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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 10 – Teil 2)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

10. Kapitel
Der Weg, der in den Tag führt

»Das verspreche ich dir.«

»Das will ich dir auch geraten haben.«

Selin nickte und lächelte optimistisch. Aber seine Gesichtszüge wurden augenblicklich ernst und sorgenvoll, nachdem sich das Mädchen von ihm abgewendet hatte und die Kuppel auf dem weißen Sand, der auf ihr lag, mehr hinabrutschte, als hinunterstieg. Unten angekommen, drehte Semira sich noch einmal um und winkte, dann folgte sie eilig den Spuren, die die beiden vorhin im Sand hinterlassen hatten, als sie vom Lager zu dem Vorgängergebäude gegangen waren. Die geschützte Stelle, an der Tante Sirtis, Alis, der seltsame Mönch Adelph, Juel und sein schweigsamer Diener Tonino auf ihre Rückkehr warteten, war nur eine knappe halbe Stunde Fußmarsch entfernt, lag aber gut versteckt in einer Senke und war von der Kuppel und auch von den fernen Hügeln aus, wo ihre Verfolger aufgetaucht waren, nicht zu sehen. Wenn jedoch der Spähtrupp der Armee des „Unterwerfers“ seine Stoßrichtung beibehielt – und ganz danach sah es für Selin aus -, würde er unweigerlich auf die Flüchtigen stoßen. An einen Kampf war nicht zu denken. Selbst Juels Tricks würde sie nicht vor den gut ausgebildeten und schwer bewaffneten Treuwächtern retten. Die einzige, die sich vielleicht der Soldaten hätte erwehren können, wäre Semiras ehemalige Dienerin Jalah gewesen, doch sie hatte sich am östlichen Stadttor von Karukora von der Gruppe getrennt, um ihre Beute zur Diebesgilde zu bringen.

Deshalb war es die einzige Chance der Flüchtigen, noch vor den Verfolgern die Kriegszone der Kampfmaschinen zu erreichen und geschützt durch den merkwürdigen Schlüssel, den sie aus dem Falkenthron gestohlen hatten, Richtung Pardais weiterzuziehen. Dorthin konnte ihnen die Armee des Namenlosen nicht folgen. Auch wenn sie nach sie nach den Maßstäben von Selins Jahrhundert hervorragend ausgerüstet und mächtig war, hatte sie doch gegen die Golem-Heere, die sich jede Nacht auf den Ebenen bekriegten, nicht die geringste Chance. Aber zuerst musste Selins kleiner Trupp in dieses Gebäude gelangen, auf dem er stand. Juel hatte es als Haltestelle einer Vorgänger-Untergrundbahn identifiziert. Wie sollte es Selin gelingen, hier einzudringen?

Er stampfte einmal fest mit dem Fuß auf die Glasfliese, die er vorhin vom Sand befreit hatte und erzeugte damit keinerlei Wirkung. Außer einem Knacken in seinem Bein war nicht einmal ein Geräusch zu hören. Wie dick war diese Glasdecke und konnte er sie überhaupt mit Gewalt zertrümmern? Selin bezweifelte es. Er kniete sich wieder hin und fegte sorgfältig auch von den Rändern der Fliese den Sand weg, bis er ihre Fugen komplett freigelegt hatte. Das Glasquadrat war etwa zwei Fuß auf zwei Fuß groß und er würde sich durch die entstehende Öffnung quetschen können – falls es ihm gelang, die Fliese aus ihrem Verbund zu lösen. Selin kratzte mit einem Fingernagel an dem Fugenmaterial, das sich jedoch nicht wie erhofft bröcklig, sondern fest wie massiver Stein anfühlte. Das musste er den Vorgängern lassen: Ihre Bauwerke, auf die man überall auf der Welt und auch hier in der Wüste häufig stieß, waren für eine Ewigkeit errichtet; auch wenn es inzwischen meist nur leere Hüllen waren, die, falls sie zugänglich waren, bereits vor langer Zeit ausgeräumt und geplündert worden waren. Doch einige wie diese Kuppel hier, waren versiegelt und verbargen die unglaublichsten Dinge, wenn Selin den alten Geschichten und Märchen seines Großvaters glauben durfte. Durch die Erfahrungen der letzten Zeit hatte er nur noch wenig Zweifel.

Er seufzte. Leider kannte er das Zauberwort nicht, das diese Schatzhöhle öffnen konnte, und deshalb musste er wohl oder übel auf die Trickkiste von Juel zugreifen, aus der ihm der pfiffige Dicke für die Erkundung der Kuppel einige Dinge mitgegeben hatte. Selin holte eine unscheinbare Tube aus seiner Tasche, aus der er eine dunkelgrüne und scharf riechende Paste rundherum auf die Fugen der freigelegten Fliese presste und sie sorgfältig feststampfte. Dann nahm er seine Trinkflasche vom Gürtel. Er nahm einen Schluck von dem brackigen, aber wertvollen Wasser in ihr.

»Allzu viel ist nicht mehr drin«, stellte er fest, als er die Flasche ans Ohr hielt und sie schüttelte. Da die Flüchtigen seit Tagen nicht mehr auf eine Wasserstelle gestoßen waren, war dies der kümmerliche Rest, der ihm blieb. Eine weitere Sorge: Selbst wenn seine Gruppe den Treuwächtern entkamen – falls sie nicht bald auf eine Quelle stießen, würden sie bald verdurstet sein. Alles hing nun von Selin ab und diese Verantwortung drückte ihn nieder. Voller Bedauern drehte er seine Flasche und schüttete das restliche Wasser auf die Paste, so, wie es ihm Juel erklärt hatte. Dann trat er eilig zurück.

Die grüne Masse, die sofort mit dem Wasser reagierte, begann sofort zu dampfen und über den Rändern der Fliese schaumige Blasen zu schlagen. Sie selbst wurde nicht davon angegriffen, aber die Paste war in Verbindung mit einer Flüssigkeit eine aggressive und giftige Säure. Sie fraß sich langsam in das scheinbar so unzerstörbare Fugenmaterial. Was keine Anstrengung von Selin geschafft hätte, gelang der Säure aus Juels Hexenküche mühelos. Wie lange es allerdings dauern würde, bis sie ihre Arbeit erledigt und die Fliese aus ihrem Verbund herauslöst hatte, konnte Selin nicht abschätzen.

Er sah sich erneut um. In der Zwischenzeit war die Sonne ein gutes Stück tiefer gesunken. Sie würde bald hinter den Hügel in Selins Rücken tauchen und das fast im Sand begrabene Gebäude würde in seinem Schatten liegen. Semira konnte er nicht mehr entdecken und auch der Spähtrupp war aus seinem Gesichtsfeld verschwunden, doch er hatte keinen Zweifel daran, dass beide sich schnell auf das Lager der Flüchtigen zubewegten. Es war nur einem glücklichen Zufall zu verdanken gewesen, dass er die Soldaten vorhin überhaupt entdeckt hatte. Wenn das Mädchen sich beeilte – und davon ging er aus -, musste sie bald auf die anderen stoßen und sie aufschrecken. Noch immer schwappte die kaum übersehbare schwarze Masse der Soldaten des Namenlosen wie eine sich ausbreitende Seuche über die fernen Erhebungen am Horizont. Dieser Aufmarsch schien kein Ende nehmen zu wollen. Hatte der „Unterwerfer“ seine gesamten, in Karukora stationierten Armeeteile aufgeboten, um sie auf diese Menschenjagd zu schicken? Saß er vielleicht selbst auf einem der Kriegsmachmouts an der Spitze des gewaltigen Heerzuges und gab seine Befehle? Warum schoss er mit Kanonenkugeln auf Insekten? Selin konnte es nicht fassen und er bekam trotz der Hitze eine Gänsehaut. Was hatte sein Großvater nur auf dem Zettel geschrieben, den Juel in seinem Auftrag auf der Sitzfläche des Falkenthrons hinterlassen hatte, das den Namenlosen so wütend gemacht hatte, dass er seine Stadt entblößte und seine ganze Armee hinter ihnen herjagte?

Etwas knirschte und danach klirrte ein hohes Geräusch in Selins Ohren. Die Säure hatte sich schneller als erwartet durch die Fugen gefressen und die schwere Glasfliese, die ihren Halt verloren hatte, stürzte einfach nach Innen. Sie fiel polternd und schlug nach ein paar Augenblicken schwer tief unten am Grund des Gebäudes auf. Selin machte einen Schritt nach vorn, um in das entstandene Loch zu blicken, aus dem ein kühler Hauch und abgestandene, überraschenderweise nach Zimmet riechende Luft drangen. Dann ging alles viel zu schnell für ihn. Der Grund unter seinen Füßen war plötzlich nicht mehr stabil. Die Statik der Kuppel, die ganze Zeitalter überdauert und Sandstürmen, Erdbeben und Meteroritenhagel unbeschadet überstanden hatte, war zerstört. Das Gewicht von Selin reichte aus, dass mit einem hässlichen Knacken weitere Fliesen einbrachen. Er schrie entsetzt auf, wollte zurückweichen. Doch seine Reaktion kam zu spät. Plötzlich hatte er keinen Boden mehr unter den Füßen und fiel durch den entstehenden Einsturz in die Tiefe.

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[Fortsetzung der Geschichte am nächsten Freitag …]

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 10 – Teil 1)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

10. Kapitel
Der Weg, der in den Tag führt

Selin wischte die dünne Sandschicht beiseite, die der nächtliche Sturm auf das kuppelförmige Gebäude geweht hatte, das sich hier am nördlichen Rand der Ebenen wenige Fuß über die Dünen hinaus erhob, dessen Boden aber viel, viel tiefer unter dem Wüstenstaub begraben liegen musste. Er hustete und schob sich seinen schützenden Schal vor Nase und Mund. Dann sah er zurück zu Semira, die etwas unter ihm kauerte. Wie auch Selin trug sie die weite, wallende Kleidung der Wüstenwanderer und es war kaum zu erkennen, dass sich unter ihr eine junge, schlanke Frau verbarg. Der junge Mann winkte ihr zu und sie kam vorsichtig näher, achtete darauf, beim Höhersteigen in die Fußstapfen ihres Freundes zu treten.

»Da, schau, Juel hat sich nicht getäuscht.« Selin deutete auf eine leicht gewölbte Glaskachel, die er gerade vom Sand befreit hatte. »Das ist wirklich ein Gebäude der Vorgänger und wir stehen auf dem Dach.«

Er beugte sich weiter herab und versuchte vergebens, durch das dicke Glas ins Innere zu spähen, doch die Oberseite der Kachel war von den Jahrtausenden, in denen sie ungeschützt der Wüste ausgesetzt war, vom Sand trübe geschliffen und zerkratzt. Es gelang ihm nicht, in der Finsternis unter dem Glas etwas zu erkennen. Er zuckte mit den Schultern und stand auf.

»Ich weiß wirklich nicht, woher er das weiß, aber wenn das tatsächlich der uralte Bahnhof ist, von dem Juel sprach, von dem aus der URS in Richtung Paradis fährt … Dann frage ich mich, wie wir in ihn hineingelangen können.«

«Vielleicht weiß ja Adelph einen Weg. Der Mönch behauptet doch, er könne durch Wände sehen«, erwiderte Semira und stellte sich neben ihren Freund.
Die beiden standen fast am höchsten Punkt der im Sand versunkenen und von einer Düne halb begrabenen im Durchmesser sicherlich fünfhundert Fuß breiten und etwa achtzig Fuß über die Wüste hinausragenden Kuppel. Da die Umgebung hier am Rand der Schlachtfelder des Ewigen Krieges hüglig anstieg, konnten sie viele Meilen in die Tote Wüste hineinblicken. Obwohl der Nachmittag schon fortgeschritten war, stand die Sonne noch strahlend im Südwesten und sandte erbarmungslos ihre Hitze herab, die die Luft über dem Sand zum Flimmern brachte und jeden Atemzug zu einer brennenden Qual werden ließ, jeden Schritt zu einem Kampf. Im Rücken der beiden, hinter der Hügelkrone, breiteten sich die legendären Ebenen aus, auf denen in jeder Nacht die Golem-Armeen kämpften, von denen jeder Einwohner Karakoras schon gehört, die aber nur die Wagemutigsten und Tollkühnsten unter ihnen jemals zu Gesicht bekommen hatten. Auch Semira und Selin wussten nicht, wie es hinter dem Hügel, der ihnen die Sicht in die östliche Richtung versperrte, aussah.

»Da, schau!« Semiras scharfe Augen hatten weit im Westen knapp über dem Horizont eine Bewegung ausgemacht und sie machte Selin darauf aufmerksam. Er kniff die Augen zusammen. Richtig, dort war plötzlich eine Staubwolke aufgetaucht, die langsam höher stieg und breiter wurde. Selins Mundhöhle wurde noch trockener, als sie dies durch den vielen Sand, den er geschluckt hatte, bereits schon war.

»Was ist das – etwa schon wieder ein Sandsturm?«

»Ich glaube nicht. Da kommt etwas anderes auf uns zu. Ich hoffe …«, erwiderte Selin und holte aus seiner ledernen Schultertasche, in der er einige der nützlichen Vorgängergerätschaften aus Juels Kaufmannswagen mit sich trug, ein kleines Fernglas uns spähte in die Richtung, in der der aufgewirbelte Staub über dem Horizont lag. Die beiden Okulare waren Vorgänger-Techné und summten leise, als sich ihre Linsen scharf stellten und die Ferne fast greifbar nah heranholten. Kein zeitgenössischer Linsenschleifer war in der Lage, solch ein präzises Instrument mit einer solch starken Vergrößerung herzustellen. Selin fragte sich erneut, wie das Fernglas und andere Dinge, die Juel während ihrer mühseligen Reise durch die Tote Wüste immer wieder hervorgekramt hatte, in den Besitz des gewitzten Meisterdiebs gelangt waren. Dann erkannte er, was er dort in weiter Ferne sah und sein Mund klappte nach unten.

»Unsere Verfolger haben uns eingeholt«, sagte er heiser, »spätestens morgen Abend werden sie hier sein. Da, schau selbst …«

Er reichte das Fernglas an Semira weiter, die beim Hindurchsehen ein nicht gerade mädchenhaftes wendisches Schimpfwort durch die Zähne stieß.

»AsQ‘atak kjet‘Ba! Das müssen ja tausende Soldaten sein!«, stellte sie fassungslos fest.

»Ja, es scheint, als würde uns die gesamte Armee der Treuwächter des Namenlosen jagen.«

Die fernen Dünen am Horizont waren schwarz von einer riesigen Kolonne Soldaten und Streitwägen, die in lockerer Marschformation langsam in ihre Richtung kamen. An der Spitze stapfte ein Dutzend großer Tiere durch den Sand.

»Der „Unterwerfer“ hat sogar seine Kriegs-Machmouts dabei! Was für ein Aufwand, um eine Handvoll Flüchtlinge zu jagen«, staunte Semira, die fasziniert auf die Ameisenarmee starrte, die die fernen Hügel überschwemmte.

»Unglaublich. Wenn es dich so furchtbar wäre, müssten wir uns geschmeichelt fühlen. Augenblick …« Selin hatte etwas Beunruhigendes entdeckt und nahm seiner Freundin das Fernglas aus der Hand. Er fixiert einen Punkt, der der Kuppel viel näher als die Kolonne des Namenlosen war. Nun war er es, der einen derben Fluch ausspuckte.

»Beim Thsaq‘r der Allerbarmerin!«, rief er und deutete nach vorn. »Dort hinten, gar nicht mehr weit vom Lager entfernt, treibt sich ein Trupp der Treuwacht herum. Wie haben wir die bisher übersehen können? Das müssen Späher sein und wenn sie sich in ihrer Richtung weiterbewegen, werden sie noch vor Sonnenuntergang auf uns stoßen. Das müssen um die zwanzig Soldaten sein. Gegen diese Übermacht hätten wir keine Chance. Wir müssen die anderen auf der Stelle warnen.«

Semira runzelte die Stirn.

»Und was ist mit dieser Kuppel? Wenn wir keinen Eingang in sie hineinfinden, dann werden wir ihnen nicht entkommen können.«

»Du hast recht«, überlegte Selin. »Wir werden uns trennen, das ist das Beste. Du warnst unsere Freunde vor dem Spähtrupp. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, sich vor ihnen zu verbergen. Ich werde inzwischen – wie wir ursprünglich vorhatten -, versuchen, ins Innere des Gebäudes zu gelangen und es dort aus zu öffnen.«

Das Mädchen nahm die Hand ihres Freundes und drückte sie.

»Ist das wirklich eine gute Idee? Du wirst allein sein und du weißt nicht, was dich dort unten erwartet.«

Selin nahm seinen Schal vom Gesicht.

»Es ist das einzige, was mir einfällt. Und in der Kuppel sollte es seit dreitausend Jahren nichts Lebendiges mehr geben.«

»Es sind nicht die Lebenden, die ich fürchte …«, erwiderte Semira. Ihr fiel Sahars grausame Geschichte von den gefährlichen Golemen und dem unheimlichen Untoten aus der Zeit der Vorgänger ein. Sie presste sich an Selin. Sie hatte für ihn ihr ganzes Leben geopfert und die Vorstellung, ihn zu verlieren, war grausam. Am Liebsten hätte sie ihn nie mehr losgelassen. Der junge Mann las in ihren tränenfeuchten Augen und schluckte, zog sie ungestüm an sich. Seit Semira sich entschlossen hatte, ihre Eltern und Karukora mit ihm zu verlassen, was für ein Mädchen aus gutem Hause den völligen Ruin und für ihre Familie eine nicht wieder gutzumachende Schande und gesellschaftliche Isolation bedeutete, war aus der Verliebtheit ihrer eher spielerischen als ernstzunehmenden Zuneigung eine tiefe Liebe geworden, deren Feuer mit jedem Tag und jeder gemeinsam verbrachten Nacht heller und heißer brannte. Die beiden küssten sich und für einen kurzen Moment war alles vergessen: Die Tote Wüste, die Soldaten des Namenlosen, selbst Pardais; von dem die beiden eh nicht träumten, weil sie ihr persönliches Pardais längst beieinander in den Armen des anderen gefunden hatten.

»Möge die Allerbarmende dir ihren Segen geben und dich begleiten und beschützen«, flüsterte Semira nach einer Weile und machte sich widerstrebend von ihm los. »Ich eile zu unserem Lager und führe dann alle hierher. Ich will dich gesund wiedersehen.«

»Das verspreche ich dir.«

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 7)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Doch Sahar kämpfte nicht zum ersten Mal gegen einen der Barbaren aus dem unwirtlichen Tudasgart, das zwischen dem Rauen Gebirge und dem Großen Grabenbruch an der Grenze zu den Jenseitigen Landen lag. Junge, ungestüme Kling‘Arta wurden wegen der häufigen Hungersnöte immer wieder von ihren Stämmen, die in primitiven, hölzernen Taboren hausten und untereinander in Blutfehden und Religionsstreitigkeiten verstrickt waren, verstoßen und verdingten sich als Söldner in allen Armeen der Welt. Sie waren an allen Fürstenhöfen begehrte und gefürchtete Krieger, die voller Todesverachtung in die Schlachten zogen.

»Vorsicht, Großer«, murmelte er. »Manche Insekten können stechen!«

Sahar wartete ruhig, bis Wer‘Quer heran war. Dann nahm er seine geballte Hand aus der Tasche und hob sie seinem übermächtigen Gegner entgegen. der nur noch zwei Schritte entfernt war; schleuderte ihm eine Handvoll Salzkörner, die er während seines Märchenvortrags vom Bühnenboden aufgesammelt und dann zu sich gesteckt hatte, ins Gesicht. Er wusste, dass dies ein unfeiner Trick war, aber in einer offenen Auseinandersetzung konnte er dem tätowierten Hühnen nichts entgegen setzen. Das hatte er in seiner Ausbildung gelernt: Es war besser, einen Kampf ehrlos zu gewinnen, als ihn ehrenhaft zu verlieren. Besonders, wenn ein Gegner so überlegen war wie dieser. Der Kling‘Arta stolperte, heulte auf und hielt sich kurz seine Hände vor die Augen. Dabei vernachlässigte er wie erhofft seine Deckung.

Das Ende kam schnell. Sahar sprang ausweichend zur Seite. Gleichzeitig stach er gezielt mit seinem Degen zu und rammte seine fast wie ein Spielzeug wirkende Waffe bis zum Heft durch die breite Brust des Kriegers. Sie durchbohrte das Herz seines Gegners und trat an seinem Rücken wieder aus seinem Leib. Aber der Zusammenstoß, dem der Mönchssoldat nicht mehr ausweichen konnte, war trotzdem heftig. Der abwehrende Fausthieb des Kling‘Arta traf ihn krachend im Gesicht und brach ihm die Nase unter der Halbmaske, die er noch immer trug. Sahar wurde wie ein Sack Wäsche zur Seite geschleudert und stürzte halb besinnungslos in die Rosenbüsche.

Nach einer ganzen Weile war Sahar wieder einigermaßen bei sich und krabbelte aus den Dornen, die ihn zerstochen und seine schicke Galauniform zerrissen hatten. Er richtete sich mühselig auf und wischte sich mit den Ärmeln das Blut vom Mund, das in zwei Bächen aus seiner Nase lief. Ihn schmerzte jeder Knochen im Leib, aber er hatte bei dem kurzen Kampf keine weitere Verletzung davon getragen. Der tote Kling‘Arta kauerte zusammengesunken wie ein grauer Hügel auf dem Boden. Die Arme hingen schlaff herab und er hatte seinen kahlen Kopf, der durch die unzähligen Tätowierungen fast schwarz war, auf der massigen, von Sahars Waffe durchbohrten Brust liegen. Sahar humpelte näher, packte den Griff seines Degens mit beiden Händen und zog an ihm. Erst als er ein Bein zur Hilfe nahm und es gegen den Leib des Toten stemmte, gelang es ihm, seine Waffe zu befreien.

Endlich kippte die Leiche neben Galves lautlos ins Gras. Für jeden, der die beiden so entdecken würde, musste es so aussehen, als hätten sie sich in einem verzweifelten Kampf gegenseitig umgebracht. Sahar reinigte gelassen seine Klinge in der angewinkelten Beuge seines Arms und warf einen mitleidigen Blick auf die Schwalbe von Avril. Der Oberste, dessen durch eine Narbe verursachtes Dauerlächeln sich im Tod noch verstärkt hatte, war ihm sehr sympathisch gewesen und er bedauerte diesen sinnlosen Verlust. Wie würde es nun in der Lamargue weitergehen, nachdem in dieser Macht sowohl ihr Regno als auch die graue Eminenz hinter ihm ermordet worden waren? Würde es einen Krieg mit den Fünf Städten geben? Sahar gab es nur ungern zu: Auch Italmar nutzte diese Schwächung ihres östlichen Nachbarn, der auch das Protektorat über die Provinz ausübte, die altes Kernland des Kirchenstaats war, aber seit der Kokardenrevolution vor dreihundert Jahren selbständig war.

Der Mönch zögerte nur kurz, dann schob er seine Waffe zurück in die Scheide, die er am Rücken unter seiner Kleidung trug und kniete sich zu dem Leichnam hinunter, taste ihn mit professionellen Griffen ab. Sehr schnell wurde er fündig: In einer Innentasche der kurzen Uniformjacke entdeckte er einen in seinem Umschlag steckenden Brief. Es war viel zu dunkel, um ihn auf der Stelle zu lesen und er schob ihn in die Tasche. Nun erschienen ihm Galves gebrochende Augen vorwurfsvoll und er schloss sie sanft, während er ein eiliges Gebet an Oberone, den Herrn des Waldes, sandte.

Obwohl Miladí und ihre mörderische Dienerin einen großen Vorsprung hatten, nahm Sahar trotzdem ihre Verfolgung auf. Er hatte zwar wenig Hoffnung, sie noch einzuholen, aber ihr Fluchtweg war ihn die beste Möglichkeit, selbst unbemerkt aus dem Palast zu schleichen, ohne von der Treuwacht festgenommen zu werden. Schließlich trug er ja noch immer eine lamargische Uniform und sah mit der schmerzhaften Wunde im Gesicht sicherlich nicht sehr vertrauenerweckend aus.

Die hinter einer Efeuwand gut verborgene Pforte in der Gartenmauer erwies sich als ein geheimer Durchgang, den sicher einmal die Diebesgilde geschaffen hatte oder auch ein Namenloser, der sich gerne mit seinem Vezir unerkannt unter sein Volk mischen wollte. Er führte durch ein paar leere Stallungen hinaus auf die Hafenseite des Elfenbeinernen Palasts, wo die schroffe Mauer nur durch einen engen Kais vom an dieser Stelle strudelnd und eilig fließenden Marat getrennt war. Er sah zu dem gurgelnden, schwarzen Wasser eine Mannshöhe unter sich hinab. Hier hatte unmöglich ein Boot oder ein Schiff ankern und die Botschafterin aufnehmen können. Sie war also weiter zu Fuß geflohen. Doch in welche Richtung? Sahar hatte endgültig ihre Spur verloren. Er blinzelte, weil sich in diesem Augenblick jenseits des breiten Stroms über dem Stadtviertel Koras die Sonne erhob und ihre bereits jetzt am frühen Morgen hitzigen Strahlen in sein blutiges und schmutziges Gesicht sandte.

Sahar nieste und zuckte durch den plötzlichen Schmerz zusammen. Sollte Miladí ihm doch durch die Finger flutschen: Er glaubte an den Spruch Baruch im ersten seiner heiligen Bücher, wo geschrieben stand: „Unsere Wege führen zu vielen Kreuzungen und an einer von ihnen werden wir uns wiedersehen“. Darauf konnte er warten.

Neugierig nahm der Adept den bei Galves‘ Leichnam gefunden Brief aus dem Umschlag und entfaltete ihn. Die Handschrift kannte er nicht und die Unterschrift war nicht zu entziffern, aber was dort ein lamargischer Spion knapp und in militärischem Ton geschrieben hatte, warf ein ganz neues Licht auf die Geschehnisse der Nacht. Der Brief war an den Regno gerichtet, hatte diesen aber wahrscheinlich nie erreicht, weil ihn Galves vorher abgefangen hatte, legte dar, dass der älteste Sohn von Raul VI. hier in Karukora lebte und einer kurzen, aber stürmischen Liaison mit einer Palastangestellten während eines Staatsbesuchs entsprang. Noch erstaunlicher war, dass jener Sohn, von dem der Regno nie etwas erfahren hatte, noch vor seiner Hochzeit mit Dora Kahlja gezeugt worden war und deshalb in der Thronfolge noch vor seinen jüngeren Brüdern Raul und Rafik stand und zudem von der mütterlichen Linie her ein Bingh war, also direkt von der Dynastie des ersten Namenlosen abstammte. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, war dieser junge Mann, der Selin hieß, auch noch der Enkel von Alis, Sahars Konkurrenten bei dem Märchenwettbewerb! Der Briefschreiber warnte am Ende eindringlich vor einem angeblichen Plan des alten Märchenerzählers, der die bestehende Ordnung und das Leben einiger Mächtiger gefährden würde. Leider war diese Warnung sehr unklar und verworren.

Wenn das alles stimmte, was er gelesen hatte, waren die Konsequenzen ungeheuerlich und diese Nachricht musste sofort seinem Meister Jac Javac Mauvaise und dem Hohen Rat des Kirchenstaats übermittelt werden. Das war wichtiger als seine Suche nach Botschafter Adelph und dem flüchtigen Meister Siebenhardt, die er, falls sie überhaupt noch lebten, in der durch den Putsch aufgewühlten Wüstenstadt wahrscheinlich niemals finden würde. Das Machtgefüge der ganzen Welt konnte sich durch dieses Schreiben verändern. Sahar musste Karukora so schnell wie möglich verlassen.

Der junge Mönch sollte übrigens der Botschafterin der Oststädte schneller wiederbegegnen, als ihm lieb war. Aber dies ist eine weitere Geschichte …

Ende des 9. Kapitels

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 6)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

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»Wohin so eilig, Miladí da Hiver? Wolltest du wirklich schon vor dem Nachtisch aufbrechen?«

Die schöne Frau, die es sehr eilig gehabt hatte, eine hinter Geißblatt und Efeu verborgene alte Assassinen-Pforte in der Mauer des rückwärtigen Palastgartens zu erreichen, blieb aufseufzend stehen. Sie drehte sich langsam zu Idrichson Galves und Sahar um, die sie ge­rade noch rechtzeitig eingeholt hatten, nachdem sie glücklich dem verzweifelten Kampf der lamargischen Soldaten mit den Treuwächtern im Speisesaal entkommen waren. Miladís Bewegung glichen denen eines Murlons, das sich bereit macht, sich im nächsten Augenblick auf seine Opfer zu stürzen. Hier, unter den hohen Weiden und zwischen den in geometrische Formen geschnittenen Büschen, war die Nacht dunkel und schattig; dem Licht der großen Fa­ckeln auf den Hauptwegen gelang es kaum, die schwarze Düster­nis kurz vor der Dämmerung aufzuhellen. Trotzdem funkelten die Augen der Diplomatin zornig auf. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, denn kurz vor Sonnenaufgang war die Nacht empfindlich kalt, wenn man wie sie nur einen tief ausgeschnittenen, seidenen Sarê trug. Ihren unhandlichen, langen Schal hatte sie längt auf ihrer Flucht verloren.

»Ihr zwei habt mir gerade noch gefehlt!«, keuchte sie und rang um Atem.

Galves trat vor und köpfte lässig mit einer spielerischen Be­wegung seines Säbels eine langstielige Rose, die er auf­hob und sich unter die Nase hielt.

»Ein wenig spät für einen Spaziergang allein im Garten, Gnädigste, findest du nicht? Wir würden uns gerne als deine Begleitung anbieten«, sagte er und sein von seiner Narbe in seine Gesichtszüge geschnittenes Lächeln verstärkte sich. Wer ihn kannte, wusste, dass er sich nun in Acht nehmen musste.

»Ich hätte gut darauf verzichten können, euch zwei Hampelmännern noch einmal zu begegnen«, gab sie wütend zur Antwort.

»Kein Grund, so unhöflich zu sein, Miladí. Fahre dei­ne Krallen ein. Ich hatte von dir mehr Klasse erwartet. Aber so ist das manchmal: Da blüht eine wunderschöne Rose an meinem Weg, aber sie duftet leider nicht und ihre Dornen sind spitz und giftig. Sie stinkt nach dem kotigen Untergrund, dem sie ent­sprungen ist.«

»Wenn ich dein Niveau nicht erreiche, Schwalbe von Avril, was gibst du dich dann weiter mit mir ab? Gehe deines Weges, solange du es noch kannst.«

»Dazu ist es längst zu spät.« Galves ließ die Rose achtlos fallen und nahm seine Kampfposition ein. Sahar stellte sich neben ihn und berührte ihn beschwichtigend an der Schulter.

»Sie scheint nicht bewaffnet zu sein und wir sollten wirklich in Erfahrung bringen, welchen Grund sie hat­te, einen Anschlag auf den Regno verüben zu lassen«, sagte er. Er wandte sich an Miladí, die die beiden spöttisch mus­terte.

»Ich nehme an, deine vermummte Dienerin hat den Bären vergiftet? Wo ist sie eigentlich hin? Wolltet ihr euch hier wieder treffen?«

»Wen stellst du eigentlich dar, Jüngelchen?«, erwiderte die Botschafterin grob. Sie war das Gespräch nun endgültig leid. »Ein einfa­cher Märchenerzähler bist du doch nicht, oder? Bist du vielleicht der Lustknabe von Galves?«

Nun zog auch Sahar seinen schmalen, kurzen Degen, den er unter seiner Kleidung verborgen hinter dem Rü­cken befestig getragen hatte. Er schwang seine Waffe über sei­nen glatten Schädel nach vorne und deutete mit ihrer Spitze auf die Frau.

»Ich heiße Sahar von Italmar. Merke dir diesen Namen gut. Ich suche im Auftrag meines Abbas nach Adelf von Südermar, dem Gesand­ten des Kirchenstaats. Er ist vor einem Monat spurlos verschwunden. Ich will meinen, dass du auch an diesem Verschwinden nicht ganz unschuldig bist, Druşba es Sakr.«

Galves warf einen ungläubigen Seitenblick auf Sahar.

»Du glaubst, sie …«

»Aber ja. Wer denn sonst? Dass mir das nicht vorher klar geworden ist. Ich nehme an, Miladí da Hiver ist für ihr Land das, was du für die Lamargue bist. Sie muss diese uralte Geheimgesellschaft der Kalten Hand wiederbelebt und sich selbst an ihre Spitze gestellt haben. Sie ließ Adelph verschwinden, weil er ihr auf die Spur gekommen ist und irgendwie von den Anschlagsplänen auf den Regno erfahren hat. Da bin ich mir sehr sicher. Aber ich konnte mir bisher nicht vorstellen, dass ausgerechnet die Botschafterin der Fünf Städte hinter dem Mordkomplott steckt. Doch es liegt eigentlich auf der Hand: Nur der Städtebund hat einen wirklichen Vorteil von Tod des Souveräns ihres Nachbarlandes. Die Verhandlungen zwischen der Lamargue und Karukora werden jetzt scheitern. Es wird mit ziemlicher Sicherheit zu einem Krieg zwischen den beiden mächtigen Widersachern des Städtebundes kommen. Ohne sich die Finger allzu schmutzig oder gar blutig zu machen, wird die Regierung in Écuyer ihre Einflusssphären. Wenn die Lamargue vom Krieg ausgeblutet ist, wird die Armee des Städtebundes als Retter dort einmarschieren. Dieses Spiel haben sie schon einmal vor 300 Jahren mit Italmar und der Provinz getrieben. Wenn zwei sich streiten … Ich frage mich nur, ob das Parlament von den Machenschaften ihrer Botschafterin weiß.«

Galves und Miladí hatten schweigend und aufmerksam Sahars Ausführungen zugehört, aber jetzt lachte die schöne Frau auf.

»Wenn ich dem Rat des Bundes so etwas vorgeschlagen hätte, dann würden die alten Leutchen dort noch bis zu ihrem Tod darüber debattieren, ohne zu einem Entschluss zu kommen. Manchmal muss man am Parlament vorbei entscheiden.« Sie deutete vor den beiden Männern eine Verbeugung an.

»Du hast meinen Respekt, Sahar von Italmar. Du bist ein wirklich talentierter Märchenerzähler. Aber du hast eine winzige Kleinigkeit übersehen.«

Es raschelte im Gebüsch an der Seite und Sahar und Galves fuhren erschrocken herum. Ein Messer flog durch die Luft. Es traf den Obersten zielsicher und bohrte sich mit seiner Klinge in die Kehle der Schwalbe, bevor er reagieren konnte. Seine Augen wurden kreisrund, aber da war es schon zu spät. Galves konnte nicht einmal mehr einen Laut von sich geben und war bereits tot, bevor sein Körper rückwärts auf den Boden kippte. Sahar war vor Schrecken starr. Eine dunkle Gestalt richtete sich auf und trat heraus aus dem Unterholz. Es war die verschleierte Dienerin von Miladí. Als sie neben ihre Herrin trat, hatte sie bereits ein weiteres Messer wurfbereit in der Hand, aber Miladí winkte ab. Sie nickte ernst und fuhr fort, als wäre nichts geschehen:

»Du hast übersehen, Adept, dass die Kalte Hand viele Finger hat.“

Dann pfiff sie ein Signal. Eine weitere Person kam aus dem Gebüsch. Es war der halbnackte, tätowierte Kling‘Arta-Leibwächter der Botschafterin, der sich zwischen die beiden Frauen stellte und seiner Herrin etwas in seiner altertümlichen Sprache ins Ohr flüsterte. Der Hühne musste sich dazu herabbeugen, ließ aber den sprachlosen Mönchskrieger dabei für keinen Augenblick aus den Augen. Der gelehrte Sahar verstand die Worte ebenso problemlos wie Miladí und er packte den dünnen Griff seines Degens fester, während er mit seiner anderen Hand wie zufällig in die Hosentasche griff.

»Kadik ost‘A wert? – Soll ich das da erledigen?«

Die Botschaftern warf einen nachdenklichen Blick auf Sahar, dann nickte sie langsam.

»Diese schwarze Schmeißfliegen aus Italmar ärgern mich langsam. Wir treffen uns am vereinbarten Platz. Esnata, komm mit mir. Wer‘Quer wird hier alleine fertig.«

Während sich der Kling‘Arta drohend aufrichtete und seine schaufelgroßen Hände aneinander rieb, rannten Miladí mit ihrer Meuchelmörderin davon. Sahar machte sich bereit. Gegen diesen Koloss hätte wahrscheinlich nicht einmal der Regno eine Chance gehabt.

»Da tu al‘Q ide bahastik! – ich werde dich wie ein Insekt zerquetschen!«, brüllte Wer‘Quer und stürmte wie ein wütendes Woll-Einhorn aus Frostjie auf den kleinen, dünnen Mönch zu.

 

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 5)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

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Der Stumme schüttelte mitleidig den Kopf, nahm Eóra beschützend in den Arm und begleitete sie zur Zelle hinaus. In der Tür blieben sie noch einmal stehen und die Tochter sah zurück zu ihrem Vater.

»Ich wollte dich noch ein letztes Mal sehen und Muhar und Radik haben mir diesen Wunsch erfüllt. Verstehe doch. Ich liebe meinen Gemahl und würde alles für ihn tun.« Sie wandte sich endgültig um und Muhar führte sie eilig aus dem Kerker.

»Liebe!«, rief ihr Ómer hinterher und seine Stimme überschlug sich. »Du hast mich nur wegen der Liebe verra­ten? Wie erbärmlich. Kein Sud hat bisher irgendetwas aus Liebe getan. Sie vergeht wie ein Blatt am Baum. Wenn der Herbst kommt, dörrt sie aus und fällt nutzlos in den Kehricht. Aber der Baum selbst, das Geschlecht der Sud, bleibt bestehen, denn er hat Wurzeln in die Zeit und die Tiefe gebohrt. Liebe vergeht, doch die Macht bleibt beständig.«

Ómer schwieg. Ihm wurde plötzlich bewusst, dass seine Tochter würde seine Worte nicht mehr hören und auch nicht verstehen konnte. Radik, der noch in der Zelle verblieben war, rümpfte die Nase und kam einen Schritt näher. Er achtete sorg­fältig darauf, wohin er seine seidenen Pantoffeln setz­te. Er wollte seinen Triumph auskosten und übersah dabei vollkommen, dass sein alter Feind auch in dieser Situation ein gefährlicher Mann war.

»Und wo ist sie jetzt hin, deine Macht?«, fragte er spot­tend. »Ich habe dich entwurzelt.«

Ómer sprang auf. »Meine Macht willst du sehen? Ich zeige sie dir, du schwanzloser Bastard!«

Er stürzte sich auf Radik, dem es nicht mehr gelang zurückzuweichen und riss ihn mit sich zu Boden hinein in den schmutzigen Strohhaufen. Mit einem Satz saß er rittlings auf seinem Widersacher, der verzweifelt um sich schlug. Ómer hob die zweizinkige Fleischgabel, die er noch im Speisesaal hatte an sich bringen können, bevor ihn die Treuwächter ergriffen, und die er ganze Zeit unter seinem Gewand verborgen gehalten hatte. In der Aufregung und der Eile hatten sie es unterlassen, ihn zu durchsuchen, bevor sie ihn in die Zelle geworfen hatten. Mitleidlos rammte Ómer die Gabel in Radiks rechtes Auge, der gepeinigt heulte und sich aufbäumte. Aber es gelang ihm nicht, Ómer abzuabwerfen. Er beugte seinen Kopf herab und legte seine Lippen auf das Ohr des Gepeinigten, während er ihm seine Hand auf den Mund presste.

»Und für dich habe ich auch eine Lehre, die für mich genauso schmerzhaft war wie für dich jetzt, als ich sie begriffen habe. Unterschätze niemals einen Gegner. Selbst wenn er vor dir auf dem Boden liegt«, flüsterte er. Radik stöhnte nur.

»Oh, nein«, fuhr Ómer fort, »ich werde dir nicht das Leben nehmen. Diesen Schatten werde ich mir nicht auf die Seele legen. Du wirst hier verrotten.«

Er richtete sich wieder auf und drehte noch einmal grausam die blutige Gabel in der schrecklichen Wunde, die einmal das rechte Auge des Beschnittenen gewesen war. Radik schrie noch einmal auf, dann sank er bewusstlos in sich zusammen. Ómer warf seine besudelte Waffe zur Seite und schmierte gedankenverloren das Blut an seiner Hand in das schimmlige Stroh. Dann spuckte verächtlich aus, riss Radik zum Abschluss den gestohlenen Edelstein vom Turban und stand auf.

»Das gehört mir«, murmelte er und steckte das große Juwel, das bereits seinem fernen Vorfahren Turini gehört hatte und seit vielen Generationen im Besitz der Familie Sud war, in die Tasche seiner schmutzigen Pluderhose. Er überlegte fieberhaft. Jetzt blieb ihm nur eine schnelle Flucht, doch sie wollte gut geplant sein. Ein kopfloses Herumirren im elfenbeinernen Palast würde ihn nur wieder in die Hände der Treuwächter führen, die bestimmt wie ein zorniger Hornissenschwarm durch die Räume jagten. Ob es ihm gelingen konnte, sich unter die fliehenden Gäste seines in dieser Katastrophe geendeten Festmahls zu mogeln und zwischen ihnen verborgen den Palast zu verlassen? Nur mit einem blutigen und schmutzigen Hemd bekleidet wohl kaum. Die Wahrscheinlichkeit, dabei entdeckt zu werden, war viel zu hoch. In seine eigenen Gemächer konnte er auf keinen Fall zurückkehren, auch wenn er sich gerne andere Kleidung besorgt und sich aus seiner übervollen Schatzkiste bedient hätte.

Doch ein kluger Mann wie der ehemalige Vezir hatte für alle Schicksalswenden vorgesorgt. Er hatte noch einen Fluchtplan für schlechte Zeiten vorbereitet und er beeilte sich, ihn umzusetzen. Als der Attentäter, dessen Platz er vorhin in dieser Zelle eingenommen hatte und den jetzt Radik übernommen hatte, festgenommen worden war, hatte Ómer persönlich nach dem Weg gesucht, auf dem der Mönch in den Palast eingeschlichen und bis zum Thronsaal vorgedrungen war. Der schwer verwundete Adelph war zwar nicht ansprech- und damit auch nicht verhörbar, aber die Blutspur, die er in den Korridoren hinterlassen hatte, war deutlich genug gewesen. Sie hatte den neugierigen Vezir in einen heutzutage kaum benutzten Teil des Palastes nahe der Lagerräume bis zu der Stelle geführt, wo sie völlig überraschend vor einer scheinbar massiven Wand endete. Doch nach ein wenig herumprobieren hatte er einen gut verborgenen Schalter im bröckligen und arabesken Gipszierrat der Mauer entdeckt, der eine geheime Tür zu einem längst vergessenen Raum öffnete, dessen Rückwand gewaltsam aufgebrochen war. Von dort gelangte man über einen Tunnel zu den Kanälen, die die Abwässer des Gebäudes in den Syris leiteten.

Damit war das Geheimnis, auf welche Weise der Mönch aus Italmar bis zum Namenlosen hatte vordringen können, gelüftet. Es blieb zwar noch die Fragen offen, wer ihn dabei geholfen hatte und wer ihn angeschossen hatte, aber die wollte Ómer auf sich beruhen lassen, bis er Adleph verhören konnte. Den versteckten Eingang jedoch hatte er versiegeln und den Korridor davor von seinen eigenen Leuten Tag und Nacht bewachen lassen. Dies war zwar nicht der einzige Geheimweg, den es aus dem Elfenbein-Palast gab, von dem der Vezir wusste. Aber er lag dem Zellentrakt am nächsten und war deshalb seine erste Wahl bei der Flucht.

Ómer kümmerte sich nicht weiter um den langsam wieder erwachenden und sich in Schmerzen auf Boden wälzenden Rivalen, mit dem er längst abgeschlossen hatte. Er hatte sich entschieden und verließ deshalb eilig die Zelle. Ihre massive Tür versperrte er sorgfältig mit dem Schlüssel, der praktischerweise noch im Schloss steckte. Den nützlichen Schlüsselbund nahm er danach an sich, denn mit ihm würden sich für ihn auch andere Türen öffnen lassen. Er wollte ihn später in einem der vielen unterirdischen Kanäle entsorgen, wo ein schon lange vorbereitetes kleines Ruderboot auf ihn wartete, das ausreichend Proviant und eine gut gefüllte Kiste mit Goldmünzen und Pretiosen an Bord hatte. Mit diesen Reichtümern, die er als oberster Steuerbeamter aus den Taschen der Bürger von Karukora gestohlen hatte, wollte er den Marat überqueren und das Juwel der Wüste für immer verlassen, um irgendwo im barbarischen Süden, aus dem seine Familie stammte, neu zu beginnen.

Der kleine Mann aus dem Gefängnis, bevor ein Wächter auf die Idee kam, hier unten nach dem Rechten zu sehen.Er schlich an den vielen Zellentüren vorbei, in denen hunderte Gefangene eingesperrt waren. Die meisten hatten es nicht der Gerichtsbarkeit des Namenlosen, sondern seinem grausamen Minister Ómer zu verdanken, dass sie hier unten verfaulten. Hier und dort war nur ein leises Seufzen und Jammern zu vernehmen, manche schlug mit der flachen Hand oder mit blutigen Fäusten gegen das Holz ihrer Gefängnistüren. Doch hinter den meisten war es merkwürdig still.

Seltsam, dass ausgerechnet Adelph und nur er befreit wurde, überlegte Ómer. Und das diese Flucht während des Fests, das mit seiner Palastrevolution enden sollte, geschehen war, war doch ein wirklich merkwürdiges zeitliches Übereintreffen. Das konnte kein Zufall sein. Ob es mit Muhars Verrat und dem Anschlag auf den Regno zusammenhing? Warum hatte ihm der Märchenerzähler Alis vorhin zugezwinkert? Hatte er gewusst, was er für seinen Enkelsohn plante?

Und wer schließlich hatte den Regno Raul ermordet? Gehörte das zu den Plänen seiner Feinde oder steckte ein ganz anderer dahinter, an den er nicht dachte? Oder an die er nicht dachte?

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[Zur Fortsetzung …]

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Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 10)

[zum 1. Teil …]

„Herrgott! Überrangprotokoll Fabia! Omicron, Standby“, zischte Fabia zwischen zwei Würgeanfällen. Der kleine goLem blieb sofort stehen und blinkte stumm, als wäre er beleidigt.

„Na, Mädchen?“, fragte Leon mitleidig, als es Fabia wieder etwas besser ging, „doch nicht so stark und mutig?“

„Nein, es ist nur … Mir ist ziemlich schwindlig wegen meiner Krankheit. Ich werde langsam hämoylitisch. Das wirkt sich zuerst auf meinen Kreislauf aus.“ Sie deutete auf einen kleinen, zellenartigen Anbau an einem Gebäude in der Nähe, auf dessen Milchglastür ein großes rotes Kreuz dargestellt war. „Ich muss dringend zu dieser Notarzt-Station. Ich brauche Medikamente und eine Transfusion.“

Fabia spuckte aus, um den ekligen Geschmack im Mund loszuwerden, was ihr auf diese Weise jedoch nicht gelang.

„Ich helfe dir“, bot sich Leon an. „Die Ärzte sind sich schon längst geflohen oder evakuiert worden. Ich glaube nicht, dass sich außer uns und deinen Freunden noch jemand in diesem Stadtviertel aufhält.“

Das Mädchen richtete sich zitternd auf und winkte ab. Sie probierte ein paar Schritte. Ihre Knie waren zwar weich und die Beine wacklig, aber bis zu der Krankenstation würde sie es ohne Hilfe schaffen.

„Danke, aber das wird nicht nötig sein“, lehnte sie Leons Angebot ab. „Es wird dort drin sicher noch einen Gamma geben, der mir helfen kann. Falls sie ihn schon evakuiert haben sollten, kann mich auch mein Omikron unterstützen. Er hat ein Medizin-Update.“

Der Bildhauer wollte einen Einwand machen, aber Fabia ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Ihr beide solltet auf jeden Fall auf der Stelle zu den Zügen fliegen, bevor uns die Polizei wiederfindet. So beschäftigt können die gar nicht sein, dass sie nicht den Absturz ihrer zwei Einheiten untersuchen. Bringt euch in Sicherheit, bevor sie kommen. Mit dem Schweber habt ihr eine echte Chance.“

Leon nickte und fuhr sich mit der Hand nachdenklich über die Glatze. Er zögerte.

„Bist du dir sicher? Du weißt aber schon, dass sie uns nicht zufällig abgepasst haben? Du bist verraten worden und sie sind hinter dir her. Ich lasse dich nur ungern alleine.“

„Ich werde in der Bibliothek bei meinen Freunden in Sicherheit vor der Polizei sein – keine Sorge. Von dort kann ich auch problemlos die Uniklinik-Haltestelle der UMS-Bahn erreichen. Die bringt mich in einer Stunde nach Frankfurt. Vielleicht können wir uns dort wieder treffen. Aber jetzt fliegt endlich los. Ich wünsche euch alles Glück. Meldet euch, wenn ihr euch gerettet habt – danach, meine ich, wenn das alles vorbei ist …“

Fabia nahm ihren reglosen goLEM unter den Arm und ging mit so festen Schritten, wie sie ihr in ihrem Zustand möglich waren, auf die Notfall-Einrichtung zu. Sie drehte sich nicht noch einmal um, weil ihr sonst wahrscheinlich die Tränen gekommen wären. Leon sah ihr so lange hinterher, bis sie den Platz überquert hatte. Dann warf er warf einen letzten Blick hinauf in den leeren, grauen Himmel, über den nun merkwürdig gleichmäßige und runde Wolken zogen, die aus sich selbst heraus orange leuchteten. Sie glichen farbigen Ballons und wirkten auf ihn wie die Boten des nahenden Untergangs. Der Bildhauer hätte sie gerne mit seinen eigenen Händen aus Ton nachgeformt. Aber er würde wohl nicht mehr dazu kommen, seine Kunst noch einmal auszuüben. Auch wenn die Pariser bessere Chancen als die Einwohner der direkt an der Atlantikküste liegenden Megapole Marelona hatten, fühlte Leon im Gegensatz zu Fabia keinen Optimismus und hatte keinen Glauben, dass ausgerechnet er die Katastrophe in etwa zwölf Stunden überleben würde. Schließlich waren ja auch heute morgen wieder die Kampfhandlungen mit der Indopazifischen Union aufgeflammt, die jederzeit ein nukleares Armageddon auslösen konnten. Was der Impact des Mondbrockens und der Tsunami nicht erledigten, schafften vielleicht die Atomwaffen der Kriegsparteien: Europa zwischen Scylla im Westen und Charybdis im Osten zu zerreiben. Vielleicht überstanden ja ein paar seiner Werke den Weltuntergang …

Raphaël rief ihn ungeduldig nach ihm und er lief kopfschüttelnd zum Schweber zurück. Er war höchste Zeit, aufzubrechen und die dem Tode geweihte Stadt zu verlassen.

Fabia hatte inzwischen das Rote-Kreuz-Gebäude erreicht und legte ihre Hand auf die Glasfläche der Tür. Sie wurde gescannt und die Tür öffnete sich vor ihr. Bevor sie eintrat, sah sie doch noch einmal zurück und dem emporsteigenden Schweber zu, bis er hinter einem der schlank wie eine Nadel in den Himmel stechenden Val-d’Oise-Türme verschwand. Der Abschied eben war für immer gewesen, das war auch ihr klar. Selbst wenn sie alle drei der großen Welle entkamen und rechtzeitig in die sicheren Gebiete im Westen gelangte, würde doch das I-Net zusammen brechen und sie sich in dem Chaos, das gerade in den deutschen Landen herrschen musste, die gerade von Milliarden von Flüchtenden überschwemmt wurden, niemals wiederfinden. Jetzt lief ihr doch eine Träne über die Wange.

„Womit kann ich dir dienen, Bürgerin?“, wurde Fabias düstere Stimmung von einer einfühlsamen, aber vollkommen geschlechtslosen Stimme hinter ihr unterbrochen. Die stachlige Kugel eines Arzt-goLEMs schwebte heran. Außer ihm und ein paar der überall anzufindenden, spinnenähnlichen Sanitäts- und Reparaturdeltas, die im Hintergrund an den Wänden hingen und leicht auf ihren unzähligen kleinen Beinchen zitterten, war niemand mehr in der Notfall-Einrichtung. Die medizinischen GoLems der Gamma-Reihe wurden im Volksmund wegen der Treffsicherheit ihrer Prognosen Tu-as-qu’à oder DO ASK genannt und erinnerten ein wenig an einen fliegenden Seeigel, dessen Stacheln allerdings dünne Arme waren, die den unterschiedlichsten medizinischen Zwecken dienten. Trotz der weltweit gültigen Roboter-Gesetze, die nach dem verheerenden KI-Aufstand im 23. Jahrhundert Verstand und Persönlichkeit künstlicher Intelligenzen strengen Obergrenzen unterwarfen, waren die Tu-as-qu‘à von der Mooncorp. mit einer der fortschrittlichsten und selbstständigsten KI‘s ausgestattet worden, die es gab. Denn diese goLEMs mussten neben ihren medizinischen auch psychologische und psychiatrische Aufgaben erledigen konnten. Die geistigen Fähigkeiten der Gammas übertrafen damit bei weitem die Möglichkeiten der durchschnittlichen und absichtlich „dumm“ programmierten anderen goLEMs; Fabia schätzte die Tu-as-qu’à sogar für intelligenter und sozialkompetenter als die meisten Menschen ein, die sie kannte – sich selbst dabei eingeschlossen. Die Gammas waren eigentlich nur durch ihre eigenwillige äußere Form, die einseitige Programmierung und durch die Kontrollen des I-Nets beschränkt. Das Prinzip ihrer neuronalen Netze hatte übrigens Professor Rosenthal entworfen, dem dafür einen seiner beiden Nobelpreise verliehen worden war.

Fabia schmunzelte, als sie sich unter dem grünen Untersuchungsstrahl des Gammas einmal um sich selbst drehte. Wie wohl die Corp., die dem Professor seine Forschungsergebnisse und Patente gestohlen hatte, reagieren würde, wenn sie wüsse, dass er insgeheim schon viel, viel weiter war und in den Kybernetiklaboren der Pariser Universität den ersten komplett menschenähnlichen Androiden geschaffen hatte, den er in einem Wortspiel nach dem shakespeareschen Waldgott Oberone nannte. Wenn schon kein Gott, so sollte Ober-1 unter den Normalsterblichen – auch den genoptimierten – zumindest ein Halbgott werden. Es war Fabias Aufgabe in Baruch Rosenthals kleinem Team, die KI des Androiden zu pflegen,zu  testen und zu entwickeln. Sie hatte inzwischen ein sonderbares, sehr intimes Verhältnis zu künstlichen Menschen aufgebaut; ein verwirrendes Verhältnis, über das sie nicht näher nachdenken wollte, denn Oberone war vom Wissen und erstaunlicherweise auch vom Charakter her wie eine jüngere Ausgabe des Professors, in den sie verliebt war.

Der grüne Strahl erlosch.

„Bürgerin“, sagte der goLEM. Er klang sehr ernst und hatte tatsächlich eine wohldosierte Besorgnis in seine Stimme gelegt. „Begebe dich sofort zur Behandlungsliege. Du benötigst dringend meine ärztliche Hilfe.“

Einer der dünnen Arme des Gammas klickte nervös und deutete auf die Seite, an der einige mit kompliziertem medizinischem Gerät verbundene leere Betten standen. Fabia folgte gehorsam der Aufforderung und setzte sich auf eine der Patientenliegen. Sie rollte den Ärmel des weiten Pullovers hoch und ließ sich von dem Tu-as-qu’à einen Shunt legen, über den er sie flink und professionell mit den Apparaturen der Notfall-Station verband. Eigentlich war es unverantwortlich, solch eine wertvolle Technologie einfach der Zerstörung oder irgendwelchen Plünderern zu überlassen, die – Weltuntergang hin, Armageddon her – doch sicher die evakuierten Gebäude und Einrichtungen nach Beute absuchten, auch wenn ein paar von ihnen bestimmt von den Polizeiomegas geschnappt und unter Anwendung der neuen 2MC-Gesetzgebung an Ort und Stelle standrechtlich exekutiert wurden. Hier im Univiertel schien jedoch alles ruhig zu sein.

„Merkwürdig“, ging Fabia durch den Kopf. „Das ist wie die Ruhe vor dem Sturm.“

[Fortsetzung am nächsten Freitag …]

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 4)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

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Ómers Verzweiflung war in eine neue Phase getreten. Nachdem er getobt und sich selbst in blindwütigem Zorn das Gesicht blutig gekratzt und seine edle seidene Kleidung zerrissen hatte, saß er nun als ein in sich zu­sammen gesunkener Haufen Elend in einer dunklen Ecke der fauligen, kleinen Zelle und bemitleidete sich.

Er war in den Palastverliesen vollkommen allein. Die Treuwächter hatten den ehemaligen Vezir ohne Umwe­ge zum Kerker des Elfenbeinpalasts gebracht und dort erschrocken feststellen müssen, dass die beiden Ge­fängniswärter betäubt am Boden lagen und eine der Zellen mit deren Schlüssel geöffnet worden war. Dort hatte man den Mönch gefangen gehalten, der sich Adelf von Südermar nannte und vor einigen Wochen ein missglücktes Attentat auf den Namenlosen verübt hatte. Er war nur deshalb noch nicht hingerichtet worden, weil Ómer Näheres über seine Hintermänner hatte erfahren wollen. Adelf hatte seine schweren Verletzungen zwar überlebt, war aber noch viel zu schwach für eine selbständige Flucht. Jemand musste ihm ge­holfen und die Wachen ausgeschaltet haben.

Die Treu­wächter hatten Ómer einfach durch die geöffnete Tür, in der noch immer der Schlüsselbund steckte, in die Zelle dahinter geworfen und ihn dort eingesperrt. Dann hatten sie die verwirrten Wachen, die keine Aussagen, was mit ihnen geschehen war, machen konnten, wach­gerüttelt und waren mit ihnen fortgeeilt, um den Aus­bruch zu melden und in dem Durcheinander der miss­glückten Palastrevolte, wo überall Treuwächter gegen abtrünnige Soldaten und lamargische Krieger kämpf­ten, nach dem Flüchtigen und seinem Helfer zu su­chen. Sie waren seitdem nicht mehr zurückgekehrt.

Ómer hob den Kopf und lauschte angestrengt. Durch das dicke Mauerwerk drang kein Laut von den Ausein­andersetzungen zu ihm herab. Das letzte, was er gese­hen hatte, als ihn die Wachen aus seinem eigenen Speisesaal führten, waren die über den überra­schenden Tod ihres Herren wütenden und verwirrten Soldaten des Regno ge­wesen, die sich selbstmörderisch auf die Palastwache und auf Paşa Ultem und seine Männer, die sie für die Untat verantwortlich machten, stürzten. Ómers Ge­danken gingen zu dem unglücklichen Raul. Wenn den Herrscher über die mächtige Lamargue nicht der Schlagfluss ge­troffen hatte, weil er zu viel aß und trank, dann hatte ihn jemand ermordet. Wer konnte dafür verantwortlich sein? Seine Frau Dora Kahlja und seine beiden Söhne würden nach dieser Untat nicht einfach zum Alltagsgeschäft übergehen, sondern die Köpfe der Verantwortlichen fordern. Wer also profitierte vom Tod des Bären und dem nun unvermeidlichen Krieg zwischen der Lamargue und Karukora?

Wer auch immer das getan hatte, er hatte bei Ómer eine letzte Hoffnung erweckt: Vielleicht kam ja in diesem Scharmützel im Speisesaal, das die Garde des Regno nicht ge­winnen konnte, weil sie zahlen- und waffenmäßig voll­kommen unterlegen war, auch der „Unterwerfer“ um. Das konnte doch im Eifer des Gefechts schon mal pas­sieren. Dann käme doch noch sein ungeborener Enkel an die Macht. Er hoffte nur, seine Tochter Eóra hatte sich in Sicherheit bringen können. Und vielleicht konnte sie überzeugend darlegen, nichts von dem Verrat ihres Va­ters gewusst zu haben, was übrigens ja nach Ómers Meinung auch der Wahrheit entsprach. Er hatte nie­mals mit seiner Tochter über seine Pläne gesprochen. Dann bestand doch noch alle Hoffnung, das eines Tages ein Namenloser aus dem Geschlecht der Sud den Fal­kenthron betrat – den Eóra noch unter ihrem Herzen trug.

Die Zellentür wurde quietschend geöffnet und riss den so tief Gefallenen aus seinen rosigen Träumen. Drei Schemen traten her­ein, die nicht hätten unterschiedlicher sein können. Ei­ner von ihnen brachte eine Laterne mit in das düstere, fensterlose Gefängnis. Nachdem sich Ómers Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten, erkannte er die drei. Es waren sein Todfeind Radik Emre, der wahrscheinlich gekommen war, um ihn zu verhöhnen und sich an seinem erbärmlichen Anblick zu weiden, sein Diener Muhar und … seine hochschwangere Tochter Eóra! Sie hatte viel geweint, aber nun waren ihre Tränen getrocknet und ein entschlossener Aus­druck, den Ómer an ihr nicht kannte, lag auf ihrem Ge­sicht.

Der entmachtete Vezir richtete seinen Oberkörper stolz auf und reckte seine Adlernase in die Höhe.Wie war sie ausgerechnet in die Gesellschaft dieser beiden Männer geraten? Ihm kam ein ungeheuerlicher Ver­dacht. Doch noch wollte er ihn nicht wahrhaben. Statt­dessen erkundigte er sich zuerst nach dem Verlauf der Kämp­fe im Speisesaal. Der Seneschall antwortete:

»Sie sind vorbei. Es war ein schreckliches Blutbad, aber die Treuwächter waren siegreich und haben fast alle der Barbaren des Regno erschlagen. Nur noch we­nige sind auf der Flucht, doch sie werden den Palast nicht lebend verlassen. Sie sind ein merkwürdiges Volk, diese Lamarger. Stolz, aber dumm.«

»Sie wollten ohne ihren geliebten Regno nicht mehr leben. Was ist daran dumm? Ach ja, da fällt mir ein: Wie geht es denn dem Namenlosen?«

»Dem „Unterwerfer“ – alle Daimona des Himmels und der Erde und des Wasser singen von seiner Macht – wurde kein Haar gekrümmt. Der Allerbarmerin sein Dank.« Radik, der, wie Ómer erst jetzt bemerkte, tat­sächlich an seinem Turban den Edelstein des Vezirs trug, machte eine Pause, die er sichtlich genoss.

»In seiner grenzenlosen Güte hat übrigens der Na­menlose mich zu seinem treuen Vezir erhoben.«

»Nun«, Ómer lächelte sardonisch und bleckte dabei seine braunen Zahnstummel, »die Geschichte lehrt uns eines: Personalentscheidungen waren noch nie die Stärke der Bişra. Aber ich gratuliere dir. Deine jahre­langen Schmeicheleien wurden endlich belohnt. Wie fühlt es sich an, bis zur Schulter im Arsch des Namenlosen zu stecken?«

Radik ging großzügig über diese Beleidigung hinweg.

»Meine erste Amtshandlung war es selbstverständ­lich, dich wegen deines Verrates zum Tode zu verurtei­len, Ómer Sud«, flötete er zufrieden mit seiner hohen Kastra­tenstimme und Eóra seufzte auf. »Doch der Namenlose, dessen Barmherzigkeit seinem Volk milde ins Herz scheint, hat Gnade gezeigt. Du wirst nur die Hand verlieren, die du gegen deinen Herrn erhoben hast und den Rest deiner traurigen Tage als Rudersklave auf der „Schlafwandler im Gar­ten der Düfte“, der Flussgaleere des „Unterwerfers“, verbringen. Du kannst dich glücklich preisen, denn so bleibst du in der Nähe deines göttlichen Herrschers und seiner liebsten Gemahlin, die ihm bald einen Sohn gebären wird.“

Für Ómer war es an der Zeit, der Wahrheit in das ver­weinte, feiste Gesicht zu sehen.

»Dann warst es also doch du, die mich verraten hat, Eóra? Warum hast du das getan?«

»Weil ich meinen Gemahl liebe und er mich liebt, Va­ter«, flüsterte die junge Frau fast unhörbar. »Mein Bişra ist der Stern meines Lebens und mit ihm gemein­sam werden ich und unser Sohn über das Juwel der Wüste herrschen.«

Ómer lachte und bekam einen Hustenanfall. Die feuchte Zelle war seiner angegriffenen Gesundheit nicht gerade zuträglich. Wenn ihn Radik hier für län­gere Zeit verfaulen ließ, dann würde dem ehemaligen Vezir die Qual eines Galeerensklaven erspart bleiben. Wie grotesk doch die Fäden des Schicksals gewoben waren. Einmal in ihrem Leben hatte sich Ómers Toch­ter als seiner würdig erwiesen und gezeigt, dass sie eine echte Sud war. Ausgerechnet er selbst hatte dies zu spüren bekommen.

Als sich sein Atem wieder etwas beruhigt hatte, nick­te er mit hochrotem Kopf Muhar zu.

»Du hast ihr dabei geholfen, nicht wahr? Von dir hat Eóra davon erfahren?«, fragte er, überzeugt, dass er ins Schwarze traf. Der Stumme wollte zuerst zu einen Zet­teln und dem Stift greifen, aber dann senkte er einfach den Kopf.

»Ja, ich sehe schon. Das ist endlich deine Rache, weil ich dir die Zunge nahm. Ich gestehe, Muhar, ich habe dich unterschätzt. Ich bin blind in deine Falle gerannt. Nun. Dann weide dich an meinem Unglück, solange du es noch kannst. Es werden andere Tage kommen. Auch dein Schicksal wird sich wieder wenden, das prophe­zeihe ich dir. Karak‘Ora gesta wides, ma setre kobra Que. Karukora gibt reichlich, aber noch mehr nimmt es«, zitierte er ein altes wendisches Sprichwort.

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[Zur Fortsetzung …]

Ein Kommentar

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Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 9)

[zum 1. Teil …]

„Haltet euch fest, das wird etwas holprig“, sagte Fabia und wies Omicron an, heimlich die Notfallabschaltung des Schwebers zu überbrücken und das Kommando an sie zu übergeben. Sobald das Steuer auf ihre Handbewegungen reagierte und ihre Augreyes mehrere Flugrouten einblendeten, ging sie in einen gemächlichen Sinkflug, als würde der automatische Pilot der Aufforderung der Polizei gehorchen. Doch dann gab sie Gas. Fabias Mitfahrer sperrte noch panisch ihre Münder auf, als der Schweber mit erheblichem Tempo nach unten wegsackte, aber ihr gemeinsamer Angstschrei wurde von dem aufheulenden Motor übertönt.

Und ab ging der trudelnde Sturzflug in die Tiefe, kreuzte vertikal ein paar der zum Glück nur wenig befahrenen Luftstraßen und tauchte dann nur ungefähr zwanzig Meter über dem Boden zwischen zwei eng beieinander stehende Gebäude, wo Fabia durch tollkühne Flugmanöver versuchte, die Verfolger abzuhängen. Es gelang ihr nicht. Die künstlichen Piloten der Polizeischweber steuerten gedankenschnell und mit ebenso viel Todesverachtung wie das Mädchen, dem sie mit geringem Abstand auf dem halsbrecherischen Zickzack-Kurs durch das antike Stadtviertel Bezons ohne Probleme folgten. Blaue Lichter kreisten um die Meridiane der Polizeiflieger und Omicron bekam viel Arbeit, die Hackzugriffe der Omegas auf den Schweber zu unterbinden.

Weil der Motor aufs Äußerste gefordert wurde, war es in der Kabine wurde es trotz der Enge mit einem Mal eisig kalt. Fabias hektisch ausgestoßener Atem stand als Wolke vor ihr. Jetzt, knapp über dem Boden auf einer scheinbar willkürlich und zufällig gewählten Route dahin jagend, beschleunigte sie immer weiter. Der Steuerknüppel in ihrer Hand begann zu vibrieren und ließ sich kaum mehr von ihr beherrschen. Leon, der die Gefahr erkannte und wohl auch Fabias Vorhaben erahnte, legte seine Hand auf ihr und gemeinsam hielten sie den Schweber stabil und in ihrer Kontrolle. Von Omicron von seinen Sicherheitsschranken befreit, war er fast dreihundert Stundenkilometer schnell, ein mörderisches Tempo, das alle in ihre Sitze drückte.

Dann hatte Fabia über die von ihren Augreyes eingeblendete Stadtkarte einen geeigneten Ort für ihren Plan gefunden. Sie bog noch zweimal ab – einmal trennte ihr Fluggefährt in der Kurve nur Zentimeter von der Hauswand – dann raste sie auf einen niedrigen Torbogen zu, der einen Eingang zu einer ausgedehnten Gartenanlage, die dem alten Bois de Bologne nachempfunden war, markierte. Links und rechts von dem Tor befanden sich massive Steinmauern. Selbstverständlich war es nur die zeitgenössische Kopie eines Triumphbogens aus der napoleonischen Zeit. Man hatte schon vor Langem alle übrig gebliebenen Antiken durch widerstandsfähige Repliken ersetzt. Manche von ihnen, wie die Glaspyramide im Innenhof des Louvres – der übrigens auch ein Nachbau war -, existierten nur noch als Hologramm. Fabia hätte es niemals gewagt, ein echtes, über tausend Jahre altes Relikt aus der bewegten Vergangenheit der Megapole auf diese Weise der Gefahr seiner Zerstörung auszusetzen, doch sie lenkte den Schweber mit gutem Gewissen durch das aus nahezu unverwüstlichem Kunststoff nachgebildete Tor.

Es war ein heikles Kunststück, aber es gelang. Links und rechts blieben zwischen dem Schweber und den Säulen vielleicht eine Armlänge Platz. Glücklich durchgekommen, riss sie das Steuer scharf zu sich und bremste. Die Steuerung kreischte wie ein weidwundes Tier auf, gehorchte jedoch. Raphaël, nicht angeschnallt, weil die Kabine ja nur für zwei ausgelegt war, wurde von der Fliehkraft nach vorne geschleudert. Leon hielt ihn zwar am Kragen fest und er selbst riss seine Arme noch schützend nach vorne und milderte dadurch seinen Fall etwas ab, aber er schlug doch mit dem Gesicht gegen das Glas der Scheibe und holte sich eine blutige Nase. Wahrscheinlich hätte er sich den Hals gebrochen, wenn sich nicht die Notfall-Trägheitsdämpfung eingeschaltet hätte und den abrupten Bremsvorgang abpufferte.

Doch von diesem Schönheitsfehler abgesehen, war Fabias akrobatisches Flugmanöver ein voller Erfolg. Die Maschinenintelligenz in dem Polizeischweber, die wie eine Klette an ihr hing, war auf solch eine blitzartige Pirouette nicht vorbereitet. Während Fabia ihre gläserne Kugel in einer engen Aufwärtskurve elegant emporsteigen ließ, gelang es zwar dem sie verfolgenden Schweber noch, ihr unbeschadet durch das Tor zu folgen, aber die anschließende scharfe Kehre gelang ihm nicht mehr. Sein Radius war um einige Meter breiter und das Fluggerät geriet dadurch in die Äste eines der Alleebäume, die den Kiesweg in den Park säumten. Sich um sich selbst drehend stürzte er in die üppigen Büsche, von denen eine empörte Wolke winziger Drohnen aufstieg, die auf allen landwirtschaftlichen Flächen die Bestäubungsarbeit der fast ausgestorbenen Bienen unterstützten.

Dem zweiten Verfolger erging es noch schlechter. Sein Pilot wollte den Fehler des anderen vermeiden und dem Triumphbogen in letzter Sekunde ausweichen, streifte aber eine der dorischen Säulen und explodierte in einem Feuerball, der ein Loch in die Gartenmauer sprengte.

Bürgerin Winterfeld …“, vernahm Fabia noch die Stimme eines Roboter-Polizisten durch die Funkverbindung, dann war nur noch weißes Rauschen zu hören. Seelenruhig gab sie die Steuerung an Omicron zurück, der den Flieger wieder auf den rechten Kurs brachte, über die nahe Seine flog und in gemäßigtem Tempo endlich auf das weitläufige Universitätsgelände zuhielt. Gemeinsam mit Leon kümmerte sich Fabia währenddessen um den jammernden Raphaël, dem ein zwei kaum zu stoppende Rinnsale Blut aus der Nase liefen. Sein Freund griff unter den Sitz und holte den Erste-Hilfe-Koffer heraus, aus dem er dann eine Bandage nahm, die er dem jungen Dichter gegen die Nase presste.

„Entschuldigt bitte mein Flugmanöver, aber ich sah keine andere Möglichkeit, die Polizei loszuwerden“, sagte Fabia kleinlaut. Sie hatte inzwischen großen Respekt vor dem glatzköpfigen Bildhauer, der offenbar immer Herr der Lage war. Raphaël grunzte nur, aber Leon machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Das geht schon in Ordnung. Wenn sie uns erwischt hätten, dann wären wir wahrscheinlich auf der Stelle exekutiert worden. Die Notstandsgesetze der 2MC kennen kein Erbarmen und keine Entschuldigungen. Ich hatte gehofft, sie würden nie in Kraft treten. Noch vor einem Monat haben wir gegen sie demonstriert, weil sie unsere bürgerliche Gesellschaft in die brutalste und menschenverachtendste Diktatur seit Ibn-Saids Rechtgläubigem Rotem Reich verwandeln würden, wenn sie zur Anwendung kämen. Man kann doch keine KI Recht sprechen lassen! Aber von einem multikontinentalen, planetaren Konzern wie der Corporation kann man nichts anderes erwarten, wenn er sich an die Regierung putscht. Solche Wirtschaftsgiganten sind die natürlichen Feinde jeder Demokratie.“

Omicron landete den Schweber auf einem kleinen Platz neben der Universitätsbibliothek. Die beeindruckende glänzende Fassade der Bibliothek reichte fünfzehn Stockwerke in den Himmel und ebenso viele in den Erdboden hinab. Wegen ihrer verwinkelten, in der Regel sechseckigen Innenräume und den schier bodenlosen Lichthöfen wurde sie von den Studierenden und den Professoren in Anklang an den alten Schriftsteller Jorge Luis Borges Babel genannt. Dort residierten in der untersten Kelleretage die Citoyens um Professor Rosenthal und dorthin wollte Fabia.

Sie schnallte sich ab, nahm Omicron unter den Arm und schälte sich aus dem Schweber, dessen mitgenommene Außenhülle eisig dampfte. Sie sah sich um. Es war fast unheimlich, wie leer der Platz war. Für Menschen, die es gewohnt waren, ihr Leben auf engstem Raum mit Milliarden anderen Individuen zu teilen, war es beängstigend. Fabia war da nicht anders. Sie kannte Einsamkeit und Leere nur, wenn sie über ihre Augreyes auf den Server des Computerspiels Walden 3.2 ging, das einen weltumspannenden Wald simulierte und – weil es aus der Mode gekommen war – nur wenige Player hatte, die sich deshalb fast nie begegneten. Dort saß sie gerne ein paar Stunden vor ihrer virtuellen Holzfällerhütte im Sonnenschein, sah den Flugechsen zu, die in der Thermik unter dem grünen Himmel ihre Runden drehten und genoss diese scheinbare Einsamkeit. Doch in der echten Welt fürchtete sie die Leere und hatte Agoraphobie. Sie wäre am Liebsten direkt in die Bibliothek mit ihren engen, nach echten Büchern riechenden Räume voller Menschen gewechselt, als die wenigen hundert Meter quer über den verwaisten Platz zu laufen. Aber ihr blieb keine andere Wahl.

Sie machte ein paar unsichere Schritte in Richtung Eingangstore. Doch dann sank sie in die Knie und erbrach sich. Schnell war Leon bei ihr und beugte sich über sie, hielt ihr helfend die Stirn.

[Zum 10. Teil …]

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 3)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Die suchenden Hände des Mönchs hatten links und rechts an den Seiten der Armlehnen zwei geschnitzte Arabesken gefunden, die wie die starren Augen von Echsen aussahen. Auf deren Mitte, auf die schlitzförmige Iris, legte er nun entschlossen seine Zeigefinger und drückte sie fest nach Innen. Adelf musste sich dabei anstrengen, denn der Mechanismus war alt und eingerostet, aber dann schnappten geräuschvoll zwei Riegel an der Hinterseite des Throns auf. Auf Rückenhöhe senkte sich dort kleine versteckte Klappe herab, hinter der sich offenbar ein Geheimfach verbarg, das der Mönch mit seinen seltsamen Sinnen erspürt hatte.

»C’est le noyau du caniche«, murmelte Juel.

Selin wand sich aus dem Griff des Meisterdiebs und eilte hinter den Falkenthron. Die anderen folgten ihm neugierig. Auch Adelf stand schwankend auf. Er schien sich nur schwer von seinem Sitz lösen zu können, als wäre er mit einem zähen Teer dort festgeklebt worden. Selin langte aufgeregt in das kleine Fach im Holz der Rückfront und beförderte eine schmale, in ein brüchiges Pergament eingeschlagene Platte hervor. Er befreite die Platte grob von ihrer schützenden Hülle. Das uralte braune Papier zerfiel ihm unter der Hand in seine Bruchstücke und segelte wie Herbstlaub zum Boden. Selin hob das rechteckige Fundstück etwas enttäuscht ins Licht. Er hatte etwas anderes – etwas viel Spektakuläreres – erwartet, als nur eine grüne Scheibe, auf der messingfarbene Linien ein seltsames und chaotisches Muster bildeten.

»Ist das alles?«, fragte er. »Was soll das denn sein? Das ist doch keine Landkarte!«

Juel trat neben in und bückte sich, untersuchte die ausgeblichenen, bräunlichen Tintenspuren auf den Papierstücken am Boden. Er hob eines auf und zerrieb es zwischen den Fingern.

»Die Karte hast du eben zerstört«, sagte er und stand wieder auf. »Das ist nicht so tragisch, denn du hast etwas viel Besseres …« Juel nahm ihm die Platte vorsichtig aus Selins Hand. Er betrachtete sie fasziniert.

»Nein, das ist zwar keine Karte, aber viel, viel mehr!« Er drehte die einen Handteller große Platte ein paar mal im Lichtschein der Fackeln herum und reichte sie dann ehrfürchtig an Selin zurück.

»Pass gut darauf auf«, flüsterte er, »dies scheint mir ein Vorgängerrelikt von unschätzbarem Wert zu sein und du solltest es niemandem zeigen. Es ist gut möglich, dass du damit sogar den Ewigen Krieg beenden kannst. Manchmal genügt es, ein kleines Steinchen an einer bestimmten Stelle ins Wasser zu werfen und alles ändert sich. So haben schon Weltreiche geendet – mit einem kleinen Stein. Ceci est parfois le cours du destin. Ich will behaupten, dass diese Platte, die die Vorgänger übrigens Platine genannt haben, viel wertvoller ist als die funkelnden Brillanten im Auge des Falken, für die sich die Diebesgilde interessiert. Wenn sie das wüssten, könnte es sein, dass sie ihr Abkommen mit euch ein wenig … modifizieren.«

Er warf einen warnenden Blick auf Semiras Dienerin, die das Interesse an dem Fund verloren hatte und auf den Thron kletterte, wo sie – breitbeinig auf den Armlehnen balancierend – mit ihrem Dolch an einem der großen Brillanten in den Augen des Falken herumstocherte, um ihn aus der Fassung zu hebeln. Das Holz des Stuhls knirschte und ächzte. Es klang, als wolle es sich über diese ruchlose Tat beklagen. Auch Adelf, der in der Nähe stand und mit einer Hand weiterhin die glatte, schwarze Oberfläche des Throns streichelte, schien nicht einverstanden. Er verzog das Gesicht und litt eine Qual, als fühle er den kalten Stahl am eigenen Leib, als würde die Diebin ihm selbst ihr Werkzeug in die Augenhöhlen bohren. Doch er sagte nichts und ließ sie gewähren.

Selin versteckte die grüne Platte eilig in seinem Hemd. Sollte sein Großvater entscheiden, was mit dem Fund anzufangen war.

»Aber wie soll uns dieser alte Gegenstand helfen, die Ebenen des Ewigen Krieges zu durchqueren?«, fragte er Juel, zu dem er immer mehr Vertrauen fasste. Obwohl er wusste, dass der Dicke ein Dieb war und wahrscheinlich eine beachtliche Liste von Gaunereien und anderen Gesetzesübertretungen auf dem Kerbholz hatte, hatte er doch das Gefühl, dass der angebliche Kaufmann es gut mit ihm meinte. Dieser seltsame Mann verbarg ein Geheimnis und eine Geschichte, die er gerne einmal gehört hätte.

»Du hast doch vorhin der Geschichte vom Ur-Meister Straif und seinem Schlüsseldolch gelauscht, die der Märchenerzähler vorgetragen hat«, erwiderte Juel und wirkte plötzlich sehr aufgeregt, »diese … Platine ist etwas ganz ähnliches. Sie ist der echte Weg, der in den Tag führt und nicht diese Papierfetzen, in die sie eingewickelt war. Auch diese Platine ist ebenfalls eine Art Schlüssel. Doch in ihr sind nicht die Schriften Baruchs verborgen. Ich bin solchen Gegenständen schon häufiger begegnet. Im Moment ist die Platine so nutzlos wie ein versiegeltes Buch in einer Sprache, die niemand versteht. Wir werden ein Gerät brauchen, das den Inhalt lesen kann. Ich habe zum Glück eines in meinem Kaufmannswagen.«/p>

Er sah sich kurz um, dann schob er nur für Selin sichtbar seinen Kragen ein wenig zur Seite. Ein Halsband wurde sichtbar, an dem eine weitere der seltsamen grünen Platten befestigt war. Sie war wesentlich kleiner als die Platine aus dem Thron und wirkte wie ein Schmuckstück.

»Schau hin, auch Adelf trägt solch eine um den Hals. Es ist das Symbol der Kirche der Gemeinschaft der leidenden Gene, das die wahrhaft Gläubigen bei ihrer Initiation zur Erinnerung an den Gründerabbas Straif verliehen bekommen. Damit erkennen wir einander. Doch unsere Platinen sind nur ein Abzeichen, ein wertloses Schmuckstück, von dem niemand mehr weiß, in welcher alten Vorgänger-Maschine es einmal steckte und wozu es diente. Es ist Schrott, der zuhauf bei Kellerausschachtungen oder in alten Bergwerksschächten gefunden wird. Die Hindersöhne schmücken damit die Wände ihrer Häuser und man kann sie auf den Märkten von Hossberg billig als Glücksbringer kaufen.«

Juel zögerte und nahm den jungen Mann zur Seite. Er senkte weiter seine Stimme, aus der inzwischen jeder Ost-Akzent verschwunden war, und Selin musste sich anstrengen, ihn noch zu verstehen. Doch es schien sich niemand für ihr Gespräch zu interessieren. Semira und Adelf sahen ungeduldig Jalah zu, die inzwischen das erste Auge des Falken an sich gebracht hatte und sich mit dem zweiten beschäftigte.

»Doch manche dieser Platinen haben noch ihre Kraft. Sie können Goleme besänftigen und Vorgängergeräten Befehle geben. Wenn ich mich nicht irre, macht Der Weg deinen Großvater und dich zu sehr mächtigen Männern. Ich hatte meine Zweifel, doch ich bin mir nun sicher, dass uns diese Platine nach Pardais führen kann. Und ich möchte, wenn ich darf, mit euch gehen.«

Es knackte hässlich und dann hielt Jalah triumphierend auch den zweiten Schmuckstein in der Hand. Eilig kletterte sie von dem entweihten Thron, der viel von seiner einschüchternden Wirkung verloren hatte.

» Jeder hat, was er wollte. Es ist an der Zeit, dass wir verschwinden!«

Juel legte kurz seine Hand auf die von Selin.

»Wir reden später weiter, wenn wir in Sicherheit sind.« Laut sagte er:

»Einen Moment noch, isch ‚abe beinahe etwas vergessen …«

Juel kramte in seiner Tasche und trat an den Thron. Dort legte sorgsam einen Zettel auf den Sitz, dann befestigte er ihn mit dem geliehenen Dolch, den er tief durch das Papier in das Holz trieb.

»Isch denke mal, das ‚ier wird der „Unterwerfer“ wohl kaum überse’en können«, stellte er dann mit einem fachmännischen Blick auf sein Werk fest. »Le cube est tombé!«

Selin, der schon hinter den anderen hergehen wollte, drehte sich noch einmal neugierig um.

»Was ist das denn?«

»Dies ist eine Nachricht für den Namenlosen. Alis hat sie mir gegeben. Isch sollte sie ‚ier zurücklassen. Isch weiß nicht, was auf ihr steht.«

Juel zuckte mit den Schultern und Selin tat es ihm nach, obwohl er seinen ganzen Besitz verwettet hätte, dass ihn der Dieb gerade belogen hatte. Juel hatte mit Sicherheit gelesen, was auf dem Zettel stand. Aber er fragte nicht nach. Er hatte schon lange aufgegeben, sich Gedanken über die Beweggründe seines Großvaters zu machen. Er vertraute ihm einfach, denn bisher hatten alle seine Pläne funktioniert. Sogar seine Semira würde ihn bei der Flucht nach Pardais begleiten. Als hätte sie seine Gedanken gelesen, drehte das Mädchen sich zu ihm und winkte ihn weiter. Sie lächelte ihm zu und dem jungen Mann wurde es warm in der Brust.

Was konnte denn jetzt noch schiefgehen?

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 2)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Ein kaum unterdrückter Aufschrei war zu hören und die drei wirbelten aufgeschreckt herum. Wie aus dem Nichts tauchte sowohl in Jalahs wie auch Juels Hand ein Dolch auf.

»Zeig dich!«, zischte der Meisterdieb drohend und aus der Deckung einer weiteren Säule trat schüchtern eine schlanke Frau ins Licht.

»Semira!« – »Herrin!«, riefen Selin und Jalah gleichzeitig. Semira fiel in die Arme ihres überraschten Freundes, der dabei nicht wusste, wie ihm geschah. Juel sah zuerst zu der Dienerin, dann zu dem Paar und entschied sich, dass im Moment keine Gefahr drohte. Er senkte er seine Waffe und brummte missvergnügt:

»Na, prima. Ceҫec Binsas verwöhntes Töchterchen. Warum haben wir nicht gleich Einladungen zu dieser Schatzsuche verschickt? Wer hat sich sonst noch in diesem Thronsaal versteckt – Hierion Éderwerfh vielleicht? Es heißt ja, er habe überall seine Hand im Spiel.«

»Du bist nahe dran, mein alter Freund. Aber du warst ja schon immer der weitsichtigste unter uns.«

Eine weitere Gestalt trat aus ihrer Deckung hervor und kam näher gehumpelt. Sie war in schmutzige, zerrissene Lumpen gehüllt und bewegte sich schleppend und vorsichtig, als habe sie große Schmerzen. Der halbnackte Mann wirkte unglaublich mager – er war nur noch ein Knochengerüst, über dem sich wie ein zu enger Handschuh eine dünne, ledrige Haut spannte. Er sah tatsächlich so aus, als habe er sich als lebende Leiche aus einem Grab erhoben, in dem er jahrhundertelang getrocknet worden war. Juel erschauderte, doch dann erkannte er sein Gegenüber und verstand:

»War dies dein anderer Auftrag, Jalah? Hast du den verschollenen Meister aus dem Kerker des Namenlosen befreit? Adelf von Süderbal«, stieß er fassungslos hervor, während die Dienerin eifrig nickte.

»Die Herren der Diebesgilde haben von Sahar, einem Mönch aus Italmar, diesen äußerst lukrativen Auftrag angenommen, den Botschafter aus der Gefangenschaft zu befreien. Ómers Palastrevolte war der beste Zeitpunkt dafür«, erklärte sie, aber Juel hörte ihr kaum zu.

»Der Pechvogel!«, stotterte er.

»Ja, Adelf, der Pechvogel. Es ist lange her, Meister …«, begann der befreite Gefangene.

»Ich weiß nicht, was du meinst, mein Freund. Ich bin kein Meister.« Juel trat eilig auf etwas voreilig für tot erklärten Botschafter von Italmar zu und umarmte ihn erschüttert.

»Ihr kennt euch?«, fragte Jalah erstaunt. Der Dicke und Adelf nickten im gemeinsamen Takt.

»Aber wieviel Zeit ist seither vergangen, zehn Jahre?«, fragte Juel mit brüchiger, ergriffener Stimme. »Doch wie unsere Märchenerzähler sagen: Das ist eine weitere Geschichte nach der Geschichte und ich will sie euch an einem anderen Tag erzählen …«

Er flüsterte etwas in Adelfs Ohr und dieser senkte sofort zustimmend den Kopf.

»Du bist fett geworden … Juel«, sagte er dann und löste sich lachend aus der Umarmung des Kaufmanns, der ihm vor langer Zeit wie ein Bruder gewesen war.

Adelf stand nun aufrechter und wirkte nicht mehr ganz so jenseitig. Es war, als hätte ihm die Berührung seines alten Freundes Kraft und Mut gegeben, als wäre Juel in der Lage, Menschen nur durch einen Kontakt zu heilen.

Der Botschafter aus Italmar, der als vermeintlicher Attentäter seit Monaten in den Kerkern des Namenlosen gelitten hatte, wandte sich an Selin, der noch immer seine Semira in den Armen hielt und weiterhin von der Situation überfordert war.

»Juel hat recht. Wir haben später noch zur Genüge Zeit, unsere Geschichten auszutauschen. Wir sollten uns nicht mehr allzu lange hier aufhalten. Doch habe ich das eben richtig verstanden? Du, junger Mann, suchst einen Schatz, der im Thron versteckt ist? Ich glaube, da kann ich helfen und die ganze Angelegenheit etwas beschleunigen.«

Der Mönch schleppte sich die Stufen der Empore empor und trat vor den gewaltigen Sitz, von dem herab die Namenlosen seit zweimal tausend und tausend Jahren mit eiserner, kalter Despotenstimme Recht sprachen und nahm lächelnd auf ihm Platz. Er wirkte wie ein Kind, das sich in den Sessel seines Großvaters geschlichen hat. Selin wollte eingreifen, aber Juel nahm ihn am Arm.

»Lass ihn. Er weiß, was er tut, glaube mir.«

Adelf strich zärtlich über die Lehnen, die von den Handflächen der Herrscher von Karukora blank gerieben waren.

»Dieses Holz strahlt Langmut aus«, sagte er mit halb geschlossenen Augen. »Es ist lebendig, ich kann es spüren. Es ist uralt, älter noch als die Vorgänger. Und es wartet. Dies ist vielleicht die älteste Seele, die es auf dieser Welt gibt; einer älteren bin ich zumindest noch nie begegnet. Im Holz sind die Erinnerungen des Baumes eingeschlossen, von dem es einmal ein Teil war. Dieser Baum hatte seine Wurzeln meilentief in die Erde geschlagen und ragte einzeln und mächtig in den Himmel der Morgendämmerung der Zeit. Auf dem höchsten Punkt eines Hügels stand er, umgeben von einem endlosen Wald, dessen Bäume alle seine Söhne waren. Ich sehe das alles durch die Seele des Holzes. Dieser Baum trug einst die ganze Welt in seinen Armen. Er war die ganze Welt, er war Ygdras, der eine, der vor uns kam und auch vor den Vorgängern war, vor den Golemen, vor den Daimonen und selbst vor den Göttern. Er hat den Anfang gesehen.«

Adelf machte eine Pause und atmete zitternd ein. Der Kontakt schien ihn anzustrengen. Die anderen hingen ihm fasziniert an den Lippen.

»Und nun – gefällt, gehäutet, zersägt und in diese Form geschnitzt, aber noch immer voller Macht, wartet die Seele von Ygdras voller Geduld auf das Ende aller Dinge, auf Mánis Rückkehr, die die Welt verbrennen wird. Für ihn sind Jahrhunderte nur ein Tropfen, der ins Meer der Ewigkeit fällt und die Gründung Karukoras war für ihn erst gestern. Er glaubt, dass er nicht mehr lange ausharren muss und seine Seele endlich Ruhe im Vergessen finden kann.«

Adelf schluchzte plötzlich auf und Tränen lieben über seine eingefallen, schmutzigen Wangen. Selin wollte etwas sagen, aber Juel verstärkte den Griff, mit dem er den jungen Mann festhielt. Der Mönch lehnte sich in dem Sitz zurück und es sah so aus, als würde die hinter ihm aufragende Rückenlehne, die sich über seinem kahlen Schädel in einen Raubvogel verwandelte, der gerade seine Schwingen zum Flug öffnet, ihn verschlingen wollen. Nur noch Adelfs helle Augen funkelten im Schatten des Thronsitzes.

»All die Namenlosen müssen diese Macht und die Stärke des Ygdras gespürt und für sich benutzt haben, wenn sie hier saßen – auch wenn sie wahrscheinlich nicht wussten, aus welcher Quelle sie sie schöpften. Dies ist das Geheimnis der Strenge der Herrscher von Karukora und ich spüre, wie es der Baum mich zu überwältigen sucht. Es ist kein Märchen, dass die Stadt seit ihrer Gründung durch den ersten Namenlosen von einem Einzigen, von einer einzigen Macht regiert wird und die Thronfolger ihre Namen vergaßen, nachdem sie auf diesem Sitz Platz genommen hatten. Denn dieser Einzige war immer nur die Seele des Baumes, derer sie alle teilhaftig geworden sind.«

Adelf zögerte, als suche er nach Worten.

»Doch dieser Thron bewahrt seit Jahrhunderten noch ein weiteres Geheimnis, das ihm selbst kaum bewusst ist – denn für ihn hat der Prinz Selin aus der ersten Dynastie seinen Schatz gerade eben erst in seinem Holz versteckt. Und hier ist er!«

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[Fortsetzung der Geschichte am nächsten Mittwoch …]

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