Archiv der Kategorie: Science Fiction

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (3)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

„Was hast du für ein liebliches Gesicht“, flüsterte der Prinz ihr zu und schloss genießerisch seine Lider. „Das Ebenholz deines Haars und deine grauen Augen sind so … lieblich!“

Irta konnte nicht anders: Sie müsste über die ungelenken Schmeicheleien lachen. Sie blähte ihre Wangen auf und prustete los. Dadurch gelang es ihr endlich, sich aus ihrer qualvollen und erniedrigenden Lage zu befreien. Sie fiel zurück in ihre Kammer und auf die Kissen, die dort als ihr Bett auf dem Boden lagen und lachte auf dem Rücken liegend schallend weiter.

„Deine Augen sind so grau und glänzend wie das Gefieder der Dohlen, die den verfallenen Turm der Hochburg von Dersa wie ein ewiger Gesang umkreisen“, versuchte sich Raul an einem Vergleich aus der alten lamargischen Heldensage Sena und Viril. Das war die einzige Zeile Poesie, die er kannte, die ihm halbwegs in seine Lage zu passen schien, doch er erntete damit nur weiteres Gelächter, das in einem Hustenanfall endete, der den Prinzen um die Gesundheit seiner Angebeteten fürchten ließ. Doch Irta presste nur fest ihre Hand auf den Mund, damit sie mit ihrem Lachanfall niemanden im Serail aufschreckte. Tränen liefen ihre Wangen hinab. Sie war wirklich nicht anspruchsvoll, wenn ihr jemand Komplimente machte, aber jeder dahergelaufene Gassenjunge in Karukoras Altstadt kannte schönere Verse, um ihre übrigens bei jedem Licht dunkelbraunen Augen anzuhimmeln. Das wusste auch Raul, aber Dohlen waren eben seiner Erfahrung nach nicht braun. Diese künstlerische Freiheit hatte er sich herausgenommen.

„Zeige dich wieder, unbekannte Schönheit. Bitte …“, bettelte er. „Ich weiß doch, ich bin nur ein Barbar aus den schwarzen Wäldern nördlich des Walls und ich kann besser mit dem Schwert als mit Worten sprechen. Die einzigen Bücher, die ich je gelesen habe, sind Us‘Dis Die hinterlistige Kunst, einen Krieg zu gewinnen und die Lehrbücher, die ich im Unterricht auswendig lernen musste. Ach, ja, ich kenne noch die Fünf Bücher des Baruch. Wenn sie auch viel Poesie enthalten, dann ist es doch eine, die dir vielleicht zu fremd und ketzerisch erscheint. Doch lass es mich versuchen.“

Irta antwortete nicht, doch sie schloss auch nicht ihre Fensterläden. Sie spitzte im Gegenteil ihre Ohren, damit sie nur ja nichts versäumte. Die in Karukora verbotenen Bücher des Baruch, die der erste Erzabt Straif von Italmar in den Geisterhöhlen unter dem Newtongebirge gefunden hatte, interessierte sie sehr, denn als Tochter eines Märchenerzählers war sie immer an neuen Geschichten interessiert.

Am besten dient mein Auge blinzelnd mir;
Denn unbeachtet geht der Tag an ihm vorüber:
Allein im Schlaf, im Traume sieht’s nach dir
Aus Nacht in Helligkeit, nachthell hinüber.
Du, deren Schatten nun die Schatten so erhellt,
Wie wird am Tag erst deines Schattens Wesen
Mit seinem höchsten Licht erfreun die Welt,
Wenn blinde Augen schon am Schatten so genesen!
Wie selig, sag‘ ich, wär mein Auge nun,
Hätt‘ ich am heitern Tag erst dich gewahrt,
Wenn öde Nacht den Augen, wie sie ruhn,
Dein schönes bleiches Trugbild offenbart.
Mir scheint Nacht jeder Tag, getrennt von dir,
Und Nächte hell wie Tag,
zeigst du im Traum dich mir.

Zuerst war die Stimme Rauls unsicher und zögernd. Er geriet auch einmal ins Stocken und begann wieder von vorn. Aber dann erinnerte er sich immer besser an die Verse aus dem 1. Buch des Baruch. Er hatte sie für seinen Rhetoriklehrer als Gedächtnisübung immer und immer wieder vorsagen müssen, bis er sie schließlich auswendig konnte. Obwohl Raul viele Jahre nicht mehr an diese Lektion gedacht hatte, sah er das Gedicht nun plötzlich so deutlich vor sich, als würde er die Worte direkt aus dem heiligen Werk der Mönche von Italmar ablesen. Er wusste nicht, was Meister Jac Javac Mauvaise damals bewogen hatte, die Sprachfertigkeiten einen zehnjährigen Knaben ausgerechnet mit diesen Versen verbessern zu wollen. Erst jetzt, während er sie nach langer Zeit zum ersten Mal wieder sprach, begriff er wirklich ihren Inhalt und er erkannte, dass sich hinter den bloßen, wohlklingenden Worten noch etwas anderes, etwas düsteres verbarg.

Irsa jedenfalls lauschte der uralten Poesie aus der verlorenen Zeit der Vorgänger begeistert. Sie kannte sie nicht, weil sie ihr verboten war. So wurde ihr das Zuhören so bittersüß wie das Kosten einer Tollkirsche und ließ sie mit einem Mal ahnen, dass es hinter der Liebesplänkelei, den heimlichen Blicken, den halb scherzenden, halb provozierenden Schmeicheleien, sogar den flüchtigen Küssen und Berührungen in unbeobachteten Augenblicken in dunklen Ecken noch etwas anderes gab, das viel gewaltiger und größer war. Und wenn die Bücher des Baruch wirklich solch wundervolle Poesie enthielten, dann konnte es keine vollkommene Sünde sein, sie zu lesen.« Sirtis machte eine Pause und sah sich um.

»Doch wir, meine Lieben, leben in einer aufgeklärteren Zeit und uns schockiert doch die Erwähnung eines heidnischen Buches nicht mehr, das unsere Väter und Mütter gefürchtet haben«, sagte sie dann. Sie hatte sich auf eine gefährliche Straße begeben, als sie den heiligen Kodex der Mönche erwähnte, die in Baruchs Namen einst die halbe Welt erobert und und die blutige und grausame Knute ihrer religiösen Diktatur gebracht hatten, bis die Kokardenrevolution sie in die Grenzen ihres eigenen Staates gezwungen hatte. Doch diese finsteren Zeiten waren lange vorbei. Trotzdem spuckte sie zur Sicherheit und zum Schutz gegen das Böse dreimal ins Feuer, bevor sie weitererzählte. Ein paar ihrer Zuhörer taten es ihr gleich.

»Raul wartete geduldig auf eine Antwort des Mädchens, dem es zum ersten Mal in ihrem Leben die Sprache verschlagen hatte. Die Lachlust war Irta vergangen und ein merkwürdiger, süßer Schmerz machte ihr das Atmen schwer.

„Kann es sein?“, fragte sie sich zwischen Bangen und Hoffen. „Kann es denn wirklich sein?“ Sie konnte sich nicht entscheiden; zu verfahren war ihre Situation. Sollte sie dem Prinzen antworten und ihm Hoffnungen machen? Oder doch besser sofort ihr Fenster schließen und darauf hoffen, dass er diesen Wink verstand? Eine Zukunft konnte sie sich mit ihm nicht vorstellen.

Die Allerbarmerin, die mit ihrem tränenvollen Blick auf alle Lieben in den Überlebenden Landen blickt, nahm ihr die Entscheidung ab. Auch wenn ihre göttlichen Entschlüsse auf uns Sterbliche wie Zufälle wirken, sind sie doch immer weise und barmherzig. Plötzlich war der Lärm von eilenden, sich nahenden Schritten aus dem entfernteren Teil des Gartens zu hören. Eine Gruppe Männer – wahrscheinlich Eunuchen, die nach dem Rechten sehen wollten -, kamen mit Fackeln in den Händen herbei und es konnte nur noch Augenblicke dauern, dann war der Prinz von ihnen entdeckt und bloßgestellt! Irta sprang auf und legte den umgestürzten Hocker wieder unter das Fenster, um auf ihn zu steigen und hinauszusehen. Hoffentlich gelang es Raul, den Näherkommenden zu entwischen! Doch der junge Prinz hatte einen besseren Einfall, als sein Heil in einer unvorbereiteten Flucht zu suchen. Er wusste: Würden ihn die Wachen hier unter den Mauern des Verbotenen Haruems auffinden, dann hatte er sein Leben verwirkt und das Todesurteil würde ohne viel Federlesens gleich an Ort und Stelle vollzogen. Sein Kopf tauchte überraschend im Fensterrahmen auf und Irta prallte zurück. Dann schob sich der Prinz seitlich durch die enge Öffnung weiter in ihre Kammer hinein. Doch dann hinten seine Beine im Freien und er kam nicht mehr weiter. Die Wächter waren inzwischen herangekommen. Wenn jetzt einer von ihnen nach oben sah und begriff, was sich dort in der Dunkelheit abspielte, dann war Raul verloren.

[Fortsetzung nach meinem Pfingsturlaub …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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Ein Kommentar

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (2)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

»Doch der hochberühmte Koch war wie alle Küchenbeys dem von der Allerbarmerin verfluchten Laster der Trunksucht verfallen, das ihn dann nur wenige Zeit später vernichtete. Ein Fass dunkles, schäumendes Bier aus dem fernen Danmark ließ ihn dann endlich weich werden und doch in den Handel mit Aismek einwilligen. Es war sein Verhängnis. Aber die Geschichte des verhexten Fasses ist eine weitere Geschichte nach der Geschichte und ich will sie euch an einem anderen Tag erzählen. Irta jedenfalls, die ihr ihr Glück kaum fassen konnte, durfte den Bauch des Elfenbeinernen Palastes verlassen und in die von den Eunuchen streng bewachten Frauengemächer ziehen, die sich in den luftigsten, aber auch den abgelegensten Räumen des Herrschersitzes befinden. Doch glücklich wurde Irta auch im verbotenen Serail nicht.

Nachdem sie sich rasch eingewöhnt hatte, gingen ihr die Arbeiten dort zwar leicht und schnell von der Hand, aber obwohl sie den Gattinnen und Gespielinnen des Namenlosen bald mehr eine Freundin als eine Dienerin war, erschienen ihr die Tage in den Frauengemächern endlos, öde und ihr war die meiste Zeit ganz entsetzlich langweilig. Aber immerhin wurde sie nun besser entlohnt und musste von ihren sauer verdienten Denires nichts mehr für Kost und Logis abgeben. Ihr Beutel mit den Kupfermünzen schwoll langsam aber stetig an. Sie hauste nun auch nicht mehr in einem großen, schmuddeligen Schlafsaal wie in der Küche, sondern hatte ihr eigenes, allerdings winziges Zimmerchen, das mehr ein begehbarer Wandschrank als ein Raum war. Aber es gehörte ihr ganz allein und besaß sogar ein kleines Fenster, durch das Irta hinunter in einen Palastgarten und in den langen Nächten von ihrem Lager am Boden aus munter die Sterne über dem Südmeer funkeln sehen konnte. Einmal im Monat durfte sie auch noch vor Morgengrauen für einen Tag den Harem und den Palast verlassen und ihre Familie in der Stuhlwebergasse besuchen. Diese dreißig Tage lang herbeigesehnten und kostbaren Stunden bedeuteten Irta mehr, als ihr euch vorstellen könnt.

So verging ohne Abwechslung und Veränderung ihrer Lage beinahe ein Jahr und hätte nicht ab und an der treue Aismek das eine oder andere Buch mitgebracht und sich auf eine Partie Dakmak zu ihr gesetzt, wäre sie wohl umgeben von stummen Eunuchen, grazilen Schönheiten, Wohlgerüchen, erlesenen Stoffen und Spezereien und den zarten Klängen der Leierspielerinnen wie ein Zeisig in einem zu kleinen Käfig vor Langeweile eingegangen.

Der Namenlose besuchte seinen Harem während dieser Zeit kein einziges Mal. Wie ihr sicherlich wisst, hatte ihn ein Sturz von seinem liebsten Reitpferd in seine frühe Kindheit zurückgeworfen und er besaß nun das Gemüt und die Geisteskräfte eines dreijährigen Knaben. Die Regierungsgeschäfte führte sein guter Onkel Bathu für ihn und „Erquickende Wüstenoase“ saß sabbernd und kichernd auf dem Falkenthron und ließ sich von Muhar, dem Märchenerzähler, Abenteuergeschichten mit Drachen und kühnen Helden vortragen. Der rasche und für die meisten auch überraschende Tod von „Wüstenoase“ ein paar Jahre später war wohl eine Gnade der Allerbarmerin und beschenkte uns alle mit der milden und segensreichen Regierung seines Sohnes, des „Unterwerfers“, der just einen Tag vorher volljährig geworden war und damit auch nicht mehr die Führung seines Großonkels Bathu benötigte.«

Der bissige Tonfall hatte die letzten Worte von Sirtis Lügen gestraft, doch nun gehorchte sie der Sitte der Märchenerzähler, nach einer Erwähnung des regierenden Bişra eine Pause einzulegen. Sie wartete geduldig die unvermeidlichen Lobpreisungen und Trinksprüche auf das Wohl des „Unterwerfers“ ab. Schließlich hatte der Vezir Ómer überall seine Augen und Ohren und kannte einige exquisite Folterinstrumente für diejenigen, die abfällig über ihren Herrscher redeten oder schwiegen, wenn es an der Zeit war, ihm bejubeln. Dann fuhr Sirtis fort, von ihrer Schwester zu erzählen:

»Was die Frauen des Bişra vielleicht erleichtern mochte – wir wissen nicht, was in ihnen vorging -, betrachtete die quirlige Irta beinahe wie eine Strafe und ihr Hauptbeschäftigung neben der Pflege und dem Waschen der Haare und Körper ihrer Herrinnen, ihnen mit einem Palmblatt Kühle zuzufächeln oder ihnen Konfekt zu reichen, war es, die Tage und Stunden bis zu ihrem nächsten Urlaubstag zu zählen und sich in der Nacht durch ihr schmales Fenster zu lehnen und die Sterne anzuseufzen. Um das recht hohe Fensterchen zu erreichen, stellte sie sich auf einen Hocker und quetschte ihren Oberkörper ins Freie. Doch in einer Nacht bemerkte sie, dass sie von dem Garten unter dem Serail aus dabei beobachtet wurde, wie sie ihren Kopf und ihre Schulter durch den engen Fensterrahmen zwängte und ihre Sehnsüchte flüsternd der Dunkelheit anvertraute.

Sie hatte in dem Schlagschatten eines Baumes eine Bewegung gesehen und stieß erschrocken einen Schrei aus. Sofort schritt ein auffallend großer, muskulöser und hellhäutiger Mann aus der Finsternis halb in das Licht, das aus den Fenstern des Harems in den Garten fiel. Er trug fremdländische, selbst für eine kalte Wüstennacht viel zu warme Kleidung und eine hässliche Fellkappe auf seinem kahlen Schädel. Obwohl Irta ihm noch nicht begegnet war, wusste sie sogleich, um wen es sich bei dem nächtlichen Störenfried handelte. Es war Raul, der junge lamargische Prinz, der sich mit seinem Vater Yves III. samt großem Gefolge zu Verhandlungen mit dem Regenten in Karukora aufhielt. Die fremdländischen, exotischen Fürsten und ihre barbarischen Begleiter waren in diesen Tagen das Gesprächsthema der gelangweilten Frauen des Bişra. Es konnte sicher nur ein Zufall sein, der Raul, der in Irtas Alter war, aus seinem ein paar Stockwerke tiefer gelegenen Gastquartieren hierher in diesen gut versteckten kleinen Park unter ihr Fenster geführt hatte, aber es war doch eine flegelhafte Unverschämtheit von ihm, sich so lange nicht bemerkbar zu machen und sie heimlich bei ihrem Kummer zu beobachten. Mochte die Tränenreiche wissen, wie viele der Seufzer der jungen Dienerin er erlauscht hatte!

Wütend auf den Voyeur und auch voller Scham wollte Irta eilig ihren Kopf zurückziehen und die Fensterläden vor ihrer Kammer schließen, aber der Hocker, auf dem sie stand, rutschte ihr durch die heftige Bewegung unter ihren Füßen weg und so steckte sie plötzlich im Rahmen fest, konnte für den Moment weder vor- noch rückwärts. Der Prinz, der von ihrer misslichen Lage nichts mitbekam, wollte die günstige Gelegenheit nicht verstreichen lassen.

»Warte, du Schöne!«, rief er und trat vollständig aus seinem Versteck, kam ganz nah an die Mauer des Serails heran. Wusste Raul, in welcher Gefahr er schwebte? Würden ihn jetzt die Eunuchenwachen entdecken, die misstrauisch den Harem des Namenlosen bewachten, dann würde er zweifellos an Ort und Stelle seinen Kopf verlieren und von Neuem der Krieg zwischen Karukora und der Lamargue ausbrechen. »Fürchte dich nicht vor mir.«

Irta zappelte hilflos mit ihren nackten Beinen in der Luft und versuchte angestrengt, sich mit ihren Händen abzustützen und sich nach innen zu schieben. Raul deutete ihren Gesichtsausdruck falsch.

»Ich werde dir nichts tun“, versuchte er sie zu beruhigen. Irta stieg vor Anstrengung das Blut in den Kopf und sie war froh über die Schatten der Nacht, die ihr peinliches Erröten verbargen. Sie warf dem Prinzen einen, wie sie hoffte, vernichtenden und strafenden Blick zu, doch anstatt betroffen zurückzuweichen, trat er ermutigt über ihr Verbleiben direkt unter ihr Fenster, ohne sich um die duftenden Blumen zu kümmern, die auf dem Beet unter seinen Füßen wuchsen. Er trampelte achtlos hinein. Obwohl Irtas Kammer fast ein Stockwerk über dem Boden des Beets lag, war er so groß, dass er sie nun hätte berühren können, wenn er seine Arme nach oben gestreckt hätte. Ein Lichtstrahl viel auf sein Gesicht und Irta stockte der Atem – nicht, weil ihr der Fensterrahmen auf die Brust drückte, sondern weil Raul sie aus seinem ebenmäßigen und edlen Gesicht so liebevoll musterte, als erblicke er das Wertvollste auf der Welt.

[Zum 3. Teil …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (1)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei

»Auf diese Weise verdingte sich meine Schwester Irta schließlich am Hof des Namenlosen Herrschers und sie war eine niedrige Dienerin unter tausend anderen und doch eine ganz besondere.«

Das große Feuer im quadratischen Innenhof der Alhasra-Karawanserei vor dem Nordtor von Karukora war beinahe erloschen. Längst flackerten und glommen die letzten Glutnester der niedergebrannten Holzscheite und Briketts aus gepresstem und getrocknetem Kamel-Dung in dunklem orangefarbenen Schein, als wäre an dieser Stelle die Erde kreisrund aufgebrochen und als würde ihr Brand aus dem Inneren an die Oberfläche emporquellen und einen Lavasee bilden. Wenn der Herbergsvater Hüsëttin ab und an mit seinem langen eisernen Haken in der Glut wühlte und rührte, um sie noch einmal anzufeuern, dann sprühten nur noch wenige Funken in die Höhe und tanzten bis zu ihrem schnellen Verlöschen über den Häuptern der Versammelten. Doch keiner von den reisenden Kaufleuten, ihren Dienern und Sklaven dachte daran, dass er am frühen Morgen vor Sonnenaufgang wieder aufstehen musste und es langsam ratsam wurde,  sich zur Nachtruhe zu begeben. Auch die Beschäftigten des Rasthauses wollten  noch nicht an das Ende dieses Abends glauben. Man rutschte nur näher heran an die in sich zusammenfallenden glühenden Holzkohlen, deren Hitze immer schneller von der Kälte der Nacht geschluckt wurde und die Flaschen mit wärmendem Geist wechselten häufiger ihre Besitzer. Wie Verdurstende hingen alle an den Lippen der aufgeschwemmten, älteren Frau, die bei Sonnenuntergang mit einem schwerbeladenen Eselskarren in die Karawanserei gekommen und die ganz offensichtlich eine Bewohnerin des Juwels der Wüste war. Sie war freilich niemand anderes als Sirtis, die wohlgenährte und immer gutgelaunte Tochter des Märchenerzählers Alis.

Sirtis hatte sich in der Alshasra mit einem unscheinbaren Mann getroffen, der kurz nach ihr von Karus her auf dem Kutschbock eines von zwei Maultieren gezogenen Kaufmannswagens in den Hof gefahren war und sein Gefährt neben ihren Karren gestellt hatte. Der von Hüsëttin misstrauisch beobachtete und durchaus etwas suspekt wirkende kleine Kerl war bestimmt nicht der Besitzer des schönen und offenbar gut mit Waren gefüllten Wohnwagens, der eindeutig eine Fertigung aus den Oststädten war, sondern sicherlich nur dessen Diener. Halb unter einer Kappe verborgen, zierte eine tiefrote Rosentätowierung seine Männerglatze, die ihn als einen Sklaven aus den verlorenen Ländern von jenseits des Südmeers kenntlich machte. Er hatte der dicken Frau nur leichthin zugenickt und sich dann um seine Tiere gekümmert. Selbstverständlich waren diese beiden auffallenden und außergewöhnlichen Gäste der Alhasra-Herberge sofort von einem Haufen Neugieriger umringt worden, die alle darauf brannten, ihr Woher und ihr Wohin in Erfahrung zu bringen.

Tonino, wie der schweigsamen Mann hieß, blieb so beharrlich stumm, als hätte ihm ein Al‘kadi einmal die Zunge herausschneiden lassen und knurrte nur abweisend, wenn er angesprochen wurde. Das war auch für den Diener eines Kaufmanns ungewöhnlich, denn ein guter Händler und sein Gefolge verkauften ja nicht nur Waren aller Art, sondern immer auch Neuigkeiten, Nachrichten, Gerüchte und Geschichten. Die Feuer der Karawansereien waren eine Börse, an der Worte und Geschichten gehandelt wurden. Dafür war die Frau umso gesprächiger. Sie strahlte jeden lachend und scherzend mit ihren wundervollen, weißen Zähnen an und lud bald alle auf eine gegorene Ziegenmilch ans Hauptfeuer, das der Herbergsvater in der schnell heraufziehenden Abenddämmerung entfacht hatte und sie versprach, dort alle Fragen zufriedenstellend zu beantworten. Und das saßen die Frau und die ganze Karawanserei auch lange nach Mitternacht noch beisammen und sie hielt alle mit ihren Märchen in Atem. Sogar Tonino hatte sich nach einer Weile zu ihnen gesellt und lauschte aufmerksam, auch wenn auf seinen düsteren Gesichtszügen keine Regungen zu sehen waren, die erkennen ließen, ob er die Geschichten ablehnte oder sie ihm gefielen.

Ja, das Talent von Sirtis Dabinighi war dem ihres Vaters Alis wahrhaft würdig, obwohl die Tochter niemals seinen Beruf ergriffen und ihre Märchen vor einem zahlenden Publikum erzählt hatte, weil sie sich schon als junge Frau in ihr Schicksal ergeben hatte, Alis‘ Haushalt führen zu müssen und ihren verwaisten Neffen Selin großzuziehen. Sie hatte nicht umsonst seit ihrer frühen Jugend zu den Füßen ihres Vaters gesessen, wenn er auf dem Bazaar oder im Akadis, dem alten Haus der Stimmen, dem Gildengebäude der Märchenerzähler, seine Sagen vortrug, und hatte dabei stets aufmerksam seinen Worten und Geschichten gelauscht und sie so lange in ihrem Gedächtnis aufbewahrt, sie wieder und wieder memoriert und ihren Spielgefährtinnen vorgetragen, bis sie Alis fast ebenbürtig geworden war. Umringt von ihren begeisterten Zuhörern log Sirtis nun das Blaue vom Himmel herab und flocht manchmal sogar mit einem nachsichtigen Lächeln die eine oder andere Wahrheit in ihre tausendundeinen Geschichten ein, die aus ihrem Mund allerdings noch unglaubwürdiger klangen als ihre Märchen. Es war in Karukora ein denkwürdiger, ein Tag der Wunder gewesen. Der Elfenbeinerne Palast, der auf einer Halbinsel lag, die von der großen Maratschleife umströmt wurde und den höchsten Punkt der Stadt bildete, war noch immer von unzähligen Lichteren taghell erleuchtet und strahlte weiß und rein. Man sah ihn von den flachen Dünen der Wüsten, die Karukora wie eine Insel in einem trostlosen, öden Meer umschlossen, aus vielen Meilen Entfernung. Diese emporgehobene Fackel der Zivilisation, die die Einwohner des Juwels dem todbringenden Staub, der Hitze und dem blanken Nichts der Wüste abgetrotzt hatten, strahlte sogar noch heller als der der Karawanserei nahe Leuchtturm auf der Flussinsel Gidabé, dem Handelszentrum Karukoras mit ihren Lagern und Kontoren. Während Sirtis erzählte, fielen immer wieder sehnsüchtige Blick auf das riesige, blendend weiße Bauwerk, an dem Generationen gearbeitet hatten, bis es seinen heutigen Umfang und Höhe erreicht hatte, aber niemand im Hof der Alhasra hätte im Moment seinen Platz am niedergebrannten Feuer mit einem in den hohen Sälen des Palastes tauschen mögen, in denen der grausame Vezir Ómer zu Ehren der ausländischen Gäste aus der barbarischen Lamargue ein rauschendes Fest gab. Denn Sirtis führte sie mit der Erzählung über das Schicksal ihrer Schwester an Orte, die ihnen sonst verschlossen waren und rührte sie zu Tränen.

»War Irta in den ersten Monaten ihrer Anstellung nur eine von vielen, die niedrige Aufgaben und entwürdigende Sklavenarbeiten in den Palastküchen erledigten, die Gemüse putzten, Fleisch schnitten, Enten und Hühner rupften, Fische schuppten, Kartoffeln schälten, Kraut stampften und nächtelang Geschirr spülten und Töpfe schrubbten, die die Böden kehrten und wischten und Feuerholz heranschleppten, erkannte doch eines Tages der Hofmeister von „Wüstenoase“, der Serail‘Usta und Seneschall Aismek, welch ein ungeschliffener Diamant dort unten in den verräucherten Gewölben der Küchen im Unrat lag und verhalten unter dem Dreck funkelte. Ihn dauerten die aufgeplatzten, roten Hände der Dienerin zutiefst und er sah ihre Schönheit, ihre Grazie und ihr Geschick trotz der sackartigen, schmutzigen Kleidung, den strohigen, verfilzten Haaren und den verweinten Augen. Lange zögerte er, doch dann sprach Aismek Irta im Hof an und erkannte das Talent des jungen Mädchens, das nicht nur eine angenehme Hülle besaß, sondern ein liebreizendes Wesen und voller Geist, Witz und Geschick war. Irta würde die Serails seines Bişra zieren wie schon lange keine Odaliske mehr vor ihr, die den Frauen des Namenlosen in den luxuriösen Räumen seines Harems dienten. Zäh und erbittert musste der Serail’Usta jedoch zuallererst mit seinem alten Erzrivalen Türbin Bey verhandeln, jenem heute noch berühmten und von vielen gefürchteten Oberkoch, der während der Regentschaft in den Eingeweiden des Palastes ein überaus strenges Regiment führte und dort unten zwischen den Fleischtöpfen und Herdfeuern mächtiger als der Vezir oder gar der Namenlose selbst war. Eifersüchtig hütete Türbin sein Reich und seine Untergebenen, als wäre er der verdammte Inet selbst, der in der Gehenna die Seelen der Verstorbenen quält. Er war durchaus nicht gewillt, Irta ohne Kampf und freiwillig herauszugeben und auf keinen Fall in die Hände seines persönlichen Lieblingsfeindes Aismek.«

[Zum 2. Teil …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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Eine kluge Frage und ein Jubiläum

EIN GRUND ZUM FEIERN UND UM ZURÜCKZUBLICKEN

Ich gebe es zu: In den letzten Wochen habe ich meinen Blog ein wenig stiefmütterlich behandelt. Das liegt zum einen an meinem Brotberuf, der im Moment viel von meiner Zeit frisst, zum anderen schlicht daran, dass ich zu faul war. Schließlich war der April ungewöhnlich warm und sonnig und reizte zu Ausflügen, Wanderungen, Radtouren, Biergartenbesuchen und zum Einfach-mal-faul-auf-der-Gartenterrasse-Herumlümmeln. Es ist jedes Jahr das Gleiche: Gelange ich erst einmal langsam aus dem Winter- in den Sommermodus, bin ich mehr „Körper“ als „Geist“.  Außerdem sind die Zugriffe auf meinen Blog marginal und ich rede hier meist nur mit mir selbst. Da kann ich mir auch mal ein paar Pausen gönnen.

Meine liebe Kollegin lunaewunia, die mir hier folgt (sie selbst schreibt hier: schreibmaschinchenblog.wordpress.com), liest allerdings gerade meinen Roman „Die Wahrheit über Jürgen“, den ich hier jeden Montag in homöopatischen Häppchen vorveröffentliche, bis er im Herbst als Buch erscheinen wird. Sie war so nett, ein paar kritische Anmerkungen zu dieser Betaversion des Romans zu machen und hat mir unter anderem die folgende Frage gestellt:

lunaewunia: „Was ist denn deiner Meinung nach der beste Einstieg in dein Schaffen?“

Ganz ehrlich, ich war vollkommen überrascht. Diese Frage hat mir noch nie jemand gestellt und ich habe mir auch noch nierichtig  darüber Gedanken gemacht. Ich habe mir von lunaewunia ein wenig Bedenkzeit ausgebeten und nachgedacht. Heute – denke ich – ist der richtige Moment, diese Frage etwas ausführlicher zu beantworten, denn ich feiere in diesen Tagen ein ganz besonderes Jubiläum auf meinem Blog.

Er ist 5 Jahre alt geworden.

Im Moment findet ein interessierter Literatursüchtiger hier über 700 Artikel (1). Er kann Glossen, Rezensionen, Kurzgeschichten, Erzählungen, Romanausschnitte und sogar Gedichte und ein Theaterstück lesen. Aber das Ganze ist ein ungeordnetes Knäuel ohne innere Reihenfolge und System; es fehlt die ordnende Hand. Kein Wunder, bin ich doch nicht nur ein fauler, sondern auch ein schlampiger Mensch, der als Messie in seinem Dreck leben würde, ließe dies Frau Klammerle zu. Für mich war dieser Blog am Anfang nur ein neues Spielzeug, das ich mal ausprobieren wollte, um mitreden zu können. Doch mit dem mir selbst verordneten Zwang, ihn mit Inhalten zu füllen, wurde er mir für meine Arbeit als Autor schnell unverzichtbar und bringt mich dazu, regelmäßig an meiner Literatur zu arbeiten. Der Blog ist mein ins Internet ausgelagertes Gewissen, das mich zwickt, wenn ich mal wieder eine Faulenzerphase habe. Tatsächlich ist es nur ihm zu verdanken, dass ich inzwischen 6 Bücher geschrieben, überarbeitet und im Selbstverlag herausgegeben habe, denen noch in diesem Jahr zwei weitere folgen werden.

Die Texte dieser Bücher sind hier größtenteils nicht mehr zu finden; wer sie lesen möchte, muss sie kaufen. 😉

Also, wie sollte man nun in die Welten des Nikolaus Klammer einsteigen? Ich denke, das liegt am jeweiligen Leser. Denn ich bin ein sehr vielseitiger Autor, den Genre-Grenzen noch nie interessiert haben. (2)

Von kurz nach lang:  Wer nur einmal kurz reinschmecken möchte, um meine „Schreibe“ kennenzulernen, dem würde ich empfehlen, bei meinen Kurzgeschichten zu beginnen. Sie sind mal heiter, mal fantastisch, mal unbequem, aber immer originell. Hier folgt eine repräsentative Auswahl, die Reihenfolge ist zufällig; tatsächlich finden sich noch viele weitere Kurzgeschichten in den Archiven des Blogs:

Bappbpel Der FremdeDas Rote HausDer WolfsmondEismanns WilleWahrheit –  PalimpsestDer Schriftsteller, die Putzfrau und der TodRacheDer OktopusKleine VeränderungenKarls Träume

Für den etwas längeren Atem: Eine Liste von Erzählungen, die hier in mehreren Fortsetzungen erschienen und bis zu 50 Buchseiten lang sind. Die Geschichten sind für den erfahrenen Leser gedacht, ich mache es in ihnen weder ihm noch mir leicht. Der Link führt jeweils zum ersten Teil der Erzählung:

Der Engel im SpiegelTraditioncrisis – Bei den GroßelternDas Zeichen des Lebens –  Haare lassen ErSieEs

Der „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus: Erzählungen und Romane, die um die Künstlerszene in Augsburg kreisen. Sie sind die ältesten Texte von mir, die man hier finden kann. Ich werde diese Geschichten noch einmal überarbeiten und in den nächsten Jahren Schritt für Schritt in Buchform veröffentlichen. (3)

StromausfallEin andere Art der LiebeDie fürsorgliche SchuldNutzlose MenschenDie Wahrheit über JürgenDas goldene Kalb

Für die Freunde des Phantastischen: Die mit Abstand erfolgreichsten und beliebtesten meiner Bücher sind die auf 5 Bände konzipierten Romane meiner „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“-Trilogie, von der bereits Teil 1 und 2 im Selbstverlag erschienen sind; im Sommer folgt Teil 3, den man hier mitlesen kann. Dann finden sich hier noch die ersten sechs Kapitel des Romans „Aber ein Traum“, der dem Blog seinen Namen gab und sozusagen die „ernsthafte“ Variante der Memoiren ist. (4)

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren (Teil 3)Aber ein Traum

Fantasy und Science Fiction: Schließlich kommen wir zum Unterhaltsamsten, meinem spannenden Brautschauzyklus, der 8000 Jahre in der Zukunft spielt und als Young-Adults-Buchreihe konzipiert ist, die munter und respektlos Fantasy- und Science-Fiction-Elemente durchmischt. Das ist ein Projekt, das mich noch viele Jahre beschäftigen wird.

Brautschau 2: Faiabas Erwachen –  Der Weg, der in den Tag führt I: KarukoraDer Weg, der in den Tag führt II: Paradais

Anderes und Vermischtes: Ich habe im Laufe der Jahre hier viele Rezensionen, Glossen, Satiren, Streiflichter, Philosophisches und Theoretisches und Geistesblitze veröffentlicht, heiteres und ernsthaftes, nachdenkliches und unsinniges; vieles davon ist in dem Sammelband „Noch einmal davon gekommen“ zu finden. Hier kann man mich gut kennenlernen. Vielleicht ist dieses Büchlein der beste Einstieg in mein Werk.

Antilopen (Theaterstück)WochenleseDer Dichter als DenkerFreitagsaufregerBock des Monats und selbstverständlich mein Essay über die Minnedichtung

Ich hoffe, diese Liste hilft dem verwirrten Besucher meines Blogs, sich bei mir zurecht zu finden und sich aus dem üppigen Kuchen die Rosinen herauszupicken, die ihm munden.

Doch nun wünsche ich euch allen einen wunderschönen Mai und ich würde mich freuen, wenn ihr einfach mal bei mir vorbeischaut, egal ob virtuell oder tatsächlich, und mit mir auf 5 weitere und gemeinsame Jahre auf diesem Blog anstoßt. (5)

Euer Nikolaus

 

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(1) Ein paar Zahlenspiele: Etwa 300 Blogeinträge habe ich „privat“ gestellt. Das sind in der Regel Ausschnitte aus Texten, die ich später als Buch veröffentlicht habe und veraltetes, missglücktes Zeug. Insgesamt habe ich also seit dem Mai 2013 knapp 1000 Artikel geschrieben, das sind 2 – 3 pro Woche – nicht schlecht für einen faulen Autor. Jeder Artikel beinhaltet um die 1000 Wörter – mal mehr, mal weniger -, ich könnte also mit dem veröffentlichten Inhalt meines Blogs ein Buch mit 4000 Seiten füllen. Ich gebe es zu: Ich bin schon ein wenig stolz auf diese Leistung.

(2) Manche – sich selbst als „ernsthaft“ einordnende – Leser stößt so etwas ab, denn sie sind der Meinung, dass man nicht U und E miteinander vermischen kann und darf und ein Autor, der Fantasy oder Krimis schreibe, kein guter und lesenswerter Belletristiker sein könne. Nun, vielleicht ist das in meinem Fall so, aber ich selbst glaube, es ist nur ein veraltetes Vorurteil und diesen Lesern entgeht eine ganze Menge Spaß.

(3) Den Anfang hat das frisch veröffentlichte Buch „Kleine Lichter“ gemacht, in dem die Erzählungen „Pasenows Schuld“, „Die Lichtung“ und der Kurzroman „Ein kleines Licht“ zu finden sind; demnächst wird der Roman „Die Wahrheit über Jürgen erscheinen“, nächstes Jahr folgt dann der Band „Stromausfall“.

(4) Ich will in diesem Zusammenhang kurz auf rosmarinkatze.wordpress.com hinweisen, den außer von den lieben Spammern (4a) vollkommen unbeachteten Blog, den Verena Salva – eine der Hauptfiguren von „Dr. Geltsamers Memoiren“ – führt. In ihrem Blog lassen sich einige Gimmicks für die Fans der Geltsamer-Romane und hübsche Gedichte und Fotografien finden.

(4a) Während mich hier in den fünf Jahren etwa 500 Spamkommentare belästigten, sind es auf Verenas Blog, der erst seit einem Jahr existiert, bereits 11oo – die meisten übrigens in portugiesischer Sprache.

(5) Denkt an die Gefahren des Trinkens! In dem Glas, das ich auf dem Bild in der Hand halte, ist selbstverständlich kein Maibock, sondern ein alkoholfreies Radler.

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – Prolog (Schluss)

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

[Zum ersten Teil …]

Nur raus hier!

Esda verließ ihr Versteck und wankte benommen zur Tür. Sie fürchtete sich nicht mehr vor einer Entdeckung durch die beiden Arbeitsamen, die nur noch lallend auf dem kalten B‘Ton lagen und alle Viere von sich streckten. Nicht wie erhofft die Wahrheit, sondern Sabber und Schaum quollen ihnen nun aus den Mundwinkeln. Berg und Torm hatten ihre Iris so noch oben verdreht, dass nur noch das Weiße der Augäpfel unter ihren flackernden Lidern zu sehen war. Die grausige Kaliemma selbst hätte jetzt vor ihnen tanzen und damit beginnen können, ihnen mit ihren spitzen Sägezähnen die Köpfe abzubeißen, um sie auf ihrer Halskette aufzufädeln – die beiden Samer hätten es nicht bemerkt.

Bei jedem Schritt stolperte sie, aber schließlich erreichte Esda die Tür, die nur angelehnt war. Obwohl sie am Liebsten durch sie hindurch gesprungen wäre, öffnete sie sie nur einen Spalt, damit sie vorsichtig nach draußen spähen und gleichzeitig wieder reinere Luft einatmen konnte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich nicht alles mehr um sie drehte. In dem breiten Gang draußen brannten zwar Fackeln und Deckenlichter, aber es hielt sich gerade niemand in ihm auf. Nach rechts endete er nach ein paar Schritten vor einer weiteren Metalltür, nach links schien er sich nach ungefähr fünfzig Metern zu einer größeren Halle zu erweitern. Von dort hinten drangen Geräusche und Gesprächsfetzen von vielen Menschen an Esdas Ohren und jemand spielte auf Trommeln und Flöten eine eintönige Musik.

Wie konnte es ihr gelingen, sich dort unerkannt durch die Samer hindurchzuschleichen und dabei gar den Gefangenen zu befreien, dessen Zelle sie in der Höhle vermutete. Sie schöpfte weiter Atem und überlegte ratlos. Sie musste dabei noch immer gegen die Auswirkungen der giftigen Milchdämpfe ankämpfen, die wie ein wabernder Nebel auf ihren Gedanken lasteten und diese schwerfällig und verworren machten. Was war das Negradi in unverdünntem Zustand nur für ein Teufelszeug?

»Wenn ich jemals wieder gesund hier unten rauskomme, trinke ich in Renis Bude nur noch süßen Kaktussaft«, nahm sie sich vor. Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Warum war ihr das nicht schon früher in den Sinn gekommen? Die tiefrote und weite Ordenstracht der Behutsamen Schwestern war sackförmig geschnitten und reichte bis zum Boden. Und was das Beste war: Ein mantelartiger Überwurf mit einer eng am Kopf anliegenden Schleierhaube gehörte dazu, der sogenannten Capiti, unter der die Nonnen züchtig ihre Haare und ihr halbes Gesicht verbargen. Berg hatte ihr ja eben dieses Gewand praktisch vor die Nase gehalten, als er nach seinem Schnaps suchte. Esda musste sich nur noch aus der Kiste der Oberin bedienen und sich das Kleid überwerfen, dann war sie gut getarnt und musste keine Entdeckung fürchten, solange sie nicht auf eine echte Schwester stieß, die inzwischen hoffentlich alle schliefen. Die Arbeitsamen in Höhle vorne durften die Ordensfrauen ja nicht einmal ansprechen oder gar berühren und mussten immer einen respektvollen Abstand einhalten.

Esda nahm noch einmal einen tiefen, gierigen Atemzug, dann trat sie entschlossen zurück in das Lager und ging schnell zu der markierten Kiste, um sich ein Kleid herauszusuchen. Dabei musste sie über Torm und Berg steigen. Sie schienen zwar noch am Leben zu sein, waren aber offenbar in eine tiefe, starre Ohnmacht gefallen, aus der sie so schnell nicht mehr erwachten – wenn sie das überhaupt noch einmal tun würden. Die Sammlerin, die nicht aus ihrer Haut konnte, sah kurz nach, ob die beiden bewusstlosen Arbeitsamen etwas bei sich trugen, was sie brauchen konnte. Dabei fiel ihr Blick auf die Flasche mit der Milch des Vergessens, die nicht wie die andere umgefallen war, sondern noch fast voll neben Torn stand, der ja nur einen Schluck aus ihr genommen hatte. Der Korken lag griffbereit daneben. Diese Milch stellte nicht nur einen nicht unerheblichen Wert dar, von deren Erlös sie und ihre Familie mehrere Monate gut leben konnten, sondern würde ihr bei ihrem Unternehmen vielleicht noch gute Dienste leisten. Deshalb beugte sie sich flink herab und verkorkte die Flasche. Dann schob sie sie in ihre Umhängetasche und holte sich endlich das rote Ordenskleid, das aus einem Kleid und einem Kapuzenmantel bestand, die sie sich sofort überzog. Es war so weit, dass sie es problemlos über ihre eigene Kleidung streifen konnte. Der dichte Schleier aus Nesseltuch, der an der Capiti befestigt war und den sie nun vor ihrem Gesicht befestigte, schränkte sie zwar ein wenig beim Sehen ein, aber er wirkte wie ein Luftfilter. Wenn sie flach und nicht allzu tief atmete, gelangte nicht zuviel von den betäubenden Dämpfen der Milch in ihre Lungen.

Fasziniert sah sich Esda noch einmal die wertvollen Stoffe in die Kleiderkiste an, die aus den hauchfeinen und nahezu unzerreißbaren Spinnfäden der Tiefenasseln gewebt waren, den zweiten Nutztieren der Arbeitsamen. Zu ihrem Bedauern konnte sie nicht eine weitere Ordenstracht mitnehmen, sie hätte sie nur behindert. Die Sammlerin wollte gerade den Deckel schließen, da fiel ihr noch etwas anderes auf. Sie schob eilig die Kleider zur Seite. Unter ihnen verborgen lagen ein paar Gesangsbücher der Schwestern, eine quadratische Lederschatulle, deren Deckel mit einem kleinen Haken verschlossen war – und eine handliche, fein gearbeitete Pistole und daneben ein grauer Karton mit zu der Waffe passender Munition. Esdas Herz schlug schneller. Was für ein unglaublicher Fund. Dieses Lager war ja eine wahre Schatzkammer! Sie wunderte sich, dass die Samer sie nicht besser bewachten. Die schlampig gebundenen und vom vielen in ihnen Blättern zerfledderten Bücher interessierten die Sammlerin nicht, aber eine Waffe aus der Zeit der Vergangenen Menschheit war ein sensationelles Juwel.

Kein Feinmechaniker oder Waffenschmied konnte heutzutage in Es Sakrat solche mechanischen Wunderwerke herstellen; ihre Möglichkeiten erschöpften sich mit langläufigen Steinschlossflinten und grobschlächtigen Musketen. Die kleine Handvoll noch funktionstüchtiger Schusswaffen aus der Zeit vor dem Ewigen Krieg wurde von ihren jeweiligen Besitzern wie ihr Augapfel gehütet und ehrfürchtig von Generation zu Generation weitergereicht. Längst gab es für die meisten dieser Pistolen und Gewehre keine Kugeln mehr und sie waren mehr oder weniger nutzlose Schaustücke – es sei denn, ein Sammler stieß im Untergrund auf ein Munitionslager der Vergangen, was ab und zu tatsächlich geschah, wenn Esda den Chroniken der Forschnacht-Kaste glauben durfte. Diese Glückspilze hatten dann für den Rest ihres Lebens und oft auch noch für das ihrer Nachkommen ausgesorgt und mussten nicht mehr durch unsichere, dunkle Gänge kriechen, in denen hinter jeder Biegung der Tod lauerte, um das Überleben ihrer Familien zu sichern. Jeder Sammler träumte von dem einen, bedeutenden Fund und ging mit der heimlichen Hoffnung in die Tiefe, er würde auf solch einen Schatz stoßen und kam dann doch nur wieder – falls er überhaupt zurückkehrte – mit beinahe leeren Händen und irgendwelchem verschimmelten Kleinkram zurück, dessen Erlös auf dem Bas-Markt kaum die hungrigen Mäuler stopfen konnte. Freilich horteten die Armeen der Ewigen Schlacht Unmengen an Waffen, Bomben und Munition und die Maschinenwesen stellten unermüdlich neue her, aber zu versuchen, ihn ihre unterirdischen Kasernen einzudringen, war ein Wahnwitz, den niemand überlebte, der es versuchte.

Esda wusste, dass sie einen weiteren Diebstahl beging, der mit einem grausamen Tod bestraft wurde, wenn sie mit ihrer Beute ertappt wurde, aber sie erlag erneut der Verlockung. Sie griff sich entschlossen die Waffe und die Munitionsbox und nach einem kurzen Zögern auch die kleine Lederschatulle, obwohl sie keine Ahnung hatte, was sich in ihr befinden könnte. Sie steckte alles in die seitliche Innentasche des Überwurfs ihres Ordensgewands, die die Schwestern Marsupial nannten. Dann floh sie eilig aus dem Raum, denn die Dämpfe begannen trotz des Schleiers vor ihrem Gesicht schon wieder auf sie zu wirken.

Draußen lehnte Esda sich zufrieden gegen die Tür, die sie hinter sich geschlossen hatte und sammelte den Mut, ihr Abenteuer fortzusetzen. Sie wusste: Es hatte gerade erst begonnen, aber nun war sie gut ausgerüstet.

[Zum 1. Kapitel: „Eine Nacht in der Karawanserei“ …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – Prolog (5)

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

[Zum ersten Teil …]

Die Kaste der Armseligen stellte die niedrigste Gesellschaftsschicht von Es Sakrat dar. Zu ihr gehörten Menschen, die meist unverschuldet ihre Gesundheit oder durch Unglücksfälle die Zwillinge, ihre Familie und ihre Wohnstätten verloren hatten, im Staub der Straßen krochen und bettelten und von der Barmherzigkeit der anderen Bewohner der Stadt lebten. Sie waren die Ärmsten der Armen und verdienten Mitleid und Hilfe. Weshalb war einer von ihnen in die Hände der Arbeitsamen geraten und warum wollten sie ihn opfern – wahrscheinlich ihrem unheimlichen Gott Sadon oder seiner weiblichen Inkarnation Kaliemma? Was konnte ein Bettler ihnen getan haben? Auch wenn sie noch keine Ahnung hatte, wie: Esda war sofort entschlossen, alles ihr Mögliche zu unternehmen, um den bedauernswerten Armseligen aus den Händen dieser Unmenschen zu retten. Ein Menschenopfer? Was war nur aus dieser Welt geworden? Die Sammlerin hatte zwar Gerüchte gehört, dass die Kasten der Arbeitsamen und der Behutsamen Schwestern sich radikalisiert hatten, seit ihnen ihr neuer Maier und Samerpapst Rhysko vorstand. Sie hatte aber bisher nicht allzu viel darauf gegeben, denn sie konnte diese Fanatiker, die das Alte Reich der Vergangenen wieder auferstehen lassen wollten, nicht ernst nehmen; zumindest die Arbeitsamen nicht, die sich den ganzen Tag an der Milch ihrer Bärentiere berauschten.

Als würden die beiden Samerbrüder ihre Überlegungen bestätigen wollen, nahm der eine, der Berg genannt wurde, eine kleine Feldflasche aus dem Ärmel seines Hemds und öffnete sie, nahm zuerst einen langen Schluck, bevor er ihn an Torm weiterreichte. Der ergriff sie gierig und setzte sie wie ein Verdurstender an die Lippen.

»He, nicht die ganze Flasche!«, begehrte Berg auf. »Mehr habe ich nicht. Lass mir auch noch etwas übrig.«

Torm machte eine Pause. »Ist doch egal«, sagte er verschwörerisch lächelnd und rülpste. »Du kommst schon nicht zu kurz! Denke mal nach. Die Boxen dort hinten sind voll mit frischer, guter Milch. Wir haben sie erst gestern gemolken; wir waren dabei, hast du das vergessen? Die Milch müsste inzwischen in der ersten Gärung sein, da schmeckt sie am Besten.«

Esda biss sich auf die Lippen. Das fehlte ihr noch. Wenn die beiden Narren sich hier drinnen heimlich betrinken würden, mochte es noch sehr lange dauern, bis sie sich an ihnen vorbeischleichen und nach dem gefangenen Armseligen suchen konnte. Doch ganz danach sah es nun aus: Berg strahlte, als hätte jemand ein Licht in seinem Kopf entzündet und trat schnell zu den Lagerbehältern an der gegenüberliegenden Wand, während sein Zwilling den letzten Rest aus der Feldflasche saugte. Er setzte erst ab, als der letzte Tropfen der verdünnten Westri-Milch über seine Lippen geglitten war. »Komm, komm, mach schon«, rief er glückselig, »ich habe noch viel Durst.«

Berg knurrte eine zustimmende Antwort und öffnete die erste Kiste. »Verfaulter Westri-Mist! Da sind nur alte Fetzen und Bücher drin.« Er hob einen karminroten Stoff in die Höhe. Torm sprang sofort wie von einem Wüstenskorpion gestochen in die Höhe.

»Leg das sofort wieder zurück und mach den Deckel zu! Bist du von Sinnen?«, befahl er mit vor Angst zitternder Stimme. Berg sah ihn verständnislos an. »Hast du denn nicht die eingebrannte Markierung auf dem Holz gesehen? Du hast ein Ordensgewand der Schwestern in der Hand. Willst du von der Mutter Oberin verflucht werden?« Berg legte das Kleidungsstück so schnell zurück und knallte über ihm den Deckel zu, als hatte er sich an dem Stoff verbrannt.

»Da sei Sadon vor«, stotterte er und fluchte erschrocken. Dann fragte er abergläubisch: »Meinst du, es ist war, was die Schwestern plappern, dass sie grausame Schmerzen fühlen, wenn eine Männerhand nur ihr Kleid berührt?« Er klang nun sehr kleinlaut.

»Wer weiß?«, gab Torm dunkel zurück. Er hatte sich inzwischen wieder beruhigt und ging ein paar Schritte in einen Gang zwischen den lagernden Gütern hinein, bis er die richtige Kiste fand. Er griff hinein und beförderte zwei Literflaschen zu Tage, in denen eine weißliche Flüssigkeit schwappte, die grünlich phosporisierte. Mit ihnen kam er triumphierend zurück zu seinem Bruder und drückte ihm eine in die Hand.

»Aber sie werden schon nicht wissen, wessen Hand ihre Tracht besudelt hat. Was die Oberin nicht weiß, kümmert auch die Beißende Göttin nicht«, versuchte er Berg und vielleicht auch sich selbst zu beruhigen. Kaliemma, die die Beißende Göttin genannt wurde, war die einem Alptraum entsprungene Götze, zu der die Behutsamen Schwestern beteten. Im Glauben dieser Fanatiker war sie die weibliche Manifestation ihres Urgottes Sadon. Sie wurde auf ihren Tempelgemälden mit sechs Armen, totenblasser, blauer Haut und einer Halskette aus abgeschlagenen Menschenköpfen dargestellt. Obwohl Esda nicht an Kaliemmas Existenz glaubte, jagte sie ihr trotzdem Schrecken ein und die versteckte Frau machte zur Sicherheit ein Handzeichen, um das Böse abzuwehren.

»Auf den Schreck hin haben wir uns redlich einen Schluck verdient«, fuhr Torm fort.

»Aber sollten wir die Milch nicht besser verdünnen? Ist das wirklich eine gute Idee, sie pur zu trinken. Ich habe da ein paar Geschichten gehört …«, zögerte Berg.

»Das sind doch nur Märchen, um uns kurz zu halten. Die Maier wollen nicht teilen, das war schon immer so. Wenn schon ein einziger Tropfen so herrlich ist und einen direkt in den Himmel trägt, was wird dann wohl ein reiner Schluck vermögen? Sadon, der Unsterbliche, liebt den fröhlichen Zecher. Die Westri-Bärchen sind sein Geschenk an seine Jünger und ihre Milch ist ein göttlicher Vorgeschmack auf die Dinge, die bald kommen werden.« Berg kicherte.

»Du sprichst wie Agutar, unser Prediger. Ich erkenne die Wahrheit, die aus deinem Mund quillt.«

»Dann lass uns auf diese Nacht anstoßen, in der wir endlich für unsere Mühen belohnt werden. Möge sie die letzte sein!« Die beiden zogen die Korken aus den Flaschen. Sofort stieg Esda wieder eklig süße, betäubend faulige Geruch in die Nase, der ihr schon beim Betreten des Raumes aufgefallen war; nur war er diesmal wesentlich intensiver, da sich die Milch des Vergessens durch das beigefügte Negradi-Moos in Gärung befand. Fast hätte sie ein warnendes Wort ausgerufen und sich dadurch verraten, aber sie konnte sich gerade noch zurückhalten. Sie hatte noch nie viel von der Intelligenz der Arbeitsamen gehalten, aber konnte wirklich so viel Dummheit in zwei Körper passen? Die beiden Idioten tranken dieses Gift tatsächlich unverdünnt!

Die Wirkung setzte unvermittelt ein. Ein Schluck reichte aus, sie außer Gefecht zu setzen. Das war ihr Glück, denn einen zweiten hätten sie wahrscheinlich nicht überlebt. Als hätte Torm und Berg jemand eine überschwere Last aufgebürdet, plumpsten sie gleichzeitig zu Boden und begannen zu kichern und sinnlose Wörter zu brabbeln. Die Flaschen glitten ihnen aus den krampfenden, zuckenden Händen. Eine rollte davon und entleerte im Drehen gluckernd ihren ekelhaften Inhalt. Der Gestank nach Tod und sauerem Erbochenem wurde atemberaubend und vor Esdas Augen tanzten plötzlich bunte Sternchen. Sie presste eilig ihre Armbeuge fest gegen ihr Gesicht und atmete so flach wie möglich durch den Wollstoff ihres Ärmels, doch beim hastigen Aufstehen begann der Lagerraum um sie herum zu tanzen. Sie schwankte und stolperte, als hätte sich der Boden unter ihren Füßen in eine trügerische, nachgiebige Sanddüne verwandelt. Das lag nicht an der Wunde an ihrem Fuß, die sie im Moment überhaupt wegen der Wirkung des Mooses nicht spürte, sondern allein an den Dämpfen der Wetri-Milch, die sie benebelten. Als wäre sie volltrunken, fiel Esda ungeschickt gegen den Kistenstapel. Verzweifelt hielt sie die Luft vollkommen an, denn sie wusste, dass sie nach ein oder zwei weiteren Atemzügen ebenfalls ohnmächtig zusammensinken würde. An die Kopfschmerzen des nächsten Morgens – falls sie diese Nacht überleben konnte – wollte sie nicht denken.

Nur raus hier!

[Fortsetzung nächsten Freitag …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – Prolog (4)

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

[Zum ersten Teil …]

Aber wo bekam sie ausreichend Wasser her, um ihre Verletzung auszuwaschen und das Fortschreiten der Verätzung zu verhindern? In ihrer Feldflasche waren nur noch ein paar Schlucke übrig. Sie reichten gerade dazu aus, um mit ihnen den staubtrockenen Mund auszuspülen. Esdas suchender Blick fiel auf die Behälter, die die Arbeitsamen hier lagerten. Konnte sie so viel Glück haben? Falls sie recht hatte, war deren Inhalt noch besser als Wasser! Humpelnd stand die verletzte Frau auf und hüpfte auf einem Bein zu den Kisten. Sie packte eine der oberen, die in ihrer Kopfhöhe auf den anderen standen und stellte sie vor sich auf den Boden. Sie war nicht sehr schwer und als sie hinunter hockte und den Deckel abnahm, sah die Sammlerin enttäuscht, dass sie bis auf ein paar Scheren und scharfe Sicheln, die die Arbeitsamen für ihre Ernte benutzten, leer war. Aber hier in diesem Lagerraum gab es ja sicher einhundert von diesen hölzernen Behältern, da würde sich schon in einem anderen von ihnen etwas Brauchbares finden lassen.

Bereits in der nächsten Kiste fand Esda, was sie suchte: Die Truhe war bis zum Rand gefüllt mit Negradi-Mooskissen. Das betäubende Mandelaroma der Gewächse stach ihr zuerst in die Nase. Das Moos war sogar noch feucht, was darauf schließen ließ, dass die Bauern sie erst am heutigen Tag von den Höhlenwänden abgeerntet hatten.

Gekocht waren die schimmligen Pflanzen die Grundlage der Grauen Suppe, die das Hauptmahlzeit der Bewohner von Es Sakr darstellte, da Negradi-Moos das einzige Nahrungsmittel war, das für alle in ausreichender Menge zur Verfügung stand. Der zubereitete Brei hatte wenig Eigengeschmack, aber er war schnell sättigend und gesund. In der vertrockneten und vielerorts vergifteten Wüstenstadt unter dem Doppelfelsen des Es Sakrat-Felsens, die durch die ewige Schlacht vollkommen abgeschnitten von der Außenwelt war – falls diese überhaupt noch existierte, was die meisten Gelehrten bezweifelten -, und in der es kaum mehr Tiere und nur ganz wenige Ackerflächen für viele hungrige Mäuler gab, mussten sich die Menschen mit dem Wenigen begnügen, das ihnen die Natur noch zur Verfügung stellen konnte. Und das war eben vor allem anderen jenes üppig in den Tiefen wachsende Moos, das die Arbeitsamen abernteten und an die Oberfläche lieferten. Es hatte auch noch einige andere gute Eigenschaften, als nur die knurrenden Bäuche zu sättigen. Negradi wurde gerne fermentiert und haltbar gemacht und dann mit kochendem Wasser übergossen als Tee getrunken oder zu einem starken Kräutergeist gebrannt. Ließ man es trocknen, konnte man es wie einen Zunderschwamm als Glutbehälter zum Feuermachen verwenden. Wie dieser in der nahezu baumlosen Wüste äußerst seltene Pilz wurde das Höhlenmoos bei körperlichen Beschwerden jeder Art geschätzt und war deshalb in jeder Hausapotheke zu finden. Die Arbeit der Heiler war ohne die medizinischen Eigenschaften des Negradi kaum vorstellbar.

Esda griff erfreut in die Kiste und zupfte sich etwas von dem frischen Moos, dann nahm sie die winzigen, tropfenförmigen Blätter in den Mund und zermahlte sie konzentriert zwischen den Zähnen, bis sie sich in einen klebrigen Brei verwandelt hatten. Frisches Negradi schmeckte leicht bitter, scharf und intensiv nach Minze; ein Aroma, das beim Kochen leider vollständig verflog. Durch das lange Kauen stiegen der Sammlerin die ätherischen Dämpfe durch die Nase in den Schädel. Sie sorgten rasch für einen klaren Kopf und die ziehenden Schmerzen, die seit der Detonation in ihren Schläfen pochten, verflüchtigten sich schnell. Erleichtert spuckte die auch in den Heilkünsten erfahrene Sammlerin den zerkauten Brei in ihre Handfläche und strich ihn dann vorsichtig auf die Verätzung an ihrer Fessel. Das brannte zwar zuerst höllisch, aber auch hier setzte die Wirkung rasch ein. Die betäubte und desinfizierte ihre Wunde, neutralisierte die Säure der Echse. Esda wiederholte diese Behandlung dreimal, bis sie das ganze offene Fleisch am Knöchel mit dem grünen Brei bedeckt hatte. Anschließend knotete sie sorgfältig ihr Halstuch als Verband darum. Jetzt benötigte sie nur noch ein wenig Ruhe, dann konnte sie versuchen, sich durch die Gebiete der Arbeitsamen zur Stadt hoch zu schleichen. Sie fühlte sich jetzt leichter und fast beschwingt, doch sie wusste auch, dass diese Laune durch die euphorisierende Wirkung des Negradi verursacht wurde.

Sie war so mit sich und ihrer Verletzung beschäftigt, dass sie zuerst nicht bemerkte, wie sich lautlos die Haupteingangstür ins Lager öffnete und zwei Männer ein paar Schritte hinein in den Raum traten. Gerade noch rechtzeitig wurde sie auf die beiden aufmerksam und rutschte in den Schatten zwischen der Wand und den Kistenstapeln. Sie spähte durch die Lücke zwischen ihnen nach den plötzlichen Besuchern. Hoffentlich entdeckten die Arbeitsamen nicht das Fehlen der Kisten, die sie zu sich heruntergenommen hatte! Vorsichtshalber nahm sie eine der Sicheln in die Hand, die sie im Notfall als Waffe benutzen konnte. Doch beiden Glatzköpfe, die sich in ihren braunen, schmutzigen Latzhosen wie ein Ei dem anderen glichen, warfen nur einen oberflächlichen und uninteressierten Blick in die Runde und setzten dann ihre draußen begonnene Unterhaltung fort. Esda fragte sich, wie die beiden überhaupt etwas durch die getönten, dickglasigen Schweißerbrillen, die sie über ihren lichtempfindlichen roten Augen trugen, erkennen konnten. Vielleicht hatten die Arbeitsamen ja wie die Hâmidi-Echsen in den Generationen, die ihr Stamm schon in der düsteren Tiefe verbrachte, ein zusätzliches Organ entwickelt.

»Ich sagte es dir doch, mein Samerbruder Torm! Der Lärm kam nicht von hier aus den Lagern, sondern von den Bahngeleisen weiter hinten im Fels. Wahrscheinlich ist dort eine unserer Fallen hochgegangen, weil einer der rostigen Roboter hineingelaufen ist. Sadon verfluche sie alle!«, sagte einer der beiden und lehnte sich dabei genau gegen den Stapel, hinter dem sich die Sammlerin verbarg. Sie hielt die Luft an.

»Allerdings kann eine Explosion nicht so eine starke Erschütterung auslösen«, widersprach der andere stirnrunzelnd. »Ich meine, du hast es doch auch gespürt: Es fühlte sich an, als würde der Stein selbst vor Schmerzen aufschreien. Ich habe noch immer Zahnschmerzen davon. Samervater Rhysko, unser neuer, vom Gott der Tiefe gesegneter Maier hatte recht, uns nachsehen zu lassen. Der Maier ist ein weiser und vorausschauender Mann.«

»Wenn du das sagst. Gut, wir haben nachgesehen. Und jetzt kehren wir ganz schnell wieder zu unserer Kolonne zurück. Ich möchte den Abmarsch hinunter auf keinen Fall versäumen.«

»Wäre es nicht sicherer, wir würden noch die hintere Tür ausprobieren und uns ein wenig den Zugang zum URS ansehen? Ich meine, sind wir dazu nicht verpflichtet, Samerbruder Berg?«

»Ach, Unsinn! Das können wir doch morgen immer noch machen. Der Fels ist kein Frosch, der springt uns nicht davon. Ich werde auf keinen Fall die Opferung dieses Armseligen verpassen, der den Brüdern in den Westri-Höhlen in die Hände gefallen ist!«

Esda spitzte die Ohren. Sie konnte kaum fassen, was sie da hörte. Was ging da in der letzten Zeit bei den dummen Arbeitsamen nur vor? Eine Opferung! War das zu glauben?

Die Kaste der Armseligen stellte die niedrigste Gesellschaftsschicht von Es Sakrat. Es waren Menschen, die meist unverschuldet ihre Gesundheit oder durch Unglücksfälle die Zwillinge, ihre Familie und ihre Wohnstätten verloren hatten und im Staub der Straßen bettelten und von der Barmherzigkeit der anderen lebten. Sie waren die Ärmsten der Armen und verdienten Mitleid und Hilfe. Weshalb war einer von ihnen in die Hände der Arbeitsamen geraten und warum wollten sie ihn opfern – wahrscheinlich ihrem unheimlichen Gott Sadon? Was konnte er ihnen getan haben? Auch wenn sie noch keine Ahnung hatte, wie: Esda war dennoch sofort entschlossen, alles ihr mögliche zu unternehmen, um den Armseligen aus den Händen dieser Unmenschen zu befreien.

[Zum 5. Teil …]

Der Beginn der Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book, 380 Seiten, illustriert

Ein Kommentar

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – Prolog (3)

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

[Zum ersten Teil …]

Endlich bewegte sich Esda. Es war der wie Feuer brennende Ring aus Schmerz, der um die Knöchel ihres linken Beines loderte, der sie schließlich zurück ins Leben brachte. Sie konzentrierte sich und setzte sich ruckartig auf, lehnte sich mit dem Rücken gegen die spiegelglatte Seitenwand.

»Das ist kein durch eine Laune der Natur entstandener Felsspalt, in dem ich mich befinde«, dachte sie, als ihr die Glätte der Wand hinter ihr mit dem Erwachen ihrer Lebensgeister bewusst wurde und ihr Verstand wieder die Kontrolle übernahm. Sie tastete zurück und erspürte mit ihren Fingernägeln die schmalen Einkerbungen zwischen den Fliesen, gegen die sie gerade ihren Oberkörper stützte. Dann versuchte sie, ihre verklebten Lider zu öffnen und stellte kopfschüttelnd fest, dass sie sie schon die ganze Zeit offengehalten hatte. Sie schloss sie und presste die Flächen ihrer Daumen gegen ihre Augäpfel, erzeugte dadurch flackernde Lichter und platzende Farbbälle auf ihrer Netzhaut.

»Ich bin nicht blind«, stellte sie beruhigt fest, »in diesem Loch ist es nur stockdunkel.« Sie hatte in der Finsternis keine Angst, denn in den vielen Jahren, in denen die Sammlerin schon in der Tiefe nach Artefakten suchte, hatte sie sich oft als ein Freund und Helfer erwiesen. Um sie herum gab es nichts Bedrohliches mehr und sie war auch nicht mehr in Gefahr. Das spürte sie.

Esda griff leichtsinnig zu ihrem Gürtel nach ihrer treuen Dynamo-Taschenlampe und schnitt sich an zerbrochenem Glas in den Finger. Ihr Licht war für den Augenblick nur noch Schrott, denn sie erfühlte nun vorsichtiger das zerplatzte Glühlämpchen. Sie hatte Ersatz dabei, würde ihn aber im Dunkeln nur schwerlich in ihrer Tasche finden und auswechseln können. Sie seufzte laut und sich sich selbst hören. Gut, nun kamen auch ihre Ohren wieder in Ordnung. Als sie jedoch versuchte, aufzustehen, jagte ein wütender, aufbrausender Schmerz von ihrer Verätzung an den Fesseln durch das ganze Bein empor bis in den Unterleib. Sofort quollen ihr Tränen aus den Augen und sie blieb schwindlig liegen. Nach einer Weile ließen die Schmerzen wieder etwas nach. Wie ernsthaft ihre Verwundung war, konnte Esda nicht abschätzen, ohne sie in Augenschein nehmen zu können. Sie traute sich nach der Erfahrung eben nicht, nach ihr zu tasten. Aber sie hatte bereits einige dieser Verletzungen gesehen und behandelt, die die Säure der Hâmidi-Echsen verursachten. Sie wusste, dass sie oft schrecklich waren und sich immer weiter ins Fleisch und dann auch durch die Sehen und die Knochen fraßen, wenn die Wunde nicht schnellstens und sorgfältig gereinigt wurde.

Voller Selbstmitleid fielen Esda ihre Zwillinge Aaha und Behara und ihre Eltern ein, die sich sicherlich schon Sorgen um ihre inzwischen längst verspätete Tochter machten. Aber dieser Gedanke gab ihr auch die Kraft, weiterzumachen und nicht zusammengekauert und weinend auf das Ende zu warten. Wenn sie schon nicht laufen konnte: Auf allen Vieren kriechen, das konnte sie und es gab nur eine einzige Richtung, in der sie sich fortbewegen konnte; nämlich tiefer in den engen Seitengang hinein, der hoffentlich einmal ein Versorgungstunnel für die alte Untergrundbahn der Vergangenen Menschen gewesen war. Sie war zwar nun an dieser Stelle durch die Detonation der Sprengfalle der Arbeitsamen und den anschließenden Einsturz verschüttet und hier für die Bewohner von Es Sakrat bis auf weiteres nicht mehr passierbar, aber vielleicht gelangte Esda ja über den Zugangstunnel in einen Bereich des unübersichtlichen, vielstöckigen Grubenbahn-Systems, der ihr bekannt war und sie heimführte. Wenn er nur nicht zu einer der gewaltigen Bunkeranlagen der sich bekämpfenden Roboterarmeen führte!

»Oder blind ist und plötzlich an einer massiven Wand endet«, wie sie erschrocken dachte, als sie nach ein paar hundert Metern anstrengender Kriecherei quer durch die Nacht und handbreiten Staub auf eine Metalltür stieß. Sie ließ sich jedoch mit leichtem Druck und erstaunlich leicht öffnen, als würde sie regelmäßig geölt.

Esda rutschte über den leicht erhöhten Türrahmen und kniff sofort geblendet die Augen, denn wie an vielen Stellen in dem Höhlengang funktionierte auch hier noch die Beleuchtung der Vergangenen. Beim Überschreiten der Schwelle wurde ein Kontakt ausgelöst. Mit einem trockenen Knistern gingen die grellen Deckenleuchten an. Der Raum, in dem sich die Sammlerin nun wiederfand und sich neugierig umsah, nachdem sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatte, war nicht groß und mit vielen Holzkisten bis zur niedrigen Decke hinauf voll gestellt. Die Stapel bildeten vier Gänge. An den Wänden standen noch einige verstaubte und leere Eisenregale der Vergangenen und rosteten still vor sich hin. Wofür auch immer die Menschen der Vorzeit vor tausenden von Jahren diesen Ort verwendet hatten, er diente nun als ein Lager der Arbeitsamen.Ein nicht allzu starker, aber aufdringlicher und ekelhafter Geruch nach Verwesung und saurer Milch lag hier in der Luft und würgte in Esdas Kehle. Er war charakteristisch für die sogenannte „Milch des Vergessens“, die die Arbeitsamen bei ihren Westri-Bärchenrindern molken. Stark verdünnt – ein Tropfen genügte auf einen halben Liter Flüssigkeit – war diese Milch ein beliebtes hochprozentiges alkoholisches Getränk, in seiner reinen Form aber ein starkes Nervengift, das abhängig machte und die Gehirne schmolz. Wahrscheinlich wurde in einigen der Kisten hier unten frisch gemolkene „Milch des Vergessens“ gelagert.

Zu Esdas Glück hielt sich außer ihr niemand in dem Raum auf. Die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden, war allerdings auch nicht allzu groß; denn obwohl die Sammlerin keine Ahnung hatte, wie spät es inzwischen war, vermutete sie, dass die Sonne längst untergegangen und im Tal unterhalb des Stadtberges von Es-Sakrat die niemals endende Schlacht der Roboterarmeen tobte. Die meisten Arbeitsamen hatten sich inzwischen bestimmt zur Ruhe begeben und ihre Anführer beobachteten gebannt von der Aussichtsplattform an der Alyasar-Spitze des steilen Gipfels über der Stadt die Bewegungen der Flugmaschinen am Himmel, deren Bordwaffen unablässige Zerstörung herabregnen ließen. Auf diese Weise sagten sie die Zukunft vorher.

Allerdings konnte man sich bei diesen abgestumpften Irren, denen der Genuss der Milch ihrer Westri den Verstand geraubt hatte, nie sicher sein. Esdas Situation konnte sich jederzeit ändern, denn die Explosion der Sprengfalle und die anschließende Erschütterung musste trotz des ewigen Krieges oben in den Häusern der Arbeitsamen laut und deutlich zu hören gewesen sein. Jederzeit konnte einer von ihnen durch die zweite, der ersten gegenüber liegende Tür eintreten und Esda gefangen nehmen – wenn er die Ertappte nicht gleich auf der Stelle erschlug. Und das wäre sogar noch das günstigere Los gewesen, denn im anderen Fall würden die Arbeitssamen sie unzweifelhaft ihrem schrecklichen Gott Sadon opfern, der irgendwo in den Tiefen nach Blut und Opfergaben gierte.

Aber auch wenn sie jeden Augenblick durch einen Wächter entdeckt werden konnte, hatte Esda keine andere Wahl: Sie musste vorerst in der trügerischen Sicherheit des Lagerraums bleiben. Das Gute an ihrer Lage war, dass es von dort draußen vor der Tür mit Sicherheit einen Weg zurück nach Es Sakrat geben musste; auch wenn er wahrscheinlich von den Arbeitsamen gut bewacht wurde. Wenn sie sich ihnen stellen wollte, musste sie aber gut ausgeruht sein und ihre Verletzung behandeln.

Sie zog die Tür zu dem schwarzen Tunnel, durch die sie in das Lager eingedrungen war, hinter sich zu und rutschte hinter einen der Kistenstapel, wo sie nicht sofort entdeckt werden würde, wenn jemand hereinkam. Sie klopfte oberflächlich den Dreck von ihrer Kleidung ab.

»Ich muss ja wie ein Erdmännchen aussehen«, dachte sie. Aber es gab wirklich wichtigeres als schmutzige Haare. Sie krempelte behutsam ihr linkes Hosenbein hoch und untersuchte die Verletzung an ihrer Fessel. Der zwei Finger dicke, blutige und wunde Streifen, der ihre Fußknöchel umschloss, eiterte und tat höllisch weh, sah aber nicht ganz so schlimm aus, wie sie befürchtet hatte. Der Nesselarm der Hâmidi-Echse hatte sie nur kurz umklammert und wenig von seiner ätzenden Säure auf ihre Haut getropft. Wenn sie die Wunde schnell reinigte, würde wohl außer einem hässlichen Narbengewebe kein weiterer Schaden zurückbleiben, denn ihre Sehnen und Knochen, mit denen sie ihren Fuß unter Schmerzen bewegen konnte, schienen ihr noch nicht angegriffen zu sein – noch nicht zumindest …

[Zum 4. Teil …]

Der Beginn der Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book, 380 Seiten, illustriert

Ein Kommentar

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – Prolog (2)

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

[Zum ersten Teil …]

Es schien sich um ein besonders großes Exemplar zu handeln, denn die enorme Silhouette, die sich mit einem Mal keine fünf Meter vor ihr angriffbereit auf ihre Hinterbeine stützte, war sicherlich zwei Männer hoch und ebenso breit. Hier unten gab nur noch ganz wenige dieser furchterregenden, aber langsam durch die Gänge kriechenden Echsenmutationen, die einige Jahrhunderte nach dem Untergang der Vergangenen Menschheit aus den Tiefen der Erde hervorgekrochen waren. Es war eigentlich nicht allzu schwierig, ihnen aus dem Weg zu gehen, denn sie waren nicht nur behäbig, sondern an die schwarzen, lichtlosen Höhlen angepasst. Deshalb besaßen sie keine Augen und auch keinen Geruchssinn. Zur Orientierung benutzten die Ungeheuer eine Art Echolot-Organ in der Mitte ihrer stumpfen Stirn, das wie eine große Beule aussah. Mit ihm empfingen sie Bilder ihrer Umgebung, in dem sie ununterbrochen spitze Schreie, die von den Wänden zurückgeworfen wurden ausstießen, die nur Kinder und Jugendliche hören konnten. Dazu wuchsen den Echsen dutzende, gut zwei Meter lange Nesselärmchen aus dem gewaltigen Raubtiermaul. Diese Tentakel, die eine eine starke Säure produzierten, hielten ihre bemitleidenswerten Opfer fest und verdauten sie vor. Die von den Echsen produzierte Säure konnte sogar Kalkstein zerfressen und war in Flaschen abgefüllt ein beliebtes Handelsgut auf dem Bas-Markt.

Die bevorzugte Beute der Hâmidi waren die ebenfalls blinden, tapsigen Bärchenrinder und die großen, gezähmten Tiefenasseln, die harmlose Pflanzenfresser und Nutztiere der Arbeitsamen waren und von den Negradi-Moosen lebten. Diese weichen, aschefarbenen Kissen wucherten und gediehen auch bei absoluter Dunkelheit überall in den ausufernden Höhlenlabyrinthen. Sie besaßen eine natürliche Lumineszenz, die manche Orte in der Tiefe in ein unheimliches grünes Licht tauchten. Doch auch einen Menschen verachteten die Echsen nicht, wenn sie zufällig einen erwischten. Schon viele arglose Wanderer und Schatzsucher hatten bereits in den Nessel-Tentakeln der Monster ihre Neugierde oder ihre Unvorsichtigkeit bereut. Wahrscheinlich hatten die Arbeitsamen den Gang, den Esda benutzt hatte, wegen dieser Hâmidi-Echse vermint, die sich gerade in ihre Angriffsposition brachte. Dies war keine Todesfalle für einen Sammler, sondern eine für das Ungeheuer aus der Tiefe, das ihre Herden bedrohte. Esda war nur ein Kollateralschaden bei dem Versuch der Arbeitsamen, das Vordringen der Echse zu den Inneren Höhlen und den Moosweiden ihrer Asseln zu verhindern.

All das ging Esda blitzschnell durch den Kopf, als sie ganz langsam ihre Lampe am Gürtel festhakte und erneut den Atem anhielt; diesmal jedoch wegen des kaum erträglichen, beißenden Gestanks, den das Raubtier aus seinem Maul verströmte. Trotzdem wurde ihr übel und es fehlte nicht viel und sie hätte sich erbrochen und dadurch vorzeitig die Sprengfalle ausgelöst, an der sie hing.

Dann war es so weit: Das Raubtier hatte seine vermeintlich leichte und gefangene Beute eingeschätzt und war zu der Entscheidung gekommen, dass sich ein Angriff lohnte. Esda nahm ein schrilles, unangenehmes Pfeifen wahr, das sie weniger hörte, als vielmehr exakt in der Mitte ihrer Stirn spürte. Das bislang zögernde, hypnotisch langsame und abgrundtief hässliche Ungeheuer machte sich in dem Gang vor ihr dünner und länger und mit einer plötzlichen, fast spielerischen Bewegung seines Kopfes sprang es nach vorn und spie Dutzende von seildicken, klebrigen Tentakeln aus seinem weit aufgerissenen Maul. Die Echse die Nesselarme blitzschnell ausrollen und schleuderte sie Esda entgegen, aber sie reagierte schnell.

Der lange vorbereitete und im Geiste bereits hundertmal durchgeführte Sprung gelang ihr fast perfekt. Sie warf sich mit den Armen ausgreifend nach vorne, und weiter zur Seite in die verlockend nahe Spalte im Fels. Das sah so elegant aus, als würde sie mit einem Hecht in ein Wasserbassin springen. Die nach ihr schnappenden Tentakel verfehlten die Sammlerin nur um Zentimeter. Der gespannte Stolperdraht riss endlich und was Esdas Sprungkraft nicht vermochte, gelang der Druckwelle der nur einen Wimpernschlag später erfolgenden Detonation: Sie wurde durch die Luft direkt in die schützende Öffnung getragen, flog für Momente wie ein Geschoss durch die Luft.

Die Landung auf dem Boden des Seitengangs war hart und schmerzhaft. Dreck und kleinere Felsbrocken regneten wie starker Hagel auf Esdas Rücken. Auch ihren Kopf hatte sie sich bei ihrem tollkühnen Manöver irgendwo angeschlagen. Er dröhnte und sie verlor für eine Sekunde das Bewusstsein. Aber sie war der Hauptwucht der Explosion ganz im Gegensatz zu der gigantischen Echse größtenteils entkommen. Es wurde durch die Wucht der Druckwelle gegen die Wand geschleudert und kreischte gepeinigt auf. Dann rappelte es sich sofort wieder auf, denn das gut gepanzerte Tier war zwar verwirrt, blind und taub, jedoch nicht ernsthaft verletzt worden.

Die Fangarme schlugen wild um sich und einer von ihnen streifte zufällig Esdas Fuß. Im Reflex wickelte sich sofort besitzergreifend um die Fessel ihres linken Fußes, den sie gerade in die rettende Höhle zurückziehen wollte. Das ätzende Nesselgift kam mit ihrer nackten Haut in Kontakt. Sie schrie durch den furchtbaren Schmerz, den es in ihren Fuß brannte, gequält auf. Da auch Esda von dem Lärm der Detonation der Sprengfalle taub war, hörte sie sich selbst nicht schreien. Verzweifelt griff sie um sich, um sich irgendwo festzuklammern, doch ihre Finger gingen ins Leere, fassten nur in den zentimeterdicken Staub, der auf dem spiegelglatten Boden lag. Dann wurde sie ein Stück zurückgerissen; das Raubtier holte sich sein Opfer und zog seinen Tentakel ein, mit des es die Frau eingefangen hatte.

Die mutige Sammlerin hatte alles riskiert und doch alles verloren! Schreiend und verzweifelt um sich schlagend zappelte sie an der Angel aus Fleisch und Blut, die das blutgierige Ungeheuer aus der Tiefe ausgeworfen hatte.

Esda hörte mit ihrem seit der Detonation tauben Sinn das ächzende, fast menschlich klingende Stöhnen, das markerschütternde Knirschen und dann den neuen ohrenbetäubenden Knall nicht, mit dem die durch die Explosion mitgenommenen Balken, die den Gang stützten, nachgaben und die gesamte Decke aus tonnenschwerem, massivem Gestein auf einmal herabstürzte. Das Raubtier fühlte die Katastrophe noch kommen, ließ vor Angst pfeifend von seinem Opfer ab und wollte sich zurückziehen. Aber es war zu spät. Die langsame Echse wurde unter der über ihr hereinbrechenden Felslawine begraben. Esda zog eilig ihr befreites Bein an sich heran und rutschte weiter in ihre Spalte hinein. Das rettete sie. Wie durch ein Wunder hielt die Decke in ihrem engen Seitengang, in dessen Anfang sie lag. Aber nur einen halben Meter hinter ihr stürzte krachend die Wand ein! Dabei wurde eine gewaltige, dichte Staubwolke aufgewirbelt. Gleich darauf kämpfte die Sammlerin für einige Zeit hustend und spuckend mit dem Ersticken.

Doch dann war ihr persönlicher kleiner Weltuntergang überstanden und der Staub legte sich. Eine gespenstische Ruhe folgte. Nur noch wenige Steinchen rutschten hinter der bewegungslosen, halb betäubten Esda aus dem vom Geröll verschütteten Gang auf ihre Beine, die sie bis zum Bauch zu sich herangezogen hatte. Ein paar der scheußlichen Tentakel des Echsenmonsters ragten noch aus der neuen steinernen Wand, zitterten kurz und hingen dann leblos herab. Das Ungeheuer war tot. Davon bemerkte Esda nichts, denn in ihren schmalen Gang drang kein einziger Lichtstrahl. Eine fette, undurchdringliche Schwärze und der Dreck des Einsturzes lasteten wie eine schwere Felldecke auf ihr. Lange lag sie seitlich auf dem Boden, hielt ihre herangezogenen Knie umfasst. Sie heulte vor Schmerzen und wartete aufs Sterben. Aber es ließ noch auf sich warten. Sadon, der Gott der Tiefe, hatte es offenbar nicht eilig, sie zu sich in seine eisige Gruft zu holen.

[zum 3. Teil …]

Neu im Buchhandel:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book, 380 Seiten, illustriert

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – Prolog (1)

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

 

Prolog
Esda in der Tiefe

Esda war kurz abgelenkt gewesen und nun hing ihr Überleben an einem zum Zerreißen gespannten seidenen Faden – und dies wortwörtlich. Sie hatte sich nur kurz nach einem der Spinnenroboter umgesehen, der an der Wand des Felsengangs in ihrer Augenhöhe an ihr vorbeigehuscht war und sie durch sein plötzliches Auftauchen erschreckt hatte. Dabei nahm sie das Licht ihrer Blendlaterne für einen Moment von dem Schienenstrang, dem sie folgte, richtete ihren Strahl gegen die Wand und machte dabei nur einen unachtsamen Schritt nach vorn.

Es war der eine Schritt zuviel. Sie blieb mit dem Schienbein an einem etwa dreißig Zentimeter über den Boden quer durch den Gang gespannten Draht hängen. Er war mit irgendeiner tödlichen Anlage verbunden, die sich durch ein lautstarkes Klicken links von ihr bemerkbar machte. Esdas Reflexe waren auf solche Hindernisse geschult und sie verharrte sofort regungslos auf der Stelle. Der Draht wurde von ihrem Bein aufs Äußerste gespannt. Er konnte jeden Moment reißen und die Falle endgültig auslösen. Sie hielt die Luft an und stieß nur einen leisen Fluch in ihrer Sprache aus.

»Drschbar! – Diese Mistviecher!«

Diese Roboter, die die bruchstückhaften Schriften auf der heiligen Wand des Großen Tempels von Es Sakrat „Deltas“ nannten, waren etwa handtellergroße Geschöpfe der Vergangenen Menschen mit vielen haardünnen Spinnenbeinchen. Sie waren zwar vollkommen harmlos und nicht interessiert an den Menschen in der Tiefe, die sie wahrscheinlich nicht einmal wahrnahmen. Aber jetzt hatte sie wegen einer dieser Roboter, die hier unten in diesen Gängen nahe der Bunker die Ratten ersetzten, vielleicht ihr Leben verwirkt.

Esda rutschte mit ihrem Bein, das den gespannten Stolperdraht hielt, einen Millimeter zurück, um den Druck ein wenig zu mildern. Noch wagte sie es nicht, weiter zurückzutreten, denn sie nahm an, dies könnte den gleichen Effekt hervorrufen wie ein Durchtrennen des Drahts. Als erstes musste sie aufmerksam ihre Umgebung erkunden. Sie leuchtete mit ihrer Kaltlichtlampe nach unten. Erschrocken zog sie scharf die Luft ein. Es war kaum zu glauben, dass der dünne Kupferdraht noch nicht gerissen war, so weit, wie sie ihn mit ihrem Schienbein nach vorne durchdrückte. Sie verfolgte seine Herkunft mit ihrem Licht nach links, von wo aus das klickende Geräusch ertönt war. Sie erkannte eine Sprengfalle, wenn sie eine sah, denn sie war hier im unterirdischen Schienennetz, wo sie ihrem Beruf als Sammlerin nachging und nach Artefakten der Altvorderen suchte, schon einigen begegnet. Sie hatte einige Erfahrungen mit ihnen und wusste, wie sie mit ihnen umzugehen hatte. Dieses Exemplar war an der Seite einer angelaufenen silbrigen Tragesäule montiert, die in regelmäßigen Abständen links und rechts die niedrige Decke stützten und an eine Entschärfung der Bombe war nicht zu denken. Die Sprengladung war nicht einmal sehr groß, aber sie würde Esda zerreißen, wenn sie sich ihrer Wucht direkt und ungeschützt aussetzte.

Hier waren Augenmaß und Millimeterarbeit gefragt. Mit äußerster Vorsicht schob sie ihr Bein zur rechten Seite und gleichzeitig wieder etwas nach vorne, um den Druck auf der kupfernen Reißleine aufrecht zu erhalten. Ihr Ziel – die bröcklige Wand, an der das andere Ende des Drahtes befestigt war -, war zwar nur zwei Meter von ihr entfernt, aber bei ihrem langsamen zur Seite rutschen noch eine ganze Stunde von ihr entfernt. Bald begann sie in dem schwülen Höhlengang, in den durch die verstopften Belüftungsschächte nur wenig frische Luft drang, zu schwitzen und die salzigen Tropfen rannen ihr über das Gesicht und fielen ihr vom Kinn. Der Schweiß lief ihr den Rücken hinunter und färbte ihr dünnes, rotes Hemd dunkel. Die Hand, mit der sie die kleine Lampe hielt, begann zu zittern und nachdem sie nach einer gefühlten Ewigkeit etwa die Hälfte zwischen ihrem ursprünglichen Standort und der Wand zurückgelegt hatte, begann in ihrem nach vorn gestreckten Bein ein aufgeregter Ameisenhaufen zu wimmeln; es starb ihr langsam ab. Trotzdem ließ Esda für keinen Moment in ihrer Aufmerksamkeit nach und ließ sich nicht aus dem Konzept bringen.

Ihr Plan – der einzige, bei dem sie eine kleine Chance hatte, die unvermeidbare Explosion des Arbeitsamen-Sprengsatzes zu überleben -, war es, die rechte Wand zu erreichen, an der sie in Sprungweite vor sich eine Spalte im Fels entdeckt hatte, die breit und hoffentlich auch tief genug war, um sie aufzunehmen und zu schützen. Vielleicht war an dieser Stelle einmal ein Versorgungsschacht von dem Stollen abgezweigt. Doch noch war sie längst nicht an ihrem Ziel angelangt, von dem aus sie den Sprung hinein in diese Felsspalte wagen wollte. Esda war klar, wie viel bei ihrem verzweifelten Versuch, auf diese Weise ihr Leben zu retten, schiefgehen konnte. Aber sie schob den Gedanken und den Ärger darüber, in welche fatale Lage sie die Arbeitsamen gebracht hatten, weit von sich. Sie durfte sich bei ihrer Anstrengung von nichts ablenken lassen und mühte sich deshalb um einen gleichmäßigen und ruhigen Atem, während sie ihre Seitenbewegung mit der größten Behutsamkeit fortsetzte.

Hoffentlich reichte der Strom im Akku, der das Licht ihrer Dynamo-Taschenlampe erzeugte, noch aus! Sie hatte das Gefühl, der Lichtkegel würde langsam trüber und gelbstichiger. Sie konnte im Moment unmöglich in ihre Umhängetasche fassen und die Kurbel hervorholen, mit deren Hilfe sie durch schnelles Drehen die Batterie wieder laden konnte. Würde ihre Lampe verlöschen, dann wäre sie von vollkommener Finsternis umgeben und ihr Versuch, der Explosion der Stolperfalle zu entkommen, zum Scheitern verurteilt.

Nicht nachlassen! Noch ein paar Zentimeter nach rechts, die beißende Taubheit im Bein ignorieren, weitermachen, ruhig atmen. Das Zittern unterdrücken, an angenehme Dinge denken. Noch lebte Esda. Noch gab es Hoffnung, auch wenn sie nur ein Augenzwinkern von einem schrecklichen Tod entfernt war. Sie durfte nicht einfach hier unten in den Minen sterben! Das war sie ihrer Familie, die oben in der Stadt auf sie wartete, schuldig. Esda hatte täglich vier hungrige Mäuler zu stopfen, die ohne sie verloren waren, nachdem ihr Ehemann vor achtzehn Monaten am Lichtfieber gestorben war: Ihre beiden Kinder, die Zwillinge Aaha und Behara, die gerade vier Jahre alt waren und Esdas alte und gebrechliche Eltern Lena und Sol. Ohne die tapfere Frau und die Dinge, die sie unter Lebensgefahr im Untergrund beschaffte und auf dem Markt von Bas verkaufte, würden ihre Liebsten verhungern oder Opfer der Behutsamen Schwestern werden. Esda graute, wenn sie an diese Möglichkeit dachte.

Schließlich erreichte sie doch noch die Seitenwand. Sie fühlte sich gleichzeitig erleichtert und um Jahre gealtert. Es hätte sie nicht gewundert, wenn das Mahagoni ihrer kurz geschnittenen Haare in der letzten Stunde weiß geworden wäre. Inzwischen war es sicher schon Nacht in den Ebenen und die Schlacht tobte. Aber hier unten war außer ein paar sehr weit entfernten und dumpfen und unregelmäßigen Donnerschlägen nichts vom Krieg der Roboter zu hören oder zu bemerken. Das Grollen ihrer Waffen gehörte wie das Schnarchen ihres Vaters zur Untermalung jeder Nacht ihres Lebens. Esda war nun nur noch eine halbe Armlänge von dem Fels entfernt. Ihr Licht, das nun schon merklich schwächer war, hatte gehalten und sie hatte auch die Falle noch nicht ausgelöst. Vielleicht – und das wäre das Beste gewesen -, war der Auslöser der Bombe defekt. Doch daran glaubte sie nicht wirklich. Sie leuchtete nach vorne zu dem Spalt im Fels, der ihr Deckung geben sollte. So weit sie im schwindenden Licht ihrer Lampe erkennen konnte, war er breit und offenbar auch tief genug, um einen Sprung zu wagen. Esda atmete tief ein und hielt dann die Luft an. Sie hatte nur einen einzigen Versuch, Würde sie bei ihrem Sprung ausrutschen oder zu kurz springen oder nicht genau in die Öffnung fallen, dann würde sie von der Explosion erwischt und getötet werden.

Sie zählte langsam rückwärts von Fünf auf Null. Als sie bei der Zwei war, hörte sie die schweren, stampfenden Schritte eines gewaltigen Vierbeiners. Sie kamen von weiter hinten im Gang direkt auf sie zu.

»Nein, das kann nicht sein«, stieß sie ihren Atem wieder aus und hob die Lampe, die allerdings nicht mehr die Kraft hatte, den Tunnel auszuleuchten. Unheimliche Schatten lagen wie schwarze Felsnadeln vor ihr auf den Schienen und verwoben sich mit der absoluten Finsternis, die hinter ihnen lag. Dann hörte Esda das Schaben eines Panzer an der Wand. Und gleich darauf das markerschütternde Knirschen, das von den mahlenden Zahnreihen einer Nagid-Echse erzeugt wurde. Nach dem grausamen und gefräßigen Gott der Tiefe war dieses Raubtier das bösartigste und tödlichste Ungeheuer, das diese Höhlenwelt unter Es Sakrat, der Stadt unter dem heiligen Doppelgipfel, kannte. Dabei es war vollkommen egal, ob man der Nummer Eins oder der Nummer Zwei zum Opfer fiel! Und die Nummer Zwei kam direkt auf Esda zu.

[Zum 2. Teil …]

Neu im Buchhandel:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

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