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Die Geschichte geht weiter: „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – TEIL 2“

Was bin ich doch für ein fleißiges Kerlchen!

Die Jagd nach dem geheimnisvollen Buch der Bücher geht weiter!

Während der Schriftsteller Nikolaus Klammer verzweifelt versucht, seine verschwundene und vielleicht auch von finsteren Mächten entführte Tochter Isa zu finden und endlich in Rom eine Spur von ihr zu entdecken glaubt, hat sich das schwarze Buch erneut verändert, das man ihm  in einer von einem Tag auf den anderen verschwundenen Buchhandlung unter mysteriösen Umständen zugespielt hat.

Diesmal erzählt ihm das Buch die Geschichte von Sebastian Kerr, des Großvaters des Autors, der in den letzten Tagen der Weimarer Republik im vergnügungssüchtigen und brandgefährlichen Berlin der gegen eine Geheimorganisation kämpfen muss, die offenbar auch in der Gegenwart Klammer und seine Familie bedroht. Es sind die „Hyänen von Berlin“.

Wird Klammer die unglaubliche Verschwörung um die im Dschungel des Amazonas verschollene Ärztin Elena Kuiper und ihre eingeborene Freundin Lokwi aufdecken können? Und was hat es mit diesem merkwürdigen Pentagramm-Symbol auf sich, dem er überall begegnet?

Auch im zweiten Teil seiner „Trilogie in 5 Teilen“ gelingt es dem Autor, ein überaus spannendes und auch humorvolle Garn zu spinnen, das nahtlos an den ersten Teil anschließt und den Leser viele Stunden zu fesseln vermag.

In dieser Woche ist mein neues Buch erschienen:

TEIL 2
DIE HYÄNEN VON BERLIN
230 Seiten, illustriert
ISBN: 978 3 745 01918 6
überall als Taschenbuch und als günstiges E-Book erhältlich

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„Noch einmal davon gekommen“ – Leseprobe II

Das Lied des Weckers

Wir haben es also gesehen: An den Wochentagen, an denen ich vor 06:00 Uhr aufstehen muss, herrscht Ausnahmezustand und wenn ich mich nicht am Griff meiner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich beim Frühstücken vom Stuhl. Der frühe Morgen zwingt mich also zu widernatürlichen, abartigen Handlungen, die meiner ganzen Persönlichkeit, meiner Weltanschauung und meiner Ethik widerspricht. Da ich gerne mit meiner humanistischen Bildung angebe, will ich es mit den Worten meines geschätzten Kollegen Torquato Tasso sagen, die ihm Goethe im gleichnamigen Drama in den Mund gelegt hat:

So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja, zu sein, wie jene, die wir kühn und stolz verachten konnten.

Deshalb habe ich mich entschlossen, an diesen Frühaufsteh-Tagen nicht mehr zu schreiben. Die Weltkultur und die Menschheit im Allgemeinen werden es wahrscheinlich überleben, wenn ich ein- oder zweimal in der Woche nicht blogge, nicht an meinen, ach, so bedeutenden Romanen und essayistischen Ergüssen schrei­be – und übrigens halb schlafwandelnd auch in der Arbeit nur Mist mache.

Meine Sorge ist eine ganz andere: Es ist das pünktliche Aufwachen, um rechtzeitig in der Arbeit zu sein. Ich bin im Besitz einer gut funktionierenden inneren Uhr, aber gerade in den frühen Morgenstunden versagt sie gerne. Die wunderbare Frau Klammerle (meine liebe, treusorgende und geduldige Gattin, die ich nun zum ersten, aber bestimmt nicht zum letzten Mal auf diesen Seiten erwähne), die als pflichteifrige Kran­kenschwester jeden Tag zu den unmöglichsten Zeiten aufstehen muss, mal vor 05:00 Uhr zum Frühdienst, am nächsten Tag zum Spätdienst, dann zum Zwischen­dienst, und anschließend mal wieder still vergnügt ein paar Nächte lang durcharbeitet, bringt freilich absolut kein Verständ­nis für mein oben geschildertes Problem auf1.

Es geht ihr auch viel schlimmer als mir: Obwohl sie noch nie zu spät zur Arbeit kam, ist sie anerkannte Weltmeisterin im Tief­-, Lang- und Vor-dem-Fernseher-Schlafen und steht als solche auch unangefochten im Guinnessbuch der Rekorde. Ach, wie oft fiel ihr schon ein dicker Frauenroman beim Lesen im Bett nach der ersten schmalzigen Seite aus der ermüdeten Hand und aufs Gesicht!2

Daher brauchen wir beide dringend jeder persönlich einen eigenen Wecker auf dem Nachttisch mit den privaten, täglich wech­selnden Weckzeiten. Und damit beginnt das eigentliche Ärgernis und zwar nicht nur Freitags oder Montags, sondern jeden dum­men Alltagsmorgen, den uns der Herr in seiner grenzen­losen Güte noch schenken will, bis wir einstmals das Rentenalter erreichen.

*

Es folgen nun ein paar Auszüge aus dem Tagebuch der Familie Klammer:

Montag, 11. September 20**,
04:43 Uhr morgens

Ruhe herrscht im Hause Klammer, alles schläft. Allein Amy, die Katze3, hebt einmal kurz ihren Kopf von ihrer Ruhedecke zu den Füßen von Frau Klammerle. Das treue Tier öffnet nicht einmal die Augen, schnuppert nur einmal in die Luft, lauscht den gleichmäßigen Atemzügen, die von der rechten Bettseite etwas lauter rasseln. Amy, die Katze, hat ein gutes Ge­fühl für Stimmungen. Sie weiß, es liegt etwas in der Luft. Trotzdem schmiegt sie sich wieder in ihre ausge­streckten Pfoten und lächelt im Katzenschlummer.

Der digitale Funkwecker von Frau Klammerle ist auf die Weckzeit von 04:45 Uhr eingestellt, sie hat Früh­dienst. Mein Wecker, ebenfalls eines dieser digitalen Teile, die einem die Supermärkte, Drogerien und Kaffee­geschäfte billig hinterher schmeißen, soll erst eine Stun­de später läuten, immer noch zu früh, aber immerhin kann ich ja noch eine ganze Stunde schlafen. Noch 2 Mi­nuten, bis das Schicksal zuschlägt …

Frau Klammerles Uhr erreicht den Weck-Zeitpunkt. An­statt enervierend zu piepsen, knackt sie nur kurz. Ein leises Geräusch, das außer der Katze, die es nicht weiter interessiert, von niemandem gehört wird. Das Ehepaar Klammerle ruht ungestört weiter. Amy, die Katze, hat jedoch eine perfekt funktionierende innere Uhr, weshalb sie fünfzehn Minuten später Appetit auf einen kleinen Früh­stückssnack bekommt. Deshalb erhebt sie sich aus ihrer Decke, reckt und streckt sich, gähnt einmal herzhaft und trottet gemütlich hinauf zum Kopfende, wo Frau Klammerle noch immer von angenehmen und wie üblich vollkommen harmlosen Dingen träumt. Amys Weckmethode ist etwas weniger subtil als das knappe Klacken des kaputten Weckers: Sie schlägt ihr mit der Pfote auf die Nase und ruft auf kätzisch:

Guten Morgen- ich habe Hunger!“, was sich ungefähr wie „Brr – mau!“, anhört.

Frau Klammerle steht im Bett, ihr Herz pocht. Ein Blick auf ihren Wecker zeigt ihr, dass sie viel zu spät dran ist. Mit einem Auf­schrei stürzt sie ins Bad, ohne sich weiter um die Katze zu kümmern. Diese ist nur kurz beleidigt, dann ent­scheidet sie, dass es ja noch einen zweiten Menschen gibt, der sie zu ihrem Fressnapf geleiten und denselben mit Trockenfutter und Leckerli füllen kann. Auch ich werde mit einem liebevoll kräftigen Schlag auf die Nase ge­weckt.

Brr – mau!“

Und bin deshalb eine Stunde zu früh wach. Eine Entscheidung muss her.

Morgen kaufe ich für Frau Klammerle einen neu­en Wecker beim Billigdrogeriemarkt im Dorf. Die alte Uhr, die zwar immer noch – von einer Atomuhr funkgesteuert – sekundengenau die Zeit anzeigt, aber eben nicht mehr weckt, landet in mei­nem Arbeitszimmer. Einen Nachmittag lang beschäftige ich mich, Frau Klammerle zu erklären, wie der neue Wecker funktioniert. Einstellen der Alarmzeit, Schlummertaste usw. Warum sind diese Tasten bei Funkuhren immer so klein und fummelig, so ungünstig wie möglich hinten am Gerät angebracht und warum muss man mindestens zweimal konzentriert drücken, um den Wecker auszuschalten? Da muss Methode dahinter sein …

*

Montag, 18. September 20**,
04:45 Uhr morgens

Wieder hat Frau Klammerle Frühdienst. Und der neue Wecker funktioniert! Ein unerträglich lautes Piepsen er­tönt. Amy, die Katze, flüchtet unter das Bett, auf dem Herr und Frau Klammerle mit pochenden Herzen stehen. Frau Klammerle schnappt sich das plärrende Teil.

Wie schal­tet man das Ding aus?“, ruft sie verzweifelt und drückt alle Tasten, die auf der Rückseite sind. Tatsächlich herrscht plötzlich Ruhe. Sie stellt den Wecker zufrieden zurück aufs Nachtkästchen und trollt sich ins Bad. Nachdem sich mein Puls wieder beruhigt hat, sinke ich zurück in meine warmen Kissen, ich darf ja noch eine Stunde schlafen. Ein wunderbarer Traum muss noch weiter geträumt werden und tatsächlich gelingt mir das seltene Kunststück, wieder in ihn hinein zu finden und tiefer ins Wunderland zu fliegen. Da geht Frau Klam­merles Wecker erneut los. Ich schrecke hoch, schnappe mir das Teil und drücke alle Tasten, die auf der Rücksei­te sind. Mir gelingt es nicht, die richtige, die den Lärm stoppt, zu finden. Also entferne ich die Batterien. Ruhe. Aber jetzt sind Schlaf und wunderbarer Traum endgül­tig geflohen und ich liege eine Stunde wach, bis meine treue Uhr sich pflichtbewusst meldet.

Am nächsten Tag landet der Wecker, der zwar funktio­niert, aber für uns viel zu kompliziert ist, in einer Schublade im Arbeitszimmer, wo er weiterhin ab 04:45 Uhr morgens zehn Minuten lang vor sich hin plärrt, aber niemanden mehr stört.

*

Montag, 25. September 20**,
04:45 Uhr morgens

Nein, du kaufst heute keinen neuen Wecker. Ich habe eine bessere Idee“, erklärte mir vorgestern meine Frau, als ich mich beim Einkaufen in der Uhrenabteilung herum trieb.

Denn sie hat eben mit der Post ihr neues Smartphone erhalten und spielt verliebt mit dem komplexen Gerät, dessen Funktio­nen sie niemals alle verstehen wird und wohl auch nicht will. Aber das mit der Weckfunktion hat sie sich genauestens vom technikaffinen Sohn Nr. 24 erklären und vorführen las­sen. Als Erzieher für verhaltensauffällige Jugendliche kennt er die besten Lern­methoden und hat seine Mutter diese App auch einmal selbst ausprobie­ren lassen. Sie stellt mit ihm gemeinsam die Weckzeit ein, sucht sich einen besonders ätzenden Weckton – Harry Belafonte, Banana Boat Song – aus und schlummert nun gelassen ihrem Frühdienst entge­gen.

Day-o, day-o! Daylight come and me wan‘ go home …“

Das Smartphone ist pünktlich und macht seine Arbeit. Amy, die Katze, flüchtet un­ters Bett, Herr und Frau Klammer stehen mit pochen­dem Herzschlag in ihrem Bett. Freilich lässt sich auch dieses Gerät nicht so einfach ausschalten, der Touch­screen mit seinen winzigen Icons ist für frühmorgend­lich tastende, noch bettwarme Finger zu klein und irgendwie hat Frau Klammerle auch wieder vergessen, wie das Ausschalten des Alarms funktioniert. Gestern ging es doch noch so einfach!

Doch dann schweigt das Teil plötz­lich. Sie nimmt vorsorglich ihr Telefon mit hinaus, schließt fürsorglich die Schlafzimmertür und legt das Handy in den Gang, stellt sich erst einmal zur Beruhigung unter die Dusche. Ich sinke zurück in meine Pfühle, schlafe wieder ein. Von draußen dringt erneut Harry Belafonte an mein Ohr, langsam lauter und drohender werdend.

Day-o, day-o!“

Ich kann das nicht mehr ignorieren: Offensichtlich ist es eine Funktion der „Weck-App“, nach einer Weile noch einmal loszuplärren. Verzweifelt renne ich also hinaus in den Gang, wo ich blind nach dem sich noch immer stei­gernden Lärm taste. Dann halte ich endlich dieses Gerät in der Hand und kann nicht einmal den Bildschirm akti­vieren.

Come, Mister tally man, tally me banana!“

Brr – mau!“ Die Katze schmeichelt klagend um meine Beine, überrascht, dass ich schon jetzt aufgestanden bin, um sie zu füttern. Frau Klammerle hört nichts. Sie duscht ja hinter verschlossener Tür und hat Shampoo in den Oh­ren.

Endlich tapst ein verschlafener Sohn Nr. 2 von seinem Zimmer im Dachjuchhe5 herunter, entreißt mir wortlos das Smartphone und schaltet es mit einem Fingerwischen ab. Mit strafendem Blick drückt er mir das Ge­rät wieder in die Hand. Dann stapft er spürbar angefressen zurück in sein Reich.

Und wieder bin ich eine Stunde vor meinem geplanten Aufstehen hellwach. Meine Frau singt weiterhin unter der Dusche.

Come, Mister tally man, tally me banana!“

*

Sonntag, 07. Oktober bis Montag, 08. Oktober 20**,
eine
ganze, lange Nacht

Also die Idee mit dem Smartphone war nicht direkt überzeugend“, argumentierte ich gestern, am Ruhe-vor-dem-Sturm-Samstag. Frau Klammerle zuckte mit den Schultern.

Schnickschnack! Die Tastfelder sind einfach zu fummelig“, gab sie den­noch zu. Politik beherrscht sie wie die Kanzlerin: Dem Gegner in Kleinigkeiten Recht geben, aber in der Sache festbleiben.

Doch ich habe die ideale Lösung gefunden: Ich werde ab jetzt deinen Wecker benutzen. Der ist einfach zu bedienen und überhaupt: Eigentlich war er ursprünglich mal meiner.“

Damit hat sie recht. Argumentativ ist sie mir immer ei­nen Schritt voraus. Früher hatte ich einen Radiowecker, der mich entweder mit hysterisch munterem Morgenge­quassel (siehe oben) oder mit dem ersten Lied einer in ihn ein­gelegten CD weckte. Nachdem er mich zum 264. Mal mit Come on up to the house von Tom Waits geweckt hatte, flog er an die Schlafzimmerwand und genießt seine Rente in meinem Arbeitszimmer. Ich erbte dann die ausgediente Funkuhr meiner Frau, als sie sich die todschicke neue kaufte, die dann vor zwei Wochen plötzlich versagte.

Aber du hast ihn mir vor vier Jahren gegeben, weil du dir einen viel besseren gekauft hast!“, wehre ich mich, obwohl mir klar ist, dass ich schon verloren habe.

Und dann habe ich doch keinen Wecker mehr! Ich muss montags schließ­lich auch wahnsinnig früh raus!“

Schnickschnack! Mein Wecker ist kaputt, also nehme ich meinen alten wieder zurück. Du brauchst doch gar keinen Wecker, du bist doch eh schon immer wach. Oder du stellst ihn dann noch einmal – ganz einfach.“

Aber ich bin doch nur wach, weil du mich weckst! Aber weißt du was? Ein echter Mann weiß, wann er verloren hat. Nimm ruhig meinen alten Wecker. Ich werde mir jetzt einen tollen neuen kaufen.“

Und tatsächlich gab es einen im Sonderangebot beim Kaffeegeschäft unseres Vertrauens, wohin mich mein Weg eh führte, weil Frau Klammerle gerade in die expe­rimentelle Phase der Erprobung ihres in der letzten Woche frisch erworbenen neuen Kaffeevollautomaten eingetreten ist und entsprechende Men­gen an Bohnen verbraucht, um die ideale Röstung für die Maschine zu finden.

Nachdem ich acht (!) Batterien eingelegt und die zwanzigseitige Bedienungsanleitung für meine neue, exquisite Uhr studiert hatte, fand ich tatsächlich auf der Rückseite meines Weckers mehrere eng beieinander liegende, klapp­rige Plastiktasten, mit denen ich nach einigen Fehlver­suchen den Alarm programmieren konnte6. Ich stellte die Weckzeit voller Hoffnung auf 06:00 Uhr morgens ein. Ein Mann und sein Wecker. Dieses Mal würde alles gut werden. Aufgeregt ging ich schon um 22:00 Uhr ins Bett, nachdem ich unbedingt noch ei­nen frisch aufgebrühten Espresso doppio aus dem wunderbaren neuen Vollautomaten mei­ner Frau testen musste.

Irgendwann in der Nacht kratzte Amy, die Katze, am Balkon­fenster (ich weiß immer noch nicht, wie sie es jede Nacht schafft, da hoch zu kommen) und ich suchte mit müden Fingern nach meiner Neuerwerbung, fand nach einigem Tasten auch den Licht­knopf, der sich als einziger oben am Gerät befindet. Ich öffnete die Augen ein wenig und drückte.

Eine grelle Lichtkaskade überflutete das Schlafzimmer; mir war, als läge ich im Schlafzimmer mit Scarlett Johansson im Bett7 und zwanzig Paparazzis fotografierten gleichzeitig durch das Balkonfenster herein. Von Blickfeld meines außerordentlich neugierigen Nachbarn von gegenüber muss­te es aussehen, als würde jemand eine Blendgranate neben mei­nem Bett zünden. Entsetzlich! Ich hatte ins Antlitz der Medusa ge­blickt, fiel versteinert zurück aufs Kissen und kniff die schmerzenden Augen zu­sammen. Und dort, auf der Rückseite meiner Lider, konnte ich tatsächlich die Uhrzeit ablesen, als bunt leuchtendes Negativbild zwischen platzenden Plasma­ringen: 02:53 Uhr! Frau Klammerle war übrigens nicht einmal wach geworden.

Der geblendete Michael Strogoff tastete sich aus dem Bett und ließ die Katze herein, die durch das Blitzlicht eben­falls recht desorientiert wirkte und über den Tep­pich stolperte. Aber bald darauf legte sie sich auf ihr Handtuch zu den Füßen meiner Frau. Und auch ich fand zurück in meine Ruhe­stätte, nicht ohne mir dabei schmerzhaft das Schienbein am niedrigen Holzrahmen unseres alten Futonbetts aufzuschlagen.

Dann lag ich wach. Ich traute mich nicht mehr, noch einmal den Halogenstrahler an meiner Uhr einzu­schalten, den ich morgen dem TSV Diedorf als Stadion­flutlicht verkaufen werde. Ich starrte an die Decke, wo noch immer lustige Farbflecken und bunte Zahlen tanzten. Offenbar wirk­te jetzt endlich auch die winzige Tasse Espresso …

Später schlief ich doch noch ein. Nein, meine Neuanschaf­fung8, deren eigentliche Berufung es offenbar war, eine kleine Sonne zu imitieren, hat morgens um 06:00 Uhr nicht geläutet. Ihr Alarm funktionierte nicht, wahrscheinlich verbrauchte das Licht zu viel Strom. Mich weckte auch nicht der sanfte Alarm des Weckers meiner Frau, der einmal der meine gewesen war. Mit einer lässigen Handbewegung schalte­te sie ihn aus und trat leise aus dem Zimmer, duschte und zog sich an. Das bekam ich aber alles nicht mit …

Dann allerdings bricht die Hölle los: Frau Klammerle hat unten in der Küche ihre neue Kaffeemaschine eingeschaltet. Sie rauscht, rattert, zermahlt, reinigt, heizt und plät­schert, piepst und rülpst! Sie kocht, zittert, brüllt, dampft, stampft und zischt. Amy, die Katze, flüchtet unters Bett, Herr Klammer steht mit pochendem Herzschlag in seinem Bett.

Seitdem weckt mich an jede frühen Morgen die einfach programmierbare Zeitschalterfunktion von Frau Klammerles Vollau­tomat. Das ist zwar ein recht teurer Wecker, aber dafür bereitet er wirklich einen hervorragenden Kaffee!

 

1

Der geneigte Leser beachte und bewundere diesen altmeisterlich konstruierten Satz, der allein schon das Geld wert ist, für das er dieses Büchlein erwarb!

2Deshalb besitzt sie inzwischen einen E-Book-Reader. Der ist leichter und tut nicht so weh.

3… auch über sie wird es noch viel zu erzählen geben. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich ein Fußnotenfetischist bin?

4 Frau Klammerle und ich haben zwei vielversprechende, inzwischen erwachsene Söhne groß gezogen. Die beiden sind gerade dabei, flügge zu werden.

5 Vielleicht sollte ich hier mal erwähnen, dass ich nicht nur ein begeisterter Freund von Fußnoten, sondern auch von veralteten Wörtern bin.

6 Ich weiß noch immer nicht, was eigentlich diese „Snooze“-Funktion macht. Wenn sie mir einer meiner Leser erklären kann, wäre ich für eine kurze E-Mail dankbar.

7… unter uns: Das ist eine durchaus anregende Vorstellung. Aber verraten Sie mich nicht Frau Klammerle.

8… die jetzt im Arbeitszimmer ruht. Aber das dachten Sie sich sicher schon.

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„Noch einmal davon gekommen“ – Leseprobe I

Das Morgengrauen

In jeder Alltagswoche zwingt mich mein Brotberuf, morgens vor 06:00 Uhr aufzustehen.

Was?“, wird nun vielleicht einer der beiden Fans des weltberühmten Autors und Kolumnisten Nikolaus M. Klammer überrascht ausrufen: „Mein Lieblingsschrift­steller kann von seiner Literatur nicht leben? Das hätte ich nie gedacht; so eine Schande. Wie krank ist denn die­se Welt?!“

Ja, mein lieber Freund, ich stimme dir gerne zu und ge­stehe es dir hier im Vertrauen – sozusagen von Ange­sicht zu Angesicht – denn sonst liest ja dieses Büchlein niemand: So ist das. Von der Feder zu leben ist so er­tragreich wie der Versuch, einen Ochsen zu melken. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen:

Der Versuch, vom Schreiben zu leben, ist zwar nicht die schnellste Art zu verhungern, aber es ist doch noch immer die zuverlässigste.

Zudem gehen die meisten Verleger, Leser (und Anhänger der Piratenpartei) davon aus, dass der Autor überhaupt nur aus reinem Idealismus und Menschenfreundlichkeit schreibt und daher froh und dankbar sein sollte, wenn er seine Werke und schlauen Gedanken ohne freche Honorarfor­derungen verschenken kann. Eine Frechheit des Autors, dafür auch noch Geld zu verlangen!

Was?“, werden alle anderen ausrufen, die mich nicht kennen und denen du, lieber Fan, fassungslos von mei­nem frühen Aufstehen erzählst: „Die überempfindliche Heulsuse Klammer jammert uns wegen seines traurigen Loses die Ohren voll, weil er tatsächlich ein paarmal in der Woche vor 06:00 Uhr aufstehen muss? Das hätte ich nie von ihm gedacht! Von dem lese ich keine Texte mehr, da muss ich mich nur aufregen.“

Halt,sage ich, ihr habt ja recht!

Eigentlich kann ich froh sein, wenn mich in meinem langweiligen Brotberuf überhaupt jemand dafür bezahlt, dass ich einige Stunden herumstehe, klug daher rede und durch Handauflegen Computer repariere. Da werde ich mein müdes Haupt auch einmal vom warmen Kissen und den Körper aus den Pfühlen erheben können, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Ja, ihr habt alle recht, all ihr Frühdienstler und Nachtwächter, ihr bra­ven Bauern, Arbeiter und Angestellte, Beamte und Kö­che, die ihr niedergedrückt von der Woche Last wohlver­diente (und kostenfreie) Entspannung in meiner Literatur sucht. Ihr alle, die ihr jeden Tag und oft auch am Wochenende klaglos vor den Hühnern aufsteht, um im Schweiße eures Angesichts euren kärglichen Lebensun­terhalt zu verdienen – ihr alle habt meinen Respekt. Ich kla­ge mal wieder auf hohem Niveau; das kann ich wirklich gut. Selbstmitleid ist meine persönlichste Regung, das sollte inzwischen bekannt sein.

Aber ich bin eben auch Künstler und mir ist es deshalb einfach nicht in die Wiege gelegt, in die Gene geschrieben oder durch die Erziehung aufgeprägt worden, morgens vor der Frühmesse schon wach zu sein. Die Stunde des Dichters ist der späte Abend, es ist die Nacht. Sie allein hat Er­barmen mit ihm, hüllt ihn ein in einen wärmenden Man­tel der Ruhe und der Besinnung. Daher richtet er auch seine Hymnen an den leuchtenden Sonnenuntergang, an die funkelnden Sterne am schwarzen Firmament, an die mürrischen Barkeeper hinter den Theken seiner Lieb­lingskneipen – und nicht an die stumpfe, allzu kalte Morgen­dämmerung, nicht an die öligen Regentropfen aus grau­en Nebelwolken und die mürrischen Busfahrer hinter den Lenkrädern der Linie 601.

Zählen wir doch einmal: Wie viele Maler malten denn die Morgensonne? Was zählt ein Claude Monet gegen ge­fühlte tausend Abendstimmungen von Caspar David Friedrich? Wie viele Lyriker beschrieben rosa Wolken­finger, die sich in den Morgenhimmel krallen? Und wie viele Lieder an die Nacht wurden dagegen gereimt? „Warte nur, balde ruhst du auch.“ Wie viele musikali­sche Morgenstimmungen gibt es? Ah, da meldet sich ei­ner: „Der Zarathustra von Strauß und der Grieg’sche Peer Gynt“, höre ich. Brav, da hat aber einer seine Hausaufgaben gemacht.

Erstens: Diese zwei Beispiele stehen so einsam gegen all die Abend- und Gute-Nacht-Lieder, Serenaden und kleinen Nachtmusiken, dass sie wohl kaum ins Gewicht fallen und wahrscheinlich eh nur geträumte Phantasien des Komponisten sind, der sie spät am Abend zu Noten machte. Zweitens: Meine Argumentation ist zu gut, um sie mir von der Wahrheit kaputt machen zu  lassen. Setzen!

Zusammengefasst: Ich bin einfach nicht dafür geboren, vor 08:00 Uhr aufzustehen! Ich möchte richtig verstan­den werden. Ich bin kein Oblomov, ich verschlafe nicht den ganzen Vormittag. Ich kann sogar hervorragend vor meiner verdienten Mittagsruhe arbeiten – aber nicht, wenn ich mich zu früh in den grauen, im Winter schwarzen, Tag kämpfen muss. Dann kann ich nicht denken, kaum zwei zusammenhängende Sätze formulieren, jemandem zuhören oder konzentriert arbeiten, gar mit Menschen reden, ohne ihnen Beleidi­gungen oder Gegenstände ins Gesicht zu werfen. Gut, dass diesen Menschenkontakt bei meiner Arbeit nie­mand von mir verlangt, denn morgens herrscht bei mir Ausnahmezustand. Wenn ich mich nicht am Griff mei­ner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich langsam vom Stuhl.

Gemach! Bevor alle Werktätigen mit Früh- und Nacht­schichten von Neuem über mich herfallen – ich kann be­reits den einen oder anderen bösen Kommentar auf der Zunge schmecken: Ich erwähnte bereits, dass ich auf höchstem Ni­veau jammere. Der Herr hat den Menschen und insbesondere Nikolaus M. Klammer nicht dazu geschaffen, um diese Uhrzeit aufzustehen. Schließlich geht auch die Sonne erst später auf. Vor sieben Uhr aufstehen: Das ist eine unmenschliche Tortour, ein Verbrechen an der Menschheit, das gesetzlich verboten gehört.

Denn mein gequälter Leib schleppt sich nach dem un­barmherzigen Weckerklingeln einem Zombie gleich ins Bad, während meine Seele noch im Bett liegt und von heiteren, leichten Dingen träumt. Erst, wenn mein see­lenloser Körper sich vor dem Spiegel stehend oberfläch­lich wäscht und mechanisch die Zähne schrubbt, werde ich langsam wach und mein Geist kommt hinter mir her aus den warmen Pfühlen ins Bad getrottet. Dort finde ich mich und eine Laune. Selten ist es eine gute, denn der Verfall, der mir aus dem Spiegel mit von Zahnpasta verschmierten Lippen eine Grimasse zieht, schreitet hurtig voran und die Zahl der grauen Haare steigt täglich progressiv an. Selbst wenn ich mich noch für eine schnelle Dusche mit „revitalisieren­den Algenextrakten“ und „Hair-Energizer“ (wird wahr­scheinlich Här-Einischeißer ausgesprochen) entschei­de, bringt das keine Jugendlichkeit zurück.

Auch der weitere Ablauf des Tagesbeginns folgt einer festen Zen-Regel: Ich tappe an den Briefkasten und neh­me die Zeitung, trage sie in die Küche und schmeiße den Kaffeevollautomaten (siehe weiter unten) an. Dann schleppe ich mich zum Radio und öffne den Sender meines Vertrauens.

Da ich grundsätzlich – und am Morgen insbesondere – auf das waidwunde Gewinsel von Helene Fischer, des Grafen, von Xavier Naidoo et. al. und auf das Beste aus den 80ern und die Hits der 90er verzichten kann, ist die Fre­quenz auf den einzigen Rocksender eingestellt, der Bay­ern beschallt. Da die Songauswahl der Rockantenne eng begrenzt ist – wahrscheinlich können sie sich nicht so viele Lieder leisten –, singen meist Jon Bon Jovi oder Die toten Hosen, was ich morgens gerade noch hinnehmen kann. Ich packe also meinen Pott Kaffee, kühle ihn großzügig mit Milch, vergesse dann aber meist umzurühren und verbrenne mir den Mund (auch davon noch später). Mühsam versuche ich die Schlagzeilen der Zeitung zu verstehen. Mist, ich brauche jetzt wirklich bald eine Lesebrille. Die Laune bessert sich nicht. Da hilft mir auch das zum einhundertsten Mal gespielte Hotel California nicht.

Und dann wird in die letzten Takte des Liedes ge­quatscht und der Ärger geht los: Warum müssen Radio­moderatoren – insbesondere Morgenshow-Moderatoren – immer so hysterisch gute Laune haben? Da wird ein Sparwitz nach dem anderen gerissen und künstlich dar­über gelacht. Und damit der trübe Morgenverstand des Hörers auch mitbekommt, dass das lustig sein sollte, wird das Ganze noch wie beim Mainzer Karneval mit einem Tröt-Geräusch oder einer Fanfare untermalt. Und so kichert man sich durch die Moderation und durch den Wetterbericht und wirft sich bei den Verkehrsmeldungen fast weg, unterbrochen von den immer gleichen Werbe-Jingles, in denen mir noch hysterischere, kurz vor der Einweisung in eine Anstalt stehende Menschen jeden Morgen aufs Neue versichern, wie lecker die Spätzle von Settele sind, wie günstig mich eine Autofinanzierung kommt und welche Nummer die Telefon­auskunft hat – dazwischen singen mal wieder BostonWhat a feeling“, obwohl ich, wenn ich ehrlich bin, außer aufsteigendem Zorn noch überhaupt nichts fühle …

Ist es denn so schwer zu begreifen, dass ich das am Morgen alles nicht brauche? Können denn die Moderato­ren (Barny! Eisprinzessin! Ha, ha, ha ha, ha! Das Wet­ter, ha ha! Klingeling, wer ist denn da dran? Ha, ha, ha! Trööt!) nicht auf mich Rücksicht nehmen und wenigs­tens vor Acht Uhr nicht wie klinische Fälle in der manischen Phase plappern, sondern auch einfach mal so schlecht gelaunt sein wie ich? Ich habe mir sogar ein Internetradio mit 50.000 Sendern zugelegt. Dadurch wurde nichts besser: Jetzt kann ich aber die Morgenhys­teriker in allen Sprachen der Welt empfangen – am schlimmsten sind die Japaner …

Warum gibt es kein Morgenmuffelradio, in dem jemand mit übler Stimmung halb schlafwandlerisch ein paar In­formationen ins Mikro murmelt und dann Leonard Co­hen oder The Cure jammern lässt oder – noch besser – ohne Gequatsche die besten Morgenblues-Titel spielt? Das würde mir morgens wirklich  auf die Beine helfen …

Vielleicht sollte ich selbst solch eine Radiostation grün­den: Morgenmuffel 92,4, das Programm für die Nichtausgeschlafenen, mit der Schlechte-Laune-Garantie für den ganzen Tag, Staumeldungen und den traurigsten Rockballaden – werbefrei und ohne Gewinnspiele.

First we take your morning, than we take your day…“

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„Noch einmal davon gekommen“ – Jetzt geht die Arbeit erst richtig los

 

Die Druckerei hat mir eben das Korrekturexemplar meines neuen Buchs geschickt. Jetzt beginnt die Fehlersuche. Ich bin schon ganz aufgeregt.*

_____________

* Vorbestellungen nehme ich gerne unter klammer(at)email.de an. Das Buch ist Anfang Juni im Handel.

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Mein neues Buch: „Noch einmal davon gekommen“

Wenn ich schon mal beim Werbung machen bin…

Anfang Juni erscheint mein neues Buch:

Ich habe in ihm die meiner bescheidenen Meinung nach besten Glossen, Kolumnen, Artikel und „Freitagsaufreger“ aus 4 Jahren „Aber ein Traum“-Bloggeschichte zusammengetragen, diese gründlich überarbeitet, aktualisiert und für die Buchausgabe eingerichtet. Der reich illustrierte Band wird auf über 200 Seiten randvoll gefüllt sein mit den humorvollsten, aber auch den nachdenkenswertesten Ereignissen in meinem Leben als Autor, Blogger und Familienmensch.

*

Aus dem Inhalt: „Das Lied des Weckers“ – „Die Mangoldaffäre“- „Das Türendrama“ – „Bad Birnbach, the twilight zone“ – „Jagdszenen einer Winternacht“

… und vieles anderes mehr (*) …

Das Wiedersehen mit meinen alten Texten aus den verstaubten Kellern meines Blogarchivs hat mir viel Freude bereitet und ich habe unter anderem die Erkenntnis gewonnen, dass das Wetter früher auch nicht besser war. Ich hoffe, ich kann mit „Noch einmal davon gekommen“ ebenfalls dem einen oder anderen Leser eine Freude machen. Dann wäre mein mir gestecktes Ziel erreicht.

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(*) unter anderem über 40 Fußnoten. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich wie David Foster Wallace nicht nur schreibsüchtig, sondern auch ein Fußnoten-Fetischist bin.

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Am Wegesrand (XX)

Na, toll. Über Nacht ist der Winter in mein Dorf zurückgekehrt.

Ich empfinde das als einen direkten Angriff auf mich selbst. Warum bin ich eigentlich nicht auf Madeira geblieben? Mein Herz blutet, während ich Tee aufsetze und den Ofen anheize.

Auf der anderen Seite: Heute zahlte sich mal wieder meine Faulheit aus, die mich bisher erfolgreich daran hinderte, die Reifen am Auto zu wechseln. Ich war wahrscheinlich der einzige, der heute Morgen mit Winterreifen herumfuhr. Und die kleine Fotografenseele in mir freut sich über die gelungenen und paradoxen Bilder, die ich bei Sonnenaufgang in meinem Garten machte, bis mich der Frost wieder ins Haus trieb.

Die Kirschernte fällt in diesem Jahr wahrscheinlich aus.

April is a cruel time …

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Am Wegesrand (XIX)

Dies wird wohl eine neue Rubrik in meinem Blog:
Nikolaus sucht die Originalschauplätze von Romanen der Weltliteratur auf und irrt dort verloren umher..
Heute Teil 1:
Ingolstadt
Gestern nachmittag wurde ich von Frau Klammerle auf ihre unnachahmlich Weise, die eiserne Beharrlichkeit und Liebenswürdigkeit so miteinander vereint, dass ich zu der Auffassung gelange, es wäre meine eigene geniale Idee, von der Arbeit meinem Schreibtisch weggerissen. Normalerweise darf sie mich nur stören, wenn das Haus brennt, Zombies im Garten wüten oder das Abendessen fertig ist. Doch sie wollte mich unbedingt nach Ingolstadt entführen, wo sich gerade Sohn Nr. 1 auf Geschäftsreise aufhält und sich ein wenig einsam fühlt. Ich konnte Frau Klammerle nach den Erfahrungen bei IKEA am Wochenende (siehe hier: Andere Welten: IKEA) zumindest dazu überreden, nicht beim Ingolstadt Village Designer Outlet Halt zu machen, sondern gleich den historischen Mittelpunkt der alten Festungsstadt aufzusuchen.
Ich gebe es zu: Dort war ich erst ein einziges Mal vor zehn Jahren auf der Durchreise und ich wollte eigentlich nie wieder hin. Mein Vorurteil hat sich bestätigt: Es ist dort alles sehr aufgeräumt, übersichtlich, eisig kalt, merkwürdig provinziell, stur und … was soll ich sagen, halt oberbayerisch. Es passt sehr gut zum Bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer, dass er dort geboren ist.
Merkwürdig fand ich, dass ich in dieser nicht allzu großen Altstadt so viele griechische Lokale auf einem Haufen gesehen habe und tatsächlich in zwei Traditionscafés nicht bedient wurde und nach längerem vergeblichen Warten gehen musste. Ingolstadt scheint noch eine Servicewüste zu sein. Gegessen haben wir dann bei einem flinken und geschäftstüchtigen Italiener, dort gab es auch anständigen Espresso.

Welcher berühmte englische Roman denn nun zu großen Teilen zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Ingolstadt und wohl nicht von ungefähr im Eismeer des Nordpols spielt? Ratet doch mal. Als Hinweis gibt es hier einen Smartphone-Schnappschuss meiner Frau, der, von einem in der Donauniederung gut beobachtbaren, „Supermond“ beleuchtet – genau die Stimmung einfängt, die in dem Roman vorherrscht, den manche als den ersten Science-Fiction-Roman bezeichnen.

ingolstadt

Das Ingolstätter Schloss

Übrigens ist Ingolstadt auch Handlungsort des einzigen Romanes von Marielouise Fleißer, die hier 60 Jahre lebte: Pioniere in Ingolstadt. Auch die Illuminatus!-Reihe von Shea und Wilson – wen wundert es jetzt noch – spielt in weiten Teilen in einem allerdings imaginierten Ingolstadt.

Und nun war ich unbemerkt ebenfalls hier, auch wenn nie ein Roman von mir hier spielen wird.

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Freitagsaufreger (37) – Der „Hobbyautor“

„Und? – Was machen Sie beruflich?“

Jeder Künstler kennt diese Frage, die ihm immer wieder bei Lesungen, Vernissagen, nach Konzerten oder Theateraufführungen von einem wohlmeinenden, durchaus interessierten Publikum gestellt wird. Sie rangiert neben „Woher haben Sie eigentlich ihre Ideen?“ unangefochten auf Platz Eins der häufigsten und zugleich dämlichsten Fragen, die man einem Kunstschaffenden stellen kann. Freilich üben die meisten Künstler noch mindestens einen Brotberuf aus, denn in unserer gierigen Möglichst-billig-oder-wenn’s-geht-gleich-Gratis-Gesellschaft können nur wenige ausschließlich von ihrer Kunst leben und auch diese werden nicht einmal annähernd adäquat bezahlt. Wenn der Künstler nebenher kellnert, in einem Büro Akten sortiert, Kinder oder Erwachsene unterrichtet oder pflegt, Post austrägt, Fliesen legt oder Webseiten gestaltet (alles Dinge, die ich schon gemacht habe), fragt ihn dort auch niemand, was er denn neben diesen Jobs sonst noch beruflich mache. Dabei ist doch immer dieser Brotberuf, dem er nur gezwungenermaßen nachgeht, um sich und seine Familie durch den Winter zu bringen, derjenige, der ihm immer erst an zweiter Stelle kommt. Oder meint hier jemand ernsthaft, Goethe war in erster Linie Weimarer Geheimrat und unterschrieb begeistert Todesurteile? Jeder Autor würde wie Arno Schmidt sofort eine monatliche Rente akzeptieren, damit er nur noch schreiben kann.

Nein. Schriftsteller zu sein, ist kein Hobby –  es ist eine Lebensentscheidung, ein Ausdruck der Persönlichkeit. Ein Muss. Entweder man lebt – oder man schreibt. Es gibt nichts drittes. Trotzdem macht in den letzten Jahren die leicht despektierliche Formulierung vom „Hobby-Autoren“ die Runde, als ob jeder, der nicht zumindest ein Werk gebunden und gedruckt in einem Verlag veröffentlicht hat und Mitglied im PEN ist, ein Dilettant wäre und nur aus Spaß in seiner Freizeit schreiben würde; ganz wie jemand, der morgens gerne mit Stöcken durch den Wald rennt, Gerichte von Johannes Lafer nachkocht oder in der Toskana Töpferkurse besucht – eine Möglichkeit dem inneren horror vacui zu entkommen, der in der Freizeit die Nichtigkeit des eigenen Daseins präsentiert. Dieser Billig- und Verächtlichmachung seiner Werke ist man als Autor ständig ausgeliefert. Sie ist eine Frechheit und Anmaßung. Niemand würde einem Schreiner beim Regalbau reinreden oder ihn gar kritisieren, behaupten, er könne das alles besser. Aber beim Schreiben: Da ist jeder plötzlich ein Fachmann und Kritiker – wahrscheinlich, weil er es in der Schule irgendwann mehr oder weniger korrekt gelernt hat, Erlebnisaufsätze und Erörterungen auf’s Papier zu kritzeln und ein Powerpoint-Referat zu halten. Mancher Kritiker gleichen einem katholischer Pfarrer, der von der Kanzel herab arrogant über die Empfängnisverhütung richtet.

Mein selbstgebauter Stuhl

Apropos Schreiner – ich habe auch schon mal einen Stuhl gebaut. Er darf gerne kritisiert werden.

Freilich gibt es auch solche, die durch Internet- oder gewisse Bezahlverlage massiv und aufdringlich an die Öffentlichkeit drängen und mit ihren nicht lektorierten und banalen Liebes-, Vampir- und Sado-Maso-Geschichten, autobiografischen Dramen oder Fan-Fiction den Markt überfluten. Leider kann man das Schreiben nicht lernen, auch wenn einem Volkshochschulkurse, Unidozenten und Workshop-Leiter etwas anderes einreden wollen. Schreibseminare sind Unfug, es gibt in der Literatur kein Malen nach Zahlen. Entweder man ist Autor – oder man ist keiner. Wobei sich der Autor nicht über seinen Seiten-Output oder seinen Erfolg, sondern über seine innere Einstellung und über seine Leser definiert. Auch bei Autoren sollte man zwischen Künstlern und Kunsthandwerkern unterscheiden.

Trotzdem sind auch diese „Freizeit-Schreiberlinge“ von der Bedeutung ihrer Werke überzeugt, denn sie zerren sie aus ihrer Schreibtischschublade ins Licht eines Publikums. Damit haben die Texte keinen Tagebuchcharakter mehr, sind kein „Steckenpferderzeugnis“ für den Privatgebrauch wie eine selbst getöpferte Tasse. Sie sind an einen Dritten gerichtet; sie sind – damit ich auf meinem Blog auch einmal den leider allzu früh vergessenen Jean-Paul Sartre zitiere – „ein Appell an die Freiheit des Anderen, die literarische Schöpfung zum Abschluß zu bringen“. Und ein literarisches Werk ist eben erst dann vollendet, wenn es den Anderen findet, an den es gerichtet ist, den Leser. Der Akt des Lesens ist ebenso schöpferisch wie der des Schreibens- und manchmal ist er ebenso mühsam und quälend. Auch Lesen ist eigentlich kein Hobby. Das wird oft vergessen.

Manchmal, wenn ich die Bestsellerlisten bei Amazon durch-„scrolle“, kann ich mich allerdings nicht dem Eindruck entziehen, es gäbe mehr Autoren als Andere, als Leser … Aber zum Abschluss der literarischen Schöpfung ist es vollkommen gleichgültig, wie viele das Werk lesen, es muss nur gelesen werden. Auch das ist ein Grund, aus dem ich diesen Blog führe. Ich suche diesen einen Leser. Und er wird hier reichlich fündig.

Deshalb an dieser Stelle noch einmal die etwas untergegangene Liste der Romane und Erzählungen aus meinem Zyklus „Jahrmarkt in der Stadt„, die ich hier veröffentlicht habe und teilweise als kostenlose E-Books zur Verfügung stehen. Sie warten auf ihre Vollendung durch einen Leser.

Und wer sich am heutigen Vorlesetag lieber etwas von mir vorlesen lassen will – Hier noch der Anfang von „Pasenows Schöpfung“:

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Freitagsaufreger (36) – Grundsätzliches

… was ich schon immer einmal sagen wollte.

Nicht funktionierende Wecker, kaputte Türen, Überreste von Katzenmahlzeiten auf dem Teppich. Seltsame Gewächse in meinem Hochbeet, klavierspielende Nachbarn, Mücken, Radiosender, Genderwissenschaften und Rasenmäher, Weihnachtslieder, Neologismen* … Fast beängstigend, über was ich mich schon alles aufgeregt habe – und die Links oben sind nur eine kleine Auswahl.

Mir ist bewusst, dass jedes einzelne meiner Problemchen im dunklen Schlagschatten der oft existentiellen Nöte von anderen Menschen steht und wie ein Hundehäufchen neben einem Alpengipfel ist. Die Widrigkeiten in meinem Leben wirken in der Summe von Milliarden oft grausamen Einzelschicksalen lächerlich nichtig und unbedeutend. Es ist beinahe schon eine Beleidigung für die wirklich Leidenden, wenn ich mich hier in meinem Blog und speziell in meinen Freitagsaufregern über die unerquicklichen und unerfreulichen Dinge in meinem Alltag echauffiere oder darüber, dass wirklich niemand meine Romane liest. In der Regel sind es wirklich nur Kleinigkeiten und Erst-Welt-Wehwehchen, die mich plagen, aber sie sind eben Teil meiner bürgerlichen Existenz in einem der wohlhabendsten Länder der Welt. Da ich mir selbst an nächsten bin, stehen mir meine Sorgen und Nöte im Mittelpunkt, so gering man sie auch einschätzen mag. Es sind meine Rückenschmerzen, die mich plagen, es sind meine Freunde, zu denen ich den Kontakt verliere. Es ist meine Lebenszeit, die ein unerfreulicher Alltag und eine belastende Arbeit in Windeseile auffressen. Es ist mein verregnetes Wochenende. Mir deswegen ein Jammern auf hohem Niveau vorzuwerfen, ist ungerecht.

Seien wir an dieser Stelle einmal ehrlich: Jedes Leben – auch meines – ist in letzter Konsequenz tragisch. Egal, wie bequem dieses Leben ist und wie lang es noch dauern mag – es verläuft für jeden auf die gleiche Weise: Es bringt für den einen früher, für den anderen später – aber unvermeidbar – den Verlust von allem mit sich, an dem einem gelegen ist. Am Ende des Weges verliert man sich selbst, Stück für Stück. Manchen geschieht dies schon lange vor ihrem körperlichen Tod. Krankheiten quälen, Träume platzen, Lebensentwürfe scheitern: „Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, […] Ein Schauplatz herber Angst und abgebrannte Kerzen.“**

Fischkopf

Ein Leidensgenosse vom Fischmarkt

Oje, hier muss ich unbedingt einen Absatz machen. Ich habe mich verlaufen! Wie bin ich nur in diesen Sumpf gelangt? Und wie ziehe ich mich wieder aus ihm heraus? Mein Haar ist nicht wie das vom Baron Münchhausen zum Zopf gebunden …

Ich erzähle nicht Woche für Woche von meinen Alltagsnöten, weil ich bedauert werden will. Schließlich mache ich mich doch auch oft genug über meine Missgeschicke und Peinlichkeiten lustig und belache mich selbst, sehe die Komik in den Ereignissen, die ich zuerst tragisch nahm. Ich erzähle von meinen alltäglichen Fehlschlägen, weil ich glaube, dass es ein Vergnügen ist, von den Problemen der anderen zu lesen und sich über ihre kleinen Sorgen zu amüsieren. Das lenkt wunderbar von den eigenen ab. Heißt es nicht: Wer den Schaden hat, hat die reinste Freude – oder so ähnlich? Ich exhibitioniere meine Sorgen und Missgeschicke nur, weil ich meine Leser unterhalten will. Meine kleinen Klagen sollen etwa 700 Wörter lang unterhalten, goutiert und dann vergessen werden – die Glosse als Schokoriegel, als Teil der täglichen Hygiene. Was ich hier gratis oftmals täglich zu bieten habe, erfordert vielleicht zehn Minuten Lebenszeit und das kleine Risiko, enttäuscht zu werden. Sollte diese von mir angebotene Leckerei bei einem Leser einen schlechten Geschmack im Mund erzeugen, dann bitte ich um Verzeihung. Aber ich glaube, das Preis-Leistungs-Verhältnis meines Angebots ist sensationell. Und nein: Es ist nicht alles schlecht, was gratis ist!

Obwohl ich weiß, dass es ein verlogenes Bild ist, sehe ich es noch immer gerne gemeinsam mit der Maus Frederik auf die folgende Weise: Mit meinem Talent, Geschichten zu erfinden und sie zu erzählen, wurden mir eine Farbtopf und ein Pinsel in die Hand gedrückt, mit deren Hilfe ich diese graue, grausame Welt ein wenig bunter tupfen und dem Leser ein Lächeln auf die Lippen zaubern kann.

Auch deswegen führe ich diesen Blog. Er ist mein Beitrag dazu, die Welt besser zu machen.

______

* Welcher Journalist hat eigentlich dieses blödsinnige Wort „Grexit“ erfunden? Und seine „humorigen“ Abarten wie „Greferendum“, die alle mit einem knurrenden, zwischen den Zähnen herausgequetschen „Gr…“ beginnen? Ich schlage zusätzlich noch Gredite, Grapitulation, Bankengrise, Grapitalmarkt, Greuro, Gritalien und Grommunismus vor. Grausam, grausig, wenig greativ.

** Andreas Gryphius, Menschliches Elende. Ich rate sehr dazu, barocke Lyrik zu lesen. Deren Autoren sind uns um so vieles näher als die Minnedichter vor und die Klassiker nach ihnen. Erst Barock, dann die Moderne, erst Gryphius und Fleming, dann Jandl und Celan. Lyrisch betrachtet, kann man große Teile des 18. und fast das gesamte 19. Jahrhundert man getrost vergessen.

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Freitagsaufreger (35) – Fahrstuhlmusik

… weil sie mit Geräusch verbunden.

Das Sudoku im Zeitmagazin wird immer leichter. – Seltsam, warum steht das hier? Das wollte ich eigentlich überhaupt nicht schreiben. Auch wenn es wahr ist. Aber wo käme ich denn da hin, wenn ich alles aufschreiben würde, was wahr ist? Wahrscheinlich wegen Beleidigung und Blasphemie vor Gericht.

Ich wollte mich über etwas ganz anderes aufregen und sah gerade blicklos zum Fenster hinaus auf den durch die sommerliche Hitze verdörrenden Rasen meines Gartens. Ich sammelte mich für einen Eingangssatz, der „Seit geraumer Zeit habe ich neue Nachbarn und sie bringen mich ganz langsam um den Verstand“, lauten sollte. Das ist genau der Einstieg, den ich für meinen Aufreger brauche: Das Thema wird vorgestellt und der Leser neugierig gemacht. Aber es ist anders gekommen. Offenbar war das Tippen dieses ersten Satzes oben ein direkter Befehl meines Unterbewussten an die Finger, die sich in einem bedingten Reflex flink über die Tastatur bewegten – gelobt sei das Zehn-Finger-Tastschreiben, das ich in der Schule nicht lernen wollte und mir erst mühsam als Erwachsener beibrachte. Das hat seine Vorteile, da ich mich nicht neben dem Fabulieren mit der Suche nach dem richtigen Buchstaben auseinandersetzen muss, führt aber immer wieder zu Freud’schen Fehlleistungen.

Ich schrieb also unter Umgehung aller Kontrollinstanzen meines bewussten Verstandes, der eigentlich über meine seltsamen Nachbarn plaudern wollte, stattdessen über die Rätsel im Zeitmagazin. Interessant, womit sich mein ES beschäftigt, während sich mein Über-Ich den Kopf zermartert, wie es einen lustigen und gelungenen Blogartikel formulieren kann. Offenbar funktioniert das von mir bislang eher belächelte automatische Schreiben – das Écriture automatique der Surrealisten – doch ganz gut. Allerdings bezweifle ich, dass meine somnambulen Texte besonders gelungen wären. Aber das sind die von André Breton und Jack Kerouac auch nicht. – Themenwechsel:

Seit geraumer Zeit habe ich neue Nachbarn und sie bringen mich ganz langsam um den Verstand. Ich kenne nur ihre Stimmen; wie sie aussehen, weiß ich nicht, denn sie verbergen sich hinter einer drei Meter hohen und komplett undurchsichtigen Thuja-Hecke. (Bitte nicht mit dem Augsburger Kabarettisten, Restaurantbesitzer und Hans-Dampf-in-allen-Gassen Silvano Tuiach verwecheln, der sich mir zwar ebenfalls unvermeidbar wie eine Besatzungsmacht überall in den Weg stellt und durchaus eine entfernte Ähnlichkeit mit dem giftigen, allergienauslösenden Gewächs, dem man in Augsburgs Weichbild nirgendwo entkommen kann, aufweist.) Die Tuiach …, Herrschaft, mein Unterbewusstein! … die Thujahecke ist die Burgmauer des modernen Deutschen. Sie umzäunt sein heimatliches Castle  und sperrt ihn in sein handtuchgroßes Eigenheimgärtchen wie in eine düstere und feuchte Gefängniszelle.  Thuja (nicht Tuiach) ist ein widernatürliches Monster, Sibylle Lewitscharoff würde sagen, eine hässliche, scharf nach Putzmitteln stinkende „Halbpflanze“, in der keine Vögel nisten können, aber dafür Obstbaumkrankheiten überwintern. – Egal, ich wollte etwas ganz anderes erzählen.

Meine Nachbarn machen Lärm. Das scheint mir ihre Hauptbeschäftigung zu sein. Gerade jetzt im Sommer verbringen sie wie ich den Feierabend auf ihrer Terrasse hinter den bedrohlichen Thujamauern oder zumindest bei weit geöffneten Fenstern und sie sind dabei so laut, dass ich oft das Gefühl habe, sie stünden bei mir im Garten. Sie sind sich offenbar nicht bewusst, dass die Welt hinter ihrem kotzegrünen Eiseren Vorhang noch weitergeht. Die Nachbarn haben Kinder, ein großes Planschbecken und ein Klavier. Erstere sind kein Problem, denn ich kann zwischen vermeidbarem und unvermeidbarem Krach unterscheiden. Kinder sind immer laut, sogar wenn sie versuchen, leise zu sein. Das ist natürlich und normal und stört mich auch nicht. Anders ist das schon mit den endlosen Ermahnungs-Gardinenpredigten der Eltern, denn ihre Kinder sind offenbar weder ordentlich noch fleißig. Liebe unbekannte Nachbarn jenseits der Koniferen-Giftgrenze: Ich will mich nicht in eure Erziehungsmethoden einmischen. Aber Kinder sind ihren Erziehungsberechtigten nie ordentlich und fleißig genug. Trotzdem wird in der Regel aus ihnen etwas – auch ohne endlose, gebetsmühlenhafte Ermahnungen, die in ihre Ohren eindringen wie flüssiges Blei in Granit. Ich spreche aus Erfahrung. Die Kinder totschwätzen – das funktioniert nicht.

Aber ich bin tolerant und cool und geduldig wie ein Fliegenfischer. Nie würde ich einen Nachbarschaftstreit vom Zaun brechen. Sollen sie dort drüben wie die Heiden toben, sollen sie schimpfen, lachen und lärmen, sollen die fettigen Rauchschwaden ihrer Grillabende wie Nebel über meinen Blumenrabatten stehen – alles egal. Mich stört allein das Klavier, an dem jemand – ich mutmaße, die Mutter – an jedem Tag für ein bis zwei Stunden übt. Bei geöffnetem Fenster, versteht sich, denn jeder soll etwas von ihrem Hobby haben. Es hört sich an, als sei Richard Clayderman in die Nachbarschaft gezogen: Es ist keine Klassik oder Jazz, sondern weichgespülte Fahrstuhlmusik, die meine Ruhe stört. Wobei stören nicht das richtige Wort ist: Das Klavierspiel, dessen halbherzig angeschlagene Dreiklänge kristallklar über die grüne Hölle hinweg auf mein Grundstück schwappen, macht mich wahnsinnig, irre, psychotisch. Es raubt mir den Verstand und macht mich so zornig, dass ich über kurz noch jede zivilisatorische Tünche über dem Neandertaler in mir verliere. Ich ertappe mich bereits dabei, wie ich mich in blutrünstige Gewaltfantasien versteige, vor denen ich mich selbst fürchte. Mir geht es ein wenig wie dem harmlosen und friedfertigen Androiden in Alfred Besters lesenswerter Kurzgeschichte „Geliebtes Fahrenheit“, der bei einer bestimmen Temperatur (ab 33 °C) verrückt und zum mordenden Monstrum wird.

Ich höre gerne Musik, – ein Leben ohne Musik ist ebenso ein Irrtum wie eines ohne Bücher und  Möpse. Ich werde allerdings ungern zwangsbeschallt und dann noch ausschließlich mit einem einzigen Stück Fahrstuhlmusik. Ja, richtig: Frau Nachbarin ist da eigen. Sie hat diesen einen Musiktitel gefunden, den sie wieder und wieder und wieder und wieder und … wiederholt. Stundenlang, mit offenbar wachsender Begeisterung. Wahrscheinlich besitzt sie auch nur ein Buch – tausendmal gelesen. Anfänglich gelang ihr ihre Etüde nicht so gut undsie  stolperte sich langsam und zögernd an eine Stelle hin, an der sie regelmäßig scheiterte, ein Tempo- und Tonartwechsel in der Musik, den sie über Monate hinweg nicht meistern konnte, an dem sie sich aber unverdrossen immer wieder auf’s Neue versuchte. Inzwischen beherrscht sie ihr Stück jedoch einigermaßen flüssig, auch die technisch schwierige Klippe mittendrin. Frohgemut klimpert sie das Zwei-Minuten-Stück jeden Abend vor sich hin … immer und immer und immer und immer wieder. Und noch einmal. Ich sitze inzwischen meist mit Kopfhörer auf meiner Terrasse und betäube meine Ohren mit Black Sabbath, AC/DC und Metal. Jeder Tinitus klingt besser als das Klavierspiel der Frau Nachbarin.

Und langsam, ja, ganz langsam: I’m going slightly mad. Just very slightly mad.

Hehehe. Sudoku, Tuiachhecke, dadada … dam, dam. Dadada … dam, dam. Dadam.

Nachbarn

Und was treiben sie eigentlich da schon wieder hinter ihrer Gifthecke? Steht da nicht das Planschbecken ihrer Kinder?

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