Neujahrsgrüße 2018

31. Dezember 2017, Silvester

Ich gebe es zu: Ich bin ein wenig skeptisch, wenn ich an das neue Jahr denke und das Leben, das ich in ihm führen werde. Aber die Zeit lässt sich durch Jammern nicht aufhalten und ich bin auch noch ein wenig von Weihnachten überfressen. Außerdem beginnt ja eigentlich nichts Neues. Es setzt sich nur das Alte fort; die Landmarke „Neujahr“ ist ein zufällig gewählter Kalendertag. Die Chinesen feiern den Beginn des neuen Jahres zum Beispiel am 16. Februar, die Juden erst am 10. September. Bei den Römern startete der Jahreskreis am 1. März und im Mittelalter bis in die Renaissance hinein war Neujahr am 25. März. Für Lehrer und Schüler beginnt das Jahr mit dem Ende des Sommerferien. Der 31. Dezember ist also ein Tag wie jeder andere, kein Grund daher, Dinner for one zu sehen, sich zu besaufen, Fondue zu essen und 5000 Tonnen Feinstaub in Form von Feuerwerk und kubischen Böllern in die Luft zu blasen und allen Haustieren ein nachhaltiges Trauma zu verpassen. Und keine passende Gelegenheit, zu versuchen, sein Leben zu ändern. Ich gebe es offen zu: Dieses Silvester war nie mein Fest. Trotzdem bleibt da dieses Gefühl, heute über das Gestern und das Morgen nachzudenken, die Gesellschaft zwingt mich geradezu.

Nun, falls ich nicht gegen 22:30 Uhr mit den Confessiones von Augustinus in der Hand – den Bischof von Hippo plagten vor fast 2000 Jahren ganz ähnliche Gedanken – in meinem Lesesessel einnicke und einigermaßen wach bin, wenn 2018 beginnt (1), dann werde ich mir selbstverständlich einen Piccolo und mein Dachfenster öffnen, „Ah“ und „Oh“ sagen, an meinem Getränk nippen und über die Zukunft im Allgemeinen und meine immer kürzer werdende im Besonderen nachdenken. Und ich werde auf alle meine Mitmenschen ein Glas erheben, die mit mir gemeinsam in dieses 2018 hinein gehen können und wollen, ob als Familie, Freunde, Kollegen oder als Blogfollower. Manche kenne ich nur über die Bücher und Texte, die ich von ihnen lese, aber sie sind mir näher als mancher, dem ich in persona begegne.

Ich wünsche uns allen ein gesundes und glückliches Neues Jahr.

_______

(1) Falls sich jemand fragt: Frau Klammerle, Krankenschwester in der Intensiv-Frühgeburten-Abteilung des Augsburger Josefinums, arbeitet wie in jedem Jahr in der Silvesternacht und rettet Leben (das ist sinnvoller als alles andere, was der Rest von uns so an Silvester macht). Deshalb werden ich und meine Katze, die sich allerdings ängstlich und zitternd im Keller verkriechen und erst im Morgengrauen von dort wieder hervorkriechen wird, alleine sein.

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil 4

Vier Helden mit zwölf Füßen traten in den dich­ten, bei­ßenden Nebel, der wie ein Leichentuch auf der Winter­wunderwelt des Karlnalrumpel­stilzchens lastete und wurden von ihm ver­schluckt. Ne­beneinander, nur durch eine Hundeleine miteinan­der ver­bunden, gingen stumm und ent­schlossen: Ömer Özgür, eine Geheimwaffe in der Tasche, von der außer ihm noch nie­mand etwas wusste, stolzer Besitzer der Imbissbude Traum vom Bosporus, er hielt seinen Dönerspieß wie ei­nen Speer nach vorn in die verwaschene Düsternis ge­streckt, in der man keine zwei Schritte weit sehen konnte, dane­ben trottete besorgt Karl-Heinz, der große, alte Weih­nachtshund, der letzte seiner Art, der noch Zähne zum Zubei­ßen fletschen und schwere Walnüssen aus sei­nem Sack schleudern konnte und an sei­ner Seite ging der treue Singin‘ Sam, der Esel, dessen Zunge wie eine Peitsche zu­schlug und dessen Gesang die Reihen des Fein­des zum Erzit­tern bringen konnte. Das Grautier, dass trotz sei­ner Vorliebe für Weihnachts­punsch leider keine rotleuchtende Nase besaß wie sein Vetter Ru­dolph, das Rentier, eine Schnauze, die die Szenerie hätte erhellen können, summte leise die Melodie von „Auf in den Kampf, Torero“ vor sich hin. Die drei mutigen Re­cken folgten wie die drei Weisen aus dem Morgenland ihrem Stern: Jan Philipp Rabenhorn, dem letzten Ritter des ed­len Ge­schlechts der Ceratias-Corvus, der die Faust so fest um den Griff seines orange schimmernden, in El Ixir ge­tauchten Schwertes ge­klammert hielt, dass seine Knöchel weiß hervortra­ten. Ihn leitete sein Instinkt sicher durch den dichten Nebel.

Noch nie hatten die uralten Hallen unter Bromberg solch mu­tige, zu allem entschlossene Helden gesehen und noch nie war auch so viel auf dem Spiel gestanden. Nachdem das Quartett eine gefühlte Ewigkeit unterwegs war und zumindest in Ömer ein erster Zweifel auftauchte, ob sie auf dem richtigen Weg und nicht von dem selben abge­kommen wären, erklangen direkt vor­aus dumpf klatschen­de Geräusche und es waren ein paar farbi­ge Lichter in dem stumpfen Weiß auszumachen, das sich end­lich et­was lichtete und eine ungesunde, giftig-grüne Färbung an­nahm. Mit heftigem Schwefelgestank wehte eine üble Bri­se die letzten Reste der Nebelschwaden hinfort und die vier Hel­den waren an ihrem Ziel angelangt: Dem Nest des großen Karl­nickels.

Die Halle erinnerte hier an einen noch tätigen Höllen­vulkan, an dessen Rand sie nun standen und hinunter starrten. In sei­ner Mitte, zu der das nach Kohl, altem, fet­ten Hack und faulen Eiern dünstende Gelände flach abfiel, brodelte eine gewaltige Grube, in der ein hellloderndes Feuer brannte. Davor kauerte wie ein Schattenriss eine dunkle, gigantische Gestalt mit zwei langen, spitzen Oh­ren, die bis zur Decke reichten, von der kaum zählbar viele dicke Wurzelstränge teilweise bis zum Bo­den herabhin­gen. Die meisten von ihnen sahen aus, als hätte eine Biberarmee sie angefressen. Die Grube ihres Gegners – denn niemand anderes als der Karlnickelkönig saß dort am Feu­er und briet sich etwas Undefinierbares in einer monströsen Bratpfanne, während er ih­nen seinen schwar­zen behaarten Rü­cken zuwandte – diese Grube musste di­rekt unterhalb des gro­ßen Pinkelbaums liegen, der den Weihnachtsmarktplatz von Bromberg zierte und in den letzten Jahren schon recht ange­schlagen und vertrocknet gewirkt hatte; weshalb der Stadtrat, der um seine Bedeu­tung wusste, die Weih­nachtsbeleuchtung das ganze Jahr über hängen ließ.

Rabenhorn wollte schon entschlossen auf den übermäch­tigen Gegner losstürmen, als ihn Ömer in die Rippen stieß und zur Seite deutete, wo völlig unbewacht einige Gefängniskäfige am Kraterrand standen, von denen nur einer belegt war: MARIE-THERES! Rabenhorn fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatten sei­ne Chefin gefunden und sie lebte noch, winkte aufgeregt zu ih­nen herüber. Selt­sam, der Lektor hatte das Gefühl, der Kohlge­stank ginge von ihr aus, ein Gefühl, das sich mit jedem Schritt, mit dem er sich ihrem Gefängnis näherte, verstärkte.

‚Schichtkohl, die Kienbauer riecht nach Schichtkohl. Wahr­scheinlich hat sie wieder mal diese Scheußlichkeit ge­kocht und der Karlnickelkönig hat sie deshalb noch nicht gefressen, weil sie so stinkt‘, erkannte er plötzlich erfreut. Ihre Vorliebe für diese unbeschreiblich grauenvolle Speise hatte sie gerettet. Auch Karl-Heinz verzog angewidert die Schnauze und sogar Singin‘ Sam, den normalerweise nichts aus der Ruhe brachte, bemerkte zur Seite:
„Boah, eh, Babo! Die alte Chick müfft vielleicht. Ist das krass!“

Nur Ömer weitete verzückt seine Nasenflügel, schnup­perte den Duft, der von der Gefangenen ausging und ihm ging das Herz auf. Hier roch es wie hinter seiner Döner­bude und ein hef­tiges Heimweh befiel ihn. Sein dunkel schmachtender Blick kreuzte den blauäugigen von Marie-Theres und wenn jemals zwei Seelen durch ein Augen­blinzeln zu einer verschmolzen, dann waren es die des Türken und der Verlegerin. Mit einem laut klirrenden Schwerthieb durchtrennte Rabenhorn die Kette mit dem Vorhän­geschloss, die das Gefängnis versperrte und an ihm vorbei stürz­te zu seiner Verblüffung eine ziemlich de­rangierte, aber vollkom­men unversehrte Marie-Theres und landete aufschluchzend in den starken Armen von Ömer.

‚Da wird der arme Friederbusch in der nächsten Zeit ein paar traurige Bücher abliefern‘, dachte Rabenhorn, ‚aber ein Dichter sollte ja leiden, wenn er Großes vollbringen will.‘

Seine Nackenhaare standen plötzlich zu Berge, denn er hörte ein mächtiges Grunzen hinter sich und ein Ge­räusch, als wür­de sich ein Berg erheben. Der Lärm, den er mit seinem Gewal­thieb gemacht, hatte die Aufmerksam­keit des Karlnickelkönigs erweckt, der sich nun unten am Feuer zu seiner ganzen Größe aufrichtete und donnernd mit dem Kopf gegen die Decke schlug. Oben auf dem Weihnachtsmarkt um den großen Pinkel­baum wurde durch dieses mittlere Erdbeben viel Glühwein ver­schüttet und die Brat­würste glitten aus ihren Brötchen. Überall rieselte Erde wie dün­ne Wasserfälle herab in die Höhle. Noch so eine Erschütterung und die Decke würde einstür­zen, mitsamt den Feiernden oben und allen Buden und Würstchen- und Punschständen, erkannte Rabenhorn. Das schwarze Ungeheuer ließ einen schrillen Pfiff ertö­nen. Fast gleichzeitig tauchten am Kraterrand unzählige kleine Karlnickel auf, gefährliche, scharf­zahnige und zähe Bies­ter, die sich unvermittelt mit einem Auf­schrei auf die Helden und die gerettete „Jungfer“ stürzten.

„Das wird jetzt übelst derbe, Bro“, murmelte der Esel und er sollte recht behalten:

Es wurde jetzt oberübelst, uzverdammt derbe. Was nun folgte, ging in die Annalen der Stadt Bromberg als „Die Große Schlacht in den Weihnachtshöhlen“ ein. Jeder hat sie mehr oder weniger begeistert in der Schule als Pflicht­lektüre lesen müssen und sie und die Heldentaten der Tapferen brauchen daher an dieser Stel­le nicht erneut er­zählt werden. Weniger bekannt ist vielleicht, dass die Schlacht nie einen Sänger gefunden hätte, der von ihr in seinem Heldenepos berichtete, wenn nicht Ömer Özgür, der Im­bissbudenbesitzer, den Tag gerettet hätte. Er zog eine kleine Pfei­fe hervor und blies in der höchsten Not in sie, gerade, als die Re­cken von den Massen der Karlnickel aus­sichtslos umflutet und eingekreist waren, ihr König sich schon mit stampfendem Schritt, die Bratpfanne wie eine Keule schleu­dernd, genähert hat­te. Seltsam – nichts war zu hören… und doch!

„In diesen Grenzen mit des Herrschers Ton Mord rufen und des Krieges Hunde entfesseln …,“ zitierte Ömer mal wieder sei­nen Lieblingsautor, erneut aus Julius Cäsar, wie Rabenhorn wohlwollend registrierte. „Dass diese Schand­tat auf der Erde stinke von Menschenaas, das um Bestat­tung ächzt!“

Und die Hundepfeife wirkte! Von überall kamen sie, von allen Seiten. Sie stürmten den Hang hinab, die Hunde und Esel des Krieges, die nur auf ihr Signal gewartet hat­ten: Karl-Georg, der gewaltige Dobermann, Karl-Gustl, der Berner Sennenhund, Car­los-Santana, der schwarze Pudel, Karl-Maria, der kurzbei­nige Dackel und all die an­deren Weihnachtshunde mit ihren ro­ten Mützen und den Säcken voller Hundetrockennahrung und unter ihnen Jumpin‘ Jack, Hoppin‘ Hermann, Cryin‘ Clause und Hummin‘ Henry, die Brüder von Singin‘ Sam. Ihr Kriegs­gesang erschütterte erneut die Halle und wie Haie stürzten sich die Weihnachtstiere in die Fluten der bösar­tigen Karlnickelar­mee, brachten sie zum Wanken, gar zum Zurückweichen! Es war eine entsetzliche Schlacht, der das Heldenquartett stau­nend und in letzter Sekunde glücklich gerettet wie einem ab­surden Theater­stück bei­wohnte.

Da zupfte Karl-Heinz den Rabenhorn mit der Schnauze am Är­mel.

„Haben wir nicht noch etwas zu erledigen?“, fragte er.

„Du kannst sprechen?“ Rabenhorn nickte. „Karlnickel­klar, du kannst es. Warum eigentlich auch nicht?“ Er sah hinüber zu dem Karlnickelkönig, der nun ziemlich verlas­sen vor seiner Feu­ergrube stand und mit wilden Flüchen vergeblich seine Un­tertanen zum Widerstand aufrief, der längst gebrochen war. Heillose Flucht war das Gebot der Stunde.

„Dann komm“, sagte der Held von Bromberg zu seinem treu­en Hundegefährten, hob das funkelnde, zu unser aller Glück nicht singende, sondern ungewöhnlich schweigsa­me Schwert und trat dem Monster entgegen, „retten wir Weihnachten.“ Tiefe Zuver­sicht erfüllte das heldenhafte Herz des Lektors und mit seinem ersten Hieb durchtrenn­te er bereits den Fuß des Ungeheuers. Die abgeschlagene Gliedmaße flog durch die Luft und als sie auf dem Boden landete, verwandelte sie sich in pa­nisch umherirrende, ge­geneinander rempelnde und stolpernde kleine Karlnickel.

„Das ist für Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Sies­ta Or­tega y Cuerno del Cuervo“, rief er und mit jedem Namen seines Vorfahren, den Rabenhorn rief, trieb er sein mit El Ixir behan­deltes Schwert erneut in den Bauch des Monsters. Aus dessen Wunden sprudelten kein Blutfontä­nen, sondern unzählige Karl­nickel. Der König wankte, die Bratpfanne entglitt seinen plötz­lich wieselflink davon flit­zenden Fingern, die wie der Rest seines Körpers aus sei­nen fliehenden Untertanen geformt gewe­sen wa­ren. Dann fiel er zu Boden. Rabenhorn hob ein letztes Mal sein Schwert, den gewaltigen Kopf vom Körper zu tren­nen.

„Halt ein!“, rief da plötzlich eine bekannte Stimme. Karl-Heinz, der sich in ein Organ des Karlnickelkönigs verbis­sen hatte, das in einem Märchen nicht erwähnt werden darf, und Rabenhorn wir­belten erschrocken herum. Hinter ihnen standen Karl-Nickel, der Karlnickellaus-Rumpel­stilz und der ebenfalls längst verstorbene Hubert Emanuel Kienbauer. Beide wirkten sehr lebendig. Raben­horst fühlte sich wie am Ende von Star­Wars VI.

„Halt ein, sonst wird an Ostern die Welt untergehen!“, schluchzten die beiden. „Denn wer soll den Kindern ihre Eier verstecken – etwa ein Osterhund?“
Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal er­zählt werden soll …

ENDE DES ERSTEN BUCHS
Fortsetzung folgt in
Karl-Heinz und Herbert, das Osterkarlnickel

Rabenhorn klappte sein Prüfexemplar von Karl-Heinz, der Weihnachtshund zu, legte es vorsichtig auf seinen Schreib­tisch und sah zum Panorama­fenster aus dem 8. Stockwerk hinaus. Inzwischen däm­merte es und in den Häusern un­ten in der Stadt erstrahl­ten die ersten Weihnachtsbäume. Endlich schneite es di­cke Flocken.

Obwohl der Lektor sich inzwischen mit Frieder­buschs neuestem Werk arrangiert hatte und er ein­sah, dass ein er­folgreiches Buch fortgesetzt gehörte, war er mit dem Schluss nicht ganz glücklich. Dieses Ende war besser als das originale, in dem der Autor alle Protagonisten hinge­schlachtet hatte – wahr­scheinlich waren dies die Nachwir­kungen der Tren­nung von Marie-Theres Kienbauer, die mit einem Dönerbudenbesitzer durchgebrannt war. Nein, so war das entschieden bes­ser; schließlich hatte er per­sönlich, der große Jan Phi­lipp Rabenhorn, das letzte Kapitel des Weihnachts­hundes nach Jahren der Schreib­blockade selbst verfasst. Aber irgend etwas fehlte.

Er starrte in das wirbelnde Schneegestöber vor sei­ner Fensterscheibe und sann nach. Gut, der Ge­schichte fehlte entschieden eine kluge Katze, aber die konnte er ja in eine der geplanten Fortsetzungen hin­ein schreiben. Es war et­was anderes; ein bohrendes Gefühl verblieb in ihm, dass er etwas vergessen hat­te. Sein Blick fiel auf seinen großen, zotteligen Hund, der friedlich auf dem Sisalteppich schnarchte und nun wie auf Kommando seinen Kopf hob und Ra­benhorn mit seinem geheimnisvollen, tiefen Au­gen fixierte. Da verstand er:

„Du hast recht, Karl-Heinz“, sagte er zu dem zu­stimmend nickenden Tier, „jetzt weiß ich, was ich vergaß.“

Er wand sich zu den Lesern seiner Geschichte, die ihn und den Hund aufmerksam betrachteten. Er winkte ihnen zu, winkte DIR zu. Ja, dir, meinem Le­ser, der mir bis hier­her – erstaunlich genug bei dem Blödsinn, den ich ver­zapfte -, gefolgt ist:

„Gesegnete und Glückliche Weihnachten!“

ENDE

 

 

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WEIHNACHTSRUHE AUF MEINEM BLOG

Ich wünsche allen Freunden, Kollegen, Followern und auch jenen, die nur zufällig über meinen Blog stolpern, erholsame, ruhige und vor allem friedliche Feiertage im Kreise der Menschen, die sie lieben. Viel Hoffnung, dass uns die Zeitläufte eine kleine Atempause gönnen, habe ich nicht, aber wünschen kann man es sich ja.

Ich zumindest werde in den amorphen, seltsam zeitlosen Tagen zwischen den Jahren – die man hier in Bayern eine „staade“ Zeit nennt, die zuerst auch endlos scheinen will, aber dann ganz schnell wieder vorbei sind -,  eine Pause einlegen, die ich zum Nachdenken, Sammeln und Planen und vor allem zum Schreiben nutzen will. Nach diesem im Privaten zwar durchaus gelungenen, ansonsten aber nicht allzu glücklichen und für mich als Autor wie immer auch frustrierenden Jahr habe ich für ein hoffentlich besseres 2018 einiges vor.

Die Reise geht weiter, aber lasst mich vorher noch ein wenig ausschlafen …

Bis irgendwann im Januar,

Euer

Nikolaus Klammer

PS. Vergesst nicht, am Hl. Abend gibt es noch den letzten Teil von den Abenteuern des Weihnachtshunds Karl-Heinz.

PPS. Falls jemand eine nette Weihnachtsüberraschung bereiten will: Noch sind die E-Book-Ausgaben meiner in der letzten Zeit sehr gut rezensierten Bücher spottbillig zu haben. Zugreifen!

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 9)

[Zum ersten Teil]

Wenn ich jetzt schreiben würde, der Inhalt meines Artikels täte mir heute leid, dann würde ich lügen. Das hat mehre­re Gründe, dabei einen sehr eigennützigen. Ich möchte richtig verstanden werden: Ich hatte nie im Sinn, Nix unmöglich zu machen oder ihm zu schaden; im Gegen­teil, ich hoffte, ihn durch meine scharfe Kritik im Rah­men meiner Möglichkeiten ins Gespräch bringen zu können und damit neugierige Besucher in seine Ausstellung zu lo­cken. In mir heute unverständlicher und peinlicher Selbstüberschätzung hoffte ich dadurch, mich zu profi­lieren, Gewicht in der Tagesmeinung des Kulturgesche­hens zu erlangen. Dafür war unserer Blatt, das kostenlos in alternativen Kneipen und Einzelhandelsgeschäften verteilt wurde, von Werbung lebte und sich opportunis­tisch und marktschreierisch jedem Zahlungswilligen an­bot, allerdings ganz und gar nicht der richtige Rahmen. Es war jedoch das einzige Organ, durch das ich mich an eine Öf­fentlichkeit wenden konnte.

Auf der einen Seite war ich mir freilich auch der Vergeblichkeit mei­nes Hoffens bewusst. Aber es war meine erste Chance, jemanden zu beurteilen, der die Voraussetzungen hatte, ein anerkannter und bedeutender Maler zu werden. Ich wollte auf einen anfahrenden Zug aufspringen, mich als Entdecker und Mentor eines neuen Talents, dessen Mängel ich konstruktiv kritisierte, feiern lassen. Außer­dem wurde ich ganz nebenbei durch die Veröffentli­chung meiner 1200 Wörter wieder etwas liquider und hatte damit ein Argument gegen die in letzter Zeit schärfer werdenden Vorwürfe von Christine, ich würde ihre Gutmütigkeit und ihren Geldbeutel ausnutzen.

Dass mein Artikel in dieser scharfen und unzensierten Form an prominenter Stelle in der nächsten Ausgabe der MegaSzene zu lesen war, war auch die Schuld von Rainer Werner, ihrem Herausgeber, der in einer bei ihm seltenen Fehl­einschätzung der Lage und der Stimmungen der Kultur­szene keine Streichungen vornahm. Er ließ mir im Gegenteil ausrichten, es sei ihm ein Vergnügen, meinen boshaften Text ungekürzt zu bringen. Er hoffte wahrscheinlich, die Zeitschrift, de­ren Auflagenzahl stark rückgängig war, würde dadurch wieder etwas ins Gerede kommen und den durchaus ver­dienten Ruf eines besseren Supermarktwerbeblattes ver­lieren.

Nein, je länger ich darüber nachdenke, um so sicherer werde ich: Ich bedaure nicht, den Artikel geschrieben zu haben. Er ist zwar nicht unbedingt meine beste, aber eine durchaus saube­re Arbeit von mir. Zu dieser Meinung stehe ich weiterhin. Heute würde ich wahrscheinlich manches anders formulieren, weil ich jetzt einige Zu­sammenhänge besser verstehe. Aber es ist sicher falsch, ihn in die enge Verbindung mit Nix Niedergang zu bringen, wie das von gewisser Seite getan wurde.

Die MegaSzene erschien monatlich und so wurde mein Arti­kel bedauerlicherweise bereits eine gute Woche vor Nix‘ Ausstellung publik. Ich weiß nicht mehr, was für eine Reaktion der Leser ich erwartet hatte, aber sie war für mich enttäuschend. Niemand schien sich ernsthaft für mein Interview mit der noch unbekannten Größe Jonas Nix zu interessieren; das Feedback war gering. Die Briefe, die die Redaktion erhielt, ließen sich an den Fingern einer Hand abzählen und waren durch die Bank unfreund­lich. Da hatten die schmuddeligen Bekanntschaftsanzei­gen auf den letzten Seiten entschieden mehr Zuspruch. Auch Nix ließ – anders, als  ich es gehofft hatte – nichts von sich hören. Ich hatte tatsächlich geglaubt, er würde sich sehr schnell bei mir melden, um mit mir zu disku­tieren. So ignoriert zu werden, verletzte mich. Ich war gereizt und in einem anhaltenden Stimmungstief. Meine Freundin konnte mich nicht mehr ertragen und ent­schloss sich, für ein paar Tage eine Bekannte in Regens­burg zu besuchen.

Vier Tage, nachdem die neue Nummer meiner Zeit­schrift auslag, kam es allerdings zu einem unangeneh­men Vorfall, von dem ich heute noch hoffe, dass Nix nichts von ihm wusste. Diese Art der Rache konnte doch wohl nicht die seine sein. Es hatte den ganzen Tag über unangenehm feucht geschneit. Als ich spät in der Nacht müde von meiner Kneipenarbeit durch den schmutzig­braunen Schneematsch heimwärts stapfte, bemerkte ich auf der Höhe der Bertelesbrücke, dass mir jemand folgte und das wahrscheinlich schon, seit ich das Lokal verlas­sen hatte. Durch – wie ich hoffte – unauffällige Blicke zurück, stellte ich fest, dass es sich um zwei Männer handelte, die  mir knapp zehn Meter zurück auf der Spur waren. Als sie in den Lichtschein einer Straßenlaterne gerieten, konnte ich sie deutlicher erkennen. Sie waren etwa in meinem Alter; das Gesicht des einen glaubte ich zu kennen, ohne einordnen zu können, wo es mir schon einmal begegnet war.

Ich beschleunigte probeweise meinen Schritt. Die bei­den kamen nicht näher, fielen aber auch nicht zurück.Es schien ihnen nichts auszumachen, von mir bemerkt zu werden. So lange wir noch im Innenstadtbereich und nicht allein auf der Straße waren, machten ich mir keine Sorgen, ob­wohl ich fieberhaft überlegte, was sie bezweckten und woher ich den einen der beiden kannte. Da ich zu kei­nem befriedigenden Ergebnis kam und mich die Verfol­gung zu ärgern begann, entschloss ich mich, der Sache ein Ende zu machen. Ich meine, wir waren ja in meiner Heimatstadt unterwegs und nicht auf den Straßen von New York. Hier passierten keine Krimigeschichten. Ich blieb deshalb einfach stehen und er­wartete die beiden, kam mir dabei sehr mutig vor. Sie verharrten ebenfalls und machten für einen Moment ei­nen unschlüssigen Eindruck, dann kamen sie jedoch aufrei­zend langsam näher. Sie hielten ihre Hände in den wei­ten Taschen ihrer Anoraks versenkt; die geduckte Kör­perhaltung und ihre Mienen waren verschlossen und feindselig. Ich fühlte mich in diesem Augenblick nicht ernsthaft bedroht, dazu war die Situation zu unwirklich. Ich war nur verwirrt und mir nicht mehr so sicher, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, auf meine Verfolger zu warten. Konnte es möglich sein, dass sie hinter meiner chronisch leeren Brieftasche her waren?

Ich sah mich um. In der Nähe alberten zwei angeheiter­te Paare auf einem über den Winter mit Holzplanken abgedeckten Brunnen herum. Wie ich heute denke, war dieses Publikum gut für mich. Ich weiß nicht, wie die Angelegenheit ausgegangen wäre, wenn ich mit meinen Verfolgern allein auf der Straße gewesen wäre. Die Ker­le bauten sich knapp vor mir auf und wirkten in ihrer Entschlossenheit durchaus imposant. Obgleich sie wirklich keine Bodybuilding-Figuren hatten, sondern eher wie die Mit­glieder einer autonomen Gruppe wirkten, rutschte mir das Herz sprichwörtlich in die Hose. Ich tauschte mit den beiden ein paar Blicke und fand in ihren Augen ebenso viel Nervosität, wie ich sie in mir selbst verspürte. Trotzdem wurde mir mulmig und ich überlegte, ob es nicht besser war, wenn ich mein Heil in einer schnellen Flucht suchte. Diese Entscheidung wurde mir auf überraschende Weise abgenom­men.

»Bist du LPQ?« fragte einer der beiden. Es war der, den ich zu kennen glaubte. Er schien mir auch die treibende Kraft der beiden zu sein. Erstaunlich! Er wusste um mein strikt gehütetes Pseudonym bei Werners Zeitschrift. Wer hatte es ihm verraten? Ich duckte mich etwas, suchte mir eine Verteidigungsstel­lung.
»Wer will das wissen? Und wer seid ihr über …?«, antwortete ich misstrauisch, konnte meine zweite Frage aber nicht mehr beenden. Das nun Folgende geschah viel zu schnell für mich.

»Du dreckiger Schmuierfink!«, schrien die beiden gleich­zeitig und erschreckten mich mehr durch die plötzliche Laut­stärke ihrer Stimmen als durch den grotesken Vorwurf.

Sie rissen etwas aus ihren Ta­schen, was ich in meiner Angst für Schlagstöcke oder Schlimmeres hielt. Im Reflex hob ich meine Arme schüt­zend in die Höhe und kniff die Augen zusammen. Ich hörte einen der beiden verächtlich lachen, dann ein selt­sames Zischen, das ich beim besten Willen nicht einord­nen konnte. Gleichzeitig spürte ich etwas Feuchtes an der Stirn, es rann die Hände, die ich noch immer vor das Gesicht hielt, hinab, das Kinn, den Hals hinunter. Ängstlich stolperte ich einen Schritt rückwärts, kam dadurch mit einem Fuß über den Randstein. Ich griff im Reflex nach vorn, um das Gleichgewicht zu halten, be­kam aber im gleichen Moment einen Schlag gegen die Brust. Meine tastende Hand fasste ins Leere und ich fiel unsanft mit dem Hinterteil voran zwischen zwei eng beisammen parkenden Autos mitten in eine Matschpfüt­ze, dass es spritzte. Erst jetzt öffnete ich wieder meine Augen. Meine Gegner steckten gerade ihre Spraydosen zurück in ihre Jackentaschen. Der eine, der mir bekannt schien, spuckte, das Gesicht von Abscheu verzerrt, vor mir auf den Boden.

»Das wird dir hoffentlich eine Lehre sein!«, bemerkte er ruhig. »Unsere Stadt braucht keine Nestbeschmutzer wie dich.«

Nun wandten die zwei sich ab. Jetzt hatten sie es plötzlich sehr eilig, wegzukommen. Sie rannten, möglicherweise von ihrem eigenen Mut eingeschüchtert, die Straße hinunter. Als ich mich nach einigen  vergeblichen Versuchen mühsam wieder aufgerichtet hatte, waren sie bereits aus meinem Blickfeld verschwunden. Die Paare hatten nichts bemerkt, sie tanzten noch immer lachend auf den schiefen Brettern der Brunnenverkleidung. Sie wären mir im Ernstfall eine schöne Hilfe gewesen! Ich stellte mich vor Nässe tropfend ins Licht der nächsten Laterne und sah an mir herab. Ich hatte glänzende rote und blaue Farbflecken auf der Jacke und den Handrücken, mit denen ich mein Gesicht geschützt hatte. Eine hilflose Wut stieg in mir empor. Diese abgrundtiefen Idioten hatten mich mit Lackfarbe besprüht!

[Zum 10. Teil …]

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil 3

Der Lektor erwachte, rieb sich genüsslich die Au­gen, griff dann in die zerwühlte rechte Betthälfte, suchte, fand aber beruhigende Leere und grinste. Das war wohl noch einmal gutgegangen! Alles nur ein schlechter Traum: Kein bärtiger Türke schlief neben ihm, kein fetter Kö­ter mit Weihnachtsmütze auf dem Kopf war zu ei­nem blonden Drachen mit den Gesichtszügen von Ma­rie-Theres Kienbauer mutiert. Helga Jolanda Wei­ßeggerle-Rabenhorn, seine Ex-Gattin und ehemalige Muse der Schreibkunst, hockte nicht zeternd auf ei­nem Dra­chenhort neben seinem Bett, sondern seit der unerfreuli­chen Tren­nung vor vier Jahren weiter­hin in ihrer eigenen Wohnung, die er ihr bezahlte.

Rabenhorn erinnerte sich nur ungern an die etwas unbe­queme Phase seines Lebens, als auch er, der er doch ei­gentlich über solchen Dingen stand, der Krise der mittle­ren Jah­re verfiel und er sich sterblich in eine blutjunge, bemer­kenswert vollbusige und dabei doch so tief vergeis­tigte Dichternymphe verguckt hatte, deren Namen ihm sein Un­terbewusstes inzwi­schen zum eigenen Schutz vor­enthielt. Wahrschein­lich hockte Helga im Moment ver­huscht und verträumt vor ihrem Computer, postete in ir­gendwelchen Literaturforen Schlechtgereimtes und Weih­nachtsglückwünsche – schließlich war heute der Hl. Abend.

„Ach, wie liebe ich diese stille Zeit!”, rief Rabenhorn sich rekelnd aus, schwang die ansonsten schweren Beine leicht aus dem Bett, schlüpfte in seine warmen Puschen und hüpfte wie ein Tänzer in die Küche. Dabei ignorierte er ei­nen leichten Kopfschmerz, der ihm von seinem Alptraum oder – wahrscheinlicher – der Erinnerung an seine Exfrau übriggeblieben war.

Als er bald darauf noch im Morgenmantel mit einer Tas­se seines Lieblingskaffees vor seinem privaten In­ternetzugang saß, um seine Mails durchzusehen, überlegte er, ob er nicht längst wüsste, was sich heu­te wieder alles bei ihm auf dem Bildschirm tummeln würde – in seiner eigenen kleinen Welt war es schließlich recht übersichtlich. Und das zumin­dest sollte auch so bleiben!

Es war so, wie nicht anders zu erwarten: Neben den üb­lichen Weihnachtsgrüßen von Verlegern und fer­nen Be­kannten, neben Preisokkasionen – was für ein entsetzliches Wort! – und Angeboten für blaue Pillen und Krankenver­sicherungen waren sie über Nacht wieder aus ihren Lö­chern gekro­chen, hatten sich in ihren literarischen Schweißausbrüchen gesuhlt, sich mit ihren glitschigen, schmierigen Fingern ver­krampft über die unschuldige Sprache hergemacht und ihn als Unschuldigen mit allem überschüttet, was eigent­lich Dinghaft auslösen müsste – immer und ewig auf und über ihm, dem seinem Selbstvers­tändnis nach weltbesten Lektor! Wenn er all die un­verlangten Manuskripte ausdru­cken sollte, die als PDFs oder WORD-Dateien in seinem Mailkonto strandeten, würde er Tonnen an unschuldigem Pa­pier damit besu­deln müssen!

War das seine Qual, musste er wirklich über diese trü­ben, gelblich schillernden Bäche springen? Auch heute, am Hei­ligabend, da es wieder mal zu kalt war, um über­haupt ir­gendwo einkehren zu können, es sei denn unter einer war­men Decke?

Was war das?

Ein Engelsgesicht mit Spitzhackenbrüsten, das eine schwedi­sche Kleinstadt terrorisierte! Erbarmen? Nein, danke!

Eine sprechende Parkbank und ein erfrorener Penner. Eine Schneekönigin-Allegorie? Was wird diesem Autor noch ein­fallen, wenn ihm nichts mehr einfällt? Nein, danke!

Ein Traum, der aber eigentlich gar kein Traum ist, son­dern eine geträumte Wirklichkeit in einem Traum, der von der Wirk­lichkeit träumt? Das passte zwar auf seine eigene Situation, aber: Wer will von so etwas schon über 400 Seiten lesen, Herr Nikolaus Klammer? Nein, danke!

Eine Hundegeschichte? Nein, danke! Die Welt war mit dem unsäglichen Weihnachtshund von Daniel Glattauer – zusam­men mit Richard David Precht der Herrscher über die lite­rarischen Vorhölle – gestraft genug! Wie war denn Frieder­busch ausgerechnet darauf verfallen?

Aber das war alles zu erwarten gewesen. Raben­horns Zei­gefinger tippte lässig im Takt von Jingle Bells und alles ver­schwand im Orkus des Junk-Ord­ners. Damit war seine Ar­beit für heute getan; für heute und den Rest der Weih­nachtswoche. Er hatte sich zwischen den Jahren freige­nommen, um endlich seine Wohnung zu renovieren. Ra­benhorn stellte den PC aus, warf sich ungewaschen die Ar­beitsklamotten über, nahm sich einen Brenner und ei­nen alten, me­tallenen Eiskratzer. Er begann, von außen an der Badtür die gelbliche Lackfarbe heißzumachen und sie ab­zuschaben. Solch händische Tätigkeit war we­nigstens noch etwas Ehrliches, Reines. Hier war der Werktätige noch nicht von seiner Arbeit entfremdet. Konstruktivität, Freile­gen der Struktur. Dieses wohl­tuende Entfernen des Altan­gebrachten. Und Farbe stinkt! Holz nicht. Also weg mit der Farbe! Tod der modernden Farbe und dem Altan­gebrachten, das sich nur modern nennt! Hatte er tatsäch­lich vierzig Jahre über Büchern gesessen, um zu wissen, dass er eigent­lich nur ein Abbrenner und Anstreicher wer­den wollte?

„Wenn das keine Weihnachtsbotschaft ist!“, dachte er eu­phorisch. „Arbeitet im Schweiße eures Ange­sichts, Leu­te, Möchtegernschriftsteller, nicht im Geis­te! Vornehm ist das Handwerk, sinnentehrend, sinnentleert ist allein das Geist­werk!“ Und da er das dachte, lächelte er und ver­brannte sich die Hand am heißen Brenner. Rabenhorn ließ das Heißluftgerät auf den Boden fallen. Es schmorte ein Loch in den wertvollen Berberteppich. Wütend riss der Lektor das Kabel aus der Steckdose. Das war er doch, der Unter­schied zwischen der Literatur und dem wahren Le­ben: Das Leben schmerzt! Und es geht immer wei­ter. Da gibt es kein ENDE und alle singen glücklich Weihnachts­lieder. Man muss sich ständig auf Neues einstellen, kann nicht im In­dex nachschlagen oder ein paar Seiten zurück­blättern, wenn man etwas nicht versteht oder einen Na­men verges­sen hat. Ra­benhorn rieb sich über die brennen­de rote Stelle an seiner Hand und überlegte, was zu tun war.

„Kaltes Wasser“, fiel ihm ein, „eine Brandblase muss man kühlen. Und dann eine Salbe drauf.“ Ah, das war kein voll­ständiger Satz: „Und dann muss man eine Salbe über die Wunde streichen.“ Jetzt hat­te er eine „muss man“-Wieder­holung, das war sehr schlechter Stil: „Und dann sollte man besser eine Brandsalbe über der Wunde verstreichen.“

Gut so. Rabenhorn trat also ins Badezimmer, wo er kurz die Vision eines in Fett und Filz eingewickelten Joseph Beuys hatte, der auf dem fest getrampelten Erdboden ei­nes russischen Bauernhauses seine Brandwunden über­lebte. Doch es war nur ein schla­fender, müffelnder Hund, über den er beinahe stol­perte.

Was heißt nur? Das war ein Riesenvieh, das Untier! So entsetzlich groß, dass Rabenhorn nicht an ihm vorbei zum Waschbecken gelangen konnte. Aber sei­ne Brandwunde war eh vergessen! Was hatte er ei­gentlich noch im Bade­zimmer gewollt? Der Hund, so fiel ihm siedend heiß ein, hieß Karl-Heinz. Jetzt kam die Erinnerung wieder mit vol­ler Wucht, und er be­kam weiche Knie. Rabenhorn trat ei­nen Schritt zu­rück, setzte sich schwer auf den hölzernen, woh­lig vertrauten Deckel seiner Kloschüssel.

Von wegen Traum! Alles kam zurück, kristallklar schälte sich die Erinnerung an den gestrigen Tag aus seinem Ge­dächtnis, als wäre der Anblick des Hundes ein heißer Küs­tenwind, der den Nebel verjagt:

Er konnte das furchtbare Manuskript voller Recht­schreibfehler und verunglückten Halbsätzen von Frieder­busch ge­radezu vor sich sehen, dann folgten der Fieber­anfall und die oben zwischen den Neon­röhren schweben­de, halbnack­te Witwe seines ehe­maligen, geliebten Verle­gers und jener entsetzliche Kalbshund, der ihm das Ge­sicht abschleckte. Auch der alte Familienfluch der Raben­horns fiel ihm wie­der ein, jener Jahrhunderte alte Fluch, von dem ihm Her­bert Emanuel Kienbauer in seiner Ster­bestunde berichtet und an den der Lektor nie geglaubt hatte – gleichzeitig die Erkenntnis, dass Marie-Theres Kien­bauer in höchster Ge­fahr war! Gestern war der Schock des Begreifens wie ein Faustschlag gewesen, der ihn ohnmächtig vor seinem Schreibtisch nieder­streckte. Dann, noch wie betäubt, hatte er handeln wollen, denn nur eine Person konnte hier noch hel­fen, auch wenn Ra­benhorn eigentlich nicht an sie glaub­te. Daher hatte er Marie-Theres gepackt und die Widerstre­bende zum Auf­zug gezerrt. Doch was dann geschah …

Rabenhorn konnte sich nicht erinnern. Ein unheim­liches Loch war in seinem Gedächtnis. Der Aufzug öffnete sich, das wusste er noch. Aber dann? Und wie kam er in der Nacht in sein Bett, und wie dieser vermaledeite Hund von Friederbuch in sein Bade­zimmer? Fehlte nur noch, dass ein singender Esel in seinem Kleiderschrank Felis Navi­dad! sang! Der Lek­tor sackte auf der Toilette in sich zu­sammen, presste die Fäuste gegen seine Stirn, aber er konnte keine weitere Erinnerung hervor quetschen. Alles war schwarz. Das erste, was er wieder wusste, war eben sein Erwachen im Bett mit dem niederdrückenden Ge­fühl, schlecht ge­träumt zu haben.

Da hörte er ein Geräusch an seiner Wohnungstür, es klang, als würde jemand an seinem Schloss herum­fummeln. Rabenhorn stand auf, zog den Badschlüs­sel ab und sperrte so den noch immer schlafenden Hund ein. Er öff­nete mit Schwung die Tür. Vor ihm stand herabgebeugt ein kleiner, untersetzter Mann mit imposantem Schnauz­bart, ein “Einwohner mit Migrationshintergrund”, wie Raben­horn für sich feststellte. Einen Schlüssel, der dem Lektor bekannt vorkam, hielt er nach vorn gestreckt in der einen, eine Tüte mit verlockend riechendem Back­werk in der an­deren Hand. Rabenhorn war sicher, ihn noch nie zuvor ge­sehen zu haben. Das war wahrschein­lich ein entlassener Strafgefangener, der ihm ein Abonne­ment des Readers Di­gest – entsetzliches Heft, Unterg­angsliteratur des Abend­landes – andrehen wollte. Oder einer dieser Asylanten, der vielleicht um eine Arbeit als Abbrenner und Anstreicher bettelte.

„Ja, bitte, was wollen Sie?”, fragte er unhöflich. Sein Ge­genüber hob überrascht die Augenbrauen.

„Du erinnerst dich wirklich nicht mehr, Jan? Du hast mich vergessen?“, fragte der Fremde. „Weißt du nicht mehr, wie wir gestern mit dem Scheitan per­sönlich ge­kämpft haben? Du an meiner Seite und ich an deiner? Mit Dönerspieß und Degen als Waffen ge­gen den Karlnickel­könig? Du und ich? Kreuzritter und Gotteskrieger vereint gegen den Feind?”

Der Türke erkannte und nickte. „Tatsächlich, du hast es vergessen. Ömer Özgür bin ich, dein guter Freund. Schließ­lich hast du mir deinen Schlüssel ge­geben.” Dieses Argu­ment zog. Rabenhorn erkannte seinen eigenen Schlüssel­bund mit dem kleinen Plas­tik-Reich-Ranicki in der Hand des anderen. Kurzent­schlossen schob Ömer den verdutzten Lektor beiseite und trat ein.

„Ich habe schnell Brötchen geholt”, bemerkte er und hob seine Tüte. „Kämpfer brauchen ein gutes Früh­stück. Wenn der Magen gefüllt ist, ist die Schwert­hand stark.”

Aus seinem übervollen Orientalenherzen rieselten jetzt die Worte wie der Sand der Wüste oder der Schnee im Winter Ostanatoliens.

„Rabenhorn, mein Freund, Kämpfer, krass, wie wir ihn in die Flucht geschlagen haben, diese Ausgeburt der Höl­le. Wir beide und der große Hund! Aber dann stürzten sich von allen Seiten – aus allen Kanal­öffnungen – die ent­setzlichen Karlnickel auf uns. Wie eine Tsunamiwelle wa­ren sie und wir standen wie Felsen in der tödlichen Brandung. Aber dann bist du gestolpert und etwas traf dich am Kopf. Weiß nicht, was es war.”

Ömer zögerte und überlegte, ob er dem Lektor er­zählen sollte, dass er ihn im Eifer der Schlacht aus Versehen mit seinem Dönerspieß ins Reich der Träu­me verfrachtet hat­te. Es entschloss sich, dieses kleine Detail auszulassen.

„Egal, was es war. Du verlorst das Bewusstsein. Wir mussten uns zurückziehen! Ich warf dich über den Hund und wir flohen vor den anstürmenden Geg­nern. Gerade eben noch fanden wir den letzten freien Kanaldeckel. Aber jetzt ist nur die Schlacht verloren, noch nicht der Krieg! Wir brauchten eine kleine Ver­schnaufpause, dann machen wir weiter. Deshalb brachten Karl-Heinz und ich dich in deine Wohnung, Jan.“

„Wie haben Sie sie denn gefunden?“ Der Albtraum setz­te sich anscheinend fort.

„Aber mein Freund, dich kennt doch jeder hier in Brom­berg. Ich musste nur fragen und schon redeten die Leute. ‘Meinen Sie vielleicht Herrn Rabenhorn, den Gelehrten?’ oder ‘Ach, der Herr Professor Ra­benhorn, ja, der wohnt am Lärchengrund.’ Also kein Problem, deine Wohnung zu fin­den, lieber Freund. Dein Bett ist sehr weich.“

Rabenhorn wuchs um fünf Zentimeter. Er wusste, dass er angesehen und geachtet war. Doch dieser Be­weis sei­ner stadtweiten Dominanz als Kulturmensch kam überra­schend, tat seiner verletzlichen Künstler­seele jedoch gut.

„Aber was ist mit Marie-Theres Kienbauer? Die Frau mit dem Stern. Du weißt schon. Und was ist mit Frieder­busch?” Und, nach einem Zögern:

„Und wo ist der Karldinalsrumpelstilz? Mein … Vor­fahr?“

Ömer lachte verschmitzt. „Wenn wir gefrühstückt ha­ben, klärt sich alles auf. Karl-Nickel erwartet uns unten im Ka­nal. Er wird dir alles erzählen, was du im Fieber­rausch ver­gessen hast.”

Rabenhorn packte ihn bei den Schultern. „Sprich, was ist mit Marie-Theres?“

Ömer zuckte zusammen. „Der Böse, der Karlnickel­könig, Fürst von Hölle, nahm sie mit, hinab ins Inne­re der Erde, wo die Feuer brennen, an die Wurzeln des großen Pinkel­baums, von denen er sich und eine abscheuliche Brut er­nährt. Heute Nacht muss es sich entscheiden!“

Rabenhorn wankte. Sollten alle Kämpfe, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, vergebens gewesen sein? Alle Angst, alle Anstrengung, die Wunden an Seele und Körper, alles umsonst? Aber just an diesen Punkt seiner Verzweif­lung regte sich das Blut seiner Vorfahren in ihm: Niemals! Und wenn er dem Scheusal bis in die städtische Kloake fol­gen müsste, er würde Marie-Theres retten.

„Los Ömer, wir müssen sie befreien. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“ Und mit einer Kaltschnäuzig­keit, die er sich selber niemals zugetraut hätte, lief er ins Bad, packte den völlig verdutzten und tranigen Karl-Heinz-Hund bei den Ohren und schleifte ihn zur Tür hinaus.

„Ömer, auf geht’s! Auf in den Kampf! Wir retten das ehr­bare Weib aus den Fängen des Untiers!“ Der Dönerbu­denbesitzer schleuderte die Tüte mit dem Backwerk zur Seite.

Das ist mein Held! Hurra! So wollen wir Mord ru­fen und des Krieges Hund‘ entfesseln!“ Und mit die­sem thea­tralischen Aufruf (Julius Cäsar, 3. Akt, 1. Sze­ne) zogen sie von dannen, öffneten den nächstgelege­nen Kanaldeckel und verschwanden gemeinsam in der Unterwelt.

Jan Philipp Rabenhorn hatte erwartet, dass die Ka­näle sei­ner Heimatstadt eine feuchtklammer-rut­schigheunsche An­gelegenheit waren, erbärmlich fies nach allerlei in die­sem Weihnachtsmärchen Unaus­sprechlichem stanken und zap­pen-zappeldunkel wa­ren, aber das genaue Ge­genteil war der Fall: Überall leuchtete es grün und gülden funkelnd von den spe­ckigen, wie aus Lebkuchen geform­ten Wänden und es lag ein ap­petitlicher Geruch nach Weihnachtsstol­len und allerlei anderem würzigen Back­werk in der warmen Luft.

Der Lektor rieb sich die Augen, doch die Sinnesein­drücke veränderten sich nicht: Dies waren keine düs­teren Abwäs­ser, in denen zwischen Herabgespültem aus zehn­tausend Toiletten eklige große Ratten schwammen, nein, hier unten sprudelten zwischen glitzernden Schneehäufen glühwein­rote, nach Zimt und Tannennadel riechende Wasserläufe durch die Gänge, munter singende Bächlein, in denen sich fröhlich Lametta-Sprotten, Nikolausbarsche, Engels­haarrochen und Weihnachtskugelfische tummel­ten. Rabenhorn fragte sich nur kurz, woher er die Namen dieser Tiere kannte, die sich ja in keinem ichthyologi­schen Fachbuch fanden – schließlich hatte er das eine oder ande­re lektoriert – aber er hatte sich ja vorge­nommen, sich über nichts mehr zu wundern. Trotz­dem sah er sich stau­nend um. Die Un­terwelt von Bromberg an der Fiesel war eine geschmacklo­se Weihnachtswunderwelt, ein unterir­disches Rothen­burg ob der Tauber.

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, aber: Er war da­heim. Die städtische Unterwelt mit ihren weihnacht­lichen Kanä­len, Ort sei­ner Aufzucht und der ersten Trottversuche, war ihm vertraut, er er­schnüffelte die Neuigkeiten von den Wänden und roch überall Duftmarken, die ihm nicht gefie­len. Sein kurzes Nackenhaar sträubte sich unter sei­ner Weih­nachtsmütze. Von hier aus hatte ihn sein Meis­ter, der alte Karlnalrumpel­stilz auf die Mission ge­schickt, den Ururururure­nkel zu finden, den letzten des stolzen Stammes der Ceratias-Corvii, der gehörnten Ra­ben, die­sen Einen, in dessen Händen allein die Macht lag, den großen Pinkel­baum vor dem Karlnickelkönig zu be­wahren.

Und wie geschickt hatte der alte Weihnachtsköter doch seinen Auftrag ausgeführt, ganz wie in den al­ten aufre­genden Tagen, als er noch für die Besche­rung der Stra­ßenköter unter eben jenem magischen Pinkelbaum sorgte, auf des­sen mächtigen Wurzeln die Altstadt von Bromberg errich­tet war. Sich Raben­horn direkt zu nähern war ihm nicht möglich gewe­sen, da dieser ja Hunde fürchtete, also hatte Karl-Heinz sich erst einmal vor die Haustür des mittelmäß­igen Autors Egon M. Friederbusch gelegt und dort gedul­dig ausgeharrt, bis dieser auf dem vor Liebe blinden Weg zu Marie-Theres Kienbauer buch­stäblich über ihn stürzte. Karl-Heinz hatte die senti­mentalen Bücher des Schriftstel­lers über den tierlie­ben Zauberlehrling Edwin Edgard gele­sen und seinen Autor richtig eingeschätzt. Er musste nur noch ein wenig mitleiderregend jaulen, mit treu-traurigen Hundeaugen nach oben blicken, zögernd einen Hin­terlauf nachziehen und hatte gewonnen: Friederb­usch adoptierte ihn auf der Stelle.

Der Rest war einfach. In jeder stillen Adventsnacht, in der Friederbusch daheim schlief und nicht am Schicht­kohl und seiner Marie-Theres naschte, dik­tierte Karl-Heinz nun dem friedlich schlummernden Autor die Ge­schichte vom “Weihnachtshund” und dieser schrieb sie morgens eilig auf, bevor er den spannenden Handlungs­faden wieder ver­gaß, glücks­elig über die Muse, die ihn in seinen Träumen so reichlich mit Einfällen beschert hatte; ohne dass ihm be­wusst wurde, wem er die Einflüsterun­gen wirklich ver­dankte. Er wunderte sich nur jeden Mor­gen über sein nas­ses, vollgeschlabbertes rechtes Ohr.

Der Plan des alten Weihnachtshundes ging auf. Der nai­ve Friederbusch sandte sein Manuskript an den Kienbau­er-Verlag und nahm seinen Hund tatsäch­lich mit zu Ra­benhorn, gemeinsam Überzeugungsar­beit zu leisten. Wo­mit Karl-Heinz allerdings nicht ge­rechnet hatte, war der zwei­felhafte Geisteszustand des Lektors, der sich im Fie­berwahn vom Schreib­tisch wie Tarzan auf seine Jane stürzte und grunzend mit der Kienbauer abgezogen war. Aber das war ja alles gut ausgegangen und er hatte Ra­benhorn dort, wo er sein sollte, in der Kanalisation von Bromberg, wo das Karlnickelungeheuer hauste. Jetzt musste nur noch der Meister gefunden werden!

An einer Biegung teilten sich die Kanäle. Verwirrt stopp­te Karl-Heinz und ließ es geduldig über sich er­gehen, dass Rabenhorn und Ömer Özgür, die er bis­her an seiner Leine hinter sich hergezogen hatte, ge­gen sein Hinterteil rannten. Das waren ihm ja zwei schöne Helden! Ob der Meister da nicht einen Fehler begangen hatte? Ihre gestri­gen Taten waren schon einmal ein vollkommener Reinfall gewesen und hat­ten die Lage nur noch verschlimmert, wenn er an die arme Marie-Theres dachte, die sich nun in den Fän­gen des Monsterkönigs befand … Karl-Heinz schüt­telte das Haupt und schleuderte ein paar Speichelfä­den zur Seite. Jetzt nur nicht ablenken lassen! Er lauschte in die sich ver­zweigenden Gänge und ver­nahm tatsäch­lich aus dem Rechten einen fernen, jam­mernde I-Ah-Ge­sang, der ihm sehr vertraut war:

„Voll fett der Dreck, eh.
Das steckt keiner weg, yeah.
Da hilft kein Doney-Gin, he.
Bald sind wir alle hin – oh, jeh!”

Karl-Heinz stürmte aufgeregt hechelnd los, zog und zerr­te – fast vermochten Rabenhorn und Ömer Öz­gür, die sich erneut an seiner Leine festklammerten, nicht zu fol­gen – und schnüffelte durch die farben­frohe, von Kerzen­leuchtern und Fackeln erhellte Welt. Bald fand er einen Schnal­lenschuh seines Herrn. Und er war nicht leer.

In ihm steckte ein noch immer weißbestrumpfter, aber blutiger Fuß des Karlnalrumpelstilzchens. Hatte es mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde gestoßen, dass es bis an den Leib hineinfuhr und dann in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Hän­den gepackt und sich selbst mit­ten entzwei gerissen? Ömer nahm den Schuh vorsichtig an zwei abge­spreizten Fingern aus dem Schnee.
„Da war wohl jemand schneller als wir. Hinfort, du schnö­der Gallert.” bemerkte er und schleuderte den blutigen Schuh samt übelkeiterregendem Inhalt zur Seite. Raben­horn sah anerkennend zu dem Türken. ‘King Lear‘, dachte er, ’1. Akt, 7. Szene. Hinfort ist ein schönes, ein feines, ein doppelsinniges Wort. Schade, dass die heutigen Autoren es kaum mehr kennen.’ In diesem Moment wurden seine Ge­danken von einem schmelzenden Gesang unterbro­chen, der ganz in der Nähe erklang:

„Ach, Bro, nun ist’s vorbei,
mit der Christmas-Feierei.
Bald ist der big old Tree gefällt,
der Bromberg on the Top erhält.”

Die rote Mütze fiel Karl-Heinz vom Kopf, er sprang nach vorn, und die Nüsse in seinem Sack schaukel­ten mächtig. Rabenhorn, noch immer mit dem Weih­nachtshund durch die Leine verbunden, flog hinter­her. Ömer folgte den bei­den langsamer und sah sich vorsichtig um. Hinter den bei­den trat er aus dem en­gen Gang in eine hohe und gro­ße Halle, sie war so gigantisch, dass der Dönerbudenbe­sitzer ihr hinteres Ende nicht ausmachen konnte. Es ent­zog sich ihm durch einen dichten Nebel, der zwischen den Scheehü­geln waberte. Ömer kannte diese von mäch­tigen Fackeln erleuchtete Höhle, erst gestern hatte er hier gemeinsam mit Rabenhorn und dem Karlnal­rumpelstilz verzweifelt gegen die heranstürmenden Karlnickel-Hor­den gekämpft und ge­rade noch durch einen anderen Gang fliehen können, Ma­rie-Theres und den alten Meister dabei im Stich lassend! Ir­gendwo hier musste auch seine Waffe liegen, der Dö­nerbratspieß, mit dem er den Lektor aus Versehen bewusstlos geschlagen hatte.

Rabenhorn und Karl-Heinz waren inzwischen bei ihrem Ziel angelangt: Sie fanden Carlos Niccolo Diego Pedro La­mentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo, auch Karl-Nickel, der Karlnalrumpelstilz genannt, den Ururururur-Ahn des Lek­tors, mit dem Oberkörper gegen einen mächtigen grauen Esel gelehnt, der jäm­merlich weinte und i-ahte. Er blutete am gesamten, nicht mehr ganz vollständigen Kör­per und lag im Sterben. Doch als er Rabenhorn bemerkte, der sich zu ihm herabbeugte, kam noch einmal Leben in den einst so mächtigen Herrn der Bromberger Unterwelt. Er hob den einen Arm, der ihm noch verblieben war und winkte sei­nen Nachfahren zu sich heran.

„Nun bist du doch wieder gekommen”, flüsterte er mit brechender Stimme. Er versuchte, sich ein wenig aufzu­richten, was ihm nur gelang, weil der Esel sein Gewicht etwas zur Seite verlagerte. „Jan, du musst beenden, was ich in meinem Leichtsinn begonnen habe. Es ist der Fluch der Söhne, die Sünden ihrer Väter zu büßen. Die Vorfah­ren aßen die Trauben, aber den Nachkommen werden die Zähne stumpf. Ich sehe er­freut, du bist heute klar bei Verstand. Drum höre…” Karl-Nickel hustete und kleine Blutbläs­chen bilde­ten sich an seinen Mundwinkeln. Aber noch hatte er die Kraft, fortzufahren:

„Vor gut 800 Jahren, als hier inmitten des Karlnuten-Wal­des auf dem Bromberger Hügel nur ein einziger gewalti­ger Tannenbaum stand, der alle anderen überragte und zwi­schen dessen Wurzelwerk sich die große Höhle gebil­det hat, in der wir uns jetzt befin­den, erprobte ich in mei­nem Wahn meine alchemisti­schen und chymischen Er­kenntnisse, experimentierte mit dem geheimnisvollen Saft El Ixier, der aus dem Lapis philosophorum gewonnen wird. Doch statt Gold formten sich in meinen Leidener Flaschen zufäl­lig die Karlnickel, gefährliche, kleine Bestien, die sich von den Wurzeln des Baumes nährten und ab und an auch mal einen vorbeikommenden Bauern oder Wanders­mann fra­ßen. Später dann, als über uns die Stadt Brom­berg ent­stand, wollte ich meinen Fehler gutmachen und erweckte zur Abwehr der Karlnickel und zum Schut­ze der Men­schen allhier meine Weih­nachtshunde und manchmal auch einen Christmas­donkey…” Das Grautier hinter dem Karlnalrumpels­tilz zitterte und seufzte auf.

„Ruhig, Sam, ruhig… Chill mal, Alter, ich hab’ hier was klarzuchecken. Don’t cry for me”, er tätschelte be­ruhigend den dicken Bauch, auf dem er lag, „im A… von Tina, heh­ehe. Egal.” Er wand sich wieder an Ra­benhorn, der ihm atemlos lauschte.

„Viele Jahre ging alles gut. Weihnachtshunde und Karl­nickel hielten einander die Waage und der Baum – der große Pinkelbaum der Straßenköter von Brom­berg – blieb kräftig und gesund. Doch dann kam das Unglück: Meine Hunde wurden alt und zahnlos und die Karlnickel ver­mehrten sich, sammelten sich, ver­knoteten sich, umwim­melten, ver­bissen und verban­den sich und wurden zum großen Karl­nickelkönig, der dort hinten im Nebel haust und an den Wurzeln des Baumes frisst. Der Baum ist krank, Raben­horn! Er stirbt. Nur noch wenige seiner Wur­zeln halten das Dach dieser Halle und wenn der Karlni­ckelkönig die letz­ten durchnagt hat, dann stürzt uns hier der Him­mel ein. Verstehst du? Bromberg wäre dann nur noch ein großes, tiefes Loch, aus dem sich der König der Karlnickel erheben wird, zu knechten die Men­schen und das Land. Und das am heiligen Abend! Das geht doch nicht.”

Der alte Alchimist und Druide packte seinen Nach­fahren an der Schulter. Feuer stach aus seinen Augen und brann­te sich in Rabenhorns Seele. Ihm war, als würde er in der Stimme Karl-Nickels alle seine Vor­fahren mitrufen hören.

„Ich bin besiegt, in der gestrigen Schlacht geschla­gen. Aber du hast die Macht, den Karlnickelkönig aufzuhalten! Nimm mein Schwert, das ich beim Schmieden in El Ixier tauchte, es hat die Macht, das Karlnickelungeheuer zu zer­schlagen. Das ist deine Aufgabe, deshalb bist du hier!” Der Kopf des Meis­ters sank erschöpft auf seine blutige Schulter.

„Aber…”, stotterte der Lektor. Noch einmal sah das Karl­nalrumpelstilz auf. Er war unendlich müde, das war ihm anzuhören.

„Aber ist ein Wort, das ein Rabenhorn nicht kennen soll­te. Nimm das Schwert, zerschlage die Karlnickel und rette die Frau, die du in den Kanal gebracht hast, bevor der Mons­terkönig sie unter dem großen Pinkelbaum frisst. Du bist unsere letzte Hoffnung!”

Karl-Nickel atmete langsam aus und seine Augen schlos­sen sich. Karl-Heinz, der Weihnachtshund, heulte auf. Sin­gin’ Sam sang:

Goodby, Nickel, schön war die Zeit.
Goodby, Nickel, sei nun bereit.
Du steigst in den Himmel,
der Weg ist so weit …

Rabenhorn erhob sich. Seine Augen suchten das magi­sche Schwert. Es lag nur wenige Schritte ent­fernt im Schnee, warte geduldig auf den Ritter, der es zu führen wusste. Dort stand auch schon Ömer bereit, sein edler Knappe, den Dönerspieß in der Hand. Eine Träne glitt über seine Wan­ge.

Biz gitmek“, sagte der Türke, „lass uns gehen…” Raben­horn nickte. Der Würfel war gefallen.

„Ja. Hinfort die Zweifel. Nicht mehr das Wort, die Taten zählen. Retten wir Marie-Theres, den Großen Pinkelbaum und Bromberg … und die ganze Welt!”

 

[Hier findet sich das Ende der gar schröcklichen Geschichte …]

Ein Kommentar

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 7)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Doch Sahar kämpfte nicht zum ersten Mal gegen einen der Barbaren aus dem unwirtlichen Tudasgart, das zwischen dem Rauen Gebirge und dem Großen Grabenbruch an der Grenze zu den Jenseitigen Landen lag. Junge, ungestüme Kling‘Arta wurden wegen der häufigen Hungersnöte immer wieder von ihren Stämmen, die in primitiven, hölzernen Taboren hausten und untereinander in Blutfehden und Religionsstreitigkeiten verstrickt waren, verstoßen und verdingten sich als Söldner in allen Armeen der Welt. Sie waren an allen Fürstenhöfen begehrte und gefürchtete Krieger, die voller Todesverachtung in die Schlachten zogen.

»Vorsicht, Großer«, murmelte er. »Manche Insekten können stechen!«

Sahar wartete ruhig, bis Wer‘Quer heran war. Dann nahm er seine geballte Hand aus der Tasche und hob sie seinem übermächtigen Gegner entgegen. der nur noch zwei Schritte entfernt war; schleuderte ihm eine Handvoll Salzkörner, die er während seines Märchenvortrags vom Bühnenboden aufgesammelt und dann zu sich gesteckt hatte, ins Gesicht. Er wusste, dass dies ein unfeiner Trick war, aber in einer offenen Auseinandersetzung konnte er dem tätowierten Hühnen nichts entgegen setzen. Das hatte er in seiner Ausbildung gelernt: Es war besser, einen Kampf ehrlos zu gewinnen, als ihn ehrenhaft zu verlieren. Besonders, wenn ein Gegner so überlegen war wie dieser. Der Kling‘Arta stolperte, heulte auf und hielt sich kurz seine Hände vor die Augen. Dabei vernachlässigte er wie erhofft seine Deckung.

Das Ende kam schnell. Sahar sprang ausweichend zur Seite. Gleichzeitig stach er gezielt mit seinem Degen zu und rammte seine fast wie ein Spielzeug wirkende Waffe bis zum Heft durch die breite Brust des Kriegers. Sie durchbohrte das Herz seines Gegners und trat an seinem Rücken wieder aus seinem Leib. Aber der Zusammenstoß, dem der Mönchssoldat nicht mehr ausweichen konnte, war trotzdem heftig. Der abwehrende Fausthieb des Kling‘Arta traf ihn krachend im Gesicht und brach ihm die Nase unter der Halbmaske, die er noch immer trug. Sahar wurde wie ein Sack Wäsche zur Seite geschleudert und stürzte halb besinnungslos in die Rosenbüsche.

Nach einer ganzen Weile war Sahar wieder einigermaßen bei sich und krabbelte aus den Dornen, die ihn zerstochen und seine schicke Galauniform zerrissen hatten. Er richtete sich mühselig auf und wischte sich mit den Ärmeln das Blut vom Mund, das in zwei Bächen aus seiner Nase lief. Ihn schmerzte jeder Knochen im Leib, aber er hatte bei dem kurzen Kampf keine weitere Verletzung davon getragen. Der tote Kling‘Arta kauerte zusammengesunken wie ein grauer Hügel auf dem Boden. Die Arme hingen schlaff herab und er hatte seinen kahlen Kopf, der durch die unzähligen Tätowierungen fast schwarz war, auf der massigen, von Sahars Waffe durchbohrten Brust liegen. Sahar humpelte näher, packte den Griff seines Degens mit beiden Händen und zog an ihm. Erst als er ein Bein zur Hilfe nahm und es gegen den Leib des Toten stemmte, gelang es ihm, seine Waffe zu befreien.

Endlich kippte die Leiche neben Galves lautlos ins Gras. Für jeden, der die beiden so entdecken würde, musste es so aussehen, als hätten sie sich in einem verzweifelten Kampf gegenseitig umgebracht. Sahar reinigte gelassen seine Klinge in der angewinkelten Beuge seines Arms und warf einen mitleidigen Blick auf die Schwalbe von Avril. Der Oberste, dessen durch eine Narbe verursachtes Dauerlächeln sich im Tod noch verstärkt hatte, war ihm sehr sympathisch gewesen und er bedauerte diesen sinnlosen Verlust. Wie würde es nun in der Lamargue weitergehen, nachdem in dieser Macht sowohl ihr Regno als auch die graue Eminenz hinter ihm ermordet worden waren? Würde es einen Krieg mit den Fünf Städten geben? Sahar gab es nur ungern zu: Auch Italmar nutzte diese Schwächung ihres östlichen Nachbarn, der auch das Protektorat über die Provinz ausübte, die altes Kernland des Kirchenstaats war, aber seit der Kokardenrevolution vor dreihundert Jahren selbständig war.

Der Mönch zögerte nur kurz, dann schob er seine Waffe zurück in die Scheide, die er am Rücken unter seiner Kleidung trug und kniete sich zu dem Leichnam hinunter, taste ihn mit professionellen Griffen ab. Sehr schnell wurde er fündig: In einer Innentasche der kurzen Uniformjacke entdeckte er einen in seinem Umschlag steckenden Brief. Es war viel zu dunkel, um ihn auf der Stelle zu lesen und er schob ihn in die Tasche. Nun erschienen ihm Galves gebrochende Augen vorwurfsvoll und er schloss sie sanft, während er ein eiliges Gebet an Oberone, den Herrn des Waldes, sandte.

Obwohl Miladí und ihre mörderische Dienerin einen großen Vorsprung hatten, nahm Sahar trotzdem ihre Verfolgung auf. Er hatte zwar wenig Hoffnung, sie noch einzuholen, aber ihr Fluchtweg war ihn die beste Möglichkeit, selbst unbemerkt aus dem Palast zu schleichen, ohne von der Treuwacht festgenommen zu werden. Schließlich trug er ja noch immer eine lamargische Uniform und sah mit der schmerzhaften Wunde im Gesicht sicherlich nicht sehr vertrauenerweckend aus.

Die hinter einer Efeuwand gut verborgene Pforte in der Gartenmauer erwies sich als ein geheimer Durchgang, den sicher einmal die Diebesgilde geschaffen hatte oder auch ein Namenloser, der sich gerne mit seinem Vezir unerkannt unter sein Volk mischen wollte. Er führte durch ein paar leere Stallungen hinaus auf die Hafenseite des Elfenbeinernen Palasts, wo die schroffe Mauer nur durch einen engen Kais vom an dieser Stelle strudelnd und eilig fließenden Marat getrennt war. Er sah zu dem gurgelnden, schwarzen Wasser eine Mannshöhe unter sich hinab. Hier hatte unmöglich ein Boot oder ein Schiff ankern und die Botschafterin aufnehmen können. Sie war also weiter zu Fuß geflohen. Doch in welche Richtung? Sahar hatte endgültig ihre Spur verloren. Er blinzelte, weil sich in diesem Augenblick jenseits des breiten Stroms über dem Stadtviertel Koras die Sonne erhob und ihre bereits jetzt am frühen Morgen hitzigen Strahlen in sein blutiges und schmutziges Gesicht sandte.

Sahar nieste und zuckte durch den plötzlichen Schmerz zusammen. Sollte Miladí ihm doch durch die Finger flutschen: Er glaubte an den Spruch Baruch im ersten seiner heiligen Bücher, wo geschrieben stand: „Unsere Wege führen zu vielen Kreuzungen und an einer von ihnen werden wir uns wiedersehen“. Darauf konnte er warten.

Neugierig nahm der Adept den bei Galves‘ Leichnam gefunden Brief aus dem Umschlag und entfaltete ihn. Die Handschrift kannte er nicht und die Unterschrift war nicht zu entziffern, aber was dort ein lamargischer Spion knapp und in militärischem Ton geschrieben hatte, warf ein ganz neues Licht auf die Geschehnisse der Nacht. Der Brief war an den Regno gerichtet, hatte diesen aber wahrscheinlich nie erreicht, weil ihn Galves vorher abgefangen hatte, legte dar, dass der älteste Sohn von Raul VI. hier in Karukora lebte und einer kurzen, aber stürmischen Liaison mit einer Palastangestellten während eines Staatsbesuchs entsprang. Noch erstaunlicher war, dass jener Sohn, von dem der Regno nie etwas erfahren hatte, noch vor seiner Hochzeit mit Dora Kahlja gezeugt worden war und deshalb in der Thronfolge noch vor seinen jüngeren Brüdern Raul und Rafik stand und zudem von der mütterlichen Linie her ein Bingh war, also direkt von der Dynastie des ersten Namenlosen abstammte. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, war dieser junge Mann, der Selin hieß, auch noch der Enkel von Alis, Sahars Konkurrenten bei dem Märchenwettbewerb! Der Briefschreiber warnte am Ende eindringlich vor einem angeblichen Plan des alten Märchenerzählers, der die bestehende Ordnung und das Leben einiger Mächtiger gefährden würde. Leider war diese Warnung sehr unklar und verworren.

Wenn das alles stimmte, was er gelesen hatte, waren die Konsequenzen ungeheuerlich und diese Nachricht musste sofort seinem Meister Jac Javac Mauvaise und dem Hohen Rat des Kirchenstaats übermittelt werden. Das war wichtiger als seine Suche nach Botschafter Adelph und dem flüchtigen Meister Siebenhardt, die er, falls sie überhaupt noch lebten, in der durch den Putsch aufgewühlten Wüstenstadt wahrscheinlich niemals finden würde. Das Machtgefüge der ganzen Welt konnte sich durch dieses Schreiben verändern. Sahar musste Karukora so schnell wie möglich verlassen.

Der junge Mönch sollte übrigens der Botschafterin der Oststädte schneller wiederbegegnen, als ihm lieb war. Aber dies ist eine weitere Geschichte …

Ende des 9. Kapitels

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 8)

[Zum ersten Teil]

»Deine existentialistischen Bilder sind zum großen Teil Collagen aus Knochen und Blut. Was für Empfindun­gen willst du mit ihnen wecken?«

»Ich will die Wahrheit darstellen. Farben sind nur Zwi­schenträger. Wenn es mir möglich wäre, würde ich ech­tes Gedärm benutzen. Ich will konsequent die Realität darstellen.«

»Was ist konsequent daran, eine Leinwand mit Blut und Fäkalien, mit Knochen und Erbrochenem zu besudeln?«, fragte ich. Nix erschreckte mich. Was musste in seiner Psyche vorgehen, wenn er die Wirklichkeit auf diese Weise darstellte? Ich hatte noch nie jemanden getroffen, der ein so schreckliches Bild von der Welt in sich trug.

»Ich kann deine Frage nicht eindeutig beantworten, Georg. Vielleicht widerspreche ich mir jetzt selbst«, er­widerte er und kratzte sich hinter dem Ohr. »Du kennst sicher die Theorie, man könne nur durch die Darstellung von Negativem etwas Gutes erreichn. Simone de Beau­voir, die wie niemand anderes die Gedanken von Sartre popularisiert hat, schreibt das in ihren Memoiren über ein Theaterstück ihres Lebensgefährten. Warte, ich kann es dir genau sagen, ich habe mir das extra abgeschrie­ben.« Er holte einen Zettel aus seiner Jeans.

»Ja, hier ist es: ‘Der Schriftsteller soll nicht eine strahlende Zukunft in Aussicht stellen, sondern die Welt so zeigen, wie sie ist, und damit den Wunsch erwecken, sie zu ändern. Je überzeugender das Bild ist, das er gibt, desto besser verwirk­licht er seine Absicht: Auch das düsterste Werk ist nicht pes­simistisch, wenn es im Namen der Freiheit an den Freiheits­sinn appelliert.‘ Das passt gut auf die Gedichte, die An­dernaj macht; ohne dass er sich dessen übrigens be­wusst ist. Deshalb benutze ich auch gerne Textzeilen in vielen meiner Bilder. Ich mache das, weil ich durch die Zusammenstellung zum Nachdenken reizen will. Ich habe noch etwas auf dem Zettel zu stehen. Das ist aus dem Aufsatz Über die Kunst von Bernhard Pritschet. Dort heißt es: ‘Das Optimistische in der Kunst ist die pessi­mistische  Darstellung, durch sie wird die negative Wirklich­keit negiert. Wäre Kunst nur die Darstellung eine positiven Wirklichkeit, die es ja höchstens partiell gibt, handelt es sich nicht um Kunst, sondern um Ideologie.‘ Schau dir unter diesem Gesichtspunkt die Werke von Beuys oder die In­szenierungen von Nitsch an. Das ist in der Tendenz die Richtung, in der ich gehen will. Aber ich möchte noch konsequenter sein, den einen Schritt gehen, der mich weiter als die anderen bringt. Du hast sicher im letzten städtischen Kunstsalon das Objekt von Jan Calva gese­hen: Diese durchgeschnittene Salami aus rotem Wachs, die er in einen alten Schrank gehängt hat.«

Ich nickte. Je­nes belustigende Objekt mit dem bezeichnenden Namen Kastration hatte empörte Debatten unter den Bildungs­bürgern der Stadt erregt.

»Dem Ding, so nett es sein mag, fehlt die Konsequenz. Wenn ich diese Idee habe und so etwas machen will, gut, warum nehme ich dann keine echte Wurst? Oder, noch wesentlich besser, wenn Calva einen echten Penis …«

»Jürgen!«, warf eine weibliche Stimme energisch ein.

Ich wandte mich herum. Eine Frau war von uns beiden unbe­merkt zur Ateliertür hereingekommen und hatte Nix Ausführungen an diesem doch sehr interessanten Punkt unterbrochen. Er stand auf und lief zu ihr hinüber, nahm sie in den Arm.

»Du hast wie immer recht, ich habe mich verrannt. Das ist Theresa«, stellte er sie mir vor. »Und das ist der Jour­nalist, von dem ich dir erzählt habe.«

Der Journalist schmeichelte mir selbstverständlich gewaltig, obwohl ich erkannte, dass Nix sich selbst durch diese Betitlung bedeutender machte. Theresa nickte mir freundlich zu und ich bedauerte, dass ich nicht besser gekleidet war. Sie war eine dunkelhaarige, meist schwarz gekleidete, bleiche und schlanke Frau. Sie war sehr fraulich, sehr at­traktiv und auf sie passte das seltsame Urteil, sie sei be­gehrenswert. Theresa weckte in mir sofort etwas, das ich in Ermangelung eines anderen Wortes Beschützerin­stinkt nennen will. In ihrem Wesen hatte sie viel von ei­nem erschrockenen, kleinen Tier und strahlte auch die Zutraulichkeit und das Anlehnungsbedürfnis einer jun­gen Katze aus. Damals war sie Jürgens Freundin. Ich sollte sie später recht gut kennenlernen. Sie war die einzi­ge in Nix Umkreis, die mir, von einer unangenehmen Ausnahme abgesehen, immer eine gewisse Sympathie entgegen brachte. Sie war sehr intelligent und sehr extra­vagant. Auch sie war übrigens die Tochter reicher Eltern, bei denen sie noch immer lebt. Damals studierte sie Ro­manistik und verdiente sich ihr Geld als Dolmetscherin für die Korrespondenz eines italienischen Fischgroß­händlers. Zusätzlich übersetzte sie für einen Berliner Verlag das gesamte und umfangreiche Werk von Pava­ni, eines nahezu vergessenen futuristischen Dich­ters aus den Zwanziger Jahren.

Theresa kam mit dem schwierigen Nix gut zurecht und ich weiß, dass sie ihn liebte und seine Kunst verehrte. Obwohl ihm in vielen Dingen weit überlegen, ordnete sie sich ihm unter und unterstützte ihn mit ihrer ganzen Kraft, anfangs auch finanziell. Sie hat mir einmal von Sonia Delaunay erzählt, die selbst eine bedeutende Künstlerin war, sich aber ganz für ihren Mann Robert aufopferte, indem sie allein für den Lebensunterhalt sorgte und sehr erfolgreich Stoffmuster und Kleider ent­warf. Das gefiel Theresa, in dieser Rolle hätte sie sich selbst gerne gesehen. Bei einer sonst doch recht emanzi­pierten Frau verwunderte mich diese Einstellung. Viel­leicht war sie einfach noch zu jung und unerfahren; viel­leicht hatte es Nix auch geschafft, ihren Mutterinstinkt zu wecken. Wie dem auch sei, ich hielt es auch damals schon für gefährlich, wenn sich eine sich nach einer norma­len Beziehung sehnende Frau wie Theresa von den Lau­nen eines nach Genialität strebenden Mannes beherr­schen lässt, sich ihm bis zur Selbstverleugnung unter­ordnet. Trotz aller Liebe ist sie Nix wahrscheinlich nie als eine ganz vollwertige Partnerin erschienen. Sie hat sich mehr und mehr in ihrem Bemühen, ihm zu ge­fallen, selbst verloren. Die weitere Entwicklung ihrer Beziehung hat meiner Vorahnung recht gegeben: The­resa hat den Inhalt ihres Lebens verloren, sie fühlt sich von Nix im Stich gelassen und ist seelisch ausgebrannt, verbraucht. Ich für meinen Teil hätte mich gefreut, wenn meine Freundin Christine in ein paar Beziehun­gen mehr von Theresa gehabt hätte. Leider nahm sie meine künstlerischen Anstrengungen nie ganz ernst.

Nachdem Nix und ich nicht mehr allein waren, erachte­te er unser Gespräch als beendet und hatte es sehr eilig, mich und mein Diktaphon los zu werden. Knapp am Rande der Unhöflichkeit komplimentierte er mich rasch zur Tür hinaus. Ich bedauerte das sehr, da das Interview gerade interessant geworden wäre, als Theresa als eine Art Deus ex machina auftauchte. Aber was ich auf dem kleinen Tonband hatte, genügte mir für einen Artikel in der gewünschten Länge. Ich ging sofort in die Redakti­on meiner Zeitschrift und tippte ihn noch am gleichen Abend in den Computer.

Ich habe nicht vor, den Inhalt des Artikels hier Wort für Wort zu wiederholen. Er ist nicht sehr bedeutend und den meisten ist er auch unbekannt. Aber er war der An­lass, aus dem die Bewunderer von Nix die Legende ei­ner verbissenen Feindschaft zwischen uns entwickelten. Daran ist, wenn überhaupt, Folgendes wahr:

Weil ich davon ausging, ein scharfzüngiger und fundamentierter Verriss sei besser als überhaupt keine Kritik oder eine lasche Hofberichterstattung, muss ich im Nachhinein zugeben, dass ich mich etwas im Ton vergriffen habe. Ich war sicher nicht sehr fair und ging nicht freundlich mit den meiner Meinung nach unhalt­baren Auffassungen des Malers um. Ich warf ihm mit vielleicht zu feindseligen Worten seine lächerlich schwarz-weiße, veraltet naturalistische Kunsttheorie, die Schlachthausmentalität seiner Bilder und selbstver­ständlich seine Verwandtschaft mit Dr. Arno Pauli vor. Ich deckte mit Genuss seine wahre Identität auf, wobei ich allerdings seinen tatsächlichen Namen, wie Nix es von mir wünschte, verschwieg. Das war natürlich ein Bildzeitungs-Kniff, denn jedem Interessierten stand es nun offen, seinen echten Namen zu eruieren; aber die Nepotismus-Schlagzeile konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Dennoch stellte ich nie in Frage, dass seine Werke tief empfunden und Kunst waren. Davon war und bin ich weiterhin überzeugt. Ich übernahm auch unver­ändert fast den gesamten druckreifen Wortlaut des In­terviews mit ihm, gab ihm also viel Gelegenheit, sich selbst darzustellen.

Woran ich hauptsächlich Anstoß nahm, war Nix‘ Persön­lichkeit: Ich warf ihm vor, wie der sattsam be­kannte Künstler im berüchtigten Elfenbeinturm die Welt zu seinen Füßen als eine Ansammlung von Schmutz zu betrachte, aber selbst sehr gut und bequem zu leben und sich nie die Finger dreckig zu machen. Dabei be­nutzte ich absichtlich mehrmals das Wort Inkonsequenz, von dem ich wusste, wie sehr es ihn treffen wür­de. Denn ich hatte meine eigene Bürgerlichkeit bei ihm ver­stärkt wiedergefunden und anstatt vor meiner eigenen Tür zu kehren, machte ich auf den Dreckhaufen vor seiner auf­merksam. Ich weiß heute nicht mehr, woher ich die Un­verfrorenheit und all das Sendungsbewusstsein nahm, mit dem ich versuchte, den Künstler Nix mit meinem Artikelchen auf den rechten Weg zu stoßen. Im Nachhinein betrachtet musste das natürlich in die Hose gehen. Ich war zu kei­nem Zeitpunkt unserer Bekanntschaft eine Autorität, die er respektierte.

[Zum 9. Teil …]

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil 2

 

Rabenhorn war gerade einge­nickt, da klopfte es kurz und bestimmt an der Tür. Als sie sich öff­nete, glaubte der Lektor zu träumen:

Seine Mundwinkel klappten nach unten – nicht vor Er­staunen, eher schon aus purem Entsetzen. Durch die Tür schob sich ein riesiger, schwarzer und zotte­liger Hund. Falsch, das war kein Hund mehr: Das war ein Kalb, ein Bär, ein Minotaurus, ein Oger!

Eine Woge muffigen Gestanks nach nassem, unge­pflegtem Fell schlug dem Lektor entgegen, der sich keine ande­re Hilfe wusste, als eiligst auf seinen Schreibtisch zu stei­gen. Rabenhorn hatte Angst vor großen bösen Hunden, und dieser hier war bestimmt der größte und böseste Hund, dem er jemals so nahe gekommen war. Da half es auch nicht, dass das Tier eine Nikolausmütze trug und ei­nen grün-rot gestreif­ten Schal. Der Hund jedenfalls trotte­te nä­her, legte seine riesige Hundeschnauze auf den Tisch, sah treu­herzig nach oben zu dem panischen Lektor und sab­berte genussvoll dessen Tischkalender voll.

„FRÄULEIN WIESENGARD!“, schrie Rabenhorn nach sei­ner Vorzimmerdame. „FRÄULEIN WIESEN­GARD! Hier steht ein gar schrecklicher Hund! Meine Liebe, Sie haben einen Hund in mein Büro gelassen! Bringen Sie das bitte sofort in Ordnung.“

„Wuff“, machte der Hund.

Fräulein Wiesengard jedoch antwortete nicht. Wahr­scheinlich hatte das gigantische Vieh Fräulein Wiesengard zuerst gefressen, bevor er hereinkam. Ob das Monstrum jetzt wohl satt war? Rabenhorn sah sich vorsichtig um. Vom Schreibtisch auf die Fensterbank und aus demselben in die Tiefe sprin­gen? Das war im 8. Stock keine schlaue Idee. Telefo­nieren? Das konnte vielleicht diesen Mörder­hund reizen. Ihn mit Friederbuschs fettem Manuskript in die Flucht schlagen? Das wäre mutig, aber Raben­horn war nicht mutig, keinesfalls schon lebensmüde, aber der Ge­danke hatte etwas. In diesem Augenblick öffnete sich wie­der die Tür. Der leibhaftige Egon M. Friederbusch stand im Rahmen und lachte sich schief.

„Komm, Karl-Heinz, sei lieb“, rief er endlich, „der Onkel will nicht mit dir spielen. Karl-Heinz!“ Er klopfte auffor­dernd auf seine Oberschenkel, doch der Hund ignorierte ihn völlig. Friederbusch zuckte bedauernd mit den Schul­tern.

„Schlecht erzogen, tut mir leid. Er ist mir zugelau­fen.“

Rabenhorn sah von oben auf den Schriftsteller, dann auf den Hund. Langsam wich die Panik. Er wäre jetzt gerne von seinem Schreibtisch herunterge­stiegen, denn er spür­te, dass er sich lächerlich mach­te. Aber ein kurzer Blick­kontakt mit dem Monstrum ließ ihn oben verharren.

„Das ist Ihr Hund, HERR Friederbusch? Ja, sind Sie denn völlig wahnsinnig geworden?“, forderte er kei­ne Ant­wort, sondern Trost; dabei bemüht er sich, lei­se und ruhig zu sprechen, damit der Hund bloß nicht nervös wurde. „Den Esel haben Sie hoffentlich nicht dabei“, fügte er noch mit Galgenhumor hinzu.

„Das nicht, aber etwas viel Besseres …“, erwiderte der Autor.

Die Überraschung war gelungen, auch wenn dem Lektor plötzlich der singende Esel doch lieber gewe­sen wäre: Her­ein schwebte ein strahlender Engel mit einer Tupper­schüssel in der Hand, eine Schneeköni­gin, blond, blauäu­gig blin­zelnd, mit grell geschmink­ten Lippen und nur mit einem langen Nerz, der in der Farbe des Winters schim­merte, be­kleidet: Marie-Theres Kienbauer, wie der Herr oder ein Chirurg sie in einer Schapslaune erschaffen. Sie wirkte auf Ra­benhorn, als käme sie frisch von einer Schönheits-OP und sie schwebte tatsächlich wie ein mit Helium ge­füllter Ballon einige Handbreit über dem Bo­den! Ra­benhorns Kinnlade klappte nach unten, fast wäre er von seinem Schreibtisch gefallen, auf dem er immer noch als die Un­würde in Person hockte.

Die Schneefrau Marie-Theres, Hetäre dieses Schaf­scheiß dichtenden Dichters und gestrenge Chefin, schwebte nicht einem Flöckchen gleich zu Boden, nein, Schwerkraft spielte für sie keine Rolle. Gerade­zu mühelos flog sie jetzt zur De­cke empor und nahm Platz auf der Hängelampe. Dort ent­nahm sie ihrer Tupperdose, die sie mit einem schmatzen­den Ge­räusch öffnete, ein Spruchband, entroll­te es und ließ es von der Decke flattern. Güldene Lettern in Leipzi­ger Fraktur:

Einladung zu meiner Weihnachtsparty mit Schichtkohl, an­schließend menage a trois!

Solche Feinheiten wie den Schriftfont nahm des Lektors geschultes Auge noch wahr, bevor er vom Schreibtisch auf den Sisalteppich stürzte, mit all sei­nen verbliebenen Kräf­ten darum rang, gleich und auf der Stelle ohnmächtig zu werden, aber von Karl-Heinzens feucht-sorgender Zunge und seinem wi­derlichen Mundgeruch daran ge­hindert wurde. Der Monsterhund schleckte ihn hartnä­ckig wieder zu­rück ins Bewusstsein, dem er so verzwei­felt entkom­men wollte.

„Ja, ja, mein Lieber!” Egon M. Friederbusch grinste sar­donisch. „Sie stecken jetzt wohl mitten in einem, will sa­gen: meinem Weihnachtsmärchen. Kommen Sie, genießen Sie das Wunder! Der Höhepunkt war­tet auf uns.”

Und aus weiter Ferne sang dazu ein besoffener Esel:

„Wenn zur Weihnacht die rote Sonne im Meer versinkt,
und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt,
dir ‘n geiler Donkey vom Ufer zum Abschied winkt …“

Dann geriet alles ein wenig durcheinander: Menage a deux! Marie-Theres kam über ihn, und sie wurden ge­schichtet wie Kohl, im Fass gärte ihr Saft zu saftig Weini­gem. Und während sie Karl-Heinzens Zunge englisch brie­ten, im Rosenrot seines Inneren lustvoll schwelgten, klang von draußen das Jingle Bells, das wie das Glocken­geläut ei­ner großen Nikolausver­schwörung über ihre Lei­ber hin­weg fegte. Und dunstvoll roch ihr Gebäck nach Zimt. ge­paart mit dem rosmarinmus der holden mariethe­res. es ge­ronn zu lustvollen. gaumenfreuden. des Riesen­hundes rau­es bellen verhaucht. in der Kehle des Genie­ßers. sein schwanzwedeln. es würzt die suppe der begehrl­ichkeit. zack. sein fell. zack. getrocknet und gepul­vert. zack. lindert husten und schleim. doch wenn er kommt. zackzack-oh. lindert er ihre dürre. ah. und wasser füllt die abendmahl­schale mit wein der frühe der nacht erwacht lacht sacht …

Rabenhorn applaudierte: Was für ein Text! Endlich ge­hobene, erhabene Literatur! Das war moderne Dichtung!

…hallelujatanztenengelgleichchimärenausplatzendenringen. Um die Welt.

Zack!

Hart schlug Rabenhorns Kopf auf dem unnachgie­bigen Sisalboden seines Büros auf.

Gleichzeitig und genau in dem Augenblick, in wel­chem Rabenhorn vor den erstaunten Augen von Egon M. Frie­derbusch und der Verlegerin Marie-Theres Kienbauer mit brünstigen Fieberphantasien von seinem Schreibtisch her­nieder und gen Hölle des Sisalbodens stürzte …

Während sich ihm die Zeit dehnte und er in einem Weih­nachtsrausch befangen, der jedoch nur ein Schwä­cheanfall aufgrund eines überraschenden mit Macht zu Tage treten­den grippalen Infektes war, verursacht durch den Schock, den der Hund in ihm ausgelöst …

Während er von einer Himmelsleiter der Glücks­eligkeit ins Antlitz der Herrn blickte, welcher ihm mit seiner gro­ßen, weichen und feuchten Zunge lie­bevoll ableckte – es war natürlich Karl-Heinz, wel­cher solches tat – und ihm da­bei war, als würde eine getragene Stimme nur für ihn mo­derne Dichtung vortragen, eben da …

… nahm am anderen Ende der Stadt, jenseits des Flus­ses, dort, wo der soziale Woh­nungsbau scheußlich bittre Sumpfblüten wachsen ließ und nur Le­bensmüde und Triebtäter sich des Nachts aus den Häusern trauten, ein Ereig­nis seinen Lauf, das, obgleich sich daran Personen beteilig­ten, die Rabenhorn vollkommen unbekannt waren, später auf das Leben des Lektors einen bedeuten­den, um nicht zu sagen, den bedeu­tendsten Ein­fluss gewann:

Es öffnete sich mitten auf dem Bürgersteig vor einer schmud­deligen und traurigen Döner-Bude knirschend ein Kanaldeckel, klappte dann langsam in die Senkrechte, um anschließend von der Wucht der Schwerkraft gezogen scheppernd auf den Beton zu klatschen. Anschließend stieg ein Mann aus dem rauchen­den und stinkenden Un­tergrund, sich nicht im Geringsten an den Blicken der Fußgänger störend, die einen weiten Bogen um ihn mach­ten. Neugierig sah er sich um und schnüffelte, das Ge­sicht zu einer angewiderten, empörten Grimasse verziehend, in die Luft.

Ömer Özgür, schnauzbärtiger Ostanatolier und stolzer Besit­zer des Bosporus-Imbiss‘, träumte sich gerade frös­telnd aus sei­nem Straßenverkaufsfenster in ein Restau­rant am Strand des sonnen- und wärmeüberfluteten Bo­drum, als sich der Mann aus dem Untergrund wie der leibhaftige Scheitan vor ihm auf­richtete. Ömer war zwar einige seltsame Aufzüge gewöhnt, schließlich wohnten ei­nige seiner besten Kunden in der nächs­ten Straße im Männerasyl, aber solch einen Menschen hatte er noch nie gese­hen.

Der Fremde sah aus, wie sich der theaterbegeisterte Tür­ke den shakespeareschen Macbeth vorstellte: Ein großer, hagerer, dabei kräftiger, in Gliedern und Muskeln stark gebauter Mann – scheinbar in den Fünfzigern. Sein Ge­sicht mochte einmal gut­aussehend gewesen sein, denn noch funkelten die großen Augen unter den schwarzen, buschigen Augenbrauen mit jugendli­chem Feuer hervor. Jedoch seine Kleidung, Mantel, Barett, ge­kräuselter Kra­gen, kurze, aufgeplusterte Hosen, darunter ein dunkelgrün­er Strumpf – hing da nicht etwa auch ein schmaler Degen an seiner Seite? – schienen aus einem an­deren Jahrhun­dert zu stammen. Erstaunlicherweise hatte die seltsame Klei­dung jedoch nicht unter dem Abwasser­kanal gelitten, dem der Mann eben entsprungen war, son­dern war farbenfroh und sau­ber; ein Kunststück, das Ömer durchaus zu schätzen wusste.

„Bin ich hier richtig im bildhübschen Bromberg an der Fiesel, der edlen Fürstenstadt mit ihren wohlgenährten Pfeffersäcken und deren liebreizenden Töchtern? Sprich, Muselmann!”, de­klamierte der Fremde zu Ömer mit schö­ner, gleichwohl schon lange nicht mehr geübt klingender Bassstimme. Und Ömer konnte nur nicken. Solch eine Sprache kannte er von der Büh­ne, nicht aus dem Leben, in dem jeder Deutsche mit ihm so sprach, als sei er dämlich und wäre bereits von einem Konditio­nalsatz überfordert. Wollte der Fremde sich lustig machen und ihn beleidigen oder meinte er sein geschwollenes Geschwätz Ernst?

„Dann, oh Sohn des Propheten, sage mir: Wo kann ich den ed­len Herrn Johann Emanuel Kienbauer finden, der allhier ein an­gesehen Buchgeschäft führt? Sieh, Abge­sandter der Pforte, ich war einige Jahre nicht mehr im Lande und will einem Freund die Hände reichen”, fuhr der Fremde fort und lächelte hinter­sinnig. Ömer hingegen staunte und schwieg, während er für sich die Sätze des Unbekannten in verständliches Deutsch übersetzte. „Aber verzeihe mir meine Ungeduld, rechtgläubiger Herr der Töpfe und Fleischspieße, deren sottene Wohlgerüche gar lecker­lich in meine Nase stechen, der ich einige Jahrhun­derte auf solch feine Genüsse verzichten musste. Ich ver­gaß, meine Wenigkeit vorzustellen.”

Er machte eine dramatische Pause und verneigte sich tief.

„Ich bin Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo“, und der Fremde in den Pluderhosen schlug sich mit Macht auf die Brust, voll­führte dann plötzlich einige seltsame Koboldsprünge, schrumpfte dabei ein wenig und bekam einen Buckel, „aber du darfst mich Karldinal-Rum­pelstilz nen­nen, ich bin’s, der Echte Karl-Nickel! Der Karlni­ckelaus! Du hast sicherlich von mir gehört. Mein Ruf eilt mir voraus. Aber eigentlich, Sohn des Orients, ist Karl-Nickel nicht nur mein Name, sondern auch meine Berufung. Ha! Seit Jahr­hunderten schon züchte ich in den Abwässern dieser schö­nen Stadt Karlni­ckel, eure Abwässer erlauben ihnen näm­lich ein be­sonders langes Leben. Verstehst du?”

„Klar doch, schon krass!” Ömer verstand … Bahnhof. Aber Ir­ren sollte man immer recht geben.

„Das musst du auch, denn wir sind uns gar nicht so fremd. Du betreibst dein Geschäft und ich das meine, mein Freund. Nun höre er mir einfach mal zu:”
Er klatschte im Rhythmus in die Hände.

„Heute koch ich, morgen brau ich und übermorgen ma­che ich der Kienbauer ein Karlnickel! Kommt dir das nicht türkisch vor?”Der Rumpelstilz brach in schallendes Ge­lächter aus! Ömer Özgür konnte nur nicken, obwohl er ei­gentlich den Kopf schüt­teln wollte. Er griff unauffällig nach seinem Schabefleisch­schaber.

„Jedoch”, erneut zwei Sprünge, der Degen schlug Fun­ken auf der Straße; das war furchteinflößend, „vor fünf­hundert Jahren wurde mir langweilig, ewig nur Karlni­ckel zu produzieren. Das sind auch ganz gefährliche Zeitgenossen! Diese kleinen Biester, diese! Mit denen will ich nichts mehr zu tun haben! Wusel, wu­sel, fress, fress, ah! Schrecklich. Folglich verlegte ich mich auf die Auf­zucht von … Trommelwirbel! Je nun, von Weihnachts­hunden. Tada! Und was soll ich dir sagen, mein Freund vom Bospo­rus, nach unerheblichen Anfangsschwierigkeit­en – einige Nach­geburten entwickelten ein Eigenleben und mutierten zu singen­den Schmuseeseln – glückten mir die bes­ten, die langlebigsten und die treuesten Weih­nachtshunde, die unsere Welt je gesehen. Ich bin wahrhaft stolz auf sie, und jeder von ihnen trägt auch meinen Na­men: Karl-Ludwig, Karl-Fried­rich, Karl-Marx und Karl-Heinz. Letzterer jedoch ist nun in eurem lieblichen Brom­berg in geheimer Mission für mich un­terwegs. Ganz ge­heim! Es ist wegen der Karlnickel. Pst! Des­halb, oh mein getreuer Musel­mann, musst du mir helfen.”

Er blickte zurück zu dem Loch, aus dem er eben gekro­chen war.

„Komm mit mir hinab. Allein bin ich zu schwach.”

 

„Und Marie-Theres kam über ihn, wurde geschichtet wie Kohl und im Fass gärte ihr Saft zu saftig Weinigem, während sie Karl Hein­zens Zunge englisch brieten: Hallelu­ja!…”

So hätte Friederbusch schreiben müssen, so wird zeitge­mäß gedichtet! Ich sage nur einen Namen und den mit der nötigen Ehrfurcht: Durs Grünbein! Ha! Selbst in den Gedanken seiner Ohnmacht erfüllte Ra­benhorn noch seinen Job. Durs und nicht anders, und Friedi wäre ein Gro­ßer. Mit einem Weih­nachtshund jedoch, mit Singing Sam, diesem ab­sonderlichen Schmu­seesel und mit gefährlichen Karl­nickeln aus dem Ab­grund wird dieser Schreiber­ling zugrunde gehen … und eigentlich: In Bezug auf sein schamloses Verhalten hier im Büro war das so­gar wün­schenswert!

Rabenhorn erschrak, erwachte fast aus den bunten Bil­dern seiner Phantasmen. Moment, hatte er gerade von langlebigen Karlnickeln geträumt? Was war denn das für ein Unfug? Wie kam er denn darauf? Er kniff seine Augen fest zu. Aber das Fieber ließ ihn nicht los.

Und es ging ein Raunen durch die Straßen. Ein Flüstern durch die Gassen. ER war auferstanden aus den Einge­weiden der Stadt, suchte seinen Nachkommen, um zu ret­ten, was noch zu retten war. ER, der ER seit Jahrhunder­ten rumorte wie schwer­verdaulicher Schichtkohl. Karl-Ni­ckel, der Karldinal­großfürst, genannt Karldinalkaiser und im Volksmund Karl­nalrumpelstilz. Doch jetzt war ER da. Und der Karlnikolaus suchte, schnüffelte, fand. Er war mitten unter uns, mitten im Advent. Angekommen wie angekündigt in den Archiven der Stadt, wo die geheimge­haltene Weissagung hinter sieben Türen ängstlich verbor­gen gehal­ten wurde. ER, der Herr und UR-UR-UR-UR-und-so-weiter-und-so-weiter-und-so-fort-URAH­NE des Geschlechts derer von Ceratias-Corvus.

Und ein Schauern fegte durch die kalten Schluchten aus Schichtbeton und Schichtkohl, durch Nachtschichten und Tag­schichten, durch alle Schichten der schlichten Bevölke­rung.

Aber nur das feine, ahnungsdralle Gemüt des Lek­tors Jan Philipp Rabenhorn erfasste den Ernst der Gegenwart mit einem visionären Blick seines dritten Auges hinter sei­ner fieberigen Stirn: Karl-Nickel war adveniert und er plante etwas! Friederbusch hatte seine Aufgabe erfüllt, Verkünder und Vorbote zu­gleich, er war nur das hohle Gefäß, das der Rumpel­stilz zum Klingen gebracht. Der echte Karl-Heinz leckte ihm über die schweißnasse Stirn, aber das be­merkte er kaum. Rabenhorn sprang im Fieber­wahn auf. Er sah eine blinkende Kienbauer in ihrer halb­en Nacktheit vom Leuch­ter herabsinken.

„Marie-Theres, schnell weg von hier! Er kömmt über dich! Er wird dich nehmen, füllen, schichten wie Kohl. Karl-Ni­ckel, der inkarlnalische, der unter­gründige, er ist aufge­fahren aus den Katakomben. Nichts wie weg hier! Sonst bist du dran!”

Mit diesen Worten fasste er Marie-Theres Kienbau­er, die Herrin des Kienbauer-Imperiums, beim einge­bildeten Schweifstern und schleifte sie zur Tür hin­aus. Frieder­busch und sein Hund blickten ihnen fas­sungslos nach.

 

[Hier geht die unfassbar spannende Geschichte weiter …]

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 6)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

»Wohin so eilig, Miladí da Hiver? Wolltest du wirklich schon vor dem Nachtisch aufbrechen?«

Die schöne Frau, die es sehr eilig gehabt hatte, eine hinter Geißblatt und Efeu verborgene alte Assassinen-Pforte in der Mauer des rückwärtigen Palastgartens zu erreichen, blieb aufseufzend stehen. Sie drehte sich langsam zu Idrichson Galves und Sahar um, die sie ge­rade noch rechtzeitig eingeholt hatten, nachdem sie glücklich dem verzweifelten Kampf der lamargischen Soldaten mit den Treuwächtern im Speisesaal entkommen waren. Miladís Bewegung glichen denen eines Murlons, das sich bereit macht, sich im nächsten Augenblick auf seine Opfer zu stürzen. Hier, unter den hohen Weiden und zwischen den in geometrische Formen geschnittenen Büschen, war die Nacht dunkel und schattig; dem Licht der großen Fa­ckeln auf den Hauptwegen gelang es kaum, die schwarze Düster­nis kurz vor der Dämmerung aufzuhellen. Trotzdem funkelten die Augen der Diplomatin zornig auf. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, denn kurz vor Sonnenaufgang war die Nacht empfindlich kalt, wenn man wie sie nur einen tief ausgeschnittenen, seidenen Sarê trug. Ihren unhandlichen, langen Schal hatte sie längt auf ihrer Flucht verloren.

»Ihr zwei habt mir gerade noch gefehlt!«, keuchte sie und rang um Atem.

Galves trat vor und köpfte lässig mit einer spielerischen Be­wegung seines Säbels eine langstielige Rose, die er auf­hob und sich unter die Nase hielt.

»Ein wenig spät für einen Spaziergang allein im Garten, Gnädigste, findest du nicht? Wir würden uns gerne als deine Begleitung anbieten«, sagte er und sein von seiner Narbe in seine Gesichtszüge geschnittenes Lächeln verstärkte sich. Wer ihn kannte, wusste, dass er sich nun in Acht nehmen musste.

»Ich hätte gut darauf verzichten können, euch zwei Hampelmännern noch einmal zu begegnen«, gab sie wütend zur Antwort.

»Kein Grund, so unhöflich zu sein, Miladí. Fahre dei­ne Krallen ein. Ich hatte von dir mehr Klasse erwartet. Aber so ist das manchmal: Da blüht eine wunderschöne Rose an meinem Weg, aber sie duftet leider nicht und ihre Dornen sind spitz und giftig. Sie stinkt nach dem kotigen Untergrund, dem sie ent­sprungen ist.«

»Wenn ich dein Niveau nicht erreiche, Schwalbe von Avril, was gibst du dich dann weiter mit mir ab? Gehe deines Weges, solange du es noch kannst.«

»Dazu ist es längst zu spät.« Galves ließ die Rose achtlos fallen und nahm seine Kampfposition ein. Sahar stellte sich neben ihn und berührte ihn beschwichtigend an der Schulter.

»Sie scheint nicht bewaffnet zu sein und wir sollten wirklich in Erfahrung bringen, welchen Grund sie hat­te, einen Anschlag auf den Regno verüben zu lassen«, sagte er. Er wandte sich an Miladí, die die beiden spöttisch mus­terte.

»Ich nehme an, deine vermummte Dienerin hat den Bären vergiftet? Wo ist sie eigentlich hin? Wolltet ihr euch hier wieder treffen?«

»Wen stellst du eigentlich dar, Jüngelchen?«, erwiderte die Botschafterin grob. Sie war das Gespräch nun endgültig leid. »Ein einfa­cher Märchenerzähler bist du doch nicht, oder? Bist du vielleicht der Lustknabe von Galves?«

Nun zog auch Sahar seinen schmalen, kurzen Degen, den er unter seiner Kleidung verborgen hinter dem Rü­cken befestig getragen hatte. Er schwang seine Waffe über sei­nen glatten Schädel nach vorne und deutete mit ihrer Spitze auf die Frau.

»Ich heiße Sahar von Italmar. Merke dir diesen Namen gut. Ich suche im Auftrag meines Abbas nach Adelf von Südermar, dem Gesand­ten des Kirchenstaats. Er ist vor einem Monat spurlos verschwunden. Ich will meinen, dass du auch an diesem Verschwinden nicht ganz unschuldig bist, Druşba es Sakr.«

Galves warf einen ungläubigen Seitenblick auf Sahar.

»Du glaubst, sie …«

»Aber ja. Wer denn sonst? Dass mir das nicht vorher klar geworden ist. Ich nehme an, Miladí da Hiver ist für ihr Land das, was du für die Lamargue bist. Sie muss diese uralte Geheimgesellschaft der Kalten Hand wiederbelebt und sich selbst an ihre Spitze gestellt haben. Sie ließ Adelph verschwinden, weil er ihr auf die Spur gekommen ist und irgendwie von den Anschlagsplänen auf den Regno erfahren hat. Da bin ich mir sehr sicher. Aber ich konnte mir bisher nicht vorstellen, dass ausgerechnet die Botschafterin der Fünf Städte hinter dem Mordkomplott steckt. Doch es liegt eigentlich auf der Hand: Nur der Städtebund hat einen wirklichen Vorteil von Tod des Souveräns ihres Nachbarlandes. Die Verhandlungen zwischen der Lamargue und Karukora werden jetzt scheitern. Es wird mit ziemlicher Sicherheit zu einem Krieg zwischen den beiden mächtigen Widersachern des Städtebundes kommen. Ohne sich die Finger allzu schmutzig oder gar blutig zu machen, wird die Regierung in Écuyer ihre Einflusssphären. Wenn die Lamargue vom Krieg ausgeblutet ist, wird die Armee des Städtebundes als Retter dort einmarschieren. Dieses Spiel haben sie schon einmal vor 300 Jahren mit Italmar und der Provinz getrieben. Wenn zwei sich streiten … Ich frage mich nur, ob das Parlament von den Machenschaften ihrer Botschafterin weiß.«

Galves und Miladí hatten schweigend und aufmerksam Sahars Ausführungen zugehört, aber jetzt lachte die schöne Frau auf.

»Wenn ich dem Rat des Bundes so etwas vorgeschlagen hätte, dann würden die alten Leutchen dort noch bis zu ihrem Tod darüber debattieren, ohne zu einem Entschluss zu kommen. Manchmal muss man am Parlament vorbei entscheiden.« Sie deutete vor den beiden Männern eine Verbeugung an.

»Du hast meinen Respekt, Sahar von Italmar. Du bist ein wirklich talentierter Märchenerzähler. Aber du hast eine winzige Kleinigkeit übersehen.«

Es raschelte im Gebüsch an der Seite und Sahar und Galves fuhren erschrocken herum. Ein Messer flog durch die Luft. Es traf den Obersten zielsicher und bohrte sich mit seiner Klinge in die Kehle der Schwalbe, bevor er reagieren konnte. Seine Augen wurden kreisrund, aber da war es schon zu spät. Galves konnte nicht einmal mehr einen Laut von sich geben und war bereits tot, bevor sein Körper rückwärts auf den Boden kippte. Sahar war vor Schrecken starr. Eine dunkle Gestalt richtete sich auf und trat heraus aus dem Unterholz. Es war die verschleierte Dienerin von Miladí. Als sie neben ihre Herrin trat, hatte sie bereits ein weiteres Messer wurfbereit in der Hand, aber Miladí winkte ab. Sie nickte ernst und fuhr fort, als wäre nichts geschehen:

»Du hast übersehen, Adept, dass die Kalte Hand viele Finger hat.“

Dann pfiff sie ein Signal. Eine weitere Person kam aus dem Gebüsch. Es war der halbnackte, tätowierte Kling‘Arta-Leibwächter der Botschafterin, der sich zwischen die beiden Frauen stellte und seiner Herrin etwas in seiner altertümlichen Sprache ins Ohr flüsterte. Der Hühne musste sich dazu herabbeugen, ließ aber den sprachlosen Mönchskrieger dabei für keinen Augenblick aus den Augen. Der gelehrte Sahar verstand die Worte ebenso problemlos wie Miladí und er packte den dünnen Griff seines Degens fester, während er mit seiner anderen Hand wie zufällig in die Hosentasche griff.

»Kadik ost‘A wert? – Soll ich das da erledigen?«

Die Botschaftern warf einen nachdenklichen Blick auf Sahar, dann nickte sie langsam.

»Diese schwarze Schmeißfliegen aus Italmar ärgern mich langsam. Wir treffen uns am vereinbarten Platz. Esnata, komm mit mir. Wer‘Quer wird hier alleine fertig.«

Während sich der Kling‘Arta drohend aufrichtete und seine schaufelgroßen Hände aneinander rieb, rannten Miladí mit ihrer Meuchelmörderin davon. Sahar machte sich bereit. Gegen diesen Koloss hätte wahrscheinlich nicht einmal der Regno eine Chance gehabt.

»Da tu al‘Q ide bahastik! – ich werde dich wie ein Insekt zerquetschen!«, brüllte Wer‘Quer und stürmte wie ein wütendes Woll-Einhorn aus Frostjie auf den kleinen, dünnen Mönch zu.

 

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Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 7)

[Zum ersten Teil]

Nun, ich hatte verstanden, wie das bei ihm war: Er war der degenerierte Spross einer reichen Familie mit langer Buddenbrooks-Tradition. Er war der verhätschelte Sohn, der sich den schönen Künsten zugewandt hatte – die letzte Generation. Von solch einer Geschichte hatte ich schon einmal gehört. Darüber waren ja auch viele Bücher geschrieben worden. Selbstverständlich hasste er seine Klasse. Aber er war sich nicht zu fein dazu, die Vorteile, die sie ihm bot, auszunutzen, obwohl er sich augenscheinlich selbst dafür verabscheute. Ich war in dieser Stadt, die ja eine lange Industrietradition aufweist, bereits ein paarmal solch feinsinnigen Burschen wie ihm begegnet. Das wa­ren Kinder reicher Eltern, die Gedichte schreibend oder marxistische Literatur lesend in Cafés saßen und dem Herrgott den Tag stahlen. Ich kann nicht sagen, dass ich sie nicht mochte, denn sie waren amüsante und scharf­züngige Gesprächspartner, oft großzügig und manch­mal larmoyant, in ihrer Nutzlosigkeit liebenswert. Ich fühlte mich ihnen weit überlegen, weil ich aus eher ärmlichen und proletarischen Verhältnissen kam, von meiner eigenen Hände Arbeit lebte … und, zugegeben, dem Lohn meiner Freundin. Obwohl ich rückblickend sagen muss, dass der Unterschied nur gering war, hielt ich mich selbstbewusst nicht für einen so großen Dilettanten und Schmarotzer wie diese Maden im Speck der Gesellschaft.

Nix stellte übrigens einen anderen, mir bisher unbekann­ten Typus des Sohnes aus guten Verhältnissen dar. Er dilettierte in keiner Weise. Er war ein verbissener Künst­ler und nahm seine Arbeit ernst. Selbstverständlich war er zerrissen: Auf der einen Seite fühlte er die Abscheu vor seiner Klasse, auf der anderen quälten ihn die Kompromisse, die er schloss, um ohne materielle Sorgen arbeiten zu kön­nen. Diese Antipoden mussten ihn früher oder später wie Mühlsteine zwischen sich zer­mahlen. Plötzlich begann ich, Jonas zu mögen.

Ich ließ seine Bemerkung über seine Familie ohne Kom­mentar und vergewisserte mich nur durch einen unauf­fälligen Seitenblick, ob ich vorhin auch wirklich mein Diktaphon in Betrieb genommen hatte. Es verrichtete brav seinen Dienst. Dann betrachte­te ich noch einmal eingehend das Portrait des Kulturre­ferenten. Nein, ich konnte dem Bild nichts abgewinnen. Das Können von Nix überdeckte das Verlogene an der Darstellung dieses Mannes nur. Dieses Gemälde war Propaganda. Pauli würde es lieben, da war ich mir si­cher. Ich sah es bereits auf Pressefotos von ihm im Hintergrund seines Büros hängen.

»Bist du bereit für ein paar Fragen?«, erkundigte ich mich und tat so, als würde ich erst jetzt mein Tonband einschalten. Nix rückte sich zurecht. Er wirkte, als ma­che er sich für eine Fotografie bereit. Ich setzte mich endlich in den zweiten Stuhl und hatte die tiefstehende Sonne im Gesicht, sah von meinem Gegenüber nur mehr einen Schattenriss. Ob er die Stühle bewusst so aufgestellt hatte, um einen Vorteil zu haben? Ich konnte auf jeden Fall nur wenig von ihm und von seinen Reak­tionen auf meine Fragen sehen. Ich hatte diese Fragen in guter Journalistenart bereits schriftlich vorbereitet, aber ich entschloss mich nach einem kurzen Blick auf mein Manuskript, die Notizen nicht zu benutzen und zu im­provisieren. Nur die erste Frage übernahm ich:

»Jonas Nix, du kommst für viele tatsächlich aus dem Nichts und bist selbst Insidern noch unbekannt. Wür­dest du dich den Lesern bitte in ein paar Sätzen selbst vorstellen?«

Ich gebe zu, dass diese und auch die fol­genden Fragen nicht gerade vor Intelligenz sprühten, aber es waren genau die Standardphrasen, die man von mir erwartete und auf die jede Art von Antwort mög­lich war. Nix machte übrigens einiges aus ihnen. Zu An­fang klang er allerdings etwas verunsichert. Er hatte an­scheinend noch nicht sehr häufig ein Interview gegeben und deshalb keine vorgefertigten Antworten parat. Er antwortete auffallend zögernd:

»Ich möchte eigentlich, dass ich das vorerst noch bleibe: ein Mann aus dem Off, aus dem Bauch eines Fisches heraus, ein Unbekannter, eben Jonas Nix. Wichtiger sind mei­ne Bilder, sie sollen für mich sprechen.«

»Gut, das muss man wohl respektieren. Mich würde allerdings doch interessieren, wie ein Unbekannter wie du es ge­schafft hat, die Genehmigung für eine Ausstellung im Rathausfletz zu erhalten.«

»Ich will hier offen zugeben, dass ich ein paar gute Be­ziehungen habe. Ich habe mich nicht gescheut, sie zu nutzen. Ich wäre auch schlecht beraten, wenn ich das täte. Ich will es mal so sagen …«  Er stockte kurz. Was nun folgte, klang ein wenig zurecht gelegt und auswen­dig gelernt:

»Ich habe mich mehrere Jahre in einer Art Klausur sehr intensiv mit meiner Malerei beschäftigt und war dabei wegen früher und negativer Kritiken im­mer unsicher.«

Auch wenn ich es nicht sah, konnte ich deutlich fühlen, wie sein Blick bei diesen Worten sehr scharf auf mir ruhte. Viel­leicht litt ich aber auch unter einem speziellen Jonas-Nix-Verfolgungswahn.

»Ich konnte bisher nur selten meinen eigenen Ansprüchen genü­gen. Ich will nicht unverbindlich dekorative, leicht ver­käufliche Farben und Muster auf die Leinwand pinseln. Ich habe eine Idee, eine konkrete Vorstellung dessen, was ich schaffen will. Ich habe das, was den meisten an­deren in der Postmoderne verloren gegangen ist, nämlich eine originale, eigen­ständige Theorie.«

»Hast du bestimmte Vorbilder, Maler, die du bewun­derst?«, unterbrach ich ihn an dieser interessanten Stelle mit dem Dümmsten, was man einen jungen Künstler fragen kann. Er ging nicht darauf ein.

»Lass mich zuerst den Gedanken zu Ende bringen: Wor­unter das, was ich machte, immer litt, war eine Kluft zwischen Idee und Ausführung. Ich bin handwerklich so gut, dass die Kunstfertigkeit zu oft meine Vorstellun­gen überdeckt. Wegen dieser Diskrepanz habe ich mich bisher nicht entschließen können, vor ein Publikum zu treten. Jetzt bin ich mit meinen Bildern und Objekten zwar immer noch nicht ganz  zufrieden, na ja, mal mehr, mal weniger, aber auf jeden Fall bin ich nun be­reit, mich den Leuten und ihrer Kritik zu stellen. Ich weiß nicht, ob meine Werke bestehen können, weil ich jahrelang nicht aus meinen vier Wänden hinaus gesehen habe. Deshalb mache ich die Ausstellung und ziehe sie so groß, wie es mir möglich ist, auf, um ein breites Spek­trum an Reaktion zu erhalten. Verstehst du?«

»Ich halte es für etwas riskant, sich auf diese Weise in die Hand des doch sehr unberechenbaren Publikums zu geben, aber das ist deine Sache. Kommen wir zu deinen Bildern. Sie sind, soweit ich sie kenne – und um es ge­linde zu sagen –, sehr düster. Es herrscht in ihnen eine bedrückende, ich möchte meinen, gewalttätige Schlacht­hausatmosphäre. Was ist denn nun deine Botschaft, dei­ne Theorie? Wen willst du schockieren?«

»Ich bin der Meinung, dass man in unserer Zeit kaum jemanden schockieren kann. Man kann ihn unter be­stimmten Umständen zum Ekel reizen, aber nachhaltig beeindrucken, verändernd eingreifen, das ist nicht mehr als eine Utopie, die große Lüge der Kunst. Ich habe kei­ne Botschaft in diesem Sinne. Ich möchte in meiner Kunst die Wirklichkeit so darstellen, wie ich sie sehe. Das ist mein Bedürfnis. Das ist der künstlerische Akt, von dem ich glaube, dass ich mit ihm ein Stück Wahrheit schaffe.«

»Du willst also abstreiten, dass die Kunst vor allem eine gesell­schaftspolitische Aufgabe hat?«

Was war das für eine dämliche Frage! Wo hatte ich die nur her? Er stöhnte.

»Das ist ein weites und schwieriges Feld. Um es dir ver­ständlicher zu machen … Eines ist gewiss: Maler entwickeln keine neuen Ideen, diese Künstler sind hier nicht so innovativ wie die Literaten. Sie verändern und beeinflussen kaum, vor allem nicht die Gesellschaft, in der sie ja nur eine Schat­tenexistenz führen. Kunst entsteht zu allen Zeiten allein für eine gewisse Elite, die die Zeit und die Mittel hat, sich einen Künstler als Narren zu halten, der dann ge­nau das von sich gibt, was eben diese Elite zu hören oder zu sehen wünscht. Alles andere wird aussortiert, landet auf dem Müllplatz der Geschichte. Im Mittelalter waren das fast ausschließliche Publikum die kirchlichen Würdenträger, folglich war neunzig Prozent der Kunst religiösen Inhaltes. Dann wurden der Adel, schließlich das Bildungsbürgertum Publikum. Die Kunst ist meist nicht mehr als nur ein Spiegel der Lebenseinstellung der Gruppe, für die sie entsteht. Die Künstler haben ein sehr feines Gespür für Zeitströmungen, ohne Zweifel, sie sind aber oft nur ihr Chronist, praktisch nie ihr Schöp­fer«, sagte Nix und zuckte mit den Schultern. Resigniert fuhr er fort:

»So betrachtet ist Malerei nur eine Dienst­leistung, die ein Bedürfnis befriedigt, vielleicht sogar nichts anderes als eine Hurerei. Aber ich habe mir noch keine vollständige Meinung geschaffen. Es kann sein, dass ich mich mit dem, was ich gerade sagte, etwas ver­rannt habe, aber ich denke doch, dass viel Wahres dabei ist. Sicher, ich bin kein Kunsttheoretiker und meine Ge­dankengänge sind unlogisch und labyrinthisch. Aber mir steht mein eigenes Gefühl, mein Empfinden, im Vordergrund. Du hast meine Bilder düster genannt, weil du sie so empfunden hast. Und das sollen sie unter anderem sein: Eine Art von Empfindungsanregung, ein großzügiges Angebot von mir, etwas Wesentliches zu erfahren.«

[Zum 8. Teil …]

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