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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 16)

[Zum 1. Teil]

Eines Abends wurde das mit Eisen und Leder gekleidete Mädchen mal wieder nach Wasser ge­schickt; doch diesmal ging sie, obwohl es ihr von den drei Männern verboten worden war, mit ihrem Krug nicht wie an den anderen Tagen zum Fluss, sondern hinab zum weißen See, weil sie neugierig auf die Milch war, von der ihr Siosiku erzählt hatte. Sie kam nicht zurück, da plötzlich vor ihr der mächtige Fisch erschien und Tesjasika ohne Zögern mit einem einzigen Biss seines mächtigen Maules verschluckte. Als sie lange ausblieb und die Zeit, da sie zu den drei Zel­ten heimkehren sollte, längst vorbei wahr, machte sich zuerst Epa voller Sorge auf die Suche nach ihr. Aber auch er kehrte nicht zurück, denn auch er wurde ein Opfer des gierigen Fischs. Da gingen Ligo und endlich Syhn und wollten sehen, was gesche­hen war. Doch sie wurden wie Tesjasika der Reihe nach von dem Wasserungeheuer geraubt, ins Wasser gezogen und von ihm geschluckt.

Als Siosiku zuletzt allein übrig blieb, ahnte er, was geschehen war und er überlegte lange hin und her, was nun zu tun war. Dann entschloss er sich. Zu­erst verfertigte er sich Waffen. Aus dem biegsamen Ast einer Fjällbirke und dem Darm einer Elchkuh machte er sich einen guten Bogen und die Pfeile formte er aus Eisenholz, Federn und Feuersteinen. Aus dem Stamm einer jungen Lärche und einem abgelegten Teil von Tesjasikas Rüstung stellte er zwei starke Speere her, die er sich auf den Rücken band. Auch ein Messer der Halbmenschen steckte er sich in den Gürtel. Dann folg­te er den im Schlamm gut sichtbaren Fußspuren der anderen.

Am See angekommen, lieferten sich der junge Mann und der furchtbare Fisch einen gewaltigen Kampf, der einen Tag und eine Nacht und dann noch einen Tag dauerte, aber schließlich zog Siosiku seine Beute halb an Land. Da bäumte sich der Fisch mit einem Mal auf und verschluckte auch ihn. Doch das hatte Siosiku so gewollt, denn nur auf diese Weise konnte er das Ungeheuer besiegen. Im Maul des Fisches stellte er sich deshalb sogleich quer, damit er nicht in den Magen hinuntergewürgt werden konnte und presste seine Füße fest gegen die tausend spitzen Zähne. Dann schoss er mit seinen Pfeilen dem Fisch von innen in den Hals und in die Kiemen, bohrte ihm seinen einen Speer bis in den Bauch und den anderen durch die Zunge in den Gaumen und weiter, bis er durch die Haut nach außen drang. Auf diese Weise war es bald aus mit dem gewaltigen Seefisch.

Siosiku kletterte hinaus und schnitt eilig mit dem Messer den Bauch des Fisches auf. Dort fand er die verschluckten vier Menschen, seine geliebte Tesja­sika und die Halbmenschen Epa, Ligo und Syhn. Sie atmeten alle längst nicht mehr; nur das Mäd­chen konnte Siosiku unter großer Mühe wiederbe­leben. Er entkleidete sie und sich selbst und press­te sie fest an seinen Körper. Am anderen Tag kam sie hustend und keuchend wieder zu sich. Von da an lebten sie einander in inniger Liebe zugetan zu zweit bei den Zelten am Fluss. Den Fisch zogen sie aus dem Wasser heraus und zerschnitten ihn in dreizehn Stücke, die sie an dreizehn verschiedenen Stellen weit von See entfernt in der Steppe vergru­ben und schwere Steinhaufen darüber anlegten, damit das Fleisch nicht von Wildtieren geplündert wurde und es niemals wieder zusammenfand. Ihr könnt die Grabhügel des Ungeheuers heute noch unten in der Ebene sehen.

Siosiku wusste, dass dieser Fisch seine Mutter ge­wesen war, die ihn ernährt hatte. Seine Frau wuss­te jedoch über ihre Herkunft nur, dass sie die drei Halbmenschen aus einem Zelt voller ermordeter Frauen geholt hatten. Siosiku und Tesjasika um­armten einander und sie bekamen zusammen viele Kinder. Ihre Nachkommenschaft gründete lange Zeit später den Stamm der Machjasotij Edska, was ins Russische übersetzt „Diener der Ersten Frau“ heißt. Die Machjasotij verstreuten sich über die Jahrhunderte hinweg über die ganze Welt. Ein paar wenige von ihnen leben auch heute noch mit­ten unter uns und sogar in diesem Lager. Sie dienen der Gerechtigkeit. Siosiku aber wurde später auch der Menschenerzieher-Gott ge­nannt, nachdem er und Tesjasika zum Himmel aufgestie­gen waren und als eng beieinanderstehende Sterne in den Winternächten über der Tundra funkeln.

Diese Erzählung habe ich genau auf diese Weise und mit diesen Worten von meinem Geistesbruder Peptej erfahren, dem sie wiederum die alte Utaj berichtet hat, die sie wiederum von Sentej empfing. Adrij gab sie an Dutja weiter, die sie Letjet ins Ohr flüsterte, der der Priestervater von Sentej war. Adrij war nicht die erste, ich bin nicht der letzte. Es ist ein Kreis. Mögen meine Bart­haare ewig brennen und mich peinigen, wenn ich auch nur einen Buchstaben an der Erzählung geändert oder ergänzt habe!“

Bei der Aufzählung der Schamanen von Fedors Stamm war ich längst eingeschlummert, aber es waren die traditionellen Sätze, mit denen er jede seiner Sagen, Märchen und Göttergeschichten schloss, aus deren schier unerschöpflichem Fundus er uns gerne unterhielt. Deshalb kann ich sie auch nach fünfunddreißig Jahren noch auswendig und ich hörte gerade tatsächlich, wie sie mir Fedor beim Nie­derschreiben diktierte. Es war eben, als würde er hier neben mir am Küchentisch sitzen, sich dabei sein Pfeifchen stopfen und die bis auf einen schma­len Schlitz geschlossenen Augen voller Freund­schaft und Zuneigung auf mich richten. Vielleicht sind ja die Geister der Schamanen seines Volkes auf mich übergegangen und Peptaj und die ande­ren hocken mir auf der Leber, die für Fedor der Sitz der Seele war. Nun, groß genug für so viele Gespenster dürfte meine Leber ja inzwischen sein. An meinem Tisch sitzen auch noch weitere Geister und beobachten mich beim Schreiben, willkommene und unerwünschte, und ich höre ihre Stimmen, mit denen sie versu­chen, mich in ihrem Sinne zu beeinflussen. Fedors tiefes Organ ist dabei das lauteste und sein Geist der strahlends­te. Das ist das Los eines alten Mannes, der alle sei­ne Zeitgenossen überlebt hat: Er ist am Tag und vor allem in der Nacht von ihren Gespenstern um­geben. Sie sind ihm treuer als Bettwanzen und quä­len ihn ebenso mit ihren Stichen.

Wie gesagt, lullten mich die äußerst merkwürdi­gen Sage Fedors, deren Botschaft ich nicht begrif­fen hatte, und die auf meiner Haut brennende, aber wohltuende Salbe schnell ein. Ich schlief bald traumlos und tief, bis mich ein nur allzu früher, grausamer neuer Morgen weckte und unser elen­der Tagesrhythmus in Antenora von neuem be­gann. Um diese Tage zu beschreiben, hat es genügt, einen einzigen, den ersten von ihnen, herauszugreifen. Es war eine graue Masse gleichförmiger, sich wie­derholender Abläufe, die vom Takt der Lagersirene bestimmt waren und keine Abwechslung kannten. Es ist gleichgültig, ob ich vom ersten, vom fünfzigs­ten oder vom hundertsten Tag berichte. Die Aus­nahmen waren die arbeitsfreien Sonntagnachmit­tage, in denen sich allerdings die ärztlichen Unter­suchungen und die rohen Säuberungen in den Waschhäusern wiederholten, und Lenins Geburts­tag im April, an dem wir den ganzen Tag nicht ar­beiteten und über die knackenden Lautsprecher patriotische Musik ertönte.

Doch für heute, mein Leser, habe ich wirklich beinahe ge­nug geschrieben, meine ich. Fast ein Drittel meines Papiers wurde schon von mir vollgekritzelt, mein neues polni­sches Fläschchen ist bereits wieder halb leer und mir ist auch  erneut mehrmals der Bleistift aus den erschöpften Fingern geglitten. Bald wer­den meine Lichter ausgelöscht – und wehe, wenn mich dann der Pfleger erwischt und ich noch nicht in meinem Bett liege! Nun muss ich nur noch ein gutes Versteck für die beschriebenen Bögen fin­den, damit sie niemand in meiner Abwesenheit fin­det oder die nächtliche Aufsicht Lasar Antono­witsch später auf sie stößt, wenn er seine Runde macht und dabei wie jedes Mal meine kleine Wohnung durchwühlt, wie es seine Angewohnheit ist. Er denkt, ein seniler, schwerhöriger Mann wie ich be­merkt esnicht, wenn er sich in meine Zimmer schleicht und nach ein paar Rubeln oder anderen für ihn wertvollen Dingen sucht. Aber da täuscht er sich. Manchmal lasse ich absichtlich ein halbes Glas Wodka oder ein paar Kopeken auf dem Tisch liegen, damit er nicht misstrauisch wird und inten­siver nach meinen versteckten Schätzen sucht.

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[Fortsetzung nach meinem Pfingsturlaub …]

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Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 25)

[Zum ersten Teil]

»Nein, schau jetzt!«, zischte er. »Sieh hin.« Seine Stim­me klang unangenehm und gierig. Obwohl ich mich vor mir selbst ekelte, warf ich noch einmal ei­nen Blick hin­über zu dem nahezu blinden Mann, der nun in seine Umhängetasche gefasst hatte und zu meinem Erstaunen eine ganze Handvoll kleiner Münzen zu Tage förderte, die er ebenso genau einer Prüfung unterwarf wie vorher den Rechnungsbeleg. Ich schüttelte den Kopf.

»Armer Kerl«, sagte ich. Jonas schüttelte den Kopf.

»Findest du? Du hast Mitleid mit ihm? Hat dir seine Show gefallen? Dann lass dir sa­gen: Er war eine Zeitlang im Gefängnis, weil er ein Kind sexuell misshandelt hat. Jetzt bettelt er und han­delt mit den Drogen, die er selbst konsu­miert. Er trägt sie in sei­ner Tasche mit sich spazie­ren.« Wieder sah ich hinüber und ich konnte nicht anders: Ich betrachtete den Mann mit anderen Augen. So schnell war mein Mitleid in Ekel umgeschlagen. Der Halbblinde gab nur zö­gernd seine Geldstücke preis, hatte anscheinend Angst, er könne zuviel herausgeben.
»Ist das wahr?«, flüsterte ich skeptisch. »Oder hast du dir das gerade ausgedacht?« Jonas lächelte über­heblich.

»Spielt das eine Rolle? Du musst lernen, die Menschen intensiver zu be­trachten. Das, was du siehst, ist nur eine Hülle, eine Maske. Aber sie ist nie perfekt, immer ist etwas zu finden. Siehst du, wie er absichtlich zögert, wenn er sein Geld in die Hand der Bedienung legt? Er ge­nießt dabei die Be­rührung seiner ekelhaften Finger mit der weichen Haut ihres Handballens. Auf sei­nem bauernschlauen Gesicht stehen deutlich seine Gier und der Stolz, dass sie seinen Trick nicht durchschaut, geschrieben.«

»Erzählst du mir wirklich die Wahrheit?«, fragte ich er­neut. »Woher weißt du das alles?«

Jonas antwortete nicht, er lehnte sich nur wieder zufrie­den in seinem Stuhl zurück. Mir kamen Zweifel an seiner Auf­richtigkeit, denn er schien Freude daran zu haben, Ge­schichten zu erfinden. Ich fand es an der Zeit, das The­ma zu wechseln. »Du hast am Telefon gesagt, du würdest mich um et­was bit­ten wollen«, sagte ich, mich rechtzeitig daran erinnernd, dass wir uns nicht nur zu einem gemütlichen Glas Wein und einem Gespräch über Kunst getroffen hatten.

Ich zwang mich, ihn zu fixieren, konnte aber nicht ver­hindern, dass ich aus den Au­genwinkeln sah, wie der Halbblinde vorsichtig auf­stand und sich rem­pelnd und entschuldigend einen Weg hinaus suchte.  In der Nähe der Theke stolperte er und fiel unbeholfen um sich grei­fend gegen die Schülerinnen, die Jonas vorhin von unserem Tisch vertrieben hatte. War es wirklich nur ein Zu­fall? Mein Argwohn und meine Vorurteile waren ge­weckt. Ich hasste Nix und auch mich selbst dafür. Der Maler nahm einen völlig unbeteiligt einen Schluck von seinem Wein und sah nachdenklich an die Decke. Jetzt schien sein Hauptanliegen zu kommen; er zögerte sicht­lich.

»Ich will dich bitten, statt dir mich lesen zu lassen«, sag­te er dann ruhig und hob sofort beschwichtigend die Hände, um eventuelle Einwände im Keim zu er­sticken. Ich sah jedoch keinen Grund, ihn zu unter­brechen. Er hatte mich im Übrigen auch durch die plötzliche Wende in dem Gespräch sprachlos ge­macht. »Ich bin unver­schämt, ich weiß, aber ich hof­fe auf dein Verständnis, besser gesagt, eigentlich bin ich mir dessen sogar sicher. Denn wir kennen uns: Du weißt, dass ich mich seit Län­gerem mit einer Kunstaktion beschäftige, die die Öffentl­ichkeit auf­rütteln soll. Sie soll wirklich berühren und etwas bewegen. Das kann eben nicht in abgehobenen Intellektuellen- und Studentenkrei­sen stattfinden, wie die Aktionen zum Beispiel eines Nitsch, den ich allerdings durchaus als einen See­lenverwandten verstehe, wenn es darum geht, die Wahrheit zu sagen. Glaube mir, ich habe mich in der letzten Zeit weiterentwickelt. Du hast mir immer wieder mangelnde Konsequenz vorgeworfen, bist also nicht ganz schuld­los. Jetzt hast du die Möglich­keit, mir diese Konsequenz zu ermöglichen.«

»Was hast du vor?«, fragte ich endlich dazwischen, mir die trockenen Lippen befeuchtend. »Willst du dir die Stirn aufschneiden?« Nix schien den beleidigten Ton in meiner Stimme und meine nur schlecht un­terdrückte Wut nicht zu bemerken, denn er lachte nur.

»Aber nein,« erwiderte er amüsiert, »denkst du denn, ich plagiiere, reihe mich in die lange Reihe dieser Papa­geien ein, die wieder und wieder wiederholen, was Erfolg hatte? Ich habe zur Genüge eigene Ideen, sie drängen beständig in mir hoch, es gibt Tage und vor al­lem Nächte, an denen ich glau­be, ich würde gleich an ihnen ersticken. Weißt du vielleicht, wie das ist, wenn man um den Wert seiner Kunst weiß, sicher ist, Bedeu­tendes, Bleibendes schaffen zu können, in den Men­schen wirklich etwas bewegen kann? Und dann hängt man in dieser engen Provinz fest, in einer Provinz der selbstzufriedenen und satten Spießbürger, die alles Echte, Neue mit ihrer Gleichgültig­keit und ihrer Arroganz überdecken! Ich brauche die Chance, wirklich viele zu erreichen.« Er hat­te sich langsam in Begeisterung geredet.

»Und deshalb willst du mir meine Lesung wegneh­men?«, versuchte ich ihn zu bremsen, doch er überhörte meinen kleinen Einwurf großzügig.

»Egal. Ich werde die Menschen am Kragen packen und ihnen mit der Wahrheit solange ins Gesicht schlagen, bis sie sie fressen oder an ihr krepieren«, fuhr er lauter werdend fort. Die Leute an den ande­ren Tischen began­nen, sich nach uns umzusehen.

»Ich frage dich noch einmal: Was hast du denn über­haupt vor?« Ich erhob ebenfalls meine Stimme. Diesmal schaffte ich es, ihn ihn seinem Gedanken­gang zu unter­brechen. Er verstand mich allerdings falsch. Vielleicht wollte er mir aber auch nichts Kon­kretes von seinem Projekt verraten.

»Weißt du, warum so viele Menschen im Elend ver­hungern? In jedem Augenblick einer. Und nieman­den küm­mert es? Warum es den Hilfsorganisationen auch mit den aufdringlichsten Appellen nicht ge­lingt, mehr Geld aus den fetten Brieftaschen der Leute zu locken, als es über die allernötigste Gewis­sensberuhigung hin­ausgeht? Ich will es dir sagen: Weil Armut und Elend im­mer schmutzig sind. Offe­ne Schwären und Fliegen in den Augen verhungern­der und an entsetzlichen Krank­heiten krepierender Kinder ekeln jeden an. Das ist der Tod, das sind Ver­wesung, Gestank und Exkremente, Le­pra und die Pest, Eiter und Blut, damit will niemand et­was zu tun haben. Das will jeder vergessen, von sich schie­ben. Gut, dass Afrika und Asien so weit weg sind. Bald werden wir Mauern bauen, damit die Menschen von dort nicht zu uns kommen. Und die Alten und Kranken hier? Wir schließen sie in Heime und Verwahranstalten, sie stören das Stra­ßenbild. Der Ausnahmezustand Gesundheit ist nach Gottes Tod der einzige Götze, dem wir folgen. Deshalb ist uns der Bettler auf der Stra­ße so peinlich. Seine Armut kotzt uns an. Wir wollen ihr nicht begegnen. Und das ist mei­ne Aufgabe als Künst­ler: Ich muss die Menschen mit dem Verdrängten kon­frontieren. Ich muss ihnen zei­gen, wie dünn die Hülle ist, die jeden von uns von Armut, Krankheit und Tod trennt. Wie leicht platzt dieser schöne Schein. Deshalb brauche ich jede Öf­fentlichkeit und deshalb will ich dei­ne. Du wirst es verstehen.« Obwohl ich mich noch immer mit der Frage be­schäftigte, warum er mich in seinem Artikel und bei seiner Geschichte über den Halbblinden angelogen hatte und ich mir deshalb auch nicht sicher sein konnte, ob er mir jetzt einen Blick in seine wahren Intensio­nen gewährte, wirk­te er doch sehr überzeugend in seiner Erregung und ich konnte seinen Gedanken­gang auch nachvollziehen.

»Wer mit Ungeheuern kämpft, der sehe zu, dass er nicht sel­ber zum Ungeheuer wird. Und wenn du lan­ge genug in einen Abgrund blickst, blickt der Ab­grund auch in dich«, warf ich ohne weiteres Nach­denken ein. Nix sah mir forschend in die Augen.

»Wer hat das gesagt?«, fragte er betroffen.

»Nietzsche. Ich habe gerade was von ihm gelesen.« Für eine ganze Weile betrachteten wir uns nur. Of­fenbar hatte ich ihn wirklich überrascht.

»Was willst du mir damit sagen? Bin ich denn für dich ein Ungeheuer?«, hakte er nach. Er zog sich da­bei seine Maske mit dem freudlosen Lächeln über. Ich zuckte mit den Schultern und bereute bereits mein spontanes Zitat. Aber es gelang mir nicht, mei­ne Meinung mit anderen Worten deutlich zu ma­chen. Wie konnte ich mich ihm überhaupt verständ­lich machen? Da saß er mir gegen­über, wartete über­legen auf meine ihm selbstverständli­che Zustim­mung, da ja alles, was ich tat, gegen die Weltbedeu­tung seiner Berufung von keinerlei Inter­esse war. Ich gehörte nur zur Masse – untalentiert und überflüssig, wie ich seiner Meinung nach war. Ich durfte einem so wichtigen Mann wie ihm nicht im Wege stehen. Da hatte ich erneut das Gefühl, als tauche in sei­nen Zügen der kranke, größen­wahnsinnige Mes­sias auf, der für seine Hirngespins­te über Leichen geht; der Hitler.

Dieser Gedanke machte mich so wütend, dass ich mir überlegte, ob ich ihm mein Bier in das selbstzu­friedene Gesicht schütten sollte. Da ich mich jedoch nicht auf Fa­velkas Niveau erniedrigen wollte, griff ich nur ruhig nach meinem Geldbeutel, warf meine Zeche auf den Tisch und stand auf. »Für wie wichtig hältst du dich eigentlich? Du hast doch schon längst alle Öffentlichkeit, die du willst. Du hast Erfolg, bist auf dem Wege, eine Berühmt­heit zu werden. Die Ruhmeshalle steht dir offen. Mein Gott, Jo­nas! Syd­ney interessiert sich für dich, wenn das kein Pu­blikum ist! Und was ist mit mir? Warum willst du aus­gerechnet mir diese kleine An­erkennung nehmen, die ich mir ver­dient habe?« fragte ich ihn verwzeifelt, auch wenn ich wusste, er würde mich nie verstehen. Er war in der Tat über­rascht. Meine Ablehnung muss­te ein Welt­bild in ihm zerstören.

»Heißt das etwa, du sagst Nein? Habe ich dich richtig verstanden?«, fragte er, denn noch wollte er lieber darauf beharren, dass er sich ver­hört hatte. Er hätte nicht fassungsloser sein können, wenn ich ihm ins Gesicht geschlagen hätte. Ich wandte mich mit bemühter Ruhe zum Gehen:

»Ich kann es noch deutlicher sagen. Das heißt: Leck mich am Arsch!« Jetzt genoss ich meinen Abgang. Den­noch hatte Nix das letzte Wort.

»Das wird dir noch leid tun«, rief er drohend hinter mir her. Ich zuckte erneut mit den Schultern und war froh, dass unsere Auseinandersetzung zum Schluss nicht auch noch handgreif­lich ge­worden war. Draußen vor der Tür stand der halbblinde Mann und hielt jedem Vorbeigehenden einen Zettel hin, auf dem, mit einer zittrigen, unleserlichen Handschrift geschrieben, zu lesen war, ob man ihm nicht zwei Mark leihen könne. Und weil er nichts sah, verdeckte er mit dem Daumen beinahe den ganzen Satz.

[Fortsetzung nach meinem Pfingsturlaub …]

Ein Kommentar

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 15)

[Zum 1. Teil]

Obwohl ich nächsten Morgen an Armen und Bei­nen mit dem schlimmsten Muskelkater meines Le­bens erwachte und ich an diesem Abend so er­schöpft wie noch nie war, schlief ich nicht sogleich ein, sondern lauschte noch in einem halb bewusstlosen Dämmerzustand eine Weile den Märchen von Fedor. Er saß vor unserem Stockbett auf der Bank und höhlte nebenbei mit seinem geschärften Löffelstiel den Fingerknochen eines Tieres zu einem Mundstück für seine Zigaretten aus. Er hatte das Elfen­bein dafür heimlich auf dem Grabungsfeld eingesteckt und es wie auch seine neue Waffe an der nur oberfläch­lichen Untersuchung am Lagertor vorbeischmug­geln können. Er war nicht der einzige, der von dort unten Souvenirs mitbrachte und sie dann – oft zu kleinen Kunstwerken geformt – als Handelsware auf dem florierenden Lagerschwarzmarkt ein­tauschte. Nicht nur das Elfenbein, sondern auch das zerschmolzene Plastik, die Glasstücke und in erster Linie die ungewöhnlichen metallischen Reste waren hochbegehrt, wie ich in der nächsten Zeit feststellen konnte, denn die letzteren waren aus einer extrem hitzebeständigen und har­ten Legierung, für die sich viele Zwecke und Inter­essenten auch außerhalb des Gulags fanden.

Eine der morbiden Sagengeschichten von Fedor, die er an jenem Abend erzählte, ist mir lebhaft in der Erinnerung geblieben. Ich musste später oft an sie denken:

„Da lebte vor vielen, vielen Jahren, als die Welt noch jünger und unschuldiger war, eine alte Frau am Ufer eines heute ausgetrockneten Sees. Sie hieß Ulti, die Wunderschöne. Doch niemand kannte mehr ihren Namen und sprach ihn aus. Sie hauste ganz allein in ihrer windschiefen Hütte, obgleich ihr Volk, das einmal starke Kriegerinnen und viele weise Zauberinnen hervorgebracht hatte, einst so zahlreich gewesen war, dass die Rücken ihrer Büf­felherden die Ebenen schwarz färbten. Sie war die letzte ihres Stammes. Ihr einst so mächtiges Dorf war zerstört und die vielen, vielen Menschen, die darin gewohnt und die Tiere, die sie gehalten hatten, lagen alle unter dem Leichentuch des ewigen Schnees begraben.

Schon seit einem Jahr und einem Tag hatte Ulti keine feste Speise mehr zu sich genommen und sie wurde von Tag zu Tag schwächer. Der Weg zum Ufer des Sees, aus dem sie ihr Trinkwasser schöpf­te, erschien ihr mit Morgen, der sie weckte, länger und beschwerlicher zu werden und ihr Krug schwe­rer.

Als sie an diesem Morgen wieder einmal Wasser holen ging und ihren Krug in den See tauchte, war zu ihrer Überraschung das geschöpfte Wasser in ihm weiß wie Milch. Es schmeckte bitter und nach den Kernen der Früchte der wilden Zwetschgenbäume. Wahr­scheinlich war das Wasser des Sees von der Laich eines dort schwim­menden, mächtigen Fisches verunreinigt. Doch die Alte scherte sich nicht darum und tatsächlich tat ihr dieser weiße Trunk wohl und sättigte sie. Voller Hoffnung ging sie zurück zu ihrer Hütte und schlief dort einen erholsamen Traum.

Die Alte, deren Lebensgeister wieder erwacht wa­ren, ging am nächsten Morgen gestärkt zum See. Sie war neugierig, was ihr wohl heute dort begeg­nen würde. Und vom Ufer aus erblickte sie zum ersten Mal den Fisch. Er war ein gewaltiges Tier, so groß wie ein Wal des Nordmeeres und er trug auch ein einzelnes, spitzes Horn auf seinem Kopf. Sein mächtiger grauer Leib glänzte wie Quecksilber und riesige Flossen wirbelten das weiße Wasser auf und machten es schaumig. Als die Alte eben neben die­sem Fisch eilig ihr Wasser schöpfen wollte, er­schrak sie, denn plötzlich erhob sich aus dem Milchwasser die Hand eines neugeborenen Kindes. Gedankenschnell ergriff Ulti den in die Höhe ge­streckten Arm und entriss den nackten Säugling dem wütend schäumenden See. Sie wich im letzten Augenblick vor dem gierig nach ihr schnappenden Fisch zurück und drückte den herzzerreißend schreienden kleinen Jungen gegen ihre Brust, bis er dort erschöpft einschlief.

Die Alte nahm den Jungen mit nach Hause und fütterte ihn mit der weißen Milch aus dem Wasser. Was blieb ihr auch anderes übrig? Sie konnte sich nicht erklären, wie und warum der Säugling so plötzlich in dem See aufgetaucht war. Hatte der Fisch seine Eltern ge­fressen und war er wie sie selbst der letzte Überle­bende seiner Sippe? Irgendetwas erschien Ulti an dem Jungen, dessen Augen in goldenem Licht glänzten, seltsam und sie machte in der darauffol­genden Nacht kein Auge zu, beobachtete das unbe­holfen in seinem Strohbett strampelnde Kind und hätte gerne eine der Priesterinnen ihres Stammes um Hilfe gebeten. Doch die weisen Frauen vermoderten längst schon alle in ihren kalten Gräbern. Ulti fühlte sich zu alt und zu schwach, um ein Kind aufzuziehen. Doch ihr Mitleid mit der hilflosen Kreatur war groß und so nahm sie denn diese Aufgabe ohne zu Mur­ren an; eine Aufgabe, die ihr, wie sie glaubte, ein Gott übergeben haben musste.

Ihr Gefühl hatte Ulti nicht betrogen: Der Kleine war ungewöhnlich und anders als alle Säuglinge, die sie je erlebt hatte. Bereits nach drei Monaten war er gewachsen wie andere Kinder in drei Jah­ren, konnte schon allein von der Seemilch trinken, gehen, tanzen und Ultis Namen sagen. Sie lachte und war stolz auf ihr Kind aus dem See.

Eines Morgens jedoch, nach einer kalten Nacht, erwachte die Alte nicht mehr. Der Junge mochte sie rütteln, wie er wollte, immer wieder weinend ihren Namen rufen, versuchen, sie mit seinen aus­gelassenen Sprüngen wie früher zum Lachen zu bringen – sie bewegte sich nicht mehr und begann schon am nächsten Tag zu stinken. Da ging der Junge, der inzwischen bereits wie ein Zehnjähriger aussah, weg. Er wusste nicht, wohin er sich wen­den sollte und glaubte auch, er wäre nach dem Tod der alten Ulti der einzige Mensch auf der Welt. Deshalb begann er, um den See herum zu wandern, den er für den Mittelpunkt der Ewigkeit hielt. Weiterhin er­nährte er sich vom steifen Schaum, der an das Ufer ge­schwemmt wurde und der Milch, die er direkt aus dem Wasser des Sees schluckte.

Am vierten Tag seiner Wanderung stieß er unweit des wilden Flusses, der über einen gewaltigen Wasserfall den See speiste, auf drei Zelte, in de­nen drei Männer saßen. Sie nahmen das Kind, das sie Siosiku, das heißt „Schaum“, nannten, bei sich auf und er lebte viele Monate bei ihnen. Die drei Männer, die Epa, Ligo und Syhn hießen, waren Jä­ger und Fischer und zogen mit einer kleinen Herde Elchkühe durch die Tundra. Sie folgten den Ster­nen und dem Wild, das sie jagten und sie waren so furchtlos, dass sie sich bis zu dem unheimlichen See vorgewagt hatten, den jedermann sonst ängstlich mied. Hier gefiel es ihnen, denn die Männer gehör­ten einem uralten Volk von Halbmenschen an, das überall, wo Samojeden wohnten, verspottet, verjagt und gemieden wurde, weil sie seltsam verwachsen waren und das eine Auge in der Mitte über den Au­genbrauen, das andere nahe am Mund hatten. Es hieß überall, sie würden Unglücke und Seuchen bringen.

Ein in Eisen und Leder gekleidetes, aber  herrlich gewachsenes und unbeschreibbar schönes Mädchen mit langen, schwarzen Haaren lebte bei ihnen. Ihr Körper duftete so frisch und betäubend wie die Steppe im Frühsommer und jeder, der ihr begegnete, verliebte sich auf der Stelle in sie. Sie war ein Findelkind wie Siosiku und sie nannte sich Tesjasika. Sie begleitete die Männer schon seit ihrer frühen Kindheit und kümmerte sich um sie. Tesjasika wusch die Kleidung, suchte nach essbaren Wurzeln und Beeren. Sie molk die Rinder, nahm die Jagdbeute aus, gerbte das Leder und bereitete den Männern und nun auch dem jungen Siosi­ku das Essen, der zum ersten Mal andere Dinge als seine Milch zu sich nahm. Tesjasika schlief in jeder Nacht in ei­nem anderen der drei Zelte, doch obwohl sie eng bei Epa, Ligo und Syhn lag, wurde sie niemals von den drei Jägern schwanger. Siosiku, der inzwi­schen zu einem jungen und starken Mann herange­wachsen war, begehrte das Mädchen, aber sie ver­weigerte sich ihm und mied ihn, so weit ihr das möglich war, denn er war ihr unheimlich.

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[Zum 16. Teil …]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 24)

[Zum ersten Teil]

»Werde nicht übermütig. Vergiss nicht, dass auch Mar­kus Wimperle liest. Dieser Papagei kann schon jetzt da­mit beginnen, das Preisgeld auszugeben – so sicher ist es, dass er gewinnen wird.«

»Selbst wenn Nikolaus Klammer in der Jury sitzt?«

»Klammer? Ich würde nicht allzu viel von ihm er­warten. Wenn es darauf ankommt, zeigt er sich als Oppor­tunist. Er kann sich auch nichts anderes leis­ten, nach­dem er vor fünf Jahren …« Er stockte. »Du kennst die Geschichte?« Ich schüttelte den Kopf. »Egal. Außerdem hat auch Klammer nur eine Stim­me. Neben ihm sind noch sieben weitere in der Jury. Darun­ter auch Gabriele Hedracher.« Ich pfiff durch die Lip­pen.

»Die ostdeutsche Schriftstellerin?«

»Gibt es denn noch eine andere? In ihrer Eigen­schaft als sporadische Unidozentin und Ehrenvorsit­zende des Augsburger Lehrstuhls für Germanistik bringt sie wirklich Glanz in die Veranstaltung, die auf diese Weise einen überregio­nalen Charakter bekommen hat und in diesem Jahr groß aufgezogen wird. Dass die Hedracher den Vorsitz eines Provinzliteratur­preises übernommen hat, dafür werden sich viele Zeitungen interessieren. Was meinst du, war­um die Follia-Werke ausgerechnet jetzt ihr großes Herz für die Literatur entdeckt haben?«, erklärte Nix und lehnte sich gemütlich zurück.

Das waren Neuigkeiten, die erst einmal verdaut sein wollten. Gabriele Hedracher ist zwar neben Autoren wie Blat­ter, Rosendörfer oder Kirchhoff nur ein Name aus der zwei­ten Liga der Literaten, aber sie war eine jener Personen, die fleißig Bü­cher und Artikel veröffentlichen, wirk­lich von breiteren Schichten gelesen werden und von ihrer Kunst gerade so nicht leben können – weshalb sie nebenzu einem Brotberuf nachgehen. Die Bü­cher der Hedracher sind sicher keine zeitlosen Meis­terwerke, aber sie sind hand­werklich sauber, unterhaltsam und modern und finden in erster Linie in den Neuen Bundesländern viele Leser. Ihren Namen führen viele an, wenn sie von zeitgenössischer deutscher Literatur reden. Deshalb hatte Nix recht: Die diesjährigen Le­sungen waren in der Tat etwas Besonde­res. Die Hoffnung kehrte zu mir zurück. Vielleicht hatte ich mit meinem doch recht konventionell erzählten Erst­lingswerk den Ton getroffen, der der Thüringerin gefiel.

»Da darf ich lesen!«, staunte ich. Nix beugte sich wie­der zu mir.

»Deshalb wollte ich mit dir reden. Ich habe eine große Bitte an dich und ich hoffe wirklich, du wirst für sie Verständ­nis haben und zustimmen. Seien wir ehrlich: Dein kleiner Text ist nun wirklich nichts Besonderes und keine Konkurrenz für die ande­ren, die richtigen Autoren. Ich glaube, Klammer hat dich aus­gewählt, weil er es immer genießt, jemanden in der Öffentlichkeit zu bla­mieren. Mich wundert nur, dass er sich mit dir gemein­sam nach vorn wagt, schließ­lich hat er dich ja vorge­schlagen«, sagte Nix leicht­hin; vielleicht ohne vollkommen zu ahnen, was er mit diesen Worten in mir auslöste. Ich hatte tausend Antworten und beleidigte Einwürfe auf der Zun­ge, aber ich war für den Moment nicht fähig, sie zu arti­kulieren. Deshalb blieb ich stumm und lauschte auf Nix Aus­führungen, gespannt, was er wirklich von mir woll­te. Er nahm mein Schweigen fälschlicherweise als Zu­stimmung; das merkte ich ihm an. Dass jemand nicht seiner Meinung sein konnte, lag auch außerhalb seines Vorstel­lungsvermögens. Das passte nicht in sein Weltbild. Sein überlegenes Lächeln verließ für keinen Augenblick seine Mundwinkel, während er seine Idee erläuterte, während er umständlich begann, mir seine Idee zu erläutern.

»Vielleicht überrascht es dich, aber ich kenne deine Er­zählung. Mein Großvater hat mir seine Kopien der ein­gereichten Werke gegeben. Er wollte meine Meinung. Ich war sehr neugierig auf deine Geschich­te und bin wirklich enttäuscht, weil ich mehr von dir als diese plat­te Pubertätsmoritat erwartet hatte. Ich gebe dir den gu­ten Rat, bei deinen Gemälden zu bleiben. Manche von ihnen haben etwas … Echtes, Persönliches; ein Ge­fühl und einen Geschmack, die sie ein wenig aus der Masse der anderen Bilder heben.« Er dachte kurz nach, während ich dieses vergiftete Kompliment verdaute. »Um ein guter Literat zu werden, müsstest du es lernen, die Menschen näher zu betrach­ten. Und nicht nur dich selbst.«

»Du denkst also, ich hätte eine schlechte Beobach­tungsgabe?«, erwiderte ich eingeschnappt, gleichzeitig auch er­leichtert. Er hatte offenbar nicht bemerkt, dass ich über ihn geschrieben hatte.

»In der Tat. Und ist es nicht mithin die wichtigste und zugleich dankbarste Übung für jeden Künstler, Men­schen zu beobachten?« Obwohl Jonas seine Feststellung als Frage formulierte, schien er keine Erwiderung von mir zu erwarten. Ohne es zu wollen oder noch verhindern konnte, entwischte mir ein breites und überhebliches Lachen. Endlich, dachte ich, weiß ich ein­mal etwas besser als du.

»Die Menschen sind doch in unseren Tagen unin­teressant geworden. Es gibt einfach zu viele. Und je­der sagt und tut immer wieder das selbe wie alle an­deren. Kennst du einen, kennst du alle.« Nix nickte, als habe er diesen Einwand von mir erwartet.

»Ganz, wie du es sagst. Du sollst recht haben«, ent­gegnete er und für einen Moment klang er, als wür­de er mit einem Kind reden, »aber du und ich, wir sind ein Teil dieser Masse. Wir können ihr nicht ent­kommen. Wir können sie nur führen. Manchmal be­schleicht mich der Verdacht, das einzige originäre Empfinden, das sich in den letzten, sagen wir, zwan­zig Jahren entwickelt hat, ist der Vojeurismus – der neugierige Blick auf den ande­ren. Selbst beobach­ten, ohne beobachtet zu werden, das ist doch spätes­tens seit der Einführung des Privatfernseh­ens und dieser merkwürdigen neuen Erfindung des Internets, frühestens seit der gesellschaftlic­hen Tolerierung der Pornografie eine eingeübte, akzep­tierte Verhaltensweise von uns allen. Es gibt nichts In­teressanteres zu sehen, als die von der Norm ab­weichenden Handlungen und Emotionen eines ande­ren. Sonst haben wir doch bereits alles gesehen. Das Kamer­aauge war an jedem Punkt im Makro- oder Mikrokosm­os. Wenn ich will, kann ich Innenaufnah­men von mei­nem eigenen Dünndarm machen lassen und mir als gerahmt­es Bild über mein Bett hängen.« Er machte eine Pause, schürzte die Lippen. Ich hielt seine Ausführun­gen für etwas zusammenhanglos und wahrscheinlich empfand er ähnlich. »Wir haben die Dinge unserer Umgebung und der Na­tur durch die fotomechanische Abbildung getötet, die Originale durch Kopien ersetzt«, fuhr er präzisie­rend fort. »Nur durch die Begegnung mit Menschen, durch ihre Nutzung, treten sie für einen Moment ins Leben, sonst sind sie tot – tot und sterbenslangwei­lig.« Jonas stockte und nickte mir verschwörerisch zu. »Nach so viel Theo­rie gebe ich dir einen Beweis. Schau doch mal zum Ne­bentisch.«

Ich sah schnell zur Seite. Dort saß ein Mann in einem für mich un­definierbarem Alter vor eine Tasse Kaffee. Er war erschre­ckend dünn und seine Wangen eingefallen. Sonst wirkte er auf den ersten Blick nicht weiter auffällig, einzig die grotesk di­cken Brillengläser, die, etwas herabgezo­gen, schwer auf den Nasenflügeln lasteten, waren bemerkenswert. Er blickte stumpf auf die niederge­rauchte Zigarette in sei­ner Rechten und schien völ­lig in Gedanken versun­ken. »Der Mann ist gefahrlos zu beobachten«, erläuterte Jo­nas leise. »Er besitzt das Gesichtsfeld eines Maul­wurfs. Aber er hat gute Ohren.«

Ich sah genauer hin. Auf den zweiten und dritten Blick war zu bemerken, dass die Sehbehinderung des Mannes nicht seine einzige Abnor­mität war. Er hatte einen nervösen Tick und hob immer wieder flatternd einen Nasenflügel. Und er hatte den Tragegurt einer großen Umhänge­tasche um den Hals, sie selbst ruhte auf seinen Oberschenkeln. Die Tasche fiel mir erst jetzt auf, weil er, die Füße angezogen, mit krummem Rücken halb über ihr kauerte. Was sie auch immer ent­hielt, es schien ihm so wichtig zu sein, dass er es mit sei­nem Körper schützte. Er war nicht allzu sauber und für das mo­mentan sommerlich warme Wetter viel zu warm gekleidet. Die Bedienung trat neben ihn und drückte ihm ei­nen kleinen Zettel mit seiner Rechnung in die Hand. Der Mann zuckte erschrocken zusammen, aus seiner Ver­sunkenheit gerissen, befühlte er einen Augenblick zwei­felnd das Papier, dann hob er es zu seinen Au­gen. Um die Zahlen entziffern zu können, musste er mit einer Hand die Brille in die Höhe schieben, mit der anderen den Zettel direkt gegen seine Augen drücken, sich dabei gegen das Licht wendend.

Ich bemerkte, dass ich diesen extrem kurzsichtigen Mann wie eine ausgestellte Monstrosität begaffte und schämte mich plötzlich. Ich sah zur Seite. Doch Jonas packte mich am Arm.

[Zum Teil 25 …]

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 14)

[Zum 1. Teil]

Ich begann mit Fedor zu flüstern, der neben mir hockte, die Szene seelenruhig beobachtet und da­bei wie ein ausgehungerter Hund seinen Napf leergeleckt hatte.

„Sogar hier gibt es Barmherzigkeit“, sagte ich. „Daran habe ich nicht mehr geglaubt.“ Mein Freund antwortete nicht, aber er lächelte wissend. „Was glaubst du, an was wir hier arbeiten? Wozu dient diese Ausgrabung?“, wechselte ich das The­ma. Fedor warf mir aus seinen schmalen, kohle­nschwarzen Augen einen Blick zu, der wie immer auf den ersten Eindruck spöttisch und schlitzohrig wirkte, in Wirklichkeit aber nachdenklich und ernst war.

„Sicher suchen wir kein Gold oder irgendwelche Bodenschätze. Dieses Gebirge ist zwar durchaus reich an Ressourcen, aber ein Abbau würde sich nur in großem Maßstab und durch Bergbau loh­nen. Auch dieser Standort auf der Hochebene ist dafür ungeeignet“, erwiderte er leise und klang da­bei wie ein Prospektor, der sein Leben lang nichts anderes machte, als Böden auf ihren Wert zu be­gutachten. Er überlegte.

„Sicher suchen wir kein Gold oder irgendwelche Bodenschätze. Dieses Gebirge ist zwar durchaus reich an Ressourcen, aber ein Abbau würde sich nur in großem Maßstab und durch Bergbau loh­nen. Auch dieser Standort auf der Hochebene ist dafür ungeeignet“, erwiderte er leise und klang da­bei wie ein Prospektor, der sein Leben lang nichts anderes machte, als Böden auf ihren Wert zu be­gutachten. Er überlegte. „Ich bin nicht allzu weit von hier entfernt geboren und aufgewachsen. Bis mich die moderne Zeit ent­wurzelte und ich für die Weißen begeistert in einen bereits längst verlorenen Krieg zog, lebte ich als die Wiedergeburt des ehrwürdigen Peptej geachtet und verehrt bei meiner Sippe am Ostufer der Karasee. Von unserem Ganjk­ka – unserem Zauberer oder Priester – wurde ich in die Geheim­nisse und das Wissen unserer weisen Männer und Frauen eingeweiht. Damals habe ich eine uralte Geschichte aus mystischen Zeiten über diesen Ort hier gehört. Sie wurde mir nur schaudernd zugeflüstert. Falls sie wahr ist – und wer bin ich denn, dass ich an den Worten unserer Ältesten zweifeln könnte? -, dann sollten wir hier nicht tie­fer buddeln, sondern schnell unsere Beine unter die Arme nehmen und losrennen, bis wir hinter Moskau sind. Irre ich mich nicht, dann erwartet uns in diesem Loch nur ein entsetzlicher und qualvoller Tod und vielleicht sogar noch Schlim­meres. Mögen uns Jesus Christus und Ngaa, der Himmelsgott, davor bewahren!“

Mein Freund, glaube mir, ich bekam eine Gänsehaut, denn mein durch und durch optimistischer Fedor hatte noch niemals eine solch düstere Prophezeiung ausge­sprochen. Fürs erste mussten wir es jedoch damit belassen, denn unsere kurze Pause war vorbei und wir wurden von den Aufsehern wieder zur nun voneinander getrennten Arbeit getrieben. Meine neue Aufgabe war zwar körperlich weniger anstrengend, aber noch immer nicht einfach, so­dass ich bei der zweiten Unterbrechung um 15:00 Uhr nur liegen und nach Luft japsen und nicht un­ser begonnenes Gespräch fortsetzen konnte. Auch Fedor schien an einer Fortsetzung nicht weiter interessiert. Er war schweigsam und weichte nur sein hartes Brot im nun fast gefrorenen Tee auf, bevor er es mit Genuss verzehrte.

Pro ausgehobener Grube hielten vier Männer aus der Gruppe gemeinsam die Rahmen der großen Siebe in Brusthöhe und rüttelten sie, während an­dere unter ihnen unablässig die vorher nur oberflächlich ge­harkten und zerkleinerten Erd- und Gesteinskru­men, die man ihnen auf Karren aus den vielen Grabungs­quadranten brachte, auf die Gitter schaufelten. Schnell sammelte sich zwischen den Männern ein Hügel an, der noch einmal durch ein engeres Sieb gefiltert und dann mit Schubkarren zu den Lastwä­gen geschoben wurde. Dieser Abtransport war nun meine neue Aufgabe an diesem und an vielen weiteren Tagen, die sich wie immer gleiche Perlen auf einer muslimischen Gebetsschnur vor mir auf­reihten. Obwohl es von der Siebestelle leicht berg­ab zur Straße ging, war der verbeulte und rostige Schubkarren schwer und sein dicker, fast luftleerer Gummireifen sank vorne tief ein. Deshalb kam ich nur lang­sam und mit angestrengtem Vorwärtsschieben von der Stelle. Auf dem Weg zurück konnte ich mich zwar etwas erholen, aber nach kurzer Zeit fühlten sich meine Arme und Hände an, als würden sie nicht mehr zu mir gehö­ren. Sie waren taub und geschwollen und in meinen Muskeln brannte ein Feuer.

Als ich schon dachte, es ginge nicht mehr weiter und ich würde auf der Stelle tot neben meiner Schubkarre auf die Erde fallen, erlöste meine Schicht und mich nach zwölf Stunden endloser Plackerei endlich die erlösende Abendsirene, die vom Lager aus wie ein lieblicher Gesang nach ihren verlorenen Kindern rief. Ich ließ alles liegen und stehen und ging stolpernd hinauf zum Sammelplatz. Dabei kam ich an den großen Holz­kisten vorbei, in denen die Fundstücke und groben Überbleibsel aus den Sieben aufbewahrt wurden, bis man sie später abholte und zur genaueren Un­tersuchung ins Lager brachte. Darin lagen Steine, Schmutz, Schutt und auffällig viele Knochenreste, von denen ich auf meinen oberflächlichen und nicht gerade fachmännischen Blick hin keines ei­nem Menschen oder einer heute lebenden Tierart zuordnen konnte. Dafür sah ich Stoßzähne und Klauen, die zehntausende Jahre alt sein mussten. War diese Grabungsstelle hier einmal ein Tierfriedhof der Eis- oder gar der Dinosaurierzeit gewesen und Dr. Krakow ein Laienforscher, der sich für diese Vor­zeit interessierte? Irgendetwas ließ mich an diesem naheliegenden Gedanken zweifeln; das passte nicht zu ihm. Ich sah genauer hin. Zwischen dem Elfenbein, den Knochensplit­tern und dem Unrat lagen verschmutzt ein paar angelaufene metallische Gegenstände und seltsam verformte, von der Zeit verwitterte Plastikteile, die mir überhaupt nicht hierher zu passen schienen. Sie wirkten anachronistisch wie moderne Wörter zwischen den Zeilen eines mittelalterlichen Epos. Die meisten von den Fundstücken waren klein, nur daumennagelgroß, aber ein Metallteil hatte auch die Größe und Form meiner Faust. Dies war eindeutig kein Erzklumpen, sondern ein künstlich geschaffenes Objekt. Waren dies zersplit­terte Maschinenteile und wenn ja, wie waren sie hierher gelangt, endlos weit von jeder modernen Zivilisation entfernt und über 100 Meter tief im Erdboden begraben? War an diesem Ort einmal wie im nur unweit entfern­ten Tunguska ein Eisenmeteorit abgestürzt? Aber wie konnten Metallbrocken aus dem All zu solchen For­men zerschmolzen sein, als wären sie von Menschen ge­schaffen worden? Und woher kamen die vielen Plastikstücke?

Ich wollte bereits in die Kiste greifen und den scharfkantigen größeren Gegenstand in die Hand nehmen, um ihn näher zu untersuchen, aber da rief mich der scharfe Befehl eines Aufsehers zu meiner Gruppe, die ungeduldig auf mich Nachzügler wartete. Ich eilte so schnell herbei, wie ich dazu noch in der Lage war, bekam natürlich ein paar mit dem Ochsenziemer übergezogen und reihte mich neben Fedor ein. Ich hatte nicht mehr die Kraft, meine Schaufel zu schultern, weil ich meine toten Arme nicht mehr in die Höhe brachte und sie wie nutzlose Auswüchse an mir herabhingen. Mein starker Freund trug deshalb zusätzlich zu seinem auch noch mein Werkzeug, während wir singend zurück nach Antenora marschierten.

Nach dem Appell und dem Abendessen, an die ich mich kaum mehr erinnere, schleppte ich mich so­fort zu meinem Bett in der Baracke 6. Ich benötigte sogar Hilfe beim Ausziehen meiner klammen Klei­dung, denn es gab wohl keinen einzigen Körperteil an mir, in dem kein Schmerz war. Fedor murmelte über mich gebeugt einen hypnotischen Singsang in seiner Sprache und machte einige geheimnisvolle, scha­manische Zeichen über meiner Stirn, anschließend strich er mit einer Hühnerfeder über meine vier Gliedmaßen, die sich danach schwer wie Blei an­fühlten. Weiß der Teufel, wo er die Feder nun wieder herhatte. Auch Väterchen Himbeere, der übrigens einen Schreibposten ergattert hatte und von kör­perlicher Arbeit befreit war, bemerkte meinen de­solaten Zustand und kümmerte sich aufmerksam um mich. Er wartete respektvoll, bis Fedor mit seinen Geister­beschwörungen fertig war und rieb mich dann wie der gute Samariter mit einer stinkenden Salbe ein, deren Rezeptur er nicht verraten wollte, die aber auf meiner Haut zu prickeln begann und dabei wohlige Wärme erzeugte. Ich weiß nicht, ob es nun an Fedors Hühnerfeder oder der Salbe lag, aber mir ging es nach den so unterschiedlichen Behandlungen besser.

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[Zum 15. Teil …]

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Eine kluge Frage und ein Jubiläum

EIN GRUND ZUM FEIERN UND UM ZURÜCKZUBLICKEN

Ich gebe es zu: In den letzten Wochen habe ich meinen Blog ein wenig stiefmütterlich behandelt. Das liegt zum einen an meinem Brotberuf, der im Moment viel von meiner Zeit frisst, zum anderen schlicht daran, dass ich zu faul war. Schließlich war der April ungewöhnlich warm und sonnig und reizte zu Ausflügen, Wanderungen, Radtouren, Biergartenbesuchen und zum Einfach-mal-faul-auf-der-Gartenterrasse-Herumlümmeln. Es ist jedes Jahr das Gleiche: Gelange ich erst einmal langsam aus dem Winter- in den Sommermodus, bin ich mehr „Körper“ als „Geist“.  Außerdem sind die Zugriffe auf meinen Blog marginal und ich rede hier meist nur mit mir selbst. Da kann ich mir auch mal ein paar Pausen gönnen.

Meine liebe Kollegin lunaewunia, die mir hier folgt (sie selbst schreibt hier: schreibmaschinchenblog.wordpress.com), liest allerdings gerade meinen Roman „Die Wahrheit über Jürgen“, den ich hier jeden Montag in homöopatischen Häppchen vorveröffentliche, bis er im Herbst als Buch erscheinen wird. Sie war so nett, ein paar kritische Anmerkungen zu dieser Betaversion des Romans zu machen und hat mir unter anderem die folgende Frage gestellt:

lunaewunia: „Was ist denn deiner Meinung nach der beste Einstieg in dein Schaffen?“

Ganz ehrlich, ich war vollkommen überrascht. Diese Frage hat mir noch nie jemand gestellt und ich habe mir auch noch nierichtig  darüber Gedanken gemacht. Ich habe mir von lunaewunia ein wenig Bedenkzeit ausgebeten und nachgedacht. Heute – denke ich – ist der richtige Moment, diese Frage etwas ausführlicher zu beantworten, denn ich feiere in diesen Tagen ein ganz besonderes Jubiläum auf meinem Blog.

Er ist 5 Jahre alt geworden.

Im Moment findet ein interessierter Literatursüchtiger hier über 700 Artikel (1). Er kann Glossen, Rezensionen, Kurzgeschichten, Erzählungen, Romanausschnitte und sogar Gedichte und ein Theaterstück lesen. Aber das Ganze ist ein ungeordnetes Knäuel ohne innere Reihenfolge und System; es fehlt die ordnende Hand. Kein Wunder, bin ich doch nicht nur ein fauler, sondern auch ein schlampiger Mensch, der als Messie in seinem Dreck leben würde, ließe dies Frau Klammerle zu. Für mich war dieser Blog am Anfang nur ein neues Spielzeug, das ich mal ausprobieren wollte, um mitreden zu können. Doch mit dem mir selbst verordneten Zwang, ihn mit Inhalten zu füllen, wurde er mir für meine Arbeit als Autor schnell unverzichtbar und bringt mich dazu, regelmäßig an meiner Literatur zu arbeiten. Der Blog ist mein ins Internet ausgelagertes Gewissen, das mich zwickt, wenn ich mal wieder eine Faulenzerphase habe. Tatsächlich ist es nur ihm zu verdanken, dass ich inzwischen 6 Bücher geschrieben, überarbeitet und im Selbstverlag herausgegeben habe, denen noch in diesem Jahr zwei weitere folgen werden.

Die Texte dieser Bücher sind hier größtenteils nicht mehr zu finden; wer sie lesen möchte, muss sie kaufen. 😉

Also, wie sollte man nun in die Welten des Nikolaus Klammer einsteigen? Ich denke, das liegt am jeweiligen Leser. Denn ich bin ein sehr vielseitiger Autor, den Genre-Grenzen noch nie interessiert haben. (2)

Von kurz nach lang:  Wer nur einmal kurz reinschmecken möchte, um meine „Schreibe“ kennenzulernen, dem würde ich empfehlen, bei meinen Kurzgeschichten zu beginnen. Sie sind mal heiter, mal fantastisch, mal unbequem, aber immer originell. Hier folgt eine repräsentative Auswahl, die Reihenfolge ist zufällig; tatsächlich finden sich noch viele weitere Kurzgeschichten in den Archiven des Blogs:

Bappbpel Der FremdeDas Rote HausDer WolfsmondEismanns WilleWahrheit –  PalimpsestDer Schriftsteller, die Putzfrau und der TodRacheDer OktopusKleine VeränderungenKarls Träume

Für den etwas längeren Atem: Eine Liste von Erzählungen, die hier in mehreren Fortsetzungen erschienen und bis zu 50 Buchseiten lang sind. Die Geschichten sind für den erfahrenen Leser gedacht, ich mache es in ihnen weder ihm noch mir leicht. Der Link führt jeweils zum ersten Teil der Erzählung:

Der Engel im SpiegelTraditioncrisis – Bei den GroßelternDas Zeichen des Lebens –  Haare lassen ErSieEs

Der „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus: Erzählungen und Romane, die um die Künstlerszene in Augsburg kreisen. Sie sind die ältesten Texte von mir, die man hier finden kann. Ich werde diese Geschichten noch einmal überarbeiten und in den nächsten Jahren Schritt für Schritt in Buchform veröffentlichen. (3)

StromausfallEin andere Art der LiebeDie fürsorgliche SchuldNutzlose MenschenDie Wahrheit über JürgenDas goldene Kalb

Für die Freunde des Phantastischen: Die mit Abstand erfolgreichsten und beliebtesten meiner Bücher sind die auf 5 Bände konzipierten Romane meiner „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“-Trilogie, von der bereits Teil 1 und 2 im Selbstverlag erschienen sind; im Sommer folgt Teil 3, den man hier mitlesen kann. Dann finden sich hier noch die ersten sechs Kapitel des Romans „Aber ein Traum“, der dem Blog seinen Namen gab und sozusagen die „ernsthafte“ Variante der Memoiren ist. (4)

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren (Teil 3)Aber ein Traum

Fantasy und Science Fiction: Schließlich kommen wir zum Unterhaltsamsten, meinem spannenden Brautschauzyklus, der 8000 Jahre in der Zukunft spielt und als Young-Adults-Buchreihe konzipiert ist, die munter und respektlos Fantasy- und Science-Fiction-Elemente durchmischt. Das ist ein Projekt, das mich noch viele Jahre beschäftigen wird.

Brautschau 2: Faiabas Erwachen –  Der Weg, der in den Tag führt I: KarukoraDer Weg, der in den Tag führt II: Paradais

Anderes und Vermischtes: Ich habe im Laufe der Jahre hier viele Rezensionen, Glossen, Satiren, Streiflichter, Philosophisches und Theoretisches und Geistesblitze veröffentlicht, heiteres und ernsthaftes, nachdenkliches und unsinniges; vieles davon ist in dem Sammelband „Noch einmal davon gekommen“ zu finden. Hier kann man mich gut kennenlernen. Vielleicht ist dieses Büchlein der beste Einstieg in mein Werk.

Antilopen (Theaterstück)WochenleseDer Dichter als DenkerFreitagsaufregerBock des Monats und selbstverständlich mein Essay über die Minnedichtung

Ich hoffe, diese Liste hilft dem verwirrten Besucher meines Blogs, sich bei mir zurecht zu finden und sich aus dem üppigen Kuchen die Rosinen herauszupicken, die ihm munden.

Doch nun wünsche ich euch allen einen wunderschönen Mai und ich würde mich freuen, wenn ihr einfach mal bei mir vorbeischaut, egal ob virtuell oder tatsächlich, und mit mir auf 5 weitere und gemeinsame Jahre auf diesem Blog anstoßt. (5)

Euer Nikolaus

 

______________

(1) Ein paar Zahlenspiele: Etwa 300 Blogeinträge habe ich „privat“ gestellt. Das sind in der Regel Ausschnitte aus Texten, die ich später als Buch veröffentlicht habe und veraltetes, missglücktes Zeug. Insgesamt habe ich also seit dem Mai 2013 knapp 1000 Artikel geschrieben, das sind 2 – 3 pro Woche – nicht schlecht für einen faulen Autor. Jeder Artikel beinhaltet um die 1000 Wörter – mal mehr, mal weniger -, ich könnte also mit dem veröffentlichten Inhalt meines Blogs ein Buch mit 4000 Seiten füllen. Ich gebe es zu: Ich bin schon ein wenig stolz auf diese Leistung.

(2) Manche – sich selbst als „ernsthaft“ einordnende – Leser stößt so etwas ab, denn sie sind der Meinung, dass man nicht U und E miteinander vermischen kann und darf und ein Autor, der Fantasy oder Krimis schreibe, kein guter und lesenswerter Belletristiker sein könne. Nun, vielleicht ist das in meinem Fall so, aber ich selbst glaube, es ist nur ein veraltetes Vorurteil und diesen Lesern entgeht eine ganze Menge Spaß.

(3) Den Anfang hat das frisch veröffentlichte Buch „Kleine Lichter“ gemacht, in dem die Erzählungen „Pasenows Schuld“, „Die Lichtung“ und der Kurzroman „Ein kleines Licht“ zu finden sind; demnächst wird der Roman „Die Wahrheit über Jürgen erscheinen“, nächstes Jahr folgt dann der Band „Stromausfall“.

(4) Ich will in diesem Zusammenhang kurz auf rosmarinkatze.wordpress.com hinweisen, den außer von den lieben Spammern (4a) vollkommen unbeachteten Blog, den Verena Salva – eine der Hauptfiguren von „Dr. Geltsamers Memoiren“ – führt. In ihrem Blog lassen sich einige Gimmicks für die Fans der Geltsamer-Romane und hübsche Gedichte und Fotografien finden.

(4a) Während mich hier in den fünf Jahren etwa 500 Spamkommentare belästigten, sind es auf Verenas Blog, der erst seit einem Jahr existiert, bereits 11oo – die meisten übrigens in portugiesischer Sprache.

(5) Denkt an die Gefahren des Trinkens! In dem Glas, das ich auf dem Bild in der Hand halte, ist selbstverständlich kein Maibock, sondern ein alkoholfreies Radler.

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 23)

[Zum ersten Teil]

»Ich bin gebührend neidisch und beeindruckt«, er­widerte ich, seinen indignierten Tonfall nachah­mend. »Auch wenn ich nicht so ganz verstehe, war­um du nicht gerade begeistert klingst. Hast du dir etwa nicht wie wir alle Ruhm und Reichtum ge­wünscht?« Nix zog verächtlich einen Mundwinkel in die Höhe und sog pfeifend Luft durch die Nase ein.

»Ich habe noch nicht darüber nachgedacht, was ich mir eigentlich wünsche. Wir leben in einem Land, in dem es mir körperlich gar nicht schlecht gehen kann. Wo ich so­gar mit einer tödlichen Krankheit ganz gut leben kann. Das hat aber doch wohl mit dem Kunstmachen nichts zu tun, oder? Es schließt einander beinahe aus. Das ist ein innerer Zwang, eine entnervende Qual in mir und kein beliebiger Broterwerb. Das ist ein schrecklicher Ge­danke. Im Gegenteil, wenn ich es mir ernsthaft überlege: Die Vorstellung, von meiner Kunst wirklich leben zu müssen, macht mich krank«, stellte er fest und sah mich dabei tatsächlich erstaunt an, als wäre dieser Gedanke für ihn selbst eine Neuigkeit. Ich fragte mich, wovon er dann lebte, wenn nicht von seinen Bildern. Hielten ihn seine reichen Verwandten aus? »Das wollte mein Vater immer«, ergänzte er. »Künstler zu sein, sagte er oft, sei die sicherste Art zu verhungern, nicht die schnellste, aber die sichers­te. Für ihn war nur ein reicher Künstler ein guter Künstler.« Er lachte bitter. »Kaufleute! Alles muss sich rechnen.«

»Du hast in deinem Artikel, den du mir vor einiger Zeit zum Lesen gegeben hast, kaum von deinen El­tern ge­sprochen; das habe ich vermisst. Dabei beein­flussen sie doch im Positiven wie im Negativen wie kaum je­mand anderes in den frü­hen Jahren deine Entwicklung. Ob nun mit ihren Genen oder ihrer Er­ziehung, das sei dahinge­stellt. Das sollen die Entwicklungspsychologen unter sich ausmachen. Was für ein Mensch ist denn zum Beispiel dein Vater?«, fragte ich und klang, ich weiß, schrecklich nach Reporter. Ich muss auch zugeben, mich bewog dazu ein profes­sionelles, – ein halb journalistisches und halb literarisches – Interes­se dazu bewog: Vielleicht schenkte er mir noch einmal den Stoff für eine Geschichte. Doch diesen Gefal­len tat er mir nicht.

»Mein Vater ist seit drei Jahren tot«, antwortete Nix fest und trank von seinem Wein. Eine Pause entstand. »Das ist das Beste, was ich von ihm sagen will und auch das Einzige. Im Übrigen glaube ich nicht an die Delega­tionsthese von Stierlin«, fuhr er fort, da mir anzumerken war, dass ich doch noch ein wenig mehr hören wollte.

»Und deine Mutter?«, hakte ich nach. Ein weiteres Mal verstand ich nicht, was er mir eigentlich sagen wollte.

»Gott! Mutter!«, entrüstete er sich. »Wollen wir aus­gerechnet über meine Mutter reden? Als ob es nichts Inter­essanteres gäbe. Sind wir heute deswegen hier? Hätte ich der Öffentlichkeit etwas über meine El­tern sagen wollen, dann hätte ich das in meinem Aufsatz getan, der im Übrigen noch nicht einmal veröffentlicht ist, weil der Chefredakteur bei Metro­polis schon nach der ersten Aus­gabe gewechselt hat. Glaube mir, Georg, ich habe nicht vor, den Leuten die langweilige Wahrheit zu erzählen. Die wollen sie nicht von mir haben. Sie sehen meine Kunst und wollen dazu passende, spannende Geschich­ten hö­ren. Wichtig ist das Bild, das sie von mir gewin­nen, die Mystifikation ist ein unverzichtbarer Teil des Kunstwerks.« Er stockte, kaute nachdenklich an einem Fingernagel. Dabei sah er abgelenkt im Raum herum. Ich blieb stumm, denn ich musste das Gehörte ver­dauen. »Ich glaube auch: Jeder weiß, dass das zum Spiel ge­hört«, sagte er nach einer Weile, aufmerksam ein Plakat an der Wand begutach­tend und dabei meinen neugierigen Blick ausweichend. Dann schüttelte er den Kopf. »Meine Mutter; ausgerech­net.«

»Dann … dann hast du in deinem Aufsatz gelogen? Dei­ne Kindheit war überhaupt nicht so, wie du sie be­schrieben hast? Das war nur ein … ein Märchen?«, fragte ich erstaunt und zweifelnd. Nix wandte mir seine Auf­merksamkeit wieder zu und betrachtete mich interes­siert.
»Du klingst entsetzt. Hast du tatsächlich geglaubt, mei­ne Jugend wäre so grauenvoll verlaufen? Du bist naiver, als ich dachte.« Er lachte erneut, diesmal spöttisch. »Weißt du denn nicht, dass jede autobio­grafische Auf­zeichnung gelogen ist und das nicht einmal bewusst? Unser Gehirn betrügt uns ständig, es ist gezwungen, zu interpretieren und fügt deshalb andauernd die Bilder unser Vergangen­heit auf Kosten der Wahrheit zu einem einigerma­ßen sinnvoll erscheinenden Puzzle zusam­men. Des­halb stimmen Erinnerungen nur selten mit dem wirklich Erlebten überein. Das nennt man Kryptomn­esie.« Nix erzählte mir noch einiges zu diesem Thema, er schien gerade einen Zeitungsartikel darüber gelesen zu haben. Aber ich hörte ihm kaum zu. In diesem Moment war ich wirklich beleidigt und böse auf ihn. Dann aber fiel mir ein, dass es für mich vielleicht das Beste war, wenn er seine Jugendgeschichte erlo­gen hatte. Wenn dies so war, was ich allerdings be­zweifelte, konnte er mir nicht böse sein, dass ich mich mit meiner Erzählung an seinen erfundenen Geständnissen orientiert hatte.

»Aber ich kann dich beruhigen«, fuhr er abschlie­ßend fort, »ein wahrer Kern bleibt bestehen. Ist das Ganze auch nicht wahr, habe doch ich es erfunden: Das Gefühl zumindest ist echt, es ist der faule Kern der schönen Frucht. Um es mit Augustinus zu sa­gen, ist dies alles eben auf eine Weise wahr, weil es auf eine andere Weise falsch ist.«

»Du wolltest mich sprechen«, erwiderte ich, kühl das Thema wechselnd. Er ging sofort darauf ein und nickte nachdenklich.

»In der Tat. Weißt du, wer alles in der Jury der Weis­sensteinerlesungen sitzt? Ich meine, außer dem Klammer na­türlich, dessen Protegé du bist«, fragte er. Mir wurde et­was unbehaglich zumute. Die Na­men der  Jurymitglie­der waren im Gegensatz zu de­nen der lesenden Auto­ren noch nicht öffentlich be­kannt gegeben worden. Das war Tra­dition und sollte Ein­flussnahmen vor Beginn ausschlie­ßen. Ich sagte ihm dies. Ob Theresa ihr Versprechen ge­brochen und er meinen Text wohl doch gelesen hatte? Nix zuckte mit der Schulter.

»Da zeigt es sich, dass sich eine Verwandtschaft mit dem Kulturreferenten lohnt. Ich kenne die Jury«, er­widerte er gelassen. »Mein Onkel hat mich in die Liste ih­rer Mitglieder und der anderen Teilnehmer sehen las­sen. Ich war sehr überrascht. Du hast also noch keine Ahnung?« Ich verneinte.

»Neugierig?« Ich nickte unwillig und schürzte die Lippen. Muss­te er mir eigentlich immer wieder demonstrieren, wie überle­gen er war? So schafft man sich keine Freunde. »Weißt du, wer Karl Maria Pauli ist?« fragte er und lehnte sich bequem zurück.

»Du hast mir von ihm erzählt. Er ist dein Großva­ter.«

»… und einer der reichsten Männer der Stadt, ge­nau. Er ist der Vertreter der Wirtschaft in der Jury.«

»Versteht er denn etwas von Literatur?«, fragte ich, denn ich hatte den Namen dieses Mannes in Zusam­menhang mit Kunst noch nie gehört. »Oder ist es nur die übliche Augsburger Klüngelei?«

»Beides. Die Follia-Werke, deren Vorsitzender mein Opa war, haben in diesem Jahr aus Reklamegrün­den vor, bei den Weissensteiner-Lesungen einen ei­genen Preis auszusetzen, fünftausend Mark, um ge­nau zu sein. Das ist nicht überwältigend, aber um sich einen Ruf als Kunstförderer zu besorgen, reicht es aus. Kein Image ist billiger zu haben. Natürlich muss deshalb jemand aus dieser Firma dabei sein. Da mein Opa ein sehr distin­guierter, älterer Herr ist, zudem nicht zur Gänze unbe­rührt von Literatur­kenntnissen, ist er der ideale Mann, seine Firma zu repräsentieren«, führte Nix aus. Ich schnalzte er­freut mit der Zunge.

»Dann lohnt es sich diesmal also auch finanziell, an den Lesungen teilzunehmen«, stellte ich fest und er­freute mich an dem Wunschtraum, von den ausge­setzten Gel­dern einen Anteil in die Hände zu bekom­men. Na­türlich war diese Vorstellung nur eine Schi­märe, denn je­mand, der zum ersten Mal teilnahm, konnte nicht ge­winnen, selbst wenn das Werk, aus dem er las, besser war als das der anderen und nobelpreisverdächtig. Ich habe es schon erwähnt: So funktioniert das hier nicht, nicht in der Musik, nicht in der Malerei und vor al­lem nicht in der Literatur. Ich konnte mich nur zu gut an die Ausführungen Favelkas zu diesem Thema erinnern. Und Nix zerstörte auch so­fort meine Hoff­nungen:

»Werde nicht übermütig. Vergiss nicht, dass auch Mar­kus Wimperle liest. Dieser Papagei kann schon jetzt da­mit beginnen, das Preisgeld auszugeben – so sicher ist es, dass er gewinnen wird.«

[Zum 24. Teil …]

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 13)

[Zum 1. Teil]

Als Oblow sich also drohend in Begleitung seiner Schläger vor uns aufbaute und herrisch seine For­derungen stellte, grinste mein Freund nur, steckte den Brocken Schokolade, den er mit mir teilte, weg und rammte Semjon anschließend voller Genuss und Wucht den Griff eines Löffels, den er bereits am ersten Abend eingesteckt und an einem Feuer­stein sorgfältig zu einer scharfen Doppelklinge zu­recht geschliffen hatte, in den Oberschenkel. Zufall oder nicht: Er erwischte dabei eine Hauptschlag­ader, das Blut spritzte wie aus einem Trinkbrunnen und der Kerl wäre beinahe zu unseren Füßen ver­blutet. Bevor sich seine Kumpane von der Überra­schung erholt hatten, wirbelte Fedor seine primiti­ve, blutige Waffe herum und zerschnitt dem Nächststehenden von ihnen das Gesicht. Es bleib den anderen gar nichts anderes übrig, als sich die beiden vor Schmerzen schreienden Verletzten zu packen und panisch das Weite zu suchen. Auch hier griffen die Aufseher übrigens nicht ein. Nur Artjom trat später bescheiden und, unter seinem gewaltigen Räuberbart versteckt, verschmitzt lächelnd an uns heran und forderte die Aushändigung des improvisierten Messers. Wahrscheinlich gönnten er und seine Kollegen Semjon diese Abreibung, denn er trieb es wirklich zu arg und seine Bande war auch für den Toten in der Latrine verantwortlich. Jedenfalls hatte der Gauner, nach­dem er nach geraumer Zeit die Krankenstation wieder verlassen konnte, seine Lektion gelernt, benahm sich viel zah­mer und machte einen weiten Bogen um Fedor und seine Schützlinge. Mein indigener Freund hatte bald fast die gesamte 6. Baracke unter seine Fitti­che genommen und wurde von den Mitgefangenen wie ein Held gefeiert. Er nutzte übrigens das entstandene Machtvaku­um nicht aus, sondern lebte weiter, als wäre sein plötzlicher Gewaltausbruch nie geschehen. Mir hat er auch einmal erzählt, dass nicht er, der grundgü­tige Pazifist Fedor, sondern sein zweites Ich Peptej für die Attacke verantwortlich zeichnete. Der Scha­mane sei wesentlich aufbrausender und rachsüch­tiger als er, erklärte er mir seine seltsame Schizophrenie. Wer auch in ihm für seine unvermuteten Gewaltausbrücke verantwortlich war, seit die­sem Moment wurden wir von den anderen Gefan­genen und auch von den Aufsehern mit Respekt behandelt. In unseren Suppen schwammen plötz­lich Fleischbrocken und das Brot, das vorher so hart gewesen war, dass man es zuerst eine Viertelstunde einspeicheln oder in Flüssigkeit tränken musste, bis man es kauen und schlucken konnte, war frisch und weich. Auch ein zweites Problem fand dadurch eine Lösung: Man ließ von da an unsere wenigen Habseligkeiten und Schmuggelgüter in Ruhe, die durch die Lastwagenfah­rer, die Lieferanten und selbstverständlich auch durch die Wächter selbst von außen hereinkamen und heimlich gegen unsere kargen Tabakrationen gehandelt und mit merkwürdigen Fundstücken aus der Grube getauscht wurden. Wir mussten uns nicht mehr in jeder Nacht ein neues Ver­steck für unsere Schätze überlegen. Wie gesagt, ohne Fedors Unterstützung würde ich heute nicht als über Achtzigjähriger in diesem Heim sit­zen können und über meine Vergangenheit schreiben.

Noch unabschätzbarer war seine Hilfe bei der schweren Grubenarbeit, zu der man uns nach dem kaum heruntergeschlungenen Essen auch bei -30°C und noch tieferen Temperaturen zwang. Auf die durchdringende Sirene hin, die ich bereits an meinem ersten Morgen zu hassen lernte, mussten wir uns abmarschbereit wie am Abend vorher vor unseren Hütten aufstellen. Wehe, einer kam zu spät! Dann wurde er ohne Gnade mit Ochsenzie­mern und Plastikknüppeln weichgeschlagen und musste den Rest des Tages in einer der Bestra­fungszellen verbringen. Das waren winzige Kästen aus Wellblech, die wie Taubenkästen auf einem Ge­stell standen und in denen man weder richtig ste­hen noch sitzen konnte. Sie boten auch keinen Schutz vor der klirrenden Kälte.

An diesem Morgen waren jedoch alle pünktlich und nach dem Appell nahm sich jeder sein ihm zu­gewiesenes Werkzeug auf die Schulter und ging mit seiner Kolone im Gleichschritt zum Tor hinaus. Das Lied des Tages waren die „Wolgaschiffer“:

„Эй, ухнем! – Ei, uchnem!“

Ein paar hundert Meter weiter trennten sich die Gruppen, deren Wege von ihren Aufsehern mit Lampen beleuchtet wurden, das es noch einige Stunden dauern würde, bis ein wenig spärliches Licht in unsere Ausgrabungsstätte fiele. Wir such­ten unsere Arbeitsplätze rund um den in die Tiefe ge­buddelten Trichter auf und begannen unser Ta­gewerk, das, von zwei halbstündigen Pausen unter­brochen, zwölf Stunden dauerte, bis die Abendsire­ne uns zurück ins Lager beorderte.

Unsere Aufgaben waren einfach, aber anstren­gend, und sie brachten mich in wenigen Stunden an den Rand meiner ohnehin nicht großen und durch unseren langen Transport nach Sibirien geschwächten körperlichen Leistungsfähigkeit. Wie in einer archäologischen Ausgrabungsstätte trugen wir dort mit zwei weiteren Gruppen auf dem ellipsenförmigen Grund der Gru­be täglich mit Pickeln, Spaten und Schaufeln etwa zehn auf zehn Meter große Bodenflächen ab, die mit Karren auf einen höher gelegenen Ort gezogen wurden, wo sie sorgfältig gesiebt, mit Metalldetek­toren überprüft und erst danach mit Schubkarren zu den auf der Serpentinenstraße bereitstehenden Lastwägen gebracht wurden. Bei dem ersten Aus­hub wurden nicht wie weiter oben auf den Terras­sen über uns Bagger oder anderes schweres Gerät eingesetzt, sondern vorsichtige Handarbeit geleis­tet. Die Arbeitsplätze wurden übrigens jeden Abend neu mit gespannten Seilen in Planquadrate unter­teilt, über die genau Buch geführt wurde.

Wie gesagt, eine Knochenarbeit! Ach, schon bald lehn­te ich mich in immer kürzeren Abständen keuchend und nach Atem ringend auf das Querholz meines Schaufelstiels und dampfte Schweiß und meinen Atem wie eine dichte Nebelwolke über mir aus, als weiter in mei­nem markierten Viertel die schwere Erde abzutra­gen. Dafür war ich nicht gemacht! Obwohl Fedor mein Nachbar zur Rechten war und sich nicht nur um sein eigenes Erdloch, sondern auch heimlich um meines mitbekümmerte und damit die Arbeit von zwei Männern erledigte, geriet ich bald in Verzug und meine Schwäche wurde selbstver­ständlich von den Aufsehern bemerkt. Zuerst wur­de mir zornig mit Essensentzug, dann mit einer Nacht Einzelhaft in den Bestrafungszel­len gedroht und als sich dadurch kein größerer Ar­beitsfleiß bei mir einstellte, bekam ich jedes Mal ei­nes mit dem Gummiknüppel übergezogen, wenn ich ein wenig verschnaufte. Ich fürchtete die Schläge, aber was sollte ich denn machen? Ich war ja nicht faul, sondern vollkommen ausgelaugt. Irgendwie gelang es mir jedoch, bis zur Vormittagspause um 11:00 Uhr durchzuhalten. Nicht nur ich, sondern alle an­deren auch ließen sich rückwärts auf die aufge­häuften Erdhügel fallen, rauchten ihre Selbstge­drehten und löffelten schmatzend die vom Früh­stück mitgebrachte, inzwischen längst kalte Suppe, die tranig und zäh wie eine tote Qualle in ihren Blech­näpfen schwappte. Aber man schenkte uns reich­lich Tee aus. Er war immerhin lauwarm, stark, bit­ter und großzügig mit Rübensirup gesüßt.

Der brave Aufseher Onkelchen Artjom hatte sich die ganze Zeit über in seinem wundervollen Bart gekrault und meine Qualen stumm und ohne Einzuschrei­ten beobachtet; doch nun trat er an mich heran, schenkte mir heimlich aus einem kleinen Flach­mann, den er im weiten Ärmel seiner gefütterten Jacke versteckt mit sich trug, nach, schimpfte dann der Form halber ein wenig über meine Faulheit und teilte mich ei­ner Gruppe zu, die den Aushub siebte und zu den Lastwägen brachte. Obwohl die Erde hier im Un­tergrund halbgefroren, fett, torfig und klumpig war, war dies eine wesentlich leichtere Aufgabe, als sie mit der Hacke aufzubrechen und mit der Schaufel auszugraben. Der mit dem hochprozentigen Schnaps verdünnte Tee brannte zwar wie Feuer in meiner Kehle und ließ mich hus­tend nach Luft schnappen, weckte aber auch meine Lebensgeister wieder und wärmte mich von in­nen auf. Meine dahin von Spatenstich zu Spatenstich sinkende Hoffnung, ich würde die Strapazen meines ersten Tages im Gulag schon irgendwie überstehen können, stieg mit dem Sodbrennen, das der Alkohol in meinem Magen aufkochte. Dankbar nickte ich dem guten Onkel­chen Artjom zu, der sich jedoch schon von mir ab­wandte und einen anderen, ähnlich schwachen Sträfling auf seine menschenfreundliche Weise ab­kanzelte.

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[Zum 14. Teil …]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 22)

[Zum ersten Teil]

Ich war noch nie bei dieser Veranstaltung gewesen; war nicht einmal im Publikum gesessen. Ich gebe es zu: Ich klage zwar wie alle anderen über das mangelnde Kunstinter­esse der Bürger von Augsburg – das ist ein unbedingter Reflex bei allen, die in der Schwabenmetropo­le wohnen, ich bringe aber nur selten den Elan auf, an den ohnehin seltenen Veranstal­tungen teilzuneh­men. Dass ich nun dort aus mei­nem unveröffentlichten Erstlingswerk lesen und mich einer Jury stellen durfte, lag, wie gesagt, an Klammer, dem die Wettbewerbs­bedingungen erlaub­ten, einen Schützling vorzuschla­gen. Warum er sich dabei ausgerechnet für mich ent­schied, war eine sei­ner einsamen Entscheidungen, deren Beweggründe wie immer im Dunklen blieben. Da ich mich noch heute mit ihm über meine literarischen Er­zeugnisse austausche und – soweit dies mit ihm über­haupt möglich ist – so etwas Ähnliches wie ein per­sönliches Verhältnis zu ihm aufgebaut habe, glaube ich, er tat es nicht, um sich über mich lustig zu machen. Wahrscheinlich tat ich ihm leid. Wie dem auch sei, ich bekam von ihm eine offizielle Einladung ge­schickt und mein Name erschien bald darauf mit Bild und Kurzbio­grafie in der Zeitung – neben den an­deren glücklichen neun „jungen” und „aufregenden“ Autorentalenten, die in die Shortlist gekommen waren. Dies erreg­te einiges erstauntes Auf­horchen bei meinen Be­kannten und wertete mein ange­kratztes Image or­dentlich auf. Stehst du in der Zeitung, bist du für ei­nen Tag existent, egal, was du vorher ge­macht hast. Es gibt hier am Ort Politiker, die müssen sich min­destens einmal in der Woche im Lokalteil abge­bildet finden, um sich davon zu überzeugen, ob sie noch leben.

Der erste, der mich anrief und mir gratulierte, war Rai­ner Werner. Er hob damit offiziell mein Schreib­verbot bei seiner Zeitung auf und äußerte sich ver­wundert dar­über, dass ich so lange keinen Artikel mehr für ihn ge­schrieben hätte. Es war mir eine Ge­nugtuung, ihn über­heblich und unfreundlich abzu­wimmeln. Das war mei­ne kleine persönliche Rache. Ich muss allerdings einge­stehen, dass ich Werner damit nicht weiter weh tat und nur eine Gelegenheit verpasste, mal wieder auf leichtere Weise Geld zu verdienen. Aber diese Abfuhr, auch wenn sie eine nutzlose Geste war, war ich meiner Selbstachtung schuldig. Meine Freundin sah das übri­gens vollkommen anders.

Der Nächste, der mich anrief und mich um ein drin­gendes Treffen bat, war zu meiner vollkommenen Überraschung Jonas Nix. Er tat am Telefon recht geheimnisvoll und sprach von einer günstigen Gelegen­heit, endlich einmal gemeinsam etwas be­wegen zu können. Er­neut wirkte er so, als habe er keinen Groll mehr gegen mich und freue sich, sich wieder mit mir treffen zu können. Obwohl er mich wortreich zu sich einlud, war mir ein neutralerer Ort mit Publikum lieber. Des­halb verabredeten wir uns für den nächsten Abend im Annapam, einer Studentenkneipe mit Wohnzimmerat­mosphäre in der Altstadt, die auf halb­em Weg zwischen unseren Wohnungen lag.

Obwohl ich mir vorgenommen hatte, mich auf kei­nen Fall als Erster am Treffpunkt einzufinden und erst zwanzig nach acht in dem Lokal auftauchte, war in der gutgefüllten Gaststube keine Spur von Nix zu entde­cken. Er kam erst gegen neun, als ich bereits darüber grübelte, ob er mich versetzt hatte oder als pünktlicher Mensch längst vor meinem Er­scheinen gegangen war. Ich saß mit meinem Bier re­lativ ungemütlich an einem Tisch bei vier Schülerin­nen, die sich seit geraumer Zeit über Musikgruppen unterhielten, von denen ich noch nie gehört hatte. Es war sonst kein Platz mehr frei.

Als Nix kam, nahm ich mein Bier in die Hand, um mir mit ihm gemeinsam einen neuen Platz zu su­chen, aber er fasste mich geheimnisvoll lächelnd an der Schulter und drückte mich zurück auf den Sitz meines Stuhls. Dann griff er in die weite Tasche sei­nes Blaumanns, den er trug und holte eine ausgebeulte Versandta­sche hervor, die er öff­nete und aus der er etwas zu Tage förderte, das in Form und Konsistenz entschie­den an Hundekot erinnerte. Er ließ das klebrige Zeug nachlässig mitten auf die Tisch­platte klatschen und wischte sich den braunen Schmutz, der dabei an seinen Fingern kleben blieb, wie selbstver­ständlich an der Tischdecke ab. Damit hatte er die unge­teilte Aufmerksamkeit aller. Das Gespräch der Mädchen verstummte sofort. Dann begann Nix tatsächlich ein kurzes Gedicht zu zitieren, das ich als ein Stück von An­dernajs Verbrauchslyrik identifizierte. Es hatte in ge­wohnt direkter, äußerst pornografischer und ekel­erregender Wortwahl einen sodomitischen Verkehr mit ei­ner Dogge zum Thema. Hätte Jonas eine Bom­be am Tisch explodieren lassen, wäre die Wirkung keine ver­heerendere gewesen. Die Schülerinnen be­kamen rote Ohren, starrten atemlos und entsetzt auf den Haufen Schmutz vor ihnen und flüchteten nach einer langen Schrecksekunde in Panik vom Tisch. Sie taten mir leid.

»Nicht wahr, so etwas steht nicht in der Bravo?«, rief Nix ihnen hinterher. »Ihr müsstet mir dankbar sein. Ich habe eurem Leben eine Erfahrung ge­schenkt, eine Erin­nerung, die bleibt.«

Die Mädchen retteten sich wie verschreckte Hüh­ner an die Theke und berichteten aufgeregt der Wir­tin, was dieser Unhold ihnen angetan hatte. Ich er­wartete, dass diese uns wutentbrannt mit einem Lo­kalverbot belegen würde, aber sie lächelte nur, sprach im Gegenteil beru­higend mit den Mädchen, spendierte ihnen ein Getränk und kümmerte sich für den Moment nicht weiter um uns. Nix setzte sich lässig neben mich.

»Das klappt immer, wenn man einen Sitzplatz will«, sagte er. »Freilich muss man wissen, wo man das macht. Ich bin hier ein guter Gast.« Ich konnte mir nicht helfen. Ich musste lachen.

»Was, zum Teufel, ist das?«, fragte ich, vorsichtshal­ber zurückgelehnt, auf den verblüffend echt wirken­den Fä­kalienersatz auf dem Tisch deutend. Nix legte den Zei­gefinger auf den Mund.

»Das ist ein Betriebsgeheimnis«, sagte er. »Aber es sind unter anderem selbstgefertigte Knetmasse, Mondamin – brauner Soßenbinder, Cola und eine Menge aufgeweicht­er Salzstängel drin. Aber nur die vom Aldi kleben richtig gut.« Sorgsam schlug er die Paste wieder ins Pa­pier, schob sie in den Umschlag und zurück in die Ta­sche. »Wenn ich doch auch noch den Geruch hinkrie­gen würde …«

»Dann könntest du gleich echte Scheiße nehmen«, schlug ich vor.

»Wobei wir mal wieder beim Thema sind, nicht wahr? Denkst du wirklich, ich hätte noch nicht dar­an gedacht? Ich glaube allerdings, ich mache mir keine Freunde, wenn ich hier Scheiße auf die Tisch­platte klatsche. Aber natürlich, auf der anderen Sei­te …« Er wollte sich noch näher erklären, aber er unterbrach sich, weil ihm die Wirtin, eine gut kon­servierte Frau Ende Vierzig, persön­lich ein un­bestelltes Glas Wein an den Tisch brachte. Dabei beugte sie sich nahe zu ihm herab, fuhr ihm mit der Hand zärtlich durch das fettige Haar und stellte lei­se mit gutgelaunter Stimme fest, dass er nicht immer ihre Gäste erschrecken solle. Als einzi­ge Antwort um­armte er sie und fasste ihr dabei fest an die fülligen Brüste, wog sie einen Augenblick ge­nießerisch in der Hand. Die von mir erwartete Ohr­feige blieb aus, sie wand sich mühelos und geschmei­dig aus seiner Um­klammerung und tänzelte zurück zur Theke, der ihr fol­genden bewundernden Blicke der männlichen Gäste si­cher. Da ich davon ausging, dass sie sich nicht von allen in dieser Weise betat­schen ließ, war Nix hier offensicht­lich tatsächlich ein guter Gast. Ich fragte ihn nicht, ob Theresa von seinem intimen Umgang mit dieser Frau wusste, denn das ging mich nichts an. Aber neugierig war ich doch. Vielleicht konnte ich aufgrund dieser Beoba­chtung meine Beziehung zu Theresa auf eine andere Stufe stellen. Nix führte also auch ein Boheméle­ben. Das war ein Zug an ihm, der mir neu war. Ich konnte mir allerdings eine anzügliche Bemer­kung nicht verkneifen und beugte mich verschwöre­risch zu ihm:

»Ich sehe, es geht dir nicht schlecht, Jonas«, stellte ich lächelnd fest. Nix kratzte sich am Hals.

»Aber ja. Ich bin gesund, schlafe gut, der Kühl­schrank ist voller Lebensmittel, ich habe regelmäßi­gen Stuhl­gang und Geschlechtsverkehr und meine Bilder verkau­fen sich. Ich habe übrigens die Nach­frage einer Galerie in Sydney erhalten, die sich ernsthaft für meine Kunst interessiert. Auf welchen Wegen die von mir erfahren haben, ist mir ein Rät­sel. Und das Wichtigste: Meine Mutter ist stolz auf mich«, stellte er nachlässig fest. Er klang ein wenig verschnupft.

[Zum 23. Teil]

Ein Kommentar

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 12)

[Zum 1. Teil]

Dann folgte noch eine kurze und recht entwürdi­gende medizinische Untersuchung in einem klei­nen Kämmerchen neben dem Hospital. Durch ein vergittertes Fenster konnte ich einige Betten und Patienten sehen. Und auf einer Trage lag Sebastian Kerr regungslos mit geschlossenen Augen auf dem Rücken. Ein Tropf war mit seinem Unterarm ver­bunden und eine fette Schwester, deren aufgequollene Formen bei jeder ihrer Bewegungen fast aus ihrer blütenweißen Kluft platzten – das erste weib­liche Wesen, das ich hier im Gulag erblickte –, kümmerte sich um ihn. Hatte also auch Wastija es bis hierher nach Antenora geschafft und schien zumin­dest im Moment noch am Leben zu sein. Ich fragte den Pfleger Timofej, der mich auf Mundfäule, TBC und Würmer untersuchte, wie es diesem Patienten denn ginge und aus welchem Grund Dr. Krakow den Sterbenskranken nach Sibirien habe bringen lassen, aber der zuerst recht redselig wirkende Mann wurde bei der Erwähnung des Lagerkom­mandanten so stumm wie eine Auster und hatte es sehr eilig, meine oberflächliche Untersuchung ab­zuschließen. Schnell drängte Timofej mich in den nächsten Raum, wo mir als Tätowierung meine fünfstellige Sträflingsnummer in die Innenseite meines Unterarms ge­ritzt und anschließend mit reichlich Jod überpinselt wurde. 6/744/П. Ich fragte, wofür das „П“ – „P“ stünde, aber obwohl er auch nur ein Lagerinsasse wie ich war, war der Tätowierer so schweigsam wie der Pfleger.

Es war lange nach dem Nachtläuten, als Fedor und ich endlich zurück in die Baracke 6 gebracht wurden. Die meisten dort hatten sich schon in ihre hölzernen Pritschen gelegt, in denen immer sechs Männer auf dünnen Strohmatratzen schliefen – drei oben, drei unten. Die Benzingeneratoren, die die Hütten mit Strom versorgten, waren mit der Sirene ausgeschaltet worden. Aber im Mittelgang brannten an einem Tisch noch zwei Öllampen; hier spielten ein paar Gefangene das beliebte und un­vermeidliche Durák und der Schwarzhändler unse­rer Baracke tauschte geschmuggelte Wertsachen gegen Tabak und Extraportionen Brot. „Väterchen Himbeere“ spielte an einem selbstgebastelten Schachbrett mit wunderschönen aus Knochen ge­schnitzten Figuren gegen drei Gegner gleichzeitig. Ich würde am nächsten Tag erfahren, wie er in den Besitz des Elfenbeins für seine Figuren gekommen war. Er hatte für uns beiden Neuankömmlinge vor­gesorgt und ließ seine chancenlosen Gegner allein, als er uns kommen sah. Er zeigte uns unsere Lager, ließ uns verfilzte, löchrige Laken und Bettwäsche zuteilen und machte uns anschließend flüsternd mit den geschriebenen und ungeschriebenen Re­geln und Gesetzen und der strengen Lagerordnung vertraut. Er hatte sogar vom Abendessen für uns zwei gefüllte Blechnäpfe mit einer längst erkalteten Kohlsuppe und einem schmalen Kanten Brot zu­rückbehalten. Fedor und ich legten uns nebenein­ander auf unsere Pritschen und schlangen dort das Essen gierig und dankbar in uns hinein. Ich achtete kaum auf das, was der Vorsteher uns erzählte, aber mein Selkupen-Freund lauschte mit spitzen Ohren. Ich jedoch wurde dabei so müde, dass ich auf mei­ner ungemachten Bettseite trotz der Schmerzen durch die frische Tätowierung auf meinem Arm über meinem Geschirr einschlief und nichts mehr von den Ermahnungen und gutgemeinten War­nungen mitbekam.

Ich wurde nach meinem Empfinden mitten in der Nacht wieder geweckt und hatte das Gefühl, ich hätte überhaupt nicht geschlafen. Fedor, der neben mir lag, rüttelte mich wach. Er bemerkte, dass ich absolut nicht wusste und auch nicht wissen wollte, wo ich mich befand und nur fassungslos und wei­nerlich in sein von den bleichen Neonlampen grün schimmerndes Gesicht starrte, weil mir für den Au­genblick entfallen war, wer jene Person war, die mich da breit und schlitzäugig anlächelte. Heute ist es mir klar: Ohne Fedor und seine uner­schütterliche und unverdiente Freundschaft, die der genauso breite wie hohe Mann mir entgegen­brachte, hätte ich es wahrscheinlich nicht einmal lebendig bis nach Antenora geschafft, geschweige denn die nächsten Monate überlebt, bis sich meine Lage überraschend veränderte. Ach, Fedor Fedoro­witsch Syrin, der du dich auch nach deinem scha­manischen Ahnen „Peptej“ nanntest, verzeih mir die Abweisung und geringe Wertschätzung, die ich dir in der schlimmsten Zeit meines Lebens er­wiesen habe. Ich weiß bis heute nicht, was du in mir gesehen hast und wie ich mir deine Liebe ver­dient habe, aber so treu wie du war mir keiner meiner anderen Freunde und Weggenossen – du gingst mit mir bis in den Tod, der für dich ja nur ein Übergang in einen neuen Körper und kein endgültiger Verlust war. Ich trinke mein nächstes Glas Wodka auf dich, mein lieber Freund, wohin immer deine Seele nach der Katastrophe gewandert sein mag. Ich werde an dieser Stelle die einzige Erinnerung einkleben, die ich an dich vom Lager behalten habe. Sie hat mich viele Jahre begleitet.


Dies ist eine in der Tat gelungene Skizze von dir, Fedor, die einer der Insassen, unser Lagerkünstler Antip Ba­ronow, an einem der wenigen Sommerabende vor der Baracke 6 machte, während du deine seltsame und zum Himmel stinkende Wasserpfeife rauch­test, mit der du allerdings auch zuverlässig die blutgierigen Stechmücken verjagtest, die allabend­lich in großen Schwärmen über uns herfielen und uns quälten. Du hast die Zeichnung flüchtig ange­sehen, herzlich gelacht und sie anschließend mir geschenkt.

Die Nase ins Tischtuch schnäuzen, aufrichten und weiterschreiben.

„Guten Morgen, Brüderchen“, sagte Fedor. „Die Arbeit ruft uns mit ihrer lieblichen Stimme. Das wird sicher wieder ein bemerkenswerter Tag.“ Ich seufzte und erschauderte wegen der viel geatme­ten, nach Eiter und Schweiß stinkenden Luft, die zum Scheiden dick über den Pritschen hing.

Die Waschgelegenheiten und die viel zu wenigen Latrinen, vor denen sich längst lange Schlangen ge­bildet hatten, bevor auch ich endlich schlaftrun­ken ins Freie wankte, befanden sich in windschie­fen Verschlägen hinter den Baracken und wurden nur aus der Ferne von den Wachtürmen aus kon­trolliert. Wie in der halben Stunde zwischen Nacht­sirene und Bettruhe waren wir Deportierte zwi­schen drei- und vier Uhr morgens, während wir uns wuschen, anzogen, beim Abtritt und der Es­sensausgabe anstanden und als Frühstück die ewig gleiche geschmacklose und dünne Kohlsuppe mit granithartem Schwarzbrot herunterwürgten, frei und praktisch unkontrolliert. Der Bereich hinter unseren Hütten glich einem lärmigen, von ge­schwätzigen Menschen wimmelnden Rummelplatz, in dem es allerdings auch eine feste Hackordnung unter uns Gefangenen gab. Wir Neuankömmlinge bildeten das Lumpenproletariat dieses pervertier­ten Abbildes der sowjetischen Gesellschaft. Beson­ders deutlich wurde dies beim Essenfassen, wo or­ganisierte Banden die Schwäche der anderen aus­nutzten und mit roher Gewalt den Löwenanteil der von den Küchenbullen gereichten, ohnehin schon sehr knappen Nahrungsrationen einforderten.

Bereits an meinem ersten Tag landete ein Genos­se, der sich gegen diesen Mundraub wehrte, mit dem Kopf zuerst in einem der ekelhaften Abtrittlö­cher, wo seine ersoffene Leiche vom Putztrupp erst am späten Vormittag, als alle anderen längst schon in der Grube arbeiteten, entdeckt wurde. Die Wär­ter sahen über solche und ähnliche Grausamkeiten gerne hinweg und fahndeten auch in diesem Fall nicht nach den Tätern. Sie wussten, dass ihnen die­se brutalen Banden unter den Insassen, von denen es in jeder Baracke eine gab, die nicht selten von ihrem Vorsteher geleitet wurde, einige unangeneh­me Arbeit abnahmen und für Ruhe unter den Ge­fangenen sorgten. Da wurde es toleriert, wenn sie ab und an ein Exempel statuierten.

Der Bandenchef unserer Baracke – nicht Him­beernase, sondern ein wirklich brutaler Totschläger und Säufer – weiß der Himmel, woher er hier am Arsch der Welt seinen Schnaps bezog – namens Semjon „Senja“ Ob­low, Gefangenen-nummer 6/003/Б, der schon vor Kriegsbeginn in Antinora inhaftiert wurde und einer der Veteranen unter den Gefangenen war, versuchte es übrigens nur ein einziges Mal, Fedor um seine Wertsachen zu erleichtern. Mein Freund war auch ein überaus lohnendes Ziel, denn als ehemaliger Schmuggler und Schwarzhändler erwies er sich als ein genialer Beschaffer von den unglaublichsten Sachen. Niemand kann seine Person, sein Land oder auch ein schwer bewachtes Straflager so her­metisch abschotten, dass noch doch der Kapitalis­mus und seine Begleiter Gier und Gewalt Eingang finden – und wenn‘s auch nur eine schmuddelige Hintertür ist. Der Kapitalismus kommt jeder Staatsform zurecht, denn nicht irgend ein hohes und humanistisches Bild vom Menschen, sondern nur die obszöne Bereicherung und die Rubelchen stehen im Mittelpunkt der Interessen der Leute. Deshalb konnte sich der Kapitalismus auch so leicht im real existierenden Sozialismus wie eine Seuche ausbreiten und wird noch fröhlich weiter­wirtschaften, wenn die Sowjetunion demnächst zusammen­brechen wird. Um einen Spruch von Kierkegaard zu modifizieren: „Keiner kann im Leben oder im Tod so weit reisen, dass du, mein Mammon, nicht bei ihm bist.“

Doch verzeihe mir, mein lieber Leser, diesen Aus­flug eines alten Roten in den „Histomat“ – lass uns zurück nach Antenora kehren.

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[Zum 13. Teil …]

Ein Kommentar

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