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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – Prolog (1)

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

 

Prolog
Esda in der Tiefe

Esda war kurz abgelenkt gewesen und nun hing ihr Überleben an einem zum Zerreißen gespannten seidenen Faden – und dies wortwörtlich. Sie hatte sich nur kurz nach einem der Spinnenroboter umgesehen, der an der Wand des Felsengangs in ihrer Augenhöhe an ihr vorbeigehuscht war und sie durch sein plötzliches Auftauchen erschreckt hatte. Dabei nahm sie das Licht ihrer Blendlaterne für einen Moment von dem Schienenstrang, dem sie folgte, richtete ihren Strahl gegen die Wand und machte dabei nur einen unachtsamen Schritt nach vorn.

Es war der eine Schritt zuviel. Sie blieb mit dem Schienbein an einem etwa dreißig Zentimeter über den Boden quer durch den Gang gespannten Draht hängen. Er war mit irgendeiner tödlichen Anlage verbunden, die sich durch ein lautstarkes Klicken links von ihr bemerkbar machte. Esdas Reflexe waren auf solche Hindernisse geschult und sie verharrte sofort regungslos auf der Stelle. Der Draht wurde von ihrem Bein aufs Äußerste gespannt. Er konnte jeden Moment reißen und die Falle endgültig auslösen. Sie hielt die Luft an und stieß nur einen leisen Fluch in ihrer Sprache aus.

»Drschbar! – Diese Mistviecher!«

Diese Roboter, die die bruchstückhaften Schriften auf der heiligen Wand des Großen Tempels von Es Sakrat „Deltas“ nannten, waren etwa handtellergroße Geschöpfe der Vergangenen Menschen mit vielen haardünnen Spinnenbeinchen. Sie waren zwar vollkommen harmlos und nicht interessiert an den Menschen in der Tiefe, die sie wahrscheinlich nicht einmal wahrnahmen. Aber jetzt hatte sie wegen einer dieser Roboter, die hier unten in diesen Gängen nahe der Bunker die Ratten ersetzten, vielleicht ihr Leben verwirkt.

Esda rutschte mit ihrem Bein, das den gespannten Stolperdraht hielt, einen Millimeter zurück, um den Druck ein wenig zu mildern. Noch wagte sie es nicht, weiter zurückzutreten, denn sie nahm an, dies könnte den gleichen Effekt hervorrufen wie ein Durchtrennen des Drahts. Als erstes musste sie aufmerksam ihre Umgebung erkunden. Sie leuchtete mit ihrer Kaltlichtlampe nach unten. Erschrocken zog sie scharf die Luft ein. Es war kaum zu glauben, dass der dünne Kupferdraht noch nicht gerissen war, so weit, wie sie ihn mit ihrem Schienbein nach vorne durchdrückte. Sie verfolgte seine Herkunft mit ihrem Licht nach links, von wo aus das klickende Geräusch ertönt war. Sie erkannte eine Sprengfalle, wenn sie eine sah, denn sie war hier im unterirdischen Schienennetz, wo sie ihrem Beruf als Sammlerin nachging und nach Artefakten der Altvorderen suchte, schon einigen begegnet. Sie hatte einige Erfahrungen mit ihnen und wusste, wie sie mit ihnen umzugehen hatte. Dieses Exemplar war an der Seite einer angelaufenen silbrigen Tragesäule montiert, die in regelmäßigen Abständen links und rechts die niedrige Decke stützten und an eine Entschärfung der Bombe war nicht zu denken. Die Sprengladung war nicht einmal sehr groß, aber sie würde Esda zerreißen, wenn sie sich ihrer Wucht direkt und ungeschützt aussetzte.

Hier waren Augenmaß und Millimeterarbeit gefragt. Mit äußerster Vorsicht schob sie ihr Bein zur rechten Seite und gleichzeitig wieder etwas nach vorne, um den Druck auf der kupfernen Reißleine aufrecht zu erhalten. Ihr Ziel – die bröcklige Wand, an der das andere Ende des Drahtes befestigt war -, war zwar nur zwei Meter von ihr entfernt, aber bei ihrem langsamen zur Seite rutschen noch eine ganze Stunde von ihr entfernt. Bald begann sie in dem schwülen Höhlengang, in den durch die verstopften Belüftungsschächte nur wenig frische Luft drang, zu schwitzen und die salzigen Tropfen rannen ihr über das Gesicht und fielen ihr vom Kinn. Der Schweiß lief ihr den Rücken hinunter und färbte ihr dünnes, rotes Hemd dunkel. Die Hand, mit der sie die kleine Lampe hielt, begann zu zittern und nachdem sie nach einer gefühlten Ewigkeit etwa die Hälfte zwischen ihrem ursprünglichen Standort und der Wand zurückgelegt hatte, begann in ihrem nach vorn gestreckten Bein ein aufgeregter Ameisenhaufen zu wimmeln; es starb ihr langsam ab. Trotzdem ließ Esda für keinen Moment in ihrer Aufmerksamkeit nach und ließ sich nicht aus dem Konzept bringen.

Ihr Plan – der einzige, bei dem sie eine kleine Chance hatte, die unvermeidbare Explosion des Arbeitsamen-Sprengsatzes zu überleben -, war es, die rechte Wand zu erreichen, an der sie in Sprungweite vor sich eine Spalte im Fels entdeckt hatte, die breit und hoffentlich auch tief genug war, um sie aufzunehmen und zu schützen. Vielleicht war an dieser Stelle einmal ein Versorgungsschacht von dem Stollen abgezweigt. Doch noch war sie längst nicht an ihrem Ziel angelangt, von dem aus sie den Sprung hinein in diese Felsspalte wagen wollte. Esda war klar, wie viel bei ihrem verzweifelten Versuch, auf diese Weise ihr Leben zu retten, schiefgehen konnte. Aber sie schob den Gedanken und den Ärger darüber, in welche fatale Lage sie die Arbeitsamen gebracht hatten, weit von sich. Sie durfte sich bei ihrer Anstrengung von nichts ablenken lassen und mühte sich deshalb um einen gleichmäßigen und ruhigen Atem, während sie ihre Seitenbewegung mit der größten Behutsamkeit fortsetzte.

Hoffentlich reichte der Strom im Akku, der das Licht ihrer Dynamo-Taschenlampe erzeugte, noch aus! Sie hatte das Gefühl, der Lichtkegel würde langsam trüber und gelbstichiger. Sie konnte im Moment unmöglich in ihre Umhängetasche fassen und die Kurbel hervorholen, mit deren Hilfe sie durch schnelles Drehen die Batterie wieder laden konnte. Würde ihre Lampe verlöschen, dann wäre sie von vollkommener Finsternis umgeben und ihr Versuch, der Explosion der Stolperfalle zu entkommen, zum Scheitern verurteilt.

Nicht nachlassen! Noch ein paar Zentimeter nach rechts, die beißende Taubheit im Bein ignorieren, weitermachen, ruhig atmen. Das Zittern unterdrücken, an angenehme Dinge denken. Noch lebte Esda. Noch gab es Hoffnung, auch wenn sie nur ein Augenzwinkern von einem schrecklichen Tod entfernt war. Sie durfte nicht einfach hier unten in den Minen sterben! Das war sie ihrer Familie, die oben in der Stadt auf sie wartete, schuldig. Esda hatte täglich vier hungrige Mäuler zu stopfen, die ohne sie verloren waren, nachdem ihr Ehemann vor achtzehn Monaten am Lichtfieber gestorben war: Ihre beiden Kinder, die Zwillinge Aaha und Behara, die gerade vier Jahre alt waren und Esdas alte und gebrechliche Eltern Lena und Sol. Ohne die tapfere Frau und die Dinge, die sie unter Lebensgefahr im Untergrund beschaffte und auf dem Markt von Bas verkaufte, würden ihre Liebsten verhungern oder Opfer der Behutsamen Schwestern werden. Esda graute, wenn sie an diese Möglichkeit dachte.

Schließlich erreichte sie doch noch die Seitenwand. Sie fühlte sich gleichzeitig erleichtert und um Jahre gealtert. Es hätte sie nicht gewundert, wenn das Mahagoni ihrer kurz geschnittenen Haare in der letzten Stunde weiß geworden wäre. Inzwischen war es sicher schon Nacht in den Ebenen und die Schlacht tobte. Aber hier unten war außer ein paar sehr weit entfernten und dumpfen und unregelmäßigen Donnerschlägen nichts vom Krieg der Roboter zu hören oder zu bemerken. Das Grollen ihrer Waffen gehörte wie das Schnarchen ihres Vaters zur Untermalung jeder Nacht ihres Lebens. Esda war nun nur noch eine halbe Armlänge von dem Fels entfernt. Ihr Licht, das nun schon merklich schwächer war, hatte gehalten und sie hatte auch die Falle noch nicht ausgelöst. Vielleicht – und das wäre das Beste gewesen -, war der Auslöser der Bombe defekt. Doch daran glaubte sie nicht wirklich. Sie leuchtete nach vorne zu dem Spalt im Fels, der ihr Deckung geben sollte. So weit sie im schwindenden Licht ihrer Lampe erkennen konnte, war er breit und offenbar auch tief genug, um einen Sprung zu wagen. Esda atmete tief ein und hielt dann die Luft an. Sie hatte nur einen einzigen Versuch, Würde sie bei ihrem Sprung ausrutschen oder zu kurz springen oder nicht genau in die Öffnung fallen, dann würde sie von der Explosion erwischt und getötet werden.

Sie zählte langsam rückwärts von Fünf auf Null. Als sie bei der Zwei war, hörte sie die schweren, stampfenden Schritte eines gewaltigen Vierbeiners. Sie kamen von weiter hinten im Gang direkt auf sie zu.

»Nein, das kann nicht sein«, stieß sie ihren Atem wieder aus und hob die Lampe, die allerdings nicht mehr die Kraft hatte, den Tunnel auszuleuchten. Unheimliche Schatten lagen wie schwarze Felsnadeln vor ihr auf den Schienen und verwoben sich mit der absoluten Finsternis, die hinter ihnen lag. Dann hörte Esda das Schaben eines Panzer an der Wand. Und gleich darauf das markerschütternde Knirschen, das von den mahlenden Zahnreihen einer Nagid-Echse erzeugt wurde. Nach dem grausamen und gefräßigen Gott der Tiefe war dieses Raubtier das bösartigste und tödlichste Ungeheuer, das diese Höhlenwelt unter Es Sakrat, der Stadt unter dem heiligen Doppelgipfel, kannte. Dabei es war vollkommen egal, ob man der Nummer Eins oder der Nummer Zwei zum Opfer fiel! Und die Nummer Zwei kam direkt auf Esda zu.

[Zum 2. Teil …]

Neu im Buchhandel:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book, 380 Seiten, illustriert

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil I: Karukora – Leseprobe (2)

In der nächsten Woche erscheint im Buchhandel der 1. Teil meines umfangreichen Romans Der Weg, der in den Tag führt. Deshalb gibt es heute noch einmal eine Leseprobe aus dem Buch, in dem der Märchenerzähler Alis alle Register zieht.

Ab dem nächsten Freitag geht es dann hier mit der Vorveröffentlichung des 2. Teils los.

Viel Vergnügen …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Prequel zur Brautschau-Saga:
Der Weg, der in den Tag führt
Teil Eins – Karukora

Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen.

Doch noch immer kämpfen uralte Roboterarmeen und Kriegsmaschinen östlich der großen Wüstenstadt Karukora in einer Schlacht, der nicht enden will.

Gibt es eine alte Landkarte, die durch diese Ebenen des Ewigen Krieges nach Pardais, der Stadt des Friedens, führt? Der alte Märchenerzähler Alis ist davon überzeugt und gerät auf der Suche nach ihr zusammen mit seinem Enkel Selin, dem Kaufmann Juel und dem jungen Mönch Sahar am Hof des grausamen Herrschers von Karukora in ein Kesseltreiben aus Intrigen, Verschwörungen und finsteren Mordplänen.

Und was verbirgt sich wirklich hinter dem Weg, der in den Tag führt?

 


8. Kapitel
Alis‘ Märchen von der tapferen Lakmi

»Gestern ist ein Ort, den wir nicht wieder besuchen können. Das Rieseln in der Sanduhr von Vater Zeit zwingt uns weiter. Schritt für Schritt entfernen wir uns, sehen vielleicht ab und an noch einmal zurück – manchmal mit Freude, doch meist mit Bedauern, oft auch mit Trauer oder Zorn. Doch etwas zwingt uns, voranzuschreiten. Dabei begegnen wir anderen Orten und anderen Menschen, die uns wichtig werden. Gestern wird eines von vielen, es ist nur ein weiteres, vom Wind verblasenes Sandkorn in der endlosen Wüste, die wir in unserem Leben durchwandern, bis wir schließlich an den letzten Ort gelangen, an dem wir unser Haupt für immer zur Ruhe betten und der Sand unserer Tage unseren müden Leib bedeckt.

Gestern, das gibt es nur noch in unserer Erinnerung und jeder von uns denkt anders an diesen Ort zurück, der gestern noch unser Leben war und heute nur eine undeutliche Erinnerung wie an einen Traum. Und wenn wir dann alle gegangen sind, die wir uns an dieses Gestern erinnern, dann ist es für immer in der Zeit verloren. Auch an unser heutiges, so wun­dervolles Fest und an die Geschichten der beiden Mär­chenerzähler, die es zu etwas ganz besonderem machen, wird sich in gar nicht einmal allzu ferner Zukunft niemand mehr erinnern. Die Füße von Waqt al’ab, dem Vater der Zeit, werden auch uns in diesem Saal unter sich zu dem feinem Staub zermahlen haben, zu dem wir alle einmal werden, wir Men­schen und auch unsere Städte und unsere Staaten, die wir so großherzig gegründet haben.

Doch manchmal tritt der Vater der Zeit auf einen unnachgiebigen Diamanten und er presst ihn in seinem Mühen, ihn zu zerreiben, noch fester und dich­ter zusammen. Je mehr er sich anstrengt, umso stärker wird er. Manchmal, ja, manch­mal ist etwas ewig – ewig wie der Fluss der Tränen der Allerbarmerin, ewig wie Platos Gedanken, ewig wie die Felder des Krieges und ewig wie Karukora, das Wun­der in der Wüste. Ewig wie der Namenlose, der einst über den Fluss von Norden kam, sich hier niederließ, seine viel geliebte Stadt pflanzte und in seinen Wiederge­burten sein Volk bis zum heutigen Tag regiert und dies tun wird, bis auch Waqt al’ab endlich seiner Wanderung müde wird. Dies wird aber erst geschehen, wenn ein gewaltiger Stern vom Himmel fällt und die Menschen in den Tränen der heiligen Mutter ertrinken.

Uns Sterbli­chen ist nur eine kurze Wegstrecke gegönnt, die wir ge­hen dürfen, doch der Namenlose schreitet mühelos vor­an, den Vater der Zeit als Gefährten an seiner Seite, während Karukora blüht und gedeiht und die großartigste Stadt der Überlebenden Lande ist. Preisen wir uns glücklich, denn wir sind wahrlich gesegnet, dass wir unseren kurzen Marsch mit ihnen gemeinsam an diesem gesegneten Ort gehen und die Ewigkeit sehen und schmecken dürfen. Loben wir den Namenlosen, der da war, der da ist und immerdar sein wird!

Einer, dem es vergönnt war, sich während seiner Le­bensspanne im Lichte der Namenlosen zu son­nen, war der arme Bürstenmacher Lafar. Über seine Tage lässt sich wenig berichten. Sie waren erfüllt von Arbeit und der Sorge, sich und seine Familie durch den Tag zu bringen. Seine Frau Nigar hatte ihm neben einer Tochter auch drei präch­tige Söh­ne geboren, die er durch seiner Hände Arbeit mehr schlecht als recht zu ernähren vermochte. Er konnte es sich nicht leisten, sie auf eine der öffentlichen Schulen zu schicken und doch erzog er sie mit Sorgfalt und gab ih­nen das weni­ge Wissen weiter, das er selbst besaß. Abend für Abend kam Lafar mit müden, wunden Fin­gern aus seiner Werkstatt, löffelte seine wässrige Brot­suppe – die einzi­ge Mahlzeit seines langen Tages – und setzte sich an­schließend zu seinen Jungen, schlug eines der wenigen zerlesenen Bücher auf, die er besaß und las ihnen müh­sam und stockend, die gichtigen Finger auf der Zeile, vor. Seine Söhne nahmen die Weisheiten aus den ver­gilbten Folianten auf und entwickelten sich zu prächti­gen jungen Männern. Sie waren die Wonne von Lafars und Nigars Alter, die Freude, die ihre Au­gen glänzen ließ, die starken Arme, die ihre immer schwä­cher werdenden stützten.

Als die Zeit kam, da Lafar die Tage seines Lebens bei­nahe durchschritten hatte, sorgte er sich um die Zu­kunft und er wusste nicht, wie er seine wenigen Besitz­tümer unter seinen Söhnen aufteilen konnte. Er liebte sie alle gleich innig und mit heißem Herzen und wollte keinen bevorteilen. Obwohl alle durchweg Geschick in Lafars Handwerk zeigten, konnte doch nur einer am Ende das Geschäft erben und es war kein Geld vorhanden, die anderen beiden auszuzahlen. Und so überlegte Lafar und überlegte, bis ihn endlich eine schwere Krankheit niederwarf und auf sein Lager zwang. Er fühlte, dass der Tod neben seinem Kopfkissen stand und er sich vielleicht nicht mehr aus seinem Bett erheben würde.

Da ließ er sich von seiner Frau die drei besten und weichsten Bürsten bringen, die er jemals hergestellt hatte und rief seine drei Söhne zu sich, betrachtete je­den von ihnen lange und zärtlich. Dann sprach er zu ihnen:

„Ich habe euch gelehrt, was ich weiß und es ist an der Zeit, dass ihr mit diesem Wissen hinaus in die Welt geht. Ich werde noch da sein, wenn ihr heute in einem Jahr und einem Tag zurückkehrt. Dann soll der von euch erben, der mir dann die eine Frage beantworten kann, deren Antwort ich in keinem meiner Bücher gefunden habe. Ich möchte wissen, was das wahre Glück ist.“ Anschließend reichte er je­dem der Söhne eine der Bürsten, umarmte einen nach dem anderen und sag­te:

„Ein jeder achte gut auf seine Bürste. Wenn ihr sie am richti­gen Ort und im richtigen Augenblick benutzt, dann wird sie euch einmal – ein einziges Mal – einen Wunsch erfüllen.“
Danach schwieg Lafar und schloss die Augen. Die Söhne küssten noch die abgearbeitete, schwielige Hand ihres Vaters und verließen ihn recht ratlos mit ihren Bürsten in der Hand. Was konnte denn das sein, das wahre Glück?

Noch am gleichen Tag packten sie ihre Siebensachen in ihre Felleisen, verabschiedeten sich von der Mutter und ihrer Schwester und voneinander und machten sich auf, das wahre Glück zu finden. Der älteste – er hieß Masur – ging nach Süden, der zweite, der den Namen Seqr trug, wählte den Weg, der nordwärts aus der Stadt führte und der Jüngste – Jasde – machte sich durch das Tor der frohen Händler nach Westen auf. Dies geschah in den Tagen des „Harmonischen Bambusblatts“, des siebten Namenlosen aus der Bingh-Dynastie, jener ersten und wahren Dynastie, unter deren Herr­schaft Karukora sorglose und friedliche Jahre erlebte, bis die „Bluthand“ Sefredo Sud die Stadt mit seinen Barbaren überfiel und sich selbst zum Namenlosen krönte.

Viele Abenteuer erlebten die drei Söhne in der Frem­de, doch das ist eine weitere Geschichte nach der Ge­schichte und ich will sie euch an einem anderen Tag er­zählen. Doch die Allerbarmerin war mit ihnen und nach einem Jahr und einem Tag kehrten sie wohlbehalten in ihre Heimat zurück.

Masur, der älteste, kam auf einem stolzen, schönen Ross geritten und ihm folgte ein Trupp treu ergebener Reiter, deren Satteltaschen mit Geld, Schmuck und wertvollen Handelswaren gefüllt waren. Aus dem Nor­den kam barfuß und staubig Seqr in die Stadt. Er trug das Gelehrtengewand eines Weisen aus den Akademi­en von Saint Cóbilôtte und auf seinem Felleisen stapel­ten sich dicke Bücher. Jasde zuletzt betrat Karukora, wie er es verlassen hatte, braungebrannt und ein Lied auf den Lippen. Die drei Brüder trafen sich im Hof des heruntergekommenen Hauses ihres Vaters und be­staunten gegenseitig ihr Aussehen.

Lafar hatte Wort gehalten: Auch wenn er im Lauf der zwölf Monate, die vergangen waren, noch schwächer und hinfälliger geworden war, so lebte er noch und war bei klarem Verstand. Zuerst stieg Masur von seinem Schimmel, trat vor seinen Vater, der sein Bett zur Fei­er des Tages hinaus vor die Tür hatte tragen lassen, wo er, von seiner Frau und Kissen unterstützt, halb in ihm saß. Masur kniete nieder und sprach:

„Ein Jahr und einen Tag war ich im wilden Süden un­terwegs und weiß nun, was das wahre Glück ist. Dort bei den Barbaren fand ich reiche, fruchtbare Ebenen und Weiden, die bis zum Horizont und über ihn hinaus reichten. Auf ihnen leben Familien und Sippen, die auf ihren Reittieren mit gewaltigen Herden durch diese immergrünen Gegenden ziehen und ihre Lager auf­schlagen, wo ihr Vieh zum Grasen verweilt. Sie sind frei und kennen keine Herrscher über sich; die überlie­ferten Werte und der Wille ihrer Ältesten sind die ein­zigen Befehle, denen sie gehorchen. Ihre Tierherden bestimmen ihr Handeln und Leben. Sie nahmen mich freundlich in ihrer Mitte auf. Ich erlernte ihre melodiö­se, singende Sprache und verdingte mich als Hirte und Pferdeknecht. Da leistete mir die Bürste gute Dienste, Vater.

Als ich eines Tages das Pferd ihres Clanältesten mit ihr striegelte und sein Fell pflegte, da hegte ich den Wunsch, selbst einmal in den Besitz eines solch wun­derbaren Tieres zu kommen. Und wie du es prophezeit hast, mein lieber Vater, ist es dann auch gekommen: Mein Wunsch wurde erfüllt. Es dauerte zwar noch ein paar Monate, aber eines Morgens rettete ich einem sei­ner Kinder durch Zufall das Leben und ich wurde in seiner Familie aufgenommen, als wäre ich schon im­mer ein Teil von ihr gewesen. Sie teilten ihr Vermögen und ihre Herden mit mir. Sieh mich an. Heute bin ich ein freier, reicher Mann, der viele Tiere und Pferde be­sitzt. Ich benötige dein Erbe nicht mehr. Aber ich weiß nun, dass es das wahre Glück ist, auf dem Rücken ei­nes edlen Rosses wie dem meinen im Sattel zu sitzen und frei wie der Wind über die Ebenen meiner neuen Heimat zu reiten.“

Lafar lächelte und segnete Masur. Er freute sich mit ihm gemeinsam über das Glück, das die Bürste seinem Ältesten beschert hatte. Anschließend trat Seqr neben Masur und kniete ebenfalls vor seinem Vater. Er sprach:

„Mein über alles geliebter Vater. Ich fand im Norden hinter dem Großen Wall, der unsere Wüste von den dunklen, barbarischen Wäldern der Lamargue trennt, Stätten des Wissens, des Fortschritts und der Philosophie. Und als ich staunend durch diese Städte wanderte, stieß ich auf eine gewalti­ge Bibliothek, in der auf Büchern, Folianten und Per­gamenten all diese viele Jahrtausende alte Weisheit aufgeschrieben steht. Doch – ach – nur wenige Gelehrte studierten aufmerksam und ehrfürchtig in diesen ge­segneten Hallen. Der Staub lag fingerdick auf den Goldschnitten der Bände, die niemand mehr las.

Da nahm ich die Bürste, die du mir gegeben hast, reinigte die Bücher und Regale von dem uralten, verkrusteten Dreck, den Spinnweben und den Stockflecken. Dabei wünschte ich mir, ich könne all die Dinge, die in ihnen aufgeschrieben standen und fast vergessen waren, le­sen. Und wie du es prophezeit hast, mein lieber Vater, ist es dann auch gekommen: Mein Wunsch wurde er­füllt. Ich wurde ein Mitglied der Gemeinschaft der Le­senden und Lernenden und mein Wissen wuchs von Tag zu Tag. Das ist der wahre Reichtum und ich benö­tige deshalb dein Erbe nicht. Aber ich weiß nun, dass es das wahre Glück ist, ein Buch aufzuschlagen, den säuerlichen Geruch seiner Bindung und den stumpfen seines Papiers zu riechen, mit angefeuchtetem Finger durch die Seiten zu blättern, die Sätze und all die Ge­schichten, die Erfahrungen und die Erfindungen, die Weisheiten und die Sagen zu studieren, die darin wie in einem Schatzkästlein verborgen sind und dabei die Zeit, den Tag und den Ort zu vergessen. Das ist Glück.“

Und Lafar segnete auch seinen zweiten Sohn und freute sich mit ihm gemeinsam über das Glück, das die Bürste Seqr beschert hatte. Schließlich trat Jasde an das Lager seines Vaters, verbeugte sich und sagte:

„Ich ging in den Westen, bis in die zerstörten und zerklüf­teten Jenseitigen Länder voller Gefahren, Gewalt und Kummer. Dort, hinter dem Babelmassiv, hinter dem bodenlosen Spalt, ist ein Leben nichts wert und der Tod lauert überall, im Schwert eines Räubers, im Reiß­zahn eines Raubtiers, im Gift einer Pflanze und im Lä­cheln einer schönen Frau. Viele Abenteuer und Gefah­ren hatte ich zu bestehen. Ich wurde von Dieben über­fallen und halbtot liegen gelassen, musste Täler, gefüllt mit giftigem Gas, durchwandern und Berge erklim­men, deren Höhe mir den Atem nahm. Ich sah unaus­sprechliche Dinge, schreckliche und schöne. Und ich be­gegnete vielen Menschen, bösen, wie auch guten.

Doch ich benötigte auf meiner Reise kein einziges Mal die Bürste, die du mir schenktest, denn jeder Tag erfüllte mir von selbst meinen einen Wunsch, den ich hegte: Ihn gesund zu überstehen, damit ich nach einem Jahr und einem Tag zu meiner Familie zurückkehren kann. Deshalb wusste ich auch bis heute, bis zu diesem Mo­ment, in dem ich über Schwelle unseres Hauses trat, noch nicht, was das wahre Glück ist. Ich entdeckte es erst, als ich hier Mutter, Schwester, meine Brüder und dich, mei­nen Vater, lebend wiederfand. Das wahre Glück ist es, bei den Menschen zu sein, die man liebt.“

Sprach es, nahm die Bürste, die ihm Lafar vor einem Jahr und einem Tag gege­ben hatte, beugte sich herab und putzte mit ihr den Kehricht vor dem Bett seines Vaters zusammen.

„Und mein einziger Wunsch ist, dass ihr alle für den Rest unseres Lebens mit mir verbunden seid.“

Dann umarmte er zuerst seine Mutter und dann sei­nen kranken Vater, der sich plötzlich viel kräftiger fühlte, aus seinem Krankenlager aufsprang und nach einer heißen Suppe verlangte. Es war, als wäre er nie darnieder gelegen. Was für eine Freude herrschte da im Hause des alten Bürstenmachers! Jeder umarmte den anderen, weinte vor Liebe und pries den Tag.

Und so erbte Jasde, der Jüngste, die Werkstatt seines Vaters. Er zog wieder in das Haus seiner Eltern und die Bürsten, Feger und Handbesen, die er unter der Anleitung des Alten, der wieder vollständig genas, her­stellte, waren die schönsten und besten in ganz Karu­kora und verkauften sich so gut, dass Jasde bald dar­auf ein Mädchen aus der Nachbarschaft freien und es heiraten konnte. So oft sie konnten, kamen seine Brü­der aus dem Süden geritten und aus dem Norden ge­laufen und die Feiern im Hause des Lafar waren die fröhlichsten und ausgelassensten unter der Wüsten­sonne.

Denn wahrhaft glücklich ist nicht, wer Reich­tum und Wissen anhäuft, sondern wer Menschen fin­det, die ihn auf seinem Lebensweg begleiten und ein Stück seiner steinigen Wanderung in Liebe mit ihm gehen.

Auf diese Weise lebte die Familie des Bürstenmachers glücklich miteinander, bis nach vielen, vielen Jahren der Zerstö­rer aller Freuden, der Verwüster aller Heimstätten und der Vergifter aller Speisen zwischen sie trat. Ver­herrlicht sei die Allerbarmerin, die ihre Tränen für uns alle vergießt.«

[…]

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil I: Karukora – Leseprobe (1)

 

Das Prequel zur Brautschau-Saga:
Der Weg, der in den Tag führt
Teil Eins – Karukora

Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen.

Doch noch immer kämpfen uralte Roboterarmeen und Kriegsmaschinen östlich der großen Wüstenstadt Karukora in einer Schlacht, der nicht enden will.

Gibt es eine alte Landkarte, die durch diese Ebenen des Ewigen Krieges nach Pardais, der Stadt des Friedens, führt? Der alte Märchenerzähler Alis ist davon überzeugt und gerät auf der Suche nach ihr zusammen mit seinem Enkel Selin, dem Kaufmann Juel und dem jungen Mönch Sahar am Hof des grausamen Herrschers von Karukora in ein Kesseltreiben aus Intrigen, Verschwörungen und finsteren Mordplänen.

Und was verbirgt sich wirklich hinter dem Weg, der in den Tag führt?

Nachdem ich mich nun dazu entschieden habe, Mitte bis Ende Februar (der genaue Termin ist von der Dauer des Endlektorates und der Druckerei abhängig) den 1. Teil meines umfangreichen Romans Der Weg, der in den Tag führt zu veröffentlichen, macht es im Moment keinen Sinn, jetzt an dieser Stelle das 10. Kapitel, das nun das 3. Kapitel des zweiten Teiles und erst im Winter 2018 erscheinen wird, weiter zu posten. Ich werde deshalb ein wenig Werbung für das in ein paar Wochen bei allen Buchhändlern auch als günstiges E-Book erhältliche 1. Buch machen.

Deshalb gibt es am angestammten Freitagsplatz in der nächsten Zeit als Leseprobe das 1. Kapitel des Romans zu lesen, der in tausendundeiner Nacht im fernen, fernen Karukora weit, weit südlich in der Wüste spielt.

Viel Vergnügen …


1. Kapitel
Ein Morgen auf dem Bazaar

Nenne mir deinen Preis«, sagte eine spöttische Stimme. Der alte Geschichtenerzähler öffnete vorsichtig die gesenkten Lider, durch die er in sein Inneres gesehen hatte.

Ihm schien, er hätte er kurz einen Blick in das ferne, unwirkliche Land gewor­fen, das er einmal seine Heimat in der Fremde genannt hatte. Und dabei war ihm, als hätte er sogar für einen Moment den lange vermissten harzigen Duft der dunklen Wälder seiner Jugend riechen dürfen und den Geschmack ihrer würzigen Erde auf den Lippen gekostet. Doch dieses Land lag tief in den Nebeln der Vergangenheit verborgen. Keinen Pfad gab es dorthin zurück; eine Wüste und ein Leben lagen zwischen Alis und dem Ort, in dem er mit seinem Bruder und dessen Sohn für kurze Zeit Frieden und Liebe gefunden hatte, bis die Häscher des „Milde in der Sonne funkelnden Bernsteins“, des Vorvorgängers des jetzigen Namenlosen, die Flüchtigen gefunden hatten. Es war eine langweilige, längst vergessene Geschichte …

Gleißendes Licht vertrieb die Düsternis und die platzenden, pulsierenden Farbringe, die der Halbschlaf auf die Augenseite seiner Lider gemalt hatte. Der Alte bedauerte seufzend den Verlust und hob seinen Blick, der zuerst auf seine eigenen, nach oben geöffneten Hände fiel, die wie nutzlose, welke Blätter auf seine Oberschenkel gesunken waren. Dann gelangten nack­te, schmutzige Füße in sein Blickfeld. Sie standen im staubigen Kehricht direkt vor dem schäbigen, von Mot­ten zerfressenen Teppich, auf dem der Geschichtener­zähler im Schneidersitz seinen Träumen nachgegangen war.

»Nun. Nenne mir deinen Preis«, wiederholte die Stim­me. Sie klang näselnd und weit von oben herab und war jetzt eine deutliche Nuance drängender, fordern­der. Geduld schien keine der Eigenschaften des Mannes zu sein, der die Künste des Erzählers einforderte und ihn mit befehlsgewohnter Stimme aus den Traumgesicht­ern zerrte, in denen er, wenn auch nur für einen Moment, seiner Jugend wiederbegegnet war. Eben noch hatten die Ermattung und die Schwüle den Alten in einen weichen, alle Sinne dämpfenden Kokon gehüllt, doch nun erreichte ihn erneut der ohrenbetäu­bende Lärm des Wochenmarkts um ihn herum, das Geschrei der Tiere, die schmeichelnden Worte und die Streitereien der Stand­betreiber; er roch Gesottenes und Gebratenes, Fäkali­en, scharfe Gewürze und die Ausdünstungen der Ver­käufer und ihrer Kunden. All das schwängerte die be­reits am frühen Morgen in der staubigen Hitze wie ge­lierte Luft, in der nicht einmal die wenigen Schatten­plätze unter den löchrigen Sonnenbaldachinen vor den ziegelroten Häusern Erleichterung versprachen.

»Dein Preis ist meiner«, antwortete der im Dreck auf seinem Teppich sitzende alte Mann und sah auf, wischte sich mit beiden Händen den Schweiß vom Gesicht und der Glatze.

Die ei­gene, allzu heisere Stimme schien ihm fremd, als hätte er sie seit Jahren und nicht nur eine kurze Sommer­nacht nicht benutzt. Vor ihm stand ein in schäbige Lumpen gekleideter Diener, der ihm auffordernd einen Beutel mit Geldstücken entgegenstreckte. Die Worte waren nicht die seinen gewesen, wie der Erzähler so­fort bemerkte. Der Diener hatte nichts gesagt, denn er besaß keine Zunge mehr. Die Rosentätowierung auf seiner linken Wange und sein gehetztes Augenrollen sprachen jedoch für ihn. Dieser Knecht hatte einmal zu oft frech gelästert oder in Ohren geflüstert, für die die Geheimnisse seines mächtigen Herrn nicht bestimmt waren und dafür seine Strafe erhalten. Gnädig war sein Herr, wenn er nur die Zunge und nicht den Kopf nahm. Barmherzig und grausam zugleich. Ein Gott unter den Menschen; ein Raubtier unter den Lämmern.

Der Verstümmelte trat einen Schritt zur Seite und der Erzähler konnte endlich sehen, in wessen Auftrag er verlockend mit der prall gefüllten ledernen Börse wedelte. Im Rü­cken des Dieners entdeckte der Alte eine Sänfte, die von stämmigen Trägern im Gleichgewicht gehalten wurde. Ihre nackten Oberkörper glänzten vom Schweiß. Zwei Wächter folgten mit gezogenen, scharfen Schwertern der Sänfte und sahen sich misstrauisch und absichernd um. Sie trugen die grellgrünen Unifor­men der Palastsoldaten von der Treuwacht. Die mit Silber- und Goldfäden durchwirkten Vorhänge, die den Insassen vor dem Staub der Straßen und neugierigen Augen schützen sollten, waren hochgeschlagen und ge­währten einen Blick ins Innere der kostbaren Trage, deren Schatz sich aus weichen Kissen nach vorne lehn­te und den Alten scharf musterte.

»Nun. Wie darf ich das verstehen: Mein Preis sei dei­ner?«, fragte der reiche, in edle Gewänder gehüllte Mann, dessen schmaler, hohlwangiger Schädel von ei­nem grotesk großen Turban gekrönt war, auf dessen Mitte ein einzelner, grüner Edelstein funkelte, der wertvoller war als alles Geld, das der Alte je besessen hatte.

Der kleine, magere Mann schüttelte dabei leicht seinen Kopf und es sah aus, als würde gleich der vom Gewicht der Kopfbedeckung überlastete dünne Hals brechen. Der alte Geschichtenerzähler erschrak, aber er ließ sich seine Angst nicht anmerken. Selbst als ein verirrter Sonnenstrahl den großen Jade-Brillanten traf, ihn grell aufglitzern ließ und den Alten kurz blen­dete, zwinkerte er nicht einmal. Er hatte den rei­chen Herrn in der Sänfte an seinem Juwel und seiner Rede­weise erkannt: Er war niemand anderer als der zweit­mächtigste – manche sagten auch: mächtigste – Mann Karukoras, der gewaltigen alten Stadt in der Wüste. Es war der Vezir Ómer Sud in Person! Trotz seiner lächerlic­hen Erscheinung stand die Aura seiner Macht wie eine Armee um ihn herum und verschaffte ihm in dem mor­gendlichen Gedränge des Bazaars Platz. Die allerbar­mende, tränenreiche Mutter Maraia halte ihre schüt­zenden Hände über ihn und vor allem über jene, die sein Missfallen erregen sollten! Der edle Herr Ómer Sud war in Personalunion der Vezir, der General der Treuwacht und dazu der Schwiegervater des Bişra von Karukora, des die Sonne blendenden Sterns des Südens, des Zermalmers der Barbaren, der sich selbst der „Unterwerfer“ nannte. Er war Auge, Hand und Stimme des Namenlosen Herrschers in der mächtigs­ten Stadt der Überlebenden Lande. Er war sein schar­fes Richtschwert und sein Prophet; seine Rachsucht, sein Ehrgeiz und auch sein Reichtum waren legendär. Selten verließ Ómer den weißen Elfenbeinpalast auf der sanften Hügelkuppe am Strom Marat, noch seltener besuchte er die engen, von Hitzeschlieren und schlechten Gerüchen durchwebten Gassen der Alt­stadt von Karus, nie ihre Marktplätze und die stinkenden Winkel der Armenviertel.

Und doch hatte er sich von seinen Trägern an diesem Morgen hierher bringen lassen, mitten in das zerfallen­de und übel beleumdete Viertel Hamdala, wo Krätze, Aussatz, Hunger und Elend zu Hause waren, wo der übelste Abschaum von Karukora seine dunklen Ge­schäfte machte, die Meister der Diebesgilde mächtiger als Ómers Geheimpolizei und der Raubvogel des Todes in jeder Nacht seine üppige Beute riss. Was hatte ihn nur bewogen, ausgerechnet hier seine Sänfte absetzen zu lassen und ein Gespräch mit einem verlausten, al­ten Märchenerzähler zu beginnen? Bereute er bereits seine Entscheidung? Die Miene des Vezirs wurde düs­terer und ungeduldiger, während er auf eine Antwort des Alten wartete. Dieser neigte seinen Oberkörper tief hinab und berührte mit dem Kopf seine Hände, die noch immer auf den mageren Oberschenkeln ruhten.

»Oh, Ómer Sud, mögen dich die Engel der Allbarm­herzigen salben und dein Wein aus den Trauben von Pardais gekeltert sein«, begann der Erzähler mit ruhi­ger Stimme, »wenn du zufrieden mit meiner Geschichte sein wirst, so wirst du mich mit einem Preis belohnen, der deiner würdig ist, du Erster unter den Ersten des „Unterwerfers“, vor dem die Welt erzittert. Sollte ich jedoch dein Missfallen erregen, dann schicke mich ohne Entlohnung fort. Dein edles Antlitz nicht mehr sehen zu können und keine Freude aus dem süßen Nektar deiner Nähe atmen zu dürfen, wäre eine Strafe, die schrecklicher nicht sein könnte. Der kurze Rest meines unbedeutenden Lebens wäre nur noch ein sonnenloses Tal der Tränen und des Jammers.«

»Nun. So wirst du also reich entlohnt oder mich los, du Gauner.«

Ómer lächelte. Doch es war nur sein schmaler, wie von einer Rasierklinge in sein Gesicht geschnittener Mund, dessen Winkel sich um ein Gran emporschoben. Seine Augen blieben eisig und streng, funkelten im Wettstreit mit dem Brillanten in seinem Turban. Es war die Freude eines Daimons, die Fratze eines Unge­heuers, das Schnurren eines Murlans, bevor sie ihre Opfer schlagen. Dem Alten, der mit einem Augenauf­schlag verstohlen die Wirkung seiner Worte kontrol­lierte, war, als würde dieser Blick sein Herz pa­cken, es aus dem eingefallenen Brustkorb reißen und begierig beschnüffeln. Er fror trotz der stickigen Hitze, die wie ein dickes Wolltuch über dem Marktplatz lag und ver­suchte, sich noch kleiner in seiner unbequemen Lage zu machen.

»Wie ist dein Name?«, fragte der Vezir, während seine Gesichtszüge wieder starr und maskenhaft wurden. Der Alte richtete sich ein wenig auf.

»Nenne mich Alis, den Geschichtenerzähler, mein Herr. Deine Gnade ist der Honigbalsam, der mein Alter versüßt«, erwiderte er vorsichtig und sah sich um, als würde er nach einem Fluchtweg suchen. »So heißen mich alle. Großväterchen Alis.«

»Nun, Alis Dabinghi, der du bei anderer Gelegenheit kühn be­hauptet hast, dem längst ausgetrockneten Fluss der Bingh zu entspringen: Das war nicht die vollständige Antwort auf meine Frage, aber sie soll mir für heute genügen.« Ómers Blick war wie ein scharfes Messer, das er auf den vor ihm im Staub kauernden Alten warf.

»Auch wenn du, der du doch von deinen Wor­ten lebst, auf mich einen recht einsilbigen Eindruck machst, wenn es um dich selbst geht, so scheint mir dies nicht die schlechteste Eigen­schaft zu sein, die ein Mann besitzen kann. Wie dir si­cherlich bekannt ist, war mein eigener Märchenerzäh­ler Muhar nicht ganz so klug wie du … nun, sagen wir einmal, er ist seit längerer Zeit ein wenig unpässlich.«

Ómer warf einen Blick auf seinen stummen Diener und zwinkerte Alis verschwörerisch zu. Er ließ seine Worte wirken, bevor er fortfuhr:

»Nun. Ich richte heute Nacht ein intimes Abendmahl aus und benötige dazu einen Geschichtenerzähler, der meine Gäste zwischen den Gängen unterhält. Die Zun­gen meiner Nachtigallen zwitscherten, ich würde aus­gerechnet in diesem Dreckloch Hamdala fündig werden, in dem ich eigentlich nur Pestilenz und Lues zu finden glaub­te. Sie berichteten mir, du, Alis Dabinghi, wärest der beste Märchenwirker des Südens. Seit du an dieser Stelle deinen Erzählerteppich ausgebreitet hast, würde sich dieser Marktplatz an jedem Abend der Woche mit Bürgern und Bediensteten aus allen Vierteln der Stadt und den Reisenden aus den Karawansereien füllen. Atemlos und aneinander gedrängt würden alle deinen Geschichten lauschen und wünschen, sie möchten nie ein Ende finden. Ihr Schweiß fiele wie Regen zwischen ihnen zu Boden, so dicht stünden sie, während sie wie Fische auf dem Trockenen nach deinen Worten schnappen. Ich wollte nicht glauben, hier im Kehricht eine Perle zu finden und bin gekommen, mich von dir überzeugen zu lassen. Nun. Es ist dir noch nicht gelungen. Doch ich will es mit dir wagen. Dein Glück ist, dass ich keine Wahl habe, denn deine Kunst ist eine aussterbende. Nun. Vielleicht ist das aber auch dein Pech. Manchmal ist es eine Strafe, der Beste zu sein, Großväterchen. Komme in der Stunde der Dämmerung zum Dienstboteneinlass des elfenbeinernen Palastes. Mein Muhar wird dich einlas­sen und zu mir geleiten. Dort wirst du meine Wünsche erfahren.«

»Edler Vezir, dein Name erschallt bei den Glückseligen in den Bergen, den Wüsten und auf dem Meer. Es gibt keinen, der Ómer nicht lob­preist, nicht Ómer beim Einschlafen auf den Lippen führt und beim Erwachen nicht Ómer bejubelt. Mein Herr, deine Gnade ist ein sprudelnder Quell in der Dürre, ein Labsal für mich Verdurstenden.«

Der Vezir nickte ungeduldig und wieder sah es so aus, als würde in jedem Moment sein kahler Kopf mitsamt dem Turban abknicken und wie ein Ball über die Stra­ße rollen. Zwar wusste er die altväterlichen Lobeshym­nen von Alis zu schätzen, die ein unverzichtbarer Be­standteil der guten Sitten und der Hofriten waren, je­doch warteten auf ihn dringende Termine in seiner Be­hörde. Er hob die Hand, aber Alis war noch nicht fer­tig:

»Herr, es liegt mir fern, dich zu belästigen …«

»Nun. Was ist denn noch?«, unterbrach ihn Ómer. Er war der Vezir, es war sein Privileg, unhöflich zu sein.

»Meine Beine sind alt und schwach, mein gnadenrei­cher Herr«, sagte der Geschichtenerzähler und wollte erneut einen längeren Sermon auf Ómer Sud und sei­nen Charakter anstimmen. Doch er bemerkte noch rechtzeitig, wie dessen Augen wieder schmaler wur­den.

»Deshalb habe ich eine geringe und unbedeutende Bitte, die du mir in deiner grenzenlosen Güte nicht abschlagen wirst, denn du bist ja ein Quell der Barmherzigkeit, an dessen Feuer sich ganz Karukora erwärmt. Darf mich mein guter Enkel Selin heute Abend begleiten? Er ist ein braver, fleißiger Junge und nimmt im Herbst an den großen Prüfungen teil. Sein Arm ist die Stütze meines Alters; er ist mein Augenlicht und mein Gedächtnis. Er wird mich zum Palast und wieder zurück in die Gosse brin­gen.«

»Nun. So soll es sein.«

Ómer Sud klatschte einmal in die Hände und schloss die Vorhänge. Die Träger hoben die Sänfte an und setz­ten sich gehorsam in Bewegung. Die Palastwachen bahnten ihnen grob ein Weg zwischen den Marktstän­den hindurch, an denen sich die Menschen drängten. Doch jedermann erkannte die Sänfte des mächtigen Mannes und wich eilig zur Seite oder kauer­te sich ängstlich in den Schmutz. Es dauerte lange, bis sich der Staub gelegt hatte und der Alltag auf den Platz zurückkehren konnte.

Der Erzähler runzelte die Stirn. Dann begegnete er dem Blick des schäbig bekleideten Dieners von Ómer, der noch immer neben seinem Teppich stand und die Börse wog. Die beiden lächelten sich verschwörerisch zu.

»Das hat geklappt, wie wir es wollten, Muhar«, stellte Großväterchen Alis zufrieden fest.

»Der erste Schritt auf unserem Weg wurde getan.«

[In der nächsten Woche folgt noch eine Leseprobe]

 

 

 

Ein Kommentar

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„Noch einmal davon gekommen“ – Leseprobe II

Das Lied des Weckers

Wir haben es also gesehen: An den Wochentagen, an denen ich vor 06:00 Uhr aufstehen muss, herrscht Ausnahmezustand und wenn ich mich nicht am Griff meiner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich beim Frühstücken vom Stuhl. Der frühe Morgen zwingt mich also zu widernatürlichen, abartigen Handlungen, die meiner ganzen Persönlichkeit, meiner Weltanschauung und meiner Ethik widerspricht. Da ich gerne mit meiner humanistischen Bildung angebe, will ich es mit den Worten meines geschätzten Kollegen Torquato Tasso sagen, die ihm Goethe im gleichnamigen Drama in den Mund gelegt hat:

So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja, zu sein, wie jene, die wir kühn und stolz verachten konnten.

Deshalb habe ich mich entschlossen, an diesen Frühaufsteh-Tagen nicht mehr zu schreiben. Die Weltkultur und die Menschheit im Allgemeinen werden es wahrscheinlich überleben, wenn ich ein- oder zweimal in der Woche nicht blogge, nicht an meinen, ach, so bedeutenden Romanen und essayistischen Ergüssen schrei­be – und übrigens halb schlafwandelnd auch in der Arbeit nur Mist mache.

Meine Sorge ist eine ganz andere: Es ist das pünktliche Aufwachen, um rechtzeitig in der Arbeit zu sein. Ich bin im Besitz einer gut funktionierenden inneren Uhr, aber gerade in den frühen Morgenstunden versagt sie gerne. Die wunderbare Frau Klammerle (meine liebe, treusorgende und geduldige Gattin, die ich nun zum ersten, aber bestimmt nicht zum letzten Mal auf diesen Seiten erwähne), die als pflichteifrige Kran­kenschwester jeden Tag zu den unmöglichsten Zeiten aufstehen muss, mal vor 05:00 Uhr zum Frühdienst, am nächsten Tag zum Spätdienst, dann zum Zwischen­dienst, und anschließend mal wieder still vergnügt ein paar Nächte lang durcharbeitet, bringt freilich absolut kein Verständ­nis für mein oben geschildertes Problem auf1.

Es geht ihr auch viel schlimmer als mir: Obwohl sie noch nie zu spät zur Arbeit kam, ist sie anerkannte Weltmeisterin im Tief­-, Lang- und Vor-dem-Fernseher-Schlafen und steht als solche auch unangefochten im Guinnessbuch der Rekorde. Ach, wie oft fiel ihr schon ein dicker Frauenroman beim Lesen im Bett nach der ersten schmalzigen Seite aus der ermüdeten Hand und aufs Gesicht!2

Daher brauchen wir beide dringend jeder persönlich einen eigenen Wecker auf dem Nachttisch mit den privaten, täglich wech­selnden Weckzeiten. Und damit beginnt das eigentliche Ärgernis und zwar nicht nur Freitags oder Montags, sondern jeden dum­men Alltagsmorgen, den uns der Herr in seiner grenzen­losen Güte noch schenken will, bis wir einstmals das Rentenalter erreichen.

*

Es folgen nun ein paar Auszüge aus dem Tagebuch der Familie Klammer:

Montag, 11. September 20**,
04:43 Uhr morgens

Ruhe herrscht im Hause Klammer, alles schläft. Allein Amy, die Katze3, hebt einmal kurz ihren Kopf von ihrer Ruhedecke zu den Füßen von Frau Klammerle. Das treue Tier öffnet nicht einmal die Augen, schnuppert nur einmal in die Luft, lauscht den gleichmäßigen Atemzügen, die von der rechten Bettseite etwas lauter rasseln. Amy, die Katze, hat ein gutes Ge­fühl für Stimmungen. Sie weiß, es liegt etwas in der Luft. Trotzdem schmiegt sie sich wieder in ihre ausge­streckten Pfoten und lächelt im Katzenschlummer.

Der digitale Funkwecker von Frau Klammerle ist auf die Weckzeit von 04:45 Uhr eingestellt, sie hat Früh­dienst. Mein Wecker, ebenfalls eines dieser digitalen Teile, die einem die Supermärkte, Drogerien und Kaffee­geschäfte billig hinterher schmeißen, soll erst eine Stun­de später läuten, immer noch zu früh, aber immerhin kann ich ja noch eine ganze Stunde schlafen. Noch 2 Mi­nuten, bis das Schicksal zuschlägt …

Frau Klammerles Uhr erreicht den Weck-Zeitpunkt. An­statt enervierend zu piepsen, knackt sie nur kurz. Ein leises Geräusch, das außer der Katze, die es nicht weiter interessiert, von niemandem gehört wird. Das Ehepaar Klammerle ruht ungestört weiter. Amy, die Katze, hat jedoch eine perfekt funktionierende innere Uhr, weshalb sie fünfzehn Minuten später Appetit auf einen kleinen Früh­stückssnack bekommt. Deshalb erhebt sie sich aus ihrer Decke, reckt und streckt sich, gähnt einmal herzhaft und trottet gemütlich hinauf zum Kopfende, wo Frau Klammerle noch immer von angenehmen und wie üblich vollkommen harmlosen Dingen träumt. Amys Weckmethode ist etwas weniger subtil als das knappe Klacken des kaputten Weckers: Sie schlägt ihr mit der Pfote auf die Nase und ruft auf kätzisch:

Guten Morgen- ich habe Hunger!“, was sich ungefähr wie „Brr – mau!“, anhört.

Frau Klammerle steht im Bett, ihr Herz pocht. Ein Blick auf ihren Wecker zeigt ihr, dass sie viel zu spät dran ist. Mit einem Auf­schrei stürzt sie ins Bad, ohne sich weiter um die Katze zu kümmern. Diese ist nur kurz beleidigt, dann ent­scheidet sie, dass es ja noch einen zweiten Menschen gibt, der sie zu ihrem Fressnapf geleiten und denselben mit Trockenfutter und Leckerli füllen kann. Auch ich werde mit einem liebevoll kräftigen Schlag auf die Nase ge­weckt.

Brr – mau!“

Und bin deshalb eine Stunde zu früh wach. Eine Entscheidung muss her.

Morgen kaufe ich für Frau Klammerle einen neu­en Wecker beim Billigdrogeriemarkt im Dorf. Die alte Uhr, die zwar immer noch – von einer Atomuhr funkgesteuert – sekundengenau die Zeit anzeigt, aber eben nicht mehr weckt, landet in mei­nem Arbeitszimmer. Einen Nachmittag lang beschäftige ich mich, Frau Klammerle zu erklären, wie der neue Wecker funktioniert. Einstellen der Alarmzeit, Schlummertaste usw. Warum sind diese Tasten bei Funkuhren immer so klein und fummelig, so ungünstig wie möglich hinten am Gerät angebracht und warum muss man mindestens zweimal konzentriert drücken, um den Wecker auszuschalten? Da muss Methode dahinter sein …

*

Montag, 18. September 20**,
04:45 Uhr morgens

Wieder hat Frau Klammerle Frühdienst. Und der neue Wecker funktioniert! Ein unerträglich lautes Piepsen er­tönt. Amy, die Katze, flüchtet unter das Bett, auf dem Herr und Frau Klammerle mit pochenden Herzen stehen. Frau Klammerle schnappt sich das plärrende Teil.

Wie schal­tet man das Ding aus?“, ruft sie verzweifelt und drückt alle Tasten, die auf der Rückseite sind. Tatsächlich herrscht plötzlich Ruhe. Sie stellt den Wecker zufrieden zurück aufs Nachtkästchen und trollt sich ins Bad. Nachdem sich mein Puls wieder beruhigt hat, sinke ich zurück in meine warmen Kissen, ich darf ja noch eine Stunde schlafen. Ein wunderbarer Traum muss noch weiter geträumt werden und tatsächlich gelingt mir das seltene Kunststück, wieder in ihn hinein zu finden und tiefer ins Wunderland zu fliegen. Da geht Frau Klam­merles Wecker erneut los. Ich schrecke hoch, schnappe mir das Teil und drücke alle Tasten, die auf der Rücksei­te sind. Mir gelingt es nicht, die richtige, die den Lärm stoppt, zu finden. Also entferne ich die Batterien. Ruhe. Aber jetzt sind Schlaf und wunderbarer Traum endgül­tig geflohen und ich liege eine Stunde wach, bis meine treue Uhr sich pflichtbewusst meldet.

Am nächsten Tag landet der Wecker, der zwar funktio­niert, aber für uns viel zu kompliziert ist, in einer Schublade im Arbeitszimmer, wo er weiterhin ab 04:45 Uhr morgens zehn Minuten lang vor sich hin plärrt, aber niemanden mehr stört.

*

Montag, 25. September 20**,
04:45 Uhr morgens

Nein, du kaufst heute keinen neuen Wecker. Ich habe eine bessere Idee“, erklärte mir vorgestern meine Frau, als ich mich beim Einkaufen in der Uhrenabteilung herum trieb.

Denn sie hat eben mit der Post ihr neues Smartphone erhalten und spielt verliebt mit dem komplexen Gerät, dessen Funktio­nen sie niemals alle verstehen wird und wohl auch nicht will. Aber das mit der Weckfunktion hat sie sich genauestens vom technikaffinen Sohn Nr. 24 erklären und vorführen las­sen. Als Erzieher für verhaltensauffällige Jugendliche kennt er die besten Lern­methoden und hat seine Mutter diese App auch einmal selbst ausprobie­ren lassen. Sie stellt mit ihm gemeinsam die Weckzeit ein, sucht sich einen besonders ätzenden Weckton – Harry Belafonte, Banana Boat Song – aus und schlummert nun gelassen ihrem Frühdienst entge­gen.

Day-o, day-o! Daylight come and me wan‘ go home …“

Das Smartphone ist pünktlich und macht seine Arbeit. Amy, die Katze, flüchtet un­ters Bett, Herr und Frau Klammer stehen mit pochen­dem Herzschlag in ihrem Bett. Freilich lässt sich auch dieses Gerät nicht so einfach ausschalten, der Touch­screen mit seinen winzigen Icons ist für frühmorgend­lich tastende, noch bettwarme Finger zu klein und irgendwie hat Frau Klammerle auch wieder vergessen, wie das Ausschalten des Alarms funktioniert. Gestern ging es doch noch so einfach!

Doch dann schweigt das Teil plötz­lich. Sie nimmt vorsorglich ihr Telefon mit hinaus, schließt fürsorglich die Schlafzimmertür und legt das Handy in den Gang, stellt sich erst einmal zur Beruhigung unter die Dusche. Ich sinke zurück in meine Pfühle, schlafe wieder ein. Von draußen dringt erneut Harry Belafonte an mein Ohr, langsam lauter und drohender werdend.

Day-o, day-o!“

Ich kann das nicht mehr ignorieren: Offensichtlich ist es eine Funktion der „Weck-App“, nach einer Weile noch einmal loszuplärren. Verzweifelt renne ich also hinaus in den Gang, wo ich blind nach dem sich noch immer stei­gernden Lärm taste. Dann halte ich endlich dieses Gerät in der Hand und kann nicht einmal den Bildschirm akti­vieren.

Come, Mister tally man, tally me banana!“

Brr – mau!“ Die Katze schmeichelt klagend um meine Beine, überrascht, dass ich schon jetzt aufgestanden bin, um sie zu füttern. Frau Klammerle hört nichts. Sie duscht ja hinter verschlossener Tür und hat Shampoo in den Oh­ren.

Endlich tapst ein verschlafener Sohn Nr. 2 von seinem Zimmer im Dachjuchhe5 herunter, entreißt mir wortlos das Smartphone und schaltet es mit einem Fingerwischen ab. Mit strafendem Blick drückt er mir das Ge­rät wieder in die Hand. Dann stapft er spürbar angefressen zurück in sein Reich.

Und wieder bin ich eine Stunde vor meinem geplanten Aufstehen hellwach. Meine Frau singt weiterhin unter der Dusche.

Come, Mister tally man, tally me banana!“

*

Sonntag, 07. Oktober bis Montag, 08. Oktober 20**,
eine
ganze, lange Nacht

Also die Idee mit dem Smartphone war nicht direkt überzeugend“, argumentierte ich gestern, am Ruhe-vor-dem-Sturm-Samstag. Frau Klammerle zuckte mit den Schultern.

Schnickschnack! Die Tastfelder sind einfach zu fummelig“, gab sie den­noch zu. Politik beherrscht sie wie die Kanzlerin: Dem Gegner in Kleinigkeiten Recht geben, aber in der Sache festbleiben.

Doch ich habe die ideale Lösung gefunden: Ich werde ab jetzt deinen Wecker benutzen. Der ist einfach zu bedienen und überhaupt: Eigentlich war er ursprünglich mal meiner.“

Damit hat sie recht. Argumentativ ist sie mir immer ei­nen Schritt voraus. Früher hatte ich einen Radiowecker, der mich entweder mit hysterisch munterem Morgenge­quassel (siehe oben) oder mit dem ersten Lied einer in ihn ein­gelegten CD weckte. Nachdem er mich zum 264. Mal mit Come on up to the house von Tom Waits geweckt hatte, flog er an die Schlafzimmerwand und genießt seine Rente in meinem Arbeitszimmer. Ich erbte dann die ausgediente Funkuhr meiner Frau, als sie sich die todschicke neue kaufte, die dann vor zwei Wochen plötzlich versagte.

Aber du hast ihn mir vor vier Jahren gegeben, weil du dir einen viel besseren gekauft hast!“, wehre ich mich, obwohl mir klar ist, dass ich schon verloren habe.

Und dann habe ich doch keinen Wecker mehr! Ich muss montags schließ­lich auch wahnsinnig früh raus!“

Schnickschnack! Mein Wecker ist kaputt, also nehme ich meinen alten wieder zurück. Du brauchst doch gar keinen Wecker, du bist doch eh schon immer wach. Oder du stellst ihn dann noch einmal – ganz einfach.“

Aber ich bin doch nur wach, weil du mich weckst! Aber weißt du was? Ein echter Mann weiß, wann er verloren hat. Nimm ruhig meinen alten Wecker. Ich werde mir jetzt einen tollen neuen kaufen.“

Und tatsächlich gab es einen im Sonderangebot beim Kaffeegeschäft unseres Vertrauens, wohin mich mein Weg eh führte, weil Frau Klammerle gerade in die expe­rimentelle Phase der Erprobung ihres in der letzten Woche frisch erworbenen neuen Kaffeevollautomaten eingetreten ist und entsprechende Men­gen an Bohnen verbraucht, um die ideale Röstung für die Maschine zu finden.

Nachdem ich acht (!) Batterien eingelegt und die zwanzigseitige Bedienungsanleitung für meine neue, exquisite Uhr studiert hatte, fand ich tatsächlich auf der Rückseite meines Weckers mehrere eng beieinander liegende, klapp­rige Plastiktasten, mit denen ich nach einigen Fehlver­suchen den Alarm programmieren konnte6. Ich stellte die Weckzeit voller Hoffnung auf 06:00 Uhr morgens ein. Ein Mann und sein Wecker. Dieses Mal würde alles gut werden. Aufgeregt ging ich schon um 22:00 Uhr ins Bett, nachdem ich unbedingt noch ei­nen frisch aufgebrühten Espresso doppio aus dem wunderbaren neuen Vollautomaten mei­ner Frau testen musste.

Irgendwann in der Nacht kratzte Amy, die Katze, am Balkon­fenster (ich weiß immer noch nicht, wie sie es jede Nacht schafft, da hoch zu kommen) und ich suchte mit müden Fingern nach meiner Neuerwerbung, fand nach einigem Tasten auch den Licht­knopf, der sich als einziger oben am Gerät befindet. Ich öffnete die Augen ein wenig und drückte.

Eine grelle Lichtkaskade überflutete das Schlafzimmer; mir war, als läge ich im Schlafzimmer mit Scarlett Johansson im Bett7 und zwanzig Paparazzis fotografierten gleichzeitig durch das Balkonfenster herein. Von Blickfeld meines außerordentlich neugierigen Nachbarn von gegenüber muss­te es aussehen, als würde jemand eine Blendgranate neben mei­nem Bett zünden. Entsetzlich! Ich hatte ins Antlitz der Medusa ge­blickt, fiel versteinert zurück aufs Kissen und kniff die schmerzenden Augen zu­sammen. Und dort, auf der Rückseite meiner Lider, konnte ich tatsächlich die Uhrzeit ablesen, als bunt leuchtendes Negativbild zwischen platzenden Plasma­ringen: 02:53 Uhr! Frau Klammerle war übrigens nicht einmal wach geworden.

Der geblendete Michael Strogoff tastete sich aus dem Bett und ließ die Katze herein, die durch das Blitzlicht eben­falls recht desorientiert wirkte und über den Tep­pich stolperte. Aber bald darauf legte sie sich auf ihr Handtuch zu den Füßen meiner Frau. Und auch ich fand zurück in meine Ruhe­stätte, nicht ohne mir dabei schmerzhaft das Schienbein am niedrigen Holzrahmen unseres alten Futonbetts aufzuschlagen.

Dann lag ich wach. Ich traute mich nicht mehr, noch einmal den Halogenstrahler an meiner Uhr einzu­schalten, den ich morgen dem TSV Diedorf als Stadion­flutlicht verkaufen werde. Ich starrte an die Decke, wo noch immer lustige Farbflecken und bunte Zahlen tanzten. Offenbar wirk­te jetzt endlich auch die winzige Tasse Espresso …

Später schlief ich doch noch ein. Nein, meine Neuanschaf­fung8, deren eigentliche Berufung es offenbar war, eine kleine Sonne zu imitieren, hat morgens um 06:00 Uhr nicht geläutet. Ihr Alarm funktionierte nicht, wahrscheinlich verbrauchte das Licht zu viel Strom. Mich weckte auch nicht der sanfte Alarm des Weckers meiner Frau, der einmal der meine gewesen war. Mit einer lässigen Handbewegung schalte­te sie ihn aus und trat leise aus dem Zimmer, duschte und zog sich an. Das bekam ich aber alles nicht mit …

Dann allerdings bricht die Hölle los: Frau Klammerle hat unten in der Küche ihre neue Kaffeemaschine eingeschaltet. Sie rauscht, rattert, zermahlt, reinigt, heizt und plät­schert, piepst und rülpst! Sie kocht, zittert, brüllt, dampft, stampft und zischt. Amy, die Katze, flüchtet unters Bett, Herr Klammer steht mit pochendem Herzschlag in seinem Bett.

Seitdem weckt mich an jede frühen Morgen die einfach programmierbare Zeitschalterfunktion von Frau Klammerles Vollau­tomat. Das ist zwar ein recht teurer Wecker, aber dafür bereitet er wirklich einen hervorragenden Kaffee!

 

1

Der geneigte Leser beachte und bewundere diesen altmeisterlich konstruierten Satz, der allein schon das Geld wert ist, für das er dieses Büchlein erwarb!

2Deshalb besitzt sie inzwischen einen E-Book-Reader. Der ist leichter und tut nicht so weh.

3… auch über sie wird es noch viel zu erzählen geben. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich ein Fußnotenfetischist bin?

4 Frau Klammerle und ich haben zwei vielversprechende, inzwischen erwachsene Söhne groß gezogen. Die beiden sind gerade dabei, flügge zu werden.

5 Vielleicht sollte ich hier mal erwähnen, dass ich nicht nur ein begeisterter Freund von Fußnoten, sondern auch von veralteten Wörtern bin.

6 Ich weiß noch immer nicht, was eigentlich diese „Snooze“-Funktion macht. Wenn sie mir einer meiner Leser erklären kann, wäre ich für eine kurze E-Mail dankbar.

7… unter uns: Das ist eine durchaus anregende Vorstellung. Aber verraten Sie mich nicht Frau Klammerle.

8… die jetzt im Arbeitszimmer ruht. Aber das dachten Sie sich sicher schon.

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„Noch einmal davon gekommen“ – Leseprobe I

Das Morgengrauen

In jeder Alltagswoche zwingt mich mein Brotberuf, morgens vor 06:00 Uhr aufzustehen.

Was?“, wird nun vielleicht einer der beiden Fans des weltberühmten Autors und Kolumnisten Nikolaus M. Klammer überrascht ausrufen: „Mein Lieblingsschrift­steller kann von seiner Literatur nicht leben? Das hätte ich nie gedacht; so eine Schande. Wie krank ist denn die­se Welt?!“

Ja, mein lieber Freund, ich stimme dir gerne zu und ge­stehe es dir hier im Vertrauen – sozusagen von Ange­sicht zu Angesicht – denn sonst liest ja dieses Büchlein niemand: So ist das. Von der Feder zu leben ist so er­tragreich wie der Versuch, einen Ochsen zu melken. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen:

Der Versuch, vom Schreiben zu leben, ist zwar nicht die schnellste Art zu verhungern, aber es ist doch noch immer die zuverlässigste.

Zudem gehen die meisten Verleger, Leser (und Anhänger der Piratenpartei) davon aus, dass der Autor überhaupt nur aus reinem Idealismus und Menschenfreundlichkeit schreibt und daher froh und dankbar sein sollte, wenn er seine Werke und schlauen Gedanken ohne freche Honorarfor­derungen verschenken kann. Eine Frechheit des Autors, dafür auch noch Geld zu verlangen!

Was?“, werden alle anderen ausrufen, die mich nicht kennen und denen du, lieber Fan, fassungslos von mei­nem frühen Aufstehen erzählst: „Die überempfindliche Heulsuse Klammer jammert uns wegen seines traurigen Loses die Ohren voll, weil er tatsächlich ein paarmal in der Woche vor 06:00 Uhr aufstehen muss? Das hätte ich nie von ihm gedacht! Von dem lese ich keine Texte mehr, da muss ich mich nur aufregen.“

Halt,sage ich, ihr habt ja recht!

Eigentlich kann ich froh sein, wenn mich in meinem langweiligen Brotberuf überhaupt jemand dafür bezahlt, dass ich einige Stunden herumstehe, klug daher rede und durch Handauflegen Computer repariere. Da werde ich mein müdes Haupt auch einmal vom warmen Kissen und den Körper aus den Pfühlen erheben können, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Ja, ihr habt alle recht, all ihr Frühdienstler und Nachtwächter, ihr bra­ven Bauern, Arbeiter und Angestellte, Beamte und Kö­che, die ihr niedergedrückt von der Woche Last wohlver­diente (und kostenfreie) Entspannung in meiner Literatur sucht. Ihr alle, die ihr jeden Tag und oft auch am Wochenende klaglos vor den Hühnern aufsteht, um im Schweiße eures Angesichts euren kärglichen Lebensun­terhalt zu verdienen – ihr alle habt meinen Respekt. Ich kla­ge mal wieder auf hohem Niveau; das kann ich wirklich gut. Selbstmitleid ist meine persönlichste Regung, das sollte inzwischen bekannt sein.

Aber ich bin eben auch Künstler und mir ist es deshalb einfach nicht in die Wiege gelegt, in die Gene geschrieben oder durch die Erziehung aufgeprägt worden, morgens vor der Frühmesse schon wach zu sein. Die Stunde des Dichters ist der späte Abend, es ist die Nacht. Sie allein hat Er­barmen mit ihm, hüllt ihn ein in einen wärmenden Man­tel der Ruhe und der Besinnung. Daher richtet er auch seine Hymnen an den leuchtenden Sonnenuntergang, an die funkelnden Sterne am schwarzen Firmament, an die mürrischen Barkeeper hinter den Theken seiner Lieb­lingskneipen – und nicht an die stumpfe, allzu kalte Morgen­dämmerung, nicht an die öligen Regentropfen aus grau­en Nebelwolken und die mürrischen Busfahrer hinter den Lenkrädern der Linie 601.

Zählen wir doch einmal: Wie viele Maler malten denn die Morgensonne? Was zählt ein Claude Monet gegen ge­fühlte tausend Abendstimmungen von Caspar David Friedrich? Wie viele Lyriker beschrieben rosa Wolken­finger, die sich in den Morgenhimmel krallen? Und wie viele Lieder an die Nacht wurden dagegen gereimt? „Warte nur, balde ruhst du auch.“ Wie viele musikali­sche Morgenstimmungen gibt es? Ah, da meldet sich ei­ner: „Der Zarathustra von Strauß und der Grieg’sche Peer Gynt“, höre ich. Brav, da hat aber einer seine Hausaufgaben gemacht.

Erstens: Diese zwei Beispiele stehen so einsam gegen all die Abend- und Gute-Nacht-Lieder, Serenaden und kleinen Nachtmusiken, dass sie wohl kaum ins Gewicht fallen und wahrscheinlich eh nur geträumte Phantasien des Komponisten sind, der sie spät am Abend zu Noten machte. Zweitens: Meine Argumentation ist zu gut, um sie mir von der Wahrheit kaputt machen zu  lassen. Setzen!

Zusammengefasst: Ich bin einfach nicht dafür geboren, vor 08:00 Uhr aufzustehen! Ich möchte richtig verstan­den werden. Ich bin kein Oblomov, ich verschlafe nicht den ganzen Vormittag. Ich kann sogar hervorragend vor meiner verdienten Mittagsruhe arbeiten – aber nicht, wenn ich mich zu früh in den grauen, im Winter schwarzen, Tag kämpfen muss. Dann kann ich nicht denken, kaum zwei zusammenhängende Sätze formulieren, jemandem zuhören oder konzentriert arbeiten, gar mit Menschen reden, ohne ihnen Beleidi­gungen oder Gegenstände ins Gesicht zu werfen. Gut, dass diesen Menschenkontakt bei meiner Arbeit nie­mand von mir verlangt, denn morgens herrscht bei mir Ausnahmezustand. Wenn ich mich nicht am Griff mei­ner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich langsam vom Stuhl.

Gemach! Bevor alle Werktätigen mit Früh- und Nacht­schichten von Neuem über mich herfallen – ich kann be­reits den einen oder anderen bösen Kommentar auf der Zunge schmecken: Ich erwähnte bereits, dass ich auf höchstem Ni­veau jammere. Der Herr hat den Menschen und insbesondere Nikolaus M. Klammer nicht dazu geschaffen, um diese Uhrzeit aufzustehen. Schließlich geht auch die Sonne erst später auf. Vor sieben Uhr aufstehen: Das ist eine unmenschliche Tortour, ein Verbrechen an der Menschheit, das gesetzlich verboten gehört.

Denn mein gequälter Leib schleppt sich nach dem un­barmherzigen Weckerklingeln einem Zombie gleich ins Bad, während meine Seele noch im Bett liegt und von heiteren, leichten Dingen träumt. Erst, wenn mein see­lenloser Körper sich vor dem Spiegel stehend oberfläch­lich wäscht und mechanisch die Zähne schrubbt, werde ich langsam wach und mein Geist kommt hinter mir her aus den warmen Pfühlen ins Bad getrottet. Dort finde ich mich und eine Laune. Selten ist es eine gute, denn der Verfall, der mir aus dem Spiegel mit von Zahnpasta verschmierten Lippen eine Grimasse zieht, schreitet hurtig voran und die Zahl der grauen Haare steigt täglich progressiv an. Selbst wenn ich mich noch für eine schnelle Dusche mit „revitalisieren­den Algenextrakten“ und „Hair-Energizer“ (wird wahr­scheinlich Här-Einischeißer ausgesprochen) entschei­de, bringt das keine Jugendlichkeit zurück.

Auch der weitere Ablauf des Tagesbeginns folgt einer festen Zen-Regel: Ich tappe an den Briefkasten und neh­me die Zeitung, trage sie in die Küche und schmeiße den Kaffeevollautomaten (siehe weiter unten) an. Dann schleppe ich mich zum Radio und öffne den Sender meines Vertrauens.

Da ich grundsätzlich – und am Morgen insbesondere – auf das waidwunde Gewinsel von Helene Fischer, des Grafen, von Xavier Naidoo et. al. und auf das Beste aus den 80ern und die Hits der 90er verzichten kann, ist die Fre­quenz auf den einzigen Rocksender eingestellt, der Bay­ern beschallt. Da die Songauswahl der Rockantenne eng begrenzt ist – wahrscheinlich können sie sich nicht so viele Lieder leisten –, singen meist Jon Bon Jovi oder Die toten Hosen, was ich morgens gerade noch hinnehmen kann. Ich packe also meinen Pott Kaffee, kühle ihn großzügig mit Milch, vergesse dann aber meist umzurühren und verbrenne mir den Mund (auch davon noch später). Mühsam versuche ich die Schlagzeilen der Zeitung zu verstehen. Mist, ich brauche jetzt wirklich bald eine Lesebrille. Die Laune bessert sich nicht. Da hilft mir auch das zum einhundertsten Mal gespielte Hotel California nicht.

Und dann wird in die letzten Takte des Liedes ge­quatscht und der Ärger geht los: Warum müssen Radio­moderatoren – insbesondere Morgenshow-Moderatoren – immer so hysterisch gute Laune haben? Da wird ein Sparwitz nach dem anderen gerissen und künstlich dar­über gelacht. Und damit der trübe Morgenverstand des Hörers auch mitbekommt, dass das lustig sein sollte, wird das Ganze noch wie beim Mainzer Karneval mit einem Tröt-Geräusch oder einer Fanfare untermalt. Und so kichert man sich durch die Moderation und durch den Wetterbericht und wirft sich bei den Verkehrsmeldungen fast weg, unterbrochen von den immer gleichen Werbe-Jingles, in denen mir noch hysterischere, kurz vor der Einweisung in eine Anstalt stehende Menschen jeden Morgen aufs Neue versichern, wie lecker die Spätzle von Settele sind, wie günstig mich eine Autofinanzierung kommt und welche Nummer die Telefon­auskunft hat – dazwischen singen mal wieder BostonWhat a feeling“, obwohl ich, wenn ich ehrlich bin, außer aufsteigendem Zorn noch überhaupt nichts fühle …

Ist es denn so schwer zu begreifen, dass ich das am Morgen alles nicht brauche? Können denn die Moderato­ren (Barny! Eisprinzessin! Ha, ha, ha ha, ha! Das Wet­ter, ha ha! Klingeling, wer ist denn da dran? Ha, ha, ha! Trööt!) nicht auf mich Rücksicht nehmen und wenigs­tens vor Acht Uhr nicht wie klinische Fälle in der manischen Phase plappern, sondern auch einfach mal so schlecht gelaunt sein wie ich? Ich habe mir sogar ein Internetradio mit 50.000 Sendern zugelegt. Dadurch wurde nichts besser: Jetzt kann ich aber die Morgenhys­teriker in allen Sprachen der Welt empfangen – am schlimmsten sind die Japaner …

Warum gibt es kein Morgenmuffelradio, in dem jemand mit übler Stimmung halb schlafwandlerisch ein paar In­formationen ins Mikro murmelt und dann Leonard Co­hen oder The Cure jammern lässt oder – noch besser – ohne Gequatsche die besten Morgenblues-Titel spielt? Das würde mir morgens wirklich  auf die Beine helfen …

Vielleicht sollte ich selbst solch eine Radiostation grün­den: Morgenmuffel 92,4, das Programm für die Nichtausgeschlafenen, mit der Schlechte-Laune-Garantie für den ganzen Tag, Staumeldungen und den traurigsten Rockballaden – werbefrei und ohne Gewinnspiele.

First we take your morning, than we take your day…“

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Der Weg, der in den Tag führt – Die letzten Kapitel

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Ein Projekt, das ich auf meinem im Augenblick ruhenden Blog „Andere Welten, Andere Zeiten“ vorantrieb, nähert sich langsam seiner Fertigstellung. Es ist „Der Weg, der in den Tag führt“- meiner bescheidenen Meinung nach ist das der schönste Titel, den ich je einem Roman gegeben habe – und das Buch ist das Prequel zu meiner Brautschau-Trilogie. Wer also schon immer wissen wollte, was verdammt-noch-mal eigentlich vor der Geschichte passiert ist, wird hier gut bedient.

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»Zu Anfang war die Wüste einsam und tot. Die großen Schlachten waren geschlagen, die Waffenkammern leer. Die Knochen der Streitenden bleichten in der Sonne und ihre Rüstungen zerrieb der Wind zu Staub. Die alten Städte schluckte der Sand der Zeit. Kein Leben war mehr. Gleichgültig, ob Mensch oder Tier, wer nicht rechtzeitig auf die Nordseite des Großen Walls geflohen war, den hatte Inet, der Herr des Krieges, unter seinem Leichentuch aus Feuer und Gift erstickt. Nur der ewige Marat, der heilige Strom, den die Vorgänger Dunâr hießen, er allein durchschritt eilig, wie vom Grauen, das links und rechts seines Weges lag, gejagt, die grausame Hitze der Toten Wüste auf seinem Weg von seinen verwunschenen Quellen jenseits der bewohnten Welt bis hin zu den Gestanden des Südlichen Meeres, in das er noch heute seine Manneskraft ergießt. Der Marat war die einzige Schlagader des Lebens in einer zerstörten Welt.

Auf seinem Blut, seinen warmen, fischreichen Wassern, getragen vom Puls seiner Wellen, gelangten die Enkel der Flüchtlinge nach drei mal drei Generationen wieder heim in das Land, das ihnen die Allmächtige lange vor Mánis Fall, zu jener Zeit, als sie noch wie ein Mensch unter uns Sterblichen wanderte, verheißen hatte. Der erste, der diesen von der Göttin mit ihren Tränen gesegneten Boden nach fünfundzwanzig mal fünfundzwanzig Jahren wieder betrat, jenen Ort, den wir heute unsere Heimat nennen, dessen Name ist uns nicht überliefert. Er war der erste Herrscher, den sie „Den Namenlosen“ nannten. Wie es in Maraias Schriftrolle vorhergesagt war, fiel all das Land, das er in zehn Tagen mit seinem feurigen Pferd umrunden konnte, in seinen Besitz. Auf diese Weise trotzte er mit seinen Gefährten der Wüste erneut die Heimat ab, die er seinem Volk schenken wollte. An dem am Delta des Marats gelegenen Lagerplatz, von dem er mit seinem Streitross zur Umrundung seines verheißenen Landes aufbrach, gründete er seine Hauptstadt: Das Juwel der Sonne, das geheiligte Karukora, das türme- und palästereiche, dessen Anblick den Neidern den Tag vergällt.

So erzählen es die ersten Annalen und so ist es wahr. „Der Namenlose“ lag fruchtbar bei seinen Frauen, zeugte ungezählte Nachkommen und gründete durch sie die glorreiche Bingh-Dynastie. Durch die zwölf seiner Herrlichkeit nachfolgenden „Namenlosen“ wurde unsere Heimat zu dem einzigartigen Edelstein geschliffen, der noch heute und für immer am Ufer des Marat glänzt: Karukora, die Eine Stadt. Sie ist ein Denkmal zugleich für das Leben, den Reichtum und den Frieden, existiert sie doch inmitten von Tod, Hunger und einem Krieg im Osten, der niemals enden wird.«

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Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen.

Doch noch immer kämpfen ihre Roboterarmeen und Kriegsmaschinen östlich der Wüstenstadt Karukora in einer Schlacht, der nicht enden will. Gibt es eine alte Landkarte, die durch diese Ebenen des Ewigen Krieges zu den Stätten des Friedens führt? Der alte Märchenerzähler Alis ist davon überzeugt und gerät auf der Suche nach ihr am Hof des Namenlosen Herrschers von Karukora in ein Kesseltreiben aus Intrigen, Verschwörungen und finsteren Mordplänen.

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Auch wenn diese Geschichte aus Tausendundeiner Nacht dem einen oder anderen meiner Leser zu trivial erscheinen mag, habe ich mich trotzdem entschlossen, den gut 400 Seiten langen Roman hier zu Ende zu bringen und beginne ab Mittwoch mit der Veröffentlichung der letzten Kapitel. Den Anfang kann man hier ebenfalls als kostenloses E-Book herunterladen.

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Der Weg, der in den Tag führt – E-Book-Leseprobe

»Zu Anfang war die Wüste einsam und tot. Die großen Schlachten waren geschlagen, die Waffenkammern leer. Die Knochen der Streitenden bleichten in der Sonne und ihre Rüstungen zerrieb der Wind zu St…

Quelle: Der Weg, der in den Tag führt – E-Book-Leseprobe

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E-Book-Version von Nutzlose Menschen

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In den letzten Wochen habe ich hier die ersten zwei Kapitel von Nutzlose Menschen veröffentlicht. Obwohl dieser Roman einer der besten Texte ist, die ich je geschrieben habe und sowohl inhaltlich wie auch sprachlich problemlos mit den meisten aktuellen Veröffentlichungen auf dem Belletristikmarkt mithalten kann, ist die Aufmerksamkeit, die dieser hier hergeschenkte Roman beim Internetpublikum erweckt, mager wie immer und die Zugriffszahlen auf den Text tendieren gegen Null. Es will mir einfach nicht gelingen, mit meiner Literatur ein Publikum zu erreichen. Warum gelingt anderen scheinbar ohne Anstrengung, worum ich mich vergeblich mühe? Ich weiß es nicht. Auch Andere Welten, Andere Zeiten, meine zweite Seite mit meiner Genre-Literatur, dümpelt im flachen Wasser der Interesselosigkeit.

Trotzdem werde ich die bisher erschienenen Kapitel hier auch als Leseprobe in den gängigen EBook-Formaten zum kostenlosen Download direkt aus meinem Dropbox-Speicher ermöglichen. Doch auch das Interesse an meinen Gratis-Büchern ist gering und ich frage mich, woran das liegt. Sind meine Erzählungen und Romane uninteressant? Überschätze ich mich und meine literarische Kraft? Erreiche ich mit meinem Blog keine Leser oder besitzen diese einfach keinen E-Book-Reader?

Dabei ist doch das elektronische Buch die großartigste Erfindung seit dem Buchdruck. Der Traum, ein Buch zu haben, das aus vielen Büchern besteht, ist alt. Der vermutlich erste, der ein solches Buch beschrieb, ist E.T.A. Hoffmann in seinem Märchen „Die Brautwahl“, (im 3. Buch der Serapionsbrüder, hier als E-Book) in dem der Bibliomane Tusmann als Trostpreis ein Buch mit leeren Seiten erhält, das sich jedoch in seiner Tasche in alle Bücher verwandeln kann, die er sich wünscht. Als ich als Jugendlicher diese Geschichte zum ersten Mal las, wollte ich ebenfalls nicht den Hauptgewinn – die Hand der holden, aber etwas exzentrischen Albertine Voßwinkel (eine typischen Hoffmann-Emanze) – sondern genau diesen Band: Ein Buch, das sich in alle Bücher der Welt verwandeln kann. Heute ist dieser feuchte Traum wahr: Man stellt solche Lesegeräte her und ich besitze eines, war wahrscheinlich einer der ersten, die sich so etwas angeschafft haben. Früher war das nur SF, Captain Picard lief zwar Ende der Achziger auf der „Enterprise-D“ mit so einem Gerät herum – dort „Padd“ genannt, lange bevor sich Apple diesen Namen patentieren ließ – , aber ich musste meine Texte noch auf der Schreibmaschine oder auf meinem PC XT mit Lotus 1-2-3 tippen (eine gute Vorübung für den Html-Code). Elektronische Bücher waren in der Regel nur Gebrauchsanweisungen für Computerspiele und die Augen schmerzten beim Lesen an den Röhrenmonitoren. Damals suchte ich verzweifelt in Antiquariaten nach verlorenen Büchern, zum Beispiel nach gewissen Balzac-Werken oder den philosophischen Romanen von F.M. Klinger; manches fand ich in Ostberliner Buchhandlungen, aber in Westdeutschland gab es damals keine Balzac-Gesamtausgabe, Klingers „Dschafar, der Barmecide“ war nicht einmal antiquarisch aufzutreiben. Das ZVAB gab es noch nicht und das Suchen nach den Büchern verbrauchte mehr Zeit als das Lesen.

Mit dem E-Book-Reader besitze ich Tusmanns Zauberbuch allerdings nur fast: Trotz der Bemühungen von Google (die haben im Übereifer sogar einen alten Roman von mir digitalisiert, dessen Ausdruck friedlich in der Staatsbibliothek ruhte), den Gutenberg-Seiten oder mobileread etc., sind noch lange nicht alle meine Bücherwünsche greifbar und auch die Auswahl an neueren Büchern ist begrenzt. Durch das Urheberrecht, das Bücher erst 70 Jahre nach dem Tod des Autors freigibt, liegen manche Schätze in den Archiven der Verlage, die sie weder als gedrucktes noch als digitales Buch freigeben. Auf diese Weise wird Literatur getötet. Besonders unrühmlich tut sich da der Schweizer Diogenes-Verlag hervor, der zwar nach langem Zögern – selbstverständlich grotesk überteuert – seine Verkaufsschlager als E-Book anbietet, aber seinen Backkatalog in Frieden schlummern lässt. Ein Beispiel unter vielen: Der geniale William Faulkner, der immerhin Nobelpreisträger für Literatur ist, vom dem Diogenes gedruckt nur eine nach einer Neuübersetzung schreiende kleine Auswahl anbietet. Ihn gibt es als E-Book – überhaupt nicht, zumindest nicht auf deutsch. Bis ich die „Snopes-Trilogie“ lesen kann, muss ich – wenn ich legal bleiben will – also noch mindestens bis 2043 warten. Mit Balzac oder Joseph Conrad geht Diogenes ähnlich schlampig um. Trotz dessen: Der E-Book-Reader ist für mich die beste Erfindung seit dem Rad. Tatsächlich lese ich inzwischen häufiger auf meinem Gerät als im gebundenen Buch. Und wem der typische Geruch fehlt: Es gibt ein Parfüm, das nach Buchseiten riecht: „Paper Passion“ von Geza Schön, das bei Amazon fälschlich unter der Kategorie „Bücher“ eingeordnet ist. Madonna zählt schon den danach duftenden …

Ein E-Book ist eine digitale Datei, die in der Regel einen vom Browser lesbaren Html-Code beinhaltet, der komprimiert (ge-“zippt“) und häufig mit einem die Dateirechte einschränkenden Schutz versehen wurde, den man „DRM“ nennt. Dieser Schutz kann das Kopieren oder Drucken einschränken, die Leserechte zeitlich begrenzen (bei Leihbüchern aus der Stadtbücherei) oder vorschreiben, mit welchem Programm oder Reader man die Buchdatei öffnen kann. Amazon setzt z. B. auf ein eigenes Format (azw), um zu erreichen, dass nur im eigenen Shop E-Books gekauft werden. Der eine oder andere kennt das vielleicht noch aus den Anfangszeiten des digitalen Musikdownloads, als mp3-Dateien ebenfalls mit DRM geschützt waren oder von den Schutzmechanismen bei Computerspielen, die in der Regel allerdings wesentlich aufwändiger sind. Dieser Kopierschutz stellt für Hacker und Datendiebe in der Regel keinerlei Hindernis dar, sondern vergrätzt eigentlich nur den normalen Benutzer, der unnötig gegängelt wird. Denn obwohl das E-Book inhaltlich identisch mit dem analogen Buch ist, kauft man lediglich eine Datei und erhält nur ein Leserecht, das jederzeit wieder aberkannt werden kann und auch nicht übertragen werden kann, also weitergeb- oder verkaufbar ist. Dieser geniale Clou der Verlage bringt das Buch nicht in den Besitz des Käufers, sondern es wird ihm vom Rechteinhaber nur geliehen.

Wahrscheinlich deshalb gilt auf E-Books auch nicht der ermäßigte Steuersatz von 7 %, sondern der volle, was das virtuelle Buch, das ja eigentlich nur einer lesen darf und anschließend wieder vernichten sollte, unverhältnismäßig teuer macht. Inkonsequenterweise unterliegt das E-Book aber trotzdem der deutschen Buchpreisbindung und kostet in jeder Internetbuchhandlung den gleichen Preis. Daher verwundert es nicht weiter, dass es leichter ist, ein E-Book, an dem man interessiert ist, aus den illegalen Quellen des Internets zu fischen, als es offiziell zu erwerben. Der Laie sieht den professionell gemachten Download-Seiten oft nicht einmal an, dass er aus einer illegalen Quelle schöpft. Oft sind diese Bücher auch noch besser redigiert und erscheinen schneller als die offizielle E-Book-Ausgabe.

Ähnlich ging es sicher den Payrusrollenbesitzern, als sie die ersten Pergamentbücher in Händen hielten (Erstaunlicherweise hatten sie nicht ganz unrecht, denn das Prinzip der Papierrolle kehrt mit dem E-Book und den Internet-Blogs wieder zurück. Es wird nicht mehr geblättert, sondern wieder ge-“scrollt“). Aus den oben genannten Gründen stehen auch viele etablierte Autoren den E-Books skeptisch gegenüber, haben sie doch die durchaus berechtigte Angst, durch die massenhaften Urheberrechtsverletzungen und Raubkopien noch weniger Geld mit ihrem Werk zu verdienen. Auch wenn die Download-Zahlen auf Raubkopiererseiten einen die Haare zu Berge stehen lassen, wenn man sie mit seinen offiziellen Verkaufszahlen vergleicht, darf der Autor allerdings nicht vergessen, dass nur ein verschwindend geringer Anteil der illegal heruntergeladenen Bücher auch wirklich gekauft worden wäre. Leider gibt es mehr Downloader als Leser. Zudem wurde das Urheberrecht zu allen Zeiten mit den Füßen getreten und ein paar der bedeutendsten Werke der Weltliteratur (z. B. Shakespeare) kennen wir nur durch den Fleiß der Raubkopierer.

Leseprobe (3 Kapitel, 140 Seiten)

Nutzlose Menschen - Titelbild

Leseprobe im Tolinoformat

Nutzlose Menschen - Titelbild

Leseprobe im Kindleformat

Ein Kommentar

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„Feenliebe“ – Leseprobe Teil 2

… und sogleich folgt der zweite Streich.

Vergnügen ist garantiert! Lieber Leser, vergiss aber über dem Lachen und Nachdenken nicht, dass Autoren nicht allein von Luft und Liebe leben können, auch wenn sie sich alle Mühe geben. Ab und an benötigen sie auch einen kleinen stützenden Beitrag in pekunärer Form. Wenn dir also die Leseprobe gefällt – dann kauf das Buch, herrgottsakerzementnoamal!

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»Großknecht, wenn die Not am größten, ist dir Gott am nächsten. Die Kirche fiel mir ein. Wer geht schon freiwillig an einem normalen Wochentag in eine finstere und, wenn du es dir recht überlegst, ziemlich ungemütliche Kirche? Folglich konnte ich zwischen den hohen grauen Säulen und dunklen Bänken mit den abgegriffenen Liederbüchern eine geraume Weile die notwendige Ruhe für völlig damische Überlegungen finden – so sehe ich das wenigstens heute. Vielleicht nach Hamburg zum Hafen entfliehen, auf einem Schiff als Leichtmatrose nach Amerika abdampfen und irgendwann mit einem Haufen Dollars im Hosensack heimkehren, um mir ein Verzeihen teuer zu erkaufen … Und die Nachbarin, deren Mann sich sicherlich vor Kummer in Bier und Schnaps ersoffen hat, zu ehelichen, wieder ehrbar zu machen.

Ich schlich mich tatsächlich in die Kirche, versteckte mich und die Wucht meiner Verfehlungen vor dem Bildnis des heiligen Antonius. Meine Augen brannten, dennoch keine Tränen, nur blinde Ohnmacht. Großknecht, in meiner Verzweiflung dachte ich sogar an Freitod … aber in einem Chorgestühl? Mein leerer Blick heftete sich auf die Falten im Gewand des gütigen Heiligen, füllte sich mit der Hoffnung auf die Macht eines flehentlichen Gebetes um ein Wunder. Ein Gebet und vielleicht noch die Kraft einer brennenden Kerze. Zehn Pfennige für ein Kerzenopfer hatte ich gerade noch in der Tasche.

Ich betete: „Heiliger Antonius, hilf mir aus dieser Not, und ich entsage auf immer allen Weibern!“

Ich wartete auf irgendeine Antwort. Nichts, kein Widerhall. Antonius ließ mich in meinem Elend einfach verrecken. Oder? Vielleicht musste ich eindringlicher bitten: „Ich schwöre dir, heiliger Antonius, findest du eine Lösung, bewahrst du den Frieden zwischen den mir liebsten Menschen, weihe ich dir mein Leben und werde Priester. Amen!“

Fee-ausschnitt2Das war es, Großknecht. Auf einmal überkam mich eine große, vom Himmel gesandte Ruhe und mit erhobenem Haupt ging ich heim, mich seiner, meines Schutzheiligen, Entscheidung zu stellen. Zuhause herrschte eine merkwürdige Unruhe, die aber anscheinend mit mir nichts zu schaffen hatte. Obwohl es mit meiner vorgezeigten Sicherheit auf der Stelle vorbei war, als ich hinter der verschlossenen Küchentür die greinende Stimme unseres Nachbarn vernahm, legte meine Schwester, die ihr Ohr an die Tür gelegt hatte, nur warnend einen Finger auf ihren Mund. – Ich, im Moment nur der lästige Bruder, sollte ob zu belauschender ungeheuerlicher Vorfälle gefälligst das Maul halten. Was ging da vor, so fragte ich mich, und warum war ich nicht der mit Sünden beladene Mittelpunkt?

„Was ist denn da in der Küche los?“, wagte ich endlich zu flüstern.

„Psssst“, Finger auf den Mund, ein ärgerlicher Blick, „dem Nachbarn ist heut Mittag sein Weib davon, hat ihren Koffer gepackt und ist einfach verschwunden. Nun plärrt und trenst der Alois eben. Mag sein, sie ging in die Stadt. Ich sag dir was, hier bei uns auf dem Land war es ihr eh immer zu langweilig gewesen, da kann ich sie durchaus verstehen. Und nun sei endlich staad, ich kann sonst nichts mehr hören.“

Ein Wunder, Großknecht, das von mir erflehte Wunder und vom heiligen Antonius ohne Umschweife gesandt. Ich war gerettet, ein Berg von der Größe des Tabor fiel von meinem Herzen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, welch große Erleichterung mir der Heilige verschafft hat. Es war schlichtweg meine körperliche und seelische Wiedergeburt. Doch nun lag es bei mir, die mir selbst auferlegte Buße zu tun und mein Versprechen gleichfalls zu erfüllen. Ja, ehrlich, ich wollte büßen, mein neues Leben seiner Kirche weihen. An die Nachbarsfrau und ihr Kind habe ich dabei allerdings nicht mehr gedacht.

Auch wenn du mich so ungläubig ansiehst, mein Lieber, beinahe wäre ich tatsächlich Priester geworden. Aber trinken wir aus, denn der Rest ist schnell erzählt. Ich studierte diesen einzig wahren Glauben, war aber von Anfang nur halbherzig bei der Sache, hätte mich folglich niemals einer Weihe unterziehen dürfen. Auf der einen Seite kam ich mit verschiedenen Dogmen nicht klar, konnte einfach nicht verinnerlichen, dass die Jungfrau Maria leibhaftig in den Himmel aufgefahren ist oder dass es einen Menschen auf Erden gibt, der in Glaubensdingen auf Grund von Offenbarung und kirchlichem Lehramt angeblich unfehlbar sein soll … Ein Mensch und unfehlbar?

Dir zu hoch, Großknecht? Mir auch, immer noch, obwohl ich nicht aufgehört habe, nachdem ich das Studium geschmissen hab, mich mit der Religion – und nicht nur mit einer – zu beschäftigen.

Fee-ausschnitt3Auf der anderen Seite erwachte während dieses Kirchenlateins ganz allmählich die Erkenntnis in mir, dass vielleicht irgendwo ein Kind von mir aufwuchs. Ohne Vater, der vor der Verantwortung aus Feigheit in den Schoß der Kirche geflohen war. Und solches quälte mich. Ich kam mit mir nicht mehr ins Reine. Da bin ich abermals weggelaufen, hab von einem Tag auf den anderen einer sicheren, auskömmlichen Laufbahn als Pfarrer entsagt und mich darauf in den verschiedensten Berufen versucht. Manchmal sogar mit Erfolg. Stets jedoch hielt ich meine Augen offen. Aber obwohl ich vielen Menschen auf meinen Wegen begegnet bin, des Nachbars Weib habe ich nie mehr gesehen, noch von einem Kind aus meinem Samen gehört.

Nun ja, Großknecht, das war es im Großen und Ganzen. Und weil der Mensch nichts ohne seine Wurzeln ist, ich besonders ein Nichts ohne ein Leben auf dem freien Land, habe ich mir den Hof auf Tabor gekauft. Irgendwann kamst dann du des Weges, hast angeklopft und stehst nun hier in Lohn und Brot – hörst mir sogar gelegentlich zu. Auch wenn du meistens nicht verstehst, was ich so von mir gebe und es am besten auch gleich wieder vergisst.

Macht nichts, Großknecht, ziemlich viele Menschen meinen, Wichtiges zu denken, Lebensnotwendiges zu ersinnen, gar verkünden zu müssen. Und doch sind ihre Gedanken meist für die Katz. Welche Gedanken, welche Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen kümmern schon das wahre Leben?

Eine lange Beichte, mein Lieber, und du musst nicht glauben, dass sie mir leicht gefallen ist. Doch im Nachhinein tat es gut, sich nach langen Jahren der Selbstvorwürfe einem Menschen zu öffnen. Selbst wenn derjenige nur mein Großknecht ist. Bittschön, behalte das Gesagte aber für dich, erzähl es entgegen meiner ursprünglichen Absicht noch nicht einmal Frau Holda. Ich denke, wenn die Zeit dafür reif ist, werde ich ihr selbst davon berichten.

Und nun wollen wir uns wieder den Dingen vor unserer Tür zuwenden, denn, Großknecht, draußen spielt die laute Musik.«

Hans-Dieter Heun, 2015 – Alle Rechte liegen beim Autor

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Ab 1. Februar 2015  bei allen einschlägigen Online-Buchshops erhältlich und selbstverständlich auch beim Buchhändler ihres Vertrauens. (aaVa-Verlag)

Ein Kommentar

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„Feenliebe“ – Leseprobe Teil 1

Der ehrwürdige Dichter und Denker vom Berg Tabor ging in sich und er lieferte.

Und siehe: Es war wohlgetan und so üppig, dass ich die Leseprobe von Hans-Dieter Heuns neuem Roman „Feenliebe“, die er mir so prompt zur Verfügung stellte, heute und morgen in zwei Häppchen geteilt darreiche.

Viel Vergnügen!

(Und für diejenigen unter uns, die immer alles ganz genau wissen wollen: Der Großknecht, zu dem der Bauer spricht, ist nach meiner Wenigkeit gestaltet.)

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»Großknecht, ich habe wirklich lange darüber gegrübelt, doch mich nun endgültig durchgerungen, dir einmal etwas über meine Vergangenheit zu erzählen. Möglicherweise verstehst du dann, warum ich manchmal so hochgestochen daherrede. Könnt aber ebenso sein, obwohl ich das nicht glaube, dass dich Frau Holda einmal danach fragt. Und dann will ich nicht, dass du Falsches berichtest oder dir gar deine eigene Mär zusammenspinnst. Komm, setz dich her, wir trinken einen Roten, das alles dürfte nämlich ein wenig länger dauern.

Mein Vater und die Mutter besaßen gleichfalls einen Bauernhof. Wo, das tut nichts zu Sache, schon lange her, und den Hof gibt es leider nicht mehr. Ist heute ein Golfplatz, wenige vornehme aufgeputzte Damen und meist zu dicke Herren vergnügen sich auf ehemaligen Feldern, die früher Menschen mit dem täglichen Brot versorgt haben … Entschuldige meine Bitterkeit, aber ich habe unseren Hof wahrlich geliebt.

Unter fünf Geschwistern war ich der Zweitgeborene, zwei Buben und drei Mädchen, und du weißt, was das bedeutet. Mein älterer Bruder musste irgendwann übernehmen, doch er war es, der unser Land schließlich an die Stadtmenschen verschachert hat. Die Schwestern wurden gut verheiratet, und ich, weil ich angeblich gescheiter als manch anderer war, sollte auf Forstwirtschaft studieren. Mir nur recht, wann immer es ging, streifte ich ohnehin durch das Holz, lauschte den Stimmen der Vögel, kannte den Unterschlupf von Hase und Reh, den Bau von Fuchs und Dachs, sammelte Beeren und viele essbare Schwammerl. Zugegeben, ich ging lieber in den Wald als auf den Sportplatz oder wie die anderen gleichaltrigen Deppen aus dem Dorf ins Wirtshaus zum Weißbiersaufen.

Das Holz war folglich mein zweites Zuhause, und zum großen Kummer meiner Großmutter, die das Tischgebet sprach und für Kirche und angeschlossene Pfaffen stets ein offenes Portemonnaie bereit hielt, insgesamt wohl auch die Hoffnung hegte, ich, der Zweitgeborene, würde nach alter Sitte Pfarrer werden, schätzte ich damals schon das Wunder eines lebendigen Baumes höher ein als die mit Gold und Silber bemalten Heiligenfiguren, die, aus einem toten Stamm geschnitzt, in der einzig wahren Kirche ihre Verehrung einfordern.

Ein langer Satz. Öha, Großknecht, verstehst du eigentlich, was ich gerade versuche dir begreifbar zu machen? Es geht hier um meine durch mein ganzes Denken und Fühlen begründete Abneigung gegen … Schmarrn, tut nichts zur Sache, kam eh ganz anders, als damals von mir geglaubt. Ganz anders, denn – wie heißt es so schön, mein Lieber? –, die Wege des Herrn sind unergründlich. Also pass auf, ich mache es auch ein wenig einfacher für dich.

Fleischliche Begierde – und schreib dir das gefälligst sogleich hinter deine ungewaschenen Ohren –, wird meistens vom Himmel bestraft und zu einer gar grausamen Geschichte. Ausgerechnet beim Schwammerlsuchen an meinem Lieblingsplatz im Unterholz traf ich die blonde junge Frau unseres Nachbarn mit einem Weidenkorb am Arm. Sie war ziemlich verschwitzt, hatte Tannennadeln im Haar und an der Bluse, roch aber trotz ihres Schweißelns nicht ungut. In ihrem Korb lagen schon etliche Reherl, ein paar Brätlinge, aber leider gleichfalls ein Pantherpilz. Jung und deppert, wie ich damals war, sagte ich frech: „Wenn du den Panther ganz verspeist, hast in zirka zwei Stunden einen Rausch, dass du die Englein singen hörst. Außerdem wirst davon websig!“

Ich weiß nicht mehr, ob mir die letzte Bemerkung der Beelzebub selbst zugeflüstert hatte. Normalerweise war ich damals eher einer von der schüchternen Sorte, einer, der sich das Unkeusche mit einer Frau zwar oft genug ausgemalt, jedoch noch nie erlebt hatte. Aber des Nachbars Weib nahm mir meine Frechheit nicht übel, sondern antwortete nur: „Na und, Hanserl, vielleicht will ich das ja sogar.“ Dabei tippte sie mir äußerst schamlos mit dem Zeigefinger auf meinen Bauch. Sogleich trieb es mir Feuerröte ins Gesicht, und sie bemerkte das selbstverständlich. „Ach, wie süß, unser kleiner Schwammerlkönig wird noch richtig rot.“

Ich war kein Hanserl, nicht klein, war Hans, groß und kräftig. Ich packte sie mit beiden Händen an ihren Schultern, wollte sie vielleicht etwas schütteln oder so … Ah, Großknecht, auf einmal machst du Augen wie ein gamsiger Bock! Vorher hast nur ziemlich gelangweilt in dein Glas gespitzt, aber nun, beim Geschlechtlichen, bist du hellwach. Dacht ich es mir doch, Schweinkram wirkt halt immer.

Fee-ausschnitt1Die Nachbarin drängte sich mir jedenfalls hitzig entgegen, langte nach meiner rechten Hand und legte sie auf ihre Brust. „Willst sie anpacken, Hanserl?“ Irgendwo, sehr wahrscheinlich sogar in der Bibel, hatte ich einmal gelesen „Brüste wie Melonen“. Und ich fühlte tatsächlich süße Melonen, obwohl ich noch nie eine gesehen, geschweige denn berührt oder gar gekostet habe.

Ja, Großknecht, wir haben geschnackselt, auf der Stelle im weichen grünen Moos. Und nicht nur an diesem Tag. Ihr Mann, der Nachbar, saß nämlich lieber beim Rösslwirt zu Amsham, als sich um seine junge Frau zu kümmern. Und die wollte mich, andauernd. Ich bekam bereits schwarze Ringe unter den Augen, ging jedoch so oft in den Wald, dass meine Mutter bald voller berechtigter Sorge bemerkte: „Was ist bloß los mit dir, Bub? Du wirst immer magerer und ausschaun tust wie gespiem. Vertragst etwa die viele frische Luft nicht … Oder hast vielleicht gar Würmer?“

Ich hatte keine Würmer, war aber dem blonden Weib und ihrer Unkeuschheit hoffnungslos verfallen. Bis, ja bis die Nachbarin eines Tages meinem Tatschen und Grapschen wehrte, in Tränen ausbrach und nur noch stammelte: „Hanserl, ich bin tragert!“

Der Blitz schlug ein, ich verbrannte vor Schrecken, denn damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Sie war verheiratet, sollte doch zumindest wissen, wie so ein Unglück zu verhindern ist. Ich musste ausgeschaut haben wie ein Ochs vorm Metzger, nur sie flennte immer weiter: „Ja, Hanserl, ich krieg ein Kind von dir, und das darf gar nie nicht sein! Der Alois, mein Mann, der schlagt mir mein Kreuz ab, der kann nämlich nicht. Also weiß er sofort, der Bankert ist nicht von ihm. Und wenn der Alois spannt, was ja nicht schwer ist, dass du der Vater bist, rennt er dir gleich die Mistgabel in den Leib!“

Ein Kind, ein Bastard, noch dazu gezeugt mit der Nachbarsfrau. Großknecht, verstehst du, was das zu jener Zeit bedeutete? Nicht nur Schande sondern bittere Feindschaft und blutige Rache zwischen Familien, die durch ihren seit Jahrhunderten aneinander grenzenden Besitz untrennbar verbunden waren. Eintracht, gar Freundschaft, die immer zwischen den Nachbarn geherrscht, war nie mehr zu retten. In Sekundenbruchteilen wurde mir das klar. Oh Gott, was war ich bloß für ein Depp gewesen. Ich, noch ein Schüler, wenn auch kurz vor dem Abitur – ja, schau nicht so ungläubig, später durfte ich sogar noch studieren –, hatte mich und zwei Familien aus purer Fleischeslust in die allerschlimmste Hölle geschnackselt.

Das, mein Lieber, war schlichtweg zu viel für mich. Ohne mich noch um die arme Nachbarin und ihr schmerzvolles Schicksal zu bekümmern, rannte ich aus dem Wald, von Furien dunkelster Gedanken gehetzt. Wohin? Nach Hause traute ich mich nicht, meine Mutter, selbst meine Großmutter hätten sofort gespannt, dass mit mir etwas nicht in Ordnung war. Sie hätten gefragt, nachgebohrt, und ich, zur Ehrlichkeit erzogen, hätte irgendwann alles erzählt. Das jedoch wäre das Ende der Geborgenheit, das Ende zweier Familien gewesen. Nein, ich brauchte ein einsames, tiefes, dunkles Loch, mich und mein offensichtlich Leid zu verstecken. Am besten für immer. Also wohin? In den Fuchsbau, wo es furchtbar stinkt und mich außerdem der Dackel des strengen Herrn Vaters binnen kürzester Zeit aufgespürt hätte? Siehst du, solch depperte Gedanken gingen mir damals durch meinen Schädel.«

Hans-Dieter Heun, 2015 – Alle Rechte liegen beim Autor

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