Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 7)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Lakmi trat neugierig einen Schritt nach vorne und spähte in das dunkle Loch, das sich nun unter ihr auftat. Der quadratische Schacht war nicht sehr tief und der Boden, der vielleicht zwei Manneslängen unter ihr lag, war mit flaschengrünen, im von oben herabfallenden Licht schillernden Fliesen ausgelegt. Alles wirkte sauber, wie erst kürzlich geputzt. Das Erstaunlichste aber war, dass es unten auf dem Grund so kalt sein musste, als befinde sich dort ein Eiskeller. Die eisige Luft dampfte aus der Öffnung. Lakmi hielt fasziniert ihre gefesselten Hände in den kalten Hauch.

„Du bist hoffentlich nicht abergläubisch. Da unten befindet sich kein Eingang in Inets gefrorene Hölle, sondern ein Netz von Gängen, die in die geheimen Kommandoräume einer der Armeen führt, die auf der Oberfläche ihren Krieg ausfechten. Wenn es dir gelingt, dort einzuschleichen, ist es möglich, einen der Gegner einfach auszuschalten. Es gibt im Worum einen großen, schwarzen Tisch, der bei der leisesten Berührung Bilder und Landkarten zeigt und mit dem du reden kannst. In diesem Tisch ist ein blinder Daimon eingesperrt; einer der Sorte, die ihr in Karukora Dschinn nennt. Er wird dir zu Diensten sein und dir jede Frage beantworten, die du ihm stellst. Er weiß, wo sich der Stab der Macht befindet, den ich benötige, um die ewige Schlacht zu beenden. Dieser Dschinn wird dir auch die Karte geben, die in den Tag führt“, sagte Asgëir und stellte sich auf die andere Seite des Eingangs.

Lokwi runzelte die Stirn. Es verlockte sie zwar, die Geheimnisse des Untergrunds zu erforschen, aber ihr blieben noch einige Fragen.

„Ein Dschinn, so habe ich gelernt, ist immer böse, hinterhältig und will dem Menschen, dem er gehorchen muss, übel, weil er neidisch ist, dass dieser im Gegensatz zu ihm eine Seele hat. Er wird jedes Wort verdrehen und jeder Wunsch, den er erfüllt, verwandelt sich unter seiner Hand in eine Plage, die man besser nicht herbeigesehnt hätte.“

„Das gilt wohl auch für den Dschinn im Worum, denke ich. Er ist ein ausgesprochen niederträchtiger Geist, denn er gehorchte einmal meinen Feinden. Doch heute sind die Männer, die ihm Befehle gaben, nur noch Staub und ein verlorenes Flüstern, das außer mir niemand mehr hören kann. Aber der Dschinn kämpft in ihrem Namen weiter unverdrossen seinen Krieg gegen die eisernen Soldaten seiner Gegner, die bis auf mich ebenfalls seit tausend Jahren tot sind. Es ist nun wirklich an der Zeit, die Schlacht zu beenden und der Wüste ihren Frieden zurückzubringen. Doch dazu brauche ich eben alle Stäbe der Macht. Einen besitze ich bereits, ein zweiter ist im Worum, ein dritter befindet sich in Nearoma.“ Asgëir machte eine nachdenkliche Pause. „Du musst jedoch keine Angst vor diesem Dschinn im Tisch und seinen Wächtergolemen vor der Tür haben. Ich kenne das Zauberwort, das sie besänftigt. Sprichst du es aus, werden sie besänftigt und dir ohne Widerrede gehorchen.“

Der seltsame Alte verriet Lakmi dieses Wort, das für sie wie sinnloses Geplapper aus dem Mund eines Kleinkindes klang, aber leider nicht von ihr in ihren Schriften überliefert wurde. Asgëir zwang sie, dieses Wort so lange zu wiederholen, bis er zufrieden mit ihrer Aussprache und ihrer Artikulation der schwierigen und vokalreichen Laute war.

Endlich nickte Lakmi und willigte in den Handel ein. Ihr war zwar, als hätte sie eine wichtige Frage vergessen und Asgëir würde weiterhin einiges für sich behalten. Aber das war wohl – falls er die Wahrheit über seine Vergangenheit gesagt hatte – nicht weiter verwunderlich. Sie schloss die Augen, als müsse sie überlegen, ob sie auf den mit einer gezückten Pistole erzwungenen Handel eingehen sollte, aber sie hatte sich längst entschieden und genoss am Rand des Schachts stehend die Luft, die unvermindert kalt emporstieg und bei ihr zum ersten Mal in ihrem Leben eine Gänsehaut erzeugte. Allein wegen dieses atemberaubend neuen Gefühls hatte sich die Wanderung in die Tote Wüste für sie gelohnt. Und nun konnte es ihr vielleicht dazu noch gelingen, eine Karte ins legendäre Pardais zu ergattern und diese zurück zu ihrem kranken Vater zu bringen. Sie würde ihn unverzüglich zur glücklichen Stadt führen, damit er wieder gesund wurde. Die Legenden sagten doch, dass dort alle Krankheiten heilten und Alte wieder jung wurden.

„Nimm meine Fesseln ab, Zauberer. Ich werde dir deinen Wunsch erfüllen.“

Kurze Zeit später und einige Fuß tiefer in der Erde war die Gänsehaut an den Armen und dem Rücken nichts besonderes mehr und Lakmi fragte sich zähneklappernd und schlotternd, was ihr daran überhaupt gefallen hatte. Sie hätte jetzt einiges für einen wärmenden Umhang oder zumindest für geschlossene Schuhe gegeben. Sie eilte entschlossen den sich vor ihr aufhellenden, aber nichtsdestotrotz bitterkalten Gang hinunter, zum dem sie Asgëir an einem Seil hinabgelassen hatte, nachdem er ihr ein Papier gab, auf dem er den Weg aufgezeichnet hatte, den sie gehen sollte. Er würde sie einige Meilen weiter östlich zu Füßen der ewigen Schlacht zu dem Worum seiner Gegner führen. Sie durfte dabei auf keinen Fall von der groben Skizze abweichen, sonst würde sie sich hoffnungslos in dem Gängelabyrinth hier unten verirren. Hier gab es viele Stellen, an denen ihr Leben in Gefahr war, wo heimtückische Fallen lauerten, Räume ohne oder mit vergifteter Luft, böse Goleme, die alles töteten, das sich bewegte und viele andere Bedrohungen, die auch Asgëir nicht so genau kannte. Er hatte Jahrzehnte seine Lebens damit verbracht, diese Skizze anzufertigen, die sie nun ohne sich größeren Gefahren auszusetzen zum Worum führen sollte. Nur was in unmittelbarer Nähe dieses Raumes war, wusste der Unsterbliche nicht, denn dorthin hatte er nie vordringen können. Hier würde sich Lakmi auf ihre Gewandtheit und ihren Instinkt verlassen müssen.

Doch im Augenblick befand sie sich noch in relativer Sicherheit und bestaunte den Raureif an den Wänden, eine Erscheinung, die ihr bis dahin vollkommen unbekannt gewesen war. Es konnte zwar auch Nachts in der Wüste empfindlich kalt werden, aber die Luft war hier so trocken, dass ihr dieses Phänomen noch nie begegnet war. Ab und an drückte sie ihre flache Hand gegen die beschlagenen Wände und bestaunte die Abdrücke, die sie dabei hinterließ und die Taubheit, die dadurch in ihren Fingerspitzen entstand.

„Vielleicht gibt es hier unten sogar Schnee“, dachte sie. „Den würde ich gerne einmal sehen.“

Inzwischen wusste sie, welche Frage sie Asgëir hätte stellen sollen:

„Wenn du einer der Generäle warst, die diesen Krieg begonnen haben, warum gehst du dann nicht in den Worum deiner eigenen Armee zu deinem Dschinn und beendest von dort die Schlacht?“

Und wenn sie gerade beim Zweifeln war: Wenn sie Asgëir diesen mysteriösen Stab der Macht, nachdem er gierte, besorgte und er tatsächlich den ewigen Kampf der mechanischen Armeen beendete – wozu benötigte sie dann eigentlich noch die Karte nach Pardais?

Bald jedoch hatte Lakmi vollkommen andere Sorgen, als sich über den Delphi Gedanken zu machen. Denn seine angeblich so mühsam erstellte Grundriss-Skizze stimmte nicht. Alles war hier zwar wie von Zauberhand erleuchtet – Strom war zu Lakmis Zeiten in dem Juwel der Wüste noch unbekannt – aber plötzlich stand sie anstatt wie in der Zeichnung angegeben nicht in einem weiteren Gang, sondern in einem würfelförmigen Raum. Und hier war sie auch nicht mehr allein. E wimmelte von kleinen automatischen Spinnen, vielleicht einhundert, vielleicht waren es mehr.

Mein geschätzter Vorredner, der ja eine ganz ähnliche Geschichte über den Gründervater seiner Kirche erzählt hat, nannte sie vorhin Deltas. Das ist eine Spielart der Goleme der Vorgänger, die Reparaturen aller Art durchführen und die Verstand einer Ameise haben sollen. Sie werden von den Befehlen eines Dschinn geleitet, erledigen ihre Arbeiten aber auch allein und selbstständig. So steht es zumindest in Ibn‘ Rufis Standardwerk Von Denen Eyßernen Geschöpfen Unter Den Erden Und Wie Sie Alldorten Haußen zu lesen.

[Fortsetzung nächsten Mittwoch …]

Ein Kommentar

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Glaubt mir – er beißt nicht

Alle Dichter wollen weniger gelobt und fleißiger gelesen sein.
Gotthold Ephraim Lessing

Es widerstrebt mir, den scheinheiligen Tanz ums goldene Kalb und den Feuilleton-, Medien-, Verlags- und Buchhandelsrummel um runde Geburts- oder Sterbedaten unserer Dichter und Denker mitzumachen. Man lobt sie routiniert und wohlvorbereitet an ihren Jubiläen, um dann bereits ein paar Tage später die nächste Sau durchs mediale Dorf zu hetzen. Die Erinnerungen und Ehrungen werden des überschwänglichen Feierns müde wie Christbaumschmuck im Januar eiligst zurück in den Keller geräumt, bis die nächste runde Zahl droht. Gelesen werden diese Autoren trotzdem nicht.

Aber für Arno Schmidt (1914 – 1979) muss ich eine Ausnahme machen, weil er mir wirklich am und manchmal auch auf dem Herzen liegt: Schließlich ist Schmidt der herausragendste und humorvollste, der intelligenteste und zugleich provozierendste Autor, Essayist und Übersetzer, der von uns Deutschen nach dem 2. Weltkrieg mit Nichtbeachtung und Interesselosigkeit abgestraft wurde. Hierzulande werden keine unbequemen Autoren mehr eingesperrt oder mitsamt ihren Bücher verbrannt, man ignoriert sie einfach, ordnet sie bequem in ihren historischen Kontext ein (1) und vergisst sie. Oder man wirft ihnen – auch das ist typisch deutsch – „Nestbeschmutzung“ vor; was den Autor noch nachhaltiger vernichtet, als ihn einfach zu erschießen. Arno Schmidt passierte beides. Er wurde als genialer Außenseiter zu einer wenig beachteten Fußnote im Kapitel „Nachkriegsliteratur der BRD“ degradiert und sein bitterböser Kulturpessimismus und sein verzweifeltes Aufreiben am Deutschen Untertanenwesen als defätistisches Nachhakeln eingestuft.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Sicherlich war an dem fehlenden Nachruhm auch der ärgerliche Streit um die Rechte an seinem Werk schuld. Das führte dazu, dass eine Zeitlang nur atemberaubend teure Nachdrucke der in den 50er und 60er Jahren im Fischer-Verlag veröffentlichten Bücher oder zu ebenfalls gesalzenen Preisen die von der Arno-Schmidt-Stiftung herausgegebenen Gesamtausgaben erhältlich waren.(2)

Und ich gebe es gerne zu: Es ist nicht leicht, Arno Schmidts Welt zu betreten, er macht es dem Leser und auch sich selbst nicht einfach. Keiner schreibt wie er. Schmidt ragt wie ein Mount Everest aus den seichten Vorgebirgen der deutschen Nachkriegsliteratur in sauerstoffarme Höhen. Er ist einzig, aber ganz und gar nicht artig. Sein – formulieren wir es mal euphemistisch – eigenwilliger Umgang mit Grammatik und Zeichensetzung, seine am stream of consciousness und den Wielandschen und Jean-Paulschen satzungethümen Bleistiftwüsten geschulter, synästhetischer, oft monologsischer Stil, in dem manchmal jedes Wort und oft auch jedes Satzzeichen eine Anspielung an ein- bis zwei mitgedachte Literaturquellen (3) und unbewusste freudianische Fehlleistungen sind, seine – der Generation, zu der er gehört, geschuldeten – muffigen sexuellen Fixierungen (man kann von einer Vorliebe für Alt-Herren-Witze reden) wirken wie eine fest verschlossene Tür in sein Gedankengebäude, die nur mit äußerster Anstrengung und aller Geduld und Aufmerksamkeit geöffnet werden kann. Das lohnt sich allerdings. Hat man sich erst einmal an die anspielungsreiche und exzentrische Ausdrucksweise gewöhnt, kann Schmidt süchtig machen. Und diese Liebe hält ein ganzes Leben an.

Schmidt2Arno Schmidt
Schwarze Spiegel
(suhrkamp BasisBibliothek 2006)

Zum Einstieg in sein überbordendes Werk sei hier seine feine kleine Erzählung „Schwarze Spiegel“ angeführt, eine erstaunlich klassische Science-Fiction-Geschichte, von der es in der zeitgenössischen deutschen Literatur viel zu wenige gibt, weil hierzulande Genrewerke nicht ernst genommen und als Unterhaltung abgetan werden. (4) Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase liest sich diese Anti-Utopie flüssig und spannend und enthält doch alles, was ein Schmidt-Œuvre ausmacht. Eine weitere gute Möglichkeit, Schmidt kennenzulernen, sind seine Radioessays über meist vergessene Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen er die Ergebnisse seiner literaturarchäologischen Arbeiten als appetitanregende Häppchen serviert. Dass Johann Karl Wezel oder Karl Philipp Moritz heute wieder gelesen werden, ist der Schmidtschen Radio-Werbung zu verdanken, einige seiner weiteren, äußerst lesenswerten Entdeckungen gibt es beim 2001-Verlag in der Reihe „Haidnische Alterthümer“. Arno Schmidt war auch ein fleißiger Übersetzer englischer und angloamerikanischer Literatur. Hier seien eine kongeniale, stellenweise neudichtende Poe-Übertragung erwähnt, seine Verdienste um John Fenimore Cooper, Jules Verne oder auch Karl May, die in Deutschland als Jugendbuchautoren verschätzt und deren Werke verstümmelt wurden oder seine zugegebenermaßen exzentrischen Bulwer-Lytton-Übersetzungen, die allerdings nur antiquarisch erhältlich sind.(5)

Obwohl es Arno Schmidt Zeit seines Lebens nicht einfach fiel, von seinem literarischen Schaffen zu leben und er im Alter immer zynischer und bitterer wurde, gibt es doch eine Sache, um die ich ihn aufrichtig beneide. Er fand in dem außerordentlich intelligenten und belesenen Millionär Jan Philipp Reemtsma (6) einen Förderer, der ihn mit einem Geldbetrag unterstützte und damit aller materieller Sorgen enthob. Schmidt konnte sich in seinen letzten Lebensjahren in seine Zettelkästen und seine Literatur vergraben und ich nehme an, dass er genau dort glücklich war.

Wenn ich nicht unbedingt muss, dränge ich mich keinem mehr auf : ich habe im Zimmer weit größere Freiheit;
und die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.
Arno Schmidt, Julia, oder die Gemälde

—————–

(1) Arno Schmidt gilt vielen als eher zweitrangiger James-Joyce-Epigone, der oft noch schlechter lesbar ist als sein Vorbild. Die haben sich noch nie an Joyce im Original versucht. Arno Schmidt ist zumindest in einer Sache dem kurzsichtigen Iren überlegen: Er ist nie langweilig.

(2) Man versuche nur einmal, von Schmidts Haupt- und Meisterwerk „Zettels Traum“ eine für Normalverdiener erschwingliche Ausgabe zu erhalten.

(3) Ein Link zur Schmidtschen Referenzbibliothek. Die meisten der Bücher sind urheberrechtsfrei und stehen als PDFs eingescannt zum Download zur Verfügung. Viele von ihnen gibt es allerdings auch bei den üblichen Verdächtigen als ordentlich überarbeitete EPUBs.

(4) Hier sei auf Franz Fühmann verwiesen, dessen Saiäns-fiktschen leider komplett vergessen ist. Über ihn und den Einfluss, den er auf meine Literatur hat, müsste ich auch einmal schreiben.

(5) Ich lese gerade in der Übertragung von Schmidt mit wachsender Begeisterung „Was wird er damit machen“ von Edward Bulwer-Lytton. Diese alte zweibändige dtv-Ausgabe habe ich in einem Tübinger Antiquariat entdeckt. Bei mobileread gibt es – freilich in zeitgenössischen Übertragungen – einige weitere der Romane des viktorianischen Autors, den Schmidt sehr verehrte.

(6) Es sei an dieser Stelle wärmstens sein brillantes Buch „Im Keller“ empfohlen, in dem er die Erfahrungen beschreibt, die er während und nach seiner Entführung machte.

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 17)

Klammer hatte offensichtlich doch ein wenig geschlummert, aber nun hielt ihn erneut seine Unruhe wach. Fuhr der Zug noch durch Südtirol oder das Trentino oder näherte er sich bereits Verona? Die wenigen Lichter in den Dörfern an den nahen Berghängen wirkten alle gleich auf ihn. Er knipste das Licht über seinem Sitz an. Der gutgekleidete ältere Italiener zu seiner Rechten – er hatte sich als Avvocato Sciacalli vorgestellt, als er in Innsbruck den Platz neben ihm belegte und war noch vor dem Brenner eingeschlafen – grunzte im Schlaf, aber er wurde nicht wach.

Klammer nahm sein wertvolles schwarzes Buch aus dem Handgepäck und blätterte nach vorne, zu der Stelle hin, in die er seiner Gewohnheit treu einen selbst geschnittenen orangefarbenen Papierstreifen als Einmerker geschoben hatte. Wie er erleichtert feststellte, hatte sich der Text noch nicht verändert, die Seiten bildeten weiterhin den Text des Romans ab, den angeblich sein Großvater geschrieben hatte. Er überflog ein Kapitel, in dem Sebastian Kerr umständlich und weinerlich die Enge und Eingeschränktheit seiner Heimatstadt Augsburg beschrieb. Diese Ausführungen mochten zwar für den einen oder anderen literaturhistorisch interessierten Germanisten von Bedeutung sein, aber für den Leser, der ja schließlich ebenfalls aus dieser entsetzlich spießbürgerlichen Stadt kam, in der sich niemand für Literatur begeisterte und selbst Brecht noch wegen seiner politischen Ansichten misstrauisch beäugt wurde, war das keine Neuigkeit und eine langweilige Durststrecke, eine Zeilenschinderei, die den Roman unnötig dehnte. Also überblätterte er kurzerhand das Lamento, das auch nach beinahe einhundert Jahren nichts an Aktualität verloren hatte.

Obwohl dem Autor der Beginn des Romans durchaus gemundet hatte, hatte ihm bisher das komplette Menü nicht besonders geschmeckt. Das lag nicht nur daran, dass ihn seine Sorgen ablenkten, sondern an der von Absatz zu Absatz zunehmenden Geschwätzigkeit des jungen Autors der Hyänen von Berlin. Anstatt direkt auf den Kern der Geschichte zuzusteuern, erging sich Kerr in langatmigen Beschreibungen von Personen, Umständen und Umgebungen. Der Autor hatte beim Lesen ständig befürchtet, dass der geschwätzige Jesuit Marini eine eckige Klammer eröffnen und kursiv sein unnötiges Wissen zum Besten geben würde. Dabei war noch nicht einmal geklärt, ob die Hyänen ein Gesellschaftsdrama, ein Entwicklungs- oder einfach ein Kriminalroman waren.

Man lese nur die Stelle, an der die Hausangestellte überfallen wurde, die wahrscheinlich beim Leser Spannung erzeugen sollte und durch eine unpassende und ausführliche Beschreibung des Wohnzimmers unterbrochen wurde. Herrschaft! Der Autor ließ sich sogar die Zeit, den Teppich zu beschreiben, auf dem das Opfer lag! Kein Wunder, dass Kerr nie so berühmt wie der von ihm beneidete Brecht geworden ist – ganz ehrlich: Mein Großvater war ein höchst mittelmäßiger Schriftsteller.

Doch im dritten Kapitel des Romans setzte endlich wieder die Handlung ein und Klammer las sich fest, während ihn der Zug über die Po-Ebene und durch die Nacht ins noch ferne Rom transportierte.

Kapitel DREI
Sündige Frauen

Der Nachmittag und der frühe Abend zogen sich endlos dahin; sie waren eine gewaltige, graue Mauer, die Sebastian nirgendwo überstei­gen konnte. Berlin zeigte sich von einer trägen, langweiligen Seite – einer Seite, die er später noch besser kennen, aber niemals wirklich schätzen lernte.

Berlin! – Ein Summen, Klirren und Stampfen steigt in die Nacht auf, und das schillernde Netz der Lichter spannt sich über das tönende Dunkel. Licht und Lärm sind untrennbar vereint in dieser gewaltigen Stadt der Arbeit und der Lust; und wenn die Massen durch die geraden Straßen der jungen Großstadt hasten, weiß man nie, ob es zur Arbeit geht oder zu irgendeiner hastigen, schnell beschlossenen, schnell genossenen und schnell erledigten Vergnügung. In einem verwirrenden Bilde rauscht alles vorüber.

In dieser gewaltigen Stadt sind immer alle unterwegs, dachte Sebastian, aber sie scheinen niemals irgendwo anzukommen.

Man wartet auf ein Ereignis, eine Stunde, eine schicksalshafte Begegnung, ein freundliches Lächeln, den zitternden Schlag des Minutenzeigers auf der großen Uhr am Alexanderplatz, mit der er einen Teilstrich weiter springt, in seinem endlosen Teufelskreis, dem er nicht entkommen kann –, und doch scheint dieser Augenblick niemals einzutreten. Man starrt auf den Zeiger, bis die Augen tränen, aber er weigert sich einfach, weiter zu rutschen, als wäre er am zeitlosen Eispol des Universums eingefroren. Dann wieder explodiert Berlin. Alles findet überall gleichzeitig statt und man hetzt sich vergeblich ab in dem Bemühen, an allen Ereignissen teilzunehmen, die doch alle so bedeutend sind.

Sebastian saß also am Schreibtisch im Gästezimmer, starrte in den trostlosen Garten und versuchte sich an ein paar Gedichtzeilen, die diese Empfindung aufs Papier bringen sollten:

Ratten Tauben und Gekröse
Gehirne im Krampf
Berlin willst du deinen Namen wissen?

Aber nichts wollte ihm gelingen, er hatte dumpfe Kopfschmerzen, die von seiner rechten Schläfe ausstrahlten und sich im Lauf des endlosen Nachmittags über die gesamte Schädeldecke ausbreiteten. Ab und an knackte die kochende Heizung, manchmal waren dumpfe Schritte im Haus zu hören. Das musste durchaus als Ereignis genügen. Eine frühe Dämmerung setzte ein, aber sie ließ sich Zeit, als scheue sie sich, den langen Nachmittag abzulösen.

Der junge Mann machte sich nicht die Mühe, das Licht einzuschalten. Bald legte er den Schreibstift zur Seite, denn die Zeilen, mit denen er die linierten Blätter seines Moleskine beschrieben hatte, verschwammen vor seinen Augen zu krakeligen Hieroglyphen.

Berlin – willst du ihn wissen?
Er steht dort an der Wand.

Sebastian lehnte sich in einem Stuhl zurück und schloss die Augen. Es gab vieles, über das er nachdenken wollte – über seine Entscheidung, Augsburg zu verlassen, um sein Glück in der Reichshauptstadt zu versuchen, die Ereignisse des Vormittags und die merkwürdigen Geres, die offensichtlich mehr Familiengeheimnisse begraben hatten, als in ihre Gruft passten, schließlich die unheimliche Szene, die er erlebte, als er am frühen Nachmittag nach einem ungehörten Klopfen an Gretas Zimmer die Klinke probierte, die unverschlossene Tür öffnete und einen Blick in ihr Reich erhaschte. In diesem Augenblick, der ihn wie unter einem Stromstoß zusammenzucken, fast panisch zurückweichen und zurück in sein Gästezimmer fliehen ließ, hatte er noch keine Kopfschmerzen gehabt und eigentlich nur in Erfahrung bringen wollen, wann man zur Tour in die Stadt aufbreche.

Und da saß er nun und versuchte, den verbotenen Blick auf Greta und Clara aus seinem Gedächtnis zu bannen. Es gelang ihm nicht. Er fühlte sich so schmutzig und besudelt wie ein Vojeur. Die Feder zögert zu berichten, was er gesehen hatte und doch muss wahrhaft erzählt werden:

Im Schummerlicht einer Handvoll Kerzen saß Clara breitbeinig und schlaff, als wäre sie eine mechanische Puppe, deren Feder nicht mehr gespannt war, auf einem kitschig geblümten Sofa. Sie hatte ihren Unterrock bis über die Hüften enporgezogen. Sebastian sah um die Knie die dunklen, stahlgrauen und halb herabgerollten Strümpfe, die von den Strapsen ihres Mieders gelöst waren. Und er sah viel von der weißen, wächsernen Haut ihrer fleischigen Oberschenkel. Ihre Beschaffenheit erinnerte ihn an die monströsen Larven der Maikäfer, auf die er als Kind manchmal in der Erde des Kerr’schen Gartenvierecks gestoßen war. Ja, genau so wie ein Engerling wirkten sie auf ihn. Ihm wurde übel und ein dünner Eispickel stach in seinen Nacken.

Greta kniete vor den geöffneten Beinen Claras und schien aufmerksam die Innenseite ihrer Schenkel zu streicheln. War das wirklich ein sapphisches Tête-à-tête, in das er zufällig geraten war? Sebastian konnte es nicht glauben. Hier war etwas grundfalsch, auch wenn er sich noch nicht erklären konnte, was es war. Die Hausangestellte saß ihm direkt gegenüber und starrte ihn tatsächlich mit weit aufgerissenen Augen an, aber ihr Blick war vollkommen leer, die Iris zwischen den Wimpern nur ein dünner, kaum sichtbarer Rand. Die Schwärze ihrer unnatürlich vergrößerten Pupillen wirkte auf den jungen Mann wie aus der Welt herausgeschnitten. Ein Dämon, der der kranken Phantasie eines Hanns Heinz Ewers oder eines Gustav Meyrink entsprungen war, hatte solche Augen, kein Mensch oder irgendein anderes von Gott geschaffenes Geschöpf. Sebastian fühlte sich, als wäre er versehentlich in eine der unheimlichen Fieberalbträume dieser Autoren gestolpert und er konnte sich nur schwer von dem seelenlosen Puppenblick Claras abwenden.

[Fortsetzung am nächsten Montag]

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 6)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Vier Stäbe, um einen zu formen. Vier Stäbe, das Reich zu schaffen. Wehe, Serdan, das Alter greift nach dir. – Aber dies wird dir gleichgültig sein und nichtssagend. Denn es ist eine andere Geschichte und ich habe durchaus nicht vor, sie heute zu erzählen(1). Was für dich wichtiger ist: Unter den Kavernen dieser alten Stadt, in deren Überresten wir uns befinden, gibt es in der Tat einen Schatz. Da habe ich die Wahrheit gesprochen. Doch dieser Schatz ist nicht aus Gold und er hat für jemanden außer mir keinen Wert. Und nur du kannst ihn holen. Aber nicht, weil der Durchgang für mich selbst zu eng wäre. Ich könnte durch ein Mauseloch schlüpfen; schau mich an, ich bin nur noch ein Skelett, dem noch ein wenig Haut über den Knochen spannt. Es gibt einen anderen Grund, aus dem ich nicht in die Schatzkammer gelangen kann, die früher Worum, also „Raum des Krieges“ genannt wurde. Das kannst nur du, als Kind des jüngeren Blutes. Ich habe so lange auf dich gewartet.“

Lakmi hatte dem Alten aufmerksam zugehört und versucht, seinen Worten zu folgen. Log er sie diesmal nicht an? Sie wusste es nicht.

„Und weshalb kannst du diesen Worum nicht selbst betreten?“, fragte sie. Asgëir lächelte bitter.

„Weil es der Worum meines Feindes ist. Ich bin … ich war einer der vier Generäle, die die Schlacht in der Toten Wüste begonnen haben und nie beenden konnten. In dem Kriegsraum, in den du eindringen sollst, gibt es allerdings einen Gegenstand von unüberwindlicher Macht, der die Schlacht sofort beenden könnte.“

„Du lügst mich wieder an. Du kannst nicht einer der Generäle sein, die die Heere dort draußen befehligt haben. Diese Schlacht tobt seit tausenden von Jahren, das weiß in Karukora jedes Schulkind. So alt kann niemand werden! Oder …“, ihr kam ein erschreckender Gedanke, „… bist du selbst ein Daimon oder Golem?“

Asgëir lachte.

„Aber nein. Ich weiß, das ist für dich schwer zu glauben und es ist mir auch gleichgültig, ob du es tust, Mädchen. Aber damals, ihr nennt sie, glaube ich, die Zeit Launins, in den goldenen Jahren nach dem Untergang der Vorgänger, war der Tod beinahe besiegt und ewige Jugend kein Märchen mehr. Doch dieses Geschenk wurde nur wenigen gemacht, den Reichen, den Mächtigen, den Herrschern und unter diesen konnten es sich nur die wenigsten leisten. Soweit mir bekannt, gibt es nur noch vier von uns … vielleicht fünf. Wir haben uns von hier in alle Winde verstreut. Aber wir sind nicht hier, damit ich dir alte Geschichten erzähle, sondern um eine Schlacht und einen Krieg zu beenden, der schon viel zu lange dauert. Du musst dazu in den Worum, denn mich würden die Wächter an seiner Tür nicht einlassen.“

„Aber warum hast du mir das nicht gleich erzählt? Warum hast du mich betäubt und mich gefesselt?“ Lakmi hob anklagend ihre mit einem groben Strick zusammengebundenen Hände. „Und warum hast du mich in diesen kahlen Raum verschleppt?“

„Hättest du mir denn geglaubt?„Hättest du mir denn geglaubt? Würdest du dich denn nicht sofort auf mich stürzen, wenn ich deine Bande lösen würde? Du bist jung und kräftig und ich nur ein altes Klappergestell. Ich könnte mich deiner nicht erwehren. Und was diesen zugegeben ungemütlichen Raum angeht – nun, du liegst direkt auf dem Eingang zu den Katakomben, die zu dem Worum führen.“
Lakmi nickte langsam.
„Du hast recht. Deine neue Geschichte klingt noch verlogener als deine alte und ich würde dir die Augen auskratzen, wenn ich es könnte. Doch sage mir: Warum sollte ich dir helfen? Was hätte ich davon? Ich habe wenig Lust, mein Glück an diesen Wächtern auszuprobieren von denen du erzähltest. Nur weil … mein Blut … anders ist als deines. Sie müssen recht schrecklich sein, wenn du dich vor ihnen fürchtest.“

„Für dich ist das ganz ungefährlich, glaube mir. Die Wächter werden dir gehorchen. Du sollst nicht leer ausgehen. Dort unten im Worum liegt auch eine Karte, die dich quer durch die Schlacht der Maschinenheere unbeschadet nach Pardais bringen wird. Da willst du doch hin, oder? Es ist der Weg, der in den Tag führt.“«

Ein Raunen und Flüstern ging durch den hohen Saal, in dem atemlos Alis Geschichte gelauscht wurde. Auch der Namenlose und neben ihm die schöne Miladi richteten sich in ihren Stühlen auf. Allein Ómer trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Tischplatte. Er wartete auf die ihn aus seiner Qual erlösenden rituellen Schlussworte, mit denen Alis sein Märchen beenden und damit das verabredete Signal für den Beginn der Palastrevolte geben würde. Er lauschte im Gegensatz zu den anderen nur mit halbem Ohr und vertröstete sich mit dem Gedanken, endlich dem eigenhändig erwürgten Namenlosen die Goldmaske vom bleichen Kindergesicht zu reißen und sie in einer großen Geste seine Tochter überreichen zu können. Schließlich trug sie den Thronfolger unter ihrem Herzen und würde unter Ómers Aufsicht als Regentin die Staatsgeschäfte übernehmen. Und mit all den ausländischen Würdenträgern und Honoratioren in dem Speisesaal würde es gegen diesen Staatsstreich keinen Widerstand geben – zumal überall die von Ómer bestochenen Soldaten standen.

Wenn nur dieser Alis endlich damit aufhören würde, von einem Märchen zum nächsten zu flanieren. Schon die Geschichte von diesem Nordmann war dem Großvezir viel zu lang gewesen, aber der alte Märchenerzähler schien ihm tausend und eine Nacht zu brauchen, bis er endlich zum Ende kam!

Alis schien Ómers wütenden Blick zu bemerken, denn er sah mit einem spöttischen Lächeln auf und wandte sich direkt an den Vezir und seine Gäste.

»Es gäbe viel über jene geheimnisvolle Karte zu berichten, die den Weg zu der Stadt weist, die der Krieg und die Zeit verschont haben, in deren Kanälen Milch und Honig fließen und in der das Leben ewig währt. Die Karte ging von Hand zu Hand und immer wieder verschwand sie für Jahrhunderte, tauchte dann wieder unter den ungewöhnlichsten Umständen auf. Es heißt, die Karte sei heute irgendwo im elfenbeinernen Palast versteckt. Doch all diese Geschichten will ich nicht heute erzählen, sondern sie mir für ein anderes Mal aufsparen. Für diese Nacht mag uns genügen, wie die Karte in die Hand von Lakmi kam, jener später so berühmten Reisenden, die man auch die „Unerschrockene“ nannte In dem Moment, in dem wir sie eben vor unserer kleinen Unterbrechung verließen, sah es nicht danach aus, als würde sie ihr Abenteuer mit Asgëir, dem geheimnisvollen Warter, heil und gesund an Geist und Körper überstehen können. Doch sie selbst hat uns die Geschichte, die ich euch erzähle, in einem ihrer vielen Bücher hinterlassen.

Der verlogene Unsterbliche hatte ihr zwar einen Schatz versprochen, wenn sie für ihn in den Worum eindrang, aber er traute ihr nicht so weit, als dass er sie von allen ihren Fessel befreit hätte. Er nahm ihr nur die Fußstricke ab und achtete dabei darauf, außerhalb der Reichweite ihrer Beine zu bleiben.

„Steh auf“, sagte Asgëir, „und gehe zurück zur Wand.“

Er hielt jetzt eine kleine Pistole in der Hand und zielte mit ihr auf Lakmi. Obwohl solche Vorgängerwaffen in Karukora verpönt waren und nach dem Gesetz des Namenlosen nur von den höchsten Rängen der Treuwacht getragen werden durften, erkannte das Mädchen den ungewöhnlich geformten Gegenstand sofort und sie beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen.

„So ist es recht. Meine Waffe mag zwar uralt und auch rostig sein, aber sie wurde von mir immer gepflegt, geölt und ist vollkommen funktionstüchtig. Auf diese Entfernung kann ich überhaupt nicht vorbei schießen.“

Ohne Lakmi aus den Augen zu lassen, beugte Asgëir sich herab und kehrte mit seiner freien Hand den Wüstensand am Boden zur Seite. An dieser Stelle kam ein Bügelgriff zum Vorschein, den er ergriff und an dem er mit sichtbarer Anstrengung zog. Und tatsächlich gelang es ihm, eine etwa drei auf drei Fuß große Bodenplatte zu lockern und sie mit einem letzten Kraftakt zur Seite zu schieben.

Lakmi trat neugierig einen Schritt nach vorne und spähte in das dunkle Loch, das sich nun unter ihr auftat.

[Hier geht es weiter …]


(1) siehe: „Zauberlehrlinge“, Roman aus der Welt von Brautschau

Ein Kommentar

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Pavese und dieser Sommer

Es wird andere Tage geben,
andere Stimmen werden sein.
Ganz alleine wirst du lächeln.
Cesare Pavese, The cats will know

Manchmal brauche ich eben ein wenig Halt in diesem leeren Kosmos, dieser gleichgültigen, im wörtlichen Sinn Gott-losen Welt, in der mich die Dinge nicht beobachten, mich nicht beachten, ja, nicht einmal ignorieren. Gut und Böse, Trauer, Freude, Liebe, Wut, gar eine Moral: Sie werde ich unter ihnen vergeblich suchen. Wenn ich einmal ermüdet sterbe, werde ich mich wandeln; endlich ebenfalls in ein leeres, gleichgültiges Ding.

Wenn mich die nüchterne Interesselosigkeit der Welt niederdrückt und die abweisende Kälte der am Nachthimmel funkelnden Sterne deprimiert, wird mir mal wieder deutlich, wie einsam ich in diesem Universum bin. Dann erwachen Selbstmitleid und der Künstler in mir, denn andere Konsequenzen erschrecken mich. Ich beginne ungeschickt wie ein Mensch der Steinzeit, meine Fingerabrücke auf den Oberflächen der Dinge zu hinterlassen, sie zu prägen. Auch wenn sie nur ein schnell vergehender Fettglanz sind, ich habe sie doch berührt. Ich schaffe mir Totems und Idole, personifiziere Gegenstände und Ideen, eine Religion: Ein Nagel ist ein Nagel, aber vier Nägel ergeben bereits ein Kreuz.

Wenn ich die Jahreszeiten personifiziere, um sie persönlich ansprechen oder beschimpfen zu können, denke ich mir den Sommer immer als eine ältere Frau, die dem Glanz und der Schönheit ihrer Jugend hinterher weint. Die Sommerfrau dieses Jahres ist bisher eine strenge, alles unter ihrer Wucht erdrückende Herrscherin, zumindest hier unten im seenreichen südlichen Deutschland zwischen der hier noch jungen und rassigen Frau Donau und den stolzen, arroganten Alpengipfeln, nahe jener pfahlbürgerlichen Renaissancestadt, deren Bewohner von ihr behaupten, sie wäre die nördlichste Italiens – als wäre damit irgendetwas bewiesen. Frau Sommer ist in diesem Jahr eine Domina, die ein SM-Spielchen mit Zuckerbrot und Peitsche aufführt, wobei sie lieber die Peitsche schwingt und – um es mit einer der drolligen Formulierungen des Wetterberichts auszudrücken – „markantes“ Wetter mit sich bringt. Endlose, hitzige Sonnentage, dazwischen heftige Gewitter. Sie fallen kaum ins Gewicht, die aber nicht für Abkühlung sorgen, sondern die Luft weiter mit klebriger Schwüle schwängern. Dann drückt wieder die Last des Thermometers auf uns.

Habe ich dich nun in die richtige Stimmung gebracht, lieber von mir imaginierter Leser, der für mich nur als seltener Pixelstrich auf dem glatten, spiegelnden Bildschirm meines Netbooks erscheint, während ich im Schatten meines Kirschbaums schreibe? Dann folgt jetzt eine

Sommerlektüre-Empfehlung

Habe ich eigentlich schon einmal Cesare Pavese (1908 – 1950) gelobt, aus dessen letzten Gedicht vor seiner Selbsttötung an einem weiteren schwülen Sommertag die oben zitierten, mich immer wieder aufs Neue erschütternden Zeilen stammen?

Seltsam, obwohl der große italienische Dichter einer der prägenden Autoren für mich ist, habe ich ihn bislang wirklich in meinem Blog vernachlässigt. Das ist eine geradezu sträfliche Unterlassung. Ich kenne eigentlich keinen weiteren Schriftsteller, der seine Prosa und seine Gedichte so konsequent und konzentriert geschrieben hat und dem es so eindringlich gelingt, komplette Geschichten mit ein paar lakonischen Worten und alleine zwischen den Zeilen zu erzählen.

Das wird vor allem bei seinen Kurzgeschichten deutlich, die als zweibändige Taschenbuchausgabe bei Claasen und in drei Bänden antiquarisch z. B. von Fischer erhältlich sind. Meist spielen sie in endlosen, bewegungslosen Sommertagen in den Hügeln des Monferrato, einem bäuerlichen, patriarchalischen Regeln unterworfenen Land, das sich sanft hinter der zu Paveses Lebzeiten noch grauen Arbeiterstadt Turin über der Po-Ebene erhebt, wo „bitterer Reis“ und Mückenschwärme gezüchtet werden, die wie schwelende Gewitterwolken über die Dörfer herfallen. Hier oben ist die Welt noch eine archaische. Sie ist voll von Geiseln, Idolen und Totems, überall sind Tabus und halbvergessene Mythen zu finden. Es ist eine Welt, in der Individuen gebrochen werden wie das vertrocknende Getreide auf den von einer unbarmherzigen Sonne beschienenen Feldern; auf der das Blut so dunkel und schwer fließt wie der Wein, der hier gekeltert wird.

Monferatto

Davon zu erzählen, gelingt Pavese in unnachahmlicher Weise auf manchmal nur zwei, drei Seiten Text. Wer Blut geleckt hat und mehr will, sollte sich an seine kurzen, aber konzentrierten Romane halten, deren poetische Titel schon Bände sprechen und zusammenfassen, was ich eben wortreich ausführte: „Der junge Mond“, „Der Teufel auf den Hügeln“, „Die einsamen Frauen“, „Der schöne Sommer“, „Unter Bauern“. In seinen Kurzgeschichten und Erzählungen ist Pavese allerdings auf dem absoluten Höhepunkt seines Schaffens. Wer also nicht die Aufmerksamkeitsspanne besitzt, einem längeren Erzählfaden zu folgen, aber zwischen Sonnenliege, Eincremen und Baden im Meer nicht den üblichen Liebes-Vampir-SM-Thriller, sondern Literatur von Weltrang lesen möchte, ist bei Paveses kurzen Texten gut aufgehoben.

Freilich habe ich versucht, wie Pavese zu schreiben. Das Ergebnis kann hier bestaunt werden:

*

Diese klassische Short-Story, in der ich ursprünglich versuchte, den knappen Stil Cesare Paveses nachzuahmen, hat eine lange Geschichte: Zuerst war sie Teil meines Romans „Das Spiel“ von 1983, wurde dann 2001 von mir extrem gekürzt und bei einen Wettbewerb des Wolkensteinverlags, Magdeburg unter dem Titel „Der Badeplatz“ eingereicht. Ich habe sie jetzt noch einmal ein wenig verändert. Die Illustration ist ein Ausschnitt aus dem Bild „Kiesbank“ von dem in Ulm wohnenden Maler Thomas Becker, der seine großformatigen Landschafts-Traumbilder gerade in Tübingen ausstellt.

*

Kleine Veränderungen

Diese Geschichte hat mir Vitalij erzählt. Er meinte, sie sei zwei desillusionierten Männern würdig, die in einem ausgetrockneten Flusslauf spazieren gehen und mit ihren Füßen den Sand ihrer Erinnerungen aufwühlen:

Die Schulbehörde hatte sich endlich dazu durchgerungen, die großen Ferien auf vier Monate auszudehnen. Vitalij, übrigens der schlechteste Schüler meiner Klasse, ein in jeder Beziehung dürrer Junge, verbrachte diese geschenkte Zeit mit seinen Freunden Stefan und Burak unten am Fluss. Nur dort waren die heißen Julitage erträglich. In jenem Sommer lastete die Hitze zwar schon staubschwer auf der Stadt, aber über die heute üblichen Wasserrationierungen wurde nur diskutiert. Man konnte auch noch ins Freie gehen, ohne größere Vorkehrungen treffen zu müssen.

Die drei Freunde trafen sich jeden Vormittag am Ostufer der Staustufe. Sie war nahe bei den Hochhäusern, die bereits mit Hitzeschlieren getüncht waren. Dort wohnte der quirlige Stefan bei seinen beiden Vätern. Obwohl er damit den kürzesten Weg hatte und jedesmal hektisch und außer Atem zum Wehr herunter geradelt kam, mussten die anderen immer auf ihn warten. Stefan konnte überhaupt nicht anders als unpünktlich sein. Meist war Burak der erste am Treffpunkt. Er ließ die Füße ins Wasser hängen, sein Rad in Griffweite abgestellt. So harrte er geduldig. Seltener kam Vitalij zuerst. Er war nur vor Burak da, wenn er bereits am Morgen mit seiner Mutter Streit bekommen hatte.

Nachdem Stefan geduldig die üblichen Vorwürfe der anderen über sich hatte ergehen lassen, stiegen sie auf ihre Räder und folgten dem Uferweg flussaufwärts. Sie ließen sich auf der kurzen Strecke zu ihrem Ziel viel Zeit, es war angenehm, die Räder im fleckigen Schatten der Bäume rollen zu lassen und sich vom Fahrtwind den Schweiß kühlen zu lassen. Die Freunde waren zu einer sehr unzugänglichen Stelle unterwegs. Es war eine Kiesbank im Fluss, an der sie allein nackt sonnen und baden konnten. Burak hatte sie vor einigen Wochen durch einen Zufall entdeckt, als er nach einer verflogenen Frisbeescheibe forschte: Diese schmale Landzunge im Fluss war nur zu Fuß durch einen engen Pfad in dichtem Gestrüpp und eine wagemutige Klettertour den Hang hinab zu erreichen. Vitalij war sicher, dass es an dieser Stelle im letzten Jahr noch keine Kiesbank gegeben hatte. Sie wäre ihm bei seinen Bootsausflügen aufgefallen. Er nahm an, sie sei erst im Dauerregen des Winters durch eine seltsame Laune des Flusses aufgeschwemmt worden.

Kiesbank

Die Freunde hatten niemandem von ihrem Badeplatz erzählt, das war ihr Geheimnis. Auch wenn sie häufig abends mit Bekannten und Mädchen am Flussufer grillten, tranken oder Computer spielten, sie führten nie jemanden an ihre Stelle. Obwohl ich Vitalij bei diesen Gelegenheiten häufig traf, wusste ich ebenfalls nichts von der Kiesbank. Sie war nur für die drei bestimmt, für die langen, heißen Nachmittage jenes Sommers. Hier lagen die drei Jungen den ganzen Tag über, sonnten und unterhielten sich. Manchmal lagen sie still da und lauschten den Vögeln, die in den Zweigen über ihnen saßen und die Klingeltöne von Handys nachahmten. Wenn ihnen zu heiß wurde, sprangen sie gemeinsam in den Fluss, ließen sich in der starken Strömung ein Stück hinab treiben. Im spärlichen Schatten der vertrockneten Erlen kletterten sie dann über die klobigen Ufersteine wieder zu ihrem Badeplatz zurück. Trotz der Sunblocker wurde ihre Haut im Verlaufe der Ferienmonate dunkel, fast ledrig. Sie waren stolz auf diese nahtlose Bräune, auch wenn sie sie, außer sich gegenseitig, niemandem vorführen.

Burak war der schweigsamste der drei. Nur selten er hörte zu, wenn sich Vitalij und Stefan über ihre Chat-Erlebnisse im Internet austauschten; meist las er konzentriert in den dicken, seltsamen Büchern, die ihn interessieren.

Erst spät am Abend, wenn mit der untergehenden Sonne der Hauch einer Abkühlung über den Fluss wehte, kletterten sie durch das Ufergestrüpp zu ihren Rädern zurück.

Die Idylle konnte nicht ewig währen. An einem Tag am Anfang des Augusts warteten Burak und Vitalij am Treffpunkt vergeblich auf Stefan. Die beiden mussten schließlich allein zur Kiesbank radeln. Da Vitalij mit Burak allein nicht viel anzufangen wusste, wurde ihnen schnell langweilig und sie trennten sich früher als sonst üblich. Am nächsten Tag ließ Stefan die beiden wieder vergeblich auf sich warten.

Doch als sie zu der Kiesbank kamen, war er bereits dort. Er war nicht allein. Er hatte ein Mädchen mitgebracht. Er küsste es demonstrativ, als er die anderen kommen sah. Burak übersah Stefans Freundin kommentarlos. Er ließ nur seine Badehose an, als er sich etwas abseits auf den Kies legte und nickend eines seiner Bücher hervorzog. Vitalij wurde jedoch sofort wütend. Er fühlte sich betrogen und winkte Stefan zur Seite. „Warum hast du das getan?“, fragte er scharf, eine abfällige Handbewegung in Richtung des Mädchens machend, das sich gerade auf den Bauch legte und dabei die Träger ihres Badeanzugs von den Schultern streifte.

„Diese Stelle sollte doch eine Sache zwischen uns dreien bleiben, unsere Zuflucht.“

Stefan zuckte abgelenkt mit den Schultern. Er ließ seine Freundin keinen Moment aus den Augen.

„Na und? Das ist jetzt anders. Sie ist meine Freundin. Ich nehme sie überall hin mit. Das hat sich eben geändert. Was ist daran schlimm?“

„Ich will nicht, dass sich etwas ändert. Ich will, dass es so bleibt, wie es ist“, erwiderte Vitalij. Am meisten enttäuschte ihn, dass er diesen einfachen Sachverhalt auch noch erklären musste. Stefan sah ihn nun zum ersten Mal an. Einen Augenblick wirkte er erstaunt, dann lachte er.

„Das soll wohl ein Witz sein! Wir sind keine kleinen Kinder.“ Nein, er begriff noch immer nicht, was Vitalij eigentlich wollte. Genauer gesagt, er hatte nicht überhaupt nicht vor, seinen Freund zu verstehen. Vitalij wusste keine Worte, keine Entgegnung, die sinnvoll gewesen wären. Was blieb ihm übrig? Er schlug dem Freund mit der flachen Hand ins Gesicht. Stefan taumelte überrascht rückwärts. Vitalij setzte nach. Stefan verteidigte sich, nun selbst voller Wut. Bevor Burak oder das Mädchen eingreifen konnten, rangen die beiden miteinander, lieferten sich ein verbissenes Handgemenge. Endlich rollten sie ineinander gekrallt in das an dieser Stelle recht tiefe Wasser. Um nicht gemeinsam unterzugehen, mussten sie sich trennen. Vitalij ließ von Stefan ab und schwamm so würdevoll, wie es ihm möglich war, davon.

Nach geraumer Zeit kehrte er zu der Kiesbank zurück, fand er aber nur noch Burak vor. Stefan und seine Freundin waren längst gegangen. Eine Weile leckte Vitalij noch klagend seine Wunden. Burak ging nicht auf ihn ein, er starrte ohne zu lesen in sein Buch. Dann sagte er:

„Niemand kann zweimal in den gleichen Fluss steigen.“

Es war das letzte Mal, dass Vitalij mit den beiden zusammen beim Baden war. Auch zur Kiesbank ging er nie mehr. Von dem Tag an bis zum Beginn des neuen Schuljahres traf er sich mit uns anderen im Freibad. Natürlich hat er sich später mit Stefan versöhnt. Sie schwiegen den Vorfall tot. Vitalij musste sich eben daran gewöhnen, dass die Freundin, bis sie sich von Stefan trennte, immer dabei war. Mit Burak trafen sich weder er noch Stefan wieder. Es war ihnen beiden peinlich, wenn sie ihm zufällig begegneten.

So hat Vitalij mir diese Geschichte erzählt. Das sei eine alte, eine sentimentale Geschichte, meinte er noch. Aber sie sei immer wieder neu.

*

Und um diesen heftigen Flirt mit dem Selbstmitleid mit Paveses letztem Tagebucheintrag vom Tag seines Todes zu enden:

All das ist ekelhaft.
Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.

 

 

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 16)

Klammer seufzte vernehmlich.

„Ich kann mich erinnern, dass ich das Werk Anfang der Neunziger Jahre als junger Student in einem Dresdner Antiquariat gekauft und damals auch gelesen haben muss“, überlegte Engold. „Mir ist, als hätten wir schon einmal darüber geredet. Leder muss der Band bei einem meiner Umzüge verloren gegangen sein. Auf jeden Fall habe ich keine Ahnung mehr, worum es in dem Werk Ihres Großvaters ging.“

„Ach, kommen Sie! Das kann es doch nicht geben!“

„Haben Sie eine Ahnung, wie viele Bücher ich in meinem Leben schon in der Hand hielt? Ich fange jede Woche sicherlich zwanzig neue an. Gut, bei einigen genügt nur ein Absatz oder eine Seite, bei anderen zehn, bis ich sie zur Seite lege. Ganz selten lese ich mal eines zu Ende. Je mehr Bücher man gelesen hat, um so schwieriger wird es, eines in die Hand zu nehmen, ohne es als Arbeit wahrzunehmen. Die Zeiten sind schon lange vorbei, dass ich abends bei einem Glas Rotwein einfach so einen Roman genossen habe. Meine professionelle Deformation als Lektor hindert mich daran. Aber sagen Sie mal, Nikolaus, wie viele von den Texten, die Sie tagtäglich zugesendet bekommen, haben Sie denn gelesen?“

„Sie meinen, Sie haben den Roman meines Großvaters unter Umständen überhaupt nicht gelesen?“

„Zumindest durchgeblättert muss ich ihn haben, sonst hätte ich ihn nicht gekauft.“

„Berlin? Ein junger Autor aus der Provinz? Eine großbürgerliche Familie und ein dunkles Geheimnis?“, gab Klammer ein paar Stichwörter und merkte selbst, wie nichtssagend sie waren.

„Sie sind ein Spaßvogel. Wenn es jemand weiß, dann Sie: Wie viele Rastignac-Romane wurden nach Balzac geschrieben? Aber warten Sie, ging es da vielleicht um irgendwelche exotischen Drogen und die Freimaurer?“

Das weiß ich nicht, so weit habe ich das Werk selbst noch nicht gelesen“, gab Klammer zu.

„Das ist ganz seltsam. Manchmal bleibt von einem Roman oder einer Geschichte nach einiger Zeit nur noch ein Duft oder ein Geschmack übrig, eine sensorische Empfindung, die ich zuverlässig einstellt, wenn man an das Buch denkt. Im Moment ist das bei mir ein scharfer Geruch wie verschimmelnde Zitrusfrüchte. – Ach, ich weiß auch nicht.“

So kam Klammer nicht weiter. Seit er in dem Buch las, das angeblich von seinem Großvater stammen sollte, nagte der unbestimmte Verdacht in ihm, dass der Roman vielleicht überhaupt nicht das Werk von Sebastian Kerr, sondern es ihm aus Gründen, die über seinen Horizont hinaus reichten, nur vorgegaukelt wurde. Ein paar Fragen und Zusammenhänge wurden ihm nun deutlicher, aber dem Geheimnis des Buchs und in welcher Verbindung es mit seiner Familie stand, war er nicht näher gekommen. Er hatte Kopfschmerzen.

Klammer verabschiedete sich eilig von Engold, der ziemlich frostig darauf reagierte, dass ihn der Autor, nachdem er sich einmal warm geredet hatte, so eilig abservierte.

„Kümmern Sie sich lieber mal um Ihre eigenen Sachen, Nikolaus. Wir haben einen Vertrag und nicht ewig Geduld. Das wird zwischen uns doch kein Unseld-Koeppen-Ding werden, oder?“, sagte er noch. Er konnte zum Glück nicht sehen, wie Klammer beim Auflegen gleichgültig mit den Schultern zuckte, denn das hätte den jähzornigen Lektor wahrscheinlich so in Rage gebracht, das er auf der Stelle einen Herzinfarkt bekommen hätte. Der Autor dachte kurz an den Roman, an dem er gerade arbeitete und in dessen sechsten Kapitel er gerade feststeckte wie in einer staubigen Wüste ohne Oasen, wo ihm nicht einmal eine ferne Fata Morgana ein Ziel vorgaukelte – ein schiefes Bild übrigens, das mit dem Buch und einer Luftspiegelung.

Engold wird es mir rigoros herausstreichen, wenn ich es wagen würde, es in meinem neuen Werk zu verwenden. Doch diese sowohl für mich als auch für meine Leser freudlose Angelegenheit, die noch – ginge es um die Vertragsvereinbarungen – in diesem Herbst pünktlich zur Messe als Verlagsneuigkeit erscheinen soll, ist nicht meine vorrangige Sorge. Ich kann immer noch Fortsetzung folgt unter das fünfte Kapitel schreiben, der Text hat bereits Romanlänge. Vielleicht kann ich Welkenbaum das Ding ja als Trilogie andrehen – auch wenn ich jetzt schon keine Lust mehr habe, weiter zu schreiben. ‚Trilogie des Scheiterns‘, das wäre doch ein hübscher Titel.

Klammer kicherte in sich hinein, als er zu Irene in die Küche trat. Ein Blick von ihr genügte, um ihm wieder zurück auf den Boden der Tatsachen zu holen. Das war etwas, das sie perfekt konnte und im Verlauf ihrer langjährigen Ehe perfektioniert hatte.

„Gute Nachrichten?“, fragte sie und ihr Mann erschrak schuldbewusst. Genau die hatte er nicht – ganz im Gegenteil. Was sollte – was konnte er seiner Frau erzählen, ohne sie zu beunruhigen oder sie an seinem Geisteszustand zweifeln zu lassen? Bei dem Gedanken, Irene endlich die ganze Geschichte und die Sorge um die gemeinsame Tochter zu beichten, war ihm, als würde er in ein schwarzes, bodenloses Loch blicken. Er setzte sich schwerfällig neben seine Frau und wollte eben beginnen, ihr alles zu erzählen, als ihm die Entscheidung auf überraschende Weise abgenommen wurde:

„Ach ja“, sagte Irene beiläufig, „vorhin hat endlich mal wieder Isa aus Amerika angerufen. Es geht ihr gut und ich soll dich grüßen. Sie lässt dir ausrichten, dass alles in Ordnung sei und du dir keine Sorgen machen musst.“

Klammer konnte es kaum fassen.

„Bist du sicher, dass du mit Isa gesprochen hast?“, stammelte er unendlich erleichtert. Irene musterte ihn besorgt.

„Was ist das denn für eine Frage? Selbstverständlich war sie das.“

Sie schüttelte den Kopf. Sie kannte solch seltsame Anwandlungen von ihrem Mann, der auf sie oft nicht wie ganz von dieser Welt wirkte, vor allem, wenn er vom Schreiben kam und sich noch vollkommen bei seinen Geschichten und Figuren befand. Aber jetzt kam er doch vom Gassigehen mit Cicero und einem Telefonat mit seinem Verlag und machte trotzdem auf sie den Eindruck eines Traumwandlers. Das war neu. Musste sie sich Sorgen machen? Schließlich war seine Mutter ja dement und es hieß, ihre Krankheit sei erblich.

„Hat Isa erzählt, was sie gerade macht?“, fragte Klammer nach und unterbrach den Gedankengang seiner Frau. Er kannte sie gut genug, um ihn ihr von der Stirn ablesen zu können.

„Ja. Isa hat berichtet, dass sie in der vorigen Woche von ihrer Exkursion in den Dschungel zurückgekehrt ist und nun noch zwei Wochen Urlaub macht, bis im nächsten Monat das neue Semester beginnt. Sie hat dort eine neue Freundin gefunden, eine Mercedes Soundso und wohnt im Moment in der Buchhandlung von deren Vater. Isa war übrigens enttäuscht, dass du nicht da warst. Sie hätte gerne mit dir gesprochen.“

„War das alles? Hat sie sonst noch etwas gesagt?“

Irene überlegte.

„Ja. Aber das habe ich nicht ganz verstanden. Isa fragte, ob du den Zeitungsausschnitt aufgetrieben hast und ob du ihn bitte in die – warte, ich habe es mir aufgeschrieben …“, sie schob einen Zettel über den Küchentisch, „… in die Fuchsgasse 25 bringen kannst. Worum geht es da? In Augsburg gibt es doch gar keine Fuchsgasse, oder?“

Klammer schüttelte den Kopf und nahm nachdenklich das Blatt mit der Adresse in die Hand. Er drehte es zwischen den Fingern. Das war eindeutig ein Hinweis, den ihm seine Tochter gegeben hatte, auch wenn er ihn noch nicht vollständig begriff. Doch dann wurde ihm plötzlich alles klar. Er hatte diese Adresse heute schon einmal gehört und zwar von der Volontärin mit dem lustigen Namen. Frau Rindtfleisch hatte ihm doch den Hinweis gegeben. Er hatte ihre zögernde Stimme noch im Ohr, mit der sie den Aufenthaltsort ihres Chefs verraten hatte:

„Ich kenne nur die Adresse des Hotels, in dem er absteigen will. Es ist das Hotel Raphael in der Viccolo de la Volpe direkt am Piazza Navona; aber das darf ich Ihnen eigentlich überhaupt nicht sagen.“

Das war es! Viccolo de la Volpe – Fuchsgasse!

Klammer wusste, was er als nächstes zu tun hatte.

[Fortsetzung am nächsten Montag]

Ein Kommentar

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Meine unwürdigen Lektüren

Die österreichische Literaturzeitschrift VOLLTEXT [1] führte eine Zeit lang die hübsche Kolumne Unwürdige Lektüren. In ihr wurde bei verschiedenen Autoren nachgefragt, für welchen Lesestoff sie sich so schämen, dass sie  ihn am liebsten verschweigen würden, weil er ihrer unwürdig sei.

Sieht man sich einmal bei Amazon die Liste der meistgelesenen E-Books an, welche – da das Cover nie sichtbar – man ja praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit  lesen kann, wird der Begriff unwürdig deutlicher. Mir richten sich immer wieder die Nackenhaare auf, wenn ich sehe, welche Art von Büchern von der Mehrheit gelesen werden. Da die meisten Besitzerinnen von E-Book-Readern Frauen [2] sind, sind es vor allem seichte, vorwiegend in der Provence spielende Liebesromane (damit man Lavendelfelder auf dem Titelblatt abbilden kann), sado-masochistische Unterwerfungsphantasien, Vampir-Fantasy und ab und an mal ein dicker Gesellschaftsroman oder ein blutiger Thriller. Zwischendurch taucht mehr oder weniger explizite Pornografie auf (Auch ein paar Männer besitzen E-Book-Reader).

Bei uns Autoren ist das anders. Bei uns ist es nicht die Unwürde unserer Lektüren, sondern die Art des Konsums derselben, über die zu schreiben uns eigentlich die Scham Stille auferzwingen müsste. Schriftsteller gehören in aller Regel zu den Gargantuas und Pantagruels der alles verschlingenden, wahllosen Viel- und Allesleser, auch wenn ihnen manches sauer aufstößt, im Gedärm grummelt und sie um die Nachtruhe bringt. Sie sind keine Gourmets, die kleine, übersichtliche Portiönchen von diesem und von jenem Wohlzubereiteten delektieren und sich bei einem kleinen Gläschen Wein an schmackhaften phantasievollen Häppchen erfreuen. Wir Autoren sind Säufer und Fresser, oft kannibalische Carnivoren, die jeden noch so verqueren Textbrocken mit wohligem Stöhnen und ohne Kauen in uneren Schlund stopfen und flüssig geschriebenes literweise hinterherkippen, um alles halbverdaut über unserem eigenen Werk zu erbrechen oder defäkieren. Wir sind krank, wir haben „Bücher“.

Noch immer gilt der Satz: „Wer ein Buch schreiben will, sollte vorher eintausend Bücher gelesen haben.“ [3]

Um dieses Flüssige, das die Kehle für den Anspruch schmiert, geht es mir heute; um meine Gute-Nacht-Lektüre. Robert Musil zum Beispiel, Heimito von Doderer, David Foster Wallace [4] oder Thomas Pynchon lesen sich nicht gut im Liegen, sie haben „Aufrecht-Sitzen-und-aufmerksam-und-andächtig-in-ihnen-lesen“-Bücher geschrieben. Das liegt nicht nur am Gewicht der Tausend-Seiten-Wälzer, durch das jeder kurze Halbschlaf und ein damit einhergehendes Erschlaffen der Armmuskulatur zur Todesfalle werden können, sondern auch an den gewichtigen Inhalten. Man sollte im Bett nichts Schweres konsumieren. [5]

Man schlägt das Buch auf. Sein Schatten schwebt wie ein drohendes Damoklesschwert über dem von des Tages Müh‘ und Last ermattet in die weichen Pfühle gesunkenen Haupt. Der Bucheinmerker – wenn er nicht wieder herunter gerutscht und verloren ist – hilft wenig. Man muss zurückblättern. Wer war schon wieder diese Agathe und von welcher Begebenheit redet sie da, verd … Habe ich das wirklich schon gelesen? Nach zwei Seiten verheddert sich der eh schon viel zu komplexe Inhalt mit den eigenen wirren Gedanken. Man liest einen Absatz dreimal und weiß immer noch nicht, was ihn ihm steht und … Wo war ich?

Nacht

Frau Klammerles Nachtkästchen.

Nein. Das geht einfach nicht. Auf der anderen Seite habe ich einfach noch Lust auf einen Mitternachtsimbiss. Mich hüngert nach dem einen oder anderen Lektürebrocken. Auch wenn ich es am nächsten Morgen auf der Waage bedauere. Auf diese Weise kommen meine Unwürdigen Lektüren ins Spiel. Es sind die Bücher, die auf meiner Leseliste nicht erscheinen und doch einen nicht unbeträchtlichen Teil dessen ausmachen, was ich an Geschriebenem konsumiere. Es sind Comics, die ich hier vielleicht noch als anspruchsvolle „Graphics Novel“ verkaufen könnte oder – hauptsächlich – triviale Science Fiction; Star-Trek-Bücher und Perry Rhodan, der Erbe des Universums.

Gerade ein Rhodan-Heft (in beiden Bedeutungen schön leicht und handlich) ist meine ideale Bettlektüre. Da meine Glossen und Texte nicht gelesen werden, kann ich hier mir selbst die Unwürdigkeit dieser Lektüre gestehen. Ich war ungezählte Male mit Gucky, dem Mausbiber, Atlan, dem Einsamen der Zeit, mit Icho Tolot, dem Haluter, und Alaska Saedelaere, dem kosmischen Menschen [6],  in, neben, unter und zwischen dem Universum unterwegs. Ich habe sogar schon einmal zum Privatvergnügen eine eigene Art Perry-Rhodan-Roman geschrieben, um zu sehen, ob ich so etwas im knappen Zeitrahmen von einer Woche kann. [7] Die inzwischen auf über 2900 Bände angewachsenen Heftchenromane und die dazugehörige, unübersehbare Menge an Taschenbüchern, Hörspielen und Computerspielen, die seit über 50 Jahren von einem Autorenkollektiv herausgegeben werden, sind beim besten Willen für eine Einzelperson nicht mehr alle lesbar und schwanken in ihrer Qualität zwischen gut gemachter Genreliteratur und „Geht überhaupt nicht“. Die Geschichtenzyklen der jüngeren Autorengeneration halten sich aber oft im oberen Mittelfeld auf. Auf einen Neueinsteiger wird die Perry-Rhodan-Welt mit ihrer Pseudophysik und ihren endlosen Handlungssträngen (Man ist ja zum Glück „unsterblich“) so komplex wie ein Heideggertext wirken, allerdings ist sie weit weniger bedeutend. Deshalb haben die Autoren der Serie einen Neustart verpasst, die „Neo-Reihe“ für die nächste Generation. Alles gibt es inzwischen selbstverständlich auch als E-Book. [8]

Ich betone: Ich lese das alles nur, damit ich satt und zufrieden einschlafen kann – nicht, weil es mir gefällt. Das würde ich nie zugeben…

____________

[1] VOLLTEXT (volltext.net) erscheint einmal im Quartal. In ihr kommen weniger die Kritiker, als die Autoren selbst zu Wort. Dadurch ist diese Zeitung wesentlich innovativer, origineller und interessanter als die einschlägigen deutschen Glanzlack-Magazine, die mir als Überzeugungstäter und Bücher-Abhängigen hartnäckig einreden wollen, wie viel Spaß doch Lesen mache. Felix austria.

[2] Im Gegensatz zum Kritisieren ist das Lesen heutzutage reine Frauensache.

[3] Vielleicht genügt es auch, ein Buch zu lesen, dessen Autor tausend Bücher gelesen hat.

[4] Wallace hat übrigens eine ebenso fetischhafte Vorliebe für Fußnoten [4a] wie ich. Ich selbst hasse sie übrigens bei anderen.

[4a] Er benutzt sogar innerhalb von Fußnoten Fußnoten.

[5] … und auf keinen Fall rauchen! Dadurch hat uns Frau Bachmann um den Genuss ihres Alterswerks gebracht. Wer Angst vor dem plötzlichen Buchtod im Bett hat, sollte zum E-Book greifen. Mal von ihrem Inhalt abgesehen, sind digitale Bücher weitaus weniger schmerzhaft als analoge, wenn sie einem auf den Kopf fallen.

[6]  Wer sich für diese Namen interessiert: www.perrypedia.proc.org

[7] Den Teufel werde ich tun und diesen Schund hier veröffentlichen. Ein paar Handlungsstränge tauchen übrigens in „Brautschau“ wieder auf.

[8] Da hat man dann praktischerweise gleich mal einhundert Hefte auf einmal auf dem Reader.

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 5)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Asgëir deutete wie von ungefähr auf die schroffen Felsen, unter denen er sein Lager aufgeschlagen hatte. Jetzt, im scharfen Licht der von der Ebene herüber leuchtenden Scheinwerfer, erkannte Lakmi, dass es durchaus keine natürlichen Gebilde waren, wie sie bisher gedacht hatte, sondern die zerbröckelnden Überreste großer Gebäude, deren schwarzverbrannte und von Löchern zerfressene Grundmauern sich hier erhoben.

„Übrigens fand ich in den nur wenig zerstörten Räumen unterhalb der Ruinen, von denen die meisten vom Sand verschüttet sind, eine sprudelnde Wasserquelle – ein Geschenk der Tränenreichen, das aus einem rostigen Rohr fließt. Und genau hinter diesen uralten Mauern befindet sich die Grenze, die die Schlachtfelder des Maschinenkriegs von uns trennt. Also rastete ich hier und wartete auf dich. Ich gebe es zu. Ich hatte eine vollkommen andere Vorstellung von dir, dachte an einen gewitzten, mutigen Krieger und nicht an ein Mädchen, das gerade erst in ihr Leben getreten ist. Jedoch sind die Wege der Allerbarmerin immer verknotet und verschlungen und für den Menschen nicht erklärbar.“

Lakmi kniff skeptisch die Augen zusammen.

„Und du bist dir sicher, dass die Allbarmherzige ausgerechnet mich meinte und nicht einen anderen Wüstenwanderer?“

Asgëir lächelte breit und reichte dem Mädchen seine Feldflasche, die sie gerne annahm. Das Wasser aus der Quelle des Delphi hatte einen seltsamen, metallischen Beigeschmack, aber es erschien ihr trotzdem rein und es war erstaunlich kühl. Es musste aus einer sehr tiefen Zisterne stamme.

„Glaubst du wirklich, Lakmi, dass in den nächsten einhundert Jahren noch jemand so lebensmüde ist und ausgerechnet hier vorbeispaziert kommt? Nein, du bist die Auserwählte der Göttin. Daran kann es doch keinen Zweifel geben.“

Lakmi lehnte sich zurück auf ihre Gepäckrolle. Die lange Wanderung dieses Tages durch die unbarmherzige Bruthitze der Toten Wüste hatte sie müde gemacht. Sie musste plötzlich gegen den Schlaf ankämpfen. Doch eine kleine Stimme in ihrer Seele arte sie davor, sich dem viel zu freundlichen, alten Mann auszuliefern. So schwer es ihr fiel, nahm sie sich vor, auf jeden Fall wach zu bleiben und ihm genau zuzuhören. Da war etwas in seinen Worten versteckt. Asgëir erzählte ihr nicht die ganze Wahrheit. Das spürte sie.

„Und was genau hat die Allerbarmerin gesagt, was ich tun soll?“, fragte Lakmi und bemerkte plötzlich, wie ihr die Zunge beim Reden schwer wurde. Auch antwortete ihr der Delphi mit einem Mal so leise, dass sie ihn kaum verstand. Er erzählte, die Göttin habe ihm offenbart, er würde mit ihrer Hilfe einen gewaltigen Schatz finden.

„Stell dir doch einmal vor, was dein Vater und deine Mutter und auch deine Brüder für Augen machen würden, wenn du mit Gold und Geschmeide zu ihnen heimkehren würdest. Wenn das kein Glück wäre! Ich selbst will nur eine Kleinigkeit aus der Schatzhöhle, die ich ohne dich nicht erreichen kann. Du bist jung, schmal und gewandt und kannst dich durch die enge Öffnung quetschen. So hat es mir die Barmherzige gezeigt.“

Lakmi gefiel dieser Gedanke, trotzdem frage sie sich, wo der Haken war. Es musste einen geben. Sie schreckte plötzlich aus ihrem Halbschlaf. Das stete Pfeifen, das seit geraumer Zeit in der Luft schwebte, ging in ein kreischendes Heulen über. Sie hielt sich die Hände vor die Ohren.

„Was ist denn das?“, schrie sie entsetzt gegen den Lärm an, doch ihre Stimme drang nicht bis zu dem Delphi. Er verstand sie dennoch. Obwohl er wusste, dass sie ihn nicht hören würde, murmelte er:

„Es ist wieder so weit. Die Atempause ist vorbei. Mein Krieg geht weiter.“

Dann ertönten Donnerschläge, es blitzte und es erschien Lakmi, als würde ein wütendes Gewitter über der Wüste toben, obwohl keine einzige Wolke am Himmel stand. Aber ein Schwarm flinker Fluggeräte zog farbige Linien über das Firmament und ließ leuchtende Kugeln fallen, die knapp über dem Boden zerplatzten und mit gewaltigen Explosionen die Wüste in Brand setzten.
Doch das bekam Lakmi schon nicht mehr mit. Das Schlafmittel, das der Alte ihr in das Wasser gemischt hatte, wirkte und sie wäre nicht einmal erwacht, wenn Maní erneut auf die Erde gestürzt wäre …

Oh, je! Das Erwachen fiel dem Mädchen nicht so leicht wie das Einschlafen, aber schließlich öffnete sie doch die verklebten Augen und blickte in einen bleichen, gleichgültigen Wüstenhimmel. Es war früher Morgen. Sei musste die ganze Nacht über bewusstlos gewesen sein. Dieser Himmel über ihr wirkte merkwürdig unscharf, fleckig, so, als würde sie ihn durch ein schmutziges Trinkglas betrachten. Lag das an ihren tränenden Augen oder waren es die Nachwirkungen des Schlafmittels? Ihr fiel der gestrige Abend wieder ein und sie versuchte sich aufzurichten.

Erst jetzt bemerkte sie, dass sie an Händen und Füßen gefesselt war und allein gelassen im Kehricht eines kleinen, weiß gekalkten Raumes lag, auf dessen Boden die Wüstensonne durch ein gläsernes Oberlicht ein scharf geschnittenes Rechteck, in dem munter Staubfäden tanzten, warf. Sonst gab es noch an zwei Seiten metallene, halb verrostete Türen – aber das war es auch schon. Das Zimmer war vollkommen leer und beinahe unerträglich stickig. Lakmi bemerkte, dass sie in ihrem eigenen Schweiß lag, der ihre Kleidung klebrig feucht machte.

Wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte, dann hätte sie sich jetzt vor Wut selbst geohrfeigt. Wie hatte sie dem angeblichen Delphi und seinen doch so offensichtlichen Lügen auch nur für einen Moment Glauben schenken können? Seit wann wandte sich die Allerbarmerin direkt mit Aufträgen an einen Menschen? Lakmi biss sich auf die Unterlippe und fragte sich, was dieser böse Mann, in dessen Hände sie sich so leichtfertig begeben hatte, mit ihr plante. Wollte er sie hier verschmachten lassen? Wo war er überhaupt? Sie lauschte, doch außer dem fernen Rasseln und Brummen der Kriegsmaschinen, an deren Geräusch sie sich längst gewöhnt hatte und ihr in ihrem Gefängnis nur dumpf ans Ohr kamen, hörte sie nur das stete Tropfen und Rinnen von Wasser.

Obwohl sie sich verwundert und aufmerksam umsah, konnte sie nicht ausmachen, woher dieses für die Wüste so ungewöhnliche Geräusch kam. Ihr schien fast, als dränge es von unter ihr empor. Sie schlug mit ihren gefesselten Beinen auf den Boden. Es klang dumpf und scheppernd. Offenbar war der Untergrund unter der Dreckschicht wie die Türen aus Blech.

Bevor Lakmi dies näher untersuchen konnte, schwang die eine der beiden Türen auf und Asgëir trat mit einer Tasche in der einen und einer Wasserflasche in der anderen Hand zu ihr in den Raum. Erst als sie die Flasche sah, bemerkte das Mädchen, wie durstig es war. Ihr Mund war so trocken wie der zermahlene Staub der Toten Wüste. Lakmi griff gierig nach der ihr schweigend gereichten Flasche, führte sie an die aufgerissenen und wunden Lippen und trank so lange aus ihr, bis sie sie hustend und spuckend geleert hatte. Dabei war es ihr vollkommen egal, ob das kühle Nass diesmal rein war.

Asgëir betrachte sie, während er stumm neben ihr in der Hocke saß. Er wartete geduldig, bis Lakmi ihren Durst gestillt hatte. Endlich schleuderte sie mit einem Fluch die Flasche nach ihm, aber er wich flink aus und warf nur einen bedauernden Blick auf das Glas, das über den Boden rollte und an der Wand zerbrach.

„Deine Lebensgeister sind also nicht erloschen. Gut. Ich hatte schon befürchtet, ich hätte mich in der Dosierung vertan, als du gestern in den Padaverschlaf gefallen bist. Jeder reagiert anders auf dieses Gift.“

„Warum hast du das getan? Was hast du mit mir vor? Dein Gerede von gestern mit deinem Auftrag von der Tränenreichen und dem Schatz in einer Höhle, das waren doch alles Lügen, oder. Bist du überhaupt ein Delphi der Lisboa oder ein Bendâh?“

„Du hast recht, ich habe dich belogen. Nicht alles ist wahr, was ich dir erzählt habe. Doch ich bin tatsächlich ein Wahrsager und Heiler. Auch wenn du dir kaum einer Vorstellung machen kannst, was das bedeutet. Ich bin einer von den vier Wartern und besitze einen der Meisterstäbe.“

Asgëir zögerte und zitierte dann – den Blick nach Innen gewendet – einen uralten Text, der wohl nur ihm selbst bekannt war:

Vier Stäbe, um einen zu formen. Vier Stäbe, das Reich zu schaffen. Wehe, Serdan, das Alter greift nach dir.

 

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Der Wolfsmond – Kurzgeschichte

Eigentlich wollte ich ganz fleißig sein, aber die drückende Hitze hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Puh, ist das heiß!

 

Deshalb gibt es heute nur einen Link auf eine „heiße“ Kurzgeschichte:

Wolfsmond – Kurzgeschichte

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 15)

Es knackte einmal in der Leitung, dann ertönte eine herrische, mürrische Stimme. Aus ihrem Klang war deutlich heraus zu hören, wie sehr sich ihr schlecht gelaunter Besitzer durch diese Störung belästigt fühl­te. Aber Klammer war davon nicht zu beeindrucken, denn dieser Tonfall schwang bei dem überaus reizbaren Lek­tor immer mit. Als Autor wusste es Klammer durchaus zu schätzen, dass sich der Welkenbaum-Verlag als einer von wenigen einen vernünftigen, erfahrenen und fest angestellten Lektor leistete und diese Arbeit nicht einem Prakti­kanten oder gleich der unzulänglichen Word-Recht­schreibhilfe überließ. Doch wenn der Verleger Gott­vater war, dann war Engold mindestens der Heilige Geist. Er behandelte seine Autoren, die er allesamt für unbegabt, faul oder zumindest für viel zu geschwätzig erachtete, wie ein absolutistischer Fürst sein Hauspersonal.

Wenn Klammer mit seinen geheimen Vermutungen richtig lag, dann pflegte der gestrenge Herr Lektor Dr. Jochen Philipp Engold selbst einige literarische Ambitionen, die er allerdings niemals in der Öffentlichkeit präsen­tierte; eine der Welt nicht eingestandene Leidenschaft, der er nur heimlich und vor der Welt uneingestanden nachging, als wäre das Schreiben von literarischen Texten eine sexuelle Abartigkeit. Wahrscheinlich schrieb Engold seit Jahrzehn­ten an einem monströsen und vollkommen unlesba­ren Roman à la Thomas Pynchon, der die deutschsprachige literarische Welt mit seiner puren Sprachgewalt und Tiefe seiner Gedanken erschüttern sollte, aber nie zu einem Ende fand und deshalb verschlossen im Schreibtisch oder passwortgeschützt auf dem Rechner ruhte. Wobei sich Klammer eher vorstellen konnte, dass der stets misanthrope Lektor mit einem angespitzten Kno­chensplitter und aus der Asche seiner Korrespon­denz und dem Blut seiner Autoren gemischter Tu­sche auf Pergamente aus gegerbter Menschenhaut schrieb, als sich mit den Tücken eines Textverarbeitungsprogramms herumzuärgern. Klammer selbst stand mit der modernen Technik auf Kriegsfuß, aber gegen Engold war er ein Geek.

„Nikolaus? Was verschafft mir diese unverhoffte und – ich gestehe es frei ein – nicht gerade ersehnte Ehre? Wollen Sie mir etwa allen Ernstes mitteilen, dass Sie das Manuskript zu Ihrem neuen Roman schließlich doch noch zur Post gebracht haben? Etwas anderes will ich nämlich gar nicht von Ihnen hören; denn Sie wären ja dann erst ein Vierteljahr in Verzug“, knurrte Engold.

„Ich brauche eine Auskunft von Ihnen“, ignorierte Klammer die patzige Art des Lektors und den wenig dezenten Hinweis, dass er mal wieder in großer Lieferschuld war. Engold übernachtete zwar noch nicht wie der Verleger von Douglas Adams vor seiner Haustür, um ihn unter Druck zu setzen, aber es fehlte nicht mehr viel, bis auch er zu dieser Verzweiflungstat schreiten würde.

„Ich habe es auch sehr eilig, Jochen.“

„Das trifft sich ja ganz ausgezeichnet, denn ich will mich eigentlich auch nicht länger mit Ihnen unterhalten.“

Stille. Klammer zählte innerlich bis zehn und versuchte sich zu sammeln.

„Was ist denn nun? Sie stehlen mir meine Zeit, Nikolaus. Haben Sie sich eigentlich kein klangvolleres Pseudonym ausdenken können?“ Da war Engold wieder bei einem seiner Lieblingsthemen angekommen: Klammers angeblich schlecht erfundener Autorenname. Seit sich die beiden kannten, ignorierte er die Schwüre von Klammer, dass er tatsächlich so heiße und der weihnachtliche Vorname eine Idee seiner Mutter gewesen war. Nur das Mittelinitial „M“ hatte er dazwischen geschmuggelt, als er zu schreiben begann.

„Hören Sie, Jochen, unser aller Welkenbaum ist unterwegs und ich hätte gerne eine Auskunft über einen unserer Verlagsautoren. Das ist wichtig und Sie können mir sicherlich bei meinem Problem weiterhelfen.“

Jetzt war es Engold, der aus dem Konzept gebracht war.

„Ich weiß nicht, ob das … gilt hier meine Verschwiegenheitsklausel? Um wen geht es denn?“

„Im nächsten Monat soll im Verlag ein Werk eines gewissen Roman Gaitania erscheinen. Es befasst sich mit Geheimgesellschaften. Erinnern Sie sich?“

„Selbstverständlich. Das ist eine Übersetzung aus dem Italienischen, an der wir die Rechte gekauft haben. Das heißt, Karl-Heinz hat es gegen meinen Rat getan, denn solch ein Buch passt eigentlich nicht in unser Verlagsprogramm. Wir möchten eigentlich nicht in die Esoterikschiene geraten. Ich habe den Gaitania zwar nicht lektoriert, aber mit Interesse gelesen. Soll ich Ihnen ein Exemplar schicken? Brauchen Sie das für die Recherchen für Ihren Roman? Behüte! Ich will von Ihnen auf keinen Fall eine Dan-Brown-Geschichte haben.“
Klammer seufzte erleichtert. Endlich sprach er heute einmal mit jemandem, der den Verleger nicht „Welki“ nannte.

„Welkenbaum hat mir bereits ein Exemplar zugeschickt“, sagte er, „aber ich interessiere mich für diesen Gaitania persönlich. Sie wissen doch sicher, dass er in Wirklichkeit Marini heißt und ein Jesuitenpater ist. Sind Sie ihm schon einmal begegnet?“

„Nicht jeder geht so verschlossen mit seinem Pseudonym um wie sie, Nikolaus. Ja, ich kenne den Mann. Vor einigen Wochen war ich in Griesbach bei Welkenbaum zum Essen eingeladen. Seine neue Freundin hat für uns gekocht und was erzähle ich Ihnen, ihr veganes Chili war noch grausamer zu meinem empfindlichen Magen als ihre Herz-Schmerz-Gedichte. Wissen Sie, diese Verena Salva …“

„Und Marini?“, unterbrach Klammer ungeduldig. „War der auch da?“

„Warum erzähle ich das? Selbstverständlich war er da. Er ist ein südländischer, vielleicht auch levantischer Typ, ziemlich schmal und klein, aber auch sehr laut und rechthaberisch. Italiener eben. Ganz anders seine Frau. Sie ist ein wirklich hübsches und intelligentes Wesen- ausgesprochen liebreizend und belesen. Ich glaube, sie besitzt eine Buchhandlung oder auch ihre Familie; so genau habe ich das nicht verstanden. Aber jetzt habe ich ihren Namen vergessen.“

„Mercedes?“ Klammers Stimme wurde vor Aufregung heiser.

„Ja, genau, wie die Automarke. Also, ich würde mein Kind nicht Fiat oder Škoda nennen. So weit ich informiert bin, wollen Welkenbaum und seine Freundin die beiden über das Wochenende in Rom besuchen.“

„Sie sagten, Marini sei mit dieser Mercedes verheiratet? Wie ist das denn möglich – er ist doch ein katholischer Geistlicher?“

„… gewesen, Nikolaus, gewesen. Sie sind nicht ganz auf dem neusten Stand. Bis vor zwei Jahren hat Marini in der Vatikanischen Bibliothek gearbeitet – eins mit seinem Gott und zufrieden mit seinem Los, den Staub alter Folianten einzuatmen und sich beim Entziffern der karolingischen Minuskeln und Frakturchriften die Augen zu verderben. Aber dann ist ihm die Liebe seines Lebens dazwischen gekommen. So geht das manchmal. Plötzlich lächelt dich in einer Bar auf der Piazza ein wohlgeformtes Gesichtchen an und die Religion spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Eva hat es zu allen Zeiten geschafft, einen Keil zwischen Gott und die Männer zu treiben. Fragt sich, ob dies in seiner Intension lag, als er sie schuf.“

Und ich frage mich, ob Gott solche Schwätzer wie Engold im Sinn hatte, als er den Menschen nach seinem Ebenbild formte.

„Aber das wäre doch einmal eine nette Geschichte“, fuhr der Lektor unbeirrt fort, der keine Gedanken lesen konnte – zumindest nicht übers Telefon -, „eine in klaren, reinen Worten erzählte Junge-trifft-Mädchen-Erzählung. Ohne modischen Schnickschnack, psychologische Küchenweisheiten, blühenden Lavendel und Tantrasex in Handfesseln.“

Klammer schloss die Augen und konnte Ergold förmlich vor sich sehen, diesen hageren, mephisophelischen Choleriker mit Spitzbärtchen und Halbglatze, der gerade den Hörer seines Telefons wie eine Schlagwaffe in den Händen hielt und aus dessen Augen feurige Funken schossen.

„Ein federleichter kleiner Liebesroman, knappe dreißigtausend Wörter lang, kurze Sätze, wenige Adjektive, auf beschwingte, französische Weise liebenswert altmodisch – warum gibt es solche Geschichten nur noch im wahren Leben und nicht mehr in der Literatur?“

Auch das noch! Jetzt trauerte Engold mal wieder den Fünfziger Jahren hinterher, in denen seiner Meinung nach der Belletristik endgültig etwas verloren gegangen war; einer Zeit übrigens, die der erst 1974 geborene Mann nicht selbst erlebt hatte. Würde es Klammer nicht gelingen, ihn sofort aus seinem Wunschtraum von besseren, eleganteren Zeiten – Engolds persönlicher Fluchtpunkt und Wunschwelt – zu holen, wäre der Lektor bald nur noch ein über den Niedergang der Literatur jammernder und nicht mehr ansprechbarer Haufen Elend. Der Autor wollte sich schon eilig verabschieden und auflegen, da fiel ihm noch etwas anderes ein:

„Kennen Sie eigentlich den Roman Die Hyänen von Berlin von Sebastian Kerr? Das war …“

„… ihr Großvater mütterlicherseits. Ich weiß. Warum haben Sie sich eigentlich nicht diesen starken, männlichen, in der literarischen Welt gut eingeführten Namen entliehen statt ihres doch etwas missglückten Pseudonyms, bei dem ich immer an einen österreichischen Skifahrer denken muss?“

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