Schlagwort-Archive: Literatur

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 22)

„Wohin jetzt?“, wandte sich Gregor zurück und legte dabei einen Arm auf das Lenkrad. Greta presste ihre Hände gegen das gepolsterte Autodach, als wolle sie aus der engen Kabine ausbrechen.

„Lass uns doch mal in eine Eckkneipe fahren, aber in eine mit echten Arbeitern, mit Kommunisten und …“, sie hauchte das Wort verschämt, „… mit Nutten.“

„Mein viel geliebtes Schwesterlein, höre auf deinen um fast eine Stunde älteren Bruder, du liebreizende Unschuld, die gerne Nutten sehen will. Die echten Arbeiter liegen um diese Uhrzeit schon lange in ihren Betten, weil sie lange vor Tagesanbruch in die Fabriken müssen oder sich vor der Ausgabestelle der Stütze in die Schlange einreihen müssen. Auch die Lebedamen und ihre Beschützer schlafen längst den Schlummer der Gerechten. Jetzt treibt sich nur noch Gesindel gleich uns uf den Straßen und in den Lokalen herum. Also? Wo verprassen wir das Kapital, das unser Vater dem Proletariat entrissen hat?“

„Wie wäre es mit dem Haricot Doré?“, warf Sebastian ein, denn er merkte es Greta an, dass sie wegen der Antwort ihres Bruders vor Wut schäumte. Gregor sah ihn überrascht an.

„Woher weißt denn du vom Haricot?“, fragte er scharf. Sebastian wunderte sich ein wenig, weshalb er so unfreundlich auf seinen Vorschlag reagierte. „Hast du geplaudert, Greta?“

Seine Schwester verschränkte beleidigt die Arme.

„Ich habe Bastian das Plakat gezeigt. Die Idee dazu stammt nicht von mir. Ich meine, irgendwann muss er es ja doch erfahren. Warum dann nicht gleich heute. Diese Nacht ist dafür genauso geeignet wie irgendeine andere. Und schließlich wäre es doch ein netter Einfall, die Mädchen an ihrem letzten Abend in Berlin zu besuchen.“

„Ich weiß nicht so recht. Wir wollten uns eigentlich amüsieren. Unsere Probleme und Sorgen sind kein Frosch. Die sind morgen auch noch da; die hüpfen nicht davon. Nach der Sache, die heute Mittag vorgefallen ist, sollten wir uns ein wenig bedeckt halten und nicht in der Höhle des Löwen feiern. Vielleicht kommen wir dann etwas aus dem Epizentrum der Ereignisse heraus und die Hyänen verlieren das Interesse an uns“, zögerte Gregor. Greta beugte sich beteiligt nach vorn.

„Lüge dir doch nicht in die Tasche, goof. Die Hyänen tragen ihren Namen nicht umsonst. Nachdem sie uns einmal ausfindig gemacht ha­ben, werden sie uns auf den Fersen bleiben. Wir sind uns doch einig, dass wir unseren Plan so schnell wie möglich umsetzen sollten.“

„Geht es um Drogen?“, mischte sich Sebastian in das Gespräch der Geschwister. Er hatte ihnen atemlos zugehört. Er wechselte einen Blick mit dem schweigsamen Rudi, dem anzusehen war, dass er ebenso wenig wusste, worüber die Zwillinge sprachen. Greta ließ ihr klirrendes Lachen ertönen, mit dem sie jede ihrer Unsicherheiten überspielte. Gregor schnaubte laut durch die Nase.

„Wenn’s nur das wäre, Bastian“, sagte er. „Aber Gretel hat wahrscheinlich recht. Das soll dir allerdings alles die Ärztin erklären. Also – auf in die Goldene Bohne!“

Er legte knirschend den Gang ein und lenkte den Adler hinaus auf die Straße. Hätte einer von ihnen sich für die Dinge interessiert, die in ihrem Rücken passierten, hätte er bemerkt, dass weiter hinten zwei weitere Wägen aus ihren Parkplätzen ausscherten und ihnen mit gleichbleibendem Abstand den Kurfürsten­damm hinunter in Richtung Augsburger Straße folg­ten. Sie kamen an der zwar monumentalen fünftürmi­gen, aber auch geschmacklos neoromanischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vorbei, deren ohrenbetäu­bender Stundenschlag gerade die Wölfe im be­nachbarten Zoologischen Garten unruhig mach­te und laut jaulen ließ. Zu Sebastians schmunzelndem Vergnügen trug ausgerechnet Berlins lasterhaftester Straßenzug, der sich fast eineinhalb Kilometer vom Kurfürsten­damm bis zur Eisenacher Straße hinzog, den Namen seiner Heimatstadt. Hier gab es das berühmte Varieté Scala, schräg gegenüber das Eldorado und das Maenz‘ Bierhaus.In diesem Künst­lertreffpunkt verkehrten Schauspieler und Regis­seure und Schriftsteller wie Ernst Lubitsch und Emil Jannings, Ernst Rowohlt – dessen Verlagshaus gleich in der Nähe war – und nicht zuletzt auch Schriftsteller wie Bertolt Brecht. Der Dramatiker war der Igel im Mär­chen. So sehr sich Sebastian auch beeilte, Brecht rief ihm von überall her „Ick bün all dor!“ entgegen.

Gregor parkte in einer Seitenstraße. Direkt vor dem schlichten und unauffälligen Eingang ins Haricot, der ein paar Stufen unter dem Straßenniveau im Souterrain lag und von einem stämmigen Türsteher bewacht wurde, nahm Gregor Sebastian kurz zur Seite.

„Die Bohne ist etwas speziell – wie die Auluka-Diele etwas weiter die Straße hinunter. Sie steht aber nicht nur der Damenwelt, sondern beiden Geschlechtern offen,“ flüsterte er ihm zu. „Halte dich einfach immer an uns, das wird das Beste sein.“

„Wie soll ich das verstehen?“ Gregor winkte dem Türsteher zu, der ihn erkannte und dienstfertig zur Seite trat.

„Das wirst du schnell begreifen.“

Das Haricot, das die vier von einer Galerie über eine schmiedeeiserne Wendeltreppe erreichten, war zu dieser späten Stunde noch gut besucht und die Gespräche brummten wie ein wütender Hornissenschwarm. Der Club bestand in der Hauptsache aus zwei nicht allzu großen Räumen, die über eine breite geöffnete Flügeltüre miteinander verbunden waren. In dem einen noch leeren und ab­gedunkelten Raum standen vor einer von einem Vor­hang verschlossenen Bühne viele runde Ti­sche und Stühle, an den Wänden des kleinen Theaters befanden sich diskrete Nischenplätze und etwas er­höhte Logen. Im anderen Raum fand sich eine langgezogene Bar und eine volle Tanz­fläche. Hier spielte eine fünfköpfige Combo langsame südamerikanische Rhythmen und die Paare bewegten sich eng umschlungen. Sebastian be­merkte sogleich, was das Haricot so „speziell“ machte. Hier tanzte nur Mann mit Mann und Frau mit Frau. Er war in einem Sündenpfuhl gelandet.

Gregor und sein Freund schienen Stammgäste zu sein, denn sie wurden von allen Seiten begrüßt. Sofort waren alle von einer Gruppe von Männern umringt, die sie scherzend zum Tresen zogen, wo Greta, die ganz plötzlich nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses stand und diesen Zustand auch sichtlich genoss, die Drinks bestellte. Dann hackte sie sich bei Sebastian unter, flüsterte ihm etwas kichernd ins Ohr und erleichterte ihm dadurch etwas die Situation. Trotzdem hatte Gregor einige Mühe, den mit offenem Mund staunenden Gast aus der Provinz von der neugierigen Meute abzuschirmen, denn das neue und durchaus auch hübsche junge Gesicht erregte einiges Interesse unter seinen Bekannten. Er hatte unfreiwillig die Rolle von Greta übernommen und konnte sich vor den Aufmerksamkeiten und unverhüllt eindeutigen Komplimenten kaum retten. Die Ohren von Sebastian brannten. Er war von der Situation doch einigermaßen überfordert und  Gregor deshalb auch dankbar, als dieser unmissverständlich deutlich machte, dass Sebastian zu ihm gehörte und man ihn gefälligst in Ruhe lassen solle.

Die Musik beendete ihren Samba mit einem Tusch und mit einem Klingelsignal gingen die Lichter im anderen Saal an. Die Aufmerksam­keit wendete sich endlich von Sebastian ab und Gregor gelang es, ihn von seinen Bekannten loszueisen. Die Tänzer und die meisten Leute aus der Bar streb­ten in den Theatersaal und suchten sich Plätze an den Tischen oder oben in den Logen. Auch Greta und Rudi reservierten sich einen Tisch direkt unter der Bühne, hinter deren schweren Vorhang aus rotem Samt die Geräusche eines größeren Umbaus zu hören waren. Doch Gregor brachte Sebastian nicht zu den beiden, sondern führte ihn zu einer Seitenwand zu einer gemütlichen, im Schatten einer Säule liegenden Nische, von der man einen guten Blick auf die Bühne hatte, ohne selbst gesehen zu werden. Sebastian rutschte in eine gepolsterte Bank hinter einem Tisch, auf dem er sein Getränk abstellte und sah Gretas Bruder zweifelnd an. Gregor schmunzelte.

„Keine Sorge, ich setze mich zu den anderen. Aber du solltest besser dort im Schatten bleiben. Das ist der richtige Platz für einen Schriftsteller. Er sollte immer ein bisschen Abstand zum Geschehen haben und beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Nach der Aufführung kommen wir dann zu dir.“

[Fortsetzung am nächsten Montag]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 21)

Die Geschwister Gere und Sebastian gaben sich alle Mühe, zumindest an diesem einen Abend nichts auszulassen, was ihnen irgendwie bedeutsam und unversäumbar erschien – wenigstens für eine einzige, schlaflos durcheilte Nacht. Und als würde die Stadt mit ihnen spielen wie eine Katze mit einer erschöpften und verwundeten Maus, begann alles langsam, in gemächlichem Schritt und endete doch in einem fiebrigen Taumel zu einer Uhrzeit, in der in Augsburg außer den Schichtarbeitern im Textilpalast und bei der MAN jedermann längst in seinem Bett lag und einem neuen Tag entgegen schlummerte.

Manchmal schloss Sebastian die Augen und die Eindrücke zogen an der Innenseite seiner Lider vorüber wie die rasanten Bildcollagen in Filmen aus Hollywood, die das rauschhafte Nachtleben im Big Apple von New York illustrieren sollten. Wahrscheinlich gab es außer der amerikanischen Metropole und Paris auf dem Erdball nur noch eine einzige Stadt, die sich und das Leben, die Jugend und die Zukunft auf diese zugleich hysterische und fanatische, besessene Weise feierte. Das war Berlin. There are many apples on the tree, but only one Big Apple, würde in dieser Nacht noch ein Jazzmusiker im Varieté Scala singen. Und hier in Berlin war der Taumel noch fieberhafter, noch atemloser als anderswo, da jedermann wusste:

Es war ein Tanz auf einem Vulkan, der in jedem Moment ausbrechen und die Stadt wie Pompeji ersticken konnte.

Dieser halb besinnungslose, halb delierende Tanz an der Klippe über dem Abgrund war eigentlich nicht das, was Sebastian in Berlin suchte: Er wollte vielmehr den Anschluss an die literarischen und künstlerischen Kreise der Stadt suchen, die die Avantgarde wie Motten das Licht anzog. Er wollte hier den einen großen Roman schreiben, seinen Alexanderplatz, seine Buddenbrocks – eben jenen Großen Gatsby, der in Deutschland noch viel zu selten besungen worden war. Wie er allerdings die Zeit dafür finden konnte, war ihm noch nicht klar. Aber Anregungen hatte er innerhalb eines Tages und einer Nacht für fünf Romane bekommen. Und diese spezielle Nacht begann eben erst!

Selbstverständlich war Sebastian übermüdet und hatte deshalb den hartnäckigen optischen Eindruck, es würden sich alle seine Erlebnisse hinter dem dicken Glas eines der Fischbecken im Berliner Aquarium abspielen, in dem er kopfüber und orientierungslos durch eine spiegelverkehrte Welt trieb. Sebastian wusste, dass ihm wahrscheinlich eine seiner seltenen Migränen bevorstand, aber er hoffte, er konnte sie zumindest für die nächsten Stunden noch hinauszögern. (Das Aquarium war übrigens auch ein Ort, den er unbedingt noch besichtigen wollte.) Die Nachtschwärmer war gerade staunend bei der Fahrt ins Zentrum an dem mit spektakulären urweltlichen Fresken geschmückten Gebäude vor dem Zoologischen Garten vorbeigekommen.

Wenigstens hatten ihn die normalen Kopfschmerzen, die ihn seit dem Morgen so hartnäckig wie eine schlechte Gewohnheit begleitet hatten, endlich verlassen. Gregor htte ihm noch vor der Abfahrt in Tegel eine von seinen Togaltabletten gegeben, deren Einnahme schon nach kurzer Zeit wahre Wunder gewirkt hatte. Zumindest nahm Sebastian an, dass es sich bei den bitteren Pillen, von denen Gregor selbst gleich eine ganze Handvoll geschluckt hatte, um das Kopfschmerzmittel gehandelt hatte. An sein Erwachen am morgigen Tag wollte Sebastian im Moment lieber nicht denken, aber jetzt war er bis auf das merkwürdige Schwindelgefühl beschwerdefrei und auch Gregor wirkte am Lenkrad seines Wagens erstaunlich nüchtern. Er kutschierte Sebastian, eine wie eine Leinwandgöttin gekleidete Greta und einen jungen Mann, den er als einen guten Freund vorgestellt hatte, sicher zum reservierten Tisch im Kempinskihaus.

Der – wie ihn Greta spöttisch bezeichnete – fag fella ihres Bruders hatte sich als „Rudi“ vorgestellt und würde den ganzen langen Abend den anderen zwar ernst und melancholisch ins Gesicht sehen, aber an keinem der Gespräch teilnehmen und ohne ein Lächeln schweigen und auf direkte Anreden nur nicken oder den Kopf schütteln. Er trug eine runde, schwarze Hornbrille und schräg in den Nacken geschoben auf dem Kopf einen dieser etwas aus der Mode geratenen Kreissägen-Strohhüte, von dem er wusste, wie hervorragend er ihm stand. Deshalb nahm er ihn auch beim Tanzen oder wenn er sich die Hände waschen ging nicht ab. Sebastian konnte ihn einfach nicht ernst nehmen, denn er erinnerte ihn stark an einen amerikanischen Filmkomiker, dessen Name – Harold Lloyd – ihm erst nach einer ganzen Weile einfiel. Dabei hatte er eine von dessen Eskapaden erst kürzlich im neu eröffneten Emelka-Palast in Augsburg gesehen – übrigens einem Lichtspielhaus, das in Größe und Ausstattung denen in Berlin kaum nachstand.

Doch dann fiel es Sebastian wie Schuppen von den Augen: Rudi kopierte nicht nur Lloyds Aussehen, sondern auch exakt bis in die Gestik und Mimik hinein. Vielleicht blieb er darum genauso stumm wie sein Schauspielervorbild auf der Leinwand. Von diesem Moment an gelang es ihm nicht mehr, den milchbubihaften jungen Mann ohne Grinsen anzusehen und er musste sich jedes Mal zusammennehmen, um nicht lauthals zu lachen, wenn dieser ihn mit einem schmachtenden Blick durch seine stark vergrößernden Brillengläser bedachte.

Nach dem Abendessen im Restaurant Rheintal suchten die vier gleich in der Nähe vom Haus Vaterland wahrscheinlich zu Ehren ihres Gastes ein „Original Münchener Bierlokal“ auf, in dem allerdings lauwarmes und bitteres Berliner-Kindl-Pils in kleinen Gläsern ausgeschenkt wurde, eine hellbraune Brühe, mit der man in Augsburg nicht einmal die Geranien gegossen hätte. Der Gast aus Bayern wunderte sich doch ziemlich, was man hier unter einer Brezel, einem Paar Weißwürste und einem gesalzenen Radi verstand. Angeekelt schob er die Verbrechen an der süddeutschen Esskultur zur Seite und sah den anderen zu, die es sich tatsächlich schmecken ließen, obwohl sie gerade von einem nicht allzu schmackhaften, aber üppigen Sauerbraten mit Kartoffelstampf kamen. Sebastian bezweifelte in diesem Moment ernsthaft, ob er irgendwann in Berlin noch einmal etwas Vernünftiges zum Essen bekommen würde. Das die römische Kultur niemals bis Preußen gelangt war, spürte man hier besonders schmerzhaft. Jetzt konnte er sich gut erklären, warum es das Gerücht über Bertolt Brecht gab, er habe eine schwäbische Haushälterin, die ihm Spätzle koche und er sich sich sein Riegele-Bier nach Berlin hinterher schicken lassen würde. Während sich die drei Männer zurückhielten, schüttete Greta ganz erstaunliche Mengen Bier hinunter. Gleichzeitig gelang es ihr, fast allein das komplette, munter sprudelnde Gespräch zu bestreiten. Sogar nach ihrem sechsten Glas wurde ihre Stimme keineswegs schleppender oder ihre Aussprache verwaschener. Der Gast aus Bayern fragte sich, ob überhaupt Alkohol in einem Berliner Kindl war. Worüber Greta so unterhaltsam und eloquent sprach, daran würde sich Sebastian später nicht mehr erinnern; sie plapperte entzückenden nonsense, der in dem Moment, in dem er ihr über die Lippen kam, interessant und wichtig klang, aber eine platzende Schaumblase ihres Bieres danach wieder vergessen war. Gregor und Sebastian konnten nur wenig zu ihrem Monolog beitragen und zuckten bereits halb eingedöst erschrocken in die Höhe, als Greta ihr siebtes leeres Glas auf den Tisch knallte.

„Jetzt will ich tanzen. Komm, Großer, fahr uns alle ins Luna-Ballhaus.“

Dem dann anschließend das Varieté Scala und die Kakadu-Bar folgten, wo man allerdings nur kurz auf einen blieb, weil es dort so boring war. Es war schon weit nach Mitternacht, als die vier wieder im Auto vor dem Berliner Tanzpalast saßen. Es war schon weit nach Mitternacht, als die vier wieder im Auto vor dem Tanzpalast saßen. Ein kalter Niesel fiel aus niedrig hängenden Wolken und gefror sofort auf dem Glas der beschlagenen Scheiben. Die Lichter der Stadt glänzten wie Edelsteine. Bald würde der leichte Regen in Schnee übergehen und die schneidend kalte Nachtluft der Januarnacht drang ins Innere des Wagens und brachte alle zum Zähneklappern, während Gregor den Motor des geräumigen Adler Standard 8 nach mehreren Versuchen stolpernd zum Laufen brachte.

„Wohin jetzt?“, wandte er sich zurück und legte einen Arm auf das Lenkrad.

[Hier geht es weiter …]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 20)

Sebastians Respekt wuchs. Wie elegant und intelligent sie ihre Worte wählte, wie gebildet sie formulierte. Allerdings fragte er sich kurz, wie er ihre letzte Bemerkung verstehen sollte. Pagen? Was meinte sie mit dieser sonderbaren Bezeichnung für ihre Familie? Waren Pagen im Mittelalter nicht junge, adlige Bedienstete von Fürsten gewesen? Er beugte sich vor.

„Ich stimme Ihnen vorbehaltlos zu. Verzeihen Sie mir, wenn ich offen spreche, aber wir kommen doch alle gleich nackt und blutig auf die Welt. Uns unterscheidet allein das Soziale und nicht die Farbe der Haut oder die Form unserer Nasen,“ erwiderte Sebastian leidenschaftlich. Frau Gere überging seinen Einwurf nachsichtig.

„Ach, Sie sind noch so jung, mein Lieber! In Ihrem Alter wird wohl jedes Gespräch zum Manifest – da ist Politik noch Herzenssache. Bewahren Sie sich diesen Enthusiasmus. Er wird Ihnen in den Zeitläuften helfen, die vor Ihnen liegen. Deshalb wollte ich mich eigentlich mit Ihnen so bald als möglich treffen: Ich möchte Sie warnen. Ihnen steht ein außergewöhnliches Schicksal bevor. Nennen Sie mich meinetwegen eine Hexe; vielleicht besitze ich die Macht des zweiten Gesichts – eine Gabe übrigens, die in dieser Familie auf der weiblichen Linie weit verbreitet ist. Oder wenn sie nüchterner denken, dann glauben Sie einfach, dass mich meine nervöse Krankheit hellsichtig gemacht hat und ich manchmal Nachrichten aus der Geisterwelt empfange: Auf jeden Fall sehe ich für Sie ein ganz außerordentliches Schicksal voraus, dessen Tragweite und Bedeutung für die Welt Sie sich überhaupt noch nicht vorstellen können. Aber fürchten Sie sich nicht, denn das Entsetzliche in Ihrer Zukunft wird auch viel Süße und glückliche Momente mit sich bringen – wie bei jedem von uns. Alles ist nur ein wenig … intensiver. Die Hand, die nimmt, gibt auch reichlich. Ich kann sie versichern.“

Frau Gere verstummte und wartete offenbar auf eine Entgegnung von Sebastian, der sie anstarrte und darüber vergessen hatte, seinen Mund zu schließen. Er blinzelte und sah sich vorsichtig um. Die zwei Kerzen auf dem Tisch blakten und rußten. Ihr Docht gehörte geschnitten. Doch der Rest des Zimmers war grotesk weit von der Bude einer Jahrmarkt-Wahrsagerin entfernt. Frau Gere hatte trotz ihrer behaupteten sephardischen Herkunft nichts mit einer heißblütigen, dunkelhäutigen Zigeunerin oder einer Chiromantin gemein.

Sebastian hustete verlegen in seine Handflächen und verbarg auf diese Weise die Lachlust,die ihm über die Lippen sprang. Ihm gelang es nicht, diesen Augenblick ernst zu nehmen. Dies musste alles der überhitzten Fantasie ihrer Nervenkrankheit entspringen. Eben hatte sie doch noch so klug gesprochen! Was hatte diesen Umschwung bewirkt? Frau Gere war ganz offensichtlich geistesgestört und der Doktor Kurtzweil hatte recht gehabt: Sie war in der psychiatrischen Obhut der Charité besser aufgehoben als in ihrer Familie, in der eigentlich alle etwas sonderbar waren. War sie unter Umständen gefährlich? Würde sie jetzt gleich mit dem stumpfen Messerchen mit Bambusgriff, das mit ein paar Äpfeln in der Obstschale auf dem Tisch zwischen ihnen lag, über Sebastian herfallen und versuchen, ihm die Augen auszustechen?

Als ob sie seine Gedanken lesen könne – und von ihrem verschrobenen Standpunkt konnte sie das ja auch – beugte sie ihren langen Oberkörper ebenfalls nach vorne und zum Tisch hin, schob die Obstschale achtlos zur Seite und legte einen ihrer Unterarme mit den Schmuckreifen gewichtig klirrend auf die Glasplatte. Mit der anderen Hand deutete sie auf ein breites, aus Leder und braunem Horn gefertigtes Armband, auf dem eine kreisrunde bronzende Medaille befestigt war. In sie hatte man ein Pentagramm einprägt, in dessen Mitte sich ein aus fünf Perlen geformtes Kreuz befand.

„Erkennst du das?“, fragte Frau Gere lauernd.

„Ich habe dieses merkwürdige Symbol heute schon zweimal gesehen, aber ich weiß nicht, wofür es steht. Hat es etwas mit den Freimaurern zu tun?“

„Ja und nein. Wir haben vorhin von den guten Menschen gesprochen. Der fünfzackige Stern ist ihr Erkennungszeichen und Perlen in der Mitte stehen für die fünf Wahrheiten der Pagen.Bei Matthäus steht: „Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, damit die sie nicht zertreten mit ihren Füßen und sich umwenden und euch zerreißen.“ Eine von uns hat dieses Symbol in einem alten Buch über Geheime Gesellschaften gefunden und fand es für uns passend. Es war einmal ein Zeichen des sogenannten Alten Bundes und wurde angeblich auch von den berüchtigten Illuminaten benutzt. Aber mit beiden haben wir nichts zu tun. Ich glaube auch, dass es diese jahrhundertealten Geheimzirkel heute gar nicht mehr gibt.“

Alter Bund? Illuminaten? Das wurde ja immer toller! Was war denn das bloß für eine irrsinnige Gedankenwelt, in den ihn Frau Gere hineinzog? Sebastian wollte die Geisteskranke eigentlich nicht weiter in ihrem Wahn bestätigen, aber die Neugierde des Schriftstellers ließ ihn doch eine Frage stellen; eine für die einhundert Fragen, die ihm auf der Zunge lagen:
„Was sind denn die Fünf Wahrheiten?“

Frau Gere berührte mit der Fingerspitze vorsichtig die erste Perle, dann auf die nächste. Sie zählte sie auf diese Weise ab wie eine katholische Bäuerin vor der Abendmesse ihren Rosenkranz.

„Eins: Alles ist anders. Was euch auch erzählt wurde von euren Vätern, es ist eine Lüge. Zwei: Die Frau entstammt dem Schoß der Erde, der Mann den Wolken im Himmel. Drei …“

Sebastian sollte die anderen Wahrheiten nicht mehr erfahren, denn Gregor kam zur Tür herein gestolpert, die er vorher ungestüm aufgestoßen hatte. Er verursachte dabei einen Höllenlärm, weil sie mit gehörigem Schwung gegen die Vitrine mit dem wertvollen Geschirr schlug. Die beiden nahe einander zugeneigten Sitzenden fuhren wie zwei ertappte Verschwörer erschrocken in die Höhe. Hoffentlich versteht Gregor die Situation nicht falsch, dachte Sebastian. Aber ein Blick auf den unsicher Hereintappenden beruhigte ihn. Gregor war das Pikante der Situation nicht bewusst. Er sah durch seine Mutter hindurch, als wäre sie überhaupt nicht im Zimmer.

„Hier steckst du also“, wandte er sich an Sebastian und runzelte die Stirn. „Ich habe dich schon im ganzen Haus gesucht.“

Der Bruder von Greta hatte ich umgezogen und trug einen eng geschnittenen dreiteiligen Frack mit übertrieben weit ausgestellten Hosen. Allerdings ging er weiterhin auf Strümpfen. Er trat einen unsicheren Schritt in den Raum. Offenbar hatte er schon wieder getrunken.

Im Haus Vaterland isst man gründlich, hier gewitterts stündlich“, zitierte er den Werbespruch für eine Wettersimulation des Restaurants Rheinterrasse im Kempinskihaus, wo in einer nachgebauten Rheintallandschaft stündlich das Licht gedimmt und Wolkenbrüche mit Blitz und Donner über die Gäste hereinzubrechen drohten. Gregor machte eine ungeduldige Handbewegung.

„Die halten unsern Tisch nicht ewig frei. Auf, auf, die Sonne ist untergegangen – das Leben der Nacht beginnt.“

Sebastian sah entschuldigend zu Frau Gere, die sich gelassen wieder aufrichtete.

„Wenn Sie mich entschuldigen würden …“

Sie nickte langsam und bedachte ihn mit einem verschleierten, seltsamen Blick.

„So jung“, murmelte sie, „solch ein Schicksal.“

Berlin! Sebastian erkannte immer deutlicher, was diese zwei Silben für ihn bedeuteten. Sie waren für einen Künstler wie ihn, der an jeder noch so zweifelhaften Blüte verzweifelt nach dem Nektar der Inspiration suchte, Honigtopf und Venusfliegenfalle zugleich. Diese Stadt war ein rauschhafter Taumel, eine Jagd, die niemals endet und keine Erschöpfung oder Pause kennt: Sie war niemals gestern. Bevor der Staub der Ereignisse sich setzen konnte, wurde er bereits an einem anderen Ort aufgewirbelt.

Lichter, Tanz, Gesichter, funkelnde Champagnerperlen, das Lächeln schöner, geheimnisvoller Frauen, alles begleitet von einer Musik, von der der junge Mann nicht einmal geahnt hatte, dass es sie überhaupt geben könnte: Dies war alles eingefangen in dem Bernstein einer einzigen Nacht.

[Hier geht es weiter …]

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 19)

Was Sebastian nicht wusste, denn sonst wäre sein Auftreten ein Stück weit weniger selbstbewusst gewesen: Von hier aus regierte Frau Gere ihre Familie und den Haushalt. Hierher wurden ihr Mann und ihre Kinder befohlen, wenn sie Ärger gemacht hatten. Dieses Zimmer war der Thronsaal der Hausherrin, die als graue Eminenz wesentlich mehr Einfluss hatte und Fäden in der Hand hielt, als es sich der junge Mann aus der bayerischen Provinz vorstellen konnte.

Hatte er am Vormittag das Gefühl gehabt, in das Boudoire einer Gesellschaftsdame aus der Belle Epoque zu treten und der letzten Vertreterin dieser längst ausgestorben geglaubten Urweltart, die Dumas d. J. und Marcel Proust wie Entomologen ihre Käfer beschrieben hatten, so trat er nun in die schlichte, schnörkellose Zukunft des Wohnens. Sebastian fühlte sich, als wäre er durch einen Hintereingang in die Pariser Ausstellung der „Arts Decorative“ geraten. Noch deutlicher als im Speisezimmer im Erdgeschoss herrschten hier geschmackvolles Understatement, klare Linien und kompromissloses Dessin vor. Die augenfällige kubistische, Musikinstrumente darstellende, Collage an der kahlen Wand über dem schlichten Kaminsims schien ein Original von Picasso oder von Georges Braque zu sein – Sebastian konnte die Werke der beiden Maler einfach nicht auseinanderhalten – oder es war zumindest eine täuschend echt wirkende Nachahmung.

Die Stühle und das Sofa vor dem Fenster waren aus verchromten Gestänge und schwarzen Lederbändern hergestellt, dazu kamen ein ovaler Glastisch, auf dem zwei Kerzen brannten und eine Obstschale aus Muranoglas stand, eine Vitrine, in der Bauhausgeschirr ausgestellt wurde, eine Vitrine, in der Bauhausgeschirr stand und ein kugelrunder, geflochtener Lampenschirm. Er hing an kühn geschwungenen Aluminiumrohren von der Decke und leuchtete das Zimmer aus. Dieser Stil würde in Augsburg erst in zweitausend Jahren Mode werden – wenn überhaupt jemals.

Die Dame des Hauses hatte sich wirklich Mühe gegeben und sich perfekt ihrer neuen Umgebung angepasst. Wie hingegossen saß sie hoheitsvoll mitten auf dem Sofa – ihrem Thronsitz – und hatte ihre Beine elegant zur Seite angewinkelt; aber der Oberkörper war gerade und aufrecht durchgestreckt. War sie Sebastian am Vormittag noch recht unförmig in ihr Schlafgewand und ihre Decken gewickelt erschienen, so wirkte sie nun schlank und hoch, grazil wie eine Gazelle, edel wie eine wertvolle Orchideenblüte.

Frau Gere trug ein tailleloses, knapp unter den Knien endendes, pailettiertes Cocktailkleid, dazu hohe, offene Schuhe und hatte um ihren schwanenweißen und schwanendünnen langen Hals mehrmals eine endlos lange Perlenkette gewickelt. Im Haar ihrer asymmetrisch geschnittenen und nachtschwarz glänzenden Kurzhaarperücke glitzerte ein kleines Diadem. Insgesamt war nichts mehr von der kränkelnden Hausfrau zu erkennen, die Sebastian empfangen hatte. Er fühlte sich wie eine Romanfigur von Fontane, die zur blauen Stunde eine Verabredung mit einer Dame der Guten Gesellschaft hatte.

Welch ein meilenbreiter Spalt klaffte zwischen der Frau des Ingenieurs und seiner eigenen biederen Mutter, die sich für Augsburger Verhältnisse in vergleichbaren gesellschaftlichen Kreisen bewegte und sicherlich nicht älter als Frau Gere war. Diese sah übrigens weiterhin kränklich und blutleer aus – tuberkulös –, aber um mindestens zehn Jahre jünger und attraktiver als Sebastians Mutter. Es war nun deutlich erkennbar, dass die hübsche Greta ihre Tochter war. Aber trotz aller Bemühungen sahen Frau Geres dunkle, nicht überschminkbare Augenränder im ersten Moment wie eine Brille aus, die sie sich zum Lesen aufgesetzt hatte. Sie sprachen deutlich von ihrer Erschöpfung und dem schweren seelischen Leiden, das ihren Mann so verzweifeln ließ, dass er sein Heil nicht mehr in der Schulmedizin, sondern bei Scharlatanen und Kurpfuschern suchte.

„Sie wollten mich sprechen? Schön zu sehen, dass es Ihnen wieder besser geht.“

Frau Gere machte die gnädige Geste einer Königin, die ihr Volk empfängt. Sebastian setzte sich auf einen der Stühle beim niedrigen Glastisch. So chique sie auch aussahen, so unbequem waren sie. Er entschied sich, ganz nach vorn zu rutschen und wusste nicht recht, was er mit seinen Armen anfangen sollte. Offenbar benötigten die Möbel des 20. Jahrhunderts einen an sie angepassten, von der Evolution veränderten Menschentypus. Die Möbelfabrikanten und Architekten arbeiteten längst an einer schönen, neuen und in der Hauptsache durchsichtigen Welt, wie sie der hellsichtige Jewgeni Samjatin in seinem Roman Wir bereits vor zehn Jahren beschrieben hatte. Ob die Wirkung beabsichtigt war oder nicht: Sebastian fühlte sich wie ein armer Sünder in einem gläsernen Beichtstuhl.

Die Dame des Hauses saß wesentlich eleganter und entspannter auf ihrem Ledersofa. Sie legte ihre Arme übereinander und tippte mit den Fingerspitzen. Dabei schepperten die breiten Armbänder an den Handgelenken im Takt gegeneinander. Sie schob sie immer wieder hoch zum Ellenbogen, aber die dünnen Unterarme gaben den Reifen keinen Halt und sie rutschten wieder zurück, klapperten weiter. Dies war die einzige während des kurzen Gesprächs unermüdlich wiederholte Geste, die an ihr nervöses Leiden erinnerte.

„Ich vermute, Sie konnten sich bereits ein wenig einleben“, eröffnete sie, „ich wäre stolz, wenn Sie sich hier in unserem Zuhause heimisch fühlen würden. Fehlt was? Soll Clara etwas für sie besorgen?“

Sebastian verneinte. Ihm war unbehaglich zumute. Hatte ihr Mann ihr verschwiegen, was im Lauf des Tages im Haus passiert war und er den ungeliebten Gast lieber heute als morgen verabschiedet hätte?

„Sie haben inzwischen alle kennengelernt“, fragte ihn Frau Gere weiter aus, „Ich hoffe, der Eindruck war günstig. Wissen Sie, meine Familie ist ein wenig … besonders. Finden Sie nicht auch?“

„Sie meinen, weil Sie Juden sind?“

Sebastians altes Leiden: Sein Mund sprach, bevor sein Gehirn dachte. Was ist das nur für eine dumme, patzige Frage, die mir da entkommen ist, schalt er sich und hätte sich dafür am liebsten selbst aufs Maul gegeben. Doch seine Wangen brannten auch ohne diese Tat feuerrot. Frau Gere hörte überrascht damit auf, ihre Colliers vom Handgelenk zu den Ellenbogen zu schieben.

„Nun,“ erwiderte sie maliziös lächelnd, „das meinte ich nicht gerade. Wissen Sie, wir sind nicht religiös – zumindest nicht auf die herkömmliche Weise. Der Stammbaum der Geres – ursprünglich Gersons – reicht weit zurück bis ins ausgehende Mittelalter, wahrscheinlich wesentlich weiter als der Ihre. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass meine Familie etwas ganz besonderes ist. Unsere Vorfahren waren Sephardim, von denen ein Teil nach Südamerika, ein anderer – der heute in Berlin ansässige – nach Holland und anschließend nach Hamburg auswanderte, als er 1531 von der Inquisition aus Spanien vertrieben wurde. Flucht oder Tod, hieß es. Das ist eine Geschichte, die sich immer und überall wiederholt, wo sich eine Religion mit den Mächtigen verbündet. Wir Geres fühlen uns schon so lange als Deutsche, dass es uns immer wieder erstaunt, wenn uns jemand – zumeist in böswilliger Absicht – unsere Angehörigkeit zum jüdischen Volk vorwirft. Was auch immer daran anstößig sein soll.“

Das war eine Standpauke und Sebastian hatte sie verdient. Er merkte, dass Frau Gere diese Rede schon ein paar Mal gehalten hatte und er beeilte sich, sich für sein vorlautes Mundwerk zu entschuldigen. Sie machte eine klappernde und wegwerfende Handbewegung.

„Mein Gott, wenn man diesen Nazis glauben will, dann sind wir allein an allem Unglück auf dieser Welt schuld! Sie werden mir doch keiner von diesen albernen Spintisierern sein? “

„Aber nein, ich versichere Sie! Ganz im Gegenteil.“

Sebastian hielt es nicht für angebracht, seine tatsächliche politische Meinung in diesem gutbürgerlichen Haus kundzutun, aber mit dieser merkwürdigen Splitterpartei voller dumpfer Vorurteile und einer mehr als absonderlichen Ideologie, die sich in der letzten Zeit auch in Bayern so wichtig machte, wollte er auf keinen Fall in einen Hut geworfen werden.

„Das Gegenteil“, schmunzelte Frau Gere, „was ist das Gegenteil eines Nazis? Ein guter Mensch, will mir schienen und das wollen wir doch alle sein – gute Menschen. Doch genug von der enervierenden Politik. Das ist ein Gesprächsthema, das in den Rauchsalon meines Mannes, aber nicht hierher passt. Als ich eben sagte, dass meine Familie sei besonders, meinte ich nicht unsere Zugehörigkeit zu einer Rasse, die doch nur ein Spiel des Zufalls und kein Schicksal, vor allem kein prägendes Merkmal eines Menschen ist. Wir sind Pagen, das ist das einzige, das zählt.“

[Fortsetzung am nächsten Montag]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 18)

Aber was genau machte die kauernde Greta zwischen den Beinen ihres Hausmädchens? Sebastian befand ich in ihrem Rücken und sie hatte ihn noch nicht bemerkt. Sie hantierte mit einem schmalen Gegenstand an Claras Oberschenkel. Der junge Mann kniff die Augen zusammen und sah genauer hin, soweit es ihm in dem unruhigen und unzureichenden Licht in dem Zimmer möglich war. War das etwas so abgeschmacktes wie – ? Nein, das war eindeutig eine medizinische Spritze, die Greta sehr professionell in ihren schmalen, leuchtend rot manikürten Fingern hielt und für deren Kanüle sie gerade auf der Suche nach einer Arterie die Innenseite von Claras Schenkeln absuchte. Jetzt bemerkte Sebastian auch das Strapsband, mit dem Greta das Bein knapp unterhalb des Mieders abgebunden hatte. Neben den beiden auf dem Sofa lagen ein geöffnetes Etui mit einem Arztbesteck und ein Fläschchen Apothekenalkohol, womit die Tochter des Hause wahrscheinlich die Spritze und die Haut desinfiziert hatte. Welcher Doktor hatte ihr das beigebracht? Was wusste der junge Mann überhaupt von Greta?

Sebastian schüttelte den Kopf. Er hatte genug gesehen und er schämte sich auch über sich selbst, weil er sich nicht sofort an der Türschwelle umgedreht und die Frauen in diesem seltsamen, aber intimen Moment allein gelassen hatte. Das war nicht gerade gentlemanlike von ihm gewesen! Er verließ so leise wie möglich Gretas Zimmer, bevor diese ihn noch bemerkte und schloss geräuschlos die Türe hinter sich. Dann flüchtete er eilig zurück in das Gästezimmer und war wild entschlossen, es nicht mehr zu verlasen, bis Gregor Gere ihn zu der verabredeten abendlichen Spritztour abholen würde.

Schwer ließ er sich in den Stuhl am Fenster fallen und starrte in die frühe Dämmerung dieses trüben 24. Januars, der ihm als der längste Tag seines Lebens erschien. Dieses Berlin war ihm erneut so fern und unheimlich, als läge es auf dem Mars. Selbst das auf den ersten Blick so wenig mondäne und pfahlbürgerliche Tegel hatte mit seiner Heimatstadt Augsburg so viel zu schaffen wie der Broadway in New York mit einem einsamen Gebirgsdorf in der inneren Mongolei. Doch er konnte noch so viele Vergleiche konstruieren, wie er wollte, sein Unbehagen wegen der Rätsel und der merkwürdigen Menschen, mit denen er nach nur einer kurzen Nachtreise mit der Reichsbahn konfrontiert wurde, wuchs von Moment zu Moment. Es war gerade einmal vierundzwanzig Stunden her, da hatte er in seinem Zimmer in der Wohnung seiner Eltern auf den vom Vater kurzerhand entliehenen Haindlschen Chauffeur gewartet, der ihn von der Müllerstraße unten am Graben hinauf zum Bahnhof fahren sollte und sich in farbigen Bildern seine ruhmreiche Zukunft als Autor in der Hauptstadt ausgemalt. Nichts und niemand hatte ihn auf diese merkwürdige Familie Gere vorbereitet.

Hatte Sebastian gerade gesehen, wie Greta der unfreundlichen, ja, bärbeißigen Clara eine Droge gespritzt hatte – vielleicht Morphium oder Kokain? Er kannte sich auf diesem Gebiet nicht aus. Seine einzige Erfahrung mit Rauchmitteln hatte er mit Augusta-Bier, Enzian-Schnaps und einer heimlich besorgten Prise Schnupftabak aus des Vaters Vorrat gemacht; dies war übrigens eine Melange, deren Zusammenspiel er absolut nicht empfehlen konnte. Sebastian rauchte nicht einmal! Die Warnungen seiner Mutter vor den Gefahren der großen Stadt hatte er als stummer Dulder über sich ergehen lassen und war keineswegs darauf gefasst gewesen, bereits am ersten Tag in seiner Gastfamilie mit ihrem Sodom und Gomorrha konfrontiert zu werden. Wenn Berlin die Zukunft war, auf dem die Republik wie auf töneren Füßen der Zukunft entgegen stolperte, dann wusste Sebastian nicht, ob er diese erleben oder besser gleich nach Frankreich oder in die USA auswandern sollte. In den Vereinigten Staaten gab es immerhin seit einigen Jahren die Prohibition, die verhinderte, dass die Leute sich den ganzen Tag berauschten. Sebastian hatte gehört, dass reiche, junge Amerikaner genau deshalb so gerne in Europa Urlaub machten, weil sie hier ungestraft trinken konnten. Er war allerdings in Augsburg noch nie einem begegnet.

Aber hatte er diese Szene eben wirklich erlebt? Spritzten sich Morphiumsüchtige ihr Gift in die Oberschenkel? Vielleicht, um verräterische Einstichstellen zu verbergen? Und hatte nicht auch Greta rote Flecken an den Innenseiten ihrer Arme, wie ihm nun in den Sinn kam?

Es klopfte und gleichzeitig wurde die Tür geöffnet. Sebastian schreckte in die Höhe. Clara kam herein. Sie trug einen Stapel Bettwäsche auf den Armen und war gekommen, um endlich sein Nachtlager zu beziehen. Geschäftig schaltete sie das Licht ein und trat in den Raum. Sebastian sprang erschrocken von seinem Stuhl auf und starrte sie fassungslos an, doch das Hausmädchen kümmerte sich nicht weiter um ihn und machte sich in aller Seelenruhe am Bett zu schaffen.

Der junge Mann konnte nicht einschätzen, wie lange er beim Fenster gesessen und sinniert hatte, aber es schien ihm nicht allzu viel Zeit vergangen zu sein; höchstens eine Stunde. Clara wirkte auf ihn jedoch vollkommen normal und falls sie Sebastians aufgeschrecktes Verhalten und seine Blicke merkwürdig fand, so ließ sie es sich zumindest nicht anmerken. Konnte ihr Drogenrausch so schnell wieder verflogen sein? Hatte er sie nicht eben noch als völlig willenlose Marionette in anstößiger Pose in Gretas Zimmer liegen sehen? Das Hausmädchen benahm sich auf jeden Fall so ungezwungen, als wäre das ganze Erlebnis nur ein Fiebertraum, den Sebastian sich zusammenphantasiert hatte.

„Die Frau Dr. Gere würde se jerne noch mal sehen, Herr Kerr, bevor se in die Stadt aufbrechen“, sagte sie und klopfte das frisch bezogene Bett auf. „Wenn et Ihnen passt, mögen se doch bitte gleich zu ihr in ihren Salon kommen.“ Sie erklärte ausführlich, wo das Zimmer zu finden war.

Es dauerte einen Moment, bis die Worte vom Ohr bis zu Sebastians Gehirn drangen. Erst als Clara verwundert und schief lächelnd aufsah, kam Leben in ihn.

„Verzeihen Sie bitte“, flüsterte er mit rauer Stimme, „ich muss eingeschlafen sein und geträumt haben.“ Tatsächlich hatte sich der Kopfschmerz, der ihn schon den ganzen Nachmittag quälte, verstärkt, als wäre er in dem überheizten, stickigen Raum in einen kurzen Schlummer gefallen.

„Wat se in Ihrem Zimmer tun, jeht mir nüscht an“, erwiderte sie schnippisch. Sebastian antwortete nicht, sondern schob sich an Clara vorbei, die noch immer spöttisch lächelte und ihm in diesem Moment gar nicht mehr so abweisend und streng erschien. Gerade, als er aus der Tür gehen wollte, drehte er sich noch einmal zu ihr um:

„Geht es ihnen gut, Clara? Ich meine …“ Er verstummte unsicher und traute sich nicht, seine Frage auszusprechen. Das Lächeln von Clara verstärkte sich, spannte sich nun mit zwei hübschen Grübchen von Wange zu Wange. Sie nickte.

„Aber ja, mir jeht et jut, Herr Kerr. Ick bin zwar noch etwas durcheinander von den Jeschehnissen heute Mittach, aber der Überfall kommt mir inzwischen wie een böser Traum vor. Det konnen se doch nachvollziehn, oder?“

Sebastian musterte aufmerksam ihre Pupillen, die nicht mehr wie Löcher wirkten, durch die man in den Poe’schen Maeltröm blickte, sondern ganz normale, helle und glänzende Frauenaugen waren.

„Dann ist ja alles in Ordnung,“ stimmte er zu, „und ich will die Frau Dr. nicht länger warten lassen. Fühlt sich die Dame des Hauses denn jetzt ein wenig wohler?“

„Ja. Sie hatte am Nachmittag Besuch vom Medizinalrat Kurtzweil und was immer er mit ihr angestellt hat: Jetzt geht et ihr besser. Aber trotzdem sollten Sie ihr Gespräch nicht zu lang machen. Sie darf sich nicht aufregen. Der Frau Dr. wurde vom Dr. Kurtzweil ganz strenge Bettruhe verschrieben, aber sie wollte Sie unbedingt noch sehen.“ Clara sprach nun, als wäre sie ein Teil der Familie und kein einfaches Hausmädchen. Auch ihre Art zu reden hatte sich verändert.

Das ist alles sehr merkwürdig, dachte Sebastian, als er sein Zimmer verließ und dabei Claras Blicke in seinem Rücken spürte. Kurz zögerte er vor der Tür zu Gretas Räumen, durch die kein Laut nach außen auf den Flur drang. Dann ging er entschlossen weiter und über die Galerie zu dem Salon, den ihm Clara gewiesen hatte. Frau Gere besaß in der großen Villa nicht nur ihre eigene geräumige Zimmerflucht, sondern auch einen eigenen Empfangsraum, einen Damensalon, in den Sebastian jetzt trat.

[Hier geht es weiter …]

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Glaubt mir – er beißt nicht

Alle Dichter wollen weniger gelobt und fleißiger gelesen sein.
Gotthold Ephraim Lessing

Es widerstrebt mir, den scheinheiligen Tanz ums goldene Kalb und den Feuilleton-, Medien-, Verlags- und Buchhandelsrummel um runde Geburts- oder Sterbedaten unserer Dichter und Denker mitzumachen. Man lobt sie routiniert und wohlvorbereitet an ihren Jubiläen, um dann bereits ein paar Tage später die nächste Sau durchs mediale Dorf zu hetzen. Die Erinnerungen und Ehrungen werden des überschwänglichen Feierns müde wie Christbaumschmuck im Januar eiligst zurück in den Keller geräumt, bis die nächste runde Zahl droht. Gelesen werden diese Autoren trotzdem nicht.

Aber für Arno Schmidt (1914 – 1979) muss ich eine Ausnahme machen, weil er mir wirklich am und manchmal auch auf dem Herzen liegt: Schließlich ist Schmidt der herausragendste und humorvollste, der intelligenteste und zugleich provozierendste Autor, Essayist und Übersetzer, der von uns Deutschen nach dem 2. Weltkrieg mit Nichtbeachtung und Interesselosigkeit abgestraft wurde. Hierzulande werden keine unbequemen Autoren mehr eingesperrt oder mitsamt ihren Bücher verbrannt, man ignoriert sie einfach, ordnet sie bequem in ihren historischen Kontext ein (1) und vergisst sie. Oder man wirft ihnen – auch das ist typisch deutsch – „Nestbeschmutzung“ vor; was den Autor noch nachhaltiger vernichtet, als ihn einfach zu erschießen. Arno Schmidt passierte beides. Er wurde als genialer Außenseiter zu einer wenig beachteten Fußnote im Kapitel „Nachkriegsliteratur der BRD“ degradiert und sein bitterböser Kulturpessimismus und sein verzweifeltes Aufreiben am Deutschen Untertanenwesen als defätistisches Nachhakeln eingestuft.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Sicherlich war an dem fehlenden Nachruhm auch der ärgerliche Streit um die Rechte an seinem Werk schuld. Das führte dazu, dass eine Zeitlang nur atemberaubend teure Nachdrucke der in den 50er und 60er Jahren im Fischer-Verlag veröffentlichten Bücher oder zu ebenfalls gesalzenen Preisen die von der Arno-Schmidt-Stiftung herausgegebenen Gesamtausgaben erhältlich waren.(2)

Und ich gebe es gerne zu: Es ist nicht leicht, Arno Schmidts Welt zu betreten, er macht es dem Leser und auch sich selbst nicht einfach. Keiner schreibt wie er. Schmidt ragt wie ein Mount Everest aus den seichten Vorgebirgen der deutschen Nachkriegsliteratur in sauerstoffarme Höhen. Er ist einzig, aber ganz und gar nicht artig. Sein – formulieren wir es mal euphemistisch – eigenwilliger Umgang mit Grammatik und Zeichensetzung, seine am stream of consciousness und den Wielandschen und Jean-Paulschen satzungethümen Bleistiftwüsten geschulter, synästhetischer, oft monologsischer Stil, in dem manchmal jedes Wort und oft auch jedes Satzzeichen eine Anspielung an ein- bis zwei mitgedachte Literaturquellen (3) und unbewusste freudianische Fehlleistungen sind, seine – der Generation, zu der er gehört, geschuldeten – muffigen sexuellen Fixierungen (man kann von einer Vorliebe für Alt-Herren-Witze reden) wirken wie eine fest verschlossene Tür in sein Gedankengebäude, die nur mit äußerster Anstrengung und aller Geduld und Aufmerksamkeit geöffnet werden kann. Das lohnt sich allerdings. Hat man sich erst einmal an die anspielungsreiche und exzentrische Ausdrucksweise gewöhnt, kann Schmidt süchtig machen. Und diese Liebe hält ein ganzes Leben an.

Schmidt2Arno Schmidt
Schwarze Spiegel
(suhrkamp BasisBibliothek 2006)

Zum Einstieg in sein überbordendes Werk sei hier seine feine kleine Erzählung „Schwarze Spiegel“ angeführt, eine erstaunlich klassische Science-Fiction-Geschichte, von der es in der zeitgenössischen deutschen Literatur viel zu wenige gibt, weil hierzulande Genrewerke nicht ernst genommen und als Unterhaltung abgetan werden. (4) Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase liest sich diese Anti-Utopie flüssig und spannend und enthält doch alles, was ein Schmidt-Œuvre ausmacht. Eine weitere gute Möglichkeit, Schmidt kennenzulernen, sind seine Radioessays über meist vergessene Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen er die Ergebnisse seiner literaturarchäologischen Arbeiten als appetitanregende Häppchen serviert. Dass Johann Karl Wezel oder Karl Philipp Moritz heute wieder gelesen werden, ist der Schmidtschen Radio-Werbung zu verdanken, einige seiner weiteren, äußerst lesenswerten Entdeckungen gibt es beim 2001-Verlag in der Reihe „Haidnische Alterthümer“. Arno Schmidt war auch ein fleißiger Übersetzer englischer und angloamerikanischer Literatur. Hier seien eine kongeniale, stellenweise neudichtende Poe-Übertragung erwähnt, seine Verdienste um John Fenimore Cooper, Jules Verne oder auch Karl May, die in Deutschland als Jugendbuchautoren verschätzt und deren Werke verstümmelt wurden oder seine zugegebenermaßen exzentrischen Bulwer-Lytton-Übersetzungen, die allerdings nur antiquarisch erhältlich sind.(5)

Obwohl es Arno Schmidt Zeit seines Lebens nicht einfach fiel, von seinem literarischen Schaffen zu leben und er im Alter immer zynischer und bitterer wurde, gibt es doch eine Sache, um die ich ihn aufrichtig beneide. Er fand in dem außerordentlich intelligenten und belesenen Millionär Jan Philipp Reemtsma (6) einen Förderer, der ihn mit einem Geldbetrag unterstützte und damit aller materieller Sorgen enthob. Schmidt konnte sich in seinen letzten Lebensjahren in seine Zettelkästen und seine Literatur vergraben und ich nehme an, dass er genau dort glücklich war.

Wenn ich nicht unbedingt muss, dränge ich mich keinem mehr auf : ich habe im Zimmer weit größere Freiheit;
und die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.
Arno Schmidt, Julia, oder die Gemälde

—————–

(1) Arno Schmidt gilt vielen als eher zweitrangiger James-Joyce-Epigone, der oft noch schlechter lesbar ist als sein Vorbild. Die haben sich noch nie an Joyce im Original versucht. Arno Schmidt ist zumindest in einer Sache dem kurzsichtigen Iren überlegen: Er ist nie langweilig.

(2) Man versuche nur einmal, von Schmidts Haupt- und Meisterwerk „Zettels Traum“ eine für Normalverdiener erschwingliche Ausgabe zu erhalten.

(3) Ein Link zur Schmidtschen Referenzbibliothek. Die meisten der Bücher sind urheberrechtsfrei und stehen als PDFs eingescannt zum Download zur Verfügung. Viele von ihnen gibt es allerdings auch bei den üblichen Verdächtigen als ordentlich überarbeitete EPUBs.

(4) Hier sei auf Franz Fühmann verwiesen, dessen Saiäns-fiktschen leider komplett vergessen ist. Über ihn und den Einfluss, den er auf meine Literatur hat, müsste ich auch einmal schreiben.

(5) Ich lese gerade in der Übertragung von Schmidt mit wachsender Begeisterung „Was wird er damit machen“ von Edward Bulwer-Lytton. Diese alte zweibändige dtv-Ausgabe habe ich in einem Tübinger Antiquariat entdeckt. Bei mobileread gibt es – freilich in zeitgenössischen Übertragungen – einige weitere der Romane des viktorianischen Autors, den Schmidt sehr verehrte.

(6) Es sei an dieser Stelle wärmstens sein brillantes Buch „Im Keller“ empfohlen, in dem er die Erfahrungen beschreibt, die er während und nach seiner Entführung machte.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Über den Tellerrand, Essay, Kolumne, Kurzkritik, Literatur, Science Fiction, Wochenlese

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 17)

Klammer hatte offensichtlich doch ein wenig geschlummert, aber nun hielt ihn erneut seine Unruhe wach. Fuhr der Zug noch durch Südtirol oder das Trentino oder näherte er sich bereits Verona? Die wenigen Lichter in den Dörfern an den nahen Berghängen wirkten alle gleich auf ihn. Er knipste das Licht über seinem Sitz an. Der gutgekleidete ältere Italiener zu seiner Rechten – er hatte sich als Avvocato Sciacalli vorgestellt, als er in Innsbruck den Platz neben ihm belegte und war noch vor dem Brenner eingeschlafen – grunzte im Schlaf, aber er wurde nicht wach.

Klammer nahm sein wertvolles schwarzes Buch aus dem Handgepäck und blätterte nach vorne, zu der Stelle hin, in die er seiner Gewohnheit treu einen selbst geschnittenen orangefarbenen Papierstreifen als Einmerker geschoben hatte. Wie er erleichtert feststellte, hatte sich der Text noch nicht verändert, die Seiten bildeten weiterhin den Text des Romans ab, den angeblich sein Großvater geschrieben hatte. Er überflog ein Kapitel, in dem Sebastian Kerr umständlich und weinerlich die Enge und Eingeschränktheit seiner Heimatstadt Augsburg beschrieb. Diese Ausführungen mochten zwar für den einen oder anderen literaturhistorisch interessierten Germanisten von Bedeutung sein, aber für den Leser, der ja schließlich ebenfalls aus dieser entsetzlich spießbürgerlichen Stadt kam, in der sich niemand für Literatur begeisterte und selbst Brecht noch wegen seiner politischen Ansichten misstrauisch beäugt wurde, war das keine Neuigkeit und eine langweilige Durststrecke, eine Zeilenschinderei, die den Roman unnötig dehnte. Also überblätterte er kurzerhand das Lamento, das auch nach beinahe einhundert Jahren nichts an Aktualität verloren hatte.

Obwohl dem Autor der Beginn des Romans durchaus gemundet hatte, hatte ihm bisher das komplette Menü nicht besonders geschmeckt. Das lag nicht nur daran, dass ihn seine Sorgen ablenkten, sondern an der von Absatz zu Absatz zunehmenden Geschwätzigkeit des jungen Autors der Hyänen von Berlin. Anstatt direkt auf den Kern der Geschichte zuzusteuern, erging sich Kerr in langatmigen Beschreibungen von Personen, Umständen und Umgebungen. Der Autor hatte beim Lesen ständig befürchtet, dass der geschwätzige Jesuit Marini eine eckige Klammer eröffnen und kursiv sein unnötiges Wissen zum Besten geben würde. Dabei war noch nicht einmal geklärt, ob die Hyänen ein Gesellschaftsdrama, ein Entwicklungs- oder einfach ein Kriminalroman waren.

Man lese nur die Stelle, an der die Hausangestellte überfallen wurde, die wahrscheinlich beim Leser Spannung erzeugen sollte und durch eine unpassende und ausführliche Beschreibung des Wohnzimmers unterbrochen wurde. Herrschaft! Der Autor ließ sich sogar die Zeit, den Teppich zu beschreiben, auf dem das Opfer lag! Kein Wunder, dass Kerr nie so berühmt wie der von ihm beneidete Brecht geworden ist – ganz ehrlich: Mein Großvater war ein höchst mittelmäßiger Schriftsteller.

Doch im dritten Kapitel des Romans setzte endlich wieder die Handlung ein und Klammer las sich fest, während ihn der Zug über die Po-Ebene und durch die Nacht ins noch ferne Rom transportierte.

Kapitel DREI
Sündige Frauen

Der Nachmittag und der frühe Abend zogen sich endlos dahin; sie waren eine gewaltige, graue Mauer, die Sebastian nirgendwo überstei­gen konnte. Berlin zeigte sich von einer trägen, langweiligen Seite – einer Seite, die er später noch besser kennen, aber niemals wirklich schätzen lernte.

Berlin! – Ein Summen, Klirren und Stampfen steigt in die Nacht auf, und das schillernde Netz der Lichter spannt sich über das tönende Dunkel. Licht und Lärm sind untrennbar vereint in dieser gewaltigen Stadt der Arbeit und der Lust; und wenn die Massen durch die geraden Straßen der jungen Großstadt hasten, weiß man nie, ob es zur Arbeit geht oder zu irgendeiner hastigen, schnell beschlossenen, schnell genossenen und schnell erledigten Vergnügung. In einem verwirrenden Bilde rauscht alles vorüber.

In dieser gewaltigen Stadt sind immer alle unterwegs, dachte Sebastian, aber sie scheinen niemals irgendwo anzukommen.

Man wartet auf ein Ereignis, eine Stunde, eine schicksalshafte Begegnung, ein freundliches Lächeln, den zitternden Schlag des Minutenzeigers auf der großen Uhr am Alexanderplatz, mit der er einen Teilstrich weiter springt, in seinem endlosen Teufelskreis, dem er nicht entkommen kann –, und doch scheint dieser Augenblick niemals einzutreten. Man starrt auf den Zeiger, bis die Augen tränen, aber er weigert sich einfach, weiter zu rutschen, als wäre er am zeitlosen Eispol des Universums eingefroren. Dann wieder explodiert Berlin. Alles findet überall gleichzeitig statt und man hetzt sich vergeblich ab in dem Bemühen, an allen Ereignissen teilzunehmen, die doch alle so bedeutend sind.

Sebastian saß also am Schreibtisch im Gästezimmer, starrte in den trostlosen Garten und versuchte sich an ein paar Gedichtzeilen, die diese Empfindung aufs Papier bringen sollten:

Ratten Tauben und Gekröse
Gehirne im Krampf
Berlin willst du deinen Namen wissen?

Aber nichts wollte ihm gelingen, er hatte dumpfe Kopfschmerzen, die von seiner rechten Schläfe ausstrahlten und sich im Lauf des endlosen Nachmittags über die gesamte Schädeldecke ausbreiteten. Ab und an knackte die kochende Heizung, manchmal waren dumpfe Schritte im Haus zu hören. Das musste durchaus als Ereignis genügen. Eine frühe Dämmerung setzte ein, aber sie ließ sich Zeit, als scheue sie sich, den langen Nachmittag abzulösen.

Der junge Mann machte sich nicht die Mühe, das Licht einzuschalten. Bald legte er den Schreibstift zur Seite, denn die Zeilen, mit denen er die linierten Blätter seines Moleskine beschrieben hatte, verschwammen vor seinen Augen zu krakeligen Hieroglyphen.

Berlin – willst du ihn wissen?
Er steht dort an der Wand.

Sebastian lehnte sich in einem Stuhl zurück und schloss die Augen. Es gab vieles, über das er nachdenken wollte – über seine Entscheidung, Augsburg zu verlassen, um sein Glück in der Reichshauptstadt zu versuchen, die Ereignisse des Vormittags und die merkwürdigen Geres, die offensichtlich mehr Familiengeheimnisse begraben hatten, als in ihre Gruft passten, schließlich die unheimliche Szene, die er erlebte, als er am frühen Nachmittag nach einem ungehörten Klopfen an Gretas Zimmer die Klinke probierte, die unverschlossene Tür öffnete und einen Blick in ihr Reich erhaschte. In diesem Augenblick, der ihn wie unter einem Stromstoß zusammenzucken, fast panisch zurückweichen und zurück in sein Gästezimmer fliehen ließ, hatte er noch keine Kopfschmerzen gehabt und eigentlich nur in Erfahrung bringen wollen, wann man zur Tour in die Stadt aufbreche.

Und da saß er nun und versuchte, den verbotenen Blick auf Greta und Clara aus seinem Gedächtnis zu bannen. Es gelang ihm nicht. Er fühlte sich so schmutzig und besudelt wie ein Vojeur. Die Feder zögert zu berichten, was er gesehen hatte und doch muss wahrhaft erzählt werden:

Im Schummerlicht einer Handvoll Kerzen saß Clara breitbeinig und schlaff, als wäre sie eine mechanische Puppe, deren Feder nicht mehr gespannt war, auf einem kitschig geblümten Sofa. Sie hatte ihren Unterrock bis über die Hüften enporgezogen. Sebastian sah um die Knie die dunklen, stahlgrauen und halb herabgerollten Strümpfe, die von den Strapsen ihres Mieders gelöst waren. Und er sah viel von der weißen, wächsernen Haut ihrer fleischigen Oberschenkel. Ihre Beschaffenheit erinnerte ihn an die monströsen Larven der Maikäfer, auf die er als Kind manchmal in der Erde des Kerr’schen Gartenvierecks gestoßen war. Ja, genau so wie ein Engerling wirkten sie auf ihn. Ihm wurde übel und ein dünner Eispickel stach in seinen Nacken.

Greta kniete vor den geöffneten Beinen Claras und schien aufmerksam die Innenseite ihrer Schenkel zu streicheln. War das wirklich ein sapphisches Tête-à-tête, in das er zufällig geraten war? Sebastian konnte es nicht glauben. Hier war etwas grundfalsch, auch wenn er sich noch nicht erklären konnte, was es war. Die Hausangestellte saß ihm direkt gegenüber und starrte ihn tatsächlich mit weit aufgerissenen Augen an, aber ihr Blick war vollkommen leer, die Iris zwischen den Wimpern nur ein dünner, kaum sichtbarer Rand. Die Schwärze ihrer unnatürlich vergrößerten Pupillen wirkte auf den jungen Mann wie aus der Welt herausgeschnitten. Ein Dämon, der der kranken Phantasie eines Hanns Heinz Ewers oder eines Gustav Meyrink entsprungen war, hatte solche Augen, kein Mensch oder irgendein anderes von Gott geschaffenes Geschöpf. Sebastian fühlte sich, als wäre er versehentlich in eine der unheimlichen Fieberalbträume dieser Autoren gestolpert und er konnte sich nur schwer von dem seelenlosen Puppenblick Claras abwenden.

[Fortsetzung am nächsten Montag]

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Pavese und dieser Sommer

Es wird andere Tage geben,
andere Stimmen werden sein.
Ganz alleine wirst du lächeln.
Cesare Pavese, The cats will know

Manchmal brauche ich eben ein wenig Halt in diesem leeren Kosmos, dieser gleichgültigen, im wörtlichen Sinn Gott-losen Welt, in der mich die Dinge nicht beobachten, mich nicht beachten, ja, nicht einmal ignorieren. Gut und Böse, Trauer, Freude, Liebe, Wut, gar eine Moral: Sie werde ich unter ihnen vergeblich suchen. Wenn ich einmal ermüdet sterbe, werde ich mich wandeln; endlich ebenfalls in ein leeres, gleichgültiges Ding.

Wenn mich die nüchterne Interesselosigkeit der Welt niederdrückt und die abweisende Kälte der am Nachthimmel funkelnden Sterne deprimiert, wird mir mal wieder deutlich, wie einsam ich in diesem Universum bin. Dann erwachen Selbstmitleid und der Künstler in mir, denn andere Konsequenzen erschrecken mich. Ich beginne ungeschickt wie ein Mensch der Steinzeit, meine Fingerabrücke auf den Oberflächen der Dinge zu hinterlassen, sie zu prägen. Auch wenn sie nur ein schnell vergehender Fettglanz sind, ich habe sie doch berührt. Ich schaffe mir Totems und Idole, personifiziere Gegenstände und Ideen, eine Religion: Ein Nagel ist ein Nagel, aber vier Nägel ergeben bereits ein Kreuz.

Wenn ich die Jahreszeiten personifiziere, um sie persönlich ansprechen oder beschimpfen zu können, denke ich mir den Sommer immer als eine ältere Frau, die dem Glanz und der Schönheit ihrer Jugend hinterher weint. Die Sommerfrau dieses Jahres ist bisher eine strenge, alles unter ihrer Wucht erdrückende Herrscherin, zumindest hier unten im seenreichen südlichen Deutschland zwischen der hier noch jungen und rassigen Frau Donau und den stolzen, arroganten Alpengipfeln, nahe jener pfahlbürgerlichen Renaissancestadt, deren Bewohner von ihr behaupten, sie wäre die nördlichste Italiens – als wäre damit irgendetwas bewiesen. Frau Sommer ist in diesem Jahr eine Domina, die ein SM-Spielchen mit Zuckerbrot und Peitsche aufführt, wobei sie lieber die Peitsche schwingt und – um es mit einer der drolligen Formulierungen des Wetterberichts auszudrücken – „markantes“ Wetter mit sich bringt. Endlose, hitzige Sonnentage, dazwischen heftige Gewitter. Sie fallen kaum ins Gewicht, die aber nicht für Abkühlung sorgen, sondern die Luft weiter mit klebriger Schwüle schwängern. Dann drückt wieder die Last des Thermometers auf uns.

Habe ich dich nun in die richtige Stimmung gebracht, lieber von mir imaginierter Leser, der für mich nur als seltener Pixelstrich auf dem glatten, spiegelnden Bildschirm meines Netbooks erscheint, während ich im Schatten meines Kirschbaums schreibe? Dann folgt jetzt eine

Sommerlektüre-Empfehlung

Habe ich eigentlich schon einmal Cesare Pavese (1908 – 1950) gelobt, aus dessen letzten Gedicht vor seiner Selbsttötung an einem weiteren schwülen Sommertag die oben zitierten, mich immer wieder aufs Neue erschütternden Zeilen stammen?

Seltsam, obwohl der große italienische Dichter einer der prägenden Autoren für mich ist, habe ich ihn bislang wirklich in meinem Blog vernachlässigt. Das ist eine geradezu sträfliche Unterlassung. Ich kenne eigentlich keinen weiteren Schriftsteller, der seine Prosa und seine Gedichte so konsequent und konzentriert geschrieben hat und dem es so eindringlich gelingt, komplette Geschichten mit ein paar lakonischen Worten und alleine zwischen den Zeilen zu erzählen.

Das wird vor allem bei seinen Kurzgeschichten deutlich, die als zweibändige Taschenbuchausgabe bei Claasen und in drei Bänden antiquarisch z. B. von Fischer erhältlich sind. Meist spielen sie in endlosen, bewegungslosen Sommertagen in den Hügeln des Monferrato, einem bäuerlichen, patriarchalischen Regeln unterworfenen Land, das sich sanft hinter der zu Paveses Lebzeiten noch grauen Arbeiterstadt Turin über der Po-Ebene erhebt, wo „bitterer Reis“ und Mückenschwärme gezüchtet werden, die wie schwelende Gewitterwolken über die Dörfer herfallen. Hier oben ist die Welt noch eine archaische. Sie ist voll von Geiseln, Idolen und Totems, überall sind Tabus und halbvergessene Mythen zu finden. Es ist eine Welt, in der Individuen gebrochen werden wie das vertrocknende Getreide auf den von einer unbarmherzigen Sonne beschienenen Feldern; auf der das Blut so dunkel und schwer fließt wie der Wein, der hier gekeltert wird.

Monferatto

Davon zu erzählen, gelingt Pavese in unnachahmlicher Weise auf manchmal nur zwei, drei Seiten Text. Wer Blut geleckt hat und mehr will, sollte sich an seine kurzen, aber konzentrierten Romane halten, deren poetische Titel schon Bände sprechen und zusammenfassen, was ich eben wortreich ausführte: „Der junge Mond“, „Der Teufel auf den Hügeln“, „Die einsamen Frauen“, „Der schöne Sommer“, „Unter Bauern“. In seinen Kurzgeschichten und Erzählungen ist Pavese allerdings auf dem absoluten Höhepunkt seines Schaffens. Wer also nicht die Aufmerksamkeitsspanne besitzt, einem längeren Erzählfaden zu folgen, aber zwischen Sonnenliege, Eincremen und Baden im Meer nicht den üblichen Liebes-Vampir-SM-Thriller, sondern Literatur von Weltrang lesen möchte, ist bei Paveses kurzen Texten gut aufgehoben.

Freilich habe ich versucht, wie Pavese zu schreiben. Das Ergebnis kann hier bestaunt werden:

*

Diese klassische Short-Story, in der ich ursprünglich versuchte, den knappen Stil Cesare Paveses nachzuahmen, hat eine lange Geschichte: Zuerst war sie Teil meines Romans „Das Spiel“ von 1983, wurde dann 2001 von mir extrem gekürzt und bei einen Wettbewerb des Wolkensteinverlags, Magdeburg unter dem Titel „Der Badeplatz“ eingereicht. Ich habe sie jetzt noch einmal ein wenig verändert. Die Illustration ist ein Ausschnitt aus dem Bild „Kiesbank“ von dem in Ulm wohnenden Maler Thomas Becker, der seine großformatigen Landschafts-Traumbilder gerade in Tübingen ausstellt.

*

Kleine Veränderungen

Diese Geschichte hat mir Vitalij erzählt. Er meinte, sie sei zwei desillusionierten Männern würdig, die in einem ausgetrockneten Flusslauf spazieren gehen und mit ihren Füßen den Sand ihrer Erinnerungen aufwühlen:

Die Schulbehörde hatte sich endlich dazu durchgerungen, die großen Ferien auf vier Monate auszudehnen. Vitalij, übrigens der schlechteste Schüler meiner Klasse, ein in jeder Beziehung dürrer Junge, verbrachte diese geschenkte Zeit mit seinen Freunden Stefan und Burak unten am Fluss. Nur dort waren die heißen Julitage erträglich. In jenem Sommer lastete die Hitze zwar schon staubschwer auf der Stadt, aber über die heute üblichen Wasserrationierungen wurde nur diskutiert. Man konnte auch noch ins Freie gehen, ohne größere Vorkehrungen treffen zu müssen.

Die drei Freunde trafen sich jeden Vormittag am Ostufer der Staustufe. Sie war nahe bei den Hochhäusern, die bereits mit Hitzeschlieren getüncht waren. Dort wohnte der quirlige Stefan bei seinen beiden Vätern. Obwohl er damit den kürzesten Weg hatte und jedesmal hektisch und außer Atem zum Wehr herunter geradelt kam, mussten die anderen immer auf ihn warten. Stefan konnte überhaupt nicht anders als unpünktlich sein. Meist war Burak der erste am Treffpunkt. Er ließ die Füße ins Wasser hängen, sein Rad in Griffweite abgestellt. So harrte er geduldig. Seltener kam Vitalij zuerst. Er war nur vor Burak da, wenn er bereits am Morgen mit seiner Mutter Streit bekommen hatte.

Nachdem Stefan geduldig die üblichen Vorwürfe der anderen über sich hatte ergehen lassen, stiegen sie auf ihre Räder und folgten dem Uferweg flussaufwärts. Sie ließen sich auf der kurzen Strecke zu ihrem Ziel viel Zeit, es war angenehm, die Räder im fleckigen Schatten der Bäume rollen zu lassen und sich vom Fahrtwind den Schweiß kühlen zu lassen. Die Freunde waren zu einer sehr unzugänglichen Stelle unterwegs. Es war eine Kiesbank im Fluss, an der sie allein nackt sonnen und baden konnten. Burak hatte sie vor einigen Wochen durch einen Zufall entdeckt, als er nach einer verflogenen Frisbeescheibe forschte: Diese schmale Landzunge im Fluss war nur zu Fuß durch einen engen Pfad in dichtem Gestrüpp und eine wagemutige Klettertour den Hang hinab zu erreichen. Vitalij war sicher, dass es an dieser Stelle im letzten Jahr noch keine Kiesbank gegeben hatte. Sie wäre ihm bei seinen Bootsausflügen aufgefallen. Er nahm an, sie sei erst im Dauerregen des Winters durch eine seltsame Laune des Flusses aufgeschwemmt worden.

Kiesbank

Die Freunde hatten niemandem von ihrem Badeplatz erzählt, das war ihr Geheimnis. Auch wenn sie häufig abends mit Bekannten und Mädchen am Flussufer grillten, tranken oder Computer spielten, sie führten nie jemanden an ihre Stelle. Obwohl ich Vitalij bei diesen Gelegenheiten häufig traf, wusste ich ebenfalls nichts von der Kiesbank. Sie war nur für die drei bestimmt, für die langen, heißen Nachmittage jenes Sommers. Hier lagen die drei Jungen den ganzen Tag über, sonnten und unterhielten sich. Manchmal lagen sie still da und lauschten den Vögeln, die in den Zweigen über ihnen saßen und die Klingeltöne von Handys nachahmten. Wenn ihnen zu heiß wurde, sprangen sie gemeinsam in den Fluss, ließen sich in der starken Strömung ein Stück hinab treiben. Im spärlichen Schatten der vertrockneten Erlen kletterten sie dann über die klobigen Ufersteine wieder zu ihrem Badeplatz zurück. Trotz der Sunblocker wurde ihre Haut im Verlaufe der Ferienmonate dunkel, fast ledrig. Sie waren stolz auf diese nahtlose Bräune, auch wenn sie sie, außer sich gegenseitig, niemandem vorführen.

Burak war der schweigsamste der drei. Nur selten er hörte zu, wenn sich Vitalij und Stefan über ihre Chat-Erlebnisse im Internet austauschten; meist las er konzentriert in den dicken, seltsamen Büchern, die ihn interessieren.

Erst spät am Abend, wenn mit der untergehenden Sonne der Hauch einer Abkühlung über den Fluss wehte, kletterten sie durch das Ufergestrüpp zu ihren Rädern zurück.

Die Idylle konnte nicht ewig währen. An einem Tag am Anfang des Augusts warteten Burak und Vitalij am Treffpunkt vergeblich auf Stefan. Die beiden mussten schließlich allein zur Kiesbank radeln. Da Vitalij mit Burak allein nicht viel anzufangen wusste, wurde ihnen schnell langweilig und sie trennten sich früher als sonst üblich. Am nächsten Tag ließ Stefan die beiden wieder vergeblich auf sich warten.

Doch als sie zu der Kiesbank kamen, war er bereits dort. Er war nicht allein. Er hatte ein Mädchen mitgebracht. Er küsste es demonstrativ, als er die anderen kommen sah. Burak übersah Stefans Freundin kommentarlos. Er ließ nur seine Badehose an, als er sich etwas abseits auf den Kies legte und nickend eines seiner Bücher hervorzog. Vitalij wurde jedoch sofort wütend. Er fühlte sich betrogen und winkte Stefan zur Seite. „Warum hast du das getan?“, fragte er scharf, eine abfällige Handbewegung in Richtung des Mädchens machend, das sich gerade auf den Bauch legte und dabei die Träger ihres Badeanzugs von den Schultern streifte.

„Diese Stelle sollte doch eine Sache zwischen uns dreien bleiben, unsere Zuflucht.“

Stefan zuckte abgelenkt mit den Schultern. Er ließ seine Freundin keinen Moment aus den Augen.

„Na und? Das ist jetzt anders. Sie ist meine Freundin. Ich nehme sie überall hin mit. Das hat sich eben geändert. Was ist daran schlimm?“

„Ich will nicht, dass sich etwas ändert. Ich will, dass es so bleibt, wie es ist“, erwiderte Vitalij. Am meisten enttäuschte ihn, dass er diesen einfachen Sachverhalt auch noch erklären musste. Stefan sah ihn nun zum ersten Mal an. Einen Augenblick wirkte er erstaunt, dann lachte er.

„Das soll wohl ein Witz sein! Wir sind keine kleinen Kinder.“ Nein, er begriff noch immer nicht, was Vitalij eigentlich wollte. Genauer gesagt, er hatte nicht überhaupt nicht vor, seinen Freund zu verstehen. Vitalij wusste keine Worte, keine Entgegnung, die sinnvoll gewesen wären. Was blieb ihm übrig? Er schlug dem Freund mit der flachen Hand ins Gesicht. Stefan taumelte überrascht rückwärts. Vitalij setzte nach. Stefan verteidigte sich, nun selbst voller Wut. Bevor Burak oder das Mädchen eingreifen konnten, rangen die beiden miteinander, lieferten sich ein verbissenes Handgemenge. Endlich rollten sie ineinander gekrallt in das an dieser Stelle recht tiefe Wasser. Um nicht gemeinsam unterzugehen, mussten sie sich trennen. Vitalij ließ von Stefan ab und schwamm so würdevoll, wie es ihm möglich war, davon.

Nach geraumer Zeit kehrte er zu der Kiesbank zurück, fand er aber nur noch Burak vor. Stefan und seine Freundin waren längst gegangen. Eine Weile leckte Vitalij noch klagend seine Wunden. Burak ging nicht auf ihn ein, er starrte ohne zu lesen in sein Buch. Dann sagte er:

„Niemand kann zweimal in den gleichen Fluss steigen.“

Es war das letzte Mal, dass Vitalij mit den beiden zusammen beim Baden war. Auch zur Kiesbank ging er nie mehr. Von dem Tag an bis zum Beginn des neuen Schuljahres traf er sich mit uns anderen im Freibad. Natürlich hat er sich später mit Stefan versöhnt. Sie schwiegen den Vorfall tot. Vitalij musste sich eben daran gewöhnen, dass die Freundin, bis sie sich von Stefan trennte, immer dabei war. Mit Burak trafen sich weder er noch Stefan wieder. Es war ihnen beiden peinlich, wenn sie ihm zufällig begegneten.

So hat Vitalij mir diese Geschichte erzählt. Das sei eine alte, eine sentimentale Geschichte, meinte er noch. Aber sie sei immer wieder neu.

*

Und um diesen heftigen Flirt mit dem Selbstmitleid mit Paveses letztem Tagebucheintrag vom Tag seines Todes zu enden:

All das ist ekelhaft.
Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.

 

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Alltägliches, Über den Tellerrand, Der Autor, Erzählung, Gesellschaft, Heimat, Kurzgeschichte, Kurzkritik, Leben, Literatur, meine weiteren Werke, Philosophie, Sprache

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren II – Ein phantastischer Roman (Teil 16)

Klammer seufzte vernehmlich.

„Ich kann mich erinnern, dass ich das Werk Anfang der Neunziger Jahre als junger Student in einem Dresdner Antiquariat gekauft und damals auch gelesen haben muss“, überlegte Engold. „Mir ist, als hätten wir schon einmal darüber geredet. Leder muss der Band bei einem meiner Umzüge verloren gegangen sein. Auf jeden Fall habe ich keine Ahnung mehr, worum es in dem Werk Ihres Großvaters ging.“

„Ach, kommen Sie! Das kann es doch nicht geben!“

„Haben Sie eine Ahnung, wie viele Bücher ich in meinem Leben schon in der Hand hielt? Ich fange jede Woche sicherlich zwanzig neue an. Gut, bei einigen genügt nur ein Absatz oder eine Seite, bei anderen zehn, bis ich sie zur Seite lege. Ganz selten lese ich mal eines zu Ende. Je mehr Bücher man gelesen hat, um so schwieriger wird es, eines in die Hand zu nehmen, ohne es als Arbeit wahrzunehmen. Die Zeiten sind schon lange vorbei, dass ich abends bei einem Glas Rotwein einfach so einen Roman genossen habe. Meine professionelle Deformation als Lektor hindert mich daran. Aber sagen Sie mal, Nikolaus, wie viele von den Texten, die Sie tagtäglich zugesendet bekommen, haben Sie denn gelesen?“

„Sie meinen, Sie haben den Roman meines Großvaters unter Umständen überhaupt nicht gelesen?“

„Zumindest durchgeblättert muss ich ihn haben, sonst hätte ich ihn nicht gekauft.“

„Berlin? Ein junger Autor aus der Provinz? Eine großbürgerliche Familie und ein dunkles Geheimnis?“, gab Klammer ein paar Stichwörter und merkte selbst, wie nichtssagend sie waren.

„Sie sind ein Spaßvogel. Wenn es jemand weiß, dann Sie: Wie viele Rastignac-Romane wurden nach Balzac geschrieben? Aber warten Sie, ging es da vielleicht um irgendwelche exotischen Drogen und die Freimaurer?“

Das weiß ich nicht, so weit habe ich das Werk selbst noch nicht gelesen“, gab Klammer zu.

„Das ist ganz seltsam. Manchmal bleibt von einem Roman oder einer Geschichte nach einiger Zeit nur noch ein Duft oder ein Geschmack übrig, eine sensorische Empfindung, die ich zuverlässig einstellt, wenn man an das Buch denkt. Im Moment ist das bei mir ein scharfer Geruch wie verschimmelnde Zitrusfrüchte. – Ach, ich weiß auch nicht.“

So kam Klammer nicht weiter. Seit er in dem Buch las, das angeblich von seinem Großvater stammen sollte, nagte der unbestimmte Verdacht in ihm, dass der Roman vielleicht überhaupt nicht das Werk von Sebastian Kerr, sondern es ihm aus Gründen, die über seinen Horizont hinaus reichten, nur vorgegaukelt wurde. Ein paar Fragen und Zusammenhänge wurden ihm nun deutlicher, aber dem Geheimnis des Buchs und in welcher Verbindung es mit seiner Familie stand, war er nicht näher gekommen. Er hatte Kopfschmerzen.

Klammer verabschiedete sich eilig von Engold, der ziemlich frostig darauf reagierte, dass ihn der Autor, nachdem er sich einmal warm geredet hatte, so eilig abservierte.

„Kümmern Sie sich lieber mal um Ihre eigenen Sachen, Nikolaus. Wir haben einen Vertrag und nicht ewig Geduld. Das wird zwischen uns doch kein Unseld-Koeppen-Ding werden, oder?“, sagte er noch. Er konnte zum Glück nicht sehen, wie Klammer beim Auflegen gleichgültig mit den Schultern zuckte, denn das hätte den jähzornigen Lektor wahrscheinlich so in Rage gebracht, das er auf der Stelle einen Herzinfarkt bekommen hätte. Der Autor dachte kurz an den Roman, an dem er gerade arbeitete und in dessen sechsten Kapitel er gerade feststeckte wie in einer staubigen Wüste ohne Oasen, wo ihm nicht einmal eine ferne Fata Morgana ein Ziel vorgaukelte – ein schiefes Bild übrigens, das mit dem Buch und einer Luftspiegelung.

Engold wird es mir rigoros herausstreichen, wenn ich es wagen würde, es in meinem neuen Werk zu verwenden. Doch diese sowohl für mich als auch für meine Leser freudlose Angelegenheit, die noch – ginge es um die Vertragsvereinbarungen – in diesem Herbst pünktlich zur Messe als Verlagsneuigkeit erscheinen soll, ist nicht meine vorrangige Sorge. Ich kann immer noch Fortsetzung folgt unter das fünfte Kapitel schreiben, der Text hat bereits Romanlänge. Vielleicht kann ich Welkenbaum das Ding ja als Trilogie andrehen – auch wenn ich jetzt schon keine Lust mehr habe, weiter zu schreiben. ‚Trilogie des Scheiterns‘, das wäre doch ein hübscher Titel.

Klammer kicherte in sich hinein, als er zu Irene in die Küche trat. Ein Blick von ihr genügte, um ihm wieder zurück auf den Boden der Tatsachen zu holen. Das war etwas, das sie perfekt konnte und im Verlauf ihrer langjährigen Ehe perfektioniert hatte.

„Gute Nachrichten?“, fragte sie und ihr Mann erschrak schuldbewusst. Genau die hatte er nicht – ganz im Gegenteil. Was sollte – was konnte er seiner Frau erzählen, ohne sie zu beunruhigen oder sie an seinem Geisteszustand zweifeln zu lassen? Bei dem Gedanken, Irene endlich die ganze Geschichte und die Sorge um die gemeinsame Tochter zu beichten, war ihm, als würde er in ein schwarzes, bodenloses Loch blicken. Er setzte sich schwerfällig neben seine Frau und wollte eben beginnen, ihr alles zu erzählen, als ihm die Entscheidung auf überraschende Weise abgenommen wurde:

„Ach ja“, sagte Irene beiläufig, „vorhin hat endlich mal wieder Isa aus Amerika angerufen. Es geht ihr gut und ich soll dich grüßen. Sie lässt dir ausrichten, dass alles in Ordnung sei und du dir keine Sorgen machen musst.“

Klammer konnte es kaum fassen.

„Bist du sicher, dass du mit Isa gesprochen hast?“, stammelte er unendlich erleichtert. Irene musterte ihn besorgt.

„Was ist das denn für eine Frage? Selbstverständlich war sie das.“

Sie schüttelte den Kopf. Sie kannte solch seltsame Anwandlungen von ihrem Mann, der auf sie oft nicht wie ganz von dieser Welt wirkte, vor allem, wenn er vom Schreiben kam und sich noch vollkommen bei seinen Geschichten und Figuren befand. Aber jetzt kam er doch vom Gassigehen mit Cicero und einem Telefonat mit seinem Verlag und machte trotzdem auf sie den Eindruck eines Traumwandlers. Das war neu. Musste sie sich Sorgen machen? Schließlich war seine Mutter ja dement und es hieß, ihre Krankheit sei erblich.

„Hat Isa erzählt, was sie gerade macht?“, fragte Klammer nach und unterbrach den Gedankengang seiner Frau. Er kannte sie gut genug, um ihn ihr von der Stirn ablesen zu können.

„Ja. Isa hat berichtet, dass sie in der vorigen Woche von ihrer Exkursion in den Dschungel zurückgekehrt ist und nun noch zwei Wochen Urlaub macht, bis im nächsten Monat das neue Semester beginnt. Sie hat dort eine neue Freundin gefunden, eine Mercedes Soundso und wohnt im Moment in der Buchhandlung von deren Vater. Isa war übrigens enttäuscht, dass du nicht da warst. Sie hätte gerne mit dir gesprochen.“

„War das alles? Hat sie sonst noch etwas gesagt?“

Irene überlegte.

„Ja. Aber das habe ich nicht ganz verstanden. Isa fragte, ob du den Zeitungsausschnitt aufgetrieben hast und ob du ihn bitte in die – warte, ich habe es mir aufgeschrieben …“, sie schob einen Zettel über den Küchentisch, „… in die Fuchsgasse 25 bringen kannst. Worum geht es da? In Augsburg gibt es doch gar keine Fuchsgasse, oder?“

Klammer schüttelte den Kopf und nahm nachdenklich das Blatt mit der Adresse in die Hand. Er drehte es zwischen den Fingern. Das war eindeutig ein Hinweis, den ihm seine Tochter gegeben hatte, auch wenn er ihn noch nicht vollständig begriff. Doch dann wurde ihm plötzlich alles klar. Er hatte diese Adresse heute schon einmal gehört und zwar von der Volontärin mit dem lustigen Namen. Frau Rindtfleisch hatte ihm doch den Hinweis gegeben. Er hatte ihre zögernde Stimme noch im Ohr, mit der sie den Aufenthaltsort ihres Chefs verraten hatte:

„Ich kenne nur die Adresse des Hotels, in dem er absteigen will. Es ist das Hotel Raphael in der Viccolo de la Volpe direkt am Piazza Navona; aber das darf ich Ihnen eigentlich überhaupt nicht sagen.“

Das war es! Viccolo de la Volpe – Fuchsgasse!

Klammer wusste, was er als nächstes zu tun hatte.

[Fortsetzung am nächsten Montag]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Erinnerungen, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Literatur, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman

Meine unwürdigen Lektüren

Die österreichische Literaturzeitschrift VOLLTEXT [1] führte eine Zeit lang die hübsche Kolumne Unwürdige Lektüren. In ihr wurde bei verschiedenen Autoren nachgefragt, für welchen Lesestoff sie sich so schämen, dass sie  ihn am liebsten verschweigen würden, weil er ihrer unwürdig sei.

Sieht man sich einmal bei Amazon die Liste der meistgelesenen E-Books an, welche – da das Cover nie sichtbar – man ja praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit  lesen kann, wird der Begriff unwürdig deutlicher. Mir richten sich immer wieder die Nackenhaare auf, wenn ich sehe, welche Art von Büchern von der Mehrheit gelesen werden. Da die meisten Besitzerinnen von E-Book-Readern Frauen [2] sind, sind es vor allem seichte, vorwiegend in der Provence spielende Liebesromane (damit man Lavendelfelder auf dem Titelblatt abbilden kann), sado-masochistische Unterwerfungsphantasien, Vampir-Fantasy und ab und an mal ein dicker Gesellschaftsroman oder ein blutiger Thriller. Zwischendurch taucht mehr oder weniger explizite Pornografie auf (Auch ein paar Männer besitzen E-Book-Reader).

Bei uns Autoren ist das anders. Bei uns ist es nicht die Unwürde unserer Lektüren, sondern die Art des Konsums derselben, über die zu schreiben uns eigentlich die Scham Stille auferzwingen müsste. Schriftsteller gehören in aller Regel zu den Gargantuas und Pantagruels der alles verschlingenden, wahllosen Viel- und Allesleser, auch wenn ihnen manches sauer aufstößt, im Gedärm grummelt und sie um die Nachtruhe bringt. Sie sind keine Gourmets, die kleine, übersichtliche Portiönchen von diesem und von jenem Wohlzubereiteten delektieren und sich bei einem kleinen Gläschen Wein an schmackhaften phantasievollen Häppchen erfreuen. Wir Autoren sind Säufer und Fresser, oft kannibalische Carnivoren, die jeden noch so verqueren Textbrocken mit wohligem Stöhnen und ohne Kauen in uneren Schlund stopfen und flüssig geschriebenes literweise hinterherkippen, um alles halbverdaut über unserem eigenen Werk zu erbrechen oder defäkieren. Wir sind krank, wir haben „Bücher“.

Noch immer gilt der Satz: „Wer ein Buch schreiben will, sollte vorher eintausend Bücher gelesen haben.“ [3]

Um dieses Flüssige, das die Kehle für den Anspruch schmiert, geht es mir heute; um meine Gute-Nacht-Lektüre. Robert Musil zum Beispiel, Heimito von Doderer, David Foster Wallace [4] oder Thomas Pynchon lesen sich nicht gut im Liegen, sie haben „Aufrecht-Sitzen-und-aufmerksam-und-andächtig-in-ihnen-lesen“-Bücher geschrieben. Das liegt nicht nur am Gewicht der Tausend-Seiten-Wälzer, durch das jeder kurze Halbschlaf und ein damit einhergehendes Erschlaffen der Armmuskulatur zur Todesfalle werden können, sondern auch an den gewichtigen Inhalten. Man sollte im Bett nichts Schweres konsumieren. [5]

Man schlägt das Buch auf. Sein Schatten schwebt wie ein drohendes Damoklesschwert über dem von des Tages Müh‘ und Last ermattet in die weichen Pfühle gesunkenen Haupt. Der Bucheinmerker – wenn er nicht wieder herunter gerutscht und verloren ist – hilft wenig. Man muss zurückblättern. Wer war schon wieder diese Agathe und von welcher Begebenheit redet sie da, verd … Habe ich das wirklich schon gelesen? Nach zwei Seiten verheddert sich der eh schon viel zu komplexe Inhalt mit den eigenen wirren Gedanken. Man liest einen Absatz dreimal und weiß immer noch nicht, was ihn ihm steht und … Wo war ich?

Nacht

Frau Klammerles Nachtkästchen.

Nein. Das geht einfach nicht. Auf der anderen Seite habe ich einfach noch Lust auf einen Mitternachtsimbiss. Mich hüngert nach dem einen oder anderen Lektürebrocken. Auch wenn ich es am nächsten Morgen auf der Waage bedauere. Auf diese Weise kommen meine Unwürdigen Lektüren ins Spiel. Es sind die Bücher, die auf meiner Leseliste nicht erscheinen und doch einen nicht unbeträchtlichen Teil dessen ausmachen, was ich an Geschriebenem konsumiere. Es sind Comics, die ich hier vielleicht noch als anspruchsvolle „Graphics Novel“ verkaufen könnte oder – hauptsächlich – triviale Science Fiction; Star-Trek-Bücher und Perry Rhodan, der Erbe des Universums.

Gerade ein Rhodan-Heft (in beiden Bedeutungen schön leicht und handlich) ist meine ideale Bettlektüre. Da meine Glossen und Texte nicht gelesen werden, kann ich hier mir selbst die Unwürdigkeit dieser Lektüre gestehen. Ich war ungezählte Male mit Gucky, dem Mausbiber, Atlan, dem Einsamen der Zeit, mit Icho Tolot, dem Haluter, und Alaska Saedelaere, dem kosmischen Menschen [6],  in, neben, unter und zwischen dem Universum unterwegs. Ich habe sogar schon einmal zum Privatvergnügen eine eigene Art Perry-Rhodan-Roman geschrieben, um zu sehen, ob ich so etwas im knappen Zeitrahmen von einer Woche kann. [7] Die inzwischen auf über 2900 Bände angewachsenen Heftchenromane und die dazugehörige, unübersehbare Menge an Taschenbüchern, Hörspielen und Computerspielen, die seit über 50 Jahren von einem Autorenkollektiv herausgegeben werden, sind beim besten Willen für eine Einzelperson nicht mehr alle lesbar und schwanken in ihrer Qualität zwischen gut gemachter Genreliteratur und „Geht überhaupt nicht“. Die Geschichtenzyklen der jüngeren Autorengeneration halten sich aber oft im oberen Mittelfeld auf. Auf einen Neueinsteiger wird die Perry-Rhodan-Welt mit ihrer Pseudophysik und ihren endlosen Handlungssträngen (Man ist ja zum Glück „unsterblich“) so komplex wie ein Heideggertext wirken, allerdings ist sie weit weniger bedeutend. Deshalb haben die Autoren der Serie einen Neustart verpasst, die „Neo-Reihe“ für die nächste Generation. Alles gibt es inzwischen selbstverständlich auch als E-Book. [8]

Ich betone: Ich lese das alles nur, damit ich satt und zufrieden einschlafen kann – nicht, weil es mir gefällt. Das würde ich nie zugeben…

____________

[1] VOLLTEXT (volltext.net) erscheint einmal im Quartal. In ihr kommen weniger die Kritiker, als die Autoren selbst zu Wort. Dadurch ist diese Zeitung wesentlich innovativer, origineller und interessanter als die einschlägigen deutschen Glanzlack-Magazine, die mir als Überzeugungstäter und Bücher-Abhängigen hartnäckig einreden wollen, wie viel Spaß doch Lesen mache. Felix austria.

[2] Im Gegensatz zum Kritisieren ist das Lesen heutzutage reine Frauensache.

[3] Vielleicht genügt es auch, ein Buch zu lesen, dessen Autor tausend Bücher gelesen hat.

[4] Wallace hat übrigens eine ebenso fetischhafte Vorliebe für Fußnoten [4a] wie ich. Ich selbst hasse sie übrigens bei anderen.

[4a] Er benutzt sogar innerhalb von Fußnoten Fußnoten.

[5] … und auf keinen Fall rauchen! Dadurch hat uns Frau Bachmann um den Genuss ihres Alterswerks gebracht. Wer Angst vor dem plötzlichen Buchtod im Bett hat, sollte zum E-Book greifen. Mal von ihrem Inhalt abgesehen, sind digitale Bücher weitaus weniger schmerzhaft als analoge, wenn sie einem auf den Kopf fallen.

[6]  Wer sich für diese Namen interessiert: www.perrypedia.proc.org

[7] Den Teufel werde ich tun und diesen Schund hier veröffentlichen. Ein paar Handlungsstränge tauchen übrigens in „Brautschau“ wieder auf.

[8] Da hat man dann praktischerweise gleich mal einhundert Hefte auf einmal auf dem Reader.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Alltägliches, Über den Tellerrand, Der Autor, Erzählung, Kurzkritik, Leben, Literatur, Wochenlese