Archiv der Kategorie: Science Fiction

Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 1)

Ab heute auf meinem Blog:

knoten

Teil II. der großen Brautschau-Saga:
Faiabas Erwachen

titel-Faiaba

Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen.

Doch eine gewaltige Waffe hat den Weltuntergang der Vorgänger überstanden und bedroht die Menschheit. Es ist Maní, der schwarze Mond, der überraschend am Himmel aufgetaucht ist und in wenigen Monaten auf die Erde stürzen und alles Leben unter sich begraben wird.

Auch Fabia Winterfeld, eine junge Vorgängerin, hat die Selbstvernichtung ihrer Zeitgenossen im Kälteschlaf überlebt. Das Wissen der blonden Schönheit ist die einzige Chance, das drohende Ragnarök zu verhindern. Aber ihre eisige Ruhestätte befindet sich tief in den Katakomben der alten Universität von Pars, die mitten in den Jenseitigen Landen liegt.

Eine Gruppe mutiger Abenteurer, unter ihnen der Brautwanderer Half, wagt den Wettlauf gegen die Zeit und dringt verfolgt von alten und neuen Feinden unter großen Mühen und Gefahren in die todbringenden Gebiete im Westen vor, in denen sich die Natur in unvorstellbarer Weise verändert hat und der teuflische Dämon Inet auf neue Opfer lauert …

Teil I. der Saga, „Meister Siebenhardts Geheimnis“, ist als E-Book und als Taschenbuch überall im Buchhandel erhältlich.

knoten

Prolog
5880 Jahre vorher

In den Marskolonien der Indopazifischen Union herrschten Chaos und Zerstörung. Aber ihr Angriff erfolgte auch an diesem Morgen pünktlich und präzise. Wie immer schlugen die ersten Gravitationswellen aus ihren im Stickney-Krater auf Phobos stationierten Kanonen um 06:45 Uhr auf dem irdischen Mond ein und zehn Sekunden später begannen die Sirenen auf den Wohntürmen und öffentlichen Gebäuden der Megapole Paris zu heulen.

Omicron, der kleine private Mehrzweck-goLEM der Studentin Fabia Winterfeld, schaltete ebenso prompt in den Notfallmodus. Aufgeregt rollte er schwankend durch ihre vollgestellte Einzimmerwohnung und gab fiepende, panische Geräusche von sich. Offenbar kam dabei auch sein Orientierungssinn ein wenig durcheinander, denn der Robot donnerte zuerst gegen die Küchenzeile und suchte dann protestierend Schutz unter dem niedrigen Esstisch.

„Überrangprotokoll Fabia!“, rief die junge blonde Frau eilig. „Omicron, Standby.“

Etwas klickte und rasselte im Inneren des Robots, dann froren seine hektischen Bewegungen ein und ein rotes Licht leuchtete an seiner Außenhülle. Fabia seufzte. Jeden Morgen veranstaltete Omicron das gleiche Theater und jedes Mal vergaß sie am Abend vorher, ihn vorsorglich in den Ruhemodus zu versetzen. Sie hatte schon mehrmals mit dem Wartungsservice der Universität gesprochen, ob man den goLEM nicht etwas weniger empfindlich einstellen konnte und es war ihr auch von dem netten Mitarbeiter immer wieder versprochen worden, man würde einen Delta vorbeischicken. Aber bislang hatte sie immer vergeblich auf eine der wieselflinken Technikdrohnen gewartet, die an glattrasierte Vogelspinnen erinnerten. Der Wartungsservice hatte wahrscheinlich in diesen Zeiten Wichtigeres zu tun, als sich um die kleine Haushalts- und Medizinmaschine einer Studentin zu kümmern. Sie konnte Omicron aber auch nicht einfach ausgeschaltet lassen, weil unter Umständen ihr Leben von seinen Sensoren und Funktionen abhing. Trotzdem genoss Fabia den kurzen Moment der Ruhe. Sie wartete, bis auch die Sirenen endlich schwiegen, dann kletterte sie aus ihrem Bett, das automatisch von der elektronischen Raumkontrolle mit einem unangenehmen Quietschen in die Wand zurückgezogen wurde.

„Vielleicht sollte ich die Kugellager mal wieder ölen lassen“, dachte sie und vergaß ihren Gedanken sofort wieder, denn der jungen Frau wurde gleichzeitig schwindlig. Ihre Umgebung geriet für sie heftig ins Schwanken und sie musste sich am kleinen Bücherbord festhalten, um nicht zu stürzen. Fabia wusste nicht, ob der Eindruck durch ihre morgendlichen Kreislaufprobleme entstanden war oder etwa doch durch eine der Gravitationswellen, die ihr Angriffsziel verfehlt und zufällig das Studentenwohnheim getroffen hatte. Sie schloss für ein paar Sekunden die Augen und atmete tief ein. Das Gefühl, auf den Planken eines schwankenden Schiffs zu stehen, verschwand so schnell wie es gekommen war. Erleichtert stieß sie die Luft aus.

Fabias erster Weg führte sie zu dem veralteten Lebensmittel-Dehydrator und -Zubereiter, dem der Vorbesitzer der Wohnung scherzhaft ein prähistorisches Windows-30X-Betriebssystem unterstellt hatte. Sein Ratschlag hatte gelautet, fest mit einem Hammer von oben auf die Außenhülle zu schlagen, wenn das Gerät ein Croissant und einem Milchkaffee produzieren sollte. So verbeult, wie das Ding aussah, hatte er das offenbar auch einige Male ausprobiert. Leider funktionierte der unförmige Kasten dadurch selten so, wie er sollte und erschuf statt einem französischen Frühstück die seltsamsten und ungenießbarsten Nahrungsmittelkombinationen.

Tagsüber aß Fabia in der Mensa, aber morgens war sie auf den Thermix angewiesen. Auch heute versuchte sie vergeblich, das altersschwache Gerät durch Rütteln zu bereden, ihr einen starken Morgenkaffee zuzubereiten. Stattdessen füllte es eine durchsichtige Brühe in die bereitgestellte Tasse, die wie eine Mischung aus Earl-Grey-Tee und Kohlsuppe schmeckte. Aber sie war wenigstens warm und mit ein wenig Süßstoff gewürzt und auch ihr Koffeingehalt schien zu passen.

Fabia verzichtete auf einen weiteren Seufzer und stellte sich an das einzige, wegen der Klimaanlage nicht zu öffnende Fenster ihres billigen Studentenappartements im 123. Stockwerk des etwas heruntergekommenen Henri-Gouraud-Buildings im Weichbild der Innenstadt von Paris. Eigentlich war der Blick aus den etwas trüben Scheiben auf die französische Megapole von hier oben atemberaubend – man konnte bei klarem Wetter sogar die Kunststoffkopie des Eiffelturms in der Ferne erkennen, die im letzten Jahrhundert nach dem entsetzlichen pazifischen Krieg, der praktisch ganz Südostasien radioaktiv verseucht hatte, errichtet worden war – aber gerade schob sich wieder mal eine der vielen gewaltigen Nachrichtentafeln, die wie eine Besatzungsarmee über der Stadt schwebten, an dem Hochhaus vorbei und verdeckte die Aussicht, wegen der allein Fabia die schmuddelige, kleine Bude gemietet hatte.

„Der Mond braucht Männer!“, las Fabia zornig und stirnrunzelnd, während sie an ihrem scheußlichen Getränk nippte und sich dabei die Lippen verbrannte. „Der Mond braucht SIE! Bewerben Sie sich noch heute, denn morgen, Männer, kann es bereits zu spät sein.“ Die Second-Moon-Corp., kurz 2MC, der mächtigste und größte Industrie- und Wirtschafts-Trust der Welt, machte mal wieder Werbung für ihr gigantisches Weltraumprojekt, im Wettlauf gegen die Zeit oben im Orbit einen zweiten, künstlichen Trabanten zu errichten, bevor der natürliche Mond durch die Waffen der Kolonisten vernichtet werden würde. Die täglichen Angriffe mit ihren experimentellen Gravitationswellenkanonen hatten seine Struktur bereits existentiell angegriffen und er torkelte auf einer unsicheren Umlaufbahn um die Erde. Würde er tatsächlich zerbrechen und seine Einzelteile als glühende Meteore auf die Menschheit herabregnen, wäre der Weltuntergang gekommen. Aber noch hielt der Mond den steten Erschütterungen tapfer stand und Fabia hoffte, dass er das noch eine ganze Weile tat. Zumindest bis die 2MC ihr Projekt beendet und einen Ersatz geschaffen hatte, der die Erdrotation abbremsen würde, wenn sein natürliches Pendant irgendwann fehlte.

Aber welcher Marketing-Praktikant hatte denn diesen frauenfeindlichen Spruch verbrochen? Die Studentin, die an der Pariser Uni neben Theoretischer Kybernetik und Künstlicher Intelligenz im Nebenfach Genderwissenschaften belegt hatte, ärgerte sich über die Werbeeinblendung der Moon Corp., die gerade – als ob sie sie verhöhnen wollte – auf der fliegenden Tafel muskelbepackte Testosteronbündel zeigte, die am Metallgerüst des künstlichen Trabanten arbeiteten und aus stahlblau funkelnden Augen heroische Blicke gen Sternenhimmel richteten. Seit den Anfängen der Frauenemanzipation waren nun beinahe fünfhundert Jahre vergangen und noch immer benötigte der Mond ausgerechnet Männer! Einfach widerlich. Fabia hatte Lust, sich auf der Stelle bei der Pressestelle der Gleichstellungsministerin zu beklagen.

Doch plötzlich unterbrach das zentrale I-Net die nachfolgende Hundefutterreklame auf der schwebenden Werbetafel und brachte eine Notfallmeldung. Alle Bürger von Paris wurden aufgefordert, unverzüglich ihre Augreyes einzuschalten, falls sie dies noch nicht getan hatten, und auf eine wichtige Nachricht der Earth Defence zu warten. Wie alle Bewohner der Megapole trug auch Fabia ihre Augmented-Reality-Kontaktlinsen vierundzwanzig Stunden am Tag und aktivierte sie gehorsam durch ein bewusstes Nasenzucken. Die Augreyes versuchten sofort Verbindung mit dem Netz aufzunehmen und blendeten zusätzlich in den Blick der Frau auf die langsam vorbeiziehende Werbetafel vor ihrem Fenster das Standby-Symbol von I-Net ein; eine sich um sich selbst drehende, altertümliche Computerplatine. Es sah aus, als würde das Logo direkt vor Fabia in der Luft schweben und sie müsse nur den Arm ausstrecken, um es zu berühren. Was frühere Generationen für Magie gehalten hätten, war für sie nur ein Teil ihres alltäglichen Lebens. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie die Menschen früher ohne die Möglichkeiten der virtuellen Realität, durch die man buchstäblich mit einem Augenzwinkern Verbindung mit der ganzen Welt aufnehmen konnte, gelebt hatten.

Während die Studentin ungeduldig auf das Online-Signal des weltweiten Computernetzes, dessen Serveranlagen in auf -250° C herunter gekühlten künstlichen Höhlen unter der iberischen Halbinsel und der nördlichen Atlantikküste standen, wartete, ging sie zu ihrer engen Nasszelle, schüttete den Rest ihres scheußlichen „Kaffees“ in die Toilette und machte ihre Morgenwäsche.

„Irgendetwas scheint nicht zu stimmen“, wunderte sie sich, denn solche Verzögerungen beim Einwählen ins Netz waren nicht normal. Aber dann, als sie sich gerade nackt im Spiegel begutachtete und überlegte, ob sie sich noch einen weiteren Eingriff leisten könnte, um ihr kritisch betrachtet doch etwas zu ausladendes Gesäß in Form bringen zu lassen, funktionierte der Kontakt doch. Bevor sich allerdings I-Net melden konnte, erreichte sie ein Prioritätsanruf aus der Uni. Vor ihren Augen klappte die äußerst echt wirkende Gestalt ihres Doktorvaters auf, von Fabias Augreyes halb unter die tropfende Dusche gezaubert. Sie kicherte und war froh, dass ihm in diesem Augenblick nicht sie selbst, sondern ihr vollständig bekleideter, geschminkter und nur leicht aufgehübschter Avatar vor den Augen stand.

Bonjour, Fabia“, begrüßte sie Dr. Samuel Baruch Rosenthal, der führende Biokybernetik-Wissenschaftler der westlichen Hemisphäre. „Wie ich sehe, sind Sie schon auf. Ich muss Sie unbedingt und sofort sprechen, es ist äußerst dringend. Kommen Sie so schnell wie möglich zu mir ins Babel.“

[Fortsetzung am nächsten Freitag …]

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erzählung, Faiabas Erwachen, Fantasy, Literatur, Phantastik, Roman, Science Fiction

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 7)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Lakmi trat neugierig einen Schritt nach vorne und spähte in das dunkle Loch, das sich nun unter ihr auftat. Der quadratische Schacht war nicht sehr tief und der Boden, der vielleicht zwei Manneslängen unter ihr lag, war mit flaschengrünen, im von oben herabfallenden Licht schillernden Fliesen ausgelegt. Alles wirkte sauber, wie erst kürzlich geputzt. Das Erstaunlichste aber war, dass es unten auf dem Grund so kalt sein musste, als befinde sich dort ein Eiskeller. Die eisige Luft dampfte aus der Öffnung. Lakmi hielt fasziniert ihre gefesselten Hände in den kalten Hauch.

„Du bist hoffentlich nicht abergläubisch. Da unten befindet sich kein Eingang in Inets gefrorene Hölle, sondern ein Netz von Gängen, die in die geheimen Kommandoräume einer der Armeen führt, die auf der Oberfläche ihren Krieg ausfechten. Wenn es dir gelingt, dort einzuschleichen, ist es möglich, einen der Gegner einfach auszuschalten. Es gibt im Worum einen großen, schwarzen Tisch, der bei der leisesten Berührung Bilder und Landkarten zeigt und mit dem du reden kannst. In diesem Tisch ist ein blinder Daimon eingesperrt; einer der Sorte, die ihr in Karukora Dschinn nennt. Er wird dir zu Diensten sein und dir jede Frage beantworten, die du ihm stellst. Er weiß, wo sich der Stab der Macht befindet, den ich benötige, um die ewige Schlacht zu beenden. Dieser Dschinn wird dir auch die Karte geben, die in den Tag führt“, sagte Asgëir und stellte sich auf die andere Seite des Eingangs.

Lokwi runzelte die Stirn. Es verlockte sie zwar, die Geheimnisse des Untergrunds zu erforschen, aber ihr blieben noch einige Fragen.

„Ein Dschinn, so habe ich gelernt, ist immer böse, hinterhältig und will dem Menschen, dem er gehorchen muss, übel, weil er neidisch ist, dass dieser im Gegensatz zu ihm eine Seele hat. Er wird jedes Wort verdrehen und jeder Wunsch, den er erfüllt, verwandelt sich unter seiner Hand in eine Plage, die man besser nicht herbeigesehnt hätte.“

„Das gilt wohl auch für den Dschinn im Worum, denke ich. Er ist ein ausgesprochen niederträchtiger Geist, denn er gehorchte einmal meinen Feinden. Doch heute sind die Männer, die ihm Befehle gaben, nur noch Staub und ein verlorenes Flüstern, das außer mir niemand mehr hören kann. Aber der Dschinn kämpft in ihrem Namen weiter unverdrossen seinen Krieg gegen die eisernen Soldaten seiner Gegner, die bis auf mich ebenfalls seit tausend Jahren tot sind. Es ist nun wirklich an der Zeit, die Schlacht zu beenden und der Wüste ihren Frieden zurückzubringen. Doch dazu brauche ich eben alle Stäbe der Macht. Einen besitze ich bereits, ein zweiter ist im Worum, ein dritter befindet sich in Nearoma.“ Asgëir machte eine nachdenkliche Pause. „Du musst jedoch keine Angst vor diesem Dschinn im Tisch und seinen Wächtergolemen vor der Tür haben. Ich kenne das Zauberwort, das sie besänftigt. Sprichst du es aus, werden sie besänftigt und dir ohne Widerrede gehorchen.“

Der seltsame Alte verriet Lakmi dieses Wort, das für sie wie sinnloses Geplapper aus dem Mund eines Kleinkindes klang, aber leider nicht von ihr in ihren Schriften überliefert wurde. Asgëir zwang sie, dieses Wort so lange zu wiederholen, bis er zufrieden mit ihrer Aussprache und ihrer Artikulation der schwierigen und vokalreichen Laute war.

Endlich nickte Lakmi und willigte in den Handel ein. Ihr war zwar, als hätte sie eine wichtige Frage vergessen und Asgëir würde weiterhin einiges für sich behalten. Aber das war wohl – falls er die Wahrheit über seine Vergangenheit gesagt hatte – nicht weiter verwunderlich. Sie schloss die Augen, als müsse sie überlegen, ob sie auf den mit einer gezückten Pistole erzwungenen Handel eingehen sollte, aber sie hatte sich längst entschieden und genoss am Rand des Schachts stehend die Luft, die unvermindert kalt emporstieg und bei ihr zum ersten Mal in ihrem Leben eine Gänsehaut erzeugte. Allein wegen dieses atemberaubend neuen Gefühls hatte sich die Wanderung in die Tote Wüste für sie gelohnt. Und nun konnte es ihr vielleicht dazu noch gelingen, eine Karte ins legendäre Pardais zu ergattern und diese zurück zu ihrem kranken Vater zu bringen. Sie würde ihn unverzüglich zur glücklichen Stadt führen, damit er wieder gesund wurde. Die Legenden sagten doch, dass dort alle Krankheiten heilten und Alte wieder jung wurden.

„Nimm meine Fesseln ab, Zauberer. Ich werde dir deinen Wunsch erfüllen.“

Kurze Zeit später und einige Fuß tiefer in der Erde war die Gänsehaut an den Armen und dem Rücken nichts besonderes mehr und Lakmi fragte sich zähneklappernd und schlotternd, was ihr daran überhaupt gefallen hatte. Sie hätte jetzt einiges für einen wärmenden Umhang oder zumindest für geschlossene Schuhe gegeben. Sie eilte entschlossen den sich vor ihr aufhellenden, aber nichtsdestotrotz bitterkalten Gang hinunter, zum dem sie Asgëir an einem Seil hinabgelassen hatte, nachdem er ihr ein Papier gab, auf dem er den Weg aufgezeichnet hatte, den sie gehen sollte. Er würde sie einige Meilen weiter östlich zu Füßen der ewigen Schlacht zu dem Worum seiner Gegner führen. Sie durfte dabei auf keinen Fall von der groben Skizze abweichen, sonst würde sie sich hoffnungslos in dem Gängelabyrinth hier unten verirren. Hier gab es viele Stellen, an denen ihr Leben in Gefahr war, wo heimtückische Fallen lauerten, Räume ohne oder mit vergifteter Luft, böse Goleme, die alles töteten, das sich bewegte und viele andere Bedrohungen, die auch Asgëir nicht so genau kannte. Er hatte Jahrzehnte seine Lebens damit verbracht, diese Skizze anzufertigen, die sie nun ohne sich größeren Gefahren auszusetzen zum Worum führen sollte. Nur was in unmittelbarer Nähe dieses Raumes war, wusste der Unsterbliche nicht, denn dorthin hatte er nie vordringen können. Hier würde sich Lakmi auf ihre Gewandtheit und ihren Instinkt verlassen müssen.

Doch im Augenblick befand sie sich noch in relativer Sicherheit und bestaunte den Raureif an den Wänden, eine Erscheinung, die ihr bis dahin vollkommen unbekannt gewesen war. Es konnte zwar auch Nachts in der Wüste empfindlich kalt werden, aber die Luft war hier so trocken, dass ihr dieses Phänomen noch nie begegnet war. Ab und an drückte sie ihre flache Hand gegen die beschlagenen Wände und bestaunte die Abdrücke, die sie dabei hinterließ und die Taubheit, die dadurch in ihren Fingerspitzen entstand.

„Vielleicht gibt es hier unten sogar Schnee“, dachte sie. „Den würde ich gerne einmal sehen.“

Inzwischen wusste sie, welche Frage sie Asgëir hätte stellen sollen:

„Wenn du einer der Generäle warst, die diesen Krieg begonnen haben, warum gehst du dann nicht in den Worum deiner eigenen Armee zu deinem Dschinn und beendest von dort die Schlacht?“

Und wenn sie gerade beim Zweifeln war: Wenn sie Asgëir diesen mysteriösen Stab der Macht, nachdem er gierte, besorgte und er tatsächlich den ewigen Kampf der mechanischen Armeen beendete – wozu benötigte sie dann eigentlich noch die Karte nach Pardais?

Bald jedoch hatte Lakmi vollkommen andere Sorgen, als sich über den Delphi Gedanken zu machen. Denn seine angeblich so mühsam erstellte Grundriss-Skizze stimmte nicht. Alles war hier zwar wie von Zauberhand erleuchtet – Strom war zu Lakmis Zeiten in dem Juwel der Wüste noch unbekannt – aber plötzlich stand sie anstatt wie in der Zeichnung angegeben nicht in einem weiteren Gang, sondern in einem würfelförmigen Raum. Und hier war sie auch nicht mehr allein. E wimmelte von kleinen automatischen Spinnen, vielleicht einhundert, vielleicht waren es mehr.

Mein geschätzter Vorredner, der ja eine ganz ähnliche Geschichte über den Gründervater seiner Kirche erzählt hat, nannte sie vorhin Deltas. Das ist eine Spielart der Goleme der Vorgänger, die Reparaturen aller Art durchführen und die Verstand einer Ameise haben sollen. Sie werden von den Befehlen eines Dschinn geleitet, erledigen ihre Arbeiten aber auch allein und selbstständig. So steht es zumindest in Ibn‘ Rufis Standardwerk Von Denen Eyßernen Geschöpfen Unter Den Erden Und Wie Sie Alldorten Haußen zu lesen.

[Fortsetzung nächsten Mittwoch …]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter der in den Tag führt, Der Weg, Fantasy, Fortsetzungsroman, Literatur, Märchen, Phantastik, Roman, Science Fiction

Glaubt mir – er beißt nicht

Alle Dichter wollen weniger gelobt und fleißiger gelesen sein.
Gotthold Ephraim Lessing

Es widerstrebt mir, den scheinheiligen Tanz ums goldene Kalb und den Feuilleton-, Medien-, Verlags- und Buchhandelsrummel um runde Geburts- oder Sterbedaten unserer Dichter und Denker mitzumachen. Man lobt sie routiniert und wohlvorbereitet an ihren Jubiläen, um dann bereits ein paar Tage später die nächste Sau durchs mediale Dorf zu hetzen. Die Erinnerungen und Ehrungen werden des überschwänglichen Feierns müde wie Christbaumschmuck im Januar eiligst zurück in den Keller geräumt, bis die nächste runde Zahl droht. Gelesen werden diese Autoren trotzdem nicht.

Aber für Arno Schmidt (1914 – 1979) muss ich eine Ausnahme machen, weil er mir wirklich am und manchmal auch auf dem Herzen liegt: Schließlich ist Schmidt der herausragendste und humorvollste, der intelligenteste und zugleich provozierendste Autor, Essayist und Übersetzer, der von uns Deutschen nach dem 2. Weltkrieg mit Nichtbeachtung und Interesselosigkeit abgestraft wurde. Hierzulande werden keine unbequemen Autoren mehr eingesperrt oder mitsamt ihren Bücher verbrannt, man ignoriert sie einfach, ordnet sie bequem in ihren historischen Kontext ein (1) und vergisst sie. Oder man wirft ihnen – auch das ist typisch deutsch – „Nestbeschmutzung“ vor; was den Autor noch nachhaltiger vernichtet, als ihn einfach zu erschießen. Arno Schmidt passierte beides. Er wurde als genialer Außenseiter zu einer wenig beachteten Fußnote im Kapitel „Nachkriegsliteratur der BRD“ degradiert und sein bitterböser Kulturpessimismus und sein verzweifeltes Aufreiben am Deutschen Untertanenwesen als defätistisches Nachhakeln eingestuft.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Sicherlich war an dem fehlenden Nachruhm auch der ärgerliche Streit um die Rechte an seinem Werk schuld. Das führte dazu, dass eine Zeitlang nur atemberaubend teure Nachdrucke der in den 50er und 60er Jahren im Fischer-Verlag veröffentlichten Bücher oder zu ebenfalls gesalzenen Preisen die von der Arno-Schmidt-Stiftung herausgegebenen Gesamtausgaben erhältlich waren.(2)

Und ich gebe es gerne zu: Es ist nicht leicht, Arno Schmidts Welt zu betreten, er macht es dem Leser und auch sich selbst nicht einfach. Keiner schreibt wie er. Schmidt ragt wie ein Mount Everest aus den seichten Vorgebirgen der deutschen Nachkriegsliteratur in sauerstoffarme Höhen. Er ist einzig, aber ganz und gar nicht artig. Sein – formulieren wir es mal euphemistisch – eigenwilliger Umgang mit Grammatik und Zeichensetzung, seine am stream of consciousness und den Wielandschen und Jean-Paulschen satzungethümen Bleistiftwüsten geschulter, synästhetischer, oft monologsischer Stil, in dem manchmal jedes Wort und oft auch jedes Satzzeichen eine Anspielung an ein- bis zwei mitgedachte Literaturquellen (3) und unbewusste freudianische Fehlleistungen sind, seine – der Generation, zu der er gehört, geschuldeten – muffigen sexuellen Fixierungen (man kann von einer Vorliebe für Alt-Herren-Witze reden) wirken wie eine fest verschlossene Tür in sein Gedankengebäude, die nur mit äußerster Anstrengung und aller Geduld und Aufmerksamkeit geöffnet werden kann. Das lohnt sich allerdings. Hat man sich erst einmal an die anspielungsreiche und exzentrische Ausdrucksweise gewöhnt, kann Schmidt süchtig machen. Und diese Liebe hält ein ganzes Leben an.

Schmidt2Arno Schmidt
Schwarze Spiegel
(suhrkamp BasisBibliothek 2006)

Zum Einstieg in sein überbordendes Werk sei hier seine feine kleine Erzählung „Schwarze Spiegel“ angeführt, eine erstaunlich klassische Science-Fiction-Geschichte, von der es in der zeitgenössischen deutschen Literatur viel zu wenige gibt, weil hierzulande Genrewerke nicht ernst genommen und als Unterhaltung abgetan werden. (4) Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase liest sich diese Anti-Utopie flüssig und spannend und enthält doch alles, was ein Schmidt-Œuvre ausmacht. Eine weitere gute Möglichkeit, Schmidt kennenzulernen, sind seine Radioessays über meist vergessene Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen er die Ergebnisse seiner literaturarchäologischen Arbeiten als appetitanregende Häppchen serviert. Dass Johann Karl Wezel oder Karl Philipp Moritz heute wieder gelesen werden, ist der Schmidtschen Radio-Werbung zu verdanken, einige seiner weiteren, äußerst lesenswerten Entdeckungen gibt es beim 2001-Verlag in der Reihe „Haidnische Alterthümer“. Arno Schmidt war auch ein fleißiger Übersetzer englischer und angloamerikanischer Literatur. Hier seien eine kongeniale, stellenweise neudichtende Poe-Übertragung erwähnt, seine Verdienste um John Fenimore Cooper, Jules Verne oder auch Karl May, die in Deutschland als Jugendbuchautoren verschätzt und deren Werke verstümmelt wurden oder seine zugegebenermaßen exzentrischen Bulwer-Lytton-Übersetzungen, die allerdings nur antiquarisch erhältlich sind.(5)

Obwohl es Arno Schmidt Zeit seines Lebens nicht einfach fiel, von seinem literarischen Schaffen zu leben und er im Alter immer zynischer und bitterer wurde, gibt es doch eine Sache, um die ich ihn aufrichtig beneide. Er fand in dem außerordentlich intelligenten und belesenen Millionär Jan Philipp Reemtsma (6) einen Förderer, der ihn mit einem Geldbetrag unterstützte und damit aller materieller Sorgen enthob. Schmidt konnte sich in seinen letzten Lebensjahren in seine Zettelkästen und seine Literatur vergraben und ich nehme an, dass er genau dort glücklich war.

Wenn ich nicht unbedingt muss, dränge ich mich keinem mehr auf : ich habe im Zimmer weit größere Freiheit;
und die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.
Arno Schmidt, Julia, oder die Gemälde

—————–

(1) Arno Schmidt gilt vielen als eher zweitrangiger James-Joyce-Epigone, der oft noch schlechter lesbar ist als sein Vorbild. Die haben sich noch nie an Joyce im Original versucht. Arno Schmidt ist zumindest in einer Sache dem kurzsichtigen Iren überlegen: Er ist nie langweilig.

(2) Man versuche nur einmal, von Schmidts Haupt- und Meisterwerk „Zettels Traum“ eine für Normalverdiener erschwingliche Ausgabe zu erhalten.

(3) Ein Link zur Schmidtschen Referenzbibliothek. Die meisten der Bücher sind urheberrechtsfrei und stehen als PDFs eingescannt zum Download zur Verfügung. Viele von ihnen gibt es allerdings auch bei den üblichen Verdächtigen als ordentlich überarbeitete EPUBs.

(4) Hier sei auf Franz Fühmann verwiesen, dessen Saiäns-fiktschen leider komplett vergessen ist. Über ihn und den Einfluss, den er auf meine Literatur hat, müsste ich auch einmal schreiben.

(5) Ich lese gerade in der Übertragung von Schmidt mit wachsender Begeisterung „Was wird er damit machen“ von Edward Bulwer-Lytton. Diese alte zweibändige dtv-Ausgabe habe ich in einem Tübinger Antiquariat entdeckt. Bei mobileread gibt es – freilich in zeitgenössischen Übertragungen – einige weitere der Romane des viktorianischen Autors, den Schmidt sehr verehrte.

(6) Es sei an dieser Stelle wärmstens sein brillantes Buch „Im Keller“ empfohlen, in dem er die Erfahrungen beschreibt, die er während und nach seiner Entführung machte.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Über den Tellerrand, Essay, Kolumne, Kurzkritik, Literatur, Science Fiction, Wochenlese

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 6)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Vier Stäbe, um einen zu formen. Vier Stäbe, das Reich zu schaffen. Wehe, Serdan, das Alter greift nach dir. – Aber dies wird dir gleichgültig sein und nichtssagend. Denn es ist eine andere Geschichte und ich habe durchaus nicht vor, sie heute zu erzählen(1). Was für dich wichtiger ist: Unter den Kavernen dieser alten Stadt, in deren Überresten wir uns befinden, gibt es in der Tat einen Schatz. Da habe ich die Wahrheit gesprochen. Doch dieser Schatz ist nicht aus Gold und er hat für jemanden außer mir keinen Wert. Und nur du kannst ihn holen. Aber nicht, weil der Durchgang für mich selbst zu eng wäre. Ich könnte durch ein Mauseloch schlüpfen; schau mich an, ich bin nur noch ein Skelett, dem noch ein wenig Haut über den Knochen spannt. Es gibt einen anderen Grund, aus dem ich nicht in die Schatzkammer gelangen kann, die früher Worum, also „Raum des Krieges“ genannt wurde. Das kannst nur du, als Kind des jüngeren Blutes. Ich habe so lange auf dich gewartet.“

Lakmi hatte dem Alten aufmerksam zugehört und versucht, seinen Worten zu folgen. Log er sie diesmal nicht an? Sie wusste es nicht.

„Und weshalb kannst du diesen Worum nicht selbst betreten?“, fragte sie. Asgëir lächelte bitter.

„Weil es der Worum meines Feindes ist. Ich bin … ich war einer der vier Generäle, die die Schlacht in der Toten Wüste begonnen haben und nie beenden konnten. In dem Kriegsraum, in den du eindringen sollst, gibt es allerdings einen Gegenstand von unüberwindlicher Macht, der die Schlacht sofort beenden könnte.“

„Du lügst mich wieder an. Du kannst nicht einer der Generäle sein, die die Heere dort draußen befehligt haben. Diese Schlacht tobt seit tausenden von Jahren, das weiß in Karukora jedes Schulkind. So alt kann niemand werden! Oder …“, ihr kam ein erschreckender Gedanke, „… bist du selbst ein Daimon oder Golem?“

Asgëir lachte.

„Aber nein. Ich weiß, das ist für dich schwer zu glauben und es ist mir auch gleichgültig, ob du es tust, Mädchen. Aber damals, ihr nennt sie, glaube ich, die Zeit Launins, in den goldenen Jahren nach dem Untergang der Vorgänger, war der Tod beinahe besiegt und ewige Jugend kein Märchen mehr. Doch dieses Geschenk wurde nur wenigen gemacht, den Reichen, den Mächtigen, den Herrschern und unter diesen konnten es sich nur die wenigsten leisten. Soweit mir bekannt, gibt es nur noch vier von uns … vielleicht fünf. Wir haben uns von hier in alle Winde verstreut. Aber wir sind nicht hier, damit ich dir alte Geschichten erzähle, sondern um eine Schlacht und einen Krieg zu beenden, der schon viel zu lange dauert. Du musst dazu in den Worum, denn mich würden die Wächter an seiner Tür nicht einlassen.“

„Aber warum hast du mir das nicht gleich erzählt? Warum hast du mich betäubt und mich gefesselt?“ Lakmi hob anklagend ihre mit einem groben Strick zusammengebundenen Hände. „Und warum hast du mich in diesen kahlen Raum verschleppt?“

„Hättest du mir denn geglaubt?„Hättest du mir denn geglaubt? Würdest du dich denn nicht sofort auf mich stürzen, wenn ich deine Bande lösen würde? Du bist jung und kräftig und ich nur ein altes Klappergestell. Ich könnte mich deiner nicht erwehren. Und was diesen zugegeben ungemütlichen Raum angeht – nun, du liegst direkt auf dem Eingang zu den Katakomben, die zu dem Worum führen.“
Lakmi nickte langsam.
„Du hast recht. Deine neue Geschichte klingt noch verlogener als deine alte und ich würde dir die Augen auskratzen, wenn ich es könnte. Doch sage mir: Warum sollte ich dir helfen? Was hätte ich davon? Ich habe wenig Lust, mein Glück an diesen Wächtern auszuprobieren von denen du erzähltest. Nur weil … mein Blut … anders ist als deines. Sie müssen recht schrecklich sein, wenn du dich vor ihnen fürchtest.“

„Für dich ist das ganz ungefährlich, glaube mir. Die Wächter werden dir gehorchen. Du sollst nicht leer ausgehen. Dort unten im Worum liegt auch eine Karte, die dich quer durch die Schlacht der Maschinenheere unbeschadet nach Pardais bringen wird. Da willst du doch hin, oder? Es ist der Weg, der in den Tag führt.“«

Ein Raunen und Flüstern ging durch den hohen Saal, in dem atemlos Alis Geschichte gelauscht wurde. Auch der Namenlose und neben ihm die schöne Miladi richteten sich in ihren Stühlen auf. Allein Ómer trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Tischplatte. Er wartete auf die ihn aus seiner Qual erlösenden rituellen Schlussworte, mit denen Alis sein Märchen beenden und damit das verabredete Signal für den Beginn der Palastrevolte geben würde. Er lauschte im Gegensatz zu den anderen nur mit halbem Ohr und vertröstete sich mit dem Gedanken, endlich dem eigenhändig erwürgten Namenlosen die Goldmaske vom bleichen Kindergesicht zu reißen und sie in einer großen Geste seine Tochter überreichen zu können. Schließlich trug sie den Thronfolger unter ihrem Herzen und würde unter Ómers Aufsicht als Regentin die Staatsgeschäfte übernehmen. Und mit all den ausländischen Würdenträgern und Honoratioren in dem Speisesaal würde es gegen diesen Staatsstreich keinen Widerstand geben – zumal überall die von Ómer bestochenen Soldaten standen.

Wenn nur dieser Alis endlich damit aufhören würde, von einem Märchen zum nächsten zu flanieren. Schon die Geschichte von diesem Nordmann war dem Großvezir viel zu lang gewesen, aber der alte Märchenerzähler schien ihm tausend und eine Nacht zu brauchen, bis er endlich zum Ende kam!

Alis schien Ómers wütenden Blick zu bemerken, denn er sah mit einem spöttischen Lächeln auf und wandte sich direkt an den Vezir und seine Gäste.

»Es gäbe viel über jene geheimnisvolle Karte zu berichten, die den Weg zu der Stadt weist, die der Krieg und die Zeit verschont haben, in deren Kanälen Milch und Honig fließen und in der das Leben ewig währt. Die Karte ging von Hand zu Hand und immer wieder verschwand sie für Jahrhunderte, tauchte dann wieder unter den ungewöhnlichsten Umständen auf. Es heißt, die Karte sei heute irgendwo im elfenbeinernen Palast versteckt. Doch all diese Geschichten will ich nicht heute erzählen, sondern sie mir für ein anderes Mal aufsparen. Für diese Nacht mag uns genügen, wie die Karte in die Hand von Lakmi kam, jener später so berühmten Reisenden, die man auch die „Unerschrockene“ nannte In dem Moment, in dem wir sie eben vor unserer kleinen Unterbrechung verließen, sah es nicht danach aus, als würde sie ihr Abenteuer mit Asgëir, dem geheimnisvollen Warter, heil und gesund an Geist und Körper überstehen können. Doch sie selbst hat uns die Geschichte, die ich euch erzähle, in einem ihrer vielen Bücher hinterlassen.

Der verlogene Unsterbliche hatte ihr zwar einen Schatz versprochen, wenn sie für ihn in den Worum eindrang, aber er traute ihr nicht so weit, als dass er sie von allen ihren Fessel befreit hätte. Er nahm ihr nur die Fußstricke ab und achtete dabei darauf, außerhalb der Reichweite ihrer Beine zu bleiben.

„Steh auf“, sagte Asgëir, „und gehe zurück zur Wand.“

Er hielt jetzt eine kleine Pistole in der Hand und zielte mit ihr auf Lakmi. Obwohl solche Vorgängerwaffen in Karukora verpönt waren und nach dem Gesetz des Namenlosen nur von den höchsten Rängen der Treuwacht getragen werden durften, erkannte das Mädchen den ungewöhnlich geformten Gegenstand sofort und sie beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen.

„So ist es recht. Meine Waffe mag zwar uralt und auch rostig sein, aber sie wurde von mir immer gepflegt, geölt und ist vollkommen funktionstüchtig. Auf diese Entfernung kann ich überhaupt nicht vorbei schießen.“

Ohne Lakmi aus den Augen zu lassen, beugte Asgëir sich herab und kehrte mit seiner freien Hand den Wüstensand am Boden zur Seite. An dieser Stelle kam ein Bügelgriff zum Vorschein, den er ergriff und an dem er mit sichtbarer Anstrengung zog. Und tatsächlich gelang es ihm, eine etwa drei auf drei Fuß große Bodenplatte zu lockern und sie mit einem letzten Kraftakt zur Seite zu schieben.

Lakmi trat neugierig einen Schritt nach vorne und spähte in das dunkle Loch, das sich nun unter ihr auftat.

[Hier geht es weiter …]


(1) siehe: „Zauberlehrlinge“, Roman aus der Welt von Brautschau

Ein Kommentar

Eingeordnet unter der in den Tag führt, Der Weg, Fantasy, Fortsetzungsroman, Literatur, Märchen, Phantastik, Roman, Science Fiction

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 5)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Asgëir deutete wie von ungefähr auf die schroffen Felsen, unter denen er sein Lager aufgeschlagen hatte. Jetzt, im scharfen Licht der von der Ebene herüber leuchtenden Scheinwerfer, erkannte Lakmi, dass es durchaus keine natürlichen Gebilde waren, wie sie bisher gedacht hatte, sondern die zerbröckelnden Überreste großer Gebäude, deren schwarzverbrannte und von Löchern zerfressene Grundmauern sich hier erhoben.

„Übrigens fand ich in den nur wenig zerstörten Räumen unterhalb der Ruinen, von denen die meisten vom Sand verschüttet sind, eine sprudelnde Wasserquelle – ein Geschenk der Tränenreichen, das aus einem rostigen Rohr fließt. Und genau hinter diesen uralten Mauern befindet sich die Grenze, die die Schlachtfelder des Maschinenkriegs von uns trennt. Also rastete ich hier und wartete auf dich. Ich gebe es zu. Ich hatte eine vollkommen andere Vorstellung von dir, dachte an einen gewitzten, mutigen Krieger und nicht an ein Mädchen, das gerade erst in ihr Leben getreten ist. Jedoch sind die Wege der Allerbarmerin immer verknotet und verschlungen und für den Menschen nicht erklärbar.“

Lakmi kniff skeptisch die Augen zusammen.

„Und du bist dir sicher, dass die Allbarmherzige ausgerechnet mich meinte und nicht einen anderen Wüstenwanderer?“

Asgëir lächelte breit und reichte dem Mädchen seine Feldflasche, die sie gerne annahm. Das Wasser aus der Quelle des Delphi hatte einen seltsamen, metallischen Beigeschmack, aber es erschien ihr trotzdem rein und es war erstaunlich kühl. Es musste aus einer sehr tiefen Zisterne stamme.

„Glaubst du wirklich, Lakmi, dass in den nächsten einhundert Jahren noch jemand so lebensmüde ist und ausgerechnet hier vorbeispaziert kommt? Nein, du bist die Auserwählte der Göttin. Daran kann es doch keinen Zweifel geben.“

Lakmi lehnte sich zurück auf ihre Gepäckrolle. Die lange Wanderung dieses Tages durch die unbarmherzige Bruthitze der Toten Wüste hatte sie müde gemacht. Sie musste plötzlich gegen den Schlaf ankämpfen. Doch eine kleine Stimme in ihrer Seele arte sie davor, sich dem viel zu freundlichen, alten Mann auszuliefern. So schwer es ihr fiel, nahm sie sich vor, auf jeden Fall wach zu bleiben und ihm genau zuzuhören. Da war etwas in seinen Worten versteckt. Asgëir erzählte ihr nicht die ganze Wahrheit. Das spürte sie.

„Und was genau hat die Allerbarmerin gesagt, was ich tun soll?“, fragte Lakmi und bemerkte plötzlich, wie ihr die Zunge beim Reden schwer wurde. Auch antwortete ihr der Delphi mit einem Mal so leise, dass sie ihn kaum verstand. Er erzählte, die Göttin habe ihm offenbart, er würde mit ihrer Hilfe einen gewaltigen Schatz finden.

„Stell dir doch einmal vor, was dein Vater und deine Mutter und auch deine Brüder für Augen machen würden, wenn du mit Gold und Geschmeide zu ihnen heimkehren würdest. Wenn das kein Glück wäre! Ich selbst will nur eine Kleinigkeit aus der Schatzhöhle, die ich ohne dich nicht erreichen kann. Du bist jung, schmal und gewandt und kannst dich durch die enge Öffnung quetschen. So hat es mir die Barmherzige gezeigt.“

Lakmi gefiel dieser Gedanke, trotzdem frage sie sich, wo der Haken war. Es musste einen geben. Sie schreckte plötzlich aus ihrem Halbschlaf. Das stete Pfeifen, das seit geraumer Zeit in der Luft schwebte, ging in ein kreischendes Heulen über. Sie hielt sich die Hände vor die Ohren.

„Was ist denn das?“, schrie sie entsetzt gegen den Lärm an, doch ihre Stimme drang nicht bis zu dem Delphi. Er verstand sie dennoch. Obwohl er wusste, dass sie ihn nicht hören würde, murmelte er:

„Es ist wieder so weit. Die Atempause ist vorbei. Mein Krieg geht weiter.“

Dann ertönten Donnerschläge, es blitzte und es erschien Lakmi, als würde ein wütendes Gewitter über der Wüste toben, obwohl keine einzige Wolke am Himmel stand. Aber ein Schwarm flinker Fluggeräte zog farbige Linien über das Firmament und ließ leuchtende Kugeln fallen, die knapp über dem Boden zerplatzten und mit gewaltigen Explosionen die Wüste in Brand setzten.
Doch das bekam Lakmi schon nicht mehr mit. Das Schlafmittel, das der Alte ihr in das Wasser gemischt hatte, wirkte und sie wäre nicht einmal erwacht, wenn Maní erneut auf die Erde gestürzt wäre …

Oh, je! Das Erwachen fiel dem Mädchen nicht so leicht wie das Einschlafen, aber schließlich öffnete sie doch die verklebten Augen und blickte in einen bleichen, gleichgültigen Wüstenhimmel. Es war früher Morgen. Sei musste die ganze Nacht über bewusstlos gewesen sein. Dieser Himmel über ihr wirkte merkwürdig unscharf, fleckig, so, als würde sie ihn durch ein schmutziges Trinkglas betrachten. Lag das an ihren tränenden Augen oder waren es die Nachwirkungen des Schlafmittels? Ihr fiel der gestrige Abend wieder ein und sie versuchte sich aufzurichten.

Erst jetzt bemerkte sie, dass sie an Händen und Füßen gefesselt war und allein gelassen im Kehricht eines kleinen, weiß gekalkten Raumes lag, auf dessen Boden die Wüstensonne durch ein gläsernes Oberlicht ein scharf geschnittenes Rechteck, in dem munter Staubfäden tanzten, warf. Sonst gab es noch an zwei Seiten metallene, halb verrostete Türen – aber das war es auch schon. Das Zimmer war vollkommen leer und beinahe unerträglich stickig. Lakmi bemerkte, dass sie in ihrem eigenen Schweiß lag, der ihre Kleidung klebrig feucht machte.

Wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte, dann hätte sie sich jetzt vor Wut selbst geohrfeigt. Wie hatte sie dem angeblichen Delphi und seinen doch so offensichtlichen Lügen auch nur für einen Moment Glauben schenken können? Seit wann wandte sich die Allerbarmerin direkt mit Aufträgen an einen Menschen? Lakmi biss sich auf die Unterlippe und fragte sich, was dieser böse Mann, in dessen Hände sie sich so leichtfertig begeben hatte, mit ihr plante. Wollte er sie hier verschmachten lassen? Wo war er überhaupt? Sie lauschte, doch außer dem fernen Rasseln und Brummen der Kriegsmaschinen, an deren Geräusch sie sich längst gewöhnt hatte und ihr in ihrem Gefängnis nur dumpf ans Ohr kamen, hörte sie nur das stete Tropfen und Rinnen von Wasser.

Obwohl sie sich verwundert und aufmerksam umsah, konnte sie nicht ausmachen, woher dieses für die Wüste so ungewöhnliche Geräusch kam. Ihr schien fast, als dränge es von unter ihr empor. Sie schlug mit ihren gefesselten Beinen auf den Boden. Es klang dumpf und scheppernd. Offenbar war der Untergrund unter der Dreckschicht wie die Türen aus Blech.

Bevor Lakmi dies näher untersuchen konnte, schwang die eine der beiden Türen auf und Asgëir trat mit einer Tasche in der einen und einer Wasserflasche in der anderen Hand zu ihr in den Raum. Erst als sie die Flasche sah, bemerkte das Mädchen, wie durstig es war. Ihr Mund war so trocken wie der zermahlene Staub der Toten Wüste. Lakmi griff gierig nach der ihr schweigend gereichten Flasche, führte sie an die aufgerissenen und wunden Lippen und trank so lange aus ihr, bis sie sie hustend und spuckend geleert hatte. Dabei war es ihr vollkommen egal, ob das kühle Nass diesmal rein war.

Asgëir betrachte sie, während er stumm neben ihr in der Hocke saß. Er wartete geduldig, bis Lakmi ihren Durst gestillt hatte. Endlich schleuderte sie mit einem Fluch die Flasche nach ihm, aber er wich flink aus und warf nur einen bedauernden Blick auf das Glas, das über den Boden rollte und an der Wand zerbrach.

„Deine Lebensgeister sind also nicht erloschen. Gut. Ich hatte schon befürchtet, ich hätte mich in der Dosierung vertan, als du gestern in den Padaverschlaf gefallen bist. Jeder reagiert anders auf dieses Gift.“

„Warum hast du das getan? Was hast du mit mir vor? Dein Gerede von gestern mit deinem Auftrag von der Tränenreichen und dem Schatz in einer Höhle, das waren doch alles Lügen, oder. Bist du überhaupt ein Delphi der Lisboa oder ein Bendâh?“

„Du hast recht, ich habe dich belogen. Nicht alles ist wahr, was ich dir erzählt habe. Doch ich bin tatsächlich ein Wahrsager und Heiler. Auch wenn du dir kaum einer Vorstellung machen kannst, was das bedeutet. Ich bin einer von den vier Wartern und besitze einen der Meisterstäbe.“

Asgëir zögerte und zitierte dann – den Blick nach Innen gewendet – einen uralten Text, der wohl nur ihm selbst bekannt war:

Vier Stäbe, um einen zu formen. Vier Stäbe, das Reich zu schaffen. Wehe, Serdan, das Alter greift nach dir.

 

[Hier geht es weiter …]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter der in den Tag führt, Der Weg, Fantasy, Fortsetzungsroman, Literatur, Märchen, Phantastik, Roman, Science Fiction

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 4)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Der Lehrer hatte weiter erzählt, dass niemand wusste, ob es jenseits der Ebenen des Ewigen Krieges noch etwas anderes als verbrannte, zu Glas erstarrte Erde und giftige, aktive Luft gab. Denn seit Menschengedenken war niemand mehr dorthin gegangen oder gar lebend von dort gekommen, um davon zu berichten. Der Osten war so vollkommen aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden, als hätte er niemals existiert. Jenseits der niemals endenden, wütenden Schlacht der drei Armeen, die auf den Feldern vor Lakmi tobten, gab es nichts außer eben dem Gerücht von einer einzigen glücklichen Stadt – von Paradis. Obwohl sie noch nie jemand erblickt oder bereist hatte, wurde behauptet, sie allein sei dem pfeifenden Tod entkommen. Paradis, allein der Name war Verheißung. Es war der Ort, an den sich der erste Namenlose am Ende seiner Tage zurück gezogen hatte. Die Stadt war ohne Zeit und Sorgen, alle Bewohner wandelten in ihren glänzenden Mauern geborgen in ewiger Jugend und Schönheit,waren in Frieden und Liebe einander zugeneigt und es hieß, dass dort der Tod keine Macht mehr über das Leben hatte. Lakmi war davon überzeugt, dass es Paradis nicht gab, sondern nur ein schönes Märchen war, von dem die Bewohner Karukoras träumten, wenn sie die Erinnerung an einen ein weiteren, arbeitsreichen und grausam heißen Tag in ihrer Wüstenstadt des Nachts auf ihre Diwane drückte und sie im Rauch des Hâsh ihrer Wasserpfeifen für ein paar Stunden Vergessen und Hoffnung suchten.

Nein, Lakmi war nicht an der sagenhaften Stadt und auch nicht an der endlosen Schlacht der eisernen Armeen interessiert. Es war nur der eigentümliche Stolz eines immer wieder benachteiligten Mädchens, das sich jahrelang hinter seinen Brüdern hatte einreihen müssen, der sie bewogen hatte, in diese letzte übrig gebliebene Himmelsrichtung aufzubrechen. Uns so stapfte sie entschlossen durch den wie Mehlstaub dünnen und trockenen Sand der Toten Wüste, in der sich längst alle Wege verloren hatten und nur noch der Kampfeslärm und die Sonne die Richtung anzeigten.

Hier, nur noch wenige Meilen vor dem Rand der mörderischen Schlacht, wo Granaten- und Kanonenbeschuss den Boden erschütterten und ein scharfer Geruch nach Verbranntem die Luft schwängerte, das Dröhnen der gewaltigen Kampfmaschinen, die wie die legendären Elefanten ihre grauen Rücken über die Dünen erhoben, ohrenbetäubend wurde, gab es längst kein Leben mehr. Die Wüste war tatsächlich so tot wie ihr Name, alles Getier und jeder Pflanzenbewuchs war längst geflohen oder vernichtet.

Doch Lakmi war in dieser grauenvollen Einöde nicht allein: Vor ihr, in einer kleinen Senke, in die ein ausgehöhlter und verwitterter Felsklotz seinen rechteckigen Schatten warf, war ein Zelt errichtet worden und ein kleines Feuer brannte vor ihm. Eine in weite, schwarze Wüstengewänder gehüllte Erscheinung saß an dem Lager und erhob sich, als das Mädchen sich vorsichtig umsehend zu ihr hinunter stapfte. Die große Gestalt nahm ihren Mundschutz ab und lächelte einladend. Auf Lakmi wirkte sie wie ein vollbärtiger Mann, den die Wüste frühzeitig hatte altern lassen und tausend feine Falten in sein wettergegerbtes, lederdunkles Antlitz geschliffen hatte. Doch die erstaunlich hellen, grünen Augen wirkten jung und strahlten erfreut.

Lakmi hatte schon einige Geschichten über Wüstengeistern gehört, die Wanderer in ihrem Reich mit Trugbildern verwirrten, in die Irre führten und sie in ihre unterirdischen Wohnstätten lockten, wie sie den Ärmsten ihre Seelen entrissen, von denen sie sich ernährten. Doch der Mann, der bei seinem Lager geduldig auf ihr Näherkommen wartete, sah ihr nicht wie solch ein Daimon aus; auch wenn sie eigentlich keine Ahnung hatte, wie sie sich einen vorzustellen sollte. Er schien ihr ein Bendâh zu sein, ein Angehöriger eines Nomadenvolkes, desseen Stämme in der Grauen Wüste im Westen von Karukora lebten. Sie konnte sich nicht erklären, wie es ihn ausgerechnet hierher verschlagen und warum er sein Lager so nah am Schlachtfeld aufgeschlagen hatte.

„Mögen die Winde der Wüste immer in deinem Rücken wehen“, sprach sie ihn an und verneigte sich in dem respektvollen Abstand zu ihm, den die Sitten forderten. Auch der Fremde verbeugte sich.

„Tritt näher und setze dich zu mir an mein Feuer. Iss von meinen Speisen, trinke mein Wasser und ruhe als Gast unter meiner Zeltplane“, erwiderte er dem Gesetz der Gastfreundschaft gehorchend, das bei allen Wüstenstämmen galt und heilig war.

„Mein Name ist Asgëir Mostar“, stellte er sich dann nach einem abschätzenden Blick vor. Asgëir Mostar war kein Nomandenname; er klang in den Ohren des Mädchens rau und herb wie Kieselsteine, die die Wellen des Marat aneinander reiben.

„As … Asgëir, ich heiße Lakmi und bin die Tochter von Lafar, dem Bürstenmacher und seiner Frau Nigar. Gleich meinen Brüdern bin ich auf der Wanderschaft, um mein Glück zu suchen.“

Asgëir nickte bei dieser Antwort kommentarlos, als wäre es vollkommen normal, in die Tote Wüste zu ziehen.Er setzte sich wieder Platz an seinem Feuer, über dem in einem Blechtopf eine wohlriechende Suppe köchelte und bedeutete Lakmi, sich zu ihm zu gesellen. Das Mädchen nahm die Einladung gerne an, denn mit der Abenddämmerung wurde es schnell empfindlich kalt.

Das Lager war durch die gleißend hellen Lichtkegel, die über die Ebenen des Ewigen Krieges tanzten, taghell ausgeleuchtet und Asgëir schien nichts zu verbergen.

„Und da führt dich dein Weg zum Glück ausgerechnet hier her an den Rand vom Nirgendwo? Was für ein seltsames Schicksal für ein so schönes Mädchen wie dich. Ich hätte jemand anderen erwartet.“

Lakmi spürte, wie sie errötete.

„Aber was ist das für ein günstiger Schicksalspfad für mich. Ich bin ein Bendâh vom freien Stamm der Lisboa und war ihr Delphi“, fuhr Asgëir fort.

Delphis, das waren die Heilkundigen und Schamanen der Nomaden, das wusste Lakmi. Viel mehr war ihr aber über ihre Lebensweise und Sitten nicht bekannt. Die Bürger von Karukora hatten mit den ihr Vieh – in der Hauptsache Ziegen und dürre Rinder – von Oase zu Oase ziehenden Bendâh, die sich auch manchmal als Karawanenbegleiter verdingten, wenig zu schaffen. Diese Nomanden betrachteten sich nicht als Untertanen des Namenlosen, sondern als ein freies und unabhängiges Volk ohne Herrscher und Herren. Sie waren jedoch in der Hauptsache im Süden oder in der westlichen Grauen Wüste zu finden und nicht hier, wo es keine Wasserstellen und keine Nahrung für den Stamm und sein Vieh gab.

Lakmi sah sich erneut um. Der Delphi war allein. Sie sah auch kein Reit- oder Transporttier. War er von seinem Stamm verstoßen worden? Ihr war durchaus aufgefallen, dass Asgëir in der Vergangenheitsform gesprochen hatte, als er über seinen Beruf des Schamanen geredet hatte. Als hätte sie ihre Gedanken ausgesprochen, nickte Asgëir wieder.

„Vor dreizehn mal zwölf Tagen hatte ich einen Traum“, begann er langsam und zögernd, als müsse er sich an diese Worte erst heran tasten. „Maraia, die Allbarmherzige, sprach in ihm mit mir. Ich solle allein nach Osten wandern, bis zu der Stelle, an der der Frieden endet und der Krieg beginnt. Hier solle ich mein Lager aufschlagen und auf den Wegfinder warten. Der Stamm der Lisboa ist arm und er konnte kein Reittier entbehren; aber der Pâsha Berda – unser Fürst – ließ mich schweren Herzens ziehen, denn der Ruf der Tränenreichen ist heilig und darf nicht ungehört verhallen. Doch niemand war glücklich, als ich mein Felleisen mit dem Allernotwendigsten packte und mich auf den mir vorbestimmten Weg machte. Ich will dich nicht mit den Beschwernissen und Gefahren meiner Reise langweilen, aber schließlich gelangte ich an diesen Ort und begann im Vertrauen auf die Allbarmherzige zu warten. Oh, das ist ein schrecklicher Ort – nicht für Menschen gemacht, obwohl hier einmal sehr viele lebten.“

[Hier geht es weiter …]

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter der in den Tag führt, Der Weg, Fantasy, Fortsetzungsroman, Literatur, Märchen, Phantastik, Roman, Science Fiction

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 3)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Das jüngste Kind von Lafar und Nigar war ein fröhliches Mädchen mit kohlenschwarzen, lebendigen Augen und einer unzähmbaren, eisenholzfarbenen Lockenmähne, die ihr wie ein schäumender Wasserfall auf die Schulter floss. Sie war wild und unbekümmert und dabei so hübsch und liebreizend anzusehen, dass selbst die vertrockneten Herzen der hartgesottensten und verbittertsten Greise bei ihrem Anblick heiß und lebendig schlugen und sich an ihrer Schönheit erwärmten.

Obwohl Lakmis Mädchenknospe eben erst auf das Wundervollste erblühte, war sie ein Wildfang und beteiligte sich wie selbstverständlich an den Spielen und Streichen ihrer Brüder – war meist sogar die Anstifterin. Niemals zog sie einen ihrem Geschlecht angemessenen Sarê oder ein Mädchenkleid an, sondern hatte sich schon in ihrer Kindheit angewöhnt, die abgelegten Pluderhosen und Hemden ihrer älteren Brüder aufzutragen. Da sie, bis sie zwölf Jahre alt war, von allen außerhalb ihrer Familie für einen Knaben gehalten wurde, wurde sie auch nicht, wie es angemessen gewesen wäre, von ihrer Mutter erzogen. Sie ging wie ihre Brüder in die Armenschule des Handwerkerviertels, wo sie durch ihren wachen und regen Geist auffiel und sich die Bildung eines jungen Mannes aneignete. Sie konnte rechnen, lesen und schreiben, war aber eine schlechte Köchin, in allen Arbeiten des Hauses unerfahren und konnte weder Nähen noch Stricken.

Doch da griff das Schicksal ein, diese blinde und manchmal auch blindwütige Tochter der Allerbarmerin, und es geschahen zwei Dinge, die Lakmis Lebensweg in eine andere Richtung drängten. Zum einen – ich erwähnte es bereits – erblühte sie zu der bezaubernden Wüstenblume, die sogar in die Lumpen eines Bettlers gehüllt ihren Liebreiz und ihr Geschlecht nicht mehr hätte verbergen können und zum anderen erkrankte ihr Vater und wurde bettlägrig. Dies geschah gerade zu einem Moment, in dem ihre Lehrer sich entschlossen hatten, das so ungewöhnlich begabte Mädchen nach Kräften zu fördern und sie deshalb bei der Verwaltung des Namenlosen vorsprachen, wo man nach einem alten herrscherlichen Edikt die Armenschulen mit Spenden und hervorragende Schüler und deren Familien mit Stipendien und anderen Zuwendungen unter die Arme griff.

Es war nicht die Regel, dass solch ein Schulantrag für ein Mädchen gestellt wurde, obwohl es Frauen damals in der wohltätigen Bingh-Herrschaft grundsätzlich gestattet war, die höheren Lehranstalten und die Universität zu besuchen und sich sogar an den Al-Beqr-Prüfungen zu versuchen. Wenn man den Aufzeichungen trauen darf, soll es während der ersten Dynastie sogar die eine oder andere Vezirin gegeben haben. Denn so wie der erste Namenlose aus der Mitte des Volkes getreten war, so wussten die Vezire und Beamten der Bingh, dass gerade unter den Ärmsten und den Glücklosen oftmals der wahre Reichtum Karukoras schlummerte. Es waren nicht die goldenen Paläste, nicht die Spezereien und Handwerkskünste, weder der Hofstaat noch der Adel, sondern die einfachen, hart arbeitenden und jeden Tag aufs Neue um ihre kärgliche Brotsuppe kämpfenden Menschen, die der wahre Schatz des Juwels der Wüste ausmachten. Denn hatten nicht sie die Paläste erbaut, mit ihren schmutzigen Händen voller Blasen und Wunden erst diesen makellosen Edelstein geschaffen?

Doch der Antrag der Lehrer, Lakmis Eltern zu unterstützen und ihr den Besuch einer weiterführenden Schule zu ermöglichen, kam zu spät. Denn Lakmi musste ihrer Mutter bei der Pflege des kranken Bürstenmachers und der Weiterführung seines Geschäfts helfen und dies war eine Aufgabe, die die beiden rund um die Uhr beschäftigte. Die gehorsame Tochter beendete von einem Tag auf den anderen ihre Schulbesuche, legte die Knabenkleidung ihrer Jugend ab und ein schäbiges Hauskleid an, ließ die wilden Spiele im Staub der Gassen. Die Nachbarn sahen sie nur noch beim Wasserholen vom öffentlichen Brunnen oder für Besorgungen des ärmlichen Haushalts ihrer Eltern aus dem Haus treten. Immer folgten ihr allerdings dabei ein paar verliebte Jungen aus dem Viertel und auch aus den reicheren Teilen der Stadt, denn ihre Schönheit hatte sich herumgesprochen. Die verliebten Knaben warfen ihr heimlich Blicke zu und wurden ihr recht lästig, da sie versuchten, mit ihr anzubändeln. Doch alle ihre Unternehmungen waren vergeblich; Lakmi sah bei ihren Gängen durch das Viertel kaum auf und wurde ihr einer der jungen Männer doch zu aufdringlich, musste er damit rechnen, dass ihm das kräftige Mädchen ein blaues Auge schlug.

Schließlich kam der Tag, an dem Lafar seine Söhne Masur, Seqr und Jasde zu sich rief, jedem eine Bürste gab und die drei auf die Suche nach dem wahren Glück in die Ferne schickte. Nachdem sich ihre Brüder verabschiedet hatten und die Tränen vergossen worden waren, trat nun auch Lakmi in das Krankenzimmer ihres Vaters und setzte sich zu ihm auf die Kante seines Lagers.

»Und? Hast du für mich keine Bürste?«, fragte sie. »Darf ich mich nicht ebenfalls auf den Weg machen und mein Glück suchen?«

Lafar machte Ausflüchte, beschwor seine Tochter, Vernunft anzunehmen. Die Welt dort draußen wäre nichts für ein Mädchen ihres Alters, sie wäre grausam und hinter jeder Biegung des Weges lauerten für Frauen die Schande oder die Sklaverei. Ihr Platz sei an der Seite ihrer Mutter, die ohne sie weder ein noch aus wisse und allein nicht das Bürstengeschäft weiterführen könne. Ob sie wolle, dass ihre Eltern verhungerten? Doch Lakmi ließ sich nicht beirren:

»Seqr ging nach Norden, Masur nach Süden und Jasde nach Westen. Eine Himmelsrichtung ist noch übrig und diese werde ich beschreiten. Ob mit deinem Segen oder ohne ihm, ob mit oder ohne Bürste: Im Osten liegt ein Pfad für mich und ich werde ihn beschreiten!«

Der Vater entsetzte sich:

»Dort sind die Tote Wüste und die Felder des Ewigen Krieges. Im Osten lauert nur der Tod auf dich, mein Kind. Ich werde niemals zustimmen und dich ziehen lassen!«

Lakmi nickte bitter. »Dann ist alles gesagt und mir bleibt nur noch, mich von Mutter zu verabschieden. Lebe wohl und halte das Versprechen, das du meinen Brüdern gegeben hast. Erwarte sie und auch mich übers Jahr und einen Tag wieder zurück.«

Seufzend und schweren Herzens verließ das Mädchen das Krankenzimmer, kleidete sich zum ersten Mal seit langem mit der zurückgelassenen Kleidung ihrer Brüder und packte ihre wenigen Habseligkeiten. Sie schulterte ihr Felleisen, umarmte die verzweifelte Nigar und verließ das Haus. Es war nicht Lakmis Rucksack, der sie niederdrückte: Denn schwer wiegen nicht die Dinge, die wir mit uns tragen, sondern jene, die wir hinter uns gelassen haben.

Da es damals kein Stadttor gab, das aus Karukora hinaus in die Tote Wüste führte, war Lakmi gezwungen, einen großen Umweg zu gehen. Noch lange begleiteten sie deshalb in der Ferne die Türme, Kuppeln und Fahnen ihrer Heimat und quälten mit ihrem vertrauten Anblick ihr wundes Herz. Schließlich konnte sie ihnen aber doch den Rücken zuwenden und als sie sich einmal umdrehte und zur untergehenden Sonne hinüber sah, da lag Karukora hinter einer der schmutzig-grauen Dünen der Wüste verborgen. In dieser wolken- und mondlosen Nacht weinte Lakmi unter dem eisigen Blick der tausend mal tausend Sterne, die wie Diamanten in schwarzem Lavasand glitzerten.

Doch am nächsten Morgen waren die Tränen getrocknet und sie ging mutig auf das ferne Dröhnen und Beben zu, das sie wach gehalten hatte und sie zu den Feldern führte, auf denen sich drei unsterbliche Armeen seit den letzten Tagen der Vorgänger wie wütende Hornissenschwärme bekriegten und doch keinen Sieger fanden. Einer der Lehrer an der alten Schule des Mädchens hatte erzählt, es sei an der Stelle, an der sich heute die Tote Wüste befand, einmal ein sanftes Gebirge mit dunklen Wäldern, kühlen Seen, lichten Weiden und prosperierenden Dörfern gewesen und die Landschaft sei von einem dichten Netz aus fischreichen, klaren Flüssen durchzogen gewesen, die sich alle in den wasserreichen Marat ergossen, der allerdings damals nicht in den Südlichen Ozean, sondern in ein anderes Meer floss, das zu jener Zeit weit entfernt im Osten lag. Für Lakmi war dies nur eine weitere jener unglaubwürdigen Erzählungen gewesen, der sie nur mit halben Ohr lauschte, während sie verträumt hinüber zu den feurig roten Blüten der Hibiskusbüsche im Hinterhof sah und mit der Müdigkeit kämpfte, weil sie wieder die ganze Nacht lang mit ihrer Mutter Wäsche gewaschen und Weidenzweige in warmem Seifenwasser gelaugt hatte, bis sie braun geworden waren. Das alles hatte mit ihrem Leben nichts mehr zu tun.

[Fortsetzung nächsten Mittwoch …]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter der in den Tag führt, Der Weg, Fantasy, Fortsetzungsroman, Literatur, Märchen, Phantastik, Roman, Science Fiction

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 2)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Lafar lächelte und segnete Masur. Er freute sich mit ihm gemeinsam über das Glück, das die Bürste seinem Ältesten beschert hatte. Anschließend trat Seqr neben Masur und kniete ebenfalls vor seinem Vater. Er sprach:

„Mein über Alles geliebter Vater. Ich fand im Norden hinter dem Großen Wall, der unsere Wüste von den dunklen Wäldern trennt, Stätten des Wissens, des Fortschritts und der Philosophie. Und als ich staunend durch diese Städte wanderte, stieß ich auf eine gewaltige Bibliothek, in der auf Büchern, Folianten und Pergamenten all diese viele Jahrtausende alte Weisheit aufgeschrieben steht. Doch – ach – nur wenige Gelehrte studierten aufmerksam und ehrfürchtig in diesen gesegneten Hallen. Der Staub lag fingerdick auf den Goldschnitten der Bände, die niemand mehr las. Da nahm ich die Bürste, die du mir gegeben hast, reinigte die Bücher und Regale von dem uralten, verkrusteten Dreck, den Spinnweben und den Stockflecken. Dabei wünschte ich mir, ich könne all die Dinge, die in ihnen aufgeschrieben standen und fast vergessen waren, lesen. Und wie du es prophezeit hast, mein lieber Vater, ist es dann auch gekommen: Mein Wunsch wurde erfüllt. Ich wurde ein Mitglied der Gemeinschaft der Lesenden und Lernenden und mein Wissen wuchs von Tag zu Tag. Das ist der wahre Reichtum und ich benötige deshalb dein Erbe nicht. Aber ich weiß nun, dass es das wahre Glück ist, ein Buch aufzuschlagen, den säuerlichen Geruch seine Bindung und den stumpfen seines Papiers zu riechen, mit angefeuchtetem Finger durch die Seiten zu blättern, die Sätze und all die Geschichten, die Erfahrungen und die Erfindungen, die Weisheiten und die Sagen zu studieren, die darin wie in einem Schatzkästlein verborgen sind und dabei die Zeit, den Tag und den Ort zu vergessen. Das ist Glück.“

Und Lafar segnete auch seinen zweiten Sohn und freute sich mit ihm gemeinsam über das Glück, das die Bürste Seqr beschert hatte. Schließlich trat Jasde an das Lager seines Vaters, verbeugte sich und sagte:

„Ich ging in den Westen, in die zerstörten und zerklüfteten jenseitigen Länder voller Gefahren, Gewalt und Kummer. Dort, hinter dem Babelmassiv, hinter dem bodenlosen Spalt, ist ein Leben nichts wert und der Tod lauert überall, im Schwert eines Räubers, im Reißzahn eines Raubtiers, im Gift einer Pflanze und im Lächeln einer schönen Frau. Viele Abenteuer und Gefahren hatte ich zu bestehen. Ich wurde von Dieben überfallen und halbtot liegen gelassen, musste Täler, gefüllt mit giftigem Gas, durchwandern und Berge erklimmen, deren Höhe mir den Atem nahm. Ich sah unaussprechbare Dinge, schreckliche und schöne. Und ich begegnete vielen Menschen, bösen, wie auch guten. Doch ich benötigte auf meiner Reise kein einziges Mal die Bürste, die du mir schenktest, denn jeder Tag erfüllte mir von selbst meinen einen Wunsch, den ich hegte: Ihn gesund zu überstehen, damit ich nach einem Jahr und einem Tag zu meiner Familie zurückkehren kann. Deshalb wusste ich auch bis heute, bis zu diesem Moment, in dem ich über Schwelle unseres Hauses trat, noch nicht, was das wahre Glück ist. Ich entdeckte es erst, als ich hier meine Mutter, meine Brüder und dich, meinen Vater, lebend wiederfand. Das wahre Glück ist es, bei den Menschen zu sein, die man liebt.“ Sprach es, nahm die Bürste, die ihm Lafar vor Jahr und Tag gegeben hatte, beugte sich herab und putzte mit ihr den Kehricht vor dem Bett seines Vaters zusammen.

„Und mein einziger Wunsch ist, dass ihr alle für den Rest unseres Lebens mit mir verbunden seid.“ Dann umarmte er zuerst seine Mutter und anschließend seinen kranken Vater, der sich plötzlich viel kräftiger fühlte, aus seinem Krankenlager aufsprang und nach einer heißen Suppe verlangte. Es war, als wäre er nie darnieder gelegen. Was für eine Freude herrschte da im Hause des alten Bürstenmachers! Jeder umarmte den anderen, weinte vor Liebe und pries den Tag.

Und deshalb erbte Jasde, der Jüngste, die Werkstatt seines Vaters. Er zog wieder in das Haus seiner Eltern und die Bürsten, Feger und Handbesen, die er unter der Anleitung des Alten, der wieder vollständig genas, herstellte, waren die schönsten und besten in ganz Karukora und verkauften sich so gut, dass Jasde bald darauf ein Mädchen aus der Nachbarschaft freien und es heiraten konnte. So oft sie konnten, kamen seine Brüder aus dem Süden geritten und aus dem Norden gelaufen und die Feiern im Hause des Lafar waren die fröhlichsten und ausgelassensten unter der Wüstensonne. Denn wahrhaft glücklich ist nicht, wer Reichtum und Wissen anhäuft, sondern wer Menschen findet, die ihn auf seinem Lebensweg begleiten und ein Stück seiner steinigen Wanderung mit ihm gehen.

So lebte die Familie des Bürstenmachers glücklich miteinander, bis nach vielen, vielen Jahren der Zerstörer aller Freuden, der Verwüster aller Heimstätten und der Vergifter aller Speisen zwischen sie trat. Verherrlicht sei die Allerbarmerin, die ihre Tränen für uns alle vergießt.«

Alis schwieg und breitete die Arme aus. Ob aus Lokalpatriotismus oder weil niemand bei einer Abendgesellschaft blutrünstige und gewalttätige Geschichten wie die von Sahar hören wollte, war der Applaus für den Alten stärker als der für den Erzähler aus dem rauen Norden, jedoch alles andere als überschwänglich und recht kurz. Die meisten Zuhörer hatten sich gefreut, dass Alis die Geschichte vom Bürstenmacher und einen drei Söhnen vortrug. Sie waren mit ihr aufgewachsen und erinnerten sich mit ein wenig Wehmut an ihre Kindheit, in der sie von ihren Ammen oder Großmüttern diese und ganz ähnliche Märchen vor dem Einschlafen erzählt bekommen hatten. Doch sie fühlten sich seltsam unzufrieden, fast ein wenig betrogen. Alis hatte zwar den überlieferten Regeln des Erzählens entsprochen und den traditionellen Text, der seit fast tausend Jahren zum festen Repertoire der nun aussterbenden Erzählerzunft gehörte, kaum abgewandelt. Aber er war mit dem Märchen überraschend schnell zu Ende gekommen und hatte in wesentlichen Teilen gekürzt. Zum Originaltext gehörten eigentlich unverzichtbar ausufernde Berichte über die Erlebnisse der drei Brüder in den Barbarenländern jenseits der Wüsten, die Karukora umschlossen – fantastische Erzählungen voller unglaublicher Abenteuer, in denen eine Armee mit fliegenden Pferden vorkam, feuerspeiende, sechsköpfige Monstren eine unterirdische Buchwelt bewachten und ein böser Zauberer in einer Burg voller magischer Fallen und teuflischer Goleme die schönste aller Jungfrauen gefangen hielt; all die aufregenden und wundersamen Aventüren, bei denen die Zuhörer als Kinder rote Ohren bekommen und vor Angst um ihre Helden ihre Bettlaken übers Gesicht gezogen hatten. Doch davon hatte Alis nichts berichtet. Er hatte das Märchen auf seine Grundaussage entbeint und dabei alle Zauberei und Wunder entfernt.

Als Alis überraschend schnell endete, seufzten deshalb etliche leise auf, bevor sie zu klatschen begannen. Sie bedauerten den Niedergang einer Kunst, deren Meister einst sogar ein eigenes Gildenhaus mitten in der Stadt geführt hatten. Sie waren in der Erwartung gekommen, eine üppige, sahnereiche und fette Torte verzehren zu dürfen und hatten ein trockenes Stück Brot bekommen. Deshalb warteten sie auch, bis sich der schläfrig wirkende Namenlose gemüßigt sah, langsam zu klatschen und fielen dann mehr höflich als begeistert ein.

Auch Selin, der noch immer hinter dem Vorhang saß und aufgeregt auf seinen Einsatz wartete, litt und er fragte sich, was seinen Großvater bewogen hatte, sich so kurz und wortkarg zu äußern. Er sah, wie Alis leicht den Kopf neigte und da wusste er, dass der Alte längst noch nicht fertig war. Denn er hatte auch die Schlussworte noch nicht gesprochen, die Ómer als Zeichen seines Aufstandes dienen sollten. Aber was würde nun folgen? Er würde es nicht mehr erfahren, denn Juel machte das Zeichen zum Aufbruch. Selin sprang auf seine Füße und folgte dem Meisterdieb, der durch eine Tür hinter einem Teppich verschwand.

Alis hob währenddessen die Hand und sofort verstummte der spärlich Applaus.

»So ist euch die Geschichte vom Bürstenmacher und der Suche nach dem wahren Glück überliefert worden und so wurde sie in der ältesten uns überlieferten Märchensammlung, dem „Hundertblütigen Jasminzeig“, überliefert. Im Laufe der Jahrhunderte, während die Geschichte von Mund zu Ohr ging und von Erzähler zu Erzähler weiter gereicht wurde, erfand jeder noch etwas dazu, bis endlich eine lange, schlaflose Nacht an den Feuern der Karawansereien nicht mehr ausreichte, sie zu Ende zu erzählen. Doch wovon nie jemand berichtete, weil es einfach vergessen worden war, ist, dass der Bürstenmacher Lafar nicht nur drei Söhne, sondern auch eine Tochter hatte, der er ebenfalls eine Bürste gab und die über Jahr und Tag in den Osten ging. Sie hieß Lakmi und von ihr und wie es ihr erging:

Das will ich euch nun berichten.

[Hier geht es weiter …]

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter der in den Tag führt, Der Weg, Fantasy, Fortsetzungsroman, Literatur, Märchen, Phantastik, Roman, Science Fiction

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 1)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

8. Kapitel
Alis Märchen

»Gestern ist ein Ort, den wir nicht wieder besuchen können. Das Rieseln in der Sanduhr von Vater Zeit zwingt uns weiter. Schritt für Schritt entfernen wir uns, sehen vielleicht ab und an noch einmal zurück – manchmal mit Freude, doch meist mit Bedauern, oft auch mit Trauer oder Zorn. Doch etwas zwingt uns, voran zu schreiten. Wir begegnen anderen Orten und Menschen. Gestern wird eines von vielen, ein weiteres Sandkorn in der endlosen Wüste, die wir in unserem Leben durchwandern. bis wir schließlich an den letzten Ort gelangen, an dem wir unser Haupt für immer zur Ruhe betten und der Sand der Tage unseren müden Leib bedeckt. Gestern, das gibt es nur noch in unserer Erinnerung und jeder von uns denkt anders an diesen Ort zurück, der gestern noch unser Leben war und heute nur eine undeutliche Erinnerung wie an einen Traum. Und wenn wir dann alle gegangen sind, die wir uns an dieses Gestern erinnern, dann ist es für immer in der Zeit verloren. Auch an unser heutiges, so wundervolles Fest und an die Geschichten der beiden Märchenerzähler wird sich in gar nicht einmal allzu ferner Zukunft niemand mehr erinnern – die Füße von Vater Zeit haben auch sie unter sich zu dem feinem Staub zermahlen, zu dem wir alle einmal werden, wir Menschen und unsere Städte und unsere Staaten, die wir gegründet haben. Doch manchmal tritt Vater Zeit auf einen unnachgiebigen Diamanten und er presst ihn in seinem Mühen, ihn zu zerreiben, noch fester und dichter, je mehr er sich anstrengt. Manchmal, ja, manchmal ist etwas ewig – ewig wie der Fluss der Tränen der Allerbarmerin, ewig wie Platos Gedanken, ewig wie die Felder des Krieges und ewig wie Karukora – das Wunder der Wüste. Ewig wie der Namenlose, der einst über den Fluss von Norden kam, sich hier niederließ, seine viel geliebte Stadt gründete und in seinen Wiedergeburten sein Volk bis zum heutigen Tag regiert und dies tun wird, bis auch Vater Zeit seiner Wanderung müde wird und die Sterne vom Himmel fallen. Uns Sterblichen ist nur eine kurze Wegstrecke gegönnt, die wir gehen dürfen, doch der Namenlose schreitet mühelos voran, Vater Zeit an seiner Seite, während seine Stadt blüht und gedeiht. Preisen wir uns glücklich, denn wir sind wahrlich gesegnet, dass wir unseren kurzen Marsch mit ihnen gehen und die Ewigkeit sehen und schmecken dürfen. Loben wir den Namenlosen, der da war, der da ist und immerdar sein wird!«

Wie Sahar machte auch Alis nach seiner Einleitung, die die traditionelle Lobhudelei für den Herrscher geschickt variiert hatte, eine längere Pause, in der – von den fremdländischen Gästen abgesehen – der ganze Saal aufstand, sich vor dem „Unterwerfer“ verbeugte und immer wieder andächtig den letzten Satz des Erzählers wiederholte.

Alis fing einen Blick von Ómer auf, der zwar spöttisch, aber durchaus auch wohlwollend auf ihm ruhte. Der Namenlose selbst nahm die Ehrung gelassen, ja, gelangweilt auf und spielte währenddessen wieder mit seinem wie ein Fernglas aussehenden Kästchen, das er in den Händen hielt und nun der kühlen Schönheit auf dem Platz zu seiner Rechten zeigte. Alis konnte sich nicht recht vorstellen, was das war, aber es war offensichtlich, dass der Herrscher von seiner einleitenden Rede weit weniger beeindruckt war als der Rest der Gäste.

Der alte Mann sah sich um. Durch die Türen in die Halle traten immer mehr bewaffnete Soldaten aus Paşa Ultems Armee, die sich unauffällig im Raum verteilten und sich in die Nähe der Treuwächter stellten. Alis musste nur den verabredeten Satz sagen, dann würde der Vezir das Signal zum Aufstand geben. Hoffentlich gelang es dann in dem Durcheinander Selin und seine Verbündeten, zum Thronsaal vorzudringen.

Alis wartete, bis die Gäste wieder saßen und erwartungsvoll zur Bühne sahen, dann begann er sein Märchen:

»Einer, dem es vergönnt war, sich während seiner Lebensspanne im Licht des Namenlosen zu sonnen, war der arme Bürstenmacher Lafar. Über seine Tage lässt sich wenig berichten. Sie waren erfüllt von Arbeit und der Sorge, sich und seine Familie durch den Tag zu bringen. Seine Frau Nigar hatte im drei prächtige Söhne geboren, die er mehr schlecht als recht durch seiner Hände Arbeit ernährte. Er konnte es sich nicht leisten, sie auf eine der öffentlichen Schulen zu schicken und doch erzog er sie mit Sorgfalt und gab ihnen das wenige Wissen weiter, das er selbst besaß. Abend für Abend kam Lafar mit müden, wunden Fingern aus seiner Werkstatt, löffelte seine wässrige Brotsuppe – die einzige Mahlzeit seines langen Tages – und setzte sich anschließend zu seinen Jungen, schlug eines der wenigen zerlesenen Bücher auf, die er besaß und las ihnen mühsam und stockend, die gichtigen Finger auf der Zeile, vor. Seine Söhne nahmen die Weisheiten aus den vergilbten Folianten auf und entwickelten sich zu prächtigen jungen Männern. Sie waren die Wonne von Lafars und Nigars Alter, die Freude, die ihre Augen glänzen ließ, die starken Arm, die ihre immer schwächer werdenden stützten.

Als die Zeit kam, da Lafar die Tage seines Lebens beinahe durchschritten hatte, sorgte er sich um die Zukunft und er wusste nicht, wie er seine wenigen Besitztümer unter seinen Söhnen aufteilen konnte. Er liebte sie alle gleich innig und mit heißem Herzen und wollte keinen bevorteilen. Obwohl alle Geschick in Lafars Handwerk zeigten, konnte doch nur einer am Ende das Geschäft erben und es war kein Geld vorhanden, die anderen beiden auszuzahlen. Und so überlegte Lafar und überlegte, bis ihn endlich eine schwere Krankheit niederwarf und auf sein Lager zwang. Er wusste, dass der Tod neben seinem Kopfkissen stand und er sich nicht mehr aus seinem Bett erheben würde.

Da ließ er sich von einer Frau die drei besten und weichsten Bürsten bringen, die er jemals hergestellt hatte und rief seine drei Söhne zu sich, betrachtete jeden von ihnen lange und zärtlich. Dann sprach er zu ihnen:

„Ich habe euch gelehrt, was ich weiß und es ist an der Zeit, dass ihr mit diesem Wissen hinaus in die Welt geht. Ich werde noch da sein, wenn ihr heute in einem Jahr und einem Tag zurückkehrt. Dann soll der von euch erben, der mir dann die Frage beantworten wird, was das wahre Glück sei.“ Anschließend reichte er jedem der Söhne eine der Bürsten, umarmte sie und sagte:

„Achtet gut auf eure Bürste. Wenn ihr sie am richtigen Ort und im richtigen Augenblick benutzt, dann wird sie euch einmal – ein einziges Mal – einen Wunsch erfüllen.“ Danach schwieg Lafar und schloss die Augen Die Söhne küssten noch die abgearbeitete, schwielige Hand ihres Vaters und verließen ihn recht ratlos mit ihren Bürsten in der Hand. Was konnte das sein, das wahre Glück?

Noch am gleichen Tag packten sie ihre Siebensachen in ihre Felleisen, verabschiedeten sich von der Mutter und von einander und machten sich auf, das wahre Glück zu finden. Der älteste – er hieß Masur – ging nach Süden, der zweite, der den Namen Seqr trug, wählte den Weg, der nordwärts aus der Stadt führte und der Jüngste – Jasde – machte sich nach Westen auf. Dies geschah in den Tagen des „Harmonischen Bambusblatts“, des siebten Namenlosen aus der Bingh-Dynastie, der ersten und wahren, unter deren Herrschaft Karukora sorglose und friedliche Jahre erlebte.

Viele Abenteuer erlebten die drei Söhne in der Fremde, doch das ist eine weitere Geschichte nach der Geschichte und ich will sie dir an einem anderen Tag erzählen. Aber nach einem Jahr und einem Tag kehrten sie in ihre Heimat zurück.

Masur, der älteste, kam auf einem stolzen, schönen Ross geritten und ihm folgte ein Trupp treu ergebener Reiter, deren Satteltaschen mit Geld, Schmuck und wertvollen Handelswaren gefüllt waren. Aus dem Norden kam barfuß und staubig Seqr in die Stadt. Er trug das Gelehrtengewand eines Weisen aus den Akademien von Saint Cóbilôtte und auf seinem Felleisen stapelten sich dicke Bücher. Jasde zuletzt betrat Karukora, wie er es verlassen hatte, braungebrannt und ein Lied auf den Lippen. Die drei Brüder trafen sich im Hof des heruntergekommenen Hauses ihres Vaters und bestaunten gegenseitig ihr Aussehen.

Lafar hatte Wort gehalten: Auch wenn er im Lauf der zwölf Monate, die vergangen waren, noch schwächer und hinfälliger geworden war, so lebte er noch und war bei klarem Verstand. Zuerst stieg Masur von seinem Schimmel, trat vor seinen Vater, der sein Bett zur Feier des Tages hinaus vor die Tür hatte tragen lassen und, von seiner Frau und Kissen unterstützt, halb in ihm saß. Masur kniete nieder und sprach:

„Ein Jahr und einen Tag war ich im wilden Süden unterwegs und weiß nun, was das wahre Glück ist. Dort bei den Barbaren fand ich reiche, fruchtbare Ebenen und Weiden, die bis zum Horizont und über ihn hinaus reichten. Auf ihnen leben Familien und Sippen, die auf ihren Reittieren mit gewaltigen Herden durch diese immergrünen Gegenden ziehen und ihre Lager aufschlagen, wo ihr Vieh zum Grasen verweilt. Sie sind frei und kennen keine Herrscher über sich; die überlieferten Werte und der Wille ihrer Ältesten sind die einzigen Befehle, denen sie gehorchen. Ihre Tierherden bestimmen ihr Handeln und Leben. Sie nahmen mich freundlich in ihrer Mitte auf. Ich erlernte ihre melodiöse, singende Sprache und verdingte mich als Hirte und Pferdeknecht. Da leistete mir die Bürste gute Dienste, Vater. Als ich eines Tages das Pferd ihres Clanältesten mit ihr striegelte und sein Fell pflegte, da hegte ich den Wunsch, selbst einmal in den Besitz eines solch wunderbaren Tieres zu kommen. Und wie du es prophezeit hast, mein lieber Vater, ist es dann auch gekommen: Mein Wunsch wurde erfüllt. Es dauerte zwar noch ein paar Monate, aber eines Morgens rettete ich einem einer Kinder durch Zufall das Leben und ich wurde in seiner Familie aufgenommen, als wäre ich schon immer ein Teil von ihr gewesen. Sie teilten ihr Vermögen mit mir und ihre Herden. Sieh mich an. Heute bin ich ein freier, reicher Mann, der viele Tiere und Pferde besitzt. Ich benötige dein Erbe nicht mehr. Aber ich weiß nun, dass es das wahre Glück ist, auf dem Rücken eines edlen Rosses wie dem meinen im Sattel zu sitzen und frei wie der Wind über die Ebenen meiner neuen Heimat zu reisen.“

[Fortsetzung nächsten Mittwoch …]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter der in den Tag führt, Der Weg, Fantasy, Fortsetzungsroman, Literatur, Märchen, Phantastik, Roman, Science Fiction

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 7 – Schluss)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

„Straif.“ Eine Stimme flüsterte seinen Namen. „Ich kenne dich jetzt.“

Die Stimme schien von einer Person zu stammen, die direkt neben dem jungen Krieger stand und sich wegen ihrer Größe zu ihm herab beugte. Er spürte sogar einen eisigen Atem auf seiner Wange. Erschrocken fuchtelte Straif mit den Armen, als würde ihn eine blindwütige, blutdürstige Pferdebremse umschwirren. Er rannte um sich schlagend eilig ein paar Schritte tiefer hinein in die Düsternis der Tunnelröhre. Doch vergebens; die körperlose Stimme blieb bei ihm; ganz nah an seinem Ohr.

„Bürger Straif“, wisperte sie nun mit einschmeichelndem, drängendem Ton, „gehe auf keinen Fall weiter. Du wirst dich verirren und in der Dunkelheit verdursten.“

Die Präsenz des Geistes war atemberaubend und zwingend, doch Straif schüttelte den Kopf. So leicht war er nicht zu übertölpeln. Er hätte nicht zu sagen vermocht, ob eine Frau oder ein Mann mit ihm sprach, doch er war sich ziemlich sicher, dass dies nicht Sadons Stimme war.

„Gehe zurück ans Licht. Meine Goleme werden dir helfen. Ich habe sie geschickt, um dich zu retten. Dein Leben ist mir wertvoll, denn ich habe Großes mit dir vor. Du sollst meine Stimme auf Erden sein.“

„Inet?“, flüsterte Straif und sein Mund war so trocken, dass er die zwei kurzen Silben des Namens des Verführers kaum über die Lippen brachte. Das Angebot des alten Götzen war verlockend, doch er würde den süßen Schmeicheleien dieses Ungeheuers widerstehen. Er war der Fenrir Ulf, der Krieger des Baums und immun gegen die Einflüsterungen eines gefallenen Gottes der Vorgänger.

„Inet?“, wiederholte er ungläubig und fragte sich, ob dieses Gespenst des absolut Bösen, dessen Wirken ihm gerade Sadon so eindrücklich vor Augen geführt hatte, das die Welt beinahe zerstört hatte und noch immer, nach Tausenden von Jahren, ihren endgültigen Untergang plante, tatsächlich mit ihm in der Dunkelheit stand oder nur eine Wahnvorstellung seiner überreizten Nerven war.

Er lauschte angestrengt, könnte aber nichts weiter hören und das erschreckte ihn noch mehr als die körperlose Stimme, die plötzlich neben seinem Ohr aufgetaucht war. Auch von den Deltas war nichts mehr zu hören. Allein ein beständiges Zischen wie von einem undichten Dampfventil und von dem er nicht wusste, ob er es tatsächlich hörte oder es sich nur einbildete, drang als einziger Laut zu ihm.

„Nein, Inet, ich kehre nicht um“, sagte der einsame Mann in der Finsternis. Er sprach so laut und fest, wie ihm möglich war, denn er wollte sich selbst überzeugen.

„Dort hinten im Licht wartet nur der Tod auf mich. Mag sein, dass vor mir in der Dunkelheit Schlimmeres auf mich lauert, aber ich werde mein Glück lieber dort versuchen.“

Er bekam keine Antwort. Nur das Echo seiner eigenen Stimme wurde von den Wänden zurückgeworfen. Da ballte Straif seine Hände zu Fäusten und schritt langsam hinein in die ewige Nacht der tausend Gänge und Hallen unter dem Fjall Tu’DasQ. Er sah kein einziges Mal zurück. Ein Krieger hatte den Felsen des Todes betreten und ein müder, grauer Mann würde lange Zeit später wieder von ihm ausgespuckt werden.

Plötzlich war dann doch noch einmal die Furcht erregende Stimme Inets in Straifs Rücken zu hören:

„Wir werden uns wieder begegnen, Straif. Zeit bedeutet mir nichts. Du besitzt, was mir gehört. Ich werde es mir holen. Dann werde ich meinen Auftrag erfüllen und endlich ruhen können.“

„Nur raus, raus hier!“, dachte Straif und rannte vor der Stimme Inets davon. Er presste dabei die Hände gegen die Ohren, um sie nicht weiter hören zu müssen. Endgültig wurde von der Finsternis des langen Tunnels, von dem er hoffte, er würde ihn wieder an die Oberfläche führen, verschluckt. Doch das Schicksal hatte noch den einen oder anderen Streich für ihn vorbereitet. Deshalb führte ihn dieser stählerne Gang zwar weg von Inets und Sadons Reich zu einem schier bodenlosen, kreisrunden Schacht, an dessen Rand eine metallene Leiter befestigt war. Aber es gab nur einen Weg und der führte hinab, immer tiefer hinunter in die Gebeine der Erde.

Und so begann für Straif die Reise durch die Nacht. Viele Monate sollten vergehen, bis er wieder unterhalb des höchsten Berges der Überlebenden Lande schmutzig, krank und zum Skelett abgemagert auf allen Vieren aus einer Höhle kroch. Trotz des Schattens, den die Wendspitze auf die Ebene zu ihren Füßen warf, brauchte er viele Stunden, bis er seinen an die Schwärze des Untergrunds gewöhnten Blick ungeschützt über das liebliche Tal schweifen lassen konnte. Hier würde von ihm bereits einige Wochen später die erste der Klosterburgen der Gemeinschaft der leidenden Gene gegründet werden, um Inets Plan, die Welt zu zerstören, aufzuhalten: Diese Mönchsfeste nennen wir heute das hohe und einzigartige Italmar, jene einzigartige, durchscheinende Burg des Glaubens, dieses Diamanten unter den Stätten des Kirchenstaats, in dem sogar die Pflastersteine aus Quarzglas gegossen sind, damit das Licht der Wahrheit ungehindert in ihre Straßen fallen kann.

Vierzig mal vierzig Abenteuer hatte Straif im Untergrund erlebt und war dabei Dingen und Wesen begegnet, die sogar für ein Märchen zu unglaubwürdig sind. Oft hatte ihn nur Sadons Schlüsseldolch aus einer Misere geholfen. Und schließlich begegnete der spätere Erzabbas Straif in seiner Reise durch die Nacht auch noch einmal dem fürchterlichen Inet, wie es dieser vorhergesagt hatte. Aber wie sagen die Erzähler Karukoras am Ende ihrer Sagen? Dies ist eine andere Geschichte und sie soll auch ein anderes Mal erzählt werden!«

Sahar verbeugte sich. Ein anerkennender, aber nicht allzu lauter und auch nicht ausdauernder Applaus begleitete seinen Abschied von der Bühne. Der junge Erzähler mochte sich mehr erwartet haben, denn er schüttelte nachdenklich den Kopf und kehrte nicht mehr für eine Zugabe auf die gesalzenen Bretter der Bühne zurück.

Ómer, der den Eindruck erweckte, dass er während des Vortrags eingeschlafen war – durch seine Maske war das unmöglich auszumachen -, schreckte mit den letzten Worten von Sahar wie von einer Südtarantel gestochen in die Höhe und sah sich aufgeregt um. Doch er hatte sich sofort wieder im Griff, als er bemerkte, dass er von den gekrönten Häuptern an seiner Seite spöttisch beobachtet wurde. Er breitete die Arme aus:

»Wir danken unserem Gast aus den fernen Nordländern für seine spannend erzählte Geschichte, die uns allen einen ausgesprochen interessanten Einblick in die Gedankenwelt der Menschen, die jenseits der Wüste leben, gewährt hat. Nun. Der Abend ist noch jung. Deshalb soll jetzt aber auch endlich der bescheidene Anteil Karukoras zur Kultur des Geschichtenerzählens folgen und auf diesen Brettern zum Vortrag gelangen. Begrüßen wir nun Alis, den Honigzüngigen, mit dem ehrfürchtigen Schweigen, das er verdient«, sagte der Vezir und setzte sich mit einem raschen Seitenblick auf den Namenlosen wieder.

Dieser nickte gnädig und flüsterte Miladi ein paar Worte zu, die die schöne Frau aus den Oststädten mit ihrem glockenhellen, verheißungsvollen Lachen quittierte, das alle Männerherzen in ihrer Nähe in Verzückung versetzte und schneller schlagen ließ. Ihr Lachen unterbrach die ehrfürchtige Ruhe des Saales, an die sich die Vielzahl der Gäste, Bediensteten und Wachen hielt. Falls dieser forcierte und wohl auch absichtliche Affront der Botschafterin Alis missfiel, ließ er er sich jedenfalls nichts davon anmerken.

Einsam, winzig und zerbrechlich wirkte er auf seinen Enkel, der in der Höhe neben Juel halb hinter einem Vorhang verborgen saß und den Auftritt durch einen Schlitz in dem Stoff beobachtete.

»Efin, da ‚at dieser fremde Erzähler doch ein wenig daneben gegriffen«, flüsterte ihm der Meisterdieb zu. »Seine Sage, die isch übrigens schon eintausendmal ge’ört habe, ist zwar leidlich spannend, aber doch nicht etwas, was man anlässlich eines Galadiners ‚ören will. Blutrünstige Wölfe, lebende Leichen, grausame Goleme und rachsüchtige Götter, die können einem doch ganz schön auf den Magen schlagen. Je te prie, das passt in eine Spelunke in der Provinz, aber doch nicht ‚ierher an den Hof des Namenlosen. Isch frage misch, für wen er sie erzählt hat. Vielleicht hatte er ja eine Verabredung mit Ómer, damit sich der alte Geizhals den Gang mit den Hauptgerichten sparen kann. Je me demand si … schließlisch …«

Juel beendete seinen Satz nicht. Er starrte für einen Moment gedankenverloren in die Leere. Dann legte er seine Hand auf Selins Schulter. Der hatte nur Augen für seinen Großvater, der so verloren dort unten vor den mächtigsten Männern der Zeit stand und sich und seine ganze Familie wegen einer seltsamen Karte in Lebensgefahr brachte; einer karte, die für Selin nicht mehr als ein Hirngespinst war. Einen Weg sollte sie zeigen quer durch die Felder des Ewigen Krieges, auf denen jeder Fußbreit Boden ungezählte Male von gewaltigen, stählernen Armeen durchpflügt und zu Staub zermahlen worden war, wo hinter jeder Sanddüne der Tod ein anderes seiner tausend Gesichter zeigte, hinüber auf die andere Seite nach der legendären Stadt Paradis, dem Ort des Friedens, den es allein in der Einbildung eines Narren geben konnte – das war vollkommener Irrsinn!

Nicht zum ersten Mal fragte sich Selin, ob der Alte und sein Freund Muhar wirklich an dieses Ammenmärchen glaubten oder vielleicht doch etwas ganz anderes dahinter steckte. Auch wenn er sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, was das war. Juel unterbrach seine Gedanken.

»Mach dich langsam bereit, Selin. Wir hören uns nur den Anfang des Märchens deines Großvaters an, dann sollten wir davon und uns den inneren Gemächern des Palastes nähern, damit wir uns später in der ersten Verwirrung des Aufruhrs hinein schleichen können. Hast du verstanden?«

Selin nickte abgelenkt. Er war neugierig, welches Märchen sein Großvater vortragen würde.

[Hier gehts weiter zum nächsten Kapitel …]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter der in den Tag führt, Der Weg, Fantasy, Fortsetzungsroman, Literatur, Märchen, Phantastik, Roman, Science Fiction