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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (3)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

„Was hast du für ein liebliches Gesicht“, flüsterte der Prinz ihr zu und schloss genießerisch seine Lider. „Das Ebenholz deines Haars und deine grauen Augen sind so … lieblich!“

Irta konnte nicht anders: Sie müsste über die ungelenken Schmeicheleien lachen. Sie blähte ihre Wangen auf und prustete los. Dadurch gelang es ihr endlich, sich aus ihrer qualvollen und erniedrigenden Lage zu befreien. Sie fiel zurück in ihre Kammer und auf die Kissen, die dort als ihr Bett auf dem Boden lagen und lachte auf dem Rücken liegend schallend weiter.

„Deine Augen sind so grau und glänzend wie das Gefieder der Dohlen, die den verfallenen Turm der Hochburg von Dersa wie ein ewiger Gesang umkreisen“, versuchte sich Raul an einem Vergleich aus der alten lamargischen Heldensage Sena und Viril. Das war die einzige Zeile Poesie, die er kannte, die ihm halbwegs in seine Lage zu passen schien, doch er erntete damit nur weiteres Gelächter, das in einem Hustenanfall endete, der den Prinzen um die Gesundheit seiner Angebeteten fürchten ließ. Doch Irta presste nur fest ihre Hand auf den Mund, damit sie mit ihrem Lachanfall niemanden im Serail aufschreckte. Tränen liefen ihre Wangen hinab. Sie war wirklich nicht anspruchsvoll, wenn ihr jemand Komplimente machte, aber jeder dahergelaufene Gassenjunge in Karukoras Altstadt kannte schönere Verse, um ihre übrigens bei jedem Licht dunkelbraunen Augen anzuhimmeln. Das wusste auch Raul, aber Dohlen waren eben seiner Erfahrung nach nicht braun. Diese künstlerische Freiheit hatte er sich herausgenommen.

„Zeige dich wieder, unbekannte Schönheit. Bitte …“, bettelte er. „Ich weiß doch, ich bin nur ein Barbar aus den schwarzen Wäldern nördlich des Walls und ich kann besser mit dem Schwert als mit Worten sprechen. Die einzigen Bücher, die ich je gelesen habe, sind Us‘Dis Die hinterlistige Kunst, einen Krieg zu gewinnen und die Lehrbücher, die ich im Unterricht auswendig lernen musste. Ach, ja, ich kenne noch die Fünf Bücher des Baruch. Wenn sie auch viel Poesie enthalten, dann ist es doch eine, die dir vielleicht zu fremd und ketzerisch erscheint. Doch lass es mich versuchen.“

Irta antwortete nicht, doch sie schloss auch nicht ihre Fensterläden. Sie spitzte im Gegenteil ihre Ohren, damit sie nur ja nichts versäumte. Die in Karukora verbotenen Bücher des Baruch, die der erste Erzabt Straif von Italmar in den Geisterhöhlen unter dem Newtongebirge gefunden hatte, interessierte sie sehr, denn als Tochter eines Märchenerzählers war sie immer an neuen Geschichten interessiert.

Am besten dient mein Auge blinzelnd mir;
Denn unbeachtet geht der Tag an ihm vorüber:
Allein im Schlaf, im Traume sieht’s nach dir
Aus Nacht in Helligkeit, nachthell hinüber.
Du, deren Schatten nun die Schatten so erhellt,
Wie wird am Tag erst deines Schattens Wesen
Mit seinem höchsten Licht erfreun die Welt,
Wenn blinde Augen schon am Schatten so genesen!
Wie selig, sag‘ ich, wär mein Auge nun,
Hätt‘ ich am heitern Tag erst dich gewahrt,
Wenn öde Nacht den Augen, wie sie ruhn,
Dein schönes bleiches Trugbild offenbart.
Mir scheint Nacht jeder Tag, getrennt von dir,
Und Nächte hell wie Tag,
zeigst du im Traum dich mir.

Zuerst war die Stimme Rauls unsicher und zögernd. Er geriet auch einmal ins Stocken und begann wieder von vorn. Aber dann erinnerte er sich immer besser an die Verse aus dem 1. Buch des Baruch. Er hatte sie für seinen Rhetoriklehrer als Gedächtnisübung immer und immer wieder vorsagen müssen, bis er sie schließlich auswendig konnte. Obwohl Raul viele Jahre nicht mehr an diese Lektion gedacht hatte, sah er das Gedicht nun plötzlich so deutlich vor sich, als würde er die Worte direkt aus dem heiligen Werk der Mönche von Italmar ablesen. Er wusste nicht, was Meister Jac Javac Mauvaise damals bewogen hatte, die Sprachfertigkeiten einen zehnjährigen Knaben ausgerechnet mit diesen Versen verbessern zu wollen. Erst jetzt, während er sie nach langer Zeit zum ersten Mal wieder sprach, begriff er wirklich ihren Inhalt und er erkannte, dass sich hinter den bloßen, wohlklingenden Worten noch etwas anderes, etwas düsteres verbarg.

Irsa jedenfalls lauschte der uralten Poesie aus der verlorenen Zeit der Vorgänger begeistert. Sie kannte sie nicht, weil sie ihr verboten war. So wurde ihr das Zuhören so bittersüß wie das Kosten einer Tollkirsche und ließ sie mit einem Mal ahnen, dass es hinter der Liebesplänkelei, den heimlichen Blicken, den halb scherzenden, halb provozierenden Schmeicheleien, sogar den flüchtigen Küssen und Berührungen in unbeobachteten Augenblicken in dunklen Ecken noch etwas anderes gab, das viel gewaltiger und größer war. Und wenn die Bücher des Baruch wirklich solch wundervolle Poesie enthielten, dann konnte es keine vollkommene Sünde sein, sie zu lesen.« Sirtis machte eine Pause und sah sich um.

»Doch wir, meine Lieben, leben in einer aufgeklärteren Zeit und uns schockiert doch die Erwähnung eines heidnischen Buches nicht mehr, das unsere Väter und Mütter gefürchtet haben«, sagte sie dann. Sie hatte sich auf eine gefährliche Straße begeben, als sie den heiligen Kodex der Mönche erwähnte, die in Baruchs Namen einst die halbe Welt erobert und und die blutige und grausame Knute ihrer religiösen Diktatur gebracht hatten, bis die Kokardenrevolution sie in die Grenzen ihres eigenen Staates gezwungen hatte. Doch diese finsteren Zeiten waren lange vorbei. Trotzdem spuckte sie zur Sicherheit und zum Schutz gegen das Böse dreimal ins Feuer, bevor sie weitererzählte. Ein paar ihrer Zuhörer taten es ihr gleich.

»Raul wartete geduldig auf eine Antwort des Mädchens, dem es zum ersten Mal in ihrem Leben die Sprache verschlagen hatte. Die Lachlust war Irta vergangen und ein merkwürdiger, süßer Schmerz machte ihr das Atmen schwer.

„Kann es sein?“, fragte sie sich zwischen Bangen und Hoffen. „Kann es denn wirklich sein?“ Sie konnte sich nicht entscheiden; zu verfahren war ihre Situation. Sollte sie dem Prinzen antworten und ihm Hoffnungen machen? Oder doch besser sofort ihr Fenster schließen und darauf hoffen, dass er diesen Wink verstand? Eine Zukunft konnte sie sich mit ihm nicht vorstellen.

Die Allerbarmerin, die mit ihrem tränenvollen Blick auf alle Lieben in den Überlebenden Landen blickt, nahm ihr die Entscheidung ab. Auch wenn ihre göttlichen Entschlüsse auf uns Sterbliche wie Zufälle wirken, sind sie doch immer weise und barmherzig. Plötzlich war der Lärm von eilenden, sich nahenden Schritten aus dem entfernteren Teil des Gartens zu hören. Eine Gruppe Männer – wahrscheinlich Eunuchen, die nach dem Rechten sehen wollten -, kamen mit Fackeln in den Händen herbei und es konnte nur noch Augenblicke dauern, dann war der Prinz von ihnen entdeckt und bloßgestellt! Irta sprang auf und legte den umgestürzten Hocker wieder unter das Fenster, um auf ihn zu steigen und hinauszusehen. Hoffentlich gelang es Raul, den Näherkommenden zu entwischen! Doch der junge Prinz hatte einen besseren Einfall, als sein Heil in einer unvorbereiteten Flucht zu suchen. Er wusste: Würden ihn die Wachen hier unter den Mauern des Verbotenen Haruems auffinden, dann hatte er sein Leben verwirkt und das Todesurteil würde ohne viel Federlesens gleich an Ort und Stelle vollzogen. Sein Kopf tauchte überraschend im Fensterrahmen auf und Irta prallte zurück. Dann schob sich der Prinz seitlich durch die enge Öffnung weiter in ihre Kammer hinein. Doch dann hinten seine Beine im Freien und er kam nicht mehr weiter. Die Wächter waren inzwischen herangekommen. Wenn jetzt einer von ihnen nach oben sah und begriff, was sich dort in der Dunkelheit abspielte, dann war Raul verloren.

[Fortsetzung nach meinem Pfingsturlaub …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Über den Roman, Brautschau, der in den Tag führt, Der Weg, Fortsetzungsroman, Leseprobe, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Science Fiction, Werkstattbericht

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 16)

[Zum 1. Teil]

Eines Abends wurde das mit Eisen und Leder gekleidete Mädchen mal wieder nach Wasser ge­schickt; doch diesmal ging sie, obwohl es ihr von den drei Männern verboten worden war, mit ihrem Krug nicht wie an den anderen Tagen zum Fluss, sondern hinab zum weißen See, weil sie neugierig auf die Milch war, von der ihr Siosiku erzählt hatte. Sie kam nicht zurück, da plötzlich vor ihr der mächtige Fisch erschien und Tesjasika ohne Zögern mit einem einzigen Biss seines mächtigen Maules verschluckte. Als sie lange ausblieb und die Zeit, da sie zu den drei Zel­ten heimkehren sollte, längst vorbei wahr, machte sich zuerst Epa voller Sorge auf die Suche nach ihr. Aber auch er kehrte nicht zurück, denn auch er wurde ein Opfer des gierigen Fischs. Da gingen Ligo und endlich Syhn und wollten sehen, was gesche­hen war. Doch sie wurden wie Tesjasika der Reihe nach von dem Wasserungeheuer geraubt, ins Wasser gezogen und von ihm geschluckt.

Als Siosiku zuletzt allein übrig blieb, ahnte er, was geschehen war und er überlegte lange hin und her, was nun zu tun war. Dann entschloss er sich. Zu­erst verfertigte er sich Waffen. Aus dem biegsamen Ast einer Fjällbirke und dem Darm einer Elchkuh machte er sich einen guten Bogen und die Pfeile formte er aus Eisenholz, Federn und Feuersteinen. Aus dem Stamm einer jungen Lärche und einem abgelegten Teil von Tesjasikas Rüstung stellte er zwei starke Speere her, die er sich auf den Rücken band. Auch ein Messer der Halbmenschen steckte er sich in den Gürtel. Dann folg­te er den im Schlamm gut sichtbaren Fußspuren der anderen.

Am See angekommen, lieferten sich der junge Mann und der furchtbare Fisch einen gewaltigen Kampf, der einen Tag und eine Nacht und dann noch einen Tag dauerte, aber schließlich zog Siosiku seine Beute halb an Land. Da bäumte sich der Fisch mit einem Mal auf und verschluckte auch ihn. Doch das hatte Siosiku so gewollt, denn nur auf diese Weise konnte er das Ungeheuer besiegen. Im Maul des Fisches stellte er sich deshalb sogleich quer, damit er nicht in den Magen hinuntergewürgt werden konnte und presste seine Füße fest gegen die tausend spitzen Zähne. Dann schoss er mit seinen Pfeilen dem Fisch von innen in den Hals und in die Kiemen, bohrte ihm seinen einen Speer bis in den Bauch und den anderen durch die Zunge in den Gaumen und weiter, bis er durch die Haut nach außen drang. Auf diese Weise war es bald aus mit dem gewaltigen Seefisch.

Siosiku kletterte hinaus und schnitt eilig mit dem Messer den Bauch des Fisches auf. Dort fand er die verschluckten vier Menschen, seine geliebte Tesja­sika und die Halbmenschen Epa, Ligo und Syhn. Sie atmeten alle längst nicht mehr; nur das Mäd­chen konnte Siosiku unter großer Mühe wiederbe­leben. Er entkleidete sie und sich selbst und press­te sie fest an seinen Körper. Am anderen Tag kam sie hustend und keuchend wieder zu sich. Von da an lebten sie einander in inniger Liebe zugetan zu zweit bei den Zelten am Fluss. Den Fisch zogen sie aus dem Wasser heraus und zerschnitten ihn in dreizehn Stücke, die sie an dreizehn verschiedenen Stellen weit von See entfernt in der Steppe vergru­ben und schwere Steinhaufen darüber anlegten, damit das Fleisch nicht von Wildtieren geplündert wurde und es niemals wieder zusammenfand. Ihr könnt die Grabhügel des Ungeheuers heute noch unten in der Ebene sehen.

Siosiku wusste, dass dieser Fisch seine Mutter ge­wesen war, die ihn ernährt hatte. Seine Frau wuss­te jedoch über ihre Herkunft nur, dass sie die drei Halbmenschen aus einem Zelt voller ermordeter Frauen geholt hatten. Siosiku und Tesjasika um­armten einander und sie bekamen zusammen viele Kinder. Ihre Nachkommenschaft gründete lange Zeit später den Stamm der Machjasotij Edska, was ins Russische übersetzt „Diener der Ersten Frau“ heißt. Die Machjasotij verstreuten sich über die Jahrhunderte hinweg über die ganze Welt. Ein paar wenige von ihnen leben auch heute noch mit­ten unter uns und sogar in diesem Lager. Sie dienen der Gerechtigkeit. Siosiku aber wurde später auch der Menschenerzieher-Gott ge­nannt, nachdem er und Tesjasika zum Himmel aufgestie­gen waren und als eng beieinanderstehende Sterne in den Winternächten über der Tundra funkeln.

Diese Erzählung habe ich genau auf diese Weise und mit diesen Worten von meinem Geistesbruder Peptej erfahren, dem sie wiederum die alte Utaj berichtet hat, die sie wiederum von Sentej empfing. Adrij gab sie an Dutja weiter, die sie Letjet ins Ohr flüsterte, der der Priestervater von Sentej war. Adrij war nicht die erste, ich bin nicht der letzte. Es ist ein Kreis. Mögen meine Bart­haare ewig brennen und mich peinigen, wenn ich auch nur einen Buchstaben an der Erzählung geändert oder ergänzt habe!“

Bei der Aufzählung der Schamanen von Fedors Stamm war ich längst eingeschlummert, aber es waren die traditionellen Sätze, mit denen er jede seiner Sagen, Märchen und Göttergeschichten schloss, aus deren schier unerschöpflichem Fundus er uns gerne unterhielt. Deshalb kann ich sie auch nach fünfunddreißig Jahren noch auswendig und ich hörte gerade tatsächlich, wie sie mir Fedor beim Nie­derschreiben diktierte. Es war eben, als würde er hier neben mir am Küchentisch sitzen, sich dabei sein Pfeifchen stopfen und die bis auf einen schma­len Schlitz geschlossenen Augen voller Freund­schaft und Zuneigung auf mich richten. Vielleicht sind ja die Geister der Schamanen seines Volkes auf mich übergegangen und Peptaj und die ande­ren hocken mir auf der Leber, die für Fedor der Sitz der Seele war. Nun, groß genug für so viele Gespenster dürfte meine Leber ja inzwischen sein. An meinem Tisch sitzen auch noch weitere Geister und beobachten mich beim Schreiben, willkommene und unerwünschte, und ich höre ihre Stimmen, mit denen sie versu­chen, mich in ihrem Sinne zu beeinflussen. Fedors tiefes Organ ist dabei das lauteste und sein Geist der strahlends­te. Das ist das Los eines alten Mannes, der alle sei­ne Zeitgenossen überlebt hat: Er ist am Tag und vor allem in der Nacht von ihren Gespenstern um­geben. Sie sind ihm treuer als Bettwanzen und quä­len ihn ebenso mit ihren Stichen.

Wie gesagt, lullten mich die äußerst merkwürdi­gen Sage Fedors, deren Botschaft ich nicht begrif­fen hatte, und die auf meiner Haut brennende, aber wohltuende Salbe schnell ein. Ich schlief bald traumlos und tief, bis mich ein nur allzu früher, grausamer neuer Morgen weckte und unser elen­der Tagesrhythmus in Antenora von neuem be­gann. Um diese Tage zu beschreiben, hat es genügt, einen einzigen, den ersten von ihnen, herauszugreifen. Es war eine graue Masse gleichförmiger, sich wie­derholender Abläufe, die vom Takt der Lagersirene bestimmt waren und keine Abwechslung kannten. Es ist gleichgültig, ob ich vom ersten, vom fünfzigs­ten oder vom hundertsten Tag berichte. Die Aus­nahmen waren die arbeitsfreien Sonntagnachmit­tage, in denen sich allerdings die ärztlichen Unter­suchungen und die rohen Säuberungen in den Waschhäusern wiederholten, und Lenins Geburts­tag im April, an dem wir den ganzen Tag nicht ar­beiteten und über die knackenden Lautsprecher patriotische Musik ertönte.

Doch für heute, mein Leser, habe ich wirklich beinahe ge­nug geschrieben, meine ich. Fast ein Drittel meines Papiers wurde schon von mir vollgekritzelt, mein neues polni­sches Fläschchen ist bereits wieder halb leer und mir ist auch  erneut mehrmals der Bleistift aus den erschöpften Fingern geglitten. Bald wer­den meine Lichter ausgelöscht – und wehe, wenn mich dann der Pfleger erwischt und ich noch nicht in meinem Bett liege! Nun muss ich nur noch ein gutes Versteck für die beschriebenen Bögen fin­den, damit sie niemand in meiner Abwesenheit fin­det oder die nächtliche Aufsicht Lasar Antono­witsch später auf sie stößt, wenn er seine Runde macht und dabei wie jedes Mal meine kleine Wohnung durchwühlt, wie es seine Angewohnheit ist. Er denkt, ein seniler, schwerhöriger Mann wie ich be­merkt esnicht, wenn er sich in meine Zimmer schleicht und nach ein paar Rubeln oder anderen für ihn wertvollen Dingen sucht. Aber da täuscht er sich. Manchmal lasse ich absichtlich ein halbes Glas Wodka oder ein paar Kopeken auf dem Tisch liegen, damit er nicht misstrauisch wird und inten­siver nach meinen versteckten Schätzen sucht.

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[Fortsetzung nach meinem Pfingsturlaub …]

Ein Kommentar

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (2)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

»Doch der hochberühmte Koch war wie alle Küchenbeys dem von der Allerbarmerin verfluchten Laster der Trunksucht verfallen, das ihn dann nur wenige Zeit später vernichtete. Ein Fass dunkles, schäumendes Bier aus dem fernen Danmark ließ ihn dann endlich weich werden und doch in den Handel mit Aismek einwilligen. Es war sein Verhängnis. Aber die Geschichte des verhexten Fasses ist eine weitere Geschichte nach der Geschichte und ich will sie euch an einem anderen Tag erzählen. Irta jedenfalls, die ihr ihr Glück kaum fassen konnte, durfte den Bauch des Elfenbeinernen Palastes verlassen und in die von den Eunuchen streng bewachten Frauengemächer ziehen, die sich in den luftigsten, aber auch den abgelegensten Räumen des Herrschersitzes befinden. Doch glücklich wurde Irta auch im verbotenen Serail nicht.

Nachdem sie sich rasch eingewöhnt hatte, gingen ihr die Arbeiten dort zwar leicht und schnell von der Hand, aber obwohl sie den Gattinnen und Gespielinnen des Namenlosen bald mehr eine Freundin als eine Dienerin war, erschienen ihr die Tage in den Frauengemächern endlos, öde und ihr war die meiste Zeit ganz entsetzlich langweilig. Aber immerhin wurde sie nun besser entlohnt und musste von ihren sauer verdienten Denires nichts mehr für Kost und Logis abgeben. Ihr Beutel mit den Kupfermünzen schwoll langsam aber stetig an. Sie hauste nun auch nicht mehr in einem großen, schmuddeligen Schlafsaal wie in der Küche, sondern hatte ihr eigenes, allerdings winziges Zimmerchen, das mehr ein begehbarer Wandschrank als ein Raum war. Aber es gehörte ihr ganz allein und besaß sogar ein kleines Fenster, durch das Irta hinunter in einen Palastgarten und in den langen Nächten von ihrem Lager am Boden aus munter die Sterne über dem Südmeer funkeln sehen konnte. Einmal im Monat durfte sie auch noch vor Morgengrauen für einen Tag den Harem und den Palast verlassen und ihre Familie in der Stuhlwebergasse besuchen. Diese dreißig Tage lang herbeigesehnten und kostbaren Stunden bedeuteten Irta mehr, als ihr euch vorstellen könnt.

So verging ohne Abwechslung und Veränderung ihrer Lage beinahe ein Jahr und hätte nicht ab und an der treue Aismek das eine oder andere Buch mitgebracht und sich auf eine Partie Dakmak zu ihr gesetzt, wäre sie wohl umgeben von stummen Eunuchen, grazilen Schönheiten, Wohlgerüchen, erlesenen Stoffen und Spezereien und den zarten Klängen der Leierspielerinnen wie ein Zeisig in einem zu kleinen Käfig vor Langeweile eingegangen.

Der Namenlose besuchte seinen Harem während dieser Zeit kein einziges Mal. Wie ihr sicherlich wisst, hatte ihn ein Sturz von seinem liebsten Reitpferd in seine frühe Kindheit zurückgeworfen und er besaß nun das Gemüt und die Geisteskräfte eines dreijährigen Knaben. Die Regierungsgeschäfte führte sein guter Onkel Bathu für ihn und „Erquickende Wüstenoase“ saß sabbernd und kichernd auf dem Falkenthron und ließ sich von Muhar, dem Märchenerzähler, Abenteuergeschichten mit Drachen und kühnen Helden vortragen. Der rasche und für die meisten auch überraschende Tod von „Wüstenoase“ ein paar Jahre später war wohl eine Gnade der Allerbarmerin und beschenkte uns alle mit der milden und segensreichen Regierung seines Sohnes, des „Unterwerfers“, der just einen Tag vorher volljährig geworden war und damit auch nicht mehr die Führung seines Großonkels Bathu benötigte.«

Der bissige Tonfall hatte die letzten Worte von Sirtis Lügen gestraft, doch nun gehorchte sie der Sitte der Märchenerzähler, nach einer Erwähnung des regierenden Bişra eine Pause einzulegen. Sie wartete geduldig die unvermeidlichen Lobpreisungen und Trinksprüche auf das Wohl des „Unterwerfers“ ab. Schließlich hatte der Vezir Ómer überall seine Augen und Ohren und kannte einige exquisite Folterinstrumente für diejenigen, die abfällig über ihren Herrscher redeten oder schwiegen, wenn es an der Zeit war, ihm bejubeln. Dann fuhr Sirtis fort, von ihrer Schwester zu erzählen:

»Was die Frauen des Bişra vielleicht erleichtern mochte – wir wissen nicht, was in ihnen vorging -, betrachtete die quirlige Irta beinahe wie eine Strafe und ihr Hauptbeschäftigung neben der Pflege und dem Waschen der Haare und Körper ihrer Herrinnen, ihnen mit einem Palmblatt Kühle zuzufächeln oder ihnen Konfekt zu reichen, war es, die Tage und Stunden bis zu ihrem nächsten Urlaubstag zu zählen und sich in der Nacht durch ihr schmales Fenster zu lehnen und die Sterne anzuseufzen. Um das recht hohe Fensterchen zu erreichen, stellte sie sich auf einen Hocker und quetschte ihren Oberkörper ins Freie. Doch in einer Nacht bemerkte sie, dass sie von dem Garten unter dem Serail aus dabei beobachtet wurde, wie sie ihren Kopf und ihre Schulter durch den engen Fensterrahmen zwängte und ihre Sehnsüchte flüsternd der Dunkelheit anvertraute.

Sie hatte in dem Schlagschatten eines Baumes eine Bewegung gesehen und stieß erschrocken einen Schrei aus. Sofort schritt ein auffallend großer, muskulöser und hellhäutiger Mann aus der Finsternis halb in das Licht, das aus den Fenstern des Harems in den Garten fiel. Er trug fremdländische, selbst für eine kalte Wüstennacht viel zu warme Kleidung und eine hässliche Fellkappe auf seinem kahlen Schädel. Obwohl Irta ihm noch nicht begegnet war, wusste sie sogleich, um wen es sich bei dem nächtlichen Störenfried handelte. Es war Raul, der junge lamargische Prinz, der sich mit seinem Vater Yves III. samt großem Gefolge zu Verhandlungen mit dem Regenten in Karukora aufhielt. Die fremdländischen, exotischen Fürsten und ihre barbarischen Begleiter waren in diesen Tagen das Gesprächsthema der gelangweilten Frauen des Bişra. Es konnte sicher nur ein Zufall sein, der Raul, der in Irtas Alter war, aus seinem ein paar Stockwerke tiefer gelegenen Gastquartieren hierher in diesen gut versteckten kleinen Park unter ihr Fenster geführt hatte, aber es war doch eine flegelhafte Unverschämtheit von ihm, sich so lange nicht bemerkbar zu machen und sie heimlich bei ihrem Kummer zu beobachten. Mochte die Tränenreiche wissen, wie viele der Seufzer der jungen Dienerin er erlauscht hatte!

Wütend auf den Voyeur und auch voller Scham wollte Irta eilig ihren Kopf zurückziehen und die Fensterläden vor ihrer Kammer schließen, aber der Hocker, auf dem sie stand, rutschte ihr durch die heftige Bewegung unter ihren Füßen weg und so steckte sie plötzlich im Rahmen fest, konnte für den Moment weder vor- noch rückwärts. Der Prinz, der von ihrer misslichen Lage nichts mitbekam, wollte die günstige Gelegenheit nicht verstreichen lassen.

»Warte, du Schöne!«, rief er und trat vollständig aus seinem Versteck, kam ganz nah an die Mauer des Serails heran. Wusste Raul, in welcher Gefahr er schwebte? Würden ihn jetzt die Eunuchenwachen entdecken, die misstrauisch den Harem des Namenlosen bewachten, dann würde er zweifellos an Ort und Stelle seinen Kopf verlieren und von Neuem der Krieg zwischen Karukora und der Lamargue ausbrechen. »Fürchte dich nicht vor mir.«

Irta zappelte hilflos mit ihren nackten Beinen in der Luft und versuchte angestrengt, sich mit ihren Händen abzustützen und sich nach innen zu schieben. Raul deutete ihren Gesichtsausdruck falsch.

»Ich werde dir nichts tun“, versuchte er sie zu beruhigen. Irta stieg vor Anstrengung das Blut in den Kopf und sie war froh über die Schatten der Nacht, die ihr peinliches Erröten verbargen. Sie warf dem Prinzen einen, wie sie hoffte, vernichtenden und strafenden Blick zu, doch anstatt betroffen zurückzuweichen, trat er ermutigt über ihr Verbleiben direkt unter ihr Fenster, ohne sich um die duftenden Blumen zu kümmern, die auf dem Beet unter seinen Füßen wuchsen. Er trampelte achtlos hinein. Obwohl Irtas Kammer fast ein Stockwerk über dem Boden des Beets lag, war er so groß, dass er sie nun hätte berühren können, wenn er seine Arme nach oben gestreckt hätte. Ein Lichtstrahl viel auf sein Gesicht und Irta stockte der Atem – nicht, weil ihr der Fensterrahmen auf die Brust drückte, sondern weil Raul sie aus seinem ebenmäßigen und edlen Gesicht so liebevoll musterte, als erblicke er das Wertvollste auf der Welt.

[Zum 3. Teil …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 15)

[Zum 1. Teil]

Obwohl ich nächsten Morgen an Armen und Bei­nen mit dem schlimmsten Muskelkater meines Le­bens erwachte und ich an diesem Abend so er­schöpft wie noch nie war, schlief ich nicht sogleich ein, sondern lauschte noch in einem halb bewusstlosen Dämmerzustand eine Weile den Märchen von Fedor. Er saß vor unserem Stockbett auf der Bank und höhlte nebenbei mit seinem geschärften Löffelstiel den Fingerknochen eines Tieres zu einem Mundstück für seine Zigaretten aus. Er hatte das Elfen­bein dafür heimlich auf dem Grabungsfeld eingesteckt und es wie auch seine neue Waffe an der nur oberfläch­lichen Untersuchung am Lagertor vorbeischmug­geln können. Er war nicht der einzige, der von dort unten Souvenirs mitbrachte und sie dann – oft zu kleinen Kunstwerken geformt – als Handelsware auf dem florierenden Lagerschwarzmarkt ein­tauschte. Nicht nur das Elfenbein, sondern auch das zerschmolzene Plastik, die Glasstücke und in erster Linie die ungewöhnlichen metallischen Reste waren hochbegehrt, wie ich in der nächsten Zeit feststellen konnte, denn die letzteren waren aus einer extrem hitzebeständigen und har­ten Legierung, für die sich viele Zwecke und Inter­essenten auch außerhalb des Gulags fanden.

Eine der morbiden Sagengeschichten von Fedor, die er an jenem Abend erzählte, ist mir lebhaft in der Erinnerung geblieben. Ich musste später oft an sie denken:

„Da lebte vor vielen, vielen Jahren, als die Welt noch jünger und unschuldiger war, eine alte Frau am Ufer eines heute ausgetrockneten Sees. Sie hieß Ulti, die Wunderschöne. Doch niemand kannte mehr ihren Namen und sprach ihn aus. Sie hauste ganz allein in ihrer windschiefen Hütte, obgleich ihr Volk, das einmal starke Kriegerinnen und viele weise Zauberinnen hervorgebracht hatte, einst so zahlreich gewesen war, dass die Rücken ihrer Büf­felherden die Ebenen schwarz färbten. Sie war die letzte ihres Stammes. Ihr einst so mächtiges Dorf war zerstört und die vielen, vielen Menschen, die darin gewohnt und die Tiere, die sie gehalten hatten, lagen alle unter dem Leichentuch des ewigen Schnees begraben.

Schon seit einem Jahr und einem Tag hatte Ulti keine feste Speise mehr zu sich genommen und sie wurde von Tag zu Tag schwächer. Der Weg zum Ufer des Sees, aus dem sie ihr Trinkwasser schöpf­te, erschien ihr mit Morgen, der sie weckte, länger und beschwerlicher zu werden und ihr Krug schwe­rer.

Als sie an diesem Morgen wieder einmal Wasser holen ging und ihren Krug in den See tauchte, war zu ihrer Überraschung das geschöpfte Wasser in ihm weiß wie Milch. Es schmeckte bitter und nach den Kernen der Früchte der wilden Zwetschgenbäume. Wahr­scheinlich war das Wasser des Sees von der Laich eines dort schwim­menden, mächtigen Fisches verunreinigt. Doch die Alte scherte sich nicht darum und tatsächlich tat ihr dieser weiße Trunk wohl und sättigte sie. Voller Hoffnung ging sie zurück zu ihrer Hütte und schlief dort einen erholsamen Traum.

Die Alte, deren Lebensgeister wieder erwacht wa­ren, ging am nächsten Morgen gestärkt zum See. Sie war neugierig, was ihr wohl heute dort begeg­nen würde. Und vom Ufer aus erblickte sie zum ersten Mal den Fisch. Er war ein gewaltiges Tier, so groß wie ein Wal des Nordmeeres und er trug auch ein einzelnes, spitzes Horn auf seinem Kopf. Sein mächtiger grauer Leib glänzte wie Quecksilber und riesige Flossen wirbelten das weiße Wasser auf und machten es schaumig. Als die Alte eben neben die­sem Fisch eilig ihr Wasser schöpfen wollte, er­schrak sie, denn plötzlich erhob sich aus dem Milchwasser die Hand eines neugeborenen Kindes. Gedankenschnell ergriff Ulti den in die Höhe ge­streckten Arm und entriss den nackten Säugling dem wütend schäumenden See. Sie wich im letzten Augenblick vor dem gierig nach ihr schnappenden Fisch zurück und drückte den herzzerreißend schreienden kleinen Jungen gegen ihre Brust, bis er dort erschöpft einschlief.

Die Alte nahm den Jungen mit nach Hause und fütterte ihn mit der weißen Milch aus dem Wasser. Was blieb ihr auch anderes übrig? Sie konnte sich nicht erklären, wie und warum der Säugling so plötzlich in dem See aufgetaucht war. Hatte der Fisch seine Eltern ge­fressen und war er wie sie selbst der letzte Überle­bende seiner Sippe? Irgendetwas erschien Ulti an dem Jungen, dessen Augen in goldenem Licht glänzten, seltsam und sie machte in der darauffol­genden Nacht kein Auge zu, beobachtete das unbe­holfen in seinem Strohbett strampelnde Kind und hätte gerne eine der Priesterinnen ihres Stammes um Hilfe gebeten. Doch die weisen Frauen vermoderten längst schon alle in ihren kalten Gräbern. Ulti fühlte sich zu alt und zu schwach, um ein Kind aufzuziehen. Doch ihr Mitleid mit der hilflosen Kreatur war groß und so nahm sie denn diese Aufgabe ohne zu Mur­ren an; eine Aufgabe, die ihr, wie sie glaubte, ein Gott übergeben haben musste.

Ihr Gefühl hatte Ulti nicht betrogen: Der Kleine war ungewöhnlich und anders als alle Säuglinge, die sie je erlebt hatte. Bereits nach drei Monaten war er gewachsen wie andere Kinder in drei Jah­ren, konnte schon allein von der Seemilch trinken, gehen, tanzen und Ultis Namen sagen. Sie lachte und war stolz auf ihr Kind aus dem See.

Eines Morgens jedoch, nach einer kalten Nacht, erwachte die Alte nicht mehr. Der Junge mochte sie rütteln, wie er wollte, immer wieder weinend ihren Namen rufen, versuchen, sie mit seinen aus­gelassenen Sprüngen wie früher zum Lachen zu bringen – sie bewegte sich nicht mehr und begann schon am nächsten Tag zu stinken. Da ging der Junge, der inzwischen bereits wie ein Zehnjähriger aussah, weg. Er wusste nicht, wohin er sich wen­den sollte und glaubte auch, er wäre nach dem Tod der alten Ulti der einzige Mensch auf der Welt. Deshalb begann er, um den See herum zu wandern, den er für den Mittelpunkt der Ewigkeit hielt. Weiterhin er­nährte er sich vom steifen Schaum, der an das Ufer ge­schwemmt wurde und der Milch, die er direkt aus dem Wasser des Sees schluckte.

Am vierten Tag seiner Wanderung stieß er unweit des wilden Flusses, der über einen gewaltigen Wasserfall den See speiste, auf drei Zelte, in de­nen drei Männer saßen. Sie nahmen das Kind, das sie Siosiku, das heißt „Schaum“, nannten, bei sich auf und er lebte viele Monate bei ihnen. Die drei Männer, die Epa, Ligo und Syhn hießen, waren Jä­ger und Fischer und zogen mit einer kleinen Herde Elchkühe durch die Tundra. Sie folgten den Ster­nen und dem Wild, das sie jagten und sie waren so furchtlos, dass sie sich bis zu dem unheimlichen See vorgewagt hatten, den jedermann sonst ängstlich mied. Hier gefiel es ihnen, denn die Männer gehör­ten einem uralten Volk von Halbmenschen an, das überall, wo Samojeden wohnten, verspottet, verjagt und gemieden wurde, weil sie seltsam verwachsen waren und das eine Auge in der Mitte über den Au­genbrauen, das andere nahe am Mund hatten. Es hieß überall, sie würden Unglücke und Seuchen bringen.

Ein in Eisen und Leder gekleidetes, aber  herrlich gewachsenes und unbeschreibbar schönes Mädchen mit langen, schwarzen Haaren lebte bei ihnen. Ihr Körper duftete so frisch und betäubend wie die Steppe im Frühsommer und jeder, der ihr begegnete, verliebte sich auf der Stelle in sie. Sie war ein Findelkind wie Siosiku und sie nannte sich Tesjasika. Sie begleitete die Männer schon seit ihrer frühen Kindheit und kümmerte sich um sie. Tesjasika wusch die Kleidung, suchte nach essbaren Wurzeln und Beeren. Sie molk die Rinder, nahm die Jagdbeute aus, gerbte das Leder und bereitete den Männern und nun auch dem jungen Siosi­ku das Essen, der zum ersten Mal andere Dinge als seine Milch zu sich nahm. Tesjasika schlief in jeder Nacht in ei­nem anderen der drei Zelte, doch obwohl sie eng bei Epa, Ligo und Syhn lag, wurde sie niemals von den drei Jägern schwanger. Siosiku, der inzwi­schen zu einem jungen und starken Mann herange­wachsen war, begehrte das Mädchen, aber sie ver­weigerte sich ihm und mied ihn, so weit ihr das möglich war, denn er war ihr unheimlich.

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[Zum 16. Teil …]

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (1)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei

»Auf diese Weise verdingte sich meine Schwester Irta schließlich am Hof des Namenlosen Herrschers und sie war eine niedrige Dienerin unter tausend anderen und doch eine ganz besondere.«

Das große Feuer im quadratischen Innenhof der Alhasra-Karawanserei vor dem Nordtor von Karukora war beinahe erloschen. Längst flackerten und glommen die letzten Glutnester der niedergebrannten Holzscheite und Briketts aus gepresstem und getrocknetem Kamel-Dung in dunklem orangefarbenen Schein, als wäre an dieser Stelle die Erde kreisrund aufgebrochen und als würde ihr Brand aus dem Inneren an die Oberfläche emporquellen und einen Lavasee bilden. Wenn der Herbergsvater Hüsëttin ab und an mit seinem langen eisernen Haken in der Glut wühlte und rührte, um sie noch einmal anzufeuern, dann sprühten nur noch wenige Funken in die Höhe und tanzten bis zu ihrem schnellen Verlöschen über den Häuptern der Versammelten. Doch keiner von den reisenden Kaufleuten, ihren Dienern und Sklaven dachte daran, dass er am frühen Morgen vor Sonnenaufgang wieder aufstehen musste und es langsam ratsam wurde,  sich zur Nachtruhe zu begeben. Auch die Beschäftigten des Rasthauses wollten  noch nicht an das Ende dieses Abends glauben. Man rutschte nur näher heran an die in sich zusammenfallenden glühenden Holzkohlen, deren Hitze immer schneller von der Kälte der Nacht geschluckt wurde und die Flaschen mit wärmendem Geist wechselten häufiger ihre Besitzer. Wie Verdurstende hingen alle an den Lippen der aufgeschwemmten, älteren Frau, die bei Sonnenuntergang mit einem schwerbeladenen Eselskarren in die Karawanserei gekommen und die ganz offensichtlich eine Bewohnerin des Juwels der Wüste war. Sie war freilich niemand anderes als Sirtis, die wohlgenährte und immer gutgelaunte Tochter des Märchenerzählers Alis.

Sirtis hatte sich in der Alshasra mit einem unscheinbaren Mann getroffen, der kurz nach ihr von Karus her auf dem Kutschbock eines von zwei Maultieren gezogenen Kaufmannswagens in den Hof gefahren war und sein Gefährt neben ihren Karren gestellt hatte. Der von Hüsëttin misstrauisch beobachtete und durchaus etwas suspekt wirkende kleine Kerl war bestimmt nicht der Besitzer des schönen und offenbar gut mit Waren gefüllten Wohnwagens, der eindeutig eine Fertigung aus den Oststädten war, sondern sicherlich nur dessen Diener. Halb unter einer Kappe verborgen, zierte eine tiefrote Rosentätowierung seine Männerglatze, die ihn als einen Sklaven aus den verlorenen Ländern von jenseits des Südmeers kenntlich machte. Er hatte der dicken Frau nur leichthin zugenickt und sich dann um seine Tiere gekümmert. Selbstverständlich waren diese beiden auffallenden und außergewöhnlichen Gäste der Alhasra-Herberge sofort von einem Haufen Neugieriger umringt worden, die alle darauf brannten, ihr Woher und ihr Wohin in Erfahrung zu bringen.

Tonino, wie der schweigsamen Mann hieß, blieb so beharrlich stumm, als hätte ihm ein Al‘kadi einmal die Zunge herausschneiden lassen und knurrte nur abweisend, wenn er angesprochen wurde. Das war auch für den Diener eines Kaufmanns ungewöhnlich, denn ein guter Händler und sein Gefolge verkauften ja nicht nur Waren aller Art, sondern immer auch Neuigkeiten, Nachrichten, Gerüchte und Geschichten. Die Feuer der Karawansereien waren eine Börse, an der Worte und Geschichten gehandelt wurden. Dafür war die Frau umso gesprächiger. Sie strahlte jeden lachend und scherzend mit ihren wundervollen, weißen Zähnen an und lud bald alle auf eine gegorene Ziegenmilch ans Hauptfeuer, das der Herbergsvater in der schnell heraufziehenden Abenddämmerung entfacht hatte und sie versprach, dort alle Fragen zufriedenstellend zu beantworten. Und das saßen die Frau und die ganze Karawanserei auch lange nach Mitternacht noch beisammen und sie hielt alle mit ihren Märchen in Atem. Sogar Tonino hatte sich nach einer Weile zu ihnen gesellt und lauschte aufmerksam, auch wenn auf seinen düsteren Gesichtszügen keine Regungen zu sehen waren, die erkennen ließen, ob er die Geschichten ablehnte oder sie ihm gefielen.

Ja, das Talent von Sirtis Dabinighi war dem ihres Vaters Alis wahrhaft würdig, obwohl die Tochter niemals seinen Beruf ergriffen und ihre Märchen vor einem zahlenden Publikum erzählt hatte, weil sie sich schon als junge Frau in ihr Schicksal ergeben hatte, Alis‘ Haushalt führen zu müssen und ihren verwaisten Neffen Selin großzuziehen. Sie hatte nicht umsonst seit ihrer frühen Jugend zu den Füßen ihres Vaters gesessen, wenn er auf dem Bazaar oder im Akadis, dem alten Haus der Stimmen, dem Gildengebäude der Märchenerzähler, seine Sagen vortrug, und hatte dabei stets aufmerksam seinen Worten und Geschichten gelauscht und sie so lange in ihrem Gedächtnis aufbewahrt, sie wieder und wieder memoriert und ihren Spielgefährtinnen vorgetragen, bis sie Alis fast ebenbürtig geworden war. Umringt von ihren begeisterten Zuhörern log Sirtis nun das Blaue vom Himmel herab und flocht manchmal sogar mit einem nachsichtigen Lächeln die eine oder andere Wahrheit in ihre tausendundeinen Geschichten ein, die aus ihrem Mund allerdings noch unglaubwürdiger klangen als ihre Märchen. Es war in Karukora ein denkwürdiger, ein Tag der Wunder gewesen. Der Elfenbeinerne Palast, der auf einer Halbinsel lag, die von der großen Maratschleife umströmt wurde und den höchsten Punkt der Stadt bildete, war noch immer von unzähligen Lichteren taghell erleuchtet und strahlte weiß und rein. Man sah ihn von den flachen Dünen der Wüsten, die Karukora wie eine Insel in einem trostlosen, öden Meer umschlossen, aus vielen Meilen Entfernung. Diese emporgehobene Fackel der Zivilisation, die die Einwohner des Juwels dem todbringenden Staub, der Hitze und dem blanken Nichts der Wüste abgetrotzt hatten, strahlte sogar noch heller als der der Karawanserei nahe Leuchtturm auf der Flussinsel Gidabé, dem Handelszentrum Karukoras mit ihren Lagern und Kontoren. Während Sirtis erzählte, fielen immer wieder sehnsüchtige Blick auf das riesige, blendend weiße Bauwerk, an dem Generationen gearbeitet hatten, bis es seinen heutigen Umfang und Höhe erreicht hatte, aber niemand im Hof der Alhasra hätte im Moment seinen Platz am niedergebrannten Feuer mit einem in den hohen Sälen des Palastes tauschen mögen, in denen der grausame Vezir Ómer zu Ehren der ausländischen Gäste aus der barbarischen Lamargue ein rauschendes Fest gab. Denn Sirtis führte sie mit der Erzählung über das Schicksal ihrer Schwester an Orte, die ihnen sonst verschlossen waren und rührte sie zu Tränen.

»War Irta in den ersten Monaten ihrer Anstellung nur eine von vielen, die niedrige Aufgaben und entwürdigende Sklavenarbeiten in den Palastküchen erledigten, die Gemüse putzten, Fleisch schnitten, Enten und Hühner rupften, Fische schuppten, Kartoffeln schälten, Kraut stampften und nächtelang Geschirr spülten und Töpfe schrubbten, die die Böden kehrten und wischten und Feuerholz heranschleppten, erkannte doch eines Tages der Hofmeister von „Wüstenoase“, der Serail‘Usta und Seneschall Aismek, welch ein ungeschliffener Diamant dort unten in den verräucherten Gewölben der Küchen im Unrat lag und verhalten unter dem Dreck funkelte. Ihn dauerten die aufgeplatzten, roten Hände der Dienerin zutiefst und er sah ihre Schönheit, ihre Grazie und ihr Geschick trotz der sackartigen, schmutzigen Kleidung, den strohigen, verfilzten Haaren und den verweinten Augen. Lange zögerte er, doch dann sprach Aismek Irta im Hof an und erkannte das Talent des jungen Mädchens, das nicht nur eine angenehme Hülle besaß, sondern ein liebreizendes Wesen und voller Geist, Witz und Geschick war. Irta würde die Serails seines Bişra zieren wie schon lange keine Odaliske mehr vor ihr, die den Frauen des Namenlosen in den luxuriösen Räumen seines Harems dienten. Zäh und erbittert musste der Serail’Usta jedoch zuallererst mit seinem alten Erzrivalen Türbin Bey verhandeln, jenem heute noch berühmten und von vielen gefürchteten Oberkoch, der während der Regentschaft in den Eingeweiden des Palastes ein überaus strenges Regiment führte und dort unten zwischen den Fleischtöpfen und Herdfeuern mächtiger als der Vezir oder gar der Namenlose selbst war. Eifersüchtig hütete Türbin sein Reich und seine Untergebenen, als wäre er der verdammte Inet selbst, der in der Gehenna die Seelen der Verstorbenen quält. Er war durchaus nicht gewillt, Irta ohne Kampf und freiwillig herauszugeben und auf keinen Fall in die Hände seines persönlichen Lieblingsfeindes Aismek.«

[Zum 2. Teil …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 14)

[Zum 1. Teil]

Ich begann mit Fedor zu flüstern, der neben mir hockte, die Szene seelenruhig beobachtet und da­bei wie ein ausgehungerter Hund seinen Napf leergeleckt hatte.

„Sogar hier gibt es Barmherzigkeit“, sagte ich. „Daran habe ich nicht mehr geglaubt.“ Mein Freund antwortete nicht, aber er lächelte wissend. „Was glaubst du, an was wir hier arbeiten? Wozu dient diese Ausgrabung?“, wechselte ich das The­ma. Fedor warf mir aus seinen schmalen, kohle­nschwarzen Augen einen Blick zu, der wie immer auf den ersten Eindruck spöttisch und schlitzohrig wirkte, in Wirklichkeit aber nachdenklich und ernst war.

„Sicher suchen wir kein Gold oder irgendwelche Bodenschätze. Dieses Gebirge ist zwar durchaus reich an Ressourcen, aber ein Abbau würde sich nur in großem Maßstab und durch Bergbau loh­nen. Auch dieser Standort auf der Hochebene ist dafür ungeeignet“, erwiderte er leise und klang da­bei wie ein Prospektor, der sein Leben lang nichts anderes machte, als Böden auf ihren Wert zu be­gutachten. Er überlegte.

„Sicher suchen wir kein Gold oder irgendwelche Bodenschätze. Dieses Gebirge ist zwar durchaus reich an Ressourcen, aber ein Abbau würde sich nur in großem Maßstab und durch Bergbau loh­nen. Auch dieser Standort auf der Hochebene ist dafür ungeeignet“, erwiderte er leise und klang da­bei wie ein Prospektor, der sein Leben lang nichts anderes machte, als Böden auf ihren Wert zu be­gutachten. Er überlegte. „Ich bin nicht allzu weit von hier entfernt geboren und aufgewachsen. Bis mich die moderne Zeit ent­wurzelte und ich für die Weißen begeistert in einen bereits längst verlorenen Krieg zog, lebte ich als die Wiedergeburt des ehrwürdigen Peptej geachtet und verehrt bei meiner Sippe am Ostufer der Karasee. Von unserem Ganjk­ka – unserem Zauberer oder Priester – wurde ich in die Geheim­nisse und das Wissen unserer weisen Männer und Frauen eingeweiht. Damals habe ich eine uralte Geschichte aus mystischen Zeiten über diesen Ort hier gehört. Sie wurde mir nur schaudernd zugeflüstert. Falls sie wahr ist – und wer bin ich denn, dass ich an den Worten unserer Ältesten zweifeln könnte? -, dann sollten wir hier nicht tie­fer buddeln, sondern schnell unsere Beine unter die Arme nehmen und losrennen, bis wir hinter Moskau sind. Irre ich mich nicht, dann erwartet uns in diesem Loch nur ein entsetzlicher und qualvoller Tod und vielleicht sogar noch Schlim­meres. Mögen uns Jesus Christus und Ngaa, der Himmelsgott, davor bewahren!“

Mein Freund, glaube mir, ich bekam eine Gänsehaut, denn mein durch und durch optimistischer Fedor hatte noch niemals eine solch düstere Prophezeiung ausge­sprochen. Fürs erste mussten wir es jedoch damit belassen, denn unsere kurze Pause war vorbei und wir wurden von den Aufsehern wieder zur nun voneinander getrennten Arbeit getrieben. Meine neue Aufgabe war zwar körperlich weniger anstrengend, aber noch immer nicht einfach, so­dass ich bei der zweiten Unterbrechung um 15:00 Uhr nur liegen und nach Luft japsen und nicht un­ser begonnenes Gespräch fortsetzen konnte. Auch Fedor schien an einer Fortsetzung nicht weiter interessiert. Er war schweigsam und weichte nur sein hartes Brot im nun fast gefrorenen Tee auf, bevor er es mit Genuss verzehrte.

Pro ausgehobener Grube hielten vier Männer aus der Gruppe gemeinsam die Rahmen der großen Siebe in Brusthöhe und rüttelten sie, während an­dere unter ihnen unablässig die vorher nur oberflächlich ge­harkten und zerkleinerten Erd- und Gesteinskru­men, die man ihnen auf Karren aus den vielen Grabungs­quadranten brachte, auf die Gitter schaufelten. Schnell sammelte sich zwischen den Männern ein Hügel an, der noch einmal durch ein engeres Sieb gefiltert und dann mit Schubkarren zu den Lastwä­gen geschoben wurde. Dieser Abtransport war nun meine neue Aufgabe an diesem und an vielen weiteren Tagen, die sich wie immer gleiche Perlen auf einer muslimischen Gebetsschnur vor mir auf­reihten. Obwohl es von der Siebestelle leicht berg­ab zur Straße ging, war der verbeulte und rostige Schubkarren schwer und sein dicker, fast luftleerer Gummireifen sank vorne tief ein. Deshalb kam ich nur lang­sam und mit angestrengtem Vorwärtsschieben von der Stelle. Auf dem Weg zurück konnte ich mich zwar etwas erholen, aber nach kurzer Zeit fühlten sich meine Arme und Hände an, als würden sie nicht mehr zu mir gehö­ren. Sie waren taub und geschwollen und in meinen Muskeln brannte ein Feuer.

Als ich schon dachte, es ginge nicht mehr weiter und ich würde auf der Stelle tot neben meiner Schubkarre auf die Erde fallen, erlöste meine Schicht und mich nach zwölf Stunden endloser Plackerei endlich die erlösende Abendsirene, die vom Lager aus wie ein lieblicher Gesang nach ihren verlorenen Kindern rief. Ich ließ alles liegen und stehen und ging stolpernd hinauf zum Sammelplatz. Dabei kam ich an den großen Holz­kisten vorbei, in denen die Fundstücke und groben Überbleibsel aus den Sieben aufbewahrt wurden, bis man sie später abholte und zur genaueren Un­tersuchung ins Lager brachte. Darin lagen Steine, Schmutz, Schutt und auffällig viele Knochenreste, von denen ich auf meinen oberflächlichen und nicht gerade fachmännischen Blick hin keines ei­nem Menschen oder einer heute lebenden Tierart zuordnen konnte. Dafür sah ich Stoßzähne und Klauen, die zehntausende Jahre alt sein mussten. War diese Grabungsstelle hier einmal ein Tierfriedhof der Eis- oder gar der Dinosaurierzeit gewesen und Dr. Krakow ein Laienforscher, der sich für diese Vor­zeit interessierte? Irgendetwas ließ mich an diesem naheliegenden Gedanken zweifeln; das passte nicht zu ihm. Ich sah genauer hin. Zwischen dem Elfenbein, den Knochensplit­tern und dem Unrat lagen verschmutzt ein paar angelaufene metallische Gegenstände und seltsam verformte, von der Zeit verwitterte Plastikteile, die mir überhaupt nicht hierher zu passen schienen. Sie wirkten anachronistisch wie moderne Wörter zwischen den Zeilen eines mittelalterlichen Epos. Die meisten von den Fundstücken waren klein, nur daumennagelgroß, aber ein Metallteil hatte auch die Größe und Form meiner Faust. Dies war eindeutig kein Erzklumpen, sondern ein künstlich geschaffenes Objekt. Waren dies zersplit­terte Maschinenteile und wenn ja, wie waren sie hierher gelangt, endlos weit von jeder modernen Zivilisation entfernt und über 100 Meter tief im Erdboden begraben? War an diesem Ort einmal wie im nur unweit entfern­ten Tunguska ein Eisenmeteorit abgestürzt? Aber wie konnten Metallbrocken aus dem All zu solchen For­men zerschmolzen sein, als wären sie von Menschen ge­schaffen worden? Und woher kamen die vielen Plastikstücke?

Ich wollte bereits in die Kiste greifen und den scharfkantigen größeren Gegenstand in die Hand nehmen, um ihn näher zu untersuchen, aber da rief mich der scharfe Befehl eines Aufsehers zu meiner Gruppe, die ungeduldig auf mich Nachzügler wartete. Ich eilte so schnell herbei, wie ich dazu noch in der Lage war, bekam natürlich ein paar mit dem Ochsenziemer übergezogen und reihte mich neben Fedor ein. Ich hatte nicht mehr die Kraft, meine Schaufel zu schultern, weil ich meine toten Arme nicht mehr in die Höhe brachte und sie wie nutzlose Auswüchse an mir herabhingen. Mein starker Freund trug deshalb zusätzlich zu seinem auch noch mein Werkzeug, während wir singend zurück nach Antenora marschierten.

Nach dem Appell und dem Abendessen, an die ich mich kaum mehr erinnere, schleppte ich mich so­fort zu meinem Bett in der Baracke 6. Ich benötigte sogar Hilfe beim Ausziehen meiner klammen Klei­dung, denn es gab wohl keinen einzigen Körperteil an mir, in dem kein Schmerz war. Fedor murmelte über mich gebeugt einen hypnotischen Singsang in seiner Sprache und machte einige geheimnisvolle, scha­manische Zeichen über meiner Stirn, anschließend strich er mit einer Hühnerfeder über meine vier Gliedmaßen, die sich danach schwer wie Blei an­fühlten. Weiß der Teufel, wo er die Feder nun wieder herhatte. Auch Väterchen Himbeere, der übrigens einen Schreibposten ergattert hatte und von kör­perlicher Arbeit befreit war, bemerkte meinen de­solaten Zustand und kümmerte sich aufmerksam um mich. Er wartete respektvoll, bis Fedor mit seinen Geister­beschwörungen fertig war und rieb mich dann wie der gute Samariter mit einer stinkenden Salbe ein, deren Rezeptur er nicht verraten wollte, die aber auf meiner Haut zu prickeln begann und dabei wohlige Wärme erzeugte. Ich weiß nicht, ob es nun an Fedors Hühnerfeder oder der Salbe lag, aber mir ging es nach den so unterschiedlichen Behandlungen besser.

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[Zum 15. Teil …]

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Eine kluge Frage und ein Jubiläum

EIN GRUND ZUM FEIERN UND UM ZURÜCKZUBLICKEN

Ich gebe es zu: In den letzten Wochen habe ich meinen Blog ein wenig stiefmütterlich behandelt. Das liegt zum einen an meinem Brotberuf, der im Moment viel von meiner Zeit frisst, zum anderen schlicht daran, dass ich zu faul war. Schließlich war der April ungewöhnlich warm und sonnig und reizte zu Ausflügen, Wanderungen, Radtouren, Biergartenbesuchen und zum Einfach-mal-faul-auf-der-Gartenterrasse-Herumlümmeln. Es ist jedes Jahr das Gleiche: Gelange ich erst einmal langsam aus dem Winter- in den Sommermodus, bin ich mehr „Körper“ als „Geist“.  Außerdem sind die Zugriffe auf meinen Blog marginal und ich rede hier meist nur mit mir selbst. Da kann ich mir auch mal ein paar Pausen gönnen.

Meine liebe Kollegin lunaewunia, die mir hier folgt (sie selbst schreibt hier: schreibmaschinchenblog.wordpress.com), liest allerdings gerade meinen Roman „Die Wahrheit über Jürgen“, den ich hier jeden Montag in homöopatischen Häppchen vorveröffentliche, bis er im Herbst als Buch erscheinen wird. Sie war so nett, ein paar kritische Anmerkungen zu dieser Betaversion des Romans zu machen und hat mir unter anderem die folgende Frage gestellt:

lunaewunia: „Was ist denn deiner Meinung nach der beste Einstieg in dein Schaffen?“

Ganz ehrlich, ich war vollkommen überrascht. Diese Frage hat mir noch nie jemand gestellt und ich habe mir auch noch nierichtig  darüber Gedanken gemacht. Ich habe mir von lunaewunia ein wenig Bedenkzeit ausgebeten und nachgedacht. Heute – denke ich – ist der richtige Moment, diese Frage etwas ausführlicher zu beantworten, denn ich feiere in diesen Tagen ein ganz besonderes Jubiläum auf meinem Blog.

Er ist 5 Jahre alt geworden.

Im Moment findet ein interessierter Literatursüchtiger hier über 700 Artikel (1). Er kann Glossen, Rezensionen, Kurzgeschichten, Erzählungen, Romanausschnitte und sogar Gedichte und ein Theaterstück lesen. Aber das Ganze ist ein ungeordnetes Knäuel ohne innere Reihenfolge und System; es fehlt die ordnende Hand. Kein Wunder, bin ich doch nicht nur ein fauler, sondern auch ein schlampiger Mensch, der als Messie in seinem Dreck leben würde, ließe dies Frau Klammerle zu. Für mich war dieser Blog am Anfang nur ein neues Spielzeug, das ich mal ausprobieren wollte, um mitreden zu können. Doch mit dem mir selbst verordneten Zwang, ihn mit Inhalten zu füllen, wurde er mir für meine Arbeit als Autor schnell unverzichtbar und bringt mich dazu, regelmäßig an meiner Literatur zu arbeiten. Der Blog ist mein ins Internet ausgelagertes Gewissen, das mich zwickt, wenn ich mal wieder eine Faulenzerphase habe. Tatsächlich ist es nur ihm zu verdanken, dass ich inzwischen 6 Bücher geschrieben, überarbeitet und im Selbstverlag herausgegeben habe, denen noch in diesem Jahr zwei weitere folgen werden.

Die Texte dieser Bücher sind hier größtenteils nicht mehr zu finden; wer sie lesen möchte, muss sie kaufen. 😉

Also, wie sollte man nun in die Welten des Nikolaus Klammer einsteigen? Ich denke, das liegt am jeweiligen Leser. Denn ich bin ein sehr vielseitiger Autor, den Genre-Grenzen noch nie interessiert haben. (2)

Von kurz nach lang:  Wer nur einmal kurz reinschmecken möchte, um meine „Schreibe“ kennenzulernen, dem würde ich empfehlen, bei meinen Kurzgeschichten zu beginnen. Sie sind mal heiter, mal fantastisch, mal unbequem, aber immer originell. Hier folgt eine repräsentative Auswahl, die Reihenfolge ist zufällig; tatsächlich finden sich noch viele weitere Kurzgeschichten in den Archiven des Blogs:

Bappbpel Der FremdeDas Rote HausDer WolfsmondEismanns WilleWahrheit –  PalimpsestDer Schriftsteller, die Putzfrau und der TodRacheDer OktopusKleine VeränderungenKarls Träume

Für den etwas längeren Atem: Eine Liste von Erzählungen, die hier in mehreren Fortsetzungen erschienen und bis zu 50 Buchseiten lang sind. Die Geschichten sind für den erfahrenen Leser gedacht, ich mache es in ihnen weder ihm noch mir leicht. Der Link führt jeweils zum ersten Teil der Erzählung:

Der Engel im SpiegelTraditioncrisis – Bei den GroßelternDas Zeichen des Lebens –  Haare lassen ErSieEs

Der „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus: Erzählungen und Romane, die um die Künstlerszene in Augsburg kreisen. Sie sind die ältesten Texte von mir, die man hier finden kann. Ich werde diese Geschichten noch einmal überarbeiten und in den nächsten Jahren Schritt für Schritt in Buchform veröffentlichen. (3)

StromausfallEin andere Art der LiebeDie fürsorgliche SchuldNutzlose MenschenDie Wahrheit über JürgenDas goldene Kalb

Für die Freunde des Phantastischen: Die mit Abstand erfolgreichsten und beliebtesten meiner Bücher sind die auf 5 Bände konzipierten Romane meiner „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“-Trilogie, von der bereits Teil 1 und 2 im Selbstverlag erschienen sind; im Sommer folgt Teil 3, den man hier mitlesen kann. Dann finden sich hier noch die ersten sechs Kapitel des Romans „Aber ein Traum“, der dem Blog seinen Namen gab und sozusagen die „ernsthafte“ Variante der Memoiren ist. (4)

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren (Teil 3)Aber ein Traum

Fantasy und Science Fiction: Schließlich kommen wir zum Unterhaltsamsten, meinem spannenden Brautschauzyklus, der 8000 Jahre in der Zukunft spielt und als Young-Adults-Buchreihe konzipiert ist, die munter und respektlos Fantasy- und Science-Fiction-Elemente durchmischt. Das ist ein Projekt, das mich noch viele Jahre beschäftigen wird.

Brautschau 2: Faiabas Erwachen –  Der Weg, der in den Tag führt I: KarukoraDer Weg, der in den Tag führt II: Paradais

Anderes und Vermischtes: Ich habe im Laufe der Jahre hier viele Rezensionen, Glossen, Satiren, Streiflichter, Philosophisches und Theoretisches und Geistesblitze veröffentlicht, heiteres und ernsthaftes, nachdenkliches und unsinniges; vieles davon ist in dem Sammelband „Noch einmal davon gekommen“ zu finden. Hier kann man mich gut kennenlernen. Vielleicht ist dieses Büchlein der beste Einstieg in mein Werk.

Antilopen (Theaterstück)WochenleseDer Dichter als DenkerFreitagsaufregerBock des Monats und selbstverständlich mein Essay über die Minnedichtung

Ich hoffe, diese Liste hilft dem verwirrten Besucher meines Blogs, sich bei mir zurecht zu finden und sich aus dem üppigen Kuchen die Rosinen herauszupicken, die ihm munden.

Doch nun wünsche ich euch allen einen wunderschönen Mai und ich würde mich freuen, wenn ihr einfach mal bei mir vorbeischaut, egal ob virtuell oder tatsächlich, und mit mir auf 5 weitere und gemeinsame Jahre auf diesem Blog anstoßt. (5)

Euer Nikolaus

 

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(1) Ein paar Zahlenspiele: Etwa 300 Blogeinträge habe ich „privat“ gestellt. Das sind in der Regel Ausschnitte aus Texten, die ich später als Buch veröffentlicht habe und veraltetes, missglücktes Zeug. Insgesamt habe ich also seit dem Mai 2013 knapp 1000 Artikel geschrieben, das sind 2 – 3 pro Woche – nicht schlecht für einen faulen Autor. Jeder Artikel beinhaltet um die 1000 Wörter – mal mehr, mal weniger -, ich könnte also mit dem veröffentlichten Inhalt meines Blogs ein Buch mit 4000 Seiten füllen. Ich gebe es zu: Ich bin schon ein wenig stolz auf diese Leistung.

(2) Manche – sich selbst als „ernsthaft“ einordnende – Leser stößt so etwas ab, denn sie sind der Meinung, dass man nicht U und E miteinander vermischen kann und darf und ein Autor, der Fantasy oder Krimis schreibe, kein guter und lesenswerter Belletristiker sein könne. Nun, vielleicht ist das in meinem Fall so, aber ich selbst glaube, es ist nur ein veraltetes Vorurteil und diesen Lesern entgeht eine ganze Menge Spaß.

(3) Den Anfang hat das frisch veröffentlichte Buch „Kleine Lichter“ gemacht, in dem die Erzählungen „Pasenows Schuld“, „Die Lichtung“ und der Kurzroman „Ein kleines Licht“ zu finden sind; demnächst wird der Roman „Die Wahrheit über Jürgen erscheinen“, nächstes Jahr folgt dann der Band „Stromausfall“.

(4) Ich will in diesem Zusammenhang kurz auf rosmarinkatze.wordpress.com hinweisen, den außer von den lieben Spammern (4a) vollkommen unbeachteten Blog, den Verena Salva – eine der Hauptfiguren von „Dr. Geltsamers Memoiren“ – führt. In ihrem Blog lassen sich einige Gimmicks für die Fans der Geltsamer-Romane und hübsche Gedichte und Fotografien finden.

(4a) Während mich hier in den fünf Jahren etwa 500 Spamkommentare belästigten, sind es auf Verenas Blog, der erst seit einem Jahr existiert, bereits 11oo – die meisten übrigens in portugiesischer Sprache.

(5) Denkt an die Gefahren des Trinkens! In dem Glas, das ich auf dem Bild in der Hand halte, ist selbstverständlich kein Maibock, sondern ein alkoholfreies Radler.

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 13)

[Zum 1. Teil]

Als Oblow sich also drohend in Begleitung seiner Schläger vor uns aufbaute und herrisch seine For­derungen stellte, grinste mein Freund nur, steckte den Brocken Schokolade, den er mit mir teilte, weg und rammte Semjon anschließend voller Genuss und Wucht den Griff eines Löffels, den er bereits am ersten Abend eingesteckt und an einem Feuer­stein sorgfältig zu einer scharfen Doppelklinge zu­recht geschliffen hatte, in den Oberschenkel. Zufall oder nicht: Er erwischte dabei eine Hauptschlag­ader, das Blut spritzte wie aus einem Trinkbrunnen und der Kerl wäre beinahe zu unseren Füßen ver­blutet. Bevor sich seine Kumpane von der Überra­schung erholt hatten, wirbelte Fedor seine primiti­ve, blutige Waffe herum und zerschnitt dem Nächststehenden von ihnen das Gesicht. Es bleib den anderen gar nichts anderes übrig, als sich die beiden vor Schmerzen schreienden Verletzten zu packen und panisch das Weite zu suchen. Auch hier griffen die Aufseher übrigens nicht ein. Nur Artjom trat später bescheiden und, unter seinem gewaltigen Räuberbart versteckt, verschmitzt lächelnd an uns heran und forderte die Aushändigung des improvisierten Messers. Wahrscheinlich gönnten er und seine Kollegen Semjon diese Abreibung, denn er trieb es wirklich zu arg und seine Bande war auch für den Toten in der Latrine verantwortlich. Jedenfalls hatte der Gauner, nach­dem er nach geraumer Zeit die Krankenstation wieder verlassen konnte, seine Lektion gelernt, benahm sich viel zah­mer und machte einen weiten Bogen um Fedor und seine Schützlinge. Mein indigener Freund hatte bald fast die gesamte 6. Baracke unter seine Fitti­che genommen und wurde von den Mitgefangenen wie ein Held gefeiert. Er nutzte übrigens das entstandene Machtvaku­um nicht aus, sondern lebte weiter, als wäre sein plötzlicher Gewaltausbruch nie geschehen. Mir hat er auch einmal erzählt, dass nicht er, der grundgü­tige Pazifist Fedor, sondern sein zweites Ich Peptej für die Attacke verantwortlich zeichnete. Der Scha­mane sei wesentlich aufbrausender und rachsüch­tiger als er, erklärte er mir seine seltsame Schizophrenie. Wer auch in ihm für seine unvermuteten Gewaltausbrücke verantwortlich war, seit die­sem Moment wurden wir von den anderen Gefan­genen und auch von den Aufsehern mit Respekt behandelt. In unseren Suppen schwammen plötz­lich Fleischbrocken und das Brot, das vorher so hart gewesen war, dass man es zuerst eine Viertelstunde einspeicheln oder in Flüssigkeit tränken musste, bis man es kauen und schlucken konnte, war frisch und weich. Auch ein zweites Problem fand dadurch eine Lösung: Man ließ von da an unsere wenigen Habseligkeiten und Schmuggelgüter in Ruhe, die durch die Lastwagenfah­rer, die Lieferanten und selbstverständlich auch durch die Wächter selbst von außen hereinkamen und heimlich gegen unsere kargen Tabakrationen gehandelt und mit merkwürdigen Fundstücken aus der Grube getauscht wurden. Wir mussten uns nicht mehr in jeder Nacht ein neues Ver­steck für unsere Schätze überlegen. Wie gesagt, ohne Fedors Unterstützung würde ich heute nicht als über Achtzigjähriger in diesem Heim sit­zen können und über meine Vergangenheit schreiben.

Noch unabschätzbarer war seine Hilfe bei der schweren Grubenarbeit, zu der man uns nach dem kaum heruntergeschlungenen Essen auch bei -30°C und noch tieferen Temperaturen zwang. Auf die durchdringende Sirene hin, die ich bereits an meinem ersten Morgen zu hassen lernte, mussten wir uns abmarschbereit wie am Abend vorher vor unseren Hütten aufstellen. Wehe, einer kam zu spät! Dann wurde er ohne Gnade mit Ochsenzie­mern und Plastikknüppeln weichgeschlagen und musste den Rest des Tages in einer der Bestra­fungszellen verbringen. Das waren winzige Kästen aus Wellblech, die wie Taubenkästen auf einem Ge­stell standen und in denen man weder richtig ste­hen noch sitzen konnte. Sie boten auch keinen Schutz vor der klirrenden Kälte.

An diesem Morgen waren jedoch alle pünktlich und nach dem Appell nahm sich jeder sein ihm zu­gewiesenes Werkzeug auf die Schulter und ging mit seiner Kolone im Gleichschritt zum Tor hinaus. Das Lied des Tages waren die „Wolgaschiffer“:

„Эй, ухнем! – Ei, uchnem!“

Ein paar hundert Meter weiter trennten sich die Gruppen, deren Wege von ihren Aufsehern mit Lampen beleuchtet wurden, das es noch einige Stunden dauern würde, bis ein wenig spärliches Licht in unsere Ausgrabungsstätte fiele. Wir such­ten unsere Arbeitsplätze rund um den in die Tiefe ge­buddelten Trichter auf und begannen unser Ta­gewerk, das, von zwei halbstündigen Pausen unter­brochen, zwölf Stunden dauerte, bis die Abendsire­ne uns zurück ins Lager beorderte.

Unsere Aufgaben waren einfach, aber anstren­gend, und sie brachten mich in wenigen Stunden an den Rand meiner ohnehin nicht großen und durch unseren langen Transport nach Sibirien geschwächten körperlichen Leistungsfähigkeit. Wie in einer archäologischen Ausgrabungsstätte trugen wir dort mit zwei weiteren Gruppen auf dem ellipsenförmigen Grund der Gru­be täglich mit Pickeln, Spaten und Schaufeln etwa zehn auf zehn Meter große Bodenflächen ab, die mit Karren auf einen höher gelegenen Ort gezogen wurden, wo sie sorgfältig gesiebt, mit Metalldetek­toren überprüft und erst danach mit Schubkarren zu den auf der Serpentinenstraße bereitstehenden Lastwägen gebracht wurden. Bei dem ersten Aus­hub wurden nicht wie weiter oben auf den Terras­sen über uns Bagger oder anderes schweres Gerät eingesetzt, sondern vorsichtige Handarbeit geleis­tet. Die Arbeitsplätze wurden übrigens jeden Abend neu mit gespannten Seilen in Planquadrate unter­teilt, über die genau Buch geführt wurde.

Wie gesagt, eine Knochenarbeit! Ach, schon bald lehn­te ich mich in immer kürzeren Abständen keuchend und nach Atem ringend auf das Querholz meines Schaufelstiels und dampfte Schweiß und meinen Atem wie eine dichte Nebelwolke über mir aus, als weiter in mei­nem markierten Viertel die schwere Erde abzutra­gen. Dafür war ich nicht gemacht! Obwohl Fedor mein Nachbar zur Rechten war und sich nicht nur um sein eigenes Erdloch, sondern auch heimlich um meines mitbekümmerte und damit die Arbeit von zwei Männern erledigte, geriet ich bald in Verzug und meine Schwäche wurde selbstver­ständlich von den Aufsehern bemerkt. Zuerst wur­de mir zornig mit Essensentzug, dann mit einer Nacht Einzelhaft in den Bestrafungszel­len gedroht und als sich dadurch kein größerer Ar­beitsfleiß bei mir einstellte, bekam ich jedes Mal ei­nes mit dem Gummiknüppel übergezogen, wenn ich ein wenig verschnaufte. Ich fürchtete die Schläge, aber was sollte ich denn machen? Ich war ja nicht faul, sondern vollkommen ausgelaugt. Irgendwie gelang es mir jedoch, bis zur Vormittagspause um 11:00 Uhr durchzuhalten. Nicht nur ich, sondern alle an­deren auch ließen sich rückwärts auf die aufge­häuften Erdhügel fallen, rauchten ihre Selbstge­drehten und löffelten schmatzend die vom Früh­stück mitgebrachte, inzwischen längst kalte Suppe, die tranig und zäh wie eine tote Qualle in ihren Blech­näpfen schwappte. Aber man schenkte uns reich­lich Tee aus. Er war immerhin lauwarm, stark, bit­ter und großzügig mit Rübensirup gesüßt.

Der brave Aufseher Onkelchen Artjom hatte sich die ganze Zeit über in seinem wundervollen Bart gekrault und meine Qualen stumm und ohne Einzuschrei­ten beobachtet; doch nun trat er an mich heran, schenkte mir heimlich aus einem kleinen Flach­mann, den er im weiten Ärmel seiner gefütterten Jacke versteckt mit sich trug, nach, schimpfte dann der Form halber ein wenig über meine Faulheit und teilte mich ei­ner Gruppe zu, die den Aushub siebte und zu den Lastwägen brachte. Obwohl die Erde hier im Un­tergrund halbgefroren, fett, torfig und klumpig war, war dies eine wesentlich leichtere Aufgabe, als sie mit der Hacke aufzubrechen und mit der Schaufel auszugraben. Der mit dem hochprozentigen Schnaps verdünnte Tee brannte zwar wie Feuer in meiner Kehle und ließ mich hus­tend nach Luft schnappen, weckte aber auch meine Lebensgeister wieder und wärmte mich von in­nen auf. Meine dahin von Spatenstich zu Spatenstich sinkende Hoffnung, ich würde die Strapazen meines ersten Tages im Gulag schon irgendwie überstehen können, stieg mit dem Sodbrennen, das der Alkohol in meinem Magen aufkochte. Dankbar nickte ich dem guten Onkel­chen Artjom zu, der sich jedoch schon von mir ab­wandte und einen anderen, ähnlich schwachen Sträfling auf seine menschenfreundliche Weise ab­kanzelte.

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[Zum 14. Teil …]

Ein Kommentar

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – Prolog (Schluss)

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

[Zum ersten Teil …]

Nur raus hier!

Esda verließ ihr Versteck und wankte benommen zur Tür. Sie fürchtete sich nicht mehr vor einer Entdeckung durch die beiden Arbeitsamen, die nur noch lallend auf dem kalten B‘Ton lagen und alle Viere von sich streckten. Nicht wie erhofft die Wahrheit, sondern Sabber und Schaum quollen ihnen nun aus den Mundwinkeln. Berg und Torm hatten ihre Iris so noch oben verdreht, dass nur noch das Weiße der Augäpfel unter ihren flackernden Lidern zu sehen war. Die grausige Kaliemma selbst hätte jetzt vor ihnen tanzen und damit beginnen können, ihnen mit ihren spitzen Sägezähnen die Köpfe abzubeißen, um sie auf ihrer Halskette aufzufädeln – die beiden Samer hätten es nicht bemerkt.

Bei jedem Schritt stolperte sie, aber schließlich erreichte Esda die Tür, die nur angelehnt war. Obwohl sie am Liebsten durch sie hindurch gesprungen wäre, öffnete sie sie nur einen Spalt, damit sie vorsichtig nach draußen spähen und gleichzeitig wieder reinere Luft einatmen konnte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich nicht alles mehr um sie drehte. In dem breiten Gang draußen brannten zwar Fackeln und Deckenlichter, aber es hielt sich gerade niemand in ihm auf. Nach rechts endete er nach ein paar Schritten vor einer weiteren Metalltür, nach links schien er sich nach ungefähr fünfzig Metern zu einer größeren Halle zu erweitern. Von dort hinten drangen Geräusche und Gesprächsfetzen von vielen Menschen an Esdas Ohren und jemand spielte auf Trommeln und Flöten eine eintönige Musik.

Wie konnte es ihr gelingen, sich dort unerkannt durch die Samer hindurchzuschleichen und dabei gar den Gefangenen zu befreien, dessen Zelle sie in der Höhle vermutete. Sie schöpfte weiter Atem und überlegte ratlos. Sie musste dabei noch immer gegen die Auswirkungen der giftigen Milchdämpfe ankämpfen, die wie ein wabernder Nebel auf ihren Gedanken lasteten und diese schwerfällig und verworren machten. Was war das Negradi in unverdünntem Zustand nur für ein Teufelszeug?

»Wenn ich jemals wieder gesund hier unten rauskomme, trinke ich in Renis Bude nur noch süßen Kaktussaft«, nahm sie sich vor. Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Warum war ihr das nicht schon früher in den Sinn gekommen? Die tiefrote und weite Ordenstracht der Behutsamen Schwestern war sackförmig geschnitten und reichte bis zum Boden. Und was das Beste war: Ein mantelartiger Überwurf mit einer eng am Kopf anliegenden Schleierhaube gehörte dazu, der sogenannten Capiti, unter der die Nonnen züchtig ihre Haare und ihr halbes Gesicht verbargen. Berg hatte ihr ja eben dieses Gewand praktisch vor die Nase gehalten, als er nach seinem Schnaps suchte. Esda musste sich nur noch aus der Kiste der Oberin bedienen und sich das Kleid überwerfen, dann war sie gut getarnt und musste keine Entdeckung fürchten, solange sie nicht auf eine echte Schwester stieß, die inzwischen hoffentlich alle schliefen. Die Arbeitsamen in Höhle vorne durften die Ordensfrauen ja nicht einmal ansprechen oder gar berühren und mussten immer einen respektvollen Abstand einhalten.

Esda nahm noch einmal einen tiefen, gierigen Atemzug, dann trat sie entschlossen zurück in das Lager und ging schnell zu der markierten Kiste, um sich ein Kleid herauszusuchen. Dabei musste sie über Torm und Berg steigen. Sie schienen zwar noch am Leben zu sein, waren aber offenbar in eine tiefe, starre Ohnmacht gefallen, aus der sie so schnell nicht mehr erwachten – wenn sie das überhaupt noch einmal tun würden. Die Sammlerin, die nicht aus ihrer Haut konnte, sah kurz nach, ob die beiden bewusstlosen Arbeitsamen etwas bei sich trugen, was sie brauchen konnte. Dabei fiel ihr Blick auf die Flasche mit der Milch des Vergessens, die nicht wie die andere umgefallen war, sondern noch fast voll neben Torn stand, der ja nur einen Schluck aus ihr genommen hatte. Der Korken lag griffbereit daneben. Diese Milch stellte nicht nur einen nicht unerheblichen Wert dar, von deren Erlös sie und ihre Familie mehrere Monate gut leben konnten, sondern würde ihr bei ihrem Unternehmen vielleicht noch gute Dienste leisten. Deshalb beugte sie sich flink herab und verkorkte die Flasche. Dann schob sie sie in ihre Umhängetasche und holte sich endlich das rote Ordenskleid, das aus einem Kleid und einem Kapuzenmantel bestand, die sie sich sofort überzog. Es war so weit, dass sie es problemlos über ihre eigene Kleidung streifen konnte. Der dichte Schleier aus Nesseltuch, der an der Capiti befestigt war und den sie nun vor ihrem Gesicht befestigte, schränkte sie zwar ein wenig beim Sehen ein, aber er wirkte wie ein Luftfilter. Wenn sie flach und nicht allzu tief atmete, gelangte nicht zuviel von den betäubenden Dämpfen der Milch in ihre Lungen.

Fasziniert sah sich Esda noch einmal die wertvollen Stoffe in die Kleiderkiste an, die aus den hauchfeinen und nahezu unzerreißbaren Spinnfäden der Tiefenasseln gewebt waren, den zweiten Nutztieren der Arbeitsamen. Zu ihrem Bedauern konnte sie nicht eine weitere Ordenstracht mitnehmen, sie hätte sie nur behindert. Die Sammlerin wollte gerade den Deckel schließen, da fiel ihr noch etwas anderes auf. Sie schob eilig die Kleider zur Seite. Unter ihnen verborgen lagen ein paar Gesangsbücher der Schwestern, eine quadratische Lederschatulle, deren Deckel mit einem kleinen Haken verschlossen war – und eine handliche, fein gearbeitete Pistole und daneben ein grauer Karton mit zu der Waffe passender Munition. Esdas Herz schlug schneller. Was für ein unglaublicher Fund. Dieses Lager war ja eine wahre Schatzkammer! Sie wunderte sich, dass die Samer sie nicht besser bewachten. Die schlampig gebundenen und vom vielen in ihnen Blättern zerfledderten Bücher interessierten die Sammlerin nicht, aber eine Waffe aus der Zeit der Vergangenen Menschheit war ein sensationelles Juwel.

Kein Feinmechaniker oder Waffenschmied konnte heutzutage in Es Sakrat solche mechanischen Wunderwerke herstellen; ihre Möglichkeiten erschöpften sich mit langläufigen Steinschlossflinten und grobschlächtigen Musketen. Die kleine Handvoll noch funktionstüchtiger Schusswaffen aus der Zeit vor dem Ewigen Krieg wurde von ihren jeweiligen Besitzern wie ihr Augapfel gehütet und ehrfürchtig von Generation zu Generation weitergereicht. Längst gab es für die meisten dieser Pistolen und Gewehre keine Kugeln mehr und sie waren mehr oder weniger nutzlose Schaustücke – es sei denn, ein Sammler stieß im Untergrund auf ein Munitionslager der Vergangen, was ab und zu tatsächlich geschah, wenn Esda den Chroniken der Forschnacht-Kaste glauben durfte. Diese Glückspilze hatten dann für den Rest ihres Lebens und oft auch noch für das ihrer Nachkommen ausgesorgt und mussten nicht mehr durch unsichere, dunkle Gänge kriechen, in denen hinter jeder Biegung der Tod lauerte, um das Überleben ihrer Familien zu sichern. Jeder Sammler träumte von dem einen, bedeutenden Fund und ging mit der heimlichen Hoffnung in die Tiefe, er würde auf solch einen Schatz stoßen und kam dann doch nur wieder – falls er überhaupt zurückkehrte – mit beinahe leeren Händen und irgendwelchem verschimmelten Kleinkram zurück, dessen Erlös auf dem Bas-Markt kaum die hungrigen Mäuler stopfen konnte. Freilich horteten die Armeen der Ewigen Schlacht Unmengen an Waffen, Bomben und Munition und die Maschinenwesen stellten unermüdlich neue her, aber zu versuchen, ihn ihre unterirdischen Kasernen einzudringen, war ein Wahnwitz, den niemand überlebte, der es versuchte.

Esda wusste, dass sie einen weiteren Diebstahl beging, der mit einem grausamen Tod bestraft wurde, wenn sie mit ihrer Beute ertappt wurde, aber sie erlag erneut der Verlockung. Sie griff sich entschlossen die Waffe und die Munitionsbox und nach einem kurzen Zögern auch die kleine Lederschatulle, obwohl sie keine Ahnung hatte, was sich in ihr befinden könnte. Sie steckte alles in die seitliche Innentasche des Überwurfs ihres Ordensgewands, die die Schwestern Marsupial nannten. Dann floh sie eilig aus dem Raum, denn die Dämpfe begannen trotz des Schleiers vor ihrem Gesicht schon wieder auf sie zu wirken.

Draußen lehnte Esda sich zufrieden gegen die Tür, die sie hinter sich geschlossen hatte und sammelte den Mut, ihr Abenteuer fortzusetzen. Sie wusste: Es hatte gerade erst begonnen, aber nun war sie gut ausgerüstet.

[Zum 1. Kapitel: „Eine Nacht in der Karawanserei“ …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 12)

[Zum 1. Teil]

Dann folgte noch eine kurze und recht entwürdi­gende medizinische Untersuchung in einem klei­nen Kämmerchen neben dem Hospital. Durch ein vergittertes Fenster konnte ich einige Betten und Patienten sehen. Und auf einer Trage lag Sebastian Kerr regungslos mit geschlossenen Augen auf dem Rücken. Ein Tropf war mit seinem Unterarm ver­bunden und eine fette Schwester, deren aufgequollene Formen bei jeder ihrer Bewegungen fast aus ihrer blütenweißen Kluft platzten – das erste weib­liche Wesen, das ich hier im Gulag erblickte –, kümmerte sich um ihn. Hatte also auch Wastija es bis hierher nach Antenora geschafft und schien zumin­dest im Moment noch am Leben zu sein. Ich fragte den Pfleger Timofej, der mich auf Mundfäule, TBC und Würmer untersuchte, wie es diesem Patienten denn ginge und aus welchem Grund Dr. Krakow den Sterbenskranken nach Sibirien habe bringen lassen, aber der zuerst recht redselig wirkende Mann wurde bei der Erwähnung des Lagerkom­mandanten so stumm wie eine Auster und hatte es sehr eilig, meine oberflächliche Untersuchung ab­zuschließen. Schnell drängte Timofej mich in den nächsten Raum, wo mir als Tätowierung meine fünfstellige Sträflingsnummer in die Innenseite meines Unterarms ge­ritzt und anschließend mit reichlich Jod überpinselt wurde. 6/744/П. Ich fragte, wofür das „П“ – „P“ stünde, aber obwohl er auch nur ein Lagerinsasse wie ich war, war der Tätowierer so schweigsam wie der Pfleger.

Es war lange nach dem Nachtläuten, als Fedor und ich endlich zurück in die Baracke 6 gebracht wurden. Die meisten dort hatten sich schon in ihre hölzernen Pritschen gelegt, in denen immer sechs Männer auf dünnen Strohmatratzen schliefen – drei oben, drei unten. Die Benzingeneratoren, die die Hütten mit Strom versorgten, waren mit der Sirene ausgeschaltet worden. Aber im Mittelgang brannten an einem Tisch noch zwei Öllampen; hier spielten ein paar Gefangene das beliebte und un­vermeidliche Durák und der Schwarzhändler unse­rer Baracke tauschte geschmuggelte Wertsachen gegen Tabak und Extraportionen Brot. „Väterchen Himbeere“ spielte an einem selbstgebastelten Schachbrett mit wunderschönen aus Knochen ge­schnitzten Figuren gegen drei Gegner gleichzeitig. Ich würde am nächsten Tag erfahren, wie er in den Besitz des Elfenbeins für seine Figuren gekommen war. Er hatte für uns beiden Neuankömmlinge vor­gesorgt und ließ seine chancenlosen Gegner allein, als er uns kommen sah. Er zeigte uns unsere Lager, ließ uns verfilzte, löchrige Laken und Bettwäsche zuteilen und machte uns anschließend flüsternd mit den geschriebenen und ungeschriebenen Re­geln und Gesetzen und der strengen Lagerordnung vertraut. Er hatte sogar vom Abendessen für uns zwei gefüllte Blechnäpfe mit einer längst erkalteten Kohlsuppe und einem schmalen Kanten Brot zu­rückbehalten. Fedor und ich legten uns nebenein­ander auf unsere Pritschen und schlangen dort das Essen gierig und dankbar in uns hinein. Ich achtete kaum auf das, was der Vorsteher uns erzählte, aber mein Selkupen-Freund lauschte mit spitzen Ohren. Ich jedoch wurde dabei so müde, dass ich auf mei­ner ungemachten Bettseite trotz der Schmerzen durch die frische Tätowierung auf meinem Arm über meinem Geschirr einschlief und nichts mehr von den Ermahnungen und gutgemeinten War­nungen mitbekam.

Ich wurde nach meinem Empfinden mitten in der Nacht wieder geweckt und hatte das Gefühl, ich hätte überhaupt nicht geschlafen. Fedor, der neben mir lag, rüttelte mich wach. Er bemerkte, dass ich absolut nicht wusste und auch nicht wissen wollte, wo ich mich befand und nur fassungslos und wei­nerlich in sein von den bleichen Neonlampen grün schimmerndes Gesicht starrte, weil mir für den Au­genblick entfallen war, wer jene Person war, die mich da breit und schlitzäugig anlächelte. Heute ist es mir klar: Ohne Fedor und seine uner­schütterliche und unverdiente Freundschaft, die der genauso breite wie hohe Mann mir entgegen­brachte, hätte ich es wahrscheinlich nicht einmal lebendig bis nach Antenora geschafft, geschweige denn die nächsten Monate überlebt, bis sich meine Lage überraschend veränderte. Ach, Fedor Fedoro­witsch Syrin, der du dich auch nach deinem scha­manischen Ahnen „Peptej“ nanntest, verzeih mir die Abweisung und geringe Wertschätzung, die ich dir in der schlimmsten Zeit meines Lebens er­wiesen habe. Ich weiß bis heute nicht, was du in mir gesehen hast und wie ich mir deine Liebe ver­dient habe, aber so treu wie du war mir keiner meiner anderen Freunde und Weggenossen – du gingst mit mir bis in den Tod, der für dich ja nur ein Übergang in einen neuen Körper und kein endgültiger Verlust war. Ich trinke mein nächstes Glas Wodka auf dich, mein lieber Freund, wohin immer deine Seele nach der Katastrophe gewandert sein mag. Ich werde an dieser Stelle die einzige Erinnerung einkleben, die ich an dich vom Lager behalten habe. Sie hat mich viele Jahre begleitet.


Dies ist eine in der Tat gelungene Skizze von dir, Fedor, die einer der Insassen, unser Lagerkünstler Antip Ba­ronow, an einem der wenigen Sommerabende vor der Baracke 6 machte, während du deine seltsame und zum Himmel stinkende Wasserpfeife rauch­test, mit der du allerdings auch zuverlässig die blutgierigen Stechmücken verjagtest, die allabend­lich in großen Schwärmen über uns herfielen und uns quälten. Du hast die Zeichnung flüchtig ange­sehen, herzlich gelacht und sie anschließend mir geschenkt.

Die Nase ins Tischtuch schnäuzen, aufrichten und weiterschreiben.

„Guten Morgen, Brüderchen“, sagte Fedor. „Die Arbeit ruft uns mit ihrer lieblichen Stimme. Das wird sicher wieder ein bemerkenswerter Tag.“ Ich seufzte und erschauderte wegen der viel geatme­ten, nach Eiter und Schweiß stinkenden Luft, die zum Scheiden dick über den Pritschen hing.

Die Waschgelegenheiten und die viel zu wenigen Latrinen, vor denen sich längst lange Schlangen ge­bildet hatten, bevor auch ich endlich schlaftrun­ken ins Freie wankte, befanden sich in windschie­fen Verschlägen hinter den Baracken und wurden nur aus der Ferne von den Wachtürmen aus kon­trolliert. Wie in der halben Stunde zwischen Nacht­sirene und Bettruhe waren wir Deportierte zwi­schen drei- und vier Uhr morgens, während wir uns wuschen, anzogen, beim Abtritt und der Es­sensausgabe anstanden und als Frühstück die ewig gleiche geschmacklose und dünne Kohlsuppe mit granithartem Schwarzbrot herunterwürgten, frei und praktisch unkontrolliert. Der Bereich hinter unseren Hütten glich einem lärmigen, von ge­schwätzigen Menschen wimmelnden Rummelplatz, in dem es allerdings auch eine feste Hackordnung unter uns Gefangenen gab. Wir Neuankömmlinge bildeten das Lumpenproletariat dieses pervertier­ten Abbildes der sowjetischen Gesellschaft. Beson­ders deutlich wurde dies beim Essenfassen, wo or­ganisierte Banden die Schwäche der anderen aus­nutzten und mit roher Gewalt den Löwenanteil der von den Küchenbullen gereichten, ohnehin schon sehr knappen Nahrungsrationen einforderten.

Bereits an meinem ersten Tag landete ein Genos­se, der sich gegen diesen Mundraub wehrte, mit dem Kopf zuerst in einem der ekelhaften Abtrittlö­cher, wo seine ersoffene Leiche vom Putztrupp erst am späten Vormittag, als alle anderen längst schon in der Grube arbeiteten, entdeckt wurde. Die Wär­ter sahen über solche und ähnliche Grausamkeiten gerne hinweg und fahndeten auch in diesem Fall nicht nach den Tätern. Sie wussten, dass ihnen die­se brutalen Banden unter den Insassen, von denen es in jeder Baracke eine gab, die nicht selten von ihrem Vorsteher geleitet wurde, einige unangeneh­me Arbeit abnahmen und für Ruhe unter den Ge­fangenen sorgten. Da wurde es toleriert, wenn sie ab und an ein Exempel statuierten.

Der Bandenchef unserer Baracke – nicht Him­beernase, sondern ein wirklich brutaler Totschläger und Säufer – weiß der Himmel, woher er hier am Arsch der Welt seinen Schnaps bezog – namens Semjon „Senja“ Ob­low, Gefangenen-nummer 6/003/Б, der schon vor Kriegsbeginn in Antinora inhaftiert wurde und einer der Veteranen unter den Gefangenen war, versuchte es übrigens nur ein einziges Mal, Fedor um seine Wertsachen zu erleichtern. Mein Freund war auch ein überaus lohnendes Ziel, denn als ehemaliger Schmuggler und Schwarzhändler erwies er sich als ein genialer Beschaffer von den unglaublichsten Sachen. Niemand kann seine Person, sein Land oder auch ein schwer bewachtes Straflager so her­metisch abschotten, dass noch doch der Kapitalis­mus und seine Begleiter Gier und Gewalt Eingang finden – und wenn‘s auch nur eine schmuddelige Hintertür ist. Der Kapitalismus kommt jeder Staatsform zurecht, denn nicht irgend ein hohes und humanistisches Bild vom Menschen, sondern nur die obszöne Bereicherung und die Rubelchen stehen im Mittelpunkt der Interessen der Leute. Deshalb konnte sich der Kapitalismus auch so leicht im real existierenden Sozialismus wie eine Seuche ausbreiten und wird noch fröhlich weiter­wirtschaften, wenn die Sowjetunion demnächst zusammen­brechen wird. Um einen Spruch von Kierkegaard zu modifizieren: „Keiner kann im Leben oder im Tod so weit reisen, dass du, mein Mammon, nicht bei ihm bist.“

Doch verzeihe mir, mein lieber Leser, diesen Aus­flug eines alten Roten in den „Histomat“ – lass uns zurück nach Antenora kehren.

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[Zum 13. Teil …]

Ein Kommentar

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