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Vorankündigung: Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman

Eine Kleinstadt Mitte der 90er Jahre in der bayerischen Provinz: Die Bilder des Malers Jonas Nix sind eine künstlerische Sensation und Tagesgespräch bei den Kulturschaffenden. Doch liegt das an der Qualität seiner düsteren, blutigen Werke oder eher an seinen verwandtschaftlichen Beziehungen zu Stadtrat und Wirtschaft?

Der junge Journalist Georg Hauser, der mit dem Maler in die Schule gegangen ist, beginnt nachzuforschen und die Personen im Umfeld von Nix zu befragen. Er wird dadurch in eine Intrige verwickelt, die bald auch sein Leben bedroht und ihn vor die existenzielle Frage stellt:

Wie weit würdest du für deine Kunst gehen?

»Der Mensch durstet nach dem Bösen, ihn dürstet da­nach, schuldig zu werden, aber er wagt – oder vermag – es nicht, dem Bösen seine Seele zu verschreiben, er schlägt krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, usw … So sagt Georges Bataille in einer Geschichte.

Mögen Sie sie auch, diese kaum aussprechbare Abkür­zung einer nichtssagenden Floskel, dieses usw., das es auch noch als usf. oder als, besonders schön auszuspre­chen: u. Ä. gibt. Was wäre ein Schüleraufsatz ohne die­ses usw? Man benutzt es immer dann, wenn man selbst nichts mehr weiß, wenn die Inspiration versagt und man erschöpft den Rest der Gedankenkette der Fantasie des Lesers überlässt. Jeder von uns setzt instinktiv und intuitiv für dieses usw. etwas ein, das ihn persönlich be­trifft, es ist eine Art Rorschach-Test mit Buchstaben. Als ich den eben zitierten Satz zum ersten Mal bei Bataille las, ersetzte mein Unterbewusstes das usw. sofort mit dem Wörtchen Kunst. Der Satz las sich dann für mich so:

Der Mensch durstet nach dem Bösen, aber er vermag es nicht, ihm seine Seele zu verschreiben, deshalb schlägt er krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, die Kunst. Und ich war anschließend von Batailles ent­täuscht, weil er auf diesen, nämlich meinen, Gedanken nicht weiter einging, sondern sich im Weiteren nur mit der Neurose und dem Gelächter beschäftigte. Später fand ich dann zu meiner Beruhigung heraus, dass für ihn die Neurose und die Kunst fast synonyme Begriffe sind. Neurose ist ihm die Sehnsucht nach der Angst, die Gott hat. Kunst ist also die Sehnsucht nach der Angst Gottes.

Keine Angst, ich habe nicht vor, mit Ihnen über die Schwierigkeiten der Hermeneutik zu reden. Ich bin hier, um Ihnen etwas über die Kunst von Jakob Nix zu erzäh­len. Und, zu Ihrer Beruhigung, ich werde mich kurz fas­sen.

Deshalb komme ich aber an Batailles nicht vorbei, des­sen Unbehagen am Dasein eine enge Geistesverwand­schaft mit dem Nixschen Behagen an der Besudelung zeigt. Denn dessen Anliegen war neben dem selbstzer­störerischen Schenken, auf das ich später eingehe, im­mer das Tabu und das bewusste Überschreiten dessel­ben, um sich zum Menschsein zu befreien. Klingt Ihnen das zu hochgestochen? Ich kann es auch anders formu­lieren: Es gibt von Batailles einen Text, in dem jemand seine tote Mutter schändet. Und es gibt von Jakob Nix ein Bild, das er mit seinem eigenen Blut gemalt hat.

Wir loben uns, in einer tabulosen Gesellschaft zu leben, die all die kleinlichen Vorurteile unserer Väter über­wunden glaubt. Keine abwegige sexuelle Leidenschaft kann uns noch schockieren, wir sind in der Psychologie unseres Jahrhunderts geschult, haben für alles Ver­ständnis. Keine menschliche Regung ist uns fern. Sind wir also, wie ich formulierte, zum Menschsein befreit? Manche glauben es, aber ich will es bezweifeln. Ich den­ke, das Gegenteil ist der Fall: Wir leben in einer gefessel­ten, in einer neurotischen, engstirnig bürgerlichen Ge­sellschaft. Mit unserer freien Sexualität ist es nicht weit her, wir haben sie nur hygienisch und steril gemacht. Wir alle haben den Sex im Hirn, aber das ist der Ort, wo er am wenigsten hinpasst und auch am wenigsten be­friedigt wird.

Und daraus lässt sich nur schließen, dass die Tabus der Gesellschaft noch lange nicht gebrochen sind, diese Ge­sellschaft noch immer die Kraft hat, sie aufrecht zu hal­ten und ihre Verletzung unter Strafe zu stellen. Das Böse ist dabei das kräftigste Tabu. Ich spreche nicht von einem mythischen oder religiös definierten Bösen als Wi­derpart des guten Gottes, sondern von der gesellschaft­lichen Vereinbarung Böse, zu der es uns laut Batailles als egoistische Einzelwesen alle hinzieht. Und was ist böse? Es ist vor allem der Tod; er ist der Schaden der Gesellschaft und wir alle haben ihn zur Seite gedrängt, um ihn zu vergessen. Wir würden das Sterben unter Strafe stellen, wenn es einen Sinn hätte. Und gleichzeitig und das ist die Perversion dieses Tabus, sehnen wir uns alle nach dem Tod, denn er ist ein Teil von uns, den wir nur mit Hilfe einer Neurose, eines Gelächters oder eben der Kunst verdrängen können. Er schlummert in jedem von uns, wird jeden Tag ein wenig wacher. Jeden Tag werden wir ihm ein wenig ähnlicher. Da hilft kein Makeup.

Und trotz unseres Ekels vor der Sterblichkeit und der Verwesung gibt es uns einen masochistischen Schauer, erkennen wir uns wieder, wenn wir verstohlen in den Fernseher sehen und uns die Leichen der Kriege, Ver­brechen und Unglücke in handliches Format gepackt häppchenweise und farbenfroh vorgeführt werden. Aber nie darüber reden, diese Sehnsucht verschließen wir in uns: Das ist die Neurose, die uns fesselt. Solange wir nicht mit dem Tod umgehen können, werden wir keine Menschen sein. Jakob Nix hat die Überwindung dieser Neurose zu seiner Kunst gemacht. Geben wir zu, seine Bilder schockieren uns, aber es ist unsere eigene Einstellung zum Tod, die uns schockiert, die wir nicht sehen wollen, die uns hindert, frei zu werden. Hegel sagt, der Tod sei das Furchtbarste, und das Tote festzu­halten, sei das, was die größte Kraft erforderte. Nix nimmt seinen Kampf mit diesem Schrecken auf, er packt unter Aufbietung seiner Lebenskraft den Tod an den Hörnern und er läd uns alle ein, bei diesem Spektakel zuzusehen. Er macht uns damit ein Geschenk, schenkt uns einen Teil seines Daseins, auch wenn es ihn selbst zerstört. Nur wer das Höchste versucht, gewinnt die Freiheit des Menschseins.

Auch das Leben ist ein Geschenk, so trivial es klingen mag. Das Furchtbarste ist nicht, jemandem ein Ge­schenk wegzunehmen, sondern es ihm kaputt wieder­zugeben. Wir alle haben das Geschenk Leben von dieser Gesellschaft kaputt zurückbekommen. Und einmal in dieser mageren Frist zwischen Geburt und Tod, mit der wir so verschwenderisch umgehen, sollte jeder darüber nachdenken, was dies für ihn bedeutet.

Nehmen Sie das Angebot an. Benutzen Sie die Bilder zum Nachdenken, zum Nachfühlen, zum Erleben usw.

Ich danke Ihnen für den kurzen Moment der Aufmerk­samkeit.«

Ab morgen jeden Montag auf meinem Blog:

 

 

 

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 31 – Schluss)

Am späten Nachmittag – die Sonne stand bereits so tief, dass die enge Vicolo della Volpe im Schatten ihrer Häuser und Mauern lag – stand Nikolaus Klammer endlich vor der Adresse, die ihm Isa in ihrer ver­schlüsselten Nachricht übermittelt hatte. Er erkannte die Buchhandlung sofort, auch wenn die Bücher in der Auslage italienische Bestseller und Klassiker wa­ren – ein leckerer Auflauf ohne schlechte Zutaten: Werke von Ignazio Silone, Umberto Eco, Primo Levi, Leopardi und Manzoni, Camilleri und Boccac­cio, Dante neben Ferrante, Morante und Moravia, Pisano, Lampedusa, Italo Svevo, Ledda, Pavese, Fruttero und Lucentini, Palazzeschi und Pirandello und selbstverständlich auch Calvino, ohne dessen Se una notte d’inverno un viaggiatore dieser Ro­man gar nicht hätte geschrieben werden können … allein die Namen waren schon ein Gedicht! Sie alle standen wild durcheinander und ohne einen er­kennbaren Zusammenhang außer dem einen, dass es gute Bücher waren. Klammer kannte und schätzte die reiche italienische Literatur, hatte auch die meis­ten der ausgestellten Werke in Übersetzungen gele­sen. Er schnalzte ge­nießerisch mit der Zunge.

Er sammelte sich. Dies war der Buchladen, der erst gestern – ja, gerade einmal vor dreißig Stunden – noch in Augsburg gestanden hatte! Konnte das Ge­schäft denn fliegen oder sich wie in Star Trek an ande­re Orte beamen? Klammer glaubte nicht, dass er diese Transition verstehen würde, auch wenn sie ihm von einem schlauen Mann erklärt wurde.

Noch einmal sah er hinter sich. Aufgeregt wie er war, rechnete er jeden Augenblick mit dem Schlimmsten und fühlte sich schon den ganzen Tag beobachtet. Doch keiner der vie­len Passanten schien sich weiter für ihn und den La­den, vor dem er stand, zu interessieren. Der Autor war ihnen nur ein unliebsames Hindernis auf ihrem Weg durch die enge Gasse.

Was würde ihn dort drinnen in dem Buchladen er­warten? Würde er endlich seine Tochter finden und in die Arme neh­men können? Würde sich alles auf­klären und vielleicht als ein großer Spaß herausstel­len? Klammer hoffte es.

Als er am Mittag an der Haltestelle Barberini in der Nähe der Piazza Navona die U-Bahn-Linie A verlas­sen hatte – vom zentralen Termini waren das nur drei Stationen -, war er zuerst ohne Umwege und Augen für die schmucken Kirchen, Brunnen und Pa­lazzi direkt in das Hotel Raphaël gegangen. Obwohl Klam­mer vor Neugierde brannte, vermied er absichtlich die neben dem von Efeu vollkommen überwachsenen Gebäu­de lie­gende Vicolo della Volpe. Er erkundigte sich bei der jungen Dame an der Rezeption des noblen Ho­tels nach seinem Verleger und dessen Freundin, weil er nach Verbündeten suchte. Ihm war aber von ihr mitgeteilt worden, die beiden wären unterwegs und würden erst am Abend wieder zurück erwartet. Da ihm Wel­kis Domizil viel zu teuer war – eine Nacht im ein­fachsten Zimmer kostete ohne Frühstück über 300 € – verließ er achselzuckend das Raphaël und suchte sich erst einmal eine billigere Bleibe in einem nicht allzu weit entfernten B&B in einem schmucklosen Eckhaus in der Via Cola di Rienzi, in dem er schon einmal vor ein paar Jahren mit Irene logiert hatte und wo man in der Vorsaison auch ohne Reservierung ein Zimmer für ihn frei hatte. Klammer stellte sein Gepäck ins Zim­mer und te­lefonierte von dem Apparat auf dem Nachtkästchen aus mit seiner Frau.

Er besaß zwar ein Mobiltelefon, aber er machte es niemals an und hatte es auch auf dieser Reise nicht mitgenommen. Mit dem Hinweis auf die hohen Gebühren und einem ziemlich schlechtem Gewissen teilte er Irene nur das Allernötigste mit und blieb bei seiner Ge­schichte, Welkenbaum benötige ihn in Rom völlig überraschend für Lizenz­verhandlungen wegen eines von seinen Romanen. Er hörte zwar ein leichtes Misstrauen aus ihren Antworten heraus, aber noch schien sie zu glauben, was er ihr erzählte. Sie machte ihm nur zum Vorwurf, dass er sie mit seiner Reise überrumpelt habe. Hätte sie früher Bescheid ge­wusst, hätte sie ja mit nach Rom kommen können, das wäre doch mal eine nette Abwechslung gewesen. Klammer gab sich angemessen zerknirscht, aber insgeheim war er froh, dass er Irene zuhause in Sicherheit wusste.

Anschließend verließ er seine Unterkunft und aß an der Theke einer Espressobar eine Querstraße weiter ein Panino und trank zwei große Moretti-Biere. Müde und mit schwerem Kopf kehrte er in sein Zimmer zurück, stellte den Ventilator an der Decke auf die höchste Geschwindigkeit und schlief eine Stunde auf dem breiten Bett. Ohne den Alarmruf seines Reiseweckers wäre er wohl ins Koma gefallen und hätte bis zum nächsten Morgen weitergeschlafen. Klammer benötigte eine ausgiebige Dusche, bis er nicht mehr wie ein Zombie aussah. Dann zog er sich der italienischen Wärme angemessene und leichte Kleidung an und setzte sei­nen Thomas-Mann-Urlaubsstrohhut auf, ohne den er niemals in Ita­lien unterwegs war.

Erst danach war er in der Verfassung gewesen, die Vicolo della Volpe aufzusu­chen, in der er nun stand. Das Gässchen führte vom Hotel aus auf direktem Weg in den Stadtteil Rione Ponte, einem beliebten Einkaufsviertel voller Modegeschäfte, zahlloser Anti­quitätenläden, Restaurants, Bars und ameisenbauglei­cher Geschäf­tigkeit. Die Vicolo mit ihren Häusern aus Renaissance und Barockzeit schmiegte sich dabei so eng an die riesige Santa-Maria-della-Pace-Kirche, dass es der Wa­gen von Google-Earth nicht geschafft hatte, sie in ihrer ganzen Länge zu fotografieren und war deshalb ein weißer Fleck auf der Rom-Straßen­karte des neugieri­gen Internetgiganten geblieben.

Klammer wollte eben einen Schritt auf die Ein­gangstür zu machen, in deren Glas ein Schild mit „Free Entrance” und „Aperto” lockte. Da bemerkte er eine Gestalt, die sich neben ihn gestellt hatte. Schon während er sich nach der Person umdrehte, wusste Klammer, wer es war.

„Ah, Signore Fabio, welch ein erstaunlicher Zufall. Wollen Sie etwa noch ein weiteres Autogramm?”, fragte er und lüpfte grüßend seinen Hut.

Er fühlte sich sicher, denn es schoben sich viele Einheimische und Touristen durch die enge auto­freie Gasse, in der gerade ein­mal zwei Leute neben­einander stehen konnten. Eini­ge hielten ein Gelato von einer Eisdiele an der nächsten Straßenkreuzung in der Hand.

Der angebliche Avvocato legte den Kopf schief. Er hatte sich im Gegensatz zu Klammer nicht umgezo­gen und trug weiterhin sei­nen für die nachmittägliche Hitze zu warmen Ge­schäftsanzug. Er hatte allerdings sein Sakko ausgezo­gen und über den Arm gehängt. Doch auf seiner Stirn über der unvermeidlichen Son­nenbrille waren keine Schweißperlen zu sehen und es hatten sich auch keine dunklen Flecken an den Ach­seln seines kurzärmligen, rosafarbenen Hemds gebildet. Jetzt brannte die Zigarette zwischen seinen Lippen und er stieß ein wenig Rauch in Klammers Richtung, bevor er mürrisch antwortete:

„Nein. Ich habe meine Meinung geändert. Ich be­nötige jetzt etwas anderes von Ihnen.”

Er klang wirklich bedauernd und deutete mit dem Kopf auf sei­ne von der Jacke verdeckte Hand. Dort ragte die lan­ge, scharfe Klinge eines dünnen Messers heraus. So­fort trat Ienalli noch näher an Klammer heran und presste ihm dabei die Waffe in die Seite. Die Spitze stach den Au­tor durch sein Hemd hindurch ins Fleisch.

„Ich rate Ihnen, nicht um Hilfe zu rufen, weil ich sonst auf der Stelle gezwungen wäre, Sie zu erstechen. Das wird für Sie eine recht schmerzhafte Angelegen­heit werden, Maestro. Glauben Sie mir, ich habe mit dem Stiletto einige Erfahrung. Wir werden jetzt ge­meinsam in den Buchladen gehen und dort werden Sie mir Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren überreichen. Sie müssen das Buch bei sich haben, denn es befindet sich nicht in Ihrer Un­terkunft. Das habe ich schon überprüft.”

Klammer lächelte sardonisch und mit viel Gebiss. Er wusste um die Wirkung dieses Lächelns, denn er hatte es lange vor dem Spiegel in seinem Zimmer im B&B geübt, nachdem ihm klar geworden war, dass jemand während seiner Abwesenheit seine Sachen durchsucht hatte.

„Ich muss Sie enttäuschen, Avvocato. Ich hätte Sie wirklich für schlauer gehalten. Das Buch ist längst nicht mehr in meinem Besitz”, sagte er gelassen.

ENDE

 

Der Roman wird fortgesetzt in:

Dr. Geltsamers
erinnerte Memoiren

3. Teil:
Der Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow

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Es kräht kein Hahn danach

ES. Morgen werde ich hier auf meinem „Traum“ den letzten Teil der Hyänen von Berlin posten. Damit ist der zweite Roman von Dr. Geltsamers Memoiren fertig gestellt und ich bin schon ein bisschen stolz (Ehrlich? Ich bin so stolz, dass ich ein Rad schlagen könnte wie ein Pfau). Die überarbeitete und fehlerkorrigierte Fassung des Romans gibt es seit Kurzem als Taschenbuch (ISBN: 978-3-7450-1918-6) und als preiswertes E-Book überall im einschlägigen Handel und wartet dort auf kühne Leser, die das unerhörte Risiko eingehen möchten, einen neuen Autor kennenzulernen.

Ich habe übrigens bereits mit dem 3. Roman der „Trilogie“ begonnen, die auf insgesamt fünf (!) Bücher konzipiert ist und von der jährlich eine Fortsetzung erscheinen soll: Das Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow. Ich werde im Januar ’18 mit der schrittweisen Vorveröffentlichung des Romans beginnen, der im zeitgenössischen Rom und als Buch im Buch im Sibirien des Jahres 1952 spielt. Ich würde mich wirklich wahnsinnig freuen, wenn der eine oder andere der wenigen Besucher meines Blogs sich dazu durchringen könnte, eines meiner Bücher in seiner endgültigen Fassung zu erwerben. Die hier eingestellte, noch sehr fehlerbelastete „Beta-Version“ der Hyänen werde ich demnächst löschen.

KRÄHT. Den Montagsplatz der Hyänen wird ein älterer Roman von mir übernehmen, den ich auf diese Weise noch einmal überarbeite und ihn sozusagen in die finale Fassung mit einem neu zu schreibenden Schlusskapitel bringe. Ich werde den Roman nach dieser Vorveröffentlichung dann im Frühjahr des nächsten Jahres als Buch drucken lassen. Es ist Die Wahrheit über Jürgen, die Geschichte eines jungen Malers, der an dem Gegensatz zwischen seinen Ambitionen und seinem spießbürgerlichen Umfeld in seiner südbayerischen Heimatstadt zerbricht. Dieser „Schlüsselroman“ spielt in den Neunzigern und ist stark von meinen eigenen Erfahrungen geprägt. Obwohl er nicht die Hauptfigur ist, darf auch Nikolaus Klammer auftauchen. Die Wahrheit über Jürgen ist Teil eines Zyklus‘ von mehreren Romanen und Erzählungen, der Jahrmarkt in der Stadt heißt und der hier zum großen Teil unbearbeitet und auch vollkommen unbeachtet gratis als PDF oder E-Book downloadbar ist.

Ich plane, auch meine frühen Werke auf diese Weise in eine endgültige Form zu bringen.

KEIN. Nächste Woche werde ich hier auch den Schlussteil des 8. Kapitels von Der Weg, der in den Tag führt posten, auf das dann nahtlos das spannende 9. Kapitel folgen wird. Da sich der Roman während des Schreibens immer komplexer und umfangreicher entwickelt hat (Ich bin inzwischen bei über 100.000 Wörtern und das Ende ist noch nicht in Sicht), werde ich meinen Editionsplan wohl nicht einhalten können und den Weg erst im nächsten Jahr fertigstellen  können. Manchmal übernehmen meine Figuren und fordern ihr Recht. Dann schreibe ich nicht, sondern werde von ihnen geschrieben. Ich fürchte mich jetzt schon vor dem ausufernden Lektorat. Im Moment überlege ich noch, ob ich den Prequel-Roman zu Brautschau in zwei Teile mit etwa 250 Seiten aufteilen und den ersten Teil noch vor und den zweiten erst nach dem Jahreswechsel drucken lassen soll. Mal sehen …

Vielleicht kann mir ja jemand raten, was ich machen soll.

HAHN. Man sieht: Ich arbeite. Jeden Tag schreibe ich nur ein wenig (vielleicht 2000 Wörter, oft weniger), aber ich bin konsequent und stur. Das Wenige sammelt sich an, wächst langsam. Ich bin wie einer meiner erfolgreichen Kollegen der Meinung, dass ernsthafte Autoren keine Schreibblockaden kennen. Das ist nur Folklore und eine Ausrede, um zu zu prokrastinieren. Allerdings erfordert das Schreiben Zeit und einen verständnisvollen Partner. Deshalb muss ich mich anderswo einschränken. Ich werde keine Glossen oder Artikel für diesen Blog mehr erstellen. Ich benutze ihn nur noch als Skizzenblock für meine in der Entstehung befindlichen Romane. Aber das ist wohl kein Verlust, denn von meinen Büchern verkauft sich der Band mit meinen besten Blog-Texten, Glossen und Artikeln aus den letzten 5 Jahren am schlechtesten. Noch einmal davon gekommen will offenbar kaum jemand lesen – wenngleich die wenigen, die das Buch gelesen haben, gut unterhalten und begeistert waren.

DANACH. Aber jetzt höre ich mit diesem Werkstattbericht und dem Klagen auf. Ich habe bereits einen guten Freund allein deshalb verloren, weil er mir vorwarf, ich würde ständig nur jammern und der Gegensatz zwischen mir selbst und meiner Kunstfigur „Nikolaus Klammer“ würde wahnhafte und schizophrene Züge aufweisen.

Dann mache ich mal weiter. Heute jedoch werde ich diesen wundervollen Herbstsonntag, seine Wärme und seine Farben genießen – und überhaupt nichts tun.

Grüße aus meiner Schreibklause, Nikolaus.

 

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 30)

ZWISCHEN DEN SEITEN

Voi biglietto, per favore.

Nikolaus Klammer schreckte aus dem Halbschlaf, in den er ge­fallen war und das schwere schwarze Buch, das er noch geöffnet in den Händen hielt, rutschte ihm dabei aus den Fingern. Es fiel auf den Boden des Zugabteils. Ertappt griff er nach unten, aber sein Sitznachbar, der in Innsbruck zugestiegen war, war schneller und hob das Buch vor ihm auf. Die beiden blickten sich an.

Klammer sah an seinen besseren Tagen ein wenig wie Ernest Hemingway und an seinen schlechten – sie überwogen – wie der Satyr Marsyias aus. Wie sei­ne momentane äußere Erscheinung auf den Avvocato wirken musste, mochte er sich gar nicht vorstellen: Wahrscheinlich sah er gerade aus, als hätte er bereits seine Häutung hinter sich.

Klammer fiel ein, was er vor seinem Sekunden­schlaf gelesen hatte und nahm sich vor, vorsichtiger im Umgang mit dem Advokaten zu sein. Der dünne Mann mit dem olivgrünen Gesicht, der die ganze Nacht seine Sonnenbrille aufbehalten hatte, zögerte kurz, als er Klammers nachdenklichen Blick spürte, aber dann überreichte er ihm umstandslos das Buch. Klammer riss es an sich und presste es gegen seinen Oberkörper, als wäre es ein Schatz, den er behüten musste. Im Grunde war es das auch.

Wahrscheinlich wirke ich im Augenblick eher wie Gollum und nicht wie der mythologische geschundene Satyr, der angeb­lich auch Sokrates geähnelt haben soll.

Er wurde sich der Lächerlichkeit seines Tuns be­wusst und blätterte nach der Stelle, an der ihn der Schlaf übermannt hatte. Er legte dort sein orangefar­benes Lesezeichen ein. Erleichtert stellte er dabei fest, dass sich der Inhalt von Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren noch nicht verändert hat­te. Klammer war ein oder zwei Kapitel vor dem Ende des Ro­mans seines Großvaters und vielleicht bekam er diesmal die Gelegenheit, ein Werk zu Ende zu lesen. Er hatte das Gefühl, wenn ihm das gelang, würde etwas Besonderes geschehen.

Das nächs­te Kapitel trug den vielversprechenden Titel „Ent­hüllungen“ und Klammer war gespannt, ob er darin endlich die Antworten bekam, welche Geheimnisse hinter der ganzen phantastischen Ge­schichte steckten und wie Sebastian Kerr diese auflö­sen würde. Er zweifelte inzwischen entschieden dar­an, dass die Hyänen von Berlin eine autobiografische Geschichte waren. Vieles erschien ihm frei und frech erfunden, ein Lügenmärchen. Viel zu unglaubhaft und utopisch hatte das letzte Kapitel geendet. Roboter im Berlin der Weimarer Republik, also bitte! Brecht würde sich im Grab umdrehen. Sein Großva­ter hatte wohl zu viel Kokain geschnupft, als er im Exil diesen Roman schrieb. Und diese Anspielung ganz am Ende des Kapitels, als er auch noch Vladi­mir Nabokov auftreten ließ, die war ja wohl völlig dane­ben.

Wenn mein Opa das alles erfunden hat, hat es allerdings auch Konsequenzen für das Tagebuch der brasilianischen Ärztin, dessen Authentizität damit ebenfalls in Frage gestellt ist. Kann es sein, dass diese Geschichte ebenfalls aus seiner Feder stammt? Und warum bietet mir Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren ausgerechnet diese Geschichten aus den Zwanziger Jahren an und nicht andere?

Doch an eine Fortsetzung der Lektüre war im Au­genblick nicht zu denken. Klammer musste das ver­schneite Berlin kurz vor der verheerenden Weltwirt­schaftskrise, die die Weimarer Republik direkt in die Arme der Nazis hatte taumeln lassen, verlassen. In seinem Hier und Heute war es draußen längst hell­lichter Vormittag und der Zug ratterte auf seinen Schienen durch die Vororte von Rom. Straßen, Plät­ze und Häuser, vor deren Fenstern auf Leinen Wä­sche hing, wechselten sich ab mit Ausblicken auf Pi­nien, silberne Olivenhaine und jetzt im Frühjahr pas­tellgrüne Getreidefelder.

Der Schaffner, der Klammer eben geweckt hatte, geduldig im Gang stehen geblieben und vergeb­lich auf eine Reaktion gewartet hatte, räusperte sich. Der Autor schob sein Buch eilig in die Außentasche seines Handgepäcks und holte sein ausgedrucktes E-Ticket heraus, das von dem Zugbegleiter nur ober­flächlich begutachtet und an zwei offenbar zufälligen Stellen gelocht wurde, bevor er es mit einem „Buon viaggio e divertimento! Arrivederci.“ wieder zurückgab.

Der Italiener neben Klammer wartete, bis der Schaffner weiter ging.

Scusi. Entschuldigen Sie meine Frage, signore. Aber sind Sie nicht der Schriftsteller Nikolaus Klammer?“, fragte er in einwandfreiem und gut verständlichem Deutsch. Ein verirrter Sonnenstrahl brachte die ver­spiegelten Gläser seiner großen Sonnenbrille zum Funkeln; es wirkte, als würden seine Augen dahinter strahlen.

„Wie kommen Sie darauf, Avvocato Ie … Ielli –“

Klammer war misstrauisch und geschmeichelt zu­gleich.

„Ienalli. Fabio Ienalli, Maestro Klammer. Ai loro ser­vizi. Das ist ganz einfach; ich lese gerade ein Buch von Ihnen.“

Der Mann griff in seine Herrenhandtasche, die er an einem Gurt über der Schulter seines tadellosen Anzugs trug, und beförderte ein dickes und zerlese­nes Paperback zu Tage. Es war eine Ausgabe von Der Engel im Spiegel, einer von Klammers frühen Roma­nen, der in der Toskana spielte. L’angelo nello specchio – das einzige seiner Werke, das jemals in einer Fremdsprache erschienen war und sich in Italien tat­sächlich ganz ordentlich verkaufte, obwohl es wirk­lich nicht einfach zu lesen war – war Welkenbaums guten Geschäftskontakten zu einem ähnlich gesinn­ten römischen Verleger zu verdanken, der übrigens auch die vorzügliche Übersetzung des Romans ver­antwortete. Manchmal galt der Prophet eben in der Fremde mehr als im eigenen Land.

„… und hier, auf der Innenseite“, fuhr Ienalli fort und deutete mit einem tabakgelben Finger – offen­bar war er ein starker Raucher – auf den Umschlag, „ist das nicht ein Foto von Ihnen?“

Die Abbildung in dem Taschenbuch zeigte den Au­tor zwar schwarz-weiß, etwas unscharf und zehn Jahre jünger – hatte er jemals so schwarze Haare ge­habt oder waren sie mithilfe von Photoshop für den italienischen Markt eingefärbt worden? -, aber es war doch unverwechselbar er selbst, der ihm da überlegen und auch ein wenig arrogant entge­gen blickte. Ein Leugnen war zwecklos.

„Sie haben mich erwischt“, gab Klammer lächelnd zu. Er genoss den seltenen Moment, in dem er sich prominent fühlen konnte, denn er wurde nicht oft erkannt.

„Ich hatte sehr viel Freude am L’angelo nello spec­chio”. Für einen Deutschen gelingt es Ihnen erstaun­lich gut, sich in die Seele Italiens einzufühlen.”

Klammer wusste nicht so recht, was er mit dieser Aussage anfangen sollte, denn in dem Roman kamen überhaupt keine Italiener vor. Er entschied sich zu einem unverbindlichen Kopfnicken. Von irgendwo her zauberte Ienalli einen wertvollen, obsidianschwar­zen Füller in die Finger seiner Rechten und streckte Klammer das Schreibutensil mit der goldenen Schreibfeder entgegen. Das war eine wirklich er­staunliche Präsentation seiner Fingerfertigkeit, aber Klammer war viel zu abgelenkt, um darauf zu ach­ten.

„Schreiben Sie bitte: Für Fabio”, sagte Ienalli und der deutsche Autor kam freudestrahlend seiner Auf­forderung nach. Der Avvocato kontrollierte nickend die Unterschrift, als würde er ein wichtiges Akten­stück prüfen, blies auf die feuchte Tinte, bis sie trocknete und schloss dann zufrieden sein etwas schäbiges Taschenbuch.

„Ich würde mich wirklich gerne mit Ihnen unter­halten, Maestro, aber wir fahren gerade am Bahnhof ein”, sagte er und seine Stimme klang redlich bedauernd.

Tatsächlich bremste der Zug, der immer langsamer gefahren war, in diesem Moment endgültig ab. Wie aufs Stichwort sprangen die Reisenden in dem Groß­raumwaggon von ihren Sitzen, holten aufgeregt ihr Gepäck von der Ablage und verstopften den Zwi­schengang. Es wurde geschoben und lautstark disku­tiert. Klammer hatte nur einen kleinen Handkoffer bei sich und er wollte sich gerade schon zum Aus­gang nach vorne drängeln, als ihm seine Reisebe­kanntschaft, die ebenfalls nur mit leichtem Gepäck unterwegs war, von hinten an der Schulter fasste.

Scusi, Maestro. Vielleicht können wir uns ja noch einmal während Ihres Romaufenthalts treffen”, sagte er und überreichte dem Autor seine mit goldenen Lettern bedruckte Visitenkarte, die er mit einem neu­en Zauberkunststückchen aus der Luft fischte und dem überrumpelten Klammer in die Hemdtasche schob.

„Ich würde mich wirklich freuen, Sie auf ei­nen Cafe americano oder gleich auf ein Abendessen in meiner Lieblings-Trattoria hier in Rom einzuladen. Ich meine, es wäre mir eine Ehre. Wissen Sie zufällig schon, wo Sie absteigen?”

Ienalli klemmte sich eine Nazionali in den Mund­winkel, zündete sie aber noch nicht an.

Klammer schüttelte den Kopf. Dann verabschiede­te er sich mit einem maulfaulen und gelogenen: „Das wäre nett”; und bemühte sich, den aufdringlichen und auch ein wenig unheimlichen Avvocato im Ge­wimmel des Zugabteils und dann im hektischen Durcheinander auf dem in der Hitze des römischen Vormittags brütenden Bahnsteig abzuhängen. Es gelang ihm – so glaubte er zumin­dest – problemlos. Termini mit seinen tausend Ne­beneingängen und Ebenen und seinen werktäglichen Menschenmassen war wie dafür geschaffen, einen Verfolger abzuschütteln. Er war nicht zum ersten Mal in der Ewigen Stadt und er wusste, wie er vom Bahnhof aus mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Piazza Navona gelangen konnte. In der unmittelbaren Nähe dieses zentralen Platzes befand sich das Hotel Ra­phaël und gleich daneben führte die Vicolo della Volpe zur schnurgeraden Via dei Coronari, die von der En­gelsburg herkommt. Dennoch war er wie jedes Mal erschlagen von der frühsommerlichen Hitze, dem Lärm und dem einem Ameisenbau ähnelnden Ge­wimmel in der Metropole, dem Gestank nach Abga­sen, Müll und Gas, den achtspurigen Straßen kurz vor dem Verkehrsinfarkt, den rücksichtslosen Vespa- und Radfahrern, die ohne Bremsen durch die dich­testen Menschenaufläufe kurvten, dem Hupen, dem vielfältigen Gesang von tausend Stimmen, den Tou­risten, Straßenverkäufern, den Bettlern, den atembe­raubend schönen Frauen, die an den Bars und Schaufenstern vorbei flanierten. Das Berlin seines Großvaters von 1929 muss gegen diesen quirligen und gärenden Dante’schen Höllenkreis ein Paradies voller Ruhe, Entschleunigung und Einsamkeit gewe­sen sein.

Einmal dachte Klammer in der übervollen U-Bahn, dass er weiter hinten im Wagen den Avvocato Ienalli sah, aber als er genauer hinsah, konnte er ihn nicht entdecken.

[Fortsetzung und Schluss am nächsten Montag …]

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 29)

Jetzt kam auch Leben in Rother, der ihr gegen­über stand. Der dicke Kriminalassistent beugte sich flink über seinen Partner und ergriff das Buch, das dieser trotz des Aufpralls noch immer fest in der seltsam abgewinkelten Hand hielt. Rother zerrte und mühte sich. Endlich löste sich der Griff und anschließend hob er das Buch tri­umphierend in die Höhe. Helene Weigel sah ihm erstaunt dabei zu.

„Ich habe es! Ich habe es!“

Rother rannte davon, das Pflaster in Richtung Augsburger Straße hinunter. Se­bastian machte keine Anstalten, ihm zu folgen und er hinderte auch mit einer beschwich­tigenden Geste Lokwi daran. Er hatte noch nichts ge­sagt und starrte auf Brecht, der sich am kurzgeschorenen Na­cken kratzte und wirkte, als wäre er nicht ganz auf der Höhe der Ereignisse. Vielleicht hatte er durch den Unfall auch einen Schock erlitten, aber Sebastian glaubte eher, dass Brecht ebenso wie er selbst von der unglaublichen Ausstrah­lung Lokwis gefangen genommen war. Sie wirk­te wohl auf alle Männer. Dann wanderte sein Blick zwischen dem Dschungel­mädchen und dem berühmten Schriftsteller hin und her. Er rang mit sich selbst, mit seiner al­ten und seiner neuen Liebe, die ein ironisches Schicksal neben­einander gestellt hatte. Brecht, stellte er fest, hatte schlechte Karten.

„Schnell, mein Notizbuch! Meu Deus! Rother darf nicht mit ihm entkommen.“ Elena und der sich auf Gretas Schultern stützende Gregor humpelten aus der Hofeinfahrt. Sebastian wink­te ab.

„Der Dicke hat nur mein Moleskine. Ich habe dem Narbigen vorhin das falsche Buch gegeben. Ich hoffe wirklich, Rother hat Spaß an meinen Gedichten.“

Nur mein Moleskine? Habe ich das gerade wirklich gesagt? Oh, Gott, mein wertvollster Be­sitz!, dachte er. Welche Schätze gehen da unwie­derbringlich verloren? Ich hätte sie Brecht zeigen können …

Trotzdem fühlte er sich gut. Er trat an die Schauspielerin und den Narbigen heran, der weiterhin wie ein zerbrochenes Spielzeug auf der Straße lag und sich nicht rührte. Er traute seinen Augen kaum. Brechts Verlobte hatte recht: Dies war wirklich kein Schwerverletzter oder die Leiche eines Menschen, sondern ein zer­störter Apparat, eine Maschine – ein Maschinen­mensch! Besser ge­sagt, das, was von ihm übrig geblieben war, nachdem ihm Elena zwei Kugeln in die Brust ge­schossen und Brecht ihn mit sei­nem Steyr umge­fahren hatte. Die beiden hatten ganze Arbeit geleistet. Viel Menschliches war danach nicht mehr an der Hyäne zu erkennen.

Ein Arm war vollkommen abgerissen und aus der leeren Achselhöhle quollen Kabel, Schmier­fett und hy­draulische Gelenke. Ein paar Ketten­glieder klickten noch. Mitten aus der Brust rag­te eine Feder und ein paar verbogene Stäbe, die wohl mal als eine Art Rippen gedient hatten. Die künstliche Haut, die bisher den me­tallenen Kör­per unter sich verborgen hatte, war über der lin­ken Gesichtshälfte wie ein altes, feuchtes Plakat an einer Litfaßsäule herab gerissen und darun­ter kam ein rötlich schimmernder, eiserner To­tenschädel zum Vorschein, in dem die blanken Zähne wie die perverse Parodie eines breiten Lä­chelns wirkten. Was auch immer dieses Ding am Leben gehalten hatte, das einem Roman von H. G. Wells entsprungen schien: Nun war es ein­deutig tot und es brannte kein Licht mehr in den blinden, gläsernen Augen. Frau Weigel sah er­schüttert auf.

„Das war – wie nannte Capek diese Automaten noch in seinem Theaterstück? Wir haben „R.U.R.“ doch damals in Frankfurt inszeniert …“ Sie schlug sich an den Kopf.

„Ein Roboter, ja, genau. Das war mal ein Robo­ter, oder? So wie in Fritz Langs Metropolis. Da hat doch Brigitte Helm solch einen Maschinenm­enschen gespielt. Da war unter der Haut auch nur Aluminium. Ich dachte nicht, dass es so et­was in Wirklichkeit gibt. Ein Roboter muss doch sehr teuer sein. Und wie funktioniert so etwas überhaupt? Bertolt, ich glaube nicht, dass dies­mal ein Gedicht ausreicht, um den angerichteten Schaden wieder gut zu machen.“

Greta begleitete ihren Bruder zu einem Later­nenmast, an den er sich klammerte und trat dann heran. Sie sah nicht mit Abscheu, sondern mit wirklichem Interesse herab.
„Ja, das war ein Roboter, ein künstlicher Mensch. Genauso wie Karla. Sie ist als K‘Ral zwar eine andere, etwas weiter entwickelte Bau­reihe, wurde aber von denselben Mächten er­schaffen, um ihnen zu dienen. Sie hat sich aller­dings für die Gegen­seite entschieden, hat mir Elena mal erzählt. Du erinnerst dich, Bastian, der da, man nennt es einen K’Rit, hat heute Morgen noch versucht, Karla im Auftrag der Hyä­nen außer Betrieb zu nehmen. Ich musste sie später nachjustieren, weil sie trotz deines Ein­schreitens etwas abbekommen hatte. Es ist gut, dass ich mich ein wenig mit Autos und Ge­trieben auskenne. Schade, dass wir nicht die Zeit haben, den K’Rit näher zu untersuchen.“

„Ach, Sie verstehen etwas von Autos? Vielleicht wollen Sie sich dann einmal unseren Wagen an­sehen, meine Liebe?“, erkundigte sich Frau Wei­gel.

Gretas Lachen klirrte.

„Gerne. Es wäre mir ein aufrichtiges Vergnü­gen. Unter uns Mädchen, das ist ein wundervol­les Modell, das Ihr Freund da fährt. Wie viele PS hat der denn, wenn ich fragen darf? Einhun­dert?“

Was war das denn für ein Gespräch, das die beiden Frauen da führten? Dies war kein Nach­mittagstee unter Automechanikern! Sebastian wurde wütend.

„Was zum Teufel geht hier wirklich vor? Kann mir jemand mal die ganze Geschichte erzählen?“

Er fühlte sich ausgenutzt und von den Geres und der Ärztin hintergangen. So vieles wusste er nicht, so vieles war ihm verschwiegen worden.

Ich bin für sie nur eine nicht einmal besonders wertvol­le Figur in einem Schachspiel zweier mir unbe­kannter Mächte. Aber immerhin – ich habe Brecht kennengelernt, dachte er. Hat sich schon gelohnt …

„Könnten wir dieses Gespräch vielleicht auf später verschieben? Wenn wir alle im Flieger sitzen?“, mischte sich Elena ein. „Der dicke Poli­zist wird bestimmt seine Kollegen informie­ren und wir sollten weg sein, bevor er mit Ver­stärkung zurückkommt.“

„Aber er hat doch, was er wollte!“, gab Greta zu bedenken.

„Und wie lange wird es dauern, bis er bemerkt, dass er das falsche Buch hat? Ich möchte nicht mehr hier sein, wenn er Bastians kleinen Trick bemerkt.“

„Aber wo sollen wir denn hin?“ Sebastian sah die Straße hinunter.

„Wir können unmöglich zu unserem Auto. Dort, wo es steht, wimmelt es wahrscheinlich von Schupos; wir würden nur Rother in die Arme laufen. Außerdem ist Gregor verletzt und kann mit der Wunde nicht weit lau­fen. Und so, wie wir aussehen …“, Elena deutete auf Lokwi, die stolz ihr Kinn nach oben reckte und mehr denn je wie eine Dschungelgöttin aus ei­nem Roman von H. Rider Haggard glich, „… nimmt uns auch kein Taxifahrer zum Tempelhofer Feld mit.“

Brecht, der bei seinem Auto stehengeblieben war und sich als einziger nicht den zerstörten Roboter betrachtete, räusperte sich und legte dann wie selbstverständlich einen Arm um Lok­wi. Sie ließ sich diese Geste erstaunlicherweise gefal­len und sagte ein paar Wörter in ihrer Sprache, die Elena zum Lachen brachte.

„Sie sind ihr sympathisch“, übersetzte sie. „Sie erinnern sie an ein Tier aus ihrer Heimat, einen Neuweltaffen, der bei ihrem Stamm als Delika­tesse gilt.“
Brecht war nicht beleidigt und stimmte in das Lachen ein. Dabei ignorierte er einen stirnrun­zelnden Blick seiner Verlobten, die über den Vorschlag, der nun unweigerlich kommen wür­de, nicht ganz so glücklich schien.
„Wenns euch net stört, falls es etwas eng wird, hätt ich einen Vorschlag zu machen. Das Alles kling nach einer wirklich interessanten Ge­schichte und i wär a schlechter Autor, wenn mi des net interessieren würde.“

Beinahe hätte B. B. übrigens noch die Litera­turgeschichte verändert, als er wenig später den vollbesetzten und nur leicht beschädigten Steyr Sportwagen durch das panrussische Viertel am KA­DEWE zum Flughafen am Tempelhofer Feld steuerte.

Große, nasse Schneeflocken trieben schräg über die Passauer Straße im Berliner Westen, als ein Exilrusse auf ein hässliches altes Haus zuging, das zur Hälfte hinter einer Gerüstmaske versteckt war. Er hielt sich die Hände schützend vor das Gesicht und achtete nicht auf den Stra­ßenverkehr. Nur ein kühner Sprung zur Seite rettete ihm gerade noch das Leben, als der Steyr ungebremst und hupend angebraust kam und mit quietschenden Reifen in den Kurfürsten­damm einbog.

„Ich muss raus aus dieser grauenvollen Stadt“, dachte der schmale Mann zitternd, der in seinen fünf Jahren in Berlin niemals richtig Deutsch gelernt hatte. Er sah dem Wagen hinterher, der ihn beinahe auf die Hörner genommen hatte. „Und zwar so schnell wie möglich. Das hier ist die Höl­le auf Erden.“
Vladimir schüttelte den Kopf und setzte seinen Weg fort.

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 28)

Der Narbige griff nach unten, um sich seine Waffe vom Boden zu angeln. Sebastian kniff die Augen zusammen und riss sie dann wieder auf. Hatte er wirklich gerade gesehen, dass der schwere Revolver über den Schnee auf den Mann zurutschte, als ob er ihn mit einem un­sichtbaren Faden zu sich heran zog? Das konnte doch nicht sein, das musste eine optische Täu­schung sein. Niemand hatte magnetische Hän­de! Wie es auch stand, wenn Sebastian jetzt nichts unternahm, würde der Mann gleich seine verlorene Waffe wieder in den Händen halten. Er nahm Boxstellung an. Doch der Narbige hielt mitten in seiner Bewegung inne und auch sein Revolver be­wegte sich nicht mehr auf ihn zu.

Es knallte erneut ein Schuss, dann noch einer. Die Hyäne sah verblüfft zu Rother, der nicht ge­schossen hatte, sondern sich mit allen Kräften Lokwis erwehren musste, die sich nach ihrer Ak­tion mit den Kisten wie eine Raubkatze auf ihn gestürzt hatte, um ihm mit ihren langen Finger­nägeln die Augen auszukrat­zen. Auch sein Re­volver war in den Schnee gefallen.

Erst dann blickte der Narbige an sich selbst herab. Die Kugeln hatten ihm in Brusthöhe zwei qualmende, ausgefranste Löcher in den Rollkra­genpullover gestanzt. Falls in seinem brutalen Gesicht jemals eine Empfindung aufgetaucht ist, dann in diesem Augenblick: In seiner Miene zeigte sich Überraschung. Sebastian drehte den Kopf. Hatte etwa Gregor …?

Nein, der lag noch immer halb bewusstlos am Boden. Geschossen hatte Elena. Sie hielt eine bronzierte Pistole mit langem Lauf in der Hand.

„Es war kein Fehler, die alte Parabellum von Wohlfink zu behalten und zu pflegen“, lachte sie. „Ich wusste, ich würde sie noch einmal brau­chen.“

Rother gelang es in diesem Moment, Lokwi zu­rückzudrängen, dann wirbelte er panisch auf den Absätzen seiner ausgelatschten Schuhe her­um und rannte davon, suchte mit einem zer­kratzten und blutigen Gesicht sein Heil in einer kopflosen, fei­gen Flucht. Er legte dabei eine Ge­schwindigkeit vor, die Sebastian dem kurzat­migen Dicken nicht zugetraut hätte.

„Das ist ein Dämon … ein Dämon aus der Höl­le!“, kreischte Rother. „Rette sich, wer kann!“

Sebastian schüttelte lächelnd den Kopf und wandte sich wieder dem Narbigen zu, den er längst zu Boden gesunken glaubte. Doch der un­heimliche Mann stand trotz der töd­lichen Wun­den in seiner Brust noch immer auf­recht. Das war nicht zu glauben! Wie konnte er noch leben? In der einen Hand hielt er das schwarze Buch, mit dem Zeigefinger der anderen tastete er in den Löchern in seinem Pullover, als wäre er Je­sus und Thomas zugleich. Die Augen leuch­teten wieder, der Narbige schaltete sie ein wie eine Taschenlampe und beleuchtete damit seine Wunden, aus denen jedoch seltsamerweise kein Blut, sondern etwas Anderes, Dunkleres, das wie Maschinenöl wirkte, floss. Zu Sebastians grenzenloser Ver­blüffung roch es in dem Hof nun stark nach dem verschmorten Zündkabel ei­nes Automobils, nach bitterer Batterieflüssigkeit und erstaunlicherweise auch nach Zitronen.

„Da hast du“, zischte Greta zufrieden.

Der Narbige sah auf und strahlte sie kurz an, dann entschied er sich. Er folgte mit eiligen Schritten seinem Polizistenkomplizen. Dabei war ein mechanisches Klappern zu hören, das Sebastian seltsamerweise an das Geräusch erin­nerte, das Karla beim Treppensteigen machte. Doch so leicht würden die zwei ihm nicht davon kommen. Er klaubte die schwere Waffe auf, stapfte durch die Scherben und rannte den Hyä­nen hinterher, rein in den nächsten, größeren Hinterhof, der in einen weiteren mündete. Die verschneiten Höfe waren aufgereiht wie Perlen an einer Schnur. Dem Flüchtigen mit dem Buch knapp auf den Fersen, holte ihn ein Déjà-vu vom Vormittag ein. Doch diesmal jagte er nicht allein hinter dem Narbengesicht her, Lokwi war plötz­lich neben ihm; ein schwarzer Panther auf der Jagd. Sie hielt sie mühelos mit ihm Schritt, ihre nackten Füße patschten durch die Pfützen. Und sie lach­te dabei, jauchzte. So hetzten die beiden ihre Beute durch die in nächtlicher Stille und Dunkelheit liegenden Höfe. Ihre schnellen Schritte hallten in den Durchgängen.

Der korpulente und wie eine Dampflok schnau­fende Rother, den die anderen beinahe eingeholt hatten, warf einen entsetzten Blick über die Schulter. Ohne nach vorne zu sehen, rannte er durch die letzte Toreinfahrt und das schmale Trottoir auf die Straße, wo er beinahe von einem sich nähernden Automobil überfahren worden wäre. Gerade noch stolperte er hinter den Wa­gen. Der Narbige, inzwischen nur noch zwei Schritt hinter seinem Komplizen, hatte nicht so viel Glück.

Obwohl der Fahrer noch zu bremsen versuchte und das Lenkrad gedankenschnell herumriss, kam diese Reaktion für die Hyäne zu spät. Das Auto – es war ein Steyr VI Sport, der immerhin 135 km/h schnell werden konnte und auf der men­schenleeren Straße, auf der eigentlich nur 60 km/h erlaubt waren, wie ein Pfeil unterwegs war – erfasste den Mann seitlich mit dem Küh­lergrill und dem rechten Scheinwerfer. Der Auf­prall war so heftig, dass der Unglückliche wie eine Puppe über den seltenen österreichischen Wa­gen hinweg geschleudert wurde und hinter ihm wieder zu Boden fiel. Der Steyr kam erst zehn Meter weiter mit quietschenden Weiß­wand-Reifen zur Ruhe.

Der Fahrer stellte den Motor ab. Jetzt kamen auch Lokwi und Sebastian heran und blieben verblüfft über das überraschende Ende ihrer Jagd auf dem Bürgersteig stehen. Auch Rother verharrte starr vor Schreck vor dem regungslo­sen Körper des Narbigen, der di­rekt vor seinen Füßen zum Liegen gekommen war. Für eine ganze Weile herrschte vollkomme­ne Ruhe auf der Straße. Nur der Schnee fiel un­gerührt weiter und weit weg in der Ferne ertönte eine Fabrik­sirene, die die Frühschicht zur Arbeit rief.

„Grundgütiger! Das ist jetzt schon das zweite Automobil, das du zu Schrott fährst“, ertönte endlich eine ungehaltene Stimme aus dem Wa­geninneren.

Von der Beifahrerseite stieg umständlich eine dunkelhaarige, etwa dreißigjährige Frau aus dem Wagen und kam herum. Sie trug den Tem­peraturen ange­messen einen dicken Pelz. Sie hatte ein schmales Gesicht mit ausdrucksvollen, schwar­zen Augen. Auch der Fahrer kletterte nun aus dem Sportwagen.

„Des is doch net so schlimm, Lene. Dann schreib i halt no a Gedicht für dene ihre Wer­bung und dann schenkens mir halt no so an Wa­gen“, ant­wortete er ihr.

Es war ein kleiner, dünner Mann, kaum größer als seine Partnerin, aber er strahl­te Autorität und eine bemerkenswerte Präsenz aus. Er trug eine glänzende, schwarze Le­derjacke und eine Schiebermütze aus dem gleichen Material auf dem Kopf. Im Mund klemmte eine erkaltete Zi­garre. Intelligente Au­gen funkelten schelmisch, als er sich die Fahrer­brille auf die Stirn schob.

Der Wagen, in dem man überlebt …“, zitierte die elegante Frau, sicher eine Schauspielerin, spöttisch das Werbegedicht ihres Begleiters. „Am besten erklärst du das mal dem armen Kerl, den du angefahren hast.“

„Was rennt der mir au direkt vors Auto!“, rechtfertigte er sich, schnell zornig werdend. Das „r“ sprach er rollend, ja, grollend aus dem Rachen gestoßen. Dabei trat ins Licht des einen, heil gebliebenen Scheinwerfers und untersuchte den Wagen.

„Da is bloß a bissele das Blech vom Kotflügel eingebeult. Des is net so schlimm“, stellte er mit Kennermiene fest. Sein Opfer schien ihn im Moment nicht groß zu bekümmern. Sebastian erkannte den großen Dichter weniger am Aussehen, als vielmehr an der starken, schwäbisch-bayerischen Dialektfär­bung der Stimme, durch die sich der junge Mann mit einem Mal sehr heimisch fühlte. Seine Knie wurden weich. Es konnte keinen Zweifel geben:

Er war es, er und seine kaum weniger berühm­te Freundin Helene Weigel, mit der der Dichter verlobt war.

Bertolt Brecht – denn kein anderer hatte den Unfall verursacht – bemerkte nun endlich das Publikum, das er hatte und sein Blick fiel auf Lokwi. Sein Kinn klappte nach unten, die Zigar­re, auf der er bisher herumgekaut hatte, fiel in den Schnee.

„Da, schau …“, er deutete auf Lokwi. „Sigsch du des? Herrschaften, des is ja ein Prachtweib!“

Er ging auf das Mädchen zu. Offenbar wirkten ihre Zauberkünste auch auf ihn. Seine Freundin schüttelte nur den Kopf. Sie war die Straße hin­unter gegangen und kniete nun neben dem leb­losen Körper des Narbigen.

„Das ist gar kein Mensch, den du da überfah­ren hast“, sagte sie fassungslos. „Das ist bloß ein Haufen Schrott! Wie kommt denn der auf die Straße?“

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Geilwuchs

Aus aktuellem Anlass:

Die Sumpfblüte

Es ist wieder so weit: Das schwülheiße Wetter und die damit verbundenen Wärmegewitter im August haben nicht nur Pilze in meinem Rasen und eine neue Generation blutgieriger Mücken ausgebrütet, sondern auch ein besonders lästiges Unkraut, das nicht in jedem Jahr, aber meist in der Zeit meines Sommerurlaubs innerhalb weniger Tage heranwächst und das Dorf und die nahe Stadt verschandelt und überwuchert:

Es handelt sich um das gemeine Wahlplakat (pergamentum electionis vulgaris), das sich gerade wie eine Seuche ausbreitet, gegen die es kein Unkrautmittel zu geben scheint. Die gemeine Ackerwinde (Convolvulus arvensis vulgaris) ist harmlos dagegen.

An allen möglichen und unmöglichen Orten schießen wegen der Bundestagswahlen diese unheimlichen Pflänzchen wie Spargel aus dem Boden, es sind inzwischen so viele, dass eigentlich kein Platz mehr für neue bleibt, will man nicht Fenster, Böden oder Haustiere bekleben.

Kein Laternenmast, kein Baumstamm, keinen Bauzaun und keine Wand gibt es mehr, von der nicht ein schmierig grinsender Mensch stolz auf mich herabblickt, kein Fuß- oder Radweg, ab dem mich nicht eine Reihe Aufsteller mit Zwei- oder maximal Dreiwort-Parolen zu ständigen Umwegen zwingt. Hundertmal sehe ich in das gleiche flache, mit Photoshop geschönte, schwarzweiße Gesicht, das schon beim ersten Anblick wie eine kalte Dusche wirkte, lese zwanghaft die den Verstand beleidigenden Worthülsen, die offenbar eine Druckmaschine mit Zufallsgenerator unter die Köpfe gesetzt hat. Die Kandiaten, die sich auf meine Kosten für die nächsten Jahre bequem ins Parlament setzen wollen, benutzen immergleiche Textbausteine:

– „Für …“ (bitte selbst ein politisch korrektes Wort einsetzen, es bieten sich an: Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Bildung, Miteinander, Mitte, Werte, Energiewende, Umweltschutz, Deutschland, Jugend, Alter, Kitas, Kinder, Arbeitnehmer, Europa, DSL für alle, endlich eine Umgehungsstraße, Freibier. Das letztere Wort wird für meinen Geschmack viel zu selten benutzt, obwohl es sicherlich das erfolgreichste wäre. Manches der leeren Worthülsen benötigt noch ein passendes Adjektiv. „sozial“, „frei“, „gerecht“ sind die beliebteste.)

– Gegen …“ (bitte selbst ein politisch unkorrektes Wort einsetzen. Vorgeschlagene Wörter: Steuern, Zuwanderer, Rüstung, Kapitalismus, Internetüberwachung, Energiewende, Reiche, Europa, Euro, die Umgehungsstraße, Brokkoli. Das letztere Wort wird für meinen Geschmack viel zu selten benutzt, obwohl es bei mir sicherlich das erfolgreichste wäre. Das „Gegen“-Pflänzchen ist eher bei den Radikalen von links und rechts zu finden; dieses Unkraut wächst übrigens am höchsten hinaus, was den Vorteil hat, dass doch einiges über dem Gesichtsfeld hängt und leichter übersehen werden kann.)

– „Ich bin…“ (gut, jung, gesund, aufgeschlossen, dynamisch, sportlich, ehrlich, zuverlässig, für sie da, Anwalt, Bauer, Diplom-Ökologe, Rentner, Schulrat, Hausfrau und Mutter, Musiker, vegetarischer Metzger, aus dem Volk, kurz: ganz toll. Aber das schreibt keiner.)

– „wählt…“ (Kürzel der Partei, den Frieden, die Freiheit, die Eierkuchen, Jesus, Karl Marx, überhaupt mal, ihr Pfeifen!, kurz: „Wählt verdammt noch mal mich! Sonst muss ich mir eine vernünftige Arbeit suchen!“ Aber das schreibt keiner.)

Die CSU geht hauptsächlich mit Einwortsätzen  und der „Sicherheit“ hausieren: „Bayern. Zukunft“ und „Bayern. Freiheit.“ Statt „CSU“ könnte wirklich jeder beliebige andere Parteienname über Slogan und Bild stehen. Die Beliebigkeit hat ihren Gipfel erreicht. Und das ist doch eine sinnvolle Idee:

Könnte man nicht einfach ein wiederverwendbares Standardwahlplakat mit einer attraktiven jungen Frau Mustermann  (Das ist Geschlechtergerechtigkeit: Wir sind alle attraktive junge Frauen und Professorinnen) drucken, auf dem „Für das Gute. Gegen das Schlechte. Wählt mich und meine Partei“ und darunter der Wahltermin stehen? Es würde dann per Gesetz beschlossen, dass pro Straße nur zwei dieser Infoplakate gehängt werden dürfen, in jede Fahrtrichtung eines. Was könnte man sinnlos verbratenes Geld einsparen und wie viel schöner wären unsere Innenstädte!

PS. Eine Abart des pergamentum electionis vulgaris sind die epistolae electionis, die – kaum informativer – im Briefkasten siedeln und als Schmarotzerpflanze langsam die restliche Post vertreiben. Besonders eklig sind die braunen Epistolae, die unsere Dorfnazis – vulgo AFD’ler – vor den Wahlterminen verteilen. Leider erwische ich ihn nie bei seinen sinistren Machenschaften, aber eines weiß ich: Wenn er nicht aufhört, mir seinen stinkenden Unrat in den Briefkasten zu stecken, dann fäkiere ich auch mal in seinen …

Nur gut, dass diese Seuche ab Sonntag so schnell wieder verschwindet, wie sie aufgetaucht ist. Bis zur nächsten Wahl …

PS.: Dies war übrigens einer meiner Blogartikel, der es nicht geschafft hat, in mein köstliches und überall im Handel erhältliches Büchlein  „Noch einmal davon gekommen“ aufgenommen zu werden, in dem ich meine besten Glossen, Kurzgeschichten und Texte gesammelt habe und auf das ich hier noch einmal hinweisen möchte:

Noch einmal davon gekommen
Glossen, 228 Seiten, reich illustriert
Taschenbuch und E-Book
ISBN 978-3745043006

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 27)

Die fast schon einer Hühnerleiter ähnelnde Treppe endete in einem kleinen, mit aufgestapelten, hölzernen Getränkekisten zugestellten Hof, der von einer Lampe über der Tür erhellt wurde. In ihrem Licht tanzten dicke, feuchte Flocken und auf dem festgestampften, lehmigen Boden hatte sich bereits eine dünne Schneeschicht gebildet. Nachdem sich die fünf über den geheimen Ausgang ins Freie gerettet hatten und etwas derangiert und zitternd in der Kälte standen, denn sie hatten ja ohne ihre Mäntel das überheizte Haricot verlassen müssen, leistete sich Elena zum ersten Mal einen kleinen Moment der Ruhe. Erschöpft umfasste sie ihren Leib und lehnte sich keuchend gegen die Mauer. Sofort waren Lokwi und Gregor bei ihr und kümmerten sich um die überanstrengte Schwangere. Gregor nahm sie in die Arme und Lokwi sprach besorgt in einem vokalreichen, unverständlichen Kauderwelsch auf sie ein.

Das muss ihre Sprache sein, dachte Sebastian. Ich frage mich, ob sie überhaupt eine andere beherrscht. Wie kann ich ihr von meiner Liebe erzählen? Wird sie jemals meine Gedichte verstehen können?

Greta stellte sich frierend und mit einem Fuß auf den anderen springend neben ihn.

„Na, Fella, komm doch mal wieder runter. Du kannst dein Mädel auch noch später anhimmeln. Ich wäre dir dankbar, wenn du mir mal deine Smokingjacke ausborgen könntest.“

Sie rieb sich demonstrativ über die nackten Oberarme, auf denen sich eine Gänsehaut bildete. Sebastian stutzte.

„Die Jacke, ja, klar,“ murmelte er, zog sie aus und hängte sie anschließend Lokwi über, die diese Geste ohne Reaktion hinnahm.

„Jetzt aber …“ Greta war fassungslos. „Ich weiß, Lokwi wirkt auf euch Jungs wie ein Liebestrank, aber das ist jetzt wirklich die Höhe.“

Sebastian war anzumerken, dass er gar nicht wusste, wovon sie redete. Gregor, der die Szene beobachtet hatte, zuckte mit den Achseln, trat hinter seine Schwester und reichte ihr sein eigenes Jackett, damit sie hinein schlüpfen konnte.

„Es gibt offenbar doch noch Gentlemen auf dieser Welt, die die Not eines Mädchens bemerken“, lobte Greta Gregor und täschelte ihrem Zwilling die Wange. Dann wandte sie sich wieder an Sebastian:

„Fertig mit dem Gockeln, Basti? Wir können nicht hier bleiben. Hier werden sie uns früher oder später finden.“

„Du hast Recht“, sagte Gregor und musterte kopfschüttelnd den stummen Sebastian, der nur Augen für Lokwi hatte und offensichtlich überhaupt nicht mitbekam, was um ihn herum geschah. „Wir sollten versuchen, den Breitscheitplatz zu erreichen. Dort stehen die ganze Nacht über Taxis. Hoffentlich laufen wir der Polizei nicht in die Arme, wenn wir den Hof verlassen.“

„Das wäre doch egal“, erwachte jetzt Sebastian und rieb sich dabei tatsächlich eine Schneeflocke aus den Augen. Es sah aus, als wäre er gerade eben erst erwacht. „Jetzt können sie uns doch nicht mehr verhaften.“

„Träum weiter. Hast du denn nicht gesehen, wer die Razzia im Haricot anführte? Das war der Kriminalassis­tent Rother, der uns heute so merkwürdig lustlos befragt hat, obwohl das ja eine Leidenschaft der Polizei ist. Ich glaube, der steckt mit den Hyänen unter einer Decke.“

„Gut beobachtet, Herr Gere“, war in diesem Moment eine laute Stimme von der Hofeinfahrt zu vernehmen und zwei gleißend helle Lampen leuchteten den Winkel hinter den Kistenstapeln aus. „Und wie der Hauptkommissar Weiniger immer zu sagen pflegt: Eine Razzia ist erst dann beendet, wenn man wirklich jeden Fluchtweg kontrolliert hat.“

Zwei Männer mit Pistolen und Taschenlampen in den Händen traten in den Hof. Der eine – beinahe breiter, als er groß war -, war tatsächlich Severin Rother. Der andere war der kahlköpfige, unheimliche Einbrecher vom Vormittag – Sebastian erkannte seine brutale Schlägervisage sofort wieder.

„Hände in die Luft, so, dass ich sie schön sehen kann.“

Alle außer Elena, die weiterhin gekrümmt an der Wand lehnte und Lokwi, die wohl kein Wort verstand, leisteten dem unmissverständlichen Befehl Folge. Aber die glänzenden schwarzen Augen des Mädchens der jungen Amazone erfassten sofort die Situation.

Gregor machte mit erhobenen Händen einen Schritt nach vorn.

„Sie verdammter …“

Ein Schuss bellte.

Der Mann von dem Geheimbund der Hyänen hatte ihn abgefeuert, scheinbar ohne zu zielen. Sebastian sah an sich herab, wartete auf den Schmerz, der jedoch nicht kam. Die Kugel hatte nicht ihn getroffen.

„Ach …“, sagte Gregor noch verblüfft. Dann knickte er in den Knien ein und fiel in den Schnee. Er klappte in sich zusammen wie eine Spielzeug-Wackelfigur der Firma Wakouwa. Greta beugte sich zu ihm herab. Gregor krallte die Hand am Oberschenkel in den Stoff seiner Hose.

„Ein Steckschuss“, murmelte er. „Halb so schlimm … Vater ist mit so einer Wunde im Krieg quer durch Flandern gelaufen.“ Dann verdrehte er die Augen und sank in die Arme seiner Schwester. Er schien viel Blut zu verlieren. Greta nahm das blütenweiße Einstecktuch aus seinem Jackett, das sie trug, und presste es gegen die Verletzung. Sofort saugte es sich mit Blut voll.

Ein Fenster wurde direkt über der Szene geöffnet und dann ganz schnell wieder geschlossen. Rother drehte sich halb zu seinem Komplizen, dessen Pistole nun direkt auf Sebastian zeigte. Rothers Waffe hingegen deutete eher auf den kaltblütigen Schützen neben sich als auf die Gefangenen.

„Was war denn das, Mann? Verdammt, wie soll ich das Weiniger erklären? Wir sind die Polizei; wir schießen nicht einfach so“, fluchte er, schien aber von der Tat des Narbigen nicht allzu betroffen. Der war von den Vorwürfen nicht weiter beeindruckt, steckte seine Taschenlampe weg und trat langsam in den kleinen Hof, blieb neben einem mannshohen Stapel Holzkisten stehen. Er hob fordernd die Hand. Der feiste Kriminalassistent Rother gab sich achselzuckend geschlagen.

„Wie ihr bemerkt habt, sind wir nicht zum Spaß hier. Mein schweigsamer Freund möchte etwas, das ihr bei euch habt und ihr solltet es ihm geben, bevor er hier wie die Mobster in Chicago ein Massaker anrichtet. Ich würde ihn nicht davon abhalten können – selbst wenn ich es wollte.“Der Narbige bekräftigte diese Ansprache nickend und sah dabei Sebastian an. Der Schuss hatte den Bann beendet, unter dem er gestanden war, seit er Lokwi gesehen hatte und der junge Mann konnte wieder klar denken. Täuschte er sich oder glomm in diesen kalten Echsenaugen wieder jener Funke, der sich jederzeit zu einem blendenden Lichtstrahl entzünden konnte?

„Gib mir das Notizbuch von Dr. Kuiper“, sagte der Mann überraschend“, ich habe vorhin im Lokal gesehen, wie sie es dir gegeben hat.“

Sebastian hörte zum ersten Mal die Stimme des Narbigen, bislang hatte er von ihm nur ein hündisches Knurren vernommen. Sein Tonfall klang kratzend, rau, rostig wie ein altes, lange nicht mehr geöltes Schloss, das sich nur widerstrebend öffnen ließ.

„Ich weiß nicht …“ Sebastians Blick irrte zu Greta, die sich weiterhin um ihren verletzten Bruder kümmerte und dann zu Elena. Er zögerte.

„Gib es ihm“, sagte die Schwangere. Sie wirkte erstaunlich gefasst, auch wenn Sebastian dem Klang ihrer Stimme anmerkte, wie sehr sie sich zusammenriss.

„Ich kann dich auch wie deinen Freund über den Haufen schießen. Deine Entscheidung.“

Die Mündung der Pistole rückte ein wenig höher. Sebastian entschied, dass er sich lange genug geziert hatte und trat zu Lokwi, die die ganze Zeit wie erstarrt neben Elena stehen geblieben war.

„Verzeih.“ Er griff in die Tasche seiner Jacke, die sie trug und legte dann das schwarze Buch in die begehrlich ausgestreckte Hand des Verbrechers.

Schade drum, dachte Sebastian und seufzte. Der Narbige war wohl eine Sekunde lang abgelenkt und sein Komplize Rother ebenfalls, aber dieser Moment genügte Lokwi. Sie nutzte ihre Gelegenheit und warf sich mit einem Aufschrei gegen die aufgestapelten Kisten, die zwischen dem Narbigen und Sebastian zu Boden krachten. Dabei wurde dem Mann die Pistole aus der Hand gerissen und er stolperte nach hinten. Leere grüne Flaschen wurden aus den zersplitternden Holzkästen geschleudert, kullerten durcheinander über den verschneiten Hof und zerbrachen laut scheppernd an den Wänden und aneinander.

[Hier geht es weiter …]

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Die Geschichte geht weiter: „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – TEIL 2“

Was bin ich doch für ein fleißiges Kerlchen!

Die Jagd nach dem geheimnisvollen Buch der Bücher geht weiter!

Während der Schriftsteller Nikolaus Klammer verzweifelt versucht, seine verschwundene und vielleicht auch von finsteren Mächten entführte Tochter Isa zu finden und endlich in Rom eine Spur von ihr zu entdecken glaubt, hat sich das schwarze Buch erneut verändert, das man ihm  in einer von einem Tag auf den anderen verschwundenen Buchhandlung unter mysteriösen Umständen zugespielt hat.

Diesmal erzählt ihm das Buch die Geschichte von Sebastian Kerr, des Großvaters des Autors, der in den letzten Tagen der Weimarer Republik im vergnügungssüchtigen und brandgefährlichen Berlin der gegen eine Geheimorganisation kämpfen muss, die offenbar auch in der Gegenwart Klammer und seine Familie bedroht. Es sind die „Hyänen von Berlin“.

Wird Klammer die unglaubliche Verschwörung um die im Dschungel des Amazonas verschollene Ärztin Elena Kuiper und ihre eingeborene Freundin Lokwi aufdecken können? Und was hat es mit diesem merkwürdigen Pentagramm-Symbol auf sich, dem er überall begegnet?

Auch im zweiten Teil seiner „Trilogie in 5 Teilen“ gelingt es dem Autor, ein überaus spannendes und auch humorvolle Garn zu spinnen, das nahtlos an den ersten Teil anschließt und den Leser viele Stunden zu fesseln vermag.

In dieser Woche ist mein neues Buch erschienen:

TEIL 2
DIE HYÄNEN VON BERLIN
230 Seiten, illustriert
ISBN: 978 3 745 01918 6
überall als Taschenbuch und als günstiges E-Book erhältlich

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 26)

Elena wartete, bis Sebastian ihr Notizbuch zu sei­nem Moleskine in die nun ordentlich ausgebeulte Smokingtasche geschoben hatte und winkte dann den anderen.

„Jetzt möchtest du aber endlich Lokwi kennen­lernen, oder?“

Das Mädchen aus dem Dschungel war noch im­mer von der Schar für sie schwärmender Frauen umringt, reagierte aber sofort auf das Handzei­chen der Schwangeren. Sie hatte ihre Freundin keinen Moment aus den Augen gelassen. Sebastian hatte es nicht für möglich gehalten, aber Lokwis Lächeln wurde noch breiter. Sie löste sich sanft aus Gretas Arm und ging gemächlich auf den Nischenplatz zu, in dem Sebastian mit Elena saß.

Ihm blieb die Luft weg. Mit jedem Schritt, mit dem Lokwi aufreizend langsam näher kam, wur­de sie noch schöner und der Liebreiz, den sie so selbstverständlich wie eine Heilige ihren Nimbus trug, wurde unbe­zwingbarer, unwiderstehlicher, hypnotisieren­der. Sebstian bemerkte, wie sein linkes Bein seiner Kontrolle entglitt und hektisch zu wippen begann. Lokwis Bewegungen glichen denen einer Raub­katze auf dem Sprung, eines schwarzen Pan­thers oder Leoparden, sie waren geschmeidig, tänzelnd, fast spielerisch, aber auch auf eine merkwürdi­g nachlässige, gleichgültige Art gefährlich und bedrohlich. Alle Muskeln waren angespannt – understatement eines Dschungeltiers.

Die magnetisierende Aura des Mädchens nahm Sebastian erneut vollkommen gefan­gen und er vergaß alles andere um sich herum: Das überaus bunte Publikum im Haricot, den Lärm, das La­chen, das Klirren der Champagnerflöten und das Meeresrauschen der Gespräche, die Jazz-Musik, sogar die ungewöhnliche Frau, die neben ihm saß, Gretas eifersüchtige Blicke, das Kopfschütteln ihres Bruders, die exaltierten, im Moment Gregor nachahmenden Komikerbewegungen Rudis. Das alles hörte für ihn auf zu existieren. Er war ein Ackergaul, der seine Scheuklappen trägt und für den es nur einen Blick, nämlich den direkt geradeaus auf sein Ziel hin, gibt.

Sebastian hatte durchaus einige Erfahrungen mit den Schönheiten seiner Heimatstadt gemacht und galt deshalb auch in manchen Familien als Schwerenöter, vor dessen schlechtem Einfluss man die Tochter des Hauses beschützen musste, aber noch nie hatte ein Mädchen solch eine Wir­kung auf ihn gehabt. Er hatte sich nicht einmal in seinen kühnsten und sentimentalsten Träumen vorstellen können, dass es ein Mädchen wie Lok­wi, das seinen Seelenfrieden so nachhaltig erschüttern konnte, überhaupt geben mochte. Ja, er war sich jetzt sicher: Er war sterblich in sie verliebt; jede Faser seines Körpers sehnte sich nach einer Berührung von ihr und er würde jetzt nur noch Gedichte über das Mädchen aus dem Dschungel schreiben – für den Rest seines Lebens.

Jetzt ist der richtige Moment, um zu sterben, dachte er, nun habe ich alles gesehen. Nach Lokwi kann es keine andere Schönheit mehr ge­ben. Ich bin auf dem Gipfel. Nach ihr wird alles zweitrangig, abfallend, minderwertig sein.

Sebastian sprang auf, wollte dem Dschungel­mädchen auf ihren letzten Schritten entgegen eilen, sie in den Arm nehmen und nie mehr los­lassen.

Von diesem Moment an ging alles furchtbar schief.

Gepolter ertönte oben auf der Galerie, zornige und ängstliche Stimmen wurden laut, Bewegung kam in die eng zum Blues aneinander ge­schmiegten Tanzenden, Menschen strebten eilig auseinander, eine Frau ließ ihr Glas fallen und schrie gellend. Die Musik endete mitten im Takt. Lokwis Lächeln erlosch und sie wandte sich erschrocken um. Auch die Zwillinge und Rudi drehten ihre Köpfe, suchten verwundert nach der Ursache der Aufregung. Plötzlich waren schrille Triller­pfeifen zu hören. Sie gellten betäubend in Sebastians Ohren. Er schüttelte den Kopf. Ihm war, als hätte er zu viel getrunken und er ver­suchte, sich aus der Erstarrung und Verzaube­rung zu befreien. Es gelang ihm nicht vollstän­dig und die folgenden Ereignisse erschienen ihm später wie ein wirrer Fiebertraum, als wäre er als Uneingeweihter in eine wüste DADA-Kunstaktion gestolpert.

„Halt, Polizei! Razzia!“, brüllten laute, befehls­gewohnte Stimmen durch die vom Zigarettenrauch neblige Luft. „Alle an die Wände stellen, die Hände hinter den Nacken schieben! Verhalten Sie sich ruhig und gesittet, damit wir Ihre Personalien aufnehmen können. Flucht hat keinen Sinn, das Gebäude ist von allen Seiten umstellt.“

Uniformierte rannten die Treppe hinunter und drangen gleichzeitig durch einen rückwärtigen Eingang hinter der Bar und durch die Küche in das Lokal. Anscheinend hatte die Sitte eine Hundertschaft Schutzpolizei im Einsatz; sie fielen über das Haricot her wie Wespen über ein Marmeladeglas. Dabei hielten sie Schlagstöcke in den Hän­den, von denen sie rücksichtslos gegen Mann und Frau Gebrauch machten, wenn diese nicht sofort oder zu träge ihren gebellten Befehlen nachkamen. Noch waren die Schupos nicht in den Theatersaal vorgedrungen, da eine panische Menschentraube den Eingang zu ihm verstopfte, aber das war nur noch eine Frage von Momenten, bis sie sich mit Gewalt Eintritt verschafften. Se­bastian fühlte sich wie ein Tier in der Falle. Er sah hektisch um sich, doch es schien kein Ent­kommen für seine Freund und ihn zu geben.

Eine Hand legte sich fest auf seine Schulter. Er zuckte zusammen. Doch es war kein Gendarm, der ihn gepackt hielt, um ihm Handschellen an­zulegen, sondern Elena, die sich neben ihn ge­stellt hatte. Sie musste mit dem Mund ganz nah an sein Ohr, um den Lärm zu übertönen.

„Es gibt noch einen Ausgang. Er ist hinter der Bühne und führt zu der Künstlergarderobe. Von dort kann man in die Hinterhöfe gelangen, durch die man auf die Würzburger Straße kommt. Auf diesem Weg können wir vielleicht entkommen, so lange das Chaos hier drinnen noch anhält. Schnell!“

Mit einer Geschwindigkeit und Rücksichtslo­sigkeit, die Sebastian der Hochschwangeren niemals zugetraut hatte, bahnte sie sich schie­bend und stoßend ihren Weg an der Seitenwand in Richtung Bühne und machte dabei den ande­ren Zeichen, ihr zu folgen. Die Zwillinge, Rudi und Lokwi ließen sich dies nicht zweimal sagen und rannten hinter dem noch immer vollkom­men konsternierten Sebastian und der zielstrebigen Elena hin­terher. Gemeinsam stolperten sie die drei Stufen zur Bühne hinauf und zwängten sich durch einen Spalt hinter den schweren Vorhang, wo gerade einige Arbeiter damit beschäftigt waren, das Dschungelbühnen­bild abzubauen. Keinen Augenblick zu spät! Drei, vier Gendarmen polterten von der anderen Seite auf die Bühne und entdeckten die Flüchti­gen. Die Bühnenarbeiter ließen sofort die Töpfe mit den Sukkulenten fallen und hoben die Arme. Trotz­dem wurden sie grob beiseite gestoßen, denn die Polizisten waren nicht hinter ihnen her.

„Stop! Polizei!“

Es schien aussichtslos, doch Rudi, der den Abschluss machte, blieb plötzlich stehen und drehte sich herum, wedelte wie ein Geisteskranker mit den Armen in der Luft und kreischte. Dann rannte er schreiend den Schu­pos entgegen und entwischte Gregor, der nach ihm fassen wollte.

„Rudi, nicht!“, jammerte er fassungslos. Doch die Aktion seines stummen Freundes war nicht kopflos, sondern wohlüberlegt, auch wenn er in diesem Moment mehr an Buster Keaton oder Charlie Chaplin als an Harold Lloyd erinnerte. Rudi hatte gedankenschnell die Lage durchdacht und wollte den anderen die Möglichkeit geben, den heranstürmenden Polizisten zu entkommen. Deshalb opferte er sich und rannte ihnen bereitwillig in die Arme.

Kurz vor den Schupos, die bereits er­staunt ihre Schlagstöcke hoben, bog er jedoch ab, machte einen Ballettsprung zur Seite empor und be­gann geschickt wie ein Affe den Bühnenvorhang hinaufzuklettern. Die Polizisten starrten ihm ungläubig  hinterher. Weit kam er allerdings nicht, denn der schwere Stoff gab plötzlich unter seinem Gewicht nach und begrub Arbeiter, Schupos und zu oberst Rudi in einem heillosen Durcheinan­der und Gestrampel unter sich. Zuletzt segelte gemütlich Rudis Strohhut auf das Gordische Knäuel aus sich windenden Leibern und Bühnenvorhang herab. Das war die Ablenkung, die die anderen brauchten.

„Schnell jetzt“, drängte Elena, denn es erklom­men bereits weitere Polizisten die Bühne.

„Stehenbleiben!“

Die Fliehenden dachten gar nicht daran. Sie zwängten sich in einen engen Seitengang und er­reichten die Tür zur Garderobe. Elena riss sie auf und winkte alle hindurch. Dann schlug sie den nachfolgenden Gendarmen die Tür vor der Nase zu, verriegelte sie.

„Das wird sie nicht lange aufhalten! Kommt, nach hinten!“

Die halbnackten Tänzer und Tänzerinnen von Lokwis Bühnenshow rannten panisch wie Hüh­ner, in deren Stall der Fuchs geraten ist, durch­einander.

„Ihr müsst sie aufhalten!“, rief Elena ihnen zu und schob ihre Gruppe weiter. Die Tür in ihrem Rücken erzitterte unter festen Schlägen, ihr Schloss würde dem Ansturm nur noch wenige Augenblicke standhalten.

„Aufmachen, Polizei!“

Es gab einen weiteren Ausgang am anderen Ende des Raums, aber den benutzte Elena nicht, denn sie war sich sicher, dass sie dort nur weiteren Polizisten in die Arme laufen würden. Sie trat stattdessen hinter einen der großen Gar­derobenspiegel, wo sich eine gut versteckte und mit Plakaten verklebte Tapetentür befand, die sie zusammen mit Sebastian aufstemmte. Da­hinter führte eine Treppe steil nach oben.

„Los, hierher. Wenn wir Glück haben, können wir die Schupos abschütteln.“

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Ein Kommentar

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