm geredet hatte, so eilig abservierte.

„Kümmern Sie sich lieber mal um Ihre eigenen Sachen, Nikolaus. Wir haben einen Vertrag und nicht ewig Geduld. Das wird zwischen uns doch kein Unseld-Koeppen-Ding werden, oder?“, sagte er noch. Er konnte zum Glück nicht sehen, wie Klammer beim Auflegen gleichgültig mit den Schultern zuckte, denn das hätte den jähzornigen Lektor wahrscheinlich so in Rage gebracht, das er auf der Stelle einen Herzinfarkt bekommen hätte. Der Autor dachte kurz an den Roman, an dem er gerade arbeitete und in dessen sechsten Kapitel er gerade feststeckte wie in einer staubigen Wüste ohne Oasen, wo ihm nicht einmal eine ferne Fata Morgana ein Ziel vorgaukelte – ein schiefes Bild übrigens, das mit dem Buch und einer Luftspiegelung.

Engold wird es mir rigoros herausstreichen, wenn ich es wagen würde, es in meinem neuen Werk zu verwenden. Doch diese sowohl für mich als auch für meine Leser freudlose Angelegenheit, die noch – ginge es um die Vertragsvereinbarungen – in diesem Herbst pünktlich zur Messe als Verlagsneuigkeit erscheinen soll, ist nicht meine vorrangige Sorge. Ich kann immer noch Fortsetzung folgt unter das fünfte Kapitel schreiben, der Text hat bereits Romanlänge. Vielleicht kann ich Welkenbaum das Ding ja als Trilogie andrehen – auch wenn ich jetzt schon keine Lust mehr habe, weiter zu schreiben. ‚Trilogie des Scheiterns‘, das wäre doch ein hübscher Titel.

Klammer kicherte in sich hinein, als er zu Irene in die Küche trat. Ein Blick von ihr genügte, um ihm wieder zurück auf den Boden der Tatsachen zu holen. Das war etwas, das sie perfekt konnte und im Verlauf ihrer langjährigen Ehe perfektioniert hatte.

„Gute Nachrichten?“, fragte sie und ihr Mann erschrak schuldbewusst. Genau die hatte er nicht – ganz im Gegenteil. Was sollte – was konnte er seiner Frau erzählen, ohne sie zu beunruhigen oder sie an seinem Geisteszustand zweifeln zu lassen? Bei dem Gedanken, Irene endlich die ganze Geschichte und die Sorge um die gemeinsame Tochter zu beichten, war ihm, als würde er in ein schwarzes, bodenloses Loch blicken. Er setzte sich schwerfällig neben seine Frau und wollte eben beginnen, ihr alles zu erzählen, als ihm die Entscheidung auf überraschende Weise abgenommen wurde:

„Ach ja“, sagte Irene beiläufig, „vorhin hat endlich mal wieder Isa aus Amerika angerufen. Es geht ihr gut und ich soll dich grüßen. Sie lässt dir ausrichten, dass alles in Ordnung sei und du dir keine Sorgen machen musst.“

Klammer konnte es kaum fassen.

„Bist du sicher, dass du mit Isa gesprochen hast?“, stammelte er unendlich erleichtert. Irene musterte ihn besorgt.

„Was ist das denn für eine Frage? Selbstverständlich war sie das.“

Sie schüttelte den Kopf. Sie kannte solch seltsame Anwandlungen von ihrem Mann, der auf sie oft nicht wie ganz von dieser Welt wirkte, vor allem, wenn er vom Schreiben kam und sich noch vollkommen bei seinen Geschichten und Figuren befand. Aber jetzt kam er doch vom Gassigehen mit Cicero und einem Telefonat mit seinem Verlag und machte trotzdem auf sie den Eindruck eines Traumwandlers. Das war neu. Musste sie sich Sorgen machen? Schließlich war seine Mutter ja dement und es hieß, ihre Krankheit sei erblich.

„Hat Isa erzählt, was sie gerade macht?“, fragte Klammer nach und unterbrach den Gedankengang seiner Frau. Er kannte sie gut genug, um ihn ihr von der Stirn ablesen zu können.

„Ja. Isa hat berichtet, dass sie in der vorigen Woche von ihrer Exkursion in den Dschungel zurückgekehrt ist und nun noch zwei Wochen Urlaub macht, bis im nächsten Monat das neue Semester beginnt. Sie hat dort eine neue Freundin gefunden, eine Mercedes Soundso und wohnt im Moment in der Buchhandlung von deren Vater. Isa war übrigens enttäuscht, dass du nicht da warst. Sie hätte gerne mit dir gesprochen.“

„War das alles? Hat sie sonst noch etwas gesagt?“

Irene überlegte.

„Ja. Aber das habe ich nicht ganz verstanden. Isa fragte, ob du den Zeitungsausschnitt aufgetrieben hast und ob du ihn bitte in die – warte, ich habe es mir aufgeschrieben …“, sie schob einen Zettel über den Küchentisch, „… in die Fuchsgasse 25 bringen kannst. Worum geht es da? In Augsburg gibt es doch gar keine Fuchsgasse, oder?“

Klammer schüttelte den Kopf und nahm nachdenklich das Blatt mit der Adresse in die Hand. Er drehte es zwischen den Fingern. Das war eindeutig ein Hinweis, den ihm seine Tochter gegeben hatte, auch wenn er ihn noch nicht vollständig begriff. Doch dann wurde ihm plötzlich alles klar. Er hatte diese Adresse heute schon einmal gehört und zwar von der Volontärin mit dem lustigen Namen. Frau Rindtfleisch hatte ihm doch den Hinweis gegeben. Er hatte ihre zögernde Stimme noch im Ohr, mit der sie den Aufenthaltsort ihres Chefs verraten hatte:

„Ich kenne nur die Adresse des Hotels, in dem er absteigen will. Es ist das Hotel Raphael in der Viccolo de la Volpe direkt am Piazza Navona; aber das darf ich Ihnen eigentlich überhaupt nicht sagen.“

Das war es! Viccolo de la Volpe – Fuchsgasse!

Klammer wusste, was er als nächstes zu tun hatte.

[Fortsetzung am nächsten Montag]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 5)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Asgëir deutete wie von ungefähr auf die schroffen Felsen, unter denen er sein Lager aufgeschlagen hatte. Jetzt, im scharfen Licht der von der Ebene herüber leuchtenden Scheinwerfer, erkannte Lakmi, dass es durchaus keine natürlichen Gebilde waren, wie sie bisher gedacht hatte, sondern die zerbröckelnden Überreste großer Gebäude, deren schwarzverbrannte und von Löchern zerfressene Grundmauern sich hier erhoben.

„Übrigens fand ich in den nur wenig zerstörten Räumen unterhalb der Ruinen, von denen die meisten vom Sand verschüttet sind, eine sprudelnde Wasserquelle – ein Geschenk der Tränenreichen, das aus einem rostigen Rohr fließt. Und genau hinter diesen uralten Mauern befindet sich die Grenze, die die Schlachtfelder des Maschinenkriegs von uns trennt. Also rastete ich hier und wartete auf dich. Ich gebe es zu. Ich hatte eine vollkommen andere Vorstellung von dir, dachte an einen gewitzten, mutigen Krieger und nicht an ein Mädchen, das gerade erst in ihr Leben getreten ist. Jedoch sind die Wege der Allerbarmerin immer verknotet und verschlungen und für den Menschen nicht erklärbar.“

Lakmi kniff skeptisch die Augen zusammen.

„Und du bist dir sicher, dass die Allbarmherzige ausgerechnet mich meinte und nicht einen anderen Wüstenwanderer?“

Asgëir lächelte breit und reichte dem Mädchen seine Feldflasche, die sie gerne annahm. Das Wasser aus der Quelle des Delphi hatte einen seltsamen, metallischen Beigeschmack, aber es erschien ihr trotzdem rein und es war erstaunlich kühl. Es musste aus einer sehr tiefen Zisterne stamme.

„Glaubst du wirklich, Lakmi, dass in den nächsten einhundert Jahren noch jemand so lebensmüde ist und ausgerechnet hier vorbeispaziert kommt? Nein, du bist die Auserwählte der Göttin. Daran kann es doch keinen Zweifel geben.“

Lakmi lehnte sich zurück auf ihre Gepäckrolle. Die lange Wanderung dieses Tages durch die unbarmherzige Bruthitze der Toten Wüste hatte sie müde gemacht. Sie musste plötzlich gegen den Schlaf ankämpfen. Doch eine kleine Stimme in ihrer Seele arte sie davor, sich dem viel zu freundlichen, alten Mann auszuliefern. So schwer es ihr fiel, nahm sie sich vor, auf jeden Fall wach zu bleiben und ihm genau zuzuhören. Da war etwas in seinen Worten versteckt. Asgëir erzählte ihr nicht die ganze Wahrheit. Das spürte sie.

„Und was genau hat die Allerbarmerin gesagt, was ich tun soll?“, fragte Lakmi und bemerkte plötzlich, wie ihr die Zunge beim Reden schwer wurde. Auch antwortete ihr der Delphi mit einem Mal so leise, dass sie ihn kaum verstand. Er erzählte, die Göttin habe ihm offenbart, er würde mit ihrer Hilfe einen gewaltigen Schatz finden.

„Stell dir doch einmal vor, was dein Vater und deine Mutter und auch deine Brüder für Augen machen würden, wenn du mit Gold und Geschmeide zu ihnen heimkehren würdest. Wenn das kein Glück wäre! Ich selbst will nur eine Kleinigkeit aus der Schatzhöhle, die ich ohne dich nicht erreichen kann. Du bist jung, schmal und gewandt und kannst dich durch die enge Öffnung quetschen. So hat es mir die Barmherzige gezeigt.“

Lakmi gefiel dieser Gedanke, trotzdem frage sie sich, wo der Haken war. Es musste einen geben. Sie schreckte plötzlich aus ihrem Halbschlaf. Das stete Pfeifen, das seit geraumer Zeit in der Luft schwebte, ging in ein kreischendes Heulen über. Sie hielt sich die Hände vor die Ohren.

„Was ist denn das?“, schrie sie entsetzt gegen den Lärm an, doch ihre Stimme drang nicht bis zu dem Delphi. Er verstand sie dennoch. Obwohl er wusste, dass sie ihn nicht hören würde, murmelte er:

„Es ist wieder so weit. Die Atempause ist vorbei. Mein Krieg geht weiter.“

Dann ertönten Donnerschläge, es blitzte und es erschien Lakmi, als würde ein wütendes Gewitter über der Wüste toben, obwohl keine einzige Wolke am Himmel stand. Aber ein Schwarm flinker Fluggeräte zog farbige Linien über das Firmament und ließ leuchtende Kugeln fallen, die knapp über dem Boden zerplatzten und mit gewaltigen Explosionen die Wüste in Brand setzten.
Doch das bekam Lakmi schon nicht mehr mit. Das Schlafmittel, das der Alte ihr in das Wasser gemischt hatte, wirkte und sie wäre nicht einmal erwacht, wenn Maní erneut auf die Erde gestürzt wäre …

Oh, je! Das Erwachen fiel dem Mädchen nicht so leicht wie das Einschlafen, aber schließlich öffnete sie doch die verklebten Augen und blickte in einen bleichen, gleichgültigen Wüstenhimmel. Es war früher Morgen. Sei musste die ganze Nacht über bewusstlos gewesen sein. Dieser Himmel über ihr wirkte merkwürdig unscharf, fleckig, so, als würde sie ihn durch ein schmutziges Trinkglas betrachten. Lag das an ihren tränenden Augen oder waren es die Nachwirkungen des Schlafmittels? Ihr fiel der gestrige Abend wieder ein und sie versuchte sich aufzurichten.

Erst jetzt bemerkte sie, dass sie an Händen und Füßen gefesselt war und allein gelassen im Kehricht eines kleinen, weiß gekalkten Raumes lag, auf dessen Boden die Wüstensonne durch ein gläsernes Oberlicht ein scharf geschnittenes Rechteck, in dem munter Staubfäden tanzten, warf. Sonst gab es noch an zwei Seiten metallene, halb verrostete Türen – aber das war es auch schon. Das Zimmer war vollkommen leer und beinahe unerträglich stickig. Lakmi bemerkte, dass sie in ihrem eigenen Schweiß lag, der ihre Kleidung klebrig feucht machte.

Wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte, dann hätte sie sich jetzt vor Wut selbst geohrfeigt. Wie hatte sie dem angeblichen Delphi und seinen doch so offensichtlichen Lügen auch nur für einen Moment Glauben schenken können? Seit wann wandte sich die Allerbarmerin direkt mit Aufträgen an einen Menschen? Lakmi biss sich auf die Unterlippe und fragte sich, was dieser böse Mann, in dessen Hände sie sich so leichtfertig begeben hatte, mit ihr plante. Wollte er sie hier verschmachten lassen? Wo war er überhaupt? Sie lauschte, doch außer dem fernen Rasseln und Brummen der Kriegsmaschinen, an deren Geräusch sie sich längst gewöhnt hatte und ihr in ihrem Gefängnis nur dumpf ans Ohr kamen, hörte sie nur das stete Tropfen und Rinnen von Wasser.

Obwohl sie sich verwundert und aufmerksam umsah, konnte sie nicht ausmachen, woher dieses für die Wüste so ungewöhnliche Geräusch kam. Ihr schien fast, als dränge es von unter ihr empor. Sie schlug mit ihren gefesselten Beinen auf den Boden. Es klang dumpf und scheppernd. Offenbar war der Untergrund unter der Dreckschicht wie die Türen aus Blech.

Bevor Lakmi dies näher untersuchen konnte, schwang die eine der beiden Türen auf und Asgëir trat mit einer Tasche in der einen und einer Wasserflasche in der anderen Hand zu ihr in den Raum. Erst als sie die Flasche sah, bemerkte das Mädchen, wie durstig es war. Ihr Mund war so trocken wie der zermahlene Staub der Toten Wüste. Lakmi griff gierig nach der ihr schweigend gereichten Flasche, führte sie an die aufgerissenen und wunden Lippen und trank so lange aus ihr, bis sie sie hustend und spuckend geleert hatte. Dabei war es ihr vollkommen egal, ob das kühle Nass diesmal rein war.

Asgëir betrachte sie, während er stumm neben ihr in der Hocke saß. Er wartete geduldig, bis Lakmi ihren Durst gestillt hatte. Endlich schleuderte sie mit einem Fluch die Flasche nach ihm, aber er wich flink aus und warf nur einen bedauernden Blick auf das Glas, das über den Boden rollte und an der Wand zerbrach.

„Deine Lebensgeister sind also nicht erloschen. Gut. Ich hatte schon befürchtet, ich hätte mich in der Dosierung vertan, als du gestern in den Padaverschlaf gefallen bist. Jeder reagiert anders auf dieses Gift.“

„Warum hast du das getan? Was hast du mit mir vor? Dein Gerede von gestern mit deinem Auftrag von der Tränenreichen und dem Schatz in einer Höhle, das waren doch alles Lügen, oder. Bist du überhaupt ein Delphi der Lisboa oder ein Bendâh?“

„Du hast recht, ich habe dich belogen. Nicht alles ist wahr, was ich dir erzählt habe. Doch ich bin tatsächlich ein Wahrsager und Heiler. Auch wenn du dir kaum einer Vorstellung machen kannst, was das bedeutet. Ich bin einer von den vier Wartern und besitze einen der Meisterstäbe.“

Asgëir zögerte und zitierte dann – den Blick nach Innen gewendet – einen uralten Text, der wohl nur ihm selbst bekannt war:

Vier Stäbe, um einen zu formen. Vier Stäbe, das Reich zu schaffen. Wehe, Serdan, das Alter greift nach dir.

 

[Hier geht es weiter …]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter der in den Tag führt, Der Weg, Fantasy, Fortsetzungsroman, Literatur, Märchen, Phantastik, Roman, Science Fiction