Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 23)

[Zum ersten Teil]

»Ich bin gebührend neidisch und beeindruckt«, er­widerte ich, seinen indignierten Tonfall nachah­mend. »Auch wenn ich nicht so ganz verstehe, war­um du nicht gerade begeistert klingst. Hast du dir etwa nicht wie wir alle Ruhm und Reichtum ge­wünscht?« Nix zog verächtlich einen Mundwinkel in die Höhe und sog pfeifend Luft durch die Nase ein.

»Ich habe noch nicht darüber nachgedacht, was ich mir eigentlich wünsche. Wir leben in einem Land, in dem es mir körperlich gar nicht schlecht gehen kann. Wo ich so­gar mit einer tödlichen Krankheit ganz gut leben kann. Das hat aber doch wohl mit dem Kunstmachen nichts zu tun, oder? Es schließt einander beinahe aus. Das ist ein innerer Zwang, eine entnervende Qual in mir und kein beliebiger Broterwerb. Das ist ein schrecklicher Ge­danke. Im Gegenteil, wenn ich es mir ernsthaft überlege: Die Vorstellung, von meiner Kunst wirklich leben zu müssen, macht mich krank«, stellte er fest und sah mich dabei tatsächlich erstaunt an, als wäre dieser Gedanke für ihn selbst eine Neuigkeit. Ich fragte mich, wovon er dann lebte, wenn nicht von seinen Bildern. Hielten ihn seine reichen Verwandten aus? »Das wollte mein Vater immer«, ergänzte er. »Künstler zu sein, sagte er oft, sei die sicherste Art zu verhungern, nicht die schnellste, aber die sichers­te. Für ihn war nur ein reicher Künstler ein guter Künstler.« Er lachte bitter. »Kaufleute! Alles muss sich rechnen.«

»Du hast in deinem Artikel, den du mir vor einiger Zeit zum Lesen gegeben hast, kaum von deinen El­tern ge­sprochen; das habe ich vermisst. Dabei beein­flussen sie doch im Positiven wie im Negativen wie kaum je­mand anderes in den frü­hen Jahren deine Entwicklung. Ob nun mit ihren Genen oder ihrer Er­ziehung, das sei dahinge­stellt. Das sollen die Entwicklungspsychologen unter sich ausmachen. Was für ein Mensch ist denn zum Beispiel dein Vater?«, fragte ich und klang, ich weiß, schrecklich nach Reporter. Ich muss auch zugeben, mich bewog dazu ein profes­sionelles, – ein halb journalistisches und halb literarisches – Interes­se dazu bewog: Vielleicht schenkte er mir noch einmal den Stoff für eine Geschichte. Doch diesen Gefal­len tat er mir nicht.

»Mein Vater ist seit drei Jahren tot«, antwortete Nix fest und trank von seinem Wein. Eine Pause entstand. »Das ist das Beste, was ich von ihm sagen will und auch das Einzige. Im Übrigen glaube ich nicht an die Delega­tionsthese von Stierlin«, fuhr er fort, da mir anzumerken war, dass ich doch noch ein wenig mehr hören wollte.

»Und deine Mutter?«, hakte ich nach. Ein weiteres Mal verstand ich nicht, was er mir eigentlich sagen wollte.

»Gott! Mutter!«, entrüstete er sich. »Wollen wir aus­gerechnet über meine Mutter reden? Als ob es nichts Inter­essanteres gäbe. Sind wir heute deswegen hier? Hätte ich der Öffentlichkeit etwas über meine El­tern sagen wollen, dann hätte ich das in meinem Aufsatz getan, der im Übrigen noch nicht einmal veröffentlicht ist, weil der Chefredakteur bei Metro­polis schon nach der ersten Aus­gabe gewechselt hat. Glaube mir, Georg, ich habe nicht vor, den Leuten die langweilige Wahrheit zu erzählen. Die wollen sie nicht von mir haben. Sie sehen meine Kunst und wollen dazu passende, spannende Geschich­ten hö­ren. Wichtig ist das Bild, das sie von mir gewin­nen, die Mystifikation ist ein unverzichtbarer Teil des Kunstwerks.« Er stockte, kaute nachdenklich an einem Fingernagel. Dabei sah er abgelenkt im Raum herum. Ich blieb stumm, denn ich musste das Gehörte ver­dauen. »Ich glaube auch: Jeder weiß, dass das zum Spiel ge­hört«, sagte er nach einer Weile, aufmerksam ein Plakat an der Wand begutach­tend und dabei meinen neugierigen Blick ausweichend. Dann schüttelte er den Kopf. »Meine Mutter; ausgerech­net.«

»Dann … dann hast du in deinem Aufsatz gelogen? Dei­ne Kindheit war überhaupt nicht so, wie du sie be­schrieben hast? Das war nur ein … ein Märchen?«, fragte ich erstaunt und zweifelnd. Nix wandte mir seine Auf­merksamkeit wieder zu und betrachtete mich interes­siert.
»Du klingst entsetzt. Hast du tatsächlich geglaubt, mei­ne Jugend wäre so grauenvoll verlaufen? Du bist naiver, als ich dachte.« Er lachte erneut, diesmal spöttisch. »Weißt du denn nicht, dass jede autobio­grafische Auf­zeichnung gelogen ist und das nicht einmal bewusst? Unser Gehirn betrügt uns ständig, es ist gezwungen, zu interpretieren und fügt deshalb andauernd die Bilder unser Vergangen­heit auf Kosten der Wahrheit zu einem einigerma­ßen sinnvoll erscheinenden Puzzle zusam­men. Des­halb stimmen Erinnerungen nur selten mit dem wirklich Erlebten überein. Das nennt man Kryptomn­esie.« Nix erzählte mir noch einiges zu diesem Thema, er schien gerade einen Zeitungsartikel darüber gelesen zu haben. Aber ich hörte ihm kaum zu. In diesem Moment war ich wirklich beleidigt und böse auf ihn. Dann aber fiel mir ein, dass es für mich vielleicht das Beste war, wenn er seine Jugendgeschichte erlo­gen hatte. Wenn dies so war, was ich allerdings be­zweifelte, konnte er mir nicht böse sein, dass ich mich mit meiner Erzählung an seinen erfundenen Geständnissen orientiert hatte.

»Aber ich kann dich beruhigen«, fuhr er abschlie­ßend fort, »ein wahrer Kern bleibt bestehen. Ist das Ganze auch nicht wahr, habe doch ich es erfunden: Das Gefühl zumindest ist echt, es ist der faule Kern der schönen Frucht. Um es mit Augustinus zu sa­gen, ist dies alles eben auf eine Weise wahr, weil es auf eine andere Weise falsch ist.«

»Du wolltest mich sprechen«, erwiderte ich, kühl das Thema wechselnd. Er ging sofort darauf ein und nickte nachdenklich.

»In der Tat. Weißt du, wer alles in der Jury der Weis­sensteinerlesungen sitzt? Ich meine, außer dem Klammer na­türlich, dessen Protegé du bist«, fragte er. Mir wurde et­was unbehaglich zumute. Die Na­men der  Jurymitglie­der waren im Gegensatz zu de­nen der lesenden Auto­ren noch nicht öffentlich be­kannt gegeben worden. Das war Tra­dition und sollte Ein­flussnahmen vor Beginn ausschlie­ßen. Ich sagte ihm dies. Ob Theresa ihr Versprechen ge­brochen und er meinen Text wohl doch gelesen hatte? Nix zuckte mit der Schulter.

»Da zeigt es sich, dass sich eine Verwandtschaft mit dem Kulturreferenten lohnt. Ich kenne die Jury«, er­widerte er gelassen. »Mein Onkel hat mich in die Liste ih­rer Mitglieder und der anderen Teilnehmer sehen las­sen. Ich war sehr überrascht. Du hast also noch keine Ahnung?« Ich verneinte.

»Neugierig?« Ich nickte unwillig und schürzte die Lippen. Muss­te er mir eigentlich immer wieder demonstrieren, wie überle­gen er war? So schafft man sich keine Freunde. »Weißt du, wer Karl Maria Pauli ist?« fragte er und lehnte sich bequem zurück.

»Du hast mir von ihm erzählt. Er ist dein Großva­ter.«

»… und einer der reichsten Männer der Stadt, ge­nau. Er ist der Vertreter der Wirtschaft in der Jury.«

»Versteht er denn etwas von Literatur?«, fragte ich, denn ich hatte den Namen dieses Mannes in Zusam­menhang mit Kunst noch nie gehört. »Oder ist es nur die übliche Augsburger Klüngelei?«

»Beides. Die Follia-Werke, deren Vorsitzender mein Opa war, haben in diesem Jahr aus Reklamegrün­den vor, bei den Weissensteiner-Lesungen einen ei­genen Preis auszusetzen, fünftausend Mark, um ge­nau zu sein. Das ist nicht überwältigend, aber um sich einen Ruf als Kunstförderer zu besorgen, reicht es aus. Kein Image ist billiger zu haben. Natürlich muss deshalb jemand aus dieser Firma dabei sein. Da mein Opa ein sehr distin­guierter, älterer Herr ist, zudem nicht zur Gänze unbe­rührt von Literatur­kenntnissen, ist er der ideale Mann, seine Firma zu repräsentieren«, führte Nix aus. Ich schnalzte er­freut mit der Zunge.

»Dann lohnt es sich diesmal also auch finanziell, an den Lesungen teilzunehmen«, stellte ich fest und er­freute mich an dem Wunschtraum, von den ausge­setzten Gel­dern einen Anteil in die Hände zu bekom­men. Na­türlich war diese Vorstellung nur eine Schi­märe, denn je­mand, der zum ersten Mal teilnahm, konnte nicht ge­winnen, selbst wenn das Werk, aus dem er las, besser war als das der anderen und nobelpreisverdächtig. Ich habe es schon erwähnt: So funktioniert das hier nicht, nicht in der Musik, nicht in der Malerei und vor al­lem nicht in der Literatur. Ich konnte mich nur zu gut an die Ausführungen Favelkas zu diesem Thema erinnern. Und Nix zerstörte auch so­fort meine Hoff­nungen:

»Werde nicht übermütig. Vergiss nicht, dass auch Mar­kus Wimperle liest. Dieser Papagei kann schon jetzt da­mit beginnen, das Preisgeld auszugeben – so sicher ist es, dass er gewinnen wird.«

[Zum 24. Teil …]

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Ein Kommentar

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 13)

[Zum 1. Teil]

Als Oblow sich also drohend in Begleitung seiner Schläger vor uns aufbaute und herrisch seine For­derungen stellte, grinste mein Freund nur, steckte den Brocken Schokolade, den er mit mir teilte, weg und rammte Semjon anschließend voller Genuss und Wucht den Griff eines Löffels, den er bereits am ersten Abend eingesteckt und an einem Feuer­stein sorgfältig zu einer scharfen Doppelklinge zu­recht geschliffen hatte, in den Oberschenkel. Zufall oder nicht: Er erwischte dabei eine Hauptschlag­ader, das Blut spritzte wie aus einem Trinkbrunnen und der Kerl wäre beinahe zu unseren Füßen ver­blutet. Bevor sich seine Kumpane von der Überra­schung erholt hatten, wirbelte Fedor seine primiti­ve, blutige Waffe herum und zerschnitt dem Nächststehenden von ihnen das Gesicht. Es bleib den anderen gar nichts anderes übrig, als sich die beiden vor Schmerzen schreienden Verletzten zu packen und panisch das Weite zu suchen. Auch hier griffen die Aufseher übrigens nicht ein. Nur Artjom trat später bescheiden und, unter seinem gewaltigen Räuberbart versteckt, verschmitzt lächelnd an uns heran und forderte die Aushändigung des improvisierten Messers. Wahrscheinlich gönnten er und seine Kollegen Semjon diese Abreibung, denn er trieb es wirklich zu arg und seine Bande war auch für den Toten in der Latrine verantwortlich. Jedenfalls hatte der Gauner, nach­dem er nach geraumer Zeit die Krankenstation wieder verlassen konnte, seine Lektion gelernt, benahm sich viel zah­mer und machte einen weiten Bogen um Fedor und seine Schützlinge. Mein indigener Freund hatte bald fast die gesamte 6. Baracke unter seine Fitti­che genommen und wurde von den Mitgefangenen wie ein Held gefeiert. Er nutzte übrigens das entstandene Machtvaku­um nicht aus, sondern lebte weiter, als wäre sein plötzlicher Gewaltausbruch nie geschehen. Mir hat er auch einmal erzählt, dass nicht er, der grundgü­tige Pazifist Fedor, sondern sein zweites Ich Peptej für die Attacke verantwortlich zeichnete. Der Scha­mane sei wesentlich aufbrausender und rachsüch­tiger als er, erklärte er mir seine seltsame Schizophrenie. Wer auch in ihm für seine unvermuteten Gewaltausbrücke verantwortlich war, seit die­sem Moment wurden wir von den anderen Gefan­genen und auch von den Aufsehern mit Respekt behandelt. In unseren Suppen schwammen plötz­lich Fleischbrocken und das Brot, das vorher so hart gewesen war, dass man es zuerst eine Viertelstunde einspeicheln oder in Flüssigkeit tränken musste, bis man es kauen und schlucken konnte, war frisch und weich. Auch ein zweites Problem fand dadurch eine Lösung: Man ließ von da an unsere wenigen Habseligkeiten und Schmuggelgüter in Ruhe, die durch die Lastwagenfah­rer, die Lieferanten und selbstverständlich auch durch die Wächter selbst von außen hereinkamen und heimlich gegen unsere kargen Tabakrationen gehandelt und mit merkwürdigen Fundstücken aus der Grube getauscht wurden. Wir mussten uns nicht mehr in jeder Nacht ein neues Ver­steck für unsere Schätze überlegen. Wie gesagt, ohne Fedors Unterstützung würde ich heute nicht als über Achtzigjähriger in diesem Heim sit­zen können und über meine Vergangenheit schreiben.

Noch unabschätzbarer war seine Hilfe bei der schweren Grubenarbeit, zu der man uns nach dem kaum heruntergeschlungenen Essen auch bei -30°C und noch tieferen Temperaturen zwang. Auf die durchdringende Sirene hin, die ich bereits an meinem ersten Morgen zu hassen lernte, mussten wir uns abmarschbereit wie am Abend vorher vor unseren Hütten aufstellen. Wehe, einer kam zu spät! Dann wurde er ohne Gnade mit Ochsenzie­mern und Plastikknüppeln weichgeschlagen und musste den Rest des Tages in einer der Bestra­fungszellen verbringen. Das waren winzige Kästen aus Wellblech, die wie Taubenkästen auf einem Ge­stell standen und in denen man weder richtig ste­hen noch sitzen konnte. Sie boten auch keinen Schutz vor der klirrenden Kälte.

An diesem Morgen waren jedoch alle pünktlich und nach dem Appell nahm sich jeder sein ihm zu­gewiesenes Werkzeug auf die Schulter und ging mit seiner Kolone im Gleichschritt zum Tor hinaus. Das Lied des Tages waren die „Wolgaschiffer“:

„Эй, ухнем! – Ei, uchnem!“

Ein paar hundert Meter weiter trennten sich die Gruppen, deren Wege von ihren Aufsehern mit Lampen beleuchtet wurden, das es noch einige Stunden dauern würde, bis ein wenig spärliches Licht in unsere Ausgrabungsstätte fiele. Wir such­ten unsere Arbeitsplätze rund um den in die Tiefe ge­buddelten Trichter auf und begannen unser Ta­gewerk, das, von zwei halbstündigen Pausen unter­brochen, zwölf Stunden dauerte, bis die Abendsire­ne uns zurück ins Lager beorderte.

Unsere Aufgaben waren einfach, aber anstren­gend, und sie brachten mich in wenigen Stunden an den Rand meiner ohnehin nicht großen und durch unseren langen Transport nach Sibirien geschwächten körperlichen Leistungsfähigkeit. Wie in einer archäologischen Ausgrabungsstätte trugen wir dort mit zwei weiteren Gruppen auf dem ellipsenförmigen Grund der Gru­be täglich mit Pickeln, Spaten und Schaufeln etwa zehn auf zehn Meter große Bodenflächen ab, die mit Karren auf einen höher gelegenen Ort gezogen wurden, wo sie sorgfältig gesiebt, mit Metalldetek­toren überprüft und erst danach mit Schubkarren zu den auf der Serpentinenstraße bereitstehenden Lastwägen gebracht wurden. Bei dem ersten Aus­hub wurden nicht wie weiter oben auf den Terras­sen über uns Bagger oder anderes schweres Gerät eingesetzt, sondern vorsichtige Handarbeit geleis­tet. Die Arbeitsplätze wurden übrigens jeden Abend neu mit gespannten Seilen in Planquadrate unter­teilt, über die genau Buch geführt wurde.

Wie gesagt, eine Knochenarbeit! Ach, schon bald lehn­te ich mich in immer kürzeren Abständen keuchend und nach Atem ringend auf das Querholz meines Schaufelstiels und dampfte Schweiß und meinen Atem wie eine dichte Nebelwolke über mir aus, als weiter in mei­nem markierten Viertel die schwere Erde abzutra­gen. Dafür war ich nicht gemacht! Obwohl Fedor mein Nachbar zur Rechten war und sich nicht nur um sein eigenes Erdloch, sondern auch heimlich um meines mitbekümmerte und damit die Arbeit von zwei Männern erledigte, geriet ich bald in Verzug und meine Schwäche wurde selbstver­ständlich von den Aufsehern bemerkt. Zuerst wur­de mir zornig mit Essensentzug, dann mit einer Nacht Einzelhaft in den Bestrafungszel­len gedroht und als sich dadurch kein größerer Ar­beitsfleiß bei mir einstellte, bekam ich jedes Mal ei­nes mit dem Gummiknüppel übergezogen, wenn ich ein wenig verschnaufte. Ich fürchtete die Schläge, aber was sollte ich denn machen? Ich war ja nicht faul, sondern vollkommen ausgelaugt. Irgendwie gelang es mir jedoch, bis zur Vormittagspause um 11:00 Uhr durchzuhalten. Nicht nur ich, sondern alle an­deren auch ließen sich rückwärts auf die aufge­häuften Erdhügel fallen, rauchten ihre Selbstge­drehten und löffelten schmatzend die vom Früh­stück mitgebrachte, inzwischen längst kalte Suppe, die tranig und zäh wie eine tote Qualle in ihren Blech­näpfen schwappte. Aber man schenkte uns reich­lich Tee aus. Er war immerhin lauwarm, stark, bit­ter und großzügig mit Rübensirup gesüßt.

Der brave Aufseher Onkelchen Artjom hatte sich die ganze Zeit über in seinem wundervollen Bart gekrault und meine Qualen stumm und ohne Einzuschrei­ten beobachtet; doch nun trat er an mich heran, schenkte mir heimlich aus einem kleinen Flach­mann, den er im weiten Ärmel seiner gefütterten Jacke versteckt mit sich trug, nach, schimpfte dann der Form halber ein wenig über meine Faulheit und teilte mich ei­ner Gruppe zu, die den Aushub siebte und zu den Lastwägen brachte. Obwohl die Erde hier im Un­tergrund halbgefroren, fett, torfig und klumpig war, war dies eine wesentlich leichtere Aufgabe, als sie mit der Hacke aufzubrechen und mit der Schaufel auszugraben. Der mit dem hochprozentigen Schnaps verdünnte Tee brannte zwar wie Feuer in meiner Kehle und ließ mich hus­tend nach Luft schnappen, weckte aber auch meine Lebensgeister wieder und wärmte mich von in­nen auf. Meine dahin von Spatenstich zu Spatenstich sinkende Hoffnung, ich würde die Strapazen meines ersten Tages im Gulag schon irgendwie überstehen können, stieg mit dem Sodbrennen, das der Alkohol in meinem Magen aufkochte. Dankbar nickte ich dem guten Onkel­chen Artjom zu, der sich jedoch schon von mir ab­wandte und einen anderen, ähnlich schwachen Sträfling auf seine menschenfreundliche Weise ab­kanzelte.

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[Zum 14. Teil …]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 22)

[Zum ersten Teil]

Ich war noch nie bei dieser Veranstaltung gewesen; war nicht einmal im Publikum gesessen. Ich gebe es zu: Ich klage zwar wie alle anderen über das mangelnde Kunstinter­esse der Bürger von Augsburg – das ist ein unbedingter Reflex bei allen, die in der Schwabenmetropo­le wohnen, ich bringe aber nur selten den Elan auf, an den ohnehin seltenen Veranstal­tungen teilzuneh­men. Dass ich nun dort aus mei­nem unveröffentlichten Erstlingswerk lesen und mich einer Jury stellen durfte, lag, wie gesagt, an Klammer, dem die Wettbewerbs­bedingungen erlaub­ten, einen Schützling vorzuschla­gen. Warum er sich dabei ausgerechnet für mich ent­schied, war eine sei­ner einsamen Entscheidungen, deren Beweggründe wie immer im Dunklen blieben. Da ich mich noch heute mit ihm über meine literarischen Er­zeugnisse austausche und – soweit dies mit ihm über­haupt möglich ist – so etwas Ähnliches wie ein per­sönliches Verhältnis zu ihm aufgebaut habe, glaube ich, er tat es nicht, um sich über mich lustig zu machen. Wahrscheinlich tat ich ihm leid. Wie dem auch sei, ich bekam von ihm eine offizielle Einladung ge­schickt und mein Name erschien bald darauf mit Bild und Kurzbio­grafie in der Zeitung – neben den an­deren glücklichen neun „jungen” und „aufregenden“ Autorentalenten, die in die Shortlist gekommen waren. Dies erreg­te einiges erstauntes Auf­horchen bei meinen Be­kannten und wertete mein ange­kratztes Image or­dentlich auf. Stehst du in der Zeitung, bist du für ei­nen Tag existent, egal, was du vorher ge­macht hast. Es gibt hier am Ort Politiker, die müssen sich min­destens einmal in der Woche im Lokalteil abge­bildet finden, um sich davon zu überzeugen, ob sie noch leben.

Der erste, der mich anrief und mir gratulierte, war Rai­ner Werner. Er hob damit offiziell mein Schreib­verbot bei seiner Zeitung auf und äußerte sich ver­wundert dar­über, dass ich so lange keinen Artikel mehr für ihn ge­schrieben hätte. Es war mir eine Ge­nugtuung, ihn über­heblich und unfreundlich abzu­wimmeln. Das war mei­ne kleine persönliche Rache. Ich muss allerdings einge­stehen, dass ich Werner damit nicht weiter weh tat und nur eine Gelegenheit verpasste, mal wieder auf leichtere Weise Geld zu verdienen. Aber diese Abfuhr, auch wenn sie eine nutzlose Geste war, war ich meiner Selbstachtung schuldig. Meine Freundin sah das übri­gens vollkommen anders.

Der Nächste, der mich anrief und mich um ein drin­gendes Treffen bat, war zu meiner vollkommenen Überraschung Jonas Nix. Er tat am Telefon recht geheimnisvoll und sprach von einer günstigen Gelegen­heit, endlich einmal gemeinsam etwas be­wegen zu können. Er­neut wirkte er so, als habe er keinen Groll mehr gegen mich und freue sich, sich wieder mit mir treffen zu können. Obwohl er mich wortreich zu sich einlud, war mir ein neutralerer Ort mit Publikum lieber. Des­halb verabredeten wir uns für den nächsten Abend im Annapam, einer Studentenkneipe mit Wohnzimmerat­mosphäre in der Altstadt, die auf halb­em Weg zwischen unseren Wohnungen lag.

Obwohl ich mir vorgenommen hatte, mich auf kei­nen Fall als Erster am Treffpunkt einzufinden und erst zwanzig nach acht in dem Lokal auftauchte, war in der gutgefüllten Gaststube keine Spur von Nix zu entde­cken. Er kam erst gegen neun, als ich bereits darüber grübelte, ob er mich versetzt hatte oder als pünktlicher Mensch längst vor meinem Er­scheinen gegangen war. Ich saß mit meinem Bier re­lativ ungemütlich an einem Tisch bei vier Schülerin­nen, die sich seit geraumer Zeit über Musikgruppen unterhielten, von denen ich noch nie gehört hatte. Es war sonst kein Platz mehr frei.

Als Nix kam, nahm ich mein Bier in die Hand, um mir mit ihm gemeinsam einen neuen Platz zu su­chen, aber er fasste mich geheimnisvoll lächelnd an der Schulter und drückte mich zurück auf den Sitz meines Stuhls. Dann griff er in die weite Tasche sei­nes Blaumanns, den er trug und holte eine ausgebeulte Versandta­sche hervor, die er öff­nete und aus der er etwas zu Tage förderte, das in Form und Konsistenz entschie­den an Hundekot erinnerte. Er ließ das klebrige Zeug nachlässig mitten auf die Tisch­platte klatschen und wischte sich den braunen Schmutz, der dabei an seinen Fingern kleben blieb, wie selbstver­ständlich an der Tischdecke ab. Damit hatte er die unge­teilte Aufmerksamkeit aller. Das Gespräch der Mädchen verstummte sofort. Dann begann Nix tatsächlich ein kurzes Gedicht zu zitieren, das ich als ein Stück von An­dernajs Verbrauchslyrik identifizierte. Es hatte in ge­wohnt direkter, äußerst pornografischer und ekel­erregender Wortwahl einen sodomitischen Verkehr mit ei­ner Dogge zum Thema. Hätte Jonas eine Bom­be am Tisch explodieren lassen, wäre die Wirkung keine ver­heerendere gewesen. Die Schülerinnen be­kamen rote Ohren, starrten atemlos und entsetzt auf den Haufen Schmutz vor ihnen und flüchteten nach einer langen Schrecksekunde in Panik vom Tisch. Sie taten mir leid.

»Nicht wahr, so etwas steht nicht in der Bravo?«, rief Nix ihnen hinterher. »Ihr müsstet mir dankbar sein. Ich habe eurem Leben eine Erfahrung ge­schenkt, eine Erin­nerung, die bleibt.«

Die Mädchen retteten sich wie verschreckte Hüh­ner an die Theke und berichteten aufgeregt der Wir­tin, was dieser Unhold ihnen angetan hatte. Ich er­wartete, dass diese uns wutentbrannt mit einem Lo­kalverbot belegen würde, aber sie lächelte nur, sprach im Gegenteil beru­higend mit den Mädchen, spendierte ihnen ein Getränk und kümmerte sich für den Moment nicht weiter um uns. Nix setzte sich lässig neben mich.

»Das klappt immer, wenn man einen Sitzplatz will«, sagte er. »Freilich muss man wissen, wo man das macht. Ich bin hier ein guter Gast.« Ich konnte mir nicht helfen. Ich musste lachen.

»Was, zum Teufel, ist das?«, fragte ich, vorsichtshal­ber zurückgelehnt, auf den verblüffend echt wirken­den Fä­kalienersatz auf dem Tisch deutend. Nix legte den Zei­gefinger auf den Mund.

»Das ist ein Betriebsgeheimnis«, sagte er. »Aber es sind unter anderem selbstgefertigte Knetmasse, Mondamin – brauner Soßenbinder, Cola und eine Menge aufgeweicht­er Salzstängel drin. Aber nur die vom Aldi kleben richtig gut.« Sorgsam schlug er die Paste wieder ins Pa­pier, schob sie in den Umschlag und zurück in die Ta­sche. »Wenn ich doch auch noch den Geruch hinkrie­gen würde …«

»Dann könntest du gleich echte Scheiße nehmen«, schlug ich vor.

»Wobei wir mal wieder beim Thema sind, nicht wahr? Denkst du wirklich, ich hätte noch nicht dar­an gedacht? Ich glaube allerdings, ich mache mir keine Freunde, wenn ich hier Scheiße auf die Tisch­platte klatsche. Aber natürlich, auf der anderen Sei­te …« Er wollte sich noch näher erklären, aber er unterbrach sich, weil ihm die Wirtin, eine gut kon­servierte Frau Ende Vierzig, persön­lich ein un­bestelltes Glas Wein an den Tisch brachte. Dabei beugte sie sich nahe zu ihm herab, fuhr ihm mit der Hand zärtlich durch das fettige Haar und stellte lei­se mit gutgelaunter Stimme fest, dass er nicht immer ihre Gäste erschrecken solle. Als einzi­ge Antwort um­armte er sie und fasste ihr dabei fest an die fülligen Brüste, wog sie einen Augenblick ge­nießerisch in der Hand. Die von mir erwartete Ohr­feige blieb aus, sie wand sich mühelos und geschmei­dig aus seiner Um­klammerung und tänzelte zurück zur Theke, der ihr fol­genden bewundernden Blicke der männlichen Gäste si­cher. Da ich davon ausging, dass sie sich nicht von allen in dieser Weise betat­schen ließ, war Nix hier offensicht­lich tatsächlich ein guter Gast. Ich fragte ihn nicht, ob Theresa von seinem intimen Umgang mit dieser Frau wusste, denn das ging mich nichts an. Aber neugierig war ich doch. Vielleicht konnte ich aufgrund dieser Beoba­chtung meine Beziehung zu Theresa auf eine andere Stufe stellen. Nix führte also auch ein Boheméle­ben. Das war ein Zug an ihm, der mir neu war. Ich konnte mir allerdings eine anzügliche Bemer­kung nicht verkneifen und beugte mich verschwöre­risch zu ihm:

»Ich sehe, es geht dir nicht schlecht, Jonas«, stellte ich lächelnd fest. Nix kratzte sich am Hals.

»Aber ja. Ich bin gesund, schlafe gut, der Kühl­schrank ist voller Lebensmittel, ich habe regelmäßi­gen Stuhl­gang und Geschlechtsverkehr und meine Bilder verkau­fen sich. Ich habe übrigens die Nach­frage einer Galerie in Sydney erhalten, die sich ernsthaft für meine Kunst interessiert. Auf welchen Wegen die von mir erfahren haben, ist mir ein Rät­sel. Und das Wichtigste: Meine Mutter ist stolz auf mich«, stellte er nachlässig fest. Er klang ein wenig verschnupft.

[Zum 23. Teil]

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – Prolog (Schluss)

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

[Zum ersten Teil …]

Nur raus hier!

Esda verließ ihr Versteck und wankte benommen zur Tür. Sie fürchtete sich nicht mehr vor einer Entdeckung durch die beiden Arbeitsamen, die nur noch lallend auf dem kalten B‘Ton lagen und alle Viere von sich streckten. Nicht wie erhofft die Wahrheit, sondern Sabber und Schaum quollen ihnen nun aus den Mundwinkeln. Berg und Torm hatten ihre Iris so noch oben verdreht, dass nur noch das Weiße der Augäpfel unter ihren flackernden Lidern zu sehen war. Die grausige Kaliemma selbst hätte jetzt vor ihnen tanzen und damit beginnen können, ihnen mit ihren spitzen Sägezähnen die Köpfe abzubeißen, um sie auf ihrer Halskette aufzufädeln – die beiden Samer hätten es nicht bemerkt.

Bei jedem Schritt stolperte sie, aber schließlich erreichte Esda die Tür, die nur angelehnt war. Obwohl sie am Liebsten durch sie hindurch gesprungen wäre, öffnete sie sie nur einen Spalt, damit sie vorsichtig nach draußen spähen und gleichzeitig wieder reinere Luft einatmen konnte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich nicht alles mehr um sie drehte. In dem breiten Gang draußen brannten zwar Fackeln und Deckenlichter, aber es hielt sich gerade niemand in ihm auf. Nach rechts endete er nach ein paar Schritten vor einer weiteren Metalltür, nach links schien er sich nach ungefähr fünfzig Metern zu einer größeren Halle zu erweitern. Von dort hinten drangen Geräusche und Gesprächsfetzen von vielen Menschen an Esdas Ohren und jemand spielte auf Trommeln und Flöten eine eintönige Musik.

Wie konnte es ihr gelingen, sich dort unerkannt durch die Samer hindurchzuschleichen und dabei gar den Gefangenen zu befreien, dessen Zelle sie in der Höhle vermutete. Sie schöpfte weiter Atem und überlegte ratlos. Sie musste dabei noch immer gegen die Auswirkungen der giftigen Milchdämpfe ankämpfen, die wie ein wabernder Nebel auf ihren Gedanken lasteten und diese schwerfällig und verworren machten. Was war das Negradi in unverdünntem Zustand nur für ein Teufelszeug?

»Wenn ich jemals wieder gesund hier unten rauskomme, trinke ich in Renis Bude nur noch süßen Kaktussaft«, nahm sie sich vor. Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Warum war ihr das nicht schon früher in den Sinn gekommen? Die tiefrote und weite Ordenstracht der Behutsamen Schwestern war sackförmig geschnitten und reichte bis zum Boden. Und was das Beste war: Ein mantelartiger Überwurf mit einer eng am Kopf anliegenden Schleierhaube gehörte dazu, der sogenannten Capiti, unter der die Nonnen züchtig ihre Haare und ihr halbes Gesicht verbargen. Berg hatte ihr ja eben dieses Gewand praktisch vor die Nase gehalten, als er nach seinem Schnaps suchte. Esda musste sich nur noch aus der Kiste der Oberin bedienen und sich das Kleid überwerfen, dann war sie gut getarnt und musste keine Entdeckung fürchten, solange sie nicht auf eine echte Schwester stieß, die inzwischen hoffentlich alle schliefen. Die Arbeitsamen in Höhle vorne durften die Ordensfrauen ja nicht einmal ansprechen oder gar berühren und mussten immer einen respektvollen Abstand einhalten.

Esda nahm noch einmal einen tiefen, gierigen Atemzug, dann trat sie entschlossen zurück in das Lager und ging schnell zu der markierten Kiste, um sich ein Kleid herauszusuchen. Dabei musste sie über Torm und Berg steigen. Sie schienen zwar noch am Leben zu sein, waren aber offenbar in eine tiefe, starre Ohnmacht gefallen, aus der sie so schnell nicht mehr erwachten – wenn sie das überhaupt noch einmal tun würden. Die Sammlerin, die nicht aus ihrer Haut konnte, sah kurz nach, ob die beiden bewusstlosen Arbeitsamen etwas bei sich trugen, was sie brauchen konnte. Dabei fiel ihr Blick auf die Flasche mit der Milch des Vergessens, die nicht wie die andere umgefallen war, sondern noch fast voll neben Torn stand, der ja nur einen Schluck aus ihr genommen hatte. Der Korken lag griffbereit daneben. Diese Milch stellte nicht nur einen nicht unerheblichen Wert dar, von deren Erlös sie und ihre Familie mehrere Monate gut leben konnten, sondern würde ihr bei ihrem Unternehmen vielleicht noch gute Dienste leisten. Deshalb beugte sie sich flink herab und verkorkte die Flasche. Dann schob sie sie in ihre Umhängetasche und holte sich endlich das rote Ordenskleid, das aus einem Kleid und einem Kapuzenmantel bestand, die sie sich sofort überzog. Es war so weit, dass sie es problemlos über ihre eigene Kleidung streifen konnte. Der dichte Schleier aus Nesseltuch, der an der Capiti befestigt war und den sie nun vor ihrem Gesicht befestigte, schränkte sie zwar ein wenig beim Sehen ein, aber er wirkte wie ein Luftfilter. Wenn sie flach und nicht allzu tief atmete, gelangte nicht zuviel von den betäubenden Dämpfen der Milch in ihre Lungen.

Fasziniert sah sich Esda noch einmal die wertvollen Stoffe in die Kleiderkiste an, die aus den hauchfeinen und nahezu unzerreißbaren Spinnfäden der Tiefenasseln gewebt waren, den zweiten Nutztieren der Arbeitsamen. Zu ihrem Bedauern konnte sie nicht eine weitere Ordenstracht mitnehmen, sie hätte sie nur behindert. Die Sammlerin wollte gerade den Deckel schließen, da fiel ihr noch etwas anderes auf. Sie schob eilig die Kleider zur Seite. Unter ihnen verborgen lagen ein paar Gesangsbücher der Schwestern, eine quadratische Lederschatulle, deren Deckel mit einem kleinen Haken verschlossen war – und eine handliche, fein gearbeitete Pistole und daneben ein grauer Karton mit zu der Waffe passender Munition. Esdas Herz schlug schneller. Was für ein unglaublicher Fund. Dieses Lager war ja eine wahre Schatzkammer! Sie wunderte sich, dass die Samer sie nicht besser bewachten. Die schlampig gebundenen und vom vielen in ihnen Blättern zerfledderten Bücher interessierten die Sammlerin nicht, aber eine Waffe aus der Zeit der Vergangenen Menschheit war ein sensationelles Juwel.

Kein Feinmechaniker oder Waffenschmied konnte heutzutage in Es Sakrat solche mechanischen Wunderwerke herstellen; ihre Möglichkeiten erschöpften sich mit langläufigen Steinschlossflinten und grobschlächtigen Musketen. Die kleine Handvoll noch funktionstüchtiger Schusswaffen aus der Zeit vor dem Ewigen Krieg wurde von ihren jeweiligen Besitzern wie ihr Augapfel gehütet und ehrfürchtig von Generation zu Generation weitergereicht. Längst gab es für die meisten dieser Pistolen und Gewehre keine Kugeln mehr und sie waren mehr oder weniger nutzlose Schaustücke – es sei denn, ein Sammler stieß im Untergrund auf ein Munitionslager der Vergangen, was ab und zu tatsächlich geschah, wenn Esda den Chroniken der Forschnacht-Kaste glauben durfte. Diese Glückspilze hatten dann für den Rest ihres Lebens und oft auch noch für das ihrer Nachkommen ausgesorgt und mussten nicht mehr durch unsichere, dunkle Gänge kriechen, in denen hinter jeder Biegung der Tod lauerte, um das Überleben ihrer Familien zu sichern. Jeder Sammler träumte von dem einen, bedeutenden Fund und ging mit der heimlichen Hoffnung in die Tiefe, er würde auf solch einen Schatz stoßen und kam dann doch nur wieder – falls er überhaupt zurückkehrte – mit beinahe leeren Händen und irgendwelchem verschimmelten Kleinkram zurück, dessen Erlös auf dem Bas-Markt kaum die hungrigen Mäuler stopfen konnte. Freilich horteten die Armeen der Ewigen Schlacht Unmengen an Waffen, Bomben und Munition und die Maschinenwesen stellten unermüdlich neue her, aber zu versuchen, ihn ihre unterirdischen Kasernen einzudringen, war ein Wahnwitz, den niemand überlebte, der es versuchte.

Esda wusste, dass sie einen weiteren Diebstahl beging, der mit einem grausamen Tod bestraft wurde, wenn sie mit ihrer Beute ertappt wurde, aber sie erlag erneut der Verlockung. Sie griff sich entschlossen die Waffe und die Munitionsbox und nach einem kurzen Zögern auch die kleine Lederschatulle, obwohl sie keine Ahnung hatte, was sich in ihr befinden könnte. Sie steckte alles in die seitliche Innentasche des Überwurfs ihres Ordensgewands, die die Schwestern Marsupial nannten. Dann floh sie eilig aus dem Raum, denn die Dämpfe begannen trotz des Schleiers vor ihrem Gesicht schon wieder auf sie zu wirken.

Draußen lehnte Esda sich zufrieden gegen die Tür, die sie hinter sich geschlossen hatte und sammelte den Mut, ihr Abenteuer fortzusetzen. Sie wusste: Es hatte gerade erst begonnen, aber nun war sie gut ausgerüstet.

[Zum 1. Kapitel: „Eine Nacht in der Karawanserei“ …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 12)

[Zum 1. Teil]

Dann folgte noch eine kurze und recht entwürdi­gende medizinische Untersuchung in einem klei­nen Kämmerchen neben dem Hospital. Durch ein vergittertes Fenster konnte ich einige Betten und Patienten sehen. Und auf einer Trage lag Sebastian Kerr regungslos mit geschlossenen Augen auf dem Rücken. Ein Tropf war mit seinem Unterarm ver­bunden und eine fette Schwester, deren aufgequollene Formen bei jeder ihrer Bewegungen fast aus ihrer blütenweißen Kluft platzten – das erste weib­liche Wesen, das ich hier im Gulag erblickte –, kümmerte sich um ihn. Hatte also auch Wastija es bis hierher nach Antenora geschafft und schien zumin­dest im Moment noch am Leben zu sein. Ich fragte den Pfleger Timofej, der mich auf Mundfäule, TBC und Würmer untersuchte, wie es diesem Patienten denn ginge und aus welchem Grund Dr. Krakow den Sterbenskranken nach Sibirien habe bringen lassen, aber der zuerst recht redselig wirkende Mann wurde bei der Erwähnung des Lagerkom­mandanten so stumm wie eine Auster und hatte es sehr eilig, meine oberflächliche Untersuchung ab­zuschließen. Schnell drängte Timofej mich in den nächsten Raum, wo mir als Tätowierung meine fünfstellige Sträflingsnummer in die Innenseite meines Unterarms ge­ritzt und anschließend mit reichlich Jod überpinselt wurde. 6/744/П. Ich fragte, wofür das „П“ – „P“ stünde, aber obwohl er auch nur ein Lagerinsasse wie ich war, war der Tätowierer so schweigsam wie der Pfleger.

Es war lange nach dem Nachtläuten, als Fedor und ich endlich zurück in die Baracke 6 gebracht wurden. Die meisten dort hatten sich schon in ihre hölzernen Pritschen gelegt, in denen immer sechs Männer auf dünnen Strohmatratzen schliefen – drei oben, drei unten. Die Benzingeneratoren, die die Hütten mit Strom versorgten, waren mit der Sirene ausgeschaltet worden. Aber im Mittelgang brannten an einem Tisch noch zwei Öllampen; hier spielten ein paar Gefangene das beliebte und un­vermeidliche Durák und der Schwarzhändler unse­rer Baracke tauschte geschmuggelte Wertsachen gegen Tabak und Extraportionen Brot. „Väterchen Himbeere“ spielte an einem selbstgebastelten Schachbrett mit wunderschönen aus Knochen ge­schnitzten Figuren gegen drei Gegner gleichzeitig. Ich würde am nächsten Tag erfahren, wie er in den Besitz des Elfenbeins für seine Figuren gekommen war. Er hatte für uns beiden Neuankömmlinge vor­gesorgt und ließ seine chancenlosen Gegner allein, als er uns kommen sah. Er zeigte uns unsere Lager, ließ uns verfilzte, löchrige Laken und Bettwäsche zuteilen und machte uns anschließend flüsternd mit den geschriebenen und ungeschriebenen Re­geln und Gesetzen und der strengen Lagerordnung vertraut. Er hatte sogar vom Abendessen für uns zwei gefüllte Blechnäpfe mit einer längst erkalteten Kohlsuppe und einem schmalen Kanten Brot zu­rückbehalten. Fedor und ich legten uns nebenein­ander auf unsere Pritschen und schlangen dort das Essen gierig und dankbar in uns hinein. Ich achtete kaum auf das, was der Vorsteher uns erzählte, aber mein Selkupen-Freund lauschte mit spitzen Ohren. Ich jedoch wurde dabei so müde, dass ich auf mei­ner ungemachten Bettseite trotz der Schmerzen durch die frische Tätowierung auf meinem Arm über meinem Geschirr einschlief und nichts mehr von den Ermahnungen und gutgemeinten War­nungen mitbekam.

Ich wurde nach meinem Empfinden mitten in der Nacht wieder geweckt und hatte das Gefühl, ich hätte überhaupt nicht geschlafen. Fedor, der neben mir lag, rüttelte mich wach. Er bemerkte, dass ich absolut nicht wusste und auch nicht wissen wollte, wo ich mich befand und nur fassungslos und wei­nerlich in sein von den bleichen Neonlampen grün schimmerndes Gesicht starrte, weil mir für den Au­genblick entfallen war, wer jene Person war, die mich da breit und schlitzäugig anlächelte. Heute ist es mir klar: Ohne Fedor und seine uner­schütterliche und unverdiente Freundschaft, die der genauso breite wie hohe Mann mir entgegen­brachte, hätte ich es wahrscheinlich nicht einmal lebendig bis nach Antenora geschafft, geschweige denn die nächsten Monate überlebt, bis sich meine Lage überraschend veränderte. Ach, Fedor Fedoro­witsch Syrin, der du dich auch nach deinem scha­manischen Ahnen „Peptej“ nanntest, verzeih mir die Abweisung und geringe Wertschätzung, die ich dir in der schlimmsten Zeit meines Lebens er­wiesen habe. Ich weiß bis heute nicht, was du in mir gesehen hast und wie ich mir deine Liebe ver­dient habe, aber so treu wie du war mir keiner meiner anderen Freunde und Weggenossen – du gingst mit mir bis in den Tod, der für dich ja nur ein Übergang in einen neuen Körper und kein endgültiger Verlust war. Ich trinke mein nächstes Glas Wodka auf dich, mein lieber Freund, wohin immer deine Seele nach der Katastrophe gewandert sein mag. Ich werde an dieser Stelle die einzige Erinnerung einkleben, die ich an dich vom Lager behalten habe. Sie hat mich viele Jahre begleitet.


Dies ist eine in der Tat gelungene Skizze von dir, Fedor, die einer der Insassen, unser Lagerkünstler Antip Ba­ronow, an einem der wenigen Sommerabende vor der Baracke 6 machte, während du deine seltsame und zum Himmel stinkende Wasserpfeife rauch­test, mit der du allerdings auch zuverlässig die blutgierigen Stechmücken verjagtest, die allabend­lich in großen Schwärmen über uns herfielen und uns quälten. Du hast die Zeichnung flüchtig ange­sehen, herzlich gelacht und sie anschließend mir geschenkt.

Die Nase ins Tischtuch schnäuzen, aufrichten und weiterschreiben.

„Guten Morgen, Brüderchen“, sagte Fedor. „Die Arbeit ruft uns mit ihrer lieblichen Stimme. Das wird sicher wieder ein bemerkenswerter Tag.“ Ich seufzte und erschauderte wegen der viel geatme­ten, nach Eiter und Schweiß stinkenden Luft, die zum Scheiden dick über den Pritschen hing.

Die Waschgelegenheiten und die viel zu wenigen Latrinen, vor denen sich längst lange Schlangen ge­bildet hatten, bevor auch ich endlich schlaftrun­ken ins Freie wankte, befanden sich in windschie­fen Verschlägen hinter den Baracken und wurden nur aus der Ferne von den Wachtürmen aus kon­trolliert. Wie in der halben Stunde zwischen Nacht­sirene und Bettruhe waren wir Deportierte zwi­schen drei- und vier Uhr morgens, während wir uns wuschen, anzogen, beim Abtritt und der Es­sensausgabe anstanden und als Frühstück die ewig gleiche geschmacklose und dünne Kohlsuppe mit granithartem Schwarzbrot herunterwürgten, frei und praktisch unkontrolliert. Der Bereich hinter unseren Hütten glich einem lärmigen, von ge­schwätzigen Menschen wimmelnden Rummelplatz, in dem es allerdings auch eine feste Hackordnung unter uns Gefangenen gab. Wir Neuankömmlinge bildeten das Lumpenproletariat dieses pervertier­ten Abbildes der sowjetischen Gesellschaft. Beson­ders deutlich wurde dies beim Essenfassen, wo or­ganisierte Banden die Schwäche der anderen aus­nutzten und mit roher Gewalt den Löwenanteil der von den Küchenbullen gereichten, ohnehin schon sehr knappen Nahrungsrationen einforderten.

Bereits an meinem ersten Tag landete ein Genos­se, der sich gegen diesen Mundraub wehrte, mit dem Kopf zuerst in einem der ekelhaften Abtrittlö­cher, wo seine ersoffene Leiche vom Putztrupp erst am späten Vormittag, als alle anderen längst schon in der Grube arbeiteten, entdeckt wurde. Die Wär­ter sahen über solche und ähnliche Grausamkeiten gerne hinweg und fahndeten auch in diesem Fall nicht nach den Tätern. Sie wussten, dass ihnen die­se brutalen Banden unter den Insassen, von denen es in jeder Baracke eine gab, die nicht selten von ihrem Vorsteher geleitet wurde, einige unangeneh­me Arbeit abnahmen und für Ruhe unter den Ge­fangenen sorgten. Da wurde es toleriert, wenn sie ab und an ein Exempel statuierten.

Der Bandenchef unserer Baracke – nicht Him­beernase, sondern ein wirklich brutaler Totschläger und Säufer – weiß der Himmel, woher er hier am Arsch der Welt seinen Schnaps bezog – namens Semjon „Senja“ Ob­low, Gefangenen-nummer 6/003/Б, der schon vor Kriegsbeginn in Antinora inhaftiert wurde und einer der Veteranen unter den Gefangenen war, versuchte es übrigens nur ein einziges Mal, Fedor um seine Wertsachen zu erleichtern. Mein Freund war auch ein überaus lohnendes Ziel, denn als ehemaliger Schmuggler und Schwarzhändler erwies er sich als ein genialer Beschaffer von den unglaublichsten Sachen. Niemand kann seine Person, sein Land oder auch ein schwer bewachtes Straflager so her­metisch abschotten, dass noch doch der Kapitalis­mus und seine Begleiter Gier und Gewalt Eingang finden – und wenn‘s auch nur eine schmuddelige Hintertür ist. Der Kapitalismus kommt jeder Staatsform zurecht, denn nicht irgend ein hohes und humanistisches Bild vom Menschen, sondern nur die obszöne Bereicherung und die Rubelchen stehen im Mittelpunkt der Interessen der Leute. Deshalb konnte sich der Kapitalismus auch so leicht im real existierenden Sozialismus wie eine Seuche ausbreiten und wird noch fröhlich weiter­wirtschaften, wenn die Sowjetunion demnächst zusammen­brechen wird. Um einen Spruch von Kierkegaard zu modifizieren: „Keiner kann im Leben oder im Tod so weit reisen, dass du, mein Mammon, nicht bei ihm bist.“

Doch verzeihe mir, mein lieber Leser, diesen Aus­flug eines alten Roten in den „Histomat“ – lass uns zurück nach Antenora kehren.

————-

[Zum 13. Teil …]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 21)

[Zum ersten Teil]

Meine Gedanken kreisten aber weiterhin um diese erstaunliche Person. Ich hätte gerne mehr über die El­tern von Nix erfahren, über seine Freunde, seine erste Be­gegnung mit Theresa. In Gedanken füllte ich die Lücken mit Hilfe meiner Phantasie. Ich entschloss mich spontan, eine Fiktion über ihn zu schreiben, eine Geschichte zu erzählen. Zum ersten Mal versuchte ich mich an einem Text, der als literarisch gelten kann und es überraschte mich, wie schnell und auch leicht ich eine ordentliche und meiner Meinung nach auch brauchbare Anzahl von Seiten füllte; ich brauchte nur ein paar freie Nachmittage, Unmengen Kaffee und ein ordentliches Maß Selbstüberschätzung. Offensichtlich hat­te Nix doch recht: Wer Kunst schaffen will, benötigt als Erstes gute Gründe für sie. Der Rest geschieht von selbst; die Angst vor dem leeren Blatt Papier ist nur Faulheit. Freilich halfen mir auch meine journalistischen Erfahrungen, jedoch bei weitem nicht in dem Maße, in dem ich dies erhofft hatte. Eine Geschichte zu schreiben ist etwas vollkommen anderes.

Ich setzte mich zum Schreiben abseits ins Café am Milchberg, trank meine Latte, aß Butterbrezeln und bekritzelte unter einem seltsamen, mir selbst nicht erklärbaren Zwang die karierten Blät­ter eines College-Blocks. Ich fühlte mich wirklich gut dabei. Aber ich betrachtete mich immer wieder selbst wie von außen beim Schreiben und wunder­te mich über das Ergebnis; über die etwas schmuddeli­gen A4-Seiten, die ich so schnell mit meiner Ge­schichte füllte. Ich habe in den letzten Jahren immer mal wieder in Autobiografien von Autoren über diesen ver­blüffenden Bann gelesen, der allgemein unter dem un­zulänglichen Begriff des »Automatischen Schreibens« reüssiert. Es scheint ein allgemeines, meist dazu als etwas un­heimlich empfundenes Flow-Erlebnis zu sein, das manche Schriftsteller mit Drogen künstlich herbeiführen wollen und andere fürchten. Diese Selbstbekenntnisse zeigten mir zu meiner Beruhigung auch: Die anderen – sogar die Gro­ßen – sind genauso hilflos, wenn es darum geht, diese Er­fahrung in nachvollziehbare Worte zu fassen.

Nach nur einer Woche war ich mit der ersten Version meiner Geschichte fertig. Diese erste literarische Arbeit abzuschließen, war ein wunderbares Gefühl, eine Erfah­rung, die leider einmalig und nicht wiederholbar ist. Jene plötzliche Erkenntnis, eine Doppelbegabung zu besitzen und noch eine weitere Möglichkeit, die Welt fest in die Hän­de nehmen zu können, machte mich glücklich und stolz. Ich kann nicht richtig ausdrücken, wie ich mich fühlte, als ich mein Werk meiner erstaunten Freundin vorlas. Wenngleich der irritie­rende Eindruck blieb, dass sie aus Prinzip der Meinung war, ich hätte mich besser nach einem Job umgesehen, als eine weitere brotlose Kunst zu beginnen, äußerte sich Christine jedoch lobend und war von die Qualität des Textes beeindruckt.

Wenn ich heute an meinen Texten schreibe, habe ich diese Empfindun­gen leider nicht mehr. Zuviel ist inzwischen kritisiert und zerredet worden, zu viele Selbstzweifel sind ent­standen. Ich kann heute nicht mehr so unbedarft und naiv schrei­ben wie damals; dieses Paradies ist für im­mer verloren gegangen. Unbedarft und naiv sind im Üb­rigen auch die Wörter, die die Qualität der Geschichte, die damals im Überschwang entstand, hinlänglich be­schreiben. Aber ich war mit dem Ergebnis sehr zufrieden und wollte je­den teilnehmen lassen. Obgleich der Auslöser für meinen literarischen Versuch die Andeu­tungen von Jonas über seine Pubertätsqualen waren, hatte ich mich je­doch in der Ausarbeitung weit von ihm entfernt. Vieles war von mir selbst, war von meinen eigenen Gefühlen und Erfahrungen, hineingeflossen. Ich hatte ausgeschmückt und dazu erfunden, die Konflikte schärfer herausgearbeitet. Obwohl ich sicher war, Nix würde sich nicht in meinem Protagonisten wie­dererkennen können, entschied ich mich dagegen, ihm meine Geschichte zum Lesen zu geben. Im Gegensatz zu ihm war ich nämlich davon überzeugt, dass niemals einer von uns beiden ein Kunsterzeugnis des anderen ohne Vorur­teile begutachten könne. Das war eine Mei­nung, die im Übrigen nur kurze Zeit später ihre unange­nehme Bestä­tigung fand. Ich werde im nächsten Kapitel davon berichten.

Ich gab meine Erzählung jedoch Theresa zu lesen, als ich ihr zufällig auf der Straße begegnete und ein paar Alltäglichkeiten mit ihr austauschte, hinter denen wir unsere unangenehmen Erinnerungen an das Fest bei Sontheimer verbargen. Selbstverständlich hatte ich zu jener Zeit immer ein paar Kopien meines genialen Meisterwerkes bei mir. Die Freundin von Nix schien mir innerhalb der kurz­en Zeit, in der ich sie nicht mehr gesehen hatte, ge­altert zu sein und wirkte seltsam abgeklärt und ruhig. Ich gab ihr meine Telefonnummer und sie versprach, mir bald ihre Meinung mitzuteilen und Nix nichts davon zu sagen. Ich schenkte damals im Überschwang sogar Al­fons Andernaj eine Kopie, der sie zwar nicht las, aber im Suff an seinen Jugendfreund Nikolaus Klammer weiter­gab, der ausgerechnet in jenem Jahr in der Jury der Weissensteiner-Literaturtage saß und mir postwendend eine persönliche Einladung zu diesem Großereignis zu­sandte.

*

Die Weissensteiner-Literaturtage finden alle vier Jahre im Sommer statt und sind ein schwacher und nicht sel­ten unfreiwillig komischer Ab­klatsch des Bachmann-Preises; sie laufen auch mit ei­nem vergleichbaren Ritus ab. Alle vier Jahre dürfen ein­geladene Nachwuchsauto­ren aus Stadt und Landkreis vor Publikum und acht­köpfiger Jury aus Uniprofesso­ren und Vertretern von Zei­tung, Wirtschaft und Politik ihre Kopfgeburten vortra­gen und es hat sich dort noch nie je­mand mit einer Rasier­klinge die Stirn aufgeschnitten. Die Jury vergibt dann ei­nen mit zehntausend Mark do­tierten Preis für den ihrer Meinung nach besten Newco­mer. Da in Augsburg fähige Literaten ein nicht ge­rade häufiges Wild sind, ge­hört man bis zum Alter von fünfzig Jahren zum Nachwuchs und darf bis zu dieser Grenze so oft teilneh­men, wie man will. Wie beim städtischen Kunstpreis zählt auch hier die Gewöh­nung: Je näher man der magi­schen Fünfzig kommt und je häufiger man leichtverdau­liche und unpolitische Kost liest und sich von Bert Brecht distanziert, um so sicherer erhält man irgendwann einmal den Preis, den man sich jedoch immer mit einem oder gar mehreren anderen Glückspil­zen teilen muss. Diesmal aber war aus mir unersichtli­chen Gründen unvorsichti­gerweise Dr. Nikolaus Klam­mer in die Jury gewählt worden, was die doch äußerst abgeschmackte Sache, die auch nahezu ohne Publi­kumsbeteiligung und -interesse ablief, etwas lebendiger gestaltete. Ich halte Klammer für den bes­ten Literaturkenner und profundesten Kritiker, dem ich je begegnet bin und das nicht nur deshalb, weil er meine Sachen mag.

Der Preis, für Orts- und Literaturunkundige sei es er­wähnt, ist natürlich nach dem bekannten Augsburber Autor Beren­gar C. Weissensteiner benannt, neben Brecht einem der wenigen wirklich be­deutenden literarischen Söhnen dieser Stadt, der sie aller­dings mit seinen Eltern bereits im zarten Alter von vier verlassen und diesen Entschluss zumindest öffentlich auch nie bedau­ert hat. Er arbeitete in den Zwanziger Jahren in Berlin beim konservativen Tagebuch und ist 1952 im amerikanischen Exil ge­storben. Obwohl er sicher alles andere als ein sozialisti­scher oder gar kommunistischer Autor war, hatte er doch ein paar von ihnen gekannt und 1937 in einem holländischen Exilverlag einen Roman über einen Arbeiter veröffent­licht, den die Saarbesetzung der Nazis in den politi­schen Extremismus und in den spanischen Bürgerkrieg treibt. Deshalb gilt er wie Brecht als ein umstrittener, politisch anrüchiger Schriftsteller und die Stadt tut sich schwer mit seinem Erbe, eben jenem Preis, den er ihr in seinem Testament, sei es aus Altruismus oder Boshaftigkeit, ge­stiftet hat. Hier zählt man Autoren, vor allem die zeit­genössischen, die immer der Ruch der Linkslastigkeit umgibt, nicht zu den förderungswürdigen Künstlern und in den Neunzigern konnte man diese Ab­neigung des CSU-Stadtrates fast eine Phobie nennen. Als zum Beispiel durch die Herausgabe der persönli­chen Aufzeichnungen von Weissensteiner bekannt wur­de, dass sich dieser mehr oder weniger ernsthaft mit dem Gedanken getragen hatte, Ende der Vierziger Jahre von Kalifornien nach Ost-Berlin zu gehen, da er dem Arbeiter- und Bauernstaat damals mehr Sympathie als dem Westkon­strukt entgegenbrachte, und nur sein Tod diesen Plan verhinderte, wurde tatsächlich ernsthaft darüber disku­tiert, aus diesem Grund die Gedenktafel an dem Geburtshaus die­ses unwürdigen Sohnes der Stadt zu entfernen. Auch an eine demonstrative Aussetzung des Preises wurde ge­dacht. Natürlich geschah das gleiche, das immer ge­schieht, wenn sich die Verantwortlichen der Stadt mit wichtigen Entscheidungen beschäftigen: Es wurde laut­stark debattiert und sonst passierte – nichts.

[Zum 22. Teil …]

Ein Kommentar

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – Prolog (5)

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

[Zum ersten Teil …]

Die Kaste der Armseligen stellte die niedrigste Gesellschaftsschicht von Es Sakrat dar. Zu ihr gehörten Menschen, die meist unverschuldet ihre Gesundheit oder durch Unglücksfälle die Zwillinge, ihre Familie und ihre Wohnstätten verloren hatten, im Staub der Straßen krochen und bettelten und von der Barmherzigkeit der anderen Bewohner der Stadt lebten. Sie waren die Ärmsten der Armen und verdienten Mitleid und Hilfe. Weshalb war einer von ihnen in die Hände der Arbeitsamen geraten und warum wollten sie ihn opfern – wahrscheinlich ihrem unheimlichen Gott Sadon oder seiner weiblichen Inkarnation Kaliemma? Was konnte ein Bettler ihnen getan haben? Auch wenn sie noch keine Ahnung hatte, wie: Esda war sofort entschlossen, alles ihr Mögliche zu unternehmen, um den bedauernswerten Armseligen aus den Händen dieser Unmenschen zu retten. Ein Menschenopfer? Was war nur aus dieser Welt geworden? Die Sammlerin hatte zwar Gerüchte gehört, dass die Kasten der Arbeitsamen und der Behutsamen Schwestern sich radikalisiert hatten, seit ihnen ihr neuer Maier und Samerpapst Rhysko vorstand. Sie hatte aber bisher nicht allzu viel darauf gegeben, denn sie konnte diese Fanatiker, die das Alte Reich der Vergangenen wieder auferstehen lassen wollten, nicht ernst nehmen; zumindest die Arbeitsamen nicht, die sich den ganzen Tag an der Milch ihrer Bärentiere berauschten.

Als würden die beiden Samerbrüder ihre Überlegungen bestätigen wollen, nahm der eine, der Berg genannt wurde, eine kleine Feldflasche aus dem Ärmel seines Hemds und öffnete sie, nahm zuerst einen langen Schluck, bevor er ihn an Torm weiterreichte. Der ergriff sie gierig und setzte sie wie ein Verdurstender an die Lippen.

»He, nicht die ganze Flasche!«, begehrte Berg auf. »Mehr habe ich nicht. Lass mir auch noch etwas übrig.«

Torm machte eine Pause. »Ist doch egal«, sagte er verschwörerisch lächelnd und rülpste. »Du kommst schon nicht zu kurz! Denke mal nach. Die Boxen dort hinten sind voll mit frischer, guter Milch. Wir haben sie erst gestern gemolken; wir waren dabei, hast du das vergessen? Die Milch müsste inzwischen in der ersten Gärung sein, da schmeckt sie am Besten.«

Esda biss sich auf die Lippen. Das fehlte ihr noch. Wenn die beiden Narren sich hier drinnen heimlich betrinken würden, mochte es noch sehr lange dauern, bis sie sich an ihnen vorbeischleichen und nach dem gefangenen Armseligen suchen konnte. Doch ganz danach sah es nun aus: Berg strahlte, als hätte jemand ein Licht in seinem Kopf entzündet und trat schnell zu den Lagerbehältern an der gegenüberliegenden Wand, während sein Zwilling den letzten Rest aus der Feldflasche saugte. Er setzte erst ab, als der letzte Tropfen der verdünnten Westri-Milch über seine Lippen geglitten war. »Komm, komm, mach schon«, rief er glückselig, »ich habe noch viel Durst.«

Berg knurrte eine zustimmende Antwort und öffnete die erste Kiste. »Verfaulter Westri-Mist! Da sind nur alte Fetzen und Bücher drin.« Er hob einen karminroten Stoff in die Höhe. Torm sprang sofort wie von einem Wüstenskorpion gestochen in die Höhe.

»Leg das sofort wieder zurück und mach den Deckel zu! Bist du von Sinnen?«, befahl er mit vor Angst zitternder Stimme. Berg sah ihn verständnislos an. »Hast du denn nicht die eingebrannte Markierung auf dem Holz gesehen? Du hast ein Ordensgewand der Schwestern in der Hand. Willst du von der Mutter Oberin verflucht werden?« Berg legte das Kleidungsstück so schnell zurück und knallte über ihm den Deckel zu, als hatte er sich an dem Stoff verbrannt.

»Da sei Sadon vor«, stotterte er und fluchte erschrocken. Dann fragte er abergläubisch: »Meinst du, es ist war, was die Schwestern plappern, dass sie grausame Schmerzen fühlen, wenn eine Männerhand nur ihr Kleid berührt?« Er klang nun sehr kleinlaut.

»Wer weiß?«, gab Torm dunkel zurück. Er hatte sich inzwischen wieder beruhigt und ging ein paar Schritte in einen Gang zwischen den lagernden Gütern hinein, bis er die richtige Kiste fand. Er griff hinein und beförderte zwei Literflaschen zu Tage, in denen eine weißliche Flüssigkeit schwappte, die grünlich phosporisierte. Mit ihnen kam er triumphierend zurück zu seinem Bruder und drückte ihm eine in die Hand.

»Aber sie werden schon nicht wissen, wessen Hand ihre Tracht besudelt hat. Was die Oberin nicht weiß, kümmert auch die Beißende Göttin nicht«, versuchte er Berg und vielleicht auch sich selbst zu beruhigen. Kaliemma, die die Beißende Göttin genannt wurde, war die einem Alptraum entsprungene Götze, zu der die Behutsamen Schwestern beteten. Im Glauben dieser Fanatiker war sie die weibliche Manifestation ihres Urgottes Sadon. Sie wurde auf ihren Tempelgemälden mit sechs Armen, totenblasser, blauer Haut und einer Halskette aus abgeschlagenen Menschenköpfen dargestellt. Obwohl Esda nicht an Kaliemmas Existenz glaubte, jagte sie ihr trotzdem Schrecken ein und die versteckte Frau machte zur Sicherheit ein Handzeichen, um das Böse abzuwehren.

»Auf den Schreck hin haben wir uns redlich einen Schluck verdient«, fuhr Torm fort.

»Aber sollten wir die Milch nicht besser verdünnen? Ist das wirklich eine gute Idee, sie pur zu trinken. Ich habe da ein paar Geschichten gehört …«, zögerte Berg.

»Das sind doch nur Märchen, um uns kurz zu halten. Die Maier wollen nicht teilen, das war schon immer so. Wenn schon ein einziger Tropfen so herrlich ist und einen direkt in den Himmel trägt, was wird dann wohl ein reiner Schluck vermögen? Sadon, der Unsterbliche, liebt den fröhlichen Zecher. Die Westri-Bärchen sind sein Geschenk an seine Jünger und ihre Milch ist ein göttlicher Vorgeschmack auf die Dinge, die bald kommen werden.« Berg kicherte.

»Du sprichst wie Agutar, unser Prediger. Ich erkenne die Wahrheit, die aus deinem Mund quillt.«

»Dann lass uns auf diese Nacht anstoßen, in der wir endlich für unsere Mühen belohnt werden. Möge sie die letzte sein!« Die beiden zogen die Korken aus den Flaschen. Sofort stieg Esda wieder eklig süße, betäubend faulige Geruch in die Nase, der ihr schon beim Betreten des Raumes aufgefallen war; nur war er diesmal wesentlich intensiver, da sich die Milch des Vergessens durch das beigefügte Negradi-Moos in Gärung befand. Fast hätte sie ein warnendes Wort ausgerufen und sich dadurch verraten, aber sie konnte sich gerade noch zurückhalten. Sie hatte noch nie viel von der Intelligenz der Arbeitsamen gehalten, aber konnte wirklich so viel Dummheit in zwei Körper passen? Die beiden Idioten tranken dieses Gift tatsächlich unverdünnt!

Die Wirkung setzte unvermittelt ein. Ein Schluck reichte aus, sie außer Gefecht zu setzen. Das war ihr Glück, denn einen zweiten hätten sie wahrscheinlich nicht überlebt. Als hätte Torm und Berg jemand eine überschwere Last aufgebürdet, plumpsten sie gleichzeitig zu Boden und begannen zu kichern und sinnlose Wörter zu brabbeln. Die Flaschen glitten ihnen aus den krampfenden, zuckenden Händen. Eine rollte davon und entleerte im Drehen gluckernd ihren ekelhaften Inhalt. Der Gestank nach Tod und sauerem Erbochenem wurde atemberaubend und vor Esdas Augen tanzten plötzlich bunte Sternchen. Sie presste eilig ihre Armbeuge fest gegen ihr Gesicht und atmete so flach wie möglich durch den Wollstoff ihres Ärmels, doch beim hastigen Aufstehen begann der Lagerraum um sie herum zu tanzen. Sie schwankte und stolperte, als hätte sich der Boden unter ihren Füßen in eine trügerische, nachgiebige Sanddüne verwandelt. Das lag nicht an der Wunde an ihrem Fuß, die sie im Moment überhaupt wegen der Wirkung des Mooses nicht spürte, sondern allein an den Dämpfen der Wetri-Milch, die sie benebelten. Als wäre sie volltrunken, fiel Esda ungeschickt gegen den Kistenstapel. Verzweifelt hielt sie die Luft vollkommen an, denn sie wusste, dass sie nach ein oder zwei weiteren Atemzügen ebenfalls ohnmächtig zusammensinken würde. An die Kopfschmerzen des nächsten Morgens – falls sie diese Nacht überleben konnte – wollte sie nicht denken.

Nur raus hier!

[Fortsetzung nächsten Freitag …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

Ein Kommentar

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 11)

[Zum 1. Teil]

Wenn wir jedoch alle paar Wochen auf ein gefro­renes Mammut oder ein Wollnashorn, einen ausge­dörrten, gigantischen Bären oder die uralte Mumie eines Riesenhirsches mit einem Geweih in der Spannweite von fast vier Metern stießen, dann ließ der Dr. sofort seine mysteriöse Laborarbeit ruhen und eilte aufgeregt zum Fundort. Er freute sich jedes Mal wie ein kleines Kind über die elfenbeinernen, von per­gamentenen Häuten überzogenen Knochenreste der Urwelt-Säuger. Er ließ die mal mehr, mal weni­ger gut erhaltenen Überreste von zwei Tierpräpara­toren, die sich als Sträflinge in Antenora befanden, herrichten und in seinem eigenen kleinen Lager-Naturkundemuseum ausstellen. Unfehlbar führte er die seltenen Besucher und noch selteneren Kon­trolleure zuerst dorthin, bevor er ihnen die restli­chen Anlagen zeigte.

Weshalb wir in der Grube so gehäuft auf Eismu­mien stießen, weiß ich nicht, aber ich vermute, es lag daran, dass hier einmal ein See gewesen war, in dem die Tiere ertranken und dann in den Schlamm am Grund absanken. Was sie jedoch in diese lem­minghaften Massenselbstmorde trieb – ich habe keine Ahnung. Ich werde weiter unten noch einmal darauf zu sprechen kommen, wenn ich von dem Tag berichten werde, an dem wir in der Grube auf die Leiche einer Eiszeitjägerin stießen. Doch nun sollte ich endlich von meinen ersten Tagen in Kra­kows Gulag erzählen.

Doch war es in der Grube noch immer viel zu frostig für uns Neuankömmlinge. Als wir am Abend ankamen, sofort aus den Transportern ge­jagt wurden und streng bewacht für eine Stunde auf dem Appellplatz stehen und warten mussten, dau­erte es nicht lange, bis die ersten einfach zusam­menklappten und sich zu Tode erschöpft in den klebrigen Matsch setzten. Ich gehörte zu ihnen und wurde dafür sofort von einer Aufsicht bestraft, die mir einen rohen Tritt in die Seite versetzte, der mich schnell wieder aufste­hen ließ. Als Sowjetmenschen waren meine Lei­densgefährten und ich an das ewige Schlangeste­hen gewöhnt und wir kannten ein paar Tricks, die Zeit zu überstehen. Man nahm einfach die Schwächsten unter uns zwischen sich und rückte eng gegeneinander. Fedor schob mich so fest gegen den Rücken eines anderen, dass es mir fast den Atem nahm. Dabei flüsterte er mir ein paar seiner unanständigen, aber höchst launigen Geschichten zu, von denen er ein schier unausschöpfliches Re­servoir besaß. Das war zwar unbequem und der Schmuggler stank wie die Pest aus dem Mund: Aber immerhin, ich stand einigermaßen aufrecht und ordentlich unterhalten. Auf diese Weise wurde ich in der Senkrechten und bei Laune ge­halten, bis sich endlich etwas tat.

Eine schrille Fabriksirene hob mit einem inferna­lischen Lärm an, der eine halbe Minute dauerte und gegen Ende noch einmal zu einem das Trommelfell zerreißenden Crescendo anschwoll. Nachdem sie end­lich verstummt war und nur noch in unseren halbtauben Oh­ren nachpfiff, war von außerhalb des Lagers, von wo der Weg weiter hinab zur Abbauzone führte, das Marschieren vieler Schritte zu hören und dazu kam ein trauriges Lied lauter und näher, das das gleichmäßige Stampfen der Füße synkopierte. Das Tor wurde geöffnet und herein kamen singend und im Gleichschritt die Arbeiter gelaufen, die alle eine Schaufel oder einen Pickel über die Schulter gelegt hatten. Schmutzig waren sie, erschöpft vom langen Arbeitstag. Die riesigen Augen in ihren hageren Gesichtern brannten rot und entzündet. Sie waren zum Abendappell gerufen worden und kamen ins Lager geschritten wie eine Armee Untoter direkt aus dem Purgatorium. Dabei sangen sie ausgerech­net die Internationale, was uns Neuan­kömmlingen die Tränen in die Augen und mir in die Nase presste:

„Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
die stets man noch zum Hungern zwingt!
Das Recht wie Glut im Kraterherde
nun mit Macht zum Durchbruch dringt.
Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!
Heer der Sklaven, wache auf!
Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger
Alles zu werden, strömt zuhauf!“

Es mochten um die eintausend Sträflinge sein, denn Antenora war verglichen mit den anderen si­birischen Gulags sehr klein. In dem Arbeitslager von Norilsk, an dem wir vor einigen Tagen vorbei­gefahren waren, schufteten Anfang 1951 zum Ver­gleich weit über 70.000 Insassen; insgesamt waren es in ganz Sibirien wohl zweieinhalb Millionen Zwangs­arbeiter, von denen gut ein Viertel dort bald den Tod fand. Ich habe in der Zeit, die ich in Antenora ver­brachte, nicht erlebt, dass es jemand auf einem an­deren Weg als in einem Holzsarg, die die Lager-Tischlerei gefertigt hatte, verließ.

„Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht.“

Die Heimgekehrten gaben immer weiter singend ihre Werkzeuge ab und stellten sich in soldatischen Reihen vor ihre Baracken, die jeweils etwa 200 Menschen fassten. Auf ein gebelltes „Стой!“ – „Habt Acht!“, standen alle still und das Lied endete abrupt. Man starrte neugierig auf das Häuflein Neuankömmlinge, das ihre Wohn- und Arbeitsgruppen vervollständigen sollte. Erst jetzt trat aus der warmen Wachstube neben dem Tor in Begleitung zweier Adjutanten ein Oberst der Lagerkommandantur heraus und schlenderte gelassen herbei. Ein Befehl ertönte und die jeweiligen Barackenvorsteher sprangen an die Spitze ihrer Gruppe, stellten sich auf und gaben der Obrigkeit Meldung. Der Kommandeur nickte jeden ab, dann wandte er sich an uns Neue:

„Ich bin Oberst Iwan Woronin. Wenn Sie meinen Anweisungen befolgen, werden Sie hier ein ordent­liches, vielleicht sogar gutes Leben führen können. Ein Leben, das Sie als Verräter am Sozialismus ei­gentlich nicht verdient haben. Wer sich jedoch strafbar macht, wird vom Putorana-Gericht verur­teilt: Bei uns in der Putorana ist die Taiga das Ge­setz und der Bär der Richter! Verstanden? Noch Fragen?“, bellte er. Selbstverständlich gab es keine.

„Abtreten!“, brüllte einer der jungen Adjudanten. Oberst Woronin hatte es nach seiner kurzen, wohl schon hundertmal gehaltenen Ansprache eilig, zu­rück in seine warme Stube zu kommen und sein Gefolge musste rennen, um ihm hinterher zu kommen. Offenbar war Kommandeur der Auffassung, dass da­mit seine Arbeit erledigt war, denn in den nächsten Wochen war von dem Obersten nichts mehr zu se­hen oder zu hören – bis die nächste Ladung Unglü­cklicher ankam und er seine Rede vom Gebirge und den Bären, die es hier übrigens nur recht selten gab, wie­derholen konnte.

Artjom teilte uns anschlie­ßend auf die Baracken auf und Fedor und ich wur­den gemeinsam der „барак шесть“ – „ Hütte 6“ zugewiesen, die direkt neben dem hohen, mit Stacheldraht bewehrten La­gerzaun stand, hinter dem regelmäßig die Wach­leute mit ihren Hunden patrouillierten. Dahinter folgte ein Stück plattgetretener, von Scheinwerfern erleuchteter Erdboden und dann die bröcklige, unbesteigbare Wand der Grube.

Der Vorsteher der Baracke 6 hieß Nikolaj Kusne­zow, aber alle nannten ihn nur „отец малина“ – „Väterchen Himbeere“, wegen der Form und der Farbe seiner Nase. Er brüllte viel und laut, war aber im Grunde ein harmloser und gutmütiger Zeitgenosse, der immer versuchte, bei der Lagerlei­tung das Beste für seine Truppe herauszuschlagen.

„Himmel“, rief er, als ich von Fedor gestützt auf ihn zuhumpelte, „wer hat dich denn ausgesucht? Du hältst hier doch keine Woche durch, Junge. Hast du denn überhaupt schon einmal eine Schau­fel in der Hand gehalten?“ Ich konnte nur erschöpft den Kopf schütteln. „Himmel hilf! Was sollen wir nur mit dir ma­chen?“, wiederholte er und wandte sich an den stoischen Fedor, den er mit Wohlgefallen musterte. „Na, wenigstens du scheinst mir ja ein kräftiger Bursche zu sein.“

Ich hatte gehofft, nur endlich etwas Ruhe zu fin­den und mit den anderen Essen fassen zu können, doch mein Leidensweg an diesem endlosen Tag war lange nicht zu Ende. Es war bereits das verlo­ckende Klappern von Essgeschirr zu hören, doch die Aufseher hatten kein Erbarmen mit uns Neuan­kömmlingen. Wir wurden wieder zusam­mengeholt und zur Krankenstation gebracht, wo man uns zuerst entlauste, uns Glatzen rasierte und uns so lange unter dem eiskaltem Wasserstrahl der Duschen und roher Kernseife gegenseitig ab­schrubben ließ, bis wir wie frisch gekochte Fluss­krebse aussahen.

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[Zum 12. Teil …]

Ein Kommentar

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Ein Unfall auf Madeira

Auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass ich mir am 10. April 2017 den Südwesten der Insel Madeira wandernd erschließen wollte und leichtfertig von der vorgegebenen Route abwich, um ein Foto von einem Wasserfall zu machen, den ich in der Nähe verlockend plätschern hörte, der aber hinter einer Kurve lag. Ich verließ die ausgetrampelte Levada (so nennt man auf der portugiesischen Insel schmale Wasserwirtschaftswege entlang alter Bewässerungsgräben; Levadas sind so etwas ähnliches wie die Südtiroler Waalwege) und folgte dem Lauf des Bachbetts zwischen den Felsen etwa 50 Meter weit. Die Wasser, die von allen Seiten herunterrannen und einen kurzen Fluss bildeten, strömten kräftig zwischen glitschigen Steinen und Moos auf die Levada zu. Es war ein Balance-Akt, aber er klappte und die Aufnahme belohnte alle Mühen:

Auf dem Rückweg jedoch misslang mir der letzte Sprung vom Fels zurück auf den sicheren Boden des Wanderwegs. Ich rutschte aus, stürzte in das etwa knietiefe, eiskalte Wasser, schug schwer mit dem Kopf auf den Fels – hielt aber meine Kamera dabei tapfer in die Luft. Sie war anschließend das einzige, was an mir noch trocken war. Ich fror also auf dem Heimweg – noch etwa 5 Kilometer Wanderpfad, dann eine stundenlange Fahrt mit dem Bus -, was aber noch schlimmer war, ich trug eine große Platzwunde und eine gewaltige Beule an der Stirn davon, meine Brille wurde mir dabei auf meiner Nase zerschlagen und ich musste für den Rest der Woche mit einer Sonnenbrille herumlaufen, hinter der sich die geschwollene Nase und das entstehende Brillen-Hämatom um die Augen nur unzureichend verbergen ließen. Es dauerte zwei Monate, bis ich in etwa wieder so aussah wie vor dem Sturz. Die Zeugen meines Unglücks, unter ihnen natürlich Frau Klammerle, lachen noch heute darüber. Ob bei mir geistige Schäden zurückblieben, müssen andere beurteilen. Zumindest bin ich für drei Tage etwas demütiger geworden – aber nicht länger. Am Abend des 10. April 2017 sah ich jedenfalls so aus:

Cover vorne

 

 

 

 

 

 

 

Der eine oder andere meiner Leser wird das Bild vielleicht kennen, denn ich benutzte es später leicht verfremdet für „Noch einmal davon gekommen“, der beliebten Sammlung meiner Missgeschicke, von denen mein Sturz in den Tobel nur eines von vielen war. Ohne diesen Unfall hätte es vielleicht dieses Buch nie gegeben.

Doch auch der 10. April diesen Jahres hat für mich etwas besonderes; allerdings kein Unglück – es sei denn, man rechnet die Arbeit dazu -, sondern eine große Freude. Heute fand ich, erschöpft und ausgelaugt vom Brotjob heimgekehrt, in den Briefkasten gequetscht das Korrekturexemplar meines neuen Buches „Kleine Lichter“ vor und ich finde, das Cover (und freilich auch der Inhalt) sind mir diesmal ganz ausgezeichnet gelungen. Es ist jedesmal ein besonderer Augenblick, das eigene Buch in der Hand zu halten. Er allein belohnt für das mühselige Schreiben, Korrigieren und Gestalten.

„Kleine Lichter“ enthält zwei Erzählungen und einen Kurzroman aus meinem Zyklus „Jahrmarkt in der Stadt“, zu dem z. B. auch der Montagsfortsetzungsroman „Die Wahrheit über Jürgen“ gehört.

Die belletristischen Texte des Zyklus‘ bilden eine Gruppe von Kurzgeschichten, Erzählungen und auch Romanen, die ich – ich gebe diesen Fetisch hiermit öffentlich zu – nach allzu heftiger und sehr leidenschaftlicher Auseinandersetzung mit der Comédie humaine des Monsieur Honoré Balzac entworfen und zu einem großen Teil auch geschrieben habe. Sie spielen in der Hauptsache in den 1990er Jah­ren, in denen auch die meisten der zu diesem Zyklus gehörigen Romane und Erzählungen geschrieben oder zumindest begonnen wurden.

Davon ausgehend, dass jeder in seinem eigenen Leben die Hauptrolle spielt, wollte ich – freilich in viel bescheidenerem Maße als der göttliche Franzose – einen zusammengehörigen Zyklus schreiben, in dem ein festes Figurenensemble immer wieder auftaucht und sich wie in einem Kettenkarussell sitzend um seinen Götzen dreht, der bei Balzac das Geld, bei mir die Eitelkeit und der Ruhm sein sollen.

Zum Beispiel ist der zynische ältere Beamte Nikolaus Klammer eine dieser Figuren. Wie sattsam bekannt, leiht er mir seit Jahren seinen Namen als Pseudonym und taucht gleich in mehreren meiner Geschichten auf, hat vorgeblich die eine oder andere von ihnen geschrieben. In meinem umfangreichen Roman ‚Nutzlose Menschen‘ ist er sogar als Autor eines Balzac-Plagiats zu bestaunen.

Selbstverständlich sind alle Ereignisse und Personen frei erfunden und nur meiner Phantasie entsprungen. Oder glaubt ihr, dass es solche Menschen in dem schönen Augsburg wirklich geben kann?

 

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 20)

[Zum ersten Teil]

»Ich glaube, dein Text hat ein paar Pferdefüße«, be­gann ich tastend, ohne zu wissen, worauf ich hinaus wollte. Die Richtung würde sich hoffentlich während des Redens zeigen. »Ich habe in der Hauptsache zwei Dinge an ihm auszu­setzen. In diesem Aufsatz schreibst du erstaunlich offen über deine pubertären Probleme, die dich zur Kunst ge­führt haben, einer Kunst, in der sich diese Schwierigkeiten gespiegelt haben. Mir war das alles ein wenig zu of­fen, zu exhibitionistisch. Ich glaube nicht, dass sich jemand für diese intimen Sachen interessiert. Der Künstler sollte hinter seinem Werk verschwinden, denke ich. Und deine Offenheit mach dich ver­letzbar. Dieser Aufsatz ist etwas Ähnliches wie die Kunst, über die du in ihm schreibst. Er behandelt das gleiche Thema; du drehst dich um dich selbst. Ist es daher nicht möglich, er könnte ebenso langweilig und nicht von, lass mich sagen, allgemeingültigem Interesse sein? Verstehst du mich?«

Nun hielt Nix den Kopf gesenkt und nickte, aber ich glaubte nicht, dass ich ihn erreicht hatte. »Weiter …«, forderte er mich ungeduldig auf. Er klang interessiert und nicht so verärgert, wie ich erwartet hatte.

»Willst du dich nicht dazu äußern?«, fragte ich verwun­dert. Ich hatte mich auf einige wütende Gegenargumente gefasst gemacht.

»Vielleicht später«, winkte er ab, »zuerst einmal will ich deine gesamte Kritik hören.«

»Wie du willst«, fuhr ich mutiger geworden fort. »Kommen wir zu meinem zweiten Kritikpunkt. Du hast in deinem Aufsatz davon geschrieben, du hättest zwangsläufig schlechte Kunst machen müssen, weil du in ihr nur deine Neurosen und Wahnvorstellungen aufgearbeitet, sie als Psychiater-Couch benutzt hättest. Das wirkt auf mich viel zu einfach, zu absolut und … na ja, zu apodiktisch. Gut, ich denke, du hast recht anschaulich deinen Weg beschrieben, der dich zu deiner Kunst geführt hat und es war mit Sicher­heit nicht der einfachste Weg, den du dir da herausge­sucht hast. Bei anderen Malern kann es aber völlig anders sein. Du kannst doch mit deinem Text nicht auf einer Gültig­keit für jeden bestehen. Das gilt auch für deine neuen Gründe, zu malen.« Obwohl ich diesen Gedanken noch weiter ausspinnen wollte, der ein Seitenthema des Aufsatzes behandelte und eigentlich nur meine Unsicherheit bemänteln sollte, das ganze Werk in Angriff zu nehmen, unterbrach mich Nix diesmal. Anscheinend hatte ich einen für ihn wichtigen Punkt erwischt. Diesmal war er voller Widerspruch.

»Das ist genau das, was ich nicht glaube«, sagte er. »Im Gegenteil: Ich bin absolut davon überzeugt, dass ich mit meiner These in beinahe allen Fällen recht habe. Ich kann dir bei beliebigen Künstlern den Punkt in ihrer Entwick­lung nennen, an dem ihre alten, psychologischen Grün­de, Kunst zu machen, starben, neue in den Vordergrund gerieten und dadurch auch ihre Kunst besser wurde. Eini­ge haben mehrere dieser Wendemarken in ihrer Ent­wicklung.«

Ich wedelte zweifelnd mit der Hand.

»Wenn du meinst. Aber warum beschäftigt dich dieser Gedanke überhaupt so? Im Grunde ist deine Aussage erschütternd lapidar. Mit zunehmendem Alter und Erfahrung wird auch die Kunst besser. Das ist es doch, was du sagst. Was ist das Besondere daran? Sollte es nicht grundsätz­lich so sein? Ich meine, ich male jetzt bessere Bilder als vor fünf Jahren und ich hoffe doch, dass ich in fünf Jah­ren wiederum bessere male als jetzt.« Es fällt mir heute schwer, zu sagen, was mich wieder dazu verführ­te, ihn herauszufordern. Wahrscheinlich war es die Tat­sache, dass er mit seinem Text zu mir kam, von dessen Bedeu­tung er überzeugt war, und von mir eine Kritik, in Wahrheit aber einen Kniefall erwartete. Nein, er hatte sich noch nicht geändert, wie er in seinem Aufsatz behauptet hatte. Er hielt sich noch immer für Jesus und suchte Jünger, auch einen Verräter. Ich gab allerdings ei­nen verdammt schlechten Judas ab. Das hätte ich ihm gern gesagt, aber ich traute mich nicht.

Nix war mir jedoch zu meinem Erstaunen wegen meines Einwands nicht böse und es entwickelte sich danach zwischen uns eine angeregte und auch für mich anregende Diskussion mit vielen Ausflü­gen, Einwänden und Gedankensprüngen. Ich kann mich heute, nach so langer Zeit, unmöglich an alle erin­nern. Ich kann nicht einmal mehr die wichtigsten wie­dergeben. Ich will es kurz machen: Wir unterhielten uns einen ganzen lan­gen Nach­mittag, bis es draußen dunkel wurde und wir uns in dem engen Zimmer kaum mehr sehen konnten. Wir sprachen auch über meine Bilder, die ich im Atelier hängen hatte. Er kritisierte sie ernst und ohne Häme in einer für ihn erstaunlich positiven, gesunden Art, zu der ich ihn nicht fähig gehalten hatte. Er bewies dabei ein gutes Auge für kompositorische Schwächen und Farbfehler. Alles in allem haben wir uns an diesem Nachmittag, den wir gemeinsam in meinem Atelier verbrachten, trotz aller unterschiedlichen Meinungen ganz gut ver­standen. Es entwickelte sich tatsächlich ein Band von Sympathie zwischen uns, von dem ich hoffte, es würde stark sein, unsere Differenzen überwinden können. Vielleicht würden wir uns nun häufiger treffen und sprechen, was mir wirklich Freude gemacht hätte.

Ich hatte mich jedoch getäuscht. Er versuchte in der fol­genden Zeit nur noch einmal, mit mir in Kontakt zu tre­ten und das auch nur, weil er etwas von mir wollte. Er hatte mich auch an diesem Nachmittag im Atelier nur für diese einmalige Gele­genheit gebraucht, gezielt einen Leser gesucht. Ich war wohl gerade der einzige, den er auf die Schnelle finden konnte. Obwohl ich mich ein wenig ausgenutzt fühlte, wusste ich nun durch seinen Aufsatz, dass diese Verhaltensweise exakt zu sei­nem schwierigen und egozentrischen Charakter passte. Der ungewöhnliche Text von Nix hatte mich zum Nach­denken, zum Nachempfinden gebracht. Ich war über die seltsam nüchternen und unpersönlich lakoni­schen Ausführungen des Malers über seine Jugendjahre nach­haltig erschüttert. Gerade die Form seines emoti­onslosen und knappen Berichts über seine Welt des Lei­dens und Erleidens, der Schuld und der Sühne, um die er wie ein Satellit kreiste, hatte mich be­wegt, hatte mich so getroffen,; auch wenn ich aus Ei­genschutz kleinlich an ihm herumkritisiert hatte. Nix hatte auf diese Weise einen inneren Abstand demons­trieren wollen, der ihm aber in keinem Moment gelin­gen konn­te, da zwischen den Zeilen beständig der schmerzhafte Aufschrei des Kindes, das ja noch in ihm steckte, hervor­brach.

Es gibt Texte, Kunstwerke allgemein, die wie manche Menschen den Raum Abstand missachten, den jeder benötigt und um sich herum aufbaut: Sie sind aufdringlich, sie berühren und erzeugen eine Unruhe, einen Fluchtin­stinkt. Während ich den Aufsatz von Nix las, vor allem seinen Beginn, in dem er über seine frühe Jugend, die Selbstgeißelungen und sein spezielles Verhältnis zu sei­nem Gott berichtet hatte, hatte ich beständig den unwillk­ürlichen Wunsch verspürt, zurückzuweichen, die­se ungebührliche, intime Nähe zu einem Fremden, die mir in diesem Moment keinesfalls willkommen war und mich einfach überrumpelte, zu fliehen. Doch sie wirkte in den nächsten Tagen nach, ich konnte ihr nicht entkommen. Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich über Nix nachdachte. Dadurch ent­stand, so schwer es mir auch fiel, langsam Verständ­nis für den schwierigen Menschen Jonas Nix, der mit Hilfe seiner Kunst zwischen den Mühlsteinen, die ihn in sei­ner Pubertät beinahe zerrieben hatten, hervorgekro­chen war. Ich selbst hatte meine eigene Jugend bei wei­tem nicht so dramatisch erlebt und ein nächtlicher Griff un­ter die Bettdecke hatte bei mir eher Erleichterung als ein schlechtes Gewissen hinterlassen. Doch je länger ich über den fatalen Einfluss der Religion auf Nix nach­dachte, um so deutlicher musste ich meinem ersten Ein­druck von ihm, nämlich dem eines mittelalterlichen, anachronistischen Asketen, recht geben.

Eine Weile dachte ich ernsthaft daran, ihn zu malen und ihn auf diese, für mich natürlichste Weise zu be­wältigen. Da ich Nix aber nur aus dem Gedächtnis und nach einem grob gerasterten Zeitungsbild entwarf und diese Tuscheentwürfe und Holzschnitte auch mit zu vielen Symbolen befrachte­te, konnte nichts Echtes, Wahres und Gutes entstehen und ich gab es bald auf. Ich lege diesem Text trotzdem eines dieser doch sehr melodramatischen Skizzenblätter bei. Es ist, wie ich denke, das gelungenste von ihnen.

[Zum 21. Teil …]

Ein Kommentar

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