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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 2)

[Zum 1. Teil]

Der Mann sprach nun englisch und war besser bei der Sache, nachdem Verena entschwebt war. Welkenbaum konnte zusehen, wie sich sein Gehirn einschaltete und er nicht mehr nur mit dem Rückenmark dachte. Etwa vor einer Stunde sei un tedesco dagewesen, der sich nach dem Verleger erkundigt hätte, berichtete er. Dieser Herr, der sich leider nicht vorgestellt habe, hätte sich als ein Freund von Welkenbaum ausgegeben und würde es am späten Nachmittag noch einmal versuchen. Inzwischen jedoch habe er aber etwas dagelassen, das unbedingt in die Hände des Verlegers gelangen müsse.

Der Concierge langte unter den Tisch der Rezeption, kramte ein wenig und schob Welkenbaum anschließend über die polierte Tischplatte ein schwarzes Buch entgegen. Auf dessen Titel war ein seltsames, unbeholfen zentralperspektivisch in warmen Herbsttönen ausgeführtes Gemälde zu sehen, das einen Mann in einer Rüstung zeigte, der gerade dabei war, ein Straußenei mit einem Schwert aufzuschlagen. Vielleicht hatte der Ritter es in dem Ofen, der links von ihm munter brannte, gekocht und wollte es nun verzehren. Hinter einer Mauer waren die Dächer einer mittelalterlichen Stadt zu sehen.

Welkenbaum nahm das Buch in die Hand und entzifferte am ausgestreckten Arm den Titel.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren

Das sagte ihm nichts, aber dafür der Name des Autors um so mehr. Nikolaus Klammer! Das war einer seiner Verlagsautoren; übrigens einer der wenigen, die ihm ein bisschen Geld einbrachten. Gerade eben hatte er an ihn denken müssen. Dieses Buch hier war jedoch nicht bei Welkenbaum erschienen. Das orangefarbene Verlagslogo kannte er nicht. Welkenbaum schüttelte verwirrt den Kopf.

Seltsam, dachte der Verleger. Vielleicht ist dieser „Dr. Geltsamer“ ja ein Frühwerk aus der Zeit vor unserer Zusammenarbeit. Aber Klammer hat nie erwähnt, er hätte vorher anderswo veröffentlicht. Warum bringt er mir dieses Buch bis nach Rom hinterher? Was ist daran so besonders? Ist es gar ein Raubdruck?

Er drehte den schwarzen Band herum. Auf der Rückseite stand ein Spruch von Dostojewski, sonst nichts. Zumindest wurde der große russische Autor als Urheber genannt. Das Zitat selbst war dem belesenen Verleger nicht bekannt.

„Die unverfälschte Wahrheit ist immer unwahrscheinlich … Um die Wahrheit wahrscheinlicher zu machen, muss man ihr unbedingt etwas Lüge beimischen“, entzifferte der Weitsichtige mühsam den etwas verwaschen abgedruckten Text. Er machte sich nicht die Mühe, in seinem Jackett nach einer seiner unzähligen Lesebrillen zu suchen.

Billig produziert!, ging ihm durch den Kopf. Bücher haben heutzutage einfach keine Qualität mehr. Sie werden – wenn überhaupt! -, schlecht lektoriert und billig produziert. Sie sind ein Wegwerfartikel wie Toilettenpapier. Früher, ja, früher, da war man noch stolz auf seine Bibliothek und auf die ledernen Buchrücken. Aber heute? Lesen und runterspülen. Was sind das nur für Zeiten? Vielleicht war das so ein neumodisches Selfpublishing-Ding, , das Klammer heimlich produziert und ihm bisher verschwiegen hatte. Na, den Zahn werde ich ihm aber ziehen. Wir haben schließlich Verträge miteinander.

Welkenbaum bedankte sich abgelenkt und schob das Buch in die ausgeweitete Tasche seines Jacketts. Die ausgestreckte Rechte des Concierge, der auf ein Trinkgeld hoffte, ignorierte er.  Auch wenn er sie nicht bezahlen musste, galt für ihn trotzdem: Wo die Übernachtung über zweihundert Euro kostete, dort gab es keine Almosen mehr. Er hatte es jetzt noch eiliger, zur Bar und zu seinem Bier zu kommen.

Im Aufzug, mit dem er hoch zum Dachgarten fuhr, erklang tatsächlich aus dem Lautsprecher „The Godfather“ von Nino Rota; denn ab und an, dachte er, ist die Wirklichkeit, man mag es glauben oder nicht, noch klischeehafter als die Literatur.

Ein Glas trank er sofort, mit dem zweiten in der Hand stellte sich Welkenbaum erst einmal an die niedrige Mauer der Dachterrasse in den Schatten einer der Kübelpalmen, die zusammen mit lila blühender Bougainvillea und den quadratischen Sonnenschirmen aus hellem Leinen – beinahe in der Farbe seiner Kleidung -, für mediterranes Flair sorgten. Er genoss diesen Moment der Ruhe. Die Aussicht von dem Dach des vollständig mit Efeu eingewachsenen Hotels Raphael war sicherlich großartig. Allein nach Westen in Richtung Tiberschleife und die Engelsburg wurde der Blick ein wenig durch den hoch aufragenden Bau der benachbarten Santa-Maria-del-Pace-Kirche geschmälert, die nur durch die schmale Sackgasse Vicolo della Volpe vom Hotelkomlex getrennt war. In alle anderen Richtungen ging der Blick über die sieben Hügel der ewigen Stadt weit. Scheinbar zum Greifen nah ragte die Kuppel des Petersdoms in die etwas vom Smog verschleierte Luft und dort hinten stand das vom Verkehr umflutete Nationaldenkmal für Viktor Emanuel II., ein Bauwerk aus den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, das Welkenbaum immer an eine überdimensionierte Schreibmaschine erinnerte. Alles wirklich beeindruckend, ja.

Doch der gebürtige Münchener war inzwischen Mitte Sechzig und hatte in seinem Leben so viel gesehen, das er gegen Schönheit und übrigen auch Hässlichkeit ordentlich abgehärtet war. Das war ihm alles gleich; eine Sinne waren in den Jahren abgeschliffen und stumpf geworden. Freilich bedauerte er diesen Zustand, der sich anfühlte, als würde er unter einer langsam erblindenden Käseglocke leben. Zudem war er im Alter nicht nur weit-, sondern auch kurzsichtig geworden. Deshalb verschwamm ihm der Horizont zu einem braunfleckigen impressionistischen Bild. Er hätte die passende Brille im Hotelzimmer gehabt, aber als er am Vormittag mit Verena auf Einkaufstour gegangen war, hatte er sie liegengelassen. Es gab eigentlich nur noch wenige Dinge, der ihn noch wirklich interessierten und aus der selbstgewählten Lethargie seiner zweiten Lebenshälfte reißen konnten. Das war zum einen der Sex mit seiner neuen Freundin, der jedes Mal neu und auf eine andere Weise herausfordernd und aufregend war, und zum anderen selbstredend die Lyrik, sie war ihm seit seiner frühen Jugend treue Begleiterin und Lebenselexier zugleich. Nur wegen deshalb führte er auch weiterhin einen vom Vater geerbten kleinen Verlag, dessen Alltags- und Prosageschäft er längst in die Hände seines Partners Jochen Engold gelegt hatte, der auch als strenger Lektor die Autoren pflegte.

Aber vielleicht sah er alles auch zu düster. Denn da – Gerechtigkeit muss sein! -, waren freilich noch das eiskalte Bier in seiner Hand, das ihm Freude machte, sein Abends genossener alter schottischer Single-Malt-Whiskey von der Isle of Skye, die Golfpartien mit Freunden, Industriellen und Prominenten. Sie waren alle stramme CSU’ler, die wie er selbst in gesetztem Alter aus dem lauten und hektischen München ins Niederbayerische Bäderdreieck geflohen waren, wo sie zumindest Wochenends recht günstig in Villen und alten, renovierten Vierseit-Bauernhöfen residierten, in den warmen Thermalquellen und Kuranlagen die Vielzahl ihrer Wehwehchen behandelten und dem Herrgott den Tag stahlen. Außerdem passierte in den sanften Hügeln und Wäldern zwischen Bad Birnbach und Bad Füssing alles erst zwanzig Jahre später. So irreal es klang, dort wurde noch gefühlt mit der D-Mark bezahlt, es gab noch die DDR, Franz-Josef Strauß war Ministerpräsident und man musste darauf achten, den Mercedes nicht in singende Pilgergruppen zu lenken, die nach Altötting zogen, um dem einzig wahren, weil bayerischen, Papst zu huldigen. Am Wochenende nach Griesbach zu fahren war wie eine Zeitreise. Spätestens hinter Landshut war man in endgültig im Jahr 1980 angekommen.

Welkenbaum nahm einen Schluck von seinem Bier und gestand sich ein, dass er ein weiteres Mal in die Klischeefalle – diesmal in die bayerische -, getappt war. Aber er war eben ein frustrierter Alt-Achtundsechziger und ein Zyniker. Je älter er wurde, um so ausgeprägter zeigte sich dieser Charakterzug. Wenn er heute auf Rom blickte, sah er blutige Gladiatorenkämpfe, einen auf einem Scheiterhaufen brennenden Giordano Bruno, Mussolinis Schwarzhemden, Mafiakorruption, Umweltsünden und einen Verkehrsinfarkt. Aber er sehnte sich nur kurz zurück in die Heimat, wo er manchmal mit dem Bauern vom Nachbardorf durch dessen endlose Maisfelder spazierte und mit ihm über Gott und die Welt dikutierte. Das hieß, eigentlich redete nur er, denn der Bauer war ein schweigsamer Mann.

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[Fortsetzung nächsten Mittwoch]

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 11)

[Zum ersten Teil]

Eine Woche nach dem ruchlosen Anschlag auf meine Person fand ein Einweihungsfest in der neuen Woh­nung des Malers Siegfried Sontheimer statt. Er hatte vor kurzem vor seinen Geschwistern seine innerhalb eines einzigen Tages verstorbe­nen Eltern beerbt und spielte seitdem finanziell in einer anderen Liga. Zu diesem großen gesellschaftlichen Er­eignis war ich schon seit geraumer Zeit eingeladen. Sontheimer war einer der wenigen renommierten Künst­ler der Stadt – vielleicht sogar der einzige. Seine Werke verkauften sich ordentlich; auch im Ausland. Erstaunlicherweise hatte er seinem Heimatort immer die Treue gehalten. Es sei dahin gestellt, ob es aus Bequemlichkeit oder aus tat­sächlicher, unerwiderter Liebe zu diesem Sumpf aus Pfahlbürgerlichkeit, Borniertheit und Inzucht geschah. Obwohl er für seine großformatigen, erotischen Gemälde von weiblichen Brüsten bekannt und berüchtigt war, gestaltete er in der letzten Zeit in der Hauptsache sensible und fragile Skulpturen aus gefaltetem und zerrissenem Kar­ton und setzte sie bei spontanten Kunstveranstaltungen den vier Elemen­ten, also Brand, Feuchtigkeit, Schmutz und Wind, aus. Er wollte, so behauptete er nämlich, mit dieser „alterszornigen Kunst“ einen neuen Weg einschlagen und auf eingängige Weise die Vergänglichkeit allen menschlichen Schaffens demonstrieren. Doch niemand wollte seine feuchten, halb verkokelten Pappen kaufen. Deshalb hat er inzwischen übrigens die Vergeblichkeit sei­nes Hoffens eingesehen und ist er wieder bei seinen drallen Brüsten gelandet, die auch wesentlich leichter ihre zahlungskräftigen Liebhaber finden.

Ich hatte die Einladung zu der Wohnungseinweihung von Sontheimers damaliger Freundin Rosa Sarnet be­kommen, der inzwischen prominenten Schauspielerin,  die flüchtig mit Christine bekannt war. Sontheimer selbst, eine dünne, ausgezehrte, aber sehr dominante Er­scheinung, die sich sehr überheblich und unnahbar gab, kannte ich nur vom Sehen. Übrigens habe ich den großen Künstler an jenem Abend kein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Ich frage mich, ob er überhaupt da war. Da diese Art von Festen erst nach zehn Uhr so langsam interessant zu werden beginnt, verließ ich meine Wohnung um die­se Zeit und schlenderte zu Fuß durch die Stadt. Es war der erste Abend, an dem ich mich wieder unter die Leu­te wagte. Als ich gegen halb elf Uhr in Sontheimers Wohnung ankam, die im Dachgeschoss einer zu einer Wohnanlage umgebauten Fabrik lag und praktisch nur aus einer einzigen gewaltigen Halle mit Galerie bestand, war die Party schon in vollem Gang. Der imposante Saal war bis auf ein paar Stühle und ein bereits arg geplün­dertes Buffet auf einem Tapeziertisch leergeräumt. Trotzdem herrschte drangvolle Enge. Die Masse der versammelten Menschen war nicht mehr zu überschau­en. Alle waren sie gekommen: Die Jeunesse dorée der Stadt (in diesen guten alten Zeiten noch nicht mit Smart­phones, sondern nur mit dunklen Sonnenbrillen ausge­stattet), Journalisten von Zeitung, Radio und unserem frisch gegründeten, regionalen Dilettanten-Fernsehsen­der, Gönner, Kunden und Schüler von Sontheimer, die drei Stadträte der Grünen und einer von der CSU, Hochschuldozenten, Zahnärzte und Rechtsanwälte, Kneipenbesitzer, Manager, Bewunderer, Groupies und gute Freunde, Musiker, Maler, Dichter, Schauspieler und alle, die irgend etwas mit dem Begriff Kunst zu tun hatten oder, sie stellten die Mehrheit, auch nur glaub­ten, es zu tun. Das Sehen und Gesehen werden hatte heute diese wunderlichen Leute, die sich so wichtig nahmen und die nur das vieldeutige Wort „Kultur“ ver­band, in Sontheimers neuer Wohnung zusammenge­führt. Alfons Andernaj winkte mir aus einer Ecke zu. Er wirkte bereits reichlich betrunken.

Der Lärmpegel war an der Schmerzgrenze. Eine Jazzcombo hatte trotz ihrer Verstärker keine Chance gegen das Volksge­murmel. Man frage mich nicht, was sie für eine Musik spielte. Hörbar hob sich allein das schrille Gelächter der Gastgeberin Rosa heraus, die ich, obwohl sie eher klein war, mühelos durch ihr nebelhornartiges Organ finden konn­te.Von der offenen Eingangstür kom­mend bahnte ich mir zuerst einen Weg zu ihr, um mich für die Einla­dung zu bedanken. Dabei stellte ich zufrieden fest, dass viele einen Plastikbecher mit Rotwein oder Sekt in der Hand hielten und wie Alfons bereits im fortgeschrittenen Stadium waren. Meine noch immer von dem Ausschlag ge­röteten Wangen würden nicht sehr auffallen.

Ich wandte mich von Rosa ab, nachdem ich ihr die Hand geschüttelt hatte. Ich denke nicht, dass sie wusste, wer ich war. Dann besorgte ich mir am Buffet ein paar üb­riggebliebene Schwedenhappen und etwas zu trinken. Auf diese Weise bewaffnet, machte ich mich auf die Su­che nach Bekannten. Der erste, auf den ich stieß, nach­dem ich um Werner und seine Gruppe einen großen Bo­gen gemacht hatte, war Mischka Lob. Er unterhielt sich gerade mit dem geheimnisumwitterten Dr. Nikolaus Klammer, einem etwas unheimlichen und spöttischen älteren Beamten, der auf keiner kulturellen Veranstal­tung fehlte und eine kaum fassbare Allgemeinbildung besaß. Obwohl er ihm nicht ähnlich sah, erinnert er mich immer in seinem makellosen, dabei maskenhaften Auftreten an den japanischen Dichter Yukio Mishima. Mischka entdekchte mich, winkte mich heran und zog mich begeistert gerade in das Gespräch, das ich hatte vermeiden wollen.

»Hallo, Georg. Schön, dich mal wieder zu sehen. Niko­laus und ich sprachen gerade über Jonas Nix. Kennt ihr euch eigentlich?«, fragte Mischka und tätschelte leicht meine Wange. Wenn er es mit jungen Männern zu tun hatte, konnte er es nie unterlassen, in geradezu traum­vergessener Unschuld an ihnen herumzutätscheln. Er runzelte die Stirn, als er die neuen Narben an meinem Kinn sah, besaß aber das Feingefühl, über meine Verun­staltungen hinwegzusehen. Er zeigte auf mich.

»Nikki, das ist ein junger Kollege von mir: Georg Hauser. Er ist zwar in der Hauptsache Maler, aber er schreibt ab und an für Werner …«

»Wir sind uns schon einmal begegnet«, unterbrach ihn der gut gekleidete Klammer reserviert und musterte mich geringschätzig mit seinem irritierenden Blick.

»Hast du mich am Samstag gehört, Schorsch? Wie war ich?«, warf Mischka ein. Das hatte ich befürchtet; seine Eitelkeit zwang ihn zu dieser Frage. Ich nahm schnell ei­nen Schluck von meinem Wein, der übrigens billig und essigsauer schmeckte, und nickte beiläufig. Leugnen hat­te keinen Sinn, da ich sonst seine Kritik, die er immer auswendig konnte, noch einmal – sozusagen als Privat­vorstellung –, hätte genießen dürfen. Ich hoffte, ihm würde ein unverbindliches »Nicht übel …« genügen, aber ich hatte nicht mit Klammer gerechnet. Er liebte es, seine Mitmenschen aufeinander zu hetzen. Selbstver­ständlich hatte er die letzte Ausgabe von Werners Zei­tung gelesen.

»Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben? Sie enttäu­schen mich. In Ihrer im übrigen nicht einmal schlecht geschriebenen, wenngleich etwas zu emotionalen Kritik waren Sie doch ein wenig gesprächiger. Sie gingen nicht eben freundlich mit unserem neuen Stern um … Sind Sie da nicht ein wenig zu weit gegangen, Georg? Verges­sen Sie nicht: Es ist außerordentlich selten, eine Überein­stimmung zwischen dem Talent und dem Charakter zu finden. Von den Fähigkeiten dürfen wir nicht auf den Menschen selbst schließen. Das Talent ist bei den Män­nern eben das, was die Schönheit bei den Frauen ist: Nicht mehr als ein Versprechen. Honi soit, qui mal y pen­se. Das sollte Sie jedoch nicht von Ihrem Weg als Au­tor abbringen, denn geben wir es zu: Malen können Sie ja nicht. Nun, ich denke, es gibt Leute, die von ihren Fehlern wie andere von ihren guten Eigenschaften gefördert werden«, stell­te Klammer hochnäsig fest und servierte dazu ein Lä­cheln, das man ohne Übertreibung diabolisch nennen konnte.

Ich versuchte ihn zu verstehen und seinen labyrinthischen Gedankengängen zu folgen. Aber bis ich mir eine halbwegs intelligent klingende Antwort überlegt hatte, hatte Klammer mich bereits mit Mischka stehen gelassen und bahnte sich bedächtig einen Weg durch die Menge. Ich sah ihm hinterher und wunderte mich mal wieder, war­um dieser Mann nicht in die Politik gegangen war.

Was sollte ich nun Mischka erzählen? Obwohl ich in die Enge getrieben war, hätte ich mich noch schnell auf die Seite der Bewunderer des Malers stellen und damit vie­len Schwierigkeiten aus dem Weg gehen können. Da mein Interview mit Nix vor dessen plötzlichem Ruhm entstanden war, hatte es außer dem Allesleser Klammer wahrscheinlich kaum jemand gelesen. Es wäre mir in diesem Moment sicherlich möglich gewesen, ohne Imageverlust einen taktischen Rückzug zu machen und mich mit einem Gesinnungswandel aus der Affäre zu ziehen. Gleichzeitig war mir bewusst, wie charakterlos solch ein Frontenwechsel war. Auf diese Weise wurde niemandem außer mir selbst geholfen. Deshalb legte ich Mischka mit kurzen Worten dar, wie wenig ich von der Meinung aller in diesem Fall hielt und warum das so war. Während ich sprach, rutschten die Mundwinkel des Radiokritikers mit jedem Satz von mir tiefer. Fast tat er mir leid, er machte den Eindruck eines abgekanzelten Schülers. Nachdem ich meine Kritik an Nix ausführlich darge­legt hatte, machte ich mich auf eine heftige Gegenwehr des Kritikers gefasst und sammelte weitere Argumente. Aber er schüttelte nur verwundert den Kopf.

[Fortsetzung am nächsten Montag …]

Ein Kommentar

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345 Tage zu früh …

… oder eher 3 Wochen zu spät.

Heute ist nach zwei Monaten Wartezeit – also nur unwesentlich verspätet – endlich „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“ aus der Druckerei gekommen. Ich wollte eigentlich mit dem kleinen Büchlein meine Freunde und fleißigsten Follower zum Fest beglücken, aber epubli war offenbar der Meinung, dass mein „grandioses“ Werk nicht wichtig genug ist, es pünktlich zu verschicken. Dabei ist es doch – Zitat vom Buchrücken: „Eine erbauliche, abenteuerliche, zwerchfellerschütternd lustige, herzerwärmende, gar gruslige und intellektuell fordernde Weihnachtsgeschichte um sabbernde Hunde, singende Esel, verwirrte Lektoren und Verlegerswitwen, düstere Geheimnisse im Untergrund, gefährliche Karlnickel, Schichtkohl, einen großen Pinkelbaum und einen shakespearesüchtigen türkischen Dönerbuden-Besitzer“.

Na, das nächste Weihnachten kömmt bestimmt. Wenn jemand ungeduldig ist und nicht so lange warten will, bis das Christkind wieder kommt: Einfach mich kontaktieren. Ich sitze auf einem Stapel Weihnachtshunde.

Nikolaus

 

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 1)

UND DIES WAR GESCHEHEN

Karl-Heinz Welkenbaum schüttelte den Kopf. Durch die drei Fettwülste seines Doppelkinns wurde daraus ein sanftes Wiegen. Er spürte, wie ihm die Körpersäfte aus allen Poren drangen und als Sturzbach den Rücken hinunter rannen. Sicherlich bildeten sie schon eine breite, dunkle Linie auf seinem leichten, hellen Jackett. Er fragte sich zum wiederholten Mal, wie es diese Römer fertigbrachten, so ameisenemsig in ihrer staubtrockenen, rostig-braunen und hoffnungslos überfüllten Stadt zu leben, in der es schon im Frühsommer unerträglich heiß war. Da lobte er sich doch sein heimatliches Bayernland, wo von einem weiß-blauen Osterhimmel eines sanfte, gütige Sonne herablachte und der Löwenzahn auf den saftigen Kuhweiden blühte.

Welkenbaum nahm den Strohhut vom Kopf, benutzte ihn als Fächer und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn, während er dem Portier des Hotels Raphael bedeutete, die gläserne Eingangstür offen zu halten. Er konnte bereits die herrliche Kühle spüren, die ihm aus dem klimatisierten Foyer der Nobelherberge entgegen wehte und dabei seine beige Leinenhose bauschte. Jetzt noch ein kühles Getränk – die an der Dachbar ausgeschenkte Maisplörre verdiente zwar kaum den Namen „Bier“, war aber, wenn eiskalt, durchaus trinkbar -, dann war er nach dem schier endlos langen, vormittäglichen Einkaufsbummel, der, wenn es einen gerechten Gott gab, sicherlich seiner Zeit im Fegefeuer angerechnet wurde, wieder mit sich und der Welt versöhnt. Gut, dass in der Vorsaison auch die Filialen der großen Läden ab 13:30 Uhr eine lange Mittagspause einlegten, weil Verena sonst bis in die Nacht hinein geshoppt hätte. Der Münchener Verleger stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch und hätte es keine fünf Minuten länger in den stickigen und von Menschenmassen überschwemmten Gassen und Geschäften ausgehalten.

Er sah zu seiner neuen Freundin zurück. Wo blieb sie denn? Sie verhandelte noch immer gestenreich mit dem Taxifahrer, der fast unter einem Berg von Taschen und Kartons verschwand, die er vom Rücksitz und dem Kofferraum seines weißen Fiat geholt hatte und nun quer über den breiten Bürgersteig vor dem Hotel auf den Eingang zu jonglierte. Währenddessen stolzierte die seit ihrem gestrigen Friseurbesuch wasserstoffblonde Verena auf hohen Designerpumps neben ihm her und trug ein winziges Pratesi-Handtäschchen und eine kleine Papiertüte aus einer Parfümerie in den Händen, die sie im geschmeidigen Takt ihrer Bewegungen schlenkerte. Passanten drehten sich nach der jungen Frau im kurzen, roten Sommerkleid um und pfiffen ihr hinterher. Eine Vespa, auf der zwei typische römische Ragazzi hockten, fuhr langsam über den Platz vor dem Hotel. Beide machten mit ihren Smartphones Schnappschüsse von ihr.

Was für eine Frau!, dachte Welkenbaum voller Besitzerstolz. Er fühlte sich durch die Szene an einen alten Hollywood-Film erinnert und genoss für einen Moment das Banale und Klischeehafte der Situation:

Da war Verena Salva, seine im Verhältnis zu seinen eigenen Lebensjahren blutjunge und sehr attraktive Geliebte. Sie hatte das halbe Viertel leer gekauft. Ihre Anschaffungen trug ihr ein sichtlich überforderter, wie ein ermüdeter Atlas unter dem Gewicht der Pakete schwankender Chauffeur, den sie wie ihren persönlichen Diener behandelte, in die todschicke Fünf-Sterne-Unterkunft, in der das Paar in der Präsidentensuite hoch über den Dächern der Ewigen Stadt logierte. Und da war er selbst, der dicke, unansehnliche, aber reiche und geschmackssichere Verleger, der ihr Vater hätte sein können und mit ihr gerade einen zweiten – oder dritten – Frühling erlebte. Er hatte überall brav seine Platin-Kreditkarte gezückt und hielt ihr nun gemeinsam mit dem Portier die Türen auf, damit Verena die Beute ihres Raubzuges in Sicherheit bringen konnte. Fehlte nur noch, dass im Aufzug Tea for two gespielt wurde und nicht den eisernen Gesetzen einer Endlosschleife gehorchend zum dritten Mal an diesem Tag das Thema von „Der Pate“ -, das dem Verleger, wenn er es sich recht überlegte, allerdings auch ganz passend erschien, da er sich schmeichelte, durchaus Ähnlichkeiten mit dem aufgequollenen Marlon Brando der späten Jahre aufzuweisen: Beiger Leinenanzug, Strohhut, schütteres Haar, schleppende, nuschelnde Aussprache, wulstige Lippen, Überbiss und ein sarkastischer Blick.

Doch wie das mit Klischees so war, sie hielten der Wirklichkeit selten stand. Das war zwar alles so, aber doch auch ein wenig anders; viel weniger glamourös. In der Bayerischen Heimat wurde gerade eine Kalt- und Schlechtwetterfront aus nordwestlicher Richtung erwartet, der Ausläufer eines atlantischen Sturmtiefs, das sich mit viel Regen und Frostgefahr bis in die tiefen Lagen näherte. Die Löwenzahnwiesen, von denen Welkenbaum träumte, waren längst überall, auch in der Nähe seiner Villa in Bad Griesbach, Opfer der Unkrautvernichtungsmittel und bittergelben Raps-Monokulturen gewichen, deren aggressive Leuchtfarbe bei ihm Kopfschmerzen verursachte. Denn der Verleger besaß keine Platin-Kreditkarte – nicht einmal eine goldene -, und war nicht so reich, um seine Freundin mit italienischer Designermode auszustaffieren und sich einfach so ein verlängertes Osterwochenende in einer von Roms Nobelhotels leisten zu können. Er verdankte das durchschnittlich große Zimmer im 2. Stock, dessen Fenster in den Innenhof auf die Parkplätze zeigte, der freundlichen Einladung eines Freundes, seines Verlegerkollegen Ugo Tozzini. Verena hatte den Großteil ihres Einkaufs von ihrem eigenen Geld bezahlt, dessen munter sprudelnde Quelle Welkenbaum unbekannt war, denn sie arbeitete nicht. Dies war eines ihrer Geheimnisse, auf deren Wahrung sie sehr viel Wert legte. Verena war auch bei Weitem nicht so jung, wie sie aussah; doch ihr wirkliches Alter verriet sie nicht. Was nun endlich Marlon Brando anging: Diese Ähnlichkeit hatte nur einmal eine Topless-Tänzerin in der Augsburger Apollo-Bar entdeckt, in der er sich einmal mit Nikolaus Klammer getroffen hatte. Diese Übereinstimmung war der Frau aus Osteuropa aber erst aufgefallen, nachdem der Verleger ein paar Flaschen Champagner spendiert hatte, um seinen schreckensstarr und stocksteif am Tisch sitzenden Autor aufzumuntern, der sich so wohlfühlte wie ein Goldfisch in einem Piranha-Becken.

Aber wie er nun unnachahmlich seine Worte dehnte, als er den Concierge an der Rezeption in seinem holprigen Italienisch um die Zimmercard bat, das hatte doch etwas von Cosa Nostra und dem Paten, fand Welkenbaum.

Posso … avere la chiave della … uh, 239, per favore?“, fragte er, während Verena zusammen mit dem keuchenden Taxifahrer neben ihn trat. Hoffentlich bekam der arme Mann keine Herzattacke.

Ma come, Signore.

Der Mann am Empfang, ein braungebrannter und ölig schwarzhaariger Macho aus dem Bilderbuch, achtete jedoch kaum auf den dicken Verleger. Sein Blick lag sehnsüchtig auf dem großzügigen Ausschnitt von Verenas Kleid und verweilte dort. Eine kleine Pause entstand. Welkenbaum kniff die Augen zusammen und entzifferte das Namenschild, das der Hotelangestellte auf seiner weinroten Weste trug.

„Andrea. Was habe ich dir denn bloß getan, dass du mich so respektlos behandelst?“, murmelte er stirnrunzelnd auf deutsch und hob sich seine zu einer Klaue geformte Rechte an die Unterlippe. Er weckte den Mann aus seiner Starre.

Scusami?

Welkenbaum wiederholte seinen Wunsch auf Englisch, das er noch schlechter als Italienisch sprach. Aber diesmal wurde ihm gehorcht. Andrea sah endlich widerstrebend auf und griff hinter sich in die Ablage.

Che cosa hai detto? Camera 239?“ Er reichte die Karte über den Tisch.

„Welki!“, rief Verena und schnappte sich sofort die Schlüsselkarte aus der Hand ihres Freundes. „Ich muss sofort und auf der Stelle duschen. Regle du das mit dem Tassista, bitte.“

Der Verleger verbeugte sich, während der Taxifahrer erleichtert die Pakete zu Boden fallen ließ.

„Ist recht, mein Engel. Ich werde noch ein wenig an die Bar gehen und komme dann später nach.“

„Trinke nicht zu viel. Du weißt, du sollst an deinen Blutdruck denken. Und bleibe nicht allzu lange weg. Du hast hoffentlich nicht vergessen, dass wir uns heute Abend mit Roman Geitania und seiner netten Gattin Mercedes treffen wollen und vorher möchte ich mir noch unbedingt den Vatikan ansehen.“

Verena winkte einem der Pagen, der die Rolle des Trägers übernahm und mit ihr in Richtung der Aufzüge ging. Welkenbaum bezahlte ohne Murren die unverschämt hohe Rechnung des Chauffeurs. Er wusste, dass alle Taxifahrer Roms Gauner waren und hatte keine Lust auf langwierige, aber erfolglose Verhandlungen. Er wollte ebenfalls zu den Aufzügen, als ihn der Concierge noch einmal aufhielt.

One moment please, Mr Welkenbaum, i have something for you.

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[Zum 2. Teil]

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 10)

[Zum ersten Teil]

Ich schlich frierend auf einem dunklen und einsamen Seitenweg nach Hause und war nun froh, dass Christine gerade in Regensburg war, denn ich hätte sie im mei­nem Zustand zu Tode erschreckt. Die Winterjacke und mein Hemd konnte ich wegschmeißen; aber das war zu verkraften. Schlimmer wogen die Stigmata auf meiner Haut und mein angekratztes Selbstbild. Ich beschäftigte mich zwei Stunden damit, mich zu säubern, aber die Farbe aus den Spraydosen hielt gut. Meine Angreifer hatten für ihren Anschlag auf mich Qualitätsware eingekauft. Ich scheuerte mir mit einem rohen Waschschwamm die Haut wund und blieb unverändert rot und blau. Entmutigt stieg ich ins Bett und verschob weitere Säuberungsversuche auf den folgenden Tag.

Am nächsten Morgen waren meine Reinigungsunter­nehmungen kaum erfolgreicher. Die Farben wurden durch den Einsatz von Terpentin und Lösungsmit­teln, die ja ich als Maler zur Genüge zuhause hatte, heller. Allerdings holte ich mir eine schrecklich juckende Aller­gie. Ich entschloss mich, so lange unsichtbar zu bleiben, bis mit der Zeit mein Aussatz von allein verschwinden wür­de. Das war sicher das Beste. Ich rief in dem Lokal an, in dem ich arbeitete und ließ mir eine Woche unbezahlten Urlaub geben. Ich ging kein einziges Mal auf die Straße. Es war eine harte Zeit. Ich hungerte, weil mein Kühlschrank leer war und die Nächte machte mir mein nässen­der Hautausschlag zu einer wahren Hölle.

Die beiden Kerle, die mich angegriffen hatten, waren mit Sicherheit im Freundes- und Bewundererkreis von Nix zu finden. Mein kritischer Artikel über ihn musste sie zu diesem Überfall veranlasst haben, der mich an SA-Methoden erinnerte. Wenn ich auch nicht glauben konnte, dass der Maler für diesen Anschlag verantwortlich zeichnete, so blieb doch die Frage, wie er zu solch einer Anhänger­schaft gekommen war, deren Fanatismus mir schon vor Jahren bei der Schulausstellung, die ich anfangs erwähnte, unangenehm aufgefallen war. Was auch immer an seinem Wesen diese Gefolgsleute so bedin­gungslos auf seine Seite gezogen hatte: Ich war diesem Charakterzug von ihm noch nicht begegnet und konnte ihre Begeisterung und ihr Sendungsbewusstsein, das nicht vor Gewalt zurückschreckte, nicht nachvollziehen.

Wegen meines selbstgewählten Exillebens versäumte ich es denn auch, an Nix‘ Vernissage teilzunehmen und als Augenzeuge seinen überwältigenden Triumph mitzuerleben. Ich hatte keine Einladung von ihm erhalten, wie ich es ursprünglich erwartet hatte. Aber es bei einer Ver­anstaltung dieser Art wäre es kein Problem gewesen, sich den­noch unauffällig einzuschleichen und mit einem Sektglas in der Hand unters Volk zu mischen. Weil ich also zuhause bleiben und leiden musste, bekam ich über die Ausstellung nur In­formationen aus zweiter Hand und die waren erstaun­lich genug: Ich hatte nie vermutet, wie allein ich mit meiner kritischen Einschätzung der Kunst von Nix stand. Ob­wohl sich die Süddeutsche mit einem kleinen positiven Artikel, der sich an der Pressemitteilung ori­entierte, begnügte, machte unsere Tageszeitung einen beachtlichen Rummel um die Ausstellung, die Feuille­tonseite war voll der lobenden Kritik und zeigte dazu ein großformatiges Foto, das Nix und Dr. Arno Pauli zeigte, die sich vor einem nur verwaschen erkennbaren Objekt freundlich die Hände schüttelten. In dem breit aufge­machten Artikel stand in ehrfurchtsvollen Worten viel von gelungener Nachwuchsförderung und einem be­deutenden Talent, das – was ja heute selten sei –, allen etwas zu sagen habe. Nix packe eine Botschaft in seine Bilder, die in ihrer Dringlichkeit jeden angehen und berüh­ren müsse. Er wurde mit André Masson und vor allem mit Francis Bacon in eine Reihe gestellt. Das waren frei­lich lächerliche Vergleiche, die nur die Dummheit des Chefkritikers unseres Provinzblattes manifestierten; Verglei­che, die ich allerdings in der folgenden Zeit noch häufi­g zu hören bekam. Einer schreibt vom anderen ab; so ist die Journaille eben.

Ich war bestürzt. Ausgerechnet unser konservati­ves, niveauloses Tagesblatt lobte diese nekrophilen Werke in den Himmel. Das erschien mir unglaublich. Wenn hier keine Bestechung im Spiel war, dann hatte der Kunst­kritiker in den letzten Tagen ein kaum fassliches Da­maskuserlebnis gehabt, das aus einem Saulus, bei dem die wahre Kunst mit der Klassischen Moderne endete, einen Paulus der jungen Wilden gemacht hatte.

Gespannt wartete ich auf die Sendung des Kritikers un­seres Lokalfunks Radio Power-One, auf dessen fundierte und geradlinige Kommentare ich große Stücke hielt. Ich hatte den gut fünfzigjährigen Mischka Lob als einen bissig-resignierten und dabei überaus charmanten Mann ken­nengelernt, der seine Meinungen exakt und ehrlich von sich gab. Seine Rundfunkauftritte waren nur ein halb eh­renamtlicher Nebenberuf, den er mit Freude und Sach­kenntnis ausfüllte. Womit er in Wirklichkeit seine Bröt­chen verdiente, habe ich nie so genau verstanden, er war selbständig und hatte etwas mit verwirrenden Exportge­schäften zu tun, bei denen er allerdings einen guten Schnitt zu machen schien. Man sah ihn häufig in der Stadt in der Begleitung von etwas halbseiden wirken­den Ausländern in schlecht geschnittenen Anzügen. Ich muss zugeben, ich bewunderte am meisten die Großzügigkeit, mit der er sein Geld unter seinen Bekannten verteilte. Nur aus diesem Grund war auch seine latente und widerwärtige Päderastie zu ertragen; er hatte ständig ein paar hübsche, kunstsinnige und kaum der Pubertät entwachsene Jünglinge um sich, die er aushielt; in allen Ehren, versteht sich. Er hatte sich bei seinen kleinen Ver­gnügungen vollständig unter Kontrolle.

Doch auch Lobs von zwei unsäglichen Hip-Hop-Titeln zerrissener Kommentar über die Vernissage von Nix – sein Musikgeschmack war unterirdisch -, war eine unverhohlen bewundernde Eloge auf einen großen Künstler, wie er in den Jahren seiner Tätigkeit als Kunstbeobachter in dieser Stadt noch keinem begegnet sei. Entgegen seiner gewohnten Sachlichkeit verlor er sich in Superlativen, die aus Nix einen Halbgott der modernen Kunst machten. Es war nicht zu glauben: Er­kannte denn niemand außer mir, dass sich Nix zwar zweifellos auf dem richtigen Weg befand, ein bedeuten­der Maler zu werden, er aber noch völlig unfertig war? Eine Larve gewissermaßen? Nix‘ eigenen Ideen wurden von, ich muss es zugeben, geschickt gesetzten Fremdzi­taten zugedeckt und seine großbürgerliche Lebensfüh­rung behinderte ihn daran, sich zu entwickeln. Konnte ich mich in meiner Einschätzung derart täuschen oder waren die anderen plötzlich von Blindheit geschlagen, von seinem handwerklichen Können geblendet? Oder war hier Bestechung im Spiel?

Zumin­dest glaubte ich nach diesen beiden Kritiken verstehen zu können, warum die Werke des Malers zu wütenden Stellung­nahmen herausforderten und starke Gefühle, ja, Aggressionen in den Menschen weckten, die sie nicht ein­mal davor zurückschrecken ließen, gegen vermeintliche Geg­ner mit Gewalt vorzugehen. Den Beweis dafür hatte ich, wenn ich mein entzündetes und aufgeschwollenes Ge­sicht im Spiegel betrachtete.

Doch es sollte noch schlimmer für mich kommen: Nach­dem die wichtigsten Kritiken veröffentlicht waren und nur die meine in der negativen Waagschale lag, rief mich Werner an, um mich zu einem persönlichen Ge­spräch in die Redaktion zu bestellen. Da ich aus den be­kannten Gründen ablehnen musste, in den nächsten Ta­gen aus dem Haus zu gehen, entschloss er sich – wie er es formulierte -, schwe­ren Herzens, mir dann eben jetzt am Telefon mitzuteilen, dass sich die Zeitschrift vorläu­fig von mir und meiner Mitarbeit trennen müsse.

»Oh, Georg, du musst es mir glauben«, führte er aus, »ich habe um dich und damit um die Meinungsvielfalt meines Blattes gekämpft, beide sind mir ein unbeding­tes Anliegen. Übrigens hat mir auch der betont kämpfe­rische Stil deines Artikels gefallen, obwohl ich keines­wegs mit deinen Schlussfolgerungen übereinstimme. Aber, du weißt ja, wie das ist … Ich habe mehrere barsche Rügen von Seiten der Anzeigenkunden wegen meiner eklatanten Fehleinschätzung des Zeitgeistes erhalten – allen voran vom PR-Chef von Follia. Der hat mich gekreuzigt. Deshalb sehe ich mich bedauerlicherweise gezwungen, einen Schnitt zu machen.«

Das saß.

»Diese Trennung ist selbstverständlich keine endgültige. Wir sind viel zu gute Freunde dazu. Du hast immer noch eine toller Schreibe, Georg. Du kannst mir auch weiterhin, selbstverständlich vollkommen unverbindlich, deine Arti­kel und Kritiken zusenden, die ich, wenn sie dem Niveau meiner Zeitschrift entsprechen, mit Vergnügen unter einem neuen Pseudonym veröffentli­chen würde. Überlege dir das mal in Ruhe. Und ruf mich nicht an. Ich melde mich.«

Da ich vergeblich um die wenige Fassung rang, die mir noch geblieben war, wusste ich nichts zu entgegnen. Unser Telefongespräch endete mit einem verwirrten Stottern von uns beiden, das in ein peinliches Schwei­gen mündete; bis dann endlich Werner den Mut fand, die Verbindung zu unterbrechen. Ich hatte keinerlei Handhabe gegen seine Entscheidung, im Gegenteil: Da ich nur ein freier Mitarbeiter war, musste ich Werner dankbar sein, dass er mir seinen Entschluss, mit dem ich immer hatte rechnen müssen, persönlich mitgeteilt hat­te. Trotzdem war mir, als würde mir abrupt der Boden unter den Füßen weggezogen. Damit versiegte nicht nur eine wichtige Erwerbsquelle. Es war die Ablehnung, die mich zutieft verletzte. Da mein seelischer Zustand im Mo­ment mehr als labil war, hatte ich einen schweren Anfall von Verfolgungswahn. Ich fühlte ich mich als das un­schuldige Opfer einer Verschwörung, die Nix oder sein Onkel, der Kulturreferent, angezettelt hatten, um mich zu vernichten.

In der abgeschlossenen Einsamkeit meiner Wohnung suhlte ich mich in der scheußlichsten Depression, die ich je hatte.

[Zum 11. Teil …]

Ein Kommentar

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Verlosung von „Noch einmal davon gekommen“

 

Was bin ich doch für ein großzügiges Kerlchen: Um das neue Jahr zu feiern, verlose ich bei LOVELYBOOKS 3 (in Worten: DREI) Exemplare meines Kurzgeschichtenbands „Noch einmal davon gekommen“. (1)

Ich habe in ihm die meiner bescheidenen Meinung nach besten Glossen, Kolumnen, Artikel und „Freitagsaufreger“ aus 4 Jahren „Aber ein Traum“-Bloggeschichte zusammengetragen (2), diese gründlich überarbeitet, aktualisiert und für die Buchausgabe eingerichtet.

Macht doch einfach bei der Verlosung mit, wenn ihr auch einen Band geschenkt bekommen wollt!

Ein Kritiker  bei Amazon hat übrigens  folgendes über das Buch geschrieben:

„Noch einmal davon gekommen“, dessen Cover bereits einen schwer mitgenommenen Nikolaus Klammer zeigt, ist eine Sammlung von Kolumnen, Glossen und Kurzgeschichten, die der in Diedorf bei Augsburg wohnende Autor in den letzten vier Jahren für seinen Blog „Aber ein Traum“ geschrieben und für das Buch neu eingerichtet, erweitert und überarbeitet hat.

In seinen Texten voller Charme und Esprit beschreibt Klammer auf wirklich ansprechende und humorvolle, manchmal auch nachdenkliche Weise sein chaotisches Familienleben mit seiner immer wieder an seinen Unarten verzweifelnden Frau, den zwei erwachsenen Söhnen und Amy, der Katze. Er gibt Einblicke in sein Leben als Autor, beschreibt seinen Kampf mit den Tücken des Objekts, dem Unkraut im Garten und den Widrigkeiten des Alltags (Herrlich sind z. B. die Geschichte, wie man einen Oktopus kocht oder die geheimnisvolle „Mangold-Affäre“).

Das alles beschreibt Klammer auf eine so heitere und selbstironische Weise, dass man ihm gerne durch sein Privatleben folgt und es wirklich bedauert, wenn man viel zu früh am Ende des Buchs angekommen ist.

„Noch einmal davon gekommen“ ist auf 230 Seiten liebevoll illustriert und eine absolute Empfehlung für alle, die sich geistreich unterhalten lassen wollen.

*

Und schließlich noch ein zum Januar passender Ausschnitt aus dem Buch:

Der fürchterliche Monat

Einer der bedauerlichsten Irrtümer der Evolution ist der, dass sie den Menschen nicht wie den Bären, die Maus, den Igel oder das Murmeltier oder auch den Sie­benschläfer zum Winterschlaf geführt hat. Man sollte sich diese Tiere als glücklich vorstellen. Der Mensch je­doch muss unverdrossen auch in der kalten Jahreszeit wirken, weben und handeln, leben, lieben, leiden und – frieren. Wie angenehm wäre es, für drei oder vier Mona­te all die Arbeit, den Ärger, die Politik und die Mit­menschen zu vergessen, sich Anfang November in sein Schlafzimmer zurückzuziehen, noch ein wenig im Zau­berberg zu blättern (da macht es nichts, wenn man im Frühjahr nicht mehr weiß, was man gelesen hat), dann gelangweilt und sattsam müde das Nachttischlicht lö­schen, sich in dicke Federkissen einrollen und bis in den März hinein zu schlafen, um gestärkt und ein paar Pfunde leichter gemeinsam mit der Natur wieder zu er­wachen.

Gut, ein paar Dinge wären anders, aber wahrscheinlich besser: Man müsste Weihnachten im Sommer feiern, auch alle Geburtstage würden in die schöne Jahreszeit fallen. Auf der anderen Seite gäbe es das unselige Ski­fahren nicht und keine Langlaufloipen. Die Berge wür­den nicht von den Dinosaurierskeletten der Lifte und Bahnen verschandelt und durch die Beanspruchung ver­karsten, es gäbe keine Glatteisunfälle und Rentnerinva­sionen auf Mallorca, man müsste keinen Schnee schip­pen, sein Auto nicht enteisen und Heizöl und Benzin würde noch ein paar Jahrhunderte länger reichen. Kein Bauer könnte mehr seine Gülle schon im Februar auf die Felder kippen und – welche Erleichterung – den rhei­nischen Karneval würden ebenfalls alle verschlafen (Statt „Kölle alaaf“ hieße es „Kölle schlaf“). Vielleicht gäbe es auch weniger Kriege, weil die Leute lieber schla­fen als kämpfen. Die Verbrechensrate wäre bestimmt geringer; man bräuchte für edle Pelzmäntel keine Tiere schlachten und würde insgesamt länger leben, da uns unser Energiehaushalt zu einem langsameren, ruhige­ren Leben zwingen würde.

Man stelle sich nur die heiteren Familienfeste Ende Oktober vor, bei denen man sich von einander verab­schiedet und sich gemeinsam seinen Winterspeck anfut­tert, um die anschließenden Fastenmonate zu überste­hen, die man schlafend und angenehm in seine Pfühle gekuschelt verbringt. Das türkische Zuckerfest wäre da­gegen eine Diätveranstaltung. Apropos Diät: Die Win­terruhe wäre ein wirklich funktionierendes ‚Abnehmen im Schlaf‘ für jedermann und alle Frauen kämen ohne irgendwelche ‚leckeren‚ Diät-Drinks und die Weight-Wat­chers im Frühjahr mit ihrer Bikinifigur aus dem Schlaf­zimmer!

Aber es soll leider nicht so sein … Die Tretmühle läuft ohne Pause weiter.

Und der schlimmste dieser Wintermonate ist der Janu­ar, an dem eigentlich nichts janusköpfiges, zweigesichtiges ist, da er ei­nem tagein, tagaus seine hässliche Fratze entgegen­streckt. Der Januar ist ein Monstrum, ein Unhold. Dass das neue Jahr ausgerechnet mit diesem toten, amorphen und grauen, dabei endlosen Monat beginnen muss, ist mir ein Rätsel. Januar ist kein Neubeginn. Er ist noch vollkommener Winter, kalt, düster, seine Wetterkaprio­len grausam und davon, dass die Tage wieder länger werden, merkt man auch noch nichts. Der Januar kennt kaum Feiertage und keine Lichtblicke, man leidet unter Vitamin-D-Mangel und depressiven Schüben. Er bringt die ersten bedeutenden Schneemengen und viele zusätz­liche Arbeiten und Gefahren. Bewegungslos und gleich­förmig reihen sich seine kurzen Tage aneinander und die bitteren Nächte werden nicht einmal vom Lichter­schmuck wie im Dezember erhellt. Es gibt auch plötzlich keine Glühweinstände und Weihnachtsmärkte mehr, ob­wohl sie gerade jetzt viel notwendiger sind als während des Advents, in dem normalerweise vorweihnachtliches Tauwetter und frühlingshafte Temperaturen vorherr­schen.

Warum ist ausgerechnet der Januar einer dieser Mona­te mit 31 Tagen? Nicht einmal die gnädige Kürze des Fe­bruars will man uns gönnen. Warum nimmt man nicht wenigstens den letzten Tag und hängt ihn meinetwegen an den Juni? Ein 31. Juni hätte immer schönes, warmes Sommerwetter, aber ein 31. Januar – wer braucht denn den? Gleiches gilt übrigens für den Schalttag Ende Fe­bruar, auch dieser ist völlig verschwendet an den Winter und sollte z. B. in den goldenen September verschoben werden. So könnte man durch eine einfache Kalenderän­derung dem Jahr zwei weitere schöne Tage hinzufügen. Vielleicht sollte man den Januar gleich zwischen Juli und August legen! Das ist es: Dann hätten wir einen Mo­nat mehr Sommer. Warum ist darauf eigentlich noch niemand gekommen? Vielleicht sollte ich mit dieser ge­nial einfachen, aber sinnvollen Forderung einmal zu meinem Bundestagsabgeordneten gehen …

Aber wie immer hört ja keiner auf mich! Nein, der erste Monat des Jahres hat nichts, was mir sympathisch ist, außer an unverdienter Länge hat er von allem zu wenig. Er ist abweisend wie ein verbitterter alter und ungewa­schener Mann. Und alle 12 Monate, wenn ich ihn fast schon wieder vergessen habe, tritt er erneut in mein Le­ben, hockt sich ausdauernd  auf meine Seele und beläs­tigt mich. Ja, wie  gerne würde ich zumindest den Janu­ar verschlafen! Ich habe es versucht, war letzte Woche fest entschlossen, erst wieder aufzustehen, wenn Anfang Februar mein Geburtstag ansteht. Frau Klammerle und auch mein Arbeitgeber waren von der zwingenden Not­wendigkeit, diesen Monat einfach auszulassen, nicht zu überzeugen. Nur deshalb gibt es diesen Text. Eigentlich wollte ich noch im Bett sein.

Wenn Ihr also von heute an nichts von mir hört: Weckt mich nicht.

Enden will ich allerdings mit den Zeilen meines engen Freundes und Leidensgefährten Walther Vogelweide, der missmutig und übellaunig schon vor einigen Jahren dichtete:

Möchte ich verslâfen des winters zît ! 
wache ich die wîle, sô hân ich sîn nît, 
daz sîn gewalt ist sô breit und sô wît. 

______________

(1)  Nein, das ist vielleicht etwas unglücklich formuliert, aber kein Rechtschreibfehler. Ich weiß, dass man „davongekommen“ normalerweise zusammenschreibt. Die Idee dahinter war, dass ich in dem Buch noch einmal von dem Jahr und den Geschehnissen gekommen bin, über das ich darin berichte …

(2) … und 62 Fußnoten. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich wie David Foster Wallace nicht nur schreibsüchtig, sondern auch ein Fußnoten-Fetischist bin?

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Neuerscheinungen 2018

In der nächsten Woche kehrt hier der Alltag wieder zurück. Ich werde in leichtverdaulichen, wöchentlich erscheinenden Häppchen (1) die Vorveröffentlichung der Romane, die ich in diesem Jahr veröffentlichen will, fortsetzen. Für mich sind diese noch unredigierten und nicht korrigierten „Beta-Versionen“ meiner Texte aus zwei Gründen wichtig: Zum einen zwingt mich der strenge Wochenrhythmus, konzentriert an den Werken weiterzuarbeiten, zm anderen merze ich auf diese Weise sehr viele Flüchtigkeitsfehler aus und erstelle ganz nebenzu die Druckversion für die Veröffentlichung. Ich weiß, dass diese „Fortsetzungsromane“ in diesem allzu flüchtigen und vergesslichen Medium kaum oder gar nicht gelesen werden, aber der Blog hat längst den Anspruch verloren, Leser mit netten, unterhaltenden Geschichten aus meinem Alltag und meinen Weisheiten über die Literatur und die Welt im Allgemeinen anzulocken. (2)

Der Blog „Aber ein Traum“ dient mir inzwischen als erweiterter Schreibtisch; als Fortsetzung meiner Autorenarbeit mit anderen Mitteln: Zuerst ist da selbstverständlich die Fantasie, dann die erste handschriftliche Textversion in einem Notizbuch, anschließend die Libre-Office-Datei (3), der die „Vorveröffentlichung“ auf diesem Blog folgt, eine weitere Überarbeitung und oft auch Erweiterung und Neustrukturierung des Textes und schließlich das Buch, das ich als Selfpublisher drucken, lektorieren und dann auf die literarisch interessierte Welt loslasse. Fehler finden sich dann immer noch zur Genüge, so dass ich z. B. beim 1. Geltsamer-Band: Die Frau, die der Dschungel verschluckte bereits bei der 7. überarbeiteten Auflage bin. Jeder Text wandert also aus meinem Geist zuerst ins Analoge, gelangt anschließend ins Digitale und kehrt schließlich ins Analoge zurück.

Und so sieht mein Plan aus:

Montag

Mein Schlüsselroman Die Wahrheit über Jürgen (260 Seiten) über das Augsburger Kunst- und Kulturleben in den 90er Jahren.
Er wird in seiner endgültigen Fassung Ende März, Anfang April d. J. veröffentlicht.

Mittwoch

Ab dem 10. Januar beginne ich mit der Vorveröffentlichung des 3. Teils meiner Geltsamer-Trilogie in 5 Bänden.
Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Teil 3: Das Gulag des Dmitrj Alexandrowitsch Krakow

Der fertige Roman (250 Seiten) soll im September 2018 erscheinen

Freitag

Freitags schließlich setze ich das Prequel zu meiner Fantasy-Trilogie Brautschau fort:
Der Weg, der in den Tag führt

Lange angekündigt und verschoben, weil sich diese Geschichte – 600 Seiten –  nicht in dem ursprünglich geplanten Umfang fertigstellen ließ, werde ich sie veraussichtlich erst im ersten Halbjahr veröffentlichen.

Ich werde oft gefragt, wie ich das alles zeitlich hinbringe und meine ehrliche Antwort ist: Das weiß ich auch nicht. Trotzdem hat es im letzten Jahr geklappt und ich hoffe, dass mir meine ehrgeizigen Pläne auch 2018 gelingen. Falls mich jemand auf meinem „Weg, der in den Tag führt“ unterstützen will, findet er/sie in der rechten Bildleiste die Links zu meinen Büchern. Mit jedem verkauften Buch fällt es mir leichter, meine Arbeit zu machen. Ich freue mich selbstverständlich über jeden, auch kritischen Kommentar.

Danke!

__________

(1) Jeweils montags, mittwochs und freitags wird pünktlich um 08:30 Uhr ein etwa 1200 Wörter langer  Abschnitt – das sind 8 Buchseiten – aus meinen zur Veröffentlichung anstehenden Werken erscheinen.

(2) Der Sammelband Noch einmal davon gekommen (230 Seiten, illustriert) mit den überarbeiteten und teilweise stark erweiterten Glossen und Artikeln aus den letzten fünf Jahren dieses Blogs verkauft sich trotz überschwänglicher Kritiken der wenigen Leser überhaupt nicht. Das will offenbar niemand von mir lesen.

(3) Ich finde WORD umständlich, überladen und unübersichtlich, es ist eine furchtbare Textverarbeitung. Deshalb arbeite ich seit Jahren mit der kostenlosen Open-Office-Alternative LibreOffice. Die hat zwar auch ihre Macken, ist für mich als Autor aber eindeutig das bessere Programm.

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil 4

Vier Helden mit zwölf Füßen traten in den dich­ten, bei­ßenden Nebel, der wie ein Leichentuch auf der Winter­wunderwelt des Karlnalrumpel­stilzchens lastete und wurden von ihm ver­schluckt. Ne­beneinander, nur durch eine Hundeleine miteinan­der ver­bunden, gingen stumm und ent­schlossen: Ömer Özgür, eine Geheimwaffe in der Tasche, von der außer ihm noch nie­mand etwas wusste, stolzer Besitzer der Imbissbude Traum vom Bosporus, er hielt seinen Dönerspieß wie ei­nen Speer nach vorn in die verwaschene Düsternis ge­streckt, in der man keine zwei Schritte weit sehen konnte, dane­ben trottete besorgt Karl-Heinz, der große, alte Weih­nachtshund, der letzte seiner Art, der noch Zähne zum Zubei­ßen fletschen und schwere Walnüssen aus sei­nem Sack schleudern konnte und an sei­ner Seite ging der treue Singin‘ Sam, der Esel, dessen Zunge wie eine Peitsche zu­schlug und dessen Gesang die Reihen des Fein­des zum Erzit­tern bringen konnte. Das Grautier, dass trotz sei­ner Vorliebe für Weihnachts­punsch leider keine rotleuchtende Nase besaß wie sein Vetter Ru­dolph, das Rentier, eine Schnauze, die die Szenerie hätte erhellen können, summte leise die Melodie von „Auf in den Kampf, Torero“ vor sich hin. Die drei mutigen Re­cken folgten wie die drei Weisen aus dem Morgenland ihrem Stern: Jan Philipp Rabenhorn, dem letzten Ritter des ed­len Ge­schlechts der Ceratias-Corvus, der die Faust so fest um den Griff seines orange schimmernden, in El Ixir ge­tauchten Schwertes ge­klammert hielt, dass seine Knöchel weiß hervortra­ten. Ihn leitete sein Instinkt sicher durch den dichten Nebel.

Noch nie hatten die uralten Hallen unter Bromberg solch mu­tige, zu allem entschlossene Helden gesehen und noch nie war auch so viel auf dem Spiel gestanden. Nachdem das Quartett eine gefühlte Ewigkeit unterwegs war und zumindest in Ömer ein erster Zweifel auftauchte, ob sie auf dem richtigen Weg und nicht von dem selben abge­kommen wären, erklangen direkt vor­aus dumpf klatschen­de Geräusche und es waren ein paar farbi­ge Lichter in dem stumpfen Weiß auszumachen, das sich end­lich et­was lichtete und eine ungesunde, giftig-grüne Färbung an­nahm. Mit heftigem Schwefelgestank wehte eine üble Bri­se die letzten Reste der Nebelschwaden hinfort und die vier Hel­den waren an ihrem Ziel angelangt: Dem Nest des großen Karl­nickels.

Die Halle erinnerte hier an einen noch tätigen Höllen­vulkan, an dessen Rand sie nun standen und hinunter starrten. In sei­ner Mitte, zu der das nach Kohl, altem, fet­ten Hack und faulen Eiern dünstende Gelände flach abfiel, brodelte eine gewaltige Grube, in der ein hellloderndes Feuer brannte. Davor kauerte wie ein Schattenriss eine dunkle, gigantische Gestalt mit zwei langen, spitzen Oh­ren, die bis zur Decke reichten, von der kaum zählbar viele dicke Wurzelstränge teilweise bis zum Bo­den herabhin­gen. Die meisten von ihnen sahen aus, als hätte eine Biberarmee sie angefressen. Die Grube ihres Gegners – denn niemand anderes als der Karlnickelkönig saß dort am Feu­er und briet sich etwas Undefinierbares in einer monströsen Bratpfanne, während er ih­nen seinen schwar­zen behaarten Rü­cken zuwandte – diese Grube musste di­rekt unterhalb des gro­ßen Pinkelbaums liegen, der den Weihnachtsmarktplatz von Bromberg zierte und in den letzten Jahren schon recht ange­schlagen und vertrocknet gewirkt hatte; weshalb der Stadtrat, der um seine Bedeu­tung wusste, die Weih­nachtsbeleuchtung das ganze Jahr über hängen ließ.

Rabenhorn wollte schon entschlossen auf den übermäch­tigen Gegner losstürmen, als ihn Ömer in die Rippen stieß und zur Seite deutete, wo völlig unbewacht einige Gefängniskäfige am Kraterrand standen, von denen nur einer belegt war: MARIE-THERES! Rabenhorn fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatten sei­ne Chefin gefunden und sie lebte noch, winkte aufgeregt zu ih­nen herüber. Selt­sam, der Lektor hatte das Gefühl, der Kohlge­stank ginge von ihr aus, ein Gefühl, das sich mit jedem Schritt, mit dem er sich ihrem Gefängnis näherte, verstärkte.

‚Schichtkohl, die Kienbauer riecht nach Schichtkohl. Wahr­scheinlich hat sie wieder mal diese Scheußlichkeit ge­kocht und der Karlnickelkönig hat sie deshalb noch nicht gefressen, weil sie so stinkt‘, erkannte er plötzlich erfreut. Ihre Vorliebe für diese unbeschreiblich grauenvolle Speise hatte sie gerettet. Auch Karl-Heinz verzog angewidert die Schnauze und sogar Singin‘ Sam, den normalerweise nichts aus der Ruhe brachte, bemerkte zur Seite:
„Boah, eh, Babo! Die alte Chick müfft vielleicht. Ist das krass!“

Nur Ömer weitete verzückt seine Nasenflügel, schnup­perte den Duft, der von der Gefangenen ausging und ihm ging das Herz auf. Hier roch es wie hinter seiner Döner­bude und ein hef­tiges Heimweh befiel ihn. Sein dunkel schmachtender Blick kreuzte den blauäugigen von Marie-Theres und wenn jemals zwei Seelen durch ein Augen­blinzeln zu einer verschmolzen, dann waren es die des Türken und der Verlegerin. Mit einem laut klirrenden Schwerthieb durchtrennte Rabenhorn die Kette mit dem Vorhän­geschloss, die das Gefängnis versperrte und an ihm vorbei stürz­te zu seiner Verblüffung eine ziemlich de­rangierte, aber vollkom­men unversehrte Marie-Theres und landete aufschluchzend in den starken Armen von Ömer.

‚Da wird der arme Friederbusch in der nächsten Zeit ein paar traurige Bücher abliefern‘, dachte Rabenhorn, ‚aber ein Dichter sollte ja leiden, wenn er Großes vollbringen will.‘

Seine Nackenhaare standen plötzlich zu Berge, denn er hörte ein mächtiges Grunzen hinter sich und ein Ge­räusch, als wür­de sich ein Berg erheben. Der Lärm, den er mit seinem Gewal­thieb gemacht, hatte die Aufmerksam­keit des Karlnickelkönigs erweckt, der sich nun unten am Feuer zu seiner ganzen Größe aufrichtete und donnernd mit dem Kopf gegen die Decke schlug. Oben auf dem Weihnachtsmarkt um den großen Pinkel­baum wurde durch dieses mittlere Erdbeben viel Glühwein ver­schüttet und die Brat­würste glitten aus ihren Brötchen. Überall rieselte Erde wie dün­ne Wasserfälle herab in die Höhle. Noch so eine Erschütterung und die Decke würde einstür­zen, mitsamt den Feiernden oben und allen Buden und Würstchen- und Punschständen, erkannte Rabenhorn. Das schwarze Ungeheuer ließ einen schrillen Pfiff ertö­nen. Fast gleichzeitig tauchten am Kraterrand unzählige kleine Karlnickel auf, gefährliche, scharf­zahnige und zähe Bies­ter, die sich unvermittelt mit einem Auf­schrei auf die Helden und die gerettete „Jungfer“ stürzten.

„Das wird jetzt übelst derbe, Bro“, murmelte der Esel und er sollte recht behalten:

Es wurde jetzt oberübelst, uzverdammt derbe. Was nun folgte, ging in die Annalen der Stadt Bromberg als „Die Große Schlacht in den Weihnachtshöhlen“ ein. Jeder hat sie mehr oder weniger begeistert in der Schule als Pflicht­lektüre lesen müssen und sie und die Heldentaten der Tapferen brauchen daher an dieser Stel­le nicht erneut er­zählt werden. Weniger bekannt ist vielleicht, dass die Schlacht nie einen Sänger gefunden hätte, der von ihr in seinem Heldenepos berichtete, wenn nicht Ömer Özgür, der Im­bissbudenbesitzer, den Tag gerettet hätte. Er zog eine kleine Pfei­fe hervor und blies in der höchsten Not in sie, gerade, als die Re­cken von den Massen der Karlnickel aus­sichtslos umflutet und eingekreist waren, ihr König sich schon mit stampfendem Schritt, die Bratpfanne wie eine Keule schleu­dernd, genähert hat­te. Seltsam – nichts war zu hören… und doch!

„In diesen Grenzen mit des Herrschers Ton Mord rufen und des Krieges Hunde entfesseln …,“ zitierte Ömer mal wieder sei­nen Lieblingsautor, erneut aus Julius Cäsar, wie Rabenhorn wohlwollend registrierte. „Dass diese Schand­tat auf der Erde stinke von Menschenaas, das um Bestat­tung ächzt!“

Und die Hundepfeife wirkte! Von überall kamen sie, von allen Seiten. Sie stürmten den Hang hinab, die Hunde und Esel des Krieges, die nur auf ihr Signal gewartet hat­ten: Karl-Georg, der gewaltige Dobermann, Karl-Gustl, der Berner Sennenhund, Car­los-Santana, der schwarze Pudel, Karl-Maria, der kurzbei­nige Dackel und all die an­deren Weihnachtshunde mit ihren ro­ten Mützen und den Säcken voller Hundetrockennahrung und unter ihnen Jumpin‘ Jack, Hoppin‘ Hermann, Cryin‘ Clause und Hummin‘ Henry, die Brüder von Singin‘ Sam. Ihr Kriegs­gesang erschütterte erneut die Halle und wie Haie stürzten sich die Weihnachtstiere in die Fluten der bösar­tigen Karlnickelar­mee, brachten sie zum Wanken, gar zum Zurückweichen! Es war eine entsetzliche Schlacht, der das Heldenquartett stau­nend und in letzter Sekunde glücklich gerettet wie einem ab­surden Theater­stück bei­wohnte.

Da zupfte Karl-Heinz den Rabenhorn mit der Schnauze am Är­mel.

„Haben wir nicht noch etwas zu erledigen?“, fragte er.

„Du kannst sprechen?“ Rabenhorn nickte. „Karlnickel­klar, du kannst es. Warum eigentlich auch nicht?“ Er sah hinüber zu dem Karlnickelkönig, der nun ziemlich verlas­sen vor seiner Feu­ergrube stand und mit wilden Flüchen vergeblich seine Un­tertanen zum Widerstand aufrief, der längst gebrochen war. Heillose Flucht war das Gebot der Stunde.

„Dann komm“, sagte der Held von Bromberg zu seinem treu­en Hundegefährten, hob das funkelnde, zu unser aller Glück nicht singende, sondern ungewöhnlich schweigsa­me Schwert und trat dem Monster entgegen, „retten wir Weihnachten.“ Tiefe Zuver­sicht erfüllte das heldenhafte Herz des Lektors und mit seinem ersten Hieb durchtrenn­te er bereits den Fuß des Ungeheuers. Die abgeschlagene Gliedmaße flog durch die Luft und als sie auf dem Boden landete, verwandelte sie sich in pa­nisch umherirrende, ge­geneinander rempelnde und stolpernde kleine Karlnickel.

„Das ist für Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Sies­ta Or­tega y Cuerno del Cuervo“, rief er und mit jedem Namen seines Vorfahren, den Rabenhorn rief, trieb er sein mit El Ixir behan­deltes Schwert erneut in den Bauch des Monsters. Aus dessen Wunden sprudelten kein Blutfontä­nen, sondern unzählige Karl­nickel. Der König wankte, die Bratpfanne entglitt seinen plötz­lich wieselflink davon flit­zenden Fingern, die wie der Rest seines Körpers aus sei­nen fliehenden Untertanen geformt gewe­sen wa­ren. Dann fiel er zu Boden. Rabenhorn hob ein letztes Mal sein Schwert, den gewaltigen Kopf vom Körper zu tren­nen.

„Halt ein!“, rief da plötzlich eine bekannte Stimme. Karl-Heinz, der sich in ein Organ des Karlnickelkönigs verbis­sen hatte, das in einem Märchen nicht erwähnt werden darf, und Rabenhorn wir­belten erschrocken herum. Hinter ihnen standen Karl-Nickel, der Karlnickellaus-Rumpel­stilz und der ebenfalls längst verstorbene Hubert Emanuel Kienbauer. Beide wirkten sehr lebendig. Raben­horst fühlte sich wie am Ende von Star­Wars VI.

„Halt ein, sonst wird an Ostern die Welt untergehen!“, schluchzten die beiden. „Denn wer soll den Kindern ihre Eier verstecken – etwa ein Osterhund?“
Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal er­zählt werden soll …

ENDE DES ERSTEN BUCHS
Fortsetzung folgt in
Karl-Heinz und Herbert, das Osterkarlnickel

Rabenhorn klappte sein Prüfexemplar von Karl-Heinz, der Weihnachtshund zu, legte es vorsichtig auf seinen Schreib­tisch und sah zum Panorama­fenster aus dem 8. Stockwerk hinaus. Inzwischen däm­merte es und in den Häusern un­ten in der Stadt erstrahl­ten die ersten Weihnachtsbäume. Endlich schneite es di­cke Flocken.

Obwohl der Lektor sich inzwischen mit Frieder­buschs neuestem Werk arrangiert hatte und er ein­sah, dass ein er­folgreiches Buch fortgesetzt gehörte, war er mit dem Schluss nicht ganz glücklich. Dieses Ende war besser als das originale, in dem der Autor alle Protagonisten hinge­schlachtet hatte – wahr­scheinlich waren dies die Nachwir­kungen der Tren­nung von Marie-Theres Kienbauer, die mit einem Dönerbudenbesitzer durchgebrannt war. Nein, so war das entschieden bes­ser; schließlich hatte er per­sönlich, der große Jan Phi­lipp Rabenhorn, das letzte Kapitel des Weihnachts­hundes nach Jahren der Schreib­blockade selbst verfasst. Aber irgend etwas fehlte.

Er starrte in das wirbelnde Schneegestöber vor sei­ner Fensterscheibe und sann nach. Gut, der Ge­schichte fehlte entschieden eine kluge Katze, aber die konnte er ja in eine der geplanten Fortsetzungen hin­ein schreiben. Es war et­was anderes; ein bohrendes Gefühl verblieb in ihm, dass er etwas vergessen hat­te. Sein Blick fiel auf seinen großen, zotteligen Hund, der friedlich auf dem Sisalteppich schnarchte und nun wie auf Kommando seinen Kopf hob und Ra­benhorn mit seinem geheimnisvollen, tiefen Au­gen fixierte. Da verstand er:

„Du hast recht, Karl-Heinz“, sagte er zu dem zu­stimmend nickenden Tier, „jetzt weiß ich, was ich vergaß.“

Er wand sich zu den Lesern seiner Geschichte, die ihn und den Hund aufmerksam betrachteten. Er winkte ihnen zu, winkte DIR zu. Ja, dir, meinem Le­ser, der mir bis hier­her – erstaunlich genug bei dem Blödsinn, den ich ver­zapfte -, gefolgt ist:

„Gesegnete und Glückliche Weihnachten!“

ENDE

 

 

Ein Kommentar

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 9)

[Zum ersten Teil]

Wenn ich jetzt schreiben würde, der Inhalt meines Artikels täte mir heute leid, dann würde ich lügen. Das hat mehre­re Gründe, dabei einen sehr eigennützigen. Ich möchte richtig verstanden werden: Ich hatte nie im Sinn, Nix unmöglich zu machen oder ihm zu schaden; im Gegen­teil, ich hoffte, ihn durch meine scharfe Kritik im Rah­men meiner Möglichkeiten ins Gespräch bringen zu können und damit neugierige Besucher in seine Ausstellung zu lo­cken. In mir heute unverständlicher und peinlicher Selbstüberschätzung hoffte ich dadurch, mich zu profi­lieren, Gewicht in der Tagesmeinung des Kulturgesche­hens zu erlangen. Dafür war unserer Blatt, das kostenlos in alternativen Kneipen und Einzelhandelsgeschäften verteilt wurde, von Werbung lebte und sich opportunis­tisch und marktschreierisch jedem Zahlungswilligen an­bot, allerdings ganz und gar nicht der richtige Rahmen. Es war jedoch das einzige Organ, durch das ich mich an eine Öf­fentlichkeit wenden konnte.

Auf der einen Seite war ich mir freilich auch der Vergeblichkeit mei­nes Hoffens bewusst. Aber es war meine erste Chance, jemanden zu beurteilen, der die Voraussetzungen hatte, ein anerkannter und bedeutender Maler zu werden. Ich wollte auf einen anfahrenden Zug aufspringen, mich als Entdecker und Mentor eines neuen Talents, dessen Mängel ich konstruktiv kritisierte, feiern lassen. Außer­dem wurde ich ganz nebenbei durch die Veröffentli­chung meiner 1200 Wörter wieder etwas liquider und hatte damit ein Argument gegen die in letzter Zeit schärfer werdenden Vorwürfe von Christine, ich würde ihre Gutmütigkeit und ihren Geldbeutel ausnutzen.

Dass mein Artikel in dieser scharfen und unzensierten Form an prominenter Stelle in der nächsten Ausgabe der MegaSzene zu lesen war, war auch die Schuld von Rainer Werner, ihrem Herausgeber, der in einer bei ihm seltenen Fehl­einschätzung der Lage und der Stimmungen der Kultur­szene keine Streichungen vornahm. Er ließ mir im Gegenteil ausrichten, es sei ihm ein Vergnügen, meinen boshaften Text ungekürzt zu bringen. Er hoffte wahrscheinlich, die Zeitschrift, de­ren Auflagenzahl stark rückgängig war, würde dadurch wieder etwas ins Gerede kommen und den durchaus ver­dienten Ruf eines besseren Supermarktwerbeblattes ver­lieren.

Nein, je länger ich darüber nachdenke, um so sicherer werde ich: Ich bedaure nicht, den Artikel geschrieben zu haben. Er ist zwar nicht unbedingt meine beste, aber eine durchaus saube­re Arbeit von mir. Zu dieser Meinung stehe ich weiterhin. Heute würde ich wahrscheinlich manches anders formulieren, weil ich jetzt einige Zu­sammenhänge besser verstehe. Aber es ist sicher falsch, ihn in die enge Verbindung mit Nix Niedergang zu bringen, wie das von gewisser Seite getan wurde.

Die MegaSzene erschien monatlich und so wurde mein Arti­kel bedauerlicherweise bereits eine gute Woche vor Nix‘ Ausstellung publik. Ich weiß nicht mehr, was für eine Reaktion der Leser ich erwartet hatte, aber sie war für mich enttäuschend. Niemand schien sich ernsthaft für mein Interview mit der noch unbekannten Größe Jonas Nix zu interessieren; das Feedback war gering. Die Briefe, die die Redaktion erhielt, ließen sich an den Fingern einer Hand abzählen und waren durch die Bank unfreund­lich. Da hatten die schmuddeligen Bekanntschaftsanzei­gen auf den letzten Seiten entschieden mehr Zuspruch. Auch Nix ließ – anders, als  ich es gehofft hatte – nichts von sich hören. Ich hatte tatsächlich geglaubt, er würde sich sehr schnell bei mir melden, um mit mir zu disku­tieren. So ignoriert zu werden, verletzte mich. Ich war gereizt und in einem anhaltenden Stimmungstief. Meine Freundin konnte mich nicht mehr ertragen und ent­schloss sich, für ein paar Tage eine Bekannte in Regens­burg zu besuchen.

Vier Tage, nachdem die neue Nummer meiner Zeit­schrift auslag, kam es allerdings zu einem unangeneh­men Vorfall, von dem ich heute noch hoffe, dass Nix nichts von ihm wusste. Diese Art der Rache konnte doch wohl nicht die seine sein. Es hatte den ganzen Tag über unangenehm feucht geschneit. Als ich spät in der Nacht müde von meiner Kneipenarbeit durch den schmutzig­braunen Schneematsch heimwärts stapfte, bemerkte ich auf der Höhe der Bertelesbrücke, dass mir jemand folgte und das wahrscheinlich schon, seit ich das Lokal verlas­sen hatte. Durch – wie ich hoffte – unauffällige Blicke zurück, stellte ich fest, dass es sich um zwei Männer handelte, die  mir knapp zehn Meter zurück auf der Spur waren. Als sie in den Lichtschein einer Straßenlaterne gerieten, konnte ich sie deutlicher erkennen. Sie waren etwa in meinem Alter; das Gesicht des einen glaubte ich zu kennen, ohne einordnen zu können, wo es mir schon einmal begegnet war.

Ich beschleunigte probeweise meinen Schritt. Die bei­den kamen nicht näher, fielen aber auch nicht zurück.Es schien ihnen nichts auszumachen, von mir bemerkt zu werden. So lange wir noch im Innenstadtbereich und nicht allein auf der Straße waren, machten ich mir keine Sorgen, ob­wohl ich fieberhaft überlegte, was sie bezweckten und woher ich den einen der beiden kannte. Da ich zu kei­nem befriedigenden Ergebnis kam und mich die Verfol­gung zu ärgern begann, entschloss ich mich, der Sache ein Ende zu machen. Ich meine, wir waren ja in meiner Heimatstadt unterwegs und nicht auf den Straßen von New York. Hier passierten keine Krimigeschichten. Ich blieb deshalb einfach stehen und er­wartete die beiden, kam mir dabei sehr mutig vor. Sie verharrten ebenfalls und machten für einen Moment ei­nen unschlüssigen Eindruck, dann kamen sie jedoch aufrei­zend langsam näher. Sie hielten ihre Hände in den wei­ten Taschen ihrer Anoraks versenkt; die geduckte Kör­perhaltung und ihre Mienen waren verschlossen und feindselig. Ich fühlte mich in diesem Augenblick nicht ernsthaft bedroht, dazu war die Situation zu unwirklich. Ich war nur verwirrt und mir nicht mehr so sicher, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, auf meine Verfolger zu warten. Konnte es möglich sein, dass sie hinter meiner chronisch leeren Brieftasche her waren?

Ich sah mich um. In der Nähe alberten zwei angeheiter­te Paare auf einem über den Winter mit Holzplanken abgedeckten Brunnen herum. Wie ich heute denke, war dieses Publikum gut für mich. Ich weiß nicht, wie die Angelegenheit ausgegangen wäre, wenn ich mit meinen Verfolgern allein auf der Straße gewesen wäre. Die Ker­le bauten sich knapp vor mir auf und wirkten in ihrer Entschlossenheit durchaus imposant. Obgleich sie wirklich keine Bodybuilding-Figuren hatten, sondern eher wie die Mit­glieder einer autonomen Gruppe wirkten, rutschte mir das Herz sprichwörtlich in die Hose. Ich tauschte mit den beiden ein paar Blicke und fand in ihren Augen ebenso viel Nervosität, wie ich sie in mir selbst verspürte. Trotzdem wurde mir mulmig und ich überlegte, ob es nicht besser war, wenn ich mein Heil in einer schnellen Flucht suchte. Diese Entscheidung wurde mir auf überraschende Weise abgenom­men.

»Bist du LPQ?« fragte einer der beiden. Es war der, den ich zu kennen glaubte. Er schien mir auch die treibende Kraft der beiden zu sein. Erstaunlich! Er wusste um mein strikt gehütetes Pseudonym bei Werners Zeitschrift. Wer hatte es ihm verraten? Ich duckte mich etwas, suchte mir eine Verteidigungsstel­lung.
»Wer will das wissen? Und wer seid ihr über …?«, antwortete ich misstrauisch, konnte meine zweite Frage aber nicht mehr beenden. Das nun Folgende geschah viel zu schnell für mich.

»Du dreckiger Schmuierfink!«, schrien die beiden gleich­zeitig und erschreckten mich mehr durch die plötzliche Laut­stärke ihrer Stimmen als durch den grotesken Vorwurf.

Sie rissen etwas aus ihren Ta­schen, was ich in meiner Angst für Schlagstöcke oder Schlimmeres hielt. Im Reflex hob ich meine Arme schüt­zend in die Höhe und kniff die Augen zusammen. Ich hörte einen der beiden verächtlich lachen, dann ein selt­sames Zischen, das ich beim besten Willen nicht einord­nen konnte. Gleichzeitig spürte ich etwas Feuchtes an der Stirn, es rann die Hände, die ich noch immer vor das Gesicht hielt, hinab, das Kinn, den Hals hinunter. Ängstlich stolperte ich einen Schritt rückwärts, kam dadurch mit einem Fuß über den Randstein. Ich griff im Reflex nach vorn, um das Gleichgewicht zu halten, be­kam aber im gleichen Moment einen Schlag gegen die Brust. Meine tastende Hand fasste ins Leere und ich fiel unsanft mit dem Hinterteil voran zwischen zwei eng beisammen parkenden Autos mitten in eine Matschpfüt­ze, dass es spritzte. Erst jetzt öffnete ich wieder meine Augen. Meine Gegner steckten gerade ihre Spraydosen zurück in ihre Jackentaschen. Der eine, der mir bekannt schien, spuckte, das Gesicht von Abscheu verzerrt, vor mir auf den Boden.

»Das wird dir hoffentlich eine Lehre sein!«, bemerkte er ruhig. »Unsere Stadt braucht keine Nestbeschmutzer wie dich.«

Nun wandten die zwei sich ab. Jetzt hatten sie es plötzlich sehr eilig, wegzukommen. Sie rannten, möglicherweise von ihrem eigenen Mut eingeschüchtert, die Straße hinunter. Als ich mich nach einigen  vergeblichen Versuchen mühsam wieder aufgerichtet hatte, waren sie bereits aus meinem Blickfeld verschwunden. Die Paare hatten nichts bemerkt, sie tanzten noch immer lachend auf den schiefen Brettern der Brunnenverkleidung. Sie wären mir im Ernstfall eine schöne Hilfe gewesen! Ich stellte mich vor Nässe tropfend ins Licht der nächsten Laterne und sah an mir herab. Ich hatte glänzende rote und blaue Farbflecken auf der Jacke und den Handrücken, mit denen ich mein Gesicht geschützt hatte. Eine hilflose Wut stieg in mir empor. Diese abgrundtiefen Idioten hatten mich mit Lackfarbe besprüht!

[Zum 10. Teil …]

Ein Kommentar

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil 3

Der Lektor erwachte, rieb sich genüsslich die Au­gen, griff dann in die zerwühlte rechte Betthälfte, suchte, fand aber beruhigende Leere und grinste. Das war wohl noch einmal gutgegangen! Alles nur ein schlechter Traum: Kein bärtiger Türke schlief neben ihm, kein fetter Kö­ter mit Weihnachtsmütze auf dem Kopf war zu ei­nem blonden Drachen mit den Gesichtszügen von Ma­rie-Theres Kienbauer mutiert. Helga Jolanda Wei­ßeggerle-Rabenhorn, seine Ex-Gattin und ehemalige Muse der Schreibkunst, hockte nicht zeternd auf ei­nem Dra­chenhort neben seinem Bett, sondern seit der unerfreuli­chen Tren­nung vor vier Jahren weiter­hin in ihrer eigenen Wohnung, die er ihr bezahlte.

Rabenhorn erinnerte sich nur ungern an die etwas unbe­queme Phase seines Lebens, als auch er, der er doch ei­gentlich über solchen Dingen stand, der Krise der mittle­ren Jah­re verfiel und er sich sterblich in eine blutjunge, bemer­kenswert vollbusige und dabei doch so tief vergeis­tigte Dichternymphe verguckt hatte, deren Namen ihm sein Un­terbewusstes inzwi­schen zum eigenen Schutz vor­enthielt. Wahrschein­lich hockte Helga im Moment ver­huscht und verträumt vor ihrem Computer, postete in ir­gendwelchen Literaturforen Schlechtgereimtes und Weih­nachtsglückwünsche – schließlich war heute der Hl. Abend.

„Ach, wie liebe ich diese stille Zeit!”, rief Rabenhorn sich rekelnd aus, schwang die ansonsten schweren Beine leicht aus dem Bett, schlüpfte in seine warmen Puschen und hüpfte wie ein Tänzer in die Küche. Dabei ignorierte er ei­nen leichten Kopfschmerz, der ihm von seinem Alptraum oder – wahrscheinlicher – der Erinnerung an seine Exfrau übriggeblieben war.

Als er bald darauf noch im Morgenmantel mit einer Tas­se seines Lieblingskaffees vor seinem privaten In­ternetzugang saß, um seine Mails durchzusehen, überlegte er, ob er nicht längst wüsste, was sich heu­te wieder alles bei ihm auf dem Bildschirm tummeln würde – in seiner eigenen kleinen Welt war es schließlich recht übersichtlich. Und das zumin­dest sollte auch so bleiben!

Es war so, wie nicht anders zu erwarten: Neben den üb­lichen Weihnachtsgrüßen von Verlegern und fer­nen Be­kannten, neben Preisokkasionen – was für ein entsetzliches Wort! – und Angeboten für blaue Pillen und Krankenver­sicherungen waren sie über Nacht wieder aus ihren Lö­chern gekro­chen, hatten sich in ihren literarischen Schweißausbrüchen gesuhlt, sich mit ihren glitschigen, schmierigen Fingern ver­krampft über die unschuldige Sprache hergemacht und ihn als Unschuldigen mit allem überschüttet, was eigent­lich Dinghaft auslösen müsste – immer und ewig auf und über ihm, dem seinem Selbstvers­tändnis nach weltbesten Lektor! Wenn er all die un­verlangten Manuskripte ausdru­cken sollte, die als PDFs oder WORD-Dateien in seinem Mailkonto strandeten, würde er Tonnen an unschuldigem Pa­pier damit besu­deln müssen!

War das seine Qual, musste er wirklich über diese trü­ben, gelblich schillernden Bäche springen? Auch heute, am Hei­ligabend, da es wieder mal zu kalt war, um über­haupt ir­gendwo einkehren zu können, es sei denn unter einer war­men Decke?

Was war das?

Ein Engelsgesicht mit Spitzhackenbrüsten, das eine schwedi­sche Kleinstadt terrorisierte! Erbarmen? Nein, danke!

Eine sprechende Parkbank und ein erfrorener Penner. Eine Schneekönigin-Allegorie? Was wird diesem Autor noch ein­fallen, wenn ihm nichts mehr einfällt? Nein, danke!

Ein Traum, der aber eigentlich gar kein Traum ist, son­dern eine geträumte Wirklichkeit in einem Traum, der von der Wirk­lichkeit träumt? Das passte zwar auf seine eigene Situation, aber: Wer will von so etwas schon über 400 Seiten lesen, Herr Nikolaus Klammer? Nein, danke!

Eine Hundegeschichte? Nein, danke! Die Welt war mit dem unsäglichen Weihnachtshund von Daniel Glattauer – zusam­men mit Richard David Precht der Herrscher über die lite­rarischen Vorhölle – gestraft genug! Wie war denn Frieder­busch ausgerechnet darauf verfallen?

Aber das war alles zu erwarten gewesen. Raben­horns Zei­gefinger tippte lässig im Takt von Jingle Bells und alles ver­schwand im Orkus des Junk-Ord­ners. Damit war seine Ar­beit für heute getan; für heute und den Rest der Weih­nachtswoche. Er hatte sich zwischen den Jahren freige­nommen, um endlich seine Wohnung zu renovieren. Ra­benhorn stellte den PC aus, warf sich ungewaschen die Ar­beitsklamotten über, nahm sich einen Brenner und ei­nen alten, me­tallenen Eiskratzer. Er begann, von außen an der Badtür die gelbliche Lackfarbe heißzumachen und sie ab­zuschaben. Solch händische Tätigkeit war we­nigstens noch etwas Ehrliches, Reines. Hier war der Werktätige noch nicht von seiner Arbeit entfremdet. Konstruktivität, Freile­gen der Struktur. Dieses wohl­tuende Entfernen des Altan­gebrachten. Und Farbe stinkt! Holz nicht. Also weg mit der Farbe! Tod der modernden Farbe und dem Altan­gebrachten, das sich nur modern nennt! Hatte er tatsäch­lich vierzig Jahre über Büchern gesessen, um zu wissen, dass er eigent­lich nur ein Abbrenner und Anstreicher wer­den wollte?

„Wenn das keine Weihnachtsbotschaft ist!“, dachte er eu­phorisch. „Arbeitet im Schweiße eures Ange­sichts, Leu­te, Möchtegernschriftsteller, nicht im Geis­te! Vornehm ist das Handwerk, sinnentehrend, sinnentleert ist allein das Geist­werk!“ Und da er das dachte, lächelte er und ver­brannte sich die Hand am heißen Brenner. Rabenhorn ließ das Heißluftgerät auf den Boden fallen. Es schmorte ein Loch in den wertvollen Berberteppich. Wütend riss der Lektor das Kabel aus der Steckdose. Das war er doch, der Unter­schied zwischen der Literatur und dem wahren Le­ben: Das Leben schmerzt! Und es geht immer wei­ter. Da gibt es kein ENDE und alle singen glücklich Weihnachts­lieder. Man muss sich ständig auf Neues einstellen, kann nicht im In­dex nachschlagen oder ein paar Seiten zurück­blättern, wenn man etwas nicht versteht oder einen Na­men verges­sen hat. Ra­benhorn rieb sich über die brennen­de rote Stelle an seiner Hand und überlegte, was zu tun war.

„Kaltes Wasser“, fiel ihm ein, „eine Brandblase muss man kühlen. Und dann eine Salbe drauf.“ Ah, das war kein voll­ständiger Satz: „Und dann muss man eine Salbe über die Wunde streichen.“ Jetzt hat­te er eine „muss man“-Wieder­holung, das war sehr schlechter Stil: „Und dann sollte man besser eine Brandsalbe über der Wunde verstreichen.“

Gut so. Rabenhorn trat also ins Badezimmer, wo er kurz die Vision eines in Fett und Filz eingewickelten Joseph Beuys hatte, der auf dem fest getrampelten Erdboden ei­nes russischen Bauernhauses seine Brandwunden über­lebte. Doch es war nur ein schla­fender, müffelnder Hund, über den er beinahe stol­perte.

Was heißt nur? Das war ein Riesenvieh, das Untier! So entsetzlich groß, dass Rabenhorn nicht an ihm vorbei zum Waschbecken gelangen konnte. Aber sei­ne Brandwunde war eh vergessen! Was hatte er ei­gentlich noch im Bade­zimmer gewollt? Der Hund, so fiel ihm siedend heiß ein, hieß Karl-Heinz. Jetzt kam die Erinnerung wieder mit vol­ler Wucht, und er be­kam weiche Knie. Rabenhorn trat ei­nen Schritt zu­rück, setzte sich schwer auf den hölzernen, woh­lig vertrauten Deckel seiner Kloschüssel.

Von wegen Traum! Alles kam zurück, kristallklar schälte sich die Erinnerung an den gestrigen Tag aus seinem Ge­dächtnis, als wäre der Anblick des Hundes ein heißer Küs­tenwind, der den Nebel verjagt:

Er konnte das furchtbare Manuskript voller Recht­schreibfehler und verunglückten Halbsätzen von Frieder­busch ge­radezu vor sich sehen, dann folgten der Fieber­anfall und die oben zwischen den Neon­röhren schweben­de, halbnack­te Witwe seines ehe­maligen, geliebten Verle­gers und jener entsetzliche Kalbshund, der ihm das Ge­sicht abschleckte. Auch der alte Familienfluch der Raben­horns fiel ihm wie­der ein, jener Jahrhunderte alte Fluch, von dem ihm Her­bert Emanuel Kienbauer in seiner Ster­bestunde berichtet und an den der Lektor nie geglaubt hatte – gleichzeitig die Erkenntnis, dass Marie-Theres Kien­bauer in höchster Ge­fahr war! Gestern war der Schock des Begreifens wie ein Faustschlag gewesen, der ihn ohnmächtig vor seinem Schreibtisch nieder­streckte. Dann, noch wie betäubt, hatte er handeln wollen, denn nur eine Person konnte hier noch hel­fen, auch wenn Ra­benhorn eigentlich nicht an sie glaub­te. Daher hatte er Marie-Theres gepackt und die Widerstre­bende zum Auf­zug gezerrt. Doch was dann geschah …

Rabenhorn konnte sich nicht erinnern. Ein unheim­liches Loch war in seinem Gedächtnis. Der Aufzug öffnete sich, das wusste er noch. Aber dann? Und wie kam er in der Nacht in sein Bett, und wie dieser vermaledeite Hund von Friederbuch in sein Bade­zimmer? Fehlte nur noch, dass ein singender Esel in seinem Kleiderschrank Felis Navi­dad! sang! Der Lek­tor sackte auf der Toilette in sich zu­sammen, presste die Fäuste gegen seine Stirn, aber er konnte keine weitere Erinnerung hervor quetschen. Alles war schwarz. Das erste, was er wieder wusste, war eben sein Erwachen im Bett mit dem niederdrückenden Ge­fühl, schlecht ge­träumt zu haben.

Da hörte er ein Geräusch an seiner Wohnungstür, es klang, als würde jemand an seinem Schloss herum­fummeln. Rabenhorn stand auf, zog den Badschlüs­sel ab und sperrte so den noch immer schlafenden Hund ein. Er öff­nete mit Schwung die Tür. Vor ihm stand herabgebeugt ein kleiner, untersetzter Mann mit imposantem Schnauz­bart, ein “Einwohner mit Migrationshintergrund”, wie Raben­horn für sich feststellte. Einen Schlüssel, der dem Lektor bekannt vorkam, hielt er nach vorn gestreckt in der einen, eine Tüte mit verlockend riechendem Back­werk in der an­deren Hand. Rabenhorn war sicher, ihn noch nie zuvor ge­sehen zu haben. Das war wahrschein­lich ein entlassener Strafgefangener, der ihm ein Abonne­ment des Readers Di­gest – entsetzliches Heft, Unterg­angsliteratur des Abend­landes – andrehen wollte. Oder einer dieser Asylanten, der vielleicht um eine Arbeit als Abbrenner und Anstreicher bettelte.

„Ja, bitte, was wollen Sie?”, fragte er unhöflich. Sein Ge­genüber hob überrascht die Augenbrauen.

„Du erinnerst dich wirklich nicht mehr, Jan? Du hast mich vergessen?“, fragte der Fremde. „Weißt du nicht mehr, wie wir gestern mit dem Scheitan per­sönlich ge­kämpft haben? Du an meiner Seite und ich an deiner? Mit Dönerspieß und Degen als Waffen ge­gen den Karlnickel­könig? Du und ich? Kreuzritter und Gotteskrieger vereint gegen den Feind?”

Der Türke erkannte und nickte. „Tatsächlich, du hast es vergessen. Ömer Özgür bin ich, dein guter Freund. Schließ­lich hast du mir deinen Schlüssel ge­geben.” Dieses Argu­ment zog. Rabenhorn erkannte seinen eigenen Schlüssel­bund mit dem kleinen Plas­tik-Reich-Ranicki in der Hand des anderen. Kurzent­schlossen schob Ömer den verdutzten Lektor beiseite und trat ein.

„Ich habe schnell Brötchen geholt”, bemerkte er und hob seine Tüte. „Kämpfer brauchen ein gutes Früh­stück. Wenn der Magen gefüllt ist, ist die Schwert­hand stark.”

Aus seinem übervollen Orientalenherzen rieselten jetzt die Worte wie der Sand der Wüste oder der Schnee im Winter Ostanatoliens.

„Rabenhorn, mein Freund, Kämpfer, krass, wie wir ihn in die Flucht geschlagen haben, diese Ausgeburt der Höl­le. Wir beide und der große Hund! Aber dann stürzten sich von allen Seiten – aus allen Kanal­öffnungen – die ent­setzlichen Karlnickel auf uns. Wie eine Tsunamiwelle wa­ren sie und wir standen wie Felsen in der tödlichen Brandung. Aber dann bist du gestolpert und etwas traf dich am Kopf. Weiß nicht, was es war.”

Ömer zögerte und überlegte, ob er dem Lektor er­zählen sollte, dass er ihn im Eifer der Schlacht aus Versehen mit seinem Dönerspieß ins Reich der Träu­me verfrachtet hat­te. Es entschloss sich, dieses kleine Detail auszulassen.

„Egal, was es war. Du verlorst das Bewusstsein. Wir mussten uns zurückziehen! Ich warf dich über den Hund und wir flohen vor den anstürmenden Geg­nern. Gerade eben noch fanden wir den letzten freien Kanaldeckel. Aber jetzt ist nur die Schlacht verloren, noch nicht der Krieg! Wir brauchten eine kleine Ver­schnaufpause, dann machen wir weiter. Deshalb brachten Karl-Heinz und ich dich in deine Wohnung, Jan.“

„Wie haben Sie sie denn gefunden?“ Der Albtraum setz­te sich anscheinend fort.

„Aber mein Freund, dich kennt doch jeder hier in Brom­berg. Ich musste nur fragen und schon redeten die Leute. ‘Meinen Sie vielleicht Herrn Rabenhorn, den Gelehrten?’ oder ‘Ach, der Herr Professor Ra­benhorn, ja, der wohnt am Lärchengrund.’ Also kein Problem, deine Wohnung zu fin­den, lieber Freund. Dein Bett ist sehr weich.“

Rabenhorn wuchs um fünf Zentimeter. Er wusste, dass er angesehen und geachtet war. Doch dieser Be­weis sei­ner stadtweiten Dominanz als Kulturmensch kam überra­schend, tat seiner verletzlichen Künstler­seele jedoch gut.

„Aber was ist mit Marie-Theres Kienbauer? Die Frau mit dem Stern. Du weißt schon. Und was ist mit Frieder­busch?” Und, nach einem Zögern:

„Und wo ist der Karldinalsrumpelstilz? Mein … Vor­fahr?“

Ömer lachte verschmitzt. „Wenn wir gefrühstückt ha­ben, klärt sich alles auf. Karl-Nickel erwartet uns unten im Ka­nal. Er wird dir alles erzählen, was du im Fieber­rausch ver­gessen hast.”

Rabenhorn packte ihn bei den Schultern. „Sprich, was ist mit Marie-Theres?“

Ömer zuckte zusammen. „Der Böse, der Karlnickel­könig, Fürst von Hölle, nahm sie mit, hinab ins Inne­re der Erde, wo die Feuer brennen, an die Wurzeln des großen Pinkel­baums, von denen er sich und eine abscheuliche Brut er­nährt. Heute Nacht muss es sich entscheiden!“

Rabenhorn wankte. Sollten alle Kämpfe, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, vergebens gewesen sein? Alle Angst, alle Anstrengung, die Wunden an Seele und Körper, alles umsonst? Aber just an diesen Punkt seiner Verzweif­lung regte sich das Blut seiner Vorfahren in ihm: Niemals! Und wenn er dem Scheusal bis in die städtische Kloake fol­gen müsste, er würde Marie-Theres retten.

„Los Ömer, wir müssen sie befreien. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“ Und mit einer Kaltschnäuzig­keit, die er sich selber niemals zugetraut hätte, lief er ins Bad, packte den völlig verdutzten und tranigen Karl-Heinz-Hund bei den Ohren und schleifte ihn zur Tür hinaus.

„Ömer, auf geht’s! Auf in den Kampf! Wir retten das ehr­bare Weib aus den Fängen des Untiers!“ Der Dönerbu­denbesitzer schleuderte die Tüte mit dem Backwerk zur Seite.

Das ist mein Held! Hurra! So wollen wir Mord ru­fen und des Krieges Hund‘ entfesseln!“ Und mit die­sem thea­tralischen Aufruf (Julius Cäsar, 3. Akt, 1. Sze­ne) zogen sie von dannen, öffneten den nächstgelege­nen Kanaldeckel und verschwanden gemeinsam in der Unterwelt.

Jan Philipp Rabenhorn hatte erwartet, dass die Ka­näle sei­ner Heimatstadt eine feuchtklammer-rut­schigheunsche An­gelegenheit waren, erbärmlich fies nach allerlei in die­sem Weihnachtsmärchen Unaus­sprechlichem stanken und zap­pen-zappeldunkel wa­ren, aber das genaue Ge­genteil war der Fall: Überall leuchtete es grün und gülden funkelnd von den spe­ckigen, wie aus Lebkuchen geform­ten Wänden und es lag ein ap­petitlicher Geruch nach Weihnachtsstol­len und allerlei anderem würzigen Back­werk in der warmen Luft.

Der Lektor rieb sich die Augen, doch die Sinnesein­drücke veränderten sich nicht: Dies waren keine düs­teren Abwäs­ser, in denen zwischen Herabgespültem aus zehn­tausend Toiletten eklige große Ratten schwammen, nein, hier unten sprudelten zwischen glitzernden Schneehäufen glühwein­rote, nach Zimt und Tannennadel riechende Wasserläufe durch die Gänge, munter singende Bächlein, in denen sich fröhlich Lametta-Sprotten, Nikolausbarsche, Engels­haarrochen und Weihnachtskugelfische tummel­ten. Rabenhorn fragte sich nur kurz, woher er die Namen dieser Tiere kannte, die sich ja in keinem ichthyologi­schen Fachbuch fanden – schließlich hatte er das eine oder ande­re lektoriert – aber er hatte sich ja vorge­nommen, sich über nichts mehr zu wundern. Trotz­dem sah er sich stau­nend um. Die Un­terwelt von Bromberg an der Fiesel war eine geschmacklo­se Weihnachtswunderwelt, ein unterir­disches Rothen­burg ob der Tauber.

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, aber: Er war da­heim. Die städtische Unterwelt mit ihren weihnacht­lichen Kanä­len, Ort sei­ner Aufzucht und der ersten Trottversuche, war ihm vertraut, er er­schnüffelte die Neuigkeiten von den Wänden und roch überall Duftmarken, die ihm nicht gefie­len. Sein kurzes Nackenhaar sträubte sich unter sei­ner Weih­nachtsmütze. Von hier aus hatte ihn sein Meis­ter, der alte Karlnalrumpel­stilz auf die Mission ge­schickt, den Ururururure­nkel zu finden, den letzten des stolzen Stammes der Ceratias-Corvii, der gehörnten Ra­ben, die­sen Einen, in dessen Händen allein die Macht lag, den großen Pinkel­baum vor dem Karlnickelkönig zu be­wahren.

Und wie geschickt hatte der alte Weihnachtsköter doch seinen Auftrag ausgeführt, ganz wie in den al­ten aufre­genden Tagen, als er noch für die Besche­rung der Stra­ßenköter unter eben jenem magischen Pinkelbaum sorgte, auf des­sen mächtigen Wurzeln die Altstadt von Bromberg errich­tet war. Sich Raben­horn direkt zu nähern war ihm nicht möglich gewe­sen, da dieser ja Hunde fürchtete, also hatte Karl-Heinz sich erst einmal vor die Haustür des mittelmäß­igen Autors Egon M. Friederbusch gelegt und dort gedul­dig ausgeharrt, bis dieser auf dem vor Liebe blinden Weg zu Marie-Theres Kienbauer buch­stäblich über ihn stürzte. Karl-Heinz hatte die senti­mentalen Bücher des Schriftstel­lers über den tierlie­ben Zauberlehrling Edwin Edgard gele­sen und seinen Autor richtig eingeschätzt. Er musste nur noch ein wenig mitleiderregend jaulen, mit treu-traurigen Hundeaugen nach oben blicken, zögernd einen Hin­terlauf nachziehen und hatte gewonnen: Friederb­usch adoptierte ihn auf der Stelle.

Der Rest war einfach. In jeder stillen Adventsnacht, in der Friederbusch daheim schlief und nicht am Schicht­kohl und seiner Marie-Theres naschte, dik­tierte Karl-Heinz nun dem friedlich schlummernden Autor die Ge­schichte vom “Weihnachtshund” und dieser schrieb sie morgens eilig auf, bevor er den spannenden Handlungs­faden wieder ver­gaß, glücks­elig über die Muse, die ihn in seinen Träumen so reichlich mit Einfällen beschert hatte; ohne dass ihm be­wusst wurde, wem er die Einflüsterun­gen wirklich ver­dankte. Er wunderte sich nur jeden Mor­gen über sein nas­ses, vollgeschlabbertes rechtes Ohr.

Der Plan des alten Weihnachtshundes ging auf. Der nai­ve Friederbusch sandte sein Manuskript an den Kienbau­er-Verlag und nahm seinen Hund tatsäch­lich mit zu Ra­benhorn, gemeinsam Überzeugungsar­beit zu leisten. Wo­mit Karl-Heinz allerdings nicht ge­rechnet hatte, war der zwei­felhafte Geisteszustand des Lektors, der sich im Fie­berwahn vom Schreib­tisch wie Tarzan auf seine Jane stürzte und grunzend mit der Kienbauer abgezogen war. Aber das war ja alles gut ausgegangen und er hatte Ra­benhorn dort, wo er sein sollte, in der Kanalisation von Bromberg, wo das Karlnickelungeheuer hauste. Jetzt musste nur noch der Meister gefunden werden!

An einer Biegung teilten sich die Kanäle. Verwirrt stopp­te Karl-Heinz und ließ es geduldig über sich er­gehen, dass Rabenhorn und Ömer Özgür, die er bis­her an seiner Leine hinter sich hergezogen hatte, ge­gen sein Hinterteil rannten. Das waren ihm ja zwei schöne Helden! Ob der Meister da nicht einen Fehler begangen hatte? Ihre gestri­gen Taten waren schon einmal ein vollkommener Reinfall gewesen und hat­ten die Lage nur noch verschlimmert, wenn er an die arme Marie-Theres dachte, die sich nun in den Fän­gen des Monsterkönigs befand … Karl-Heinz schüt­telte das Haupt und schleuderte ein paar Speichelfä­den zur Seite. Jetzt nur nicht ablenken lassen! Er lauschte in die sich ver­zweigenden Gänge und ver­nahm tatsäch­lich aus dem Rechten einen fernen, jam­mernde I-Ah-Ge­sang, der ihm sehr vertraut war:

„Voll fett der Dreck, eh.
Das steckt keiner weg, yeah.
Da hilft kein Doney-Gin, he.
Bald sind wir alle hin – oh, jeh!”

Karl-Heinz stürmte aufgeregt hechelnd los, zog und zerr­te – fast vermochten Rabenhorn und Ömer Öz­gür, die sich erneut an seiner Leine festklammerten, nicht zu fol­gen – und schnüffelte durch die farben­frohe, von Kerzen­leuchtern und Fackeln erhellte Welt. Bald fand er einen Schnal­lenschuh seines Herrn. Und er war nicht leer.

In ihm steckte ein noch immer weißbestrumpfter, aber blutiger Fuß des Karlnalrumpelstilzchens. Hatte es mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde gestoßen, dass es bis an den Leib hineinfuhr und dann in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Hän­den gepackt und sich selbst mit­ten entzwei gerissen? Ömer nahm den Schuh vorsichtig an zwei abge­spreizten Fingern aus dem Schnee.
„Da war wohl jemand schneller als wir. Hinfort, du schnö­der Gallert.” bemerkte er und schleuderte den blutigen Schuh samt übelkeiterregendem Inhalt zur Seite. Raben­horn sah anerkennend zu dem Türken. ‘King Lear‘, dachte er, ’1. Akt, 7. Szene. Hinfort ist ein schönes, ein feines, ein doppelsinniges Wort. Schade, dass die heutigen Autoren es kaum mehr kennen.’ In diesem Moment wurden seine Ge­danken von einem schmelzenden Gesang unterbro­chen, der ganz in der Nähe erklang:

„Ach, Bro, nun ist’s vorbei,
mit der Christmas-Feierei.
Bald ist der big old Tree gefällt,
der Bromberg on the Top erhält.”

Die rote Mütze fiel Karl-Heinz vom Kopf, er sprang nach vorn, und die Nüsse in seinem Sack schaukel­ten mächtig. Rabenhorn, noch immer mit dem Weih­nachtshund durch die Leine verbunden, flog hinter­her. Ömer folgte den bei­den langsamer und sah sich vorsichtig um. Hinter den bei­den trat er aus dem en­gen Gang in eine hohe und gro­ße Halle, sie war so gigantisch, dass der Dönerbudenbe­sitzer ihr hinteres Ende nicht ausmachen konnte. Es ent­zog sich ihm durch einen dichten Nebel, der zwischen den Scheehü­geln waberte. Ömer kannte diese von mäch­tigen Fackeln erleuchtete Höhle, erst gestern hatte er hier gemeinsam mit Rabenhorn und dem Karlnal­rumpelstilz verzweifelt gegen die heranstürmenden Karlnickel-Hor­den gekämpft und ge­rade noch durch einen anderen Gang fliehen können, Ma­rie-Theres und den alten Meister dabei im Stich lassend! Ir­gendwo hier musste auch seine Waffe liegen, der Dö­nerbratspieß, mit dem er den Lektor aus Versehen bewusstlos geschlagen hatte.

Rabenhorn und Karl-Heinz waren inzwischen bei ihrem Ziel angelangt: Sie fanden Carlos Niccolo Diego Pedro La­mentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo, auch Karl-Nickel, der Karlnalrumpelstilz genannt, den Ururururur-Ahn des Lek­tors, mit dem Oberkörper gegen einen mächtigen grauen Esel gelehnt, der jäm­merlich weinte und i-ahte. Er blutete am gesamten, nicht mehr ganz vollständigen Kör­per und lag im Sterben. Doch als er Rabenhorn bemerkte, der sich zu ihm herabbeugte, kam noch einmal Leben in den einst so mächtigen Herrn der Bromberger Unterwelt. Er hob den einen Arm, der ihm noch verblieben war und winkte sei­nen Nachfahren zu sich heran.

„Nun bist du doch wieder gekommen”, flüsterte er mit brechender Stimme. Er versuchte, sich ein wenig aufzu­richten, was ihm nur gelang, weil der Esel sein Gewicht etwas zur Seite verlagerte. „Jan, du musst beenden, was ich in meinem Leichtsinn begonnen habe. Es ist der Fluch der Söhne, die Sünden ihrer Väter zu büßen. Die Vorfah­ren aßen die Trauben, aber den Nachkommen werden die Zähne stumpf. Ich sehe er­freut, du bist heute klar bei Verstand. Drum höre…” Karl-Nickel hustete und kleine Blutbläs­chen bilde­ten sich an seinen Mundwinkeln. Aber noch hatte er die Kraft, fortzufahren:

„Vor gut 800 Jahren, als hier inmitten des Karlnuten-Wal­des auf dem Bromberger Hügel nur ein einziger gewalti­ger Tannenbaum stand, der alle anderen überragte und zwi­schen dessen Wurzelwerk sich die große Höhle gebil­det hat, in der wir uns jetzt befin­den, erprobte ich in mei­nem Wahn meine alchemisti­schen und chymischen Er­kenntnisse, experimentierte mit dem geheimnisvollen Saft El Ixier, der aus dem Lapis philosophorum gewonnen wird. Doch statt Gold formten sich in meinen Leidener Flaschen zufäl­lig die Karlnickel, gefährliche, kleine Bestien, die sich von den Wurzeln des Baumes nährten und ab und an auch mal einen vorbeikommenden Bauern oder Wanders­mann fra­ßen. Später dann, als über uns die Stadt Brom­berg ent­stand, wollte ich meinen Fehler gutmachen und erweckte zur Abwehr der Karlnickel und zum Schut­ze der Men­schen allhier meine Weih­nachtshunde und manchmal auch einen Christmas­donkey…” Das Grautier hinter dem Karlnalrumpels­tilz zitterte und seufzte auf.

„Ruhig, Sam, ruhig… Chill mal, Alter, ich hab’ hier was klarzuchecken. Don’t cry for me”, er tätschelte be­ruhigend den dicken Bauch, auf dem er lag, „im A… von Tina, heh­ehe. Egal.” Er wand sich wieder an Ra­benhorn, der ihm atemlos lauschte.

„Viele Jahre ging alles gut. Weihnachtshunde und Karl­nickel hielten einander die Waage und der Baum – der große Pinkelbaum der Straßenköter von Brom­berg – blieb kräftig und gesund. Doch dann kam das Unglück: Meine Hunde wurden alt und zahnlos und die Karlnickel ver­mehrten sich, sammelten sich, ver­knoteten sich, umwim­melten, ver­bissen und verban­den sich und wurden zum großen Karl­nickelkönig, der dort hinten im Nebel haust und an den Wurzeln des Baumes frisst. Der Baum ist krank, Raben­horn! Er stirbt. Nur noch wenige seiner Wur­zeln halten das Dach dieser Halle und wenn der Karlni­ckelkönig die letz­ten durchnagt hat, dann stürzt uns hier der Him­mel ein. Verstehst du? Bromberg wäre dann nur noch ein großes, tiefes Loch, aus dem sich der König der Karlnickel erheben wird, zu knechten die Men­schen und das Land. Und das am heiligen Abend! Das geht doch nicht.”

Der alte Alchimist und Druide packte seinen Nach­fahren an der Schulter. Feuer stach aus seinen Augen und brann­te sich in Rabenhorns Seele. Ihm war, als würde er in der Stimme Karl-Nickels alle seine Vor­fahren mitrufen hören.

„Ich bin besiegt, in der gestrigen Schlacht geschla­gen. Aber du hast die Macht, den Karlnickelkönig aufzuhalten! Nimm mein Schwert, das ich beim Schmieden in El Ixier tauchte, es hat die Macht, das Karlnickelungeheuer zu zer­schlagen. Das ist deine Aufgabe, deshalb bist du hier!” Der Kopf des Meis­ters sank erschöpft auf seine blutige Schulter.

„Aber…”, stotterte der Lektor. Noch einmal sah das Karl­nalrumpelstilz auf. Er war unendlich müde, das war ihm anzuhören.

„Aber ist ein Wort, das ein Rabenhorn nicht kennen soll­te. Nimm das Schwert, zerschlage die Karlnickel und rette die Frau, die du in den Kanal gebracht hast, bevor der Mons­terkönig sie unter dem großen Pinkelbaum frisst. Du bist unsere letzte Hoffnung!”

Karl-Nickel atmete langsam aus und seine Augen schlos­sen sich. Karl-Heinz, der Weihnachtshund, heulte auf. Sin­gin’ Sam sang:

Goodby, Nickel, schön war die Zeit.
Goodby, Nickel, sei nun bereit.
Du steigst in den Himmel,
der Weg ist so weit …

Rabenhorn erhob sich. Seine Augen suchten das magi­sche Schwert. Es lag nur wenige Schritte ent­fernt im Schnee, warte geduldig auf den Ritter, der es zu führen wusste. Dort stand auch schon Ömer bereit, sein edler Knappe, den Dönerspieß in der Hand. Eine Träne glitt über seine Wan­ge.

Biz gitmek“, sagte der Türke, „lass uns gehen…” Raben­horn nickte. Der Würfel war gefallen.

„Ja. Hinfort die Zweifel. Nicht mehr das Wort, die Taten zählen. Retten wir Marie-Theres, den Großen Pinkelbaum und Bromberg … und die ganze Welt!”

 

[Hier findet sich das Ende der gar schröcklichen Geschichte …]

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