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Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 1)

Ab heute auf meinem Blog:

knoten

Teil II. der großen Brautschau-Saga:
Faiabas Erwachen

titel-Faiaba

Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen.

Doch eine gewaltige Waffe hat den Weltuntergang der Vorgänger überstanden und bedroht die Menschheit. Es ist Maní, der schwarze Mond, der überraschend am Himmel aufgetaucht ist und in wenigen Monaten auf die Erde stürzen und alles Leben unter sich begraben wird.

Auch Fabia Winterfeld, eine junge Vorgängerin, hat die Selbstvernichtung ihrer Zeitgenossen im Kälteschlaf überlebt. Das Wissen der blonden Schönheit ist die einzige Chance, das drohende Ragnarök zu verhindern. Aber ihre eisige Ruhestätte befindet sich tief in den Katakomben der alten Universität von Pars, die mitten in den Jenseitigen Landen liegt.

Eine Gruppe mutiger Abenteurer, unter ihnen der Brautwanderer Half, wagt den Wettlauf gegen die Zeit und dringt verfolgt von alten und neuen Feinden unter großen Mühen und Gefahren in die todbringenden Gebiete im Westen vor, in denen sich die Natur in unvorstellbarer Weise verändert hat und der teuflische Dämon Inet auf neue Opfer lauert …

Teil I. der Saga, „Meister Siebenhardts Geheimnis“, ist als E-Book und als Taschenbuch überall im Buchhandel erhältlich.

knoten

Prolog
5880 Jahre vorher

In den Marskolonien der Indopazifischen Union herrschten Chaos und Zerstörung. Aber ihr Angriff erfolgte auch an diesem Morgen pünktlich und präzise. Wie immer schlugen die ersten Gravitationswellen aus ihren im Stickney-Krater auf Phobos stationierten Kanonen um 06:45 Uhr auf dem irdischen Mond ein und zehn Sekunden später begannen die Sirenen auf den Wohntürmen und öffentlichen Gebäuden der Megapole Paris zu heulen.

Omicron, der kleine private Mehrzweck-goLEM der Studentin Fabia Winterfeld, schaltete ebenso prompt in den Notfallmodus. Aufgeregt rollte er schwankend durch ihre vollgestellte Einzimmerwohnung und gab fiepende, panische Geräusche von sich. Offenbar kam dabei auch sein Orientierungssinn ein wenig durcheinander, denn der Robot donnerte zuerst gegen die Küchenzeile und suchte dann protestierend Schutz unter dem niedrigen Esstisch.

„Überrangprotokoll Fabia!“, rief die junge blonde Frau eilig. „Omicron, Standby.“

Etwas klickte und rasselte im Inneren des Robots, dann froren seine hektischen Bewegungen ein und ein rotes Licht leuchtete an seiner Außenhülle. Fabia seufzte. Jeden Morgen veranstaltete Omicron das gleiche Theater und jedes Mal vergaß sie am Abend vorher, ihn vorsorglich in den Ruhemodus zu versetzen. Sie hatte schon mehrmals mit dem Wartungsservice der Universität gesprochen, ob man den goLEM nicht etwas weniger empfindlich einstellen konnte und es war ihr auch von dem netten Mitarbeiter immer wieder versprochen worden, man würde einen Delta vorbeischicken. Aber bislang hatte sie immer vergeblich auf eine der wieselflinken Technikdrohnen gewartet, die an glattrasierte Vogelspinnen erinnerten. Der Wartungsservice hatte wahrscheinlich in diesen Zeiten Wichtigeres zu tun, als sich um die kleine Haushalts- und Medizinmaschine einer Studentin zu kümmern. Sie konnte Omicron aber auch nicht einfach ausgeschaltet lassen, weil unter Umständen ihr Leben von seinen Sensoren und Funktionen abhing. Trotzdem genoss Fabia den kurzen Moment der Ruhe. Sie wartete, bis auch die Sirenen endlich schwiegen, dann kletterte sie aus ihrem Bett, das automatisch von der elektronischen Raumkontrolle mit einem unangenehmen Quietschen in die Wand zurückgezogen wurde.

„Vielleicht sollte ich die Kugellager mal wieder ölen lassen“, dachte sie und vergaß ihren Gedanken sofort wieder, denn der jungen Frau wurde gleichzeitig schwindlig. Ihre Umgebung geriet für sie heftig ins Schwanken und sie musste sich am kleinen Bücherbord festhalten, um nicht zu stürzen. Fabia wusste nicht, ob der Eindruck durch ihre morgendlichen Kreislaufprobleme entstanden war oder etwa doch durch eine der Gravitationswellen, die ihr Angriffsziel verfehlt und zufällig das Studentenwohnheim getroffen hatte. Sie schloss für ein paar Sekunden die Augen und atmete tief ein. Das Gefühl, auf den Planken eines schwankenden Schiffs zu stehen, verschwand so schnell wie es gekommen war. Erleichtert stieß sie die Luft aus.

Fabias erster Weg führte sie zu dem veralteten Lebensmittel-Dehydrator und -Zubereiter, dem der Vorbesitzer der Wohnung scherzhaft ein prähistorisches Windows-30X-Betriebssystem unterstellt hatte. Sein Ratschlag hatte gelautet, fest mit einem Hammer von oben auf die Außenhülle zu schlagen, wenn das Gerät ein Croissant und einem Milchkaffee produzieren sollte. So verbeult, wie das Ding aussah, hatte er das offenbar auch einige Male ausprobiert. Leider funktionierte der unförmige Kasten dadurch selten so, wie er sollte und erschuf statt einem französischen Frühstück die seltsamsten und ungenießbarsten Nahrungsmittelkombinationen.

Tagsüber aß Fabia in der Mensa, aber morgens war sie auf den Thermix angewiesen. Auch heute versuchte sie vergeblich, das altersschwache Gerät durch Rütteln zu bereden, ihr einen starken Morgenkaffee zuzubereiten. Stattdessen füllte es eine durchsichtige Brühe in die bereitgestellte Tasse, die wie eine Mischung aus Earl-Grey-Tee und Kohlsuppe schmeckte. Aber sie war wenigstens warm und mit ein wenig Süßstoff gewürzt und auch ihr Koffeingehalt schien zu passen.

Fabia verzichtete auf einen weiteren Seufzer und stellte sich an das einzige, wegen der Klimaanlage nicht zu öffnende Fenster ihres billigen Studentenappartements im 123. Stockwerk des etwas heruntergekommenen Henri-Gouraud-Buildings im Weichbild der Innenstadt von Paris. Eigentlich war der Blick aus den etwas trüben Scheiben auf die französische Megapole von hier oben atemberaubend – man konnte bei klarem Wetter sogar die Kunststoffkopie des Eiffelturms in der Ferne erkennen, die im letzten Jahrhundert nach dem entsetzlichen pazifischen Krieg, der praktisch ganz Südostasien radioaktiv verseucht hatte, errichtet worden war – aber gerade schob sich wieder mal eine der vielen gewaltigen Nachrichtentafeln, die wie eine Besatzungsarmee über der Stadt schwebten, an dem Hochhaus vorbei und verdeckte die Aussicht, wegen der allein Fabia die schmuddelige, kleine Bude gemietet hatte.

„Der Mond braucht Männer!“, las Fabia zornig und stirnrunzelnd, während sie an ihrem scheußlichen Getränk nippte und sich dabei die Lippen verbrannte. „Der Mond braucht SIE! Bewerben Sie sich noch heute, denn morgen, Männer, kann es bereits zu spät sein.“ Die Second-Moon-Corp., kurz 2MC, der mächtigste und größte Industrie- und Wirtschafts-Trust der Welt, machte mal wieder Werbung für ihr gigantisches Weltraumprojekt, im Wettlauf gegen die Zeit oben im Orbit einen zweiten, künstlichen Trabanten zu errichten, bevor der natürliche Mond durch die Waffen der Kolonisten vernichtet werden würde. Die täglichen Angriffe mit ihren experimentellen Gravitationswellenkanonen hatten seine Struktur bereits existentiell angegriffen und er torkelte auf einer unsicheren Umlaufbahn um die Erde. Würde er tatsächlich zerbrechen und seine Einzelteile als glühende Meteore auf die Menschheit herabregnen, wäre der Weltuntergang gekommen. Aber noch hielt der Mond den steten Erschütterungen tapfer stand und Fabia hoffte, dass er das noch eine ganze Weile tat. Zumindest bis die 2MC ihr Projekt beendet und einen Ersatz geschaffen hatte, der die Erdrotation abbremsen würde, wenn sein natürliches Pendant irgendwann fehlte.

Aber welcher Marketing-Praktikant hatte denn diesen frauenfeindlichen Spruch verbrochen? Die Studentin, die an der Pariser Uni neben Theoretischer Kybernetik und Künstlicher Intelligenz im Nebenfach Genderwissenschaften belegt hatte, ärgerte sich über die Werbeeinblendung der Moon Corp., die gerade – als ob sie sie verhöhnen wollte – auf der fliegenden Tafel muskelbepackte Testosteronbündel zeigte, die am Metallgerüst des künstlichen Trabanten arbeiteten und aus stahlblau funkelnden Augen heroische Blicke gen Sternenhimmel richteten. Seit den Anfängen der Frauenemanzipation waren nun beinahe fünfhundert Jahre vergangen und noch immer benötigte der Mond ausgerechnet Männer! Einfach widerlich. Fabia hatte Lust, sich auf der Stelle bei der Pressestelle der Gleichstellungsministerin zu beklagen.

Doch plötzlich unterbrach das zentrale I-Net die nachfolgende Hundefutterreklame auf der schwebenden Werbetafel und brachte eine Notfallmeldung. Alle Bürger von Paris wurden aufgefordert, unverzüglich ihre Augreyes einzuschalten, falls sie dies noch nicht getan hatten, und auf eine wichtige Nachricht der Earth Defence zu warten. Wie alle Bewohner der Megapole trug auch Fabia ihre Augmented-Reality-Kontaktlinsen vierundzwanzig Stunden am Tag und aktivierte sie gehorsam durch ein bewusstes Nasenzucken. Die Augreyes versuchten sofort Verbindung mit dem Netz aufzunehmen und blendeten zusätzlich in den Blick der Frau auf die langsam vorbeiziehende Werbetafel vor ihrem Fenster das Standby-Symbol von I-Net ein; eine sich um sich selbst drehende, altertümliche Computerplatine. Es sah aus, als würde das Logo direkt vor Fabia in der Luft schweben und sie müsse nur den Arm ausstrecken, um es zu berühren. Was frühere Generationen für Magie gehalten hätten, war für sie nur ein Teil ihres alltäglichen Lebens. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie die Menschen früher ohne die Möglichkeiten der virtuellen Realität, durch die man buchstäblich mit einem Augenzwinkern Verbindung mit der ganzen Welt aufnehmen konnte, gelebt hatten.

Während die Studentin ungeduldig auf das Online-Signal des weltweiten Computernetzes, dessen Serveranlagen in auf -250° C herunter gekühlten künstlichen Höhlen unter der iberischen Halbinsel und der nördlichen Atlantikküste standen, wartete, ging sie zu ihrer engen Nasszelle, schüttete den Rest ihres scheußlichen „Kaffees“ in die Toilette und machte ihre Morgenwäsche.

„Irgendetwas scheint nicht zu stimmen“, wunderte sie sich, denn solche Verzögerungen beim Einwählen ins Netz waren nicht normal. Aber dann, als sie sich gerade nackt im Spiegel begutachtete und überlegte, ob sie sich noch einen weiteren Eingriff leisten könnte, um ihr kritisch betrachtet doch etwas zu ausladendes Gesäß in Form bringen zu lassen, funktionierte der Kontakt doch. Bevor sich allerdings I-Net melden konnte, erreichte sie ein Prioritätsanruf aus der Uni. Vor ihren Augen klappte die äußerst echt wirkende Gestalt ihres Doktorvaters auf, von Fabias Augreyes halb unter die tropfende Dusche gezaubert. Sie kicherte und war froh, dass ihm in diesem Augenblick nicht sie selbst, sondern ihr vollständig bekleideter, geschminkter und nur leicht aufgehübschter Avatar vor den Augen stand.

Bonjour, Fabia“, begrüßte sie Dr. Samuel Baruch Rosenthal, der führende Biokybernetik-Wissenschaftler der westlichen Hemisphäre. „Wie ich sehe, sind Sie schon auf. Ich muss Sie unbedingt und sofort sprechen, es ist äußerst dringend. Kommen Sie so schnell wie möglich zu mir ins Babel.“

[Fortsetzung am nächsten Freitag …]

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Ein kleiner Werkstattbericht (5)

Brautschaubanner

Etwas ist noch nachzuholen:

Neben meinem Roman „Aber ein Traum“ und meinem Zyklus „Jahrmarkt in der Stadt“ ist dieser Blog von einem weiteren meiner Werke  geprägt, in das ich sehr viel Herzblut und Arbeit gesteckt habe (Vielleicht zu viel). Es ist die spannende Fantasy- und Science-Fiction-Romantrilogie Brautschau, an dem ich mit Vergnügen schreibe. Ich bin da wie Dr. Jeckyll und Mr. Hide – hin- und hergerissen zwischen E und U. Wahrscheinlich werde ich deshalb als Autor von niemandem ernst genommen…

Brautschau-Titel

Titelbild

Nachdem ich zwischen August ’13 und Januar ’14 an jedem Dienstag die ersten 6 Kapitel von Meister Siebenhardts Geheimnis, wie der Erste Teil der Brautschau-Triologie heißt, in homöopathischen Dosen ins Netz stellte, ließ ich mich in jugendlichem Überschwang dazu verleiten, im Anschluss den „Prolog“ zu Brautschau folgen zu lassen, der zwanzig Jahre vor der Haupthandlung spielt. Der Prolog ist mit seinen etwa 130 Buchseiten ein eigenständiger Roman und kann selbstverständlich auch als ein solcher gelesen werden.

Ich veröffentlichte allerdings den Prolog nicht vollständig, sondern ließ absichtlich den Schluss weg. Mich interessierte, ob ich irgend einen Leser gefunden hatte, der nach der Fortsetzung verlangte. Das Ergebnis war so niederschmetternd, dass ich im Anschluss darauf verzichtete,  diesen Schluss und die nächsten Kapitel von Meister Siebenhardts Geheimnis in den Blog zu setzen oder als E-Book zu verschenken. Selbstverständlich hatte niemand sich der Mühe unterzogen, meine Literatur zu lesen, die ich hier so freigiebig anbiete. Es ist vollkommen egal, was ich poste. Diese Erkenntnis musste ich erst einmal verdauen und verarbeiten, begreifen, dass ich hier fast ausschließlich für mich selbst blogge.

hintergrund brautwegAber ich kann nicht aus meiner Haut. In der letzten Woche habe ich eine neue Geschichte aus der Welt von Brautschau begonnen, die am südöstlichen Rand des Landes in der Stadt Karukora spielt. Deshalb wird es auch Zeit, endlich den Prolog zu beenden. Ich werde seinen Schluss morgen bloggen und ab sofort gibt es den Prolog gemeinsam mit den ersten 6 Kapiteln von Meister Siebenhardts Geheimnis, als umfangreiches E-Book in einer ZIP-Datei (beinhaltet die epub- und die azw-Version des Textes) über obigen Link oder auf der Texte/Kontakt-Seite.

Mag sein, dass diese wirklich schönen und spannenden Geschichten jetzt einen Leser finden. Die Hoffnung: Sie stirbt zuletzt.

Brautschau-Karte2

Die Welt von Brautschau

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Der verlorene Einstieg

»Ihm wurde bewusst, dass er bereits aus einem nicht erinnerten Traum heraus jede plötzliche Bewegung vermied, […]«

Aber ein Traum“, 1. Kapitel

ArabeskeIn diesem Satz aus dem ersten Absatz des Romans wird auf einen Traum von Jonas Habakuk angespielt, der ursprünglich den Prolog bilden sollte. Dieser Einstieg war als arabesker Eingangsmythos gedacht, der in einer Allegorie den inneren Zusammenhang der Handlung erzählen sollte.

Doch wie ich schon ausgeführt habe: Erzählte Träume sind langweilig. Nachdem ein paar Testleser von diesem Prolog abgeschreckt wurden und ihn als eine Art von pampigem, zähem Grießbreirand auffassten, durch den sie sich erst zu fressen hatten, bevor sie in das „Schlaraffenland“ des Textes gelangen konnten – einer sogar am Prolog scheiterte – ließ ich ihn weg. Mir wurde deutlich, dass der Roman durch ihn nicht gewann.

Den Traum später in den Roman einzufügen, macht auch keinen Sinn, weil er dann nur unnötig retardiert. Durch diese Auslassung wird der Plot zwar etwas undurchsichtiger, aber das kann dem Interesse ja nur zuträglich sein.

Ich will den Leser aber nicht bevormunden: Wer den Prolog dennoch lesen will, kann es machen; es ist aber auch kein Fehler, es nicht zu tun. Im Film nennt man das eine nicht verwendete Szene, die dann plötzlich wieder im ‚Director’s Cut‘ auftaucht. Da ich zudem zu den Autoren gehöre, die einen einmal geschriebenen Text ungern verkommen lassen:

Hier ist nun das verlorene Kapitel. Es ist ein Traum, den Jonas im Erwachen vergessen wird:

Einstieg

Eine Stimme spricht Worte, die ich nicht verstehe. Sie klingt kraftvoll und streng. Sie fordert Gehorsam. Ist das wirklich meine Stimme?

Fünf Männer sitzen schweigend auf weißlackierten Rohrstühlen in einem leeren fensterlosen Raum im Halbkreis um einen Fernseher. Das Gerät steht ohne Unterbau auf grau gesprenkeltem und schmutzigem Linoleum. Sein Stromkabel ragt wie ein Ausrufezeichen ins Zentrum des halben, etwas abgeflachten Sitzkreises. Als wäre es absichtlich so ausgelegt, teilt es als geflochtene Symmetrieachse den Raum und zugleich den Halbkreis aus Stühlen und Männern in Viertel. Zwei der Männer, die einen Anzug tragen, hocken zur Linken, zwei zur Rechten. Auf den Graubärtigen zwischen ihnen deuten die drei platten Metallfinger des Steckers. Ich weiß nicht, ob zuerst die unbequemen Stühle im Halbkreis standen oder sie von den Männern mitgebracht wurden; auch nicht, ob der Fernseher einmal dem Raum, der nun so verwahrlost und staubig wirkt, als wäre er Jahrzehnte leer gestanden, seinen Namen gab. Aber das funktionslose Gerät beherrscht das so genannte ‚Fensterzimmer’.

Woher weiß ich, wie der Raum heißt? Ich war noch nie hier, da bin ich mir sicher.

Der Fernseher ist schon seit einer kleinen Ewigkeit tot und blind, er hat kaum mehr eine flüchtige Erinnerung an ehemals Gezeigtes bewahrt. Die Blicke der Männer kreuzen sich an der Mattscheibe wie Sternstraßen an einem Denkmal. Obwohl sie so exakt wie von einem besessenen Geometer ausgerichtet im Raum sitzen, scheinen sie kaum voneinander Notiz zu nehmen. Dabei sehen sich vier der Männer verblüffend ähnlich, als wären sie, wenn es so etwas gäbe, eineiige Vierlinge. Sie sind alle jung und auffallend schön, faltenlos, wie von einem Präraffaeliten gezeichnet, haben sie engelsgleich lange hellbraune Haare, in der Mitte gescheitelt. Sie tragen die gleichen dunklen Anzüge, sitzen mit gekreuzten Beinen, die Hände auf den Oberschenkeln. Würde nicht ab und an einer von ihnen blinzeln oder hüsteln, könnte man sie für Schaufensterpuppen halten, mit denen sie auch eine gewisse Geschlechtslosigkeit und den nichtssagenden Gesichtsausdruck teilen. Der stämmige alte Mann, der zwischen ihnen im Brennpunkt der von den Stühlen gezogenen Parabel sitzt, hat nichts mit ihnen gemein, er sieht ihnen auch nicht ähnlich. Er ist, wie ich erst jetzt bemerke, vollkommen nackt. Unter dem zwischen die weißen Metall-Lehnen gequetschten Schmerbauch ragt ein dicker, verschrumpelter Alte-Männer-Penis aus grauem lockigen Haar, das wie ein mächtiger Strom über den scharf hervorspringenden Bauch und den nach außen gestülpten Nabel wächst, um auf der Brust in ein breites Delta starker Behaarung zu münden. Würde sich jemand die Mühe geben, die vorgegebene Linie des Stromkabels exakt zu verlängern, würde er genau auf das Geschlecht des Alten stoßen.

Eine Stimme wiederholt fordernde Worte, die ich nicht verstehe, in einer vokalreichen Sprache gesprochen, die ich nicht kenne. Noch einmal: Ist es meine Stimme? Mir scheint es so. Und wenn ja, wo in diesem Raum bin denn ich? Wo halte ich mich auf, wie passe ich in die Symmetrie dieser – mir fällt kein anderes Wort ein – Beschwörung? Ich sehe alles, jede Kleinigkeit, gleichzeitig von allen Seiten, auch von unten. Ich fühle mich wie eine ruhelose Seele auf Wanderschaft, wie ein Gas, das an allem Anteil hat, ohne mit der Umgebung zu reagieren, träge wie Argon. Auch wenn es vielleicht ein Fehler ist, versuche ich mich im Wortsinne zu konzentrieren.

Jetzt hebt der nackte Alte den Kopf, starrt auf einen unbestimmten Punkt über dem Fernseher. Seine breiten Lippen bewegen sich. Er flüstert die Worte mit, die von mir zu stammen scheinen. Er ist mein Souffleur.

Fünf, die Einer sind. Vier Opfer, ein Sünder. Die Stimme, die spricht.“

Der Nackte sieht in meine Augen und erschrickt. Sein ganzer Körper zuckt wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Er scheint meine Anwesenheit erst jetzt entdeckt zu haben. Irgendetwas läuft ihm sichtlich aus dem Ruder, seine Stirn legt sich in sorgenschwere Falten, er presst die Lippen zusammen. Im gleichen Augenblick gerät die Luft über dem Fernseher kreisend in Bewegung, sie verändert Brechung und Farbe, als würde sie über einer heißen Wasserfläche aufgewühlt. Innen drin in diesem heißen Mahlstrom erscheint ein Bild, erst verwischt und flimmernd, dann deutlicher werdend. Es ist die auf dem Kopf stehende, extrem gequetschte Vision eines rohen monolithischen Bauwerkes. Es kommt mir bekannt vor, aber ich kann es nicht einordnen. Ich meine, die Männer haben diese Erscheinung beschworen, auch wenn ich den Grund dafür nicht verstehe. Diese Fata Morgana ist wie eine Gedankenblase in einem Comic, als überfalle den toten Fernseher plötzlich die quälende Erinnerung an ein ehemals gezeigtes Bild.

Gleichzeitig endet der Eindruck meiner Allgegenwart. Der Blick des Alten hat mich gefesselt: Ich schrumpfe in mich selbst zurück, entdecke die Schwere meiner Körperlichkeit. Ich taste mich einen unsicheren Schritt nach vorn. Nun bin ich nicht mehr eine schwebende Seele über dem Geschehen. Ich bin wirklich – und auch ich bin nackt. Ich kann die dumpfe Luft des Raumes riechen. Die feuchte Hitze, die in ihm herrscht, lastet wie Nadelstiche auf meiner Haut. Obwohl ich jetzt direkt hinter dem kaputten Fernseher stehe und über ihn hinweg durch die transparente Manifestation in die Augen des Graubarts sehe – also mich in die Symmetrie des Ortes perfekt einfüge – bin ich ein unerwünschter Fremdkörper. Das weiß ich, denn ich gehöre nicht hier her. Ich spüre es: Ich bringe Gefahr. Der nackte Alte zieht unwillig und angeekelt die Mundwinkel herab. Von meiner plötzlichen Anwesenheit völlig aus der Konzentration gebracht, blinzelt er und die flackernde Vision über dem Fernseher verblasst.

Fünf sollen es sein“, wiederholt er mit pfeifender Lunge, „ein Kreis, der keiner ist, eine Öffnung. Vier, die das Band halten, einer der spricht. Vier Opfer, ein Sünder. Er geht.“ Er atmet nun röchelnd. Diese Worte sagen zu müssen, hat ihn offenbar völlig erschöpft. Doch er setzt noch einmal an; er benötigt mehrere Anläufe, bis ich ihn verstehe.

Du bist zu früh. Das Tor ist noch geschlossen. Es wird uns zerreißen.“ Er schüttet verzweifelt und auch enttäuscht den Kopf. Das Bild des auf dem Kopf stehenden archaischen Steinhaufens verschwindet so plötzlich, wie es erschienen ist. Die zwei Zwillingspaare im Anzug sacken in sich zusammen. Jetzt reißt einer überraschend sein Haupt nach oben. Das eben noch glatte, nichtssagende Jünglingsgesicht ist von entsetzlichen Schmerzen gefoltert und zu einer Fratze entstellt. Aus seinem Inneren scheint eine andere Person nach außen zu drängen, drückt gegen die eben noch leere Larve und drückt ihr die Züge einer Person auf, die ich kenne. Blut strömt wie ein Sturzbach aus der Nase, rinnt über Mund und Kinn, besudelt den Anzug. Der eben noch engelsgleiche Jüngling kneift verzweifelt die Augen zusammen und auch aus ihren Winkeln tritt nun Blut. Er weint es. Erschrocken will ich zurückweichen, schreien; aber die Luft um mich hat sich zu einem dicken, zähen Honigseim verwandelt, gegen den ich kaum ankämpfen kann. Ich kann dem Grauen nicht entkommen, nicht einmal die Augen schließen. Gleichzeitig fühle ich, dass dies nicht meine Schmerzen sind. Ich bin fern und fremd: Ich gehöre nicht hierher.

Auch die drei anderen krümmen sich in Agonie auf den klapprigen Stühlen, verwandeln sich in andere, die aus ihnen herausplatzen wie ein Schmetterling aus seiner Puppe. Einer verliert das Gleichgewicht, kippt mit dem Stuhl um und stürzt, ohne sich mit den Händen abzufangen, schwer zu Boden. Um seinen Kopf bildet sich eine Blutlache. Trotzdem ist es vollkommen still in dem Raum, als könne die dicke Luft, die mich bei jeder Bewegung und auch am Atmen hindert, keinen Schall weiterleiten. Nur der Alte sitzt auffallend ruhig im Zentrum dieses Sturms aus Schmerz und Angst. Er allein wirkt unberührt von all dem Horror. Er wirkt nachdenklich. Dann scheint er sich entschieden zu haben, hebt entschlossen die Hand und deutet auf mich. Wie ich sehe, hält er einen Zweig; es ist ein begrünter Eichenzweig.

Du musst gehen, bevor es schlimmer wird“, flüstert er. Ihn allein kann ich hören. Seine Worte stehen so deutlich vor mir wie eine Schrifttafel in einem Stummfilm. Eine Art Lichtstrahl entfährt den schmalen Blättern des Zweiges, einem geworfenen Messer gleich. Auch diese scharfe Klinge aus Licht hat Mühe, die zähe, dampfige Atmosphäre zu durchdringen. Aber sie gleitet langsam und beharrlich auf mich zu. Ich will ja fliehen, doch jetzt kann ich mich überhaupt nicht mehr bewegen. Gefesselt stehe ich starr. Eine Erinnerung taucht in mir auf, von ganz weit weg, von der anderen Seite der Mauer. Sie ruft mich mit der Stimme einer Frau, aber sie hat nicht die Kraft mich zu fangen. Noch kann ich dieses rettende Seil nicht greifen, aber ein Wort taucht auf meiner Zunge auf. Ich spreche es tonlos, bevor mich die Klinge berührt. Mein Herz rast und der Alte lächelt, nickt anerkennend. Dann trifft mich das heiße Licht, schneidet sich in einer Explosion aus Pein in meinen Unterleib wie in weiche Butter, durchdringt ihn mühelos. Es hinterlässt rasende Schmerzen tief unten im Rücken, Schmerzen, die mich schreien machen. Den Schrei kann ich nicht hören. Ich kippe nach hinten, schließe im Fallen die Augen.

Hier bin ich tot.

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