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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 11)

[Zum ersten Teil]

Eine Woche nach dem ruchlosen Anschlag auf meine Person fand ein Einweihungsfest in der neuen Woh­nung des Malers Siegfried Sontheimer statt. Er hatte vor kurzem vor seinen Geschwistern seine innerhalb eines einzigen Tages verstorbe­nen Eltern beerbt und spielte seitdem finanziell in einer anderen Liga. Zu diesem großen gesellschaftlichen Er­eignis war ich schon seit geraumer Zeit eingeladen. Sontheimer war einer der wenigen renommierten Künst­ler der Stadt – vielleicht sogar der einzige. Seine Werke verkauften sich ordentlich; auch im Ausland. Erstaunlicherweise hatte er seinem Heimatort immer die Treue gehalten. Es sei dahin gestellt, ob es aus Bequemlichkeit oder aus tat­sächlicher, unerwiderter Liebe zu diesem Sumpf aus Pfahlbürgerlichkeit, Borniertheit und Inzucht geschah. Obwohl er für seine großformatigen, erotischen Gemälde von weiblichen Brüsten bekannt und berüchtigt war, gestaltete er in der letzten Zeit in der Hauptsache sensible und fragile Skulpturen aus gefaltetem und zerrissenem Kar­ton und setzte sie bei spontanten Kunstveranstaltungen den vier Elemen­ten, also Brand, Feuchtigkeit, Schmutz und Wind, aus. Er wollte, so behauptete er nämlich, mit dieser „alterszornigen Kunst“ einen neuen Weg einschlagen und auf eingängige Weise die Vergänglichkeit allen menschlichen Schaffens demonstrieren. Doch niemand wollte seine feuchten, halb verkokelten Pappen kaufen. Deshalb hat er inzwischen übrigens die Vergeblichkeit sei­nes Hoffens eingesehen und ist er wieder bei seinen drallen Brüsten gelandet, die auch wesentlich leichter ihre zahlungskräftigen Liebhaber finden.

Ich hatte die Einladung zu der Wohnungseinweihung von Sontheimers damaliger Freundin Rosa Sarnet be­kommen, der inzwischen prominenten Schauspielerin,  die flüchtig mit Christine bekannt war. Sontheimer selbst, eine dünne, ausgezehrte, aber sehr dominante Er­scheinung, die sich sehr überheblich und unnahbar gab, kannte ich nur vom Sehen. Übrigens habe ich den großen Künstler an jenem Abend kein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Ich frage mich, ob er überhaupt da war. Da diese Art von Festen erst nach zehn Uhr so langsam interessant zu werden beginnt, verließ ich meine Wohnung um die­se Zeit und schlenderte zu Fuß durch die Stadt. Es war der erste Abend, an dem ich mich wieder unter die Leu­te wagte. Als ich gegen halb elf Uhr in Sontheimers Wohnung ankam, die im Dachgeschoss einer zu einer Wohnanlage umgebauten Fabrik lag und praktisch nur aus einer einzigen gewaltigen Halle mit Galerie bestand, war die Party schon in vollem Gang. Der imposante Saal war bis auf ein paar Stühle und ein bereits arg geplün­dertes Buffet auf einem Tapeziertisch leergeräumt. Trotzdem herrschte drangvolle Enge. Die Masse der versammelten Menschen war nicht mehr zu überschau­en. Alle waren sie gekommen: Die Jeunesse dorée der Stadt (in diesen guten alten Zeiten noch nicht mit Smart­phones, sondern nur mit dunklen Sonnenbrillen ausge­stattet), Journalisten von Zeitung, Radio und unserem frisch gegründeten, regionalen Dilettanten-Fernsehsen­der, Gönner, Kunden und Schüler von Sontheimer, die drei Stadträte der Grünen und einer von der CSU, Hochschuldozenten, Zahnärzte und Rechtsanwälte, Kneipenbesitzer, Manager, Bewunderer, Groupies und gute Freunde, Musiker, Maler, Dichter, Schauspieler und alle, die irgend etwas mit dem Begriff Kunst zu tun hatten oder, sie stellten die Mehrheit, auch nur glaub­ten, es zu tun. Das Sehen und Gesehen werden hatte heute diese wunderlichen Leute, die sich so wichtig nahmen und die nur das vieldeutige Wort „Kultur“ ver­band, in Sontheimers neuer Wohnung zusammenge­führt. Alfons Andernaj winkte mir aus einer Ecke zu. Er wirkte bereits reichlich betrunken.

Der Lärmpegel war an der Schmerzgrenze. Eine Jazzcombo hatte trotz ihrer Verstärker keine Chance gegen das Volksge­murmel. Man frage mich nicht, was sie für eine Musik spielte. Hörbar hob sich allein das schrille Gelächter der Gastgeberin Rosa heraus, die ich, obwohl sie eher klein war, mühelos durch ihr nebelhornartiges Organ finden konn­te.Von der offenen Eingangstür kom­mend bahnte ich mir zuerst einen Weg zu ihr, um mich für die Einla­dung zu bedanken. Dabei stellte ich zufrieden fest, dass viele einen Plastikbecher mit Rotwein oder Sekt in der Hand hielten und wie Alfons bereits im fortgeschrittenen Stadium waren. Meine noch immer von dem Ausschlag ge­röteten Wangen würden nicht sehr auffallen.

Ich wandte mich von Rosa ab, nachdem ich ihr die Hand geschüttelt hatte. Ich denke nicht, dass sie wusste, wer ich war. Dann besorgte ich mir am Buffet ein paar üb­riggebliebene Schwedenhappen und etwas zu trinken. Auf diese Weise bewaffnet, machte ich mich auf die Su­che nach Bekannten. Der erste, auf den ich stieß, nach­dem ich um Werner und seine Gruppe einen großen Bo­gen gemacht hatte, war Mischka Lob. Er unterhielt sich gerade mit dem geheimnisumwitterten Dr. Nikolaus Klammer, einem etwas unheimlichen und spöttischen älteren Beamten, der auf keiner kulturellen Veranstal­tung fehlte und eine kaum fassbare Allgemeinbildung besaß. Obwohl er ihm nicht ähnlich sah, erinnert er mich immer in seinem makellosen, dabei maskenhaften Auftreten an den japanischen Dichter Yukio Mishima. Mischka entdekchte mich, winkte mich heran und zog mich begeistert gerade in das Gespräch, das ich hatte vermeiden wollen.

»Hallo, Georg. Schön, dich mal wieder zu sehen. Niko­laus und ich sprachen gerade über Jonas Nix. Kennt ihr euch eigentlich?«, fragte Mischka und tätschelte leicht meine Wange. Wenn er es mit jungen Männern zu tun hatte, konnte er es nie unterlassen, in geradezu traum­vergessener Unschuld an ihnen herumzutätscheln. Er runzelte die Stirn, als er die neuen Narben an meinem Kinn sah, besaß aber das Feingefühl, über meine Verun­staltungen hinwegzusehen. Er zeigte auf mich.

»Nikki, das ist ein junger Kollege von mir: Georg Hauser. Er ist zwar in der Hauptsache Maler, aber er schreibt ab und an für Werner …«

»Wir sind uns schon einmal begegnet«, unterbrach ihn der gut gekleidete Klammer reserviert und musterte mich geringschätzig mit seinem irritierenden Blick.

»Hast du mich am Samstag gehört, Schorsch? Wie war ich?«, warf Mischka ein. Das hatte ich befürchtet; seine Eitelkeit zwang ihn zu dieser Frage. Ich nahm schnell ei­nen Schluck von meinem Wein, der übrigens billig und essigsauer schmeckte, und nickte beiläufig. Leugnen hat­te keinen Sinn, da ich sonst seine Kritik, die er immer auswendig konnte, noch einmal – sozusagen als Privat­vorstellung –, hätte genießen dürfen. Ich hoffte, ihm würde ein unverbindliches »Nicht übel …« genügen, aber ich hatte nicht mit Klammer gerechnet. Er liebte es, seine Mitmenschen aufeinander zu hetzen. Selbstver­ständlich hatte er die letzte Ausgabe von Werners Zei­tung gelesen.

»Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben? Sie enttäu­schen mich. In Ihrer im übrigen nicht einmal schlecht geschriebenen, wenngleich etwas zu emotionalen Kritik waren Sie doch ein wenig gesprächiger. Sie gingen nicht eben freundlich mit unserem neuen Stern um … Sind Sie da nicht ein wenig zu weit gegangen, Georg? Verges­sen Sie nicht: Es ist außerordentlich selten, eine Überein­stimmung zwischen dem Talent und dem Charakter zu finden. Von den Fähigkeiten dürfen wir nicht auf den Menschen selbst schließen. Das Talent ist bei den Män­nern eben das, was die Schönheit bei den Frauen ist: Nicht mehr als ein Versprechen. Honi soit, qui mal y pen­se. Das sollte Sie jedoch nicht von Ihrem Weg als Au­tor abbringen, denn geben wir es zu: Malen können Sie ja nicht. Nun, ich denke, es gibt Leute, die von ihren Fehlern wie andere von ihren guten Eigenschaften gefördert werden«, stell­te Klammer hochnäsig fest und servierte dazu ein Lä­cheln, das man ohne Übertreibung diabolisch nennen konnte.

Ich versuchte ihn zu verstehen und seinen labyrinthischen Gedankengängen zu folgen. Aber bis ich mir eine halbwegs intelligent klingende Antwort überlegt hatte, hatte Klammer mich bereits mit Mischka stehen gelassen und bahnte sich bedächtig einen Weg durch die Menge. Ich sah ihm hinterher und wunderte mich mal wieder, war­um dieser Mann nicht in die Politik gegangen war.

Was sollte ich nun Mischka erzählen? Obwohl ich in die Enge getrieben war, hätte ich mich noch schnell auf die Seite der Bewunderer des Malers stellen und damit vie­len Schwierigkeiten aus dem Weg gehen können. Da mein Interview mit Nix vor dessen plötzlichem Ruhm entstanden war, hatte es außer dem Allesleser Klammer wahrscheinlich kaum jemand gelesen. Es wäre mir in diesem Moment sicherlich möglich gewesen, ohne Imageverlust einen taktischen Rückzug zu machen und mich mit einem Gesinnungswandel aus der Affäre zu ziehen. Gleichzeitig war mir bewusst, wie charakterlos solch ein Frontenwechsel war. Auf diese Weise wurde niemandem außer mir selbst geholfen. Deshalb legte ich Mischka mit kurzen Worten dar, wie wenig ich von der Meinung aller in diesem Fall hielt und warum das so war. Während ich sprach, rutschten die Mundwinkel des Radiokritikers mit jedem Satz von mir tiefer. Fast tat er mir leid, er machte den Eindruck eines abgekanzelten Schülers. Nachdem ich meine Kritik an Nix ausführlich darge­legt hatte, machte ich mich auf eine heftige Gegenwehr des Kritikers gefasst und sammelte weitere Argumente. Aber er schüttelte nur verwundert den Kopf.

[Fortsetzung am nächsten Montag …]

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Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 10)

[Zum ersten Teil]

Ich schlich frierend auf einem dunklen und einsamen Seitenweg nach Hause und war nun froh, dass Christine gerade in Regensburg war, denn ich hätte sie im mei­nem Zustand zu Tode erschreckt. Die Winterjacke und mein Hemd konnte ich wegschmeißen; aber das war zu verkraften. Schlimmer wogen die Stigmata auf meiner Haut und mein angekratztes Selbstbild. Ich beschäftigte mich zwei Stunden damit, mich zu säubern, aber die Farbe aus den Spraydosen hielt gut. Meine Angreifer hatten für ihren Anschlag auf mich Qualitätsware eingekauft. Ich scheuerte mir mit einem rohen Waschschwamm die Haut wund und blieb unverändert rot und blau. Entmutigt stieg ich ins Bett und verschob weitere Säuberungsversuche auf den folgenden Tag.

Am nächsten Morgen waren meine Reinigungsunter­nehmungen kaum erfolgreicher. Die Farben wurden durch den Einsatz von Terpentin und Lösungsmit­teln, die ja ich als Maler zur Genüge zuhause hatte, heller. Allerdings holte ich mir eine schrecklich juckende Aller­gie. Ich entschloss mich, so lange unsichtbar zu bleiben, bis mit der Zeit mein Aussatz von allein verschwinden wür­de. Das war sicher das Beste. Ich rief in dem Lokal an, in dem ich arbeitete und ließ mir eine Woche unbezahlten Urlaub geben. Ich ging kein einziges Mal auf die Straße. Es war eine harte Zeit. Ich hungerte, weil mein Kühlschrank leer war und die Nächte machte mir mein nässen­der Hautausschlag zu einer wahren Hölle.

Die beiden Kerle, die mich angegriffen hatten, waren mit Sicherheit im Freundes- und Bewundererkreis von Nix zu finden. Mein kritischer Artikel über ihn musste sie zu diesem Überfall veranlasst haben, der mich an SA-Methoden erinnerte. Wenn ich auch nicht glauben konnte, dass der Maler für diesen Anschlag verantwortlich zeichnete, so blieb doch die Frage, wie er zu solch einer Anhänger­schaft gekommen war, deren Fanatismus mir schon vor Jahren bei der Schulausstellung, die ich anfangs erwähnte, unangenehm aufgefallen war. Was auch immer an seinem Wesen diese Gefolgsleute so bedin­gungslos auf seine Seite gezogen hatte: Ich war diesem Charakterzug von ihm noch nicht begegnet und konnte ihre Begeisterung und ihr Sendungsbewusstsein, das nicht vor Gewalt zurückschreckte, nicht nachvollziehen.

Wegen meines selbstgewählten Exillebens versäumte ich es denn auch, an Nix‘ Vernissage teilzunehmen und als Augenzeuge seinen überwältigenden Triumph mitzuerleben. Ich hatte keine Einladung von ihm erhalten, wie ich es ursprünglich erwartet hatte. Aber es bei einer Ver­anstaltung dieser Art wäre es kein Problem gewesen, sich den­noch unauffällig einzuschleichen und mit einem Sektglas in der Hand unters Volk zu mischen. Weil ich also zuhause bleiben und leiden musste, bekam ich über die Ausstellung nur In­formationen aus zweiter Hand und die waren erstaun­lich genug: Ich hatte nie vermutet, wie allein ich mit meiner kritischen Einschätzung der Kunst von Nix stand. Ob­wohl sich die Süddeutsche mit einem kleinen positiven Artikel, der sich an der Pressemitteilung ori­entierte, begnügte, machte unsere Tageszeitung einen beachtlichen Rummel um die Ausstellung, die Feuille­tonseite war voll der lobenden Kritik und zeigte dazu ein großformatiges Foto, das Nix und Dr. Arno Pauli zeigte, die sich vor einem nur verwaschen erkennbaren Objekt freundlich die Hände schüttelten. In dem breit aufge­machten Artikel stand in ehrfurchtsvollen Worten viel von gelungener Nachwuchsförderung und einem be­deutenden Talent, das – was ja heute selten sei –, allen etwas zu sagen habe. Nix packe eine Botschaft in seine Bilder, die in ihrer Dringlichkeit jeden angehen und berüh­ren müsse. Er wurde mit André Masson und vor allem mit Francis Bacon in eine Reihe gestellt. Das waren frei­lich lächerliche Vergleiche, die nur die Dummheit des Chefkritikers unseres Provinzblattes manifestierten; Verglei­che, die ich allerdings in der folgenden Zeit noch häufi­g zu hören bekam. Einer schreibt vom anderen ab; so ist die Journaille eben.

Ich war bestürzt. Ausgerechnet unser konservati­ves, niveauloses Tagesblatt lobte diese nekrophilen Werke in den Himmel. Das erschien mir unglaublich. Wenn hier keine Bestechung im Spiel war, dann hatte der Kunst­kritiker in den letzten Tagen ein kaum fassliches Da­maskuserlebnis gehabt, das aus einem Saulus, bei dem die wahre Kunst mit der Klassischen Moderne endete, einen Paulus der jungen Wilden gemacht hatte.

Gespannt wartete ich auf die Sendung des Kritikers un­seres Lokalfunks Radio Power-One, auf dessen fundierte und geradlinige Kommentare ich große Stücke hielt. Ich hatte den gut fünfzigjährigen Mischka Lob als einen bissig-resignierten und dabei überaus charmanten Mann ken­nengelernt, der seine Meinungen exakt und ehrlich von sich gab. Seine Rundfunkauftritte waren nur ein halb eh­renamtlicher Nebenberuf, den er mit Freude und Sach­kenntnis ausfüllte. Womit er in Wirklichkeit seine Bröt­chen verdiente, habe ich nie so genau verstanden, er war selbständig und hatte etwas mit verwirrenden Exportge­schäften zu tun, bei denen er allerdings einen guten Schnitt zu machen schien. Man sah ihn häufig in der Stadt in der Begleitung von etwas halbseiden wirken­den Ausländern in schlecht geschnittenen Anzügen. Ich muss zugeben, ich bewunderte am meisten die Großzügigkeit, mit der er sein Geld unter seinen Bekannten verteilte. Nur aus diesem Grund war auch seine latente und widerwärtige Päderastie zu ertragen; er hatte ständig ein paar hübsche, kunstsinnige und kaum der Pubertät entwachsene Jünglinge um sich, die er aushielt; in allen Ehren, versteht sich. Er hatte sich bei seinen kleinen Ver­gnügungen vollständig unter Kontrolle.

Doch auch Lobs von zwei unsäglichen Hip-Hop-Titeln zerrissener Kommentar über die Vernissage von Nix – sein Musikgeschmack war unterirdisch -, war eine unverhohlen bewundernde Eloge auf einen großen Künstler, wie er in den Jahren seiner Tätigkeit als Kunstbeobachter in dieser Stadt noch keinem begegnet sei. Entgegen seiner gewohnten Sachlichkeit verlor er sich in Superlativen, die aus Nix einen Halbgott der modernen Kunst machten. Es war nicht zu glauben: Er­kannte denn niemand außer mir, dass sich Nix zwar zweifellos auf dem richtigen Weg befand, ein bedeuten­der Maler zu werden, er aber noch völlig unfertig war? Eine Larve gewissermaßen? Nix‘ eigenen Ideen wurden von, ich muss es zugeben, geschickt gesetzten Fremdzi­taten zugedeckt und seine großbürgerliche Lebensfüh­rung behinderte ihn daran, sich zu entwickeln. Konnte ich mich in meiner Einschätzung derart täuschen oder waren die anderen plötzlich von Blindheit geschlagen, von seinem handwerklichen Können geblendet? Oder war hier Bestechung im Spiel?

Zumin­dest glaubte ich nach diesen beiden Kritiken verstehen zu können, warum die Werke des Malers zu wütenden Stellung­nahmen herausforderten und starke Gefühle, ja, Aggressionen in den Menschen weckten, die sie nicht ein­mal davor zurückschrecken ließen, gegen vermeintliche Geg­ner mit Gewalt vorzugehen. Den Beweis dafür hatte ich, wenn ich mein entzündetes und aufgeschwollenes Ge­sicht im Spiegel betrachtete.

Doch es sollte noch schlimmer für mich kommen: Nach­dem die wichtigsten Kritiken veröffentlicht waren und nur die meine in der negativen Waagschale lag, rief mich Werner an, um mich zu einem persönlichen Ge­spräch in die Redaktion zu bestellen. Da ich aus den be­kannten Gründen ablehnen musste, in den nächsten Ta­gen aus dem Haus zu gehen, entschloss er sich – wie er es formulierte -, schwe­ren Herzens, mir dann eben jetzt am Telefon mitzuteilen, dass sich die Zeitschrift vorläu­fig von mir und meiner Mitarbeit trennen müsse.

»Oh, Georg, du musst es mir glauben«, führte er aus, »ich habe um dich und damit um die Meinungsvielfalt meines Blattes gekämpft, beide sind mir ein unbeding­tes Anliegen. Übrigens hat mir auch der betont kämpfe­rische Stil deines Artikels gefallen, obwohl ich keines­wegs mit deinen Schlussfolgerungen übereinstimme. Aber, du weißt ja, wie das ist … Ich habe mehrere barsche Rügen von Seiten der Anzeigenkunden wegen meiner eklatanten Fehleinschätzung des Zeitgeistes erhalten – allen voran vom PR-Chef von Follia. Der hat mich gekreuzigt. Deshalb sehe ich mich bedauerlicherweise gezwungen, einen Schnitt zu machen.«

Das saß.

»Diese Trennung ist selbstverständlich keine endgültige. Wir sind viel zu gute Freunde dazu. Du hast immer noch eine toller Schreibe, Georg. Du kannst mir auch weiterhin, selbstverständlich vollkommen unverbindlich, deine Arti­kel und Kritiken zusenden, die ich, wenn sie dem Niveau meiner Zeitschrift entsprechen, mit Vergnügen unter einem neuen Pseudonym veröffentli­chen würde. Überlege dir das mal in Ruhe. Und ruf mich nicht an. Ich melde mich.«

Da ich vergeblich um die wenige Fassung rang, die mir noch geblieben war, wusste ich nichts zu entgegnen. Unser Telefongespräch endete mit einem verwirrten Stottern von uns beiden, das in ein peinliches Schwei­gen mündete; bis dann endlich Werner den Mut fand, die Verbindung zu unterbrechen. Ich hatte keinerlei Handhabe gegen seine Entscheidung, im Gegenteil: Da ich nur ein freier Mitarbeiter war, musste ich Werner dankbar sein, dass er mir seinen Entschluss, mit dem ich immer hatte rechnen müssen, persönlich mitgeteilt hat­te. Trotzdem war mir, als würde mir abrupt der Boden unter den Füßen weggezogen. Damit versiegte nicht nur eine wichtige Erwerbsquelle. Es war die Ablehnung, die mich zutieft verletzte. Da mein seelischer Zustand im Mo­ment mehr als labil war, hatte ich einen schweren Anfall von Verfolgungswahn. Ich fühlte ich mich als das un­schuldige Opfer einer Verschwörung, die Nix oder sein Onkel, der Kulturreferent, angezettelt hatten, um mich zu vernichten.

In der abgeschlossenen Einsamkeit meiner Wohnung suhlte ich mich in der scheußlichsten Depression, die ich je hatte.

[Zum 11. Teil …]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 9)

[Zum ersten Teil]

Wenn ich jetzt schreiben würde, der Inhalt meines Artikels täte mir heute leid, dann würde ich lügen. Das hat mehre­re Gründe, dabei einen sehr eigennützigen. Ich möchte richtig verstanden werden: Ich hatte nie im Sinn, Nix unmöglich zu machen oder ihm zu schaden; im Gegen­teil, ich hoffte, ihn durch meine scharfe Kritik im Rah­men meiner Möglichkeiten ins Gespräch bringen zu können und damit neugierige Besucher in seine Ausstellung zu lo­cken. In mir heute unverständlicher und peinlicher Selbstüberschätzung hoffte ich dadurch, mich zu profi­lieren, Gewicht in der Tagesmeinung des Kulturgesche­hens zu erlangen. Dafür war unserer Blatt, das kostenlos in alternativen Kneipen und Einzelhandelsgeschäften verteilt wurde, von Werbung lebte und sich opportunis­tisch und marktschreierisch jedem Zahlungswilligen an­bot, allerdings ganz und gar nicht der richtige Rahmen. Es war jedoch das einzige Organ, durch das ich mich an eine Öf­fentlichkeit wenden konnte.

Auf der einen Seite war ich mir freilich auch der Vergeblichkeit mei­nes Hoffens bewusst. Aber es war meine erste Chance, jemanden zu beurteilen, der die Voraussetzungen hatte, ein anerkannter und bedeutender Maler zu werden. Ich wollte auf einen anfahrenden Zug aufspringen, mich als Entdecker und Mentor eines neuen Talents, dessen Mängel ich konstruktiv kritisierte, feiern lassen. Außer­dem wurde ich ganz nebenbei durch die Veröffentli­chung meiner 1200 Wörter wieder etwas liquider und hatte damit ein Argument gegen die in letzter Zeit schärfer werdenden Vorwürfe von Christine, ich würde ihre Gutmütigkeit und ihren Geldbeutel ausnutzen.

Dass mein Artikel in dieser scharfen und unzensierten Form an prominenter Stelle in der nächsten Ausgabe der MegaSzene zu lesen war, war auch die Schuld von Rainer Werner, ihrem Herausgeber, der in einer bei ihm seltenen Fehl­einschätzung der Lage und der Stimmungen der Kultur­szene keine Streichungen vornahm. Er ließ mir im Gegenteil ausrichten, es sei ihm ein Vergnügen, meinen boshaften Text ungekürzt zu bringen. Er hoffte wahrscheinlich, die Zeitschrift, de­ren Auflagenzahl stark rückgängig war, würde dadurch wieder etwas ins Gerede kommen und den durchaus ver­dienten Ruf eines besseren Supermarktwerbeblattes ver­lieren.

Nein, je länger ich darüber nachdenke, um so sicherer werde ich: Ich bedaure nicht, den Artikel geschrieben zu haben. Er ist zwar nicht unbedingt meine beste, aber eine durchaus saube­re Arbeit von mir. Zu dieser Meinung stehe ich weiterhin. Heute würde ich wahrscheinlich manches anders formulieren, weil ich jetzt einige Zu­sammenhänge besser verstehe. Aber es ist sicher falsch, ihn in die enge Verbindung mit Nix Niedergang zu bringen, wie das von gewisser Seite getan wurde.

Die MegaSzene erschien monatlich und so wurde mein Arti­kel bedauerlicherweise bereits eine gute Woche vor Nix‘ Ausstellung publik. Ich weiß nicht mehr, was für eine Reaktion der Leser ich erwartet hatte, aber sie war für mich enttäuschend. Niemand schien sich ernsthaft für mein Interview mit der noch unbekannten Größe Jonas Nix zu interessieren; das Feedback war gering. Die Briefe, die die Redaktion erhielt, ließen sich an den Fingern einer Hand abzählen und waren durch die Bank unfreund­lich. Da hatten die schmuddeligen Bekanntschaftsanzei­gen auf den letzten Seiten entschieden mehr Zuspruch. Auch Nix ließ – anders, als  ich es gehofft hatte – nichts von sich hören. Ich hatte tatsächlich geglaubt, er würde sich sehr schnell bei mir melden, um mit mir zu disku­tieren. So ignoriert zu werden, verletzte mich. Ich war gereizt und in einem anhaltenden Stimmungstief. Meine Freundin konnte mich nicht mehr ertragen und ent­schloss sich, für ein paar Tage eine Bekannte in Regens­burg zu besuchen.

Vier Tage, nachdem die neue Nummer meiner Zeit­schrift auslag, kam es allerdings zu einem unangeneh­men Vorfall, von dem ich heute noch hoffe, dass Nix nichts von ihm wusste. Diese Art der Rache konnte doch wohl nicht die seine sein. Es hatte den ganzen Tag über unangenehm feucht geschneit. Als ich spät in der Nacht müde von meiner Kneipenarbeit durch den schmutzig­braunen Schneematsch heimwärts stapfte, bemerkte ich auf der Höhe der Bertelesbrücke, dass mir jemand folgte und das wahrscheinlich schon, seit ich das Lokal verlas­sen hatte. Durch – wie ich hoffte – unauffällige Blicke zurück, stellte ich fest, dass es sich um zwei Männer handelte, die  mir knapp zehn Meter zurück auf der Spur waren. Als sie in den Lichtschein einer Straßenlaterne gerieten, konnte ich sie deutlicher erkennen. Sie waren etwa in meinem Alter; das Gesicht des einen glaubte ich zu kennen, ohne einordnen zu können, wo es mir schon einmal begegnet war.

Ich beschleunigte probeweise meinen Schritt. Die bei­den kamen nicht näher, fielen aber auch nicht zurück.Es schien ihnen nichts auszumachen, von mir bemerkt zu werden. So lange wir noch im Innenstadtbereich und nicht allein auf der Straße waren, machten ich mir keine Sorgen, ob­wohl ich fieberhaft überlegte, was sie bezweckten und woher ich den einen der beiden kannte. Da ich zu kei­nem befriedigenden Ergebnis kam und mich die Verfol­gung zu ärgern begann, entschloss ich mich, der Sache ein Ende zu machen. Ich meine, wir waren ja in meiner Heimatstadt unterwegs und nicht auf den Straßen von New York. Hier passierten keine Krimigeschichten. Ich blieb deshalb einfach stehen und er­wartete die beiden, kam mir dabei sehr mutig vor. Sie verharrten ebenfalls und machten für einen Moment ei­nen unschlüssigen Eindruck, dann kamen sie jedoch aufrei­zend langsam näher. Sie hielten ihre Hände in den wei­ten Taschen ihrer Anoraks versenkt; die geduckte Kör­perhaltung und ihre Mienen waren verschlossen und feindselig. Ich fühlte mich in diesem Augenblick nicht ernsthaft bedroht, dazu war die Situation zu unwirklich. Ich war nur verwirrt und mir nicht mehr so sicher, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, auf meine Verfolger zu warten. Konnte es möglich sein, dass sie hinter meiner chronisch leeren Brieftasche her waren?

Ich sah mich um. In der Nähe alberten zwei angeheiter­te Paare auf einem über den Winter mit Holzplanken abgedeckten Brunnen herum. Wie ich heute denke, war dieses Publikum gut für mich. Ich weiß nicht, wie die Angelegenheit ausgegangen wäre, wenn ich mit meinen Verfolgern allein auf der Straße gewesen wäre. Die Ker­le bauten sich knapp vor mir auf und wirkten in ihrer Entschlossenheit durchaus imposant. Obgleich sie wirklich keine Bodybuilding-Figuren hatten, sondern eher wie die Mit­glieder einer autonomen Gruppe wirkten, rutschte mir das Herz sprichwörtlich in die Hose. Ich tauschte mit den beiden ein paar Blicke und fand in ihren Augen ebenso viel Nervosität, wie ich sie in mir selbst verspürte. Trotzdem wurde mir mulmig und ich überlegte, ob es nicht besser war, wenn ich mein Heil in einer schnellen Flucht suchte. Diese Entscheidung wurde mir auf überraschende Weise abgenom­men.

»Bist du LPQ?« fragte einer der beiden. Es war der, den ich zu kennen glaubte. Er schien mir auch die treibende Kraft der beiden zu sein. Erstaunlich! Er wusste um mein strikt gehütetes Pseudonym bei Werners Zeitschrift. Wer hatte es ihm verraten? Ich duckte mich etwas, suchte mir eine Verteidigungsstel­lung.
»Wer will das wissen? Und wer seid ihr über …?«, antwortete ich misstrauisch, konnte meine zweite Frage aber nicht mehr beenden. Das nun Folgende geschah viel zu schnell für mich.

»Du dreckiger Schmuierfink!«, schrien die beiden gleich­zeitig und erschreckten mich mehr durch die plötzliche Laut­stärke ihrer Stimmen als durch den grotesken Vorwurf.

Sie rissen etwas aus ihren Ta­schen, was ich in meiner Angst für Schlagstöcke oder Schlimmeres hielt. Im Reflex hob ich meine Arme schüt­zend in die Höhe und kniff die Augen zusammen. Ich hörte einen der beiden verächtlich lachen, dann ein selt­sames Zischen, das ich beim besten Willen nicht einord­nen konnte. Gleichzeitig spürte ich etwas Feuchtes an der Stirn, es rann die Hände, die ich noch immer vor das Gesicht hielt, hinab, das Kinn, den Hals hinunter. Ängstlich stolperte ich einen Schritt rückwärts, kam dadurch mit einem Fuß über den Randstein. Ich griff im Reflex nach vorn, um das Gleichgewicht zu halten, be­kam aber im gleichen Moment einen Schlag gegen die Brust. Meine tastende Hand fasste ins Leere und ich fiel unsanft mit dem Hinterteil voran zwischen zwei eng beisammen parkenden Autos mitten in eine Matschpfüt­ze, dass es spritzte. Erst jetzt öffnete ich wieder meine Augen. Meine Gegner steckten gerade ihre Spraydosen zurück in ihre Jackentaschen. Der eine, der mir bekannt schien, spuckte, das Gesicht von Abscheu verzerrt, vor mir auf den Boden.

»Das wird dir hoffentlich eine Lehre sein!«, bemerkte er ruhig. »Unsere Stadt braucht keine Nestbeschmutzer wie dich.«

Nun wandten die zwei sich ab. Jetzt hatten sie es plötzlich sehr eilig, wegzukommen. Sie rannten, möglicherweise von ihrem eigenen Mut eingeschüchtert, die Straße hinunter. Als ich mich nach einigen  vergeblichen Versuchen mühsam wieder aufgerichtet hatte, waren sie bereits aus meinem Blickfeld verschwunden. Die Paare hatten nichts bemerkt, sie tanzten noch immer lachend auf den schiefen Brettern der Brunnenverkleidung. Sie wären mir im Ernstfall eine schöne Hilfe gewesen! Ich stellte mich vor Nässe tropfend ins Licht der nächsten Laterne und sah an mir herab. Ich hatte glänzende rote und blaue Farbflecken auf der Jacke und den Handrücken, mit denen ich mein Gesicht geschützt hatte. Eine hilflose Wut stieg in mir empor. Diese abgrundtiefen Idioten hatten mich mit Lackfarbe besprüht!

[Zum 10. Teil …]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 8)

[Zum ersten Teil]

»Deine existentialistischen Bilder sind zum großen Teil Collagen aus Knochen und Blut. Was für Empfindun­gen willst du mit ihnen wecken?«

»Ich will die Wahrheit darstellen. Farben sind nur Zwi­schenträger. Wenn es mir möglich wäre, würde ich ech­tes Gedärm benutzen. Ich will konsequent die Realität darstellen.«

»Was ist konsequent daran, eine Leinwand mit Blut und Fäkalien, mit Knochen und Erbrochenem zu besudeln?«, fragte ich. Nix erschreckte mich. Was musste in seiner Psyche vorgehen, wenn er die Wirklichkeit auf diese Weise darstellte? Ich hatte noch nie jemanden getroffen, der ein so schreckliches Bild von der Welt in sich trug.

»Ich kann deine Frage nicht eindeutig beantworten, Georg. Vielleicht widerspreche ich mir jetzt selbst«, er­widerte er und kratzte sich hinter dem Ohr. »Du kennst sicher die Theorie, man könne nur durch die Darstellung von Negativem etwas Gutes erreichn. Simone de Beau­voir, die wie niemand anderes die Gedanken von Sartre popularisiert hat, schreibt das in ihren Memoiren über ein Theaterstück ihres Lebensgefährten. Warte, ich kann es dir genau sagen, ich habe mir das extra abgeschrie­ben.« Er holte einen Zettel aus seiner Jeans.

»Ja, hier ist es: ‘Der Schriftsteller soll nicht eine strahlende Zukunft in Aussicht stellen, sondern die Welt so zeigen, wie sie ist, und damit den Wunsch erwecken, sie zu ändern. Je überzeugender das Bild ist, das er gibt, desto besser verwirk­licht er seine Absicht: Auch das düsterste Werk ist nicht pes­simistisch, wenn es im Namen der Freiheit an den Freiheits­sinn appelliert.‘ Das passt gut auf die Gedichte, die An­dernaj macht; ohne dass er sich dessen übrigens be­wusst ist. Deshalb benutze ich auch gerne Textzeilen in vielen meiner Bilder. Ich mache das, weil ich durch die Zusammenstellung zum Nachdenken reizen will. Ich habe noch etwas auf dem Zettel zu stehen. Das ist aus dem Aufsatz Über die Kunst von Bernhard Pritschet. Dort heißt es: ‘Das Optimistische in der Kunst ist die pessi­mistische  Darstellung, durch sie wird die negative Wirklich­keit negiert. Wäre Kunst nur die Darstellung eine positiven Wirklichkeit, die es ja höchstens partiell gibt, handelt es sich nicht um Kunst, sondern um Ideologie.‘ Schau dir unter diesem Gesichtspunkt die Werke von Beuys oder die In­szenierungen von Nitsch an. Das ist in der Tendenz die Richtung, in der ich gehen will. Aber ich möchte noch konsequenter sein, den einen Schritt gehen, der mich weiter als die anderen bringt. Du hast sicher im letzten städtischen Kunstsalon das Objekt von Jan Calva gese­hen: Diese durchgeschnittene Salami aus rotem Wachs, die er in einen alten Schrank gehängt hat.«

Ich nickte. Je­nes belustigende Objekt mit dem bezeichnenden Namen Kastration hatte empörte Debatten unter den Bildungs­bürgern der Stadt erregt.

»Dem Ding, so nett es sein mag, fehlt die Konsequenz. Wenn ich diese Idee habe und so etwas machen will, gut, warum nehme ich dann keine echte Wurst? Oder, noch wesentlich besser, wenn Calva einen echten Penis …«

»Jürgen!«, warf eine weibliche Stimme energisch ein.

Ich wandte mich herum. Eine Frau war von uns beiden unbe­merkt zur Ateliertür hereingekommen und hatte Nix Ausführungen an diesem doch sehr interessanten Punkt unterbrochen. Er stand auf und lief zu ihr hinüber, nahm sie in den Arm.

»Du hast wie immer recht, ich habe mich verrannt. Das ist Theresa«, stellte er sie mir vor. »Und das ist der Jour­nalist, von dem ich dir erzählt habe.«

Der Journalist schmeichelte mir selbstverständlich gewaltig, obwohl ich erkannte, dass Nix sich selbst durch diese Betitlung bedeutender machte. Theresa nickte mir freundlich zu und ich bedauerte, dass ich nicht besser gekleidet war. Sie war eine dunkelhaarige, meist schwarz gekleidete, bleiche und schlanke Frau. Sie war sehr fraulich, sehr at­traktiv und auf sie passte das seltsame Urteil, sie sei be­gehrenswert. Theresa weckte in mir sofort etwas, das ich in Ermangelung eines anderen Wortes Beschützerin­stinkt nennen will. In ihrem Wesen hatte sie viel von ei­nem erschrockenen, kleinen Tier und strahlte auch die Zutraulichkeit und das Anlehnungsbedürfnis einer jun­gen Katze aus. Damals war sie Jürgens Freundin. Ich sollte sie später recht gut kennenlernen. Sie war die einzi­ge in Nix Umkreis, die mir, von einer unangenehmen Ausnahme abgesehen, immer eine gewisse Sympathie entgegen brachte. Sie war sehr intelligent und sehr extra­vagant. Auch sie war übrigens die Tochter reicher Eltern, bei denen sie noch immer lebt. Damals studierte sie Ro­manistik und verdiente sich ihr Geld als Dolmetscherin für die Korrespondenz eines italienischen Fischgroß­händlers. Zusätzlich übersetzte sie für einen Berliner Verlag das gesamte und umfangreiche Werk von Pava­ni, eines nahezu vergessenen futuristischen Dich­ters aus den Zwanziger Jahren.

Theresa kam mit dem schwierigen Nix gut zurecht und ich weiß, dass sie ihn liebte und seine Kunst verehrte. Obwohl ihm in vielen Dingen weit überlegen, ordnete sie sich ihm unter und unterstützte ihn mit ihrer ganzen Kraft, anfangs auch finanziell. Sie hat mir einmal von Sonia Delaunay erzählt, die selbst eine bedeutende Künstlerin war, sich aber ganz für ihren Mann Robert aufopferte, indem sie allein für den Lebensunterhalt sorgte und sehr erfolgreich Stoffmuster und Kleider ent­warf. Das gefiel Theresa, in dieser Rolle hätte sie sich selbst gerne gesehen. Bei einer sonst doch recht emanzi­pierten Frau verwunderte mich diese Einstellung. Viel­leicht war sie einfach noch zu jung und unerfahren; viel­leicht hatte es Nix auch geschafft, ihren Mutterinstinkt zu wecken. Wie dem auch sei, ich hielt es auch damals schon für gefährlich, wenn sich eine sich nach einer norma­len Beziehung sehnende Frau wie Theresa von den Lau­nen eines nach Genialität strebenden Mannes beherr­schen lässt, sich ihm bis zur Selbstverleugnung unter­ordnet. Trotz aller Liebe ist sie Nix wahrscheinlich nie als eine ganz vollwertige Partnerin erschienen. Sie hat sich mehr und mehr in ihrem Bemühen, ihm zu ge­fallen, selbst verloren. Die weitere Entwicklung ihrer Beziehung hat meiner Vorahnung recht gegeben: The­resa hat den Inhalt ihres Lebens verloren, sie fühlt sich von Nix im Stich gelassen und ist seelisch ausgebrannt, verbraucht. Ich für meinen Teil hätte mich gefreut, wenn meine Freundin Christine in ein paar Beziehun­gen mehr von Theresa gehabt hätte. Leider nahm sie meine künstlerischen Anstrengungen nie ganz ernst.

Nachdem Nix und ich nicht mehr allein waren, erachte­te er unser Gespräch als beendet und hatte es sehr eilig, mich und mein Diktaphon los zu werden. Knapp am Rande der Unhöflichkeit komplimentierte er mich rasch zur Tür hinaus. Ich bedauerte das sehr, da das Interview gerade interessant geworden wäre, als Theresa als eine Art Deus ex machina auftauchte. Aber was ich auf dem kleinen Tonband hatte, genügte mir für einen Artikel in der gewünschten Länge. Ich ging sofort in die Redakti­on meiner Zeitschrift und tippte ihn noch am gleichen Abend in den Computer.

Ich habe nicht vor, den Inhalt des Artikels hier Wort für Wort zu wiederholen. Er ist nicht sehr bedeutend und den meisten ist er auch unbekannt. Aber er war der An­lass, aus dem die Bewunderer von Nix die Legende ei­ner verbissenen Feindschaft zwischen uns entwickelten. Daran ist, wenn überhaupt, Folgendes wahr:

Weil ich davon ausging, ein scharfzüngiger und fundamentierter Verriss sei besser als überhaupt keine Kritik oder eine lasche Hofberichterstattung, muss ich im Nachhinein zugeben, dass ich mich etwas im Ton vergriffen habe. Ich war sicher nicht sehr fair und ging nicht freundlich mit den meiner Meinung nach unhalt­baren Auffassungen des Malers um. Ich warf ihm mit vielleicht zu feindseligen Worten seine lächerlich schwarz-weiße, veraltet naturalistische Kunsttheorie, die Schlachthausmentalität seiner Bilder und selbstver­ständlich seine Verwandtschaft mit Dr. Arno Pauli vor. Ich deckte mit Genuss seine wahre Identität auf, wobei ich allerdings seinen tatsächlichen Namen, wie Nix es von mir wünschte, verschwieg. Das war natürlich ein Bildzeitungs-Kniff, denn jedem Interessierten stand es nun offen, seinen echten Namen zu eruieren; aber die Nepotismus-Schlagzeile konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Dennoch stellte ich nie in Frage, dass seine Werke tief empfunden und Kunst waren. Davon war und bin ich weiterhin überzeugt. Ich übernahm auch unver­ändert fast den gesamten druckreifen Wortlaut des In­terviews mit ihm, gab ihm also viel Gelegenheit, sich selbst darzustellen.

Woran ich hauptsächlich Anstoß nahm, war Nix‘ Persön­lichkeit: Ich warf ihm vor, wie der sattsam be­kannte Künstler im berüchtigten Elfenbeinturm die Welt zu seinen Füßen als eine Ansammlung von Schmutz zu betrachte, aber selbst sehr gut und bequem zu leben und sich nie die Finger dreckig zu machen. Dabei be­nutzte ich absichtlich mehrmals das Wort Inkonsequenz, von dem ich wusste, wie sehr es ihn treffen wür­de. Denn ich hatte meine eigene Bürgerlichkeit bei ihm ver­stärkt wiedergefunden und anstatt vor meiner eigenen Tür zu kehren, machte ich auf den Dreckhaufen vor seiner auf­merksam. Ich weiß heute nicht mehr, woher ich die Un­verfrorenheit und all das Sendungsbewusstsein nahm, mit dem ich versuchte, den Künstler Nix mit meinem Artikelchen auf den rechten Weg zu stoßen. Im Nachhinein betrachtet musste das natürlich in die Hose gehen. Ich war zu kei­nem Zeitpunkt unserer Bekanntschaft eine Autorität, die er respektierte.

[Zum 9. Teil …]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 7)

[Zum ersten Teil]

Nun, ich hatte verstanden, wie das bei ihm war: Er war der degenerierte Spross einer reichen Familie mit langer Buddenbrooks-Tradition. Er war der verhätschelte Sohn, der sich den schönen Künsten zugewandt hatte – die letzte Generation. Von solch einer Geschichte hatte ich schon einmal gehört. Darüber waren ja auch viele Bücher geschrieben worden. Selbstverständlich hasste er seine Klasse. Aber er war sich nicht zu fein dazu, die Vorteile, die sie ihm bot, auszunutzen, obwohl er sich augenscheinlich selbst dafür verabscheute. Ich war in dieser Stadt, die ja eine lange Industrietradition aufweist, bereits ein paarmal solch feinsinnigen Burschen wie ihm begegnet. Das wa­ren Kinder reicher Eltern, die Gedichte schreibend oder marxistische Literatur lesend in Cafés saßen und dem Herrgott den Tag stahlen. Ich kann nicht sagen, dass ich sie nicht mochte, denn sie waren amüsante und scharf­züngige Gesprächspartner, oft großzügig und manch­mal larmoyant, in ihrer Nutzlosigkeit liebenswert. Ich fühlte mich ihnen weit überlegen, weil ich aus eher ärmlichen und proletarischen Verhältnissen kam, von meiner eigenen Hände Arbeit lebte … und, zugegeben, dem Lohn meiner Freundin. Obwohl ich rückblickend sagen muss, dass der Unterschied nur gering war, hielt ich mich selbstbewusst nicht für einen so großen Dilettanten und Schmarotzer wie diese Maden im Speck der Gesellschaft.

Nix stellte übrigens einen anderen, mir bisher unbekann­ten Typus des Sohnes aus guten Verhältnissen dar. Er dilettierte in keiner Weise. Er war ein verbissener Künst­ler und nahm seine Arbeit ernst. Selbstverständlich war er zerrissen: Auf der einen Seite fühlte er die Abscheu vor seiner Klasse, auf der anderen quälten ihn die Kompromisse, die er schloss, um ohne materielle Sorgen arbeiten zu kön­nen. Diese Antipoden mussten ihn früher oder später wie Mühlsteine zwischen sich zer­mahlen. Plötzlich begann ich, Jonas zu mögen.

Ich ließ seine Bemerkung über seine Familie ohne Kom­mentar und vergewisserte mich nur durch einen unauf­fälligen Seitenblick, ob ich vorhin auch wirklich mein Diktaphon in Betrieb genommen hatte. Es verrichtete brav seinen Dienst. Dann betrachte­te ich noch einmal eingehend das Portrait des Kulturre­ferenten. Nein, ich konnte dem Bild nichts abgewinnen. Das Können von Nix überdeckte das Verlogene an der Darstellung dieses Mannes nur. Dieses Gemälde war Propaganda. Pauli würde es lieben, da war ich mir si­cher. Ich sah es bereits auf Pressefotos von ihm im Hintergrund seines Büros hängen.

»Bist du bereit für ein paar Fragen?«, erkundigte ich mich und tat so, als würde ich erst jetzt mein Tonband einschalten. Nix rückte sich zurecht. Er wirkte, als ma­che er sich für eine Fotografie bereit. Ich setzte mich endlich in den zweiten Stuhl und hatte die tiefstehende Sonne im Gesicht, sah von meinem Gegenüber nur mehr einen Schattenriss. Ob er die Stühle bewusst so aufgestellt hatte, um einen Vorteil zu haben? Ich konnte auf jeden Fall nur wenig von ihm und von seinen Reak­tionen auf meine Fragen sehen. Ich hatte diese Fragen in guter Journalistenart bereits schriftlich vorbereitet, aber ich entschloss mich nach einem kurzen Blick auf mein Manuskript, die Notizen nicht zu benutzen und zu im­provisieren. Nur die erste Frage übernahm ich:

»Jonas Nix, du kommst für viele tatsächlich aus dem Nichts und bist selbst Insidern noch unbekannt. Wür­dest du dich den Lesern bitte in ein paar Sätzen selbst vorstellen?«

Ich gebe zu, dass diese und auch die fol­genden Fragen nicht gerade vor Intelligenz sprühten, aber es waren genau die Standardphrasen, die man von mir erwartete und auf die jede Art von Antwort mög­lich war. Nix machte übrigens einiges aus ihnen. Zu An­fang klang er allerdings etwas verunsichert. Er hatte an­scheinend noch nicht sehr häufig ein Interview gegeben und deshalb keine vorgefertigten Antworten parat. Er antwortete auffallend zögernd:

»Ich möchte eigentlich, dass ich das vorerst noch bleibe: ein Mann aus dem Off, aus dem Bauch eines Fisches heraus, ein Unbekannter, eben Jonas Nix. Wichtiger sind mei­ne Bilder, sie sollen für mich sprechen.«

»Gut, das muss man wohl respektieren. Mich würde allerdings doch interessieren, wie ein Unbekannter wie du es ge­schafft hat, die Genehmigung für eine Ausstellung im Rathausfletz zu erhalten.«

»Ich will hier offen zugeben, dass ich ein paar gute Be­ziehungen habe. Ich habe mich nicht gescheut, sie zu nutzen. Ich wäre auch schlecht beraten, wenn ich das täte. Ich will es mal so sagen …«  Er stockte kurz. Was nun folgte, klang ein wenig zurecht gelegt und auswen­dig gelernt:

»Ich habe mich mehrere Jahre in einer Art Klausur sehr intensiv mit meiner Malerei beschäftigt und war dabei wegen früher und negativer Kritiken im­mer unsicher.«

Auch wenn ich es nicht sah, konnte ich deutlich fühlen, wie sein Blick bei diesen Worten sehr scharf auf mir ruhte. Viel­leicht litt ich aber auch unter einem speziellen Jonas-Nix-Verfolgungswahn.

»Ich konnte bisher nur selten meinen eigenen Ansprüchen genü­gen. Ich will nicht unverbindlich dekorative, leicht ver­käufliche Farben und Muster auf die Leinwand pinseln. Ich habe eine Idee, eine konkrete Vorstellung dessen, was ich schaffen will. Ich habe das, was den meisten an­deren in der Postmoderne verloren gegangen ist, nämlich eine originale, eigen­ständige Theorie.«

»Hast du bestimmte Vorbilder, Maler, die du bewun­derst?«, unterbrach ich ihn an dieser interessanten Stelle mit dem Dümmsten, was man einen jungen Künstler fragen kann. Er ging nicht darauf ein.

»Lass mich zuerst den Gedanken zu Ende bringen: Wor­unter das, was ich machte, immer litt, war eine Kluft zwischen Idee und Ausführung. Ich bin handwerklich so gut, dass die Kunstfertigkeit zu oft meine Vorstellun­gen überdeckt. Wegen dieser Diskrepanz habe ich mich bisher nicht entschließen können, vor ein Publikum zu treten. Jetzt bin ich mit meinen Bildern und Objekten zwar immer noch nicht ganz  zufrieden, na ja, mal mehr, mal weniger, aber auf jeden Fall bin ich nun be­reit, mich den Leuten und ihrer Kritik zu stellen. Ich weiß nicht, ob meine Werke bestehen können, weil ich jahrelang nicht aus meinen vier Wänden hinaus gesehen habe. Deshalb mache ich die Ausstellung und ziehe sie so groß, wie es mir möglich ist, auf, um ein breites Spek­trum an Reaktion zu erhalten. Verstehst du?«

»Ich halte es für etwas riskant, sich auf diese Weise in die Hand des doch sehr unberechenbaren Publikums zu geben, aber das ist deine Sache. Kommen wir zu deinen Bildern. Sie sind, soweit ich sie kenne – und um es ge­linde zu sagen –, sehr düster. Es herrscht in ihnen eine bedrückende, ich möchte meinen, gewalttätige Schlacht­hausatmosphäre. Was ist denn nun deine Botschaft, dei­ne Theorie? Wen willst du schockieren?«

»Ich bin der Meinung, dass man in unserer Zeit kaum jemanden schockieren kann. Man kann ihn unter be­stimmten Umständen zum Ekel reizen, aber nachhaltig beeindrucken, verändernd eingreifen, das ist nicht mehr als eine Utopie, die große Lüge der Kunst. Ich habe kei­ne Botschaft in diesem Sinne. Ich möchte in meiner Kunst die Wirklichkeit so darstellen, wie ich sie sehe. Das ist mein Bedürfnis. Das ist der künstlerische Akt, von dem ich glaube, dass ich mit ihm ein Stück Wahrheit schaffe.«

»Du willst also abstreiten, dass die Kunst vor allem eine gesell­schaftspolitische Aufgabe hat?«

Was war das für eine dämliche Frage! Wo hatte ich die nur her? Er stöhnte.

»Das ist ein weites und schwieriges Feld. Um es dir ver­ständlicher zu machen … Eines ist gewiss: Maler entwickeln keine neuen Ideen, diese Künstler sind hier nicht so innovativ wie die Literaten. Sie verändern und beeinflussen kaum, vor allem nicht die Gesellschaft, in der sie ja nur eine Schat­tenexistenz führen. Kunst entsteht zu allen Zeiten allein für eine gewisse Elite, die die Zeit und die Mittel hat, sich einen Künstler als Narren zu halten, der dann ge­nau das von sich gibt, was eben diese Elite zu hören oder zu sehen wünscht. Alles andere wird aussortiert, landet auf dem Müllplatz der Geschichte. Im Mittelalter waren das fast ausschließliche Publikum die kirchlichen Würdenträger, folglich war neunzig Prozent der Kunst religiösen Inhaltes. Dann wurden der Adel, schließlich das Bildungsbürgertum Publikum. Die Kunst ist meist nicht mehr als nur ein Spiegel der Lebenseinstellung der Gruppe, für die sie entsteht. Die Künstler haben ein sehr feines Gespür für Zeitströmungen, ohne Zweifel, sie sind aber oft nur ihr Chronist, praktisch nie ihr Schöp­fer«, sagte Nix und zuckte mit den Schultern. Resigniert fuhr er fort:

»So betrachtet ist Malerei nur eine Dienst­leistung, die ein Bedürfnis befriedigt, vielleicht sogar nichts anderes als eine Hurerei. Aber ich habe mir noch keine vollständige Meinung geschaffen. Es kann sein, dass ich mich mit dem, was ich gerade sagte, etwas ver­rannt habe, aber ich denke doch, dass viel Wahres dabei ist. Sicher, ich bin kein Kunsttheoretiker und meine Ge­dankengänge sind unlogisch und labyrinthisch. Aber mir steht mein eigenes Gefühl, mein Empfinden, im Vordergrund. Du hast meine Bilder düster genannt, weil du sie so empfunden hast. Und das sollen sie unter anderem sein: Eine Art von Empfindungsanregung, ein großzügiges Angebot von mir, etwas Wesentliches zu erfahren.«

[Zum 8. Teil …]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 6)

[Zum ersten Teil]

»Wenn du meinst. Das sind meine jüngsten Arbeiten; andere müsste ich erst aus meinem Lagerraum holen. Die Bilder für die Ausstellung befinden sich bereits im Rathaus. Ich kann dir einen Termin vor der Vernissage verschaffen.«

»Mach dir keine Mühe«, winkte ich ab, ergriff ein groß­formatiges Bild und stellte es vorsichtig auf dieleere Staffelei. Während ich das tat, gewann ich den flüchti­gen Eindruck eines terrakottafarbenen und grauen Cha­os‘. Die Leinwand war zu meiner Überraschung wesent­lich schwerer, als ich erwartet hatte. Ich trat ein paar Schritte zurück und stellte den Grund fest: Einige Kno­chenstücke, wahrscheinlich von Rindern oder Schwei­nen, waren mit Draht auf ihr befestigt. Grünliches Wachs war gestaltet und aufgebracht, um es wie Gedärm und Haut­fetzen wirken zu lassen. Die verkrusteten Spritzer einer einge­trockneten, dunkelroten Flüssigkeit, die die Kno­chen und das falsche Gekröse besudelten, sahen weder wie Farbe noch wie Ketschup aus; wenn ich mich nicht täuschte, war es diesmal echtes Blut, das Nix verwendet hatte. Die Leinwand wirkte so, als hätte er sie einen Tag lang auf dem Boden eines Schlachthauses liegen gelassen. Der Eindruck, den diese unappetitliche und Übelkeit er­regende Collage auf mich machte, war erschlagend und ich hatte noch einmal den Geschmack meines Mittages­sens im Mund. Ich schluckte zweimal, bis ich meine Stimme wiederfand.

»Das ist … außergewöhnlich. Wie nennst du es denn?«, fragte ich ein wenig heiser. Da er schwieg, sah ich zu ihm hin. Er hatte meine Frage scheinbar nicht gehört, denn er starrte selbstvergessen auf die Leinwand, die Stirn gerunzelt, die Lippen gespitzt. Er wirkte nicht all­zu zufrieden mit seinem Werk. Er schnalzte mit der Zunge.

»Kennst du die Erzählung Tradition von Lara Ledorc?«, erkundigte er sich nach einer Weile. Ich verneinte und gestand ihm ein, dass meine Literaturkenntnisse nicht die fun­diertesten waren. In der Schule hatte ich im Deutschunterricht meistens geschlafen oder Männchen gemalt und auch später nur ein paar Bestseller gelesen, um mitreden zu können. Insgesamt hielt ich Prosa für langweilig und nicht mehr zeitgemäß. Mein Erweckungserlebnis stand mir erst noch bevor.

 »Das ist eine belgische Schriftstellerin, die erst im letzten Jahr gestorben ist. Die schrieb so, wie ich gerne Bilder malen möchte«, erklärte er. Ich sah schaudernd zurück zu der Sudelei auf der Leinwand und nahm mir vor, nie etwas von dieser Ledorc zu lesen.

»Ich habe das Bild nach dieser Er­zählung benannt; es gibt sehr genau die Stimmung wie­der, die ich beim Lesen hatte.« Er machte eine Pause, sammelte sich.

»… da unsere Träume, die wir sorgsam um­hegten, starben, wird zur Klage, was dunkel uns berührt«, fuhr er fort. Ich nahm an, er würde die Autorin zitieren. Tatsächlich war diese Zeile aber aus einem Gedicht von Andernaj, wie mir später Nikolaus Klammer bestätigte. Ich stellte die Leinwand irritiert wieder zurück und nahm das zweite Bild. in die Hand. Es wirkte auf den ersten Blick pflegeleichter und es waren keine Knochensplitter darauf.

»Damit bin ich nicht fertig. Dem Bild fehlt noch etwas. Es ist zu viel Fremdes drin, zu wenig Originalität«, schränkte Nix an den Lippen kauend sofort ein. »Ich habe kürzlich eine Ausstellung von Cy Twombley gese­hen. Man sollte als Maler nicht ins Museum gehen.«

Ich verstand, was er meinte. Ein paar fahrige, schwarze Striche waren zu erkennen. Sie glichen den obs­zönen Schmierereien auf Klotüren. Auch hier fanden sich wieder die Spritzer jener schwärzlich geronnenen Flüssigkeit, die eigentlich nur echtes Blut sein konnte. Da waren auch noch schmutzige, braune Flecken, nach deren Ursprung ich nicht länger nachforschte, und dann, viel zu über­mächtig, stand dort der Anfang eines poetischen Gedichtes hingeschmiert. Es waren zehn, zwölf Zeilen in leuchtend roter, direkt der Tube ent­nommener Farbe – hektisch und aggressiv, wie unter Zeitdruck ausgeführt. Ich weiß noch den Anfang des Gedichts, weil es mich beeindruckte und mich in seiner ausweglosen Düsternis berührte. Es hatte viel mehr Kraft als die Zeilen von Andernaj:

Es ist ein Licht, das der Wind ausgelöscht hat.
Es ist ein Heidekrug, den am Nachmittag ein Betrunkener verlässt.
Es ist ein Weinberg, verbrannt und schwarz mit Löchern voll Spinnen.
Es ist ein Raum, den sie mit Milch getüncht haben.
Der Wahnsinnige ist gestorben.

Ich fragte Nix nicht, von welchem Dichter das war. Die Verse konnten nicht von zeitgenössischen Dichter stammen, dafür wa­ren sie zu gut. Inzwischen habe ich erfahren, dass sie der Anfang des Psalms von Georg Trakl sind. Jonas ver­ehrte diesen expressionistischen, viel zu früh verstorbenen Dichter, zu dem er eine starke Affinität verspürte. Ganz im Gegensatz zu mir war er, wie er mir dann auch in dem Interview und bei anderen Gelegen­heiten lässig und recht überheblich demonstrierte, äußerst belesen.

Wie kann ich ein Bild wie dieses mit Worten beschrei­ben? Es war bedrückend, ja, beängstigend. In der Farbgebung spiegelte sich das verzweifelt Triste des Gedichttextes. Aber es be­traf mich bei weitem nicht so tief wie die Collage aus Knochen auf der anderen Leinwand oder wie sein Frühwerk damals in der Ausstellung. Ich habe vielleicht nach dem Schock eben zu viel von ihm erwartet. Das mag sein. Aber Nix hatte mit seiner Eigenkritik recht. Er hatte es selbst gesagt: Das hier war nur eine durchaus gelungene, aber beliebige Illus­tration der Gedichtzeilen ohne Kongenialität.

Ich nickte ein wenig enttäuscht und holte das dritte Bild, das mich nun wirklich erstaunte, weil es so ganz anders als die beiden vorher war. Es war ein echtes, will sagen, klassisches Öl­gemälde, ein gelungenes Portrait, das in der Weichheit der Pastelltöne und der expressiven Auffassung entfernt an Oskar Kokoschka erinnerte und abei trotz des locker hingeworfenen Farbauftrags eine nur un­zulänglich verborgene Wut ausstrahlte. Obwohl das Portraitgemälde in Auffassung und Handwerk besser als alles war, was ich selbst je schaffen würde, missfiel es mir so­fort. Nix schien das zu bemerken und er sagte abwer­tend:

»Das ist eine Auftragsarbeit. Ich muss leben. In meine Ausstellung kommt solch ein Bild selbstverständlich nicht. Ich glaube aber, es ist im Großen und Ganzen eine durchaus gelungene Fingerübung. Allerdings hätte ich natürlich lieber ein anderes Sujet gehabt, das liegt ja auf der Hand.«

Wie wahr! Das Sujet war wirklich denkbar schlecht gewählt, es beeinflusste meine Meinung über das Bild entscheidend, weil ich die dargestellte Person aus tiefer Seele Grund verabscheute. Es war Dr. Pauli, der mir aus seinen schmalen Schweinsäuglein feist und selbstzufrieden ent­gegen sah. Er wirkte arrogant, überheblich, auch ein wenig gefährlich, sein Lächeln war ein Zähnefletschen – ganz der erfolgreiche CSU-Politiker.

»Man erzählt sich, du bist sein Neffe. Ist das wahr?«, hakte ich ein. Ich hatte ihn erwischt. Das Gesicht verziehend, rutschte Nix nervös auf seinem Stuhl hin und her.

»Das bleibt jetzt unter uns«, sagte Nix beschwörend. Ich nickte beschwichtigend, obwohl ich durchaus nicht die Absicht hatte, interessante Enthüllungen für mich zu be­halten. Schließlich fühlte ich mich als kritischer Journalist und nicht als Hofberichterstatter.

»Meine Mutter ist seine Halbschwester aus der zweiten Ehe meines Großvaters, des ehrwürdigen Karl Maria Pauli, der ehemals Vorstandsmitglied der Follia-Textilwerke war, aber nun im gut verdienenden Ruhestand ist. Der Alte ist die graue Emi­nenz der Familie. Auch ihn soll ich endlich malen, aber ich habe mich bisher erfolgreich dagegen gewehrt. Lan­ge kann ich mich allerdings nicht mehr sträuben, denn Opa ist der Besitzer dieses Hauses hier und er lässt mich hier mietfrei wohnen«, erklärte er.

Seine letzten Worte stieß er undeutlich zwischen geschlossenen Zähnen hervor. Seine Unzufriedenheit war greifbar. Warum erzählte er mir das? Ihm war doch bewusst, dass ich von der Presse war und er musste sich gewahr sein: Diese Enthüllung war für mich ein gefun­denes Fressen.

[Zum 7. Teil …]

Ein Kommentar

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Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 10)

[zum 1. Teil …]

„Herrgott! Überrangprotokoll Fabia! Omicron, Standby“, zischte Fabia zwischen zwei Würgeanfällen. Der kleine goLem blieb sofort stehen und blinkte stumm, als wäre er beleidigt.

„Na, Mädchen?“, fragte Leon mitleidig, als es Fabia wieder etwas besser ging, „doch nicht so stark und mutig?“

„Nein, es ist nur … Mir ist ziemlich schwindlig wegen meiner Krankheit. Ich werde langsam hämoylitisch. Das wirkt sich zuerst auf meinen Kreislauf aus.“ Sie deutete auf einen kleinen, zellenartigen Anbau an einem Gebäude in der Nähe, auf dessen Milchglastür ein großes rotes Kreuz dargestellt war. „Ich muss dringend zu dieser Notarzt-Station. Ich brauche Medikamente und eine Transfusion.“

Fabia spuckte aus, um den ekligen Geschmack im Mund loszuwerden, was ihr auf diese Weise jedoch nicht gelang.

„Ich helfe dir“, bot sich Leon an. „Die Ärzte sind sich schon längst geflohen oder evakuiert worden. Ich glaube nicht, dass sich außer uns und deinen Freunden noch jemand in diesem Stadtviertel aufhält.“

Das Mädchen richtete sich zitternd auf und winkte ab. Sie probierte ein paar Schritte. Ihre Knie waren zwar weich und die Beine wacklig, aber bis zu der Krankenstation würde sie es ohne Hilfe schaffen.

„Danke, aber das wird nicht nötig sein“, lehnte sie Leons Angebot ab. „Es wird dort drin sicher noch einen Gamma geben, der mir helfen kann. Falls sie ihn schon evakuiert haben sollten, kann mich auch mein Omikron unterstützen. Er hat ein Medizin-Update.“

Der Bildhauer wollte einen Einwand machen, aber Fabia ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Ihr beide solltet auf jeden Fall auf der Stelle zu den Zügen fliegen, bevor uns die Polizei wiederfindet. So beschäftigt können die gar nicht sein, dass sie nicht den Absturz ihrer zwei Einheiten untersuchen. Bringt euch in Sicherheit, bevor sie kommen. Mit dem Schweber habt ihr eine echte Chance.“

Leon nickte und fuhr sich mit der Hand nachdenklich über die Glatze. Er zögerte.

„Bist du dir sicher? Du weißt aber schon, dass sie uns nicht zufällig abgepasst haben? Du bist verraten worden und sie sind hinter dir her. Ich lasse dich nur ungern alleine.“

„Ich werde in der Bibliothek bei meinen Freunden in Sicherheit vor der Polizei sein – keine Sorge. Von dort kann ich auch problemlos die Uniklinik-Haltestelle der UMS-Bahn erreichen. Die bringt mich in einer Stunde nach Frankfurt. Vielleicht können wir uns dort wieder treffen. Aber jetzt fliegt endlich los. Ich wünsche euch alles Glück. Meldet euch, wenn ihr euch gerettet habt – danach, meine ich, wenn das alles vorbei ist …“

Fabia nahm ihren reglosen goLEM unter den Arm und ging mit so festen Schritten, wie sie ihr in ihrem Zustand möglich waren, auf die Notfall-Einrichtung zu. Sie drehte sich nicht noch einmal um, weil ihr sonst wahrscheinlich die Tränen gekommen wären. Leon sah ihr so lange hinterher, bis sie den Platz überquert hatte. Dann warf er warf einen letzten Blick hinauf in den leeren, grauen Himmel, über den nun merkwürdig gleichmäßige und runde Wolken zogen, die aus sich selbst heraus orange leuchteten. Sie glichen farbigen Ballons und wirkten auf ihn wie die Boten des nahenden Untergangs. Der Bildhauer hätte sie gerne mit seinen eigenen Händen aus Ton nachgeformt. Aber er würde wohl nicht mehr dazu kommen, seine Kunst noch einmal auszuüben. Auch wenn die Pariser bessere Chancen als die Einwohner der direkt an der Atlantikküste liegenden Megapole Marelona hatten, fühlte Leon im Gegensatz zu Fabia keinen Optimismus und hatte keinen Glauben, dass ausgerechnet er die Katastrophe in etwa zwölf Stunden überleben würde. Schließlich waren ja auch heute morgen wieder die Kampfhandlungen mit der Indopazifischen Union aufgeflammt, die jederzeit ein nukleares Armageddon auslösen konnten. Was der Impact des Mondbrockens und der Tsunami nicht erledigten, schafften vielleicht die Atomwaffen der Kriegsparteien: Europa zwischen Scylla im Westen und Charybdis im Osten zu zerreiben. Vielleicht überstanden ja ein paar seiner Werke den Weltuntergang …

Raphaël rief ihn ungeduldig nach ihm und er lief kopfschüttelnd zum Schweber zurück. Er war höchste Zeit, aufzubrechen und die dem Tode geweihte Stadt zu verlassen.

Fabia hatte inzwischen das Rote-Kreuz-Gebäude erreicht und legte ihre Hand auf die Glasfläche der Tür. Sie wurde gescannt und die Tür öffnete sich vor ihr. Bevor sie eintrat, sah sie doch noch einmal zurück und dem emporsteigenden Schweber zu, bis er hinter einem der schlank wie eine Nadel in den Himmel stechenden Val-d’Oise-Türme verschwand. Der Abschied eben war für immer gewesen, das war auch ihr klar. Selbst wenn sie alle drei der großen Welle entkamen und rechtzeitig in die sicheren Gebiete im Westen gelangte, würde doch das I-Net zusammen brechen und sie sich in dem Chaos, das gerade in den deutschen Landen herrschen musste, die gerade von Milliarden von Flüchtenden überschwemmt wurden, niemals wiederfinden. Jetzt lief ihr doch eine Träne über die Wange.

„Womit kann ich dir dienen, Bürgerin?“, wurde Fabias düstere Stimmung von einer einfühlsamen, aber vollkommen geschlechtslosen Stimme hinter ihr unterbrochen. Die stachlige Kugel eines Arzt-goLEMs schwebte heran. Außer ihm und ein paar der überall anzufindenden, spinnenähnlichen Sanitäts- und Reparaturdeltas, die im Hintergrund an den Wänden hingen und leicht auf ihren unzähligen kleinen Beinchen zitterten, war niemand mehr in der Notfall-Einrichtung. Die medizinischen GoLems der Gamma-Reihe wurden im Volksmund wegen der Treffsicherheit ihrer Prognosen Tu-as-qu’à oder DO ASK genannt und erinnerten ein wenig an einen fliegenden Seeigel, dessen Stacheln allerdings dünne Arme waren, die den unterschiedlichsten medizinischen Zwecken dienten. Trotz der weltweit gültigen Roboter-Gesetze, die nach dem verheerenden KI-Aufstand im 23. Jahrhundert Verstand und Persönlichkeit künstlicher Intelligenzen strengen Obergrenzen unterwarfen, waren die Tu-as-qu‘à von der Mooncorp. mit einer der fortschrittlichsten und selbstständigsten KI‘s ausgestattet worden, die es gab. Denn diese goLEMs mussten neben ihren medizinischen auch psychologische und psychiatrische Aufgaben erledigen konnten. Die geistigen Fähigkeiten der Gammas übertrafen damit bei weitem die Möglichkeiten der durchschnittlichen und absichtlich „dumm“ programmierten anderen goLEMs; Fabia schätzte die Tu-as-qu’à sogar für intelligenter und sozialkompetenter als die meisten Menschen ein, die sie kannte – sich selbst dabei eingeschlossen. Die Gammas waren eigentlich nur durch ihre eigenwillige äußere Form, die einseitige Programmierung und durch die Kontrollen des I-Nets beschränkt. Das Prinzip ihrer neuronalen Netze hatte übrigens Professor Rosenthal entworfen, dem dafür einen seiner beiden Nobelpreise verliehen worden war.

Fabia schmunzelte, als sie sich unter dem grünen Untersuchungsstrahl des Gammas einmal um sich selbst drehte. Wie wohl die Corp., die dem Professor seine Forschungsergebnisse und Patente gestohlen hatte, reagieren würde, wenn sie wüsse, dass er insgeheim schon viel, viel weiter war und in den Kybernetiklaboren der Pariser Universität den ersten komplett menschenähnlichen Androiden geschaffen hatte, den er in einem Wortspiel nach dem shakespeareschen Waldgott Oberone nannte. Wenn schon kein Gott, so sollte Ober-1 unter den Normalsterblichen – auch den genoptimierten – zumindest ein Halbgott werden. Es war Fabias Aufgabe in Baruch Rosenthals kleinem Team, die KI des Androiden zu pflegen,zu  testen und zu entwickeln. Sie hatte inzwischen ein sonderbares, sehr intimes Verhältnis zu künstlichen Menschen aufgebaut; ein verwirrendes Verhältnis, über das sie nicht näher nachdenken wollte, denn Oberone war vom Wissen und erstaunlicherweise auch vom Charakter her wie eine jüngere Ausgabe des Professors, in den sie verliebt war.

Der grüne Strahl erlosch.

„Bürgerin“, sagte der goLEM. Er klang sehr ernst und hatte tatsächlich eine wohldosierte Besorgnis in seine Stimme gelegt. „Begebe dich sofort zur Behandlungsliege. Du benötigst dringend meine ärztliche Hilfe.“

Einer der dünnen Arme des Gammas klickte nervös und deutete auf die Seite, an der einige mit kompliziertem medizinischem Gerät verbundene leere Betten standen. Fabia folgte gehorsam der Aufforderung und setzte sich auf eine der Patientenliegen. Sie rollte den Ärmel des weiten Pullovers hoch und ließ sich von dem Tu-as-qu’à einen Shunt legen, über den er sie flink und professionell mit den Apparaturen der Notfall-Station verband. Eigentlich war es unverantwortlich, solch eine wertvolle Technologie einfach der Zerstörung oder irgendwelchen Plünderern zu überlassen, die – Weltuntergang hin, Armageddon her – doch sicher die evakuierten Gebäude und Einrichtungen nach Beute absuchten, auch wenn ein paar von ihnen bestimmt von den Polizeiomegas geschnappt und unter Anwendung der neuen 2MC-Gesetzgebung an Ort und Stelle standrechtlich exekutiert wurden. Hier im Univiertel schien jedoch alles ruhig zu sein.

„Merkwürdig“, ging Fabia durch den Kopf. „Das ist wie die Ruhe vor dem Sturm.“

[Fortsetzung am nächsten Freitag …]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 5)

[Zum ersten Teil]

Das Mädchen, das neben ihm an der Bar saß, widersprach energisch. Der Möchtegern-Dichter ließ sich hocher­freut in einen heftigen, polemischen Disput verwickeln, ohne dass übrigens einer der beiden auch nur ein wenig literarisches Fach­wissen zu erkennen gab. Ich fragte mich, ob das Ge­rücht, Alfons habe einmal Germanistik studiert, der Wahrheit entsprach. Ihm ging es bei dem Streitgespräch allerdings nicht um das Prinzip – wahrscheinlich wollte er seine neue Bekanntschaft nur nicht bloßstellen. Er nutz­te die überraschende Gelegenheit zu einem Flirt und ließ sich von seiner hübschen Widersacherin zu einem Bier einladen. Er war wirklich der perfekte Schnor­rer.

Nach einer ganzen Weile unterbrach ich kurz das inzwi­schen recht intime und weit fortgeschrittene Geturtel der beiden und ließ mir von Andernaj – solange er noch nicht zu betrunken dazu war – die genaue Adresse von Jürgen Niedermayer geben. Mir schwebte noch immer ein Interview mit dem Maler für meine Zeitung vor. Ich hoffte, ich würde es trotz der offensichtlichen Ablehnung meiner Person bekommen.

Gleich am nächsten Nachmittag ließ ich mir diesen Plan in der Redaktion der MegaSzene absegnen und mir deswegen von Wer­ner, dem Chef vom Dienst, in unserer nächsten Ausgabe 1800 Wörter reservie­ren -also eine längere Lesestrecke, deren Zeilenhonorar ich bei meiner momentan recht klammen Finanzlage gut brauchen konnte. Dann erst suchte ich die Telefonnummer von Nie­dermayer heraus und rief ihn an. Ich weiß, dass das die falsche Reihenfolge war, aber da ich das Geld bitter notwendig brauchte, wollte ich endlich wieder einen längeren Artikel unter­bringen. Ich vertraute auf die Publicitysucht eines jungen, ehrgeizigen Künstlers, der selbstsicher genug ist, sich zu trauen, seine Bilder im Rathausfletz der Öffentlichkeit vorzustellen. Nieder­mayer ging nicht ans Telefon, aber er hatte einen Anruf­beantworter. Damals begannen sich gerade diese scheußlichen Maschinen, bei deren Besprechen ich mich immer fühle, als würde ich gerade onanieren, durchzusetzen. Ich sprach also stot­ternd mein Anliegen und meine Redaktionsnummer auf Band, gab aber absichtlich einen falschen Namen an, um nicht wegen seiner Abneigung gegen mich sofort einen Korb zu bekommen. Ich hielt diese Täuschung durchaus für legitim, da er ja ebenfalls nicht unter seinem richti­gen Namen firmierte. Bereits eine Viertelstunde später meldete er sich. Er war zwar nicht so hocherfreut, wie ich erwartet hatte, weil es ihn ärgerte, dass jemand hinter sein Pseudonym gekommen war, aber er vereinbarte mit mir gutwillig für den nächsten Tag einen Termin in seinem Atelier. Selbstverständlich verschwieg ich ihm weiterhin meinen tatsächlichen Namen. Wenn er mich schon hasste, wie Andernaj gemeint hatte, dann musste er mir das von Angesicht zu Angesicht sagen.

Der Schmuddelpoet hatte einmal in seinem Leben nicht übertrieben. Das Gebäude, in dem Jürgen Niedermayer wohnte, stand im frisch gentrifizierten Münsterviertel in der besten Lage. Es war ein vorzüg­lich renoviertes, neoklassizistisches Bürgerhaus aus der Gründerzeit voller Eigentumswohnungen und einem Feinkostladen im Erdgeschoss. Im Treppenaufgang roch es aggressiv nach Bohnerwachs und Geld. Dieses Haus machte mich sofort wütend. Ich kann nicht genau sagen, woher ich diese neidische, nahezu pathologische Abnei­gung gegen zur Schau gestellten Wohlstand her habe; mei­ne eigenen Lebensumstände und Meinungen von links­lastigen Bekannten spielen da sicher eine Rolle. Auf je­den Fall ging ich trotzig und voller Zorn die lackierten dunklen Stufen hinauf und an den kunstvollen, schwe­ren Holztüren mit den vergoldeten Klingelknöpfen vor­bei. Ich las die Namen dieser sozial Bevorteilten und hoffte, sie würden dahinter tatsächlich mit den Problemen kämp­fen, die ihnen diverse Fernsehserien andichteten.

Ich erwähne das alles nur, um deutlich zu machen, in welcher Stimmung ich mich befand, als ich vor der Wohnungstür von Niedermayer stand. Ich hatte Ander­naj bislang nicht geglaubt, aber hier war allen Ernstes ein Schild befestigt, auf dem Jürgen Niedermayer, Kunst­maler, stand. Ich klingelte mit Nachdruck und es dauerte eine Weile, bis mir geöffnet wurde. Nix, und so werde ich ihn für den Rest meines Textes nennen – das wäre auch in seinem Sinn -, Nix hatte sich verändert. Ohne Zweifel, er war älter geworden. Die Jahre, die wir uns nicht gese­hen hatten, waren nicht spurlos an ihm vorüber gegan­gen; an keinem von uns. Aber das meine ich nicht. Ich meine auch nicht das hinlänglich bekannte Paradoxon seiner Erscheinung, das sich noch vertieft hatte, da er noch breiter und bulliger geworden war und sich einen ordentlichen Wohlstandsbauch zu­gelegt hatte.

Nein, sondern etwas Neues, Ungewöhnliches und Beunruhigen­des lag in seinen abgehackten und fahrigen Bewegun­gen und seinem fanatischen, chirurgischen Blick. Es war etwas Bedrohliches, etwas, das ich nur schwer in Worte fassen kann, vor dem man aber auf der Hut sein und es ernst nehmen musste. Ob­wohl ich zuerst wegen seines erstaunten Gesichtsaus­drucks, ausgerechnet mich vor sich zu sehen, fast lachen musste, erkannte ich doch sofort die sektiererische Into­leranz und die beängstigende Besessenheit dieses Man­nes. Nur einen Moment währte seine Überraschung, er hatte sich augenblicklich unter Kontrolle. Seine Miene wurde verschlossen und ablehnend. Aber er trat ruhig zur Seite, nickte grüßend und ließ mich in seine Wohnung.

»Das hätte ich gleich wissen müssen. Nur du der konntest der Journalist sein, der von mir ein Interview über meine Kunst will. In eu­rem schmierigen Werbeblättchen gibt es nur einen geeigneten Freelancer dafür und das ist nun einmal der ach so wortgewandte Georg Hauser«, sag­te er kühl und spürbar desinteressiert.

Das widerwillig hervorgebrachte Lob war gut hinter seiner Kritik verste­ckt. Ich hatte schon ein paar freundliche Rechtferti­gungen für meinen Betrug auf der Zunge, die die ganze, etwas peinliche Situation durch einen Scherz entspan­nen sollten. Aber ich schluckte sie beleidigt hinunter und erwiderte stattdessen ebenso unbeteiligt:

»Es war nicht leicht, an dich heranzukommen. Das habe ich nur meinem Freund Andernaj zu verdanken. Er trinkt viel zu viel.«

Nix nickte kurz und verzog sein Gesicht zu dem freudlosen Lächeln, das ich bereits an ihm kann­te. Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Andernaj ist, glaube ich, jedermanns Freund. Den Gang hinunter«, dirigierte er mich kurzangebunden. »Andernaj ist, glaube ich, jedermanns Freund. Den Gang hinunter«, dirigierte er mich kurz angebunden. »Wusstest du, dass er ganz dick mit Nikolaus Klammer ist?«

Jonas führte mich an ei­nigen verschlossenen Türen vorbei in sein Atelier. So viel ich von der Wohnung durch diesen flüchtigen Ein­druck erahnen konnte, war sie groß, aber nur spärlich und unpersönlich eingerichtet. Es hingen keine Gemälde an den weißgetünchten Wänden des Flurs oder des Wohnzimmers, in das ich einen kurzen Blick werfen konnte. Nicht einmal seine eigenen. Er war der erste Ma­ler, den ich kennenlernte, der seine Wohnung nicht zur privaten Ausstellung nutzte. Er stieg dadurch in meiner Ach­tung, weil ich diese mit den eigenen Bildern überfrach­teten Wohnungen als ziemlich aufdringlich empfand.

Das Atelier dagegen war nicht ganz so eindrucksvoll, wie es mir beschrieben worden war. Es war eine Art von schmaler, heller Galerie, ein Raum, der peinlich sauber gehalten war und sich dadurch stark von den üblicherweise far­benfroh verschmierten Ateliers, auch dem meinen im KunstWerk, unterschied. Andernaj hatte allerdings inso­fern recht, als das Ganze wie eine Inszenierung, wie die Studio-Dekoration für ein Bohême-Musical wirkte. Da waren ein Tisch mit den Malutensilien, eine leere Staffe­lei, zwei Regiestühle. In der Ecke lehnten nebeneinander drei Leinwände mit der Bildfläche zur Wand, daneben stand eine kleine Druckpresse. Das war alles. Der Blick über die Dächer der Stadt war allerdings schön. An Föhntagen konnte man sicher die Alpen sehen. Mir fiel das Bild vom Elfenbeinturm ein.

Nix holte die beiden Stühle heran, stellte sie mitten in den Raum und setzte sich abwartend auf den, der das Fenster im Rücken hatte. Er schlug die Beine übereinan­der und beobachtete mich weiterhin mit dem verbisse­nen Lächeln, das er vorhin aufgesetzt hatte. Ich ignorier­te den mir zugedachten Stuhl und holte aus meiner Ja­ckentasche mein Diktaphon, legte es auf den Tisch ne­ben seine Malmittel und die Palette. Grinsend richtete ich das Gerät parallel zu seinen pedantisch nach der Größe geordneten Pinseln aus. Wären an den Holzgrif­fen nicht verräterische Farbflecken gewesen, hätte man glauben können, er hätte sie gerade erst beim Malerbedarf gekauft. Die Borsten waren makellos sauber und glatt.

»Kann ich als Erstes ein paar von deinen Bildern sehen?«, fragte ich. Er stutzte, wies dann auffordernd zu den Leinwänden.

[Zum 6. Teil …]

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Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 9)

[zum 1. Teil …]

„Haltet euch fest, das wird etwas holprig“, sagte Fabia und wies Omicron an, heimlich die Notfallabschaltung des Schwebers zu überbrücken und das Kommando an sie zu übergeben. Sobald das Steuer auf ihre Handbewegungen reagierte und ihre Augreyes mehrere Flugrouten einblendeten, ging sie in einen gemächlichen Sinkflug, als würde der automatische Pilot der Aufforderung der Polizei gehorchen. Doch dann gab sie Gas. Fabias Mitfahrer sperrte noch panisch ihre Münder auf, als der Schweber mit erheblichem Tempo nach unten wegsackte, aber ihr gemeinsamer Angstschrei wurde von dem aufheulenden Motor übertönt.

Und ab ging der trudelnde Sturzflug in die Tiefe, kreuzte vertikal ein paar der zum Glück nur wenig befahrenen Luftstraßen und tauchte dann nur ungefähr zwanzig Meter über dem Boden zwischen zwei eng beieinander stehende Gebäude, wo Fabia durch tollkühne Flugmanöver versuchte, die Verfolger abzuhängen. Es gelang ihr nicht. Die künstlichen Piloten der Polizeischweber steuerten gedankenschnell und mit ebenso viel Todesverachtung wie das Mädchen, dem sie mit geringem Abstand auf dem halsbrecherischen Zickzack-Kurs durch das antike Stadtviertel Bezons ohne Probleme folgten. Blaue Lichter kreisten um die Meridiane der Polizeiflieger und Omicron bekam viel Arbeit, die Hackzugriffe der Omegas auf den Schweber zu unterbinden.

Weil der Motor aufs Äußerste gefordert wurde, war es in der Kabine wurde es trotz der Enge mit einem Mal eisig kalt. Fabias hektisch ausgestoßener Atem stand als Wolke vor ihr. Jetzt, knapp über dem Boden auf einer scheinbar willkürlich und zufällig gewählten Route dahin jagend, beschleunigte sie immer weiter. Der Steuerknüppel in ihrer Hand begann zu vibrieren und ließ sich kaum mehr von ihr beherrschen. Leon, der die Gefahr erkannte und wohl auch Fabias Vorhaben erahnte, legte seine Hand auf ihr und gemeinsam hielten sie den Schweber stabil und in ihrer Kontrolle. Von Omicron von seinen Sicherheitsschranken befreit, war er fast dreihundert Stundenkilometer schnell, ein mörderisches Tempo, das alle in ihre Sitze drückte.

Dann hatte Fabia über die von ihren Augreyes eingeblendete Stadtkarte einen geeigneten Ort für ihren Plan gefunden. Sie bog noch zweimal ab – einmal trennte ihr Fluggefährt in der Kurve nur Zentimeter von der Hauswand – dann raste sie auf einen niedrigen Torbogen zu, der einen Eingang zu einer ausgedehnten Gartenanlage, die dem alten Bois de Bologne nachempfunden war, markierte. Links und rechts von dem Tor befanden sich massive Steinmauern. Selbstverständlich war es nur die zeitgenössische Kopie eines Triumphbogens aus der napoleonischen Zeit. Man hatte schon vor Langem alle übrig gebliebenen Antiken durch widerstandsfähige Repliken ersetzt. Manche von ihnen, wie die Glaspyramide im Innenhof des Louvres – der übrigens auch ein Nachbau war -, existierten nur noch als Hologramm. Fabia hätte es niemals gewagt, ein echtes, über tausend Jahre altes Relikt aus der bewegten Vergangenheit der Megapole auf diese Weise der Gefahr seiner Zerstörung auszusetzen, doch sie lenkte den Schweber mit gutem Gewissen durch das aus nahezu unverwüstlichem Kunststoff nachgebildete Tor.

Es war ein heikles Kunststück, aber es gelang. Links und rechts blieben zwischen dem Schweber und den Säulen vielleicht eine Armlänge Platz. Glücklich durchgekommen, riss sie das Steuer scharf zu sich und bremste. Die Steuerung kreischte wie ein weidwundes Tier auf, gehorchte jedoch. Raphaël, nicht angeschnallt, weil die Kabine ja nur für zwei ausgelegt war, wurde von der Fliehkraft nach vorne geschleudert. Leon hielt ihn zwar am Kragen fest und er selbst riss seine Arme noch schützend nach vorne und milderte dadurch seinen Fall etwas ab, aber er schlug doch mit dem Gesicht gegen das Glas der Scheibe und holte sich eine blutige Nase. Wahrscheinlich hätte er sich den Hals gebrochen, wenn sich nicht die Notfall-Trägheitsdämpfung eingeschaltet hätte und den abrupten Bremsvorgang abpufferte.

Doch von diesem Schönheitsfehler abgesehen, war Fabias akrobatisches Flugmanöver ein voller Erfolg. Die Maschinenintelligenz in dem Polizeischweber, die wie eine Klette an ihr hing, war auf solch eine blitzartige Pirouette nicht vorbereitet. Während Fabia ihre gläserne Kugel in einer engen Aufwärtskurve elegant emporsteigen ließ, gelang es zwar dem sie verfolgenden Schweber noch, ihr unbeschadet durch das Tor zu folgen, aber die anschließende scharfe Kehre gelang ihm nicht mehr. Sein Radius war um einige Meter breiter und das Fluggerät geriet dadurch in die Äste eines der Alleebäume, die den Kiesweg in den Park säumten. Sich um sich selbst drehend stürzte er in die üppigen Büsche, von denen eine empörte Wolke winziger Drohnen aufstieg, die auf allen landwirtschaftlichen Flächen die Bestäubungsarbeit der fast ausgestorbenen Bienen unterstützten.

Dem zweiten Verfolger erging es noch schlechter. Sein Pilot wollte den Fehler des anderen vermeiden und dem Triumphbogen in letzter Sekunde ausweichen, streifte aber eine der dorischen Säulen und explodierte in einem Feuerball, der ein Loch in die Gartenmauer sprengte.

Bürgerin Winterfeld …“, vernahm Fabia noch die Stimme eines Roboter-Polizisten durch die Funkverbindung, dann war nur noch weißes Rauschen zu hören. Seelenruhig gab sie die Steuerung an Omicron zurück, der den Flieger wieder auf den rechten Kurs brachte, über die nahe Seine flog und in gemäßigtem Tempo endlich auf das weitläufige Universitätsgelände zuhielt. Gemeinsam mit Leon kümmerte sich Fabia währenddessen um den jammernden Raphaël, dem ein zwei kaum zu stoppende Rinnsale Blut aus der Nase liefen. Sein Freund griff unter den Sitz und holte den Erste-Hilfe-Koffer heraus, aus dem er dann eine Bandage nahm, die er dem jungen Dichter gegen die Nase presste.

„Entschuldigt bitte mein Flugmanöver, aber ich sah keine andere Möglichkeit, die Polizei loszuwerden“, sagte Fabia kleinlaut. Sie hatte inzwischen großen Respekt vor dem glatzköpfigen Bildhauer, der offenbar immer Herr der Lage war. Raphaël grunzte nur, aber Leon machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Das geht schon in Ordnung. Wenn sie uns erwischt hätten, dann wären wir wahrscheinlich auf der Stelle exekutiert worden. Die Notstandsgesetze der 2MC kennen kein Erbarmen und keine Entschuldigungen. Ich hatte gehofft, sie würden nie in Kraft treten. Noch vor einem Monat haben wir gegen sie demonstriert, weil sie unsere bürgerliche Gesellschaft in die brutalste und menschenverachtendste Diktatur seit Ibn-Saids Rechtgläubigem Rotem Reich verwandeln würden, wenn sie zur Anwendung kämen. Man kann doch keine KI Recht sprechen lassen! Aber von einem multikontinentalen, planetaren Konzern wie der Corporation kann man nichts anderes erwarten, wenn er sich an die Regierung putscht. Solche Wirtschaftsgiganten sind die natürlichen Feinde jeder Demokratie.“

Omicron landete den Schweber auf einem kleinen Platz neben der Universitätsbibliothek. Die beeindruckende glänzende Fassade der Bibliothek reichte fünfzehn Stockwerke in den Himmel und ebenso viele in den Erdboden hinab. Wegen ihrer verwinkelten, in der Regel sechseckigen Innenräume und den schier bodenlosen Lichthöfen wurde sie von den Studierenden und den Professoren in Anklang an den alten Schriftsteller Jorge Luis Borges Babel genannt. Dort residierten in der untersten Kelleretage die Citoyens um Professor Rosenthal und dorthin wollte Fabia.

Sie schnallte sich ab, nahm Omicron unter den Arm und schälte sich aus dem Schweber, dessen mitgenommene Außenhülle eisig dampfte. Sie sah sich um. Es war fast unheimlich, wie leer der Platz war. Für Menschen, die es gewohnt waren, ihr Leben auf engstem Raum mit Milliarden anderen Individuen zu teilen, war es beängstigend. Fabia war da nicht anders. Sie kannte Einsamkeit und Leere nur, wenn sie über ihre Augreyes auf den Server des Computerspiels Walden 3.2 ging, das einen weltumspannenden Wald simulierte und – weil es aus der Mode gekommen war – nur wenige Player hatte, die sich deshalb fast nie begegneten. Dort saß sie gerne ein paar Stunden vor ihrer virtuellen Holzfällerhütte im Sonnenschein, sah den Flugechsen zu, die in der Thermik unter dem grünen Himmel ihre Runden drehten und genoss diese scheinbare Einsamkeit. Doch in der echten Welt fürchtete sie die Leere und hatte Agoraphobie. Sie wäre am Liebsten direkt in die Bibliothek mit ihren engen, nach echten Büchern riechenden Räume voller Menschen gewechselt, als die wenigen hundert Meter quer über den verwaisten Platz zu laufen. Aber ihr blieb keine andere Wahl.

Sie machte ein paar unsichere Schritte in Richtung Eingangstore. Doch dann sank sie in die Knie und erbrach sich. Schnell war Leon bei ihr und beugte sich über sie, hielt ihr helfend die Stirn.

[Zum 10. Teil …]

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 4)

[Zum ersten Teil]

»Was? Ja, natürlich, von wem denn sonst? Wovon, glaubst du, rede ich hier? Er hat meine Gedichte gelesen und fand sie sehr gut. Die seien genau das, was er wol­le. Die würden sein eigenes Empfinden formulieren, und so … Weißt du, er bat mich in dem Brief höflich drum, ob er nicht ein paar Zeilen von ihnen in seinen Bil­dern benutzen kann … Der macht so Collagen und so. Ich war natürlich begeistert, aber bevor ich ihm mein Ja­wort gebe, hehe, denk ich mir, schau ich mir erst einmal an, was er so macht. Bevor ich meinen guten Namen opfere, du ver­stehst schon. Sogar ich habe einen Ruf zu verlieren. Ich habe ihn angerufen und wir haben uns in seinem Atelier ge­troffen. Na, ich hab nicht schlecht gestaunt, mein Lie­ber! Sein Atelier hat er in einer Dachwohnung in der Bäckergasse, erste Adresse, piekfein, in einer …, wie heißt das noch einmal? Genau, in einer Mansarde. Ich geh da unten zur Haustür rein, so wie immer, diesen hier. Das musst du dir geben, da kommen mir ein paar verkackte Omas entgegen, Pelz­mantel, Schmuck und die ganze Kacke. Schauen mich an, als würde mir was aus der Hose hängen und ich habe sogar nachgeschaut, ich Depp. Ich habe erst geglaubt, ich wäre im falschen Haus, dass der Kerl mich mit der Adresse verarscht hat. Aber oben, an der Tür zur Appartement­wohnung, klebt so ein Messingschild: Jürgen Nieder­mayer, Kunstmaler. Boah, denke ich. Ich stehe da wie eine Jungfrau vorm ersten Mal und trau mich kaum, zu klingeln. Aber dann öffnet mir dieser Jüngling, du kennst ihn ja: Keine sehr beeindruckende Gestalt, wenn man mal von seinem Dichterschädel absieht. Aber ein Haufen Knete steht hinter ihm, so eine Wohnung hast du noch nicht gesehen. Die ist perfekt eingerichtet, wie aus einem Ambiente-Heft herausgeschnitten. Ich hab mich ge­fühlt wie bei den Hempels unterm Sofa. Er hat mir natürlich nicht alles gezeigt, hatte wohl Angst, dass ich ihm seine Perser schmutzig mache, hehe. Wir sind auch gleich in sein großes Atelier gegangen. Unglaublich, sage ich dir, unglaublich, es sah wie in einem Film aus: Kennst du Ein Amerikaner in Paris? Diese endlos hohen, blütenweißen Ateliers, in denen noch nie einer gepennt oder gemalt hat? In denen man nicht ficken, sondern höchstens tanzen kann? Weißt du, solche großen, schrägen Dachfenster mit Blick aufs Münster, ein heller, weißgetünchter, bis aufs Malerwerkzeug und einn paar Leinwände leerer Raum, so ein Scheiß Parkettboden drin, rutschig vom Wachs. In der Mitte steht protzig die Staffelei mit dem Bild, an dem er malt. Großes Format, natürlich; drunter macht es der nicht. Er hat mir ein paar von seinen Arbeiten gezeigt. Du weißt, ich kann nicht viel damit anfangen, die ganze Klexerei ist nicht meine Welt, aber das, was der macht … das ist schon beeindruckend, irgendwie morbide und kaputt, aber be­eindruckend. Na ja, und dann erzählt er mir, er würde bald im Rathaus ausstellen. Es sei die erste große Aus­stellung in seiner Heimatstadt mit seinen Bildern. Bisher habe er sich nicht ge­traut, war sich unsicher wegen der Qualität oder so, aber jetzt macht er es doch. Fishing for compliments, kennst du ja. Ich frage ihn natürlich, wie er denn zu so einem Aus­stellungsraum käme, die findet man ja schließlich nicht im Müll. Hehe, war ihm gar nicht recht, die Frage, habe ich ihm angemerkt. Er druckst ein bisschen herum, dann kommt es: Er ist der Neffe von dem alten Arschloch Pauli, weißt schon, unserem Kulturbonzen. Und der Wichser ist so überzeugt von dem, was Jürgen macht, dass er ihn kräftig unterstützt. Na, jetzt war klar, wie der zu so einer Wohnung gekommen ist: Der ist mit einem goldenen Pinsel im Mund geboren worden, hehe.«

Andernaj lachte und leerte nach seiner langen Anspra­che erst einmal gierig sein Glas. Er konstatierte erfreut, dass ich ihm aufmerksam zugehört hatte. Er ist doch so etwas wie ein Schriftsteller, ging mir durch den Kopf, denn er war trotz seiner deftigen Ausdrucksweise und seinem grauenvollen Dialekt ein guter, bildhafter Erzähler. Ich habe seine Geschichte hier übrigens wörtlich niedergeschrieben, wie sie mir in der Erinnerung geblieben ist – ich habe nur die meisten der Kraftausdrücke weggelassen, die zwangsläufig jeden Satz begleiteten, der aus seinem Mund kam.

»Aber warum ist er dann mein Feind?«, fragte ich inter­essiert. »Ich habe doch nichts mit ihm zu tun.«

»Spendierst mir noch ’n Bier, dann …«

»Ja, ich weiß«, winkte ich ab und zapfte ihm seine zwei­te Halbe. Einen Moment betrachtete er mich nickend, dann fuhr er fort:

»Er sagte, das Schlimmste für ihn sei die Ablehnung, der er überall begegne, das Missverstehen und vor al­lem der Neid seiner Kollegen. Die könnten ihm nicht einfach die Wahrheit sagen. Die würden sich lieber die Zunge abbeißen, als zuzugeben, dass da jemand besser ist als sie. Er hat ziemlich klug gelabert. Ich habe nicht al­les verstanden. Aber ich hab ihm natürlich nicht gesagt, dass ich das nicht konnte, hehe. Und als Beweis für die unfai­re Ablehnung nennt er deinen Namen. Du kennst mich …« Er schlug sich nachdrücklich auf die Brust. »… ich halte zu dir, bist ein guter Kumpel. Ich weiß, dass er da ein Vorurteil hat. Du bist eine der ehrlichsten Typen in der Szene. Deine Kritiken sind zwar gefürchtet, aber nur selten unfair. Ich kann mich eigentlich nur an einen einzigen Fall erinnern; nämlich bei meiner Lesung mit Horst Favelka im Eiskeller. Es war wirklich nicht nett, was du da geschrieben hast. Gut, seine Texte waren be­schissen, aber ich war doch mindestens so gut wie sonst. Weißt du, der Horst und ich, das ist eine ganz seltsame Beziehung. Er hat Geld und Ideen und ich das Genie.«

»Alfons, bitte, komm auf den Teppich. Diese Lesung war vor über einem Jahr. Damals trug ich noch meinen Gips«, unterbrach ich ihn und verfluchte mal wieder im Stillen Emi­lio Parma. Das tat ich immer, wenn ich an den kompli­zierten Bruch meines Beines im letzten Jahr dachte, an dem der Möchtegern-Journalist und Kabarettist nicht ganz unschuldig war.

»Ich will was über Nix hören. Wenn du redest, erstaunt es mich immer, dass du nur diese kurzen Verse und keine ausufernden Romane schreibst. Du kriegst von mir noch mal die Proustpla­kette.« Falls ich tatsächlich gehofft hatte, er würde nach diesem Einwurf zu unserem ursprünglichen Gesprächs­thema zurückkehren, hatte ich mich geirrt.

»Ich hab auch einmal einen Roman angefangen: Mea culpa. Toller Name. Dann hab ich gemerkt: Romane sind tot. Verstehst du? Die Kürze ist die Kunst, Mensch! Das ist die radikalste Komprimierung, wie ein Musikvideo, darauf kommt es doch heute an. Nicht wahr?«, fuhr er fort.

Warum konnte ich nicht meinen Mund halten? Ich hatte ihn unbeabsichtigt mit der Nase auf sein Lieblingsthema gestoßen. Er begann mir detailreich auseinanderzusetzen, man könne heutzutage keine Romane mehr schreiben, ohne ein Lügner zu sein. Niemand habe mehr die Zeit, so etwas zu lesen. Wer kenne schon Krieg und Frieden, Doktor Schiwago, Moby Dick oder Die Brüder Karamasoff? Solche Literatur sei nur noch über zudem missglückte Verfilmungen bekannt. Romanverfilmungen seien wie Seilbahnen. Niemand mache sich mehr die Mühe, zu Fuß auf den Berg zu steigen. In unsere hektische, kurz­atmige und reizüberflutete Welt passe eben nur die Art von Verbrauchslyrik, die er zu Papier bringe.

»Mein alter Kumpel Nikki Klammer ist auch der Meinung. Lesen, einen runterholen und dann ins Klo damit. Runterspülen«, brachte er seine Meinung auf den für ihn typischen, griffigen Nenner.

[Zum 5. Teil …]

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