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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 31 – Schluss)

Am späten Nachmittag – die Sonne stand bereits so tief, dass die enge Vicolo della Volpe im Schatten ihrer Häuser und Mauern lag – stand Nikolaus Klammer endlich vor der Adresse, die ihm Isa in ihrer ver­schlüsselten Nachricht übermittelt hatte. Er erkannte die Buchhandlung sofort, auch wenn die Bücher in der Auslage italienische Bestseller und Klassiker wa­ren – ein leckerer Auflauf ohne schlechte Zutaten: Werke von Ignazio Silone, Umberto Eco, Primo Levi, Leopardi und Manzoni, Camilleri und Boccac­cio, Dante neben Ferrante, Morante und Moravia, Pisano, Lampedusa, Italo Svevo, Ledda, Pavese, Fruttero und Lucentini, Palazzeschi und Pirandello und selbstverständlich auch Calvino, ohne dessen Se una notte d’inverno un viaggiatore dieser Ro­man gar nicht hätte geschrieben werden können … allein die Namen waren schon ein Gedicht! Sie alle standen wild durcheinander und ohne einen er­kennbaren Zusammenhang außer dem einen, dass es gute Bücher waren. Klammer kannte und schätzte die reiche italienische Literatur, hatte auch die meis­ten der ausgestellten Werke in Übersetzungen gele­sen. Er schnalzte ge­nießerisch mit der Zunge.

Er sammelte sich. Dies war der Buchladen, der erst gestern – ja, gerade einmal vor dreißig Stunden – noch in Augsburg gestanden hatte! Konnte das Ge­schäft denn fliegen oder sich wie in Star Trek an ande­re Orte beamen? Klammer glaubte nicht, dass er diese Transition verstehen würde, auch wenn sie ihm von einem schlauen Mann erklärt wurde.

Noch einmal sah er hinter sich. Aufgeregt wie er war, rechnete er jeden Augenblick mit dem Schlimmsten und fühlte sich schon den ganzen Tag beobachtet. Doch keiner der vie­len Passanten schien sich weiter für ihn und den La­den, vor dem er stand, zu interessieren. Der Autor war ihnen nur ein unliebsames Hindernis auf ihrem Weg durch die enge Gasse.

Was würde ihn dort drinnen in dem Buchladen er­warten? Würde er endlich seine Tochter finden und in die Arme neh­men können? Würde sich alles auf­klären und vielleicht als ein großer Spaß herausstel­len? Klammer hoffte es.

Als er am Mittag an der Haltestelle Barberini in der Nähe der Piazza Navona die U-Bahn-Linie A verlas­sen hatte – vom zentralen Termini waren das nur drei Stationen -, war er zuerst ohne Umwege und Augen für die schmucken Kirchen, Brunnen und Pa­lazzi direkt in das Hotel Raphaël gegangen. Obwohl Klam­mer vor Neugierde brannte, vermied er absichtlich die neben dem von Efeu vollkommen überwachsenen Gebäu­de lie­gende Vicolo della Volpe. Er erkundigte sich bei der jungen Dame an der Rezeption des noblen Ho­tels nach seinem Verleger und dessen Freundin, weil er nach Verbündeten suchte. Ihm war aber von ihr mitgeteilt worden, die beiden wären unterwegs und würden erst am Abend wieder zurück erwartet. Da ihm Wel­kis Domizil viel zu teuer war – eine Nacht im ein­fachsten Zimmer kostete ohne Frühstück über 300 € – verließ er achselzuckend das Raphaël und suchte sich erst einmal eine billigere Bleibe in einem nicht allzu weit entfernten B&B in einem schmucklosen Eckhaus in der Via Cola di Rienzi, in dem er schon einmal vor ein paar Jahren mit Irene logiert hatte und wo man in der Vorsaison auch ohne Reservierung ein Zimmer für ihn frei hatte. Klammer stellte sein Gepäck ins Zim­mer und te­lefonierte von dem Apparat auf dem Nachtkästchen aus mit seiner Frau.

Er besaß zwar ein Mobiltelefon, aber er machte es niemals an und hatte es auch auf dieser Reise nicht mitgenommen. Mit dem Hinweis auf die hohen Gebühren und einem ziemlich schlechtem Gewissen teilte er Irene nur das Allernötigste mit und blieb bei seiner Ge­schichte, Welkenbaum benötige ihn in Rom völlig überraschend für Lizenz­verhandlungen wegen eines von seinen Romanen. Er hörte zwar ein leichtes Misstrauen aus ihren Antworten heraus, aber noch schien sie zu glauben, was er ihr erzählte. Sie machte ihm nur zum Vorwurf, dass er sie mit seiner Reise überrumpelt habe. Hätte sie früher Bescheid ge­wusst, hätte sie ja mit nach Rom kommen können, das wäre doch mal eine nette Abwechslung gewesen. Klammer gab sich angemessen zerknirscht, aber insgeheim war er froh, dass er Irene zuhause in Sicherheit wusste.

Anschließend verließ er seine Unterkunft und aß an der Theke einer Espressobar eine Querstraße weiter ein Panino und trank zwei große Moretti-Biere. Müde und mit schwerem Kopf kehrte er in sein Zimmer zurück, stellte den Ventilator an der Decke auf die höchste Geschwindigkeit und schlief eine Stunde auf dem breiten Bett. Ohne den Alarmruf seines Reiseweckers wäre er wohl ins Koma gefallen und hätte bis zum nächsten Morgen weitergeschlafen. Klammer benötigte eine ausgiebige Dusche, bis er nicht mehr wie ein Zombie aussah. Dann zog er sich der italienischen Wärme angemessene und leichte Kleidung an und setzte sei­nen Thomas-Mann-Urlaubsstrohhut auf, ohne den er niemals in Ita­lien unterwegs war.

Erst danach war er in der Verfassung gewesen, die Vicolo della Volpe aufzusu­chen, in der er nun stand. Das Gässchen führte vom Hotel aus auf direktem Weg in den Stadtteil Rione Ponte, einem beliebten Einkaufsviertel voller Modegeschäfte, zahlloser Anti­quitätenläden, Restaurants, Bars und ameisenbauglei­cher Geschäf­tigkeit. Die Vicolo mit ihren Häusern aus Renaissance und Barockzeit schmiegte sich dabei so eng an die riesige Santa-Maria-della-Pace-Kirche, dass es der Wa­gen von Google-Earth nicht geschafft hatte, sie in ihrer ganzen Länge zu fotografieren und war deshalb ein weißer Fleck auf der Rom-Straßen­karte des neugieri­gen Internetgiganten geblieben.

Klammer wollte eben einen Schritt auf die Ein­gangstür zu machen, in deren Glas ein Schild mit „Free Entrance” und „Aperto” lockte. Da bemerkte er eine Gestalt, die sich neben ihn gestellt hatte. Schon während er sich nach der Person umdrehte, wusste Klammer, wer es war.

„Ah, Signore Fabio, welch ein erstaunlicher Zufall. Wollen Sie etwa noch ein weiteres Autogramm?”, fragte er und lüpfte grüßend seinen Hut.

Er fühlte sich sicher, denn es schoben sich viele Einheimische und Touristen durch die enge auto­freie Gasse, in der gerade ein­mal zwei Leute neben­einander stehen konnten. Eini­ge hielten ein Gelato von einer Eisdiele an der nächsten Straßenkreuzung in der Hand.

Der angebliche Avvocato legte den Kopf schief. Er hatte sich im Gegensatz zu Klammer nicht umgezo­gen und trug weiterhin sei­nen für die nachmittägliche Hitze zu warmen Ge­schäftsanzug. Er hatte allerdings sein Sakko ausgezo­gen und über den Arm gehängt. Doch auf seiner Stirn über der unvermeidlichen Son­nenbrille waren keine Schweißperlen zu sehen und es hatten sich auch keine dunklen Flecken an den Ach­seln seines kurzärmligen, rosafarbenen Hemds gebildet. Jetzt brannte die Zigarette zwischen seinen Lippen und er stieß ein wenig Rauch in Klammers Richtung, bevor er mürrisch antwortete:

„Nein. Ich habe meine Meinung geändert. Ich be­nötige jetzt etwas anderes von Ihnen.”

Er klang wirklich bedauernd und deutete mit dem Kopf auf sei­ne von der Jacke verdeckte Hand. Dort ragte die lan­ge, scharfe Klinge eines dünnen Messers heraus. So­fort trat Ienalli noch näher an Klammer heran und presste ihm dabei die Waffe in die Seite. Die Spitze stach den Au­tor durch sein Hemd hindurch ins Fleisch.

„Ich rate Ihnen, nicht um Hilfe zu rufen, weil ich sonst auf der Stelle gezwungen wäre, Sie zu erstechen. Das wird für Sie eine recht schmerzhafte Angelegen­heit werden, Maestro. Glauben Sie mir, ich habe mit dem Stiletto einige Erfahrung. Wir werden jetzt ge­meinsam in den Buchladen gehen und dort werden Sie mir Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren überreichen. Sie müssen das Buch bei sich haben, denn es befindet sich nicht in Ihrer Un­terkunft. Das habe ich schon überprüft.”

Klammer lächelte sardonisch und mit viel Gebiss. Er wusste um die Wirkung dieses Lächelns, denn er hatte es lange vor dem Spiegel in seinem Zimmer im B&B geübt, nachdem ihm klar geworden war, dass jemand während seiner Abwesenheit seine Sachen durchsucht hatte.

„Ich muss Sie enttäuschen, Avvocato. Ich hätte Sie wirklich für schlauer gehalten. Das Buch ist längst nicht mehr in meinem Besitz”, sagte er gelassen.

ENDE

 

Der Roman wird fortgesetzt in:

Dr. Geltsamers
erinnerte Memoiren

3. Teil:
Der Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 30)

ZWISCHEN DEN SEITEN

Voi biglietto, per favore.

Nikolaus Klammer schreckte aus dem Halbschlaf, in den er ge­fallen war und das schwere schwarze Buch, das er noch geöffnet in den Händen hielt, rutschte ihm dabei aus den Fingern. Es fiel auf den Boden des Zugabteils. Ertappt griff er nach unten, aber sein Sitznachbar, der in Innsbruck zugestiegen war, war schneller und hob das Buch vor ihm auf. Die beiden blickten sich an.

Klammer sah an seinen besseren Tagen ein wenig wie Ernest Hemingway und an seinen schlechten – sie überwogen – wie der Satyr Marsyias aus. Wie sei­ne momentane äußere Erscheinung auf den Avvocato wirken musste, mochte er sich gar nicht vorstellen: Wahrscheinlich sah er gerade aus, als hätte er bereits seine Häutung hinter sich.

Klammer fiel ein, was er vor seinem Sekunden­schlaf gelesen hatte und nahm sich vor, vorsichtiger im Umgang mit dem Advokaten zu sein. Der dünne Mann mit dem olivgrünen Gesicht, der die ganze Nacht seine Sonnenbrille aufbehalten hatte, zögerte kurz, als er Klammers nachdenklichen Blick spürte, aber dann überreichte er ihm umstandslos das Buch. Klammer riss es an sich und presste es gegen seinen Oberkörper, als wäre es ein Schatz, den er behüten musste. Im Grunde war es das auch.

Wahrscheinlich wirke ich im Augenblick eher wie Gollum und nicht wie der mythologische geschundene Satyr, der angeb­lich auch Sokrates geähnelt haben soll.

Er wurde sich der Lächerlichkeit seines Tuns be­wusst und blätterte nach der Stelle, an der ihn der Schlaf übermannt hatte. Er legte dort sein orangefar­benes Lesezeichen ein. Erleichtert stellte er dabei fest, dass sich der Inhalt von Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren noch nicht verändert hat­te. Klammer war ein oder zwei Kapitel vor dem Ende des Ro­mans seines Großvaters und vielleicht bekam er diesmal die Gelegenheit, ein Werk zu Ende zu lesen. Er hatte das Gefühl, wenn ihm das gelang, würde etwas Besonderes geschehen.

Das nächs­te Kapitel trug den vielversprechenden Titel „Ent­hüllungen“ und Klammer war gespannt, ob er darin endlich die Antworten bekam, welche Geheimnisse hinter der ganzen phantastischen Ge­schichte steckten und wie Sebastian Kerr diese auflö­sen würde. Er zweifelte inzwischen entschieden dar­an, dass die Hyänen von Berlin eine autobiografische Geschichte waren. Vieles erschien ihm frei und frech erfunden, ein Lügenmärchen. Viel zu unglaubhaft und utopisch hatte das letzte Kapitel geendet. Roboter im Berlin der Weimarer Republik, also bitte! Brecht würde sich im Grab umdrehen. Sein Großva­ter hatte wohl zu viel Kokain geschnupft, als er im Exil diesen Roman schrieb. Und diese Anspielung ganz am Ende des Kapitels, als er auch noch Vladi­mir Nabokov auftreten ließ, die war ja wohl völlig dane­ben.

Wenn mein Opa das alles erfunden hat, hat es allerdings auch Konsequenzen für das Tagebuch der brasilianischen Ärztin, dessen Authentizität damit ebenfalls in Frage gestellt ist. Kann es sein, dass diese Geschichte ebenfalls aus seiner Feder stammt? Und warum bietet mir Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren ausgerechnet diese Geschichten aus den Zwanziger Jahren an und nicht andere?

Doch an eine Fortsetzung der Lektüre war im Au­genblick nicht zu denken. Klammer musste das ver­schneite Berlin kurz vor der verheerenden Weltwirt­schaftskrise, die die Weimarer Republik direkt in die Arme der Nazis hatte taumeln lassen, verlassen. In seinem Hier und Heute war es draußen längst hell­lichter Vormittag und der Zug ratterte auf seinen Schienen durch die Vororte von Rom. Straßen, Plät­ze und Häuser, vor deren Fenstern auf Leinen Wä­sche hing, wechselten sich ab mit Ausblicken auf Pi­nien, silberne Olivenhaine und jetzt im Frühjahr pas­tellgrüne Getreidefelder.

Der Schaffner, der Klammer eben geweckt hatte, geduldig im Gang stehen geblieben und vergeb­lich auf eine Reaktion gewartet hatte, räusperte sich. Der Autor schob sein Buch eilig in die Außentasche seines Handgepäcks und holte sein ausgedrucktes E-Ticket heraus, das von dem Zugbegleiter nur ober­flächlich begutachtet und an zwei offenbar zufälligen Stellen gelocht wurde, bevor er es mit einem „Buon viaggio e divertimento! Arrivederci.“ wieder zurückgab.

Der Italiener neben Klammer wartete, bis der Schaffner weiter ging.

Scusi. Entschuldigen Sie meine Frage, signore. Aber sind Sie nicht der Schriftsteller Nikolaus Klammer?“, fragte er in einwandfreiem und gut verständlichem Deutsch. Ein verirrter Sonnenstrahl brachte die ver­spiegelten Gläser seiner großen Sonnenbrille zum Funkeln; es wirkte, als würden seine Augen dahinter strahlen.

„Wie kommen Sie darauf, Avvocato Ie … Ielli –“

Klammer war misstrauisch und geschmeichelt zu­gleich.

„Ienalli. Fabio Ienalli, Maestro Klammer. Ai loro ser­vizi. Das ist ganz einfach; ich lese gerade ein Buch von Ihnen.“

Der Mann griff in seine Herrenhandtasche, die er an einem Gurt über der Schulter seines tadellosen Anzugs trug, und beförderte ein dickes und zerlese­nes Paperback zu Tage. Es war eine Ausgabe von Der Engel im Spiegel, einer von Klammers frühen Roma­nen, der in der Toskana spielte. L’angelo nello specchio – das einzige seiner Werke, das jemals in einer Fremdsprache erschienen war und sich in Italien tat­sächlich ganz ordentlich verkaufte, obwohl es wirk­lich nicht einfach zu lesen war – war Welkenbaums guten Geschäftskontakten zu einem ähnlich gesinn­ten römischen Verleger zu verdanken, der übrigens auch die vorzügliche Übersetzung des Romans ver­antwortete. Manchmal galt der Prophet eben in der Fremde mehr als im eigenen Land.

„… und hier, auf der Innenseite“, fuhr Ienalli fort und deutete mit einem tabakgelben Finger – offen­bar war er ein starker Raucher – auf den Umschlag, „ist das nicht ein Foto von Ihnen?“

Die Abbildung in dem Taschenbuch zeigte den Au­tor zwar schwarz-weiß, etwas unscharf und zehn Jahre jünger – hatte er jemals so schwarze Haare ge­habt oder waren sie mithilfe von Photoshop für den italienischen Markt eingefärbt worden? -, aber es war doch unverwechselbar er selbst, der ihm da überlegen und auch ein wenig arrogant entge­gen blickte. Ein Leugnen war zwecklos.

„Sie haben mich erwischt“, gab Klammer lächelnd zu. Er genoss den seltenen Moment, in dem er sich prominent fühlen konnte, denn er wurde nicht oft erkannt.

„Ich hatte sehr viel Freude am L’angelo nello spec­chio”. Für einen Deutschen gelingt es Ihnen erstaun­lich gut, sich in die Seele Italiens einzufühlen.”

Klammer wusste nicht so recht, was er mit dieser Aussage anfangen sollte, denn in dem Roman kamen überhaupt keine Italiener vor. Er entschied sich zu einem unverbindlichen Kopfnicken. Von irgendwo her zauberte Ienalli einen wertvollen, obsidianschwar­zen Füller in die Finger seiner Rechten und streckte Klammer das Schreibutensil mit der goldenen Schreibfeder entgegen. Das war eine wirklich er­staunliche Präsentation seiner Fingerfertigkeit, aber Klammer war viel zu abgelenkt, um darauf zu ach­ten.

„Schreiben Sie bitte: Für Fabio”, sagte Ienalli und der deutsche Autor kam freudestrahlend seiner Auf­forderung nach. Der Avvocato kontrollierte nickend die Unterschrift, als würde er ein wichtiges Akten­stück prüfen, blies auf die feuchte Tinte, bis sie trocknete und schloss dann zufrieden sein etwas schäbiges Taschenbuch.

„Ich würde mich wirklich gerne mit Ihnen unter­halten, Maestro, aber wir fahren gerade am Bahnhof ein”, sagte er und seine Stimme klang redlich bedauernd.

Tatsächlich bremste der Zug, der immer langsamer gefahren war, in diesem Moment endgültig ab. Wie aufs Stichwort sprangen die Reisenden in dem Groß­raumwaggon von ihren Sitzen, holten aufgeregt ihr Gepäck von der Ablage und verstopften den Zwi­schengang. Es wurde geschoben und lautstark disku­tiert. Klammer hatte nur einen kleinen Handkoffer bei sich und er wollte sich gerade schon zum Aus­gang nach vorne drängeln, als ihm seine Reisebe­kanntschaft, die ebenfalls nur mit leichtem Gepäck unterwegs war, von hinten an der Schulter fasste.

Scusi, Maestro. Vielleicht können wir uns ja noch einmal während Ihres Romaufenthalts treffen”, sagte er und überreichte dem Autor seine mit goldenen Lettern bedruckte Visitenkarte, die er mit einem neu­en Zauberkunststückchen aus der Luft fischte und dem überrumpelten Klammer in die Hemdtasche schob.

„Ich würde mich wirklich freuen, Sie auf ei­nen Cafe americano oder gleich auf ein Abendessen in meiner Lieblings-Trattoria hier in Rom einzuladen. Ich meine, es wäre mir eine Ehre. Wissen Sie zufällig schon, wo Sie absteigen?”

Ienalli klemmte sich eine Nazionali in den Mund­winkel, zündete sie aber noch nicht an.

Klammer schüttelte den Kopf. Dann verabschiede­te er sich mit einem maulfaulen und gelogenen: „Das wäre nett”; und bemühte sich, den aufdringlichen und auch ein wenig unheimlichen Avvocato im Ge­wimmel des Zugabteils und dann im hektischen Durcheinander auf dem in der Hitze des römischen Vormittags brütenden Bahnsteig abzuhängen. Es gelang ihm – so glaubte er zumin­dest – problemlos. Termini mit seinen tausend Ne­beneingängen und Ebenen und seinen werktäglichen Menschenmassen war wie dafür geschaffen, einen Verfolger abzuschütteln. Er war nicht zum ersten Mal in der Ewigen Stadt und er wusste, wie er vom Bahnhof aus mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Piazza Navona gelangen konnte. In der unmittelbaren Nähe dieses zentralen Platzes befand sich das Hotel Ra­phaël und gleich daneben führte die Vicolo della Volpe zur schnurgeraden Via dei Coronari, die von der En­gelsburg herkommt. Dennoch war er wie jedes Mal erschlagen von der frühsommerlichen Hitze, dem Lärm und dem einem Ameisenbau ähnelnden Ge­wimmel in der Metropole, dem Gestank nach Abga­sen, Müll und Gas, den achtspurigen Straßen kurz vor dem Verkehrsinfarkt, den rücksichtslosen Vespa- und Radfahrern, die ohne Bremsen durch die dich­testen Menschenaufläufe kurvten, dem Hupen, dem vielfältigen Gesang von tausend Stimmen, den Tou­risten, Straßenverkäufern, den Bettlern, den atembe­raubend schönen Frauen, die an den Bars und Schaufenstern vorbei flanierten. Das Berlin seines Großvaters von 1929 muss gegen diesen quirligen und gärenden Dante’schen Höllenkreis ein Paradies voller Ruhe, Entschleunigung und Einsamkeit gewe­sen sein.

Einmal dachte Klammer in der übervollen U-Bahn, dass er weiter hinten im Wagen den Avvocato Ienalli sah, aber als er genauer hinsah, konnte er ihn nicht entdecken.

[Fortsetzung und Schluss am nächsten Montag …]

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 29)

Jetzt kam auch Leben in Rother, der ihr gegen­über stand. Der dicke Kriminalassistent beugte sich flink über seinen Partner und ergriff das Buch, das dieser trotz des Aufpralls noch immer fest in der seltsam abgewinkelten Hand hielt. Rother zerrte und mühte sich. Endlich löste sich der Griff und anschließend hob er das Buch tri­umphierend in die Höhe. Helene Weigel sah ihm erstaunt dabei zu.

„Ich habe es! Ich habe es!“

Rother rannte davon, das Pflaster in Richtung Augsburger Straße hinunter. Se­bastian machte keine Anstalten, ihm zu folgen und er hinderte auch mit einer beschwich­tigenden Geste Lokwi daran. Er hatte noch nichts ge­sagt und starrte auf Brecht, der sich am kurzgeschorenen Na­cken kratzte und wirkte, als wäre er nicht ganz auf der Höhe der Ereignisse. Vielleicht hatte er durch den Unfall auch einen Schock erlitten, aber Sebastian glaubte eher, dass Brecht ebenso wie er selbst von der unglaublichen Ausstrah­lung Lokwis gefangen genommen war. Sie wirk­te wohl auf alle Männer. Dann wanderte sein Blick zwischen dem Dschungel­mädchen und dem berühmten Schriftsteller hin und her. Er rang mit sich selbst, mit seiner al­ten und seiner neuen Liebe, die ein ironisches Schicksal neben­einander gestellt hatte. Brecht, stellte er fest, hatte schlechte Karten.

„Schnell, mein Notizbuch! Meu Deus! Rother darf nicht mit ihm entkommen.“ Elena und der sich auf Gretas Schultern stützende Gregor humpelten aus der Hofeinfahrt. Sebastian wink­te ab.

„Der Dicke hat nur mein Moleskine. Ich habe dem Narbigen vorhin das falsche Buch gegeben. Ich hoffe wirklich, Rother hat Spaß an meinen Gedichten.“

Nur mein Moleskine? Habe ich das gerade wirklich gesagt? Oh, Gott, mein wertvollster Be­sitz!, dachte er. Welche Schätze gehen da unwie­derbringlich verloren? Ich hätte sie Brecht zeigen können …

Trotzdem fühlte er sich gut. Er trat an die Schauspielerin und den Narbigen heran, der weiterhin wie ein zerbrochenes Spielzeug auf der Straße lag und sich nicht rührte. Er traute seinen Augen kaum. Brechts Verlobte hatte recht: Dies war wirklich kein Schwerverletzter oder die Leiche eines Menschen, sondern ein zer­störter Apparat, eine Maschine – ein Maschinen­mensch! Besser ge­sagt, das, was von ihm übrig geblieben war, nachdem ihm Elena zwei Kugeln in die Brust ge­schossen und Brecht ihn mit sei­nem Steyr umge­fahren hatte. Die beiden hatten ganze Arbeit geleistet. Viel Menschliches war danach nicht mehr an der Hyäne zu erkennen.

Ein Arm war vollkommen abgerissen und aus der leeren Achselhöhle quollen Kabel, Schmier­fett und hy­draulische Gelenke. Ein paar Ketten­glieder klickten noch. Mitten aus der Brust rag­te eine Feder und ein paar verbogene Stäbe, die wohl mal als eine Art Rippen gedient hatten. Die künstliche Haut, die bisher den me­tallenen Kör­per unter sich verborgen hatte, war über der lin­ken Gesichtshälfte wie ein altes, feuchtes Plakat an einer Litfaßsäule herab gerissen und darun­ter kam ein rötlich schimmernder, eiserner To­tenschädel zum Vorschein, in dem die blanken Zähne wie die perverse Parodie eines breiten Lä­chelns wirkten. Was auch immer dieses Ding am Leben gehalten hatte, das einem Roman von H. G. Wells entsprungen schien: Nun war es ein­deutig tot und es brannte kein Licht mehr in den blinden, gläsernen Augen. Frau Weigel sah er­schüttert auf.

„Das war – wie nannte Capek diese Automaten noch in seinem Theaterstück? Wir haben „R.U.R.“ doch damals in Frankfurt inszeniert …“ Sie schlug sich an den Kopf.

„Ein Roboter, ja, genau. Das war mal ein Robo­ter, oder? So wie in Fritz Langs Metropolis. Da hat doch Brigitte Helm solch einen Maschinenm­enschen gespielt. Da war unter der Haut auch nur Aluminium. Ich dachte nicht, dass es so et­was in Wirklichkeit gibt. Ein Roboter muss doch sehr teuer sein. Und wie funktioniert so etwas überhaupt? Bertolt, ich glaube nicht, dass dies­mal ein Gedicht ausreicht, um den angerichteten Schaden wieder gut zu machen.“

Greta begleitete ihren Bruder zu einem Later­nenmast, an den er sich klammerte und trat dann heran. Sie sah nicht mit Abscheu, sondern mit wirklichem Interesse herab.
„Ja, das war ein Roboter, ein künstlicher Mensch. Genauso wie Karla. Sie ist als K‘Ral zwar eine andere, etwas weiter entwickelte Bau­reihe, wurde aber von denselben Mächten er­schaffen, um ihnen zu dienen. Sie hat sich aller­dings für die Gegen­seite entschieden, hat mir Elena mal erzählt. Du erinnerst dich, Bastian, der da, man nennt es einen K’Rit, hat heute Morgen noch versucht, Karla im Auftrag der Hyä­nen außer Betrieb zu nehmen. Ich musste sie später nachjustieren, weil sie trotz deines Ein­schreitens etwas abbekommen hatte. Es ist gut, dass ich mich ein wenig mit Autos und Ge­trieben auskenne. Schade, dass wir nicht die Zeit haben, den K’Rit näher zu untersuchen.“

„Ach, Sie verstehen etwas von Autos? Vielleicht wollen Sie sich dann einmal unseren Wagen an­sehen, meine Liebe?“, erkundigte sich Frau Wei­gel.

Gretas Lachen klirrte.

„Gerne. Es wäre mir ein aufrichtiges Vergnü­gen. Unter uns Mädchen, das ist ein wundervol­les Modell, das Ihr Freund da fährt. Wie viele PS hat der denn, wenn ich fragen darf? Einhun­dert?“

Was war das denn für ein Gespräch, das die beiden Frauen da führten? Dies war kein Nach­mittagstee unter Automechanikern! Sebastian wurde wütend.

„Was zum Teufel geht hier wirklich vor? Kann mir jemand mal die ganze Geschichte erzählen?“

Er fühlte sich ausgenutzt und von den Geres und der Ärztin hintergangen. So vieles wusste er nicht, so vieles war ihm verschwiegen worden.

Ich bin für sie nur eine nicht einmal besonders wertvol­le Figur in einem Schachspiel zweier mir unbe­kannter Mächte. Aber immerhin – ich habe Brecht kennengelernt, dachte er. Hat sich schon gelohnt …

„Könnten wir dieses Gespräch vielleicht auf später verschieben? Wenn wir alle im Flieger sitzen?“, mischte sich Elena ein. „Der dicke Poli­zist wird bestimmt seine Kollegen informie­ren und wir sollten weg sein, bevor er mit Ver­stärkung zurückkommt.“

„Aber er hat doch, was er wollte!“, gab Greta zu bedenken.

„Und wie lange wird es dauern, bis er bemerkt, dass er das falsche Buch hat? Ich möchte nicht mehr hier sein, wenn er Bastians kleinen Trick bemerkt.“

„Aber wo sollen wir denn hin?“ Sebastian sah die Straße hinunter.

„Wir können unmöglich zu unserem Auto. Dort, wo es steht, wimmelt es wahrscheinlich von Schupos; wir würden nur Rother in die Arme laufen. Außerdem ist Gregor verletzt und kann mit der Wunde nicht weit lau­fen. Und so, wie wir aussehen …“, Elena deutete auf Lokwi, die stolz ihr Kinn nach oben reckte und mehr denn je wie eine Dschungelgöttin aus ei­nem Roman von H. Rider Haggard glich, „… nimmt uns auch kein Taxifahrer zum Tempelhofer Feld mit.“

Brecht, der bei seinem Auto stehengeblieben war und sich als einziger nicht den zerstörten Roboter betrachtete, räusperte sich und legte dann wie selbstverständlich einen Arm um Lok­wi. Sie ließ sich diese Geste erstaunlicherweise gefal­len und sagte ein paar Wörter in ihrer Sprache, die Elena zum Lachen brachte.

„Sie sind ihr sympathisch“, übersetzte sie. „Sie erinnern sie an ein Tier aus ihrer Heimat, einen Neuweltaffen, der bei ihrem Stamm als Delika­tesse gilt.“
Brecht war nicht beleidigt und stimmte in das Lachen ein. Dabei ignorierte er einen stirnrun­zelnden Blick seiner Verlobten, die über den Vorschlag, der nun unweigerlich kommen wür­de, nicht ganz so glücklich schien.
„Wenns euch net stört, falls es etwas eng wird, hätt ich einen Vorschlag zu machen. Das Alles kling nach einer wirklich interessanten Ge­schichte und i wär a schlechter Autor, wenn mi des net interessieren würde.“

Beinahe hätte B. B. übrigens noch die Litera­turgeschichte verändert, als er wenig später den vollbesetzten und nur leicht beschädigten Steyr Sportwagen durch das panrussische Viertel am KA­DEWE zum Flughafen am Tempelhofer Feld steuerte.

Große, nasse Schneeflocken trieben schräg über die Passauer Straße im Berliner Westen, als ein Exilrusse auf ein hässliches altes Haus zuging, das zur Hälfte hinter einer Gerüstmaske versteckt war. Er hielt sich die Hände schützend vor das Gesicht und achtete nicht auf den Stra­ßenverkehr. Nur ein kühner Sprung zur Seite rettete ihm gerade noch das Leben, als der Steyr ungebremst und hupend angebraust kam und mit quietschenden Reifen in den Kurfürsten­damm einbog.

„Ich muss raus aus dieser grauenvollen Stadt“, dachte der schmale Mann zitternd, der in seinen fünf Jahren in Berlin niemals richtig Deutsch gelernt hatte. Er sah dem Wagen hinterher, der ihn beinahe auf die Hörner genommen hatte. „Und zwar so schnell wie möglich. Das hier ist die Höl­le auf Erden.“
Vladimir schüttelte den Kopf und setzte seinen Weg fort.

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 28)

Der Narbige griff nach unten, um sich seine Waffe vom Boden zu angeln. Sebastian kniff die Augen zusammen und riss sie dann wieder auf. Hatte er wirklich gerade gesehen, dass der schwere Revolver über den Schnee auf den Mann zurutschte, als ob er ihn mit einem un­sichtbaren Faden zu sich heran zog? Das konnte doch nicht sein, das musste eine optische Täu­schung sein. Niemand hatte magnetische Hän­de! Wie es auch stand, wenn Sebastian jetzt nichts unternahm, würde der Mann gleich seine verlorene Waffe wieder in den Händen halten. Er nahm Boxstellung an. Doch der Narbige hielt mitten in seiner Bewegung inne und auch sein Revolver be­wegte sich nicht mehr auf ihn zu.

Es knallte erneut ein Schuss, dann noch einer. Die Hyäne sah verblüfft zu Rother, der nicht ge­schossen hatte, sondern sich mit allen Kräften Lokwis erwehren musste, die sich nach ihrer Ak­tion mit den Kisten wie eine Raubkatze auf ihn gestürzt hatte, um ihm mit ihren langen Finger­nägeln die Augen auszukrat­zen. Auch sein Re­volver war in den Schnee gefallen.

Erst dann blickte der Narbige an sich selbst herab. Die Kugeln hatten ihm in Brusthöhe zwei qualmende, ausgefranste Löcher in den Rollkra­genpullover gestanzt. Falls in seinem brutalen Gesicht jemals eine Empfindung aufgetaucht ist, dann in diesem Augenblick: In seiner Miene zeigte sich Überraschung. Sebastian drehte den Kopf. Hatte etwa Gregor …?

Nein, der lag noch immer halb bewusstlos am Boden. Geschossen hatte Elena. Sie hielt eine bronzierte Pistole mit langem Lauf in der Hand.

„Es war kein Fehler, die alte Parabellum von Wohlfink zu behalten und zu pflegen“, lachte sie. „Ich wusste, ich würde sie noch einmal brau­chen.“

Rother gelang es in diesem Moment, Lokwi zu­rückzudrängen, dann wirbelte er panisch auf den Absätzen seiner ausgelatschten Schuhe her­um und rannte davon, suchte mit einem zer­kratzten und blutigen Gesicht sein Heil in einer kopflosen, fei­gen Flucht. Er legte dabei eine Ge­schwindigkeit vor, die Sebastian dem kurzat­migen Dicken nicht zugetraut hätte.

„Das ist ein Dämon … ein Dämon aus der Höl­le!“, kreischte Rother. „Rette sich, wer kann!“

Sebastian schüttelte lächelnd den Kopf und wandte sich wieder dem Narbigen zu, den er längst zu Boden gesunken glaubte. Doch der un­heimliche Mann stand trotz der töd­lichen Wun­den in seiner Brust noch immer auf­recht. Das war nicht zu glauben! Wie konnte er noch leben? In der einen Hand hielt er das schwarze Buch, mit dem Zeigefinger der anderen tastete er in den Löchern in seinem Pullover, als wäre er Je­sus und Thomas zugleich. Die Augen leuch­teten wieder, der Narbige schaltete sie ein wie eine Taschenlampe und beleuchtete damit seine Wunden, aus denen jedoch seltsamerweise kein Blut, sondern etwas Anderes, Dunkleres, das wie Maschinenöl wirkte, floss. Zu Sebastians grenzenloser Ver­blüffung roch es in dem Hof nun stark nach dem verschmorten Zündkabel ei­nes Automobils, nach bitterer Batterieflüssigkeit und erstaunlicherweise auch nach Zitronen.

„Da hast du“, zischte Greta zufrieden.

Der Narbige sah auf und strahlte sie kurz an, dann entschied er sich. Er folgte mit eiligen Schritten seinem Polizistenkomplizen. Dabei war ein mechanisches Klappern zu hören, das Sebastian seltsamerweise an das Geräusch erin­nerte, das Karla beim Treppensteigen machte. Doch so leicht würden die zwei ihm nicht davon kommen. Er klaubte die schwere Waffe auf, stapfte durch die Scherben und rannte den Hyä­nen hinterher, rein in den nächsten, größeren Hinterhof, der in einen weiteren mündete. Die verschneiten Höfe waren aufgereiht wie Perlen an einer Schnur. Dem Flüchtigen mit dem Buch knapp auf den Fersen, holte ihn ein Déjà-vu vom Vormittag ein. Doch diesmal jagte er nicht allein hinter dem Narbengesicht her, Lokwi war plötz­lich neben ihm; ein schwarzer Panther auf der Jagd. Sie hielt sie mühelos mit ihm Schritt, ihre nackten Füße patschten durch die Pfützen. Und sie lach­te dabei, jauchzte. So hetzten die beiden ihre Beute durch die in nächtlicher Stille und Dunkelheit liegenden Höfe. Ihre schnellen Schritte hallten in den Durchgängen.

Der korpulente und wie eine Dampflok schnau­fende Rother, den die anderen beinahe eingeholt hatten, warf einen entsetzten Blick über die Schulter. Ohne nach vorne zu sehen, rannte er durch die letzte Toreinfahrt und das schmale Trottoir auf die Straße, wo er beinahe von einem sich nähernden Automobil überfahren worden wäre. Gerade noch stolperte er hinter den Wa­gen. Der Narbige, inzwischen nur noch zwei Schritt hinter seinem Komplizen, hatte nicht so viel Glück.

Obwohl der Fahrer noch zu bremsen versuchte und das Lenkrad gedankenschnell herumriss, kam diese Reaktion für die Hyäne zu spät. Das Auto – es war ein Steyr VI Sport, der immerhin 135 km/h schnell werden konnte und auf der men­schenleeren Straße, auf der eigentlich nur 60 km/h erlaubt waren, wie ein Pfeil unterwegs war – erfasste den Mann seitlich mit dem Küh­lergrill und dem rechten Scheinwerfer. Der Auf­prall war so heftig, dass der Unglückliche wie eine Puppe über den seltenen österreichischen Wa­gen hinweg geschleudert wurde und hinter ihm wieder zu Boden fiel. Der Steyr kam erst zehn Meter weiter mit quietschenden Weiß­wand-Reifen zur Ruhe.

Der Fahrer stellte den Motor ab. Jetzt kamen auch Lokwi und Sebastian heran und blieben verblüfft über das überraschende Ende ihrer Jagd auf dem Bürgersteig stehen. Auch Rother verharrte starr vor Schreck vor dem regungslo­sen Körper des Narbigen, der di­rekt vor seinen Füßen zum Liegen gekommen war. Für eine ganze Weile herrschte vollkomme­ne Ruhe auf der Straße. Nur der Schnee fiel un­gerührt weiter und weit weg in der Ferne ertönte eine Fabrik­sirene, die die Frühschicht zur Arbeit rief.

„Grundgütiger! Das ist jetzt schon das zweite Automobil, das du zu Schrott fährst“, ertönte endlich eine ungehaltene Stimme aus dem Wa­geninneren.

Von der Beifahrerseite stieg umständlich eine dunkelhaarige, etwa dreißigjährige Frau aus dem Wagen und kam herum. Sie trug den Tem­peraturen ange­messen einen dicken Pelz. Sie hatte ein schmales Gesicht mit ausdrucksvollen, schwar­zen Augen. Auch der Fahrer kletterte nun aus dem Sportwagen.

„Des is doch net so schlimm, Lene. Dann schreib i halt no a Gedicht für dene ihre Wer­bung und dann schenkens mir halt no so an Wa­gen“, ant­wortete er ihr.

Es war ein kleiner, dünner Mann, kaum größer als seine Partnerin, aber er strahl­te Autorität und eine bemerkenswerte Präsenz aus. Er trug eine glänzende, schwarze Le­derjacke und eine Schiebermütze aus dem gleichen Material auf dem Kopf. Im Mund klemmte eine erkaltete Zi­garre. Intelligente Au­gen funkelten schelmisch, als er sich die Fahrer­brille auf die Stirn schob.

Der Wagen, in dem man überlebt …“, zitierte die elegante Frau, sicher eine Schauspielerin, spöttisch das Werbegedicht ihres Begleiters. „Am besten erklärst du das mal dem armen Kerl, den du angefahren hast.“

„Was rennt der mir au direkt vors Auto!“, rechtfertigte er sich, schnell zornig werdend. Das „r“ sprach er rollend, ja, grollend aus dem Rachen gestoßen. Dabei trat ins Licht des einen, heil gebliebenen Scheinwerfers und untersuchte den Wagen.

„Da is bloß a bissele das Blech vom Kotflügel eingebeult. Des is net so schlimm“, stellte er mit Kennermiene fest. Sein Opfer schien ihn im Moment nicht groß zu bekümmern. Sebastian erkannte den großen Dichter weniger am Aussehen, als vielmehr an der starken, schwäbisch-bayerischen Dialektfär­bung der Stimme, durch die sich der junge Mann mit einem Mal sehr heimisch fühlte. Seine Knie wurden weich. Es konnte keinen Zweifel geben:

Er war es, er und seine kaum weniger berühm­te Freundin Helene Weigel, mit der der Dichter verlobt war.

Bertolt Brecht – denn kein anderer hatte den Unfall verursacht – bemerkte nun endlich das Publikum, das er hatte und sein Blick fiel auf Lokwi. Sein Kinn klappte nach unten, die Zigar­re, auf der er bisher herumgekaut hatte, fiel in den Schnee.

„Da, schau …“, er deutete auf Lokwi. „Sigsch du des? Herrschaften, des is ja ein Prachtweib!“

Er ging auf das Mädchen zu. Offenbar wirkten ihre Zauberkünste auch auf ihn. Seine Freundin schüttelte nur den Kopf. Sie war die Straße hin­unter gegangen und kniete nun neben dem leb­losen Körper des Narbigen.

„Das ist gar kein Mensch, den du da überfah­ren hast“, sagte sie fassungslos. „Das ist bloß ein Haufen Schrott! Wie kommt denn der auf die Straße?“

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 27)

Die fast schon einer Hühnerleiter ähnelnde Treppe endete in einem kleinen, mit aufgestapelten, hölzernen Getränkekisten zugestellten Hof, der von einer Lampe über der Tür erhellt wurde. In ihrem Licht tanzten dicke, feuchte Flocken und auf dem festgestampften, lehmigen Boden hatte sich bereits eine dünne Schneeschicht gebildet. Nachdem sich die fünf über den geheimen Ausgang ins Freie gerettet hatten und etwas derangiert und zitternd in der Kälte standen, denn sie hatten ja ohne ihre Mäntel das überheizte Haricot verlassen müssen, leistete sich Elena zum ersten Mal einen kleinen Moment der Ruhe. Erschöpft umfasste sie ihren Leib und lehnte sich keuchend gegen die Mauer. Sofort waren Lokwi und Gregor bei ihr und kümmerten sich um die überanstrengte Schwangere. Gregor nahm sie in die Arme und Lokwi sprach besorgt in einem vokalreichen, unverständlichen Kauderwelsch auf sie ein.

Das muss ihre Sprache sein, dachte Sebastian. Ich frage mich, ob sie überhaupt eine andere beherrscht. Wie kann ich ihr von meiner Liebe erzählen? Wird sie jemals meine Gedichte verstehen können?

Greta stellte sich frierend und mit einem Fuß auf den anderen springend neben ihn.

„Na, Fella, komm doch mal wieder runter. Du kannst dein Mädel auch noch später anhimmeln. Ich wäre dir dankbar, wenn du mir mal deine Smokingjacke ausborgen könntest.“

Sie rieb sich demonstrativ über die nackten Oberarme, auf denen sich eine Gänsehaut bildete. Sebastian stutzte.

„Die Jacke, ja, klar,“ murmelte er, zog sie aus und hängte sie anschließend Lokwi über, die diese Geste ohne Reaktion hinnahm.

„Jetzt aber …“ Greta war fassungslos. „Ich weiß, Lokwi wirkt auf euch Jungs wie ein Liebestrank, aber das ist jetzt wirklich die Höhe.“

Sebastian war anzumerken, dass er gar nicht wusste, wovon sie redete. Gregor, der die Szene beobachtet hatte, zuckte mit den Achseln, trat hinter seine Schwester und reichte ihr sein eigenes Jackett, damit sie hinein schlüpfen konnte.

„Es gibt offenbar doch noch Gentlemen auf dieser Welt, die die Not eines Mädchens bemerken“, lobte Greta Gregor und täschelte ihrem Zwilling die Wange. Dann wandte sie sich wieder an Sebastian:

„Fertig mit dem Gockeln, Basti? Wir können nicht hier bleiben. Hier werden sie uns früher oder später finden.“

„Du hast Recht“, sagte Gregor und musterte kopfschüttelnd den stummen Sebastian, der nur Augen für Lokwi hatte und offensichtlich überhaupt nicht mitbekam, was um ihn herum geschah. „Wir sollten versuchen, den Breitscheitplatz zu erreichen. Dort stehen die ganze Nacht über Taxis. Hoffentlich laufen wir der Polizei nicht in die Arme, wenn wir den Hof verlassen.“

„Das wäre doch egal“, erwachte jetzt Sebastian und rieb sich dabei tatsächlich eine Schneeflocke aus den Augen. Es sah aus, als wäre er gerade eben erst erwacht. „Jetzt können sie uns doch nicht mehr verhaften.“

„Träum weiter. Hast du denn nicht gesehen, wer die Razzia im Haricot anführte? Das war der Kriminalassis­tent Rother, der uns heute so merkwürdig lustlos befragt hat, obwohl das ja eine Leidenschaft der Polizei ist. Ich glaube, der steckt mit den Hyänen unter einer Decke.“

„Gut beobachtet, Herr Gere“, war in diesem Moment eine laute Stimme von der Hofeinfahrt zu vernehmen und zwei gleißend helle Lampen leuchteten den Winkel hinter den Kistenstapeln aus. „Und wie der Hauptkommissar Weiniger immer zu sagen pflegt: Eine Razzia ist erst dann beendet, wenn man wirklich jeden Fluchtweg kontrolliert hat.“

Zwei Männer mit Pistolen und Taschenlampen in den Händen traten in den Hof. Der eine – beinahe breiter, als er groß war -, war tatsächlich Severin Rother. Der andere war der kahlköpfige, unheimliche Einbrecher vom Vormittag – Sebastian erkannte seine brutale Schlägervisage sofort wieder.

„Hände in die Luft, so, dass ich sie schön sehen kann.“

Alle außer Elena, die weiterhin gekrümmt an der Wand lehnte und Lokwi, die wohl kein Wort verstand, leisteten dem unmissverständlichen Befehl Folge. Aber die glänzenden schwarzen Augen des Mädchens der jungen Amazone erfassten sofort die Situation.

Gregor machte mit erhobenen Händen einen Schritt nach vorn.

„Sie verdammter …“

Ein Schuss bellte.

Der Mann von dem Geheimbund der Hyänen hatte ihn abgefeuert, scheinbar ohne zu zielen. Sebastian sah an sich herab, wartete auf den Schmerz, der jedoch nicht kam. Die Kugel hatte nicht ihn getroffen.

„Ach …“, sagte Gregor noch verblüfft. Dann knickte er in den Knien ein und fiel in den Schnee. Er klappte in sich zusammen wie eine Spielzeug-Wackelfigur der Firma Wakouwa. Greta beugte sich zu ihm herab. Gregor krallte die Hand am Oberschenkel in den Stoff seiner Hose.

„Ein Steckschuss“, murmelte er. „Halb so schlimm … Vater ist mit so einer Wunde im Krieg quer durch Flandern gelaufen.“ Dann verdrehte er die Augen und sank in die Arme seiner Schwester. Er schien viel Blut zu verlieren. Greta nahm das blütenweiße Einstecktuch aus seinem Jackett, das sie trug, und presste es gegen die Verletzung. Sofort saugte es sich mit Blut voll.

Ein Fenster wurde direkt über der Szene geöffnet und dann ganz schnell wieder geschlossen. Rother drehte sich halb zu seinem Komplizen, dessen Pistole nun direkt auf Sebastian zeigte. Rothers Waffe hingegen deutete eher auf den kaltblütigen Schützen neben sich als auf die Gefangenen.

„Was war denn das, Mann? Verdammt, wie soll ich das Weiniger erklären? Wir sind die Polizei; wir schießen nicht einfach so“, fluchte er, schien aber von der Tat des Narbigen nicht allzu betroffen. Der war von den Vorwürfen nicht weiter beeindruckt, steckte seine Taschenlampe weg und trat langsam in den kleinen Hof, blieb neben einem mannshohen Stapel Holzkisten stehen. Er hob fordernd die Hand. Der feiste Kriminalassistent Rother gab sich achselzuckend geschlagen.

„Wie ihr bemerkt habt, sind wir nicht zum Spaß hier. Mein schweigsamer Freund möchte etwas, das ihr bei euch habt und ihr solltet es ihm geben, bevor er hier wie die Mobster in Chicago ein Massaker anrichtet. Ich würde ihn nicht davon abhalten können – selbst wenn ich es wollte.“Der Narbige bekräftigte diese Ansprache nickend und sah dabei Sebastian an. Der Schuss hatte den Bann beendet, unter dem er gestanden war, seit er Lokwi gesehen hatte und der junge Mann konnte wieder klar denken. Täuschte er sich oder glomm in diesen kalten Echsenaugen wieder jener Funke, der sich jederzeit zu einem blendenden Lichtstrahl entzünden konnte?

„Gib mir das Notizbuch von Dr. Kuiper“, sagte der Mann überraschend“, ich habe vorhin im Lokal gesehen, wie sie es dir gegeben hat.“

Sebastian hörte zum ersten Mal die Stimme des Narbigen, bislang hatte er von ihm nur ein hündisches Knurren vernommen. Sein Tonfall klang kratzend, rau, rostig wie ein altes, lange nicht mehr geöltes Schloss, das sich nur widerstrebend öffnen ließ.

„Ich weiß nicht …“ Sebastians Blick irrte zu Greta, die sich weiterhin um ihren verletzten Bruder kümmerte und dann zu Elena. Er zögerte.

„Gib es ihm“, sagte die Schwangere. Sie wirkte erstaunlich gefasst, auch wenn Sebastian dem Klang ihrer Stimme anmerkte, wie sehr sie sich zusammenriss.

„Ich kann dich auch wie deinen Freund über den Haufen schießen. Deine Entscheidung.“

Die Mündung der Pistole rückte ein wenig höher. Sebastian entschied, dass er sich lange genug geziert hatte und trat zu Lokwi, die die ganze Zeit wie erstarrt neben Elena stehen geblieben war.

„Verzeih.“ Er griff in die Tasche seiner Jacke, die sie trug und legte dann das schwarze Buch in die begehrlich ausgestreckte Hand des Verbrechers.

Schade drum, dachte Sebastian und seufzte. Der Narbige war wohl eine Sekunde lang abgelenkt und sein Komplize Rother ebenfalls, aber dieser Moment genügte Lokwi. Sie nutzte ihre Gelegenheit und warf sich mit einem Aufschrei gegen die aufgestapelten Kisten, die zwischen dem Narbigen und Sebastian zu Boden krachten. Dabei wurde dem Mann die Pistole aus der Hand gerissen und er stolperte nach hinten. Leere grüne Flaschen wurden aus den zersplitternden Holzkästen geschleudert, kullerten durcheinander über den verschneiten Hof und zerbrachen laut scheppernd an den Wänden und aneinander.

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 26)

Elena wartete, bis Sebastian ihr Notizbuch zu sei­nem Moleskine in die nun ordentlich ausgebeulte Smokingtasche geschoben hatte und winkte dann den anderen.

„Jetzt möchtest du aber endlich Lokwi kennen­lernen, oder?“

Das Mädchen aus dem Dschungel war noch im­mer von der Schar für sie schwärmender Frauen umringt, reagierte aber sofort auf das Handzei­chen der Schwangeren. Sie hatte ihre Freundin keinen Moment aus den Augen gelassen. Sebastian hatte es nicht für möglich gehalten, aber Lokwis Lächeln wurde noch breiter. Sie löste sich sanft aus Gretas Arm und ging gemächlich auf den Nischenplatz zu, in dem Sebastian mit Elena saß.

Ihm blieb die Luft weg. Mit jedem Schritt, mit dem Lokwi aufreizend langsam näher kam, wur­de sie noch schöner und der Liebreiz, den sie so selbstverständlich wie eine Heilige ihren Nimbus trug, wurde unbe­zwingbarer, unwiderstehlicher, hypnotisieren­der. Sebstian bemerkte, wie sein linkes Bein seiner Kontrolle entglitt und hektisch zu wippen begann. Lokwis Bewegungen glichen denen einer Raub­katze auf dem Sprung, eines schwarzen Pan­thers oder Leoparden, sie waren geschmeidig, tänzelnd, fast spielerisch, aber auch auf eine merkwürdi­g nachlässige, gleichgültige Art gefährlich und bedrohlich. Alle Muskeln waren angespannt – understatement eines Dschungeltiers.

Die magnetisierende Aura des Mädchens nahm Sebastian erneut vollkommen gefan­gen und er vergaß alles andere um sich herum: Das überaus bunte Publikum im Haricot, den Lärm, das La­chen, das Klirren der Champagnerflöten und das Meeresrauschen der Gespräche, die Jazz-Musik, sogar die ungewöhnliche Frau, die neben ihm saß, Gretas eifersüchtige Blicke, das Kopfschütteln ihres Bruders, die exaltierten, im Moment Gregor nachahmenden Komikerbewegungen Rudis. Das alles hörte für ihn auf zu existieren. Er war ein Ackergaul, der seine Scheuklappen trägt und für den es nur einen Blick, nämlich den direkt geradeaus auf sein Ziel hin, gibt.

Sebastian hatte durchaus einige Erfahrungen mit den Schönheiten seiner Heimatstadt gemacht und galt deshalb auch in manchen Familien als Schwerenöter, vor dessen schlechtem Einfluss man die Tochter des Hauses beschützen musste, aber noch nie hatte ein Mädchen solch eine Wir­kung auf ihn gehabt. Er hatte sich nicht einmal in seinen kühnsten und sentimentalsten Träumen vorstellen können, dass es ein Mädchen wie Lok­wi, das seinen Seelenfrieden so nachhaltig erschüttern konnte, überhaupt geben mochte. Ja, er war sich jetzt sicher: Er war sterblich in sie verliebt; jede Faser seines Körpers sehnte sich nach einer Berührung von ihr und er würde jetzt nur noch Gedichte über das Mädchen aus dem Dschungel schreiben – für den Rest seines Lebens.

Jetzt ist der richtige Moment, um zu sterben, dachte er, nun habe ich alles gesehen. Nach Lokwi kann es keine andere Schönheit mehr ge­ben. Ich bin auf dem Gipfel. Nach ihr wird alles zweitrangig, abfallend, minderwertig sein.

Sebastian sprang auf, wollte dem Dschungel­mädchen auf ihren letzten Schritten entgegen eilen, sie in den Arm nehmen und nie mehr los­lassen.

Von diesem Moment an ging alles furchtbar schief.

Gepolter ertönte oben auf der Galerie, zornige und ängstliche Stimmen wurden laut, Bewegung kam in die eng zum Blues aneinander ge­schmiegten Tanzenden, Menschen strebten eilig auseinander, eine Frau ließ ihr Glas fallen und schrie gellend. Die Musik endete mitten im Takt. Lokwis Lächeln erlosch und sie wandte sich erschrocken um. Auch die Zwillinge und Rudi drehten ihre Köpfe, suchten verwundert nach der Ursache der Aufregung. Plötzlich waren schrille Triller­pfeifen zu hören. Sie gellten betäubend in Sebastians Ohren. Er schüttelte den Kopf. Ihm war, als hätte er zu viel getrunken und er ver­suchte, sich aus der Erstarrung und Verzaube­rung zu befreien. Es gelang ihm nicht vollstän­dig und die folgenden Ereignisse erschienen ihm später wie ein wirrer Fiebertraum, als wäre er als Uneingeweihter in eine wüste DADA-Kunstaktion gestolpert.

„Halt, Polizei! Razzia!“, brüllten laute, befehls­gewohnte Stimmen durch die vom Zigarettenrauch neblige Luft. „Alle an die Wände stellen, die Hände hinter den Nacken schieben! Verhalten Sie sich ruhig und gesittet, damit wir Ihre Personalien aufnehmen können. Flucht hat keinen Sinn, das Gebäude ist von allen Seiten umstellt.“

Uniformierte rannten die Treppe hinunter und drangen gleichzeitig durch einen rückwärtigen Eingang hinter der Bar und durch die Küche in das Lokal. Anscheinend hatte die Sitte eine Hundertschaft Schutzpolizei im Einsatz; sie fielen über das Haricot her wie Wespen über ein Marmeladeglas. Dabei hielten sie Schlagstöcke in den Hän­den, von denen sie rücksichtslos gegen Mann und Frau Gebrauch machten, wenn diese nicht sofort oder zu träge ihren gebellten Befehlen nachkamen. Noch waren die Schupos nicht in den Theatersaal vorgedrungen, da eine panische Menschentraube den Eingang zu ihm verstopfte, aber das war nur noch eine Frage von Momenten, bis sie sich mit Gewalt Eintritt verschafften. Se­bastian fühlte sich wie ein Tier in der Falle. Er sah hektisch um sich, doch es schien kein Ent­kommen für seine Freund und ihn zu geben.

Eine Hand legte sich fest auf seine Schulter. Er zuckte zusammen. Doch es war kein Gendarm, der ihn gepackt hielt, um ihm Handschellen an­zulegen, sondern Elena, die sich neben ihn ge­stellt hatte. Sie musste mit dem Mund ganz nah an sein Ohr, um den Lärm zu übertönen.

„Es gibt noch einen Ausgang. Er ist hinter der Bühne und führt zu der Künstlergarderobe. Von dort kann man in die Hinterhöfe gelangen, durch die man auf die Würzburger Straße kommt. Auf diesem Weg können wir vielleicht entkommen, so lange das Chaos hier drinnen noch anhält. Schnell!“

Mit einer Geschwindigkeit und Rücksichtslo­sigkeit, die Sebastian der Hochschwangeren niemals zugetraut hatte, bahnte sie sich schie­bend und stoßend ihren Weg an der Seitenwand in Richtung Bühne und machte dabei den ande­ren Zeichen, ihr zu folgen. Die Zwillinge, Rudi und Lokwi ließen sich dies nicht zweimal sagen und rannten hinter dem noch immer vollkom­men konsternierten Sebastian und der zielstrebigen Elena hin­terher. Gemeinsam stolperten sie die drei Stufen zur Bühne hinauf und zwängten sich durch einen Spalt hinter den schweren Vorhang, wo gerade einige Arbeiter damit beschäftigt waren, das Dschungelbühnen­bild abzubauen. Keinen Augenblick zu spät! Drei, vier Gendarmen polterten von der anderen Seite auf die Bühne und entdeckten die Flüchti­gen. Die Bühnenarbeiter ließen sofort die Töpfe mit den Sukkulenten fallen und hoben die Arme. Trotz­dem wurden sie grob beiseite gestoßen, denn die Polizisten waren nicht hinter ihnen her.

„Stop! Polizei!“

Es schien aussichtslos, doch Rudi, der den Abschluss machte, blieb plötzlich stehen und drehte sich herum, wedelte wie ein Geisteskranker mit den Armen in der Luft und kreischte. Dann rannte er schreiend den Schu­pos entgegen und entwischte Gregor, der nach ihm fassen wollte.

„Rudi, nicht!“, jammerte er fassungslos. Doch die Aktion seines stummen Freundes war nicht kopflos, sondern wohlüberlegt, auch wenn er in diesem Moment mehr an Buster Keaton oder Charlie Chaplin als an Harold Lloyd erinnerte. Rudi hatte gedankenschnell die Lage durchdacht und wollte den anderen die Möglichkeit geben, den heranstürmenden Polizisten zu entkommen. Deshalb opferte er sich und rannte ihnen bereitwillig in die Arme.

Kurz vor den Schupos, die bereits er­staunt ihre Schlagstöcke hoben, bog er jedoch ab, machte einen Ballettsprung zur Seite empor und be­gann geschickt wie ein Affe den Bühnenvorhang hinaufzuklettern. Die Polizisten starrten ihm ungläubig  hinterher. Weit kam er allerdings nicht, denn der schwere Stoff gab plötzlich unter seinem Gewicht nach und begrub Arbeiter, Schupos und zu oberst Rudi in einem heillosen Durcheinan­der und Gestrampel unter sich. Zuletzt segelte gemütlich Rudis Strohhut auf das Gordische Knäuel aus sich windenden Leibern und Bühnenvorhang herab. Das war die Ablenkung, die die anderen brauchten.

„Schnell jetzt“, drängte Elena, denn es erklom­men bereits weitere Polizisten die Bühne.

„Stehenbleiben!“

Die Fliehenden dachten gar nicht daran. Sie zwängten sich in einen engen Seitengang und er­reichten die Tür zur Garderobe. Elena riss sie auf und winkte alle hindurch. Dann schlug sie den nachfolgenden Gendarmen die Tür vor der Nase zu, verriegelte sie.

„Das wird sie nicht lange aufhalten! Kommt, nach hinten!“

Die halbnackten Tänzer und Tänzerinnen von Lokwis Bühnenshow rannten panisch wie Hüh­ner, in deren Stall der Fuchs geraten ist, durch­einander.

„Ihr müsst sie aufhalten!“, rief Elena ihnen zu und schob ihre Gruppe weiter. Die Tür in ihrem Rücken erzitterte unter festen Schlägen, ihr Schloss würde dem Ansturm nur noch wenige Augenblicke standhalten.

„Aufmachen, Polizei!“

Es gab einen weiteren Ausgang am anderen Ende des Raums, aber den benutzte Elena nicht, denn sie war sich sicher, dass sie dort nur weiteren Polizisten in die Arme laufen würden. Sie trat stattdessen hinter einen der großen Gar­derobenspiegel, wo sich eine gut versteckte und mit Plakaten verklebte Tapetentür befand, die sie zusammen mit Sebastian aufstemmte. Da­hinter führte eine Treppe steil nach oben.

„Los, hierher. Wenn wir Glück haben, können wir die Schupos abschütteln.“

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 25)

„Karla!“, warf Sebastian verblüfft ein. „Diese Helferin K‘Ral, von der Sie sprechen – das ist Karla!“

„Ja, so nennt sie sich jetzt. Karla; das passt zu ihr. Sie ist ein Chamäleon, ein wahres Wunder in ihrer Anpassungsfähigkeit an äußere Um­stände. In einer neuen Umgebung braucht sie nur wenige Tage, um wie eine Einheimische zu wirken. Ich meine, sie berlinert inzwischen so­gar.“ Elena lachte auf.

„Doch nun lass mich bitte weitererzählen, Bastian. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Wie ich glaubte, gelang es uns durch allerlei Tricks und Ablenkungen unsere Verfolger abzuschütteln und hier im Auge des Sturms – mitten in Berlin -, einen Unterschlupf zu finden. Wir brachten meine Lokwi an den für sie sichersten Ort, wo sie am wenigsten Aufsehen erregen würde und Karla zog als Hausmädchen und Betreuerin für die nervenleidende Dame des Hauses zu den Geres, damit ich unauffällig den Kontakt zu ih­nen halten kann. Auf diese Weise habe ich auch von dir erfahren. Leider erregten die Bühnen­auftritte von Lokwi, mit denen sie ein wenig zu unserem Lebensunterhalt beitragen wollte, mehr Interesse, als ich gedacht hätte. Sonst hät­te ich ihr freilich niemals erlaubt, sich auf diese Weise … Nun ja, O que passou, passou, wie wir in Brasilien sagen.“

Elena verstummte und musterte Sebastian auf­merksam. Anscheinend versuchte sie abzuschät­zen, ob er ihr ihre Erzählung glaubte. Doch der junge Mann schwieg. Er hätte zwar neben ein­tausend anderen Dingen gerne gewusst, wer der Vater des ungeborenen Kindes der Brasilianerin war und wie er sich in die wilde Geschichte ein­fügte, die sie ihm erzählt hatte, aber er fand, dass diese Frage unkultiviert und unhöflich war. Im übrigen, wenn er ehrlich zu sich war, dann hatte er nur sehr oberflächlich zugehört. Viel zu sehr war er von Lokwis Anblick abgelenkt, die noch immer mitten in dem Theatersaal von ei­ner Gruppe begeisterter Frauen umringt mit den Zwillingen und dem stummen Rudi scherz­te. Nachdem sie die Bühne verlassen hatte und in den dünnen Überwurf über ihrer Bühnenklei­dung gehüllt im Licht stand, bemerkte Sebasti­an, dass sie von allen um sie herum, auch von den Frauen, überragt wurde und wie eine Halb­wüchsige unter ihnen wirkte. Sie war auch noch sehr, sehr jung. Aber als sei eine unsicht­bare Barriere um sie errichtet, hielten alle bis auf Greta, die sie weiterhin im Arm hielt, einen respektvollen Abstand zu Lokwi. Sie lachte und ihre strahlend weißen Zähne erstrahlten in reiz­vollem Gegensatz zu dem kupfernen, exotischen Hautton ihres hübschen Gesichts, auf dessen Wangen jeweils drei blaue Tatoopunkte wie durch eine Laune der Natur symmetrisch ange­ordnete Sommersprossen wirkten. An ihrem Hals glitzerte die ominöse Kette, die der unbe­kannte Maler des Werbeplakats exakt skizziert hatte, während Lokwi selbst nicht die geringste Ähnlichkeit mit der dargestellten Frau hatte. War diese schlechte Darstellung eine weitere Vorsichtsmaßnahme gewesen?

Elena seufzte.

„Lokwi ist so schön und so unschuldig zugleich. Seit Eva im Paradies gab es keinen unschuldi­geren Menschen als sie. Und nun muss ich sie schon wieder aus ihrem Umfeld reißen, an das sie sich gerade eben erst gewöhnt hat. Obwohl wir ja mit Karla eine mächtige Beschützerin ha­ben, frage ich mich doch, wohin auf dieser Welt wir noch fliehen können – wohin die Macht un­serer Verfolger nicht reicht. Auch die Geres sind ja schon aufgeflogen, nachdem ein Mitglied der Hyänen versucht hat, Karla außer Gefecht zu setzen. Nicht zuletzt wurde der Anschlag ja durch Ihre mutige Hilfe verhindert. Aber wir wissen jetzt, dass wir noch heute Nacht von hier verschwinden müssen. Gut, wir waren ja bereits darauf vorbereitet und deshalb hatte Lokwi auch gerade ihren letzten Auftritt.“

Die Schwangere legte unerwartet eine Hand auf die Rechte von Sebastian. Er zuckte zu­sammen, aber er zog sie nicht weg. Auch wenn er nur wenig von den Ängsten der angeblichen Ärztin begriff und sie noch immer wie die Frau Gere für ein wenig verrückt hielt, war sie ihm doch sympathisch. Er hatte in seinen Lektüren einiges über Hysterie und die Wahnvorstellun­gen gewisser Frauen, vor allem von denen in an­deren Umständen, gelesen, auch wenn ihm in Wirklichkeit noch nie eine solche begegnet war. Deshalb erwiderte er den Händedruck. Es war sicherlich besser, wenn er Elena in allem Recht gab und sie beruhigte. In ihrem Zustand war zu­viel Aufregung bestimmt nicht gesund.

Elena beugte sich zu ihm.

„Ich habe von Greta gehört, dass sie ein junger, aufstrebender Autor sind und bei dem Überfall auf Karla sehr besonnen und mutig gehandelt haben. Wissen Sie, Bastian, ich glaube nicht an Zufälle. Das Leben bietet uns jeden Tag Gele­genheiten. Man muss sie nur erkennen und für sich nützen. Starke Charakter schaffen sich die­se Gelegenheiten oder Zufälle auch selbst. Ihre Anwesenheit in Berlin gerade in diesem Moment ist eine solche Gelegenheit. Ich habe hier etwas für Sie, von dem ich möchte, dass Sie es aufbe­wahren, falls uns etwas zustoßen sollte. Es ist sehr wertvoll und darf auf keinen Fall in die falschen Hände geraten.“

Die Schwangere löste ihre Hände von Sebasti­an und langte neben sich. Sie legte eine Zigarrenkiste auf den Tisch und schob sie zu ihm hinüber. Er wollte schon antworten, dass er nicht rauche, bemerkte aber noch rechtzeitig, wie dumm diese Bemerkung gewesen wäre. Stattdessen öffnete er vorsichtig die hölzerne Schachtel. Sie hatte einmal Rauchware aus Übersee enthalten, wie er dem Aufdruck und dem bitteren Geruch, der dem Inneren ent­strömte, erkennen konnte. Drinnen lagen ein rechteckiger, in ein Öltuch eingeschlagener Ge­genstand – wahrscheinlich ein Buch – und eine Medaille, in die das Pentagrammsymbol ge­stanzt war. Eine ganz ähnlich hatte Frau Gere an ihrem Armband befestigt getragen und eine solche trug wohl auch Lokwi als Anhänger um den Hals. Sebastian nahm die Ronde aus rötli­chem Metall heraus.

„Tragen Sie das immer bei sich, Bastian“, sagte Elena. „Das hat keine magischen Kräfte und kann auch keinen Dschinn beschwören oder so, aber es mag der Tag kommen, an dem Ihnen die­se Münze sehr hilfreich sein könnte.“

Sebastian zögerte kurz, dann steckte er die Me­tallplatte achselzu­ckend in die enge Tasche der Hose. Anschließend nahm er den anderen Ge­genstand aus der alten Zigarrenkiste und legte ihn unter dem aufmunterndem Nicken der Schwangeren vor sich auf den Tisch. Er befreite ihn von dem störrischen, schützenden Tuch, in das er eingeschlagen war. Wie er vermutet hat­te, handelte es sich um ein recht schmales, schwarzes Notizbuch, dem Moleskine in der In­nentasche des geliehenen Smokings, das er selbstverständlich jederzeit bei sich trug. nicht unähnlich. Ihm konnte ja jederzeit ein Gedicht einfallen und dann musste er es sofort aufschrei­ben können.

Auf dem Umschlag klebte ein Etikett, auf dem nur der große griechische Buchstabe Theta – Θ – zu lesen war. Mit spitzen Fingern blätterte er den Band auf. Obwohl es in der Nische, in der die beiden saßen, ziemlich dunkel war, konnte Sebastian den Text gut lesen. Er war eindeutig in der runden, fast kindlichen Handschrift einer Frau geschrieben und es handelte sich offenbar um ein in deutscher Sprache verfasstes Tage­buch der Elena Kuiper. An manchen Stellen wa­ren lose Blätter mit Fotografien, Zeichnungen und flüchtigen Skizzen eingelegt. Etwa in der Mitte des Bandes stieß Sebastian auf ein verwa­schenes Foto, das drei Personen vor einer Stein­mauer zeigte. Zwei konnte er identifizierten; es waren Lokwi – fast nackt in ihrer Dschungel­kluft und ängstlich wirkend – und Elena in schmutziger, lange getragener Kleidung, dane­ben stand gütig lächelnd ein älterer, dürrer Mann, den Sebastian noch nie gesehen hatte. Er begann neugierig den Text zu lesen, der auf der zufällig aufgeblätterten Seite stand:

„Auch wenn es kaum glaublich ist: Wir alle ha­ben unseren Sturz in den höllischen Mahlstrom überlebt; Lokwi, der Professor und ich. Der Stru­del packte unser kleines Boot, wirbelte es herum und schleuderte uns und unsere karge Habe über Bord. Ich tauchte ins schäumend kochende Wasser und verlor beinahe sofort die Orientie­rung, entdeckte dann Lokwi in meiner unmittel­baren Nähe. Ich schnappte nach Luft und machte verzweifelte, aber vergebliche Schwimm­stöße in ihre Richtung. Doch die Macht der rei­ßenden Strömung riss mich mit sich. Ich schluckte fauliges Wasser und stieß mit dem Kopf gegen einen schweren Gegenstand. Sicher­lich war es eine der Kisten, die auf dem Kanu verstaut gewesen waren und die nun losgerissen wie wir selbst mit uns in dem rasenden Strudel in die Tiefe kreisten. Ich verlor fast die Besin­nung und nur mein Wille –“

Weiter kam Sebastian nicht, denn Elena legte ihre Handflächen über den Text.

„Jetzt ist nicht die rechte Zeit“, sagte sie, „lies das später in aller Ruhe. Dann wirst du verste­hen, was dir jetzt noch wie ein Rätsel erscheinen mag.“

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 24)

„Aber ich will nicht weiter stören“, sagte sie noch und richtete sich wieder etwas mühselig gerade, doch Sebastian war von dem Geschehen auf der Bühne gefangen, ja hypnotisiert. Denn dort näherte sich nämlich der Höhepunkt. Lokwi hatte inzwischen durch Berührungen die fünf schlangenhaften Tänzerinnen „geweckt“, doch sie überstrahlte sie in ihrer Kunstfertigkeit und ihrem Ausdruck. Die anderen, die ihre Bewegungen genau kopierten, waren wie der Schmuckrahmen um ein beeindruckendes Gemälde, dessen Wirkung auf diese Weise nur noch verstärkt wurde.

Dann standen auch die anderen Tänzer von den Toten auf und Lokwi triumphierte zwischen ihnen wie eine Königin in ihrem Gefolge. Sie wurde empor gehoben und dem Publikum wie eine Monstranz dargereicht. Mit einem in einer strahlenden Koda endenden Crescendo endete die Aufführung und der Vorhang fiel, um sich nach Augenblicken wieder unter nicht enden wollendem Applaus, Pfeifen und Fußgetrampel zu öffnen. Lokwi und ihre Tänzer mussten sich immer und immer wieder verbeugen. Das Mädchen in ihrer Mitte hielt plötzlich einen Blumenstrauß in den Händen, der ihr ausgerechnet von Gregor überreicht wurde. Sebastian fragte sich erstaunt, wo er denn den so plötzlich aufgetrieben hatte. Dann sprang auch er wie die anderen auf. Nichts hielt ihn mehr auf seinem Platz. Er klatschte, bis ihm die Handflächen brannten.

Endlich gingen auch im Saal die Lichter wieder an, die Combo spielte einen heiteren Charleston und der Beifall verebbte zögernd. Sebastian ließ sich zurück auf die Bank fallen. Für den Moment fühlte er sich so erschöpft, als hätte er selbst dort auf der Bühne getanzt. Noch war er vollkommen erschlagen von dem eben Erlebten und seine Blicke suchten nach jemandem, mit dem er seine Begeisterung teilen konnte. Die Schwangere neben ihm, die weder von ihrer Kleidung noch von ihrem Alter her in das Paradiesvogelnest des Haricot zu passen schien, beobachtete ihn noch immer aufmerksam und Sebastian hatte das Gefühl, sie würde ihn vollkommen durchschauen. Sie war sehr hellhäutig, weißblond und hatte blaue, fast durchscheinende Augen, doch als sie ihn erneut ansprach, bemerkte er an ihrem südlichen, merkwürdig harten Akzent, dass sie keine Landsmännin von ihm war. Trotzdem war ihr Deutsch – von der merkwürdigen Klangfarbe einmal abgesehen – fehlerlos:

„Die Aura dieses Mädchens ist umwerfend, nicht wahr? Obwohl ich ihren Tanz nun schon seit Wochen an jedem Abend aufs Neue genieße, habe ich doch jedes Mal das Gefühl, er würde mich so überwältigen wie beim ersten Mal.“

„In der Tat, ja“, stimmte Sebastian kurz angebunden zu und er war auch ein wenig eifersüchtig, dass auch noch jemand anderes so fühlen konnte wie er. Ihm war nicht nach reden. Er wollte nachdenken, ob seine Gefühle echte waren und auch jetzt noch vorhielten, nachdem Lokwi die Bühne verlassen hatte oder ob es ihm gelang, langsam aus diesem Traum zu erwachen und wieder Kontrolle über seine Gefühle zu bekommen. Hatte die Tänzerin eigentlich die auf dem Plakat dargestellte Kette mit dem Pentagramm getragen? Sebastian war von ihrer Grazie und der Schönheit ihrer Bewegungen so abgelenkt gewesen, dass er überhaupt nicht darauf geachtet hatte.

Die Zwillinge und Rudi, zuverlässig auch von Weitem durch seine „Kreissäge“ identifizierbar, die er niemals abzunehmen schien, näherten sich durch den Saal der Nische, in der Sebastian neben der Schwangeren saß – und sie hatten Lokwi zwischen sich! Das zierliche Mädchen hatte sich schnell einen dünnen Seidenumhang über ihre Bühnenkleidung geworfen und kam bei Greta eingehakt näher. Sie lachte dabei so laut und fröhlich, dass sie jedes andere Geräusch in ihrer wirklich nicht leisen Umgebung übertönte. Doch die Frau neben ihm machte ein Handzeichen zu der Gruppe hinüber und die vier blieben prompt in der Mitte des Raumes stehen.

Sebastian fuhr wütend herum. Für einen Moment beherrschte ihn ein ihm bisher unbekannter Zorn, der auch nicht vor körperlicher Gewalt halt machen würde. Er erschrak über sich selbst. Aus welcher atavistischen Quelle in seiner Seele war denn dieser plötzliche Ausbruch gekommen, nur weil die Schwangere neben ihm verhindert hatte, dass Lokwi zu ihnen an den Tisch trat? Die Frau neben ihm schien seinen Kampf zu bemerken.

„Es wird gleich besser“, sagte sie und es schien sie dabei nicht zu stören, wenn sie für Sebastian nur in Rätseln sprach. „Lokwi ist allein – ohne ihren Stamm. Die Wirkung der Ausstrahlung einer einzelnen Etraquoo ist bei weitem nicht so überwältigend, wie wenn Sie vor einer ganzen Gruppe dieser wehrhaften Amazonen stehen. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede. Deshalb war es in unserer Situation besser, das Mädchen und mich in dieser Umgebung zu verstecken. Die Männer hier sind an Frauen wenig interessiert und Frauen reagieren grundsätzlich weit weniger heftig auf Lokwis Ausstrahlung.“

Sebastian sah die Frau fassungslos an. Von was zum Kuckuck redete sie da? Das war heute bereits die zweite Irre, die ihn vertraulich ins Gespräch zog; Frau Gere kam ihm in den Sinn. Die beiden hätten gut ein gemeinsames Kaffeekränzchen abhalten können.

„Aber entschuldigen Sie, Bastian. Ich habe mich Ihnen noch nicht vorgestellt. Mein Name ist Elena Kuiper. Ich bin Ärztin und komme aus Brasilien. Sie dürfen mich gerne Elena nennen. Es freut mich, sie kennen zu lernen. Die Familie Gere hat schon einiges von Ihnen erzählt.“

„Tatsächlich? Von Ihnen hat man mir nichts berichtet …“, erwiderte Sebastian. Er fragte sich, in welchem Verhältnis diese Ärztin zu den Geres stand, aber er schwieg höflich und sah bedauernd in die Richtung, aus der Lokwis und Gretas Lachen herüber schallte.

„Sie werden sich bestimmt wundern, warum ich mich zu Ihnen gesetzt und Sie angesprochen habe. Das ist eine lange Geschichte; doch ich muss mich so kurz  wie möglich fassen. Denn uns allen droht höchste Gefahr. Ich bin erst kürzlich aus São Paulo nach Europa gekommen und habe eine Helferin und mein Protégée Lokwi mitgebracht, die noch vor einem Jahr in völligem Gleichklang mit der Natur bei ihrem Stamm mitten im tiefsten amazonischen Dschungel lebte, ohne jemals einem Weißen und unserer Kultur begegnet zu sein. Unsere Reise von Brasilien nach Berlin war eine Flucht; wir drei wurden von einer Verschwörung verfolgt, die uns lieber heute als morgen tot sehen würde. Ich bin im Besitz von Wissen, das dieser Personenkreis unter allen Umständen und mit all seiner bis in die höchsten Kreise der Wirtschaft und der Politik reichenden Macht unterdrücken will.“

„Sie sprechen von den Illuminaten“, mischte sich Sebastian zum ersten Mal in die Erzählung ein.

„Ach, nein. Sie glauben das bestimmt aufgrund unseres Erkennungzeichens? Dem Pentagramm? Falls die Illuminaten – wenn es sie wirklich noch gibt, was ich allerdings bezweifeln möchte – dieses Symbol ebenfalls verwendet haben, ist dies nur eine zufällige Übereinstimmung. Das denke ich zumindest. Aber wir können uns nie sicher sein, wie ursprüngliches und im Laufe der Jahrhunderte bekämpftes Wissen sozusagen auf einem unterirdischen Fluss unterhalb der Geschichte schwimmt und irgendwo aus einem trüben, mit allerlei Unrat und Erosionsmaterial vermischten Quell wieder zutage tritt. Ich fand das Pentagramm mit dem Knotenkreuz auf einem verwitterten Fresko dargestellt. Es befand sich auf dem bröckelnden Mauerwerk einer verlorenen, Jahrtausende alten Ruinenstadt mitten im tiefsten Urwald Amazoniens, wo Lokwi und ich auch unserer Helferin zum ersten Mal begegneten. Ich fand das Symbol recht passend für meinen eigenen kleinen „Geheimbund“, den ich gründen wollte, um Lokwi und mich zu beschützen. Recht überlegt, wäre Iluminati oder Erleuchtete durchaus ein Name, der gut zu uns passen würde. Auch die Halskette, die Lokwi trägt, stammt aus dieser von den Forschern bislang noch unentdeckten archäologischen Fundstätte, zu der mich der Zufall eines launischen Flusslaufs geführt hatte. Wegen dieser Kette und den Dingen, die ich herausgefunden habe, ist uns nun eine Macht auf den Fersen, die sich auf Portugiesisch hiena und deutsch die Hyänen nennt. Seit wir der Dschungelhölle entkommen sind, hetzten diese Hyänen hinter uns her und wir sind mehrmals nur knapp ihren Anschlägen entgangen. Dann zeigten sich auf der Überfahrt nach Antwerpen die ersten Anzeichen meiner Schwangerschaft und mir wurde deutlich, dass ich einen geschützten Zufluchtsort für uns finden musste. Lange würde ich nicht mehr in der Lage sein, Lokwis Aufpasserin zu spielen, da ich über kurz oder lang selbst Schutz benötigen würde. Zum Glück fielen mir die Geres ein, die nicht nur mit Ihrer Familie, sondern auch seit den Zeiten meines Großvaters mit der meinen geschäftlich und freundschaftlich verbunden sind. Mit Hilfe meiner unerschütterlichen Beschützerin und Helferin, die nun als Haushälterin bei den Geres arbeitet –“

„Karla!“, warf Sebastian verblüfft ein. „Diese Helferin, von der Sie sprechen – das ist Karla!“

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 23)

Erstaunt nickte Sebastian. Gregor hatte recht. Von seinem Winkel aus konnte er gut über die Köpfe der unter ihm im Saal Sitzenden hinweg zur Bühne sehen. Ein zweites Klingelzeichen er­tönte und die Combo, die vom Tanzsaal in einen abgesperrten Bereich seitlich der Bühne gewech­selt war, begann leise eine sehnsüchtige, exoti­sche Melodie zu spielen. Sofort stellte das Publikum erwartungsvoll die Gespräche ein und das Deckenlicht wurde wieder abgedunkelt. Gregor ging inzwischen eilig zu dem Stuhl, den ihm Rudi freigehal­ten hatte. Nur noch ein einzelner, kreis­runder Scheinwerferfleck, in dessen grellem Lichtstrahl Staubflusen wirbelten, erhellte die Mitte des Vorhangs. Jetzt unterstützte das Cello zärtlich den Gesang der Klarinetten und der Schlagzeuger wischte verhalten mit Besen über die Felle der Trom­meln vor ihm.

Sebastian hatte solch eine Musik noch nie ge­hört. Sie hatte nichts gemein mit irgendwelchen europäischen Klängen oder mit Jazz. Dies war archaisch. Er hatte den verwirrenden Ein­druck, der Song sei ihm trotz aller Fremdartigkeit auf eine seltsame Weise vertraut; ganz, als wäre es eine Melodie, die ihm eine Amme an der Wiege vorgesungen oder die er in einem früheren Le­ben schon einmal gehört hatte. Er meinte beinahe schon, einen passenden Text parat zu haben, auch wenn dieser in einer urweltlichen Sprache verfasst war, die die Menschheit längst vergessen und erst jetzt, am Anfang des 20. Jahrhunderts, wieder zu entdecken begann. Aus solchen afrikanischen und überseeischen Quellen speiste sich die Musik der fünf dunkelhäutigen Musiker, die sich mit geschlossenen Augen in eine Art Trance spielten.

Endlich hob sich der Vorhang und gab den Blick auf eine Art Dschungellichtung frei, deren billig produzierte Künstlichkeit allerdings viel von der mystischen Stimmung verdarb, die die Musik geschaffen hatte. Dennoch hatte der Bühnenbildner im Rahmen seiner begrenzten Mittel durchaus Beeindruckendes mit bunten Papierblüten, Pappmaché-Büschen, grün gefärbten Seilen als Lianen und dazwischen immer wieder auch echten Treibhauspflanzen geschaffen, darunter befand sich ein ausladendes Fensterblatt, das den Hintergrund einer Bühnenhälfte fast vollkommen ausfüllte und wie die anderen Exoten eine Leihgabe aus dem Botanischen Garten am Königin-Luise-Platz war. Die Kübel, in die sie gepflanzt waren, wurden durch einen kniehohen Bühnennebel, in dem geheimnisvolle blaue und grüne Lichtreflexe funkelten, vor den Blicken verborgen. Dadurch war tatsächlich eine Traumlandschaft geschöpft worden, die zwar mit einem echten Dschungel nichts zu tun hatte, dem Berliner aber, der die Subtropen nur aus Büchern und schlechten Filmen kannte, exotisch genug war. Sebastian zumindest konnte sich gut vorstellen, dass sich Frank Merrill als Tarzan verkleidet mit seinem Urwaldruf gleich von einer der Lianen schwang.

Tatsächlich begann der künstliche Bodennebel mit einem Mal zu wogen und man konnte am Boden fünf kauernde Gestalten erkennen, die sich zu einer neuen und klagenden Weise grüngeschuppt empor schlängelten. Ihre Bewegungen hatten etwas lebendig und erschreckend tier- und amphibienhaftes und Sebastian hielt sie im ersten Moment für große Schlangen oder Warane. Selbstverständlich waren es nur drei schlanke Tänzerinnen, deren nackte Körper kunstvoll bemalt und mit glitzernden Pailletten beklebt waren. Sie begannen einen lasziven, sich windenden Tanz, der wie eine Balz aussah und eine schwüle, erotische Wirkung ausstrahlte. Im Publikum wurde vereinzelt geklatscht, doch die meisten Gäste waren wie Sebastian zu sehr von dem Geschehen auf der Bühne gefangen, um an Beifall zu denken. Der Takt der Musik, zu dem sich die Tänzerinnen in ihrem sapphischen Liebesspiel umschmeichelten, wurde schneller und Schlagzeug und Kontrabass spielten eine Art stampfendes Jagdmotiv, gegen das die Klarinetten verzweifelt mit ihrer süßen Melodie ankämpften. Aber vergebens!

Von beiden Seiten stürmten nun schwarz bemalte Tänzer mit Speeren und Bühnenschwertern herein und der Tanz wandelte sich zu einem spielerischen Kampf zwischen den neu hinzugekommenen Männern und den ihre Opfer darstellenden Frauen. Die Auseinandersetzung wogte eine Weile hin und her, doch es war deutlich, dass die Reptilienfrauen am Ende unterliegen und von den Männern als Beute verschleppt werden würden. Die Tanzfiguren und Umarmungen wurden immer wilder, dramatischer, die Sprünge weiter und der Marsch lauter und lauter. Da ertönte ein Donnerschlag. Die Musik verstummte mit einer gequälten Disharmonie und alle Tänzer fielen wie Marionetten, deren Fäden ein gelangweilter Puppenspieler durchtrennt hat, auf der Stelle zu Boden. Stille. Nur die nackten, schweißglänzenden Rücken ragten über den Bühnennebel hinaus und bebten. Die Spannung war an ihrem Höhepunkt.

Der Auftritt der Attraktion des Abends war spektakulär: Aus dem im Hintergrund noch immer wabernden Dampf erstrahlte ein blendendes Scheinwerferlicht direkt in den Saal und in ihm tauchte plötzlich der Schatten einer Gestalt auf, die langsam und stolz nach vorne trat. Die Beleuchtung wechselte und nun konnten alle die neue Tänzerin sehen, die erstaunlich zierlich zwischen den am Boden liegenden Gestalten stand. Lauter Applaus setzte ein. Darauf hatte das Publikum gewartet, das Erscheinen von Lokwi war wie eine Erlösung.

Sebastian starrte zu einem Denkmal seiner selbst verzaubert auf die Bühne. Sein Atem stockte und ein heftiger Schmerz drückte mitten auf seine Brust; doch es war ihm ein süßer, sehnsuchtsvoller Stich.

Gibt es so etwas wirklich?, fragte er sich. Liebe auf den ersten Blick? So muss es Odysseus‘ Männern ergangen sein, als sie der Hexe Circe begegneten.

Wenn ja, dann war das eben mit ihm geschehen, denn er sah diese noch bewegungslose Tänzerin, konnte den Blick nicht von ihr abwenden und war sich mit einem Mal vollkommen sicher, dass er den Rest seines Lebens mit ihr gemeinsam verbringen wollte. Jeder Augenblick ohne sie würde eine todbringende Qual sein. War das abgeschmackt, sentimental und die Rührseligkeit eines grünen Jungen? Sicherlich, aber es war trotzdem wahr. Das schwarzhaarige Mädchen mit der kupferfarbenen Haut, auf die Glimmer gerieben war, der im Licht der Scheinwerfer wie Diamanten in allen Regenbogenfarben schimmerte, war nicht älter als Sebastian selbst und dabei sehr klein und zierlich – sie reichte ihm bestimmt nur bis zur Brust. Obwohl sie bis ein lässig um die Hüften geschlungenes Tuch beinahe nackt war, strahlte sie nichts Vulgäres, sondern die Schamhaftigkeit, Jungfräulichkeit und Majestät einer Mariendarstellung in der Kirche aus. Sie war eine makellose Perle im schmuddeligen Schweinetrog des Haricot, eine reine, olympische Göttin unter unwürdigen und sündigen Sterblichen. Der Frau auf dem Plakat sah sie nicht einmal im Entferntesten ähnlich.

Und als dann endlich die Musik wieder einsetzte und sie ihren atemberaubenden Solotanz begann, wurde Sebastian, dessen Augen sich ihren fließenden Bewegungen festgesaugt hatten wie ein Stück Eisen an einem starken Magneten, bewusst, dass ihm in diesem Moment etwas geschenkt wurde, was er in seinem bisherigen Leben nur selten und niemals in dieser Intensität gespürt hatte:

Schönheit.

Es gab da im Maximiliansmuseum in Augsburg ein Renaissancegemälde aus dem frühen 16. Jahrhundert, das eine Patriziertocher der Stadt darstellte, die im Halbprofil schüchtern am Betrachter vorbei auf den Boden blickte. Vor diesem Bild stehend, hatte er schon einmal etwas Ähnliches empfunden, wenn auch nicht in dieser Stärke. Obwohl er sich für einen wortgewandten und recht talentierten Dichter hielt, wusste er, dass es ihm wohl niemals gelingen würde, in einen Versen etwas gleichwertig Schönes zu schaffen oder auch nur nur zu beschreiben, was er empfand, als er Lokwi zum ersten Mal sah. Dazu erschienen ihm alle Wörter der Welt zu schwach. Wegen ihm hätte ihr Tanz auf der Bühne ewig dauern können.

Er beugte sich zutiefst bewegt in seinem Sitz nach vorne und packte mit beiden Händen die Tischplatte. Er kämpfte mit dem Drang, aufzuspringen und nach vorne zu rennen, um die Tänzerin, vor ihren Füßen kauernd, anzubeten. Da bemerkte er aus den Augenwinkeln, dass er nicht mehr alleine auf der Bank saß. Aber es waren nicht Greta oder Gregor, die sich zu ihm gesetzt hatten, sondern – so weit er es in dem mageren Licht erkennen konnte, das die kleine Tiffany-Glaslampe vor ihm auf dem Tisch ausstrahlte – es handelte sich um eine blonde, schon etwas ältere Frau, die ihm mit einem leichten Lächeln und spöttisch blitzenden Augen beobachtete. Erst als sie sich ein wenig zu ihm lehnte, um ihm etwas zuzuflüstern, bemerkte er, dass sie im fortgeschrittenen Stadium einer Schwangerschaft war. Ihr aufgewölbter Bauch passte gerade so zwischen den Tisch und das Möbel, auf dem sie saßen.

„Faszinierend, Bastian, nicht wahr?“, sagte sie. Sebastian nickte flüchtig und auch ein wenig verärgert wegen der Ablenkung. Er wollte keinen Moment von dem Geschehen auf der Bühne versäumen. Er hatte vollkommen überhört, dass die Frau ihn mit seinem Vornamen angesprochen hatte. Er hätte nicht anders reagiert, wenn sich der Reichskanzler Hermann Müller neben ihn gesetzt hätte.

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 22)

„Wohin jetzt?“, wandte sich Gregor zurück und legte dabei einen Arm auf das Lenkrad. Greta presste ihre Hände gegen das gepolsterte Autodach, als wolle sie aus der engen Kabine ausbrechen.

„Lass uns doch mal in eine Eckkneipe fahren, aber in eine mit echten Arbeitern, mit Kommunisten und …“, sie hauchte das Wort verschämt, „… mit Nutten.“

„Mein viel geliebtes Schwesterlein, höre auf deinen um fast eine Stunde älteren Bruder, du liebreizende Unschuld, die gerne Nutten sehen will. Die echten Arbeiter liegen um diese Uhrzeit schon lange in ihren Betten, weil sie lange vor Tagesanbruch in die Fabriken müssen oder sich vor der Ausgabestelle der Stütze in die Schlange einreihen müssen. Auch die Lebedamen und ihre Beschützer schlafen längst den Schlummer der Gerechten. Jetzt treibt sich nur noch Gesindel gleich uns uf den Straßen und in den Lokalen herum. Also? Wo verprassen wir das Kapital, das unser Vater dem Proletariat entrissen hat?“

„Wie wäre es mit dem Haricot Doré?“, warf Sebastian ein, denn er merkte es Greta an, dass sie wegen der Antwort ihres Bruders vor Wut schäumte. Gregor sah ihn überrascht an.

„Woher weißt denn du vom Haricot?“, fragte er scharf. Sebastian wunderte sich ein wenig, weshalb er so unfreundlich auf seinen Vorschlag reagierte. „Hast du geplaudert, Greta?“

Seine Schwester verschränkte beleidigt die Arme.

„Ich habe Bastian das Plakat gezeigt. Die Idee dazu stammt nicht von mir. Ich meine, irgendwann muss er es ja doch erfahren. Warum dann nicht gleich heute. Diese Nacht ist dafür genauso geeignet wie irgendeine andere. Und schließlich wäre es doch ein netter Einfall, die Mädchen an ihrem letzten Abend in Berlin zu besuchen.“

„Ich weiß nicht so recht. Wir wollten uns eigentlich amüsieren. Unsere Probleme und Sorgen sind kein Frosch. Die sind morgen auch noch da; die hüpfen nicht davon. Nach der Sache, die heute Mittag vorgefallen ist, sollten wir uns ein wenig bedeckt halten und nicht in der Höhle des Löwen feiern. Vielleicht kommen wir dann etwas aus dem Epizentrum der Ereignisse heraus und die Hyänen verlieren das Interesse an uns“, zögerte Gregor. Greta beugte sich beteiligt nach vorn.

„Lüge dir doch nicht in die Tasche, goof. Die Hyänen tragen ihren Namen nicht umsonst. Nachdem sie uns einmal ausfindig gemacht ha­ben, werden sie uns auf den Fersen bleiben. Wir sind uns doch einig, dass wir unseren Plan so schnell wie möglich umsetzen sollten.“

„Geht es um Drogen?“, mischte sich Sebastian in das Gespräch der Geschwister. Er hatte ihnen atemlos zugehört. Er wechselte einen Blick mit dem schweigsamen Rudi, dem anzusehen war, dass er ebenso wenig wusste, worüber die Zwillinge sprachen. Greta ließ ihr klirrendes Lachen ertönen, mit dem sie jede ihrer Unsicherheiten überspielte. Gregor schnaubte laut durch die Nase.

„Wenn’s nur das wäre, Bastian“, sagte er. „Aber Gretel hat wahrscheinlich recht. Das soll dir allerdings alles die Ärztin erklären. Also – auf in die Goldene Bohne!“

Er legte knirschend den Gang ein und lenkte den Adler hinaus auf die Straße. Hätte einer von ihnen sich für die Dinge interessiert, die in ihrem Rücken passierten, hätte er bemerkt, dass weiter hinten zwei weitere Wägen aus ihren Parkplätzen ausscherten und ihnen mit gleichbleibendem Abstand den Kurfürsten­damm hinunter in Richtung Augsburger Straße folg­ten. Sie kamen an der zwar monumentalen fünftürmi­gen, aber auch geschmacklos neoromanischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vorbei, deren ohrenbetäu­bender Stundenschlag gerade die Wölfe im be­nachbarten Zoologischen Garten unruhig mach­te und laut jaulen ließ. Zu Sebastians schmunzelndem Vergnügen trug ausgerechnet Berlins lasterhaftester Straßenzug, der sich fast eineinhalb Kilometer vom Kurfürsten­damm bis zur Eisenacher Straße hinzog, den Namen seiner Heimatstadt. Hier gab es das berühmte Varieté Scala, schräg gegenüber das Eldorado und das Maenz‘ Bierhaus. In diesem Künst­lertreffpunkt verkehrten Schauspieler und Regis­seure und Schriftsteller wie Ernst Lubitsch und Emil Jannings, Ernst Rowohlt – dessen Verlagshaus gleich in der Nähe war – und nicht zuletzt auch Schriftsteller wie Bertolt Brecht. Der Dramatiker war der Igel im Mär­chen. So sehr sich Sebastian auch beeilte, Brecht rief ihm von überall her „Ick bün all dor!“ entgegen.

Gregor parkte in einer Seitenstraße. Direkt vor dem schlichten und unauffälligen Eingang ins Haricot, der ein paar Stufen unter dem Straßenniveau im Souterrain lag und von einem stämmigen Türsteher bewacht wurde, nahm Gregor Sebastian kurz zur Seite.

„Die Bohne ist etwas speziell – wie die Auluka-Diele etwas weiter die Straße hinunter. Sie steht aber nicht nur der Damenwelt, sondern beiden Geschlechtern offen,“ flüsterte er ihm zu. „Halte dich einfach immer an uns, das wird das Beste sein.“

„Wie soll ich das verstehen?“ Gregor winkte dem Türsteher zu, der ihn erkannte und dienstfertig zur Seite trat.

„Das wirst du schnell begreifen.“

Das Haricot, das die vier von einer Galerie über eine schmiedeeiserne Wendeltreppe erreichten, war zu dieser späten Stunde noch gut besucht und die Gespräche brummten wie ein wütender Hornissenschwarm. Der Club bestand in der Hauptsache aus zwei nicht allzu großen Räumen, die über eine breite geöffnete Flügeltüre miteinander verbunden waren. In dem einen noch leeren und ab­gedunkelten Raum standen vor einer von einem Vor­hang verschlossenen Bühne viele runde Ti­sche und Stühle, an den Wänden des kleinen Theaters befanden sich diskrete Nischenplätze und etwas er­höhte Logen. Im anderen Raum fand sich eine langgezogene Bar und eine volle Tanz­fläche. Hier spielte eine fünfköpfige Combo langsame südamerikanische Rhythmen und die Paare bewegten sich eng umschlungen. Sebastian be­merkte sogleich, was das Haricot so „speziell“ machte. Hier tanzte nur Mann mit Mann und Frau mit Frau. Er war in einem Sündenpfuhl gelandet.

Gregor und sein Freund schienen Stammgäste zu sein, denn sie wurden von allen Seiten begrüßt. Sofort waren alle von einer Gruppe von Männern umringt, die sie scherzend zum Tresen zogen, wo Greta, die ganz plötzlich nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses stand und diesen Zustand auch sichtlich genoss, die Drinks bestellte. Dann hackte sie sich bei Sebastian unter, flüsterte ihm etwas kichernd ins Ohr und erleichterte ihm dadurch etwas die Situation. Trotzdem hatte Gregor einige Mühe, den mit offenem Mund staunenden Gast aus der Provinz von der neugierigen Meute abzuschirmen, denn das neue und durchaus auch hübsche junge Gesicht erregte einiges Interesse unter seinen Bekannten. Er hatte unfreiwillig die Rolle von Greta übernommen und konnte sich vor den Aufmerksamkeiten und unverhüllt eindeutigen Komplimenten kaum retten. Die Ohren von Sebastian brannten. Er war von der Situation doch einigermaßen überfordert und  Gregor deshalb auch dankbar, als dieser unmissverständlich deutlich machte, dass Sebastian zu ihm gehörte und man ihn gefälligst in Ruhe lassen solle.

Die Musik beendete ihren Samba mit einem Tusch und mit einem Klingelsignal gingen die Lichter im anderen Saal an. Die Aufmerksam­keit wendete sich endlich von Sebastian ab und Gregor gelang es, ihn von seinen Bekannten loszueisen. Die Tänzer und die meisten Leute aus der Bar streb­ten in den Theatersaal und suchten sich Plätze an den Tischen oder oben in den Logen. Auch Greta und Rudi reservierten sich einen Tisch direkt unter der Bühne, hinter deren schweren Vorhang aus rotem Samt die Geräusche eines größeren Umbaus zu hören waren. Doch Gregor brachte Sebastian nicht zu den beiden, sondern führte ihn zu einer Seitenwand zu einer gemütlichen, im Schatten einer Säule liegenden Nische, von der man einen guten Blick auf die Bühne hatte, ohne selbst gesehen zu werden. Sebastian rutschte in eine gepolsterte Bank hinter einem Tisch, auf dem er sein Getränk abstellte und sah Gretas Bruder zweifelnd an. Gregor schmunzelte.

„Keine Sorge, ich setze mich zu den anderen. Aber du solltest besser dort im Schatten bleiben. Das ist der richtige Platz für einen Schriftsteller. Er sollte immer ein bisschen Abstand zum Geschehen haben und beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Nach der Aufführung kommen wir dann zu dir.“

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