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Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 1)

Ab heute auf meinem Blog:

knoten

Teil II. der großen Brautschau-Saga:
Faiabas Erwachen

titel-Faiaba

Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen.

Doch eine gewaltige Waffe hat den Weltuntergang der Vorgänger überstanden und bedroht die Menschheit. Es ist Maní, der schwarze Mond, der überraschend am Himmel aufgetaucht ist und in wenigen Monaten auf die Erde stürzen und alles Leben unter sich begraben wird.

Auch Fabia Winterfeld, eine junge Vorgängerin, hat die Selbstvernichtung ihrer Zeitgenossen im Kälteschlaf überlebt. Das Wissen der blonden Schönheit ist die einzige Chance, das drohende Ragnarök zu verhindern. Aber ihre eisige Ruhestätte befindet sich tief in den Katakomben der alten Universität von Pars, die mitten in den Jenseitigen Landen liegt.

Eine Gruppe mutiger Abenteurer, unter ihnen der Brautwanderer Half, wagt den Wettlauf gegen die Zeit und dringt verfolgt von alten und neuen Feinden unter großen Mühen und Gefahren in die todbringenden Gebiete im Westen vor, in denen sich die Natur in unvorstellbarer Weise verändert hat und der teuflische Dämon Inet auf neue Opfer lauert …

Teil I. der Saga, „Meister Siebenhardts Geheimnis“, ist als E-Book und als Taschenbuch überall im Buchhandel erhältlich.

knoten

Prolog
5880 Jahre vorher

In den Marskolonien der Indopazifischen Union herrschten Chaos und Zerstörung. Aber ihr Angriff erfolgte auch an diesem Morgen pünktlich und präzise. Wie immer schlugen die ersten Gravitationswellen aus ihren im Stickney-Krater auf Phobos stationierten Kanonen um 06:45 Uhr auf dem irdischen Mond ein und zehn Sekunden später begannen die Sirenen auf den Wohntürmen und öffentlichen Gebäuden der Megapole Paris zu heulen.

Omicron, der kleine private Mehrzweck-goLEM der Studentin Fabia Winterfeld, schaltete ebenso prompt in den Notfallmodus. Aufgeregt rollte er schwankend durch ihre vollgestellte Einzimmerwohnung und gab fiepende, panische Geräusche von sich. Offenbar kam dabei auch sein Orientierungssinn ein wenig durcheinander, denn der Robot donnerte zuerst gegen die Küchenzeile und suchte dann protestierend Schutz unter dem niedrigen Esstisch.

„Überrangprotokoll Fabia!“, rief die junge blonde Frau eilig. „Omicron, Standby.“

Etwas klickte und rasselte im Inneren des Robots, dann froren seine hektischen Bewegungen ein und ein rotes Licht leuchtete an seiner Außenhülle. Fabia seufzte. Jeden Morgen veranstaltete Omicron das gleiche Theater und jedes Mal vergaß sie am Abend vorher, ihn vorsorglich in den Ruhemodus zu versetzen. Sie hatte schon mehrmals mit dem Wartungsservice der Universität gesprochen, ob man den goLEM nicht etwas weniger empfindlich einstellen konnte und es war ihr auch von dem netten Mitarbeiter immer wieder versprochen worden, man würde einen Delta vorbeischicken. Aber bislang hatte sie immer vergeblich auf eine der wieselflinken Technikdrohnen gewartet, die an glattrasierte Vogelspinnen erinnerten. Der Wartungsservice hatte wahrscheinlich in diesen Zeiten Wichtigeres zu tun, als sich um die kleine Haushalts- und Medizinmaschine einer Studentin zu kümmern. Sie konnte Omicron aber auch nicht einfach ausgeschaltet lassen, weil unter Umständen ihr Leben von seinen Sensoren und Funktionen abhing. Trotzdem genoss Fabia den kurzen Moment der Ruhe. Sie wartete, bis auch die Sirenen endlich schwiegen, dann kletterte sie aus ihrem Bett, das automatisch von der elektronischen Raumkontrolle mit einem unangenehmen Quietschen in die Wand zurückgezogen wurde.

„Vielleicht sollte ich die Kugellager mal wieder ölen lassen“, dachte sie und vergaß ihren Gedanken sofort wieder, denn der jungen Frau wurde gleichzeitig schwindlig. Ihre Umgebung geriet für sie heftig ins Schwanken und sie musste sich am kleinen Bücherbord festhalten, um nicht zu stürzen. Fabia wusste nicht, ob der Eindruck durch ihre morgendlichen Kreislaufprobleme entstanden war oder etwa doch durch eine der Gravitationswellen, die ihr Angriffsziel verfehlt und zufällig das Studentenwohnheim getroffen hatte. Sie schloss für ein paar Sekunden die Augen und atmete tief ein. Das Gefühl, auf den Planken eines schwankenden Schiffs zu stehen, verschwand so schnell wie es gekommen war. Erleichtert stieß sie die Luft aus.

Fabias erster Weg führte sie zu dem veralteten Lebensmittel-Dehydrator und -Zubereiter, dem der Vorbesitzer der Wohnung scherzhaft ein prähistorisches Windows-30X-Betriebssystem unterstellt hatte. Sein Ratschlag hatte gelautet, fest mit einem Hammer von oben auf die Außenhülle zu schlagen, wenn das Gerät ein Croissant und einem Milchkaffee produzieren sollte. So verbeult, wie das Ding aussah, hatte er das offenbar auch einige Male ausprobiert. Leider funktionierte der unförmige Kasten dadurch selten so, wie er sollte und erschuf statt einem französischen Frühstück die seltsamsten und ungenießbarsten Nahrungsmittelkombinationen.

Tagsüber aß Fabia in der Mensa, aber morgens war sie auf den Thermix angewiesen. Auch heute versuchte sie vergeblich, das altersschwache Gerät durch Rütteln zu bereden, ihr einen starken Morgenkaffee zuzubereiten. Stattdessen füllte es eine durchsichtige Brühe in die bereitgestellte Tasse, die wie eine Mischung aus Earl-Grey-Tee und Kohlsuppe schmeckte. Aber sie war wenigstens warm und mit ein wenig Süßstoff gewürzt und auch ihr Koffeingehalt schien zu passen.

Fabia verzichtete auf einen weiteren Seufzer und stellte sich an das einzige, wegen der Klimaanlage nicht zu öffnende Fenster ihres billigen Studentenappartements im 123. Stockwerk des etwas heruntergekommenen Henri-Gouraud-Buildings im Weichbild der Innenstadt von Paris. Eigentlich war der Blick aus den etwas trüben Scheiben auf die französische Megapole von hier oben atemberaubend – man konnte bei klarem Wetter sogar die Kunststoffkopie des Eiffelturms in der Ferne erkennen, die im letzten Jahrhundert nach dem entsetzlichen pazifischen Krieg, der praktisch ganz Südostasien radioaktiv verseucht hatte, errichtet worden war – aber gerade schob sich wieder mal eine der vielen gewaltigen Nachrichtentafeln, die wie eine Besatzungsarmee über der Stadt schwebten, an dem Hochhaus vorbei und verdeckte die Aussicht, wegen der allein Fabia die schmuddelige, kleine Bude gemietet hatte.

„Der Mond braucht Männer!“, las Fabia zornig und stirnrunzelnd, während sie an ihrem scheußlichen Getränk nippte und sich dabei die Lippen verbrannte. „Der Mond braucht SIE! Bewerben Sie sich noch heute, denn morgen, Männer, kann es bereits zu spät sein.“ Die Second-Moon-Corp., kurz 2MC, der mächtigste und größte Industrie- und Wirtschafts-Trust der Welt, machte mal wieder Werbung für ihr gigantisches Weltraumprojekt, im Wettlauf gegen die Zeit oben im Orbit einen zweiten, künstlichen Trabanten zu errichten, bevor der natürliche Mond durch die Waffen der Kolonisten vernichtet werden würde. Die täglichen Angriffe mit ihren experimentellen Gravitationswellenkanonen hatten seine Struktur bereits existentiell angegriffen und er torkelte auf einer unsicheren Umlaufbahn um die Erde. Würde er tatsächlich zerbrechen und seine Einzelteile als glühende Meteore auf die Menschheit herabregnen, wäre der Weltuntergang gekommen. Aber noch hielt der Mond den steten Erschütterungen tapfer stand und Fabia hoffte, dass er das noch eine ganze Weile tat. Zumindest bis die 2MC ihr Projekt beendet und einen Ersatz geschaffen hatte, der die Erdrotation abbremsen würde, wenn sein natürliches Pendant irgendwann fehlte.

Aber welcher Marketing-Praktikant hatte denn diesen frauenfeindlichen Spruch verbrochen? Die Studentin, die an der Pariser Uni neben Theoretischer Kybernetik und Künstlicher Intelligenz im Nebenfach Genderwissenschaften belegt hatte, ärgerte sich über die Werbeeinblendung der Moon Corp., die gerade – als ob sie sie verhöhnen wollte – auf der fliegenden Tafel muskelbepackte Testosteronbündel zeigte, die am Metallgerüst des künstlichen Trabanten arbeiteten und aus stahlblau funkelnden Augen heroische Blicke gen Sternenhimmel richteten. Seit den Anfängen der Frauenemanzipation waren nun beinahe fünfhundert Jahre vergangen und noch immer benötigte der Mond ausgerechnet Männer! Einfach widerlich. Fabia hatte Lust, sich auf der Stelle bei der Pressestelle der Gleichstellungsministerin zu beklagen.

Doch plötzlich unterbrach das zentrale I-Net die nachfolgende Hundefutterreklame auf der schwebenden Werbetafel und brachte eine Notfallmeldung. Alle Bürger von Paris wurden aufgefordert, unverzüglich ihre Augreyes einzuschalten, falls sie dies noch nicht getan hatten, und auf eine wichtige Nachricht der Earth Defence zu warten. Wie alle Bewohner der Megapole trug auch Fabia ihre Augmented-Reality-Kontaktlinsen vierundzwanzig Stunden am Tag und aktivierte sie gehorsam durch ein bewusstes Nasenzucken. Die Augreyes versuchten sofort Verbindung mit dem Netz aufzunehmen und blendeten zusätzlich in den Blick der Frau auf die langsam vorbeiziehende Werbetafel vor ihrem Fenster das Standby-Symbol von I-Net ein; eine sich um sich selbst drehende, altertümliche Computerplatine. Es sah aus, als würde das Logo direkt vor Fabia in der Luft schweben und sie müsse nur den Arm ausstrecken, um es zu berühren. Was frühere Generationen für Magie gehalten hätten, war für sie nur ein Teil ihres alltäglichen Lebens. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie die Menschen früher ohne die Möglichkeiten der virtuellen Realität, durch die man buchstäblich mit einem Augenzwinkern Verbindung mit der ganzen Welt aufnehmen konnte, gelebt hatten.

Während die Studentin ungeduldig auf das Online-Signal des weltweiten Computernetzes, dessen Serveranlagen in auf -250° C herunter gekühlten künstlichen Höhlen unter der iberischen Halbinsel und der nördlichen Atlantikküste standen, wartete, ging sie zu ihrer engen Nasszelle, schüttete den Rest ihres scheußlichen „Kaffees“ in die Toilette und machte ihre Morgenwäsche.

„Irgendetwas scheint nicht zu stimmen“, wunderte sie sich, denn solche Verzögerungen beim Einwählen ins Netz waren nicht normal. Aber dann, als sie sich gerade nackt im Spiegel begutachtete und überlegte, ob sie sich noch einen weiteren Eingriff leisten könnte, um ihr kritisch betrachtet doch etwas zu ausladendes Gesäß in Form bringen zu lassen, funktionierte der Kontakt doch. Bevor sich allerdings I-Net melden konnte, erreichte sie ein Prioritätsanruf aus der Uni. Vor ihren Augen klappte die äußerst echt wirkende Gestalt ihres Doktorvaters auf, von Fabias Augreyes halb unter die tropfende Dusche gezaubert. Sie kicherte und war froh, dass ihm in diesem Augenblick nicht sie selbst, sondern ihr vollständig bekleideter, geschminkter und nur leicht aufgehübschter Avatar vor den Augen stand.

Bonjour, Fabia“, begrüßte sie Dr. Samuel Baruch Rosenthal, der führende Biokybernetik-Wissenschaftler der westlichen Hemisphäre. „Wie ich sehe, sind Sie schon auf. Ich muss Sie unbedingt und sofort sprechen, es ist äußerst dringend. Kommen Sie so schnell wie möglich zu mir ins Babel.“

[Fortsetzung am nächsten Freitag …]

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Der Weg, der in den Tag führt – Die letzten Kapitel

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Ein Projekt, das ich auf meinem im Augenblick ruhenden Blog „Andere Welten, Andere Zeiten“ vorantrieb, nähert sich langsam seiner Fertigstellung. Es ist „Der Weg, der in den Tag führt“- meiner bescheidenen Meinung nach ist das der schönste Titel, den ich je einem Roman gegeben habe – und das Buch ist das Prequel zu meiner Brautschau-Trilogie. Wer also schon immer wissen wollte, was verdammt-noch-mal eigentlich vor der Geschichte passiert ist, wird hier gut bedient.

falkenthron

»Zu Anfang war die Wüste einsam und tot. Die großen Schlachten waren geschlagen, die Waffenkammern leer. Die Knochen der Streitenden bleichten in der Sonne und ihre Rüstungen zerrieb der Wind zu Staub. Die alten Städte schluckte der Sand der Zeit. Kein Leben war mehr. Gleichgültig, ob Mensch oder Tier, wer nicht rechtzeitig auf die Nordseite des Großen Walls geflohen war, den hatte Inet, der Herr des Krieges, unter seinem Leichentuch aus Feuer und Gift erstickt. Nur der ewige Marat, der heilige Strom, den die Vorgänger Dunâr hießen, er allein durchschritt eilig, wie vom Grauen, das links und rechts seines Weges lag, gejagt, die grausame Hitze der Toten Wüste auf seinem Weg von seinen verwunschenen Quellen jenseits der bewohnten Welt bis hin zu den Gestanden des Südlichen Meeres, in das er noch heute seine Manneskraft ergießt. Der Marat war die einzige Schlagader des Lebens in einer zerstörten Welt.

Auf seinem Blut, seinen warmen, fischreichen Wassern, getragen vom Puls seiner Wellen, gelangten die Enkel der Flüchtlinge nach drei mal drei Generationen wieder heim in das Land, das ihnen die Allmächtige lange vor Mánis Fall, zu jener Zeit, als sie noch wie ein Mensch unter uns Sterblichen wanderte, verheißen hatte. Der erste, der diesen von der Göttin mit ihren Tränen gesegneten Boden nach fünfundzwanzig mal fünfundzwanzig Jahren wieder betrat, jenen Ort, den wir heute unsere Heimat nennen, dessen Name ist uns nicht überliefert. Er war der erste Herrscher, den sie „Den Namenlosen“ nannten. Wie es in Maraias Schriftrolle vorhergesagt war, fiel all das Land, das er in zehn Tagen mit seinem feurigen Pferd umrunden konnte, in seinen Besitz. Auf diese Weise trotzte er mit seinen Gefährten der Wüste erneut die Heimat ab, die er seinem Volk schenken wollte. An dem am Delta des Marats gelegenen Lagerplatz, von dem er mit seinem Streitross zur Umrundung seines verheißenen Landes aufbrach, gründete er seine Hauptstadt: Das Juwel der Sonne, das geheiligte Karukora, das türme- und palästereiche, dessen Anblick den Neidern den Tag vergällt.

So erzählen es die ersten Annalen und so ist es wahr. „Der Namenlose“ lag fruchtbar bei seinen Frauen, zeugte ungezählte Nachkommen und gründete durch sie die glorreiche Bingh-Dynastie. Durch die zwölf seiner Herrlichkeit nachfolgenden „Namenlosen“ wurde unsere Heimat zu dem einzigartigen Edelstein geschliffen, der noch heute und für immer am Ufer des Marat glänzt: Karukora, die Eine Stadt. Sie ist ein Denkmal zugleich für das Leben, den Reichtum und den Frieden, existiert sie doch inmitten von Tod, Hunger und einem Krieg im Osten, der niemals enden wird.«

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Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen.

Doch noch immer kämpfen ihre Roboterarmeen und Kriegsmaschinen östlich der Wüstenstadt Karukora in einer Schlacht, der nicht enden will. Gibt es eine alte Landkarte, die durch diese Ebenen des Ewigen Krieges zu den Stätten des Friedens führt? Der alte Märchenerzähler Alis ist davon überzeugt und gerät auf der Suche nach ihr am Hof des Namenlosen Herrschers von Karukora in ein Kesseltreiben aus Intrigen, Verschwörungen und finsteren Mordplänen.

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Auch wenn diese Geschichte aus Tausendundeiner Nacht dem einen oder anderen meiner Leser zu trivial erscheinen mag, habe ich mich trotzdem entschlossen, den gut 400 Seiten langen Roman hier zu Ende zu bringen und beginne ab Mittwoch mit der Veröffentlichung der letzten Kapitel. Den Anfang kann man hier ebenfalls als kostenloses E-Book herunterladen.

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Vorankündigung: Karl-Heinz, die Fortsetzung

Seit dem 1. Advent veröffentliche ich auf meinem wenig besuchten Blog „Andere Welten, Andere Zeiten“ als kleine Weihnachtsüberrachung für meine treuen Leser alle sieben Tage einen weiteren Abschnitt des Wintermärchens „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“, das in der Zusammenarbeit mit meinem Freund Hans-Dieter Heun entstand. Ein echter Geheimtipp! Ich hatte nie vor, dieser herzerwärmenden, aber für mich nicht allzu typischen Geschichte noch eine Fortsetzung folgen zu lassen.

Nun hat Hans-Dieter kürzlich auf Facebook in einem – von mir nicht als ein solcher erkannten  – Scherz verkündet, wir würden gemeinsam doch an einer Fortsetzung arbeiten und mich damit ein wenig in Verlegenheit gebracht, da ich glaubte, ich hätte etwas vergessen. Also leerte ich drei Becher dampfenden Glühwein, stopfte mich mit den Plätzchen von Frau Klammerle voll und schrieb die ersten Seiten von

Isabella, die Krippenkatze

Ein winterliches Märchen von Nikolaus Klammer
und Hans-Dieter Heun

weihnachtsband

um nach einer durchschriebenen Nacht zu erfahren, dass mein lieber Kollege durchaus nicht willens ist, meinen Handlungsfaden mit eigenen Ideen weiterzuspinnen, sondern mich nur ärgern wollte. Denn inzwischen lehnt er die epische Breite des Erzählens ab und ist ein Freund der Kurzlyrik-Weicheierfraktion geworden. Deshalb muss die gute Isabella nun leider Fragment bleiben, denn meine anderen Projekte sind mir wichtiger. Meinen durchaus umfangreichen Anfang jedoch, den vor allem Freunde von Karl-Heinz goutieren werden, da einige liebgewonnene Figuren wieder auftauchen, will ich der Welt trotzdem nicht vorenthalten und ich hoffe, ich kann etwas von dem Vergnügen zu vermitteln, das ich beim Schreiben hatte. Am Samstag, dem 3. 12,. werde ich den ersten Teil bloggen, in der Woche darauf den zweiten. Mehr gibt leider es nicht. Falls jemand eine weitere Fortsetzung wünscht, ist dies gegen eine kleine finanzielle Unterstützung durchaus denkbar.

Möge die Geschichte mit dem gleichen Ernst gelesen werden, mit dem sie geschrieben wurde.

AmyWeihnachten

 

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Anmerkungen zu Karl-Heinz

Seit heute veröffentliche ich auf meinem Blog „Andere Welten, Andere Zeiten“ als kleine Weihnachtsüberrachung für meine treuen Leser alle sieben Tage einen weiteren Abschnitt des Wintermärchens

Karl-Heinz, der Weihnachtshund

Ein winterliches Märchen von Hans-Dieter Heun
unter Mitwirkung von Nikolaus Klammer

weihnachtsband

Rechtzeitig zum Fest wird dann der ganze Text zu lesen sein, den mein lieber Freund Hans-Dieter Heun und ich gemeinsam in einer Art Schreibwettbewerb erstellt haben. Uns gegenseitig überraschend, machmal auch verärgernd oder ‚veräppelnd‘ schrieben wir abwechselnd an dieser Geschichte, wobei gerade am Anfang unschwer zu erkennen ist, welches der Teile von welchem Autor stammt und in welche unterschiedlichen Richtungen wir den Text ursprünglich ziehen wollten. Dass unser Spiel trotzdem zu einem unterhaltsamen, runden Ende führte, ist Hans-Dieter zu verdanken, der in den Text viel Arbeit steckte, während ich mir einen Spaß erlaubte und von ihm unbemerkt ein paar E.T.A-Hoffmann-Figuren in die Geschichte schmuggelte.

Bei den letzten Kapiteln des Werkes trennten sich dann unsere Wege und deshalb gibt es zwei Weihnachtshunde – die rohe, surrealistisch Gore-Version von Hans-Dieter und meine stark überarbeitete, deren Schluss in weihnachtlichem Frieden und einigermaßen logisch endet. Selbstverständlich gebe ich dieser hier den Vorzug.

Ich habe das besondere Glück, Entwürfe der begabten Bremer Künstlerin Dagmar Herrmann als Illustration für unser Weihnachtsmärchen benutzen zu dürfen. Sie hat des ‚Pudels Kern‘ – Entschuldigung, – des ‚Karl-Heinzens Kern‘ perfekt getroffen und ihn dargestellt, wie er leibt, lebt und sabbert. Danke!

Hans-Dieter und meine Wenigkeit wünschen Euch viel Vergnügen.

Möge das rührende Weihnachtsmärchen mit dem Ernst gelesen werden, in dem es in langen, eisigen Winternächten beim blakenden Licht einer trüben Talgkerze mit klammen, blutleeren Fingern an rauhreifüberzogenen Stehpulten geschrieben und erlitten wurde, wenn die Tinte nicht wieder eingefroren war!

Herzlich, Euer Nikolaus Klammer

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Ein kleines Licht – Roman (SCHLUSS)

«Regnet es noch?», fragte er, während er sich umsah und sich entschied, die Jacke über die Lehne seines einzigen Stuhls zu schieben. Sabine ließ sich inzwischen aufgeräumt auf das Sofa fallen und schlug sofort die Beine übereinander, ohne dabei auf ihren ohnehin schon recht kurzen Strickrock zu achten, der noch weiter die Oberschenkel hinauf rutschte und dadurch mehr von ihren mit einer blickdichten schwarzen Strumpfhose bekleideten Beinen preisgab, als für Alfons ohnehin schon in Wallung gebrachtes Blut zuträglich war. Er freute sich heimlich über seine Entscheidung, die Jacke auf den Stuhl gehängt zu haben, denn das gab ihm eine glänzende Ausrede, sich nahe neben das Objekt seiner Begierde auf die Couch zu setzen.

«Ich habe mich inzwischen schlau gemacht», stellte Sabine entschieden fest. Sie wirkte von seiner Nähe nicht weiter belästigt; sie rückte sogar noch etwas näher an ihn heran, sich ein wenig zurück gegen das Polster lehnend. Sie lag nun mehr als sie saß. Was sie Alfons auf diese Weise anbot, gefiel ihm. Sabine war zwar alles andere als eine jener glatten Schönheiten, die ihm auf jeder Zeitschrift entgegenlächelten, aber sie hatte, soweit dies trotz ihrer weiten, farbenfrohen Bluse abschätzbar war, eine ordentliche Figur, dazu, was sie sicherlich selbst wusste, wunderbare, lange Beine. Dabei bot sie das erotischste, um nicht zu sagen, pornografischste Lächeln, dem Alfons je begegnet war. Auffällige, schwülstig geschminkte Lippen vervollständigten das Bild. Alfons begann, Sabine wie ein Raubtier sein Opfer zu fixieren; er fand langsam in seine alte, lange nicht mehr geübte Rolle des Liebhabers hinein. Er wäre jetzt mit einer einfachen, schnellen Wendung seines Oberkörpers über ihr gewesen. Noch allerdings hatte er trotz seiner sexuellen Erregung viel zu große   Hemmungen, genau dies zu tun. Er misstraute für den Moment noch seinem Glück.

«Du hast ja wirklich schon ganz tolle Verse gemacht», begann sie bewundernd das Gespräch. Dabei konnte Alfons immer wieder ihre kirschfarbene Zungenspitze zwischen den makellosen Zähnen sehen. «Ich muss zugeben, ich hatte letzte Woche keine Ahnung von deiner Lyrik. Du warst mir vollkommen unbekannt. Das war wirklich ein Versäumnis. Aber dieses Aus meiner Gesäßtasche ist ja großartig. Ich habe nicht geglaubt, dass solche Gedichte in dieser Stadt möglich sind. Das war ein ganz schöner Skandal damals, oder?» Sie legte schelmisch den Kopf zur Seite, feuchtete ihre Lippen an und zwinkerte ihm zu. Alfons seufzte leise. Ihm wäre lieber gewesen, sie hätte seine alten Sünden nicht gelesen. Er bemerkte, dass ihm jede ihrer Bewegungen, die doch so lässig und intim wirken sollten, auf eine schwer beschreibbare Weise geplant und arrangiert schien, ganz so, als wäre Sabine heute in der festen Absicht zu ihm gekommen, sich ihm heute nicht von ihrer normalen geschäftsmäßigen, sondern von ihrer für sie selbst ungewohnten weiblichen, erotischen Seite zu zeigen. Vielleicht will sie das tatsächlich, ging Alfons durch den Kopf, vielleicht will sie mich in der Tat verführen. Die bildhafte Vorstellung, er würde gleich hier auf der Couch mit ihr Sex haben und ihr dabei eine Hand zwischen die Zähne schieben, damit die Vermieterin nichts bemerkte, erregte ihn derart, dass er sich sofort mit dem Oberkörper nach vorn gegen den Tisch lehnte, um seine Erektion zu verbergen. Alfons, der seit nahezu fünf Jahren enthaltsam lebte und eigentlich geglaubt hatte, dieses Kapitel seines Lebens endlich abgeschlossen zu haben, konnte kaum sein Glück fassen, dass sein Körper so prompt auf ihre Signale reagierte. Fieberhaft suchte er nach dem Rest Vernunft, der ihm geblieben war, indem er versuchte, sich auf seine Texte auf dem Tisch zu konzentrieren. Auch Sabine setzte sich nach vorn, legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sie trug ein süßliches, fruchtiges Parfüm, dessen Geruch ihm allerdings nur ganz leicht und unaufdringlich in die Nase stieg.

«Jetzt lass doch mal ein neues Gedicht von dir sehen», forderte sie Alfons mit erstaunlich sanfter, um nicht zu sagen, rücksichtsvoller Stimme auf. Ihr Tonfall verwirrte Alfons kurz. Der Moment, vor dem er sich die ganze Zeit gefürchtet hatte, war endlich gekommen und er wusste noch immer nicht, wie er sich verhalten sollte. Dann legte er seine Skrupel einfach beiseite. Denn wenn er jetzt zugab, dass er keine einzige brauchbare Strophe zuwege gebracht hatte, dann reagierte Sabine mit Sicherheit nicht freundlich. Nun, mit seinem Sohn konnte er sich auch noch auseinandersetzen, wenn eines von dessen Gedichten unter dem Namen seines Vaters veröffentlicht worden war. Natürlich nur, wenn der Junge es überhaupt bemerkte und nicht aus Trotz noch in diesen Tagen nach Berlin ging, was nach ihrer Auseinandersetzung gut möglich war. Außerdem stünde dann noch die Frage an, wer von wem abgeschrieben hatte. Etwa der stadtbekannte, erfahrene Lyriker von einem pubertierenden kleinen Jungen? Wer würde das denn glauben?

So weit dachte Alfons allerdings noch nicht, als er neben sich griff und die Blätter von Cesare in die Hand nahm. Er brauchte jetzt und hier eine lobende, bewundernde Bestätigung von der Kastner; dafür waren diese Gedichte ideal. Sie sollten den letzten Rest ihres Widerstandes brechen, sie vorbereiten. Er gab ihr stumm die Blätter. Sie begann, das oberste Gedicht aufmerksam zu lesen. Alfons nahm sich die Freiheit, ihr dabei vorsichtig über das knisternde, duftende Haar zu fahren, ihren Nacken zu streicheln. Er rückte noch näher an sie heran und sah ihr über die Schulter:

«Nun ist der Himmel grau und leer.
Das Lied der Schwalben ist verstummt.
Es krächzt der Rabe
heiser auf dem kahlen Feld.

Nebel senkt sich kalt und klamm
auf schwarz entlaubte Zweige.
Nun ist mein Fühlen grau und leer.
Mein Lied ist längst verstummt.

Es klingt mein Ruf nach Liebe
heiser in einer kahlen Welt.
Nacht senkt sich kalt und klamm
auf meine schwarzgewandte Seele.«

‚Mein Gott‘, dachte Alfons verzweifelt, ‚müssen denn ausgerechnet diese ungeschickten Strophen oben liegen? Wie kann Cesare es nur wagen, ein so sentimentales Herbstgedicht zu schreiben! Die anderen Gedichte waren viel besser. Hoffentlich muss ich mich nicht für diese Verse verteidigen.‘ Solange Sabine las, ließ sie sich die ungeschickten Berührungen von Alfons gefallen, als sie jedoch das Blatt nach hinten steckte, machte sie eine abgelenkte Bewegung mit dem Kopf, die seine Hand wie eine lästige Fliege verjagte. Von dem nächsten Gedicht, es war das erste, das Cesare vorhin vorgetragen hatte, las Sabine nur zwei Strophen, dann blätterte sie rasch das dritte, dann das vierte nach vorn. Verwirrt sah sie auf.

«Was ist denn los? Ist das ein Scherz? Diese Sachen sind doch der letzte Mist. Das kleine Licht ist keine Frauenzeitschrift, die solche Sachen mit zehn Euro honoriert. Hast du wirklich nichts Besseres? Deine alten Sachen …» Sabine zuckte resignierend mit den Schultern und Alfons Erektion verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Jetzt rückte sie von ihm ab, Cesares Blätter achtlos auf den Tisch zum Steinbruch legend. «Nun, es ist auch egal. Das macht mir alles leichter. Ich hätte dich auch anrufen können, aber bin dann doch aus Mitleid zu dir gekommen. Ich fand, das war ich dir schuldig. Ich habe dir mitzuteilen, dass du leider nicht bei mir veröffentlichen kannst …»

Sie stockte, denn Alfons, der gerade seine letzte Chance darin sah, die Angelegenheit zu beschleunigen, fasste ihr flink und kühn an eine Brust, mit der anderen Hand packte er fest ihren Oberschenkel. Sein Traumbild ging endlich in Erfüllung. Ihr Busen war nicht groß, aber er war fest und füllte perfekt seine Handfläche aus. Für ein paar Sekunden verharrten die beiden regungslos. Erst danach begriff Alfons, was Sabine zu ihm gesagt hatte. Er erstarrte in seinen fordernden Bewegungen. Sabine sah kurz an sich herab, eine Augenbraue zuckte flüchtig und verächtlich nach oben. Nun wirklich lässig schälte sie sich aus seiner Umarmung, stand mit einer geschmeidigen Bewegung auf und trat hinüber zu dem Stuhl mit ihrer Jacke. Als sie weitersprach, vermied sie es, ihn anzusehen.

«Ich hatte wirklich ein übles Gewissen deswegen und ich fand, dass ich dir diese schlechte Nachricht persönlich überbringen müsste. Die neue Buchhandlung in der Bergstraße will ganz plötzlich eine ganzseitige Anzeige im Kleinen Licht schalten und sie zahlt wirklich glänzend für ihr Mäzenaten-Deckmäntelchen. Deshalb ist die ursprünglich freie Seite wieder besetzt. Es tut mir leid», erläuterte Sabine und zog ihre Jacke an. Ihr Gesichtsausdruck strafte ihre Worte Lügen. Sie sah nicht so aus, als würde sie ihre Entscheidung verdauen. «Du hast mir allerdings mit deinen Schülergedichten die Entschluss leicht gemacht.»

Erst jetzt verstand Alfons. Er hob die Hände, die Innenflächen nach oben gestreckt. Er wußte nicht, um was er mit dieser Geste bat, ob um die Frau oder um einen Platz in ihrer Literaturzeitschrift.

»Du, wenn du was anderes willst …», ihm fiel es plötzlich sehr schwer, zu sprechen; er hatte das Gefühl, dass sich seine Zunge plötzlich dicker als normal anfühlte und sich schwerfälliger bewegte. Er räusperte sich vergeblich. «… du, das is’ kein Problem. Du willst was von meiner Verbrauchslyrik, du kannst das haben.» Er griff hektisch nach seinem Notizblock und dem Kugelschreiber. «Ich schreib’s dir auf. Hab’ schon was im Kopf. Warte …, da fällt mir ein – ich habe auch noch einen Roman.» Sabine lachte hell.

«Ich kann mir vorstellen, was du gerade im Kopf hast. Nein. Vergiss es. Du hast mich nicht verstanden. Von dir wird kein Gedicht im Kleinen Licht erscheinen.» Alfons Arme sackten herab, der Stift entglitt seinen Fingern.

«Du willst doch nicht schon gehen?» fragte er und kam sich dabei außerordentlich dumm vor. Natürlich würde sie gehen. Was er als erotische Spannung missverstanden hatte, als eine Aufforderung zur Verführung, war nichts anderes als Mitleid gewesen, Mitleid mit einem alten, erfolglosen Säufer. Einen Augenblick überlegte Alfons, ob er weinen sollte. Dann hob er entschlossen die Schultern.

«Ich bring dich noch zur Tür»,, sagte er stolz. Es fiel ihm schwer aufzustehen, der Körper gehorchte ihm nur unwillig und schmerzend. Die linke Hand fühlte sich seltsam taub an. ‚Ich sollte mal wieder zum Arzt gehen‘, dachte Alfons und vergaß diesen Gedanken sofort wieder. Sabine sah ihn nicht einmal an, als sie aus dem Zimmer ging und ihm die Tür vor der Nase zuschlug.

Ein wenig später saß Alfons wieder allein in seinem Zimmer. Ruhig griff er zu seinem Schreibblock.

«Mein Frühling», setzte er seinen Brief an seine Frau fort,

«während ich mit Nikolaus sprach, wurde es schnell dunkel. Er machte keine Lampe an, sondern holte nach einer Weile ein paar Kerzen & stellte sie angezündet auf den niederen Tisch. Seine Wohnung wurde dadurch heimeliger. Wie die meisten Deutschen habe ich eine Vorliebe für den warmen Schein von Kerzenlicht. Ich weiß nicht, welche archetypische Erinnerung dabei eine Rolle spielt. Die kalte Replik eines griechischen Athleten, der sich gerade einen Dorn aus der Ferse entfernt, vielleicht ist es auch ein Original oder zumindest eine römische Kopie, man kann das bei Nikki nie sagen, diese Statue, will ich sagen, wirkte plötzlich sehr lebendig & im flackernden Licht schien sie sich zu bewegen. Nikolaus sah meinen Blick. „Ich wollte, ich wäre irgendeine Beethovensche Sinfonie oder irgend etwas, was fertig geschrieben ist. Das Geschrieben-Werden tut weh“, sagte er plötzlich aus dem Zusammenhang gerissen & stellte eine nur ihm selbst verständliche Gedankenverbindung zu der Statue her. Wahrscheinlich zitierte er wieder seinen Lieblingsschriftsteller. Trotzdem hatte ich die Empfindung, dass ich einen seiner seltenen ehrlichen Momente erwischt hatte, er wirklich an seinem Leben litt. Was sind wir doch für ein Haufen Verlierer. Er wand sich müde an mich, gar nicht zynisch, gar nicht arrogant:

„Wir sind uns doch einig: Da ist kein Gott im Himmel, kein Schöpfer aller Dinge, auch kein Demiurg, da war nie einer, keine Theodizee, keine Ontologie, keine Erlösung, kein Lebenswerk, natürlich auch kein Volk, keine ewige Wiederkehr. Da ist nicht einmal dieses halbtröstliche, halbverrückte „authentische” Ich, das „Geworfensein in diese Welt”. Da ist kein „Cogito”, kein „sum” & schon gar kein „ergo”, vor allem kein „ergo”. Nichts ist logisch. Wohin wir uns auch wenden – keine Antworten.  Nur eben – Nichts. & es wäre paradox zu sagen, dass doch zumindest dieses Nichts „ist”. Auch die sophistischste und positivste Philosophie muss am Ende schweigen. Legen wir das alles zur Seite, es ist unnützer Ballast.

Was uns jetzt noch bleibt, nachdem wir allen Wahn hinter uns gelassen haben, ist der zerrinnende, nicht fassbare Augenblick des Jetzt, dieser chimärische Hauch, der, wenn er gedacht wird, schon wieder vorbei ist; der allein uns Existenz verspricht, weil wir uns in ihm als existent erinnern. Deshalb klammern wir uns an ihn, „harmonisieren” ihn, indem wir alles unternehmen, um von ihm nicht überrascht zu werden, denn nur der überraschende Moment verwirrt, verwundet & tötet. Aus diesem Grund versuchen wir das Jetzt zu wiederholen, immer wieder, auf ganz auf die gleiche Weise, in der es uns die Natur in ihrer ermüdenden Kette von Wiederholungen vormacht. Denk nach: Warum hat der Mensch die Uhr erfunden? Weil er mit ihr dem Schrecken der Unsicherheit entgehen will & er kommt ausgerechnet in dem Zeitpunkt auf die Idee der Uhr, als die Gewissheit des Gottesstaates für ihn zerbricht. Die Uhr ist ein Ersatz für Gott. Wir brauchen nichts dringender als die Uhr, sie macht es uns vor: Jeder Atemzug ist wie der andere, jeder Pulsschlag, Lidbewegung, Schritt, Ernährung, Orgasmus, Tag, Nacht, endlich auch der Tod. Alles wiederholt sich in jedem Augenblick. Nein, es gibt nichts Neues unter der Sonne, denn es gibt auch nichts Altes.“

Klammer holte Atem & er schien über sich selbst & seine Worte zu lächeln. Dann zuckte er resigniert mit den Achseln.

„Ich will es dir nicht schwerer machen, als es ist, Alfons. Du kennst doch die Binsenweisheit, dass es immer zu spät & gleichzeitig immer zu früh ist.“

Ich war versucht, mit ihm ein synchrones Achselzucken zu bewerkstelligen. „Weißt du, Nikolaus, du hast sicher recht“, sagte ich & starrte in die Flamme der vor mir stehenden Kerze, die an einem zu langen Docht unruhig blakte. „Aber ich kann dir nicht ganz folgen & ich will es auch nicht. Deine Konsequenzen erschrecken mich … Ich bin nur ein kleines Licht. Es verlischt. Was ich sein werde, weiß ich nicht. Dass ich nicht sein werde, begreife ich nicht. Dass die Welt nicht sein wird, befürchte ich nicht. Ich bin nur ein kleines Licht. Es verlischt.“

Klammer schüttelte den Kopf. „Alfons, du bist ein Dichter“, sagte er lächelnd & wohlwollend.

Mein Leben, ich musste darüber so lange lachen, bis ich mich übergeben musste.»

ENDE

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Ein kleines Licht – Roman (ZWÖLF)

Als Alfons später erneut seinen Steinbruch auf dem Tisch zurecht ordnete, verflog seine gute Laune schnell. Er fand nur Unfug wie:

«Stell dir vor, zwei Dichter stehen nebeneinander im Pissoir.
Reden sie über Hölderlin? Was meinst du?»

Oder den Beginn eines Erzähltextes, von dem er nicht wusste, wohin der ihn noch führen würde. Alfons hatte ihn noch während seines Entzugs zu schreiben begonnen, gleich nachdem er zum ersten Mal die kleine Rente aus dem überraschenden Erbe von Manfred Sontheimer erhalten hatte und sich in einer Pension in einem kleinen Touristenort im Allgäu eingenistet hatte.

«Schließlich kehre ich doch zum See meiner Erinnerung zurück. Ich wusste, er liegt dort oben zwischen hohen Bergflanken eingezwängt, ruht still & unberührt in ein schmales Tal eingebettet, das nur über einen abschüssigen, schwer erklimmbaren Wald, den ein dünner, kaum sichtbarer Pfad durchquert, erreichbar ist. Um diese Frucht zu ernten, braucht es Glück & Anstrengung. Ich wusste: Der See wartet dort auf mich. Er ist geduldig.

Sind wirklich schon fünfzehn Jahre vergangen, seit ich den letzten Tag meiner Sommerfrische für ein Bad in seinem durchsichtigen Wasser nutzte, von winzigen, schmalen Fischschwärmen silbern glänzendend umspielt? Mir erscheint jener ferne Moment in der Erinnerung wie gestern, so klar sehe ich seine Farben & kenne die Konturen meiner Gefühle:

Ich bahnte mir vorsichtig wie ein Balletttänzer über den scharfen Kiesel tanzend einen Weg durch den scharfblättrigen bleichen Schilfbewuchs des flachen Ufers. Dann kraulte ich mit ein paar kräftigen Schwimmzügen erleichtert hinaus zur dunklen Nachtkühle der Seemitte, wo mir das eisige Wasser die Schweißtropfen wegbiss. Dort drehte ich mich mich auf den Rücken, spielte toter Mann & die tiefe Sonne eines hitzigen Augustabends blickte neugierig auf meine nackte Haut.

Obwohl mir die Erinnerung so nahe ist, mich berührt, sehe ich mich selbst nur von weiter Ferne; wie durch ein umgedrehtes Fernglas. Ich bin mir fremd geworden. Fünfzehn Jahre sind seit diesem kurzen Moment, den ich einen glücklichen nenne, vergangen. Sie haben einen gesunden, muskulösen Körper aufgeschwemmt & in seinem Inneren gewütet; die Organe zerfressen, die Seele zernarbt; fünfzehn Jahre können so lang wie ein ganzes Leben sein – wie zwei Leben! Heute steht ein ganz anderer am zwar schneefreien, aber eisig kalten Ufer, das er zeitlos & unverändert wiedergefunden hat, allen glückselig machenden Gedanken ans Gestern zum Trotz. Heraklit mag ja recht haben, wenn er sagt, man könne nicht zweimal in das gleiche Wasser steigen, aber mir scheint sich nur der Mensch verändert zu haben. Der Gebirgssee selbst blieb sich gleich & treu, sich selbst genügend, in sich ruhend. Sogar die flinken Fischlein scheinen mir die selben zu sein.

Das Wetter ist ideal. Seit Tagen bläst ein starker Föhnwind. Er hat die Wolken vertrieben & die aufgeweichten Pfade den Bergwald hinauf längst getrocknet. Ein fast schmerzhaft hellblauer Himmel spannt sich wie ein straffgezogenes Laken über dem See. Nur wenige fedrige Wolken & der Kondenzstreifen eines Flugzeugs verschmutzen ihn. Als ich vor acht Tagen in der Pension im Dorf einzog, hatte ich noch wenig Hoffnung, meinen kleinen Ort wiederzuentdecken. Im Fremdenverkehrsamt & von den maulfaulen Bauern, deren Sprache ich nur rudimentär übersetzen konnte, erhielt ich keine vernünftigen Auskünfte. Also drehte ich im Schneeregen, der so hartnäckig nach Silvester fiel, immer größere Runden & Spiralen ums Dorf. Meine von den „Jahren des Saufens“ erschlafften Beine wurden wieder kräftiger, mein Atem ausdauernder, mein nächtlicher Schlaf störungsfrei. Ich gewann etwas zurück von der zähen & ausharrenden Haltung des Wanderers, das ich schon lange für immer hinter mir gelassen wähnte. Dann endlich wagte ich mich mit der plötzlichen stabilen Föhnlage auch in die höher gelegene Bergregion, suchte, wurde aber nirgends fündig. Der See spielte Verstecken mit mir.

Heute morgen jedoch geschah etwas seltsames. Ich kam pünktlich um 07:00 Uhr von meiner muffigen kleinen Zimmerflucht hinunter in den spärlich beleuchteten Speiseraum, um alleine vor all den anderen Touristen frühstücken zu können. So habe ich mir das angewöhnt in der letzten Woche; ich brauche keinen Kontakt zu anderen Menschen. Ich bin mir manchmal selbst schon zuviel. Mein Wirt hatte mir schon das Kännchen mit dem dünnen Kaffee auf den Tisch gestellt. Diesmal fand ich neben der üblichen „Semmel“, der „Brezel“ & dem trockenen Gewürzkuchen zusätzlich einen zusammengefalteten Zettel in meinem Brotkorb, der sich auseinandergefaltet als eine zerknitterte Karte erwies, auf der mit einem dicken Rotstift ein Weg markiert & eine Wasserfläche eingekreist war. Ich rief nach dem Wirt, der in der Küche nebenan rumorte & diensteifrig & auch ein wenig erstaunt zu mir trat, denn bislang hatte ich ihn noch nie mit einem Wunsch belästigt. Seit ich am ersten Morgen meines Urlaubs nicht auf seinen Versuch eingegangen war, mich mit ihm in eine belanglose Konveration über das Wetter einzulassen, ließ er mich in Ruhe frühstücken.

„Wie kann ich Ihnen helfen, Herr Andernaj?“ Ich deutete stumm auf die Karte. Sein Blick folgte verständnislos meinem Zeigefinger.

„Haben Sie mir das hier in den Brotkorb gelegt?“ Der Mann schüttelte erstaunt den Kopf.

„Ich sehe es zum ersten Mal. Das Papier wird wohl bereits in der Semmeltüte gelegen haben, die heute früh der Bäckerjunge gebracht hat. Es muss dann mit in den Brotkorb gerutscht sein. Das tut mir leid. Ich bringe Ihnen sofort eine neue Semmel“, sagte er. Das war zumindest das, was ich von seinem alpenländischen Idiom verstand. Er brabbelte noch mehr in seinen voluminösen weißen Bart, aber er wirkte vollkommen aufrichtig.

„Ich danke Ihnen“, wimmelte ich den beflissenen Herbergsvater ab, „das wird nicht nötig sein.“ Neugierig beschäftigte ich mich wieder mit dem Plan, der wie eine Schatzkarte auf mich wirkte. Woher und von wem also die geheimnisvolle Wegweisung stammte, wer mir den Weg zum See auf diese ungewöhnliche Weise angezeigt hatte, bleibt damit erst einmal ein Rätsel.

Aber die Wanderkarte hat mich sicher geleitet. Nun stehe ich hier, an dem Ort, an dem ich mein neues Leben beginnen, mir ein Haus bauen will. Endlich. Es gibt keinen Weg mehr zurück.»

Nein, damit war absolut nichts anzufangen und ihm blieb nur noch wenig Zeit bis zum Treffen der Kastner, die er doch beeindrucken wollte. Vielleicht würde sie ihm dann noch mehr Entgegenkommen zeigen. Dennoch machte er sich noch ein Gewissen wegen der Gedichte seines Sohnes, die dieser kopflos vor Zorn auf der Couch liegen gelassen hatte. Aber Alfons bemerkte, wie er langsam seine Skrupellosigkeit zurück gewann. Gut, er hatte inzwischen verstanden, dass er für die anderen nicht den Mittelpunkt der Welt darstellte  auch wenn dies ein noch viel schmerzhafterer Erkenntnisprozess gewesen war, als er Cesare gegenüber hatte zugeben können – aber für sich selbst war und blieb er doch immer das Zentrum und es wäre töricht von ihm gewesen, wegen eines nagenden Gewissens diese Gelegenheit, die sicher seine letzte war, zu vergeuden. Er selbst, Alfons Andernaj, war der Nagel, an dem alles aufgehängt war.

Diesmal hörte Alfons das Klingeln nicht, so vollkommen war er in seine Gedanken versunken, so einnehmend war die Macht der Erinnerung. Er hob erst den Kopf, als Frau Albrecht, da er auf ihr Klopfen nicht reagierte, vorsichtig die Tür einen Spaltbreit öffnete. Auf ihrem Gesicht stand deutlich die Sorge (oder Hoffnung?) geschrieben, dass es mit ihrem Untermieter nach dessen Streit mit seinem Sohn eine dramatische Wende genommen hatte. Und tatsächlich, als er mit einem glasigen,schielenden Blick aufsah, ohne sie wirklich bewusst wahrzunehmen, mutmaßte sie für einen Augenblick das Schlimmste. Doch dann fand Alfons ein beruhigendes Lächeln und er richtete sich mit dem Oberkörper gerade. Hinter seiner Vermieterin schob sich in diesem Augenblick Sabine Kastner in den Raum.

«Störe ich?», fragte sie ruhig, ohne eine Antwort zu erwarten. Sie versuchte, hinter sich die Tür zu schließen. Natürlich zwängte sie dadurch Frau Albrecht zwischen Tür und Rahmen, die daraufhin empört eine Gegenkraft ausübte. Alfons staunte kurz über den Kampf der beiden Frauen, dann nahm er gleich zwei Pfefferminz-Pastillen zu sich und stand auf, um zu schlichten. Doch bevor er an der Tür angelangt war, hatte Sabine die Auseinandersetzung gewonnen und schloss die Tür triumphierend hinter der zeternden Vermieterin. Sie trat einen Schritt in den Raum, gab Alfons die Hand. Doch Frau Albrecht hatte das letzte Wort. Sie öffnete noch einmal die Tür:

«Bis spätestens zehn Uhr, Herr Andernaj. Sie kennen die Regeln», zischte sie. Dann warf sie noch einen vernichtenden Dolchblick in den Rücken ihrer Widersacherin, die instinktiv die Schultern zusammenzog und diesmal war sie es, die lautstark mit der Tür knallte. Offenbar hatte sie sich vorhin überzeugen davon können, dass sie diese Belastung aushielt. Alfons versuchte sich in einem befreienden Lachen, das in seinen Ohren leider ein wenig gekünstelt klang.

«Ich würde niemals über sie schreiben», sagte er, «jeder Kritiker würde mir vorwerfen, sie wäre nur eine schlechte Stereotype.» Sabine zeigte ihm endlich wieder ihr vielversprechendes, wenn auch diesmal etwas mitleidig wirkendes Lächeln, das sie endlich für ihn ganz allein zur Verfügung stellte. Sie schälte sich mit einer eleganten, schlängelnden Bewegung aus ihrer Jacke, die sie, nachdem sie sich vergeblich nach einem Bügel oder einem Hacken zum Aufhängen umgesehen hatte, kurz entschlossen Alfons in die Hände drückte, der sich nun seinerseits den Kopf zerbrach, welches der adäquate Ort für dieses Kleidungsstück war.

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Ein kleines Licht – Roman (ELF)

«Deine Gedichte haben ‘ne schöne Form. Das steht ganz ohne Zweifel fest», fuhr Alfons fort und merkte selbst, wie unklar und verdreht er formulierte. ‚Seltsam‘, dachte er, ‚die einfachsten und klarsten Gedanken sind immer die am schwierigsten zu vermittelnden.‘

«Deine Verse sind – jetzt mal ausschließlich vom Gesanglichen her betrachtet – mit das Beste, was mir seit Langem zu Gehör gekommen ist. Vergleiche ich sie mit meinen eigenen lyrischen Versuchen, schäme ich mich. Aber innerhalb dieser glänzenden Hülle sind sie leer und muffig. Deine Gefühle der Liebe und Zärtlichkeit sind schon hunderttausendmal beschrieben worden und dabei einige tausend Male besser, intensiver, wahrer. Während wir hier sitzen, ich sag’s dir, da sitzen Hunderte von Dichtern irgendwo auf der Welt in ihrer Bude oder in einem Café oder im Bett neben ihrer Freundin und sie dichten mit ähnlichen Worten über die gleichen Gefühle und kommen sich genauso einzigartig und ausgewählt vor. Das ist der Schrecken der Gleichzeitigkeit. So viele Gedichte! So viele Zeilen voller Gefühl und Leben! Und niemand interessiert sich ernsthaft für sie. Das ist alles für die Papiertonne. Glaub’ mir, dein Zeug will auch niemand. Dies ist keine Zeit für Lyrik. Du wirst mit deinen Gedichten genauso scheitern wie alle anderen, wie auch ich auf die Nase gefallen bin. Scheiße! Glaubst du denn wirklich, dass dein Naturempfinden und dein Liebesleben irgend jemanden interessieren?  Das kotzt doch alle an. Die Leute glotzen Katzenvideos auf Youtube, wenn sie sich lyrisch fühlen. Das ist ihnen Emotion genug. Denkst du vielleicht, du bist ‘was Besonderes? Was nimmst du dir heraus?», redete er sich in Rage und seine Stimme wurde lauter. Schließlich sollte auch die Albrecht vor der Tür etwas von der Unterhaltung haben. An diesem Punkt zögerte Alfons und wunderte sich über sich selbst. So weit hatte er sich nicht aus dem Fenster lehnen wollen, so viel hatte er von seiner eigenen Frustration nicht hergeben wollen. So ganz hatte er seine Suada auch nicht überdacht. Er hatte sich von seinem eigenen Wortschwall überraschen lassen.

Cesare war sehr bleich geworden. Sein Blick wanderte zu dem unordentlichen Stapel mit den Gedichtversuchen seines Vaters, der nun allzu symbolträchtig auf dessen Schmutzwäsche lag. Alfons nickte. Er kannte die Gedanken des Jungen. Er konnte sie ihm vom Gesicht ablesen.

«Du hast recht», gab er zu, «es is’ mit meinem Zeug genau das gleiche. Ich hab lang gebraucht, bis ich diese Erkenntnis hatte und sie kam viel zu spät … Schau mich doch an! Schau, was aus mir geworden ist. Deshalb bin ich auch immer gescheitert, darum is’ alles in meinem Leben schiefgelaufen, nicht zuletzt meine Ehe. Ich war die ganze Zeit der Meinung, ich sei was Besonderes; die andern waren nur dazu da, mich zu bewundern und mir zu helfen. Ein Arschloch war ich! Die Lyrik hat mein Leben zerstört. Künstler sein … Herrgott, was für ein bescheuerter Lebenswurf.»

Cesare sah wieder zu seinem Vater. «Hast du deshalb getrunken?», fragte er leise. Es schien ihn Mühe zu kosten, dabei seine äußere Ruhe zu bewahren. Alfons hob die Augenbrauen, dann lachte er.

«Es klingt zumindest gut als Ausrede für’s Saufen, nich’? Welch Künstler geht mir mir verloren! Der Alkohol war mein treuer Epaphroditus, der mir gnädig den Dolch in den Wamst rammt. Ach, Quatsch. Nein, ich bin nicht durchgeknallt, Cesare. Ich hab’ gesoffen, weil’s einfach geil war. Ich war ein Arsch und betrunken kam ich immer am Besten mit mir zurecht.» Er zögerte. «Da bin ich jetzt aber raus. Zum ersten Mal seit Jahren bin ich nüchtern und es gefällt mir so. Endlich kann ich leben wie ich will, ohne irgend’ne Verantwortung. Ich kann mir jetzt meine Bekannten aussuchen, ich muss nich’ mehr jedem in den Arsch kriechen. Und ich weiß inzwischen, wo ich stehe. Auch wenn mir jetzt keine Gedichte mehr einfallen», fügte er hinzu und fragte sich, ob er sich überhaupt verständlich machen konnte. Seine Sätze klangen ihm selbst wirr und dunkel. ‚Das Orakel vom Berge‘, fiel ihm ein und er kicherte. Gleichzeitig war er sich bewusst, dass er erneut mit seinem Schicksal kokettierte. Und gelogen hatte er auch. Natürlich war er weiterhin von der Qualität seiner Gedichte überzeugt und er wollte sie unbedingt im Kleinen Licht gedruckt sehen. Sein Sohn sah ihn zweifelnd an und rückte auf seinem Sitz etwas von ihm weg. Er schien am Verstand seines Vaters zu zweifeln.

«Und dann muss ausgerechnet ich auftauchen», stellte Cesare erstaunlich nüchtern fest. Doch, der Junge hatte ihn verstanden, besser vielleicht, als er sich selbst verstand. Alfons nickte bestätigend.

«Ich sag’s nicht gern, aber … mit dir will ich eigentlich nichts zu tun haben. Du störst mich … und du ärgerst mich.» Cesare öffnete beleidigt den Mund, aber Alfons zwang ihn mit einer herrischen Geste zum Schweigen. «Du bist gekommen, weil du meinen väterlichen Rat willst. Du kannst ihn haben. Aber du wirst nicht auf ihn hören wollen. Du wärst auch der erste Sohn, der das täte.»

Alfons hatte plötzlich ein Bild vor Augen, wie er mit einem dicklichen Sechsjährigen am Flussufer auf einer Kiesbank beim Wehr spazieren ging. Der Junge riss sich immer wieder von seiner Hand los und wollte flache Steine ins Wasser werfen. Alfons beobachtete ihn und spürte etwas Endgültiges in sich. Das Wasser gurgelte laut und er fror. Konnte das Kind, das natürlich Cesare war, nicht merken, wie langweilig ihm war? Er wollte Cesare endlich wieder der Mutter überlassen und sich um seine Angelegenheiten kümmern. Dieses Kind hinderte ihn daran, zu leben. Er hatte bei diesem Gedanken nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Diese Erinnerung … Es war das letzte Mal, dass er mit Cesare alleine zusammen gewesen war. Noch am gleichen Abend setzte Maria ihren Mann vor die Tür – diesmal endgültig. Er hatte sie einmal zu oft provoziert. An diesen Jungen in seiner Erinnerung, an ihn hätte er vielleicht anknüpfen können. Der Jugendliche jedoch, der ihn heute aufgesucht hatte, war ihm fremd. Alfons entschied sich. Er nahm die Gedichte Cesares an sich, die dieser auf den Tisch gelegt hatte und warf einen kurzen Blick auf das oberste, das er noch nicht kannte. Es hatte keine Überschrift, es bestand aus vier makellosen Blöcken mit vielsilbigen, blumigen Wörtern, deren Sinn sich ihm beim oberflächlichen Überfliegen nicht erschloss. Aber es war sicher nur eine Variation des bereits Gehörten. Es gab keine handschriftlichen Korrekturen, die klare Schriftart und ihre Größe waren geschmackvoll aufeinander abgestimmt. Das Blatt strahlte auf Alfons eine beinahe steril zu nennende Sauberkeit und Ordnung aus. Das waren zwei der sogenannten Tugenden, zu denen Alfons noch nie fähig gewesen war. Wenn die Blätter etwas von Cesares Charakter widerspiegelten, dann waren sich die beiden doch nicht so ähnlich, wie Alfons zwischendurch vermutet hatte. Er legte die Gedichte bewusst achtlos zur Seite und kam in jenem Augenblick noch sehr verschwommen auf den Gedanken, die Blätter könnten die Lösung seiner Probleme sein. Es ist gut möglich, dass sein Ton deshalb noch etwas kälter und unfreundlicher wurde, als er es ohnehin schon war.

«Berlin ist Mist. Einfach Scheiße. Bleib hier. Schaff dir zuerst hier eine Basis. Ich weiß, dass es in dieser Stadt schwerer ist als anderswo, hier erstickt man Heuchelei. Aber wenn du es hier schaffst, schaffst du es überall. Unsere Heimstatt der Selbstzufriedenen und Gleichgültigen ist das härteste Pflaster überhaupt. Sie ist eine Herausforderung, die nur die Extreme Erfolg oder Vergessen kennt. Dazwischen gibt es nichts. Und dann deine Gedichte: Ich hab’ dir schon gesagt, dass ‘se schön sind, aber auch nicht mehr. Deine Lyrik ist der röhrende Hirsch über der Wohnzimmercouch, die schöne Zigeunerin, der Clown mit den großen traurigen Augen. Lass deine Zeilen in deinem Schreibtisch verschimmeln. Wenn du ‘nem Mädl das Höschen feucht machen willst, sind sie tauglich, dann flüster‘ sie ihr ins Ohr, bevor du sie fickst. Zu mehr kann man sie nich’ brauchen. Leb erstmal ‘ne Weile, such‘ dir ’n Job und ’ne Lebensgrundlage und dann schreib, schreib, bis dir die Tinte aus den Ohren quillt. Und dann noch ein Gedicht mehr. Versuch aber nie, das Zeug zu veröffentlichen. Warte, hab‘ Geduld. Du musst erst als Mensch ‘n Dichter sein, bevor du Erfolg hast und das dauert … Bei manchen ein Leben lang, betete Alfons seinen Katechismus absichtlich flapsig herunter. Er wollte die Sprache seines Sohns sprechen, aber das ging natürlich vollkommen schief. Cesare blieb gar nichts anderes übrig als überlegen zu lächeln. Alfons sah es ihm an:  «Du weißt gar nicht, wovon ich rede, oder?. Er wand sich halb zu dem jungen Mann und hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige in das selbstzufriedene Grinsen gepfeffert. Alfons holte tief Luft. Dann brüllte er, so laut er konnte. Er schleuderte Cesare eine Mischung aus Speichel, Verwesung und Pfefferminze entgegen:

«Wenn du nach Berlin willst, dann geh doch! Ich kann dich nich aufhalten und ich will es auch nich‘ tun. Was meinst’n, warum ich mich nie bei dir und deiner Mutter gemeldet hab’? Ganz einfach: Weil ich mich nie für euch interessiert hab’. Es war mir doch einfach Wurst, verstehst du? Wurst, Scheißegal. Such dir ‘nen andren Vater.» Er holte Luft. «Und dann hab ich noch ‘nen letzten Rat für dich: Hol dir nie wieder einen bei mir. Jetzt verpiss dich. Ich will dich nich‘ mehr sehn. Mir wird schlecht von dir.»

Alfons lehnte sich in seinem Stuhl zurück und wartete auf die Antworten von Cesare, die jedoch wegen dessen Sprachlosigkeit auf sich waren ließen. Zufrieden mit sich selbst kicherte er in sich hinein. ‚Hab’ ich mal wieder bewiesen, was  für’n Arsch ich bin‘, dachte er. ‚Dass es immer noch Leute gibt, die’s nicht glauben wollen. Ja, hass mich, du musst das tun. Bald spuckst du mir auf’s Grab. Das wird dir eine Genugtuung sein. Ich hab’ aber den Riss entdeckt, unter dem bei dir der Künstler hervorscheint und genau dort hab’ ich mein Brecheisen angesetzt. Jetzt hast du gelernt, was Poetry-Slam ist. Das war’n Geschenk von mir. Mach was draus.‘

«Alter Penner.» Cesare rang sich zu einem Schimpfwort durch, das nicht einmal außergewöhnlich originell war, im Zusammenhang mit seiner Mutter war ihm Besseres eingefallen. Dann stand er auf, schnappte sich seine Jacke und ging ohne sich umzusehen aus dem Zimmer, wobei er die Tür so laut ins Schloss krachen ließ, dass sofort die Albrecht hereinkam, zuerst einen vorwurfsvollen Blick auf ihren Untermieter warf und dann die Tür aufmerksam auf Schäden untersuchte. Währenddessen saß Alfons auf seinem Stuhl und erfreute sich an seinem Leben.

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Ein kleines Licht – Roman (ZEHN)

Alfons nahm seine Brille ab und lehnte sich in seinem Sofa zurück. Damit hatte er endlich vor sich selbst zugegeben, was er schon die ganze Zeit insgeheim mit sich herumtrug: Die Gedichte Cesares für seine eigenen auszugeben … ‚Und Cesare ist am Ende doch selbst schuld‘, redete er sich sofort ein, ‚er hat schließlich seine Verse einfach hier liegen lassen, als wir uns verstritten haben. Ich kann mit ihnen machen, was ich will. Er wird mit einem Achselzucken über meinen Betrug hinweggehen, wenn er ihn überhaupt bemerkt. Er kann noch tausend solcher oder besserer Gedichte schreiben, er steht ganz am Anfang. Ich allerdings kann mir mit diesen Blättern den Kopf aus der Schlinge ziehen.‘

Der Streit hatte mit dem dritten Bild der Mehrfachbelichtung von Erinnerungsfetzen in seinem Gedächtnis begonnen. Nachdem Alfons ein paar Belanglosigkeiten über die Qualität der Gedichte geäußert hatte, vorsichtige, nichtssagende Formulierungen. Denn er wollte den Jungen nicht zu viel loben, da er ein übertriebenes Lob für ebenso gefährlich wie eine zu starke Kritik hielt. Er hatte das in den Jahren gelernt, in denen er als freier Literaturkritiker für die Zeitung geschrieben hatte. Er setzte sich also gerade, wie er meinte, konstruktiv mit dem Versmaß seines Sohnes auseinander, da sagte Cesare plötzlich zusammenhanglos und mit deutlich aggressivem Unterton, triumphierend die Arme verschränkend:

«Ich werfe die Schule hin und gehe nach Berlin.» Er schien stolz auf die explosive Wirkung seiner Worte zu sein, aber falls er geglaubt hatte, seinen Vater auf diese Weise erst einmal mundtot zu machen, hatte er sich geirrt. So schnell war Alfons nicht zu überraschen, dazu war er zu sehr an seine eigene Sprunghaftigkeit gewöhnt. Es machte ihn nur wütend, dass er seinen brillanten Gedankengang über die behäbige Wirkung der Metrik der Kürenberger-Strophe nicht beenden konnte.

«Du bist noch lange nicht volljährig, deine Mutter wird dich suchen lassen», stellte er nüchtern fest. «Und sie wird dich finden, glaub mir das. Ganz egal, ob du dich im Kempinski oder in ‘ner besetzten Ruine am Prenzlauer Berg versteckst. Falls du es selbst noch nich’ bemerkt hast, dann lass es dir von mir sagen: Die herausragende Eigenschaft deiner Mutter is’ ihre Hartnäckigkeit. Glaubst du, ich hätte sie sonst geheiratet? Ich wollt doch von ihr nur, was ich von allen Frauen will. Nicht weniger, aber sicherlich auch nicht mehr. Gut, ich bekam mit ein wenig Aufwand, was ich wollte, aber bevor ich mich umsah, war ich Ehemann und ging ‘ner geregelten Arbeit nach. Und als sie davon sprach, dass sie ‘n Kind wolle, sagte ich Nein. Du kannst mir glauben, ich sagte deutlich: Nein. Ich hatte begonnen, ‘nen Roman zu schreiben. Er entwickelte sich gut. Er war das einzige, an dem ich Interesse hatte, er war für mich wirklicher als alles andere, zumindestum einiges wirklicher als der bürgerliche Trott, in dem ich existieren musste und den ich täglich mehr zu hassen lernte. Ein Kind, noch dazu ‘n Säugling, mit all den Konsequenzen, die das mit sich trug, der Verantwortung, die ich in jenem Moment noch gar nich’ abschätzen konnte und die mich dann tatsächlich erschlug, ich sag dir, so ‘n Kind wollt ich auf keinen Fall. Ich wusste, es hätte die Realität meines Romans zerstört, und so is‘ es auch gekommen. Verstehst du? Glaub mir, ich sagte mit einem Brustton der Überzeugung Nein. Und Sabine wurde zwei Monate später schwanger. Sie hatte die Pille vergessen. Das log sie mir zumindest ins Gesicht. Den Roman hab ich immer noch nich‘ fertig, mein Junge. Ich wette, sie wird dich erwischen; du wirst staunen, wie schnell das geht.» Alfons fragte sich, warum er Cesare das alles erzählte. Sein Ärger über den Jungen wurde dadurch nicht geringer. Sein Sohn hatte ihm ruhig zugehört und schien über diese Offenbarung, dass er kein Wunschkind war, nicht weiter erstaunt. Wahrscheinlich hatte er es schon gewusst.

«Und warum muss es ausgerechnet Berlin sein?», fuhr Alfons fort. «Tut‘s nicht auch München? Das wäre näher, du könntest übers Wochenende nach Hause; auspennen oder ausflennen, je nach dem …»

«Ich war in den Sommerferien mit der Schule für zwei Wochen in Berlin. Ich kann nicht beschreiben, wie das war, es hat mich überwältigt. Gegen hier ist das dort wie ein anderer Planet. Ich glaube, da kann noch was aus mir werden. Hier scheißt sich doch keiner um meine Literatur. Schön. Nett. Aber jetzt mach deine Hausaufgaben. Ein Gedicht? Hast du schon dein Zimmer aufgeräumt?», persiflierte Cesare wahrscheinlich seine Mutter und ließ einen Fluch folgen, bei dem sogar der abgestumpfte Andernaj die Ohren spitzte. Alfons konnte deutlich seine Ex-Frau heraushören. Soviel pubertäre Wut hatte er bei seinem Sohn nicht erwartet. «Ich war in Berlin bei ein paar Literatentreffen, bei offenen Lesungen mit anschließender Publikumskritik; einmal in Köpenick und einmal in der Mitte. Ich habe Gedichte und kurze Texte vorgelesen und zwar jedesmal andere. Sie haben mich alle gelobt, ohne Ausnahme. Ich musste sogar eine Zugabe geben. Ich glaube wirklich, in Berlin kann ich Erfolg haben. Mir gefällt auch das Tempo dieser Stadt. In Berlin passiert etwas. Da ist etwas ins Rollen gekommen und ich will dabei sein», schwärmte er. Alfons fand es an der Zeit, ihn auf den Boden zurückzuführen.

«Wenn du dich da mal nicht irrst. Für’n paar Wochen Sommerferien ist Berlin sicher gut zu ertragen, vor allem, wenn man ‘ne gute Unterkunft hat und Mama den Spesenbeutel füllt. Aber eins lass dir sagen: Diese Stadt ist gnadenlos; ich hab es erlebt. Ich war ganz unten und sie hat mich noch getreten. In Berlin leben die zynischsten Menschen, denen ich in meinem Leben begegnet bin. Wenn du von außen kommst, hast du keine Chance. Du rennst hinter den Gelegenheiten her, wie ‘n Köter bei ‘nem Hunderennen hinter dem falschen Hasen. Du hast recht: Hinter jeder Straßenecke erwartet dich ‘ne Möglichkeit, aber du hast es noch nich’ kapiert: Einholen kannst du sie nie. Das ist wie der Versuch, am Nollendorfplatz ein Mädel klarzumachen. Du brauchst Jahre und viel Atem, um dazu zu gehören, wenn das überhaupt geht. Es is’ sinnlos, Berlin aus ‘nem anderen Grund aufzusuchen, als auf der Museeumsinsel Tourismus zu machen und ins Imax im Sonycenter zu gehen. Du bist nicht Brecht. Niemand hat dort auf dich gewartet. Schau mich genau an, mich versoffenes, aufgeschwemmtes Wrack. Was aus mir geworden ist und ich bin nicht mehr als der Traum eines lächerlichen Menschen, das bin ich durch Berlin geworden. Die Stadt hat mich gefressen, verdaut und ausgespuckt.» Er sah Cesare an, dass er ihm nicht glaubte. Er hatte diese arrogante, selbstgerechte Miene aufgesetzt, die ihn an Jugendlichen so wütend machte, dieses „Ich-weiß-es-eh-besser” -Gesicht, mit dem sie all ihre Dummheiten begingen. Cesare hatte zugemacht, er verweigerte sich einfach. Natürlich, denn er würde sich ja von seinem Vater nichts sagen lassen. Alfons verstand: Sein Sohn würde nicht auf ihn hören und wenn er tausendmal recht hatte, er würde seine eigenen Erfahrungen machen wollen. Selbst wenn es ein Fehler war, den jeder Zweite schon vor ihm gemacht hatte, ein Fehler, über den schon ganze Bibliotheken vollgeschrieben worden waren, er würde ihn erneut und mit Wollust begehen, er musste ihn einfach machen. Alfons hasste es, dass ihn sein Sohn in die Vaterrolle gedrängt hatte, damit er ihn besser verabscheuen konnte. Aber bitte, wenn er sie von ihm wollte, dann konnte er sie haben.

Er entschied sich zu einem verächtlichen Lachen und erreichte sofort sein Ziel. Cesare sog scharf die Luft ein. Dabei entstand ein schnorchelnder, vibrierender Laut, einem tierischen Grunzen ähnlich. Alfons kannte dieses Geräusch genau: Der peinliche und laute Urlaut, den sein Sohn eben unfreiwillig erzeugt hatte, wies erneut auf ihre Verwandtschaft hin. Es war ein Laut, der Alfons zu seiner Pein immer dann entschlüpfte, wenn er beim Lachen nach Luft schnappte oder sich wirklich ärgerte. Ein HNO-Arzt in seiner Bekanntschaft hatte ihm einmal erklärt, dass er eine schiefe, verwachsene Nasenscheidewand habe, die für dieses krampfhafte Grunzen verantwortlich war, das bei seinen Bekannten als der Andernaj-Schnorchler berühmt war. Ihn nun von seinem Sohn zu hören, amüsierte ihn und machte ihn zugleich betroffen. Cesare hielt sich eine Hand vor den Mund und wirkte völlig ruhig. Er schien zu warten. Alfons wusste worauf. Würde er jetzt eine dumme Bemerkung machen, würde Cesare explodieren. In diesem Moment begann er, sich erst richtig zu ärgern, denn es wurde ihm bewusst, was sein Sohn ihm alles zumutete. Cesare war durchaus nicht gekommen, weil er sich unsicher war und sich von Alfons einen Rat erhoffte, wie er in seiner Naivität zu Anfang geglaubt hatte. Cesare suchte nur Bestätigung: Die Bestätigung, dass er ein großartiger Dichter war und sofort und auf der Stelle nach Berlin gehörte. Am Besten überreichte ihm ein Vater jetzt das Geld für den Trip. Und für den eher unwahrscheinlichen Fall, dass sein Vater nicht seine Meinungen teilte, konnte er mit der ganzen Überzeugung und dem Selbstbewusstsein seiner Jungend ein «Jetzt erst recht!», hervorholen. Wie Alfons auch reagieren würde, ob er wie eben weiter den besorgten Vater spielte, eine Rolle übrigens, für die er sich wenig geeignet hielt, oder ob er den wohlwollenden älteren Kollegen, der gutmütig lobte, ob er den ehrlichen Kritiker machte, der die Nichtigkeit der Gedichte darlegte, oder ob er Cesare mit einem Achselzucken seinen Weg gehen ließ, immer blieb ihm der schwarze Peter. Er versuchte trotzdem noch ein letztes Mal, zu einem gütlichen Ergebnis zu kommen.

«Glaubst du», tastete er sich vorsichtig vorwärts, angestrengt nach eventuellen Fettnäpfchen Ausschau haltend, »glaubst du, dass heut’ jemand, selbst wenn er ‘n zweiter Hölderlin wär, noch mit Gedichten Erfolg hätt’? Es gibt Momente, da fang ich an zu glauben, dass das Zeitalter der Dichtung vorbei is’.» Cesares Mund wurde dünner und Alfons beeilte sich, schnell weiter zu reden. Wie immer, wenn er einen Gedanken sehr eindringlich darstellen wollte, wechselte er, ohne es übrigens zu bemerken, ins Hochdeutsche. «Du glaubst an die Bedeutung deiner Gedichte, an die Kraft deiner Gefühle. Da hast du recht und ich kann dich verstehen. Und doch interessiert sich kaum jemand wirklich dafür. Ich will es dir erklären. Wir leben in einer Zeit, in der es den hervorgehobenen Einzelmenschen nicht mehr gibt. Jede Empfindung und sei sie noch so abwegig, ist doch schon millionenfach erlebt und erlitten worden. Auch unsere Stimmung, genau die, die wir jetzt haben, so einmalig sie für unseren Erlebnishorizont auch sein mag, hat’s schon gegeben und ich bin mir sogar sicher, dass wir sie in diesem Augenblick mit einigen von den Milliarden von Menschen auf diesem Ameisenhaufen teilen müssen», redete sich Alfons warm und fühlte sich fast so schlau wie Klammer.

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Ein kleines Licht – Roman (NEUN)

«Berlin ist die einzige Stadt, in der man in Deutschland leben kann. Alles andere kannst du vergessen», sagte der Junge. Nein, das hatte nicht Cesare gesagt, sondern jemand anders, er war sich sicher …

Alfons klappte seinen Notizblock zu, lehnte sich zurück und sah sich verwirrt in seinem Zimmer um. Dieses Textfragment hatte in der Tat auf diese Weise geendet; mit einem Satz, den Cesare ohne sein Wissen zitierte. Viel Zeit war über seinem Versuch, sich an jede Einzelheit der überraschenden Begegnung mit seinem Sohn zu erinnern, nicht vergangen. Alfons erkannte das an dem verirrten Lichtfleck vor sich auf dem Tisch, der kaum weiter gewandert war und den noch keine Wolke geschluckt hatte. Ihn hatte eine ganz außergewöhnliche Überlagerung von drei nahezu identischen Sätzen aus der Erinnerung geworfen; das war wie die Mehrfachbelichtung eines Fotos. Er hatte noch kein Déjà-vu-Gefühl bei seinem Gespräch mit Cesare empfunden, da war ihm nicht aufgefallen, dass er selbst diese Wörter vor Jahren aufgeschrieben hatte und sie bei einer anderen Gelegenheit ein paar Tage vorher schon einmal gehört hatte. Diese Übereinstimmung hatte ihn erst jetzt aus dem Gang geworfen und ließ ihn nun beunruhigt zurück. Er blinzelte heftig, als er überlegte, welche Erinnerung sich über die an seinen Sohn und die an seinen Roman gelegt hatte und welche Konsequenzen dies für sein Weltbild hatte.

Nun, viele Möglichkeiten gab es nicht. Er hatte in den letzten Wochen nur mit sehr wenigen Menschen gesprochen: Da war natürlich seine Vermieterin, aber er hatte mit ihr nur belanglose, kleine Bemerkungen über das Wetter oder seine ungebührliche Benutzung der Toilette mitten in der Nacht gewechselt. Dann hatte er Klammer getroffen. Aber Klammer war bis über beide Ohren in seine Heimatstadt verliebt; ein lobendes Wort über Berlin würde ihm keinesfalls über die Lippen kommen. Dann blieb noch Favelka … Nein, jetzt wusste er, von wem er diese beiden Sätze gehört hatte. Aber es war nicht die Rede von Berlin, sondern von München gewesen. Diese Sabine Kastner hatte das gesagt, als er sich mit ihr und Favelka im Café Winterfeldt getroffen hatte. Er erinnerte sich genau:

Nachdem er zähneknirschend dem Ultimatum der beiden zugestimmt und sich bereit erklärt hatte, sein Gedicht innerhalb einer Woche fertigzustellen, war eine lastende Gesprächspause entstanden, bis Favelka plötzlich aufsprang und hinaus rannte. Wie er nach seinem Zurückkommen eine ganze Weile später erläuterte, hatte er jemanden vorbeigehen sehen, der ihm noch Geld schuldete. In der Zwischenzeit saß Alfons allerdings alleine mit der Kastner am Tisch und die Stille wurde noch unangenehmer, nachdem nun auf einmal das geschwätzige Bindeglied zwischen den Zurückgebliebenen verschwunden war. Alfons überlegte, ob er gehen sollte, denn eigentlich war schon alles gesagt, aber Horst hatte ihn zu seinem Getränk eingeladen und er hatte auch keinen Pfennig Geld dabei. Deshalb musste er wohl oder übel warten, bis sein Freund von seinem überraschenden Ausflug zurückkehrte. Sabine Kastner nippte vorsichtig an ihrem Pinot, zündete sich dann mit einem entschuldigenden Blick eine Zigarette an. Sie nahm einen ausgedehnten Zug. Anschließend räusperte sie sich und begann ein oberflächliches Gespräch.

«Bist du aus dieser Stadt?», fragte sie, den Rauch aus der Nase blasend. Alfons nickte zurückhaltend.

«Ich bin hier geboren», bestätigte er.

«Und du wolltest nie weg?»

«Nich’ wirklich.» Er atmete langsam ein und betrachtete dabei mit Interesse seine schmutzigen Fingernägel. Natürlich bemerkte er am Schweigen der Kastner, dass sie von ihm erwartete, dass er sich näher erklärte. Später bedauerte er, ihrem stummen Drängen nachgegeben zu haben und sich zu einer Erläuterung, die eigentlich nichts erklärte, zwingen ließ: «Weißt du, es is’ einfach und opportun, Schlechtes über diese Stadt zu sagen, denn sie macht es einem fast zu leicht, über sie zu meckern. Ich kenne niemanden, der nich’ im Streit mit ihr liegt. Hier gibt’s kein Zusammengehörigkeitsgefühl, keinen Stadtstolz wie anderswo. Aber ich persönlich möcht’, ehrlich gesagt, nirgendwo anders leben. Diese Stadt hat den Vorzug, dass sie überschaubar is’.» Er zögerte, weil er das Gefühl nicht los wurde, dass er dies alles schon viel zu oft erklärt hatte. «Außerdem leben hier viele schöne Frauen und sie sind noch dankbar, wenn man’s ihnen sagt.» Er versuchte ein Lächeln, als er seinen Versuchsballon startete. Eigentlich, dachte er, ist die Kastner recht attraktiv, auf eine einesteils hausbackene, aber auch abgründige Weise; mit der Zigarette in der Hand sieht sie fast ein wenig verrucht aus. Zumindest bleibt alles im Rahmen des Realistischen, des Erreichbaren, kam er zu einem abschließenden Urteil. Er schielte an seinen Fingern und der Tischplatte vorbei auf ihre übereinandergeschlagenen Beine. Sie gefielen ihm wirklich gut. Der Gedanke, mit der Hand eines der Knie sanft zu berühren und sie dann langsam über die knisternde Strumpfhose hinweg den Oberschenkel empor gleiten zu lassen, bis zwei seiner Finger zärtlich reibend unter dem nach oben geschobenen Rock ihren Schoß fanden, machte ihm zunehmend Spaß. Er konnte sich vorstellen, wie sie die Nachbarn zusammenschrie, wenn sie einen Orgasmus hatte. Diesmal schämte er sich nicht für seine Tagträume; er genoss sie: Zum ersten Mal seit seinem Entzug spürte er wieder ein sexuelles Verlangen. Doch Sabine Kastner überhörte seine letzte Bemerkung, es gelang ihm nicht, sie, wie er eigentlich gehofft hatte, zum Lächeln zu bringen. Sie wand abwesend den Kopf zum Fenster. ‚Sie hat dir nicht aufmerksam zugehört‘, meldete sich sein Selbstbewusstsein. ‚Wahrscheinlich wartet sie ebenso wie ich auf Favelkas Rückkehr.‘

«Weißt du», erzählte sie dann, ohne Alfons anzusehen, «ich lebe erst seit kurzer Zeit in der Stadt. Ich habe vorher in München studiert. Jetzt habe ich hier eine Stelle.» Alfons hätte sie gerne nach ihrem Beruf gefragt und wie sie es sich leisten konnte, so viel Geld in ein wahrscheinlich erfolgloses Projekt zu stecken, aber er kam nicht zu Wort. «Nach München ist das hier eine … Diaspora. Die Menschen sind ganz anders. München, weißt du, ist so weit, da gibt es alles. Die Leute sind offen, freundlich, gehen aufeinander zu. Wenn du in München allein an einem Tisch im Lokal sitzt, dann kommen bald interessante Leute zu dir und ziehen dich in ein Gespräch. Wenn du jedoch hier allein bist, dann bleibst du allein, es verschwinden nur die leeren Stühle von deinem Tisch, die dir irgendwelche Autisten entführen. Sogar das Wetter ist in München besser. Diese Stadt ist jung und bewegt; sie hat wirkliche Museen, dort gibt es Kunst und lebendige Kultur. Dort ist alles das genaue Gegenteil von hier. Ich fühle mich hier wie in einem Loch. Du kannst mir glauben, sobald ich die Gelegenheit dazu habe, gehe ich wieder zurück.» Als wolle sie mit ihrer Geste ihren Worten Nachdruck verleihen, drückte sie ihre niedergebrannte Zigarette energisch im Aschenbecher aus. Dann sagte sie und damit begann die Mehrfachbelichtung in Alfons Erinnerung:

«München ist die einzige Stadt, in der ich leben kann. Hier existiere ich nur.» Alfons fragte sich, warum sie ihm das erzählte. Es klang in seinen Ohren wie ein irrationales Glaubensbekenntnis. Er hätte gerne gewusst, was ihr Klammer an seiner Stelle geantwortet hätte. Sie hatte sich durch die Preisgabe ihrer billigen Ideologie angreifbar gemacht, es würde nur ein spitzes Bonmot ausreichen, eine boshafte Replik, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen und sie damit nahbar zu machen. Leider fiel Alfons nichts ein außer dem Aphorismus von Mark Twain, dass schlagfertig das sei, was ihm nach drei Tagen in den Sinn komme. Allerdings war nun sein Lokalpatriotismus geweckt.

«Warum gibst du dann hier diese Zeitschrift heraus? So wie du uns siehst, wirfst du Perlen in einen Trog. Uns wär‘ wahrscheinlich mit ‘nem neuen, billigen Fernsehheft besser gedient», erwiderte er, ließ einen seiner alten Witze zu neuen Ehren kommen. Jetzt lächelte sie endlich; ihr erotisches, breites Zahnfleischlächeln übernahm die Herrschaft in ihrem Antlitz, das voller Verheißung war. Alfons Libido stieg sprunghaft an. Er hoffte in diesem Augenblick, dass Favelka noch eine Weile auf sich warten ließ.

«Das mit der Zeitschrift hat einen einfachen Grund. Ich würde so etwas noch machen, wenn ich in einem Hundert-Seelen-Weiler landen würde», stellte Sabine Kastner emphatisch fest, klang aber auf Alfons nicht allzu sehr überzeugend. «Kannst dumich verstehen? Ich kann einfach nicht aus meiner Haut. Ich will teilhaben. Dann fühle ich mich lebendig. Dir ist es sicher auch schon so gegangen: Denkst du an die Kultur, die momentan produziert wird, stellen sich dir die Nackenhaare in die Höhe. Die Chance mit der Wiedervereinigung ist einfach vertan worden, die Demarkationslinie zwischen den Künstlern aus Ost und West existiert weiterhin, sie ist vielleicht sogar noch unüberwindlicher geworden. Denk ich an Deutschland in der Nacht … Nichts ist echt. Deshalb entzünde ich mein kleines Licht. In dieser Nacht.» Das sind große Worte, dachte Alfons. Soviel weltfernes Pathos hätte ich von so einer geschäftstüchtigen Frau nicht erwartet. Aber vielleicht kann nur etwas entstehen, wenn solche Ideale dahinter stehen. Er war versucht, Favelkas Goethezitat anzubringen, hatte sich aber noch rechtzeitig unter Kontrolle. Er beugte sich gespielt interessiert über den Tisch, berührte dabei fast zufällig mit seinem linken Knie das ihre. Sie zog es nicht zurück. Alfons wollte einen bestätigenden Einwurf machen, um an dieser günstigen Stelle den Bogen zu seiner eigenen literarischen Praxis zu schlagen. Aber Sabine ließ ihn nicht zu Wort kommen.

«Ich weiß, was du sagen willst: Das kleine Licht hat hier kein Publikum. Der Erstausgabe wird keine weitere mehr folgen; ich werde mich mit den Mitarbeitern und Autoren hoffnungslos verstreiten. Ein Literat ist des anderen Wolf. Genau das wird geschehen. Du hast recht.» Sie rückte mit ihrem Stuhl etwas zurück und hielt sich eine Hand vors Gesicht. Alfons kannte diese Reaktion auf seinen Mundgeruch, den er einfach nicht in den Griff bekam, so oft er auch die Zähne putzte und Pfefferminz-Pastillen lutschte. Leider hatte er seine Schachtel mit den Halstabletten zu Hause vergessen. Ernüchtert richtete er sich auf:

«Merkwürdig find’ ich vor allem eines. Alle Leute wissen noch vor mir, was ich denk‘ oder sagen will. Trag ich denn meine Seele im Gesicht spazieren? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall denk ich, dass die Gefahr besteht, dass deine Prognose eintritt. Um so mehr is’ es für mich wichtig, mit ’nem Werk von mir in der Nullnummer vom kleinen Licht zu erscheinen. Ich weiß, ich bekomme durch dich noch ‘ne letzte Chance, ein wirkliches Gedicht zu veröffentlichen», erwiderte Andernaj absichtlich dunkel und dramatisch. Er war stolz darauf, dass er es doch noch geschafft hatte, das Gespräch auf seine Dichtung zu lenken. Er rechnete damit, die Kastner würde auf das von ihm gebührlich betonte wirkliche Gedicht eingehen, aber sie enttäuschte ihn. Unbeeindruckt spann sie ihren eigenen Gedankenfaden weiter:

«Da hast du recht. Aber es ist mir nicht wichtig. Ich habe mein Signal mit meiner Zeitschrift gesetzt, meiner Fackel.» Sie machte eine Pause, damit Alfons ihre Anspielung auf Karl Kraus gebührend bewundern konnte. «Deshalb habe ich diesen Titel gewählt: Ein kleines Licht

Sabine spitzte die Lippen und ihr Gesicht verwandelte sich wieder in ihre geschäftsmäßige Maske. Offensichtlich war ihr noch etwas eingefallen, was sie unbedingt loswerden wollte. «Wenn du mit einem Gedicht zu unserem Erfolg beitragen willst, bin ich dir sehr dankbar, auch wenn ich persönlich deine Sachen nicht kenne. Leider kann ich dir und auch den anderen noch kein Honorar versprechen und es könnte je nach Verkauf auch nur minimal sein», fügte sie hinzu. Alfons fand es an der Zeit, ihr zu beweisen, wie galant er sein konnte:

«An diesem Heft mitwirken zu dürfen, is’ mir Honorar genug. Ich werd mein Bestes geben.»

Genau das hatte er gesagt: Ich werde mein Bestes geben. Der Satz, mit einem Brustton der vollkommenen Überzeugung ausgesprochen, klang ihm noch nach einer Woche im Ohr. Alfons lachte über sein leichtfertiges Versprechen und sah resignierend auf seinen Steinbruch. Wenn diese Verse, Fragmente und Gedankenfetzen in der Tat das Beste waren, was er zu bieten hatte und zu dem er noch fähig war, dann konnte er sich gleich beerdigen lassen. Er wollte doch nicht sein eigenes Denkmal noch weiter zerstören. Wie gequält und gekünstelt klang jede dieser Zeilen, wie unehrlich und verlogen. Nichts konnte ihm mehr gelingen; Alfons Andernaj war am Ende. Es war ganz einfach: Der Alkohol hatte sein Talent zersetzt. Er warf wieder einen seiner schuldbewussten Seitenblicke auf die Texte seines Sohnes, die griffbereit neben ihm auf der Couch lagen. Da – Cesare, er hatte noch sein Talent; er war voller Talent, er quoll über, spuckte es aus, erbrach, urinierte, ejakulierte es. Er war ein Versprechen an die Zukunft. Bei aller berechtigter Kritik an den Gedichten, sie hatten den Geist, den Schwung und die Kraft, die er längst verloren hatte. Er war längst tot, sein Kadaver stank nach Verwesung. Wenn die Kastner wie versprochen käme, um seine Kopfgeburten abzuholen, was jeden Augenblick der Fall sein musste, würde ihm nur noch übrig bleiben, einen Offenbarungseid zu leisten…

…oder ihr Cesares Strophen zu geben.

 

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Ein kleines Licht – Roman (ACHT)

Im ersten Moment war Andernaj erleichtert. Das Gedicht schien ihm um einiges besser, als er befürchtet hatte. Er musste sogar ehrlich zugeben, dass es für einen Jungen in Cesares Alter bemerkenswert gelungen war. Gut, der junge Dichter hatte ein wenig zu dick aufgetragen, ein paar der Bilder schmeckten abgenutzt nach den Vorbildern, die deutlich herausklangen. Alfons bemerkte Paul Valéry, Novalis und glaubte sogar geschmeichelt, sich selbst zu hören. Trotzdem war das Gedicht rund, glatt und geschmeidig gefügt. Cesare hatte seine Verse nicht einfach so unordentlich hingeschrieben, wie sie unausgegoren aus ihm hervorquollen und wie das inzwischen bei so vielen modernen Lyrikern, vor allem bei den zahlreichen Amateuren gang und gäbe ist, sondern er hatte mit seinem Gedicht gearbeitet und an ihm geschliffen. Allein schon bemerkenswert war die Tatsache, dass Cesare seine Gedichte als Computerausdruck auf sauber beschriebenen weißen Blättern stehen hatte und sie nicht aus einer kleinen, schmuddeligen Kladde vortrug. Der Hauptkritikpunkt, den Alfons ihm machen musste, war sicherlich, dass sein Sohn eine Erfahrung beschrieb, die er – so nahm er zumindest an – noch nicht gemacht hatte. Alfons konnte sich nicht vorstellen, dass sein Junge schon einmal Geschlechtsverkehr gehabt hatte und dieens schon gar nicht im Freien. Bei diesem Gedanken bemerkte er, wie er in seinen Gedanken im Zusammenhang mit Cesare ständig das Fürwort «mein» verwendete. Erst jetzt wurde ihm so langsam bewusst, wer da vor ihm saß und sich stotternd mit einem Gedicht preisgab.

«Lies es mir bitte noch mal vor», sagte Andernaj ruhig und war selbst über den gelassenen Klang seiner Stimme erstaunt, «bemüh‘ dich diesmal aber, langsam und betont zu lesen. Ein Tipp: Markier’ die Pausen zwischen den Zeilen nich’ zu deutlich durch langes Atemholen. Vertrau einfach der Kraft der Wörter.»

Cesare nickte, sammelte sich kurz und begann von Neuem. Alfons hörte diesmal nicht genau zu, sondern betrachtete nur seinen Jungen. Das also war jetzt ihre erste Begegnung nach fast zehn Jahren? Manchmal in den verkaterten Momenten in den düsteren Jahren hatte er sich ein Wiedersehen ausgemalt. Der Tagtraum, so unterschiedlich er ihn auch entworfen hatte, war doch immer ganz anders ausgefallen als diese Begegnung. Er hatte stets Gefühl, Rührseligkeit und Tränen erwartet, vielleicht auch Streit, auf jeden Fall eine Überfülle an Emotion. Nun aber fühlte er sich nicht besser oder schlechter als heute Vormittag. Nach der ersten Aufregung war beinahe Gleichgültigkeit eingekehrt. Es wäre falsch gewesen, von Leere oder Kälte zu sprechen, denn selbstverständlich gab es ein Band zwischen ihnen, seine unbedachte Benutzung von «mein» war ein mehr als deutlicher Hinweis. Jedoch wollte Cesare etwas völlig anderes als familiäre Gefühle. Er wollte in Alfons weniger den Vater als den erfahrenen Dichterkollegen sehen, dessen Meinung, besser, dessen Lob er einholen konnte. Alfons musste zugeben, dass das ausgesprochen clever von dem Jungen war. Allein schon wegen seiner Gefühle konnte Cesare sich in der Sicherheit wiegen, auf Wohlwollen zu stoßen. Alfons musste lächeln: Der Weg des geringsten Widerstandes, auch das war sicherlich ein Zug, den der Junge von ihm geerbt hatte. Hoffentlich hatte sein Sohn nicht auch noch seine Lebensuntüchtigkeit von ihm übernommen.

Cesare beendete seinen zweiten Vortrag, den er wirklich besser und ruhiger gehalten hatte und wartete stumm auf eine Reaktion von Andernaj. Der öffnete und schloss ein paarmal seine rechte Faust, denn sie fühlte sich noch immer merkwürdig taub und fremd an. Er rechnete es Cesare hoch an, dass er ihm Zeit ließ und nicht mit einer Frage nach der Qualität des Gehörten seine Gedankengänge störte. ‚Außerdem weiß er, dass seine Sachen nicht schlecht sind‘, kam ihm in den Sinn. ‚Wer hat ihm das gesagt?‘ Er hatte das verunsichernde Gefühl, dass sein Sohn noch etwas anderes von ihm wollte, aber er konnte sich noch nicht denken, was das war. ‚Nun‘, dachte Alfons, ‚er wird schon noch damit herausrücken. Schüchternheit scheint mir nun wirklich nicht eine Eigenschaft von ihm zu sein.‘ Er sah Cesare auffordernd an. Der Junge nickte und trug danach ein weiteres Gedicht vor:

»Am Bett

So komm heran und gehe sachte.
Ich liege, erwarte
deiner Schritte sehnsuchtsvollen Klang.

Mir scheint, ich harrte ein Leben lang,
weiß nicht, war’s deins, war’s meins,
auf meines langen Schweigens Ernte.

Nun endlich hab ich mein Telos
gefunden, doch du sagst,
was solche Wörter nur verdecken.

So komm heran und beug dich nieder.
Ganz nahe ist das Ziel.
Dein Atem scharf auf meiner Haut …»

Cesare zögerte an dieser Stelle. Dann schüttelte er energisch den Kopf.

«Ich habe noch zwei Strophen. Aber wahrscheinlich wird es dadurch zu lang und zu … zu peinlich? Ja: Im Grunde wiederhole ich nur das bereits Gesagte. Ich bin der Überzeugung, das Gedicht sollte so bleiben.» Er sah auf, Alfons direkt in die Augen, der diesem plötzlichen, engen Kontakt nicht ausweichen konnte und sich unbehaglich und wie gebunden fühlte. «Du weißt es selbst: Geschwätzigkeit ist der Tod der Dichtung», stellte Cesare noch apodiktisch fest und sein Vater hatte das Gefühl, dass dieser normative Satz ein verschlüsselter Infinitiv war, der sich direkt an ihn persönlich wand. Alfons musterte seinen Sohn überrascht. Für einen Sechzehnjährigen war das eine ausgesprochen tiefschürfende Erkenntnis und er bezweifelte beinahe sofort, dass Cesare sie selbst entwickelt hatte. Aber sicher, der Junge hatte recht: Alfons war unfähig zur Konzentration, um sie mühte er sich vergeblich. In diesem Moment – seinem Sohn gegenübersitzend – hätte er das unmöglich zugeben können.

Aber jetzt, als er die Begegnung in Gedanken noch einmal Revue passieren ließ, wusste er es. Diese Unfähigkeit, die er in einem Psychologiebuch einmal unter dem Ausdruck Mangel an Abschlusswillen subsumiert gefunden hatte, war einer der Gründe, aus denen er in der Gesellschaft nicht funktioniert hatte. Ein Beispiel für sein Versagen ruhte dort in einem Regal seines Wäscheschrankes: Es war das dicke Bündel Papier, das er in Gesprächen gerne als mein Roman bezeichnete; es waren fünfhundert titellose und eng beschriebene Seiten Text, stil- und formlos aneinandergereihte Reflexionen von barocker Weitschweifigkeit, angereichert durch kaum verschlüsselte Episoden aus seinem Geschlechtsleben und seinen anderen Exzessen. Eben diese seine Unfähigkeit, einen Gedanken zu halten, war hier zum Gestaltungsprinzip erhoben. In der Zeit, in der er seinen Text begonnen hatte, nannte man dieses Durcheinander allerdings noch anerkennend einen nouveau roman und die Kritiker, denen er sein Werk zu lesen gab, bestätigten ihn begeistert. Die einzige Ausnahme bildete selbstverständlich Nikolaus Klammer, der kein gutes Haar an dem Romanversuch ließ. Im Nachhinein betrachtet hatte der alte Zyniker recht behalten: Die meisten dieser Seiten enthielten haarsträubenden Unsinn. Sich selbst machte Alfons allerdings vor, dass es ihm um jeden Satz schade war, den er schrieb, denn in jedem steckte buchstäblich ein Stück seines Talents, das er auf diese freigiebige Weise so lange verschwendet hatte, bis er es völlig verloren hatte. Die Wahrheit jedoch war ernüchternd und viel einfacher: Er hatte nicht die Kraft, diesen Roman zu redigieren, dieses Werk, an dem er nun seit zwanzig Jahren schrieb. Er wusste, dass diese Zeitspanne immer ehrfürchtiges Staunen erzeugte, wenn er sie im Gespräch wie nebenher fallen ließ. Es war natürlich eine Übertreibung, denn wenn er seine Schreibpausen einberechnete, kam er höchstens auf sechs, sieben Jahre Arbeit, eher weniger. Das war aber immer noch sehr viel, fand er. Leider hatte er in den letzten Jahren überhaupt nicht mehr an seinem Buch gearbeitet. Jedesmal, wenn er das Manuskript in die Hand nahm und darin blätterte, bedauerte er sich, weil dies alles Fragment bleiben musste. Und jedesmal fand er ein paar Seiten, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, die ihm so fremd waren, als hätte ein anderer sie geschrieben. Es waren oft gute, kraftvolle Passagen, die ihn stolz auf sich machten, die ihm bewiesen, dass er durchaus einen Grund gehabt hatte, Literatur zu schaffen.

Erst gestern Vormittag war er auf der Suche nach ein paar brauchbaren Gedichtzeilen, die er dem kleinen Licht hätte geben können, auf einen Text gestoßen, in dem seine momentane Lebenssituation wie in einem Brennglas so treffend gebündelt fand, dass er diese Seiten nun in seinem Notizbuch aufbewahrte. Auch bei ihnen hatte er nicht die geringste Ahnung, wann oder zu welchem Anlass er sie geschrieben hatte. Erneut nahm er die Seiten zur Hand:

«Meine Versicherung,» begann dieser Text,

«meine kniefällige Versicherung, die nun folgende Geschichte sei nicht die meine, ich nur fabuliert habe, keinesfalls aber mit dem Erzähler, der doch im Angesicht seines nahen Todes schreibt, identisch bin, kann beim Leser nur die Meinung erwecken, es sei im Gegenteil tatsächlich meine Vita, die ich hier durch eine schamhafte Mystifikation meiner selbst zu verhüllen wünsche. Es ist die Crux jedes Autoren, dass er mit den Protagonisten seiner Texte, vorzüglich, wenn er sie zu Personal-Erzählern macht, identifiziert, gar kritisch verglichen wird. Natürlich trifft es trotz all seiner gegenteiligen Versicherungen, & so viel Ehrlichkeit muss sein, in der Regel auch zu. Deshalb will ich es gleich hier zu Beginn zugeben: Der der Erzähler bin durchaus ich selbst, obwohl diese Behauptung so viel Wahrheit wie Lüge enthält; denn selbstverständlich werde ich überall, wo es mir möglich ist, zu verschleiern suchen, den Leser verwirren, werde ich das Labyrinth meiner Gefühle & Erlebnisse, das allein das Leben, keineswegs jedoch ein Text bieten kann, gerade auch im Sinne des Lesers zu vereinfachen & begradigen suchen, um ihn nicht der Langeweile des Beschreibens von tatsächlich & zu einem erschreckend hohen Prozentsatz unbewusst Erlebten auszusetzen. Folglich schreibe ich von mir & mit den gleichen Worten nicht von mir, hebe mein Erleben durch den Erzählfaden meiner Phantasie zum Paradigma ohne Moral, einem Schicksal ohne Moira. Es ist wahr, dass ich sterben werde, so wahr, wie es für jeden einzelnen ist; es wird nicht morgen sein, wahrscheinlich nicht einmal in diesem Jahr, doch bereits jetzt bin ich gezeichnet von einem Siechtum, das mein Leben vor der Zeit beenden wird. Es ist wahr. Eine Krankheit, die ich allein den Schwächen meines Charakters verdanke, schreitet in mir unerbittlich voran. Anderes werde ich hingegen erfinden, zu meinem & zu dem Vergnügen des Lesers, obwohl jedes Wort auf eine einzigartige, aber nicht näher erklärbare Weise ebenso wahrhaftig, wenn nicht wahrer sein wird als die tatsächlichen Begebenheiten meiner Vita. & sollte noch ein einziger der Leser dieser Zeilen Zweifel haben, dass ich diese Einleitung nur schreibe, weil ich Angst habe, mit dem Fabulieren beginnen zu müssen, da mir vor der Erzählung graut, der ich gleich einem Insekt einem Spinnennetz nicht entkommen kann, jenem Wahrlügen, so will ich sie ihm jetzt ausräumen. Jede Beschäftigung mit meiner Existenz bereitet mir Schmerz & Ekel, raubt mir die Nachtruhe & lässt mich die Gegenstände meines täglichen Lebens hassen. & doch fühle ich mich gezwungen, es zu tun, wenn ich schon ein prosaisches Charakterebenbild Baudelaires sein soll, so will ich nichts unversucht lassen, mich dieser Tatsache zu stellen & ihren Kelch bis zur Neige zu leeren.

Zerrissen wie ich bin, eröffnet jeder Absatz nicht allein einen Sprung meiner Gedanken zu anderen, denn während ich meine Augen vom Blatt löse & in den Raum richte, um mich kurz im Lokal umzusehen, in dem ich diese, ich weiß, noch leeren Worte schreibe, vielleicht einen Schluck herben Wein im Mund bewege, vielleicht einen scheuen Augenkontakt wage, der mich meinen Blick wieder schnell & schüchtern senken lässt, ich sage, währenddessen ist ein Stimmengewirr um mich, viele Menschen lachen, nur ich selbst trinke wieder die Einsamkeit meines Selbstmitleids. Es macht mich lächeln. Ein Absatz ist mir auch Pause, willkommene Erholung, nachdem ich atemlos geschrieben habe, Wort an Wort schob & meine Gedanken, denen mein Stift unmöglich folgen konnte, schon mehrere Sätze vorauseilten. Oft verlieren sich dann auf diese Weise meine ursprünglichen Ideenpfade, bis das geschriebene Wort meine Gedanken aufholen kann, verschlingen sie sich in eigenartiger Weise mit den Gesprächsfetzen, die ich von den Nebentischen aufschnappe. Deshalb läuft mein Text häufig in eine Richtung, die ich nicht selbst bestimmt habe. Der eine, erste Satz eines Absatzes ist noch gezielt, genau der, den ich schreiben wollte, da weiß ich noch, was ich sagen will, weil ich mir die Muße schenkte, ihn in meiner Schreibpause zu konstruieren. Aber während ich dann schreibe, gerät alles in Bewegung, bis der Moment eintritt, da mein Denken längst um Dinge kreist, über die mein Stift nicht schreibt, es meine Hand buchstäblich für mich bestimmt, meine Erzählung für mich fortzuführen Das ist jenes berüchtigte & geheimnisvolle automatische Schreiben, das so viele Autoren durch Drogen zu finden suchen. Falls dadurch alles ein wenig wahrer wird, ist es gut, dass ich Atem hole, den Reflexen meines Weinglases auf dem Marmor des Tisches nachsinne, bevor ich über meine Kindheit schreibe, an der ich, Phantasmorgen oder nicht, erkrankt bin.

Ich habe & das wird überraschen, viel Religion in mir, ich habe sie in vielen Jahren verinnerlicht, sie ist mir wie eine Gliedmaße zum Teil meiner Person geworden; ich glaube an den HErrn, Den GOtt der Christen & beherrsche lange Teile der Bibel auswendig, einem Pfarrer der alten Schule würdig; das Buch der Bücher war in den Jahren meiner Pubertät meine ausschließende Lektüre. Ich habe mich auch nie vom Stil der Bibel lösen können, wenn ich schrieb. Immer der Epik zugeneigt, haben alle meine Sätze etwas von der Verschlungenheit alttestamentarischer oder gnostischer Offenbarungen & auch etwas vom Geist meiner späteren Beschäftigung mit der Literatur des Umbruchs zwischen Aufklärung & Romantik, dem ich mich verbunden fühle. Der Leser muss mir glauben, wenn ich ihm jetzt berichte, dass ich durchaus kein katholischer Geistlicher, sondern verheiratet bin & nicht nur eine Todsünde ohne Beichte begangen habe, wenn nicht meine Erzählung eine Generalbeichte darstellt. Es ist so einfach: Ich weiß um die Wahrheit der Religion & um die Existenz Des Dreieinigen GOttes, Der Mensch war & Sein Blut gab & Anfang & Ende in Sich Selbst ist, das Wort, das eine Idee Seiner Selbst & alles geworden ist. Ich habe jene Mysterien des Glaubens nicht mit der Vorurteilslosigkeit eines Kindes akzeptiert, sondern ich glaube, weil ich sie tatsächlich verstanden habe. Hingegen habe ich GOttes Stellvertretern auf Erden nichts als Verachtung & Hass entgegen zu bringen & gehe ihnen, so weit mir das möglich ist, aus dem Weg. Das liegt nicht an bigotten Eltern, die mich zum Abendgebet prügelten oder an einem sadistischen, homophilen Geistlichen, der mir die Internatzeit zur Hölle machte. Der Leser soll mir nicht glauben, falls ich später doch darüber schreibe, denn es ist (sic!) nicht die Wahrheit. Es ist nicht Erfahrung, die mich prägte, sondern allein Anschauung. Schon die, von denen man behauptet, GOtt hätte sie hervorgehoben, die ja in der Bibel so zahlreich handeln, sind in ihrer Überheblichkeit für mich verachtens-, ja, verdammenswerte Geschöpfe, ob es nun ein David ist, der zum Exempel aus Fleischeslust einen rechtschaffenen Mann in den Tod schickt oder Abraham, der sich entblödet, zu glauben, es sei GOttgefällig, den Sohn zu töten & seine Nebenfrau Hagar in der Wüste verdursten zu lassen, ob Jakob, der seinen Bruder mit einer Suppe um das väterliche Erbe betrügt, ob es nun der unkeusche Salomon, der Despotendiener Joseph oder der Frauenhasser Paulus ist, die Liste lässt sich beliebig verlängern. In der Bibel steht die Wahrheit GOttes, doch sie ist zugeschüttet von Erzählungen über GOttlose Menschen, die meinen, in Seinem Namen zu handeln, diese vermeintliche Legitimation dann nur dazu nutzen, ihr sündhaftes Leben exzesshaft auszukosten.

Manchmal denke ich, ich sei zu spät geboren. Der astrologische Löwe des Jahres 1770 wäre mir geeignet erschienen, wenn ich mein Geburtsdatum hätte bestimmen können, ich wäre der Sohn eines Apothekers einer kleinen elsässischen Ortschaft gewesen, wo ich in den beiden wichtigsten europäischen Sprachen hätte aufwachsen können & wo ich mich als Deutscher französisch & als Franzose hätte deutsch fühlen können. Früh hätte es mich nach Berlin gezogen. Berlin ist die einzige Stadt in Deutschland. Der Rest ist Marginalie.

 

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