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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 25)

[Zum ersten Teil]

»Nein, schau jetzt!«, zischte er. »Sieh hin.« Seine Stim­me klang unangenehm und gierig. Obwohl ich mich vor mir selbst ekelte, warf ich noch einmal ei­nen Blick hin­über zu dem nahezu blinden Mann, der nun in seine Umhängetasche gefasst hatte und zu meinem Erstaunen eine ganze Handvoll kleiner Münzen zu Tage förderte, die er ebenso genau einer Prüfung unterwarf wie vorher den Rechnungsbeleg. Ich schüttelte den Kopf.

»Armer Kerl«, sagte ich. Jonas schüttelte den Kopf.

»Findest du? Du hast Mitleid mit ihm? Hat dir seine Show gefallen? Dann lass dir sa­gen: Er war eine Zeitlang im Gefängnis, weil er ein Kind sexuell misshandelt hat. Jetzt bettelt er und han­delt mit den Drogen, die er selbst konsu­miert. Er trägt sie in sei­ner Tasche mit sich spazie­ren.« Wieder sah ich hinüber und ich konnte nicht anders: Ich betrachtete den Mann mit anderen Augen. So schnell war mein Mitleid in Ekel umgeschlagen. Der Halbblinde gab nur zö­gernd seine Geldstücke preis, hatte anscheinend Angst, er könne zuviel herausgeben.
»Ist das wahr?«, flüsterte ich skeptisch. »Oder hast du dir das gerade ausgedacht?« Jonas lächelte über­heblich.

»Spielt das eine Rolle? Du musst lernen, die Menschen intensiver zu be­trachten. Das, was du siehst, ist nur eine Hülle, eine Maske. Aber sie ist nie perfekt, immer ist etwas zu finden. Siehst du, wie er absichtlich zögert, wenn er sein Geld in die Hand der Bedienung legt? Er ge­nießt dabei die Be­rührung seiner ekelhaften Finger mit der weichen Haut ihres Handballens. Auf sei­nem bauernschlauen Gesicht stehen deutlich seine Gier und der Stolz, dass sie seinen Trick nicht durchschaut, geschrieben.«

»Erzählst du mir wirklich die Wahrheit?«, fragte ich er­neut. »Woher weißt du das alles?«

Jonas antwortete nicht, er lehnte sich nur wieder zufrie­den in seinem Stuhl zurück. Mir kamen Zweifel an seiner Auf­richtigkeit, denn er schien Freude daran zu haben, Ge­schichten zu erfinden. Ich fand es an der Zeit, das The­ma zu wechseln. »Du hast am Telefon gesagt, du würdest mich um et­was bit­ten wollen«, sagte ich, mich rechtzeitig daran erinnernd, dass wir uns nicht nur zu einem gemütlichen Glas Wein und einem Gespräch über Kunst getroffen hatten.

Ich zwang mich, ihn zu fixieren, konnte aber nicht ver­hindern, dass ich aus den Au­genwinkeln sah, wie der Halbblinde vorsichtig auf­stand und sich rem­pelnd und entschuldigend einen Weg hinaus suchte.  In der Nähe der Theke stolperte er und fiel unbeholfen um sich grei­fend gegen die Schülerinnen, die Jonas vorhin von unserem Tisch vertrieben hatte. War es wirklich nur ein Zu­fall? Mein Argwohn und meine Vorurteile waren ge­weckt. Ich hasste Nix und auch mich selbst dafür. Der Maler nahm einen völlig unbeteiligt einen Schluck von seinem Wein und sah nachdenklich an die Decke. Jetzt schien sein Hauptanliegen zu kommen; er zögerte sicht­lich.

»Ich will dich bitten, statt dir mich lesen zu lassen«, sag­te er dann ruhig und hob sofort beschwichtigend die Hände, um eventuelle Einwände im Keim zu er­sticken. Ich sah jedoch keinen Grund, ihn zu unter­brechen. Er hatte mich im Übrigen auch durch die plötzliche Wende in dem Gespräch sprachlos ge­macht. »Ich bin unver­schämt, ich weiß, aber ich hof­fe auf dein Verständnis, besser gesagt, eigentlich bin ich mir dessen sogar sicher. Denn wir kennen uns: Du weißt, dass ich mich seit Län­gerem mit einer Kunstaktion beschäftige, die die Öffentl­ichkeit auf­rütteln soll. Sie soll wirklich berühren und etwas bewegen. Das kann eben nicht in abgehobenen Intellektuellen- und Studentenkrei­sen stattfinden, wie die Aktionen zum Beispiel eines Nitsch, den ich allerdings durchaus als einen See­lenverwandten verstehe, wenn es darum geht, die Wahrheit zu sagen. Glaube mir, ich habe mich in der letzten Zeit weiterentwickelt. Du hast mir immer wieder mangelnde Konsequenz vorgeworfen, bist also nicht ganz schuld­los. Jetzt hast du die Möglich­keit, mir diese Konsequenz zu ermöglichen.«

»Was hast du vor?«, fragte ich endlich dazwischen, mir die trockenen Lippen befeuchtend. »Willst du dir die Stirn aufschneiden?« Nix schien den beleidigten Ton in meiner Stimme und meine nur schlecht un­terdrückte Wut nicht zu bemerken, denn er lachte nur.

»Aber nein,« erwiderte er amüsiert, »denkst du denn, ich plagiiere, reihe mich in die lange Reihe dieser Papa­geien ein, die wieder und wieder wiederholen, was Erfolg hatte? Ich habe zur Genüge eigene Ideen, sie drängen beständig in mir hoch, es gibt Tage und vor al­lem Nächte, an denen ich glau­be, ich würde gleich an ihnen ersticken. Weißt du vielleicht, wie das ist, wenn man um den Wert seiner Kunst weiß, sicher ist, Bedeu­tendes, Bleibendes schaffen zu können, in den Men­schen wirklich etwas bewegen kann? Und dann hängt man in dieser engen Provinz fest, in einer Provinz der selbstzufriedenen und satten Spießbürger, die alles Echte, Neue mit ihrer Gleichgültig­keit und ihrer Arroganz überdecken! Ich brauche die Chance, wirklich viele zu erreichen.« Er hat­te sich langsam in Begeisterung geredet.

»Und deshalb willst du mir meine Lesung wegneh­men?«, versuchte ich ihn zu bremsen, doch er überhörte meinen kleinen Einwurf großzügig.

»Egal. Ich werde die Menschen am Kragen packen und ihnen mit der Wahrheit solange ins Gesicht schlagen, bis sie sie fressen oder an ihr krepieren«, fuhr er lauter werdend fort. Die Leute an den ande­ren Tischen began­nen, sich nach uns umzusehen.

»Ich frage dich noch einmal: Was hast du denn über­haupt vor?« Ich erhob ebenfalls meine Stimme. Diesmal schaffte ich es, ihn ihn seinem Gedanken­gang zu unter­brechen. Er verstand mich allerdings falsch. Vielleicht wollte er mir aber auch nichts Kon­kretes von seinem Projekt verraten.

»Weißt du, warum so viele Menschen im Elend ver­hungern? In jedem Augenblick einer. Und nieman­den küm­mert es? Warum es den Hilfsorganisationen auch mit den aufdringlichsten Appellen nicht ge­lingt, mehr Geld aus den fetten Brieftaschen der Leute zu locken, als es über die allernötigste Gewis­sensberuhigung hin­ausgeht? Ich will es dir sagen: Weil Armut und Elend im­mer schmutzig sind. Offe­ne Schwären und Fliegen in den Augen verhungern­der und an entsetzlichen Krank­heiten krepierender Kinder ekeln jeden an. Das ist der Tod, das sind Ver­wesung, Gestank und Exkremente, Le­pra und die Pest, Eiter und Blut, damit will niemand et­was zu tun haben. Das will jeder vergessen, von sich schie­ben. Gut, dass Afrika und Asien so weit weg sind. Bald werden wir Mauern bauen, damit die Menschen von dort nicht zu uns kommen. Und die Alten und Kranken hier? Wir schließen sie in Heime und Verwahranstalten, sie stören das Stra­ßenbild. Der Ausnahmezustand Gesundheit ist nach Gottes Tod der einzige Götze, dem wir folgen. Deshalb ist uns der Bettler auf der Stra­ße so peinlich. Seine Armut kotzt uns an. Wir wollen ihr nicht begegnen. Und das ist mei­ne Aufgabe als Künst­ler: Ich muss die Menschen mit dem Verdrängten kon­frontieren. Ich muss ihnen zei­gen, wie dünn die Hülle ist, die jeden von uns von Armut, Krankheit und Tod trennt. Wie leicht platzt dieser schöne Schein. Deshalb brauche ich jede Öf­fentlichkeit und deshalb will ich dei­ne. Du wirst es verstehen.« Obwohl ich mich noch immer mit der Frage be­schäftigte, warum er mich in seinem Artikel und bei seiner Geschichte über den Halbblinden angelogen hatte und ich mir deshalb auch nicht sicher sein konnte, ob er mir jetzt einen Blick in seine wahren Intensio­nen gewährte, wirk­te er doch sehr überzeugend in seiner Erregung und ich konnte seinen Gedanken­gang auch nachvollziehen.

»Wer mit Ungeheuern kämpft, der sehe zu, dass er nicht sel­ber zum Ungeheuer wird. Und wenn du lan­ge genug in einen Abgrund blickst, blickt der Ab­grund auch in dich«, warf ich ohne weiteres Nach­denken ein. Nix sah mir forschend in die Augen.

»Wer hat das gesagt?«, fragte er betroffen.

»Nietzsche. Ich habe gerade was von ihm gelesen.« Für eine ganze Weile betrachteten wir uns nur. Of­fenbar hatte ich ihn wirklich überrascht.

»Was willst du mir damit sagen? Bin ich denn für dich ein Ungeheuer?«, hakte er nach. Er zog sich da­bei seine Maske mit dem freudlosen Lächeln über. Ich zuckte mit den Schultern und bereute bereits mein spontanes Zitat. Aber es gelang mir nicht, mei­ne Meinung mit anderen Worten deutlich zu ma­chen. Wie konnte ich mich ihm überhaupt verständ­lich machen? Da saß er mir gegen­über, wartete über­legen auf meine ihm selbstverständli­che Zustim­mung, da ja alles, was ich tat, gegen die Weltbedeu­tung seiner Berufung von keinerlei Inter­esse war. Ich gehörte nur zur Masse – untalentiert und überflüssig, wie ich seiner Meinung nach war. Ich durfte einem so wichtigen Mann wie ihm nicht im Wege stehen. Da hatte ich erneut das Gefühl, als tauche in sei­nen Zügen der kranke, größen­wahnsinnige Mes­sias auf, der für seine Hirngespins­te über Leichen geht; der Hitler.

Dieser Gedanke machte mich so wütend, dass ich mir überlegte, ob ich ihm mein Bier in das selbstzu­friedene Gesicht schütten sollte. Da ich mich jedoch nicht auf Fa­velkas Niveau erniedrigen wollte, griff ich nur ruhig nach meinem Geldbeutel, warf meine Zeche auf den Tisch und stand auf. »Für wie wichtig hältst du dich eigentlich? Du hast doch schon längst alle Öffentlichkeit, die du willst. Du hast Erfolg, bist auf dem Wege, eine Berühmt­heit zu werden. Die Ruhmeshalle steht dir offen. Mein Gott, Jo­nas! Syd­ney interessiert sich für dich, wenn das kein Pu­blikum ist! Und was ist mit mir? Warum willst du aus­gerechnet mir diese kleine An­erkennung nehmen, die ich mir ver­dient habe?« fragte ich ihn verwzeifelt, auch wenn ich wusste, er würde mich nie verstehen. Er war in der Tat über­rascht. Meine Ablehnung muss­te ein Welt­bild in ihm zerstören.

»Heißt das etwa, du sagst Nein? Habe ich dich richtig verstanden?«, fragte er, denn noch wollte er lieber darauf beharren, dass er sich ver­hört hatte. Er hätte nicht fassungsloser sein können, wenn ich ihm ins Gesicht geschlagen hätte. Ich wandte mich mit bemühter Ruhe zum Gehen:

»Ich kann es noch deutlicher sagen. Das heißt: Leck mich am Arsch!« Jetzt genoss ich meinen Abgang. Den­noch hatte Nix das letzte Wort.

»Das wird dir noch leid tun«, rief er drohend hinter mir her. Ich zuckte erneut mit den Schultern und war froh, dass unsere Auseinandersetzung zum Schluss nicht auch noch handgreif­lich ge­worden war. Draußen vor der Tür stand der halbblinde Mann und hielt jedem Vorbeigehenden einen Zettel hin, auf dem, mit einer zittrigen, unleserlichen Handschrift geschrieben, zu lesen war, ob man ihm nicht zwei Mark leihen könne. Und weil er nichts sah, verdeckte er mit dem Daumen beinahe den ganzen Satz.

[Fortsetzung nach meinem Pfingsturlaub …]

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Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 24)

[Zum ersten Teil]

»Werde nicht übermütig. Vergiss nicht, dass auch Mar­kus Wimperle liest. Dieser Papagei kann schon jetzt da­mit beginnen, das Preisgeld auszugeben – so sicher ist es, dass er gewinnen wird.«

»Selbst wenn Nikolaus Klammer in der Jury sitzt?«

»Klammer? Ich würde nicht allzu viel von ihm er­warten. Wenn es darauf ankommt, zeigt er sich als Oppor­tunist. Er kann sich auch nichts anderes leis­ten, nach­dem er vor fünf Jahren …« Er stockte. »Du kennst die Geschichte?« Ich schüttelte den Kopf. »Egal. Außerdem hat auch Klammer nur eine Stim­me. Neben ihm sind noch sieben weitere in der Jury. Darun­ter auch Gabriele Hedracher.« Ich pfiff durch die Lip­pen.

»Die ostdeutsche Schriftstellerin?«

»Gibt es denn noch eine andere? In ihrer Eigen­schaft als sporadische Unidozentin und Ehrenvorsit­zende des Augsburger Lehrstuhls für Germanistik bringt sie wirklich Glanz in die Veranstaltung, die auf diese Weise einen überregio­nalen Charakter bekommen hat und in diesem Jahr groß aufgezogen wird. Dass die Hedracher den Vorsitz eines Provinzliteratur­preises übernommen hat, dafür werden sich viele Zeitungen interessieren. Was meinst du, war­um die Follia-Werke ausgerechnet jetzt ihr großes Herz für die Literatur entdeckt haben?«, erklärte Nix und lehnte sich gemütlich zurück.

Das waren Neuigkeiten, die erst einmal verdaut sein wollten. Gabriele Hedracher ist zwar neben Autoren wie Blat­ter, Rosendörfer oder Kirchhoff nur ein Name aus der zwei­ten Liga der Literaten, aber sie war eine jener Personen, die fleißig Bü­cher und Artikel veröffentlichen, wirk­lich von breiteren Schichten gelesen werden und von ihrer Kunst gerade so nicht leben können – weshalb sie nebenzu einem Brotberuf nachgehen. Die Bü­cher der Hedracher sind sicher keine zeitlosen Meis­terwerke, aber sie sind hand­werklich sauber, unterhaltsam und modern und finden in erster Linie in den Neuen Bundesländern viele Leser. Ihren Namen führen viele an, wenn sie von zeitgenössischer deutscher Literatur reden. Deshalb hatte Nix recht: Die diesjährigen Le­sungen waren in der Tat etwas Besonde­res. Die Hoffnung kehrte zu mir zurück. Vielleicht hatte ich mit meinem doch recht konventionell erzählten Erst­lingswerk den Ton getroffen, der der Thüringerin gefiel.

»Da darf ich lesen!«, staunte ich. Nix beugte sich wie­der zu mir.

»Deshalb wollte ich mit dir reden. Ich habe eine große Bitte an dich und ich hoffe wirklich, du wirst für sie Verständ­nis haben und zustimmen. Seien wir ehrlich: Dein kleiner Text ist nun wirklich nichts Besonderes und keine Konkurrenz für die ande­ren, die richtigen Autoren. Ich glaube, Klammer hat dich aus­gewählt, weil er es immer genießt, jemanden in der Öffentlichkeit zu bla­mieren. Mich wundert nur, dass er sich mit dir gemein­sam nach vorn wagt, schließ­lich hat er dich ja vorge­schlagen«, sagte Nix leicht­hin; vielleicht ohne vollkommen zu ahnen, was er mit diesen Worten in mir auslöste. Ich hatte tausend Antworten und beleidigte Einwürfe auf der Zun­ge, aber ich war für den Moment nicht fähig, sie zu arti­kulieren. Deshalb blieb ich stumm und lauschte auf Nix Aus­führungen, gespannt, was er wirklich von mir woll­te. Er nahm mein Schweigen fälschlicherweise als Zu­stimmung; das merkte ich ihm an. Dass jemand nicht seiner Meinung sein konnte, lag auch außerhalb seines Vorstel­lungsvermögens. Das passte nicht in sein Weltbild. Sein überlegenes Lächeln verließ für keinen Augenblick seine Mundwinkel, während er seine Idee erläuterte, während er umständlich begann, mir seine Idee zu erläutern.

»Vielleicht überrascht es dich, aber ich kenne deine Er­zählung. Mein Großvater hat mir seine Kopien der ein­gereichten Werke gegeben. Er wollte meine Meinung. Ich war sehr neugierig auf deine Geschich­te und bin wirklich enttäuscht, weil ich mehr von dir als diese plat­te Pubertätsmoritat erwartet hatte. Ich gebe dir den gu­ten Rat, bei deinen Gemälden zu bleiben. Manche von ihnen haben etwas … Echtes, Persönliches; ein Ge­fühl und einen Geschmack, die sie ein wenig aus der Masse der anderen Bilder heben.« Er dachte kurz nach, während ich dieses vergiftete Kompliment verdaute. »Um ein guter Literat zu werden, müsstest du es lernen, die Menschen näher zu betrach­ten. Und nicht nur dich selbst.«

»Du denkst also, ich hätte eine schlechte Beobach­tungsgabe?«, erwiderte ich eingeschnappt, gleichzeitig auch er­leichtert. Er hatte offenbar nicht bemerkt, dass ich über ihn geschrieben hatte.

»In der Tat. Und ist es nicht mithin die wichtigste und zugleich dankbarste Übung für jeden Künstler, Men­schen zu beobachten?« Obwohl Jonas seine Feststellung als Frage formulierte, schien er keine Erwiderung von mir zu erwarten. Ohne es zu wollen oder noch verhindern konnte, entwischte mir ein breites und überhebliches Lachen. Endlich, dachte ich, weiß ich ein­mal etwas besser als du.

»Die Menschen sind doch in unseren Tagen unin­teressant geworden. Es gibt einfach zu viele. Und je­der sagt und tut immer wieder das selbe wie alle an­deren. Kennst du einen, kennst du alle.« Nix nickte, als habe er diesen Einwand von mir erwartet.

»Ganz, wie du es sagst. Du sollst recht haben«, ent­gegnete er und für einen Moment klang er, als wür­de er mit einem Kind reden, »aber du und ich, wir sind ein Teil dieser Masse. Wir können ihr nicht ent­kommen. Wir können sie nur führen. Manchmal be­schleicht mich der Verdacht, das einzige originäre Empfinden, das sich in den letzten, sagen wir, zwan­zig Jahren entwickelt hat, ist der Vojeurismus – der neugierige Blick auf den ande­ren. Selbst beobach­ten, ohne beobachtet zu werden, das ist doch spätes­tens seit der Einführung des Privatfernseh­ens und dieser merkwürdigen neuen Erfindung des Internets, frühestens seit der gesellschaftlic­hen Tolerierung der Pornografie eine eingeübte, akzep­tierte Verhaltensweise von uns allen. Es gibt nichts In­teressanteres zu sehen, als die von der Norm ab­weichenden Handlungen und Emotionen eines ande­ren. Sonst haben wir doch bereits alles gesehen. Das Kamer­aauge war an jedem Punkt im Makro- oder Mikrokosm­os. Wenn ich will, kann ich Innenaufnah­men von mei­nem eigenen Dünndarm machen lassen und mir als gerahmt­es Bild über mein Bett hängen.« Er machte eine Pause, schürzte die Lippen. Ich hielt seine Ausführun­gen für etwas zusammenhanglos und wahrscheinlich empfand er ähnlich. »Wir haben die Dinge unserer Umgebung und der Na­tur durch die fotomechanische Abbildung getötet, die Originale durch Kopien ersetzt«, fuhr er präzisie­rend fort. »Nur durch die Begegnung mit Menschen, durch ihre Nutzung, treten sie für einen Moment ins Leben, sonst sind sie tot – tot und sterbenslangwei­lig.« Jonas stockte und nickte mir verschwörerisch zu. »Nach so viel Theo­rie gebe ich dir einen Beweis. Schau doch mal zum Ne­bentisch.«

Ich sah schnell zur Seite. Dort saß ein Mann in einem für mich un­definierbarem Alter vor eine Tasse Kaffee. Er war erschre­ckend dünn und seine Wangen eingefallen. Sonst wirkte er auf den ersten Blick nicht weiter auffällig, einzig die grotesk di­cken Brillengläser, die, etwas herabgezo­gen, schwer auf den Nasenflügeln lasteten, waren bemerkenswert. Er blickte stumpf auf die niederge­rauchte Zigarette in sei­ner Rechten und schien völ­lig in Gedanken versun­ken. »Der Mann ist gefahrlos zu beobachten«, erläuterte Jo­nas leise. »Er besitzt das Gesichtsfeld eines Maul­wurfs. Aber er hat gute Ohren.«

Ich sah genauer hin. Auf den zweiten und dritten Blick war zu bemerken, dass die Sehbehinderung des Mannes nicht seine einzige Abnor­mität war. Er hatte einen nervösen Tick und hob immer wieder flatternd einen Nasenflügel. Und er hatte den Tragegurt einer großen Umhänge­tasche um den Hals, sie selbst ruhte auf seinen Oberschenkeln. Die Tasche fiel mir erst jetzt auf, weil er, die Füße angezogen, mit krummem Rücken halb über ihr kauerte. Was sie auch immer ent­hielt, es schien ihm so wichtig zu sein, dass er es mit sei­nem Körper schützte. Er war nicht allzu sauber und für das mo­mentan sommerlich warme Wetter viel zu warm gekleidet. Die Bedienung trat neben ihn und drückte ihm ei­nen kleinen Zettel mit seiner Rechnung in die Hand. Der Mann zuckte erschrocken zusammen, aus seiner Ver­sunkenheit gerissen, befühlte er einen Augenblick zwei­felnd das Papier, dann hob er es zu seinen Au­gen. Um die Zahlen entziffern zu können, musste er mit einer Hand die Brille in die Höhe schieben, mit der anderen den Zettel direkt gegen seine Augen drücken, sich dabei gegen das Licht wendend.

Ich bemerkte, dass ich diesen extrem kurzsichtigen Mann wie eine ausgestellte Monstrosität begaffte und schämte mich plötzlich. Ich sah zur Seite. Doch Jonas packte mich am Arm.

[Zum Teil 25 …]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 23)

[Zum ersten Teil]

»Ich bin gebührend neidisch und beeindruckt«, er­widerte ich, seinen indignierten Tonfall nachah­mend. »Auch wenn ich nicht so ganz verstehe, war­um du nicht gerade begeistert klingst. Hast du dir etwa nicht wie wir alle Ruhm und Reichtum ge­wünscht?« Nix zog verächtlich einen Mundwinkel in die Höhe und sog pfeifend Luft durch die Nase ein.

»Ich habe noch nicht darüber nachgedacht, was ich mir eigentlich wünsche. Wir leben in einem Land, in dem es mir körperlich gar nicht schlecht gehen kann. Wo ich so­gar mit einer tödlichen Krankheit ganz gut leben kann. Das hat aber doch wohl mit dem Kunstmachen nichts zu tun, oder? Es schließt einander beinahe aus. Das ist ein innerer Zwang, eine entnervende Qual in mir und kein beliebiger Broterwerb. Das ist ein schrecklicher Ge­danke. Im Gegenteil, wenn ich es mir ernsthaft überlege: Die Vorstellung, von meiner Kunst wirklich leben zu müssen, macht mich krank«, stellte er fest und sah mich dabei tatsächlich erstaunt an, als wäre dieser Gedanke für ihn selbst eine Neuigkeit. Ich fragte mich, wovon er dann lebte, wenn nicht von seinen Bildern. Hielten ihn seine reichen Verwandten aus? »Das wollte mein Vater immer«, ergänzte er. »Künstler zu sein, sagte er oft, sei die sicherste Art zu verhungern, nicht die schnellste, aber die sichers­te. Für ihn war nur ein reicher Künstler ein guter Künstler.« Er lachte bitter. »Kaufleute! Alles muss sich rechnen.«

»Du hast in deinem Artikel, den du mir vor einiger Zeit zum Lesen gegeben hast, kaum von deinen El­tern ge­sprochen; das habe ich vermisst. Dabei beein­flussen sie doch im Positiven wie im Negativen wie kaum je­mand anderes in den frü­hen Jahren deine Entwicklung. Ob nun mit ihren Genen oder ihrer Er­ziehung, das sei dahinge­stellt. Das sollen die Entwicklungspsychologen unter sich ausmachen. Was für ein Mensch ist denn zum Beispiel dein Vater?«, fragte ich und klang, ich weiß, schrecklich nach Reporter. Ich muss auch zugeben, mich bewog dazu ein profes­sionelles, – ein halb journalistisches und halb literarisches – Interes­se dazu bewog: Vielleicht schenkte er mir noch einmal den Stoff für eine Geschichte. Doch diesen Gefal­len tat er mir nicht.

»Mein Vater ist seit drei Jahren tot«, antwortete Nix fest und trank von seinem Wein. Eine Pause entstand. »Das ist das Beste, was ich von ihm sagen will und auch das Einzige. Im Übrigen glaube ich nicht an die Delega­tionsthese von Stierlin«, fuhr er fort, da mir anzumerken war, dass ich doch noch ein wenig mehr hören wollte.

»Und deine Mutter?«, hakte ich nach. Ein weiteres Mal verstand ich nicht, was er mir eigentlich sagen wollte.

»Gott! Mutter!«, entrüstete er sich. »Wollen wir aus­gerechnet über meine Mutter reden? Als ob es nichts Inter­essanteres gäbe. Sind wir heute deswegen hier? Hätte ich der Öffentlichkeit etwas über meine El­tern sagen wollen, dann hätte ich das in meinem Aufsatz getan, der im Übrigen noch nicht einmal veröffentlicht ist, weil der Chefredakteur bei Metro­polis schon nach der ersten Aus­gabe gewechselt hat. Glaube mir, Georg, ich habe nicht vor, den Leuten die langweilige Wahrheit zu erzählen. Die wollen sie nicht von mir haben. Sie sehen meine Kunst und wollen dazu passende, spannende Geschich­ten hö­ren. Wichtig ist das Bild, das sie von mir gewin­nen, die Mystifikation ist ein unverzichtbarer Teil des Kunstwerks.« Er stockte, kaute nachdenklich an einem Fingernagel. Dabei sah er abgelenkt im Raum herum. Ich blieb stumm, denn ich musste das Gehörte ver­dauen. »Ich glaube auch: Jeder weiß, dass das zum Spiel ge­hört«, sagte er nach einer Weile, aufmerksam ein Plakat an der Wand begutach­tend und dabei meinen neugierigen Blick ausweichend. Dann schüttelte er den Kopf. »Meine Mutter; ausgerech­net.«

»Dann … dann hast du in deinem Aufsatz gelogen? Dei­ne Kindheit war überhaupt nicht so, wie du sie be­schrieben hast? Das war nur ein … ein Märchen?«, fragte ich erstaunt und zweifelnd. Nix wandte mir seine Auf­merksamkeit wieder zu und betrachtete mich interes­siert.
»Du klingst entsetzt. Hast du tatsächlich geglaubt, mei­ne Jugend wäre so grauenvoll verlaufen? Du bist naiver, als ich dachte.« Er lachte erneut, diesmal spöttisch. »Weißt du denn nicht, dass jede autobio­grafische Auf­zeichnung gelogen ist und das nicht einmal bewusst? Unser Gehirn betrügt uns ständig, es ist gezwungen, zu interpretieren und fügt deshalb andauernd die Bilder unser Vergangen­heit auf Kosten der Wahrheit zu einem einigerma­ßen sinnvoll erscheinenden Puzzle zusam­men. Des­halb stimmen Erinnerungen nur selten mit dem wirklich Erlebten überein. Das nennt man Kryptomn­esie.« Nix erzählte mir noch einiges zu diesem Thema, er schien gerade einen Zeitungsartikel darüber gelesen zu haben. Aber ich hörte ihm kaum zu. In diesem Moment war ich wirklich beleidigt und böse auf ihn. Dann aber fiel mir ein, dass es für mich vielleicht das Beste war, wenn er seine Jugendgeschichte erlo­gen hatte. Wenn dies so war, was ich allerdings be­zweifelte, konnte er mir nicht böse sein, dass ich mich mit meiner Erzählung an seinen erfundenen Geständnissen orientiert hatte.

»Aber ich kann dich beruhigen«, fuhr er abschlie­ßend fort, »ein wahrer Kern bleibt bestehen. Ist das Ganze auch nicht wahr, habe doch ich es erfunden: Das Gefühl zumindest ist echt, es ist der faule Kern der schönen Frucht. Um es mit Augustinus zu sa­gen, ist dies alles eben auf eine Weise wahr, weil es auf eine andere Weise falsch ist.«

»Du wolltest mich sprechen«, erwiderte ich, kühl das Thema wechselnd. Er ging sofort darauf ein und nickte nachdenklich.

»In der Tat. Weißt du, wer alles in der Jury der Weis­sensteinerlesungen sitzt? Ich meine, außer dem Klammer na­türlich, dessen Protegé du bist«, fragte er. Mir wurde et­was unbehaglich zumute. Die Na­men der  Jurymitglie­der waren im Gegensatz zu de­nen der lesenden Auto­ren noch nicht öffentlich be­kannt gegeben worden. Das war Tra­dition und sollte Ein­flussnahmen vor Beginn ausschlie­ßen. Ich sagte ihm dies. Ob Theresa ihr Versprechen ge­brochen und er meinen Text wohl doch gelesen hatte? Nix zuckte mit der Schulter.

»Da zeigt es sich, dass sich eine Verwandtschaft mit dem Kulturreferenten lohnt. Ich kenne die Jury«, er­widerte er gelassen. »Mein Onkel hat mich in die Liste ih­rer Mitglieder und der anderen Teilnehmer sehen las­sen. Ich war sehr überrascht. Du hast also noch keine Ahnung?« Ich verneinte.

»Neugierig?« Ich nickte unwillig und schürzte die Lippen. Muss­te er mir eigentlich immer wieder demonstrieren, wie überle­gen er war? So schafft man sich keine Freunde. »Weißt du, wer Karl Maria Pauli ist?« fragte er und lehnte sich bequem zurück.

»Du hast mir von ihm erzählt. Er ist dein Großva­ter.«

»… und einer der reichsten Männer der Stadt, ge­nau. Er ist der Vertreter der Wirtschaft in der Jury.«

»Versteht er denn etwas von Literatur?«, fragte ich, denn ich hatte den Namen dieses Mannes in Zusam­menhang mit Kunst noch nie gehört. »Oder ist es nur die übliche Augsburger Klüngelei?«

»Beides. Die Follia-Werke, deren Vorsitzender mein Opa war, haben in diesem Jahr aus Reklamegrün­den vor, bei den Weissensteiner-Lesungen einen ei­genen Preis auszusetzen, fünftausend Mark, um ge­nau zu sein. Das ist nicht überwältigend, aber um sich einen Ruf als Kunstförderer zu besorgen, reicht es aus. Kein Image ist billiger zu haben. Natürlich muss deshalb jemand aus dieser Firma dabei sein. Da mein Opa ein sehr distin­guierter, älterer Herr ist, zudem nicht zur Gänze unbe­rührt von Literatur­kenntnissen, ist er der ideale Mann, seine Firma zu repräsentieren«, führte Nix aus. Ich schnalzte er­freut mit der Zunge.

»Dann lohnt es sich diesmal also auch finanziell, an den Lesungen teilzunehmen«, stellte ich fest und er­freute mich an dem Wunschtraum, von den ausge­setzten Gel­dern einen Anteil in die Hände zu bekom­men. Na­türlich war diese Vorstellung nur eine Schi­märe, denn je­mand, der zum ersten Mal teilnahm, konnte nicht ge­winnen, selbst wenn das Werk, aus dem er las, besser war als das der anderen und nobelpreisverdächtig. Ich habe es schon erwähnt: So funktioniert das hier nicht, nicht in der Musik, nicht in der Malerei und vor al­lem nicht in der Literatur. Ich konnte mich nur zu gut an die Ausführungen Favelkas zu diesem Thema erinnern. Und Nix zerstörte auch so­fort meine Hoff­nungen:

»Werde nicht übermütig. Vergiss nicht, dass auch Mar­kus Wimperle liest. Dieser Papagei kann schon jetzt da­mit beginnen, das Preisgeld auszugeben – so sicher ist es, dass er gewinnen wird.«

[Zum 24. Teil …]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 22)

[Zum ersten Teil]

Ich war noch nie bei dieser Veranstaltung gewesen; war nicht einmal im Publikum gesessen. Ich gebe es zu: Ich klage zwar wie alle anderen über das mangelnde Kunstinter­esse der Bürger von Augsburg – das ist ein unbedingter Reflex bei allen, die in der Schwabenmetropo­le wohnen, ich bringe aber nur selten den Elan auf, an den ohnehin seltenen Veranstal­tungen teilzuneh­men. Dass ich nun dort aus mei­nem unveröffentlichten Erstlingswerk lesen und mich einer Jury stellen durfte, lag, wie gesagt, an Klammer, dem die Wettbewerbs­bedingungen erlaub­ten, einen Schützling vorzuschla­gen. Warum er sich dabei ausgerechnet für mich ent­schied, war eine sei­ner einsamen Entscheidungen, deren Beweggründe wie immer im Dunklen blieben. Da ich mich noch heute mit ihm über meine literarischen Er­zeugnisse austausche und – soweit dies mit ihm über­haupt möglich ist – so etwas Ähnliches wie ein per­sönliches Verhältnis zu ihm aufgebaut habe, glaube ich, er tat es nicht, um sich über mich lustig zu machen. Wahrscheinlich tat ich ihm leid. Wie dem auch sei, ich bekam von ihm eine offizielle Einladung ge­schickt und mein Name erschien bald darauf mit Bild und Kurzbio­grafie in der Zeitung – neben den an­deren glücklichen neun „jungen” und „aufregenden“ Autorentalenten, die in die Shortlist gekommen waren. Dies erreg­te einiges erstauntes Auf­horchen bei meinen Be­kannten und wertete mein ange­kratztes Image or­dentlich auf. Stehst du in der Zeitung, bist du für ei­nen Tag existent, egal, was du vorher ge­macht hast. Es gibt hier am Ort Politiker, die müssen sich min­destens einmal in der Woche im Lokalteil abge­bildet finden, um sich davon zu überzeugen, ob sie noch leben.

Der erste, der mich anrief und mir gratulierte, war Rai­ner Werner. Er hob damit offiziell mein Schreib­verbot bei seiner Zeitung auf und äußerte sich ver­wundert dar­über, dass ich so lange keinen Artikel mehr für ihn ge­schrieben hätte. Es war mir eine Ge­nugtuung, ihn über­heblich und unfreundlich abzu­wimmeln. Das war mei­ne kleine persönliche Rache. Ich muss allerdings einge­stehen, dass ich Werner damit nicht weiter weh tat und nur eine Gelegenheit verpasste, mal wieder auf leichtere Weise Geld zu verdienen. Aber diese Abfuhr, auch wenn sie eine nutzlose Geste war, war ich meiner Selbstachtung schuldig. Meine Freundin sah das übri­gens vollkommen anders.

Der Nächste, der mich anrief und mich um ein drin­gendes Treffen bat, war zu meiner vollkommenen Überraschung Jonas Nix. Er tat am Telefon recht geheimnisvoll und sprach von einer günstigen Gelegen­heit, endlich einmal gemeinsam etwas be­wegen zu können. Er­neut wirkte er so, als habe er keinen Groll mehr gegen mich und freue sich, sich wieder mit mir treffen zu können. Obwohl er mich wortreich zu sich einlud, war mir ein neutralerer Ort mit Publikum lieber. Des­halb verabredeten wir uns für den nächsten Abend im Annapam, einer Studentenkneipe mit Wohnzimmerat­mosphäre in der Altstadt, die auf halb­em Weg zwischen unseren Wohnungen lag.

Obwohl ich mir vorgenommen hatte, mich auf kei­nen Fall als Erster am Treffpunkt einzufinden und erst zwanzig nach acht in dem Lokal auftauchte, war in der gutgefüllten Gaststube keine Spur von Nix zu entde­cken. Er kam erst gegen neun, als ich bereits darüber grübelte, ob er mich versetzt hatte oder als pünktlicher Mensch längst vor meinem Er­scheinen gegangen war. Ich saß mit meinem Bier re­lativ ungemütlich an einem Tisch bei vier Schülerin­nen, die sich seit geraumer Zeit über Musikgruppen unterhielten, von denen ich noch nie gehört hatte. Es war sonst kein Platz mehr frei.

Als Nix kam, nahm ich mein Bier in die Hand, um mir mit ihm gemeinsam einen neuen Platz zu su­chen, aber er fasste mich geheimnisvoll lächelnd an der Schulter und drückte mich zurück auf den Sitz meines Stuhls. Dann griff er in die weite Tasche sei­nes Blaumanns, den er trug und holte eine ausgebeulte Versandta­sche hervor, die er öff­nete und aus der er etwas zu Tage förderte, das in Form und Konsistenz entschie­den an Hundekot erinnerte. Er ließ das klebrige Zeug nachlässig mitten auf die Tisch­platte klatschen und wischte sich den braunen Schmutz, der dabei an seinen Fingern kleben blieb, wie selbstver­ständlich an der Tischdecke ab. Damit hatte er die unge­teilte Aufmerksamkeit aller. Das Gespräch der Mädchen verstummte sofort. Dann begann Nix tatsächlich ein kurzes Gedicht zu zitieren, das ich als ein Stück von An­dernajs Verbrauchslyrik identifizierte. Es hatte in ge­wohnt direkter, äußerst pornografischer und ekel­erregender Wortwahl einen sodomitischen Verkehr mit ei­ner Dogge zum Thema. Hätte Jonas eine Bom­be am Tisch explodieren lassen, wäre die Wirkung keine ver­heerendere gewesen. Die Schülerinnen be­kamen rote Ohren, starrten atemlos und entsetzt auf den Haufen Schmutz vor ihnen und flüchteten nach einer langen Schrecksekunde in Panik vom Tisch. Sie taten mir leid.

»Nicht wahr, so etwas steht nicht in der Bravo?«, rief Nix ihnen hinterher. »Ihr müsstet mir dankbar sein. Ich habe eurem Leben eine Erfahrung ge­schenkt, eine Erin­nerung, die bleibt.«

Die Mädchen retteten sich wie verschreckte Hüh­ner an die Theke und berichteten aufgeregt der Wir­tin, was dieser Unhold ihnen angetan hatte. Ich er­wartete, dass diese uns wutentbrannt mit einem Lo­kalverbot belegen würde, aber sie lächelte nur, sprach im Gegenteil beru­higend mit den Mädchen, spendierte ihnen ein Getränk und kümmerte sich für den Moment nicht weiter um uns. Nix setzte sich lässig neben mich.

»Das klappt immer, wenn man einen Sitzplatz will«, sagte er. »Freilich muss man wissen, wo man das macht. Ich bin hier ein guter Gast.« Ich konnte mir nicht helfen. Ich musste lachen.

»Was, zum Teufel, ist das?«, fragte ich, vorsichtshal­ber zurückgelehnt, auf den verblüffend echt wirken­den Fä­kalienersatz auf dem Tisch deutend. Nix legte den Zei­gefinger auf den Mund.

»Das ist ein Betriebsgeheimnis«, sagte er. »Aber es sind unter anderem selbstgefertigte Knetmasse, Mondamin – brauner Soßenbinder, Cola und eine Menge aufgeweicht­er Salzstängel drin. Aber nur die vom Aldi kleben richtig gut.« Sorgsam schlug er die Paste wieder ins Pa­pier, schob sie in den Umschlag und zurück in die Ta­sche. »Wenn ich doch auch noch den Geruch hinkrie­gen würde …«

»Dann könntest du gleich echte Scheiße nehmen«, schlug ich vor.

»Wobei wir mal wieder beim Thema sind, nicht wahr? Denkst du wirklich, ich hätte noch nicht dar­an gedacht? Ich glaube allerdings, ich mache mir keine Freunde, wenn ich hier Scheiße auf die Tisch­platte klatsche. Aber natürlich, auf der anderen Sei­te …« Er wollte sich noch näher erklären, aber er unterbrach sich, weil ihm die Wirtin, eine gut kon­servierte Frau Ende Vierzig, persön­lich ein un­bestelltes Glas Wein an den Tisch brachte. Dabei beugte sie sich nahe zu ihm herab, fuhr ihm mit der Hand zärtlich durch das fettige Haar und stellte lei­se mit gutgelaunter Stimme fest, dass er nicht immer ihre Gäste erschrecken solle. Als einzi­ge Antwort um­armte er sie und fasste ihr dabei fest an die fülligen Brüste, wog sie einen Augenblick ge­nießerisch in der Hand. Die von mir erwartete Ohr­feige blieb aus, sie wand sich mühelos und geschmei­dig aus seiner Um­klammerung und tänzelte zurück zur Theke, der ihr fol­genden bewundernden Blicke der männlichen Gäste si­cher. Da ich davon ausging, dass sie sich nicht von allen in dieser Weise betat­schen ließ, war Nix hier offensicht­lich tatsächlich ein guter Gast. Ich fragte ihn nicht, ob Theresa von seinem intimen Umgang mit dieser Frau wusste, denn das ging mich nichts an. Aber neugierig war ich doch. Vielleicht konnte ich aufgrund dieser Beoba­chtung meine Beziehung zu Theresa auf eine andere Stufe stellen. Nix führte also auch ein Boheméle­ben. Das war ein Zug an ihm, der mir neu war. Ich konnte mir allerdings eine anzügliche Bemer­kung nicht verkneifen und beugte mich verschwöre­risch zu ihm:

»Ich sehe, es geht dir nicht schlecht, Jonas«, stellte ich lächelnd fest. Nix kratzte sich am Hals.

»Aber ja. Ich bin gesund, schlafe gut, der Kühl­schrank ist voller Lebensmittel, ich habe regelmäßi­gen Stuhl­gang und Geschlechtsverkehr und meine Bilder verkau­fen sich. Ich habe übrigens die Nach­frage einer Galerie in Sydney erhalten, die sich ernsthaft für meine Kunst interessiert. Auf welchen Wegen die von mir erfahren haben, ist mir ein Rät­sel. Und das Wichtigste: Meine Mutter ist stolz auf mich«, stellte er nachlässig fest. Er klang ein wenig verschnupft.

[Zum 23. Teil]

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 21)

[Zum ersten Teil]

Meine Gedanken kreisten aber weiterhin um diese erstaunliche Person. Ich hätte gerne mehr über die El­tern von Nix erfahren, über seine Freunde, seine erste Be­gegnung mit Theresa. In Gedanken füllte ich die Lücken mit Hilfe meiner Phantasie. Ich entschloss mich spontan, eine Fiktion über ihn zu schreiben, eine Geschichte zu erzählen. Zum ersten Mal versuchte ich mich an einem Text, der als literarisch gelten kann und es überraschte mich, wie schnell und auch leicht ich eine ordentliche und meiner Meinung nach auch brauchbare Anzahl von Seiten füllte; ich brauchte nur ein paar freie Nachmittage, Unmengen Kaffee und ein ordentliches Maß Selbstüberschätzung. Offensichtlich hat­te Nix doch recht: Wer Kunst schaffen will, benötigt als Erstes gute Gründe für sie. Der Rest geschieht von selbst; die Angst vor dem leeren Blatt Papier ist nur Faulheit. Freilich halfen mir auch meine journalistischen Erfahrungen, jedoch bei weitem nicht in dem Maße, in dem ich dies erhofft hatte. Eine Geschichte zu schreiben ist etwas vollkommen anderes.

Ich setzte mich zum Schreiben abseits ins Café am Milchberg, trank meine Latte, aß Butterbrezeln und bekritzelte unter einem seltsamen, mir selbst nicht erklärbaren Zwang die karierten Blät­ter eines College-Blocks. Ich fühlte mich wirklich gut dabei. Aber ich betrachtete mich immer wieder selbst wie von außen beim Schreiben und wunder­te mich über das Ergebnis; über die etwas schmuddeli­gen A4-Seiten, die ich so schnell mit meiner Ge­schichte füllte. Ich habe in den letzten Jahren immer mal wieder in Autobiografien von Autoren über diesen ver­blüffenden Bann gelesen, der allgemein unter dem un­zulänglichen Begriff des »Automatischen Schreibens« reüssiert. Es scheint ein allgemeines, meist dazu als etwas un­heimlich empfundenes Flow-Erlebnis zu sein, das manche Schriftsteller mit Drogen künstlich herbeiführen wollen und andere fürchten. Diese Selbstbekenntnisse zeigten mir zu meiner Beruhigung auch: Die anderen – sogar die Gro­ßen – sind genauso hilflos, wenn es darum geht, diese Er­fahrung in nachvollziehbare Worte zu fassen.

Nach nur einer Woche war ich mit der ersten Version meiner Geschichte fertig. Diese erste literarische Arbeit abzuschließen, war ein wunderbares Gefühl, eine Erfah­rung, die leider einmalig und nicht wiederholbar ist. Jene plötzliche Erkenntnis, eine Doppelbegabung zu besitzen und noch eine weitere Möglichkeit, die Welt fest in die Hän­de nehmen zu können, machte mich glücklich und stolz. Ich kann nicht richtig ausdrücken, wie ich mich fühlte, als ich mein Werk meiner erstaunten Freundin vorlas. Wenngleich der irritie­rende Eindruck blieb, dass sie aus Prinzip der Meinung war, ich hätte mich besser nach einem Job umgesehen, als eine weitere brotlose Kunst zu beginnen, äußerte sich Christine jedoch lobend und war von die Qualität des Textes beeindruckt.

Wenn ich heute an meinen Texten schreibe, habe ich diese Empfindun­gen leider nicht mehr. Zuviel ist inzwischen kritisiert und zerredet worden, zu viele Selbstzweifel sind ent­standen. Ich kann heute nicht mehr so unbedarft und naiv schrei­ben wie damals; dieses Paradies ist für im­mer verloren gegangen. Unbedarft und naiv sind im Üb­rigen auch die Wörter, die die Qualität der Geschichte, die damals im Überschwang entstand, hinlänglich be­schreiben. Aber ich war mit dem Ergebnis sehr zufrieden und wollte je­den teilnehmen lassen. Obgleich der Auslöser für meinen literarischen Versuch die Andeu­tungen von Jonas über seine Pubertätsqualen waren, hatte ich mich je­doch in der Ausarbeitung weit von ihm entfernt. Vieles war von mir selbst, war von meinen eigenen Gefühlen und Erfahrungen, hineingeflossen. Ich hatte ausgeschmückt und dazu erfunden, die Konflikte schärfer herausgearbeitet. Obwohl ich sicher war, Nix würde sich nicht in meinem Protagonisten wie­dererkennen können, entschied ich mich dagegen, ihm meine Geschichte zum Lesen zu geben. Im Gegensatz zu ihm war ich nämlich davon überzeugt, dass niemals einer von uns beiden ein Kunsterzeugnis des anderen ohne Vorur­teile begutachten könne. Das war eine Mei­nung, die im Übrigen nur kurze Zeit später ihre unange­nehme Bestä­tigung fand. Ich werde im nächsten Kapitel davon berichten.

Ich gab meine Erzählung jedoch Theresa zu lesen, als ich ihr zufällig auf der Straße begegnete und ein paar Alltäglichkeiten mit ihr austauschte, hinter denen wir unsere unangenehmen Erinnerungen an das Fest bei Sontheimer verbargen. Selbstverständlich hatte ich zu jener Zeit immer ein paar Kopien meines genialen Meisterwerkes bei mir. Die Freundin von Nix schien mir innerhalb der kurz­en Zeit, in der ich sie nicht mehr gesehen hatte, ge­altert zu sein und wirkte seltsam abgeklärt und ruhig. Ich gab ihr meine Telefonnummer und sie versprach, mir bald ihre Meinung mitzuteilen und Nix nichts davon zu sagen. Ich schenkte damals im Überschwang sogar Al­fons Andernaj eine Kopie, der sie zwar nicht las, aber im Suff an seinen Jugendfreund Nikolaus Klammer weiter­gab, der ausgerechnet in jenem Jahr in der Jury der Weissensteiner-Literaturtage saß und mir postwendend eine persönliche Einladung zu diesem Großereignis zu­sandte.

*

Die Weissensteiner-Literaturtage finden alle vier Jahre im Sommer statt und sind ein schwacher und nicht sel­ten unfreiwillig komischer Ab­klatsch des Bachmann-Preises; sie laufen auch mit ei­nem vergleichbaren Ritus ab. Alle vier Jahre dürfen ein­geladene Nachwuchsauto­ren aus Stadt und Landkreis vor Publikum und acht­köpfiger Jury aus Uniprofesso­ren und Vertretern von Zei­tung, Wirtschaft und Politik ihre Kopfgeburten vortra­gen und es hat sich dort noch nie je­mand mit einer Rasier­klinge die Stirn aufgeschnitten. Die Jury vergibt dann ei­nen mit zehntausend Mark do­tierten Preis für den ihrer Meinung nach besten Newco­mer. Da in Augsburg fähige Literaten ein nicht ge­rade häufiges Wild sind, ge­hört man bis zum Alter von fünfzig Jahren zum Nachwuchs und darf bis zu dieser Grenze so oft teilneh­men, wie man will. Wie beim städtischen Kunstpreis zählt auch hier die Gewöh­nung: Je näher man der magi­schen Fünfzig kommt und je häufiger man leichtverdau­liche und unpolitische Kost liest und sich von Bert Brecht distanziert, um so sicherer erhält man irgendwann einmal den Preis, den man sich jedoch immer mit einem oder gar mehreren anderen Glückspil­zen teilen muss. Diesmal aber war aus mir unersichtli­chen Gründen unvorsichti­gerweise Dr. Nikolaus Klam­mer in die Jury gewählt worden, was die doch äußerst abgeschmackte Sache, die auch nahezu ohne Publi­kumsbeteiligung und -interesse ablief, etwas lebendiger gestaltete. Ich halte Klammer für den bes­ten Literaturkenner und profundesten Kritiker, dem ich je begegnet bin und das nicht nur deshalb, weil er meine Sachen mag.

Der Preis, für Orts- und Literaturunkundige sei es er­wähnt, ist natürlich nach dem bekannten Augsburber Autor Beren­gar C. Weissensteiner benannt, neben Brecht einem der wenigen wirklich be­deutenden literarischen Söhnen dieser Stadt, der sie aller­dings mit seinen Eltern bereits im zarten Alter von vier verlassen und diesen Entschluss zumindest öffentlich auch nie bedau­ert hat. Er arbeitete in den Zwanziger Jahren in Berlin beim konservativen Tagebuch und ist 1952 im amerikanischen Exil ge­storben. Obwohl er sicher alles andere als ein sozialisti­scher oder gar kommunistischer Autor war, hatte er doch ein paar von ihnen gekannt und 1937 in einem holländischen Exilverlag einen Roman über einen Arbeiter veröffent­licht, den die Saarbesetzung der Nazis in den politi­schen Extremismus und in den spanischen Bürgerkrieg treibt. Deshalb gilt er wie Brecht als ein umstrittener, politisch anrüchiger Schriftsteller und die Stadt tut sich schwer mit seinem Erbe, eben jenem Preis, den er ihr in seinem Testament, sei es aus Altruismus oder Boshaftigkeit, ge­stiftet hat. Hier zählt man Autoren, vor allem die zeit­genössischen, die immer der Ruch der Linkslastigkeit umgibt, nicht zu den förderungswürdigen Künstlern und in den Neunzigern konnte man diese Ab­neigung des CSU-Stadtrates fast eine Phobie nennen. Als zum Beispiel durch die Herausgabe der persönli­chen Aufzeichnungen von Weissensteiner bekannt wur­de, dass sich dieser mehr oder weniger ernsthaft mit dem Gedanken getragen hatte, Ende der Vierziger Jahre von Kalifornien nach Ost-Berlin zu gehen, da er dem Arbeiter- und Bauernstaat damals mehr Sympathie als dem Westkon­strukt entgegenbrachte, und nur sein Tod diesen Plan verhinderte, wurde tatsächlich ernsthaft darüber disku­tiert, aus diesem Grund die Gedenktafel an dem Geburtshaus die­ses unwürdigen Sohnes der Stadt zu entfernen. Auch an eine demonstrative Aussetzung des Preises wurde ge­dacht. Natürlich geschah das gleiche, das immer ge­schieht, wenn sich die Verantwortlichen der Stadt mit wichtigen Entscheidungen beschäftigen: Es wurde laut­stark debattiert und sonst passierte – nichts.

[Zum 22. Teil …]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 20)

[Zum ersten Teil]

»Ich glaube, dein Text hat ein paar Pferdefüße«, be­gann ich tastend, ohne zu wissen, worauf ich hinaus wollte. Die Richtung würde sich hoffentlich während des Redens zeigen. »Ich habe in der Hauptsache zwei Dinge an ihm auszu­setzen. In diesem Aufsatz schreibst du erstaunlich offen über deine pubertären Probleme, die dich zur Kunst ge­führt haben, einer Kunst, in der sich diese Schwierigkeiten gespiegelt haben. Mir war das alles ein wenig zu of­fen, zu exhibitionistisch. Ich glaube nicht, dass sich jemand für diese intimen Sachen interessiert. Der Künstler sollte hinter seinem Werk verschwinden, denke ich. Und deine Offenheit mach dich ver­letzbar. Dieser Aufsatz ist etwas Ähnliches wie die Kunst, über die du in ihm schreibst. Er behandelt das gleiche Thema; du drehst dich um dich selbst. Ist es daher nicht möglich, er könnte ebenso langweilig und nicht von, lass mich sagen, allgemeingültigem Interesse sein? Verstehst du mich?«

Nun hielt Nix den Kopf gesenkt und nickte, aber ich glaubte nicht, dass ich ihn erreicht hatte. »Weiter …«, forderte er mich ungeduldig auf. Er klang interessiert und nicht so verärgert, wie ich erwartet hatte.

»Willst du dich nicht dazu äußern?«, fragte ich verwun­dert. Ich hatte mich auf einige wütende Gegenargumente gefasst gemacht.

»Vielleicht später«, winkte er ab, »zuerst einmal will ich deine gesamte Kritik hören.«

»Wie du willst«, fuhr ich mutiger geworden fort. »Kommen wir zu meinem zweiten Kritikpunkt. Du hast in deinem Aufsatz davon geschrieben, du hättest zwangsläufig schlechte Kunst machen müssen, weil du in ihr nur deine Neurosen und Wahnvorstellungen aufgearbeitet, sie als Psychiater-Couch benutzt hättest. Das wirkt auf mich viel zu einfach, zu absolut und … na ja, zu apodiktisch. Gut, ich denke, du hast recht anschaulich deinen Weg beschrieben, der dich zu deiner Kunst geführt hat und es war mit Sicher­heit nicht der einfachste Weg, den du dir da herausge­sucht hast. Bei anderen Malern kann es aber völlig anders sein. Du kannst doch mit deinem Text nicht auf einer Gültig­keit für jeden bestehen. Das gilt auch für deine neuen Gründe, zu malen.« Obwohl ich diesen Gedanken noch weiter ausspinnen wollte, der ein Seitenthema des Aufsatzes behandelte und eigentlich nur meine Unsicherheit bemänteln sollte, das ganze Werk in Angriff zu nehmen, unterbrach mich Nix diesmal. Anscheinend hatte ich einen für ihn wichtigen Punkt erwischt. Diesmal war er voller Widerspruch.

»Das ist genau das, was ich nicht glaube«, sagte er. »Im Gegenteil: Ich bin absolut davon überzeugt, dass ich mit meiner These in beinahe allen Fällen recht habe. Ich kann dir bei beliebigen Künstlern den Punkt in ihrer Entwick­lung nennen, an dem ihre alten, psychologischen Grün­de, Kunst zu machen, starben, neue in den Vordergrund gerieten und dadurch auch ihre Kunst besser wurde. Eini­ge haben mehrere dieser Wendemarken in ihrer Ent­wicklung.«

Ich wedelte zweifelnd mit der Hand.

»Wenn du meinst. Aber warum beschäftigt dich dieser Gedanke überhaupt so? Im Grunde ist deine Aussage erschütternd lapidar. Mit zunehmendem Alter und Erfahrung wird auch die Kunst besser. Das ist es doch, was du sagst. Was ist das Besondere daran? Sollte es nicht grundsätz­lich so sein? Ich meine, ich male jetzt bessere Bilder als vor fünf Jahren und ich hoffe doch, dass ich in fünf Jah­ren wiederum bessere male als jetzt.« Es fällt mir heute schwer, zu sagen, was mich wieder dazu verführ­te, ihn herauszufordern. Wahrscheinlich war es die Tat­sache, dass er mit seinem Text zu mir kam, von dessen Bedeu­tung er überzeugt war, und von mir eine Kritik, in Wahrheit aber einen Kniefall erwartete. Nein, er hatte sich noch nicht geändert, wie er in seinem Aufsatz behauptet hatte. Er hielt sich noch immer für Jesus und suchte Jünger, auch einen Verräter. Ich gab allerdings ei­nen verdammt schlechten Judas ab. Das hätte ich ihm gern gesagt, aber ich traute mich nicht.

Nix war mir jedoch zu meinem Erstaunen wegen meines Einwands nicht böse und es entwickelte sich danach zwischen uns eine angeregte und auch für mich anregende Diskussion mit vielen Ausflü­gen, Einwänden und Gedankensprüngen. Ich kann mich heute, nach so langer Zeit, unmöglich an alle erin­nern. Ich kann nicht einmal mehr die wichtigsten wie­dergeben. Ich will es kurz machen: Wir unterhielten uns einen ganzen lan­gen Nach­mittag, bis es draußen dunkel wurde und wir uns in dem engen Zimmer kaum mehr sehen konnten. Wir sprachen auch über meine Bilder, die ich im Atelier hängen hatte. Er kritisierte sie ernst und ohne Häme in einer für ihn erstaunlich positiven, gesunden Art, zu der ich ihn nicht fähig gehalten hatte. Er bewies dabei ein gutes Auge für kompositorische Schwächen und Farbfehler. Alles in allem haben wir uns an diesem Nachmittag, den wir gemeinsam in meinem Atelier verbrachten, trotz aller unterschiedlichen Meinungen ganz gut ver­standen. Es entwickelte sich tatsächlich ein Band von Sympathie zwischen uns, von dem ich hoffte, es würde stark sein, unsere Differenzen überwinden können. Vielleicht würden wir uns nun häufiger treffen und sprechen, was mir wirklich Freude gemacht hätte.

Ich hatte mich jedoch getäuscht. Er versuchte in der fol­genden Zeit nur noch einmal, mit mir in Kontakt zu tre­ten und das auch nur, weil er etwas von mir wollte. Er hatte mich auch an diesem Nachmittag im Atelier nur für diese einmalige Gele­genheit gebraucht, gezielt einen Leser gesucht. Ich war wohl gerade der einzige, den er auf die Schnelle finden konnte. Obwohl ich mich ein wenig ausgenutzt fühlte, wusste ich nun durch seinen Aufsatz, dass diese Verhaltensweise exakt zu sei­nem schwierigen und egozentrischen Charakter passte. Der ungewöhnliche Text von Nix hatte mich zum Nach­denken, zum Nachempfinden gebracht. Ich war über die seltsam nüchternen und unpersönlich lakoni­schen Ausführungen des Malers über seine Jugendjahre nach­haltig erschüttert. Gerade die Form seines emoti­onslosen und knappen Berichts über seine Welt des Lei­dens und Erleidens, der Schuld und der Sühne, um die er wie ein Satellit kreiste, hatte mich be­wegt, hatte mich so getroffen,; auch wenn ich aus Ei­genschutz kleinlich an ihm herumkritisiert hatte. Nix hatte auf diese Weise einen inneren Abstand demons­trieren wollen, der ihm aber in keinem Moment gelin­gen konn­te, da zwischen den Zeilen beständig der schmerzhafte Aufschrei des Kindes, das ja noch in ihm steckte, hervor­brach.

Es gibt Texte, Kunstwerke allgemein, die wie manche Menschen den Raum Abstand missachten, den jeder benötigt und um sich herum aufbaut: Sie sind aufdringlich, sie berühren und erzeugen eine Unruhe, einen Fluchtin­stinkt. Während ich den Aufsatz von Nix las, vor allem seinen Beginn, in dem er über seine frühe Jugend, die Selbstgeißelungen und sein spezielles Verhältnis zu sei­nem Gott berichtet hatte, hatte ich beständig den unwillk­ürlichen Wunsch verspürt, zurückzuweichen, die­se ungebührliche, intime Nähe zu einem Fremden, die mir in diesem Moment keinesfalls willkommen war und mich einfach überrumpelte, zu fliehen. Doch sie wirkte in den nächsten Tagen nach, ich konnte ihr nicht entkommen. Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich über Nix nachdachte. Dadurch ent­stand, so schwer es mir auch fiel, langsam Verständ­nis für den schwierigen Menschen Jonas Nix, der mit Hilfe seiner Kunst zwischen den Mühlsteinen, die ihn in sei­ner Pubertät beinahe zerrieben hatten, hervorgekro­chen war. Ich selbst hatte meine eigene Jugend bei wei­tem nicht so dramatisch erlebt und ein nächtlicher Griff un­ter die Bettdecke hatte bei mir eher Erleichterung als ein schlechtes Gewissen hinterlassen. Doch je länger ich über den fatalen Einfluss der Religion auf Nix nach­dachte, um so deutlicher musste ich meinem ersten Ein­druck von ihm, nämlich dem eines mittelalterlichen, anachronistischen Asketen, recht geben.

Eine Weile dachte ich ernsthaft daran, ihn zu malen und ihn auf diese, für mich natürlichste Weise zu be­wältigen. Da ich Nix aber nur aus dem Gedächtnis und nach einem grob gerasterten Zeitungsbild entwarf und diese Tuscheentwürfe und Holzschnitte auch mit zu vielen Symbolen befrachte­te, konnte nichts Echtes, Wahres und Gutes entstehen und ich gab es bald auf. Ich lege diesem Text trotzdem eines dieser doch sehr melodramatischen Skizzenblätter bei. Es ist, wie ich denke, das gelungenste von ihnen.

[Zum 21. Teil …]

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 19)

[Zum ersten Teil]

Das alles ging bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr ganz gut. Ich könnte den Tag angeben, an dem diese Samm­lung von Gründen, aus denen ich Bilder malte, starb. Ich war auf der Fachoberschule im Bereich Ge­staltung und verrückt, eingenommen und überheb­lich genug, mich mit meinen dilettantischen Fähig­keiten vor die Öf­fentlichkeit zu trauen; das heißt, ich hatte erfahren, dass ein paar der wenigen renommierten und älteren Maler unserer Stadt ei­nen Kunstsalon in einer gro­ßen, leeren Fabrikhalle plan­ten und eine Ecke des Raumes jungen Talenten zur Ver­fügung stellen woll­ten. Das hielt ich für meine Chance. Ich setzte mich mit den Künstlern in Verbindung und machte mit ih­nen ein Treffen bei mir aus, damit sie mei­ne Bilder begutachten konnten. Ich hatte mir nichtim Traum vor­stellen können, jemand – noch dazu ein Kollege – könne die Weltbedeutung meiner Kunst verkennen oder gar ablehnen und war deshalb auf das, was kam, völlig unvorbereitet. Die Kri­tik der Etablierten war natürlich vernichtend und braucht hier nicht weiter ausgebreitet werden. Sie gipfelte in dem mit angeekelt herabgezogenen Mundwinkeln gemachten Urteil, meine Werke seien Kitsch wie die Öl­schinken in den Kaufhäusern, die trinkende Mönche oder der schönen Zigeunerinnen zeigten. Meine Arbeiten wären lächerliche Gartenzwerg-Kunst und auf keinen Fall entsprächen sie dem Ni­veau des Kunstsalons. Sicher war die Art, mit der sie mich spöttisch abkanzelten, gemein und unfair, von Selbstüberhebung gekenn­zeichnet, aber sie hatten aber deswegen leider nicht weniger recht. Ich benötigte allerdings beinahe ein Jahr, bis ich das einsehen und akzeptieren konn­te. Die klatschende Ohrfeige hatte jedenfalls gesessen; diese Niederlage war die schlimmste meines Lebens.  Ich durchlebte eine extreme Krise, in der ich nicht nur völlig in der Schule versagte, sondern auch kein ein­ziges Bild mehr malte. Der große Künstler in mir war so am Boden zerstört, dass er sogar in leichtsinnigen Momenten mit dem Ge­danken an Selbstmord spielte – mit dem er, ich will ehrlich sein, selbstver­ständlich mehr kokettierte, als ihn ernst­haft in Erwä­gung zu ziehen. Näher war mir da schon die Vorstellung, ein Blutbad unter den arroganten älteren Kollegen anzurichten.

Meine erste Reaktion auf diese Ablehnung war, trot­zig und beleidigt auf der Qualität meiner Bilder und Colla­gen zu beharren; vor allem auf der handwerkli­chen, die ich damals für unangreifbar hielt und die si­cher das Prä­dikat „frühreif“ verdiente. Gierig versuchte ich, mein Selbstbewusstsein wieder in die Höhe zu bringen, in­dem ich mein kleines Publikum mit lästi­ger Aufdring­lichkeit um Lob anging, ja, es von ihm unwirsch forderte. Doch plötzlich waren fast alle, nachdem sie von meinem Unglück gehört hat­ten, merk­würdig unsicher und vorsichtig ab­wägend, wenn ich mich um eine Kritik bei ihnen auf­drängte. Heute denke ich, ich überforderte sie schlicht, da sie alle die ganze Angelegenheit weit we­niger ernst nahmen als ich. Sie konnten nicht begrei­fen, warum ich mir die Ablehnung so zu Herzen nahm, da sie nicht ahnten, wie wichtig mir meine Kunst inzwischen geworden war. Sie war das Spiegelbild geworden, in dem ich mich sah. Deshalb nahm ich die vernichtende Kritik an meinen Bildern als eine Kritik an mir selbst, da ich mich ja in ihnen abbildete. Das war der Grund, aus dem ich verletzt war: Künstler, von denen ich et­was hielt und mit denen ich mich hatte solidarisieren wollen, hat­ten mich nicht als gleichberechtigt aner­kannt, mir da­durch meine Lebensgrundlage entzo­gen, die ich mir in den Jahren meiner Pubertät müh­sam aufgebaut hatte. Deshalb konnte ich zuerst nicht einsehen, wie recht sie hatten. Aber es ist doch be­merkenswert, dass ich es von diesem Tag an nicht mehr fertigbrachte, schöpferisch tä­tig zu sein. Ich verbrachte oft Stunden mit einem Mal­block und der Koh­le in der Hand, kritzelte vielleicht ein paar Linien, aber meist war mein Inneres so blank und leer wie das Papier vor mir. Ich war ein Opfer des horror va­cui geworden, vor dem sich jeder Künstler fürchtet. Ganz langsam wurde mir aber bewusst: Meine Unfähigkeit, mich schöpferisch auszudrücken, war darin begründet, dass meine alten Gründe, aus denen ich malte, jetzt nicht mehr galten. Meine egomanischen Bildaus­sagen stellten für andere nichts weiter als eine langweilige, überflüssi­ge Onanie da , mit der sich nie­mand befassen wollte. Meine Kunst war nichts, was Belang für andere oder gar für die Öffentlichkeit Bedeutung hatte. Mein sorgsam gehüteter Glaube an mich selbst und an das, was ich meine Kunst nannte, war gestorben.

Ich hätte freilich nach diesem Erlebnis wie viele in die­sem Alter aufhören können, mich kreativ auszudrü­cken, oder zumindest nur noch für mich allein weiter­malen können, aber beides konnte mich nicht mehr befriedi­gen. Dieser Zug war längst abgefahren. Viel zu sehr hat­te ich mich in den letzten Jahren darauf versteift, ein Künstler zu sein, um nun plötzlich die­sen Charakter wie einen überflüssigen Schal zur Sei­te legen zu können, weil sich das Wetter verändert hat. Nein, ich wollte wei­terhin Bilder malen und auch ein Publikum für sie, denn ich war zu der Auffassung gelangt, dass ein Kunst­werk erst dann vollendet ist, wenn es zu Augen einer irgend­wie gearteten Öffent­lichkeit gekommen ist. Ich benötigte also eine neue und bessere Begrün­dung, Kunst zu schaffen, als es mein neurotischer Versuch war, anzugeben und mich selbst zu heilen, ei­nen diffe­renzierteren Grund, den ich im folgenden Abschnitt auseinander legen will.

Trotz des eine Fortsetzung verheißenden letzten Satzes ende­te das Manuskript von Nix an dieser Stelle. Aber da er mir seine augenblickliche Kunsttheo­rie bereits bei unserem Interview vor einigen Wochen einge­hend erläutert hat­te, konnte ich mir in etwa denken, wie er weiterschrei­ben wollte. Ich legte also das letzte Blatt betroffen und unangenehm berührt zur Seite. Nix schwieg abwartend und ich war ihm dafür dankbar. Mir wäre im ersten Moment unmöglich gewesen, etwas zu dieser monomanen Selbstent­blößung zu sagen, zu diesem Outing, um ein neumodi­sches Wort zu benutzen. Das Gelesene nahm mir den Atem. Ich be­nötigte Zeit, um ein wenig Linie in eine Kritik, die er nun sicherlich von mir erwartete, zu bringen. Ich wollte ihn nicht mit irgendeinem Gestammel beleidigen. Nicht wagend, ihm jetzt in die Augen zu sehen, beschäf­tigte ich mich intensiv mit einem Kronkorken, den ich vom Boden auf­hob. Ich schüttelte den Kopf. Was für ein Text! Nix war wirklich immer wieder für Überraschun­gen gut. Nach einer ganzen Weile räusperte er sich und nahm seine Blätter zurück, faltete sie sorgfältig zusam­men.

»Also«, fragte er endlich, »was sagst du?«

Ich blickte leichtsinnig auf und direkt in seinen durchdrin­genden, unangenehmen Blick. Ich konnte ihn nicht lange er­tragen und widmete ich wieder beflissen dem Stück Metall in meiner Hand.

»Das ist sehr schwer …«, begann ich, noch immer Zeit schindend. »Dein Text endet etwas abrupt, findest du nicht?«

»Gott, was bist du clever. Natürlich hast du nur die Hälfte gelesen. Aber ich musste hier absichtlich einen Schnitt machen, weil mein Aufsatz schon jetzt länger ist, als man mir Platz einräumte. Kurz zusammengefasst: Ich lege im zweiten Teil dar, wie ich genau durch diese Erkennt­nis, eben, dass mich psychologische und pathologische Grün­de zum Malen bewogen hatten und ich deshalb auch zwangsläufig schlechte Bilder machte, aus dieser Art des Schaffens herausfand, zu einem Malenwollen aus Vernunftgründen kam. Dazu sammle ich dann die Be­gründungen, zu malen, beziehungsweise, es zu lassen, stelle sie in einer Art von Dialektik gegenüber, wäge sie ab und hebe sie in einer Synthese, nämlich den Grün­den, aus denen ich persönlich male, auf. Es kann in der Zukunft durchaus möglich sein, dass mir diese Gründe nicht mehr ausreichen, ich erneut vor dem Problem stehe, ob es für mich überhaupt Sinn macht, zu malen. Aber das geschieht dann auf einer höheren Ebene und es kann nur fruchtbar für die Qualität meiner Kunst sein. Ich habe diesen zweiten Teil meines Aufsatzes längst ge­schrieben, doch ich muss ihn noch einmal überarbeiten. Ich denke, der erste Abschnitt ist auch interessant und kann für sich allein stehen«, erläuterte er weitschweifig. Ich hörte ihm kaum zu, denn es fiel mir schwer, seinen seltsamen Gedankengängen zu folgen.

Plötzlich konnte ich allerdings verstehen, warum er da­mals in der Fachoberschule so wütend auf meine Kri­tik an seiner Collage reagiert hatte: Sie stellte nach seinen alten Bildern einen frühen Versuch dar, etwas Neues zu schaffen und ich hatte mich leichtfertig darüber lustig gemacht. Eine Pause entstand. Nun war ich an der Rei­he, so schwer es mir auch fiel.

[Zum 20. Teil …]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 18)

[Zum ersten Teil]

2. Comicwelten und der wilde, wilde Westen.  Mit Vierzehn wird er genötigt, eine Jahrgangsstufe zu wiederholen, was seiner Meinung von seiner Genialität kaum Ab­bruch und ihm nicht einmal sonderliches Unbehagen bereitet. Im Gegenteil, unter den nun Jüngeren in seiner neuen Klasse strahlt sein Licht noch heller, hat seine Meinung und sein Auftreten endlich das Ge­wicht, das er sich wünscht. Doch leider kann er weder durch sein körperliches Erscheinungsbild – er neigt zur Fettleibig­keit –, noch durch seine wegen der Behütung durch die Eltern noch recht lückenhaften Lebenserfah­rung glänzen. Da er je­doch nicht auf den Mund gefal­len und mit einer über­schäumenden Phantasie be­gabt ist, beschließt er, mehr aus sich zu machen und spinnt ein ungeheuerliches Netz aus Lügen und An­gabe, um sich vor den anderen bedeutender zu machen. Und, so unglaubwürdig es auch klingen mag, das funktioniert. Er lässt sich bewundern. Fast die gesamte Zeit, die ihm zur Verfügung steht, be­schäftigt er sich nun da­mit, dieses Bild von sich auszumalen und sich in den Mittelpunkt einer interessanten Welt zu stellen, die er seinen Schulfreunden so glaubhaft wie ihm mög­lich verkauft. Dass dieses Gewirr von Halbwahrheit­en und unverschämten Lügen nicht zerreißt, liegt in der Hauptsache daran, dass seine Freunde viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind und auch nicht immer bei der Wahrheit bleiben.

Er hat ein Idealbild von sich entwickelt, in das er wie in einen viel zu groß geratenen Anzug geschlüpft ist und das seine wahre, allzu kümmerliche Erschei­nung vor seinen Freunden verbergen soll. Dieses Ideal ist eine seltsame Mischung aus zwei sich eigentlich ausschließenden Gruppen von Vorbildern. Zum einen eifert er nämlich den Hauptfigu­ren der schwergewichtigen Literatur nach, die er liest, zum anderen bewun­dert er die Fernseh-, Kino- und vor al­lem die Comic-Superhel­den, die ihr Leben in bunten und au­ßergewöhnlichen Abenteuern bestreiten, ohne auch nur von Fer­ne so etwas wie Selbstzweifel oder Fehlschläge zu kennen. Aus diesen bei­den Typen bastelt er sich sein persönliches Vorbild, eine Art von krankem, selbst­zerstörerischem Held, eine He­mingwaygestalt für den Hausgebrauch. Das gefällt ihm.

Also lebt er in einer Traumwelt: Er gibt sich, so weit ihm das möglich ist, den anderen gegenüber überle­gen, ge­lassen, manchmal abweisend kühl. Dazu erlebt er in seiner Phantasie jene haarsträu­benden Abenteuer, die ihm das Alltagsleben so hartnäckig verweigert. In abgeschwächter, etwas glaubhafterer Form bringt er diese Wunschbilder auch unter seine Freunde und ge­nießt den Neid und die Bewunderung, die ihm entge­gengebracht werden. Doch diese Aspek­te seines Hel­denlebens genügen ihm nicht. Da er selbst mehr, näm­lich ein Füllhorn voller Fehler und Selbstmitleid, Unsi­cherheit und Zweifeln ist, auch seine Angebereien ja letztlich nur den Wunsch darstellen, akzeptiert zu werden, stattet er eben diesen Helden, den er den anderen vorspielt, vorsichtig mit eigenen, tragisch empfundenen Zügen aus. Doch auch an sei­nen Schwächen und seinen Cha­rakterzügen darf nicht wie bei den anderen das Triviale kleben, er muss sie veredeln. Wie man das macht, lernt er bei seinem Abgott Hesse.

Erneut fühlt er sich berufen, zwar nicht mehr von Gott persönlich zum zeitgenössischen Messias, aber von seiner Persönlichkeit zum genia­len Künstler. Das betrachtet er als sein Geburtsrecht. Der Pubertierende beginnt sich wieder für seine Handlun­gen, die er als schlecht empfindet, zu strafen, eine neue Zeit der Selbstgeißelungen beginnt, allerdings in abge­schwächter, will sagen, in verfeiner­ter, dekadent-maso­chistischer Form. Lesen Sie „Tief unten“ von Joris-Karl Huysmans, falls Sie es wirklich genauer wissen wollen.

Freilich hat er kein Damaskus-Erlebnis, nachdem er sich als Künstler fühlt – er weiß auch längst noch nicht, wie er seine Kunst zum Ausdruck bringen, über welches Medium er sie vermitteln will. Wie bei den meisten seiner Ent­scheidungen läuft auch hier viel im Unbewussten ab. Das entwickelt sich sehr langsam, schält sich aus der Zeit. Der Beginn liegt in seinem Versuch begründet, die Abenteuergeschichten, die fast ohne sein Zutun in sei­nem Kopf entstehen, zu fixieren, haltbar zu machen.

Aus welchem Urgrund seines Selbst zuerst der Wunsch an die Oberfläche taucht, sich als Künstler zu artikulieren, weiß ich nicht. Ich habe lange darüber nachgedacht, bin aber zu keiner befriedigenden Lösung gekommen. Hier ist einer der Punkte, an denen meine Selbstdia­gnose scheitert, fehlschlagen muss. Je­denfalls versucht der Teenager zuerst, seine Geschich­ten und Gedanken aufzuschreiben. Doch etwas in ihm widersetzt sich dieser Form, zu der ihm damals auch die grundle­genden Aus­drucksmöglichkeiten fehlen. Das Schreiben erscheint ihm ins­gesamt als zu langatmig und zu entfremdet vom schöpferischen Akt. Also entschließt er sich für einen Zwitter und er beginnt, Comics zu entwerfen. Seine ersten Versuche, die nie über wenige Seiten hin­ausgelangen, befriedigen ihn wegen der Bildquali­tät nicht und er beginnt zur Übung, seine Vorbilder abzu­zeichnen, gibt diese Kopien jedoch als seine eige­nen Entwürfe aus. Das staunende Lob seiner Umwelt bekräftigt ihn, weiter zu machen. Er beschäftigt sich nun seine ganze freie Zeit damit, entwickelt bald eine gewis­se eigene Ausdrucksform und kann sich schließ­lich von den Vorbildern lösen und mit verschiedenen Stilmitteln experimentieren. Er bekommt ein schar­fes Auge für die Ein­zelheiten und Eigenheiten der Dinge und Personen, die er abbildet. Bald ist er ein belieb­ter und bösartiger Kari­katurist seiner Lehrer. Er ar­beitet als Illustrator in der Schülerzeitschrift mit.

In dieser Zeit beschränken sich seine Comic-Versu­che allmählich nur noch auf illustrierende Einzelbilder zu Ge­schichten, die er jedoch nie aufschreibt, sondern wie ein Geizhals seine Schätze für sich behält. Als er merkt, dass er mit seinen sich entwickelnden Fähig­keiten mehr Erfolg erntet als mit seinen Angeberei­en, macht er den entscheidenden Schritt. Er ent­schließt sich nun sehr be­wusst, Künstler zu sein, stellt sein ganzes Leben auf die­se Entscheidung um. Wäre er gefragt worden, warum er male, hätte er ge­sagt, er fühle sich dazu berufen, die triste, graue Welt mit den bunten Farbflecken seiner Bilder zu verschönern. Das ist ein Anspruch, dem er al­lerdings nie gerecht wird und seine Bilder voller Blut und Gewalt sprechen auch eine andere Sprache. In Wirklichkeit fühlt er sich auf eine nicht näher beschreibbare Weise dazu gezwun­gen, zu malen. Er sieht keine bessere Möglichkeit, sich dar­zustellen und den anderen gegenüber zu formulie­ren.

Das Malen wird also ein Teil seiner Persönlichkeit, ge­hört zu ihm wie sein fettleibiger Körper oder die Selbstgeißelungen nach seinen ausufernden Masturbationen. Zu Beginn unterstützen seine El­tern sein, wie sie annehmen, harmloses Hobby. Als er aber zielgerichtet seinen schulischen Werdegang da­nach aus­richten will und im Sinne seiner Eltern nützliche Schulfächer vernachlässigt, begegnen sie ihm immer häufiger mit Unverständnis und Ableh­nung, steigern sich in Verbote und Strafen, die er mit einem Schulter­zucken abtut. Sie können ihm nichts antun, was er sich nicht schon einmal selbst auferlegt hat. Es fällt ihm nicht mehr schwer, sich von ihnen abzukapseln, ihnen fremd zu werden.

3. Stirb und werde. Man sieht also: Es waren also psychologische Grün­de, aus denen ich zu malen begann. Da war der Wunsch, anerkannt zu werden und dazu zu gehören. Er stand im Vordergrund. Zudem spürte ich, wie mich meine Kunst frei machte, ich während des Malens Pro­bleme vergessen oder Aggressionen – ich mag die­ses Wort nicht, aber mir fällt kein besseres ein – los­werden konnte. Ich legte in meine Bilder vieles von meiner Wut und meiner Hilflosigkeit, von meiner un­erfüllten Sucht nach Zärtlichkeit und meiner nervö­sen, überschäumen­den Phantasie. Diese Kunst half mir also auch, besser mit den Problemen meiner extremen Pubertät zu leben.

Wenn ich meine damaligen Bilder heute so emoti­onslos wie mir möglich betrachte, so leiden sie freilich unter ei­ner starken Ich-Bezogenheit und einer gera­dezu arro­ganten Überschätzung meiner Möglichkei­ten. Sie kleben als seltsame Plagiate an meinen Vor­bildern, die jetzt kei­ne Comics mehr, sondern haupt­sächlich Romantiker und Impressionisten, Nolde und Corinth, Van Gogh oder Marc kopieren. Durch diese Einengung der The­matiken meiner Bilder auf romati­sierende Darstellun­gen meines noch immer als hel­denhaft empfundenen Innenlebens und meine man­gelnden handwerklichen Fähigkeiten, die allerdings schon damals weit höher zu bewerten waren als mein Ideenreichtum, konnte nur schlechte “Kunst” entste­hen, wenn meine frühen Bilder überhaupt diesen Ti­tel tragen dürfen.

[Zum 19. Teil …]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 17)

[Zum ersten Teil]

Zweite Einleitung Der Wunsch, Erfahrenes und Er­lebtes zu bewahren, es einem haltbareren und zuver­lässigeren Medium als dem Gedächtnis und der mündlichen Überlieferung zu überlassen, es einer ei­genwilligen, schöpferischen Umwandlung zu unter­werfen, scheint mir ein Grundbedürfnis zu sein, das sich trivial etwa durch Fotografieren bei Familienfei­ern, durch Poesieal­ben und Reisesouvenirs manifes­tiert. So wird ein belie­biger Gegenstand, oft auch ein Gemeinplatz, zum Fe­tisch, einem Götzen für die alltägliche Anbetung. Auch das  Führen eines Tagebuchs hat wohl hauptsächlich diesen Zweck. Darüber hinaus ist es eine Art von Selbstbetrachtung, Besinnung, Orientierung und – in einigen Fällen – der etwas unbeholfene Ver­such, die eigene Einsam­keit zu überwinden, der Wunsch, sich selbst zu hei­len, der eigene Psychiater zu sein. Dies zwingt uns mehr unbewusst als mit Willen, Vergangenes auf diese Weise für das Morgen zu konservieren.

Viele werdende Künstler beginnen sich deshalb in ihrer Pubertät mehr oder weniger dilettantisch mit einer Kunst auszudrücken, die stark Ich-bezogen und die et­was entfremdete, allegorisierte Form eines Ta­gebuchs ist; gleichgültig, ob es sich nun um Gedichte oder Bilder oder Musik oder um die Gestaltung einer Zimmerecke handelt. Gleichzeitig, und das unter­scheidet diese Kunstversuche wesentlich von einem abgeschlossenen und in der untersten Schublade des Schreibtisches ver­steckten Tagebuchheft, benötigen sie Publikum, sind sie eine Hinwendung. Sie sind gezielt als eine Art Notsignal an Dritte gerichte , als der hilflose Versuch, die eigene Ein­samkeit und Verlorenheit in den gewaltigen Gefühls­schwankungen der Pubertät zu überwinden, Kontakt zu anderen, zu Leidensgefährten, vor allem aber auch zum sexuell bevorzugten Geschlecht zu finden.

Da einem die eigene Person, die ja höchstens larven­haft existiert, dazu nicht als das geeignete Medium er­scheint, wählt man diesen doch auch pathologischen Umweg über die Kunst, hin­ter der man sich verstecken und gleichzeitig schüchtern offenbaren und sicher sein kann, dass man nur das Beste von sich zeigt.

Ich werde im Folgenden versuchen, diesen Sachver­halt und warum er letztlich scheitern muss, am Bei­spiel mei­ner eigenen Person zu erläutern. Das ist nicht einfach, da es mir scheint, dass es, je näher man eine Person kennt, schwieriger wird, Endgülti­ges über sie zu sagen. Deshalb muss es mir zwangs­läufig bei mir selbst am Schwersten fallen, meine Be­weggründe in der gebote­nen Kürze darzustellen, ohne allzu sehr zu vereinfachen und damit zu lügen. Da ich nun allerdings über mich als einen etwa Zwölf- bis Zwanzigjährigen schreiben will, also über ein Ich, das von meinem heutigen in einiger Distanz in sich abgeschlossen und beendet liegt, hoffe ich dennoch, mir wird in aller gebotener Kürze, die ein Artikel für ein Journal einfordert, ein schlüssiges Bild dieses Ichs gelingen.

Portrait eines Pubertierenden

1. Gott und die Welt Meine äußere Situation kann sich kaum günstiger gedacht werden: Meine Eltern sind be­gütert und intelligent genug, alle Veranlagun­gen und Fähigkeiten ihres einzigen Kindes im Rah­men ihrer doch beträchtlichen Möglichkeiten und Kontakte zu för­dern. Die Behütung und Führung ist nahezu perfekt, wenn auch von einer gewissen Welt­ferne und der rosa Brille einer Achtundsechziger-Mentalität geprägt. Vie­les ist seit Jahren vorbereitet, die Wahl der Erziehungs- und Internatsanstalten ge­schieht nicht nur unter dem Gesichtspunkt der opti­malen Ausbildung, sondern stellt auch den Versuch dar, alle als negativ beurteilten Ein­flüsse zu verhin­dern. Damit das Kind aus diesem sprichwörtlichen goldenen Käfig nicht ausbrechen oder gar nur aus ihm her­aussehen kann, wird ein ausgeklügelter Zeit­plan ent­worfen, der es den ganzen Tag beschäftigt und auch in den Ferien nicht zur Ruhe kommen lässt. Die freie Zeit wird vollständig von den Eltern oder Erzie­hern verplant.

Das Kind selbst ist zumindest in den ersten Jahren füg­sam, lernbegierig und mit seiner privilegierten Rolle, die es natürlich altklug gemacht hat, einver­standen. Es sonnt sich geradezu in seiner Wichtigkeit und dem Auf­wand, der um es herum getrieben wird. Schon früh entwickelt sich in dem Knaben der Glaube, er sei bedeutender als seine Altersgenossen und auf der Welt, um Großes in ihr zu beginnen. Obwohl er mit sich selbst nur wenig anzufangen weiß, empfindet er anfangs – so weit ich das beurteilen kann – keine Einsamkeit. Man lässt ihn nur selten al­lein und seinen Spielka­meraden, die selbstverständlich von den Eltern aus­gesucht sind, ist er Führer und Dikta­tor. Er nutzt diese Rolle häufig für kleinere Grausamkei­ten gegen seine Spielgefährten.

Der am Schwierigsten zu erklärende Teil seiner Psy­che ist seine wachsende, exzessive Religiosität, die fa­tal ei­nem Messiaswahn zu ähneln beginnt. Da seine Eltern al­les andere als religiös sind, ist diese Prägung wahr­scheinlich den kirchlichen Internatsschulen, die er be­sucht hat, zu verdanken. Selbstverständlich hat er für seine eigene Religion nur die autoritären und faschisti­schen Züge des Katholizismus übernommen, ansonsten ist er wie alle Kinder in seinem Alter der perfekte Pan­theist. Um für meine Zwecke ein Diktum Dostojewskijs leicht abzuwandeln: Religion ohne Gott das Schlimmste, sie kann sich bis zur größten Unsitt­lichkeit verirren.

Der Knabe entwickelt die Auffassung, dass Gott we­gen der Bedeutung, die Er ihm verliehen hat, Bußen von ihm verlangt. Diese nimmt er heimlich auf sich und sie haben viel mit den Selbstgeißelungen mittel­alterlicher Mystiker gemein. Sie sind ihm seine heimliche, uneingestandene Dro­ge: Sie erzeu­gen Rauschzustände und machen ihn süchtig. Er steckt etwa seinen Kopf so lange in ein mit Wasser gefülltes Waschbecken, bis er ohnmächtig wird und beinahe er­stickt, er fastet tagelang, indem er hinter dem Rücken der Eltern oder Erzieher sein gerade eingenommenes Essen wieder erbricht. Er brennt Warzen an seinen Fin­gern mit einer Kerzen­flamme aus oder setzt mit einer entwendeten Rasierklinge des Vaters auf die Unterseite seiner Schenkel blutige Schnitte.. Gleichzeitig betet er den ganzen Tag, lange Stücke der Psalmen oder des Katechismus auswendig hersagend. Während seines zwölften und seines dreizehnten Le­bensjahres ist sein einziger freiwilliger Lesestoff die Bibel, vorzüglich ihm dunkle Texte wie Hiob, Jesaia, Prediger oder Apoka­lypse – im Nachhinein kann ich von Glück für meine heutige geistige Gesundheit reden, dass die Eltern keine Ausgabe der gnostischen Apokry­phen besaßen. Bei seinen Lektüren gerät der Kna­be re­gelmäßig in einen Zustand rauschhafter geisti­ger und körperlicher Verzückung und bevor das andere Ge­schlecht in den Mittelpunkt seines sexuellen Interes­ses gerät, hat er seine Ergüsse zu den Texten und den Abbildungen der Bibelausgabe seiner Eltern, vorzüg­lich zu der Kopie von Mantegnas dramatischer Be­weinung des toten Christus.

Die psychologischen Gründe für sein Verhalten sind vielschichtig und hier in ihrer Komplexität unmöglich darzulegen, ohne den Rahmen des Aufsatzes zu spren­gen. Wichtig sind zusammengefasst zum einen Erlebnisse aus der frühes­ten Kindheit, dann seine fast krankhafte, si­cherlich neu­rotische Übersensibilität für Vorgänge und hysterische Gefühlsschwankungen, beide lassen sich ebenfalls auf das Kind zurückführen, das er war.

Religionsbedingt hält er seine Masturbationen lange für widernatürlich und sündhaft. Er ist überzeugt, er wäre in seiner Umgebung der ein­zige jun­ge Mensch mit diesem bösen Laster; bis ihn dann Ge­spräche unter den Mitschülern vom Ge­genteil überzeu­gen. Dennoch glaubt er weiterhin, dass er, der von Gott Bevorzugte, der sich manchmal ernsthaft fragt, ob er nicht der neue Christus sei, die­se schlechte Angewohn­heit ablegen müsse, um wirk­lich rein zu werden und Wunder vollbringen zu kön­nen. Seine schulischen Leis­tungen lassen unter die­sem sich selbst gestellten Druck nach, da das Zen­trum seines Lebens nur noch seine schamvolle nächt­liche Gewohnheit und seine seltsamen Bußen für sie sind.

Dann entdeckt er im wohlsortierten, aber ihm verbo­tenen Bücherschrank seines Vaters ein dickes, zwei­bändiges Werk, dessen schweinslederner Rücken den Titel Schuld und Sühne trägt und ihm damit genau auf seine eige­ne Situation hinzuweisen scheint. Und der Roman ist ihm tatsächlich eine Art von Offenbarung. Obwohl er ihn in kürzester Zeit liest – wie so vieles, tut er das heimlich –, ficht er einen Kampf mit dem Buch: Seine Identifikation mit Raskolnikoff, diesem hervorgehobe­nen Einzelmenschen und Nietzscheaner, der sich so be­sonders wähnt, dass er über den Tod und das Leben an­derer Menschen entscheidet, tat­sächlich aber der Ver­antwortung für seine Taten nicht entfliehen kann, diese Identifikation ist restlos. Gemeinsam mit der Romanfi­gur wird er krank und durch ein nervöses Fieber, zu dem sich dann eitrige Angina gesellt, mehrere Wochen ans Bett gefesselt.

In dieser Zeit nimmt seine Liebe zur Literatur ihren Anfang, eine Liebe, deren Inhalte sich zwar än­dern werden, nicht aber ihre Bedeutung für sein Leben. In der ers­ten Zeit versucht er, das Offenbarungserlebnis zu wiederholen, doch außer dem Beginn der Brüder Ka­ramasoff langweilen ihn die anderen Werke Dosto­jewskijs, die er sich besorgen kann. Er kommt nie über die ersten hundert Seiten hinaus. Dann liest er auf Anraten eines Schulkameraden etwas seinem Al­ter entsprechen­deres, nämlich Siddartha und gleich darauf den Steppenwolf von Hesse, und dieser Autor gibt ihm für lange Zeit genau das, was er will: Reisen in den inneren, zerrissenen Kosmos voll von über­schwänglichen Gefühlen und Selbst­mitleid; Seelenreisen, die diesen mittelmäßigen und indophilen Mystiker und hundertfünfzig Jahre zu spät geborenen Romanti­kers für Jugendliche so interes­sant machen und der deshalb von jeder Generation aufs Neue entdeckt wird. Bei dieser Lektüre spürt er zum ersten Mal, er könnte den Charakter eines Künstlers haben. Außer dem megalomanen und erzlangweiligen Glasperlenspiel liest er auch die anderen Werke Hesses.

Weiter sind es hauptsächlich E. A. Poe, André Gide und, sehr heimlich, Henry Miller, die nun seine Welt­sicht bestimmen. Seine wütende Religiosität ver­schwindet schlagartig, ebenso für eine Weile seine körperlichen Bußen; er hat sich zwar noch lange nicht mit seinem schuld- und fehlerbeladenen Ich versöhnt und ist noch immer voller Selbstvorwürfe, aber er benötigt jetzt nicht mehr die verwaschenen Konstruktionen Gott und Religion, um sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

[Zum 18. Teil …]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 16)

[Zum ersten Teil]

Die kritischen Blicke von Nix, die ich bohrend in mei­nem Rücken fühlte, halfen mir auch nicht eben, weiter­zukommen. Auf der anderen Seite konnte ich ihn schlecht verscheuchen. Denn ich nahm an, sein Besuch bei mir stellte doch wahrscheinlich ein Friedensangebot dar. Da ich keinen Streit mehr mit ihm wollte, war ich gerne bereit, es anzunehmen. Ich wartete auf ein einlei­tendes, vielleicht entschuldigendes Wort von ihm. Doch seit seiner etwas spät gekommenen Fra­ge, ob er denn störe, blieb er stumm. Nach einer Weile empfand ich dieses Schweigen wie eine Mauer zwi­schen uns. Es war ein Zustand, der mich immer unruhi­ger machte.

Schließlich legte ich die Kreide beiseite, klopfte meine Hände aus und wandte mich zu ihm, fragte ihn, was ich für ihn tun könne. Er betrachtete mich nachdenklich, während er mit einem schmalen Metallblättchen zwi­schen seinen Fingern spielte, das ich auf den dritten Blick als eine Rasierklinge erkannte. Hatte er sie vom Tisch aufgehoben, auf dem einige spitze Gegenstände lagen, mit denen einer meiner Kollegen seine informel­len Leinwände malträtierte? Oder hatte er sie etwa mitge­bracht?

»Ich wünsche, ich könnte so unbedarft malen wie du«, stellte Nix schließlich nach einer endlosen Pause fest, in der er mich sehr abschätzend beobachtet hatte. »Einfach frei von der Leber weg, ohne Ideologie, aus dem Bauch heraus. Kennst du Rainald Goetz?«, fragte er zusam­menhanglos. Ich schüttelte den Kopf. Er hob die Rasier­klinge, die er jetzt zwischen Daumen und Mittelfinger hielt und leicht in der Mitte durchdrückte.

»Das ist ein Schriftsteller. Inzwischen gut situiert und langweilig. Dem Rave verfallen. Aber früher, da war er noch jung und zornig. Er hat sich mal während einer Lesung aus seinen Texten mit so etwas die Stirn aufge­schnitten.« Er seufzte. »Alle guten Ideen waren schon einmal da, nicht wahr?«

Bedächtig hob er die Rasier­klinge an seine Stirn. Ich öffnete erschrocken den Mund, aber er winkte sofort ab und ließ mich nicht zu Wort kommen.

»Das war bei den Ausscheidungen zum Ingeborg-Bach­mann-Preis in Klagenfurt, wird fünfzehn Jahre her sein. Jeder liest da sein unbedarftes Geschichtchen vor und wird anschließend von der Jury mit Genuss verrissen. Sogar das Fernsehen ist dabei. Was für eine herrliche Publicity! Goetz hat laut und langsam gelesen und da­bei seine Hand mit der Klinge über die Stirn bewegt; das Blut rann ihm über das Gesicht, das Kinn hinunter, tropfte auf den kleinen Tisch, hinter dem er saß. Du musst dir das vorstellen: Links und rechts war die Jury, darunter auch Marcel Reich-Ranicki, viel Publikum im Saal und keiner unterbrach ihn bei seiner Tat, alle lauschten sie konzentriert auf seinen Text, in dem er er­läuterte, warum er das tat. Das war eine perfekte und geistreiche Handlung von ihm und ich liebe Goetz da­für. Ich habe keine Ahnung, wie man das noch verbes­sern könnte.« Er lachte und steckte zu meiner Erleichte­rung die Rasierklinge in eine Tasche seines Jacketts.

»Hat er denn den Preis gewonnen?«, fragte ich.

»Selbstverständlich nicht, was denkst denn du?« Eine weitere Pause entstand.

»Warum hast du mir das erzählt?«

»Ich weiß nicht genau, ich habe eben daran denken müssen,« antwortete er. »Ich bin eigentlich zu dir ge­kommen, um dir etwas zum Lesen zu geben. Hast du jetzt Zeit und Lust darauf?«

Ich sah erstaunt auf die Blätter, die er wieder in die Hand nahm und mir reichte. Dabei entdeckte er die Far­be an seinem Ärmel, aber sie schien ihm nichts weiter auszumachen. Es waren vier oder fünf Seiten, eng mit der Hand beschrieben. Ich nahm sie sehr skeptisch ent­gegen.

»Ich weiß nicht recht …«, zögerte ich. »Was ist das denn? Bist du jetzt auch unter die Schriftsteller gegangen?«

Nix schüttelte ernst den Kopf. »Das ist ein Entwurf für einen Aufsatz über meine Kunst, zumindest ein wichti­ger Teil davon. Ein Münchner Stadtmagazin hat mich darum gebeten. Ich habe ihn fast fertig, aber ich weiß nicht, ob er etwas taugt. Es war das erste Mal, dass ich mich an so etwas gewagt habe. Deshalb wäre ich dir dankbar, wenn du es liest.«

»Warum ausgerechnet ich? Hatten wir nicht schon ge­nug Ärger?«, fragte ich, obwohl ich sofort Interesse an seinem Text hatte.

»Das ist genau der Grund. Du bist mein härtester Kriti­ker. Ich denke, dein Artikel war auf irgendeine Weise … Wenn ich ausgeglichener wäre, müsste ich zugeben …« Er zögerte. »Egal, da wir also keine Sympathie, aber doch, wie ich denke, einigen Respekt voreinander ha­ben, glaube ich, du könntest den Aufsatz ehrlich und ohne falsche Rücksicht begutachten.«

Seine Meinung schmeichelte mir. Trotzdem fühlte ich mich unbehaglich.

»Du weißt, ich arbeite nicht mehr als Journalist und du bist daran nicht schuldlos. Glaubst du wirklich, ich könnte bei dir objektiv sein?«

»Das ist eh nur ein Märchen mit der Objektivität. Wenn ich das Wort schon höre! Objektivität. Es ist ein Lieblingsaus­druck meines Onkels. Objektivität gibt es genauso we­nig wie Toleranz. Das sind Schlaftabletten wie die Reli­gion. Die haben Herrscher erfunden, damit ihnen das Volk nicht so leicht auf die Schliche kommt. Lies jetzt!«, forderte er mich unwillig auf. Gehorsam setzte ich mich auf den wackligen Tisch und begann zu lesen.

Obgleich der Text von Nix nie erschienen ist, habe ich an dieser Stelle durch die Hilfe von Theresa die Mög­lichkeit, jenen Aufsatz, den er mir zu lesen gab, folgen zu lassen – zumindest den Teil, der sich auffinden ließ. Leider fehlt der Schluss, den ich aus dem Gedächtnis rekonstruieren werde. Das ist jetzt nicht gerade literarisch, aber ich unterbreche an dieser Stelle den Fluss meiner Erzählung, weil ich glaube, dass der Text wie kein anderes Doku­ment dazu geeignet ist, ein Bild seiner schwierigen Persönlichkeit zu geben und warum er so wurde, wie er war.

Jonas kommt hier einmal selbst zu Wort.

*

WAS ICH WILL. WAS IHR WOLLT.
Aufsatz zur Kunst

Da alle meine Leidenschaften, alle meine Gläubig­keit
mich betrogen haben, da alle meine Träume zerstie­ben,
muss ich mir meine Leidenschaften selbst erschaffen
und ich habe die Kunst gewählt.
Honoré Balzac

Erste Einleitung Es mangelt mir an philosophischer und psychologischer Schulung außer der, die ich durch meine Sinnesorgane in meinem täglichen Le­ben aufneh­me. Ich verstehe mich als bildender Künstler und nicht als bedeutender Denker. Ohne Zweifel sind meine sprachlichen Fähigkeiten, in ers­ter Linie ein hier viel­leicht notwendiger wissenschaft­licher Wortschatz, die ein Aufsatz wie dieser wahr­scheinlich benötigt, be­grenzt. Zudem ist es nicht allzu gut um die Schärfe und Tiefe meiner Gedanken be­stellt, da ich weder bemer­kenswert intelligent, noch allzu fleißig bin. Insofern stellt sich freilich die Frage nach dem Sinn dieses Auf­satzes, der, mit einer Aus­nahme, nichts Neues und das nicht einmal besonders originell zu berichten weiß. So­fern die in Aussicht ge­stellte gute Bezahlung nicht schon Grund genug ist, ihn trotzdem zu schreiben (non olet!), dann ist es jene erwähnte Ausnahme, nämlich die, dass ich aufgefor­dert wurde, von mir und meiner Kunstauffassung zu schreiben. Das ist mir wichtig und hilft mir nicht zu­letzt selbst, eine klare Antwort zu fin­den. Adorno, glaube ich, hat gesagt, nur ein Kunst­werk, das eine eigene Theorie besäße, sei im Wortsinn auch ei­nes.

Doch ich denke, dies war für den Anfang genug an gut sozialistischer Selbsterkenntnis … und, selbstver­ständlich, auch selbstverliebter Koketterie.

Zweite Einleitung Der Wunsch, Erfahrenes und Er­lebtes zu bewahren, es einem haltbareren und zuver­lässigeren Medium als dem Gedächtnis und der mündlichen Überlieferung zu überlassen, es einer ei­genwilligen, schöpferischen Umwandlung zu unter­werfen, scheint mir ein Grundbedürfnis zu sein, das sich trivial etwa durch Fotografieren bei Familienfei­ern, durch Poesieal­ben und Reisesouvenirs manifes­tiert. So wird ein belie­biger Gegenstand, oft auch ein Gemeinplatz, zum Fe­tisch, einem Götzen für die alltägliche Anbetung. Auch das  Führen eines Tagebuchs hat wohl hauptsächlich diesen Zweck. Darüber hinaus ist es eine Art von Selbstbetrachtung, Besinnung, Orientierung und – in einigen Fällen – der etwas unbeholfene Ver­such, die eigene Einsam­keit zu überwinden, der Wunsch, sich selbst zu hei­len, der eigene Psychiater zu sein. Dies zwingt uns mehr unbewusst als mit Willen, Vergangenes auf diese Weise für das Morgen zu konservieren.

Viele werdende Künstler beginnen sich deshalb in ihrer Pubertät mehr oder weniger dilettantisch mit einer Kunst auszudrücken, die stark Ich-bezogen und die et­was entfremdete, allegorisierte Form eines Ta­gebuchs ist; gleichgültig, ob es sich nun um Gedichte oder Bilder oder Musik oder um die Gestaltung einer Zimmerecke handelt. Gleichzeitig, und das unter­scheidet diese Kunstversuche wesentlich von einem abgeschlossenen und in der untersten Schublade des Schreibtisches ver­steckten Tagebuchheft, benötigen sie Publikum, sind sie eine Hinwendung. Sie sind gezielt an Dritte gerichtet als eine Art Notsignal, als der hilflose Versuch, die eigene Ein­samkeit und Verlorenheit in den gewaltigen Gefühls­schwankungen der Pubertät zu überwinden, Kontakt zu anderen, zu Leidensgefährten, vor allem aber auch zum sexuell bevorzugten Geschlecht zu finden.

Da einem die eigene Person, die ja höchstens larven­haft existiert, dazu nicht als das geeignete Medium er­scheint, wählt man diesen doch auch pathologischen Umweg über die Kunst, hin­ter der man sich verstecken und gleichzeitig schüchtern offenbaren und doch sicher sein kann, dass man nur das Beste von sich zeigt.

Ich werde im Folgenden versuchen, diesen Sachver­halt und warum er letztlich scheitern muss, am Bei­spiel mei­ner eigenen Person zu erläutern. Das ist nicht einfach, da es mir scheint, dass es, je näher man eine Person kennt, schwieriger wird, Endgülti­ges über sie zu sagen. Deshalb muss es mir zwangs­läufig bei mir selbst am Schwersten fallen, meine Be­weggründe in der gebote­nen Kürze darzustellen, ohne allzu sehr zu vereinfachen und damit zu lügen. Da ich nun allerdings über mich als einen etwa Zwölf- bis Zwanzigjährigen schreiben will, also über ein Ich, das von meinem heutigen in einiger Distanz in sich abgeschlossen und beendet liegt, hoffe ich dennoch, dass mir ein schlüssiges Bild dieses Ichs gelingen mag.

[Zum 17. Teil …]

Ein Kommentar

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