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ErSieEs – 4. Geschichte

ErSieEs

Geschichten aus einer anderen Welt

4. Geschichte

[…] „Die derzeit praktizierte Familienpolitik wird den vielfältigen Problemlagen von Familien nicht gerecht. Eine Orientierung am klassischen Familienbild – Vater, Mutter, Frater -, spiegelt längst nicht mehr die gesellschaftliche Vielfalt der Familienmodelle wider.

Geschlechterdemokratie, Geschlechtergerechtigkeit, Gender Mainstreaming und Gender Budgeting sind die Begriffe, die uns heute geläufig sind. Aber ist es wirklich so einfach, aus der orangen Nische der femâlistischen Frannenpolitik der Gründungsjahre in die Mitte der Partei zu gelangen?

Wir haben die strenge 33-ige Mindestquotierung: Jeder dritte ungerade Platz auf Wahllisten ist Frannen vorbehalten, auf den geraden Plätzen können alle drei Geschlechter kandidieren. Die Gremien der Partei sind in der Regel paritätisch besetzt und Partei- und Fraktionsvorstände bestehen mehrheitlich aus einer Dreifachspitze (Mann, Frau und Frann). 1984 besetzte die Bundestagsfraktion sogar mit sechs Frannen den gesamten Vorstand sächlich – das so genannte Franninat. Wir haben ein Frannenstatut in der Satzung, in den Programmen sichtbare Frannenpolitik, wir sind die Partei, in der die meisten Frannen gleichberechtigt zu Frauen und Männern aktiv Politik gestalten. Wir haben dadurch Maßstäbe für andere Parteien und die Gesellschaft gesetzt.

Doch dieser Wechsel von der femâlistischen Frauenpolitik hin zur Geschlechtergerechtigkeit fand nicht schlagartig statt. Verschiedene Prozesse haben diese Entwicklung begleitet und es ist noch ein langer Weg, bis die Gleichberechtigung der Frannen endlich auch in der Gesellschaft der Bundesrepublik angekommen ist.“

Aus einer Rede von Katjes Sauer,
Bundestagsabgeordnetes der Grünen

Freitag Abend

Heika lachte in der Erinnerung und versuchte, sich auf seinem unbequemen Stahlstuhl halbwegs entspannt hinzusetzen. Schön, das Lokal war angesagt, aber wenn man unbequem saß, machte es ihm hier keinen Spaß. Heika wollte aber auch kein Spielverderber sein. Wenn seine Schwester Tina Wert darauf legte, in diesem Restaurant zu Abend zu essen, dann würde es sich anpassen und wollte nicht an den Sitzgelegenheiten mäkeln. Man traf sich viel zu selten, um sich wegen solch einer Nebensächlichkeit zu streiten. Wahrscheinlich bin ich nur langsam zu alt für diese Lokale, dachte Heika. Nicht einmal zehn Jahre trennen uns und doch ist es eine ganze Welt. Geschwisterliche Zuneigung ist etwas seltsames: Sie kettet Personen aneinander, die sich oft nicht einmal sympathisch sind. Und, ja, Blut ist tatsächlich dicker als Wasser …

Es machte ein Hohlkreuz, um den Rücken etwas zu entlasten und beendete seine Geschichte von der glücklichen Auseinandersetzung mit dem Mann vom Stiftungsamt. Es hatte nicht den gewünschten Erfolg. Tina und Sebastian hörten ihm nur abgelenkt zu: Seine Schwester ließ ihre Blicke im Raum schweifen, ihr Freund beschäftigte sich mit dem Fischteller. Am Ende erntete Heika nur ein gequältes Lächeln bei den anderen. Heika seufzte. Anscheinend war es sein Los, immer wieder den Seelendoktor für seine Schwester und ihren Freund zu spielen. Es schob die Schüssel mit den ungenießbaren, viel zu essigsauren Resten seines Salates zur Seite.

„Aber da erzähle ich nur von mir. Ihr habt doch etwas auf der Seele.” Die beiden sahen sich kurz an, sie schienen stumm den Kampf auszufechten, wer beginnen sollte. Dann senkten sie wie auf ein Kommando gleichzeitig die Augen.

„Wir haben ein Problem”, sagte Sebastian nach einer peinlichen Pause. Heika lächelte leicht und wartete geduldig. Doch der Partner seiner Schwester war nach seinem mutigen Vorstoß verstummt und sah von der Seite zu Tina, die für den Moment so tat, als würde sie nur zufällig mit Fremden an einem Tisch sitzen.

„Lasst mich raten”, unterbrach Heika das lastende Schweigen, „seit ihr vor einem Monat eine gemeinsame Wohnung genommen habt, streitet ihr euch ständig.” Tina sah überrascht auf, blieb aber noch still.

„Das ist nicht schwer zu erraten”, fuhr Heika fort. „Die plötzliche Nähe des Zusammenlebens bringt bei allen Probleme. Konntet ihr euch bisher aus dem Weg gehen, wenn ihr übelgelaunt wart und dadurch großzügig über die Marotten des anderen hinweggehen, ist das nun plötzlich nicht mehr möglich. In solch einer Situation kann schon ein nicht weggeräumter Teller oder spiegelverkehrt eingehängtes Toilettenpapier gewaltigen Streit provozieren. Natürlich ist das nur ein Auslöser, die tatsächlichen Gründe liegen immer tiefer …”

„Schmutzige Teller! Wenn es nur das wäre! Er hat mich betrogen”, platzte Tina heraus. „Wir sind noch keinen Monat in der gemeinsamen Wohnung, da übernachtet er schon bei einem Frann, das er kennengelernt hat.“

Heika sah erstaunt zu Sebastian, der wenig schuldbewusst aussah. Das hatte es dem überheblichen jungen Mann dann doch nicht zugetraut. Sebastian lehnte sich betont lässig zurück und sagte in süffisantem Plauderton:

„Deine Ansichten zum Thema ‚betrügen‘ und ‚Seitensprung‘ sind ein wenig viktorianisch – gelinde gesagt. Ich kann nur wiederholen: Ich liebe dich und will mit dir mein Leben gestalten. Aber zu einer Partnerschaft gehören immer drei. Wenn ich also ein Frann kennenlerne, das mir gefällt …“

„Ohne mich! Ich sitze Zuhause und mache die Wäsche. Der gnädige Herr geht aus und mit dem nächsten Flitteschen ins Bett!“

„Zum einen ist Herma kein Flitteschen und zum anderen wird es mir doch nicht verboten sein, mal ohne dich auszugehen! Du hast doch …” Er verhedderte sich in seiner Argumentation und verstummte. Eigentlich wusste er, dass er falsch gehandelt hatte, aber er würde die Hölle tun, dies hier vor Tina und ihrem Bruster zuzugeben.

„Ich fühle mich so ausgenutzt“, seufzte Tina und setzte auf die Schuldgefühle von Sebastian. Da kam sie ihm gerade recht:

„Du fühlst dich ausgenutzt? Das ist der Gipfel! Wer bezahlt denn alles, seit du bei deiner Firma gekündigt hast und arbeitslos bist? Wer bezahlt denn heute dein Essen? Ich schufte mich den ganzen Tag im Finanzamt ab …“

Tina nahm ihr Weinglas und schüttete dessen Inhalt in Sebastians Gesicht. Eine andere Erwiderung fiel ihr nicht mehr ein. Dann stand sie auf und rannte weinend hinaus. Sebastian, der den Angriff auf seine Person offenbar gar nicht richtig wahrnahm, lachte auf und wischte sich über das Gesicht.

„Ja, das ist typisch Frau. Sie rennt davon, wenn es ihr unbequem wird.“

Dabei sah er beifallheischend zu Heika, das der ganzen Szene stumm gefolgt war. Heikas Sympathien lagen eindeutig bei seiner Schwester; es hatte den arroganten und selbstgefälligen Sebastian nie leiden können und sich immer gewundert, was Tina an ihm fand. Insgeheim amüsierte es sich über die heftige Reaktion seiner Schwester. Dennoch wollte es Sebastian nicht ins Gewissen reden, denn in dieser speziellen Auseinandersetzung fand Heika als diplomiertes Familienpsychologe doch einiges, das für den Freund seiner Schwester sprach. Es wusste, dass Tina ihre Arbeitsstelle durch ihr eigenes Verhalten verloren hatte und darüber verbittert war. Zudem konnte in diesem Fall von Fremdgehen nicht die Rede sein, auch wenn es nicht ganz in Ordnung war, wenn Sebastian allein auf Brautsuche ging. Er hätte sich zumindest der Zustimmung seiner Lebenspartnerin vergewissern können. Heika fasste Sebastian beschwichtigend am Arm und bemerkte, wie der Mann unter der Berührung von ihm zusammenzuckte. Klar, Sebastian hatte als testosterongesteuerter junger Mann erhebliche Vorurteile vor Homosexuellen; noch dazu, wenn es sich um Frannen handelte. Deshalb griff es noch fester zu, denn es wollte ihn gezielt aus der Fassung bringen.

„Ich werde mit ihr sprechen. Lass uns ein wenig Raum und überlege dir in der Zwischenzeit gut, was du ihr sagen willst, wenn wir zurückkommen. Du solltest deine Taktik ändern, Junge. Auf diese Weise fährst du den Karren an die Wand. Eure Beziehung ist an einem Wendepunkt; einen Vertrauensbruch wie den deinen kann man nicht einfach weglächeln und dann zum Alltagsgeschäft übergehen“, sagte es, drückte noch einmal fest den Arm von Sebastian, der mit sich rang, ob er sich losreißen sollte. Heika stand auf, nickte eindringlich und ging hinter Tina her. Sebastian sah dem Frann skeptisch hinterher, dann schüttelte er in stummer Verzweiflung den Kopf.

Frannen und Frauen sind der Freunde Frust, fiel ihm eine Textzeile aus einem Lied von Rammstein ein.

Heika fand Tina auf einem kleinen Mäuerchen neben dem Parkplatz sitzend. Es hatte erwartet, Tina noch weinend vorzufinden; aber sie sah ruhig in den Sternenhimmel, hatte dabei den Mund leicht geöffnet. Sie erinnerte ihn in diesem Augenblick an früher, an das kleine Mädchen, mit dem es so oft spazieren gegangen war.

„Ob es dort oben Leben gibt?“, fragte sie leise, als sich ihr Bruster neben sie setzte und einen Arm um sie legte. Heika wusste nicht, ob seine Schwester eine Antwort erwartete. Es sah ebenfalls nach oben, fand den großen Wagen. Es war kalt hier draußen vor dem Lokal.

„Vielleicht kommt irgendwann mal ein Schiff von dort oben herunter, am besten voller drei Meter großer Frannen“, scherzte Heika. Es kicherte leise bei der Vorstellung. „War es richtig, einfach aufzustehen und zu gehen?“, fuhr es dann ernst fort. Tina seufzte leise, sah ihren Bruster nicht an.

„Weißt du, ich kann einfach nicht mehr mit ihm reden, ohne zu streiten. Und dann hat er mich mit seinem Fremdgehen wirklich tief verletzt.“

„Sebastian sieht das nicht so, das weißt du. Er hätte gerne eine komplette Beziehung; eine Dreisamkeit.“

„Er mag ja recht haben, aber ich kann nicht gegen meine Gefühle an. Ich fühle mich betrogen.“

„Ich verstehe dich, aber du könntest dir einmal überlegen, woher diese Gefühle kommen?“

„Doch sicher aus meiner kaputten Elternbeziehung, Frann Freud. Sie wissen ja, ich will meine Mutter töten und meinen Frater vergewaltigen.“ Das klang bitter und Heika lächelte gequält.

„Rede doch keinen Unsinn. Allerdings spielen die wechselnden Männerbekanntschaften unserer Mutter dabei tatsächlich eine Rolle, das kannst du mir glauben, denn ich weiß, wovon ich rede. Zwischen uns ist zwar eine Kluft aus Alter und Erfahrung, aber wir sind Geschwister, vergiss das nicht. Was Mutter mit Elle macht, findet meine Zustimmung ebenso wenig wie deine. Als Vater starb …“ Tina verzog das Gesicht und unterbrach Heika eilig. Dies war eine Wunde, an der es nicht rühren durfte.

„Lassen wir doch die Psychologie außen vor. Sie kann immer nur im Nachhinein etwas erklären. Sag mir lieber, was ich tun soll.“ Heika zuckte mit den Schultern.

„Ich bin nicht deine persönliche Partnerberatungsstelle, liebe Schwester. Ich denke aber, deine Sorgen sind hauptsächlich in der Tatsache begründet, dass du deinen Beruf aufgegeben hast. Das hat dich verbittert.“

„Ach, ich bin also an allem Schuld? Weil mir ein Frann vorgezogen wurde? Meine Unzufriedenheit treibt mein armes Herrchen in die Fänge eines bitch. Der Ärmste, was muss er leiden! Du machst es dir doch sehr einfach, Heika. Das ist Küchenpsychologie.“

Heika wollte Einspruch erheben, aber dann erkannte es, dass Schweigen im Moment die bessere Alternative war. Eine ganze Weile starrten die beiden so unterschiedlichen Geschwister festumschlungen hinauf zu den funkelnden, gleichgültigen Sternen.

„Wenn es da oben Leben gibt, ob die auch so viele Probleme haben wie wir?“, fragte dann Tina und nahm ihren Gedanken von vorhin wieder auf. Heika zuckte mit den Schultern.

„Du kannst sicher sein, wenn sich auf anderen Planeten Leben und Liebe entwickelt haben, dann gibt es dort auch die gleichen Probleme. Wer weiß, vielleicht ist es dort noch viel komplizierter als hier bei uns.“ Es hörte im Rücken zögernde Schritte nahen und wusste ohne sich umzusehen, dass Sebastian langsam näher trat, unschlüssig, ob er die Zweisamkeit stören sollte. Heika stand auf, tat aber so, als hätte es den Freund seiner Schwester nicht bemerkt.

„Die Sterne schweigen“, sagte es. „Wir werden von ihnen keine Antworten erhalten. Unsere Probleme müssen wir hier lösen. Ganz allein.“ Es stockte. „Irgendwie.“

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ErSieEs – 3. Geschichte

ErSieEs

Geschichten aus einer anderen Welt

3. Geschichte

[…] Während in den Staaten der sogenannten Dritten Welt, die durch die oben erläuterten, den christlichen Moralvorstellungen entgegenstehenden Gesetzmäßigkeiten vor dem ökologischen und ökonomischen Ruin stehen, trotzdem ein bewunderungswürdiger Reichtum an Menschen existiert, der allein ein bemerkenswertes Hoffnungspotential bildet, ist in den Industrienationen seit den beiden Weltkriegen durch die Verbreitung der modernen Verhütungsmittel ein erschreckender Rückgang der Geburten zu beklagen. So wird in Europa im Jahre 2025 auf sieben Menschen im Alter von über siebzig Jahren nur ein Jugendlicher kommen. Durch das Auf-den-Kopf-stellen der Bevölkerungspyramide besteht die Gefahr der Verarmung, sogar des Aussterbens ganzer Völker. Das ist sicherlich die größte Herausforderung, mit der Europa sich zu Beginn des zweiten christlichen Jahrtausends konfrontiert sieht.
[…] Nicht zuletzt aus diesen Gründen spricht sich die heilige katholische Kirche mit kämpferischer Entschiedenheit gegen die Verhütung und Abtreibung aus; sie wenden sich gegen die christliche Ethik und Gottes Schöpfungswillen. […] Das Geheiligte Mysterium der Dreifaltigkeit weist jedem Gläubigen den rechten Weg: Gottvater und die Heilige Geist wurden Mensch durch das Jungfrann Maria, in Jesus Christus, Unserem Herrn.“

Aus: Hirtenbrief der kath. Bischofskongregation „Über die Empfängnis“

Freitag Vormittag

Heika Bosch nickte ernst. Es wusste, wie verständnisvoll und abgeklärt es dabei aussah. Schließlich hatte es seinen Gesichtsausdruck in unzähligen Gesprächen gleich diesem eingeübt. Heika war abgelenkt und schämte sich deshalb ein wenig. Trotzdem sah es immer wieder zur Uhr, die im Rücken seines Gesprächspartners an der Wand über der Tür hing. Es war Viertel vor Zehn, also hatte es noch ein wenig Zeit. Dennoch gelang es Heika nicht, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Die Probleme seines Gegenübers waren existentiell, aber es hatte schon allzu viele Beratungen durchgeführt. Vor Jahren hatte es aus Überzeugung diese Halbtagsarbeit für den Verein übernommen. Inzwischen jedoch war eine Routine eingekehrt, die niemand mehr als Heika selbst bedauerte. Immer häufiger versuchte es, die Gesprächspartner mit leeren, aufmunternden Worthülsen abzuspeisen, ohne näher auf auf deren Probleme einzugehen. Vielleicht war es richtig, einen längeren Urlaub zu machen und Abstand zu gewinnen, sich mal wieder zu verlieben. Heika sah erneut auf die Uhr, zwang sich dann aber, aufmerksamer zuzuhören und hatte sofort ein Gefühl von Déjà-vu.

Als es endlich zehn Uhr wurde, war es Zeit, einen Schnitt zu machen, obwohl Heika den Fehler spürte, die Beratung abzukürzen. Aber es wollte den Mann vom Stiftungsamt, mit dem es jetzt verabredet war, nicht warten lassen. Von diesem Gespräch hing im Wesentlichen ab, ob die Selbsthilfevereinigung Homosexueller Frannen e. V., kurz HoFra genannt, in dessen Vorstand und Beratungsstelle Heika tätig war, für ein weiteres Jahr finanzielle Unterstützung von der Stadt erhielt. Das war ein Kampf, der in jedem November ausgefochten werden musste und bei dem immer weniger öffentliche Mittel erstritten wurden. Diesmal würden die Verhandlungen besonders schwierig, denn der Beamte, den es gleich treffen würde, war eine unbekannte Größe. Sein Name war Braumeier, wie es dem Schriftverkehr mit ihm entnahm. Er hatte sein Amt eben erst übernommen und lag wahrscheinlich auf der Linie des in der Mehrheit rechtskonservativen Stadtrats. War das der Fall, sah es düster aus. Wurde die Zuschüsse weiter gestrichen, stand die HoFra vor dem Nichts, denn durch Spenden konnte sie sich nicht erhalten.

Heika unterbrach seinen Gesprächspartner, ein Studenten, das mit seinem Freund wegen der Vorurteile der Vermieter keinen Wohnung finden konnte, mitten im Satz. Es holte eine Broschüre zu diesem Thema aus dem Schreibtisch und erläuterte sie eilig. Das Student nahm das Heft zögernd und wirkte sichtlich enttäuscht. Heika versuchte durch eine herzliche Umarmung und einen aufmunternden Kuss auf den Mund den Eindruck von kühler Professionalität abzuschwächen, was ihm nur halbwegs gelang. Dann nahm es die vorbereiteten Unterlagen an sich und ging eilig hinüber zum Seminarraum, dem größten Zimmer in der engen Wohnung, die der Verein als Beratungsstelle angemietet hatte. Heika hatte sich kaum verspätet, aber die anderen beiden Vorstandsmitglieder saßen bereits mit Braumeier auf den niedrigen, im Kreis stehenden Sesseln. Alle sahen etwas verloren aus. Der Beamte studierte die Bücherrücken in den Regalen zu seiner Linken. Man wartete auf Heika, das ein sicheres und resolutes Auftreten hatte und dem damit das Hauptgewicht der Verhandlungsführung mit dem Mann vom Stiftungsamt zufiel.

Das Frann legte die Aktenordner mit den Kopien der Belege und Jahresberichte auf den Tisch in der Mitte und reichte dem Beamten, der älter war, als es erwartet hatte, die Hand; stellte sich vor. Er stand nicht auf, was keine Unhöflichkeit war, sondern an den niedrigen Sesseln lag. Es kostete ihn bereits eine Kraftanstrengung, sich in seinem weichen Sitz gerade zu richten. Dennoch fragte ihn Heika, ob es ihn zuerst durch die Beratungsstelle führen sollte. Er verneinte mit einer unwirschen Handbewegung und nahm die Unterlagen, die er sofort aufschlug und zu studieren begann. Heika setzte sich und seufzte heimlich, tauschte mit den beiden Frannen einen verunsicherten Blick. Der Mann schien ein harter Brocken zu sein. Und er war ganz offensichtlich mit Vorurteilen und Ablehnung zu dem Gespräch gekommen. Wenigstens gab es an der Buchführung des Vereins nichts zum Beanstanden und wenn Braumeier mit der Lupe suchte. Für jede noch so kleine Ausgabe gab es eine Notwendigkeit und einen Beleg. Alles war sauber mit den kargen Einnahmen verbucht; die seltenen Spenden quittiert und offengelegt. Freilich schrieb der Verein wie alle anderen rote Zahlen und hatte Schulden, aber sie fielen nicht aus dem Rahmen des Üblichen. Die HoFra war im Großen und Ganzen gesund, hing allerdings an dem dünnen Tropf der öffentlichen Zuwendung.

Ein lastendes, minutenlanges Schweigen entstand, während Braumeier ruhig die Unterlagen studierte. Heika versuchte, den Beamten einzuschätzen, was ihm trotz seines geübten Blickes für Menschen schwerfiel. Er war dünn, trug eine Brille, aus deren Mitte eine erstaunlich spitze Nase hervorragte und war korrekt gekleidet. Er war verheiratet, die beiden Goldreife an seinen Ringfingern waren auffällig breit und behinderten ihn am Blättern in den Unterlagen. Er nahm seine Arbeit ernst. Die Bewegungen waren kontrolliert und gefasst, aber eine situationsbedingte Unsicherheit war nicht zu übersehen. Ganz offensichtlich hatte Braumeier heute zum erstenmal Kontakt mit homosexuellen Frannen. Ihm stand für diesen Fall kein Verhaltensrepertoire zur Verfügung und er versteckte sich deshalb hinter der Maske beflissener Diensterfüllung. Heika hatte das schon häufig erlebt; es war ein Verhalten, das weniger durch Vorurteile, als durch Verständnislosigkeit geprägt war. Als Gruppe pauschal an den Rand der Gesellschaft, oft sogar aus ihr heraus gedrängt, war es gerade das Unbekannte, Fremdartige, das die Trisexuellen an Frannen wie ihm verunsicherte, ängstigte, abstieß. Aufklärung tat not, aber niemand hatte den Wunsch, aufgeklärt zu werden.

Heika wurde in seinen Überlegungen durch ein Klopfen an die Tür unterbrochen. Stefe kam mit einer Thermoskanne und Kaffeegeschirr herein, stellte seine Last wortlos auf den Tisch, um sich sofort wieder zurückzuziehen. Stefe war eine Art Hausmeister der Beratungsstelle, es hatte sein Bett im kleinsten der Zimmer, einem sargähnlichen, fensterlosen Raum, in dem auch Büromaterialien lagerten und das Kopiergerät stand. Es wohnte dort, seit es von seinen Ehepartnern, die es mehrmals krankenhausreif geprügelt hatten, in den Schutz der HoFra geflohen war. Normalerweise war man hier für solche Fälle nicht eingerichtet, dafür gab es das Frannenhaus. Selbst wenn die Not keinen anderen Weg übrig ließ, bemühte man sich, für diese Frannen schnell eine geeignetere Unterkunft als den provisorischen Übernachtungsraum zu finden. Warum man vor Jahren mit Stefe eine Ausnahme gemacht hatte, es in seiner unauffälligen, aber fleißigen Art inzwischen fast zum Mobiliar gehörte, wusste niemand mehr so genau, aber das Frann war längst unentbehrlich geworden.

Braumeier beendete endlich seine Lektüre und ließ sich Kaffee einschenken. Er legte den Ordner zu seinem Aktenkoffer, der neben ihm am Boden stand. Er räusperte sich.

„Das scheint mir auf den ersten, selbstverständlich nur oberflächlichen Blick in Ordnung zu sein. Sie werden aber verstehen, wenn ich die Unterlagen zu genauerer Prüfung mitnehme. Ich werde sie Ihnen im Verlaufe der nächsten Woche wieder zurückschicken“, sagte er. Heika nickte, obwohl es wusste, wie unüblich diese Handlungsweise war, die seiner Vorgängerin nie in den Sinn gekommen wäre. Es reichte Braumeier die Dose mit dem Zucker. Er bediente sich reichlich, gewann offensichtlich an Fassung und Selbstsicherheit. Heika entschloss sich, ihn wieder ein wenig ins Wanken zu bringen.

„Die Unterlagen in dem Ordner sind zwar nur Kopien, wir wären Ihnen aber trotzdem dankbar, wenn Sie uns die Mitnahme quittieren würden.“ Es lächelte eine Spur zu freundlich. „Im übrigen möchte ich Sie darauf hinweisen, dass das Finanzamt die Bücher der letzten Jahre geprüft hat und keinen Grund zur Beanstandung fand. Eine Ablichtung der Bescheide liegt dem Ordner bei.“

Der Blick des Beamten schätzte Heika aufmerksam ab.

„Ich habe mein Amt erst kürzlich übernommen. Ich möchte mir nur einen Überblick verschaffen“, wiegelte er ab und nahm einen Schluck Kaffee. Dann sah er sich unsicher um, als suche er nach Hilfe. „Ich würde nun gern ihre Räumlichkeiten besichtigen.“

Braumeier stellte die Tasse klirrend auf den Tisch, versuchte aufzustehen. Es misslang: Er fiel zurück in die weichen Polster. Heika, jünger und trainiert, zudem mit den Tücken der Sessel vertraut, kam flink auf die Beine und bot Braumeier seine Hand zur Hilfe an. Er tat, als würde er die dargebotene Rechte nicht bemerken. Mit einem bemerkenswerten Kraftaufwand, der eine dicke Ader auf seiner Stirn zum Schwellen brachte, kam er in die Senkrechte. Er atmete seufzend aus.

„Danke, es geht schon.“ Heika verbiss sich ein Lächeln. Die sich im Rücken des Beamten befindlichen Frannen hatten es leichter. Beide grinsten breit.

„Beginnen wir mit diesem Zimmer, es ist unser Gruppengesprächs- und Seminarraum. Hier treffen sich unter der Woche unsere verschiedenen Selbsthilfegruppen und hier findet auch die Mehrzahl unserer Kurse statt; selbstverständlich unter kompetent fachlicher und psychologischer Betreuung. Ich werde ihnen später noch einen genauen Überblick über die Seminare, ihre Leiter, die Zielvorstellungen und Erfolge geben“, erklärte Heika, Auswendiggelerntes hersagend. Braumeier nickte abgelenkt und schielte zur Seite. Heika, das den Blick bemerkte, fuhr eilig fort:

„In den Regalen hier rechts haben wir eine kleine Bibliothek mit Fachliteratur und Zeitschriften eingerichtet. Die Bücher können auch von interessierten Frannen entliehen werden.“

Braumeier rückte seine Brille zurecht und legte den Kopf zur Seite, um die Titel zu entziffern. Die Bücher schienen ihn zu beschäftigen. Dem etwas verwirrten Heika fiel auf, dass er einen ungewöhnlich langen und dünnen Hals hatte; zusammen mit dem spitzen Gesicht hatte er eine lächerliche Ähnlichkeit mit einem neugierigen Erpel. Braumeier nahm einen Band vorsichtig heraus und blätterte in ihm. Heika zog die Augenbrauen in die Höhe.

„Das ist von ihnen, ja? Sie sind doch Dr. Heika Bosch, das Autor, das einzige Frann, das je Psychologie studiert hat?“, überraschte er Heika, das ihn erstaunt ansah. Es lachte unsicher.

„Inzwischen nicht mehr das einzige. Es sind zwar leider noch wenige, aber …“ Es zögerte. „Ja, das ist eines meiner Bücher.“ Braumeier lächelte. Es war das erste Mal, dass er es tat.

„Es freut mich außerordentlich, Sie endlich einmal kennenzulernen, Frann Bosch.“ Er hob den dicken Band in die Höhe.

„Ich habe das hier und Das schwächste Geschlecht mit Aufmerksamkeit gelesen. Soweit ich es als psychologischer Amateur überhaupt beurteilen kann, sind es ganz ausgezeichnete Bücher.“

Das Buch, das Braumeier in den Händen hielt, Die versteckte Gewalt – Mechanismen der Unterdrückung homosexueller Frannen, war mit Sicherheit nicht nur Heikas schwierigstes, sondern zugleich sein am meisten kämpferisches Buch. Ein bislang als bieder eingeschätzter Beamte las komplexe psychologische Fachliteratur. Heikas Bild von dem Mann wurde erschüttert. Und gleichzeitig konnte es befreit lächeln. Wenn er ein Bewunderer seiner Literatur war, dann stand es vielleicht doch nicht so schlecht um den Zuschuss der Stadt, bei dem Braumeiers Wort ja ein entscheidendes Gewicht hatte. Heika griff eilig nach einem Buch im Regal und reichte es dem Beamten.

„Das ist mein neuer Titel. Es würde mich freuen, es ihnen als Geschenk zu überlassen.“ Er nahm erfreut den Band in die Hand.

Die Kluft„, las er, „Die nepotische Psychose als Lebenslüge im Alltag. Das ist wunderbar. Ich habe schon davon gehört und einen lobenden Artikel darüber im Science Magazine gelesen. Ich bin sehr interessiert daran. Wenn Sie mir eine Widmung hineinsetzen könnten, wäre das einfach …“

„Aber selbstverständlich“, fiel ihm Heika ins Wort. Die beiden lächelten sich an, verstanden sich.

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ErSieEs – 2. Geschichte

ErSieEs

Geschichten aus einer anderen Welt

2. Geschichte

„Es ist bekannt, dass die Anglikanische Kirche von Heinrich VIII. gegründet wurde, der auf diese Weise nach der päpstlichen Verweigerung die einzige Möglichkeit ergriff, sich von Katharina von Aragonien scheiden zu lassen und Anna Boleyn mit dem Segen einer Kirche, nämlich der eigenen, zu ehelichen. Gleichzeitig festigte er mit diesem Schritt seine Macht, da er durch den Suprematseid einen Grund schuf, den langweiligen, prinzipienreitenden Stoiker Lordkanzler Moore aus dem Weg zu räumen. Anna Boleyn, die bald dasselbe Schicksal wie Thomas Morus ereilen sollte, blieb nicht die letzte Frau des Königs.

Wenig bekannt ist hingegen, dass Heinrich VIII. in seinem Bestreben, einen männlichen Thronfolger zu zeugen, nicht nur sechs Frauen ehelichte, sondern mindestens auch sieben Frannen, die, rechtlos, wie sie in jenen düsteren Zeiten waren, nicht in den Annalen Erwähnung fanden. Dennoch gilt es als erwiesen, dass das blutjunge Frann Hetha Muller das Austrag der späteren Königin Elisabeth I. war. Muller ist das Verfasser der berühmten ersten literarischen Selbstdarstellung eines Frann, De Profundis[…] Wir begegnen ihm in Shakespeares Drama Die lustigen Frannen von Windsor in der Person des Annas Page wieder. Auch deshalb hat sich sicher zu Unrecht das Gerücht erhalten, einige der heute Shakespeare zugewiesenen Dramen stammten in Wirklichkeit aus der Feder von Hetha Muller.“
Elias Bellow,“Familie im Wandel,Ein Sittenbild“, S.432 f.

Montag Morgen

Der Radiowecker setzte sich mit einem metallischen Geräusch in Gang. Eine quäkende Stimme sang:

You, you, and me,
we three are one,
from here to eternity.

Sie versuchte geraume Zeit, die Schläferin zu wecken, die sich, verzweifelt die Decke über den Kopf gezogen, gegen diese Zumutung wehrte. Was Rod Stewart nicht gelang, schaffte die anschließende Rundfunkwerbung: Halb schlafwandelnd tappte Tina ins Bad.

Ihr Vater war vor zehn Jahren durch einen Autounfall ums Leben gekommen und sie bewohnte das geräumige Elternhaus nur mit der Mutter und ihrem Frater. Seit längerer Zeit spielte sie mit dem Gedanken, wie ihr älteres Bruster Heika von Zuhause fortzuziehen, sich vielleicht mit Sebastian gemeinsam eine Stadtwohnung zu suchen. Sie verdiente dazu genug Geld und fand, sie bald schon über das Alter hinaus, in dem eine Tochter flügge wird. Die Vorstellung, noch weitere Jahre mit den beiden übriggebliebenen Elternteilen zu leben, erschreckte sie wegen den täglichen Spannungen und Streitigkeiten. Die Mutter, als Schwester im nahen Kreiskrankenhaus tätig, fühlte sich stets überarbeitet und, durch die Wechseljahre bedingt, unverstanden. Gewohnheitsmäßig schlechtgelaunt, ließ sie ihre Wut an ihrem Frann aus, das die Spannungen wiederum an Tina ableitete. Beinahe unerträglich wurde die Situation zwischen den Eltern durch die häufig wechselnden Männerbekanntschaften der Mutter, die durchweg vom Frater abgelehnt wurden, das sich zu alt für Abenteuer fühlte und sich zu sexuellen Begegnungen gezwungen sah, die es ablehnte. Die beiden empfanden keine Zuneigung mehr füreinander, klammerten sich trotzdem an ihre Ehe, weil sie sich ein Leben ohne den anderen nicht vorstellen konnten. Trotzdem konnte sich Tina nicht entscheiden, das Elternhaus zu verlassen. Das lag in der Hauptsache an ihrer Bequemlichkeit. Es war einfach und billig, in dem geräumigen Reihenhaus wohnen zu bleiben, hier wurde ihre Wäsche gewaschen und tägliche Mahlzeiten angerichtet. Zudem bekam sie die streitsüchtige Mutter nur selten zu Gesicht und das Frater betrachtete sie, war sie ehrlich mit sich, als eine Art von besserem Personal, das für sie sorgte. Dafür nahm sie auch gelegentliche Streitereien in Kauf.

Heute war ihr Frater jedoch gut gelaunt, als sie gemeinsam frühstückten. Seine Frau hatte Frühschicht und das Haus längst verlassen. Wenn auch Tina zur Arbeit gegangen war, stand ihm ein ruhiger Vormittag bevor. Obwohl das Frater erst Mitte vierzig war, wirkte es wesentlich älter, aufgeschwemmt und abgearbeitet. Während die Mutter im Wesentlichen sie selbst und der tote Vater immer jung bleiben würde, konnte sich Tina beim besten Willen nicht vorstellen, dass unter dieser verhärmten Larve das schöne Frann verborgen lag, das sie aus alten Fotos kannte. Es bedrückte sie, wie sehr sich ein Mensch innerhalb von zwanzig Jahren verändern konnte. Lag es an den zwei Kindern, die es ausgetragen hatte, an dem Verlust des geliebten Mannes, an der täglichen, stumpfsinnigen Hausarbeit oder daran, wie unzufrieden es mit dem war, was es aus seinem Leben gemacht hatte? Tina wusste keine Antwort. Es war ihr auch nicht angenehm, über solche Dinge nachzudenken. Sie war froh, endlich in ihr Auto zu steigen und sich durch die Fahrt zur Arbeit auf andere Gedanken zu bringen. In der Vorstadt nahm Tina wie jeden Morgen ihre Kollegin Petra auf, mit der sie oberflächlich befreundet war. Sie nahm auf dem inneren der beiden Beifahrersitze Platz.

„Bist du aufgeregt?“, fragte sie nach der Begrüßung und klopfte Tina kameradschaftlich auf die Schulter. „Es wird schon klappen.“

Einen Moment wunderte sich Tina, dann fiel ihr siedendheiß ein, was sie schon den ganzen Morgen erfolgreich verdrängt hatte. Für heute stand die Entscheidung ihrer Vorgesetzten an, wem die Leitung des neuzuschaffenden Ressorts PC-Service und Koordination übertragen würde. Sie wusste von neben ihr drei weiteren aussichtsreichen innerbetrieblichen Kandidaten und, wie sie erfahren hatte, lagen auch zwei Bewerbungen von außerhalb vor. Tina rechnete sich gute Chancen aus, denn ihre fachliche Eignung stand ohne Zweifel. Sie hatte in den letzten Jahren die Mitarbeiterschulungen übernommen und war ein geachteter und erfahrener Ansprechpartner. Sorge machte ihr allein ihr Alter. Eine konservative Firma wie die ihre zögerte, einer jungen Kraft eine Ressortleitung zu übertragen. Aber es gab Gegenbeispiele. Hajo Gärtner von der Fertigungssteuerung war jünger als sie. Deshalb war sie nervös, hatte am Abend Schlaftabletten genommen und litt durch das leichtsinnig gegessene Frühstück unter Magenbeschwerden. Sie war fahrig und abgespannt, fuhr aggressiv und schnell; sie bemerkte es erst, als sie die Kollegin darauf aufmerksam machte. Tina fühlte sich ertappt. Trotzdem lächelte sie überlegen, zumindest hoffte sie, es sähe so aus. Sie wollte sich keine Blöße geben, da Petra keine intime Freundin war und sie ihrer Verschwiegenheit nicht traute. Tina sah die Firma, in der sie arbeitete, als eine Art Schlachtfeld und die Belegschaft als ein Heer von offenen und versteckten Gegnern an. Aus diesem Grund legte sie jedes Wort und jede Regung auf die Waage. Es ärgerte sie, dass ihre Bewerbung für den Ressortleiterposten durch eine, wie sie vermutete, gezielte Indiskretion ihres Vorgesetzten in der Firma durchgesickert war und sie immer wieder freundschaftlich oder gönnerhaft darauf angesprochen wurde.

Das Zimmer, das sie mit einem Kollegen, der stets spät kam, teilte, roch muffig und eigen. Sie vergaß übers Wochenende immer den unangenehmen Geruch und brauchte jeden Montag einige Zeit, um sich an ihn zu gewöhnen. Es lag Arbeit auf dem Schreibtisch, aber sie nutzte diese erste Ruhe, setzte sich, schaltete den Computer an und sah ihm beim booten zu. Jetzt spürte sie vornehmlich in den Beinen und im Rücken ihre Anspannung als ein fast schmerzendes Stechen. Das flaue Gefühl in Bauch verstärkte sich. Vielleicht bekam sie ihre Tage. Eines der Sekretäre kam mit einem einen Tic zu freundlichen Gruß herein, stellte Tina eine dampfende Tasse Kaffee auf den Tisch und machte ein paar der üblichen Montag-Morgen-Bemerkungen. Tina antwortete entgegen ihrer Gewohnheit abgelenkt und unlustig. Sie stieß das Frann damit vor den Kopf und bedauerte es kurz, weil ihr das Sekretär gefiel und sie gern mit ihm flirtete. Doch zu unverbindlicher Koversation war sie heute nicht fähig. Als sie wieder allein war, schob sie angewidert den Kaffee beiseite. Mit ein paar Mausklicken stieg sie in die Datenbank-Software ein, in der sie im Moment eine Anwendung entwickelte und blätterte die Programmlisten auf. Damit wollte sie sich den Anschein geben, sie würde arbeiten. Sie sah auf den Bildschirm, ohne ihn bewusst wahrzunehmen, dachte an nichts und ließ die Zeit verstreichen. Sie wartete. Nach einer Weile trank sie doch den erkalteten Kaffee. Sie bereute es sofort, denn sie bekam fast augenblicklich Unterleibsschmerzen, die ihr allerdings Grund gaben, die Toilette aufzusuchen und dort in kühler Abgeschiedenheit einige Zeit zu verbringen. Bald kehrte sie unruhig in das Zimmer zurück. Ihr Kollege saß am anderen Schreibtisch und grüßte sie abgelenkt über sein Terminal hinweg. Die beiden hatten nichts miteinander zu schaffen und arbeiteten in unterschiedlichen Bereichen, nur die Raumnot in der aus den Nähten platzenden EDV hatte sie zusammengeführt.

Tina setzte sich wieder vor den PC, hinter dem sie sich gut verbergen konnte. Sie ging lustlos mit dem Cursor in dem in der letzten Woche erstellten Programmrumpf spazieren, befand dann nebenzu ein paar der Layoutbefehle für verbesserungswürdig. Keinen Augenblick ließ sie das Telephon aus den Augen, das allerdings wie zum Trotz stumm blieb. Plötzlich läutete es doch und Tina war so erschrocken, dass sie unfähig war, den Hörer aufzunehmen. Ihr Kollege hob ab, lauschte, gab knappe, dann zornige Antworten. Das Gespräch war für ihn. Tina lehnte sich zurück und bemühte sich um einen ruhigen Atem. Sie spürte ihren eiligen Pulsschlag am Hals. Es gelang ihr erst, sich zu beruhigen, als der Kollege am Telefon laut wurde und sich gestikulierend über eine Schlamperei ereiferte. Es machte Tina Spaß, ihm dabei zuzusehen. Sie entdeckte dadurch an ihm, der sonst unauffällig und ausgeglichen seine Arbeit verrichtete, einen neuen Zug. Er legte den Hörer wütend zurück auf die Gabel und murmelte ein paar unverständliche Worte. Dann wurde er überraschend rot im Gesicht und vergrub sich hinter seinem Bildschirm. Für eine Weile war es still im Zimmer.

Tina sah auf die Uhr. Es war noch nicht einmal halb zehn. Das Telefon läutete erneut und wieder war der Kollege mit seiner Hand schneller an dem Gerät, reichte ihr dann aber den Hörer hin:

„Für Sie.“

Tina glaubte, Erstaunen in seiner Stimme zu bemerken. Sie atmete zweimal tief durch, bevor sie sich meldete. Sie hoffte, ihr Tonfall klang ruhig und gefasst. Am anderen Ende war der Leiter der EDV, Dr. Waldemar Keller, der sie mit knappen Worten aufforderte, ihn aufzusuchen, wenn es ihr im Moment passe. Natürlich war es eine Floskel, wenn Keller rief, hatte man alles liegen und stehen zu lassen und zu rennen. Dennoch ließ sich Tina absichtlich ein wenig Zeit, denn sie wollte einen beschäftigten Eindruck machen. Sie prüfte mit einem kleinen Spiegel aus ihrer Handtasche ihr Make-up, bevor sie mit dem Aufzug ins vierte Stockwerk hinauffuhr. Erst als sie an Tür zum Büro des allmächtigen Dr. Keller geklopft hatte, entdeckte sie ihre schweißnassen Hände.

Reiß dich zusammen, dachte sie, in fünf Minuten kommst du als Ressortleiterin wieder heraus. Tina wischte sich die Handinnenflächen an der Hose trocken, dann nahm sie die Klinke in die Hand und klopfte energisch. Sie trat forsch in das geräumige Zimmer und blieb dann unschlüssig stehen. Keller, der selbstherrlich wie Ludwig XIV. (l‘ EDV, ce moi!) hinter seinem Schreibtisch thronte, war nicht allein. Aber anstatt ihres Abteilungsleiters Wigant, den sie erwartet hatte, saß auf einem der Besucherstühle ein elegant gekleidetes, älteres Frann, das mit weltfrännischer Geste rauchte und Tina mit einer abschätzenden Mischung aus Herablassung und distanzierter Höflichkeit maß. Tina gelang es, den Blick kurz und hochnäsig zu erwidern. Keller erhob sich schnaufend, er neigte wegen seiner Körperfülle zur Kurzatmigkeit. Er streckte Tina seine feiste Rechte entgegen. Sie musste sich weit über den Schreibtisch beugen, um seinen Händedruck zu erreichen, sie empfand diese gezwungene, unbequeme Haltung als eine gezielte Entwürdigung, eine Falle, in die sie gedankenlos getappt war. Keller setzte sich und deutete lässig auf das Frann, das sich zum Gruß halb aus dem Sitz erhob:

„Ich darf Ihnen Frann Bender vorstellen. Das ist Frau Bosch, von der wir sprachen, unser PC-Profi. Sie gibt innerbetriebliche Schulungen für unsere Mitarbeiter und schreibt spezielle Anwendungen. Ich darf hinzufügen, dass sie ihre Sache ausgezeichnet macht. Herr Wigant ist leider verhindert, Sie werden ihn aber heute Nachmittag kennenlernen.“ Pause. „Aber nehmen Sie doch Platz, Frau Bosch.“

Keller lächelte gönnerhaft. Tina gehorchte und sah sich unsicher um. Das Gespräch mit dem Vorgesetzten nahm nicht den Verlauf, den sie sich wünschte. Die Nähe zu dem Frann, das sie nicht einschätzen konnte, machte sie nervös. Wo war die Falle? Sie befeuchtete sich die Lippen.

„Sie wollten mich sprechen, Herr Dr. Keller?“

Sie schielte vorsichtig zur Seite. Das Frann, das für sein Alter – Tina schätzte es auf nahezu fünfzig – gutaussehend war, hatte die schlanken, wohlgeformten Beine übereinander geschlagen und der Rock war ihm dadurch, ob bewusst oder nicht, über das Knie gerutscht. Die attraktiven, schwarz bestrumpften Beine brachten Tina, die für diese Reize sehr anfällig war, noch mehr durcheinander. Sie dachte an ihr Frater, das doch jünger sein musste. Welch ein Unterschied war zwischen den beiden! Sie räusperte sich und wiederholte ihre Frage, denn sie hatte in ihrer Verwirrung vergessen, dass sie sie bereits gestellt hatte. Keller, der mit einer ausladenden Geste eine dünne Akte vor sich geschoben hatte und gerade zu einer Antwort ansetzte, verstummte wegen der Wiederholung erstaunt. Tina sah sich nach einem Loch um, in dem sie sich verkriechen konnte. Keller lachte kurz und fuhr lächelnd fort:

„Ich habe hier Ihre Bewerbung für das neuzuschaffende Ressort PC-Service und Koordination – einer weitgehend selbständigen Unterabteilung der EDV – vor mir liegen. Wir wissen Ihre Arbeit zu schätzen, Frau Bosch. Wir haben uns über Ihre Initiative gefreut.“ Er ließ offen, wer sich hinter wir verbarg, wahrscheinlich war es ein pluralis majestatis. Tina wurde kalt und sie sackte ein wenig in ihrem Stuhl zusammen. Ihr rechtes Bein zitterte nervös. Sie rieb die erneut schweißnassen Hände aneinander.

„Nun, um es kurz zu machen, wir stehen Ihrer Bewerbung wohlwollend gegenüber und freuen uns, Sie als kompetenten Mitarbeiter in dem neuen Ressort begrüßen zu dürfen.“ Er stand ächzend auf und streckte ihr die Hand entgegen. Tina, die sich zwar vorher fest vorgenommen hatte, sich nicht ein zweites Mal in die unbequeme Dienerstellung halb über dem ausladenden Schreibtisch zwingen zu lassen, wurde durch die Geste überrumpelt. Sie schüttelte Keller vorn übergebeugt und begeistert die Hand. Nun stand auch das Frann und ergriff gratulierend ihre Rechte. Etwas stimmte nicht. Keller hatte von Mitarbeit und nicht von Leitung gesprochen. Tina fühlte plötzlich keinen Grund unter ihren Füßen.

„Frann Dr. Bender hat viele Jahre bis zur Übernahme durch Siemens für die Firma Nixdorf gearbeitet. Es ist eine ungewöhnlich kenntnisreiche und erfahrene Kraft und wird das Ressort als das Leiter und damit als Ihr direkter Vorgesetzter übernehmen“, sagte Keller. Es klang hämisch. Das Frann versuchte sich in einem gewinnenden Lächeln.

„Ich freue mich auf meine neue Aufgabe und eine gute Zusammenarbeit mit Ihnen, Frau … Bosch, nicht wahr?“

Es war wie eine Ohrfeige. Sie haben es geschafft, dachte Tina, diesmal haben sie mich erwischt. Nur ein unachtsamer Moment und sie stellen mir ein Bein. Sie fühlte Leere in sich, sie war nicht fähig, zu begreifen, was mit ihr vorging. Der Rest des Vormittages glitt eilig an ihr vorüber; sie erlebte ihn verzerrt wie durch eine fettige Brille gesehen. Sie redete und diskutierte zwar intensiv mit Keller und Bender über die Aufgaben des neuen Ressorts, bemühte sich, ihre Enttäuschung, deren ganzes Ausmaß sie noch nicht ermessen konnte, zu verbergen, was ihr nur halbwegs gelang; fuhr dann mit beiden zu einem von Keller initiierten Arbeitsessen. All das lief wie ein seltsamer Film vor ihren Augen ab, ein Film, der sie unbeteiligt ließ und der sie langweilte. Sie erwachte erst aus ihrer Trance, als sie sich von den beiden verabschiedet hatte und wieder in ihrem Büro war.

Der Kollege war unterwegs. Tina wusste, in welchem Schubfach des Schrankes er seine Flasche Cognac versteckt hielt. Sie füllte die Kaffeetasse randvoll mit dem Branntwein auf. Nach ein paar großen Schlucken wurde ihr wieder wärmer. Sie brachte die Konzentration auf, den Vertrag zu studieren, den ihr Keller zusammen mit ein paar Tagen Bedenkzeit zur Unterschrift überlassen hatte. Sicher, dieses Stück Papier bedeutete einen Aufstieg in der Hierarchie und nicht zuletzt auch einen finanziellen Erfolg, aber es war nicht, was sie sich erhofft hatte und was ihr ihrer Meinung nach zustand. Ohne einen einsehbaren Grund wurde eine Kraft von außen vorgezogen. Das schmerzte, doch es wäre zu verkraften, die Zeit würde ihr helfen. Dass ihr jedoch ein Frann vorgesetzt wurde, konnte sie unmöglich hinnehmen. Sie fühlte sich so gedemütigt wie noch nie in ihrem Leben. Ein Frann als Chef war unvorstellbar, in der Firma zudem einzigartig. Tina konnte sich nicht vorstellen, den Weisungen eines Frannen zu gehorchen. Und wenn es sich noch so sehr wie eine Frau benahm, es war und blieb nur ein dummes Frann, das in die Küche und nicht in ein Büro gehörte. Tina füllte sich ihre Kaffeetasse ein weiteres Mal. Der Alkohol war im Augenblick ihre einzige Waffe gegen eine Depression. Petra steckte vorsichtig den Kopf durch den Türspalt. Falls sie vorher angeklopft hatte, war es Tina entgangen.

„Darf man gratulieren?“, fragte sie und kam ganz herein. Tina sah ertappt auf und schob gedankenschnell die Tasse mit dem Cognac zurück, deckte sie mit dem Arm ab. Sie wusste nicht, ob sie eine dringende Arbeit heucheln sollte. Noch hatte sie kein Konzept, wie sie den Kollegen begegnen konnte; zudem stieg ihr der Alkohol langsam zu Kopf. Sie sah Petra ins Gesicht und überlegte. War die freundliche Miene ihrer Bekannten ehrlich oder war sie gekommen, sie zu verhöhnen? Tina traute den Kollegen alles zu, aber die Entscheidung von Keller konnte noch nicht die Runde gemacht haben. Also war Petra wohl nur neugierig. Sie stand verwirrt vor der sie stumm abschätzenden Tina, ihre Rechte hatte sie nach vorn gestreckt, um ihr die Hand zu schütteln. Sie schwebte entschlusslos ein paar Zentimeter vor Tinas Gesicht. Deren Laune besserte sich bei diesem grotesken Anblick ein wenig. Sie lächelte breit und genoss das zögernde Widerspiegeln des Lächelns bei ihrem Gegenüber.

„Du darfst mir gratulieren“, log sie und legte betonte Herablassung auf das Du, denn es schuf die gewünschte Distanz, „es ist nett vor dir, extra deswegen vorbei zu kommen.“

„Keine Ursache; es freut mich. Wann wird es denn offiziell?“

Tina sah plötzlich ganz klar, während sie sich endlich widerstandslos die Hand schütteln ließ und ihr gleichgültig war, wenn dadurch der verräterische Inhalt der Kaffeetasse sichtbar wurde. Sie konnte jetzt Petra richtig einschätzen. Diese Frau bemühte sich um freundschaftliche Nähe zu ihr, weil sie auf einen fahrenden Zug aufspringen, sich in enger Beziehung zu einer Person, die in erwartbarer Zeit Karriere machte, halten wollte. Petra war ein Schmarotzer. Provozierend offen nahm sie die Tasse und leerte sie vor den Augen der betreten zur Seite blickenden Kollegen. Vor so einer brauchte sie sich nicht verstecken. Der Cognac nahm ihr kurz den Atem und es fiel ihr schwer, nicht das Gesicht zu verziehen. Sie kämpfte gegen das starke Schwindelgefühl an und fühlte sich befreit, lachte. Sofort und künstlich fiel Petra in ihr Lachen ein.

„Wann wirst du denn feiern?“

Tina zuckte mit den Schultern. Es machte ihr plötzlich keine Freude mehr, die Lüge fortzuspinnen. Sie suchte nach einer Möglichkeit, die Bekannte loszuwerden.

„Noch habe ich den Vertrag nicht unterschrieben. Ich habe mir Bedenkzeit ausgebeten“, schwächte sie mit einer wegwerfenden Geste ab und Petras Gesichtsausdruck bekam etwas von Heiligenverehrung.

„Vielleicht suche ich mir auch eine andere Arbeit. Ich bin mit den Bedingungen nicht ganz zufrieden. Weißt du, ich hätte ein paar interessante Angebote“, fuhr Tina ohne nachzudenken fort. Sie bereute im selben Moment. Wenn ihr leichtfertiges Märchen die Runde machte, und damit musste sie bei Petra rechnen, konnte es nicht gut sein.

„Erzähle es aber bitte nicht weiter“, ergänzte sie zur Schadensbegrenzung und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Es war der Alkohol, der ihren Verstand trübte, denn sie hatte noch alles schlimmer gemacht, gab der Lüge von der Kündigung erst Gewicht. Sie wusste genau, bei ihrer Kollegin bewirkte eine Aufforderung zu schweigen nur das Gegenteil. Sie hatte das bereits ausgenutzt, als sie ein Gerücht über einen ihr unbequemen Ressortleiter ausstreute. Jetzt musste sie ihre Worte schnell relativieren, abschwächen, ins Scherzhafte wenden, aber ihre Gedanken verwirrten sich immer stärker. Sie befeuchtete die Lippen und für einen kurzen Moment musste sie sich an der Tischplatte festhalten, die ihr entgegenzuschwanken schien. Der Kollege kam geschäftig herein, zwei Operater im Schlepptau. Er war noch immer gereizt, öffnete an der Wand eine Verteilerbuchse, diskutierte mit seiner Begleitung aufgeregt über die Verkabelung. Petra nutzte die Situation für ihren Abgang. Tina sackte in sich zusammen. Ihre letzte Chance zur Eindämmung der leichtsinnigen Lüge war durch das überraschende Auftauchen des Kollegen vertan. Sie stand unsicher auf. Als sie sich an den in der Tür stehenden Operatern vorbeidrängte, grüßte sie einer der beiden flüchtig. Er stank aufdringlich aus dem Mund. Im Gang sah sich Tina vergeblich nach Petra um. Sie schwankte zur Toilette, wo sie sich erbrach.

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ErSieEs – 1. Geschichte

[… aus aktuellem Anlass:]

ErSieEs

Geschichten aus einer anderen Welt

1. Geschichte

 

„Das Sinnbild der Perfektion ist der Kreis; er allein ist Vollkommenheit in unvollkommener Welt. Jeder Punkt, aus dem sein Bogen sich bildet, ist Anfang und Ende in sich selbst, ein Ehrfurcht gebietendes Symbol des Ewigen. [ … ] Spricht nicht Buddha vom Kreis der Wiedergeburt, dem Rad des Lebens, [… ] ist nicht gerade der Ring das Zeichen, unter dem sich die Menschen ewig währende Liebe versprechen? Und ist nicht die Vereinigung der Geschlechter im sexuellen Akt ein Ineinanderverschmelzen zu einem Kreis, der die Erfüllung bringt?“
Karl Savingy, „Zeichen in der Zeit“; S. 19 ff.

Donnerstag Abend

„Du glaubst tatsächlich, es gäbe keine Liebe auf den ersten Blick? Du lebst in einer traurigen Welt“, erwiderte Tina scharf.

Sebastian lehnte sich gelangweilt im Stuhl zurück. Unbeabsichtigt hatte er seine Freundin durch einen abfälligen Kommentar über den eben gemeinsam gesehenen Film auf eines ihrer Lieblingsthemen gebracht. Er seufzte vernehmlich; sah aber keinen Weg, einer Auseinandersetzung zu entgehen. Tina lebte in einer bunten Welt der Wunder, während er sich als einen desillusionierten, gelangweilten jungen Mann sah, der ein fades Leben in einer durchschnittlichen und uninteressanten Stadt lebte. Erneut wurde ihm bewusst, wie häufig Frauen in völlig anderen Kategorien denken als Männer. Tinas Augen vermittelten ihr ein Bild der Welt, das mit dem seinen nicht einmal verwandt war.

Das ist sicher der Grund, aus dem es außer gerade bei den Mystikerinnen keine weiblichen Philosophen gibt, dachte er, behielt seine Meinung aber für sich. Er entschied, Tina durch eine lächelnd hervorgebrachte, provokante Entgegnung aus dem Konzept zu bringen.

„Liebe ist überhaupt eine Lüge. Ich denke das oft“, sagte er.

Tina schnappte entsetzt nach Luft, was Sebastian Gelegenheit gab, sich in dem Café, in dem sie am einem dieser neumodischen, dreieckigen Tische saßen, umzusehen. Das Lokal hatte erst kürzlich eröffnet und die beiden waren zum ersten Mal hier. Sie hatten es sich wegen seiner Nähe zum Kino, in dem sie vorher gewesen waren, ausgesucht. Der Abend war noch nicht fortgeschritten und viele der Tische frei. Das Café gefiel Sebastian nicht. Es war hell und kalt, die konkreten Bilder an der Wand aufdringlich und geschmacklos nackt, fast pornographisch. Er mochte Lokale, die unübersichtlich, dunkel und kitschig waren.

„Warum sagst du das?“, unterbrach Tina seine Gedanken und schnappte nach Luft. „Daran glaubst du doch wohl nicht im Ernst. Was bindet uns, wenn es nicht Liebe ist?“, ergänzte sie aufgebracht.

Sebastian wusste eine Antwort, aber er hütete sich, sie zu nennen. Tina war Romantikerin. Ihm war klar: Würde er offen von seinen Begierden sprechen, würde der Abend mit ihr ein vorzeitiges Ende finden. Im Umgang mit seiner Freundin versteckte er sich oft hinter Masken, denn sie glaubte an den Adel des Menschen. Es hätte sie verstört, wenn sie geahnt hätte, was manchmal in ihm vorging. Er war erleichtert, dass in diesem Augenblick der Kellner die Getränke brachte und er durch die Störung die Möglichkeit hatte, über ihre Frage hinwegzugehen und sich eine bedachtere Antwort zurechtzulegen.

„Die Liebe auf den ersten Blick ist ein herrliches Konstrukt, von dem die meisten Bücher und Filme leben, aber es ist eine Traumwelt. Du musst zugeben, sie wird uns in unserem Alltag zumindest nicht einfach gemacht“, führte er aus und hatte das Gefühl, alles schon einmal gesagt zu haben; eine Empfindung, die ihn in letzter Zeit verfolgte.

„Für deine Art der Liebe braucht es Menschen in der perfekten Stimmung; sie dürfen nicht durch – was weiß ich – durch finanzielle Sorgen, Müdigkeit oder einen überfressenen Magen abgelenkt sein. Wenn Liebe auf den ersten Blick nicht nur ein Mythos ist, so ist es doch ein sensationeller Glücksfall, wenn sich für einander bestimmte Menschen zufällig begegnen und dann auch noch bereit sind, sich augenblicklich in einander zu verlieben. Ich glaube, Liebe, wenn sie mehr als die Laune eines Moments sein soll, ist im Gegenteil harte Arbeit.“

Tina nickte, war aber nicht geschlagen.

„Ich habe nicht behauptet, Liebe auf den ersten Blick sei häufig. Ich sagte nur, es gibt sie“, beharrte sie.

Sebastian zuckte mit den Schultern. Im Grunde hatte er kein Bedürfnis, ihr ihren Glauben auszureden. Ihm war auch nicht ganz klar, warum er trotzdem Gegenargumente sammelte; was er beweisen wollte. Er entschied sich, das Pferd von der anderen Seite aufzuzäumen.

„Betrachte den Film, den wir gesehen haben, in seinem Ganzen. Er ist typisch. Die Personen haben eine Vergangenheit, die bedeutungslos ist und keine Zukunft, die über die Überwindung der durch Missverständnisse bedingten Hindernisse, die zwischen ihnen und der Erfüllung ihrer Beziehungen stehen, hinausreicht. Alles ist vom Drehbuch arrangiert: Das sind keine echten Menschen und ihre Welt ist künstlich. Die Handlung läuft ab wie ein chemischer Versuch: Es werden die Elemente in einer günstigen Umgebung, dem Katalysator, zusammengeführt, sie müssen zwangsläufig reagieren, das heißt, sie verlieben sich. Cá va. Wahlverwandschaften, die anderthalb Stunden Unterhaltung schaffen. Eine schöne Lüge… Im übrigen bin ich der Meinung, das meiste, was uns als Liebe vorgegaukelt wird, ist nur eine Laune der körperlichen Begierde. Die große Liebe auf den ersten Blick findet am Montag ihr Ende.“

„Mein Cato!“ Tina lächelte süffisant und mitleidig, dabei versteckte sie, wie sehr sie sich angegriffen fühlte und beleidigt war. Sebastian kannte diesen Gesichtsausdruck gut. Er erschien immer dann, wenn sie keine Argumente mehr hatte, aber unbeirrt der Auffassung war, sie habe recht oder die Weltgeschichte würde ihr einmal Recht geben. Er hasste es, wenn er einen Beweis führte und sie anschließend seine Gedanken als etwas Lästiges beiseite schob. Bei einer Auseinandersetzung auf emotionaler Ebene zog er stets den kürzeren. Tinas Innenleben war reicher als das seine.

„Was wahr ist, muss nicht unbedingt auch wirklich sein“, sagte sie dunkel. Wahrscheinlich wusste sie selbst nicht, was sie damit meinte.

Sebastian gab sich geschlagen. Tina flüchtete sich in solche Gemeinplätze, wenn ihr nichts mehr einfiel, sie jedoch entschlossen war, keinen Fußbreit Boden von ihrer Meinung abzuweichen. Es wäre dumm gewesen, zu versuchen, mit ihr weiter zu diskutieren. Von nun an würde sie ihr beleidigtes Lächeln beibehalten und immer trotziger werden, je mehr er reden würde. Es war Zeit, das Thema zu wechseln, doch er wusste nicht recht, wie. Während er überlegte, fiel ihm auf, dass Tinas Gesichtsausdruck sich veränderte. Ihr Lächeln wurde freundlich und anziehend. Sie sah interessiert an ihm vorbei in den Raum. Sebastian wand den Kopf. Links hinter ihm, an einem Nebentisch, saß ein attraktives Frann, das die Aufmerksamkeit seiner Freundin auf sich gezogen hatte. Es bemerkte, dass es von beiden beobachtet wurde und versteckte sich eilig hinter einem Glas Weißwein, an dem es nippte, über dessen Rand hinweg es allerdings mit großen Augen herüber sah. Sebastian wartete, bis es sein Glas mit einer anmutigen Geste zurückstellte und das Lächeln von Tina vorsichtig erwiderte, bevor es seinen Blick einer Illustrierten zuwandte. Es blätterte sehr abgelenkt in dem Blatt. Sebastian begann, es einzuschätzen und obwohl es hübsch und gut gekleidet war, kam er zu einem wenig schmeichelhaften Ergebnis. Trotzdem rückte er seinen Stuhl etwas herum, um das Frann zu studieren, denn er war nicht ganz zufrieden. Er wartete darauf, dass der Blick des Frannes kurz von der Zeitschrift nach oben rutschen würde, um ihn für einen scheuen Augenaufschlag zu mustern. Diesen Kontakt wollte er, dafür hatte er ein breites, überlegenes Grinsen bereit gelegt. Doch das Frann sah nicht auf. Das ärgerte Sebastian, auch weil er deshalb sein Urteil über es etwas zurechtrücken musste. Tina berührte ihn am Arm und lenkte ihn ab. Als er unwillig zu ihr sah, war er sicher: Jetzt begutachtete ihn das Frann. Wegen der verpassten Gelegenheit fragte er seine Freundin unwirsch, was sie wolle. Tina zuckte etwas zurück.

„Entschuldige. Was willst du noch von ihm?“, fragte sie. „Es ist doch nicht an uns interessiert.“

„Wenn du dich da nicht täuscht. Es gibt immer eine Chance“, erwiderte er und konnte es sich nicht verkneifen, hinzuzufügen: „Auch wenn es keine Liebe auf den ersten Blick ist.“

Tina warf ihm einen Blick zu, der nur als symbolische Ohrfeige zu deuten war. Er übersah ihren Zorn.

„Es ist nur ein bisschen schüchtern, würde ich sagen“, fuhr er fort.

„Es ist schön, findest du nicht?“ sagte Tina so leise, als würde sie etwas Unanständiges sagen.

„Ja, hübsch, aber doch ein wenig dumm. Ich könnte wetten, es schreibt Gedichte“, erwiderte er überlegen und laut, damit er sicher sein konnte, auch am Nebentisch gehört zu werden. Sebastian hatte keine Ahnung, was für ein Teufel ihn ritt, warum er seine Freundin und das Frann vor den Kopf stoßen wollte. Tina hatte ihn vorhin nicht ernst genommen. Vielleicht lag es daran, denn das war etwas, was er nicht ertragen konnte. Er hielt sich für einen intelligenten Mann, dessen Meinung Gewicht hat und er wollte mit einer gewissen Ehrfurcht behandelt werden. Fast war er enttäuscht, denn Tina wurde nicht sofort wütend, sondern lachte.

„Das ist ganz typisch Mann! Kaum fühlst du dich unbeobachtet und gibst nicht auf deine Worte acht, rutschen dir die ältesten Vorurteile heraus. Du lebst noch in der Höhle, wo ist dein Fell? Das Frann kriegt die Kinder, die Frau erzieht sie, sie sind die Dummen. Die tapferen Männer jedoch ziehen als freie Jäger durch die Welt, deren Geschicke sie zu lenken glauben… Gott wird schon gewusst haben, warum er die Erhaltung der Art nicht in die Hände der Männer gelegt hat, ihr seid doch nur zum Kriegführen gut!“ redete sie sich langsam in Rage.

„Verbrustere dich nicht mit den Frannen, das steht dir nicht gut zu Gesicht. Denn schließlich haben die Frauen ihre Emanzipation auf dem Rücken der Frannen ausgekämpft. Muss ich dich erinnern: Es waren Frauen und nicht Männer, die um die Jahrhundertwende gegen das Stimmrecht der Frannen waren. Unterbrich mich bitte nicht!“, wehrte Sebastian Tina ab, die einhaken wollte. „Ich weiß, was du sagen willst: Es ist über hundert Jahre her und du kannst nichts dafür. Da hast du recht. Mir wirfst du allerdings vor, ich hätte Vorurteile gegen Frannen, wenn ich von einem behaupte, es sei ein wenig dumm“, ergänzte er und sah mit sich zufrieden zurück zu dem Frann hinter ihm, das, obgleich es ihm schwerfiel, so tat, als würde es nicht zuhören.

„Wenn ich etwas an dir hasse, dann, wenn du mir erzählst, was ich sagen will und mich nicht zu Wort kommen lässt. Du diskutierst im Grunde mit dir selbst und nimmst mich, weil ich eine Frau bin, nicht als vollgültigen Gesprächspartner“, sagte Tina zornig und hatte damit einen wunden Punkt erwischt. Sie hatte recht. Aber das würde er ihr niemals eingestehen. Immerhin senkte er schuldbewusst die Augen.

„Und ich bleibe dabei: Deine Einschätzung ist nicht durch Menschenkenntnis, sondern durch ein Vorurteil zustande gekommen,“ fuhr sie fort. „Ich schätze das Frann auf keinen Fall als dumm, sondern höchstens als unerfahren, jung und, was du mit Dummheit verwechselt hast, hochmütig ein.“

„Es kann sein, du hast recht und ich habe Vorurteile. Das Verteufelte an ihnen ist, sie sind immer auch ein wenig wahr. Du musst zugeben, Frannen sind durch die Tatsache im Nachteil, dass sie die Kinder austragen und darauf hin erzogen werden“, erläuterte Sebastian.

„Ja. Vom Mann kommt das Sperma, von der Frau das Ovum. Wir haben eindeutig den einfacheren Job. Und die in unserer Gesellschaft gültigen Geschlechterrollen schieben dem Frann den schwarzen Peter zu. Es ist die Gebär- und Säugemaschine, während der Mann sich seiner Karriere und die Frau den Schönen Künsten widmen kann …“

„Und so kommen wir zur Moral: Die Frauen sind die wahren Nutznießer der Versorgungsgemeinschaft Ehe“, unterbrach Sebastian seine Freundin. Erneut verfiel er seinem alten Fehler, Tina nicht ausreden zu lassen. Seine Beschämung von vorhin hatte er längst verdrängt.

„Rede doch keinen Unsinn!“, widersprach Tina heftig. „Außerdem lasse ich dein Argument nicht gelten. Heute gibt es einfache Verhütungsmethoden, es steht jedem Frann frei, ob und wann es schwanger werden will. Das Kind steht nicht mehr zwischen ihm und seiner Selbstentfaltung. Das Frann kann inzwischen jeden Beruf, sofern es ihm körperlich oder geistig gewachsen ist, ergreifen und niemand ist mehr gegen ein Frann, das in der Arbeit seinen Mann oder seine Frau steht. Es ist praktisch gleichberechtigt und hat inzwischen auch auf der politischen Bühne eine Lobby. Das Staatsoberhaupt von Pakistan war bis vor kurzem ein Frann“, dozierte sie und sah ebenfalls zum Nebentisch. Auch ihr war jetzt bewusst, sie und Sebastian führten ihr Gespräch nur für das Frann dort, ihm wollten sie beweisen, wie intelligent sie sich zu unterhalten verstanden. Beide starrten gleichzeitig zu dem konzentriert in seiner Zeitschrift lesenden Objekt ihrer Begierden. Eine abwartende Pause entstand. Endlich sah es auf, aber nur zur Seite, es winkte den Kellner heran, zahlte eilig und ging, ohne die beiden eines Blickes zu würdigen. Das Weinglas, das der Kellner mit leichtem Kopfschütteln abräumte, war noch fast voll.

Sebastian und Tina beobachteten stumm den Abgang, dann lachten sie gleichzeitig. Sebastian sagte:

„Es hat uns keine Chance gegeben.“

„Du hattest recht, es ist wirklich dumm“, erwiderte Tina.

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„Noch einmal davon gekommen“ – Leseprobe II

Das Lied des Weckers

Wir haben es also gesehen: An den Wochentagen, an denen ich vor 06:00 Uhr aufstehen muss, herrscht Ausnahmezustand und wenn ich mich nicht am Griff meiner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich beim Frühstücken vom Stuhl. Der frühe Morgen zwingt mich also zu widernatürlichen, abartigen Handlungen, die meiner ganzen Persönlichkeit, meiner Weltanschauung und meiner Ethik widerspricht. Da ich gerne mit meiner humanistischen Bildung angebe, will ich es mit den Worten meines geschätzten Kollegen Torquato Tasso sagen, die ihm Goethe im gleichnamigen Drama in den Mund gelegt hat:

So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja, zu sein, wie jene, die wir kühn und stolz verachten konnten.

Deshalb habe ich mich entschlossen, an diesen Frühaufsteh-Tagen nicht mehr zu schreiben. Die Weltkultur und die Menschheit im Allgemeinen werden es wahrscheinlich überleben, wenn ich ein- oder zweimal in der Woche nicht blogge, nicht an meinen, ach, so bedeutenden Romanen und essayistischen Ergüssen schrei­be – und übrigens halb schlafwandelnd auch in der Arbeit nur Mist mache.

Meine Sorge ist eine ganz andere: Es ist das pünktliche Aufwachen, um rechtzeitig in der Arbeit zu sein. Ich bin im Besitz einer gut funktionierenden inneren Uhr, aber gerade in den frühen Morgenstunden versagt sie gerne. Die wunderbare Frau Klammerle (meine liebe, treusorgende und geduldige Gattin, die ich nun zum ersten, aber bestimmt nicht zum letzten Mal auf diesen Seiten erwähne), die als pflichteifrige Kran­kenschwester jeden Tag zu den unmöglichsten Zeiten aufstehen muss, mal vor 05:00 Uhr zum Frühdienst, am nächsten Tag zum Spätdienst, dann zum Zwischen­dienst, und anschließend mal wieder still vergnügt ein paar Nächte lang durcharbeitet, bringt freilich absolut kein Verständ­nis für mein oben geschildertes Problem auf1.

Es geht ihr auch viel schlimmer als mir: Obwohl sie noch nie zu spät zur Arbeit kam, ist sie anerkannte Weltmeisterin im Tief­-, Lang- und Vor-dem-Fernseher-Schlafen und steht als solche auch unangefochten im Guinnessbuch der Rekorde. Ach, wie oft fiel ihr schon ein dicker Frauenroman beim Lesen im Bett nach der ersten schmalzigen Seite aus der ermüdeten Hand und aufs Gesicht!2

Daher brauchen wir beide dringend jeder persönlich einen eigenen Wecker auf dem Nachttisch mit den privaten, täglich wech­selnden Weckzeiten. Und damit beginnt das eigentliche Ärgernis und zwar nicht nur Freitags oder Montags, sondern jeden dum­men Alltagsmorgen, den uns der Herr in seiner grenzen­losen Güte noch schenken will, bis wir einstmals das Rentenalter erreichen.

*

Es folgen nun ein paar Auszüge aus dem Tagebuch der Familie Klammer:

Montag, 11. September 20**,
04:43 Uhr morgens

Ruhe herrscht im Hause Klammer, alles schläft. Allein Amy, die Katze3, hebt einmal kurz ihren Kopf von ihrer Ruhedecke zu den Füßen von Frau Klammerle. Das treue Tier öffnet nicht einmal die Augen, schnuppert nur einmal in die Luft, lauscht den gleichmäßigen Atemzügen, die von der rechten Bettseite etwas lauter rasseln. Amy, die Katze, hat ein gutes Ge­fühl für Stimmungen. Sie weiß, es liegt etwas in der Luft. Trotzdem schmiegt sie sich wieder in ihre ausge­streckten Pfoten und lächelt im Katzenschlummer.

Der digitale Funkwecker von Frau Klammerle ist auf die Weckzeit von 04:45 Uhr eingestellt, sie hat Früh­dienst. Mein Wecker, ebenfalls eines dieser digitalen Teile, die einem die Supermärkte, Drogerien und Kaffee­geschäfte billig hinterher schmeißen, soll erst eine Stun­de später läuten, immer noch zu früh, aber immerhin kann ich ja noch eine ganze Stunde schlafen. Noch 2 Mi­nuten, bis das Schicksal zuschlägt …

Frau Klammerles Uhr erreicht den Weck-Zeitpunkt. An­statt enervierend zu piepsen, knackt sie nur kurz. Ein leises Geräusch, das außer der Katze, die es nicht weiter interessiert, von niemandem gehört wird. Das Ehepaar Klammerle ruht ungestört weiter. Amy, die Katze, hat jedoch eine perfekt funktionierende innere Uhr, weshalb sie fünfzehn Minuten später Appetit auf einen kleinen Früh­stückssnack bekommt. Deshalb erhebt sie sich aus ihrer Decke, reckt und streckt sich, gähnt einmal herzhaft und trottet gemütlich hinauf zum Kopfende, wo Frau Klammerle noch immer von angenehmen und wie üblich vollkommen harmlosen Dingen träumt. Amys Weckmethode ist etwas weniger subtil als das knappe Klacken des kaputten Weckers: Sie schlägt ihr mit der Pfote auf die Nase und ruft auf kätzisch:

Guten Morgen- ich habe Hunger!“, was sich ungefähr wie „Brr – mau!“, anhört.

Frau Klammerle steht im Bett, ihr Herz pocht. Ein Blick auf ihren Wecker zeigt ihr, dass sie viel zu spät dran ist. Mit einem Auf­schrei stürzt sie ins Bad, ohne sich weiter um die Katze zu kümmern. Diese ist nur kurz beleidigt, dann ent­scheidet sie, dass es ja noch einen zweiten Menschen gibt, der sie zu ihrem Fressnapf geleiten und denselben mit Trockenfutter und Leckerli füllen kann. Auch ich werde mit einem liebevoll kräftigen Schlag auf die Nase ge­weckt.

Brr – mau!“

Und bin deshalb eine Stunde zu früh wach. Eine Entscheidung muss her.

Morgen kaufe ich für Frau Klammerle einen neu­en Wecker beim Billigdrogeriemarkt im Dorf. Die alte Uhr, die zwar immer noch – von einer Atomuhr funkgesteuert – sekundengenau die Zeit anzeigt, aber eben nicht mehr weckt, landet in mei­nem Arbeitszimmer. Einen Nachmittag lang beschäftige ich mich, Frau Klammerle zu erklären, wie der neue Wecker funktioniert. Einstellen der Alarmzeit, Schlummertaste usw. Warum sind diese Tasten bei Funkuhren immer so klein und fummelig, so ungünstig wie möglich hinten am Gerät angebracht und warum muss man mindestens zweimal konzentriert drücken, um den Wecker auszuschalten? Da muss Methode dahinter sein …

*

Montag, 18. September 20**,
04:45 Uhr morgens

Wieder hat Frau Klammerle Frühdienst. Und der neue Wecker funktioniert! Ein unerträglich lautes Piepsen er­tönt. Amy, die Katze, flüchtet unter das Bett, auf dem Herr und Frau Klammerle mit pochenden Herzen stehen. Frau Klammerle schnappt sich das plärrende Teil.

Wie schal­tet man das Ding aus?“, ruft sie verzweifelt und drückt alle Tasten, die auf der Rückseite sind. Tatsächlich herrscht plötzlich Ruhe. Sie stellt den Wecker zufrieden zurück aufs Nachtkästchen und trollt sich ins Bad. Nachdem sich mein Puls wieder beruhigt hat, sinke ich zurück in meine warmen Kissen, ich darf ja noch eine Stunde schlafen. Ein wunderbarer Traum muss noch weiter geträumt werden und tatsächlich gelingt mir das seltene Kunststück, wieder in ihn hinein zu finden und tiefer ins Wunderland zu fliegen. Da geht Frau Klam­merles Wecker erneut los. Ich schrecke hoch, schnappe mir das Teil und drücke alle Tasten, die auf der Rücksei­te sind. Mir gelingt es nicht, die richtige, die den Lärm stoppt, zu finden. Also entferne ich die Batterien. Ruhe. Aber jetzt sind Schlaf und wunderbarer Traum endgül­tig geflohen und ich liege eine Stunde wach, bis meine treue Uhr sich pflichtbewusst meldet.

Am nächsten Tag landet der Wecker, der zwar funktio­niert, aber für uns viel zu kompliziert ist, in einer Schublade im Arbeitszimmer, wo er weiterhin ab 04:45 Uhr morgens zehn Minuten lang vor sich hin plärrt, aber niemanden mehr stört.

*

Montag, 25. September 20**,
04:45 Uhr morgens

Nein, du kaufst heute keinen neuen Wecker. Ich habe eine bessere Idee“, erklärte mir vorgestern meine Frau, als ich mich beim Einkaufen in der Uhrenabteilung herum trieb.

Denn sie hat eben mit der Post ihr neues Smartphone erhalten und spielt verliebt mit dem komplexen Gerät, dessen Funktio­nen sie niemals alle verstehen wird und wohl auch nicht will. Aber das mit der Weckfunktion hat sie sich genauestens vom technikaffinen Sohn Nr. 24 erklären und vorführen las­sen. Als Erzieher für verhaltensauffällige Jugendliche kennt er die besten Lern­methoden und hat seine Mutter diese App auch einmal selbst ausprobie­ren lassen. Sie stellt mit ihm gemeinsam die Weckzeit ein, sucht sich einen besonders ätzenden Weckton – Harry Belafonte, Banana Boat Song – aus und schlummert nun gelassen ihrem Frühdienst entge­gen.

Day-o, day-o! Daylight come and me wan‘ go home …“

Das Smartphone ist pünktlich und macht seine Arbeit. Amy, die Katze, flüchtet un­ters Bett, Herr und Frau Klammer stehen mit pochen­dem Herzschlag in ihrem Bett. Freilich lässt sich auch dieses Gerät nicht so einfach ausschalten, der Touch­screen mit seinen winzigen Icons ist für frühmorgend­lich tastende, noch bettwarme Finger zu klein und irgendwie hat Frau Klammerle auch wieder vergessen, wie das Ausschalten des Alarms funktioniert. Gestern ging es doch noch so einfach!

Doch dann schweigt das Teil plötz­lich. Sie nimmt vorsorglich ihr Telefon mit hinaus, schließt fürsorglich die Schlafzimmertür und legt das Handy in den Gang, stellt sich erst einmal zur Beruhigung unter die Dusche. Ich sinke zurück in meine Pfühle, schlafe wieder ein. Von draußen dringt erneut Harry Belafonte an mein Ohr, langsam lauter und drohender werdend.

Day-o, day-o!“

Ich kann das nicht mehr ignorieren: Offensichtlich ist es eine Funktion der „Weck-App“, nach einer Weile noch einmal loszuplärren. Verzweifelt renne ich also hinaus in den Gang, wo ich blind nach dem sich noch immer stei­gernden Lärm taste. Dann halte ich endlich dieses Gerät in der Hand und kann nicht einmal den Bildschirm akti­vieren.

Come, Mister tally man, tally me banana!“

Brr – mau!“ Die Katze schmeichelt klagend um meine Beine, überrascht, dass ich schon jetzt aufgestanden bin, um sie zu füttern. Frau Klammerle hört nichts. Sie duscht ja hinter verschlossener Tür und hat Shampoo in den Oh­ren.

Endlich tapst ein verschlafener Sohn Nr. 2 von seinem Zimmer im Dachjuchhe5 herunter, entreißt mir wortlos das Smartphone und schaltet es mit einem Fingerwischen ab. Mit strafendem Blick drückt er mir das Ge­rät wieder in die Hand. Dann stapft er spürbar angefressen zurück in sein Reich.

Und wieder bin ich eine Stunde vor meinem geplanten Aufstehen hellwach. Meine Frau singt weiterhin unter der Dusche.

Come, Mister tally man, tally me banana!“

*

Sonntag, 07. Oktober bis Montag, 08. Oktober 20**,
eine
ganze, lange Nacht

Also die Idee mit dem Smartphone war nicht direkt überzeugend“, argumentierte ich gestern, am Ruhe-vor-dem-Sturm-Samstag. Frau Klammerle zuckte mit den Schultern.

Schnickschnack! Die Tastfelder sind einfach zu fummelig“, gab sie den­noch zu. Politik beherrscht sie wie die Kanzlerin: Dem Gegner in Kleinigkeiten Recht geben, aber in der Sache festbleiben.

Doch ich habe die ideale Lösung gefunden: Ich werde ab jetzt deinen Wecker benutzen. Der ist einfach zu bedienen und überhaupt: Eigentlich war er ursprünglich mal meiner.“

Damit hat sie recht. Argumentativ ist sie mir immer ei­nen Schritt voraus. Früher hatte ich einen Radiowecker, der mich entweder mit hysterisch munterem Morgenge­quassel (siehe oben) oder mit dem ersten Lied einer in ihn ein­gelegten CD weckte. Nachdem er mich zum 264. Mal mit Come on up to the house von Tom Waits geweckt hatte, flog er an die Schlafzimmerwand und genießt seine Rente in meinem Arbeitszimmer. Ich erbte dann die ausgediente Funkuhr meiner Frau, als sie sich die todschicke neue kaufte, die dann vor zwei Wochen plötzlich versagte.

Aber du hast ihn mir vor vier Jahren gegeben, weil du dir einen viel besseren gekauft hast!“, wehre ich mich, obwohl mir klar ist, dass ich schon verloren habe.

Und dann habe ich doch keinen Wecker mehr! Ich muss montags schließ­lich auch wahnsinnig früh raus!“

Schnickschnack! Mein Wecker ist kaputt, also nehme ich meinen alten wieder zurück. Du brauchst doch gar keinen Wecker, du bist doch eh schon immer wach. Oder du stellst ihn dann noch einmal – ganz einfach.“

Aber ich bin doch nur wach, weil du mich weckst! Aber weißt du was? Ein echter Mann weiß, wann er verloren hat. Nimm ruhig meinen alten Wecker. Ich werde mir jetzt einen tollen neuen kaufen.“

Und tatsächlich gab es einen im Sonderangebot beim Kaffeegeschäft unseres Vertrauens, wohin mich mein Weg eh führte, weil Frau Klammerle gerade in die expe­rimentelle Phase der Erprobung ihres in der letzten Woche frisch erworbenen neuen Kaffeevollautomaten eingetreten ist und entsprechende Men­gen an Bohnen verbraucht, um die ideale Röstung für die Maschine zu finden.

Nachdem ich acht (!) Batterien eingelegt und die zwanzigseitige Bedienungsanleitung für meine neue, exquisite Uhr studiert hatte, fand ich tatsächlich auf der Rückseite meines Weckers mehrere eng beieinander liegende, klapp­rige Plastiktasten, mit denen ich nach einigen Fehlver­suchen den Alarm programmieren konnte6. Ich stellte die Weckzeit voller Hoffnung auf 06:00 Uhr morgens ein. Ein Mann und sein Wecker. Dieses Mal würde alles gut werden. Aufgeregt ging ich schon um 22:00 Uhr ins Bett, nachdem ich unbedingt noch ei­nen frisch aufgebrühten Espresso doppio aus dem wunderbaren neuen Vollautomaten mei­ner Frau testen musste.

Irgendwann in der Nacht kratzte Amy, die Katze, am Balkon­fenster (ich weiß immer noch nicht, wie sie es jede Nacht schafft, da hoch zu kommen) und ich suchte mit müden Fingern nach meiner Neuerwerbung, fand nach einigem Tasten auch den Licht­knopf, der sich als einziger oben am Gerät befindet. Ich öffnete die Augen ein wenig und drückte.

Eine grelle Lichtkaskade überflutete das Schlafzimmer; mir war, als läge ich im Schlafzimmer mit Scarlett Johansson im Bett7 und zwanzig Paparazzis fotografierten gleichzeitig durch das Balkonfenster herein. Von Blickfeld meines außerordentlich neugierigen Nachbarn von gegenüber muss­te es aussehen, als würde jemand eine Blendgranate neben mei­nem Bett zünden. Entsetzlich! Ich hatte ins Antlitz der Medusa ge­blickt, fiel versteinert zurück aufs Kissen und kniff die schmerzenden Augen zu­sammen. Und dort, auf der Rückseite meiner Lider, konnte ich tatsächlich die Uhrzeit ablesen, als bunt leuchtendes Negativbild zwischen platzenden Plasma­ringen: 02:53 Uhr! Frau Klammerle war übrigens nicht einmal wach geworden.

Der geblendete Michael Strogoff tastete sich aus dem Bett und ließ die Katze herein, die durch das Blitzlicht eben­falls recht desorientiert wirkte und über den Tep­pich stolperte. Aber bald darauf legte sie sich auf ihr Handtuch zu den Füßen meiner Frau. Und auch ich fand zurück in meine Ruhe­stätte, nicht ohne mir dabei schmerzhaft das Schienbein am niedrigen Holzrahmen unseres alten Futonbetts aufzuschlagen.

Dann lag ich wach. Ich traute mich nicht mehr, noch einmal den Halogenstrahler an meiner Uhr einzu­schalten, den ich morgen dem TSV Diedorf als Stadion­flutlicht verkaufen werde. Ich starrte an die Decke, wo noch immer lustige Farbflecken und bunte Zahlen tanzten. Offenbar wirk­te jetzt endlich auch die winzige Tasse Espresso …

Später schlief ich doch noch ein. Nein, meine Neuanschaf­fung8, deren eigentliche Berufung es offenbar war, eine kleine Sonne zu imitieren, hat morgens um 06:00 Uhr nicht geläutet. Ihr Alarm funktionierte nicht, wahrscheinlich verbrauchte das Licht zu viel Strom. Mich weckte auch nicht der sanfte Alarm des Weckers meiner Frau, der einmal der meine gewesen war. Mit einer lässigen Handbewegung schalte­te sie ihn aus und trat leise aus dem Zimmer, duschte und zog sich an. Das bekam ich aber alles nicht mit …

Dann allerdings bricht die Hölle los: Frau Klammerle hat unten in der Küche ihre neue Kaffeemaschine eingeschaltet. Sie rauscht, rattert, zermahlt, reinigt, heizt und plät­schert, piepst und rülpst! Sie kocht, zittert, brüllt, dampft, stampft und zischt. Amy, die Katze, flüchtet unters Bett, Herr Klammer steht mit pochendem Herzschlag in seinem Bett.

Seitdem weckt mich an jede frühen Morgen die einfach programmierbare Zeitschalterfunktion von Frau Klammerles Vollau­tomat. Das ist zwar ein recht teurer Wecker, aber dafür bereitet er wirklich einen hervorragenden Kaffee!

 

1

Der geneigte Leser beachte und bewundere diesen altmeisterlich konstruierten Satz, der allein schon das Geld wert ist, für das er dieses Büchlein erwarb!

2Deshalb besitzt sie inzwischen einen E-Book-Reader. Der ist leichter und tut nicht so weh.

3… auch über sie wird es noch viel zu erzählen geben. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich ein Fußnotenfetischist bin?

4 Frau Klammerle und ich haben zwei vielversprechende, inzwischen erwachsene Söhne groß gezogen. Die beiden sind gerade dabei, flügge zu werden.

5 Vielleicht sollte ich hier mal erwähnen, dass ich nicht nur ein begeisterter Freund von Fußnoten, sondern auch von veralteten Wörtern bin.

6 Ich weiß noch immer nicht, was eigentlich diese „Snooze“-Funktion macht. Wenn sie mir einer meiner Leser erklären kann, wäre ich für eine kurze E-Mail dankbar.

7… unter uns: Das ist eine durchaus anregende Vorstellung. Aber verraten Sie mich nicht Frau Klammerle.

8… die jetzt im Arbeitszimmer ruht. Aber das dachten Sie sich sicher schon.

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„Noch einmal davon gekommen“ – Leseprobe I

Das Morgengrauen

In jeder Alltagswoche zwingt mich mein Brotberuf, morgens vor 06:00 Uhr aufzustehen.

Was?“, wird nun vielleicht einer der beiden Fans des weltberühmten Autors und Kolumnisten Nikolaus M. Klammer überrascht ausrufen: „Mein Lieblingsschrift­steller kann von seiner Literatur nicht leben? Das hätte ich nie gedacht; so eine Schande. Wie krank ist denn die­se Welt?!“

Ja, mein lieber Freund, ich stimme dir gerne zu und ge­stehe es dir hier im Vertrauen – sozusagen von Ange­sicht zu Angesicht – denn sonst liest ja dieses Büchlein niemand: So ist das. Von der Feder zu leben ist so er­tragreich wie der Versuch, einen Ochsen zu melken. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen:

Der Versuch, vom Schreiben zu leben, ist zwar nicht die schnellste Art zu verhungern, aber es ist doch noch immer die zuverlässigste.

Zudem gehen die meisten Verleger, Leser (und Anhänger der Piratenpartei) davon aus, dass der Autor überhaupt nur aus reinem Idealismus und Menschenfreundlichkeit schreibt und daher froh und dankbar sein sollte, wenn er seine Werke und schlauen Gedanken ohne freche Honorarfor­derungen verschenken kann. Eine Frechheit des Autors, dafür auch noch Geld zu verlangen!

Was?“, werden alle anderen ausrufen, die mich nicht kennen und denen du, lieber Fan, fassungslos von mei­nem frühen Aufstehen erzählst: „Die überempfindliche Heulsuse Klammer jammert uns wegen seines traurigen Loses die Ohren voll, weil er tatsächlich ein paarmal in der Woche vor 06:00 Uhr aufstehen muss? Das hätte ich nie von ihm gedacht! Von dem lese ich keine Texte mehr, da muss ich mich nur aufregen.“

Halt,sage ich, ihr habt ja recht!

Eigentlich kann ich froh sein, wenn mich in meinem langweiligen Brotberuf überhaupt jemand dafür bezahlt, dass ich einige Stunden herumstehe, klug daher rede und durch Handauflegen Computer repariere. Da werde ich mein müdes Haupt auch einmal vom warmen Kissen und den Körper aus den Pfühlen erheben können, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Ja, ihr habt alle recht, all ihr Frühdienstler und Nachtwächter, ihr bra­ven Bauern, Arbeiter und Angestellte, Beamte und Kö­che, die ihr niedergedrückt von der Woche Last wohlver­diente (und kostenfreie) Entspannung in meiner Literatur sucht. Ihr alle, die ihr jeden Tag und oft auch am Wochenende klaglos vor den Hühnern aufsteht, um im Schweiße eures Angesichts euren kärglichen Lebensun­terhalt zu verdienen – ihr alle habt meinen Respekt. Ich kla­ge mal wieder auf hohem Niveau; das kann ich wirklich gut. Selbstmitleid ist meine persönlichste Regung, das sollte inzwischen bekannt sein.

Aber ich bin eben auch Künstler und mir ist es deshalb einfach nicht in die Wiege gelegt, in die Gene geschrieben oder durch die Erziehung aufgeprägt worden, morgens vor der Frühmesse schon wach zu sein. Die Stunde des Dichters ist der späte Abend, es ist die Nacht. Sie allein hat Er­barmen mit ihm, hüllt ihn ein in einen wärmenden Man­tel der Ruhe und der Besinnung. Daher richtet er auch seine Hymnen an den leuchtenden Sonnenuntergang, an die funkelnden Sterne am schwarzen Firmament, an die mürrischen Barkeeper hinter den Theken seiner Lieb­lingskneipen – und nicht an die stumpfe, allzu kalte Morgen­dämmerung, nicht an die öligen Regentropfen aus grau­en Nebelwolken und die mürrischen Busfahrer hinter den Lenkrädern der Linie 601.

Zählen wir doch einmal: Wie viele Maler malten denn die Morgensonne? Was zählt ein Claude Monet gegen ge­fühlte tausend Abendstimmungen von Caspar David Friedrich? Wie viele Lyriker beschrieben rosa Wolken­finger, die sich in den Morgenhimmel krallen? Und wie viele Lieder an die Nacht wurden dagegen gereimt? „Warte nur, balde ruhst du auch.“ Wie viele musikali­sche Morgenstimmungen gibt es? Ah, da meldet sich ei­ner: „Der Zarathustra von Strauß und der Grieg’sche Peer Gynt“, höre ich. Brav, da hat aber einer seine Hausaufgaben gemacht.

Erstens: Diese zwei Beispiele stehen so einsam gegen all die Abend- und Gute-Nacht-Lieder, Serenaden und kleinen Nachtmusiken, dass sie wohl kaum ins Gewicht fallen und wahrscheinlich eh nur geträumte Phantasien des Komponisten sind, der sie spät am Abend zu Noten machte. Zweitens: Meine Argumentation ist zu gut, um sie mir von der Wahrheit kaputt machen zu  lassen. Setzen!

Zusammengefasst: Ich bin einfach nicht dafür geboren, vor 08:00 Uhr aufzustehen! Ich möchte richtig verstan­den werden. Ich bin kein Oblomov, ich verschlafe nicht den ganzen Vormittag. Ich kann sogar hervorragend vor meiner verdienten Mittagsruhe arbeiten – aber nicht, wenn ich mich zu früh in den grauen, im Winter schwarzen, Tag kämpfen muss. Dann kann ich nicht denken, kaum zwei zusammenhängende Sätze formulieren, jemandem zuhören oder konzentriert arbeiten, gar mit Menschen reden, ohne ihnen Beleidi­gungen oder Gegenstände ins Gesicht zu werfen. Gut, dass diesen Menschenkontakt bei meiner Arbeit nie­mand von mir verlangt, denn morgens herrscht bei mir Ausnahmezustand. Wenn ich mich nicht am Griff mei­ner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich langsam vom Stuhl.

Gemach! Bevor alle Werktätigen mit Früh- und Nacht­schichten von Neuem über mich herfallen – ich kann be­reits den einen oder anderen bösen Kommentar auf der Zunge schmecken: Ich erwähnte bereits, dass ich auf höchstem Ni­veau jammere. Der Herr hat den Menschen und insbesondere Nikolaus M. Klammer nicht dazu geschaffen, um diese Uhrzeit aufzustehen. Schließlich geht auch die Sonne erst später auf. Vor sieben Uhr aufstehen: Das ist eine unmenschliche Tortour, ein Verbrechen an der Menschheit, das gesetzlich verboten gehört.

Denn mein gequälter Leib schleppt sich nach dem un­barmherzigen Weckerklingeln einem Zombie gleich ins Bad, während meine Seele noch im Bett liegt und von heiteren, leichten Dingen träumt. Erst, wenn mein see­lenloser Körper sich vor dem Spiegel stehend oberfläch­lich wäscht und mechanisch die Zähne schrubbt, werde ich langsam wach und mein Geist kommt hinter mir her aus den warmen Pfühlen ins Bad getrottet. Dort finde ich mich und eine Laune. Selten ist es eine gute, denn der Verfall, der mir aus dem Spiegel mit von Zahnpasta verschmierten Lippen eine Grimasse zieht, schreitet hurtig voran und die Zahl der grauen Haare steigt täglich progressiv an. Selbst wenn ich mich noch für eine schnelle Dusche mit „revitalisieren­den Algenextrakten“ und „Hair-Energizer“ (wird wahr­scheinlich Här-Einischeißer ausgesprochen) entschei­de, bringt das keine Jugendlichkeit zurück.

Auch der weitere Ablauf des Tagesbeginns folgt einer festen Zen-Regel: Ich tappe an den Briefkasten und neh­me die Zeitung, trage sie in die Küche und schmeiße den Kaffeevollautomaten (siehe weiter unten) an. Dann schleppe ich mich zum Radio und öffne den Sender meines Vertrauens.

Da ich grundsätzlich – und am Morgen insbesondere – auf das waidwunde Gewinsel von Helene Fischer, des Grafen, von Xavier Naidoo et. al. und auf das Beste aus den 80ern und die Hits der 90er verzichten kann, ist die Fre­quenz auf den einzigen Rocksender eingestellt, der Bay­ern beschallt. Da die Songauswahl der Rockantenne eng begrenzt ist – wahrscheinlich können sie sich nicht so viele Lieder leisten –, singen meist Jon Bon Jovi oder Die toten Hosen, was ich morgens gerade noch hinnehmen kann. Ich packe also meinen Pott Kaffee, kühle ihn großzügig mit Milch, vergesse dann aber meist umzurühren und verbrenne mir den Mund (auch davon noch später). Mühsam versuche ich die Schlagzeilen der Zeitung zu verstehen. Mist, ich brauche jetzt wirklich bald eine Lesebrille. Die Laune bessert sich nicht. Da hilft mir auch das zum einhundertsten Mal gespielte Hotel California nicht.

Und dann wird in die letzten Takte des Liedes ge­quatscht und der Ärger geht los: Warum müssen Radio­moderatoren – insbesondere Morgenshow-Moderatoren – immer so hysterisch gute Laune haben? Da wird ein Sparwitz nach dem anderen gerissen und künstlich dar­über gelacht. Und damit der trübe Morgenverstand des Hörers auch mitbekommt, dass das lustig sein sollte, wird das Ganze noch wie beim Mainzer Karneval mit einem Tröt-Geräusch oder einer Fanfare untermalt. Und so kichert man sich durch die Moderation und durch den Wetterbericht und wirft sich bei den Verkehrsmeldungen fast weg, unterbrochen von den immer gleichen Werbe-Jingles, in denen mir noch hysterischere, kurz vor der Einweisung in eine Anstalt stehende Menschen jeden Morgen aufs Neue versichern, wie lecker die Spätzle von Settele sind, wie günstig mich eine Autofinanzierung kommt und welche Nummer die Telefon­auskunft hat – dazwischen singen mal wieder BostonWhat a feeling“, obwohl ich, wenn ich ehrlich bin, außer aufsteigendem Zorn noch überhaupt nichts fühle …

Ist es denn so schwer zu begreifen, dass ich das am Morgen alles nicht brauche? Können denn die Moderato­ren (Barny! Eisprinzessin! Ha, ha, ha ha, ha! Das Wet­ter, ha ha! Klingeling, wer ist denn da dran? Ha, ha, ha! Trööt!) nicht auf mich Rücksicht nehmen und wenigs­tens vor Acht Uhr nicht wie klinische Fälle in der manischen Phase plappern, sondern auch einfach mal so schlecht gelaunt sein wie ich? Ich habe mir sogar ein Internetradio mit 50.000 Sendern zugelegt. Dadurch wurde nichts besser: Jetzt kann ich aber die Morgenhys­teriker in allen Sprachen der Welt empfangen – am schlimmsten sind die Japaner …

Warum gibt es kein Morgenmuffelradio, in dem jemand mit übler Stimmung halb schlafwandlerisch ein paar In­formationen ins Mikro murmelt und dann Leonard Co­hen oder The Cure jammern lässt oder – noch besser – ohne Gequatsche die besten Morgenblues-Titel spielt? Das würde mir morgens wirklich  auf die Beine helfen …

Vielleicht sollte ich selbst solch eine Radiostation grün­den: Morgenmuffel 92,4, das Programm für die Nichtausgeschlafenen, mit der Schlechte-Laune-Garantie für den ganzen Tag, Staumeldungen und den traurigsten Rockballaden – werbefrei und ohne Gewinnspiele.

First we take your morning, than we take your day…“

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Pavese und dieser Sommer

Es wird andere Tage geben,
andere Stimmen werden sein.
Ganz alleine wirst du lächeln.
Cesare Pavese, The cats will know

Manchmal brauche ich eben ein wenig Halt in diesem leeren Kosmos, dieser gleichgültigen, im wörtlichen Sinn Gott-losen Welt, in der mich die Dinge nicht beobachten, mich nicht beachten, ja, nicht einmal ignorieren. Gut und Böse, Trauer, Freude, Liebe, Wut, gar eine Moral: Sie werde ich unter ihnen vergeblich suchen. Wenn ich einmal ermüdet sterbe, werde ich mich wandeln; endlich ebenfalls in ein leeres, gleichgültiges Ding.

Wenn mich die nüchterne Interesselosigkeit der Welt niederdrückt und die abweisende Kälte der am Nachthimmel funkelnden Sterne deprimiert, wird mir mal wieder deutlich, wie einsam ich in diesem Universum bin. Dann erwachen Selbstmitleid und der Künstler in mir, denn andere Konsequenzen erschrecken mich. Ich beginne ungeschickt wie ein Mensch der Steinzeit, meine Fingerabrücke auf den Oberflächen der Dinge zu hinterlassen, sie zu prägen. Auch wenn sie nur ein schnell vergehender Fettglanz sind, ich habe sie doch berührt. Ich schaffe mir Totems und Idole, personifiziere Gegenstände und Ideen, eine Religion: Ein Nagel ist ein Nagel, aber vier Nägel ergeben bereits ein Kreuz.

Wenn ich die Jahreszeiten personifiziere, um sie persönlich ansprechen oder beschimpfen zu können, denke ich mir den Sommer immer als eine ältere Frau, die dem Glanz und der Schönheit ihrer Jugend hinterher weint. Die Sommerfrau dieses Jahres ist bisher eine strenge, alles unter ihrer Wucht erdrückende Herrscherin, zumindest hier unten im seenreichen südlichen Deutschland zwischen der hier noch jungen und rassigen Frau Donau und den stolzen, arroganten Alpengipfeln, nahe jener pfahlbürgerlichen Renaissancestadt, deren Bewohner von ihr behaupten, sie wäre die nördlichste Italiens – als wäre damit irgendetwas bewiesen. Frau Sommer ist in diesem Jahr eine Domina, die ein SM-Spielchen mit Zuckerbrot und Peitsche aufführt, wobei sie lieber die Peitsche schwingt und – um es mit einer der drolligen Formulierungen des Wetterberichts auszudrücken – „markantes“ Wetter mit sich bringt. Endlose, hitzige Sonnentage, dazwischen heftige Gewitter. Sie fallen kaum ins Gewicht, die aber nicht für Abkühlung sorgen, sondern die Luft weiter mit klebriger Schwüle schwängern. Dann drückt wieder die Last des Thermometers auf uns.

Habe ich dich nun in die richtige Stimmung gebracht, lieber von mir imaginierter Leser, der für mich nur als seltener Pixelstrich auf dem glatten, spiegelnden Bildschirm meines Netbooks erscheint, während ich im Schatten meines Kirschbaums schreibe? Dann folgt jetzt eine

Sommerlektüre-Empfehlung

Habe ich eigentlich schon einmal Cesare Pavese (1908 – 1950) gelobt, aus dessen letzten Gedicht vor seiner Selbsttötung an einem weiteren schwülen Sommertag die oben zitierten, mich immer wieder aufs Neue erschütternden Zeilen stammen?

Seltsam, obwohl der große italienische Dichter einer der prägenden Autoren für mich ist, habe ich ihn bislang wirklich in meinem Blog vernachlässigt. Das ist eine geradezu sträfliche Unterlassung. Ich kenne eigentlich keinen weiteren Schriftsteller, der seine Prosa und seine Gedichte so konsequent und konzentriert geschrieben hat und dem es so eindringlich gelingt, komplette Geschichten mit ein paar lakonischen Worten und alleine zwischen den Zeilen zu erzählen.

Das wird vor allem bei seinen Kurzgeschichten deutlich, die als zweibändige Taschenbuchausgabe bei Claasen und in drei Bänden antiquarisch z. B. von Fischer erhältlich sind. Meist spielen sie in endlosen, bewegungslosen Sommertagen in den Hügeln des Monferrato, einem bäuerlichen, patriarchalischen Regeln unterworfenen Land, das sich sanft hinter der zu Paveses Lebzeiten noch grauen Arbeiterstadt Turin über der Po-Ebene erhebt, wo „bitterer Reis“ und Mückenschwärme gezüchtet werden, die wie schwelende Gewitterwolken über die Dörfer herfallen. Hier oben ist die Welt noch eine archaische. Sie ist voll von Geiseln, Idolen und Totems, überall sind Tabus und halbvergessene Mythen zu finden. Es ist eine Welt, in der Individuen gebrochen werden wie das vertrocknende Getreide auf den von einer unbarmherzigen Sonne beschienenen Feldern; auf der das Blut so dunkel und schwer fließt wie der Wein, der hier gekeltert wird.

Monferatto

Davon zu erzählen, gelingt Pavese in unnachahmlicher Weise auf manchmal nur zwei, drei Seiten Text. Wer Blut geleckt hat und mehr will, sollte sich an seine kurzen, aber konzentrierten Romane halten, deren poetische Titel schon Bände sprechen und zusammenfassen, was ich eben wortreich ausführte: „Der junge Mond“, „Der Teufel auf den Hügeln“, „Die einsamen Frauen“, „Der schöne Sommer“, „Unter Bauern“. In seinen Kurzgeschichten und Erzählungen ist Pavese allerdings auf dem absoluten Höhepunkt seines Schaffens. Wer also nicht die Aufmerksamkeitsspanne besitzt, einem längeren Erzählfaden zu folgen, aber zwischen Sonnenliege, Eincremen und Baden im Meer nicht den üblichen Liebes-Vampir-SM-Thriller, sondern Literatur von Weltrang lesen möchte, ist bei Paveses kurzen Texten gut aufgehoben.

Freilich habe ich versucht, wie Pavese zu schreiben. Das Ergebnis kann hier bestaunt werden:

*

Diese klassische Short-Story, in der ich ursprünglich versuchte, den knappen Stil Cesare Paveses nachzuahmen, hat eine lange Geschichte: Zuerst war sie Teil meines Romans „Das Spiel“ von 1983, wurde dann 2001 von mir extrem gekürzt und bei einen Wettbewerb des Wolkensteinverlags, Magdeburg unter dem Titel „Der Badeplatz“ eingereicht. Ich habe sie jetzt noch einmal ein wenig verändert. Die Illustration ist ein Ausschnitt aus dem Bild „Kiesbank“ von dem in Ulm wohnenden Maler Thomas Becker, der seine großformatigen Landschafts-Traumbilder gerade in Tübingen ausstellt.

*

Kleine Veränderungen

Diese Geschichte hat mir Vitalij erzählt. Er meinte, sie sei zwei desillusionierten Männern würdig, die in einem ausgetrockneten Flusslauf spazieren gehen und mit ihren Füßen den Sand ihrer Erinnerungen aufwühlen:

Die Schulbehörde hatte sich endlich dazu durchgerungen, die großen Ferien auf vier Monate auszudehnen. Vitalij, übrigens der schlechteste Schüler meiner Klasse, ein in jeder Beziehung dürrer Junge, verbrachte diese geschenkte Zeit mit seinen Freunden Stefan und Burak unten am Fluss. Nur dort waren die heißen Julitage erträglich. In jenem Sommer lastete die Hitze zwar schon staubschwer auf der Stadt, aber über die heute üblichen Wasserrationierungen wurde nur diskutiert. Man konnte auch noch ins Freie gehen, ohne größere Vorkehrungen treffen zu müssen.

Die drei Freunde trafen sich jeden Vormittag am Ostufer der Staustufe. Sie war nahe bei den Hochhäusern, die bereits mit Hitzeschlieren getüncht waren. Dort wohnte der quirlige Stefan bei seinen beiden Vätern. Obwohl er damit den kürzesten Weg hatte und jedesmal hektisch und außer Atem zum Wehr herunter geradelt kam, mussten die anderen immer auf ihn warten. Stefan konnte überhaupt nicht anders als unpünktlich sein. Meist war Burak der erste am Treffpunkt. Er ließ die Füße ins Wasser hängen, sein Rad in Griffweite abgestellt. So harrte er geduldig. Seltener kam Vitalij zuerst. Er war nur vor Burak da, wenn er bereits am Morgen mit seiner Mutter Streit bekommen hatte.

Nachdem Stefan geduldig die üblichen Vorwürfe der anderen über sich hatte ergehen lassen, stiegen sie auf ihre Räder und folgten dem Uferweg flussaufwärts. Sie ließen sich auf der kurzen Strecke zu ihrem Ziel viel Zeit, es war angenehm, die Räder im fleckigen Schatten der Bäume rollen zu lassen und sich vom Fahrtwind den Schweiß kühlen zu lassen. Die Freunde waren zu einer sehr unzugänglichen Stelle unterwegs. Es war eine Kiesbank im Fluss, an der sie allein nackt sonnen und baden konnten. Burak hatte sie vor einigen Wochen durch einen Zufall entdeckt, als er nach einer verflogenen Frisbeescheibe forschte: Diese schmale Landzunge im Fluss war nur zu Fuß durch einen engen Pfad in dichtem Gestrüpp und eine wagemutige Klettertour den Hang hinab zu erreichen. Vitalij war sicher, dass es an dieser Stelle im letzten Jahr noch keine Kiesbank gegeben hatte. Sie wäre ihm bei seinen Bootsausflügen aufgefallen. Er nahm an, sie sei erst im Dauerregen des Winters durch eine seltsame Laune des Flusses aufgeschwemmt worden.

Kiesbank

Die Freunde hatten niemandem von ihrem Badeplatz erzählt, das war ihr Geheimnis. Auch wenn sie häufig abends mit Bekannten und Mädchen am Flussufer grillten, tranken oder Computer spielten, sie führten nie jemanden an ihre Stelle. Obwohl ich Vitalij bei diesen Gelegenheiten häufig traf, wusste ich ebenfalls nichts von der Kiesbank. Sie war nur für die drei bestimmt, für die langen, heißen Nachmittage jenes Sommers. Hier lagen die drei Jungen den ganzen Tag über, sonnten und unterhielten sich. Manchmal lagen sie still da und lauschten den Vögeln, die in den Zweigen über ihnen saßen und die Klingeltöne von Handys nachahmten. Wenn ihnen zu heiß wurde, sprangen sie gemeinsam in den Fluss, ließen sich in der starken Strömung ein Stück hinab treiben. Im spärlichen Schatten der vertrockneten Erlen kletterten sie dann über die klobigen Ufersteine wieder zu ihrem Badeplatz zurück. Trotz der Sunblocker wurde ihre Haut im Verlaufe der Ferienmonate dunkel, fast ledrig. Sie waren stolz auf diese nahtlose Bräune, auch wenn sie sie, außer sich gegenseitig, niemandem vorführen.

Burak war der schweigsamste der drei. Nur selten er hörte zu, wenn sich Vitalij und Stefan über ihre Chat-Erlebnisse im Internet austauschten; meist las er konzentriert in den dicken, seltsamen Büchern, die ihn interessieren.

Erst spät am Abend, wenn mit der untergehenden Sonne der Hauch einer Abkühlung über den Fluss wehte, kletterten sie durch das Ufergestrüpp zu ihren Rädern zurück.

Die Idylle konnte nicht ewig währen. An einem Tag am Anfang des Augusts warteten Burak und Vitalij am Treffpunkt vergeblich auf Stefan. Die beiden mussten schließlich allein zur Kiesbank radeln. Da Vitalij mit Burak allein nicht viel anzufangen wusste, wurde ihnen schnell langweilig und sie trennten sich früher als sonst üblich. Am nächsten Tag ließ Stefan die beiden wieder vergeblich auf sich warten.

Doch als sie zu der Kiesbank kamen, war er bereits dort. Er war nicht allein. Er hatte ein Mädchen mitgebracht. Er küsste es demonstrativ, als er die anderen kommen sah. Burak übersah Stefans Freundin kommentarlos. Er ließ nur seine Badehose an, als er sich etwas abseits auf den Kies legte und nickend eines seiner Bücher hervorzog. Vitalij wurde jedoch sofort wütend. Er fühlte sich betrogen und winkte Stefan zur Seite. „Warum hast du das getan?“, fragte er scharf, eine abfällige Handbewegung in Richtung des Mädchens machend, das sich gerade auf den Bauch legte und dabei die Träger ihres Badeanzugs von den Schultern streifte.

„Diese Stelle sollte doch eine Sache zwischen uns dreien bleiben, unsere Zuflucht.“

Stefan zuckte abgelenkt mit den Schultern. Er ließ seine Freundin keinen Moment aus den Augen.

„Na und? Das ist jetzt anders. Sie ist meine Freundin. Ich nehme sie überall hin mit. Das hat sich eben geändert. Was ist daran schlimm?“

„Ich will nicht, dass sich etwas ändert. Ich will, dass es so bleibt, wie es ist“, erwiderte Vitalij. Am meisten enttäuschte ihn, dass er diesen einfachen Sachverhalt auch noch erklären musste. Stefan sah ihn nun zum ersten Mal an. Einen Augenblick wirkte er erstaunt, dann lachte er.

„Das soll wohl ein Witz sein! Wir sind keine kleinen Kinder.“ Nein, er begriff noch immer nicht, was Vitalij eigentlich wollte. Genauer gesagt, er hatte nicht überhaupt nicht vor, seinen Freund zu verstehen. Vitalij wusste keine Worte, keine Entgegnung, die sinnvoll gewesen wären. Was blieb ihm übrig? Er schlug dem Freund mit der flachen Hand ins Gesicht. Stefan taumelte überrascht rückwärts. Vitalij setzte nach. Stefan verteidigte sich, nun selbst voller Wut. Bevor Burak oder das Mädchen eingreifen konnten, rangen die beiden miteinander, lieferten sich ein verbissenes Handgemenge. Endlich rollten sie ineinander gekrallt in das an dieser Stelle recht tiefe Wasser. Um nicht gemeinsam unterzugehen, mussten sie sich trennen. Vitalij ließ von Stefan ab und schwamm so würdevoll, wie es ihm möglich war, davon.

Nach geraumer Zeit kehrte er zu der Kiesbank zurück, fand er aber nur noch Burak vor. Stefan und seine Freundin waren längst gegangen. Eine Weile leckte Vitalij noch klagend seine Wunden. Burak ging nicht auf ihn ein, er starrte ohne zu lesen in sein Buch. Dann sagte er:

„Niemand kann zweimal in den gleichen Fluss steigen.“

Es war das letzte Mal, dass Vitalij mit den beiden zusammen beim Baden war. Auch zur Kiesbank ging er nie mehr. Von dem Tag an bis zum Beginn des neuen Schuljahres traf er sich mit uns anderen im Freibad. Natürlich hat er sich später mit Stefan versöhnt. Sie schwiegen den Vorfall tot. Vitalij musste sich eben daran gewöhnen, dass die Freundin, bis sie sich von Stefan trennte, immer dabei war. Mit Burak trafen sich weder er noch Stefan wieder. Es war ihnen beiden peinlich, wenn sie ihm zufällig begegneten.

So hat Vitalij mir diese Geschichte erzählt. Das sei eine alte, eine sentimentale Geschichte, meinte er noch. Aber sie sei immer wieder neu.

*

Und um diesen heftigen Flirt mit dem Selbstmitleid mit Paveses letztem Tagebucheintrag vom Tag seines Todes zu enden:

All das ist ekelhaft.
Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.

 

 

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Der Wolfsmond – Kurzgeschichte

Eigentlich wollte ich ganz fleißig sein, aber die drückende Hitze hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Puh, ist das heiß!

 

Deshalb gibt es heute nur einen Link auf eine „heiße“ Kurzgeschichte:

Wolfsmond – Kurzgeschichte

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„Noch einmal davon gekommen“ – Jetzt geht die Arbeit erst richtig los

 

Die Druckerei hat mir eben das Korrekturexemplar meines neuen Buchs geschickt. Jetzt beginnt die Fehlersuche. Ich bin schon ganz aufgeregt.*

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* Vorbestellungen nehme ich gerne unter klammer(at)email.de an. Das Buch ist Anfang Juni im Handel.

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Das Rote Haus – Eine Kurzgeschichte

Passend zum Frost dieses Aprils blogge ich eine meiner bekanntesten Geschichten, die ich hier im Blog noch nie vollständig veröffentlicht habe. Ich habe versucht, die Sprache dieser Traumgeschichte dem Bild anzupassen und mich dabei von den einschlägigen Lyrikern beeinflussen lassen.

Ich bin überzeugt, diese Geschichte wird bleiben. Sie wird man noch in einhundert Jahren lesen. Sie ist wie ein salziger Tropfen Trauer in einem Ozean aus Gleichgültigkeit.

Die ‚Illustration‘ zum Text stammt von einem ehemaligen, langjährigen Freund. Das Gemälde ist von Bernd Wurzer, einem bayerischen Spät-Expressionisten. Vor einiger Zeit brach Bernd von einem Tag auf den anderen jeglichen Kontakt mit mir ab, ohne mir Gründe zu nennen. Es tut noch immer weh.

Haus

Bernd Wurzer, Alter Schlachthof in Straubing, Öl auf Leinwand

Das rote Haus

Unruhig bewegst Du Dich auf Deiner schmalen Ruhestätte, die Dir kürzlich noch fremd und hart war. Nun ist sie Dir vertraut, liebgewonnen, denn nur der Schlaf hat Erbarmen mit Dir. Deine Hände krallen sich in fordernden Bewegungen in die unsaubere Decke, die unzureichend Deinen ausgemergelten Leib bedeckt. Der frühe Frost hat sie starr gemacht. Es ist bereits kalt hier im Osten, ein strenger Herbst weht neblig durch entlaubte Wälder. Auch Dein Name hat einen anderen Klang bekommen. Er ist fester, kantiger geworden in dieser Luft. Oft gleiten auf silbernen Schatten frühere Leiden vorbei und Rauch sinkt zu den Wassern nieder.

Während ich vorsichtig näher trete und Dich betrachte, den Reif an Deinen verkniffenen Lidern, Deine trockenen, wunden Lippen sehe, flüstert Dein Schlaf schmal vielsilbige Worte einer Sprache, die ich nicht kenne. Sie erscheinen kurz als Dampfhauch über Deinem Gesicht und haben einen sentimentalen, einen verlogenen Klang. Sie schälen sich deutlich aus den Schlafgeräuschen der anderen Gequälten heraus, mit denen wir gemeinsam den kurzen Trug der Nacht teilen. Ich spüre die Gefahr, doch ich kann Dich nicht warnen. Jetzt rufe ich stimmlos. Aber Du hörst mich nicht, Dein erschöpfter Schlaf hat mehr Macht als ich. Er ist mein Feind, vor dem ich mich geschlagen geben muss. Was bleibt mir übrig, als mich zu Dir zu setzen auf Dein hartes Lager? Fern von uns, dort in der verwobenen Düsternis der anderen Seite der Hütte, weint ein junger Mann.

Ich beuge mich herab und mein Ohr berührt Deine gequälten, rissigen Lippen. Eine kurze Weile will ich Dir lauschen, versuchen, Deine unbewusste Botschaft zu begreifen. Ich will mit Dir gemeinsam eine Chimäre der Stille weben. Deshalb möchte ich Dich berühren, Deine krampfende Stirn mit der Innenfläche meiner Hand kühlen. Doch als würdest Du Dich Deiner schämen, rückt Dein Kopf zur Seite: Ich spüre, bald wirst Du in Krankheit erwachen, schwere Schmerzen werden Deinen Schlaf vertreiben. Die eitrige, viel geatmete Luft in der Hütte wird sich durch ätzende Gerüche dunstig brechen.

Es sind zwei Wörter, die ich verstehe. Ich habe sie niedergekauert in die harten Bänke im Hause des Herrn gehört. Es sind Worte, die Du schnell und hastig wiederholst, die sich überschlagen und ineinander vermischen. Für die Qual Deiner Schuld liebe ich Dich zärtlich, mein Gefangener der Freiheit. Komm, erzähle mir erneut von den Ideen, die Du nie völlig begriffen und so lange verfälscht hast, bis Du an sie glauben konntest. Die Nächte sind kurz und die Tage voll Leid und Tod. Du bist verzweifelt, es tröstet Dich, wenn Du erzählst.

Und das ist der Traum Deines Erwachens. Es ist ein Traum, den Du im Erwachen vergessen wirst. Er ist wie Licht, das der Wind ausgelöscht hat:

Halbherzig geworfenen Speeren gleich taumeln staubdurchwirbelte Lichtfinger in das düstere und schweigsame Kirchenschiff wie in den Tagen Deiner Kindheit. Von den buntglasigen, fast heiteren Leiden des von Pfeilen wunden Sebastian stechen sie herab. Sie machen die hölzernen Mienen der im Rund stehenden Geheiligten ehrfurchtsvoll lebendig; sie flecken farbig den Boden, auf dem Dich die Grabplatten von Bevorzugten, von Bischöfen und Kaufherren, stolpern machen. Nachdem Du Dich vor die Stufen des Altars geschleppt hast – es fiel Dir schwer, denn die Luft hatte sich zu einem zähen, unnachgiebigen Brei verdichtet – kannst Du endlich Deine Beine beugen. Du spürst die Kälte und Härte des Untergrundes, der durch das hingebungsvolle Rutschen vieler Knie glatt und speckig geworden ist.

Ich glaube, Du denkst an Aragon, an die Lüge Wahrheit und an Lügen, die Wahrheiten sind. Du denkst an … ich weiß nicht, an vieles: An die Mär vom verbrannten Schuldschein und an die Bomben, an Waffenruhen, an Zyklon B und einen unfehlbaren Mann aus dem Osten, an Deinen wilden Hunger und an den Blutsaft von gebratenem Fleisch, der zischend ins Feuer sticht.

Du wirst auf ein Geräusch hinter Dir aufmerksam, es ist ein scharfer, bedachter Fußtritt, der Dir zu Ohren kommt. Du wendest Dich halb und sofort springst Du auf die Beine, denn dort in der hohen Kanzel lehnt sich eine dunkel gekleidete Gestalt nach vorn. Sie soll Dich nicht knien sehen in diesem unbedachten, kummervollen Moment, in dem Du dich an das Grab Deines Gottes geschlichen hast. Schon hörst Du die Stimme: Sie hat die Macht, eine Masse zu fassen und sie dröhnt kraftvoll herab.

Warum fühlst Du Dich von diesen Worten provoziert, warum siehst Du Dich gezwungen, mehr von Dir zu opfern, als gut sein kann? Was erwartest Du, da Du trotzig erwiderst:

Der Revolutionär ist einer Sache geweiht. Er hat keine persönlichen Interessen, Geschäfte, Gefühle, Bindungen, Besitztümer, er hat nicht einmal einen Namen. Alles in ihm ist aufgesogen von einem einzigen Interesse, einem einzigen Gedanken, einer einzigen Leidenschaft: der Revolution.

Wenn Du geglaubt hast, damit die schemenhafte, schwarze Erscheinung dort oben zum Schweigen zu bringen, hast Du Dich getäuscht. Dir wird geantwortet.

Du entgegnest:

Die Natur des wahren Revolutionärs ist unvereinbar mit Romantik, aller Feinfühligkeit, aller Begeisterung, allem Hingerissensein; sie ist unvereinbar sogar mit dem Hass und der persönlichen Rache. Ich will nicht Ich sein, Ich will Wir sein, Denn das wiederhole ich tausendmal: Nur unter dieser Bedingung werden wir siegen, wird unsere Idee siegen.

Da sind plötzlich Hände, die Dich greifen, berühren, an Dir reifen, tasten, die Dich fassen. Viele Hände, doch Du kennst sie alle, hast alle schon berührt. Du siehst gequält hinauf zu dem Gekreuzigten, den sie an Stahltrossen in der Luft baumeln lassen und mit starken Nägeln daran hindern, herabzusteigen. Er weint Blut, es rinnt langsam die Wände herab. Du ballst eine Faust: Jetzt bist Du sicher, das Verbrechen, das sie an ihm begangen haben, war nicht, ihn zu kreuzigen, sondern ihn in diese Kirche zu hängen, aus edlem Holz geschnitzt, erlesen bemalt, erhaben, erhoben, keine Möglichkeit, ihn zu berühren oder zu verstehen und er ist sehr haltbar.

Das willst Du sagen, damit das lamentierende Ungeheuer auf der Kanzel zum Schweigen bringen. Doch die Hände decken Deinen Mund, pressen Deine Lippen zusammen. Sie machen Dein Atmen schwer, sie riechen ätzend, wund, eitrig. Du musst weiter die lügende Stimme hören, sie ist laut und es schmerzt:

Oh, glorwürdigster Jesus, ich danke Dir für die unaussprechliche Wohltat, dass Du selbst mit Deiner Gottheit und Menschheit, mit Deinem Leibe und Deiner Seele, mit Deinem Fleisch und Blut im mein Herz gekommen bist und meine Seele damit gespeiset hast. Ich rufe Himmel und Erde an und bitte alle Geschöpfe des Himmels und der Erde, dass sie mit mir Dich loben von Ewigkeit zu Ewigkeit …

In diesem Moment gelingt es Dir, zu schreien. Dir ist, als würde Dein Selbst in diesem Schrei verlöschen und Du öffnest mit einem krampfhaften, hektischen Herzschlag die Augen zu einem weiteren Traumbild:

Du stehst still und bist allein. Während Dein Atem langsam zur Ruhe kommt, sucht Dein Blick vergeblich die karge Ebene ab, in die Du geflohen bist. Hier und dort wuchert wie ein Hohn niedriges Buschwerk, weit hinten am Horizont entdeckst Du die einzige Erhebung in Deinem Gesichtsfeld; es könnte ein Gebäude sein, vielleicht ist es auch eine mutwillige, vom Abendbrand entzündete Felsgruppe, Du bist zu weit entfernt, um Dir sicher zu sein. Am Himmel winden sich Wolkenleiber gleich einem vom Sturm aufgepeitschten, giftigen Schwefelsee, ihre Ränder sind grün wie verwesende Eingeweide.

Trotz des wütenden Kampfes dort oben bewegt sich kein Hauch über die Ebene, keines der kranken Blätter spielt im Wind, keine Böe krallt sich spielerisch in Dein Haar. Die Atmosphäre lastet fett und feucht, drückt sie sich auf Deine um Atem ringenden Lungen und sie riecht nach etwas, das einmal ein Teil Deines Lebens war.

Du entschließt Dich nach einer bangen Minute des hilflosen Zögerns, auf die ferne Erhebung zuzugehen, die als einzige die Symmetrie der leblosen Welt unterbricht. Während Du einen Fuß vor den anderen setzt und schnell Freude an Deinem Fortschreiten, an den ausgeglichenen, stetigen Bewegungen Deines Körpers empfindest, flüstert Dein Mund Worte, die außer mir niemand hören wird. Du selbst nimmst sie nicht wahr, so beschäftigt bist Du, Dich auf Dein Laufen zu reduzieren.

Du sagst:

Ein Gespenst geht um in Europa, ein verworrener Gedanke taucht aus dem Abgrund, ein Krieg wird verloren, ein Netz aus Lügen mit Milch getüncht, der Wahnsinnige ist mitten unter uns, er ist ein Weinberg voller Spinnen.

Zu Anfang war ich Gehilfe bei einem Arzt, er nannte sich so und so und mich hieß er Pfleger.

Einmal war es schon spät und die Praxis leer, da kam ein Patient, dem schmerzte der Darm und der Bauch; er hatte entsetzliche Krämpfe und das alles. Er könne es nicht mehr ertragen, sagte er: Er schäme sich zwar und Angst habe er, doch noch viel mehr vor den Schmerzen, als vor dem Tod. Der Arzt sah ihn nachdenklich an und schließlich hieß er ihn, sich niederzulegen, dort mit dem Bauch auf den Bock, das nackte Gesäß in die Höhe. Er ließ sich Zeit mit dem Abtasten, bohrte mit zwei Fingern seiner Rechten im After des Patienten umher, dem ich ein Stück Holz zwischen die Lippen klemmte, um ihn am Schreien zu hindern.

Er ächzte Mitleid erregend und zermahlte es langsam zwischen den Zähnen. Der Arzt verzog keine Miene, nickte zweimal kurz und heftig, dann wusch er sich sorgsam die Hände. Er hieß mich ein starkes Feuer im Ofen zu machen, anschließend schickte er mich hinaus. Ich habe an der angelehnten Tür gelauscht.

Erst war es sehr still – eine ganze Weile. Schließlich sagte der Arzt etwas, das ich nicht verstand. Es waren leise, warme Worte, sicher sollten sie den Patienten beruhigen, der angstvoll wimmerte. Plötzlich war da ein seifiges, platzendes und unerwartetes Geräusch, das nicht zu beschreiben ist, das ich nur einmal in eben diesem Moment hörte. Die Tür öffnete sich überraschend und ich stolperte in einen Gestank, der seinesgleichen suchte. Die Wände, der Tisch, alles war besudelt mit dampfendem Blut und Kot und Schleimigem, Schneckengleichem. War das Gehirn, das zäh von der Decke tropfte? Dort auf dem metallenen Behandlungsbock lag etwas Amorphes, Seltsames; wie ein geschlachtetes Kalb sah es aus. Daneben stand der Arzt und wischte sich ein geplatztes Auge aus dem Haar. In der anderen Hand hielt er eine zwanzig Zentimeter lange, dicke Nadel, eine, wie man sie zum Stricken verwendet. Sie glühte an ihrer Spitze. Er lachte, als ich nicht verstand und ihn fragte, wo der Patient geblieben sei. Er hieß mich, den Raum zu reinigen.

Das hast Du geflüstert auf Deinem Weg und ich weiß nicht, ob es eine Erinnerung von Dir oder von mir war. Beim Gehen siehst Du, dass Deine Ebene zumindest gegen die Himmelsrichtung, in die Du gehst, von fernen, verwaschen bernsteingelben Gebirgsspitzen begrenzt ist. Der Übergang zum bewegten Schwefelspiel des Himmels ist fließend und ein paar Mal hast Du die beunruhigende Illusion, eine Felsspitze würde abschmelzen und ein Spielball der Wolkenfinger werden, die eifersüchtig um sie streiten. Noch immer ist Dir nicht klar, was für eine Erscheinung es ist, die Deinem Weg durch die Ebene ein Ziel gibt. Das diffuse, zwiespältige Licht trübt Deinen Blick wie ein grauer Star, es engt Dein Gesichtsfeld ein und schenkt den häufiger werdenden Büschen eine pulsierende Korona provozierender und ungesunder Farbigkeit.

Trotz der merkwürdigen optischen Eindrücke bist Du Dir bald sicher, dass Du auf einen ausladenden Gebäudekomplex zugehst. Du stellst Dir einen heruntergekommenen Gewerbehof vor, dessen von Wellblech verstärkte Außenwände in einem aggressiven Regen rosten.

Der Hof scheint herabgewirtschaftet und längst verlassen, öde und leer wie das ganze Land um Dich, in dem bis auf den verstärkten Geilwuchs der seltsamen Vegetation alles Leben wie durch eine Seuche ein Ende gefunden hat. Jetzt kannst Du einzelne Bauten unterscheiden. Zwei lang hingestreckte Hütten sind es, die durch schmale Gebäudeteile miteinander verbunden sind, sie werden von einem gedrungenen Turmbau überragt, in dem eine große, tote Uhr mit blinden, erstarrten Zeigern droht.

Er scheint Dir deplatziert und angeberisch wie der verlogene Traum von christlicher Barmherzigkeit. Dir fällt auf, dass der niedrige Bodenwuchs dort vollständig die Erde bedeckt; er sich, von den Gebäuden kommend, wie gierige Metastasen eines Krebsgeschwüres über der Ebene verwuchert.

Überrascht verharrst Du einen Moment der Unsicherheit, denn Du hast an einem nicht misszuverstehenden Zeichen erkannt: Der Hof ist bewohnt Das linke Gebäude trägt einen kurzen Schlot, dem dürrer Hitzequalm entsteigt. Du bemerkst das an den wässrig gebrochenen, spiegelnden Bewegungen der Luft über dem Kamin. Wie ein Pesthauch erschüttert Dich dieses Indiz, dass Du nicht allein bist. Ein dunkles Wort, ein böser Gedanke stechen wie die Glassplitter einer Vision in Dein Hirn. Das Wort heißt Krematorium, der Gedanke: Tod.

Ich sehe, wie Deine Lider zittern und Du gleich die Augen öffnen wirst, um sie in einem entsetzten Schauder des Begreifens sofort wieder zu schließen. Doch noch beschäftigt Dich der Anblick des Gebäudes, vor dem Du stehst.

Dein rasendes Gehirn ist mit dem vergeblichen Versuch beschäftigt, Deine sich überschlagenden Gedankenbilder zu bändigen. Die Wände dieses Hofes sind nicht aus Metall, sie sind nicht rostig, Du hast Dich selbst betrogen. Sie sind aus rohem Holz und in geronnenem Blut getüncht!

Begrabt den Fremden, sagst Du. Hört, Gefangene mit kotbefleckten Flügeln, Würmer tropfen von euren trockenen Lippen und schweigsam öffnen sich die goldenen Augen der ungezählten Opfer.

Du siehst einen Zaun, erst scheint er Dir ein kleines Gemüsefeld gegen Betrunkene und Diebe zu sichern. Doch dazu ist er zu hoch, er führt Strom, Du siehst die Leitungen. Du weißt, seine Hitze brennt tödliche Narben in die Haut. Väterlich und streng umschließt er das Krematorium. Er hat kein Tor, denn der Kamin ist der Weg hinaus. Auf einem Schild stehen Worte, die Dich verhöhnen, die eine Freiheit versprechen, die Dir nur mehr der Traum und sein nächtlicher, schweigsamer Bruder schenken können.

Du bist zurückgekehrt. Die Reise Deines Traums hat Dich zu uns zurück geleitet. Du öffnest die Augen, erwachst. Wie ich geahnt habe, schließt Du sie wieder in einem zuckenden Krampf, doch bald öffnest Du sie erneut. Sie glänzen vom Fieber. Wir sehen uns an, schweigend, voller Verstehen. Du hebst Deine Hand und sie streichelt meine Wange.

Lass, Dein Dank bringt mich zum Weinen und ich war doch fest entschlossen, es nie wieder zu tun.

Bald werden uns die Mörder aus unseren Nachtlagern zur unmenschlichen Arbeit treiben. Tags tönen dann verzweifelt die herbstlichen Wälder und die ersten Toten ruhen bald an der Mauer, geduldig warten sie auf das Grab in den schwefelgelben Wolken. Ein Wort treibt zitternd die Blutrinnen hinab.

Erbarmen.

Verstehst Du es? Ich nicht, niemand in dieser Zeit.

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