Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 29)

Jetzt kam auch Leben in Rother, der ihr gegen­über stand. Der dicke Kriminalassistent beugte sich flink über seinen Partner und ergriff das Buch, das dieser trotz des Aufpralls noch immer fest in der seltsam abgewinkelten Hand hielt. Rother zerrte und mühte sich. Endlich löste sich der Griff und anschließend hob er das Buch tri­umphierend in die Höhe. Helene Weigel sah ihm erstaunt dabei zu.

„Ich habe es! Ich habe es!“

Rother rannte davon, das Pflaster in Richtung Augsburger Straße hinunter. Se­bastian machte keine Anstalten, ihm zu folgen und er hinderte auch mit einer beschwich­tigenden Geste Lokwi daran. Er hatte noch nichts ge­sagt und starrte auf Brecht, der sich am kurzgeschorenen Na­cken kratzte und wirkte, als wäre er nicht ganz auf der Höhe der Ereignisse. Vielleicht hatte er durch den Unfall auch einen Schock erlitten, aber Sebastian glaubte eher, dass Brecht ebenso wie er selbst von der unglaublichen Ausstrah­lung Lokwis gefangen genommen war. Sie wirk­te wohl auf alle Männer. Dann wanderte sein Blick zwischen dem Dschungel­mädchen und dem berühmten Schriftsteller hin und her. Er rang mit sich selbst, mit seiner al­ten und seiner neuen Liebe, die ein ironisches Schicksal neben­einander gestellt hatte. Brecht, stellte er fest, hatte schlechte Karten.

„Schnell, mein Notizbuch! Meu Deus! Rother darf nicht mit ihm entkommen.“ Elena und der sich auf Gretas Schultern stützende Gregor humpelten aus der Hofeinfahrt. Sebastian wink­te ab.

„Der Dicke hat nur mein Moleskine. Ich habe dem Narbigen vorhin das falsche Buch gegeben. Ich hoffe wirklich, Rother hat Spaß an meinen Gedichten.“

Nur mein Moleskine? Habe ich das gerade wirklich gesagt? Oh, Gott, mein wertvollster Be­sitz!, dachte er. Welche Schätze gehen da unwie­derbringlich verloren? Ich hätte sie Brecht zeigen können …

Trotzdem fühlte er sich gut. Er trat an die Schauspielerin und den Narbigen heran, der weiterhin wie ein zerbrochenes Spielzeug auf der Straße lag und sich nicht rührte. Er traute seinen Augen kaum. Brechts Verlobte hatte recht: Dies war wirklich kein Schwerverletzter oder die Leiche eines Menschen, sondern ein zer­störter Apparat, eine Maschine – ein Maschinen­mensch! Besser ge­sagt, das, was von ihm übrig geblieben war, nachdem ihm Elena zwei Kugeln in die Brust ge­schossen und Brecht ihn mit sei­nem Steyr umge­fahren hatte. Die beiden hatten ganze Arbeit geleistet. Viel Menschliches war danach nicht mehr an der Hyäne zu erkennen.

Ein Arm war vollkommen abgerissen und aus der leeren Achselhöhle quollen Kabel, Schmier­fett und hy­draulische Gelenke. Ein paar Ketten­glieder klickten noch. Mitten aus der Brust rag­te eine Feder und ein paar verbogene Stäbe, die wohl mal als eine Art Rippen gedient hatten. Die künstliche Haut, die bisher den me­tallenen Kör­per unter sich verborgen hatte, war über der lin­ken Gesichtshälfte wie ein altes, feuchtes Plakat an einer Litfaßsäule herab gerissen und darun­ter kam ein rötlich schimmernder, eiserner To­tenschädel zum Vorschein, in dem die blanken Zähne wie die perverse Parodie eines breiten Lä­chelns wirkten. Was auch immer dieses Ding am Leben gehalten hatte, das einem Roman von H. G. Wells entsprungen schien: Nun war es ein­deutig tot und es brannte kein Licht mehr in den blinden, gläsernen Augen. Frau Weigel sah er­schüttert auf.

„Das war – wie nannte Capek diese Automaten noch in seinem Theaterstück? Wir haben „R.U.R.“ doch damals in Frankfurt inszeniert …“ Sie schlug sich an den Kopf.

„Ein Roboter, ja, genau. Das war mal ein Robo­ter, oder? So wie in Fritz Langs Metropolis. Da hat doch Brigitte Helm solch einen Maschinenm­enschen gespielt. Da war unter der Haut auch nur Aluminium. Ich dachte nicht, dass es so et­was in Wirklichkeit gibt. Ein Roboter muss doch sehr teuer sein. Und wie funktioniert so etwas überhaupt? Bertolt, ich glaube nicht, dass dies­mal ein Gedicht ausreicht, um den angerichteten Schaden wieder gut zu machen.“

Greta begleitete ihren Bruder zu einem Later­nenmast, an den er sich klammerte und trat dann heran. Sie sah nicht mit Abscheu, sondern mit wirklichem Interesse herab.
„Ja, das war ein Roboter, ein künstlicher Mensch. Genauso wie Karla. Sie ist als K‘Ral zwar eine andere, etwas weiter entwickelte Bau­reihe, wurde aber von denselben Mächten er­schaffen, um ihnen zu dienen. Sie hat sich aller­dings für die Gegen­seite entschieden, hat mir Elena mal erzählt. Du erinnerst dich, Bastian, der da, man nennt es einen K’Rit, hat heute Morgen noch versucht, Karla im Auftrag der Hyä­nen außer Betrieb zu nehmen. Ich musste sie später nachjustieren, weil sie trotz deines Ein­schreitens etwas abbekommen hatte. Es ist gut, dass ich mich ein wenig mit Autos und Ge­trieben auskenne. Schade, dass wir nicht die Zeit haben, den K’Rit näher zu untersuchen.“

„Ach, Sie verstehen etwas von Autos? Vielleicht wollen Sie sich dann einmal unseren Wagen an­sehen, meine Liebe?“, erkundigte sich Frau Wei­gel.

Gretas Lachen klirrte.

„Gerne. Es wäre mir ein aufrichtiges Vergnü­gen. Unter uns Mädchen, das ist ein wundervol­les Modell, das Ihr Freund da fährt. Wie viele PS hat der denn, wenn ich fragen darf? Einhun­dert?“

Was war das denn für ein Gespräch, das die beiden Frauen da führten? Dies war kein Nach­mittagstee unter Automechanikern! Sebastian wurde wütend.

„Was zum Teufel geht hier wirklich vor? Kann mir jemand mal die ganze Geschichte erzählen?“

Er fühlte sich ausgenutzt und von den Geres und der Ärztin hintergangen. So vieles wusste er nicht, so vieles war ihm verschwiegen worden.

Ich bin für sie nur eine nicht einmal besonders wertvol­le Figur in einem Schachspiel zweier mir unbe­kannter Mächte. Aber immerhin – ich habe Brecht kennengelernt, dachte er. Hat sich schon gelohnt …

„Könnten wir dieses Gespräch vielleicht auf später verschieben? Wenn wir alle im Flieger sitzen?“, mischte sich Elena ein. „Der dicke Poli­zist wird bestimmt seine Kollegen informie­ren und wir sollten weg sein, bevor er mit Ver­stärkung zurückkommt.“

„Aber er hat doch, was er wollte!“, gab Greta zu bedenken.

„Und wie lange wird es dauern, bis er bemerkt, dass er das falsche Buch hat? Ich möchte nicht mehr hier sein, wenn er Bastians kleinen Trick bemerkt.“

„Aber wo sollen wir denn hin?“ Sebastian sah die Straße hinunter.

„Wir können unmöglich zu unserem Auto. Dort, wo es steht, wimmelt es wahrscheinlich von Schupos; wir würden nur Rother in die Arme laufen. Außerdem ist Gregor verletzt und kann mit der Wunde nicht weit lau­fen. Und so, wie wir aussehen …“, Elena deutete auf Lokwi, die stolz ihr Kinn nach oben reckte und mehr denn je wie eine Dschungelgöttin aus ei­nem Roman von H. Rider Haggard glich, „… nimmt uns auch kein Taxifahrer zum Tempelhofer Feld mit.“

Brecht, der bei seinem Auto stehengeblieben war und sich als einziger nicht den zerstörten Roboter betrachtete, räusperte sich und legte dann wie selbstverständlich einen Arm um Lok­wi. Sie ließ sich diese Geste erstaunlicherweise gefal­len und sagte ein paar Wörter in ihrer Sprache, die Elena zum Lachen brachte.

„Sie sind ihr sympathisch“, übersetzte sie. „Sie erinnern sie an ein Tier aus ihrer Heimat, einen Neuweltaffen, der bei ihrem Stamm als Delika­tesse gilt.“
Brecht war nicht beleidigt und stimmte in das Lachen ein. Dabei ignorierte er einen stirnrun­zelnden Blick seiner Verlobten, die über den Vorschlag, der nun unweigerlich kommen wür­de, nicht ganz so glücklich schien.
„Wenns euch net stört, falls es etwas eng wird, hätt ich einen Vorschlag zu machen. Das Alles kling nach einer wirklich interessanten Ge­schichte und i wär a schlechter Autor, wenn mi des net interessieren würde.“

Beinahe hätte B. B. übrigens noch die Litera­turgeschichte verändert, als er wenig später den vollbesetzten und nur leicht beschädigten Steyr Sportwagen durch das panrussische Viertel am KA­DEWE zum Flughafen am Tempelhofer Feld steuerte.

Große, nasse Schneeflocken trieben schräg über die Passauer Straße im Berliner Westen, als ein Exilrusse auf ein hässliches altes Haus zuging, das zur Hälfte hinter einer Gerüstmaske versteckt war. Er hielt sich die Hände schützend vor das Gesicht und achtete nicht auf den Stra­ßenverkehr. Nur ein kühner Sprung zur Seite rettete ihm gerade noch das Leben, als der Steyr ungebremst und hupend angebraust kam und mit quietschenden Reifen in den Kurfürsten­damm einbog.

„Ich muss raus aus dieser grauenvollen Stadt“, dachte der schmale Mann zitternd, der in seinen fünf Jahren in Berlin niemals richtig Deutsch gelernt hatte. Er sah dem Wagen hinterher, der ihn beinahe auf die Hörner genommen hatte. „Und zwar so schnell wie möglich. Das hier ist die Höl­le auf Erden.“
Vladimir schüttelte den Kopf und setzte seinen Weg fort.

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Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 4)

[zum 1. Teil …]

Fabia wollte sich aufrichten, aber ein dünner, feiner Schmerz stach ihr von innen durch die Lenden und hielt sie am Boden fest.

„Omicron – medizinischer Bericht“, stöhnte sie und sofort tastete sie ein scharfer grüner Lichtstrahl aus einem der vielen Okulare des langsam heranrollenden goLEMs ab. Fabia hielt sich die wehe Seite und wusste noch vor der Analyse des Roboters, welches Organ den Schmerz ausgelöst hatte. Omicron beendete seine optische Untersuchung und bildete aus seinem wie Quecksilber glänzenden Kugelbauch einen dünnen Tentakelarm aus, über dessen nadelfeinen Kanülenfinger er vom Oberarm der Studentin ein wenig Blut entnahm. Über seinem Haupt tauchten Zahlenreihen und Diagramme auf, durch eine Verbindung zu Fabias Augreyes dorthin gezaubert.

Obwohl der kleine goLEM bei weitem nicht über die Möglichkeiten der großen Medizinroboter verfügte, der sogenannten Gamma-Reihe, die durch energetische Gravitationsfelder frei in der Luft schweben, sich in ihr wie ein Schweber bewegen konnten und Fabia wegen des stachligen Aussehens ihrer unzähligen Ärmchen an Seeigel erinnerten und neben Diagnosen auch Notfallversorgungen bis hin zu komplizierten Operationen und aufgrund ihrer beeindruckenden künstlichen Intelligenz sogar psychiatrische Aufgaben übernehmen konnten, war der Omicron der Studentin weit mehr als ein Spielzeug, das man vor allem zur Aufsicht und als Haustierersatz bei Kindern einsetzte. Ihr goLEM war mit einem Medizinupgrade ausgerüstet und überwachte in ständigem Kontakt mit den Rechnern der Universitätsklinik ihre fragile Gesundheit.

„Der Bluttest ist nicht auffällig“, dozierte Omicron, „auch wenn der Kreatininwert leicht erhöht und – wahrscheinlich wegen der Situation – auch dein Blutdruck nicht ideal ist. Ich habe dir daher eine schwache Mischung aus Schmerz- und Beruhigungsmitteln verabreicht, deren Wirkung zeitnah einsetzen sollte. Ich will dich aber daran erinnern, dass du innerhalb der nächsten 48 Stunden eine Hämodialyse-Station aufsuchen musst.“

Fabia nickte abwesend. Diese Diagnose hatte nichts Erschreckendes für sie. Sie war seit ihrer frühen Jugend, in der eine langsame, aber stete Verschlechterung ihrer Nierenfunktionen festgestellt worden war, daran gewöhnt, sich regelmäßig alle vier Tage einer schnellen Blutreinigung zu unterziehen; das war eine zwar lästige Prozedur, die allerdings kaum zwei Stunden dauerte und ihr Leben kaum beeinträchtigte. Viel wahrscheinlicher war es im Augenblick eh, dass sie nicht durch eine Vergiftung, sondern durch einen Mondbrocken, der ihr auf den Kopf fiel, umgebracht wurde.

In Fabias so weit in Wissenschaft und Technik fortgeschrittenem Jahrhundert, in dem die Menschen den Mars und die Jupitermonde besiedelt hatten, zentral gesteuerte Roboter alle niederen Arbeiten erledigten und die 2MC einen neuen Erdtrabanten im Orbit konstruierte – eine gewaltige Dyson-Späre wurde dort oben gebaut, eine Hohlwelt für mehrere Milliarden Einwohner – konnte man durch Fusion und Anzapfen der Erdwärme beliebige Mengen an billigster Energie erzeugen und Föten im Mutterleib so einfach genetisch optimieren, als würde ein Kind mit Bauklötzen und einer Taschenlampe spielen. Praktisch aus Nichts wurde genug Nahrung für die explodierende Weltbevölkerung geschaffen, ohne dass jemand hungern musste, aber es gab doch noch immer Krankheiten und Seuchen, bei denen die Mediziner machtlos waren. Auch der Tod war noch nicht überwunden; es sei denn, man betrachtete die ausgereifte moderne Kryotechnik als eine Möglichkeit, ihn zu überlisten.

Fabias Niereninsuffizienz, die durch einen extrem seltenen Defekt in ihren ererbten Chromosomenpaaren verursacht wurde, war so ein Fall, bei dem die Ärzte ratlos waren. Da der Körper der jungen Frau auf künstliche Nierenimplantate allergisch reagierte und sie abstieß, blieb ihr keine andere Wahl als die regelmäßige Dialyse. Es hätte sich unter den achtunddreißig Milliarden Menschen auf der Erde sicherlich auch ein Spender finden lassen, doch die Studentin stand weit unten auf der Empfängerliste und hätte sich den Eingriff auch nicht leisten können, nachdem ihre Hauptunterstützungsquelle durch den Unfalltod ihrer Eltern und ihres Bruders vor drei Jahren versiegt war. Die Gelder von der Pflichtkrankenkasse für Studenten an der Sorbonne reichten gerade für die Medikamente und dafür aus, ihren Omicron medizinisch aufzurüsten.

Doch Fabia kannte kein Selbstmitleid. Die Dinge waren eben so und sie hätten wesentlich schlechter sein können. Schließlich genügte die kleine Erbschaft aus der Lebensversicherung ihrer Eltern, um an der bedeutendsten Universität Europas beim größten Gelehrten seit Einstein, Hawkins und Sandra Ellenstat zu studieren – bei dem weltberühmten Professor Samuel Baruch Rosenthal, der zudem auch noch die größte Kapazität des 26. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Shakespeare-Forschung war. Auch wenn ihre Einkünfte nur für diese kleine Studentenbude im 123. Stockwerk des schäbigen Henri-Gouraud-Wohnturms und für einen defekten Thermix reichten, der übrigens gerade dabei war, die Gulaschsauerei, die er angerichtet hatte, durch ein üppiges Sahnedessert zu krönen. Für Fabia hatte das immer genau so gepasst.

Sie sah auf die Bescherung auf dem Küchenboden und musste lachen. Dabei bemerkte sie, wie ihre Schmerzen nachließen. Die Injektionen von Omicron zeigten Wirkung. Wahrscheinlich hatte er ihr ohne sie zu informieren auch einen Stimmungsaufheller verabreicht. Wie viel Zeit war vergangen, während der sie bewegungslos auf dem Boden gekauert war? Minuten – oder viel länger? Sie hatte ihr Zeitgefühl verloren. Sie rappelte sich auf und sah sich um. Die Erschütterungen des himmelhohen Gebäudes hatten für den Moment aufgehört und waren vielleicht nur die letzten Auswirkungen des Beschusses aus den Mars-Gravitationskanonen gewesen, der inzwischen eingestellt sein musste oder aufgrund der Erddrehung weiter westlich einschlug.

Erblickte Fabia irgendetwas, von dem es sich lohnte, es bei ihrer Flucht aus ihrer Wohnung mitzunehmen? Ihr fiel nichts ein, auf das sie nicht verzichten konnte und wollte schon zur Tür gehen, als ihr doch noch etwas in den Sinn kam. Sie wurde rot und bekam ein schlechtes Gewissen. Eilig trat sie an ein Regal und nahm den einzigen persönlichen Gegenstand, den sie besaß, in die Hände. Es war eine dreidimensionale Fotografie ihrer Familie, die im Sommer vor dem Straifer-Unfall entstanden war, den sie allein überlebt hatte, weil sie an diesem Tag eine Arbeit schreiben musste und die anderen bei ihrem Ausflug nicht begleiten konnte. Fabia erinnerte sich genau an den Moment, als der Professor in den Hörsaal getreten und an ihren Tisch gekommen war, um sie zu informieren. Seinen Gesichtsausdruck und die Fürsorglichkeit, mit er sich um sie gekümmert hatte, würde sie niemals vergessen; an diesem Tag hatte sie sich heimlich in Samuel Rosenthal verliebt, der – wie sie später frustriert feststellen musste – mit seinen Robotern und Androiden verheiratet war und offenbar kein Privatleben führte.

Sie verstaute das Bild von vier glücklichen Menschen zusammen mit ein paar Nahrungsriegeln, dem Studentenausweis und ihrer schmalen Elektronikwerkzeug-Schatulle in einer Umhängetasche, die sie sich über die Schulter warf. Dann rief sie Omicron an ihre Seite und trat kurzentschlossen aus der Wohnungstür, die sie nicht hinter sich verschloss. Warum auch? Draußen im langgezogenen Hausflur flackerte die indirekte Beleuchtung. Fabias Appartement war eines von über fünfzig in diesem Flügel des Stockwerk, aber sie war mit ihrem goLEM völlig allein. Ein paar Wohnungstüren standen wie ihre offen, Abfall und ein aufgeplatzter Koffer voller Wäsche lagen auf dem Boden, erzählten von plötzlichen und übereilten Aufbrüchen. Offenbar war sie spät dran und die anderen schon längst auf dem Weg zu den Schutzräumen. Im Laufschritt lief Fabia in Richtung der Fahrstühle den Gang hinunter und Omicron hatte piepsend und protestierend seine liebe Mühe, ihr auf den Fersen zu bleiben. Vor den vier großen Fahrstuhltüren blieb sie atemlos stehen und starrte ungläubig auf den auf ihnen allen aufleuchtenden Hinweis, dass sie außer Funktion waren.

„Was zum Teufel …?“, murmelte sie fassungslos.

Citoyen, ich habe mich mit der AUSKUNFT des Gebäudes verbunden“, mischte sich ihr goLEM ein. „Aus Sicherheitsgründen sind sämtliche Aufzüge des Hauses gesperrt. Bei dem Stromausfall eben haben sich durch die Erschütterungen die Not-Halteklammern einiger Kabinen gelöst. Es sind mehrere von ihnen abgestürzt oder haben sich verkeilt. Es ist offenbar zu schweren Personenschäden und bedauerlicherweise auch zu einem Todesfall gekommen. Die AUSKUNFT empfiehlt, die Notfalltreppen zu benutzen, bis die Haussicherheit die Funktion der Aufzüge wieder hergestellt hat.“

„Wir sind im 123. Stockwerk, Omicron! Weißt du, wie lange es dauert, von hier oben hinunter ins Erdgeschoss zu laufen?“

Der goLEM war nicht intelligent genug, um zu bemerken, wann eine Frage seiner Besitzerin rhetorisch gemeint war. Brav machte er sich an die Beantwortung:

„Wenn du deine momentane Laufgeschwindigkeit beibehältst, werden wir pro Etage etwa zwanzig Sekunden benötigen, wenn du mich trägst – sonst länger. Außerdem sind in den unteren Stockwerken die Treppen durch die vielen Hausbewohner, die diesen Fluchtweg gewählt haben, verstopft. Das erschwert das Weiterkommen erheblich. Alle drei Stockwerke befindet sich zudem eine codegesicherte Feuertür, die du persönlich öffnen musst, was noch einmal zehn Sekunden dauern wird. Regelmäßige Pausen zur Erholung eingerechnet, sind das …“

„Omicron – Ruhe“, unterbrach Fabia die Kalkulation. „Ich muss so schnell wie möglich von hier weg. Kannst du die AUSKUNFT nicht überreden, wenigstens einen der Fahrstühle freizugeben?“

„Das ist ausgeschlossen. Sie sind alle nicht in Funktion.“

„Aber was machen wir denn jetzt? Können wir vielleicht in einen anderen Flügel wechseln?“

[zum 5. Teil …]

Ein Kommentar

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 9)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

„Was ist dein Wunsch, General?“, fragte der Kopf, ohne die Lippen zu bewegen. Tote, stahlgraue Augen lasteten ohne eine erkennbare Regung auf dem Mädchen. Tote, stahlgraue Augen lasteten ohne eine erkennbare Regung auf dem Mädchen. Der kalte Blick riss das Mädchen aus ihren Gedanken. Vor diesem Dschinn musste sie auf der Hut sein; er war gefährlich, das spürte sie.

Lakmi hätte nicht zu sagen vermocht, woher die laute und gut verständliche Stimme kam. Wie auch der riesige Golem, der Lakmi an diesen Ort geführt hatte, redete der Dschinns in ihrer eigenen Sprache. Er sprach sogar in dem singenden, die Mitlaute vernuschelnden Dialekt Karukoras, den oberhalb des Marat niemand verstand. Konnte es aber sein, dass sie Worte nur in ihrem Kopf hörte? Sie räusperte sich und trat näher. Für eine Flucht war es längst zu spät.

„Wie ist dein Name, Dschinn?“

„Ich wurde früher EDY genannt. Ich bin übrigens kein Dschinn, sondern ein nur ein Backup“, erwiderte der Kopf. Seine Stimme klang dabei ein wenig ungeduldig, wie Lakmi fand. Sie ignorierte den zweiten Satz, den sie nicht verstanden hatte.

„Gut, EDY. Dann zeige mir den Weg, der in den Tag führt.“

Das Bild der wehenden Fahne auf dem Tisch verschwand. Stattdessen erschien dort eine Landkarte, die einen Ausschnitt der Toten Wüste von oben zeigte. Der Maßstab war recht groß gewählt. Lakmi konnte die Ufer des Meers und vor der Küste die Insel Sirtmar erkennen Am von ihr aus oberen Rand des Tisches machte sie die himmelhohen Mauern des Großen Südwalls aus, den der legendäre König Launin kurz vor dem Fall der Reiche aus den Felsen eines Gebirges als Grenze hatte errichten lassen. Er teilt auch heute noch die Welt von West nach Ost in eine zwei Hälften. Das auf der Landkarte rot schraffierte Gebiet dazwischen – es misst unfassbare 500 Meilen im Durchmesser –, das waren die Ebenen des Ewigen Krieges. Eigentümlicherweise knickte der nahezu unüberwindliche Festungswall des Königs hinter dem Helmgebirge scharf nach Süden ab und verlief sich dann mitten in den Ebenen. Wo der Große Wall im Nichts der ewigen Schlachtfelder endete – vielleicht durch die nicht enden wollenden Kriege der Golemarmeen geschliffen -, begann eine gepunktete, blaue Linie, die leicht ostwärts die Schlachtfelder querte und mitten in den Ebenen zu einer flachen Erhebung führte, auf der ein großes, rotes Viereck eine Stadt andeutete, die Lakmi größer schien als alle fünf Oststädte zusammen.

„Was ist das?“, fragte Lakmi und deutete auf das Quadrat.

„Das ist die Enklave“, antwortete EDY prompt. „Der Ort, den dein Volk Pardais nennt.“

„Und vom Ende des Südwalls führt ein sicherer Weg dorthin? Wie ist es dort?“

„Meine Augen sehen nicht nach Pardais hinein, General, denn das ist mir verboten. Aber die neutrale Enklave war einst ein sicherer, friedlicher Ort, zu dem sich die Zivilbevölkerung zurückziehen konnte, wenn die Schlachten tobten. Pardais war eine mächtige Festung. Einst endeten hier die Mauern des Südwalls.“

„Du weißt also nicht, ob dort noch Menschen leben?“

„Diese Information steht mir nicht zur Verfügung. Ich kann darüber nicht einmal eine Mutmaßung anstellen. Seit ich den Dienst aufgenommen habe, hat noch nie jemand Paradis verlassen oder besucht.“

„Ist der Weg denn sicher? Auch in der Nacht, wenn die Kriegsmaschinen aufeinanderprallen?“

„Wenn du einen Passagierschein hast und ihn an einem der Transittore benutzt, wird dich eine U.R:S. sicher zur Enklave bringen“, erwiderte EDY.

Lakmi erkundigte sich nicht, was eine „Urs“ sei. Sie interessierte sich für etwas anderes und deutete an den rechten Rand des Tisches, wo die Darstellung in einem verschwommenen Nebel endete.

„Was ist dort – ich meine, im Osten hinter den Ebenen?“

EDY zögerte.

„Auch diese Frage kann ich dir nicht genau beantworten, General. Verzeih mir meine Unzulänglichkeiten. Am Anfang des Krieges brach, wie du weißt, auch das Satnet zusammen und meine Drohnen können nicht so weit gen Osten blicken. Doch dort ist nach der Großen Welle ein Bruchstück des zerstörten Maní eingeschlagen, der die Kontinentalplatte zerrissen hat. Der Aufprall hat einen gewaltigen Krater erzeugt, der sich inzwischen wahrscheinlich mit Meerwasser gefüllt hat. Dort gibt es kein menschliches Leben mehr.“

Lakmi hatte genug gehört. Es schauderte sie bei der Vorstellung, wieviel Leid und Tod der Krieg der Vorgänger erzeugt hatte. Und zumindest hier war er noch immer nicht vorbei.

„Ich hätte gerne eine Abschrift dieser Karte.“

„Ich höre und gehorche.“

Prompt klappte an der Seitenkante des Tisches ein kleines Fach heraus. In ihm lagen eine Papierrolle und ein flacher, rechteckiger Gegenstand. Er war grün und etwas kleiner als Lakmis Handfläche.

„Dies sind ein Ausdruck der Karte und der Passierschein. Pass vor allem auf ihn gut auf, denn er ist ein Schlüssel, ohne den du die Enklave nicht erreichen kannst“, erläuterte EDY.

Lakmi nahm die beiden Gegenstände und verstaute sie in den Taschen ihrer Kleidung. Sie wollte sich schon verabschieden, da fiel ihr ein, dass sie einen Auftrag hatte. Beinahe hatte sie den Wunsch des Delphi vergessen.

„Ich benötige noch etwas, EDY. Gib mir den Stab der Macht, der sich in deinem Besitz befindet.“

Täuchte sich Lakmi oder erzitterte kurz der Boden unter ihren Füßen? Sie stolperte einen Schritt nach hinten. EDY kniff die Augen zusammen und sein glattes, dunkles Gesicht wirkte plötzlich misstrauisch und – ja -, auch ein wenig ängstlich. Seine Stimme dröhnte nun so laut in Lakmis Kopf, dass sie schmerzte:

„Wozu benötigst du den Stab, General? Wer hat dich beauftragt, ihn zu besorgen?“

Ein orangefarbenes Licht leuchtete an der Decke auf und auf der Tischfläche erscheinen Worte, die in einer Schrift geschrieben waren, die das Mädchen nicht kannte. War ein Alarm ausgelöst worden? Lakmi hatte den Eindruck, sie sein von einer zur anderen Sekunde in Lebensgefahr geraten. Vorsichtig wich sie weiter zurück zur Tür, die sich zischend hinter ihr öffnete.

Asgëir will den Stab und du gibst ihn mir!“, befahl sie trotzig, denn sie wusste: Sie durfte auf keinen Fall Schwäche zeigen, wenn der Dschinn ihr weiterhin gehorchen sollte.

Doch dann presste sie sich erschrocken die Hand gegen den Mund. Sie hatte vergessen, dass der Delphi ihr befohlen hatte, seinen Namen unter keinen Umständen zu verraten. Aber hätte sie ihn überhaupt verschweigen können, wenn EDY direkt in ihrem Kopf war und ihn ihren Gedanken wühlte? Sicherlich konnte er sie lesen.

„ Asgëir!“, schrie der Herr des Worums auf. „ Asgëir, der Unsterbliche, er ist hier – der verfluchte Widersacher, der sich mit Inet verbündet hat! Wehe! Fünf Stäbe, um einen zu formen. Wehe! Niemals darf mein Stab in die Hände dieses Ungeheuers geraten. Wachen! Ergreift den General! Er ist ein Verräter.“
Lakmi, die bereits durch die Tür fliehen wollte, drehte sich um. Schwere Schritte waren in ihrem Rücken zu hören. Nicht nur einer, der hünenhaften Kriegsgoleme und die beiden Türwächter standen in dem Gewölbe vor dem Worum, sondern vier oder fünf von diesen unbesiegbaren Metallriesen näherten sich mit nach vorne gestreckten, rotglühenden Fingerspitzen, doch sie traten nicht durch die Tür. Sie war offenbar ein Tabu, das sie nicht überschreiten konnten.

Lakmi sprang mit einem beherzten Hecht zur Seite. Gerade noch rechtzeitig! Lichtblitze zuckten und trafen nicht sie, die noch vor einem Wimpernschlag am Kreuzungspunkt der tödlichen Strahlen gestanden waren, sondern den runden Tisch hinter ihr, über dem EDYs aufgeblähtes und vom Zorn verzerrtes Gesicht schwebte.

„Ihr Narren! Feuer einstellen“, brüllte der Dschinn in Lakmis und wohl auch im Kopf seiner eisernen Soldaten, denn sie senkten sofort ihre Arme. Doch es war zu spät. Der Tisch färbte sich in kaltes Grau und aus den Löchern, die die Strahlen in seine Oberfläche geschmolzen hatten, stiegen dünne Rauchfahren empor. Wieder wurde der Erdboden unter Lakmi erschüttert, die sich gerade auf ihre Füße sprang und sich in eine Ecke des Worums flüchtete, wo sie von der Tür aus im toten Winkel stand und nicht befürchten musste, von den heißen Strahlen der Goleme getroffen zu werden. Schlagartig erlöschten alle Lichter in dem Worum.

„Ihr Narren …“, murmelte EDY, merklich leiser. Sein aufgeblähter Kopf flackerte und wechselte mehrmals die Farbe, dann verschwand er für einen Moment.

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Ein Kommentar

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 28)

Der Narbige griff nach unten, um sich seine Waffe vom Boden zu angeln. Sebastian kniff die Augen zusammen und riss sie dann wieder auf. Hatte er wirklich gerade gesehen, dass der schwere Revolver über den Schnee auf den Mann zurutschte, als ob er ihn mit einem un­sichtbaren Faden zu sich heran zog? Das konnte doch nicht sein, das musste eine optische Täu­schung sein. Niemand hatte magnetische Hän­de! Wie es auch stand, wenn Sebastian jetzt nichts unternahm, würde der Mann gleich seine verlorene Waffe wieder in den Händen halten. Er nahm Boxstellung an. Doch der Narbige hielt mitten in seiner Bewegung inne und auch sein Revolver be­wegte sich nicht mehr auf ihn zu.

Es knallte erneut ein Schuss, dann noch einer. Die Hyäne sah verblüfft zu Rother, der nicht ge­schossen hatte, sondern sich mit allen Kräften Lokwis erwehren musste, die sich nach ihrer Ak­tion mit den Kisten wie eine Raubkatze auf ihn gestürzt hatte, um ihm mit ihren langen Finger­nägeln die Augen auszukrat­zen. Auch sein Re­volver war in den Schnee gefallen.

Erst dann blickte der Narbige an sich selbst herab. Die Kugeln hatten ihm in Brusthöhe zwei qualmende, ausgefranste Löcher in den Rollkra­genpullover gestanzt. Falls in seinem brutalen Gesicht jemals eine Empfindung aufgetaucht ist, dann in diesem Augenblick: In seiner Miene zeigte sich Überraschung. Sebastian drehte den Kopf. Hatte etwa Gregor …?

Nein, der lag noch immer halb bewusstlos am Boden. Geschossen hatte Elena. Sie hielt eine bronzierte Pistole mit langem Lauf in der Hand.

„Es war kein Fehler, die alte Parabellum von Wohlfink zu behalten und zu pflegen“, lachte sie. „Ich wusste, ich würde sie noch einmal brau­chen.“

Rother gelang es in diesem Moment, Lokwi zu­rückzudrängen, dann wirbelte er panisch auf den Absätzen seiner ausgelatschten Schuhe her­um und rannte davon, suchte mit einem zer­kratzten und blutigen Gesicht sein Heil in einer kopflosen, fei­gen Flucht. Er legte dabei eine Ge­schwindigkeit vor, die Sebastian dem kurzat­migen Dicken nicht zugetraut hätte.

„Das ist ein Dämon … ein Dämon aus der Höl­le!“, kreischte Rother. „Rette sich, wer kann!“

Sebastian schüttelte lächelnd den Kopf und wandte sich wieder dem Narbigen zu, den er längst zu Boden gesunken glaubte. Doch der un­heimliche Mann stand trotz der töd­lichen Wun­den in seiner Brust noch immer auf­recht. Das war nicht zu glauben! Wie konnte er noch leben? In der einen Hand hielt er das schwarze Buch, mit dem Zeigefinger der anderen tastete er in den Löchern in seinem Pullover, als wäre er Je­sus und Thomas zugleich. Die Augen leuch­teten wieder, der Narbige schaltete sie ein wie eine Taschenlampe und beleuchtete damit seine Wunden, aus denen jedoch seltsamerweise kein Blut, sondern etwas Anderes, Dunkleres, das wie Maschinenöl wirkte, floss. Zu Sebastians grenzenloser Ver­blüffung roch es in dem Hof nun stark nach dem verschmorten Zündkabel ei­nes Automobils, nach bitterer Batterieflüssigkeit und erstaunlicherweise auch nach Zitronen.

„Da hast du“, zischte Greta zufrieden.

Der Narbige sah auf und strahlte sie kurz an, dann entschied er sich. Er folgte mit eiligen Schritten seinem Polizistenkomplizen. Dabei war ein mechanisches Klappern zu hören, das Sebastian seltsamerweise an das Geräusch erin­nerte, das Karla beim Treppensteigen machte. Doch so leicht würden die zwei ihm nicht davon kommen. Er klaubte die schwere Waffe auf, stapfte durch die Scherben und rannte den Hyä­nen hinterher, rein in den nächsten, größeren Hinterhof, der in einen weiteren mündete. Die verschneiten Höfe waren aufgereiht wie Perlen an einer Schnur. Dem Flüchtigen mit dem Buch knapp auf den Fersen, holte ihn ein Déjà-vu vom Vormittag ein. Doch diesmal jagte er nicht allein hinter dem Narbengesicht her, Lokwi war plötz­lich neben ihm; ein schwarzer Panther auf der Jagd. Sie hielt sie mühelos mit ihm Schritt, ihre nackten Füße patschten durch die Pfützen. Und sie lach­te dabei, jauchzte. So hetzten die beiden ihre Beute durch die in nächtlicher Stille und Dunkelheit liegenden Höfe. Ihre schnellen Schritte hallten in den Durchgängen.

Der korpulente und wie eine Dampflok schnau­fende Rother, den die anderen beinahe eingeholt hatten, warf einen entsetzten Blick über die Schulter. Ohne nach vorne zu sehen, rannte er durch die letzte Toreinfahrt und das schmale Trottoir auf die Straße, wo er beinahe von einem sich nähernden Automobil überfahren worden wäre. Gerade noch stolperte er hinter den Wa­gen. Der Narbige, inzwischen nur noch zwei Schritt hinter seinem Komplizen, hatte nicht so viel Glück.

Obwohl der Fahrer noch zu bremsen versuchte und das Lenkrad gedankenschnell herumriss, kam diese Reaktion für die Hyäne zu spät. Das Auto – es war ein Steyr VI Sport, der immerhin 135 km/h schnell werden konnte und auf der men­schenleeren Straße, auf der eigentlich nur 60 km/h erlaubt waren, wie ein Pfeil unterwegs war – erfasste den Mann seitlich mit dem Küh­lergrill und dem rechten Scheinwerfer. Der Auf­prall war so heftig, dass der Unglückliche wie eine Puppe über den seltenen österreichischen Wa­gen hinweg geschleudert wurde und hinter ihm wieder zu Boden fiel. Der Steyr kam erst zehn Meter weiter mit quietschenden Weiß­wand-Reifen zur Ruhe.

Der Fahrer stellte den Motor ab. Jetzt kamen auch Lokwi und Sebastian heran und blieben verblüfft über das überraschende Ende ihrer Jagd auf dem Bürgersteig stehen. Auch Rother verharrte starr vor Schreck vor dem regungslo­sen Körper des Narbigen, der di­rekt vor seinen Füßen zum Liegen gekommen war. Für eine ganze Weile herrschte vollkomme­ne Ruhe auf der Straße. Nur der Schnee fiel un­gerührt weiter und weit weg in der Ferne ertönte eine Fabrik­sirene, die die Frühschicht zur Arbeit rief.

„Grundgütiger! Das ist jetzt schon das zweite Automobil, das du zu Schrott fährst“, ertönte endlich eine ungehaltene Stimme aus dem Wa­geninneren.

Von der Beifahrerseite stieg umständlich eine dunkelhaarige, etwa dreißigjährige Frau aus dem Wagen und kam herum. Sie trug den Tem­peraturen ange­messen einen dicken Pelz. Sie hatte ein schmales Gesicht mit ausdrucksvollen, schwar­zen Augen. Auch der Fahrer kletterte nun aus dem Sportwagen.

„Des is doch net so schlimm, Lene. Dann schreib i halt no a Gedicht für dene ihre Wer­bung und dann schenkens mir halt no so an Wa­gen“, ant­wortete er ihr.

Es war ein kleiner, dünner Mann, kaum größer als seine Partnerin, aber er strahl­te Autorität und eine bemerkenswerte Präsenz aus. Er trug eine glänzende, schwarze Le­derjacke und eine Schiebermütze aus dem gleichen Material auf dem Kopf. Im Mund klemmte eine erkaltete Zi­garre. Intelligente Au­gen funkelten schelmisch, als er sich die Fahrer­brille auf die Stirn schob.

Der Wagen, in dem man überlebt …“, zitierte die elegante Frau, sicher eine Schauspielerin, spöttisch das Werbegedicht ihres Begleiters. „Am besten erklärst du das mal dem armen Kerl, den du angefahren hast.“

„Was rennt der mir au direkt vors Auto!“, rechtfertigte er sich, schnell zornig werdend. Das „r“ sprach er rollend, ja, grollend aus dem Rachen gestoßen. Dabei trat ins Licht des einen, heil gebliebenen Scheinwerfers und untersuchte den Wagen.

„Da is bloß a bissele das Blech vom Kotflügel eingebeult. Des is net so schlimm“, stellte er mit Kennermiene fest. Sein Opfer schien ihn im Moment nicht groß zu bekümmern. Sebastian erkannte den großen Dichter weniger am Aussehen, als vielmehr an der starken, schwäbisch-bayerischen Dialektfär­bung der Stimme, durch die sich der junge Mann mit einem Mal sehr heimisch fühlte. Seine Knie wurden weich. Es konnte keinen Zweifel geben:

Er war es, er und seine kaum weniger berühm­te Freundin Helene Weigel, mit der der Dichter verlobt war.

Bertolt Brecht – denn kein anderer hatte den Unfall verursacht – bemerkte nun endlich das Publikum, das er hatte und sein Blick fiel auf Lokwi. Sein Kinn klappte nach unten, die Zigar­re, auf der er bisher herumgekaut hatte, fiel in den Schnee.

„Da, schau …“, er deutete auf Lokwi. „Sigsch du des? Herrschaften, des is ja ein Prachtweib!“

Er ging auf das Mädchen zu. Offenbar wirkten ihre Zauberkünste auch auf ihn. Seine Freundin schüttelte nur den Kopf. Sie war die Straße hin­unter gegangen und kniete nun neben dem leb­losen Körper des Narbigen.

„Das ist gar kein Mensch, den du da überfah­ren hast“, sagte sie fassungslos. „Das ist bloß ein Haufen Schrott! Wie kommt denn der auf die Straße?“

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Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 3)

[zum 1. Teil …]

Weil Fabia zu lange geschwiegen hatte, übernahm automatisch die künstliche Intelligenz ihres Kanals für sie und ließ den Avatar aus dem Aphorismenspeicher des echten Philosophen zitieren. Obwohl die KI dabei vollkommen zufällig vorging, erschien Fabia das Gesagte doch erstaunlich passend.

„Ich bin in eine Welt geworfen, die ich mir nicht ausgesucht habe“, nahm sie den Ball auf, den ihr der Franzose über die Jahrhunderte hinweg zugeworfen hatte, „und ich habe lange in ihr gelebt, als wäre sie eine Selbstverständlichkeit, als gäbe es nur diese eine. Doch nun wird sie mir genommen – oder besser gesagt, kaputtgemacht. Das größte Verbrechen ist es nicht, jemanden etwas zu nehmen, sondern es ihm kaputt wieder zu geben. Und dabei bin ich …“ Sie zögerte.

Während Fabia nach den richtigen Worten suchte, mit denen sie ihre verworrenen Gedanken deutlicher formulieren konnte, sah sie, dass die Anzahl ihrer Zuschauer rapide kleiner wurde und dann plötzlich auf 0 fiel. Sie verstummte erstaunt mitten im Satz. Das war ihr noch nie passiert. Selbst wenn sie angetrunken den größten Mist von sich gab, hielten ihr ein paar dort draußen in der weiten Welt standhaft die Treue.

„AUSKUNFT!“, wandte sie sich deshalb direkt an die zentrale Informationsplattform und Suchmaschine des internationalen Computerdienstes I-Net. Erneut musste sie einige Zeit warten und der kreisenden anachronistischen Platine zusehen, bis eine Verbindung zustande kam Aber das hatte sie bei der Aufregung, die im Moment herrschte, erwarten. I-Net war sicher am äußersten Rand seiner Leistungsfähigkeit und alle Informationskabel, Router und Knotenrechner liefen heiß. Endlich erschien eine plastische, aber vollkommen geschlechtslose, in eine schlichte weiße Mönchskutte gehüllte Gestalt auf der Bildschirmfolie von Fabias Augreyes. Die Figur sollte zuverlässig und ehrlich wirken, hatte aber auf die Studentin, die der Augenwischerei der beliebig gestaltbaren äußeren Form bei Mensch und Maschine misstraute, eher die gegenteilige Wirkung. AUSKUNFT trug einen faltenlosen und entrückten, fast gelangweilt zu nennenden, dabei allen menschlichen Regungen vollkommen gleichgültig gegenüberstehenden Gesichtsausdruck zur Schau. Fabia kannte diese Miene von den unzähligen kleinen steinernen Engeln und Heiligen, die über den drei großen Portalen der Notre-Dame-Kathedrale in der Innenstadt abgebildet waren und hochmütig und sophisticated auf die wenigen eintretenden Gläubigen herabsahen. Auch die Kleidung des Avatars war der jener Skulpturen aus der Hochgotik ganz ähnlich. Der Studentin wäre es lieber gewesen, wenn AUSKUNFT wie die Wasserspeier auf dem Dach der nach dem antiken Vorbild wieder aufgebauten Kirche ausgesehen hätte. Die spöttischen Fratzen der Gargoyles hätten viel eher zu der KI gepasst, von der Verschwörungstheoretiker munkelten, sie wäre die wahre Macht hinter allen Erd- und Kolonie-Regierungen. Nun, das wusste Fabia besser:

I-Net und seine Personifizierungen, EDY, AUSKUNFT, GOTTSCHALK, DO ASK und wie sie alle hießen, waren nur Facetten einer zwar gewaltigen und höchst entwickelten Rechnerintelligenz, die jedoch keine eigenbestimmte, unabhängige Existenz führte, sondern nach der Pfeife ihrer Programmierer und Admins tanzte. Sartre hätte I-Net wahrscheinlich eine Existenz im Sinne seiner Philosophie zugestanden und die Wissenschaftler stritten sich seit Jahrzehnten, ob der Großrechner zwischen seinen elektronischen Schaltkreisen und neuronal-biologischen Netzstrukturen eine Persönlichkeit und ein Ich-Bewusstsein besaß oder diese nur perfekt simulierte. Der alte Turingtest funktionierte bei modernen KI’s längst nicht mehr, damit war aber noch kein abschließendes Urteil gefällt, ob der gigantische Rechnerverbund auch intelligent war. Für Fabia lag der Fall einfach: I-Net war bloß ein Werkzeug wie ein Hammer oder ein Schraubenschlüssel, hochkomplex zwar, aber eben doch nur ein Werkzeug, das allerdings gleichzeitig Milliarden von Dingen und Anfragen erledigen konnte und Millionen öffentlicher und privater goLEMs, Industrieanlagen und Haushalte steuerte. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, was geschah, wenn die vor unter der spanischen Atlantikküste bis weit ins Meer hinein errichtete, unterseeische Rechneranlage ausfiel, weil ein Stück Mond auf sie und die 4-Milliarden-Einwohner-Megapole Marelona herabstürzte.

„Ich entschuldige die Verzögerung und bin nun bereit. Stelle deine Frage, Bürgerin … Fabia Winterfeld,“ sagte AUSKUNFT in seiner sonoren, aber gleichmütigen Stimme, die jeder der achtunddreißig Milliarden Menschen auf der Erde kannte. Die asketische Mönchsgestalt sah der Studentin dabei direkt in die Augen, als hätte sie allein seine Aufmerksamkeit. Die Farbe seiner Iris schillerte wie Bernstein.

„Warum habe ich auf meinem Kanal plötzlich keine Zuschauer mehr?“

„Aufgrund Paragraph 4, Abschnitt 2 der Notstandsverordnung der Second-Moon-Corporation, die die Regierungsgeschäfte übernommen hat und im weiteren 2MC genannt wird, ist mit sofortiger Wirkung jegliche private Nutzung des I-Netzes verboten und deaktiviert. Dies gilt auch für sämtliche Meinungs- und Nachrichtenkanäle. Allein dringende familiäre Kontakte sind in eng begrenztem zeitlichem Rahmen erlaubt, unterliegen aber den Zensurbestimmungen nach Paragraph 4, Abschnitt 7 der Verordnung und müssen einzeln angemeldet werden. Bitte habe für diese Maßnahme der 2MC Verständnis, Bürgerin Winterfeld“, erklärte AUSKUNFT so gelassen, als würde er nur den Wetterbericht vortragen. Dass in dieser prekären Lage der Notstand ausgerufen wurde, verwunderte Fabia nicht. Aber weshalb in Dreiteufelsnamen regierte mit einem Mal die 2MC? Ihr blieb die Luft weg und sie verstand plötzlich, warum Professor Rosenthal es so eilig hatte, sie zu sehen. Seine schlimmsten Befürchtungen waren in Erfüllung gegangen.

„Hast du noch weitere Fragen? Auch der Informationskanal unterliegt wegen der Notstandsverordnung und der momentanen Situation gewissen Einschränkungen und muss sich auf die nötigsten Grundfunktionen begrenzen. Ich empfehle dir nun dringend, Bürgerin, augenblicklich die für dein Stadtviertel vorgesehenen Schutzräume aufzusuchen.“

„Und ob ich noch Fragen habe!“, rief Fabia eilig, bevor AUSKUNFT die Verbindung einseitig trennte. „Seit wann gilt diese Notstandsverordnung? Und was ist mit dem Eurasischen Parlament geschehen?“ Sie konnte es nicht fassen. Erlebte ihr Land gerade einen Putsch? Der 2MC-Trust war der mächtigste Wirtschaftsverband der Welt. Er unterhielt I-Net, besaß das Patent auf die gorgeous Living Electronical Machines-Serie – die sogenannten goLEMs -, hielt das Transportmonopol, rüstete die Roboterarmeen aus, organisierte die Ernährung der noch immer dramatisch anwachsenden Erdbevölkerung und diktierte über seine Lobbyisten die Weltpolitik nach seinem Gutdünken. Aber das Konsortium, das doch im Moment alle seine Kräfte dafür bündelte, der Erde einen zweiten Mond zu schenken, hatte noch nie so offen eingegriffen oder gar die Regierungsgewalt übernommen.

„Das Parlament der Eurasischen Republik und seine geschäftsführenden Minister haben heute Morgen um 07:00 Uhr abgedankt und die Regierungsgeschäfte vertrauensvoll in die Hände des Aufsichtsrates der 2MC gelegt, der aufgrund der Weltlage den sofortigen Notstand ausgerufen und die Armeen in Bereitschaft gesetzt hat. Seit 07:05 Uhr kommt es südöstlich des Schwarzen Meeres zu ersten Kampfhandlungen mit der Indopazifischen Union. Die Raumflotte ist gestartet und auf dem Weg zum Mars. Bürgerin Winterfeld, suche nun auf der Stelle die Schutzräume auf. Nur dort bist du sicher. AUSKUNFT – Ende.“

Der Mönchsavatar von I-Net verschwand und Fabias Augreyes zeigten erneut den Fluchtweg aus ihrer Wohnung an. Sie schluckte und hatte das Gefühl, das Zimmer würde um sie kreisen. Sie hatte nicht geglaubt, dass sie nach den Horrormeldungen von eben noch von irgendeiner Nachricht schockiert werden konnte, aber dass zusätzlich zu dem in sechzehn Stunden herabstürzenden Mondbrocken auch noch der befürchtete Krieg mit den östlichen Nachbarn ausgebrochen war, ließ ihren Verstand wie einen Boxer nach einem unfairen Tiefschlag taumeln. Aber dann bemerkte sie, dass sie wirklich schwankte! Sie begriff: Ein Erdbeben erschütterte die Stadt und ließ den Wohnturm in seinen Grundfesten wanken. Der Küchenschrank öffnete sich. Teller und Tassen polterten heraus und zerschellten klirrend auf dem Boden. Der inaktive Omicron rollte unter dem Tisch hervor. Fabia war der Naturgewalt hilflos ausgeliefert. Sie suchte vergeblich Halt und stürzte schwer auf ihre Knie. Sie schrie schmerzerfüllt auf. Gleichzeitig fielen der Strom und auch der Augreye-Kontakt zu I-Net aus.

Dann war das Beben so schnell vorbei, wie es gekommen war. Es hatte nur zwei, drei Sekunden gedauert und sich doch wie eine Ewigkeit angefühlt. Die Klimaanlage sprang surrend an, Fabias Augreyes funktionierten wieder und der Thermix entschied sich, eine Portion Gulasch auszuspucken, die mangels Teller unter der Nahrungsmittelausgabe des verflixten Geräts wie Katzenfutter auf den Boden klatschte und merkwürdigerweise einen fauligen und fischigen Geruch verbreitete.

„Omicron … Status“, keuchte Fabia und holte auf diese Weise ihren kleinen goLEM aus dem Ruhemodus, in den sie ihn vorhin selbst verbannt hatte. Er erwachte, fiepte wie beleidigt und rollte sich einmal um sich selbst, damit sein Antennenhaupt wieder nach oben zeigte.

„Alle Systemprozesse laufen fehlerlos. Ich warte auf deine Befehle, Citoyen“, schnarrte er prompt mit seiner blechernen, hohlen Stimme, die von einem sündhaft teuren Sprachmodul in seinem Kugelbauch gebildet wurde das Fabia erst hatte erwerben müssen, da die Omicron-Reihe serienmäßig nicht mit einer Sprachausgabe ausgestattet war.. Die Studentin, die mehr um sich selbst als um die Funktionen ihres privaten goLEMs besorgt war, musste trotzdem über die anachronistische Anrede schmunzeln, die Samuel Rosenthal dem Kleinen wie einem Papagei beigebracht hatte. Citoyen – der im Gegensatz zum Bourgeois politisch interessierte und im Geist der Aufklärung aktive Bürger – das wusste Faibia aus dem Geschichtsunterricht, war die respektvolle Anrede, mit der sich die französischen Revolutionäre vor fast eintausend Jahren angesprochen hatten und die nun auch als Erkennungszeichen und Losung für den Geheimbund des Professors diente. Citoyen, wie passend war das für eine Einwohnerin der 3-Milliarden-Seelen-Megapole Paris, deren Wohngebiete halb Europa überdeckten!

[zum 4. Teil …]

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Geilwuchs

Aus aktuellem Anlass:

Die Sumpfblüte

Es ist wieder so weit: Das schwülheiße Wetter und die damit verbundenen Wärmegewitter im August haben nicht nur Pilze in meinem Rasen und eine neue Generation blutgieriger Mücken ausgebrütet, sondern auch ein besonders lästiges Unkraut, das nicht in jedem Jahr, aber meist in der Zeit meines Sommerurlaubs innerhalb weniger Tage heranwächst und das Dorf und die nahe Stadt verschandelt und überwuchert:

Es handelt sich um das gemeine Wahlplakat (pergamentum electionis vulgaris), das sich gerade wie eine Seuche ausbreitet, gegen die es kein Unkrautmittel zu geben scheint. Die gemeine Ackerwinde (Convolvulus arvensis vulgaris) ist harmlos dagegen.

An allen möglichen und unmöglichen Orten schießen wegen der Bundestagswahlen diese unheimlichen Pflänzchen wie Spargel aus dem Boden, es sind inzwischen so viele, dass eigentlich kein Platz mehr für neue bleibt, will man nicht Fenster, Böden oder Haustiere bekleben.

Kein Laternenmast, kein Baumstamm, keinen Bauzaun und keine Wand gibt es mehr, von der nicht ein schmierig grinsender Mensch stolz auf mich herabblickt, kein Fuß- oder Radweg, ab dem mich nicht eine Reihe Aufsteller mit Zwei- oder maximal Dreiwort-Parolen zu ständigen Umwegen zwingt. Hundertmal sehe ich in das gleiche flache, mit Photoshop geschönte, schwarzweiße Gesicht, das schon beim ersten Anblick wie eine kalte Dusche wirkte, lese zwanghaft die den Verstand beleidigenden Worthülsen, die offenbar eine Druckmaschine mit Zufallsgenerator unter die Köpfe gesetzt hat. Die Kandiaten, die sich auf meine Kosten für die nächsten Jahre bequem ins Parlament setzen wollen, benutzen immergleiche Textbausteine:

– „Für …“ (bitte selbst ein politisch korrektes Wort einsetzen, es bieten sich an: Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Bildung, Miteinander, Mitte, Werte, Energiewende, Umweltschutz, Deutschland, Jugend, Alter, Kitas, Kinder, Arbeitnehmer, Europa, DSL für alle, endlich eine Umgehungsstraße, Freibier. Das letztere Wort wird für meinen Geschmack viel zu selten benutzt, obwohl es sicherlich das erfolgreichste wäre. Manches der leeren Worthülsen benötigt noch ein passendes Adjektiv. „sozial“, „frei“, „gerecht“ sind die beliebteste.)

– Gegen …“ (bitte selbst ein politisch unkorrektes Wort einsetzen. Vorgeschlagene Wörter: Steuern, Zuwanderer, Rüstung, Kapitalismus, Internetüberwachung, Energiewende, Reiche, Europa, Euro, die Umgehungsstraße, Brokkoli. Das letztere Wort wird für meinen Geschmack viel zu selten benutzt, obwohl es bei mir sicherlich das erfolgreichste wäre. Das „Gegen“-Pflänzchen ist eher bei den Radikalen von links und rechts zu finden; dieses Unkraut wächst übrigens am höchsten hinaus, was den Vorteil hat, dass doch einiges über dem Gesichtsfeld hängt und leichter übersehen werden kann.)

– „Ich bin…“ (gut, jung, gesund, aufgeschlossen, dynamisch, sportlich, ehrlich, zuverlässig, für sie da, Anwalt, Bauer, Diplom-Ökologe, Rentner, Schulrat, Hausfrau und Mutter, Musiker, vegetarischer Metzger, aus dem Volk, kurz: ganz toll. Aber das schreibt keiner.)

– „wählt…“ (Kürzel der Partei, den Frieden, die Freiheit, die Eierkuchen, Jesus, Karl Marx, überhaupt mal, ihr Pfeifen!, kurz: „Wählt verdammt noch mal mich! Sonst muss ich mir eine vernünftige Arbeit suchen!“ Aber das schreibt keiner.)

Die CSU geht hauptsächlich mit Einwortsätzen  und der „Sicherheit“ hausieren: „Bayern. Zukunft“ und „Bayern. Freiheit.“ Statt „CSU“ könnte wirklich jeder beliebige andere Parteienname über Slogan und Bild stehen. Die Beliebigkeit hat ihren Gipfel erreicht. Und das ist doch eine sinnvolle Idee:

Könnte man nicht einfach ein wiederverwendbares Standardwahlplakat mit einer attraktiven jungen Frau Mustermann  (Das ist Geschlechtergerechtigkeit: Wir sind alle attraktive junge Frauen und Professorinnen) drucken, auf dem „Für das Gute. Gegen das Schlechte. Wählt mich und meine Partei“ und darunter der Wahltermin stehen? Es würde dann per Gesetz beschlossen, dass pro Straße nur zwei dieser Infoplakate gehängt werden dürfen, in jede Fahrtrichtung eines. Was könnte man sinnlos verbratenes Geld einsparen und wie viel schöner wären unsere Innenstädte!

PS. Eine Abart des pergamentum electionis vulgaris sind die epistolae electionis, die – kaum informativer – im Briefkasten siedeln und als Schmarotzerpflanze langsam die restliche Post vertreiben. Besonders eklig sind die braunen Epistolae, die unsere Dorfnazis – vulgo AFD’ler – vor den Wahlterminen verteilen. Leider erwische ich ihn nie bei seinen sinistren Machenschaften, aber eines weiß ich: Wenn er nicht aufhört, mir seinen stinkenden Unrat in den Briefkasten zu stecken, dann fäkiere ich auch mal in seinen …

Nur gut, dass diese Seuche ab Sonntag so schnell wieder verschwindet, wie sie aufgetaucht ist. Bis zur nächsten Wahl …

PS.: Dies war übrigens einer meiner Blogartikel, der es nicht geschafft hat, in mein köstliches und überall im Handel erhältliches Büchlein  „Noch einmal davon gekommen“ aufgenommen zu werden, in dem ich meine besten Glossen, Kurzgeschichten und Texte gesammelt habe und auf das ich hier noch einmal hinweisen möchte:

Noch einmal davon gekommen
Glossen, 228 Seiten, reich illustriert
Taschenbuch und E-Book
ISBN 978-3745043006

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 27)

Die fast schon einer Hühnerleiter ähnelnde Treppe endete in einem kleinen, mit aufgestapelten, hölzernen Getränkekisten zugestellten Hof, der von einer Lampe über der Tür erhellt wurde. In ihrem Licht tanzten dicke, feuchte Flocken und auf dem festgestampften, lehmigen Boden hatte sich bereits eine dünne Schneeschicht gebildet. Nachdem sich die fünf über den geheimen Ausgang ins Freie gerettet hatten und etwas derangiert und zitternd in der Kälte standen, denn sie hatten ja ohne ihre Mäntel das überheizte Haricot verlassen müssen, leistete sich Elena zum ersten Mal einen kleinen Moment der Ruhe. Erschöpft umfasste sie ihren Leib und lehnte sich keuchend gegen die Mauer. Sofort waren Lokwi und Gregor bei ihr und kümmerten sich um die überanstrengte Schwangere. Gregor nahm sie in die Arme und Lokwi sprach besorgt in einem vokalreichen, unverständlichen Kauderwelsch auf sie ein.

Das muss ihre Sprache sein, dachte Sebastian. Ich frage mich, ob sie überhaupt eine andere beherrscht. Wie kann ich ihr von meiner Liebe erzählen? Wird sie jemals meine Gedichte verstehen können?

Greta stellte sich frierend und mit einem Fuß auf den anderen springend neben ihn.

„Na, Fella, komm doch mal wieder runter. Du kannst dein Mädel auch noch später anhimmeln. Ich wäre dir dankbar, wenn du mir mal deine Smokingjacke ausborgen könntest.“

Sie rieb sich demonstrativ über die nackten Oberarme, auf denen sich eine Gänsehaut bildete. Sebastian stutzte.

„Die Jacke, ja, klar,“ murmelte er, zog sie aus und hängte sie anschließend Lokwi über, die diese Geste ohne Reaktion hinnahm.

„Jetzt aber …“ Greta war fassungslos. „Ich weiß, Lokwi wirkt auf euch Jungs wie ein Liebestrank, aber das ist jetzt wirklich die Höhe.“

Sebastian war anzumerken, dass er gar nicht wusste, wovon sie redete. Gregor, der die Szene beobachtet hatte, zuckte mit den Achseln, trat hinter seine Schwester und reichte ihr sein eigenes Jackett, damit sie hinein schlüpfen konnte.

„Es gibt offenbar doch noch Gentlemen auf dieser Welt, die die Not eines Mädchens bemerken“, lobte Greta Gregor und täschelte ihrem Zwilling die Wange. Dann wandte sie sich wieder an Sebastian:

„Fertig mit dem Gockeln, Basti? Wir können nicht hier bleiben. Hier werden sie uns früher oder später finden.“

„Du hast Recht“, sagte Gregor und musterte kopfschüttelnd den stummen Sebastian, der nur Augen für Lokwi hatte und offensichtlich überhaupt nicht mitbekam, was um ihn herum geschah. „Wir sollten versuchen, den Breitscheitplatz zu erreichen. Dort stehen die ganze Nacht über Taxis. Hoffentlich laufen wir der Polizei nicht in die Arme, wenn wir den Hof verlassen.“

„Das wäre doch egal“, erwachte jetzt Sebastian und rieb sich dabei tatsächlich eine Schneeflocke aus den Augen. Es sah aus, als wäre er gerade eben erst erwacht. „Jetzt können sie uns doch nicht mehr verhaften.“

„Träum weiter. Hast du denn nicht gesehen, wer die Razzia im Haricot anführte? Das war der Kriminalassis­tent Rother, der uns heute so merkwürdig lustlos befragt hat, obwohl das ja eine Leidenschaft der Polizei ist. Ich glaube, der steckt mit den Hyänen unter einer Decke.“

„Gut beobachtet, Herr Gere“, war in diesem Moment eine laute Stimme von der Hofeinfahrt zu vernehmen und zwei gleißend helle Lampen leuchteten den Winkel hinter den Kistenstapeln aus. „Und wie der Hauptkommissar Weiniger immer zu sagen pflegt: Eine Razzia ist erst dann beendet, wenn man wirklich jeden Fluchtweg kontrolliert hat.“

Zwei Männer mit Pistolen und Taschenlampen in den Händen traten in den Hof. Der eine – beinahe breiter, als er groß war -, war tatsächlich Severin Rother. Der andere war der kahlköpfige, unheimliche Einbrecher vom Vormittag – Sebastian erkannte seine brutale Schlägervisage sofort wieder.

„Hände in die Luft, so, dass ich sie schön sehen kann.“

Alle außer Elena, die weiterhin gekrümmt an der Wand lehnte und Lokwi, die wohl kein Wort verstand, leisteten dem unmissverständlichen Befehl Folge. Aber die glänzenden schwarzen Augen des Mädchens der jungen Amazone erfassten sofort die Situation.

Gregor machte mit erhobenen Händen einen Schritt nach vorn.

„Sie verdammter …“

Ein Schuss bellte.

Der Mann von dem Geheimbund der Hyänen hatte ihn abgefeuert, scheinbar ohne zu zielen. Sebastian sah an sich herab, wartete auf den Schmerz, der jedoch nicht kam. Die Kugel hatte nicht ihn getroffen.

„Ach …“, sagte Gregor noch verblüfft. Dann knickte er in den Knien ein und fiel in den Schnee. Er klappte in sich zusammen wie eine Spielzeug-Wackelfigur der Firma Wakouwa. Greta beugte sich zu ihm herab. Gregor krallte die Hand am Oberschenkel in den Stoff seiner Hose.

„Ein Steckschuss“, murmelte er. „Halb so schlimm … Vater ist mit so einer Wunde im Krieg quer durch Flandern gelaufen.“ Dann verdrehte er die Augen und sank in die Arme seiner Schwester. Er schien viel Blut zu verlieren. Greta nahm das blütenweiße Einstecktuch aus seinem Jackett, das sie trug, und presste es gegen die Verletzung. Sofort saugte es sich mit Blut voll.

Ein Fenster wurde direkt über der Szene geöffnet und dann ganz schnell wieder geschlossen. Rother drehte sich halb zu seinem Komplizen, dessen Pistole nun direkt auf Sebastian zeigte. Rothers Waffe hingegen deutete eher auf den kaltblütigen Schützen neben sich als auf die Gefangenen.

„Was war denn das, Mann? Verdammt, wie soll ich das Weiniger erklären? Wir sind die Polizei; wir schießen nicht einfach so“, fluchte er, schien aber von der Tat des Narbigen nicht allzu betroffen. Der war von den Vorwürfen nicht weiter beeindruckt, steckte seine Taschenlampe weg und trat langsam in den kleinen Hof, blieb neben einem mannshohen Stapel Holzkisten stehen. Er hob fordernd die Hand. Der feiste Kriminalassistent Rother gab sich achselzuckend geschlagen.

„Wie ihr bemerkt habt, sind wir nicht zum Spaß hier. Mein schweigsamer Freund möchte etwas, das ihr bei euch habt und ihr solltet es ihm geben, bevor er hier wie die Mobster in Chicago ein Massaker anrichtet. Ich würde ihn nicht davon abhalten können – selbst wenn ich es wollte.“Der Narbige bekräftigte diese Ansprache nickend und sah dabei Sebastian an. Der Schuss hatte den Bann beendet, unter dem er gestanden war, seit er Lokwi gesehen hatte und der junge Mann konnte wieder klar denken. Täuschte er sich oder glomm in diesen kalten Echsenaugen wieder jener Funke, der sich jederzeit zu einem blendenden Lichtstrahl entzünden konnte?

„Gib mir das Notizbuch von Dr. Kuiper“, sagte der Mann überraschend“, ich habe vorhin im Lokal gesehen, wie sie es dir gegeben hat.“

Sebastian hörte zum ersten Mal die Stimme des Narbigen, bislang hatte er von ihm nur ein hündisches Knurren vernommen. Sein Tonfall klang kratzend, rau, rostig wie ein altes, lange nicht mehr geöltes Schloss, das sich nur widerstrebend öffnen ließ.

„Ich weiß nicht …“ Sebastians Blick irrte zu Greta, die sich weiterhin um ihren verletzten Bruder kümmerte und dann zu Elena. Er zögerte.

„Gib es ihm“, sagte die Schwangere. Sie wirkte erstaunlich gefasst, auch wenn Sebastian dem Klang ihrer Stimme anmerkte, wie sehr sie sich zusammenriss.

„Ich kann dich auch wie deinen Freund über den Haufen schießen. Deine Entscheidung.“

Die Mündung der Pistole rückte ein wenig höher. Sebastian entschied, dass er sich lange genug geziert hatte und trat zu Lokwi, die die ganze Zeit wie erstarrt neben Elena stehen geblieben war.

„Verzeih.“ Er griff in die Tasche seiner Jacke, die sie trug und legte dann das schwarze Buch in die begehrlich ausgestreckte Hand des Verbrechers.

Schade drum, dachte Sebastian und seufzte. Der Narbige war wohl eine Sekunde lang abgelenkt und sein Komplize Rother ebenfalls, aber dieser Moment genügte Lokwi. Sie nutzte ihre Gelegenheit und warf sich mit einem Aufschrei gegen die aufgestapelten Kisten, die zwischen dem Narbigen und Sebastian zu Boden krachten. Dabei wurde dem Mann die Pistole aus der Hand gerissen und er stolperte nach hinten. Leere grüne Flaschen wurden aus den zersplitternden Holzkästen geschleudert, kullerten durcheinander über den verschneiten Hof und zerbrachen laut scheppernd an den Wänden und aneinander.

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Mein neues Buch steht im Regal

Heute ist endlich mein Exemplar von „Dr. Geltsamers erinnerte Memorien – Teil 2: Die Hyänen von Berlin“ aus der Druckerei gekommen. Ich finde, es ist gut geworden. Es macht Spaß, sich mit den eigenen Büchern ein Regal zu füllen. Noch einmal zur Erinnerung:

Die Jagd nach dem geheimnisvollen Buch der Bücher geht weiter!

Während der Schriftsteller Nikolaus Klammer verzweifelt versucht, seine verschwundene und vielleicht auch von finsteren Mächten entführte Tochter Isa zu finden und endlich in Rom eine Spur von ihr zu entdecken glaubt, hat sich das schwarze Buch erneut verändert, das man ihm  in einer von einem Tag auf den anderen verschwundenen Buchhandlung unter mysteriösen Umständen zugespielt hat.

Diesmal erzählt ihm das Buch die Geschichte von Sebastian Kerr, des Großvaters des Autors, der in den letzten Tagen der Weimarer Republik im vergnügungssüchtigen und brandgefährlichen Berlin der gegen eine Geheimorganisation kämpfen muss, die offenbar auch in der Gegenwart Klammer und seine Familie bedroht. Es sind die „Hyänen von Berlin“.

Wird Klammer die unglaubliche Verschwörung um die im Dschungel des Amazonas verschollene Ärztin Elena Kuiper und ihre eingeborene Freundin Lokwi aufdecken können? Und was hat es mit diesem merkwürdigen Pentagramm-Symbol auf sich, dem er überall begegnet?

Auch im zweiten Teil seiner „Trilogie in 5 Teilen“ gelingt es dem Autor, ein überaus spannendes und auch humorvolle Garn zu spinnen, das nahtlos an den ersten Teil anschließt und den Leser viele Stunden zu fesseln vermag.

TEIL 2
DIE HYÄNEN VON BERLIN
230 Seiten, illustriert
ISBN: 978 3 745 01918 6
überall als Taschenbuch und als günstiges E-Book erhältlich

 

 

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Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 2)

[zum 1. Teil …]

„Guten Morgen, Professor, aber darf ich mich vorher noch anziehen? Sie sehen es nicht, aber ich stehe vollkommen nackt vor ihnen“, erwiderte die junge Studentin ruhig, obwohl sie sich ganz und gar nicht gelassen fühlte. Ihr Herz klopfte laut vor Aufregung. Der ältere Mann sah ihr überrascht in die Augen – das heißt, ihrem auf seine Pupillen projizierten Avatar, denn obwohl es für Fabia so wirkte, als würde Rosenthal schamlos in ihrem Badezimmer direkt vor ihr stehen, hielt er sich doch etliche Kilometer von ihr entfernt in seinem der Universitätsklinik angegliederten Labor auf, das alle dort nur als das Babel kannten. Ach, es war kompliziert, aber die Täuschung perfekt. Fabia zwinkerte kokett und lächelte verführerisch. Sie wusste, dass die dreidimensionale Projektion von ihr diese Bewegungen in Echtzeit und getreu nachahmen würde. Während sie sich eilig ihre Freizeitklamotten anzog und den ausgewaschenen alten, ihr viel zu weiten Sweater überwarf, den sie mal ihrem großen Bruder aus dessen Kleiderschrank gestohlen hatte und der das einzige Erinnerungsstück war, das sie von ihm besaß, ärgerte sie sich ein wenig über sich selbst. Ihr Verhalten war einer emanzipierten Frau nicht würdig. Und doch … Der Professor räusperte sich und sah verlegen zu Boden, als würde er ihr tatsächlich dabei zusehen, wie sie sich anzog.

„Sie haben die Nachrichten noch nicht gehört, Fabia? Diesmal ist es ernst und Sie müssen sofort zu mir!“, flehte er. Die Studentin sah ihm an, dass er sich Sorgen machte. „Nehmen Sie nicht die Metro, sondern kommen Sie, wenn möglich, mit einem Schweber. Auch wenn es länger dauert, ist der Luftweg sicherer. Ich warte hier auf Sie. Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit.“

Der Professor beendete die Verbindung und sein Geisterbild klappte zusammen. Sofort schob sich eine Textmeldung von I-Net in den Vordergrund, die eine audiovisuelle Übertragung über den Regierungskanal ankündigte. In einem leicht durchsichtigen Rahmen, den ihr die Augreyes gegen die leere Wand warfen, auf die Fabia nun gewohnheitsmäßig sah, wenn sie mit einem Augenzwinkern durch die TV-Kanäle zappte, erschien der dunkelhäutige Pressesprecher der Earth Defense, ein glatzköpfiger Mann undefinierbaren Alters, der unter dem Spitznamen EDY bekannt war. Er wirkte besorgt, aber gefasst und vertrauenerweckend, strahlte Zuversicht und Entschlossenheit zugleich aus. Sie wusste, dass auch er kein echter Mensch, sondern nur ein Hologramm war, dessen Physiognomie man nach ausgeklügelten psychologischen Gesichtspunkten zusammengestellt hatte. Niemand wusste, wie der echte Sprecher aussah – Fabia stellte ihn sich immer untersetzt und dick vor, mit einem Stiernacken und kleinen Schweinsäuglein. Was EDY zu sagen hatte, erschreckte sie allerdings und brachte sie dazu, sich so schnell wie möglich anzuziehen.

„Bürger! Dies ist keine Übung. Der heutige Angriff der niederträchtigen Mars-Rebellen hatte zur Folge, dass ein Gesteinsbrocken mit etwa 2,5 Millionen Kubikkilometer Rauminhalt vom Mond abgesprengt wurde und sich nun in einer instabilen, enger werdenden Umlaufbahn um die Erde befindet. Der Mond selbst ist nicht in Gefahr, aber in exakt …“, die Stimme klang plötzlich metallen und künstlich, „16 Stunden und 24 Minuten …“, und kehrte zu ihrem normalen Tonfall zurück, „wird dieses kleine Teilstück über dem Atlantik ins Meer stürzen. Es ist trotzdem zu befürchten, dass der Impakt sowohl auf dem panamerikanischen wie auch auf dem afrikanischen und dem europäischen Festland schwerste Erdbeben der Stärke 10,5 und höher und extreme Tsunami-Wellen auslösen wird, die nicht nur die Inseln und Küsten, sondern alle Regionen der genannten Kontinente existenziell bedrohen; insbesondere auch die unterseeischen Rechenzentren des I-Net unter Marelona. Sie werden aufgefordert, unverzüglich die Ihrem Wohnbereich nächsten Schutzräume aufzusuchen. Ihre Augreyes werden Sie führen. Bleiben Sie ruhig, Bürger, Sie haben ausreichend Zeit, in Kontakt mit Ihren Liebsten zu treten und in den Bunkeranlagen Schutz zu finden. Warten Sie auf weitere Instruktionen. Bürger! Dies ist keine Übung! Der heutige Angriff der Rebellen …“ Der Pressesprecher begann damit, seine Katastrophenmeldung zu wiederholen. Gleichzeitig klappten weitere, sich teilweise überlappende Rahmen mit Fernsehprogrammen auf, die Livebilder aus aller Welt und hektische Reporter und Kommentatoren zeigten.

Fabia schaltete den Ton leiser und vergrößerte mit einem gezielten Blick eine Filmaufnahme vom Mond. Er sah ein wenig wie ein Apfel aus, von dem jemand ein kleines Stück abgebissen hatte. Ein paar Brocken schwebten durchs Bild, aber die Hauptmasse des von den Gravitationswellenkanonen abgetrennten Gesteins war längst auf dem Weg, in einer langgezogenen Kurve auf die Erde zu stürzen. Erschüttert versuchte die junge Frau die Größe des wie ein Damoklesschwert über ihrem Haupt schwebenden Mondbrockens einzuschätzen und welche Schäden er verursachen würde, aber ihre Einbildungskraft reichte dazu nicht aus. Trotz der Bilder, die ihr die Kontaktlinsen zeigten, blieb die Gefahr noch abstrakt. Vielleicht war es auch der Schock, aber sie blieb ruhig und gefasst. Sie schaltete alle Fernsehkanäle aus, aber I-Net zeigte ihr weiterhin den Countdown bis zum Impakt und blendete eine Fluchtroute zum nächsten Schutzraum ein.

Fabia starrte auf die rot blinkende Infografik, ohne sie richtig wahrzunehmen. Eine nie gefühlte Panik schnürte ihr wie ein dünner, messerscharfer Draht in den Hals. Direkt über ihrem Kehlkopf saß er und strangulierte sie, machte jeden Atemzug zu einem erstickten Röcheln. Ihre Hände fuhren zum Hals, als könne sie sich von dem eingebildeten Draht befreien. Dann atmete sie krampfend ein, schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft. Wenn sie daran dachte, dass sie eben noch überlegt hatte, ob sie wohl genug Geld für eine weitere Schönheits-OP aufbringen konnte, wurde ihr ganz schlecht. Wie schnell solche Dinge vollkommen unwichtig wurden …

Jean Paul, sie haben es wirklich getan“, flüsterte sie, nachdem sie ihre Stimme wieder gefunden hatte. Mit dem Vornamen des Philosophen aus einer längst vergangenen Epoche aktivierte Fabia ihren nach ihm benannten I-Net-Tagebuch-Kanal, dessen von ihr selbst programmierte KI-Software getreu begann, ihre Worte für die Nachwelt und ihre Follower aufzuzeichnen, sie dabei übersetzte, um sie anschließend dem ausgefallenen Avatar, den die Studentin sich ausgesucht hatte, lippensynchron in den Mund zu legen.

„Gerade eben hielt ich es noch für vollkommen ausgeschlossen, dass mir so etwas passieren würde. Nicht heute, nicht morgen, nicht in zwanzig Jahren, nicht während meiner Lebenszeit. Das war undenkbar, also existierte es nicht. Heißt es nicht schon immer: ‚Nach mir die Sintflut‘? Der Weltuntergang ist doch etwas für die nächste oder die übernächste Generation, nicht für die eigene. Sollen doch unsere Enkel die Verantwortung für unsere Taten übernehmen, so wie wir die zerstörte Umwelt und den radioaktiven Müll unserer Vorfahren übernommen haben.“

Fabias Augreyes zeigte ihr die Statistik für ihr Online-Tagebuch, das sie auf den Namen Jean Pauls kleine Welt getauft hatte. Sie vermochte es sich kaum vorzustellen, aber sie hatte Publikum auf der ganzen Welt. Laut dem eingeblendeten Zähler waren es 5734 Personen, die trotz der gefährlichen Situation in diesem Moment einem älteren, schielenden Mann mit dicker Hornbrille, schütterem Haarwuchs, schlechten Zähnen und einer altertümlichen Pfeife zwischen den dicken Lippen dabei zuhörten, wie er in ihrer eigenen Sprache die Sätze formulierte, die Fabia im gleichen Moment in ihrer Wohnung flüsterte.

Eigentlich hätte ihr I-Net-Double Simone de Beauvoir heißen und wie diese aussehen sollen – eine unnahbare, stolze Frau, die ihre schwarzen Haare in einen todschicken Turban eingewickelt trug und kein eher schmuddliger Briefkastenonkel – aber die Avatarin der legendären Schriftstellerin und Feministin war nach Elisabeth Bennet die beliebteste und bereits so oft an Studentinnen der Genderwissenschaften vergeben, dass Fabia sich für Beauvoirs heutzutage eher unbedeutenden und außerhalb von spezialisierten – den klassischen Existenzialismus erforschenden – Fachkreisen nur äußerst selten als Avatar benutzten Lebensgefährten Sartre entschieden hatte, als sie vor ein paar Jahren wegen einer von Professor Rosenthal gestellten Semesteraufgabe aus einer Laune des Augenblicks heraus diesen typischen Studentenblog eröffnet hatte. Über Jean Pauls kleine Welt teilte sie sehr unregelmäßig ihre Gedanken und Empfindungen, ihre politischen Meinungen – so weit sie nicht der oft allzu besorgten und akribischen Zensur des I-Net anheim fielen – aber auch Gedichte und allerlei Berichte und Anekdoten aus ihrem Alltag an der Sorbonne mit. Sie hatte sich nicht vorstellen können, wen ihr Geplapper außer ihren Freuden und Bekannten noch interessieren könnte, aber der bescheidene Erfolg hatte sie doch ein wenig stolz gemacht. Gut, zehntausend Zuschauer auf ihrem sporadischen, recht exzentrischen Jean-Paul-Sartre-Augreye-Kanal waren bei einer Weltbevölkerung von ungefähr achtunddreißig Milliarden Menschen wirklich nicht viele, aber es waren ihre Zuschauer und sie empfand sich vor ihnen in der Verantwortung. Deshalb wollte sie sich auch von ihnen verabschieden, bevor sie ihre Wohnung verließ und deren Tür zum vielleicht letzten Mal hinter sich schloss. Sie bezweifelte, dass das Henri-Gouraud-Building den zu erwartenden Tsunami überstand. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte Sartre plötzlich:

„Ich fühle mich in die Welt geworfen, in dem Sinn, dass ich mich plötzlich allein und ohne Hilfe finde, engagiert in eine Welt, für die ich die gesamte Verantwortung trage, ohne mich, was ich auch tue, dieser Verantwortung entziehen zu können, und sei es für einen Augenblick, denn selbst für mein Verlangen, die Verantwortlichkeiten zu fliehen, bin ich verantwortlich“, stellte er kryptisch und ein wenig rechthaberisch fest.

[zum 3. Teil …]

Ein Kommentar

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Die Geschichte geht weiter: „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – TEIL 2“

Was bin ich doch für ein fleißiges Kerlchen!

Die Jagd nach dem geheimnisvollen Buch der Bücher geht weiter!

Während der Schriftsteller Nikolaus Klammer verzweifelt versucht, seine verschwundene und vielleicht auch von finsteren Mächten entführte Tochter Isa zu finden und endlich in Rom eine Spur von ihr zu entdecken glaubt, hat sich das schwarze Buch erneut verändert, das man ihm  in einer von einem Tag auf den anderen verschwundenen Buchhandlung unter mysteriösen Umständen zugespielt hat.

Diesmal erzählt ihm das Buch die Geschichte von Sebastian Kerr, des Großvaters des Autors, der in den letzten Tagen der Weimarer Republik im vergnügungssüchtigen und brandgefährlichen Berlin der gegen eine Geheimorganisation kämpfen muss, die offenbar auch in der Gegenwart Klammer und seine Familie bedroht. Es sind die „Hyänen von Berlin“.

Wird Klammer die unglaubliche Verschwörung um die im Dschungel des Amazonas verschollene Ärztin Elena Kuiper und ihre eingeborene Freundin Lokwi aufdecken können? Und was hat es mit diesem merkwürdigen Pentagramm-Symbol auf sich, dem er überall begegnet?

Auch im zweiten Teil seiner „Trilogie in 5 Teilen“ gelingt es dem Autor, ein überaus spannendes und auch humorvolle Garn zu spinnen, das nahtlos an den ersten Teil anschließt und den Leser viele Stunden zu fesseln vermag.

In dieser Woche ist mein neues Buch erschienen:

TEIL 2
DIE HYÄNEN VON BERLIN
230 Seiten, illustriert
ISBN: 978 3 745 01918 6
überall als Taschenbuch und als günstiges E-Book erhältlich

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