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„Noch einmal davon gekommen“ – Leseprobe II

Das Lied des Weckers

Wir haben es also gesehen: An den Wochentagen, an denen ich vor 06:00 Uhr aufstehen muss, herrscht Ausnahmezustand und wenn ich mich nicht am Griff meiner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich beim Frühstücken vom Stuhl. Der frühe Morgen zwingt mich also zu widernatürlichen, abartigen Handlungen, die meiner ganzen Persönlichkeit, meiner Weltanschauung und meiner Ethik widerspricht. Da ich gerne mit meiner humanistischen Bildung angebe, will ich es mit den Worten meines geschätzten Kollegen Torquato Tasso sagen, die ihm Goethe im gleichnamigen Drama in den Mund gelegt hat:

So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja, zu sein, wie jene, die wir kühn und stolz verachten konnten.

Deshalb habe ich mich entschlossen, an diesen Frühaufsteh-Tagen nicht mehr zu schreiben. Die Weltkultur und die Menschheit im Allgemeinen werden es wahrscheinlich überleben, wenn ich ein- oder zweimal in der Woche nicht blogge, nicht an meinen, ach, so bedeutenden Romanen und essayistischen Ergüssen schrei­be – und übrigens halb schlafwandelnd auch in der Arbeit nur Mist mache.

Meine Sorge ist eine ganz andere: Es ist das pünktliche Aufwachen, um rechtzeitig in der Arbeit zu sein. Ich bin im Besitz einer gut funktionierenden inneren Uhr, aber gerade in den frühen Morgenstunden versagt sie gerne. Die wunderbare Frau Klammerle (meine liebe, treusorgende und geduldige Gattin, die ich nun zum ersten, aber bestimmt nicht zum letzten Mal auf diesen Seiten erwähne), die als pflichteifrige Kran­kenschwester jeden Tag zu den unmöglichsten Zeiten aufstehen muss, mal vor 05:00 Uhr zum Frühdienst, am nächsten Tag zum Spätdienst, dann zum Zwischen­dienst, und anschließend mal wieder still vergnügt ein paar Nächte lang durcharbeitet, bringt freilich absolut kein Verständ­nis für mein oben geschildertes Problem auf1.

Es geht ihr auch viel schlimmer als mir: Obwohl sie noch nie zu spät zur Arbeit kam, ist sie anerkannte Weltmeisterin im Tief­-, Lang- und Vor-dem-Fernseher-Schlafen und steht als solche auch unangefochten im Guinnessbuch der Rekorde. Ach, wie oft fiel ihr schon ein dicker Frauenroman beim Lesen im Bett nach der ersten schmalzigen Seite aus der ermüdeten Hand und aufs Gesicht!2

Daher brauchen wir beide dringend jeder persönlich einen eigenen Wecker auf dem Nachttisch mit den privaten, täglich wech­selnden Weckzeiten. Und damit beginnt das eigentliche Ärgernis und zwar nicht nur Freitags oder Montags, sondern jeden dum­men Alltagsmorgen, den uns der Herr in seiner grenzen­losen Güte noch schenken will, bis wir einstmals das Rentenalter erreichen.

*

Es folgen nun ein paar Auszüge aus dem Tagebuch der Familie Klammer:

Montag, 11. September 20**,
04:43 Uhr morgens

Ruhe herrscht im Hause Klammer, alles schläft. Allein Amy, die Katze3, hebt einmal kurz ihren Kopf von ihrer Ruhedecke zu den Füßen von Frau Klammerle. Das treue Tier öffnet nicht einmal die Augen, schnuppert nur einmal in die Luft, lauscht den gleichmäßigen Atemzügen, die von der rechten Bettseite etwas lauter rasseln. Amy, die Katze, hat ein gutes Ge­fühl für Stimmungen. Sie weiß, es liegt etwas in der Luft. Trotzdem schmiegt sie sich wieder in ihre ausge­streckten Pfoten und lächelt im Katzenschlummer.

Der digitale Funkwecker von Frau Klammerle ist auf die Weckzeit von 04:45 Uhr eingestellt, sie hat Früh­dienst. Mein Wecker, ebenfalls eines dieser digitalen Teile, die einem die Supermärkte, Drogerien und Kaffee­geschäfte billig hinterher schmeißen, soll erst eine Stun­de später läuten, immer noch zu früh, aber immerhin kann ich ja noch eine ganze Stunde schlafen. Noch 2 Mi­nuten, bis das Schicksal zuschlägt …

Frau Klammerles Uhr erreicht den Weck-Zeitpunkt. An­statt enervierend zu piepsen, knackt sie nur kurz. Ein leises Geräusch, das außer der Katze, die es nicht weiter interessiert, von niemandem gehört wird. Das Ehepaar Klammerle ruht ungestört weiter. Amy, die Katze, hat jedoch eine perfekt funktionierende innere Uhr, weshalb sie fünfzehn Minuten später Appetit auf einen kleinen Früh­stückssnack bekommt. Deshalb erhebt sie sich aus ihrer Decke, reckt und streckt sich, gähnt einmal herzhaft und trottet gemütlich hinauf zum Kopfende, wo Frau Klammerle noch immer von angenehmen und wie üblich vollkommen harmlosen Dingen träumt. Amys Weckmethode ist etwas weniger subtil als das knappe Klacken des kaputten Weckers: Sie schlägt ihr mit der Pfote auf die Nase und ruft auf kätzisch:

Guten Morgen- ich habe Hunger!“, was sich ungefähr wie „Brr – mau!“, anhört.

Frau Klammerle steht im Bett, ihr Herz pocht. Ein Blick auf ihren Wecker zeigt ihr, dass sie viel zu spät dran ist. Mit einem Auf­schrei stürzt sie ins Bad, ohne sich weiter um die Katze zu kümmern. Diese ist nur kurz beleidigt, dann ent­scheidet sie, dass es ja noch einen zweiten Menschen gibt, der sie zu ihrem Fressnapf geleiten und denselben mit Trockenfutter und Leckerli füllen kann. Auch ich werde mit einem liebevoll kräftigen Schlag auf die Nase ge­weckt.

Brr – mau!“

Und bin deshalb eine Stunde zu früh wach. Eine Entscheidung muss her.

Morgen kaufe ich für Frau Klammerle einen neu­en Wecker beim Billigdrogeriemarkt im Dorf. Die alte Uhr, die zwar immer noch – von einer Atomuhr funkgesteuert – sekundengenau die Zeit anzeigt, aber eben nicht mehr weckt, landet in mei­nem Arbeitszimmer. Einen Nachmittag lang beschäftige ich mich, Frau Klammerle zu erklären, wie der neue Wecker funktioniert. Einstellen der Alarmzeit, Schlummertaste usw. Warum sind diese Tasten bei Funkuhren immer so klein und fummelig, so ungünstig wie möglich hinten am Gerät angebracht und warum muss man mindestens zweimal konzentriert drücken, um den Wecker auszuschalten? Da muss Methode dahinter sein …

*

Montag, 18. September 20**,
04:45 Uhr morgens

Wieder hat Frau Klammerle Frühdienst. Und der neue Wecker funktioniert! Ein unerträglich lautes Piepsen er­tönt. Amy, die Katze, flüchtet unter das Bett, auf dem Herr und Frau Klammerle mit pochenden Herzen stehen. Frau Klammerle schnappt sich das plärrende Teil.

Wie schal­tet man das Ding aus?“, ruft sie verzweifelt und drückt alle Tasten, die auf der Rückseite sind. Tatsächlich herrscht plötzlich Ruhe. Sie stellt den Wecker zufrieden zurück aufs Nachtkästchen und trollt sich ins Bad. Nachdem sich mein Puls wieder beruhigt hat, sinke ich zurück in meine warmen Kissen, ich darf ja noch eine Stunde schlafen. Ein wunderbarer Traum muss noch weiter geträumt werden und tatsächlich gelingt mir das seltene Kunststück, wieder in ihn hinein zu finden und tiefer ins Wunderland zu fliegen. Da geht Frau Klam­merles Wecker erneut los. Ich schrecke hoch, schnappe mir das Teil und drücke alle Tasten, die auf der Rücksei­te sind. Mir gelingt es nicht, die richtige, die den Lärm stoppt, zu finden. Also entferne ich die Batterien. Ruhe. Aber jetzt sind Schlaf und wunderbarer Traum endgül­tig geflohen und ich liege eine Stunde wach, bis meine treue Uhr sich pflichtbewusst meldet.

Am nächsten Tag landet der Wecker, der zwar funktio­niert, aber für uns viel zu kompliziert ist, in einer Schublade im Arbeitszimmer, wo er weiterhin ab 04:45 Uhr morgens zehn Minuten lang vor sich hin plärrt, aber niemanden mehr stört.

*

Montag, 25. September 20**,
04:45 Uhr morgens

Nein, du kaufst heute keinen neuen Wecker. Ich habe eine bessere Idee“, erklärte mir vorgestern meine Frau, als ich mich beim Einkaufen in der Uhrenabteilung herum trieb.

Denn sie hat eben mit der Post ihr neues Smartphone erhalten und spielt verliebt mit dem komplexen Gerät, dessen Funktio­nen sie niemals alle verstehen wird und wohl auch nicht will. Aber das mit der Weckfunktion hat sie sich genauestens vom technikaffinen Sohn Nr. 24 erklären und vorführen las­sen. Als Erzieher für verhaltensauffällige Jugendliche kennt er die besten Lern­methoden und hat seine Mutter diese App auch einmal selbst ausprobie­ren lassen. Sie stellt mit ihm gemeinsam die Weckzeit ein, sucht sich einen besonders ätzenden Weckton – Harry Belafonte, Banana Boat Song – aus und schlummert nun gelassen ihrem Frühdienst entge­gen.

Day-o, day-o! Daylight come and me wan‘ go home …“

Das Smartphone ist pünktlich und macht seine Arbeit. Amy, die Katze, flüchtet un­ters Bett, Herr und Frau Klammer stehen mit pochen­dem Herzschlag in ihrem Bett. Freilich lässt sich auch dieses Gerät nicht so einfach ausschalten, der Touch­screen mit seinen winzigen Icons ist für frühmorgend­lich tastende, noch bettwarme Finger zu klein und irgendwie hat Frau Klammerle auch wieder vergessen, wie das Ausschalten des Alarms funktioniert. Gestern ging es doch noch so einfach!

Doch dann schweigt das Teil plötz­lich. Sie nimmt vorsorglich ihr Telefon mit hinaus, schließt fürsorglich die Schlafzimmertür und legt das Handy in den Gang, stellt sich erst einmal zur Beruhigung unter die Dusche. Ich sinke zurück in meine Pfühle, schlafe wieder ein. Von draußen dringt erneut Harry Belafonte an mein Ohr, langsam lauter und drohender werdend.

Day-o, day-o!“

Ich kann das nicht mehr ignorieren: Offensichtlich ist es eine Funktion der „Weck-App“, nach einer Weile noch einmal loszuplärren. Verzweifelt renne ich also hinaus in den Gang, wo ich blind nach dem sich noch immer stei­gernden Lärm taste. Dann halte ich endlich dieses Gerät in der Hand und kann nicht einmal den Bildschirm akti­vieren.

Come, Mister tally man, tally me banana!“

Brr – mau!“ Die Katze schmeichelt klagend um meine Beine, überrascht, dass ich schon jetzt aufgestanden bin, um sie zu füttern. Frau Klammerle hört nichts. Sie duscht ja hinter verschlossener Tür und hat Shampoo in den Oh­ren.

Endlich tapst ein verschlafener Sohn Nr. 2 von seinem Zimmer im Dachjuchhe5 herunter, entreißt mir wortlos das Smartphone und schaltet es mit einem Fingerwischen ab. Mit strafendem Blick drückt er mir das Ge­rät wieder in die Hand. Dann stapft er spürbar angefressen zurück in sein Reich.

Und wieder bin ich eine Stunde vor meinem geplanten Aufstehen hellwach. Meine Frau singt weiterhin unter der Dusche.

Come, Mister tally man, tally me banana!“

*

Sonntag, 07. Oktober bis Montag, 08. Oktober 20**,
eine
ganze, lange Nacht

Also die Idee mit dem Smartphone war nicht direkt überzeugend“, argumentierte ich gestern, am Ruhe-vor-dem-Sturm-Samstag. Frau Klammerle zuckte mit den Schultern.

Schnickschnack! Die Tastfelder sind einfach zu fummelig“, gab sie den­noch zu. Politik beherrscht sie wie die Kanzlerin: Dem Gegner in Kleinigkeiten Recht geben, aber in der Sache festbleiben.

Doch ich habe die ideale Lösung gefunden: Ich werde ab jetzt deinen Wecker benutzen. Der ist einfach zu bedienen und überhaupt: Eigentlich war er ursprünglich mal meiner.“

Damit hat sie recht. Argumentativ ist sie mir immer ei­nen Schritt voraus. Früher hatte ich einen Radiowecker, der mich entweder mit hysterisch munterem Morgenge­quassel (siehe oben) oder mit dem ersten Lied einer in ihn ein­gelegten CD weckte. Nachdem er mich zum 264. Mal mit Come on up to the house von Tom Waits geweckt hatte, flog er an die Schlafzimmerwand und genießt seine Rente in meinem Arbeitszimmer. Ich erbte dann die ausgediente Funkuhr meiner Frau, als sie sich die todschicke neue kaufte, die dann vor zwei Wochen plötzlich versagte.

Aber du hast ihn mir vor vier Jahren gegeben, weil du dir einen viel besseren gekauft hast!“, wehre ich mich, obwohl mir klar ist, dass ich schon verloren habe.

Und dann habe ich doch keinen Wecker mehr! Ich muss montags schließ­lich auch wahnsinnig früh raus!“

Schnickschnack! Mein Wecker ist kaputt, also nehme ich meinen alten wieder zurück. Du brauchst doch gar keinen Wecker, du bist doch eh schon immer wach. Oder du stellst ihn dann noch einmal – ganz einfach.“

Aber ich bin doch nur wach, weil du mich weckst! Aber weißt du was? Ein echter Mann weiß, wann er verloren hat. Nimm ruhig meinen alten Wecker. Ich werde mir jetzt einen tollen neuen kaufen.“

Und tatsächlich gab es einen im Sonderangebot beim Kaffeegeschäft unseres Vertrauens, wohin mich mein Weg eh führte, weil Frau Klammerle gerade in die expe­rimentelle Phase der Erprobung ihres in der letzten Woche frisch erworbenen neuen Kaffeevollautomaten eingetreten ist und entsprechende Men­gen an Bohnen verbraucht, um die ideale Röstung für die Maschine zu finden.

Nachdem ich acht (!) Batterien eingelegt und die zwanzigseitige Bedienungsanleitung für meine neue, exquisite Uhr studiert hatte, fand ich tatsächlich auf der Rückseite meines Weckers mehrere eng beieinander liegende, klapp­rige Plastiktasten, mit denen ich nach einigen Fehlver­suchen den Alarm programmieren konnte6. Ich stellte die Weckzeit voller Hoffnung auf 06:00 Uhr morgens ein. Ein Mann und sein Wecker. Dieses Mal würde alles gut werden. Aufgeregt ging ich schon um 22:00 Uhr ins Bett, nachdem ich unbedingt noch ei­nen frisch aufgebrühten Espresso doppio aus dem wunderbaren neuen Vollautomaten mei­ner Frau testen musste.

Irgendwann in der Nacht kratzte Amy, die Katze, am Balkon­fenster (ich weiß immer noch nicht, wie sie es jede Nacht schafft, da hoch zu kommen) und ich suchte mit müden Fingern nach meiner Neuerwerbung, fand nach einigem Tasten auch den Licht­knopf, der sich als einziger oben am Gerät befindet. Ich öffnete die Augen ein wenig und drückte.

Eine grelle Lichtkaskade überflutete das Schlafzimmer; mir war, als läge ich im Schlafzimmer mit Scarlett Johansson im Bett7 und zwanzig Paparazzis fotografierten gleichzeitig durch das Balkonfenster herein. Von Blickfeld meines außerordentlich neugierigen Nachbarn von gegenüber muss­te es aussehen, als würde jemand eine Blendgranate neben mei­nem Bett zünden. Entsetzlich! Ich hatte ins Antlitz der Medusa ge­blickt, fiel versteinert zurück aufs Kissen und kniff die schmerzenden Augen zu­sammen. Und dort, auf der Rückseite meiner Lider, konnte ich tatsächlich die Uhrzeit ablesen, als bunt leuchtendes Negativbild zwischen platzenden Plasma­ringen: 02:53 Uhr! Frau Klammerle war übrigens nicht einmal wach geworden.

Der geblendete Michael Strogoff tastete sich aus dem Bett und ließ die Katze herein, die durch das Blitzlicht eben­falls recht desorientiert wirkte und über den Tep­pich stolperte. Aber bald darauf legte sie sich auf ihr Handtuch zu den Füßen meiner Frau. Und auch ich fand zurück in meine Ruhe­stätte, nicht ohne mir dabei schmerzhaft das Schienbein am niedrigen Holzrahmen unseres alten Futonbetts aufzuschlagen.

Dann lag ich wach. Ich traute mich nicht mehr, noch einmal den Halogenstrahler an meiner Uhr einzu­schalten, den ich morgen dem TSV Diedorf als Stadion­flutlicht verkaufen werde. Ich starrte an die Decke, wo noch immer lustige Farbflecken und bunte Zahlen tanzten. Offenbar wirk­te jetzt endlich auch die winzige Tasse Espresso …

Später schlief ich doch noch ein. Nein, meine Neuanschaf­fung8, deren eigentliche Berufung es offenbar war, eine kleine Sonne zu imitieren, hat morgens um 06:00 Uhr nicht geläutet. Ihr Alarm funktionierte nicht, wahrscheinlich verbrauchte das Licht zu viel Strom. Mich weckte auch nicht der sanfte Alarm des Weckers meiner Frau, der einmal der meine gewesen war. Mit einer lässigen Handbewegung schalte­te sie ihn aus und trat leise aus dem Zimmer, duschte und zog sich an. Das bekam ich aber alles nicht mit …

Dann allerdings bricht die Hölle los: Frau Klammerle hat unten in der Küche ihre neue Kaffeemaschine eingeschaltet. Sie rauscht, rattert, zermahlt, reinigt, heizt und plät­schert, piepst und rülpst! Sie kocht, zittert, brüllt, dampft, stampft und zischt. Amy, die Katze, flüchtet unters Bett, Herr Klammer steht mit pochendem Herzschlag in seinem Bett.

Seitdem weckt mich an jede frühen Morgen die einfach programmierbare Zeitschalterfunktion von Frau Klammerles Vollau­tomat. Das ist zwar ein recht teurer Wecker, aber dafür bereitet er wirklich einen hervorragenden Kaffee!

 

1

Der geneigte Leser beachte und bewundere diesen altmeisterlich konstruierten Satz, der allein schon das Geld wert ist, für das er dieses Büchlein erwarb!

2Deshalb besitzt sie inzwischen einen E-Book-Reader. Der ist leichter und tut nicht so weh.

3… auch über sie wird es noch viel zu erzählen geben. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich ein Fußnotenfetischist bin?

4 Frau Klammerle und ich haben zwei vielversprechende, inzwischen erwachsene Söhne groß gezogen. Die beiden sind gerade dabei, flügge zu werden.

5 Vielleicht sollte ich hier mal erwähnen, dass ich nicht nur ein begeisterter Freund von Fußnoten, sondern auch von veralteten Wörtern bin.

6 Ich weiß noch immer nicht, was eigentlich diese „Snooze“-Funktion macht. Wenn sie mir einer meiner Leser erklären kann, wäre ich für eine kurze E-Mail dankbar.

7… unter uns: Das ist eine durchaus anregende Vorstellung. Aber verraten Sie mich nicht Frau Klammerle.

8… die jetzt im Arbeitszimmer ruht. Aber das dachten Sie sich sicher schon.

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„Noch einmal davon gekommen“ – Leseprobe I

Das Morgengrauen

In jeder Alltagswoche zwingt mich mein Brotberuf, morgens vor 06:00 Uhr aufzustehen.

Was?“, wird nun vielleicht einer der beiden Fans des weltberühmten Autors und Kolumnisten Nikolaus M. Klammer überrascht ausrufen: „Mein Lieblingsschrift­steller kann von seiner Literatur nicht leben? Das hätte ich nie gedacht; so eine Schande. Wie krank ist denn die­se Welt?!“

Ja, mein lieber Freund, ich stimme dir gerne zu und ge­stehe es dir hier im Vertrauen – sozusagen von Ange­sicht zu Angesicht – denn sonst liest ja dieses Büchlein niemand: So ist das. Von der Feder zu leben ist so er­tragreich wie der Versuch, einen Ochsen zu melken. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen:

Der Versuch, vom Schreiben zu leben, ist zwar nicht die schnellste Art zu verhungern, aber es ist doch noch immer die zuverlässigste.

Zudem gehen die meisten Verleger, Leser (und Anhänger der Piratenpartei) davon aus, dass der Autor überhaupt nur aus reinem Idealismus und Menschenfreundlichkeit schreibt und daher froh und dankbar sein sollte, wenn er seine Werke und schlauen Gedanken ohne freche Honorarfor­derungen verschenken kann. Eine Frechheit des Autors, dafür auch noch Geld zu verlangen!

Was?“, werden alle anderen ausrufen, die mich nicht kennen und denen du, lieber Fan, fassungslos von mei­nem frühen Aufstehen erzählst: „Die überempfindliche Heulsuse Klammer jammert uns wegen seines traurigen Loses die Ohren voll, weil er tatsächlich ein paarmal in der Woche vor 06:00 Uhr aufstehen muss? Das hätte ich nie von ihm gedacht! Von dem lese ich keine Texte mehr, da muss ich mich nur aufregen.“

Halt,sage ich, ihr habt ja recht!

Eigentlich kann ich froh sein, wenn mich in meinem langweiligen Brotberuf überhaupt jemand dafür bezahlt, dass ich einige Stunden herumstehe, klug daher rede und durch Handauflegen Computer repariere. Da werde ich mein müdes Haupt auch einmal vom warmen Kissen und den Körper aus den Pfühlen erheben können, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Ja, ihr habt alle recht, all ihr Frühdienstler und Nachtwächter, ihr bra­ven Bauern, Arbeiter und Angestellte, Beamte und Kö­che, die ihr niedergedrückt von der Woche Last wohlver­diente (und kostenfreie) Entspannung in meiner Literatur sucht. Ihr alle, die ihr jeden Tag und oft auch am Wochenende klaglos vor den Hühnern aufsteht, um im Schweiße eures Angesichts euren kärglichen Lebensun­terhalt zu verdienen – ihr alle habt meinen Respekt. Ich kla­ge mal wieder auf hohem Niveau; das kann ich wirklich gut. Selbstmitleid ist meine persönlichste Regung, das sollte inzwischen bekannt sein.

Aber ich bin eben auch Künstler und mir ist es deshalb einfach nicht in die Wiege gelegt, in die Gene geschrieben oder durch die Erziehung aufgeprägt worden, morgens vor der Frühmesse schon wach zu sein. Die Stunde des Dichters ist der späte Abend, es ist die Nacht. Sie allein hat Er­barmen mit ihm, hüllt ihn ein in einen wärmenden Man­tel der Ruhe und der Besinnung. Daher richtet er auch seine Hymnen an den leuchtenden Sonnenuntergang, an die funkelnden Sterne am schwarzen Firmament, an die mürrischen Barkeeper hinter den Theken seiner Lieb­lingskneipen – und nicht an die stumpfe, allzu kalte Morgen­dämmerung, nicht an die öligen Regentropfen aus grau­en Nebelwolken und die mürrischen Busfahrer hinter den Lenkrädern der Linie 601.

Zählen wir doch einmal: Wie viele Maler malten denn die Morgensonne? Was zählt ein Claude Monet gegen ge­fühlte tausend Abendstimmungen von Caspar David Friedrich? Wie viele Lyriker beschrieben rosa Wolken­finger, die sich in den Morgenhimmel krallen? Und wie viele Lieder an die Nacht wurden dagegen gereimt? „Warte nur, balde ruhst du auch.“ Wie viele musikali­sche Morgenstimmungen gibt es? Ah, da meldet sich ei­ner: „Der Zarathustra von Strauß und der Grieg’sche Peer Gynt“, höre ich. Brav, da hat aber einer seine Hausaufgaben gemacht.

Erstens: Diese zwei Beispiele stehen so einsam gegen all die Abend- und Gute-Nacht-Lieder, Serenaden und kleinen Nachtmusiken, dass sie wohl kaum ins Gewicht fallen und wahrscheinlich eh nur geträumte Phantasien des Komponisten sind, der sie spät am Abend zu Noten machte. Zweitens: Meine Argumentation ist zu gut, um sie mir von der Wahrheit kaputt machen zu  lassen. Setzen!

Zusammengefasst: Ich bin einfach nicht dafür geboren, vor 08:00 Uhr aufzustehen! Ich möchte richtig verstan­den werden. Ich bin kein Oblomov, ich verschlafe nicht den ganzen Vormittag. Ich kann sogar hervorragend vor meiner verdienten Mittagsruhe arbeiten – aber nicht, wenn ich mich zu früh in den grauen, im Winter schwarzen, Tag kämpfen muss. Dann kann ich nicht denken, kaum zwei zusammenhängende Sätze formulieren, jemandem zuhören oder konzentriert arbeiten, gar mit Menschen reden, ohne ihnen Beleidi­gungen oder Gegenstände ins Gesicht zu werfen. Gut, dass diesen Menschenkontakt bei meiner Arbeit nie­mand von mir verlangt, denn morgens herrscht bei mir Ausnahmezustand. Wenn ich mich nicht am Griff mei­ner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich langsam vom Stuhl.

Gemach! Bevor alle Werktätigen mit Früh- und Nacht­schichten von Neuem über mich herfallen – ich kann be­reits den einen oder anderen bösen Kommentar auf der Zunge schmecken: Ich erwähnte bereits, dass ich auf höchstem Ni­veau jammere. Der Herr hat den Menschen und insbesondere Nikolaus M. Klammer nicht dazu geschaffen, um diese Uhrzeit aufzustehen. Schließlich geht auch die Sonne erst später auf. Vor sieben Uhr aufstehen: Das ist eine unmenschliche Tortour, ein Verbrechen an der Menschheit, das gesetzlich verboten gehört.

Denn mein gequälter Leib schleppt sich nach dem un­barmherzigen Weckerklingeln einem Zombie gleich ins Bad, während meine Seele noch im Bett liegt und von heiteren, leichten Dingen träumt. Erst, wenn mein see­lenloser Körper sich vor dem Spiegel stehend oberfläch­lich wäscht und mechanisch die Zähne schrubbt, werde ich langsam wach und mein Geist kommt hinter mir her aus den warmen Pfühlen ins Bad getrottet. Dort finde ich mich und eine Laune. Selten ist es eine gute, denn der Verfall, der mir aus dem Spiegel mit von Zahnpasta verschmierten Lippen eine Grimasse zieht, schreitet hurtig voran und die Zahl der grauen Haare steigt täglich progressiv an. Selbst wenn ich mich noch für eine schnelle Dusche mit „revitalisieren­den Algenextrakten“ und „Hair-Energizer“ (wird wahr­scheinlich Här-Einischeißer ausgesprochen) entschei­de, bringt das keine Jugendlichkeit zurück.

Auch der weitere Ablauf des Tagesbeginns folgt einer festen Zen-Regel: Ich tappe an den Briefkasten und neh­me die Zeitung, trage sie in die Küche und schmeiße den Kaffeevollautomaten (siehe weiter unten) an. Dann schleppe ich mich zum Radio und öffne den Sender meines Vertrauens.

Da ich grundsätzlich – und am Morgen insbesondere – auf das waidwunde Gewinsel von Helene Fischer, des Grafen, von Xavier Naidoo et. al. und auf das Beste aus den 80ern und die Hits der 90er verzichten kann, ist die Fre­quenz auf den einzigen Rocksender eingestellt, der Bay­ern beschallt. Da die Songauswahl der Rockantenne eng begrenzt ist – wahrscheinlich können sie sich nicht so viele Lieder leisten –, singen meist Jon Bon Jovi oder Die toten Hosen, was ich morgens gerade noch hinnehmen kann. Ich packe also meinen Pott Kaffee, kühle ihn großzügig mit Milch, vergesse dann aber meist umzurühren und verbrenne mir den Mund (auch davon noch später). Mühsam versuche ich die Schlagzeilen der Zeitung zu verstehen. Mist, ich brauche jetzt wirklich bald eine Lesebrille. Die Laune bessert sich nicht. Da hilft mir auch das zum einhundertsten Mal gespielte Hotel California nicht.

Und dann wird in die letzten Takte des Liedes ge­quatscht und der Ärger geht los: Warum müssen Radio­moderatoren – insbesondere Morgenshow-Moderatoren – immer so hysterisch gute Laune haben? Da wird ein Sparwitz nach dem anderen gerissen und künstlich dar­über gelacht. Und damit der trübe Morgenverstand des Hörers auch mitbekommt, dass das lustig sein sollte, wird das Ganze noch wie beim Mainzer Karneval mit einem Tröt-Geräusch oder einer Fanfare untermalt. Und so kichert man sich durch die Moderation und durch den Wetterbericht und wirft sich bei den Verkehrsmeldungen fast weg, unterbrochen von den immer gleichen Werbe-Jingles, in denen mir noch hysterischere, kurz vor der Einweisung in eine Anstalt stehende Menschen jeden Morgen aufs Neue versichern, wie lecker die Spätzle von Settele sind, wie günstig mich eine Autofinanzierung kommt und welche Nummer die Telefon­auskunft hat – dazwischen singen mal wieder BostonWhat a feeling“, obwohl ich, wenn ich ehrlich bin, außer aufsteigendem Zorn noch überhaupt nichts fühle …

Ist es denn so schwer zu begreifen, dass ich das am Morgen alles nicht brauche? Können denn die Moderato­ren (Barny! Eisprinzessin! Ha, ha, ha ha, ha! Das Wet­ter, ha ha! Klingeling, wer ist denn da dran? Ha, ha, ha! Trööt!) nicht auf mich Rücksicht nehmen und wenigs­tens vor Acht Uhr nicht wie klinische Fälle in der manischen Phase plappern, sondern auch einfach mal so schlecht gelaunt sein wie ich? Ich habe mir sogar ein Internetradio mit 50.000 Sendern zugelegt. Dadurch wurde nichts besser: Jetzt kann ich aber die Morgenhys­teriker in allen Sprachen der Welt empfangen – am schlimmsten sind die Japaner …

Warum gibt es kein Morgenmuffelradio, in dem jemand mit übler Stimmung halb schlafwandlerisch ein paar In­formationen ins Mikro murmelt und dann Leonard Co­hen oder The Cure jammern lässt oder – noch besser – ohne Gequatsche die besten Morgenblues-Titel spielt? Das würde mir morgens wirklich  auf die Beine helfen …

Vielleicht sollte ich selbst solch eine Radiostation grün­den: Morgenmuffel 92,4, das Programm für die Nichtausgeschlafenen, mit der Schlechte-Laune-Garantie für den ganzen Tag, Staumeldungen und den traurigsten Rockballaden – werbefrei und ohne Gewinnspiele.

First we take your morning, than we take your day…“

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Pavese und dieser Sommer

Es wird andere Tage geben,
andere Stimmen werden sein.
Ganz alleine wirst du lächeln.
Cesare Pavese, The cats will know

Manchmal brauche ich eben ein wenig Halt in diesem leeren Kosmos, dieser gleichgültigen, im wörtlichen Sinn Gott-losen Welt, in der mich die Dinge nicht beobachten, mich nicht beachten, ja, nicht einmal ignorieren. Gut und Böse, Trauer, Freude, Liebe, Wut, gar eine Moral: Sie werde ich unter ihnen vergeblich suchen. Wenn ich einmal ermüdet sterbe, werde ich mich wandeln; endlich ebenfalls in ein leeres, gleichgültiges Ding.

Wenn mich die nüchterne Interesselosigkeit der Welt niederdrückt und die abweisende Kälte der am Nachthimmel funkelnden Sterne deprimiert, wird mir mal wieder deutlich, wie einsam ich in diesem Universum bin. Dann erwachen Selbstmitleid und der Künstler in mir, denn andere Konsequenzen erschrecken mich. Ich beginne ungeschickt wie ein Mensch der Steinzeit, meine Fingerabrücke auf den Oberflächen der Dinge zu hinterlassen, sie zu prägen. Auch wenn sie nur ein schnell vergehender Fettglanz sind, ich habe sie doch berührt. Ich schaffe mir Totems und Idole, personifiziere Gegenstände und Ideen, eine Religion: Ein Nagel ist ein Nagel, aber vier Nägel ergeben bereits ein Kreuz.

Wenn ich die Jahreszeiten personifiziere, um sie persönlich ansprechen oder beschimpfen zu können, denke ich mir den Sommer immer als eine ältere Frau, die dem Glanz und der Schönheit ihrer Jugend hinterher weint. Die Sommerfrau dieses Jahres ist bisher eine strenge, alles unter ihrer Wucht erdrückende Herrscherin, zumindest hier unten im seenreichen südlichen Deutschland zwischen der hier noch jungen und rassigen Frau Donau und den stolzen, arroganten Alpengipfeln, nahe jener pfahlbürgerlichen Renaissancestadt, deren Bewohner von ihr behaupten, sie wäre die nördlichste Italiens – als wäre damit irgendetwas bewiesen. Frau Sommer ist in diesem Jahr eine Domina, die ein SM-Spielchen mit Zuckerbrot und Peitsche aufführt, wobei sie lieber die Peitsche schwingt und – um es mit einer der drolligen Formulierungen des Wetterberichts auszudrücken – „markantes“ Wetter mit sich bringt. Endlose, hitzige Sonnentage, dazwischen heftige Gewitter. Sie fallen kaum ins Gewicht, die aber nicht für Abkühlung sorgen, sondern die Luft weiter mit klebriger Schwüle schwängern. Dann drückt wieder die Last des Thermometers auf uns.

Habe ich dich nun in die richtige Stimmung gebracht, lieber von mir imaginierter Leser, der für mich nur als seltener Pixelstrich auf dem glatten, spiegelnden Bildschirm meines Netbooks erscheint, während ich im Schatten meines Kirschbaums schreibe? Dann folgt jetzt eine

Sommerlektüre-Empfehlung

Habe ich eigentlich schon einmal Cesare Pavese (1908 – 1950) gelobt, aus dessen letzten Gedicht vor seiner Selbsttötung an einem weiteren schwülen Sommertag die oben zitierten, mich immer wieder aufs Neue erschütternden Zeilen stammen?

Seltsam, obwohl der große italienische Dichter einer der prägenden Autoren für mich ist, habe ich ihn bislang wirklich in meinem Blog vernachlässigt. Das ist eine geradezu sträfliche Unterlassung. Ich kenne eigentlich keinen weiteren Schriftsteller, der seine Prosa und seine Gedichte so konsequent und konzentriert geschrieben hat und dem es so eindringlich gelingt, komplette Geschichten mit ein paar lakonischen Worten und alleine zwischen den Zeilen zu erzählen.

Das wird vor allem bei seinen Kurzgeschichten deutlich, die als zweibändige Taschenbuchausgabe bei Claasen und in drei Bänden antiquarisch z. B. von Fischer erhältlich sind. Meist spielen sie in endlosen, bewegungslosen Sommertagen in den Hügeln des Monferrato, einem bäuerlichen, patriarchalischen Regeln unterworfenen Land, das sich sanft hinter der zu Paveses Lebzeiten noch grauen Arbeiterstadt Turin über der Po-Ebene erhebt, wo „bitterer Reis“ und Mückenschwärme gezüchtet werden, die wie schwelende Gewitterwolken über die Dörfer herfallen. Hier oben ist die Welt noch eine archaische. Sie ist voll von Geiseln, Idolen und Totems, überall sind Tabus und halbvergessene Mythen zu finden. Es ist eine Welt, in der Individuen gebrochen werden wie das vertrocknende Getreide auf den von einer unbarmherzigen Sonne beschienenen Feldern; auf der das Blut so dunkel und schwer fließt wie der Wein, der hier gekeltert wird.

Monferatto

Davon zu erzählen, gelingt Pavese in unnachahmlicher Weise auf manchmal nur zwei, drei Seiten Text. Wer Blut geleckt hat und mehr will, sollte sich an seine kurzen, aber konzentrierten Romane halten, deren poetische Titel schon Bände sprechen und zusammenfassen, was ich eben wortreich ausführte: „Der junge Mond“, „Der Teufel auf den Hügeln“, „Die einsamen Frauen“, „Der schöne Sommer“, „Unter Bauern“. In seinen Kurzgeschichten und Erzählungen ist Pavese allerdings auf dem absoluten Höhepunkt seines Schaffens. Wer also nicht die Aufmerksamkeitsspanne besitzt, einem längeren Erzählfaden zu folgen, aber zwischen Sonnenliege, Eincremen und Baden im Meer nicht den üblichen Liebes-Vampir-SM-Thriller, sondern Literatur von Weltrang lesen möchte, ist bei Paveses kurzen Texten gut aufgehoben.

Freilich habe ich versucht, wie Pavese zu schreiben. Das Ergebnis kann hier bestaunt werden:

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Diese klassische Short-Story, in der ich ursprünglich versuchte, den knappen Stil Cesare Paveses nachzuahmen, hat eine lange Geschichte: Zuerst war sie Teil meines Romans „Das Spiel“ von 1983, wurde dann 2001 von mir extrem gekürzt und bei einen Wettbewerb des Wolkensteinverlags, Magdeburg unter dem Titel „Der Badeplatz“ eingereicht. Ich habe sie jetzt noch einmal ein wenig verändert. Die Illustration ist ein Ausschnitt aus dem Bild „Kiesbank“ von dem in Ulm wohnenden Maler Thomas Becker, der seine großformatigen Landschafts-Traumbilder gerade in Tübingen ausstellt.

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Kleine Veränderungen

Diese Geschichte hat mir Vitalij erzählt. Er meinte, sie sei zwei desillusionierten Männern würdig, die in einem ausgetrockneten Flusslauf spazieren gehen und mit ihren Füßen den Sand ihrer Erinnerungen aufwühlen:

Die Schulbehörde hatte sich endlich dazu durchgerungen, die großen Ferien auf vier Monate auszudehnen. Vitalij, übrigens der schlechteste Schüler meiner Klasse, ein in jeder Beziehung dürrer Junge, verbrachte diese geschenkte Zeit mit seinen Freunden Stefan und Burak unten am Fluss. Nur dort waren die heißen Julitage erträglich. In jenem Sommer lastete die Hitze zwar schon staubschwer auf der Stadt, aber über die heute üblichen Wasserrationierungen wurde nur diskutiert. Man konnte auch noch ins Freie gehen, ohne größere Vorkehrungen treffen zu müssen.

Die drei Freunde trafen sich jeden Vormittag am Ostufer der Staustufe. Sie war nahe bei den Hochhäusern, die bereits mit Hitzeschlieren getüncht waren. Dort wohnte der quirlige Stefan bei seinen beiden Vätern. Obwohl er damit den kürzesten Weg hatte und jedesmal hektisch und außer Atem zum Wehr herunter geradelt kam, mussten die anderen immer auf ihn warten. Stefan konnte überhaupt nicht anders als unpünktlich sein. Meist war Burak der erste am Treffpunkt. Er ließ die Füße ins Wasser hängen, sein Rad in Griffweite abgestellt. So harrte er geduldig. Seltener kam Vitalij zuerst. Er war nur vor Burak da, wenn er bereits am Morgen mit seiner Mutter Streit bekommen hatte.

Nachdem Stefan geduldig die üblichen Vorwürfe der anderen über sich hatte ergehen lassen, stiegen sie auf ihre Räder und folgten dem Uferweg flussaufwärts. Sie ließen sich auf der kurzen Strecke zu ihrem Ziel viel Zeit, es war angenehm, die Räder im fleckigen Schatten der Bäume rollen zu lassen und sich vom Fahrtwind den Schweiß kühlen zu lassen. Die Freunde waren zu einer sehr unzugänglichen Stelle unterwegs. Es war eine Kiesbank im Fluss, an der sie allein nackt sonnen und baden konnten. Burak hatte sie vor einigen Wochen durch einen Zufall entdeckt, als er nach einer verflogenen Frisbeescheibe forschte: Diese schmale Landzunge im Fluss war nur zu Fuß durch einen engen Pfad in dichtem Gestrüpp und eine wagemutige Klettertour den Hang hinab zu erreichen. Vitalij war sicher, dass es an dieser Stelle im letzten Jahr noch keine Kiesbank gegeben hatte. Sie wäre ihm bei seinen Bootsausflügen aufgefallen. Er nahm an, sie sei erst im Dauerregen des Winters durch eine seltsame Laune des Flusses aufgeschwemmt worden.

Kiesbank

Die Freunde hatten niemandem von ihrem Badeplatz erzählt, das war ihr Geheimnis. Auch wenn sie häufig abends mit Bekannten und Mädchen am Flussufer grillten, tranken oder Computer spielten, sie führten nie jemanden an ihre Stelle. Obwohl ich Vitalij bei diesen Gelegenheiten häufig traf, wusste ich ebenfalls nichts von der Kiesbank. Sie war nur für die drei bestimmt, für die langen, heißen Nachmittage jenes Sommers. Hier lagen die drei Jungen den ganzen Tag über, sonnten und unterhielten sich. Manchmal lagen sie still da und lauschten den Vögeln, die in den Zweigen über ihnen saßen und die Klingeltöne von Handys nachahmten. Wenn ihnen zu heiß wurde, sprangen sie gemeinsam in den Fluss, ließen sich in der starken Strömung ein Stück hinab treiben. Im spärlichen Schatten der vertrockneten Erlen kletterten sie dann über die klobigen Ufersteine wieder zu ihrem Badeplatz zurück. Trotz der Sunblocker wurde ihre Haut im Verlaufe der Ferienmonate dunkel, fast ledrig. Sie waren stolz auf diese nahtlose Bräune, auch wenn sie sie, außer sich gegenseitig, niemandem vorführen.

Burak war der schweigsamste der drei. Nur selten er hörte zu, wenn sich Vitalij und Stefan über ihre Chat-Erlebnisse im Internet austauschten; meist las er konzentriert in den dicken, seltsamen Büchern, die ihn interessieren.

Erst spät am Abend, wenn mit der untergehenden Sonne der Hauch einer Abkühlung über den Fluss wehte, kletterten sie durch das Ufergestrüpp zu ihren Rädern zurück.

Die Idylle konnte nicht ewig währen. An einem Tag am Anfang des Augusts warteten Burak und Vitalij am Treffpunkt vergeblich auf Stefan. Die beiden mussten schließlich allein zur Kiesbank radeln. Da Vitalij mit Burak allein nicht viel anzufangen wusste, wurde ihnen schnell langweilig und sie trennten sich früher als sonst üblich. Am nächsten Tag ließ Stefan die beiden wieder vergeblich auf sich warten.

Doch als sie zu der Kiesbank kamen, war er bereits dort. Er war nicht allein. Er hatte ein Mädchen mitgebracht. Er küsste es demonstrativ, als er die anderen kommen sah. Burak übersah Stefans Freundin kommentarlos. Er ließ nur seine Badehose an, als er sich etwas abseits auf den Kies legte und nickend eines seiner Bücher hervorzog. Vitalij wurde jedoch sofort wütend. Er fühlte sich betrogen und winkte Stefan zur Seite. „Warum hast du das getan?“, fragte er scharf, eine abfällige Handbewegung in Richtung des Mädchens machend, das sich gerade auf den Bauch legte und dabei die Träger ihres Badeanzugs von den Schultern streifte.

„Diese Stelle sollte doch eine Sache zwischen uns dreien bleiben, unsere Zuflucht.“

Stefan zuckte abgelenkt mit den Schultern. Er ließ seine Freundin keinen Moment aus den Augen.

„Na und? Das ist jetzt anders. Sie ist meine Freundin. Ich nehme sie überall hin mit. Das hat sich eben geändert. Was ist daran schlimm?“

„Ich will nicht, dass sich etwas ändert. Ich will, dass es so bleibt, wie es ist“, erwiderte Vitalij. Am meisten enttäuschte ihn, dass er diesen einfachen Sachverhalt auch noch erklären musste. Stefan sah ihn nun zum ersten Mal an. Einen Augenblick wirkte er erstaunt, dann lachte er.

„Das soll wohl ein Witz sein! Wir sind keine kleinen Kinder.“ Nein, er begriff noch immer nicht, was Vitalij eigentlich wollte. Genauer gesagt, er hatte nicht überhaupt nicht vor, seinen Freund zu verstehen. Vitalij wusste keine Worte, keine Entgegnung, die sinnvoll gewesen wären. Was blieb ihm übrig? Er schlug dem Freund mit der flachen Hand ins Gesicht. Stefan taumelte überrascht rückwärts. Vitalij setzte nach. Stefan verteidigte sich, nun selbst voller Wut. Bevor Burak oder das Mädchen eingreifen konnten, rangen die beiden miteinander, lieferten sich ein verbissenes Handgemenge. Endlich rollten sie ineinander gekrallt in das an dieser Stelle recht tiefe Wasser. Um nicht gemeinsam unterzugehen, mussten sie sich trennen. Vitalij ließ von Stefan ab und schwamm so würdevoll, wie es ihm möglich war, davon.

Nach geraumer Zeit kehrte er zu der Kiesbank zurück, fand er aber nur noch Burak vor. Stefan und seine Freundin waren längst gegangen. Eine Weile leckte Vitalij noch klagend seine Wunden. Burak ging nicht auf ihn ein, er starrte ohne zu lesen in sein Buch. Dann sagte er:

„Niemand kann zweimal in den gleichen Fluss steigen.“

Es war das letzte Mal, dass Vitalij mit den beiden zusammen beim Baden war. Auch zur Kiesbank ging er nie mehr. Von dem Tag an bis zum Beginn des neuen Schuljahres traf er sich mit uns anderen im Freibad. Natürlich hat er sich später mit Stefan versöhnt. Sie schwiegen den Vorfall tot. Vitalij musste sich eben daran gewöhnen, dass die Freundin, bis sie sich von Stefan trennte, immer dabei war. Mit Burak trafen sich weder er noch Stefan wieder. Es war ihnen beiden peinlich, wenn sie ihm zufällig begegneten.

So hat Vitalij mir diese Geschichte erzählt. Das sei eine alte, eine sentimentale Geschichte, meinte er noch. Aber sie sei immer wieder neu.

*

Und um diesen heftigen Flirt mit dem Selbstmitleid mit Paveses letztem Tagebucheintrag vom Tag seines Todes zu enden:

All das ist ekelhaft.
Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.

 

 

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Der Wolfsmond – Kurzgeschichte

Eigentlich wollte ich ganz fleißig sein, aber die drückende Hitze hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Puh, ist das heiß!

 

Deshalb gibt es heute nur einen Link auf eine „heiße“ Kurzgeschichte:

Wolfsmond – Kurzgeschichte

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„Noch einmal davon gekommen“ – Jetzt geht die Arbeit erst richtig los

 

Die Druckerei hat mir eben das Korrekturexemplar meines neuen Buchs geschickt. Jetzt beginnt die Fehlersuche. Ich bin schon ganz aufgeregt.*

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* Vorbestellungen nehme ich gerne unter klammer(at)email.de an. Das Buch ist Anfang Juni im Handel.

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Das Rote Haus – Eine Kurzgeschichte

Passend zum Frost dieses Aprils blogge ich eine meiner bekanntesten Geschichten, die ich hier im Blog noch nie vollständig veröffentlicht habe. Ich habe versucht, die Sprache dieser Traumgeschichte dem Bild anzupassen und mich dabei von den einschlägigen Lyrikern beeinflussen lassen.

Ich bin überzeugt, diese Geschichte wird bleiben. Sie wird man noch in einhundert Jahren lesen. Sie ist wie ein salziger Tropfen Trauer in einem Ozean aus Gleichgültigkeit.

Die ‚Illustration‘ zum Text stammt von einem ehemaligen, langjährigen Freund. Das Gemälde ist von Bernd Wurzer, einem bayerischen Spät-Expressionisten. Vor einiger Zeit brach Bernd von einem Tag auf den anderen jeglichen Kontakt mit mir ab, ohne mir Gründe zu nennen. Es tut noch immer weh.

Haus

Bernd Wurzer, Alter Schlachthof in Straubing, Öl auf Leinwand

Das rote Haus

Unruhig bewegst Du Dich auf Deiner schmalen Ruhestätte, die Dir kürzlich noch fremd und hart war. Nun ist sie Dir vertraut, liebgewonnen, denn nur der Schlaf hat Erbarmen mit Dir. Deine Hände krallen sich in fordernden Bewegungen in die unsaubere Decke, die unzureichend Deinen ausgemergelten Leib bedeckt. Der frühe Frost hat sie starr gemacht. Es ist bereits kalt hier im Osten, ein strenger Herbst weht neblig durch entlaubte Wälder. Auch Dein Name hat einen anderen Klang bekommen. Er ist fester, kantiger geworden in dieser Luft. Oft gleiten auf silbernen Schatten frühere Leiden vorbei und Rauch sinkt zu den Wassern nieder.

Während ich vorsichtig näher trete und Dich betrachte, den Reif an Deinen verkniffenen Lidern, Deine trockenen, wunden Lippen sehe, flüstert Dein Schlaf schmal vielsilbige Worte einer Sprache, die ich nicht kenne. Sie erscheinen kurz als Dampfhauch über Deinem Gesicht und haben einen sentimentalen, einen verlogenen Klang. Sie schälen sich deutlich aus den Schlafgeräuschen der anderen Gequälten heraus, mit denen wir gemeinsam den kurzen Trug der Nacht teilen. Ich spüre die Gefahr, doch ich kann Dich nicht warnen. Jetzt rufe ich stimmlos. Aber Du hörst mich nicht, Dein erschöpfter Schlaf hat mehr Macht als ich. Er ist mein Feind, vor dem ich mich geschlagen geben muss. Was bleibt mir übrig, als mich zu Dir zu setzen auf Dein hartes Lager? Fern von uns, dort in der verwobenen Düsternis der anderen Seite der Hütte, weint ein junger Mann.

Ich beuge mich herab und mein Ohr berührt Deine gequälten, rissigen Lippen. Eine kurze Weile will ich Dir lauschen, versuchen, Deine unbewusste Botschaft zu begreifen. Ich will mit Dir gemeinsam eine Chimäre der Stille weben. Deshalb möchte ich Dich berühren, Deine krampfende Stirn mit der Innenfläche meiner Hand kühlen. Doch als würdest Du Dich Deiner schämen, rückt Dein Kopf zur Seite: Ich spüre, bald wirst Du in Krankheit erwachen, schwere Schmerzen werden Deinen Schlaf vertreiben. Die eitrige, viel geatmete Luft in der Hütte wird sich durch ätzende Gerüche dunstig brechen.

Es sind zwei Wörter, die ich verstehe. Ich habe sie niedergekauert in die harten Bänke im Hause des Herrn gehört. Es sind Worte, die Du schnell und hastig wiederholst, die sich überschlagen und ineinander vermischen. Für die Qual Deiner Schuld liebe ich Dich zärtlich, mein Gefangener der Freiheit. Komm, erzähle mir erneut von den Ideen, die Du nie völlig begriffen und so lange verfälscht hast, bis Du an sie glauben konntest. Die Nächte sind kurz und die Tage voll Leid und Tod. Du bist verzweifelt, es tröstet Dich, wenn Du erzählst.

Und das ist der Traum Deines Erwachens. Es ist ein Traum, den Du im Erwachen vergessen wirst. Er ist wie Licht, das der Wind ausgelöscht hat:

Halbherzig geworfenen Speeren gleich taumeln staubdurchwirbelte Lichtfinger in das düstere und schweigsame Kirchenschiff wie in den Tagen Deiner Kindheit. Von den buntglasigen, fast heiteren Leiden des von Pfeilen wunden Sebastian stechen sie herab. Sie machen die hölzernen Mienen der im Rund stehenden Geheiligten ehrfurchtsvoll lebendig; sie flecken farbig den Boden, auf dem Dich die Grabplatten von Bevorzugten, von Bischöfen und Kaufherren, stolpern machen. Nachdem Du Dich vor die Stufen des Altars geschleppt hast – es fiel Dir schwer, denn die Luft hatte sich zu einem zähen, unnachgiebigen Brei verdichtet – kannst Du endlich Deine Beine beugen. Du spürst die Kälte und Härte des Untergrundes, der durch das hingebungsvolle Rutschen vieler Knie glatt und speckig geworden ist.

Ich glaube, Du denkst an Aragon, an die Lüge Wahrheit und an Lügen, die Wahrheiten sind. Du denkst an … ich weiß nicht, an vieles: An die Mär vom verbrannten Schuldschein und an die Bomben, an Waffenruhen, an Zyklon B und einen unfehlbaren Mann aus dem Osten, an Deinen wilden Hunger und an den Blutsaft von gebratenem Fleisch, der zischend ins Feuer sticht.

Du wirst auf ein Geräusch hinter Dir aufmerksam, es ist ein scharfer, bedachter Fußtritt, der Dir zu Ohren kommt. Du wendest Dich halb und sofort springst Du auf die Beine, denn dort in der hohen Kanzel lehnt sich eine dunkel gekleidete Gestalt nach vorn. Sie soll Dich nicht knien sehen in diesem unbedachten, kummervollen Moment, in dem Du dich an das Grab Deines Gottes geschlichen hast. Schon hörst Du die Stimme: Sie hat die Macht, eine Masse zu fassen und sie dröhnt kraftvoll herab.

Warum fühlst Du Dich von diesen Worten provoziert, warum siehst Du Dich gezwungen, mehr von Dir zu opfern, als gut sein kann? Was erwartest Du, da Du trotzig erwiderst:

Der Revolutionär ist einer Sache geweiht. Er hat keine persönlichen Interessen, Geschäfte, Gefühle, Bindungen, Besitztümer, er hat nicht einmal einen Namen. Alles in ihm ist aufgesogen von einem einzigen Interesse, einem einzigen Gedanken, einer einzigen Leidenschaft: der Revolution.

Wenn Du geglaubt hast, damit die schemenhafte, schwarze Erscheinung dort oben zum Schweigen zu bringen, hast Du Dich getäuscht. Dir wird geantwortet.

Du entgegnest:

Die Natur des wahren Revolutionärs ist unvereinbar mit Romantik, aller Feinfühligkeit, aller Begeisterung, allem Hingerissensein; sie ist unvereinbar sogar mit dem Hass und der persönlichen Rache. Ich will nicht Ich sein, Ich will Wir sein, Denn das wiederhole ich tausendmal: Nur unter dieser Bedingung werden wir siegen, wird unsere Idee siegen.

Da sind plötzlich Hände, die Dich greifen, berühren, an Dir reifen, tasten, die Dich fassen. Viele Hände, doch Du kennst sie alle, hast alle schon berührt. Du siehst gequält hinauf zu dem Gekreuzigten, den sie an Stahltrossen in der Luft baumeln lassen und mit starken Nägeln daran hindern, herabzusteigen. Er weint Blut, es rinnt langsam die Wände herab. Du ballst eine Faust: Jetzt bist Du sicher, das Verbrechen, das sie an ihm begangen haben, war nicht, ihn zu kreuzigen, sondern ihn in diese Kirche zu hängen, aus edlem Holz geschnitzt, erlesen bemalt, erhaben, erhoben, keine Möglichkeit, ihn zu berühren oder zu verstehen und er ist sehr haltbar.

Das willst Du sagen, damit das lamentierende Ungeheuer auf der Kanzel zum Schweigen bringen. Doch die Hände decken Deinen Mund, pressen Deine Lippen zusammen. Sie machen Dein Atmen schwer, sie riechen ätzend, wund, eitrig. Du musst weiter die lügende Stimme hören, sie ist laut und es schmerzt:

Oh, glorwürdigster Jesus, ich danke Dir für die unaussprechliche Wohltat, dass Du selbst mit Deiner Gottheit und Menschheit, mit Deinem Leibe und Deiner Seele, mit Deinem Fleisch und Blut im mein Herz gekommen bist und meine Seele damit gespeiset hast. Ich rufe Himmel und Erde an und bitte alle Geschöpfe des Himmels und der Erde, dass sie mit mir Dich loben von Ewigkeit zu Ewigkeit …

In diesem Moment gelingt es Dir, zu schreien. Dir ist, als würde Dein Selbst in diesem Schrei verlöschen und Du öffnest mit einem krampfhaften, hektischen Herzschlag die Augen zu einem weiteren Traumbild:

Du stehst still und bist allein. Während Dein Atem langsam zur Ruhe kommt, sucht Dein Blick vergeblich die karge Ebene ab, in die Du geflohen bist. Hier und dort wuchert wie ein Hohn niedriges Buschwerk, weit hinten am Horizont entdeckst Du die einzige Erhebung in Deinem Gesichtsfeld; es könnte ein Gebäude sein, vielleicht ist es auch eine mutwillige, vom Abendbrand entzündete Felsgruppe, Du bist zu weit entfernt, um Dir sicher zu sein. Am Himmel winden sich Wolkenleiber gleich einem vom Sturm aufgepeitschten, giftigen Schwefelsee, ihre Ränder sind grün wie verwesende Eingeweide.

Trotz des wütenden Kampfes dort oben bewegt sich kein Hauch über die Ebene, keines der kranken Blätter spielt im Wind, keine Böe krallt sich spielerisch in Dein Haar. Die Atmosphäre lastet fett und feucht, drückt sie sich auf Deine um Atem ringenden Lungen und sie riecht nach etwas, das einmal ein Teil Deines Lebens war.

Du entschließt Dich nach einer bangen Minute des hilflosen Zögerns, auf die ferne Erhebung zuzugehen, die als einzige die Symmetrie der leblosen Welt unterbricht. Während Du einen Fuß vor den anderen setzt und schnell Freude an Deinem Fortschreiten, an den ausgeglichenen, stetigen Bewegungen Deines Körpers empfindest, flüstert Dein Mund Worte, die außer mir niemand hören wird. Du selbst nimmst sie nicht wahr, so beschäftigt bist Du, Dich auf Dein Laufen zu reduzieren.

Du sagst:

Ein Gespenst geht um in Europa, ein verworrener Gedanke taucht aus dem Abgrund, ein Krieg wird verloren, ein Netz aus Lügen mit Milch getüncht, der Wahnsinnige ist mitten unter uns, er ist ein Weinberg voller Spinnen.

Zu Anfang war ich Gehilfe bei einem Arzt, er nannte sich so und so und mich hieß er Pfleger.

Einmal war es schon spät und die Praxis leer, da kam ein Patient, dem schmerzte der Darm und der Bauch; er hatte entsetzliche Krämpfe und das alles. Er könne es nicht mehr ertragen, sagte er: Er schäme sich zwar und Angst habe er, doch noch viel mehr vor den Schmerzen, als vor dem Tod. Der Arzt sah ihn nachdenklich an und schließlich hieß er ihn, sich niederzulegen, dort mit dem Bauch auf den Bock, das nackte Gesäß in die Höhe. Er ließ sich Zeit mit dem Abtasten, bohrte mit zwei Fingern seiner Rechten im After des Patienten umher, dem ich ein Stück Holz zwischen die Lippen klemmte, um ihn am Schreien zu hindern.

Er ächzte Mitleid erregend und zermahlte es langsam zwischen den Zähnen. Der Arzt verzog keine Miene, nickte zweimal kurz und heftig, dann wusch er sich sorgsam die Hände. Er hieß mich ein starkes Feuer im Ofen zu machen, anschließend schickte er mich hinaus. Ich habe an der angelehnten Tür gelauscht.

Erst war es sehr still – eine ganze Weile. Schließlich sagte der Arzt etwas, das ich nicht verstand. Es waren leise, warme Worte, sicher sollten sie den Patienten beruhigen, der angstvoll wimmerte. Plötzlich war da ein seifiges, platzendes und unerwartetes Geräusch, das nicht zu beschreiben ist, das ich nur einmal in eben diesem Moment hörte. Die Tür öffnete sich überraschend und ich stolperte in einen Gestank, der seinesgleichen suchte. Die Wände, der Tisch, alles war besudelt mit dampfendem Blut und Kot und Schleimigem, Schneckengleichem. War das Gehirn, das zäh von der Decke tropfte? Dort auf dem metallenen Behandlungsbock lag etwas Amorphes, Seltsames; wie ein geschlachtetes Kalb sah es aus. Daneben stand der Arzt und wischte sich ein geplatztes Auge aus dem Haar. In der anderen Hand hielt er eine zwanzig Zentimeter lange, dicke Nadel, eine, wie man sie zum Stricken verwendet. Sie glühte an ihrer Spitze. Er lachte, als ich nicht verstand und ihn fragte, wo der Patient geblieben sei. Er hieß mich, den Raum zu reinigen.

Das hast Du geflüstert auf Deinem Weg und ich weiß nicht, ob es eine Erinnerung von Dir oder von mir war. Beim Gehen siehst Du, dass Deine Ebene zumindest gegen die Himmelsrichtung, in die Du gehst, von fernen, verwaschen bernsteingelben Gebirgsspitzen begrenzt ist. Der Übergang zum bewegten Schwefelspiel des Himmels ist fließend und ein paar Mal hast Du die beunruhigende Illusion, eine Felsspitze würde abschmelzen und ein Spielball der Wolkenfinger werden, die eifersüchtig um sie streiten. Noch immer ist Dir nicht klar, was für eine Erscheinung es ist, die Deinem Weg durch die Ebene ein Ziel gibt. Das diffuse, zwiespältige Licht trübt Deinen Blick wie ein grauer Star, es engt Dein Gesichtsfeld ein und schenkt den häufiger werdenden Büschen eine pulsierende Korona provozierender und ungesunder Farbigkeit.

Trotz der merkwürdigen optischen Eindrücke bist Du Dir bald sicher, dass Du auf einen ausladenden Gebäudekomplex zugehst. Du stellst Dir einen heruntergekommenen Gewerbehof vor, dessen von Wellblech verstärkte Außenwände in einem aggressiven Regen rosten.

Der Hof scheint herabgewirtschaftet und längst verlassen, öde und leer wie das ganze Land um Dich, in dem bis auf den verstärkten Geilwuchs der seltsamen Vegetation alles Leben wie durch eine Seuche ein Ende gefunden hat. Jetzt kannst Du einzelne Bauten unterscheiden. Zwei lang hingestreckte Hütten sind es, die durch schmale Gebäudeteile miteinander verbunden sind, sie werden von einem gedrungenen Turmbau überragt, in dem eine große, tote Uhr mit blinden, erstarrten Zeigern droht.

Er scheint Dir deplatziert und angeberisch wie der verlogene Traum von christlicher Barmherzigkeit. Dir fällt auf, dass der niedrige Bodenwuchs dort vollständig die Erde bedeckt; er sich, von den Gebäuden kommend, wie gierige Metastasen eines Krebsgeschwüres über der Ebene verwuchert.

Überrascht verharrst Du einen Moment der Unsicherheit, denn Du hast an einem nicht misszuverstehenden Zeichen erkannt: Der Hof ist bewohnt Das linke Gebäude trägt einen kurzen Schlot, dem dürrer Hitzequalm entsteigt. Du bemerkst das an den wässrig gebrochenen, spiegelnden Bewegungen der Luft über dem Kamin. Wie ein Pesthauch erschüttert Dich dieses Indiz, dass Du nicht allein bist. Ein dunkles Wort, ein böser Gedanke stechen wie die Glassplitter einer Vision in Dein Hirn. Das Wort heißt Krematorium, der Gedanke: Tod.

Ich sehe, wie Deine Lider zittern und Du gleich die Augen öffnen wirst, um sie in einem entsetzten Schauder des Begreifens sofort wieder zu schließen. Doch noch beschäftigt Dich der Anblick des Gebäudes, vor dem Du stehst.

Dein rasendes Gehirn ist mit dem vergeblichen Versuch beschäftigt, Deine sich überschlagenden Gedankenbilder zu bändigen. Die Wände dieses Hofes sind nicht aus Metall, sie sind nicht rostig, Du hast Dich selbst betrogen. Sie sind aus rohem Holz und in geronnenem Blut getüncht!

Begrabt den Fremden, sagst Du. Hört, Gefangene mit kotbefleckten Flügeln, Würmer tropfen von euren trockenen Lippen und schweigsam öffnen sich die goldenen Augen der ungezählten Opfer.

Du siehst einen Zaun, erst scheint er Dir ein kleines Gemüsefeld gegen Betrunkene und Diebe zu sichern. Doch dazu ist er zu hoch, er führt Strom, Du siehst die Leitungen. Du weißt, seine Hitze brennt tödliche Narben in die Haut. Väterlich und streng umschließt er das Krematorium. Er hat kein Tor, denn der Kamin ist der Weg hinaus. Auf einem Schild stehen Worte, die Dich verhöhnen, die eine Freiheit versprechen, die Dir nur mehr der Traum und sein nächtlicher, schweigsamer Bruder schenken können.

Du bist zurückgekehrt. Die Reise Deines Traums hat Dich zu uns zurück geleitet. Du öffnest die Augen, erwachst. Wie ich geahnt habe, schließt Du sie wieder in einem zuckenden Krampf, doch bald öffnest Du sie erneut. Sie glänzen vom Fieber. Wir sehen uns an, schweigend, voller Verstehen. Du hebst Deine Hand und sie streichelt meine Wange.

Lass, Dein Dank bringt mich zum Weinen und ich war doch fest entschlossen, es nie wieder zu tun.

Bald werden uns die Mörder aus unseren Nachtlagern zur unmenschlichen Arbeit treiben. Tags tönen dann verzweifelt die herbstlichen Wälder und die ersten Toten ruhen bald an der Mauer, geduldig warten sie auf das Grab in den schwefelgelben Wolken. Ein Wort treibt zitternd die Blutrinnen hinab.

Erbarmen.

Verstehst Du es? Ich nicht, niemand in dieser Zeit.

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Der Engel im Spiegel – Kurzgeschichte (Teil Drei)

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Der Engel im Spiegel

 „Gott ist doch nie ein Teil der Lösung. Er ist immer nur ein Teil des Problems – oft auch seine Ursache. Deshalb, ich bin mir sicher, wird man schon bald das Theologische abschaffen, Religion unter Strafe stellen. Nur auf diese Weise kann die Menschheit im neuen Jahrtausend überleben. Mit dieser Großtat wird endlich das, was wir ‚Sinn‘ nennen, aus der Welt verschwinden. Wir werden glücklich sein. Und wir werden wieder Römer sein.“

ψ

klärungsversuch fünf: sammlung

an diesem morgen konnte ich nicht weiterleben nicht auf diese weise verloren weiterhin dahinschreiten auf meiner endlosen verschlungenen und in sich selbst verknoteten kette aus grün leuchtenden möbiusbändern blind im gestern nach dem morgen tasten und mich ewig im kreis der paradoxe drehen erwachend ich blickte auf den warmen sanft atmenden körper neben mir und wusste das alles musste ein ende haben nach gestern durfte es endlich nur mehr ein ewiges heute geben nie mehr ein schritt zurück mit dem erwachen trug ich bereits diesen gedanken ihn hatte mir ein traum eingeflüstert in dem ich auf einem hohen turm stand zwischen schnell dahintreibenden weinroten wolken ein halber schritt nach vorn war noch zu tun ein beinahe zufälliges verlagern des gewichts nur ja den rest machte die schwerkraft halb zog sie mich halb sank ich hin stürzte vornüber rasend schnell in den grünen abgrund über dem ich meinen turm aus lügen und vorurteilen errichtet erschütterte mich ein klarer gedanke erkannte ich die lüge die mich mein leben lang getrieben hatte zur seite kippend breitete ich nun meine arme wie adlerschwingen aus krallte mich mit den fingern in die Wolken klammerte mich an ihren gespinsten fest und schwang mich empor hinauf umkreiste den turm gleich einem ewigen gesang dann fasste ich mit dem blick den horizont er leuchtete über den nebeln des abgrunds schau da flog ich tatsächlich in den jungen morgen da hinten das morgen erwartete mich und neben mir waren plötzlich viele andere gedankenschnell waren wir alle unterwegs gemeinsam auf dem weg in die zukunft der ich mich so lange verweigert hatte der schwere schwarze schatten des turms konnte uns nicht mehr erreichen wir badeten in einer zärtlichen sonne wir waren glücklich:

Ich erwachte neben der Frau, die ich liebte und wusste, dies war der erste, dies war der letzte Tag.

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… erschöpfend: Noch war ich nicht am Ziel. Trotz der Enge des Aufstiegs, die so verführerisch eine einzige Richtung vorgaukelte, nämlich die hinauf zur Plattform, galt es doch weiterhin, mit jedem Schritt Entscheidungen zu treffen. Bei unserem kurzen Treppensteigen den Turm empor lagen unendlich viele Kreuzungen versteckt, Scheidewege trennten sich, Irrpfade täuschten uns und Abzweigungen fanden sich zur Genüge. Sie alle führten in eine andere Zukunft, als in die, dich ich formen wollte. Lenkten von dem Weg ab, den ich so hoffnungsvoll wieder und wieder mit ihm begonnen hatte.

Ich wusste von unseren vorherigen Besteigungen, dass die hier in den unteren Stockwerken noch bequem zu begehende Treppe weiter oben in einem schmalen Turmzimmer an einer fast senkrechten Leiter endete. Sie war die letzte Anstrengung, die es zu überwinden galt, um gemeinsam hinauf auf die Aussichtsplattform zu gelangen. Das war die heikle Stelle, an der er schon mehrmals abgebrochen hatte. Ihn erneut zu überzeugen, würde schwierig werden. Zudem rutschten kurz vor der Luke ins Freie die Seitenwände so nah an die unzureichend beleuchtete Leiter heran, dass sich jeder, der sie zum ersten Mal empor stieg, heftig den Kopf an einem großen Holzbalken stieß. Einmal hatte sich der ältere Mann dabei eine stark blutende Platzwunde an der Stirn zugezogen, einmal war er sogar rückwärts hinabgestürzt. Ich hatte gerade noch rechtzeitig abbrechen können, bevor er auf mich fiel und mich mit sich in die Tiefe riss. Diesmal würde ich ihn rechtzeitig warnen können, auch wenn dadurch nicht alles vollkommen perfekt würde. Manchmal müssen aber neunundneunzig Prozent genügen.

… ein wenig Geduld: Noch war es nicht so weit. Noch befanden wir uns in den unteren Stockwerken. Mein Begleiter ließ mir bald den Vortritt beim Aufstieg. Bereits nach zwei Kehren kam der große, schwere Mann außer Atem, nur mühsam Anschluss haltend, stapfte er hinter mir die knarrenden Stufen empor. Obwohl er sich für sein Alter fit hielt, Tennis spielte und jeden Morgen auf seinem Rennrad zwei Stunden durch die Hügel fuhr, musste er dem Brunello und dem eben genossenen Abendessen seinen Tribut zollen. Auch mir standen schnell Schweißperlen auf der Stirn. Die großen Quader, aus denen einst das Kaufmannsgeschlecht seinen angeberisch hohen Turm errichtet hatte, waren durch einen langen umbrischen Sommer aufgeheizt und gaben ihre schwüle Wärme großzügig in die stickigen Innenräume ab.

… ausruhen: „Das ist ja interessant“, keuchte mein Begleiter und trat näher an einen halbblinden Kunststoffkasten heran, in dem sich ein undurchschaubares Gewirr aus Gewindestangen, Zahnrädern und Federwerken bewegte und einen erstaunlichen Lärm erzeugte. Wir hatten die Ebene erreicht, auf der das sorglose und technikbegeisterte 19. Jahrhundert eine große hässliche Uhr in den Turm eingebaut und seine ursprüngliche Symmetrie zerstört hatte. Freilich interessierten ihn das mühsam tickende, wie unter Schmerzen stöhnende Uhrwerk und die in die Mauer gebrochene Wunde nicht. Er nutzte die Gelegenheit, wieder zu Atem zu kommen, ohne vor dem jungen Wolf das Gesicht zu verlieren.

… Geduld ist am Ende die einzige Tugend, die die Zeit lehrt: Ich blieb direkt neben ihm stehen und ließ ihm die Illusion, dass er mich täuschen konnte.

„Diese Kaufherren wollten allen ihre Größe und ihre Macht zeigen“, gab ich meinem Begleiter die Zeit, die er benötigte, um tief ein- und schnell wieder ausatmend seinen Herzschlag zu beruhigen. „Ihr Geschlechterturm überragt seit nun bald siebenhundert Jahren den schlanken Glockenturm der Dorfkirche fast um das Doppelte. Als sie ihn errichteten, war das Christentum eben bedeutungslos geworden. Es war ein hübscher Verlierer, aber tot. Nichts weiter als ein anachronistischer Wiedergänger, der mit mahnendem Blick in die Zukunft schaut und dort nur den Friedhof seiner Ambitionen sieht. Ein neues Zeitalter dämmert am Horizont, es ist die Zeit der Bürger, der Krämer und Geldleute. Dieser wehrhafte Turm ist ihr Denkmal. Er deutet wie ein Finger hinauf zu den Sternen und fordert Unsterblichkeit, will vom ewigen Ruhm seiner Erbauer künden. Doch bald schon kamen Soldaten aus Florenz, danach die Venezianer, Spanier, Franzosen, Österreicher und noch viele weitere Eroberer. Immer wieder brannte der Turm. Zuletzt zündeten ihn die Nazis an. Der letzte Nachfahr dieses Geschlechts aus Kaufherren starb bei der Schlacht von Goito im ersten italienischen Unabhängigkeitskrieg. Und nun ist der Turm nur noch ein weiteres Beispiel der menschlichen Hybris und zeigt den Dörflern, wann sie mittags die Gitter vor ihren Läden schließen dürfen.“

„… und die Uhr geht ein paar Minuten vor“, ergänzte mein Begleiter lächelnd. Er atmete wieder ruhig und gleichmäßig. Aus seiner Tasche holte er ein Stofftuch, mit dem der sich sorgfältig über die Stirn und dann über den Nacken wischte.

… diesmal fand ich die rechten Worte: Nun musste ich ihn vorbereiten. Wieder einmal überraschte er mich. Er sprach die Gedanken aus, die ich noch im Geist formuliere.

„Der Moment vor der Erkenntnis ist ein schmerzhafter“, sagte er und wagte sich noch näher an mich heran. Unsere Oberarme berührten sich. Ich machte ihm Mut und lege meine Hand auf seine Schulter. Ganz nah an sein Ohr ging nun mein Mund. Er hatte diese kleine Belohnung verdient. Wenn ich es wollte, konnte ich nun mit meiner Zunge, ach, der weinroten, wortmächtigen, die durchsichtigen, feinen Haare kitzeln, die wie ein Flaum die Haut seiner Ohrmuschel bedeckten und sich unter meinem Atem zitternd aufrichteten.

„Ja. Er fordert vollkommene Klarheit und Entschlossenheit. Aber immer tut er weh. Sein Licht blendet und brennt deine Seele aus wie ein Feuersturm“, flüsterte ich ihm zärtlich zu und sah gleichzeitig durch eine schmale, wie eine Schießscharte geformte Fensteröffnung in der Wand neben der Uhr, Hinter ihr sank der aufgeblähte Sonnenball allzu eilig herab. Bald würde er die Spitzen der nachtschwarzen Zypressen auf den Hügeln im Westen berühren, von denen bereits wie feines Gewebe durchsichtiger Dunst emporstieg. Wir hatten nicht mehr viel Zeit. Aber diesmal, ich wusste es, würde es nur den einen Weg, den Weg nach vorne, den Weg nach oben geben. Keine Kreuzungen mehr, keine Zweifel.

… drängend: „Komm, eine letzte Anstrengung noch. Dann stehen wir auf dem Turm, den man nur einmal empor steigen kann.“

Er wand mir seinen Kopf zu, sah mir in die Augen. Zuversicht konnte ich dort lesen, Erwartung, auch Erregung. Und Furcht. Für einen kurzen Moment war sein Blick der eines Kindes, das hofft, aber schon zu oft enttäuscht wurde. Ich hatte erst gestern diesen Blick gesehen, bei den beiden Engeln, die die schwangere Madonna begleiteten, dort in dem alten Schulhaus. Gestern, als ich noch in einem ewigen Heute lebte, in einem anderen, mir selbst fremd gewordenen Leben, das ich beenden musste.

„Wir sind gleich oben. Aber gib acht“, mahnte ich, „stoß dir auf der Leiter nicht den Kopf an den Balken an.“ Falls mein Begleiter überrascht war, weil ich das Innere des Turms bereits zu kennen schien, verriet er das mit keiner Geste und mit keinem Wort. Er zögerte nur kurz, dann nickte er und wand sich wieder der Treppe zu. Diesmal blieb ich hinter ihm.

…schließlich: Wir standen auf der Plattform. Vielleicht hatte der Wind die Samen emporgetragen oder ein Vogel in seinem Schnabel. Zu unserem Erstaunen wuchsen dort oben auf magerem Erdreich und zwischen bröckelnden Bodenplatten mehrere alte, verkrüppelte Steineichen, die man von unten nicht sehen konnte. Es war, als würden wir in einen einen kleinen, heidnischen Hain eintreten. Ich hatte diese Umgebung nicht erwartet, da es mir diesmal zum ersten Mal gelungen war, bis hinauf auf die Spitze des Turm zu gelangen, aber sie war perfekt, wie für eine Theaterinszenierung vorbereitet. Ich fragte mich, wie die knorrigen, windschiefen Bäume bewässert wurden, denn ihr Grün war üppig und kräftig.

Diesmal hatte sich mein Begleiter nicht verletzt oder war erschöpft und enttäuscht wieder abgestiegen. Mein Plan hatte endlich funktioniert. Ich trat zur Seite und warf einen neugierigen Blick über die lächerlich niedrige Brüstung hinunter auf die Piazza gut sechzig Meter unter mir. Für mich schienen Jahre vergangen zu sein, seit wir dort unten auf der Terrasse des Ristorantes zu Abend gegessen hatten, aber es war tatsächlich höchsten eine Viertelstunde vergangen. Die Schatten erreichten bereits die Dächer des hoch über die umliegenden Hügel hinausragenden Dorfs und färbten die ihre Ziegel dunkelrot. Der riesige orangerote Glutball der Sonne, dessen Strahlen noch immer stechend im Gesicht brannten, stand nur noch eine Handbreit über einem Band aus geschmacklos rosafarbenen Wolken. In den Lücken, die sie ließen, war der Horizont durchsichtig türkis, fast grün. Sogar die Natur arbeitete eifrig mit, diesem Moment Feierlichkeit und Erhabenheit zu schenken.

… spähend: Die Bustouristen folgten ihrer Reiseführerin erleichtert und von der Kultur überfordert in eine billige Pizzeria am Ortseingang. Der Platz zu meinen Füßen leerte sich flink. Ich fand die Gesuchte endlich auf den Stufen der Säulenhalle vor dem Rathaus sitzend. Wenn ich es recht erkennen konnte, hielt sie ein cono gelato in der Hand und sah aufmerksam zu mir empor. Ja, jetzt winkte sie sogar. Sie hatte mich bemerkt. Eine plötzliche Wärme pochte in meiner Brust und machte sie eng. Da saß der Engel, wegen dem ich auf den Geschlechterturm gestiegen war und leckte abgelenkt an seinem Eis. Geduldig wartete sie am vereinbarten Treffpunkt.

Mein Begleiter, der noch immer genau in der Mitte der kleinen Aussichtsplattform zwischen den Eichen gestanden war, trat zögernd zu mir. Dabei kramte er in der Innentasche seiner dünnen Leinenjacke und zog eine schmale Brille heraus, die er umständlich auseinanderklappte und dann aufsetzte. Ihren Bügel ließ er dabei allerdings nicht los. Er gab ihm offensichtlich den Halt, um seine Höhenangst zu überwinden. Nur kurz warf er ebenfalls einen schaudernden Blick hinab. Dann trat er sofort wieder zurück vom Rand und verstaute wieder seine Brille.

Bevor er sich bewusst werden konnte, dass hier oben außer einem durchaus beeindruckenden Sonnenuntergang, den er allerdings so oder ähnlich auch von der Westterrasse seines Feriendomizils aus hoch über dem Silberrauschen eines Olivenhanges genießen konnte, nichts Bemerkenswertes zu entdecken war, musste ich handeln. Entschlossen schwang ich mich auf die nur zwei Hände breite Brüstung, drehte mich nach innen und balancierte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Mein Traum der vergangen Nacht kam mir wieder in den Sinn.

Der ältere Mann riss erschrocken die Augen auf und seine aufkommenden Zweifel verschwanden schlagartig aus ihnen. Auch von unten hörte ich Rufe. Sah Chiara, was ich tat? Egal, sie würde es gleich wieder vergessen haben.

… entsetzt: „Mein Junge“, rief der Mann, „mach dich nicht unglücklich!“

Ich musste lachen. Hatte er das wirklich gesagt? Mach dich nicht unglücklich? So eine banale Reaktion hätte ich ihm nicht zugetraut. Da hatte ich mehr von ihm erwartet. Ich wollte einen gebildeten Zeugen, der meine Tat wie einen Schluck edlen Rotwein oder wie eine Messerspitze überreifen Käse genießen konnte. Doch nun war es zu spät, zurückzugehen, einen anderen zu suchen. Ich war am Ende meiner Reise angelangt.

„Ich stehe am Scheideweg zwischen zwei wunderschönen Frauen“, sagte ich und tänzelte einen Schritt zur Seite. „Wie Engel sehen sie aus. Sie locken zu sich und flüstern mir ihre süßen Lügen zu, werfen verheißungsvolle, alles versprechende Blicke auf mich, zeigen mir ihre Reize. Sie heißen Aretē und Kakia. Sie sind die Tugend und die Schlechtigkeit. Die Umarmung der einen führt in die Freiheit, die der anderen in meinen Untergang. Doch beide Mädchen, die grün gekleidete und die rot gekleidete: Sie sehen genau gleich aus, ihre Stimmen sind die selben, die Haut von beiden ist weich und zart. Sie spiegeln einander in einer endlosen Vexierspiel. Ich kann nicht erkennen, welche die Gute ist und welche von ihnen mir schaden will. Ich stehe und schaue und wage es nicht, mich für eine Seite zu entscheiden.“

Mein Begleiter schnalzte mit den Lippen. Er wurde etwas ruhiger, wollte wieder an die Übereinkunft glauben, die wir getroffen hatten. Er war hier, um zu genießen, deshalb war er mir gefolgt. Unser Spiel der Worte war ihm nichts mehr als ein exquisites Dessert nach einem gelungenen Gastmahl an einem weiteren perfekten Tag in seinem umbrischen Paradies.

„Diese Parabel erzählt uns Prodikos von Keos. Sogar Jesus muss von dieser Geschichte gehört haben. Doch bist du Herkules?“, fragte der Besserwisser, der mit einem Mal begann, mir lästig zu werden. Ich ging nicht auf ihn ein. Das musste ich nicht mehr o knapp vor dem Ziel.

„Ich habe mein Leben damit verbracht, den richtigen Weg zu finden. Ich tastete mich vorsichtig in die eine Richtung, kehrte um. Versuchte die andere und lief feige mit eingezogenem Schwanz zurück zur Kreuzung. Doch nie fand ich heraus, welches der Mädchen Aretē und welche Kakia war, welcher ich trauen und welche mich verraten würde.“ Ich machte eine Pause, genoss den atemlosen Moment in der Zeit. Wie der Gekreuzigte stand ich mit weit auseinander gestreckten Armen auf der Ziegelsteinmauer hoch über der Piazza. In meinem Rücken ging die Sonne unter.

„Doch nun endet das Spiel“, fuhr ich fort. „Ich habe einen dritten Weg gefunden. Er ist ganz einfach zu betreten. Es ist seltsam, dass ich ihn immer übersehen habe, wo er doch so deutlich vor mir lag.“ Ich verlagerte mein Gewicht etwas zurück und schloss die Augen. Ich begann zu zählen: Von ‚Zehn‘ rückwärts auf ‚Null‘.

Bei ‚Drei‘ kippte ich nach hinten und fiel. Jemand schrie – über mir, unter mir. Ich weiß es nicht.

Meine Hände griffen in die Gespinste der Wolken.

ψ

„Zeit ist Leben und Leben ist Verantwortung und Verantwortung bestimme deine Zeit. Weder Vergangenheit noch Zukunft gibt es, sondern es gibt eine Gegenwart der vergangenen Dinge, eine Gegenwart der gegenwärtigen Dinge, eine Gegenwart der zukünftigen Dinge. Diese drei Zeitformen nehmen wir in unserem Geiste wahr, aber sonst nirgendwo. Denn Zeit wohnt in deiner Seele.“

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klärungsversuch sechs: wahrheit.

glaube mir ich habe es auch nie verstanden aber von anfang an war ich anders ob ich die gabe bereits im mutterleib und in den ersten jahren meiner kindheit besaß ich weiß es nicht aber ich vermute es schließlich sind die frühen jahre endlos sie kennen keine zeit kein heute kein morgen dass ich in einem ewigen heute lebte und jederzeit zurück gehen konnte von heute nach gestern und vorgestern und gestern und vorgestern wieder ein heute waren erkannte ich erst spät fast zu spät in den jahren meiner pubertät für mich war die zeit nie eine einbahnstraße ich konnte immer wieder zurückkehren zurücktreten noch einmal versuchen und wenn es wieder nicht gelang noch einmal und wieder und wieder und wieder von innen sieht das hamsterrad wie eine leiter aus die mich hinaufführt doch tatsächlich brachte es mich nie vom fleck:

Bis ich zwischen zwei Engeln meiner Liebe begegnete.

ψ

…wieder: „Ich habe satt!“, und legt beide Handflächen vor sich auf den Tisch. Er dreht sie langsam nach oben, mustert mich über seine randlose Lesebrille mit weinschwerem Blick.

„Da muss es doch noch etwas anderes geben“, fährt er mit gespielter Verzweiflung fort, „einen dritten Weg!“ Ich sehe, seine Hände wollen zwei Waagschalen bedeuten, in denen er das Gewicht seines Schicksals schätzt. Ich kann seine Weinerlichkeit nicht länger ertragen. Sein Selbstmitleid ekelt mich an.

„Ja, den gibt es“, erwidere ich und stehe entschlossen von dem Terrassenstuhl auf. „Ich bin ihn gegangen.“

Ohne ein weiteres Wort wende ich ihm den Rücken zu und trete hinaus auf die hitzestarre braune Piazza, die in der abendlichen Sonne brät. Eine Taube flattert müde auf. Ich spüre den überraschten Blick des älteren Mannes in meinem Rücken, aber er lässt mich ohne einen Kommentar ziehen. Wahrscheinlich fragt er sich, wie er sich so in mir täuschen konnte.

Mein Ziel ist ist das alte Renaissance-Rathaus am anderen Ende des Platzes, weit weg von dem arrogant hohen Geschlechterturm, den ich mit keinem Blick würdige. Ich habe Zeit; schlendere gemütlich über das holprige Pflaster. Ich setze mich auf die Stufen vor der großen Säulenhalle, in der am mercoledì der Wochenmarkt stattfindet. Ich warte geduldig. Bald wird sich hinten durch das Stadttor eine Wagenladung Touristen quetschen. Der ältere Mann, den ich so schnöde an dem Tisch vor dem Ristorante sitzen ließ, diskutiert eifrig mit dem Kellner. Er scheint mich schon vergessen zu haben.

„Ciao,“ sagt eine helle, frohe Stimme und Chiara setzt sich neben mich. Sie hält in jeder Hand eine Tüte gelato. Umständlich schiebt sie mit dem Oberarm ihre langen Haare zurück und gibt mir dann einen zärtlichen kalten Kuss auf den Mund. Er schmeckt klebrig nach dem Wachs ihres weinroten Lippenstifts und nach Himbeereis. Ich verliere mich in olivengrünen Augen und lache glücklich.

Mein dritter Weg wird keine Kreuzungen kennen. Er wird mich geradeaus in die Morgen führen, die nun vor mir liegen.

An der Seite der Frau, die ich liebe.

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Der Engel im Spiegel – Kurzgeschichte (Teil Zwei)

[Ich weiß, dass der Text dem Leser einiges abverlangt und er ihm eine im Internet unübliche Geduld und Aufmerksamkeit schenken muss. Trotzdem ist dies die eine Geschichte, die ich persönlich für meine beste halte. Für einen Freund nach oben geholt. Der Schluss folgt morgen.]

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Der Engel im Spiegel

 „Wenn man nun dermaßen über sich selbst nachdenkt, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als einzusehen, dass derjenige frei handelt, der tun kann, was er will und unterlassen kann, was er will, und dass Freiheit nichts anderes ist als das Fehlen äußerer Hindernisse.“

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klärungsversuch drei: annäherung.

der reine ich bin versucht zu sagen nackte physikalische vorgang ist keiner der anstrengung oder gar schmerz bereitet bereits als kind hatte ich keine probleme einen oder mehrere schritte zurück zu gehen ich schließe die augen sehe mit dem inneren blick in den spiegel meiner selbst zähle langsam rückwärts von zehn auf null und während dieses zögernden versenkens des rückzugs in den selbstpanzer stelle ich mir die szene um und so plastisch vor wie nur möglich versuche alle umgebung wiederzuerwecken geräusche gerüche licht und das spiegelbild für das es keine worte gibt da sie nur leere abstraktionen für ehrfurcht sind das ist nicht schwerer als joga selbsthypnose autogenes training lange geübt perfektioniert und in neunundneunzig von hundert fällen geht alles glatt ich rutsche zurück:

Irgendwann wird es mich töten und auch die anderen werden totbleiben.

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drängend: In der Mitte Italiens sind Öffnungszeiten nur ein unverbindlicher Rahmen. Dennoch waren der ältere Mann und ich schon etwas spät dran, wenn wir noch auf den Turm steigen wollten. Aber sein bedauernder Blick zurück auf den Tisch, auf dem eine neue Karaffe Brunello stand, war nur kurz. Ich schob ihn über die flimmernde Ziegelröte der Piazza, sanft die Hand auf seine Schulter gelegt, dabei genau den nötigen Druck ausübend. Es tat Not, sich zu beeilen, denn jeder Augenblick verlor Stimmung, die ich vorher mühsam aufgebaut hatte. Und ich hatte keine Lust, alles noch einmal von vorne zu beginnen. Dies war der letzte Versuch.

Nehmen wir an, wir haben gar keine Möglichkeit“, flüsterte ich ihm daher mephistophelisch schmeichelnd ins Ohr, zum ersten Mal seinen Geruch aufnehmend, „denn wir sind determiniert. Alles ist uns vorbestimmt und unser Leben scheint uns nur voller Alternativen, obwohl sie keine sind.“

Er roch nach Zimt, Rotwein und ein wenig auch nach Schweiß, eine scharfe, appetitliche Mischung. Wie gewünscht blieb er stehen, wandte sich halb zu mir. Der Respekt kehrte zurück und ich konnte mich vorbereiten; atmete die Umgebung ein. Vom Tor her trat eben eine Gruppe Touristen auf den hitzestarren Platz, folgte nur widerwillig der kulturtrunkenen Führerin. Immer häufiger zuckten die Blicke neidisch und ungeduldig hinüber zum Cola-Automaten der paninoteca und zu den staubigen Postkarten vor dem tabaccaio. Dieser Menschenhaufen belastete die perfekt erhaltene Renaissance-Symmetrie der Piazza und brachte sie fast zum Kippen.

„… mit einem Geschlechterturm aus dem trecento, bis hinein ins 16. Jahrhundert mehrmals aufgestockt … die Kaufmannsfamilie hatte … Wappen an der Westfront belegen, beste Kontakte zum Bankhaus ‚Fugger’ … ja, hier ging die Handelsroute über Perugia nach Rom …“, hörte ich Mosaiksteine von Lexikonwissen über der Reisegruppe ausgeschüttet. Ich überlegte, ob eine Korrektur sinnvoll war. Aber nein, der Moment war zu perfekt.

wie zum Beweis: „Das ist doch meine Angst“, erwiderte mein Freund und machte einen Schritt in den Schatten des Turmes, der den Platz inzwischen als dunkler Fluss in zwei Ufer teilte, „auch unsere Taten, auf die wir stolz sind, unsere Entscheidungen und Liebeserklärungen sind möglicherweise nur Wirkung. Versteh’ mich recht!“ Er hob einen mahnenden Zeigefinger, während sich die Hand zur Faust ballte. Mir war, als wolle er diese Gedanken festhalten und nie mehr loslassen. „Alles was wir machen und sagen, hat Ursache. Das ist banal und es beunruhigt mich nicht. Schrecklich ist jedoch die Umkehrung.“ Kopfschütteln. Eine kurze Pause: Etwas bleibt ungesagt. Dann erneutes Kopfschütteln: „Ich glaube, mich für eine Alternative entscheiden zu können – doch das ist Trug, ein Wahnbild. Es war schon vorher festgelegt, was ich mir erwähle. Ich hänge an klebrigen Fäden, die mich ziehen. Ich weiß es nur nicht. Alles was ich bin, ist Wirkung. Freier Wille nur der feuchte Traum einer Marionette.“

Gut: Er hatte sich Gedanken gemacht.

Schlecht: Das war das Gespräch, das ich mit ihm im Torre führen wollte, beim langen, schimmeldunklen Anstieg durch das knarrende Treppenhaus, diesem Gebärmutterkanal hinauf ins Licht. Nur eine kleine Änderung und der ganze Ablauf verändert sich.

Hältst du das für eine gute Idee?“, ließ sich mein Begleiter ablenken und blieb direkt vor der Eingangstür des Turmes stehen. Er deutete eine Gasse hinab, wo verblichene Kunststoffvorhänge und eine „Hausbrandt“-Reklame lockten. „Ich genieße unser Gespräch, aber wollen wir es nicht beim Wein fortsetzen und anschließend in die Bar? Dort gibt es einen Grappa aus der Gegend. Dann fahren wir zur Fattoria. Ich habe dort ein paar interessante Bücher, die ich dir zeigen möchte“, köderte er. Eine Besorgnis zeigte sich als Falte auf seiner Stirn.

wohl abgewogen: „Wir haben zwei Optionen: Zurück in die Welt“, ich machte eine wegwerfende Handbewegung hinüber zu dem schnatternden und fotografierenden Menschenhaufen, der sich nun wie eine Krankheit langsam auf der Piazza verteilte, „oder wir steigen auf den Turm, auf den man nur einmal steigen kann. Aber vielleicht wurde die Entscheidung schon längst für uns getroffen.“

Er lächelte und griff an seinen Gürtel, holte sein Smartphone heraus und stellte es ab. Nichts sollte ihn ablenken. Er hatte entschieden und stieg in meiner Achtung.

In der muffigen Eingangshalle saßen hinter einem kleinen Tisch zwei ältere, geschnitzt wirkende Frauen. Beide strickten an einem undefinierbaren Kleidungsstück. Im Türrahmen stehend sah ich noch einmal zurück auf den umbriafarbenen Platz. Nein, die Touristen machten keine Anstalten, uns zu folgen. Mein Glück hielt an; es war keine Korrektur nötig. Beide Frauen sahen auf. Es bewegte sich kein Muskel in ihren konzentrierten Gesichtern, ihr Blick war scharf und lauernd, die Pupillen schwarze, abgelutschte Olivenkerne. Sie hätten Zwillinge sein können oder eine das Spiegelbild der anderen. Die Treppe im Hintergrund wirkte wie die Strich-Punkt-Linie der Symmetrieachse, die Piero zu übermalen vergessen hatte.

Signori?“, sagte die eine.

Buona sera!“, sagte die andere.

Die Spiegelung hielt an. Dann endlich riss einer der beiden alternden Engel zwei weinrote Tickets vom Block, der auf dem Tisch stand, und hielt sie mir entgegen. Die andere öffnete eine kleine Kasse und hob die leere Hand.

Quattro E-Uro“, sagte die eine.

Per favore!“, sagte die andere.

Ich kramte ein paar Münzen aus meiner Hosentasche und nahm ihr die Abrisse aus der Hand, auf denen die Aufschrift: ‚2000 lit.’ mit ‚€ 2’ überstempelt waren. Ich war stolz, wie sehr sich der reiche Mann bei dieser Trivialität im Hintergrund hielt. Er bewies erneut Geschmack. Die zweite Frau deutete auf die Holztreppe hinter ihr, die nach oben ins nächste Stockwerk führte. Sofort hörten wir für die beiden auf zu existieren. Sie führten ihre Meisterschaft im Synchron-Stricken fort.

endlich: Wir begannen unseren Aufstieg vorbei an vergilbten, kaum leserlichen Texttafeln und historischen Ansichten von Stadt und Turm. Im ersten Stock hingen ein paar speckdunkle, das Kunstlicht spiegelnde Gemälde äußerst zweifelhafter Qualität, die stockhässliche Persönlichkeiten des ehrwürdigen, mit den Fuggern befreundeten Kaufmannsgeschlechts zeigten. Hier im fensterlosen Turm war es angenehm kühl, aber auch drückend, kaltschweißig.

Die Reise beginnt“, sagte ich und meine Stimme klang dumpf, wie erstickt. Der ältere Mann sah mir direkt in die Augen.

„… ein Weg, den wir nur einmal gehen können.“ erwiderte er sehnsüchtig.

 

Als Herkules das Alter erreicht hatte, wo der Knabe sich in den angehenden Jüngling verliert, und junge Leute, indem sie ihre eigenen Herren zu seyn anfangen, zu erkennen geben, ob sie in ihrem künftigen Leben den Weg der Tugend oder den entgegengesetzten gehen werden, zog er sich einstmals, noch unentschlossen welchen von beyden Wegen er einschlagen wolle, an einen stillen einsamen Ort zurück, um der Sache ernstlich nachzudenken. Da däuchte ihn, als sehe er auf einmal zwey Frauenspersonen von mehr als gewöhnlicher Größe auf ihn zukommen.“

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klärungsversuch vier: begriffe.

wenn ich einfach einmal setze zeit sei nichts weiter als ortsveränderung a nach b durch den raum dann impliziere ich eine rückkehr aber das ist natürlich falsch damit erklärt sich doch nicht die möglichkeit der rückkehr denn ich steige eben nicht zweimal in den gleichen fluss turm tag leben zeit lebenszeit ist ein weg den ich nur in einer richtung begehen kann denn auch in der umkehr ist zeit vergangen ich besuche einen ort und während ich ihn erkunde vergeht zeit weil ich mich bewege vorwärts rückwärts im kreis auch der ort für mich so still bewegt sich in des tages kurzer reise er altert wie ich ist der witterung ausgesetzt den elementen kurz der zeit kehre ich dann nach zwei stunden tagen jahren zurück egal wie lange es dauerte haben wir uns beide verändert der ort und ich wir sind andere geworden ähneln noch der früheren gestalt aber wir sind es nicht mehr wir sind fremde schattenwürfe des vergangenen wie ein physiker mir erklärt hat bestehe ich nicht einmal mehr aus den gleichen bausteinen wie früher ich denke anders bin anders geprägt also besucht eine neue person einen neuen ort das ist die einmaligkeit der zeit:

Doch es gibt für mich einen Weg.

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Sie taucht hinter ihr Buch, tut, als würde sie völlig eingesogen von ihrer nur vorgeschobenen Camilleri-Lektüre: Sie versucht, die störende Wirklichkeit – und damit auch mich – zu negieren, indem sie die Welt außerhalb ihres Glaskastens ignoriert. Das mag manchmal funktioniert haben; Chiara wirkt, als würde sie nicht zum ersten Mal so handeln, aber bei mir klappt das nicht: Ich habe ein Ziel und sie ist nur eine wenngleich hübsche Barriere.

mein Zeitpunkt: Er ist ein zufälliger, auch wenn er so absichtsvoll gewählt wirkt. Wenn ich nur Wirkung bin, dann wirkt etwas Großes. Dieses Mal hat mich mein Versuch, einen perfekten Tag zu erleben, noch nicht dazu verleitet, ihm ein wenig nachzuhelfen. Manchmal geht es auch ohne Eingriffe in den Gang der Zeit; auch wenn die Versuchung groß ist, in alte Gewohnheiten zu verfallen. Es war einzig der Zufall eines schäbigen, von Schüssen durchlöcherten Wegweisers an einer Straßenkreuzung und die dunkel erinnerte Kunst Pieros, die mich nach Monterchi geführt haben. Es ist mein konsequent geleiteter Ausweg aus den quälend engen, perspektivefremden Bildern der Assisi-Maler, die meinen gestrigen Tag durch die Basilica di San Francesco begleitet hatten.

Gestern erscheint mir jetzt als Ungeheuer, eine lange vergangene, eine mythische Zeit. Ich war erleichtert, Assisi heute Morgen mit meinem Auto auf der staubigen E 75 Richtung Norden verlassen zu können. Eigentlich hatte ich einen Umweg über das weiße Gubbio geplant, jenem großartigen am Berghang gestrandeten Schiff. Aber im Nachhinein betrachtet wäre die Stadt eine falsche Fährte gewesen. Meine Tage bestanden seit geraumer Zeit nur aus Umwegen. Mein Ziel, wenn ich überhaupt eines hatte, war fern und fremd. Es war die Ausrede, Treibgut der Wirkung zu sein. Ich wollte Dinge wiedersehen, die mir bei meinem ersten Besuch fremd geblieben waren. Es stimmt schon: Man kann nur sehen, was man auch verstanden hat.

Damals, noch vor dem vernichtenden Erdbeben von 1997 stand ich in der Basilica di San Francesco von Pilger- und Touristenströmen umflutet, hörte etwas von Giotto und Cimabue, erblickte ein paar bunte, surreale Bildchen an Decken und Wänden – und sah tatsächlich nichts. Gestern war ich nun eine neue Person und endlich bereit.

sah: Auch wenn viel Unersetzliches zerstört ist, denn auch der Ort hat sich gewandelt, nahm ich doch eine Spur von dem auf, das mich nach vielen Umwegen schließlich zur Madonna del parto geführt hat, dem heiligen Tabernakel im Tempel des Herrn. Um es noch einmal zu sagen: Es ist wirklich ein Zufall, der mich in der Mittagshitze in das kleine Museum führt, zu einem Zeitpunkt, an dem das ohnehin ruhige Leben im Dorf endgültig zum Stillstand kommt und selbst die wenigen Touristen in den Baumschatten vor der einzigen Trattoria geflüchtet sind.

Einmal bitte“, spreche ich Chiara voller Absicht auf Deutsch an, denn ich will mich verständnislos geben, falls sie das Museum für geschlossen erklärt, „Ein Eintritt zum paradoxen Wunder einer schwangeren Jungfrau“, und setze ein gewinnendes Lächeln auf. Der Blick der jungen Frau geht kurz nach oben, über den Rand des scheinbar so fesselnden Buches hinweg, ein schwarzer Olivenblick, der mich durchleuchtet. Sie macht allerdings keine Anstalten, den Camilleri zu senken. Ich verschränke die Arme und mustere Chiara, öffnete ein paar geistige Schubladen, krame in den Schablonen.

Jung, die Haare kohleschwarz gefärbt, gutausehend: Studentin mit Semesterjob.

Dezent geschminkt, elegant, aber unauffällig gekleidet, einen Krimi lesend: Studium der Betriebswirtschaftslehre.

Ein dünnes Goldkreuz, das fast im Karschnitt ihrer Brust verschwindet: Religion, aber nicht ernsthaft ausgeübt, mehr Folklore als Empfindung.

Die Frisur nicht ganz ordentlich, Kaugummi kauend: Alles in allem eine fast schon zu typische junge italienische Frau. Wo hat sie ihr cellulare versteckt?

Unnahbar? Vielleicht. Ich mache meinen ersten Versuch.

Ah, Commissario Montalbano“, lächle ich. Nun legt sie endlich das Buch zur Seite. Ihre spöttisch nach oben rutschenden Mundwinkel belegen meinen Fehler.

Nein, es ist die Pirandello-Biografie. Ich lese keine kriminalen Geschichten“, erwiderte sie in ordentlichem Deutsch mit einem entzückenden Akzent. „Das Museum ist bis drei Uhr geschlossen.“

Nun sitze ich in der Falle. Ist es sinnvoll, doch einen neuen Versuch zu starten? Ich habe keine Lust, an diesem Ort die Zeit totzuschlagen. Schließlich will ich bis zum Abend ein gutes Stück weiter in der Kunstgeschichte kommen.

Ich wechsle ins Italienische:

Dann lesen Sie doch bitte weiter … und ich brauche nur zehn Minuten, anschließend bin ich wieder weg. Da drinnen wartet eine Dame auf mich. Es wäre unhöflich, sie länger allein zu lassen.“ Falls ich gehofft hatte, Chiara würde auf meinen Scherz eingehen, sehe ich mich getäuscht. Sie bläst die Wangen auf.

Das geht nicht: Das Museum ist zu“, sie bleibt beim Deutschen, benutzt die Sprache zum Abstandhalten. Ich sehe ein: So ist sie nicht zu beeindrucken, ein neuer Versuch wird nötig. Ich bin sicher, dass ich die Brechstange kenne, mit der sie zu knacken ist. Ich schließe die Augen, atme langsam ein und beginne rückwärts zu zählen. Dabei greife ich vorsichtig nach dem Bild, das ich in meinem inneren Spiegel sehe.

schwierig zu tun, noch schwieriger zu erklären: Ich öffne meine Augen und die Szene hat sich nur wenig verändert. Im Halbdunkel des weißgekalkten Flurs sitzt im Glashäuschen Chiara und liest in ihrem Buch. Ein dunkler Blick trifft mich. Vielleicht hätte ich noch ein, zwei Schritte zurücktreten sollen.

Buon giorno, signorina.” Ich trete näher, werfe einen flüchtigen Blick auf ihr Buch, während ich meinen Geldbeutel aus der Hosentasche ziehe. Diesmal werde ich mich auf keine Diskussion einlassen.

Ah … die Pirandello-Biografie“, sage ich auf italienisch, versuche verzweifelt ein paar Erinnerungen an meine Leseerfahrungen mit dem Nobelpreisträger wachzurufen, „ein weiterer einsamer Mann ohne Vater, dem in der Masse des zwanzigsten Jahrhunderts die Identität verlustig ging.“

War das zuviel? Ein wenig scheint sie sich schon über die Art zu wundern, mit der ich ihr meine Kenntnisse aufdränge. Aber ihr Interesse ist geweckt. Nun muss ich es nur noch erhalten. Denn mein Ziel ist es, an diesem Zerberus vorbei ins Museum vorzudringen. Ich ziehe einen Fünfeuroschein aus dem Geldbeutel.

Sie antwortet mir in ihrer Muttersprache, muss mir beweisen, dass auch sie Ahnung hat: „Camilleri ist sogar weitläufig mit ihm verwandt, glaube ich.“ Dann wird ihre Stimme härter. „Das Museum ist geschlossen, kommen Sie bitte um drei Uhr wieder.”

… hartnäckig: „Aber es ist doch noch nicht Mittag. Lesen Sie einfach weiter … ich brauche nur zehn Minuten, dann bin ich wieder weg. Ich will die Madonna sehen … sehen und mich lebendig fühlen. Auch ich bin meiner Identität verlustig – aber dort finde ich sie wieder.”

„… ab drei wieder”, bleibt sie fest, aber sie lächelt nun zum ersten Mal.

„Aber was mache ich denn so lange hier in Monterchi? Der Ort ist um diese Uhrzeit tot.”

„Ich an Ihrer Stelle würde einen kühlen Ort aufsuchen, etwas trinken und in einem Buch lesen.” Nun flirtet sie, aber sie will mich noch nicht vorbeilassen.

„So wie du”, wechsle ich die Anrede. Chiara schüttelt den Kopf.

„Leider habe ich nichts zu trinken.”

… das wird wieder nichts: „Und ich kein Buch. Vielleicht könnten wir gemeinsam …”

„Kommen Sie bitte um drei wieder”, unterbricht sie mich.

Ich muss wieder zurück. Aber jetzt habe ich langsam Spaß daran. Wollen mal sehen, ob ich sie nicht doch noch erweiche.

Mein Weg ist in zwei Hälften geschnitten.

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Eingeordnet unter Der Autor, Erzählung, Experimente, Geschichte, Kunst, Kurzgeschichte, Leben, Literatur, Malerei, meine weiteren Werke, Philosophie, Sprache

Der Engel im Spiegel – Kurzgeschichte (Teil Eins)

[Ich weiß, dass der Text dem Leser einiges abverlangt und er – im Internet unüblich – Geduld und Aufmerksamkeit mitbringen muss. Trotzdem ist dies die Geschichte, die ich persönlich für meine beste halte. Für einen Freund nach oben geholt. Die Fortsetzungen gibt es morgen und übermorgen.]

Madonna

Der Engel im Spiegel

Wenn die Hoheiten reisten, fanden sie, durch Zufall und Scharfsinn, stets Dinge, die sie nicht gesucht hatten. So entdeckte einer von ihnen, dass auf der gleichen Straße, auf der sie reisten, vor kurzem ein Maultier vorbeigekommen war, das auf dem rechten Auge blind war, denn nur auf der linken Seite war das Gras abgefressen, und dort war es viel schlechter als auf der rechten Seite.“

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klärungsversuch eins: gleichnis.

wie ich befürchtet hatte zerbricht der untere rand des orangeneises direkt über dem holz in große hälften nur mit einer schnellen durchaus gedankenlosen will sagen reflexhaften bewegung der zunge gelingt es mir geschickt das kinn nach vorn gereckt die beiden teile in die mundhöhle zu schaufeln während die eine hand eine schaufel vor dem hals formt und die andere mit dem saftklebenden stiel auf die stuhllehne sinkt sofort schmerzt die kälte scharf an den plomben und ich blase beide wangen auf die zunge die vielbeschäftigte! weindunkle! hält das eis in bewegung alles ist ein faksimilie der zahllosen kindtage gleichzeitig eine bewusst gekostete reminiszenz an verlorenes wie oft zerbrach mir früher das schleckeis habe ich den masochistischen genuss wiederholt war es damals ein grund für mich zurückzutreten:

Sommer, die buchstäblich kein Ende nahmen.

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… wieder: „Ich habe satt!“, und legte beide Handflächen vor sich auf den Tisch. Er drehte sie langsam nach oben, musterte mich über seine randlose Lesebrille mit weinschwerem Blick.

Da muss es doch noch etwas anderes geben“, fuhr er fort, „einen dritten Weg!“ Ich sah, seine Hände wollten zwei Waagschalen bedeuten, in denen er das Gewicht seines Schicksals schätzte. Die Geste hatte Religion, war eine Beschwörung. Er verharrte wie im Gebet, auf die Antwort der höheren Macht hoffend, die sein Blick nun in dem orangeroten Reflex suchte, den die untergehende Sonne durch den Dechanter auf den Tisch warf; schnell hatte er es aufgegeben, nach ihr in meinen Augen zu forschen. Er redete mit sich selbst. Dass er dabei ein Gegenüber hatte, war nur ein durchaus glücklicher Zufall.

Schwalben flogen Angriffe im tiefstehenden Sonnenlicht. Ich hörte ihr Pfeifen.

Herkules am Scheideweg. Ja. Immer bleibt mir die Wahl zwischen zwei Übeln. Ich habe satt, mich immer für das vermeintlich kleinere entscheiden zu müssen.“

Erneute Beschwörung, die offenen Handflächen nun etwas höher über dem kleinen Bistrotisch. Ich war abgelenkt, ich gebe es zu. Hatte ich diesem Bekenntnis unter italienischem Abendhimmel nicht schon oft lauschen müssen? Mir schien es so. Dabei wusste ich nicht einmal den Namen des Mannes, der mit mir am Tisch saß, hatte ihn schneller vergessen, als er ausgesprochen war. Manchmal schien mir, ich könne Worte des älteren Mannes mitsprechen, aber sie hatten einen ungewohnt harten Klang, waren viel zu verbissen für das weiche, nachgiebige Licht, in das der Platz getaucht war. Und doch hatte ich schon tausendmal gehört, was er mir zu sagen hatte. Es war ein Archetyp, ein paradigmatischer Moment. Worte, denen ich nicht entkam.

… lähmend: „Das nennen sie Demokratie, wenn ich zwischen Gaunern und Narren wählen muss. Politik heißt, faule Kompromisse zu schließen. Gott scheint es nicht anders gemacht zu haben, als er sich diese ‚beste aller Welten‘ wie eine ekle Fleischfaser zwischen den Zähnen heraus pulte. Der Demiurg hat ein paar Erdvarianten hingeschlampt und uns auf der am wenigsten misslungenen angesiedelt. Zu mehr war er, Opfer der Umstände, nicht in der Lage. Und wenn ich mich darüber beschweren will: An welchen der vielen Götter soll ich mich denn wenden? Die Frage lautet nicht, wer der Beste von ihnen ist, sondern welcher am wenigsten Ungeheuer.“ Einige Schweißperlen glänzten nun auf der Stirn des Gnostikers.

… warmgeredet: Ich atmete verhalten in mein großes, nach modrigem Holz und Kirschen riechendes Weinglas, das meine beredte Miene hinreichend verdeckte. Beinahe hätte ich ihn gefragt, ob seine Entscheidung, statt Tafelwein Brunello zum Essen zu bestellen, auch ein fauler Kompromiss war. So schlecht konnte es um die ‚beste aller Welten‘ nicht bestellt sein, wenn man hier solch ein Getränk kelterte. Auf seine Weise hatte der Mann jedoch recht. Mein fauler Kompromiss war aus der Wahl entstanden, in Ruhe den Abend bei öliger Pizza und mafiasaurem Chianti, aber in der besten aller Gesellschaften, nämlich meiner eigenen, zu verbringen oder für den Montalciner Traum, crostini al fegatini di pollo, fettuccine con i tarfufi bianchi, hauchzarte piccioni con aglio und einen 12 Monate alten pecorino aus Pienza sein banales Geschwätz zu ertragen. Aber vielleicht war ja noch mehr aus dem Abend zu holen.

… käuflich: Nun, ich hatte ja meine Möglichkeiten und er schien nun doch zu bemerken, wie weit er gegangen war und sich in philosophischen Höhen verstiegen hatte, in denen ihm schnell die Luft knapp wurde.

Und in meinem Leben?“, suchte er seinen Weg zurück ins Tal. „Immer musste ich mich zwischen Übeln entscheiden. Jedes Mal gab es etwas, das die Wahl vergiftete. Beruf, Familie, egal: Du wirst es bereuen.“ Das war nun etwas, das mich interessierte.

Sie würden also nichts rückgängig machen und die andere Entscheidung ausprobieren wollen?“ Obwohl er mich schon lange duzte, hielt ich höflichen Abstand. Er legte den Kopf schief. Erneut traf mich ein forschender Blick über die Brille hinweg. Ich hatte schon lange nicht mehr so offen mit dem Feuer gespielt.

Wie meinst du das?“, fragte er beteiligt, legte dann ein Bröckchen Käse auf seine Zungenspitze. Ihm war die Ablenkung ins Gesicht geschrieben, sie legte sich wie ein Schleier auf seine Augen. Ja, der alte Mann verstand etwas von den Genüssen. Davon würde ich sicherlich einiges auf meiner Rechnung finden.

Ich meine, es gibt in unserem Leben doch Momente, die eindeutig sind, in denen sich die Möglichkeiten auf zwei beschränken. Sie haben vorhin den Scheideweg erwähnt: Herkules muss nach rechts oder links …“, führte ich aus und zögerte kurz, „selbstverständlich kann er nicht zurück.“ Ich hatte einen schlechten Geschmack auf der weindunklen, rosenfingrigen Zunge, als wäre ich das Negativ meines Gegenübers. Kann man es Synästhesie nennen, wenn man Gedanken schmecken kann? Dieser zumindest lag faul und brennend wie ein alter Melonenschnitz auf meinen Geschmacksnerven. „Das Vergangene ist schließlich nicht wiederholbar. Ich kann nicht zweimal auf den gleichen Turm steigen.“ Ich erschrak. Warum sagte ich das? Welche Fehlleistung veranlasste mich, den alten Herodot abzuwandeln? War der Grund wirklich nur darin zu suchen, dass mich eben ein letzter Lichtstrahl blendete, ein Abschiedsgruß der hinter dem hohen Geschlechterturm verschwindenden hitzigen Sonne, der die Häuser der umbrischen Piazza noch ein letztes Mal in strahlendem Ziegelrot erglühen ließ.

Aber er hatte mich nicht verstanden. Für ihn war der Turm, den man nur einmal besteigen konnte, eine originelle Variante, die er gleich seinem Pecorino genoss. Ich spürte, wie er sich innerlich beglückwünschte, mit mir das Gespräch gesucht zu haben. Ich musste vorsichtiger sein, doch die späte Hitze drückte wie eine alte Last auf den Platz und machte mich so müde wie die Tauben dort drüben, die es längst aufgegeben hatten, in den Ritzen des Pflasters nach Nahrhaftem zu picken. Traumwandelnd tappten sie wie Trunkene umher.

Es gibt nur diese beiden Wahlmöglichkeiten. Ich würde gerne den Moment, in dem ich mich entscheiden muss, aufbewahren. Verstehen Sie, einen Spielstand archivieren wie in einem Computerspiel, den ich dann jederzeit neu landen kann, um anschließend das andere auszuprobieren. Sie hingegen erzählen mir, dass Sie genau das nicht wollen. Sie wollen sich nicht noch einmal entscheiden müssen.“

Ja. Denn jede Wahlmöglichkeit ist eine Zitrone. Egal, in welche ich beiße, sie ist sauer. Das ist meine Erfahrung.“

Ich sehe das etwas anders: Das Leben, sonst eine Vielfalt, spielt plötzlich „Mäxchen“ mit uns. Sie kennen das Spiel mit den zwei Würfeln, bei der die höhere Zahl den Zehner, die niedrigere den Einer angibt? Ist mein Wurf niedriger als der meines Gegners, verliere ich.“

Und dein Gegner wirft hohe Zahlen, ich weiß. Aber du kannst betrügen und so tun, als wäre dein Wurf der Höchste. Manchmal wird dir geglaubt“, warf er ein, „… und manchmal stirbst du.“

… hinkend: Nein, ich musste mich in Acht nehmen. Er war nicht zu unterschätzen. Ich lächelte daher, als hätte er mich verunsichert.

Genau. Betrügen kann ich immer. Das ist vielleicht eine dritte Option.“ Ich hätte ihm nun gerne von meinem Nachmittag in Monterchi erzählt, von Piero und den schwarzen Oliven, aber die Schatten auf der Piazza wurden länger. Wie ein mahnender Zeigefinger rückte die in die Länge gezogene Spitze des Turmes über die holprigen Pflastersteine und deutete hinter unserem Tisch auf die Fenster des Ristorantes, vor dem wir saßen. Sofort brachte ein Kellner eine Kerze und zog sich eilig mit der leeren Weinkaraffe zurück, die er bald gefüllt wiederbringen würde. Es wurde Zeit.

Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas“, sagte ich, als wäre mir ein Gedanke gekommen, „vielleicht ändern Sie dann ihre Meinung.“

 

„Sie verdanken ihre Genauigkeit und ihre Vollendung der mathematischen Kraft, der Fähigkeit des Zählens, Messen und Wägens, die mehr als alle andern auf Vernunft beruht.“

ψ

klärungsversuch zwei: ausblick.

zuhause in der kälte sehe ich durch das fenster hinaus auf die leere straße ihr schnee ist rostig braun verfärbt er erinnert mich an geronnenes blut die nacht hat ihm das angetan gewalttätig nahm sie dem schnee die unschuld das milchige licht dieses morgens bringt es an den tag die nacht stahl mir leben ein abgeschmacktes wortbild kommt in meinen sinn die stunden der nacht sind mir wie sand zwischen den fingern verronnen der fokus meines blicks ändert sich nun sehe ich nicht mehr den vom pulver der knaller und raketen gefärbten neujahrsschnee sondern mich selbst ich erscheine gespensterhaft im spiegel der fensterscheibe mitleidig nicke ich mir zu denn wir hatten nur wenig zeit miteinander wieder und wieder versuchte ich mein glück jedesmal scheiterte ich dieser frühe morgen ist übrig der erste eines neuen jahres der letzte meines lebens:

Ich bin alt geworden in dieser Nacht.

ψ

Der Blick der Engel ist ängstlich. Allerdings spricht aus ihm eine Furcht, die sich in jedem Moment in Zorn über das Geschaute verwandeln kann, in einen Hass auf Gott. Wie zwei Ampelmännchen starren sie über den Betrachter hinweg auf eine weißgetünchte Wand mit einer nüchternen Informationstafel, einst jedoch sahen sie durch die Tür einer Kapelle hinaus auf den Cimitero der kleinen Stadt auf dem Hügel, der Reiseführer gerne die Eigenschaft ‚pittoresk’ begeben. Die Blicke der Cherubim erinnern mich an die großen Angstaugen zweier anderer Engel im nebelgrauen Dresden, die angesichts der Sterblichkeit jedoch eher zur Trauer als zur Wut neigen und im Übermaß als gefälliger Postkartenkitsch verbreitet werden. Ein Paradebeispiel für das Missdeuten der Nachgeborenen sind sie, für das Abtöten jeglicher Emotion in einem millionenfachen Replikat.

Diesem siamesischen Engelspaar in Italien jedoch, vom kommunistischen Bürgermeister aus seiner ursprünglichen Umgebung gerissen und in ein ehemaliges Schulgebäude eingesperrt, bleibt wegen seiner Strenge und abweisenden Hoheit das Schicksal der etwa hundert Jahre jüngeren Geschwister erspart. Sie schützen die schwangere Madonna in ihrer Mitte auch nicht: Sie stellen sie bloß, bieten sie wie zwei Zuhälter dar, sind die Raumlinien, an denen der Betrachter vom Werden zum Vergehen geführt werden soll. Mir fallen die olivenschwarzen Blicke von zwei gefallenen, strickenden Engeln ein.

„Piero und Raffaelo“, sage ich leise, „das sind der Platon und der Aristoteles der Renaissancemalerei. Hat doch auch Platon davon gesprochen, wahre Schönheit liege allein in der Geometrie.“ Ich bin mir des Unsinns bewusst, den ich erzähle, aber er klingt gut. Und er wirkt, das allein zählt.

„Ich stelle mir vor, die zwei in die Zukunft schauen“, erwidert Chiara nach kurzem Nachdenken. Ihre Stimme hätte ruhig etwas dunkler, geheimnisvoller sein können, aber ihre singende Stimme streichelt mein noch aufgerichtetes Geschlecht ebenso sanft wie ihre langen, elfenbeinfarben lackierten Nägel. Eine träge Fliege klettert über Chiaras mattschwarz gefärbtes Haar, setzt dann ihren brummenden Irrflug fort. Die liedhaften Worte des Mädchens umschwirren mich mit derselben Hartnäckigkeit wie das Insekt, sie sind ebenso ziellos und nicht verjagbar.

„1492 ist gestorben, am 12. Oktober, an gleiches Tag, an dem Colombos Fuß auf den Bahamas Amerika berührte. Piero war ein blindes, ein verbittertes Mann, ich stelle mir vor …“, führt Chiara aus, flüstert es fast, als wäre das Todesjahr von Piero della Francesca ein Geheimnis, ein Zauber, der nicht für jedes Ohr geeignet ist. Vielleicht hat sie recht und wir gehen viel zu unvorsichtig mit dem um, was wir Wissen nennen, sammeln es in babylonischen Bibliotheken und in Wikipaedien und vergessen, dass Wissen mehr ist als Daten wie gebrauchte Briefmarken in Alben zu kleben. Daten ergeben keine Geschichte, sie stören nur bei der Beweisführung. Richtig ist, was ihr dient, selbst eine faustdicke Lüge.

„Du kennst die Jahr?“ Ich nicke, schmecke Schweiß auf der Oberlippe. Obwohl ihr Deutsch schlechter ist als mein Italienisch, beharrt sie darauf, ihre Erkenntnisse in dieser, ihrem Singen so fremden Sprache weiterzugeben; ähnlich den Leuten in den toskanischen Touristenzentren, die gedrillt wie Pawlowsche Hunde nicht einmal ein gut gesprochenes Italienisch davon abhalten kann, mit wohlgemeintem Englisch zu antworten. Auf der anderen Seite klingt Chiaras geheime Beschwörung der magischen Jahreszahl in einer ihr fremden, ein wenig unheimlichen Sprache viel eindringlicher.

„Kopernikus veröffentlichte 1492 sein Buch über die Planetenbewegung“, sage ich und gehe betont lässig auf ihr Spiel ein, mische nun meine Erkenntnisse, Lügen und falschen Daten, bis sie sich zu dem verdichten, was ich als Wahrheit erkenne. „Er schiebt diese eine Erde aus dem Mittelpunkt, macht sie zu einem unbedeutenden Element des kosmischen Gefüges. Durch einen Übersetzungsfehler wird die Umdrehung zur Revolution.“ Chiara unterbricht ihr Streicheln, doch bevor ich sie zum Weitermachen auffordern kann, beugt sie sich zur Belohnung herab. Ihre weindunkle Zunge kitzelt, leckt wie ein Kätzchen in einem Schälchen mit Milch. Das Mädchen macht dabei sogar ein Geräusch, das an Schnurren erinnert. Dabei bewegt sie ihren Kopf nun schneller. Mein Blick gleitet über die Furche in Chiaras gebeugtem Rücken, über ihre im Halbdunkel des Raumes wie frischer Käse wirkenden Rundungen und er fällt auf die Madonna in prada, ihre reine, blütenweiße Hand. Der Eindruck verwirrt sich, mir scheint, als würden mich die dünnen Finger der Jungfrau befriedigen.

„1492 fertigt Andreas Vesalius einen Atlas des menschlichen Körpers an, beschreibt darin als erster Europäer nach Galen den Blutkreislauf. Vom Himmel geht der Blick zum inneren Kosmos.“ Bemerkt sie die Eleganz und das Ziel meiner Behauptungen? Zweifel scheinen ihr keine zu kommen. Im Gegenteil, Chiara hat sich nun festgesaugt, sie macht schmatzende Geräusche. Ich gebe ihr einen Finger und trage noch dicker auf:

„Und der Vater von Galileo Galilei, Vincenco, komponiert 1492 das erste polyphone Lied der Neuzeit. Er rückte den einen Ton aus dem Mittelpunkt, macht ihn zum Teil der Dreiklänge seiner Komposition.“

„Und Colombo“, keucht das Mädchen, „Colombo!“

„Er rückte 1492 Europa aus dem Mittelpunkt, macht das eine mare nostrum zu einem kleinen Gewässer unter vielen.“ Jetzt bricht meine Stimme, Martin Behaims ‚Erdapfel’ und DaVincis ‚Vitruvier’ bleiben unerwähnt. Während ich ejakuliere, schließt Chiara die Beweisführung ab:

„Die Engel, sage ich, sehen Neue Zeit.“ Sie fährt sich mit der besudelten Hand durchs Haar. „Sehen die Zukunft, … und sie fürchten!“

Das ist das Geheimnis, das sie entdeckt hat, während sie gelangweilt im Madonnenmuseum an der Kasse saß. Si, ingegnere, 3,10 € ingresso, 1,80 € ridotte, bambini unter 14 frei.

So hatte ich sie gefunden: Sie saß Kaugummi kauend in ihrem Cassa-Häuschen, ihrem gläsernen Schneewittchensarg. Sie starrte in einen Camilleri, ohne ihn zu lesen und benutzte das Buch als Mauer, wollte sich abschirmen von dem lästigen Besucher, der kurz vor der Mittagspause noch unbedingt Pieros restauriertes Fresco sehen wollte, dem allein dieses ganze zum provisorischen Museum umgebaute ehemalige Schulgebäude von Monterchi gewidmet war. Ich hatte den alten Maler gesucht, wollte ihn näher, intimer haben als in Arezzo, persönlicher noch als im nahen Sansepulcro. Hier in diesem Dorf, der im Altertum ein dem Herkules am Scheideweg geweihter Kultort war, war Piero perfekt: Hier hatte er den gestrigen Weg in zwei Hälften geschnitten.

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Der Moment, der ändert – Eine weihnachtliche Geschichte

Vor der wohlverdienten Blogpause zwischen den Jahren noch eine weihnachtliche Kurzgeschichte über den Zusammenhang von Leben und Philosophie*:

Zwerg

Der Moment, der ändert

Wenn der Punkt nicht vom Körper, der Mittelpunkt nicht vom Umfang, das Endliche nicht vom Unendlichen, das Größte nicht vom Kleinsten verschieden ist:

– Versteh‘ ich das? Oben stand:

…also kann nothwendigerweise…

– Wie schreibt denn der das Wort?

…nothwendigerweise der Punkt im Unendlichen nicht verschieden sein vom Körper…

– Herrjeh, noch mal. Nachher muss ich …

…denn der Punkt wird vom Punktsein sich losreißen zur Linie …

– Da. Da hab ich ihn. Da ist Poesie im Text. Weiter:

So können wir mit Sicherheit behaupten, dass das Universum ganz Centrum oder das Centrum des Universums überall ist, und dass der Umkreis nicht in irgend einem Theile, sofern derselbe vom Mittelpunkt verschieden ist, sondern vielmehr, dass er überall ist; aber ein Mittelpunkt als etwas von jenem verschiedenes ist nicht vorhanden.

– Herrschaft. Bin nur ich so dämlich? Ich kapier’s einfach nicht! Im Unendlichen findet sich die Vielheit, die Zahl, diese aber als … mir wird warm.

So ist es denn nicht nur möglich, sondern sogar nothwendig, dass das beste, größte, unbegreifliche alles ist, überall ist, in allem ist; denn als einfaches und Untheilbares kann es alles, überall und in allem sein. Da nun alles ist und alles Sein in sich umfasst, so bewirkt es, daß jegliches in jeglichen ist. Aber ihr werdet mit mir sagen:

– und darüber soll ich bis Silvester eine Arbeit schreiben … Wie viele Seiten noch? Sieben… und ich hab schon auf der ersten nichts kapiert! Weiter:

Die Accidenz …

-Was für ein Wort. Und ich hab kein Fremdwörterlexikon dabei!

Der junge Mann nahm die Bewegung aus den Augenwinkeln wahr. Es dauerte eine kurze Weile, bis das Signal seine durch das Lesen abgelenkte Aufmerksamkeit erhielt. Dann sah er erstaunt auf, blickte hinüber zu dem Zwerg, der gerade seinen Arm zurück in die Ausgangsstellung brachte. Ein Zweifel war nicht möglich. Der junge Mann spähte vorsichtig nach links und rechts. Aber er war allein. Niemand außer ihm war so irre, am vierundzwanzigsten Dezember Nachmittags in einem Park zu sitzen und zu lesen.

Auch wenn das Wetter wieder einmal eher Frühling als winterlich war. Der junge Mann sah zurück zum Zwerg. Der stand bereits seit mehr als einem Jahrhundert auf seinem kleinen Sockel. Den Stein, aus dem er gemeißelt war, hatten Umweltverschmutzung und die Zeiten löchrig, porös dreckig gemacht.

– nein, das … weiter …

… was daher im Universum ist, ist in Bezug auf das Universum nach dem Maße seiner Fähigkeit …

– Unsinn. Bin ich bekifft?

… überall, sei es auch was es wolle in Bezug auf die anderen besonderen Körper …

– Nein! Er hat sich bewegt!

Der junge Mann mochte den Zwerg nicht. Er war hässlich, hatte ein verschwommenes, fettes Gesicht und trug handwerklich schlecht gearbeitete Kleidung: Mittelalterliche, so, wie man sich eben im romantischen 19. Jahrhundert das Mittelalter vorstellte. Der Zwerg sah unfreundlich mit großen, leeren Augen in den gepflegten Park, der in Augsburg als Hofgarten bekannt war und grinste ausdauernd in den Goldfischteich.

Bisher hatte er sich noch nie bewegt. Das war dem jungen Mann neu. Und er kannte den Zwerg schon seit seiner Kindheit. Früher war er immer auf ihm herumgeklettert. Trotzdem hatte sich der Zwerg gerade an der Nase gekratzt. Nun, wenn es ihn juckte …

Aber ein Steinzwerg? Der junge Mann legte sein Buch zur Seite, sah kurz unschlüssig in die Luft und stand wie zufällig auf, schlenderte einmal auf und ab und schlich sich anschließend zu dem Zwerg, der ihm bis zur Brust reichte und klopfte verstohlen gegen dessen Arm. Dabei sah er sich um, ob ihn jemand dabei beobachtete. Es klang ein wenig hohl und trocken. Der junge Mann zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder auf die Parkbank. Er hatte noch einiges zu lesen und bald wurde es dunkel. Dann musste er zur Bescherung zu seinen Eltern. Hoffentlich bekam er die billige Schopenhauer-Ausgabe, die er sich wünschte.

– später … Fondue, dann zu Monika … goldner Engel mit lockigem Haar … Konzentrier dich!

… dem Verhältniss, dem Gleichniss, der Vereinigung …

– nein, das hab ich schon gelesen … iss, iss, iss! Weiter unten.

Aber ihr werdet mir sagen: Warum verändern sich denn die Dinge? Warum wird die geordnete Materie in immer andere Formen gezwängt? Ich antworte …

– Er hat sich bewegt!

Der junge Mann hatte schon einmal etwas von Sinnestäuschungen gehört. Aber dass sie so natürlich sein konnten wie der Eindruck des sich an der Nase kratzenden Zwerges, konnte er nicht fassen. Er war auch nicht überreizt, „idiosynkratisch“, wie er eben gelesen hatte, das Wort des 19. Jahrhunderts für „burn-out“. Er war ausgeschlafen, satt. Ihm war warm und es war Weihnachten. Auch das Buch, in dem er las, war nicht geeignet, Phantasien hervorzurufen.

– Höchstens Sodbrennen von der fetten Weihnachtsgans. Ausgerechnet über Giordano Bruno muss ich schreiben. Aber wenn der Zwerg sich einmal bewegt hat, dann macht er es noch einmal …

Also nagelte der junge Mann den steineren Blick des Zwerges konzentriert fest. Er wartete auf eine neuerliche Bewegung: Ein kurzes Zucken des Armes, ein Flackern der Lider hätte gereicht. Er wartete vergeblich. Nichts schien darauf hinzudeuten, dass der Zwerg jemals seine Hand vom Gürtel genommen, jemals seine breiten Nasenflügel unter Juckreiz gezittert hatten. Selbst die Fliege …

– Wo kommt zu Weihnachten eigentlich eine Fliege her? Das muss die Erderwärmung oder El Niño sein, sicher: In zehn Jahren können wir an Weihnachten baden …

Die Fliege kletterte zitternd über die niedere troglodytische Steinstirn. Der Zwerg trug sie mit stoischer Ruhe.

Da lächelte der junge Mann. Er bedauerte den Zwerg, der festgemauert auf seinem Podest stand und nicht sich einmal an Weihnachten kratzen durfte, weil sich jemand neben ihn gesetzt hatte und Renaissancephilosophie las. Stattdessen musste er Jahr für Jahr stumm und bewegungslos in den Goldfischteich starren und keiner mochte ihn, weil er potthäßlich war. Der Dreck der Abgase zerfraß ihn und im Rathaus lag bereits der Bürgerbegehren, den schönen kleinen Augsburger Hofgarten von seinem Anblick zu befreien.

– Armer Zwerg. Du machst deinen Job. Keiner mag dich. Du spürst das. Dabei haben wir dich erschaffen, nach unserem Ebenbild. Hässlich, wie wir eben sind. Du kannst nicht klagen, da deine Lippen vom unbekannten Künstler verschlossen aus dem Stein geschlagen wurden. Von mir aus kratz dich, so oft du willst.

Zum Schluss also: Wer die tiefsten Geheimnisse des Natur ergründen will, der sehe auf die Minima und Maxima am Entgegengesetzten und Widerstreitenden und fasse diese ins Auge. Es ist eine tiefe Magie. Das höchste Gut, der höchste Gegenstand des Begehrens, die höchste Vollkommenheit, die höchste Glückseeligkeit besteht in der Einheit, welche alles in sich schließt.

Beim Umblättern lächelte der junge Mann dem Zwerg freundlich zu.

Ich weiß nicht, ob er zurücklächelte.

Amylaus

Frohe Weihnachten wünscht die Blogkatze!

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* Giordano Bruno hatte das zweifelhafte Vergnügen, an einem unfreundlichen Februartag des Jahres 1600 als spätes Opfer der Inquisition öffentlich auf dem Campo de‘ Fiori in Rom zusammen mit seinen Schriften verbrannt zu werden, weil er die Kühnheit besaß, im seiner Meinung nach unendlichen Universum mehrere Sonnensysteme und Galaxien zu vermuten, die der Herr mit Leben erfüllt hat.

Er war der letzte Philosoph und Häretiker, dem dieses Schicksal widerfuhr; in den späteren Jahrhunderten waren die Methoden der Amtsgewalt, unliebsame Denker zu beseitigen, etwas verfeinerter, aber nicht weniger abgefeimt und erfolgreich. Brunos letzten Worte waren: „Mit größerer Furcht verkündet Ihr vielleicht das Urteil gegen mich, als ich es entgegennehme.“

Der Papst hat Bruno, der übrigens auch als Dichter tätig war, nach langwierigen Verhandlungen im Jahr 2000 „rehabilitiert“. Seine Schriften stehen aber noch immer auf dem Index.

Giordano Bruno
Von der Ursache, dem Princip und dem Einen

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